Kapitel 25

Mächtige Schwingen schwebten himmelhoch im Blau über der Stadt. Ganz unsichtbar und ungesehen, beinahe nur ein Gleichnis. Die Perlenaugen schimmerten nach unten. Und leise Freude ging ganz still durch den Azur. Ein Flügelschlag, so langsam, stark geführt und voller Macht. Doch selbst nicht da, nicht dort, nicht hier, nichts als der Schemen des Gedankens. Ein Nachbild im Verstehen der Menschen, die Geistesblitze jäh zu Neuem formten. So ward Gedanke zu Papier, Farbe auf Leinwand und Gefühl in Klänge und Musik gebannt.

Musik war überall und wurde von dem Fliegenden gestattet und geliebt. Die Stimme summte manche Harmonie im Rhythmus ihrer Welt. Die starke Stimme, das Strahlen eines Chors, der allen hohen Festen dieser Menschheit sang. Sie fasste fest das Echo jener Klänge, so wie man ein Gemälde halten mochte, denn letztlich gab es keinen Unterschied. Denn grad das Strahlende menschlichen Geistes war es, das Kunst, Musik und Denken seinen Glanz verlieh. Nicht viel. Nicht mehr als Menschen eben schaffen mochten.

Und noch ein Schwingenschlag, ein weitrer Blick hinunter aufs Gerüst der Wirklichkeit. Denn Träume waren niemals mehr als Schäume, flüchtige Schatten. Nur Pläne waren fassbar und wurden demnach auch gefasst und umgesetzt. Und Menschen waren voll davon, randvoll mit Plänen, Träumen, Vorhaben, visionslosen Visionen, Prophezeiungen, aus dem Moment geboren und nicht die Zeit umspannend.

Sie wussten nichts. Sie ahnten nie etwas. Die kleinen Wieselwusel-Kreaturen und ihr so gänzlich falsches Bild von dem, was war und wie und auch warum. Sie hielten sich für so intelligent. Und dennoch sahen sie nicht über sich die Schwingen und nicht den scharfen Blick, der sie erfasste, so klar wie mancher Adler eine Maus.

Ein Lächeln glitt ganz leise übers Firmament. Zwar war es gönnerhaft, verriet jedoch auch Spuren stahlschneidenden Humors. Gütig und grausam gleichzeitig gehörte es dem Schachspieler, der seine Bauern ohne Zögern opfert, und Springer, Turm und Läufer hinterdrein, nur um der Freude an dem reinen Spiel; und auch dem Schauspieler, der seine Rolle bis ins Kleinste spielt.

Ein Lächeln, das begriff, dass Freude etwas war, das man sich machte. Sich machte und nicht gab. Zumindest nie umsonst, nie ohne die Erwartung eines Gegenzugs, der mindestens so viel an Freude wiederbrachte. Freude lag in der Durchführung des großen Plans, der sich alsbald erfüllen sollte. Pläne und Ränke schmieden wie die kleinen Menschen – mit einem Lächeln, das die Wolken silbrig schimmern ließ im Blau des Frühlingshimmels. Ein Lächeln und kein Grinsen. Ein Lächeln und kein finstrer Blick. – Kein allzu finstrer Blick.

Doch war das Leben selbst zu wild, um es zu zähmen. Die Macht hatte schon die Erwartungen beschnitten, Ziele kupiert. Ein Ziel jedoch galt es noch zu erreichen. Und nur dies Ziel, dies eine große Ziel war just noch wichtig. Das Nest zu bauen.

Hoch dort am Himmel und tief in der Erde wuchsen Sprosse, welche der Macht die Wirklichkeit grade so formten, dass sie sein würde, was sie denn sein musste. Ein Brautbett, das so groß war, die ganze Stadt in ihrer festgefahrnen Zeit zu überspannen. Und dort selbst würde Leben jäh genommen und gegeben, denn noch in keiner Dimension war irgendetwas je umsonst.

Eine geschickte Hand bereitete das Brautgemach, das sich vom einen Isarufer hin zum andren streckte. Von Nord nach Süd, von Ost nach West umfasste es die kleinen Mauselöcher der kleinen Menschen, ihrer kleinen Seelen und kleinen Sorgen und dem kleineren Verstand. Geschäftig waren sie, ganz mit sich selbst beschäftigt. Da liefen sie das Labyrinth entlang, das sie sich selbst erwählt hatten mit eigenen Zielen. Der Bäcker buk, der Schuster schusterte und selbst der Philosoph malte nur einen Tempel mit dem schmalen Pinsel menschlichen Verstandes.

Doch wussten alle sehr wohl, wie man fühlte. Ihre Gefühle glänzten, und die Begeisterung erstrahlte hell. Wie Sterne zogen die Gedanken und Ideen fort, sandten die Aura aus, den einen erst und dann den andren zu berühren. Ganz klarer Geist – so klar wie Menschen möglich. Sie konnten allenthalben mehr als sie je glaubten. Ihr Seelenfeuer brannte, flammte und griff um sich, erstarrte schließlich zu etwas, das physisch wirklich war, so wahrhaft war, dass mans zu einem Netz vertäuen konnte. Wie Faden, der im Weberschiffchen schoss, so formte es sich zu Materie.

Und wieder schwebten Schwingen still und unsichtbar. Vielleicht noch hallte heimliche Gewalt in manchem Herzen wider. Vielleicht schwang sie im Gleichklang in verstehenden Gemütern, die das Gerüst der Welt mitunter manchmal sahen, wenngleich auch nur in kleinen Ausschnitten.

Ein Lächeln senkte sich herab, zweischneidig scharf. Der großartige Geist war allzu abgelenkt durch albernes Detail. Obgleich auch diese Kleinigkeiten just zur Freude werden konnten, bedeuteten sie doch die Beschäftigung mit Nichtigkeit. Der Menschen Leben war erfüllt von Un-Vernunft. Und Feyon-Leben auch, bisweilen.

Ein weitrer Blick schwenkte über die Menschenstadt. Wie waren sie gewachsen, seit der letzte solche Blick sie einst gestreift hatte! Komplex war nun ihr Leben, schwer für sie, und doch nichts weiter als ein Regelbuch für just ein Spiel auf diesem Thespiskarren, ein Schauspiel von Gefahr und Not und Spannung, das jedes andre Spiel weit übertraf.

Und Klauen schlugen jäh durch Luft und Feuer, durch Erde und durch Wasser. Die gleichen Klauen schlugen auch nach Zeit, ohne sie jemals zu berühren. Geduld war angesagt. Die hehre Aufgabe war groß. Groß wie der Geist, der sie erfüllen würde, groß wie die Macht, die ungesehen lauerte, groß wie das Heim so fern von Zeit und Raum.

Ein Reisender sah unter sich die Welt. Konquistador einer ganz fremden Rasse und Kultur sah er die neue Welt als nur ein Spielfeld für ein Spiel der Macht. Das Zeitalter nannten die Menschen die Entdeckungszeit. Doch konnte niemand sehen, wie entdeckt sie waren.

Die Frühlingssonne kannte wohl die alte, schwere Macht. Schwingen wie diese hatten früher schon das Firmament der Erde jäh durchschnitten. Lang, lang wars her. Und Silberaugen hatten grad so kritisch dreingeblickt wie sies nun taten. Und Klauen aus Saphir hakten den Weg durch mehr als eine Wirklichkeit. Die Sonne aber wusste um den Lauf der Zeit.

Die Macht hingegen plante in das Jetzt.