Kapitel 33

Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden, doch es war immer noch ein wenig zu hell für seinen Geschmack. Graf Arpad trug eine runde dunkle Brille, als er das Hotel für seinen „Abendspaziergang“ verließ. Er war elegant angezogen, seine Kleidung modisch, doch dezent, seine Halbstiefel blitzend sauber. Sein Zylinder saß ihm kerzengrade auf dem Haupt, was ihm ein recht flottes Aussehen beschied. Entgegen der herrschenden Mode hatte er keinen Spazierstock dabei, denn er zog es vor, die Hände frei zu haben. Die Diamantennadel in seiner hellgrauen Krawatte zeigte, dass er nicht nur Geschmack besaß, sondern auch ein Mann von Format und Vermögen war. Sein dunkler Umhang war vielleicht nicht mehr ganz modisch, doch er mochte es so. Kutschermäntel fand er unpraktisch. Weite Umhänge waren für so manches nützlicher.

Bald würde es dunkel sein – für Menschen. Hell für ihn. Die Brille konnte er dann abnehmen.

In diesem Hotel war er früher schon abgestiegen. Es war das beste in der Stadt, und niemand entsann sich seiner. Das war immer so. Wenn er es nicht ausdrücklich zuließ, erinnerten sich Menschen nicht an ihn. Selbst die, denen er auf der Straße begegnete und die ihn sahen, bemerkten zwar einen attraktiven, vornehmen Mann, gingen dann aber weiter und hatten ihn schon vergessen. Wie ein Schatten huschte er durch ihre Wahrnehmung und war verschwunden, bevor sie noch die plötzliche Dunkelheit fühlten, die ihnen an ihrem Sinn entlangstrich.

So war es besser. Er lebte schon sehr lange – genau aus diesem Grund –, und der Zauberbann, mit dem er die berührte, die ihn bemerkten, war ihm zur Natur geworden, ergleißte schon fast, ohne dass er daran denken musste.

Er hatte Hunger. Er jagte nicht gerne dort, wo er schlief, obgleich er es schon getan hatte, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Doch lieber war ihm, es nicht zu tun.

Er tötete nur im Notfall. Um sich zu nähren brauchte er nicht zu töten. Er mochte das Leben, sein eigenes so wie auch die flüchtige Flamme menschlicher Existenz. Wenn er ein Opfer vollständig aussaugte, gab es eine Leiche, und die Obrigkeit würde Fragen stellen. Es war allerdings eher unwahrscheinlich, dass irgendwer vermuten würde, dies wäre das Werk von Vampiren. Ernsthafte Staatsbeamte glaubten nur selten an die Existenz seiner Art und suchten nicht nach einer metaphysischen Erklärung, solange es eine logisch plausiblere gab. Selbst wenn diese nicht stimmte. Verstarb jemand ganz plötzlich ohne Anzeichen von Gewalteinwirkung – und der Vampir hinterließ keine sichtbaren Spuren – würde man zu dem Ergebnis Herzversagen oder Gift kommen.

Die Medizin konnte Gift nur schlecht nachweisen. Solange die Substanz nicht ganz offensichtliche Zeichen hinterließ, wie geweitete Pupillen oder verfärbte Zunge oder Lippen, hatten Ärzte wenig Anlass, einen natürlichen Tod zu bezweifeln. Das Fehlen von Blut im Körper mochte allerdings auffallen, falls ein Mediziner tatsächlich danach suchte. Nur warum sollte er?

Menschliche Wissenschaften entwickelten sich fortwährend weiter, und der Feyon zweifelte nicht daran, dass die Medizin schließlich so große Entwicklungssprünge machen würde wie die Technik. Noch war er allerdings sicher, solange niemand mit arkanen Kenntnissen seine Opfer untersuchte, und wer hatte die schon?

Dennoch zog er es vor, nicht zu töten. Seine Beute lebte einfach weiter, ohne je zu wissen, was ihr geschehen war. Es war besser so. Das Töten der Beute war Ausdruck triumphierender Macht. Doch er hatte es nicht nötig, seine Überlegenheit zu beweisen. Er war überlegen und wusste es.

Er mochte Menschen wegen ihres Blutes und wegen ihrer Leidenschaft, wegen des Vergnügens, das sie ihm für so wenig Gegenleistung schenkten. Die Genugtuung, die er dabei fühlen mochte, einen von ihnen umzubringen, war vernachlässigbar, denn es war viel zu einfach. Sie waren so gänzlich ohne Arg, eine Beute, die nicht einmal genug Angst und Augenmerk besaß, um misstrauisch zu sein. Von wenigen – gefährlichen – Ausnahmen abgesehen wussten sie nicht einmal, wie man ihm widerstehen könnte. Sie lehnten sich in seinen Armen zurück, drehten ihren Kopf zur Seite und wandten ihm ihre Kehlen zu – und dabei lächelten sie erwartungsfroh.

Seine Zurückhaltung war freiwillig und gründete sich auf Vernunft. Freier Wille und Vernunft waren ihm beide gegeben, solange er nicht zu hungrig wurde. Hatte er jedoch eine gewisse Grenze überschritten, dann schlug sein Hunger in Raserei um und trug ihn weit über freien Willen und Vernunft hinaus. In solch einem Zustand tötete er, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.

Vielleicht, so grübelte er, würde er Ian töten müssen. Wenn ja, so nicht aus Hunger, obgleich er den Drang verspürte, den jungen Mann zu kosten. Ein netter Junge, jugendlich und unerfahren, ein wenig verwirrt durch plötzliche Sehnsüchte, denen er sich nicht stellen wollte. Er war sich seiner selbst bewusst, und in diesem Bewusstsein hatte er sich bereits als Beute erkannt. Sein Kopf war voller Wissen, und doch war er von entzückender Unwissenheit. Dennoch, er verstrahlte eine nüchterne Ernsthaftigkeit, die seinem Alter weit voraus war. Sein Feyon-Abenteuer hatte ihm neue Talente und neue Einsichten beschert und ihn mehr als nur in einem Aspekt verändert.

Doch dieser Aspekt war es, der Graf Arpad besonders reizte. Der Vampir hatte eine feste Liebschaft, Cérise Denglot, doch er war nicht im Mindesten monogam, weder durch Neigung, noch aus freien Stücken. Er konnte nicht monogam sein. Mit nur einem Menschen, von dem er sich nähren konnte, würde er diesen Menschen unweigerlich zum Tode verurteilen. Er würde an Blutverlust sterben, so wie Charly – Charlotte von Orven hieß sie jetzt – fast gestorben war. Die süße Charly, von der er tagelang getrunken hatte, als sie gemeinsam in einem Berg verschüttet gewesen waren. Charly, die zu mögen und zu achten er gelernt hatte und die ihm zu der Erkenntnis verholfen hatte, dass er seine wilde Natur weitaus länger als geglaubt zurücknehmen konnte, wenn er sich wirklich große Mühe gab. Freilich nicht für immer.

Er sah ein Mädchen, das vor ihm die Straße entlangeilte und schließlich in eine Seitengasse einbog. Ein hübsches Dienstmädchen, vielleicht siebzehn. Menschliche Hierarchien hatten nicht den mindesten Einfluss auf seinen Geschmack. Blond war die junge Frau und hübsch gebaut und – er konnte es wohl spüren – kein Neuling auf dem Gebiet der Leidenschaft. Vielleicht war sie verheiratet? Oder sie hatte heimlich außerhalb des Erlaubten geliebt. Einerlei. Sie war keine Jungfrau. Erfahrene Frauen wussten ihn ohnehin meist besser zu unterhalten.

Eine „Jungfrau“ konnte er später immer noch haben. Eine männliche Jungfrau. Einen Jüngling, der tatsächlich glaubte, Abstinenz würde seine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Was Bewusstseinserweiterung anging, so stand für den Jungen eine gänzlich neue Unterweisung an. Vielleicht würde er sie ja überleben. Man würde sehen müssen. Auf nüchternen Magen Entscheidungen zu fällen, empfahl sich nicht. Hunger machte ihn immer ein wenig skrupellos.

Der Feyon lächelte und eilte dem Mädchen nach. Sein Schritt war katzenlautlos, und doch drehte sich das Mädchen einmal und sah unruhig hinter sich. Guter Instinkt, doch sie konnte ihn nicht sehen, da er mit den Schatten verschmolz.

Er holte sie ein, als sie an einem Stall vorbeiging. Er berührte ihren Arm, und sie flog herum. Erschrockene, blaue Augen trafen seinen Blick. Fremde Männer hatten Frauen in dunkeln Seitengassen nicht zu berühren, nicht ohne Grund. Er nahm sie in den Arm, und sie öffnete den Mund, um zu schreien.

Er ergriff ihren Sinn, bevor sie diesen Plan in die Tat umsetzen konnte, und sie seufzte nur, als er sie in den Stall geleitete. Zwei Kutschpferde standen dort. In einer dritten Box war frisches Stroh aufgehäuft. Gut.

Seine Hände zogen ihr das Häubchen vom blonden Haar und streichelten ihr übers Gesicht. Wirklich hübsch. Blaue Augen blickten voller Vertrauen und ein wenig irritiert zu ihm hoch. Er lächelte sie an, sie lächelte zurück, wusste nicht mehr, dass es nicht nur ungewöhnlich, sondern zutiefst beängstigend war, von einem dunklen Fremden in einen Stall gezogen zu werden.

Er konnte nur von ihr trinken. Doch selbst das war ein physisches Vergnügen, und er wusste bereits, dass er mehr von ihr wollte. Sein Körper sang vor Hunger, und dieser Hunger sehnte sich nach mehr als der einen Befriedigung.

Hübsches Kind. Er ließ sie los, hielt nur noch ihren Sinn, blockierte sanft ihre Ängste, ihre Hemmungen, all die Moral und den Anstand, den man ihr eingetrichtert hatte. Sie wusste nichts mehr von dem, was sie zu einem braven, frommen Mädchen machte, kannte nur noch ihre Sehnsucht und ihr intensiveres Verlangen.

Letzteres wuchs in ihr, er spürte es, ermutigte es, spornte es an mit mentalen Liebkosungen, und er zwang sich, langsam vorzugehen. Vorfreude war beinahe das Beste an Verführung. Vorfreude und Erfüllung, das Schicksal von Liebhaber und Jäger gleichermaßen.

Mit einem Finger strich er ihr die Augenbrauen entlang, streichelte ihre Wangen, fuhr ihr über die Lippen, die sich bei der Berührung öffneten. Der Finger fuhr weiter, ihre Kehle entlang. Er konnte ihren Puls spüren und fühlen, wie ihr Blut schneller durch sie rann. Köstlich.

Nun war er an ihrer Bluse angelangt, und sie hob die Hände und öffnete alle Knöpfe bis hinunter zur Taille. Eine Schürze flog. Jetzt hatte sie den Part der Verführerin übernommen. Weiße Schultern glänzten im Licht der Nacht, akzentuiert durch das dunkle, brave Gewand, das sie ihn von ihren Armen ziehen ließ. Ein einfaches Korsett hob ihre Brüste; sie waren rund und fest, liefen fast über in dem engen Kleidungsstück. Er bückte sich und küsste den Spalt dazwischen, während seine Hände schon die Haken öffneten. Sie seufzte, als seine Zähne ihre Haut liebkosten. Sie kannte den Weg zum Vergnügen, und sie sehnte sich nach ihm. Für sie musste es hier beklemmend dunkel sein, doch das galt ihr nichts. Sie brannte, sehnte sich, wusste nichts darüber hinaus, war gefangen in nichts als hemmungsloser, körperlicher Glückseligkeit.

Ihre Hände erreichten ihr Ziel, und nun war es an ihm, zu seufzen und zu stöhnen, als ihre Finger sich in sein Vergnügen schlichen. Er bettete sie sanft aufs Stroh. Wie viele Frauen der Unterschicht trug sie keine Unerwähnbaren, und mit einer geübten Bewegung befreite er ihr Paradies von all den vielen Unterröcken und versenkte seine Finger in blondes Haar. Als er ihre Schenkel berührte, öffnete sie sich ihm. Er spürte ihr Verlangen und schenkte ihr ein einzigartiges Lächeln, während er seine eigene Kleidung aus dem Weg schaffte. Die Sekundenschnelligkeit, mit der er das bewerkstelligte, zeigte sein heftiges Verlangen, aber auch seine Fey-Künste.

Ein Gedanke liebkoste sie. Sie stöhnte, kuschelte sich ins Stroh. Er eroberte sie im selben Augenblick, in dem seine Zähne sich den Weg in die Ader an ihrem Hals bahnten, direkt in ihr Blut. Ihr Körper bewegte sich im Takt des Liebesaktes und sie stöhnte rhythmisch, während er sich an ihrem süßen, jungen Blut ergötzte und sich in ihren Armen dem Höhepunkt hingab. Sein Sinn liebkoste den ihren, verlängerte ihr Vergnügen, dehnte ihre Ekstase weit aus. Er erfreute sich an ihrer Freude an ihm. Sie krallte ihm ihre Hände in den Rücken, hieß ihn auf jede Art willkommen und wusste nicht mehr, dass sie alle Regeln ihrer Gesellschaft brach.

Sie genoss. Mit fast schmerzhafter Inbrunst liebte er sie dafür, dass sie das konnte. Ihre freudigen Schreie gellten nicht weiter, als er es ihnen gestattete; sein kundiger Wille blockierte den Schall. Niemand würde sie hören oder finden oder ihn stören, während er sich nährte.

Als sie sich nicht mehr rührten, hatte er ihre Wunden bereits mit seiner Zunge geheilt. Zwei winzige Mückenstiche waren an ihrem Hals zu sehen, und auch das nur, wenn man genau hinsah.

„Mein Schöne“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Wie gut du schmeckst.“

Sie lag in seinem Arm, ein wenig zu blass, ein wenig zu sehr außer Atem und erschöpft, hin- und hergerissen zwischen absoluter Befriedigung und neuem Wollen.

Er stand auf und brachte seine Kleidung in Ordnung, während sie noch dort lag, die Röcke bis zur Körpermitte hochgezogen, die Bluse offen. All ihre Schönheit war sichtbar, ihre hübsche Gestalt, ihr geheimes Paradies. Er hatte nichts genommen, was man ihm nicht freimütig geboten hatte, und doch verstand er die Kunst, es sich darbieten zu lassen. Einem moralischen Sterblichen würde das immer noch als Notzucht gelten.

Doch er war weder moralisch noch sterblich.

Er wollte sie noch einmal lieben, doch noch einmal von ihr zu trinken war unmöglich. Zu gefährlich. Er wollte ihr nicht schaden. Sie hatte ihm all die Liebe geschenkt, derer sie fähig war, und nun war es Zeit sie zu verlassen.

Er kniete sich neben sie, liebkoste ihre Wange. Sie streckte die Arme nach ihm aus, und einen Augenblick lang gelüstete es ihn, sie ein zweites Mal zu erfreuen. Stattdessen zog er ihr den Rock zurecht und knöpfte ihre Bluse zu. Einige Strohhalme waren ihr ins Haar gekommen, und er entfernte sie zärtlich.

„Komm noch einmal zu mir!“, flüsterte sie.

Er küsste sie und schloss ihre Augen mit seiner Hand. In ein paar Minuten würde sie aufwachen und sich an nichts erinnern. Nur ihr Körper würde ab nun eine vage Vorstellung von dem haben, was er konnte und mochte.

„Ich danke dir, meine Schöne“, murmelte er. „Vielleicht sehen wir uns ja wieder.“

Einen Augenblick später war er draußen, spazierte ungesehen durch die Schatten. Das nächtliche Dîner hatte einen ausgezeichneten ersten Gang gehabt.

Zwei Straßen weiter sah er die Silhouette einer Frau im Kerzenschein, im zweiten Stock eines Gebäudes. Sie entkleidete sich gerade. Ihre Figur war ansehnlich, auch wenn er mehr als ihre Konturen hinter dem Vorhang nicht auszumachen vermochte.

Er konnte nicht zur Fledermaus werden und fliegen, doch er konnte wie eine Katze klettern, und schon Sekunden später stand er oben auf dem Fensterbrett und lugte in ein bescheidenes Schlafzimmer, in dem sich eine Frau zur Nacht fertig machte. Sie war keine achtzehn mehr. Erste Silbersträhnen zeigten sich in ihrem dunklen Haar, das sie vor einem winzigen Spiegel bürstete. Sie trug nur ein einfaches Nachthemd. Durch das geschlossene Fenster ergriff er ihre Gedanken, sah ihren verwirrten Gesichtsausdruck im Spiegel. Sie legte Spiegel und Bürste fort, ließ ihn mit einem irritierten Lächeln ein.

Sie musste einmal sehr hübsch gewesen sein, dunkel und üppig. Diese Schönheit war unter der Last der Jahre und eines Lebens voller Arbeit schon etwas verblasst. Dennoch hatte sie noch ihre Ausstrahlung, und er streckte seine Hand nach ihr aus. Ohne Scheu trat sie in seine Umarmung und entblößte ihm ihren Hals. Er leckte daran, bereitete ihn vor und biss zu in ihr Leben. Er kostete die Abgeklärtheit eines erwachsenen Geistes, während ihr Blut ihn nährte. Er trank, doch er hörte bereits, dass er nicht mehr lange bleiben konnte. Jemand kam die Holztreppe hoch.

Gierig sog er an ihr, hielt sie mit den Gedanken und mit den Händen gleichermaßen. Dann heilte er sie, hob sie hoch, legte sie in ihr einfaches Bett. Er liebkoste ihren Sinn, und sie lächelte, schloss die Augen und vergaß ihn. Ihr Atem ging heftig, ihr Körper zeigte alle Anzeichen von erwachter Leidenschaft, doch er hatte keine Zeit, ihr Verlangen zu stillen.

Er verschwand durchs Fenster, noch während die Türklinke heruntergedrückt wurde. Von draußen sah er, wie der Gatte in den Raum trat. Er würde die Früchte ernten, die er nicht gesät hatte. Graf Arpad lächelte. Mit ein wenig Phantasie konnte man ihn beinahe als Wohltäter auffassen, auch wenn seine Beute das sicher nicht so sehen würde, so sie denn bewusst darüber zu urteilen hätte.

Nach Westen spazierte er. Ein weiterer Besuch bei seinem Sohn stand an. Beleidigt oder nicht, Thorolf musste auf ihn hören. Es gab noch so vieles, über das sie zu reden hatten, zu viele Gefahren, auf die er den jungen Heißsporn aufmerksam machen musste. Es war ihm klar, dass Thorolf das meiste davon nicht hören wollte, genauso wie er nicht hatte hören wollen, dass er anders war als andere Menschen.

Sehr anders war er allerdings nicht. Fast ausschließlich menschlich, weit mehr Sophies Sohn als seiner. Nur das Talent, Dinge zu zeichnen, die er noch nicht gesehen hatte, hob ihn ein wenig unter den Normalsterblichen hervor. Das und sein Glück bei Frauen. Außerdem tat er vermutlich besser daran, Kalteisen aus dem Wege zu gehen, selbst wenn es nicht unbedingt der Fall sein musste, dass die Substanz für ihn so tödlich war wie für seinen Vater.

Graf Arpad konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er winkte eine Droschke herbei und gab die Adresse an. Nur ein paar Minuten, und er würde sein Ziel erreicht haben.

Er musste noch immer entscheiden, was mit Ian anzufangen war. Dessen Tod wäre für Thorolf und ihn die sicherste Lösung. Doch er konnte ihn nicht gut unter den Augen seines Sohnes umbringen. Thorolf würde es weder mögen noch einsehen, wenn McMullen ganz plötzlich an Blutverlust dahingerafft würde.

Auch die Loge musste man bedenken. Meister des Arkanen hatten mit Sicherheit das Zeug dazu herauszufinden, woran der junge Mann gestorben war.

Thorolf mochte seinen Wohnungsgenossen. Arpad hatte die Freundschaft gespürt und sich doch auch darüber gewundert. Keine zwei jungen Männer mochten sich unähnlicher sein. Thorolf war groß und gutaussehend, extrovertiert, unbesonnen und machte sich – wenn er nicht gerade von einer Drude gejagt wurde – um nichts besondere Sorgen. Er verließ sich auf seinen Charme, um Freunde zu gewinnen und Erfolg zu haben, und vermutlich merkte er das noch nicht einmal.

McMullen war ernsthaft, gewissenhaft und entschieden zu intelligent. Er war introvertiert, wenn auch eher durch Schock denn durch ursprüngliche Anlage. Er war klein und zierlich, physisch fast noch eher ein Junge als ein ausgewachsener Mann, doch von einer übersinnlichen Tiefe, die ganz außergewöhnlich war, wenn man seine Geschichte nicht kannte. Wo Thorolfs Farben leuchtend und brillant waren, waren McMullens blass und gedeckt. Thorolf mochte Mädchen und eroberte, was er nur konnte. McMullen mochte vermutlich auch Mädchen, doch seine Vorlieben waren undefiniert und unerprobt, er hatte keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet und suchte auch keine zu erlangen. Als Spross einer strengen schottischen Presbyterianerfamilie hatte er gewiss keine fleischlichen Kenntnisse sammeln können, bevor er auf seine große Europareise gegangen war. Und danach war er mit Sicherheit erst einmal zu konfus und überwältigt von den neuen Horizonten seines Seins gewesen, um sich um die Bedürfnisse seines Körpers zu kümmern. Also gänzlich unerforschtes Gebiet.

Nur konnte Arpad nicht gut den Wohnungsgenossen seines Sohnes in die Geheimnisse der Liebe einführen, während er gleichzeitig versuchte, Thorolfs Vertrauen zu gewinnen.

Vielleicht war Thorolf nicht zu Hause?

Er hatte zu Hause zu sein. Es war besser für alle Beteiligten, wenn er jetzt zu Hause wäre.