Kapitel 40

Sie war zurück. Die Spinne war wieder da. Sie war mit einer Plötzlichkeit wieder aufgetaucht, die ihn erstaunte, die ihn beinahe von den Füßen riss. Eben noch hatte sie im Gras gelegen und die Nacht mit farbenfrohem Eifer herabfallen sehen, und nun war sie da, stahl ihm den Atem, lag schwer auf seinem Gesicht, ihr Fell kitzelte ihn in der Nase. Er erstickte.

Irgendwo im hintersten Winkel seiner Sinne begriff Thorolf, dass sie kein Fell haben sollte. Keinen seidenweichen, wuscheligen Pelz und schon gar nicht so viel davon. Er erwachte ganz plötzlich und brauchte einen Moment, um festzustellen, dass, was da über seine Kehle und seine obere Brust gebreitet lag, die Katze war und kein nachtschwarzes Ungeheuer. Sie war warm und weich, und offenbar schlief sie fest. Ihr Schwanz hatte sich über sein Gesicht gelegt, direkt unter seine Nase.

Er zog eine Hand unter der Decke hervor und pflückte sie von seinem Kinn. Sie wachte auf und wehrte sich, und er war gerade noch schnell genug, sie so weit hochzuhalten, dass ihre Krallen keine Riefen durch sein Gesicht zogen.

„Du bist ganz schön lästig“, schalt er, während er die sich wehrende, zierliche Kreatur mit einer Hand über sich hielt. „Du sollst doch nicht auf mir schlafen. Das geziemt sich absolut nicht. Ich habe dir ein Lager auf dem Boden bereitet. Das ist dir wohl nicht gut genug?“

Das Pelzknäuel hörte auf, sich zu wehren und sah ihn nur aus großen goldbraunen Augen an.

„Wenn du mir mein Gesicht zerkratzt, meine Liebe, nehme ich dir das übrigens sehr krumm. Für eine Katzendame, die im Galopp das Weite gesucht hat, als ich mich gestern umgezogen habe, legst du erschreckend wenig Sittsamkeit und Anstand an den Tag. Schämst du dich denn gar nicht?“

Die Katze senkte den Blick und sah beinahe unglücklich aus. Thorolf setzte die kleine Kreatur auf das Deckbett, direkt auf seinen Bauch, und kraulte sie unter dem Kinn.

„Ich frage mich, warum ich dir das durchgehen lasse. Vielleicht, weil du mich an sie erinnerst. Ihr habt beinahe die gleichen Augen.“ Er seufzte.

Es pochte an der Tür, die ein wenig offenstand.

„Bist du wach?“, fragte Ian.

Thorolf hatte ihn die Nacht zuvor halb nackt auf dem Bett vorgefunden, unter einem riesigen Folioband begraben. Thorolf hatte versucht, ihn zu wecken, doch der Junge war kaum ansprechbar gewesen, wirkte, als wäre er im Fieber. Erst als Thorolf ihm ein Glas Wasser gebracht und ihm hoch geholfen hatte, war der Mitbewohner langsam wieder vollständig zu sich gekommen.

So war es diesmal Thorolf gewesen, der seinem Gefährten aus rein medizinischen Gründen den einen oder anderen Schnaps einschenkte und fragte, was denn geschehen sei. Nichts, behauptete sein Freund. Er hatte sich nur überarbeitet und war mitten im Lernen eingeschlafen.

So waren denn beide wieder ohne weiteres Zögern in ihre Schlafzimmer gegangen, denn sie waren beide übermüdet und erschöpft. Alles andere hatten sie auf den Morgen verschoben.

„Musst du nicht aufstehen?“, kam Ians Stimme von der anderen Seite der Tür. „Gehst du heute nicht in die Akademie?“

„Nein. Von Schwind unterrichtet heute nicht. Ich werde hier arbeiten. Lena kommt wahrscheinlich wieder – mein Modell. Ich habe ihr nicht abgesagt.“ Er hätte ihr absagen sollen. Er hatte keine Lust, sie noch einmal zu skizzieren.

„Ich habe Frühstück gemacht. Kräutertee. Habe das Zeug bei einem Kräuterweiberl am Marienplatz gekauft. Sie hat es empfohlen, und dabei hat sie mir zugezwinkert.“

„War sie jung und attraktiv?“

„Nein. Eher älter und definitiv nicht hübsch. Ich habe den Tee trotzdem gekauft.“

„… verfallen dem Zauber eines älteren und definitiv nicht hübschen Kräuterweibs. Ich hoffe, deine Wertschätzung der guten Frau und ihres Zwinkerns hat dich nicht grässlichen Tee erstehen lassen.“

„Ich denke, du wirst ihn trinken können. Übrigens, wo ist eigentlich die Katze abgeblieben? Sie war bei mir, als ich eingeschlafen bin.“

„Ja. Ich konnte sie gar nicht von deiner Seite bekommen. Sie schien sich richtig Sorgen um dich zu machen. Doch mitten in der Nacht hat sie den Galan gewechselt, wie das lasterhafte Weibsbilder bisweilen tun.“

Die Katze sah ihn strafend an, sprang vom Bett und schnickte ärgerlich mit dem Schwanz.

„Apropos“, fuhr Thorolf fort, während er sich aus dem Bett schälte und nach seinem ägyptischen Morgenrock griff, „ich habe mir auch Sorgen gemacht. Geht es dir heute Morgen besser?“

Er trat aus seiner Kammer und traf auf einen perfekt gekleideten und frisch frisierten Ian. Seine Blässe war gewichen, und er sah munter und fidel aus und ausgesprochen gesund.

„Mach dir keine Sorgen. Ich habe in der letzten Zeit zu viel studiert und zu wenig geschlafen.“

„Aber jetzt geht’s dir gut?“

„Ausnehmend gut, danke.“

„Famos. Unsere Katze soll sich schließlich keine Sorgen machen müssen.“ Er schmunzelte. „Redest du eigentlich auch mit ihr, weil es dir so vorkommt, als verstünde sie einen?“

„Ich bin mir zunehmend sicherer, dass sie weit mehr versteht, als wir glauben.“

„Vermutlich. Glaubten Menschen früher nicht, Katzen wären Höllenboten? So im Mittelalter?“

„Stimmt. Während der Pest hat man jede Katze erschlagen, derer man habhaft wurde. Hat aber die Pest nicht besser gemacht.“

„Natürlich nicht. Ist ja auch eine dumme Idee.“

Thorolf setzte sich an den Tisch, den Ian gedeckt hatte. Er bemerkte ein Schälchen mit Milch daneben auf dem Boden.

„Oh. Du schmeichelst dich bei Catty ein! Die Hand, die die Bestie einst nährte … eines Tages, wenn sie zum riesigen Tiger herangewachsen ist, wirst du sie im Dschungel treffen, und sie wird dich verschonen, weil du ihr dereinst Milch serviert hast, als sie noch ein Kätzchen war.“

Ian schmunzelte.

„Während sie dich fressen wird?“

Thorolf verzog das Gesicht.

„Apropos, ich habe gestern bei den Lybrattes diesen britischen Adligen wiedergetroffen. Seltsamer Kauz. Erinnert mich fast ein wenig an … du weißt schon …“

„Graf Arpad?“

„Ja. Er hat mich überredet, eine Wette mit ihm einzugehen. ‚Klang soll ich malen. Also: Geräusch. Wenn es mir gelingt, will er mich fürstlich entlohnen. Gelingt es mir nicht, hat er gesagt, muss ich ihm ein Porträt einer lebenden Spinne anfertigen. Vielleicht bin ich ja übernervös, aber nach meinem Zusammenstoß mit dieser Drude, klang das ziemlich nach einer Drohung.“

„Eine lebende Spinne? Hat schon je jemand eine Spinne gemalt?“

„Aber sicher. Künstler, die Illustrationen für zoologische Bücher machen, malen so was dauernd. Doch meistens sind es Federzeichnungen oder Aquarelle. Oder Radierungen. Ich glaube nicht, dass jemand schon ein großes Spinnengemälde in Öl angefertigt hat.“

Ian sah ihn besorgt an.

„Du glaubst, er ist Feyon?“

„Nein. Ich glaube nicht an die Fey. Zumindest bis vorgestern nicht. Ich weiß nichts über sie, woher sollte ich wissen, wer einer ist und wer nicht? Catty könnte genauso gut einer sein. Oder du auch. Wer bin ich, dass ich das wüsste?“

Ian nickte gedankenvoll.

„Du brauchst Graf Arpad, damit er dir beibringt, wie man Menschen von Sí unterscheidet.“

„Kann man das denn? Kann man sehen, wenn jemand Feyon ist?“

„Vielleicht. Sicher bin ich mir nicht. Ich habe nicht so viele davon getroffen. Sie sind – soweit ich weiß – alle sehr unterschiedlich. Gut möglich, dass manche auch mich blenden würden. Warum glaubst du, dass der Engländer ein Feyon ist?“

Thorolf zuckte die Achseln.

„Er sieht ungewöhnlich aus, klein, aber doch ziemlich beeindruckend. Er hat ganz weißes Haar, und doch wirkt er sehr jung, zeitlos fast. Sein Blick fesselt einen, und er scheint durchaus charmant zu sein. Als er die Spinne erwähnte, fürchte ich, habe ich ein wenig überreagiert. Habe mein Glas zerbrochen und Wein auf dem Teppich verschüttet. Frau Lybratte war überaus verständnisvoll. Sie ist eine ganz außergewöhnliche Frau. So wunderschön. Wie eine Königin. Man hat immer das Gefühl, man sollte vor ihr niederknien und ihr Gefolgschaft schwören.“

„Dann ist sie vielleicht auch eine Feyon?“

Thorolf schnaubte.

„Sei nicht albern. Sie ist die Ehefrau eines der berühmtesten Wissenschaftler dieses Landes. Das könnte sie wohl nicht gut sein, wenn sie nymphengleich irgendwo auf einer Waldlichtung herumtanzt. Nein. Sie ist absolut wirklich. Schön, charmant, intelligent, gewandt und würdevoll. Aber gewiss ein Mensch.“ Thorolf kicherte und sah, wie sich die Katze herablassend von ihm abwandte. „Stell dir nur vor, da hast du gerade diese wunderschöne, junge Dame geheiratet, und in der Hochzeitsnacht lässt sie die Hüllen fallen und hat auf einmal Schmetterlingsflügel.“

„Und dreht eine Runde um den Lüster?“

„Genau. Allerdings gestehe ich, dass ich es gar nicht furchtbar fände, Frau Lybratte nackt eine Runde um die Lampe drehen zu sehen.“

Ian sah ihn schockiert an.

„Wirklich, du gehst zu weit. Eine ehrbare, verheiratete Frau sollte nicht Ziel deiner Nacktphantasien sein. Das gehört sich nicht.“

„Ich bin Künstler. Das ist so, als wäre man Arzt. Ich habe das Recht, nackte Frauen zu sehen. Freilich nur für die Kunst. Alles ganz gesittet und schmuddelfrei. Es gehört zur Last und Beschwerlichkeit meiner schwierigen Arbeit.“

„Dann gratuliere ich dir zu deinem Fleiß.“

„Danke, alter Freund.“

„Aber du schockierst die Katze. Sieh nur den Ausdruck auf ihrem Gesicht! Eine Mischung zwischen moralischer Entrüstung und peinlichem Berührtsein.“

Beide brachen in Gelächter aus, und die Katze kehrte ihnen den Rücken zu und beschäftigte sich wieder mit ihrem Frühstück.

„Was wirst du wegen dieses Bildes unternehmen?“, fragte Ian. „Klang zu malen stelle ich mir schwierig vor. Ich wette, nicht einmal deine Professoren könnten es.“

„Ich glaube nicht, dass es überhaupt jemand kann. Doch versuchen will ich es.“

„Wie?“

„Keine Ahnung. Mach mir einen Vorschlag!“

„Ich? Ich kann dir was über Druden erzählen – oder auch nicht, denn meine Studien scheinen zu zeigen, dass niemand etwas über sie weiß. Unter lebensgroßen Spinnen findet man gar nichts; sie werden überhaupt nirgends erwähnt. Ich habe sogar unter ‚Jungfrauen recherchiert.“

„Ach, wie sehen sie von unten aus?“

„Treynstern, also wirklich!“

„Jungfrauen sind immer eine ernste Angelegenheit. Besonders beim Frühstück. Erst nach dem Abendessen werden sie lustiger.“

„Dein Optimismus ist imponierend. Hast du mir nicht gerade erzählt, jemand, den du für einen Feyon hältst, hat dich in eine Wette verstrickt, die du nicht gewinnen kannst und dich mit einer menschenfressenden Riesenspinne bedroht? Solltest du nicht ein bisschen besorgt sein?“

Thorolf hörte auf, seinen Tee umzurühren und legte seinen Löffel auf den Tisch.

„Bin ich. Diese Spinne macht mich mehr als nur besorgt. Du kannst dir gar nicht vorstellen … aber was das Bild angeht, wird mir schon was einfallen. Auch haben wir keinen Abgabetermin vereinbart. Also habe ich alle Zeit der Welt, und vielleicht hat ja … Graf Arpad eine Idee.“

Er hielt inne und beobachtete irritiert, wie ein Lächeln über Ians Züge glitt.

„Findest du es seltsam, dass ich noch einmal mit ihm reden will?“, fragte Thorolf verärgert.

Sein Freund errötete.

„Nein. Ihr müsst miteinander reden. Er muss dir mehr über all das erzählen. Übrigens war er gestern hier.“

„Oh?“

„Aber du warst ja nicht da.“

„Stimmt. Hat er den Bann wieder von dir genommen?“

„Nein. Er hat ihn … ein wenig verändert.“

„Bist du jetzt außer Gefahr?“

Der junge Mann sah ihn reumütig an.

„Das ist eine wirklich gute Frage.“

„Wirst du mir die Antwort mitteilen?“

„Ich wünschte, ich wüsste sie.“

Ihre Blicke trafen sich.

Thorolf lehnte sich vor.

„Er hat dich doch nicht angegriffen?“

„Er hat mich nicht attackiert. Nein.“

„Könntest du ihn mit deinem besonderen Wissen abwehren?“

„Du überschätzt mein ‚besonderes Wissen. Aber du siehst ja, dass ich lebe und mich bester Gesundheit erfreue. Wenn er mich ermorden wollte, wäre ich schon tot.“

„Der Kerl braucht eine Lektion.“

Ein verträumtes Lächeln ging über die Züge des Schotten.

„Ich denke nicht, dass du ihm noch sehr viel beibringen kannst. Außerdem brauchst du ihn. Wenn er dich besuchen kommt, frag ihn nach diesem englischen Adligen. Vielleicht weiß er ja, was da zu tun ist.“

Thorolf blickte einen Augenblick lang ernst.

„Vielleicht sollte ich ihn wirklich fragen. Die Aussicht, der Spinne noch einmal zu begegnen – und sei es nur, damit sie mir Modell sitzt – schlägt mir auf mein sonst so sonniges Gemüt. Ich war ja in meinem Leben schon in so mancher schiefen Lage. Aber nichts hat mir jemals die Grenze zwischen Leben und Tod so deutlich gezeigt wie diese Spinne. Es kommt mir vor, als hätte man mich Gevatter Hein vorgestellt, und ich bin nur noch nicht dazugekommen, ihm kräftig die Knochenhand zu schütteln. Diese Kreatur zu malen wäre so unmöglich, wie seinen eigenen Tod zu malen.“

„Die Spinne würde wohl auch nicht still sitzen.“

„Außer vielleicht auf mir, um das abzuschließen, was sie angefangen hat.“

„Deine Seele zu fressen.“

„Tut sie das?“

„Ich weiß nicht. Du müsstest es wissen. Du warst schließlich dabei. Was genau hat sie denn getan?“

Thorolf stand auf und ging zum Fenster. Die Katze strich in engen Kreisen um seine Beine. Er brauchte eine Weile, bis er wieder Worte fand.

„Ich weiß nicht. Erst hat sie mich nur umgeworfen und ihre langen Krallen in mich gehackt. Sie waren wie Dolche und drangen mir ins Fleisch. Äußerst schmerzhaft. Ich dachte, sie hätte mich wirklich schwer verletzt, doch entweder hat Graf Arpad mich sehr gut geheilt oder … was weiß ich … Danach fing das Ding an, mir meinen Atem Zug um Zug zu stehlen und mit ihm Fetzen von meinem Mut, meinem Willen, meinem Wollen, meiner Hoffnung, Stärke, Gesundheit. Alles, woraus ich gemacht bin. Es stahl mir meine Essenz. In einem Kannibalenkessel zu sitzen kann nicht schrecklicher sein.“

Eine Weile schwiegen sie, und Thorolf hob automatisch die Katze hoch und hielt sie im Arm.

„Ich lag im Sterben. Ich war mir des Todes bewusst. Ich hatte den letzten Abgrund erreicht, und er bröckelte unter meinen Füßen. Wie bröselnder Fels zerstob mein Leben direkt unter mir, und ich begann zu fallen, stürzte. Wenn dieser … Graf Arpad nicht erschienen wäre, um mich zu retten, wäre ich nun tot, ausgehöhlt. Eine leere Fleischhülle. Nicht einmal schreien konnte ich.“

Die Katze schmiegte sich an ihn an und gab ein kleines Jammern von sich.

„Dann hast du wirklich Grund, dankbar zu sein, und ich habe etwas Neues gelernt, das nicht in unserer Bibliothek steht.“

„Aber du kannst es nicht hinzufügen.“

Ian seufzte.

„Genau. Das ist wirklich schade.“ Er trank seinen Tee aus und stand auf. „Ich mach mich besser auf den Weg. Ich muss den Folioband zurückbringen. Ich wünschte, ich hätte noch mehr daraus lernen können. Aber Graf Arpad ist eine Weile geblieben.“

„Habt ihr über mich gesprochen?“

Ian lachte.

„Kaum. Wir haben die meiste Zeit über mich gesprochen.“

„Du magst ihn!“ Thorolf sah den jüngeren Mann an, der bis an die Haarwurzeln errötete.

„Ja, und du solltest ihn auch mögen. Was immer dein Schicksal sein mag, er ist ein Teil davon.“

Die Katze wand sich, und er setzte sie ab und schob die dunkeln Erinnerungen beiseite.

„Das Schicksal!“, gab er zurück, und sein Lächeln wurde zynisch. „Wir werden sehen. Ich mache mich besser auch fertig, nur für den Fall, dass mein Modell zu früh auftaucht.“

Ian grinste.

„Tu nichts, was die Katze schockieren könnte!“

„Ich werde sie in deinem Zimmer einschließen, falls doch.“

„Du bist unverbesserlich. Wie kannst du so … unbesorgt … sein, nach allem, was dir geschehen ist?“

Thorolf seufzte, nahm seinen Löffel und rührte noch ein wenig nutzlos in seinem Tee.

„Ich lebe. Nach dem, was mir vor zwei Nächten zugestoßen ist, habe ich dazu kaum ein Recht. Ich lebe gleichsam auf Pump, von geborgter Zeit. Meine Füße haben den sicheren Grund unter mir noch nicht wieder erreicht. Ich schwebe auf der praktischen Unmöglichkeit dahin, dass ich noch unter den Lebenden weile. Mit einem schlagenden Herzen und einer unversehrten Seele. Deshalb mein Übermut. Ich sollte todernst sein – oder ernsthaft tot. Ich habe versagt. Ich habe eine Katze gerettet, aber ein Mädchen sterben lassen, und allzu ernsthaft zu sein würde bedeuten, die Realität des Ganzen ein für alle Mal zu akzeptieren. Als wäre meine Weigerung, mich zurück auf dem festen Boden der Tatsachen zu finden, die einzige Möglichkeit nicht glauben zu müssen, dass dieses süße, junge Wesen sterben musste ... Es tut mir leid, wenn ich nur blanken Unsinn von mir gebe.“

„Was du sagst, ergibt durchaus einen Sinn. Wenn du mit Worten schon so geschickt malen kannst, denke ich, wird es dir auch gelingen, von deinem verdächtigen Bekannten einen entsprechend hohen Preis für dein Klang-Bild einzuschachern.“

Thorolf setzte sich wieder.

„Vielleicht macht es keinen Unterschied mehr, ob ich es kann. Nachdem ich das Motiv, das ich am meisten malen wollte, an eine Spinne verloren habe, ist es im Grunde nur passend, dass ich stattdessen das Ungeheuer male. Die bildenden Künste sowie die Literatur haben wenig Sinn für Helden, die bei ihren Abenteuern den Kürzeren ziehen. Meine Ritterrüstung war letztlich nichts weiter als Pappe und Leinwand. Meine Hand weiß einen Pinsel zu führen, aber nicht ein Schwert.“

„Du wärst nicht in der Lage gewesen, die Drude zu besiegen. Es war nicht dein Fehler. Es war noch nicht einmal dein Kampf. Du hast es versucht und fast mit deinem Leben bezahlt. Niemand kann mehr von dir erwarten. Was das Kätzchen angeht, so ist dein Geschmack, was Stubentiger angeht, ausgezeichnet. Sie ist eine sehr gute Gefährtin, auch wenn sie sich ganz furchtbar vor Graf Arpad fürchtet.“

„Tut sie das? Kluges Mädchen!“