Kapitel 50

Man ließ Charly und Sophie in die beeindruckende Villa ein. Sie hatten ihre Visitenkarten dem Butler gegeben und dessen unausgesprochene Missbilligung ignoriert. Man machte nach dem Abendessen keine Überraschungsbesuche.

„Ich muss Professor Lybratte und seine Gattin sehr dringend sprechen“, hatte Charly nur gesagt. Ganz gewiss wollte sie nicht mit dem Diener über den Verbleib ihres Gemahls diskutieren.

Die beiden wurden in ein Empfangszimmer geleitet. Darin stand ein riesiger Flügel, der den Raum in eine Art Musikzimmer verwandelte. In der Ecke stand zudem eine Harfe. Ein musikalischer Haushalt. Ein großer, goldgefasster Spiegel schmückte den Raum und gab die Pracht der Seidentapeten wieder. Vasen voller Treibhausblumen verliehen dem Zimmer eine freundliche Atmosphäre. Auf dem Sims waren pastorale Porzellanfigürchen in bunter Reihe angeordnet.

„Imposant“, murmelte Sophie.

„Asko sagt, sie seien außergewöhnlich wohlhabend“, flüsterte Charly zurück.

„Ich wusste gar nicht, dass das Professorendasein so viel abwirft.“

„Wahrscheinlich ererbtes Vermögen.“

Keine der beiden Frauen hatte Platz genommen, sie standen immer noch in der Mitte des Raumes, zwischen Klavier und Harfe, und sahen sich staunend um.

Die Tür öffnete sich, und eine blonde Dame trat ein, gefolgt von einer weiteren Frau, deren braves, doch gut geschnittenes Kleid eine abhängige Position andeutete, wenngleich auch keine dienende. Vielleicht eine Gesellschafterin?

Strahlend grüne Augen lächelten Charly an.

„Frau von Orven. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte eine herzliche Stimme, und beide Hände streckten sich Charly entgegen. „Bitte erlauben Sie mir, dass ich Ihnen Miss Colpin vorstelle. Miss Colpin, dies ist die Gemahlin unseres genialen, jungen Erfinders.“

Charly nahm die Hände automatisch und schüttelte sie. Das war also die Frau, die Asko so schön, anmutig, charmant und intelligent fand. Kein Wunder. Sie war in der Tat ausnehmend entzückend. Charly bemerkte kaum, dass die zweite Frau knickste und sie pflichtschuldigst anlächelte.

„Es ist mir sehr unangenehmen, zur Unzeit über sie herzufallen“, sagte Charly. „Bitte erlauben Sie mir, dass ich Ihnen Frau Treynstern vorstelle. Sie hat sich netterweise erboten, mich zu begleiten. Wir suchen meinen Gatten. Er ist von seinem Besuch bei Ihnen nicht nach Hause gekommen. Wir machen uns Gedanken um seinen Verbleib.“

Sorge überflog das Gesicht der Gastgeberin.

„Du liebe Güte. Wo kann er nur hingegangen sein?“

„Das ist es ja gerade. Wir wissen es nicht. Wir hatten gehofft, Sie könnten uns etwas dazu sagen. Wann ist er denn von hier aufgebrochen?“

Frau Lybratte sah nachdenklich drein.

„So genau weiß ich das gar nicht. Er hat ja meinen Ehemann besucht, nicht mich. Ich würde ihn fragen, doch er ist leider ausgegangen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ihr Gatte am frühen Nachmittag nicht mehr hier war. Ich werde den Butler fragen. Er sollte es wissen.“

Sie drehte sich um und zog am Klingelstrang.

Miss Colpin wandte sich an Sophie.

„Frau Treynstern, sind Sie mit einem jungen Maler verwandt? Er war Gast dieses Hauses.“

„Er ist mein Sohn“, antwortete Sophie.

„Ah. Natürlich. Man sieht die Ähnlichkeit deutlich. Ein sehr talentierter Mann, so sagt man mir.“

„Vielen Dank. Ich denke, er wird seinen Weg machen.“

„Ich bin sicher, Sie und Ihr Gemahl müssen sehr stolz auf ihn sein.“

„Mein Gemahl ist schon vor Jahren verstorben. Doch ich bin sicher, auch er wäre sehr stolz.“

Die Dame in Grau nickte und schenkte Sophie ein mitfühlendes Lächeln. Frau Lybratte winkte die kleine Gruppe zu den Stühlen hinüber und lud sie mit einer eleganten Geste ein, Platz zu nehmen. Charly setzte sich widerwillig. Sie hatte keine Zeit für derlei Geplänkel.

Die Tür öffnete sich, und der Butler trat ein und sah die Dame des Hauses fragend an.

„Johann, können Sie uns sagen, wann Herr von Orven meinen Mann wieder verlassen hat?“

„Das muss gegen zwei Uhr gewesen sein. Ich habe ihm selbst in die Droschke geholfen.“

„Sagte er, wo er hinwollte?“

„Nein, gnädige Frau. Er hat mir nichts gesagt.“

„Hat er denn dem Kutscher etwas gesagt?“, unterbrach Charly.

Der Diener sah sie steinern an.

„Es stand mir nicht an zu lauschen.“

„Natürlich nicht. Hat er oder hat er nicht?“ Charlys Geduld war brüchig wie altes Pergament.

Der Mann verriet mit keiner Miene, dass er ein solches Verhalten als ungehörig betrachtete.

„Schon möglich, gnädige Frau. Doch ich habe nichts davon gehört. Ich bedauere.“

Charly starrte ihn an, als wolle sie ihn zwingen, sich an Details zu erinnern, die er nicht kannte.

„Danke, Johann. Das ist alles“, sagte Frau Lybratte und wandte sich dann wieder ihren Gästen zu. „Es tut mir sehr leid. Wir sind wohl nicht in der Lage, Ihnen zu helfen. Haben Sie denn … Ich will Sie ja wirklich nicht beunruhigen, aber … haben Sie in den Hospitalen nachgefragt? Er könnte doch gestürzt sein, nicht wahr? Du lieber Himmel! Jetzt habe ich Sie erst recht beunruhigt. Ganz außerordentlich täppisch von mir. Ich entschuldige mich. Wenn es irgendetwas gibt, das wir für Sie tun können? Ich kann unsere Kutscher ausschicken, um an … solchen Orten für Sie nachzufragen. Es ist schon fast dunkel. Sie und Frau Treynstern werden sicher nicht durch die Nacht fahren wollen.“

„Gewiss nicht“, fügte Miss Colpin hinzu. „Heute weiß man nie, was einem nachts auf der Straße so begegnen kann. Großstadtstraßen sind gefährlich.“ Sie klang sehr besorgt.

Charly unterdrückte ein Schaudern. Die enorme Hilfsbereitschaft erschien durchaus gutgemeint, aber irgendetwas ließ ihr die Nackenhaare hoch stehen.

„Ich würde Ihnen gerne helfen“, bat Frau Lybratte erneut. „Ich werde den Kutscher anweisen, für Sie alle … infrage kommenden Orte abzufahren. Sie sollten besser zu Hause bleiben, falls er dort auftaucht und vielleicht nicht mehr getan hat, als den Nachmittag mit einem alten Freund zu verbringen. Bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. Mein Gatte hält große Stücke auf Herrn von Orven, und ich selbst habe ihn auch als einen ausnehmend intelligenten Herrn kennengelernt.“

Charly zögerte. Ihr war schwindlig und übel, und sie konzentrierte sich darauf, nicht aufzuspringen und aus dem Zimmer zu rennen. Sophie übernahm die Konversation.

„Ich danke Ihnen, Frau Lybratte. Ihr Angebot ist sehr freundlich, doch wir sollten Sie nicht auf so unentschuldbare Weise mit unseren Problemen belasten. Ich bin sicher, dass Herrn von Orvens Diener auch überall nachfragen kann.“

„Sie belasten mich nicht. Wir haben so viel Dienerschaft … und wir helfen gerne. Es tut mir so leid, dass ich Ihnen nichts Positiveres berichten kann. Aber Ihr Herr Gemahl hat einen so erfinderischen Geist. Ich denke, wenn man sein Leben mit einem Genie teilt, dann muss man mit einem solchen Benehmen wohl bisweilen rechnen. Mein eigener Gatte ist auch schon ausgeblieben, weil er ganz plötzlich bei einem Experiment hängen geblieben ist und völlig die Zeit vergessen hat.“

Es entstand eine kurze Pause, und Sophie blickte Charly an, als erwartete sie, dass sie etwas darauf sagte. Als sie das nicht tat fuhr die Witwe fort.

„Aber Herr von Orven ist nicht in seiner Werkstatt, Frau Lybratte, und er ist nicht so … mobil wie Ihr Gatte – nehme ich an. Es ist ihm nicht möglich, einfach aufzuspringen und loszurennen, weil ihm plötzlich etwas einfällt. Ich denke, dass die Sorge meiner Freundin nicht unberechtigt ist.“

Frau Lybratte nickte.

„Natürlich. Ich wollte Ihre Not lindern und nicht kleinreden. Doch ich denke, Sie sollten heimgehen und ihn dort erwarten.“

„Auf ihn oder auf eine Nachricht darüber, was ihm geschehen ist“, fügte Miss Colpin scharf an.

Sophie sah die Gesellschafterin ihrer Gastgeberin gereizt an. Ihre Direktheit war extrem unsensibel.

„Miss Co…“, begann sie, doch Charly unterbrach sie.

„Sie haben recht“, sagte sie, und bekämpfte einen erneuten Schwindelanfall. „Genau so werden wir es machen. Joseph kann die Kliniken abfahren. Wir warten zu Hause auf meinen Mann. Vielleicht hat er ja nur einen alten Freund aus der Militärzeit besucht.“

Ihre Finger krallten sich in Sophies Arm. Sie fühlte sich abscheulich. Ihr Magen hob sich, und sie wusste nicht, wie sie hier herauskommen sollte, ohne dass ihr übel wurde. Sie kannte das Gefühl. Sie hatte es mehr als nur einmal gespürt.

„Danke für Ihre Geduld und Mühe. Richten Sie Ihrem Mann herzliche Grüße aus. Ich hoffe, er wird uns verzeihen, dass wir nicht auf ihn gewartet haben. Wir müssen jetzt nach Hause. Vielen Dank für Ihr Hilfsangebot. Glauben Sie mir, ich weiß es wirklich zu schätzen, doch es wird nicht nötig sein.“

Sie hatten sich alle erhoben, und Charly konzentrierte sich eisern darauf, von einer Sekunde zur nächsten zu kommen.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Miss Colpin. „Sie sehen unwohl aus.“

Charly schluckte.

„Es geht mir gut. Danke. Wir müssen jetzt gehen.“

Sophie stand neben ihr, und Charly fühlte deren Verwirrung ob der jähen Flucht. Fünf Schritte bis zur Zimmertür. Vielleicht sechs. Sieben sogar. Sie musste es schaffen, das Haus zu verlassen, ohne sich zu übergeben. Wenn ihr schlecht würde, würden sie sie dabehalten. Sie wollte nicht bleiben.

Sie wollte keine Sekunde mehr bleiben.

„Lass uns heimfahren. Vielleicht ist er ja inzwischen dort.“

„Willst du wirklich …“

„Ja.“

Ein Schritt, noch einer. Das konnte doch nicht so lange dauern. Sie war nun an der Tür zum Flur. Frau Lybratte öffnete ihr und musterte sie sorgfältig.

„Geht es Ihnen wirklich gut?“ Helle, grünliche Augen hielten ihren Blick fest. Sie waren wie ein Zwang. Witzig, intelligent und charmant waren nicht die ersten Worte, die Charly beim Anblick der Professorengattin durch den Kopf gingen, obgleich sich diese Worte offensichtlich allen anderen sofort aufdrängten. Dennoch fühlte sie zugleich den kaum zu überwindenden Drang, der Frau ihr Leben anzuvertrauen – und das Askos. „Gibt es wirklich nichts, das wir für Sie tun können?“

In Ruhe lassen konnten sie sie. Das war das einzige, was Charly wollte. Sie kämpfte gegen ihren jäh aufkeimenden Gehorsam an. Alles wird gut, sagte sie sich. Lass dir einfach helfen. Sie sind charmant. Sie sind zuvorkommend. Alles wird gut.

Nichts war gut. Asko war fort.

„Danke für Ihr Entgegenkommen. Es tut mir leid, dass wir so spät über Sie hergefallen sind. Aber mir geht es gut. Wirklich. Es war nett von Ihnen, sich meine Sorgen und Nöte anzuhören.“

Noch ein Schritt, und sie stand im Flur. Das aufwendige Bodenmosaik war ihr vorher nicht aufgefallen. Hübsch. Die Linien des geometrischen Musters verschwammen vor ihren Augen. Kreise, Quadrate und Dreiecke. Sie konzentrierte sich verzweifelt darauf. Ein so passendes Ornament für den Flur eines Physikers. Wenn Asko erst mehr mit seinen Erfindungen verdiente, würde er so ein Muster sicher auch gern haben. So er heimkam. So ihm nichts geschehen war.

Sie ging am Flurspiegel vorbei. Ein Hausdiener half ihr in die Pelerine. Sie murmelte ein pflichtbewusstes Dankeschön und musste sich zurückhalten, Sophie nicht voranzuschubsen. Noch fünf Stufen. Sie sollte bleiben und die Suche Frau Lybrattes Dienerschaft überlassen. So viele Diener, und alle waren so hilfsbereit. So charmant. So nett. Sie wollte nun doch bleiben.

Fortlaufen wollte sie.

Man öffnete ihr die Vordertür. Eine Laterne erleuchtete den Kiesweg zum Gartentor. So spät. So spät sollte sie nicht unterwegs sein, und Sophie auch nicht. Diese netten Leute würden ihr helfen. Dann bräuchte sie nicht durch Nacht und Dunkelheit.

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Die Stufen hinab. Ihre Knie waren weich.

Es gelang ihr, all die freundlichen Beteuerungen von sich zu geben, die man von ihr erwartete. Dabei versuchte sie, ihrer Gastgeberin nicht in die Augen zu sehen. Sie hielt ihr Lächeln eisern auf ihrem Gesicht fest, denn sie wusste, wenn sie es verlor, würde sie es nicht zurück auf ihre Züge zaubern können. Plötzlich lag sie in Miss Colpins Blick gefangen. Die grau-braunen Augen waren freundlich, aber doch distanziert. Charly riss sich aus dem Bann. Wie viel Zeit es doch brauchte, um von hier wegzukommen! Jede einzelne Sekunde schien sich in die Ewigkeit zu strecken.

Sophie verabschiedete sich erneut, und sie verließen den Vorbau, den Vorgarten, traten durchs Gartentor, hörten, wie es sich hinter ihnen schloss. Es war ein fabelhaftes Geräusch. Sie gingen zum Wagen, wo Joseph auf sie wartete. Charly musste nichts sagen, Joseph und Sophie halfen ihr beide in die Kutsche. Sie lehnte sich zurück, sagte immer noch keinen Ton.

Sophie ließ sich ebenfalls hineinhelfen und setzte sich neben sie.

„Was um Himmels willen ist los?“, flüsterte sie.

„Lass uns heimfahren. Schnell, Joseph.“

Mit einem Ruck fuhr der Wagen an und ratterte über das Steinpflaster. Es war inzwischen dunkel. Joseph hatte die Kerzen in den Laternen angezündet. Die Huftritte hallten laut auf der stillen Straße. Die Villen am Straßenrand warfen riesige Schatten.

Sie fuhren um die Ecke, dann um noch eine. Charly hielt die Augen geschlossen und fühlte die Bewegung des Wagens, ohne zu sehen, wohin es ging.

„Was ist, Charlotte?“, fragte Sophie.

Charly atmete tief ein. Die Luft war klar und frühlingsfrisch. Ihr Magen beruhigte sich.

„Sie haben versucht, mich magisch zu manipulieren. Sophie! Sie haben Zauber gegen mich gewirkt!“, flüsterte sie, damit Joseph nichts hörte. „Du weißt, ich kann es fühlen. Ich kann es nicht verhindern, aber ich spüre es, und es macht mich krank. Mir wird übel davon. Ich weiß nicht, wer oder was sie waren, aber sie verstanden die Kunst der magischen Gleisnerei.“

„Du meinst, das waren Fey?“

„Nicht notwendigerweise. Vielleicht waren sie Meisterinnen – falls es so was gibt. Ich habe nur den Bann gespürt und beinahe die Beherrschung verloren.“

Eine Hand drückte ihre.

„Geht es dir besser?“

„Mir ist nicht mehr so übel. Aber was machen wir jetzt?“

„Wenn sie Fey sind, dann kann es schon sein, dass sie mit dem Verschwinden deines Gatten etwas zu schaffen hatte. Obgleich ich das kaum glauben kann. Sie waren so ungemein nett und hilfsbereit. Ich habe sie ausgesprochen gerngehabt. Natürlich ist diese Miss Colpin ein wenig zu forsch und direkt, doch ich war mir sicher, dass sie es nur gut gemeint hat. Vollkommen sicher war ich mir. Sie erschien mir intelligent und fähig. Ich will deine Wahrnehmung nicht anzweifeln, doch es fällt mir nicht leicht, das zu glauben.“

„Glaub es besser. Es ergibt einen Sinn. Einen grauenhaften, eiskalten, schlüssigen Sinn. Ich wünschte, es wäre nicht so. Im Augenblick wäre es mir sogar lieber, Asko wäre gestürzt und hätte sich etwas gebrochen oder läge ohne Bewusstsein im Krankenhaus.“

„Aber du glaubst nicht, dass er dort ist.“

„Nein. Das glaube ich nicht. Wir fahren erst einmal heim und fragen, ob es etwas Neues gibt, und dann ... dann weiß ich nicht weiter.“

Der Schock über das, was sie vermutete, überlief sie erneut. Gegen Leute, die in der Lage waren, sie magisch zum Gehorsam zu zwingen, konnte sie nichts ausrichten. Sie hatten nicht wirklich gewollt, dass sie blieb, sonst wäre sie geblieben. Das mochte daran liegen, dass die beiden Frauen nicht genau dasselbe wollten; die Diskrepanz ihrer Ziele hatte ihr geholfen. Charly besaß kein arkanes Talent abgesehen von dem, magische Manipulationen zu spüren, die direkt gegen sie eingesetzt wurden, und dieses Talent war nicht angeboren, sondern war ihr von einem Feyon-Freund in ihrer Kindheit verliehen worden. Es war eine durchaus zweifelhafte Wohltat, wenn man wusste, dass jemand magisch gegen einen vorging, man aber nichts gegen den Bann unternehmen konnte.

„Wir sind machtlos. Du merkst nicht mal, dass sie uns manipulieren, und ich kann nichts dagegen tun. Ich habe ihnen geglaubt. Ich habe ihnen sogar geglaubt, als ich merkte, dass sie mich bereits beeinflussten. Ich habe meine ganze Kraft gebraucht, nur um meine Gedanken zusammenzuhalten. Noch einmal kann ich ihnen nicht gegenübertreten.“

„Wir brauchen arkane Hilfe.“

„Ja.“

„Arpad ist in der Stadt.“ In Sophies Stimme lag ein Seufzen. Charly wusste, ohne dass man ihr es gesagt hatte, dass ihre Freundin nie aufgehört hatte, den dunkeln Grafen zu lieben. Die Witwe in den Fünfzigern zog es vor, ihm nicht zu begegnen. Sie fühlte sich verunsichert durch die Tatsache, dass sie gealtert war und er noch aussah wie damals, jung, gutaussehend und verführerisch.

„Weißt du, wo er sich aufhält?“

„Wahrscheinlich in einem guten Hotel. Er mag es bequem, und jetzt wird er wohl bald jagen gehen. Aber Arpad ist nicht die einzige arkane Hilfe, die wir bekommen können. Da gibt es auch noch Thorolfs Wohnungsgenossen. Er studiert in einer Magierloge. Er könnte dort um Hilfe bitten.“

„Dann fahren wir zu der Wohnung. Dein Sohn weiß vermutlich auch, wo man Arpad finden kann.“

„Ja.“ Sophie seufzte. „Ich habe nicht damit gerechnet, ihn so schnell wiederzusehen.“

„Das verstehe ich“, erwiderte Charly und legte ihre Hand auf den Arm ihrer Freundin. „Ich werde allein zu ihm gehen.“

„Das wirst du nicht, mein liebes Kind. Ich kann wohl nicht gut zulassen, dass eine junge Dame allein nach Einbruch der Dunkelheit einen Künstler in seiner Wohnung aufsucht. Das wäre skandalös. Denke an deinen Ruf!“

„Ihn nicht zu fragen könnte Asko das Leben kosten.“

„Dein Mann würde dir nicht danken, wenn sein Leben dich deine Reputation kostet. Du weißt, wie steif und korrekt er ist. Wir gehen gemeinsam.“

Eine Weile schwiegen sie.

„Was können sie nur mit ihm gemacht haben, Sophie?“