Kapitel 43
Lena trug ihr bestes Kleid. Es als Sonntagskleid zu bezeichnen, wäre aufgrund des Dekolletés allerdings sicher falsch gewesen. Sie war etwas sorgfältiger zurechtgemacht als das letzte Mal, als sie für Thorolf Modell gesessen hatte, und Thorolf schloss daraus, dass er in ihrer Wertschätzung offenbar gestiegen war. Oder vielleicht schätzte sie auch nur den Wert eines Mannes, der sich private Modelle leisten konnte, in einer netten Wohnung lebte und gut angezogen war.
Er war profitabel geworden.
Sie lächelte ihn freundlich an, und er lächelte zurück, ein wenig amüsiert, aber auch geschmeichelt. Sie war also an ihm interessiert. Das mochte sie schon vorher gewesen sein, doch heute hatte sie sich besondere Mühe gegeben, ihn zu beeindrucken.
Er fragte sich, was für einen Unterschied es für ein Nacktmodell machte, welches Kleid sie trug, bevor sie sich auszog oder danach.
Sie trat dicht an ihn heran und hielt ihm die Hand entgegen, und er nahm sie und vollführte einen vollendeten Handkuss, wie er ihn einer Fürstin hätte geben können. Einer seiner Lehrer hatte ihm einst beigebracht, dass für einen echten Gentleman jede Frau eine Dame sei – bis das Gegenteil bewiesen war. Vielleicht war er ja nicht wirklich das Paradebeispiel eines Gentlemans. Aber als er sich wieder aufrichtete und sein Blick am weiten Ausschnitt hängen blieb, meinte er, dass sie auch nicht eben das Paradebeispiel für eine Dame abgab.
Doch das war einerlei.
Er führte sie ins Atelier – oder Wohnzimmer – und geleitete sie zum Paravent. Sie hielt inne und wandte sich ihm zu.
„Keinen Kaffee heute?“, fragte sie schmunzelnd und ein wenig herausfordernd. Vielleicht mochte sie Kaffee wirklich. Oder sie versuchte, aus der geschäftlichen eine Privatangelegenheit zu machen.
„Tut mir leid“, sagte er. „Kaffee ist aus. Ich kann Ihnen Kräutertee anbieten. Er schmeckt gut. Möchten Sie?“
Ihr Blick senkte sich in seinen, und er konnte sehen, dass sie tatsächlich darüber nachdachte. Ein Tässchen Was-auch-immer mit ihm zu schlürfen stand wohl hoch auf der Prioritätenliste.
„Ich mag keinen Kräutertee“, seufzte sie. Pech gehabt. Er grinste.
„Das tut mir leid. Mein Wohnungsgenosse und ich müssen leider sehr haushalten.“
Es war ganz gut, das mal zu erwähnen.
„Oh.“
Sie machte einen weiteren Schritt auf den Paravent zu und blieb stocksteif stehen, als Catty hinter ihm hervorrannte und es sich auf der Couch bequem macht. Die Schwanzspitze zuckte. Bei einem Hund hätte das Freude bedeutet. Doch Catty machte nicht den Eindruck, als würde sie sich freuen.
„Sie haben eine Katze!“, rief Lena wenig begeistert. „Das wusste ich nicht!“
„Sie ist eben erst eingezogen. Catty, darf ich dir Lena vorstellen, sie sitzt mir Modell. Lena, dies ist Catty.“ Lena rührte sich nicht und sah auch nicht glücklich aus. Vielleicht hatte sie den Lapsus bemerkt, dass Thorolf zuerst sie der Katze vorgestellt hatte und nicht umgekehrt, obgleich Thorolf sich nicht sicher war, ob die käufliche Schönheit wirklich über das Wissen verfügte, mit welchen Feinheiten formellen Benehmens man einen sozialen Rang festlegte.
„Ah“, sagte sie gleichgültig. „Fängt hoffentlich viele Mäuse.“
„Das wage ich zu bezweifeln. Vielleicht lernt sie es noch.“
„Eine Rassekatze? Ist sie wertvoll?“ Offensichtlich war das Konzept, eine Katze nur so aus Spaß zu besitzen, Lena nicht eingängig.
„Eine sehr wertvolle Katze. Meine nämlich.“
Eine sanfte Liebkosung war die Belohnung. Catty war von der Couch gesprungen und schmiegte sich schnurrend an seine Beine. Sie schien plötzlich sehr angetan.
Er beugte sich hinunter und hob sie hoch.
„Sie ist bezaubernd, nicht?“, neckte er.
„Vermutlich“, lautete die trockene Antwort. Lena hasste Katzen.
Als er keine Anstalten machte, die Katze loszulassen, trat Lena hinter die spanische Wand und begann, sich auszuziehen.
„Was machen wir heute?“, fragte sie.
„Ich werde noch einmal versuchen, Sie zu zeichnen.“
„Sie haben mir die letzten Entwürfe nie gezeigt.“
„Nein.“
„Wird Ihre Mutter wieder vorbeikommen?“
Er hatte versucht, nicht an seine Mutter zu denken, weil er nicht wusste, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Ganz gewiss wollte er sie nicht sehen, wollte das schöne, wenngleich auch alternde Gesicht nicht mit einem neuen Bewusstsein anschauen. Es war ihm unmöglich zu akzeptieren, dass sie nicht die Heilige war, für die er sie gehalten hatte, nicht der Inbegriff tugendhafter Wohlanständigkeit. Was sie war oder gewesen war, mochte man in ihrer Zeit Hetäre genannt haben, oder Buhle, Bajadere, eine Frau, die in der Abhängigkeit eines Mannes lebte, mit dem sie nicht verheiratet war, eine Kurtisane mit nur einem Kunden.
Seinen Vater hatte sie betrogen.
Nur war sein Vater nicht sein Vater. Er spürte Zorn in sich hochsteigen bei dem Gedanken der Unausweichlichkeit von Fakt und Märchen. Sein Vater trank Blut, unterhielt sich mit Riesenspinnen und war nichts als ein Nachtschatten.
Er fragte sich, was Lena sagen mochte, so sie wüsste, dass er zur Hälfte ein Fabelwesen war. Vermutlich würde sie lauthals schreiend davonstürzen.
Das Modell trat hinter dem Paravent hervor und auf ihn zu, ein Lächeln auf den Lippen. Das Lächeln erstarb, als sie seine Miene sah.
„Ist etwas geschehen, Herr Treynstern?“
Zu viel war geschehen.
„Nein. Alles in bester Ordnung. Bitte nehmen Sie auf dem Sofa Platz. Lehnen Sie sich zurück. Wissen Sie noch Ihre Pose?“
Sie wusste sie und drapierte sich sorgfältig. Blumenaroma erreichte ihn von ihrer Haut. Diesmal hatte sie sich mit einem sanften Duft einparfümiert. Ihre Brustwaren standen hoch. Vielleicht war ihr kalt? Ihre Haut glänzte ein wenig im Licht, das durch das Fenster auf sie fiel. Sie hob ein Bein, zeigte damit mehr von ihrem Privatbereich, und er wusste, dass er aufhören musste, sich Modelle nach Hause einzuladen, sofern er nicht etwas anderes mit ihnen unternehmen wollte, als sie lediglich zu malen. In einer Malklasse zusammen mit anderen würde dies nicht so persönlich und intim wirken.
Er trat einen Schritt auf sie zu. Aus unerfindlichen Gründen schien sie heute hübscher zu sein als letztes Mal. Er fragte sich, wie sie das anstellte. Oder lag es an ihm? Seit der letzten Sitzung war viel geschehen, viel Spannung hatte sich in ihm aufgebaut, und er hatte sie nicht loslassen können. Aufgestaute Emotionen rasten durch ihn und lösten ein Sehnen aus. Er war ein sinnlicher Mann und mochte das Spiel der Liebe. Er bekam normalerweise, was er wollte.
Das Erbe seines Vaters. Des wahren Vaters. Er war vom gleichen Blute wie ein nächtlicher Jäger. „Siehst du Frauen als Beute an?“, hatte ihn seine Mutter vor zwei Tagen noch gefragt. Nein. Nie. Nicht bewusst. „Hast du es genossen, Beute zu sein?“, hätte er sie zurückfragen sollen. Doch er hatte nicht gewusst, was er jetzt wusste.
Lena betrachtete ihn mit einem Lächeln, ihre Augen senkten sich von seinem Antlitz zu seiner Taille und dann tiefer. Seine Kleidung wurde eng. Sie merkte es, denn ihr Lächeln wurde intensiver.
Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, wie unpassend dies war. Sie war ein käufliches Mädchen, älter als er selbst, erfahren in vielen Dingen. Sie würde nicht billig kommen. Sie würde auch weitaus mehr Beachtung erwarten, als er einem Mädel in einem Freudenhaus erweisen musste. Sie hatte mit Sicherheit das gleiche Spiel mit mindestens einem Dutzend weiterer vielversprechender Maler angestellt, die sie nahmen und malten, sie berührten, sie liebten und ihr Fleisch in ihr rosiges Geheimnis senkten.
Er trat weiter vor, ohne es zu merken, stand plötzlich neben der Couch, auf der sie lag. Eine käufliche Frau bedeutete, dass man sie erwerben konnte. Weiter bedeutete es nichts. Er würde sich sicher besser fühlen, wenn er seinem Drang nachgab. Er wusste, seine Gedanken würden aufhören, um seine Probleme zu kreisen und ihn zu quälen, wenn er sich nur vollständig auf etwas anderes konzentrieren könnte, etwas, das den ganzen Mann forderte, eine Eroberung, in der er seine verkrampften Gefühle in einem grellen Feuerwerk der Sinne loslassen konnte.
Er war weiter auf sie zugegangen, und sie streckte sich nach ihm, berührte ihn sanft am Schritt.
„Eine Pause?“, fragte er. „Wenn Sie möchten?“
Sie nickte. Er beugte sich nieder, hob sie hoch und trug sie in seinen Armen. Sie kicherte.
„Oh, Herr Treynstern. Ich muss doch viel zu schwer sein!“, protestierte sie.
„Nein.“
Sie war nicht schwer, und er war ein starker Mann. Vermutlich war auch das ein Erbe seines Vaters. Sein Vater allerdings würde sie nicht bezahlen. Er würde stehlen wie ein Dieb in Amors Garten.
Thorolf hätte sie im Atelier haben können, doch der Raum gehörte ihm nur zur Hälfte, und er fand, er habe kein Recht, sich auf einer Couch zu verlustieren, auf der sein zölibatärer Wohnungsgenosse dann sitzen und seine Bücher studieren würde.
Er fühlte ihr Fleisch in seinen Händen und hörte auf, an McMullen, seine Mutter und seinen Vater zu denken, leerte seine Gedanken ganz bewusst für nur noch eine Sache. Er trat in sein Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich mit einem Tritt. Eine beleidigtes Miau erschallte von der anderen Seite. Seltsamerweise überkam ihn einen Augenblick lang ein schlechtes Gewissen.
Er legte die Frau aufs Bett, und sie räkelte sich darauf, gewährte ihm neue Einblicke auf ihren Körper in verschiedenen Posituren.
Er begann, sich auszuziehen, ohne sie aus den Augen zu lassen. Malerkittel, Schuhe, Socken. Dann stand sie vor ihm.
„Lass mich das tun“, sagte sie und öffnete Knopf für Knopf. Die Weste zog sie ihm aus, das Hemd, das Unterhemd. Dann kniete sie sich vor ihn und befreite jene Teile, denen es nun ganz entschieden zu eng in der Kleidung geworden war.
„Lass mich das tun“, wiederholte sie, und er keuchte. Sie wusste sehr genau, was sie tat, und seine Gedanken wirbelten vor Leidenschaft und Freude. Scheu war sie weiß Gott nicht. Sie war gut. Wie eine betende Heilige kniete sie vor ihm, ihre Hände fromm gefaltet und regungslos, nur ihre Lippen beschäftigt, neckend, versprechend. Mit keinem anderen Teil ihres Körpers berührte sie ihn. Die Spannung von zu erwartendem Vergnügen baute sich auf, wurde fast unerträglich. Sie sah hoch zu ihm, zeigte ihm die Zähne und öffnete ihren Mund.
Fast überhörte er, wie sich die Tür mit einem seltsamen Geräusch öffnete, als schlüge jemand auf die Klinke. Ein fauchendes, ingwerfarbenes Etwas schoss durch den Raum, und einen Augenblick später fiel Lena um, landete auf dem Rücken und versuchte, sich gegen wütende Krallen zur Wehr zu setzen. Blut lief aus Kratzern über die weiße Haut.
Lena schrie vor Schreck.
Thorolf schrie vor Enttäuschung.
Die Katze schrie, als sie mit Schwung gegen die Wand flog. Hatte er sie geworfen? War sie es gewesen? Er konnte sich nicht entsinnen.
Tohuwabohu. Die Katze lag an der Wand und gab einen schwachen Jammerlaut von sich. Lena rappelte sich unelegant hoch und stieß laute Verwünschungen und Unfreundlichkeiten aus. Seine Leidenschaft war von einem Augenblick auf den nächsten erloschen, und zurück blieb wütende, frustrierte Leere.
Eine Flut von Beleidigungen ergoss sich über ihn, und er brauchte einen Augenblick, um die Worte zu begreifen. Sie wollte, dass er die Katze tötete. Das kleine Wesen neben der Wand versuchte gerade aufzustehen, wirkte unsicher und benommen. Die Topasaugen zuckten vor Unverständnis. Fast schien der Blick vollständige Verzweiflung auszudrücken.
Eine Bewegung direkt vor ihm. Lena hatte sich gebückt und die eiserne Kohlenschaufel von neben dem Ofen an sich gebracht. Sie schwang sie gegen die Katze, und Thorolf fing ihr Handgelenk und entwaffnete sie, ehe sie das Tier treffen konnte.
„Nein!“, befahl er und musste sich sogleich noch mehr Unfreundlichkeiten an den Kopf werfen lassen. Vielleicht hätte er sie nicht aufhalten sollen. Er war nicht minder wütend. Aber es war seine Katze, und somit seine Entscheidung. Nicht ihre. Keine Dirne würde seine Katze umbringen.
„Nein!“, wiederholte er.
„Sieh mich an! Sieh mich einfach an!“, zischte die Frau. „Das Vieh hat mich quer über den Ausschnitt gekratzt und mich in den Arm gebissen! Gefährlich ist das Tier. Wahrscheinlich tollwütig. Du musst es erschlagen!“
„Nein“, sagte er wieder, während sein Blick zwischen dem Kätzchen und der blutenden Frau hin- und herging. „Warte. Ich mache die Wunden sauber. Das ist alles nicht schlimm. Dir ist fast gar nichts passiert.“
Er würde sie gut entlohnen müssen. Fürstlich, und noch dazu musste er sie bezahlen, ohne sie genossen zu haben.
Doch er hatte auch keine Lust mehr darauf.
Er knöpfte sich die Hose zu und holte ein paar frische Taschentücher, etwas Wasser, etwas Schnaps und wies die Frau an, sich aufs Bett zu setzen. Sie zitterte leicht, und er war sich nicht sicher, ob das Zorn, Ärger oder Schock war.
Die Wunden waren nicht tief, aber an empfindlicher Stelle. Vermutlich tat es höllisch weh. Katzenkratzer taten immer weh. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er Glück gehabt hatte. Lena hätte vor lauter Schreck auch zubeißen können.
Verdammtes Glück.
Der letzte Rest Leidenschaft, den er noch gefühlt hatte, verließ ihn bei dem Gedanken, durch einen plötzlichen Biss entmannt zu werden. Schmerzhaft und verdammt peinlich.
Sie stürzte den Schnaps in großen Schlucken hinunter und hustete nicht einmal. Starker Alkohol war ihr wohl nicht fremd, doch das hatte er auch nicht angenommen. Er behandelte die Kratzer vorsichtig, verspürte die seltsame Anwandlung, sie zu küssen, um sie zu heilen. Doch er tat es nicht. Noch mehr Emotionen wollte er nicht auslösen.
Er linste zur Wand, wo die Katze bebend stand. Sie hatte sich keinen Fingerbreit von der Stelle gerührt, wo sie hingefallen war, und er fühlte den plötzlichen Drang, hinüberzugehen und auch sie zu trösten. Er tat es nicht, war sich sicher, dass das nur einen weiteren Sturm von Entrüstung bei der nackten Frau ausgelöst hätte. Außerdem war es eine blöde Idee. Eine Katze trösten!
„Wissen Sie“, sagte er der Frau. „Ich denke, es soll wohl nicht sein mit uns, Lena. Es tut mir leid. Sehr leid.“
Sie sah ihn verdrießlich an. Sie hatte Tränen in den Augen, doch es waren Tränen der Wut, nicht des Schmerzes. Ihr hübsches Gesicht war zu einer rachsüchtigen Fratze verzogen und hatte jede Schönheit verloren.
„Ich bin noch nie von einer Katze angegriffen worden! Ich bin noch nie so gedemütigt worden. Ein gottverdammtes Haustier! Ich will, dass Sie es umbringen! Bringen Sie es um!“
„Nein. Sie haben nur ein paar Kratzer, Lena. Sie sind nicht in Lebensgefahr, und die kleine Kreatur dort ist kein menschenfressender Tiger, vor dem man sich fürchten müsste.“
„Ich bin voller Blut!“
„Es hat doch schon aufgehört zu bluten, und die Kratzer sind auch nicht tief genug, als dass Sie davon Narben davontragen könnten. In ein paar Tagen werden Sie nicht mehr dran denken.“
„Ich habe gute Lust, die ganze Sache bei der Gendarmerie anzuzeigen. Dieses Tier …“
„Was werden Sie der Gendarmerie denn sagen, was Sie nackt im Schlafzimmer eines fremden Herrn gemacht haben? Es würde Sie Ihren Ruf kosten. Wo ich herstamme, gibt es Gesetze gegen Unmoral, und ich wette, hier ist es nicht anders. Nein. Ich gebe Ihnen Geld, und wir vergessen die ganze Sache. Es tut mir leid, dass wir das hier nicht beenden konnten. Sie sind eine verführerische Verlockung und sehr geschickt, meine Hübsche.“
Sie stierte ihn an. Seine Hübsche war nicht mehr allzu attraktiv.
„Aber“, fuhr er fort, „wenn wir uns zum Malen wiedersehen, dann in der Akademie. Dort gibt es keine Katzen, und ich werde ein besserer Maler, wenn ich den Pinsel schwinge, anstatt … den Pinsel zu schwingen.“ Er lächelte und hoffte, der kleine Witz würde ihre Wut abklingen lassen.
Sie sah ihn verständnislos an.
„Geld?“, fragte sie. „Glauben Sie ja nicht, Sie können mich mit ein paar Kreuzern abspeisen.“
„Das glaube ich keinesfalls. Ich weiß, was Sie wert sind.“ Der Satz mochte ein wenig zweideutig sein, doch sie bemerkte es nicht. Sie stand auf und ging zur Schlafzimmertür. Ein hübscher Körper. Doch die Verlockung war verschwunden. Noch ein paar Augenblicke, dann würde sie wieder angekleidet sein, sie würde ihre Hand aufhalten und Schmerzensgeld verlangen. Blutgeld – sozusagen.
Was immer es an Leidenschaft und Romantik gegeben haben mochte hatte sich nun vollständig verflüchtigt. Die Katze hatte die Frau bluten lassen, und sie würde nun ihn bluten lassen. Zwei Aderlässe besonderer Art.
Er half ihr nicht beim Anziehen, sondern nutzte die Zeit, um Geld aus seiner Schatulle zu nehmen. Er bekam jeden Monat eine nette Summe aus ererbten Immobilien, so musste er nicht am Hungertuch nagen. Außer vermutlich diesen Monat.
Er seufzte. Der Tag hatte schlecht angefangen und wurde rasch mieser.
Durch die Geräuschkulisse vor sich hin gemurmelter Schimpftiraden aus dem Atelier wurde ihm klar, dass er dieses Liebesspiel wirklich gerne zu Ende gebracht hätte. Er hätte sich jetzt erheblich besser gefühlt. Seine Frustration und seinen Ärger hätte er so abreagieren können, hätte sie in Leidenschaft und Erregung umgesetzt. Außer seiner Laune hätte das zwar überhaupt nichts verändert, doch das allein wäre schon einiges wert gewesen, so wie die Dinge lagen. Ein wenig Liebe und Erfüllung. Er brauchte es wie Nahrung. Das war immer so gewesen, und bekommen hatte er auch immer, was er wollte.
Verdammt sollte die Katze sein! Er würde sich um sie kümmern, sobald Lena fort war.
Auf die Straße würde er sie werfen.
„Verdammt sollst du sein“, zischte er das am Boden kauernde Kätzchen an. „Verdammter, unverschämter Störenfried! Du wirst schon sehen, was du davon hast, wenn du ab heute wieder unter freiem Himmel wohnst. Zusammen mit deinem Lieblingshund. Dann heißt es wieder Frühstück sein statt Frühstück bekommen.“
Große Topasaugen blickten verängstigt zu ihm hoch, und eine Träne fiel.
Er hatte nicht gewusst, dass Katzen weinen konnten.