Kapitel 42

Die Arorianer konnten alle Mahlzeiten im Logenhaus einnehmen, doch niemand zwang sie dazu. Das Essen war exzellent, und der einzige Grund, warum Ian zu Hause frühstückte, war, weil er das Haus nicht mit leerem Magen verlassen wollte. Der Chefkoch der Loge war Franzose. Meister des Arkanen glaubten fest daran, sich die kleinen Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens zu gönnen, und, wenn irgend möglich, auch die großen.

Logen waren reich. Sehr reich. Unauffällig reich.

Manches von dem Reichtum lag in der jahrhundertealten Verbindung zu politischer Macht – Hintergrundinformation zahlte sich immer aus. Eine weitere Einnahmequelle waren Meister, die für besondere Aufgaben abgestellt wurden. Es war Logenregel, einen bestimmten Anteil des Honorars für eine wohlgelöste Aufgabe an seine Loge weiterzugeben. Die Loge war letztlich das Zuhause der Meister, ihre Trutzburg und vielen Mitgliedern auch Familienersatz. Tatsächlich fühlten sich die meisten Akolythen, Adepten und Meister ihren Kollegen und Logenbrüdern weitaus mehr verbunden als den Familien, in denen sie aufgewachsen waren. Oft genug ignorierten die Familien eben jene Verwandte, die einen Beruf ergriffen hatten, der verdächtig und verrufen war und von dem niemand etwas wissen wollte.

Ein Herr von Format und guter Ausbildung kam in den meisten Fällen gar nicht erst auf den Gedanken, eine Karriere in einem Bereich anzustreben, den die Denker der Moderne bestenfalls als Zirkuszauberei und schlimmstenfalls als kriminellen Betrug ansahen. Jene allzu machthungrigen Individuen außerdem, die diese Disziplin wählten, um andere mit ihrem Wissen zu beherrschen, wurden zumeist schon in der ersten Auswahlrunde ausgesiebt. Logen waren nicht darauf aus, sich magiebegabte, kleine Napoleons heranzubilden, die der Obrigkeit einen Grund geben würden, das Treiben einer Loge genauer unter die Lupe zu nehmen, obwohl sie es zumeist offiziell lieber gänzlich ignorierte.

Inoffiziell war es jedoch oft genug genau die Obrigkeit, zusammen mit den Reichen und Einflussreichen des Landes, die sich der arkanen Unterstützung in bestimmten Dingen versicherte; oder die einen Meister dafür mietete, damit er widrige Machenschaften aufspürte oder er sie gegen teures Geld vor jedmöglicher Unbill schützte. Diese Dienstleistungen fanden im Geheimen statt, und niemand außerhalb der Loge erfuhr je, dass solcherart Dienste überhaupt in Anspruch genommen worden waren. Innerhalb der Loge wurde allerdings alles auf das Genaueste aufgeschrieben und archiviert. Wissen war Macht und hatte seine eigene Magie.

Offiziell existierte Aroria überhaupt nicht in den Köpfen der Menschen. Das eindrucksvolle Gebäude am westlichen Rand der Innenstadt schien eine Art Privatclub zu sein, so etwas wie ein Zunfthaus. Wofür die Münchner es hielten, variierte. Doch niemanden interessierte es besonders. Jene, die tatsächlich einmal von größerer Neugier geplagt wurden, hieß man willkommen, führte sie herum und entließ sie gänzlich bar jeden weiteren Interesses und unter dem Eindruck, dass hier eine ganz besonders langweilige Gelehrtenversammlung zusammenkam.

Wenn man all diese Geheimniskrämerei bedachte, war es erstaunlich, wie viel Geld sich durch Dienstleistungen ansammelte. Aroria genoss, wie alle anderen Logen auch, den gleichen Status wie eine besonders beliebte Prostituierte. Niemand gab je zu, Kontakt zum Arkanen gesucht zu haben, und doch lebten die Meister des Arkanen mehr als nur sicher und bequem.

Die Logenmitglieder, die „stationär“ in der Loge wohnten, waren in der Minderheit. Aroria hatte insgesamt vier Logenhäuser, eins in München, eins in London, eins in Paris und eins in St. Petersburg. Die meisten Meister lebten jedoch auf sich allein gestellt in irgendwelchen Städten oder Ländern, in denen sie diskret ihre Dienste anboten und mit zum Netzwerk an Information und Unterstützung beitrugen.

Natürlich gab es auch „Unabhängige“. Auf sie sah man herab, manche waren wenig mehr als Betrüger, manche hatten ihre Ausbildung abgebrochen oder schließlich nur noch ihre eigenen Ziele verfolgt. Man ließ sie gewähren, solange sie keinen Schaden anrichteten oder dem Ruf der Loge abträglich waren. Diese Außenseiter lebten nicht schlecht, denn oft genug zogen Klienten einen einzelnen Spezialisten vor, um zu verhindern, dass bestimmte Dinge Logenwissen wurden.

Ian saß an einem Tisch in dem gemütlich eingerichteten Speisesaal und arbeitete sich gewissenhaft durch eine zweite Portion Nachtisch. Er hatte sich in eine Ecke verzogen, in der Hoffnung, dass man ihn dort übersah. Bislang hatte ihn auch keiner gestört. Niemand hatte ihm irgendwelche unangenehmen Fragen gestellt, und er hatte sorgfältig Begegnungen mit Großmeister Urqhart und Meister Valerios vermieden sowie auch jedwede Bücher über weibliche Körperteile.

Die Stimmung unter den gelehrten Herren war trotz allem ein wenig unberechenbar. Die Nervosität der Einzelnen schien sich in der engen Gemeinschaft des Speisesaales noch zu vervielfachen. Alle waren müde und überarbeitet.

Neue Komafälle hatte es nicht gegeben. Doch die vier Betroffenen zeigten keine Tendenz aufzuwachen. Ein Arzt kam täglich, um nach ihnen zu sehen, und eine Pflegerin war engagiert worden, um sich um die Bedürfnisse der Kranken zu kümmern. Die nicht mehr junge Frau brachte die rein männliche Gesellschaft völlig in Unordnung, obgleich sie weder auffällig, noch aufdringlich war. Doch sie passte so gar nicht ins Umfeld, und ihre Anwesenheit machte alle noch vorsichtiger. Hübsch war sie nicht und weder laut noch taktlos, doch in der eingeschworenen Männergilde war sie so sehr ein Fremdkörper, dass die introvertierteren Logenbrüder sich nachgerade verfolgt fühlten.

„Unsere Brüder benehmen sich wie alte Jungfern in einem Damenstift, nicht wahr? Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte Douglas Sutton und setzte sich an Ians Tisch, ohne eine Antwort abzuwarten. „Sie glucken zusammen wie Hennen auf einem Hühnerhof, die die Nachbarsgans diskutieren und dabei den Fuchs übersehen.“

Ian lachte. Er mochte die unkomplizierte, gerade Art des Amerikaners, auch wenn sich viele der Brüder von seinem wenig zurückhaltenden Benehmen irritiert fühlten.

„Ich bin nur froh – um ihretwillen“, fuhr der Herr aus Übersee fort, „dass die gute Frau hässlich und uninteressant aussieht und beim Gehen hin und her wackelt. Stellen Sie sich nur vor, sie wäre hübsch und jung. Da hätten wir inzwischen doppelt so viele Komapatienten.“

Ian grinste.

„Das würde bedeuten, dass wir mindestens noch eine Pflegerin anstellen müssten.“

„Dann würde die Opferzahl ins Uferlose steigen.“

Ian schmunzelte und sah in das offene Gesicht des Adepten. Seine Augen waren von Lachfalten umgeben, die verrieten, dass er selbst den langweiligsten und ernstesten Aspekten des Lebens noch etwas Amüsantes abgewinnen konnte. Er war gut fünfzehn Jahre älter als Ian, sein dunkles Haar hing in viel zu langen Locken herunter, und die undurchdringliche Matte eines sorgfältigst ungetrimmten Barts bedeckte sein Gesicht und gab ihm alles in allem einen Hauch von Wildem Westen und Abenteuer.

Tatsächlich war sein Hintergrund anders als üblich. Er war im wildesten Teil des Wilden Westens aufgewachsen und suchte nun seine Abenteuer in der Zivilisation des alten Europa. Sein arkanes Talent hatte ihn hierher verschlagen, und seine Überzeugung, dass die Zivilisation sich von der Wildnis im Grunde nicht sehr unterschied, brachte ihm nicht nur Freunde ein. „Die Menschen sind ziemlich überall gleich, egal ob Wigwam oder Schloß“, sagte er gerne, ganz besonders zu jenen, die auf ihre untadelige Abstammung besonders stolz waren und ihm gewiss nicht recht gaben. „Menschen gehen mit neuen Dingen überall gleich um. Sie fragen sich: a) Ist es gefährlich? b) Kann man damit Geld machen? Und, wenn beides nicht zutrifft, c) kann man es essen oder macht es sonst wie Spaß?“

„Fertig mit dem Mittagessen?“, fragte er nun Ian.

„Ja.“

„Gut. Dann machen wir einen Spaziergang.“

Ian sah ihn überrascht an. Es war durchaus unüblich, dass ein Adept sich näher mit einem Primaner befasste. Es war nicht so, dass sie nicht miteinander sprachen, doch das Wissen, das der Adept in mindestens sieben, doch vermutlich weitaus mehr Jahren angesammelt hatte, trennte die Männer automatisch. Fast lebten sie in unterschiedlichen Welten, denn die Welt bestand für jeden Menschen aus dessen gesammelter Erkenntnis und Wahrnehmung. Die Wahrnehmung eines Mannes, der auf dem Weg zum Meister schon weit fortgeschritten war, unterschied sich grundlegend von der eines eben erst akzeptierten Akolythen.

„Spaziergang?“, fragte Ian.

„Ja. Zwei Straßen weiter gibt es ein nettes Wirtshaus.“

„Ich soll keinen Alkohol trinken. Außerdem habe ich zu tun.“

„Natürlich. Wir haben alle zu tun, und ich spreche von Bier. In diesem erleuchteten Land betrachtet man Bier als Grundnahrungsmittel. Also kommen Sie mit! Ein Glas wird Sie nicht umhauen – und ich gebe einen aus.“

Ian fühlte sich gar nicht danach, am helllichten Tag Alkohol zu trinken. Er brauchte seine volle Konzentration – und nicht nur für seine Studien. Er musste wach und aufmerksam sein, falls man ihm wieder irgendwelche Fragen stellte.

„Das ist nett, aber ich trinke …“

„Papperlapp. Ein Spaziergang wird Ihnen guttun. So wie Sie arbeiten und studieren wie ein alter Stubenhocker, könnten Sie genauso gut wieder in dieser Höhle gefangen sein. Ja. Ich habe Ihr Abenteuer nachgelesen. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Ihnen die eine oder andere Frage dazu stelle?“

Es machte ihm sehr wohl etwas aus. Doch konnte er der Sache wohl kaum entgehen.

„Selbstverständlich nicht“, antwortete er höflich und ließ sich aus dem Speisesaal eskortieren. „Fragen Sie nur. Man hat mich instruiert, alle Fragen mit größter Genauigkeit zu beantworten.“

„Hat man? Das muss ja verdammt lästig sein.“

Da hatte er recht.

„Ich begreife das Bedürfnis nach Information, Mr. Sutton.“

„Darauf wette ich.“

Sie verließen das Logenhaus, und einen Augenblick lang blendete der strahlende Frühlingsmorgen Ian. Er hielt inne und schützte seine Augen.

„Sie sind viel zu lange drinnen“, bemerkte Sutton. „Sie sehen aus, als wollten Sie sich vampirgleich beim ersten Sonnenstrahl in Staub auflösen.“

Ian lief rot an.

„Ich glaube, sie lösen sich nicht in Staub auf, Mr. Sutton“, sagte er und verfluchte sich dann dafür, dass er darauf geantwortet und den Amerikaner nicht allein zum Biertrinken geschickt hatte. Vampirismus war genau das Thema, das er hatte vermeiden wollen. Vielleicht sollte er sich schnell eine Ausrede einfallen lassen und doch noch hinter einem Buch verschwinden. Nicht dass man für notwendigen Fleiß unbedingt eine Ausrede brauchte.

Jedenfalls sollte er nicht über Vampire reden.

„Douglas. Oder Bruder, falls Ihnen Douglas zu wenig formell ist. Wir sind schließlich Brüder.“

„Bruder Douglas. Danke. Ian.“

„Ich weiß, Bruder Ian.“ Der Mann schmunzelte. „Ihr Engländer seid immer so schrecklich förmlich.“

„Ich bin Schotte, Herr … Bruder. Douglas.“

„Das ist dasselbe.“

„Keinesfalls. Nicht im Mindesten.“

„Habe ich da einen wunden Punkt getroffen?“

„Wir Schotten …“

„Ich weiß. Sie wissen mehr über britische Geschichte als ich, und offenbar wissen Sie auch mehr über Vampire. Wenn sie nicht zu Staub zerbröseln – was tun sie denn dann bei Tageslicht?“

„Sie tragen Sonnenbrillen.“

Der Amerikaner brach in schallendes Gelächter aus und klopfte Ian so kräftig auf die Schultern, dass dieser fast ins Stolpern geriet.

„Der war gut. Den muss ich mir merken. Sonnenbrillen gegen Verbröselung. Sonst noch was?“

„Sie fahren Fahrrad.“

„Ah. Das ist freilich moderner als Fledermausflügel. Also, Ian, wenn Ihnen jemals jemand sagt, Sie sollten einen Gruselroman schreiben: Lassen Sies. Ihnen fehlt die richtige Einstellung. Haben Sie je einen getroffen?“

„Einen Gruselroman?“, fragte er, während er hörte, wie sein Herz zu rasen begann.

„Einen Vampir!“

Er zuckte die Achseln und grinste nur, als habe er dem anderen einen Schabernack gespielt.

„Ist diese Bierkneipe weit von hier? Ich muss noch dringend etwas nachschlagen“, sagte er nur.

„Du lieber Himmel, sind Sie fleißig. Sie sind auch nicht glücklich, solange Sie nicht Ihre Nase in einem Buch haben, oder?“

„Nun, ich …“

„Außerdem reden sie nicht gern über Vampire. Soweit zu meinem Bedürfnis nach Information.“

„Was haben Vampire mit alldem zu tun?“

„Sagen Sie es mir.“

„Sie haben gar nichts damit zu tun.“

„Dachte ich’s doch. Ist das die Art von Antwort, die Sie Valerios geben, wenn er Sie etwas fragt? Das muss Sie doch direkt auf die erste Zeile seiner endlosen Liste von Verdächtigungen und Verdächtigen katapultieren.“ Douglas Sutton lachte.

„Ich bin kein Verdächtiger, Bruder Douglas. Wenn Sie mich für verdächtig halten, verstehe ich nicht, warum Sie unbedingt mit mir Bier trinken wollen. Fragen können Sie mir auch im Logenhaus stellen, und dort können uns keine Laien zuhören – außer der Pflegerin. Wobei ich glaube, dass man dafür gesorgt hat, dass sie nichts mitbekommt, was sie nicht wissen soll.“

„Ich habe mich schon gefragt, wann wir wieder auf die Dame zu sprechen kommen“, seufzte Mr. Sutton.

„Eigentlich würde ich am liebsten nicht auf sie zurückkommen.“

„Das ist verständlich. Ich habe sie mir heute genauer angesehen.“

„Das war nicht nett. Ich bin sicher, man hat sie aufgrund ihrer Erfahrung in der Pflege ausgesucht und nicht aufgrund ihres Aussehens. Wenn ich im Koma läge, wäre mir eine gute Krankenpflegerin vermutlich lieber als jemand, der nur ein hübsches Gesicht und hübsche Waden zu bieten hätte.“

„Da mögen Sie recht habe, obgleich es sündhaft ist, eine hübsche Wade auszuschlagen.“ Der Adept grinste. Sie waren nun vor einem kleinen Wirtshaus angelangt. Ein schmiedeeisernes Schild, das einen etwas unförmigen Bären zeigte, hing über der dicken hölzernen Eingangstür. Wenige Fenster weiter führte eine weitere Tür in das Gebäude. Ian blickte sich zweifelnd um.

„Sie sind erst vor ein paar Wochen in dieses Land gekommen, nicht?“, fragte der Adept. „Dann kennen Sie vermutlich die Segnungen der Gassenschenke noch nicht. Die kleine Tür dahinten ist sozusagen der Hintereingang, da können Sie mit Ihrem Krug von zu Hause kommen und ihn mit Bier füllen lassen – oder mit was auch immer – und dann Ihr Getränk mit nach Hause nehmen und beim Abendessen konsumieren. Sehr zivilisiert, finde ich. Wir aber werden hier durch den Haupteingang reingehen. Folgen Sie mir.“

Der Amerikaner öffnete die schwere Tür und trat in einen dunklen Raum. An drei Seiten liefen Bänke um die Wände. An der vierten stand ein Schanktisch. Ein rotgesichtiger Mensch in Lederschürze über seiner einfachen Kleidung und mit einer bestickten Kappe auf seinem Haupt stand dahinter und nickte den neuen Kunden zu. Dem Lächeln, das diesen kurzen Gruß begleitete, nach zu urteilen, war Douglas Sutton nicht zum ersten Mal hier.

Der Adept winkte Ian zur hintersten Ecke.

„Da. Nehmen Sie Platz! Die Bänke sind hart, aber das Bier ist vorzüglich. Sie brauen es selbst, müssen Sie wissen. Ich werde Ihnen nicht vormachen, es sei schwach, denn das ist es nicht. Aber ich weiß natürlich nicht, wie es im Vergleich zu schottischem Gebräu ist.“

Er gab dem Wirt ein Zeichen, und dieser begann, Bier aus einem Fass zu zapfen. Ian sah ihm interessiert und auch ein wenig misstrauisch zu. Der irdene Becher, der da eben gefüllt wurde, schien ihm ausgesprochen übertriebene Dimensionen zu haben. Wenn er den ganz leerte, würde er sturzbesoffen sein. Er war an Alkohol nicht gewöhnt, und schon gar nicht in solchen Mengen.

Der Wirt brachte die beiden Seidel und stellte sie mit Schwung auf den rohen Holztisch. Etwas von dem Schaum lief über und rann an dem grauen Gefäß entlang nach unten.

„Danke. Sie können gehen“, sagte Sutton mit einem freundlichen, jovialen Lächeln und einer kleinen Handbewegung. Die Geschwindigkeit, mit der der Wirt daraufhin den Tisch verließ, sprach für das Talent des Adepten, Menschen zu manipulieren, ohne dass man es groß merkte. Douglas Sutton war gut. Ian bemerkte, dass sie zu dieser Tageszeit die einzigen Gäste waren.

„Wissen Sie“, begann Sutton, „wo ich herkomme, würde man das einen Saloon nennen. Schmeckt Ihnen das Bier?“

Ian versuchte es. Das dunkle Gebräu war würzig und stark, schmeckte aber fabelhaft. Er nickte.

„Danke. Es ist wirklich gut.“

„Freut mich. Man nimmt Bier in diesem Land sehr ernst. Wissen Sie, dass es hier sogar einmal einen Bierkrieg gab? Die Brauereien hatten ihre Preise erhöht, und die Bevölkerung hat in den Straßen rebelliert. Die Obrigkeit musste einschreiten. Keine andere Entscheidung – politisch oder sonst wie – hat die Gemüter je so erregt wie ein höherer Bierpreis. In den letzten fünfzig Jahren haben die Bayern Napoleon im Land gehabt, haben mal mit und mal gegen ihn gekämpft, haben komplett neue Gesetze bekommen, haben die Säkularisation – die Verstaatlichung kirchlichen Eigentums – über sich ergehen lassen, einen König wegen einer Affäre mit einer dubiosen Tänzerin abdanken lassen und anderes mehr. Den Eisenbahnbau und den ganzen technischen Fortschritt haben sie einfach so verkraftet. Aber als der Bierpreis anzog, das war zu viel.“

Ian grinste seinen Kollegen an.

„Bruder Douglas, haben Sie mich hierher entführt, um den Bierpreis zu besprechen? Oder machen Sie nur höfliche Konversation, bis Sie glauben, ich sei besoffen genug, um die Fragen zu beantworten, die Sie mir in den heiligen Hallen unserer Loge nicht stellen wollten?“

Der Mann ihm gegenüber bedachte ihn mit einem eigentümlichen Blick und begann zu kichern.

„Eins ist mal klar, ein Idiot sind Sie nicht, McMullen!“

„Aroria nimmt keine Idioten auf“, gab er zurück. „Sie hatten zwar ihre Zweifel, ob sie mich nehmen wollten, das gebe ich gerne zu, aber der Grund hierfür lag keinesfalls in meinen mangelnden geistigen Fähigkeiten. Glauben Sie denn, Großmeister Urqhart und die anderen Kommissionsmitglieder haben einen Fehler gemacht, als sie mich aufgenommen haben?“

„Glauben Sie das denn?“, fragte Bruder Douglas mit einem Lächeln zurück.

„Nein. Es stimmt schon, vor meinem Abenteuer mit dem Traumweber hatte ich keineswegs eine solche Karriere angestrebt – aber damals mag ich vielleicht auch gar nicht die Begabung dafür besessen haben. Meine ursprünglichen Ziele lagen ganz wo anders. Nur waren meine Optionen nach dem Ereignis nicht mehr dieselben. Meister des Arkanen zu werden ist schlichtweg mein einziger Ausweg geworden. Das heißt aber nicht, dass es mir keinen Spaß macht. Es ist interessant – und sehr anders als meine Eltern sich das vorstellen. Sie denken vermutlich, wir sitzen um Kristallkugeln, schwingen Zauberstäbe und sagen dazu kleine, dämonische Verslein auf. Tatsächlich ist das Studium aber die umfassendste Ausbildung, die man überhaupt bekommen kann. Ein studium generalis an einer hervorragenden Universität könnte nicht fordernder und tiefschürfender sein. Eine Ausbildung zum Priester oder Pfarrer würde einem nicht mehr an Moral, Ethik und Sensibilität abverlangen.“

„Glauben Sie, dass Meister des Arkanen moralischer und ethischer handeln als andere?“

Ian runzelte die Stirn.

„Vermutlich nicht. Die Verpflichtung zur Ehrlichkeit ist aber etwas, das uns bindet, und vielleicht ist sie auch Grundvoraussetzung für eine bestimmte Art von Altruismus.“

„Sie sind ein Romantiker. Das sollten Sie nicht sein. Meister sind nicht per definitionem altruistisch. Der, der Sie in Ihrem Abenteuer bekämpft hat, wird eine ähnliche Ausbildung erhalten haben, und doch hätte er Sie ohne zu zögern umgebracht oder einfach sterben lassen.“

„Er gehörte mit ziemlicher Sicherheit zur Bruderschaft, und die denkt, dass die Fey und alle, die mit ihnen zu tun haben, ohnehin das Recht zu leben verwirkt haben. Nach unserem Dafürhalten mag das amoralisch sein. Doch die moralischen Vorstellungen seiner eigenen Gilde hat er nicht verletzt.“

„Was sagt uns das? Wenn die Vorstellungen, was richtig ist oder falsch, so weit variieren, wie können Sie annehmen, dass die Macht, die wir ausüben – und die auch Sie irgendwann ausüben werden – ausschließlich positiv sein kann? Mehr als ein Adept oder Meister hat sich schon von den enormen Möglichkeiten verführen lassen, die demjenigen offenstehen, der seine Mitmenschen manipulieren kann. Es gibt vermutlich weitaus mehr abtrünnige Magier als irgendeine Loge gerne zugibt. Dass man sie nicht allzu systematisch verfolgt und beseitigt, liegt nur daran, dass die Logen nicht in die Fußstapfen der Inquisition – und letztlich der Bruderschaft – treten wollen. Das Arkane lässt sich ohne Disziplin nicht meistern, doch auch nicht ohne Gedankenfreiheit. Ist Ihnen klar, dass es Brüder in Aroria gibt, die Sie für gefährlich halten?“

Ian nahm noch einen Schluck Bier.

„Ja. Ich verstehe ihre Besorgnis. Es ist schwierig mich zu durchschauen. Für Leute, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als alles und jedes zu analysieren, muss das sehr frustrierend sein. Niemand kann meine Motive mit absoluter Sicherheit vorhersagen. Das kann man bei anderen im Grunde genauso wenig. Aber wegen des Fey-Elements, das mich berührt hat, ist das viel schwieriger zu ignorieren. Meine Kenntnisse das Arkane betreffend sind durchaus nicht größer als die jedes anderen Primaners. Doch meine Instinkte sind weitaus feiner. Meine Sinne vermitteln mir Dinge, die andere sich erarbeiten müssen. Das macht mich vermutlich unbeliebt. Wissen Sie, Bruder Douglas, das tatsächliche Ausmaß meiner Fähigkeiten kann ich noch nicht einmal selbst einschätzen. Doch das kann vermutlich niemand.“

Sutton nickte und hob den Bierkrug. Er nahm einen langen, kräftigen Schluck und setzte dann den schweren Krug wieder ab.

„Ich glaube“, sagte er, „dass man weniger Angst vor den Extramöglichkeiten hat, die Sie entwickeln mögen, als vor dem Extrawissen, das Sie eventuell zurückhalten.“

Ian sah ihn argwöhnisch an und sagte nichts darauf.

„Ich bin ziemlich sicher, dass keiner von uns glaubt, Sie hätten diese Geschichte mit den Energielinien angefangen. Das hätte man herausgefunden. Aber ich bin doch recht neugierig, ob Sie tatsächlich nicht mehr darüber wissen, als Sie zugeben.“

„Wenn ich Wissen hätte, das keinem weiterhilft und nur dazu taugt, dass man mich solange traktiert, bis mir der Kopf platzt – oder das Herz –, was für einen Unterschied würde das machen?“

„Jede noch so kleine Information macht einen Unterschied. Die vier Männer, die sich in der Pflege jener plattfüßigen Schwester befinden, werden sterben. Stunde um Stunde rücken sie dem Tod näher. Das wissen Sie.“

Ian schüttete noch etwas Bier hinunter und sagte eine Weile nichts. Er fragte sich, warum Sutton glaubte, er wisse mehr. War es so augenscheinlich? Vier Männer waren dem Tod nahe, und er wusste nichts, was ihnen helfen konnte. Dennoch wusste er das eine oder andere, das in der Gesamtheit gesammelten Wissens vielleicht etwas bedeuten mochte. Sein Wissen oder immerhin sein Reden mochte ihn umbringen. Doch in einer solchen Situation zu schweigen war unethisch.

Er sah von seinem Bier auf.

„Ich weiß sehr wenig, Bruder Douglas, und ich kann niemandem erklären, woher ich es weiß. Was ich Ihnen sagen kann, werde ich sagen, und ich bitte Sie, mich nicht nach der Quelle zu fragen. Glauben Sie, Sie könnten Ihre Neugier für mich so weit zügeln?“

„Unwahrscheinlich“, gab Sutton zu. „Aber wir werden sehen. Sie können sich ja immer weigern, weitere Fragen zu beantworten.“

Ian nickte und faltete die Hände um den Krug, als sei er ein Abendmahlskelch. Dies war seine Chance, die Wahrheit zu sagen. Es war auch eine vorzügliche Möglichkeit, sich umzubringen. Sterben wollte er nicht. Er lebte gern. Jeder Tag war ein Geschenk, jede neue Erkenntnis eine Gabe. Er erinnerte sich an die sanften Hände, die ihn in der Nacht zuvor gehalten hatten. Diese gleichen Hände mochten ihn jederzeit umbringen. Sie hielten sogar jetzt sein Herz und konnten es anhalten.

Doch sein Leben war nicht das einzige, das in Gefahr war.

„Das mit den Energielinien ist ein Fey-Problem“, begann er, als hielte er einen Vortrag. „Ein Feyon muss es zu einem bestimmten Zweck ausgelöst haben – und ich weiß nichts über diesen Zweck. Wirklich nicht. Ich weiß auch nicht, wer es ist oder wie man es aufhält. Ich weiß nur, dass das Phänomen den Mann, der mir das erklärt hat, nicht weiter beunruhigt hat. Es ist wohl selten, aber kommt durchaus mal vor.“

Sutton lehnte sich vor.

„Wer ist der Mann?“, fragte er.

Ians Mund schloss sich. Er holte tief Luft und sagte nichts. Stattdessen lauschte er in sich hinein, versuchte, seinem eigenen Herzschlag zu folgen. Hören konnte er ihn nicht, doch er spürte in sich eine Art Flattern. Seine eigene Nervosität war der Auslöser für sein Schicksal, da war er sich sicher.

„Ich kann’s Ihnen nicht sagen“, sagte er.

„Sie meinen, Sie wollen es mir nicht sagen“, gab der Kollege aggressiv zurück. Seine sonst so humorvollen Augen waren ernst geworden.

Die Stille im Schankraum war bedrückend geworden. Nur das Ticken der Standuhr war zu hören. Ian spürte den Blick des anderen auf sich. Er wartete, wartete auf eine Erklärung, die Ian das Leben kosten würde.

„Ich meine, ich kann’s Ihnen nicht sagen und überleben“, sagte er schließlich. Im gleichen Moment krampfte er sich zusammen, und seine Hände flogen an seine Brust. Schmerz fuhr durch ihn hindurch. Er brauchte eine Weile, um sich so weit zusammenzureißen, dass er wahrnahm, was er tat. Dies sollte ihn nicht umbringen. Er hatte Arpad nicht verraten, hatte nicht den Mann verraten, der sein Blut getrunken und ihn auf eine neue und unerhörte Reise mitgenommen hatte. Seinen Sohn ebenso wenig.

Er fühlte eine Hand an seiner Schulter, die ihn hochzog. Sein Blick verschwamm und wurde dann mit einem Mal wieder klar. Ticktack machte die Uhr. Bier war über den Tisch verschüttet. Er musste wohl den Krug ins Schwanken gebracht haben. Das Licht, das durch die engen Fensteröffnungen fiel, war voller schwirrender Staubpartikel. Es schien der Dunkelheit des Raumes, der so voller Schatten war, gar nichts anhaben zu können.

Langsam kam er zu Atem, presste Luft in seine Lungen, die sich dagegen zu wehren schienen.

„Böse Sache“, sagte Sutton nach einer Weile. „Da hat Sie wohl jemand mit drastischen Mitteln zum Stillschweigen verurteilt. Nein, antworten Sie nicht. Versuchen Sie sich zu entspannen. Ich mag unrecht haben oder recht. Doch ich habe nicht vor, Sie mit meiner Neugierde umzubringen. Der Bann war eben kurz augenscheinlich. Die Fey können so etwas tun. Menschen aber auch. Selbst ich könnte es vermutlich. So schwierig ist es gar nicht. Funktioniert durch das eigene Schuldgefühl des Opfers. Durch dessen Angst. Wenn Sie aufhören könnten, sich deshalb ein Gewissen oder Sorgen zu machen, würde es vielleicht irgendwann ganz aufhören. Doch wer würde schon sein Leben für diese Theorie aufs Spiel setzen wollen?“

Ian schwieg.

„Sie haben also einen Freund, dessen Wissen uns helfen kann. Sagen Sie nichts. Trinken Sie.“

Ian merkte, dass seine Hände zitterten. Kaum vermochte er den schweren Bierkrug zu heben, ohne ihn fallen zu lassen. Es war peinlich. Sutton redete einfach weiter.

„Doch offenbar will er uns nicht helfen, denn ich bin ziemlich sicher, dass Sie ihn gefragt haben.“

Ian nickte, und ein Beben durchlief ihn.

„Wird die Situation mit den Energielinien wieder aufhören?“

„Soweit ich weiß, ja“, murmelte Ian. „Bald vermutlich, soweit ich es verstanden habe.“

„Vielleicht nicht bald genug.“

„Ich weiß nicht.“

„Ihre Quelle weiß nicht, wer dahintersteckt?“

„Ich glaube nicht.“

„Haben Sie eine Ahnung?“

Ian zuckte unglücklich die Achseln.

„Die Fey sind selten“, sagte er vorsichtig, „und nicht gerade Großstadtkreaturen. Die Sí, die ich vor eineinhalb Jahren traf, schienen ihr Revier zu haben, an die Wildnis der Berge gebunden zu sein, an ihre Höhlen, ihre Seen, an einsame leere Regionen mit wenig menschlichem Einfluss. Hier sind wir in einer modernen Stadt, wo man sie nicht erwarten würde. Dennoch ist der Student, mit dem ich meine Wohnung teile, erst vor zwei Nächten von einer Drude angegriffen worden, die ihn fast umgebracht hat. Ein Feyon in Form eine Riesenspinne. Unserer Bibliothek zufolge leben Druden von der Lebensenergie, der Essenz oder Seele ihrer Opfer. Allerdings sind sich die verschiedenen Berichte nicht einig. Auch hier steht, dass sie hauptsächlich in ländlichen Gebieten vorkommen. Vielleicht gibt es ja einen Grund, warum eine ponygroße Spinne auf einmal die nächtlichen Straßen Münchens unsicher macht. Vielleicht gibt es ja eine Verbindung zu den Energielinien.“

„Haben Sie Ihre Quelle danach befragt?“

„Nein.“ Ians Antwort war so kurz, dass sie schon ruppig war.

„Würde er es Ihnen sagen?“

Diesmal antwortete Ian nicht.

„Wie hat Ihr Wohnungsgenosse überlebt? Hat er arkanes Talent?“

„Nein. Er wurde rechtzeitig gerettet.“

„Von Ihnen?“

„Nein. Ich war gar nicht da und hätte auch weder die Kenntnisse noch die Macht dazu.“

„Doch jemand hatte sie.“

„Ja.“

Der Amerikaner nahm noch einen tiefen Schluck und setzte dann seinen leeren Krug ab.

„Interessant“, sagte er. „Sehr interessant. Trägt er eine Sonnenbrille?“