Kapitel 16

„Es geht alles zu langsam“, beklagte sich die Macht.

„Es geht voran“, entgegnete Esmalyn. „Schneller konntest du es nicht erwarten. Nicht bei Menschen. Nicht bei der Vorsicht, die wir walten lassen müssen. Nicht bei dem Widerstand, den wir auslösen könnten.“

„Das Exemplar, das ich ausgesucht habe, ist nicht ideal“, beschwerte sich das Machtwesen.

„Du hast es aus einem bestimmten Grund ausgewählt“, antwortete Esmalyn.

„Ich weiß. Die Gründe haben sich nicht verändert.“

„Dann kann deine Wahl nicht schlecht gewesen sein.“

„Wie steht es mit dem, was du wählst?“

„Bist du böse auf mich, weil ich in deinem Teich nach Resten angle, Asnahid?“

„Darüber haben wir doch gesprochen. Ich wünschte, du wärst umsichtiger, und meine Wünsche sind etwas, auf dessen Erfüllung ich Wert lege. Das weißt du. Deine ungeschickten Finger in meinem Plan – das werde ich nicht zulassen. Deinen Spaß will ich dir aber wohl gönnen.“

„Das freut mich. Denn dieser Spaß ist fühlbar, wenngleich auch nicht das einzige theoretisch Fühlbare. Es ist ein großer ... Teich.“

Im weißen Licht von Nirgendwo schimmerten Schuppen, doch nur für einen Augenblick.

„Was machen wir mit den Zaubermeistern?“, fragte Esmalyn. „Sie haben einen neuen Bann um ihre Sphäre gelegt. Mitten durch den Energiefluss. Das stört. Nicht sehr, aber immerhin spürbar. Sie haben Verluste erlitten. Das hat ihre Neugier angestachelt. Es gibt wahrlich nichts Ermüdenderes als die angestachelte Neugier eines menschlichen Meisters des Arkanen. Sie ist eine Naturgewalt von den Ausmaßen einer Mure.“

„Ihr Wissen ist unzulänglich. Niemand weiß über uns Bescheid. Auch ist es wohl nicht mein Kommen und Gehen, das sie wahrnehmen.“

„Bist du dir sicher?“

„Nicht vollends.“

„Als du schon einmal Ähnliches versucht hast, gab es Menschen, die dich entdeckten.“

„Frauen. Ihr Wissen ist verloren. Ihr Talent liegt brach. Menschenmänner sind so schlecht darin, weibliche Konkurrenz zu ertragen, dass sie die wissenden Frauen zusammen mit ihrem Wissen vernichtet haben. Es können nicht viele übrig sein.“

„Vielleicht nicht. Doch das Arkane ist Energie, und Energie verschwindet nicht spurlos.“

„Halte mir keine Vorlesungen. Ich bin selbst Spezialist. Ich webe Energie. Ich strukturiere sie und balle sie zusammen. Ich baue Welten damit. Ich habe deine gebaut.“

„Ich weiß, meine Macht. Ich weiß es und bin dankbar. Sie ist schön.“

Die Umgebung war eine enggestrickte Realität, die in perlmutterner Schönheit schimmerte. Sie war von intensiver Schönheit, zumal sie unbelastet blieb von Begrifflichkeiten wie oben und unten, nah oder fern, jetzt oder zu anderer Zeit.

Die Macht ruhte aus. Esmalyn war herangekrabbelt und schmiegte sich an, schwarz an weiß.

„Wir sind ein schönes Paar“, sagte Esmalyn und liebkoste das Weiß mit den Klauen.

„Das sind wir“, entgegnete Asnahid. „Deine Schönheit wird von mir in all ihrer Besonderheit wahrgenommen, Esmalyn-Kleines. Du liebst mich jetzt schon sehr lange.“

„Ich werde dich ewig lieben. Auf meine bescheidene, besondere Art.“

„Ich weiß. Doch ‚ewig ist eine ungenaue Definition.“

„Dennoch könnte ich nicht präziser sein.“ Esmalyn seufzte und rieb die Köpfe sanft an ihrer bisherigen und zukünftigen Liebe. „Du nimmst es zu genau mit der Präzision, Asnahid-Mächtiges.“

„Wir, die wir von meiner Art sind, waren stets so.“

„Ich weiß. Ich bewundere dich dafür. Ich verlasse mich lieber auf Instinkt und Spontaneität. Chaos ist die reine Kunst.“

„Dein Instinkt ist gut ausgeprägt. Doch was ist Instinkt, wenn nicht die Summe allen Wissens, aller Wünsche und aller Erfahrungen der Welt geteilt durch die Anzahl ihre Wesen und zurückgeführt in die Wahrnehmung eines Einzelnen.“

Die Spinne kicherte.

„Was für eine Definition. So habe ich das noch nie betrachtet, Asnahid-Mächtiges. Ich hätte Instinkt eher als die Fertigkeit gesehen, zu fühlen, was man will, während die Spontaneität uns ohne Verzug genau das verschafft. Deine Definition klingt schon beinahe menschlich in ihrer Verankerung in abstrakten Begriffen.“

Das Mächtige schnaubte verächtlich.

„Dennoch werden unser beider Definitionen von dem getragen, was die Menschen das Arkane nennen. Somit mögen sie in der Tat kongruent sein, sobald man sich jemals auf eine einzige Definition dessen einigen könnte, was das Arkane im Grunde ist.“

„Oh, Asnahid. Sei so gut und verschone mich mit der Definition eines so menschlichen Konzeptes. Ich interessiere mich für Kurzweil, Erfüllung, Befriedigung – alles, was meinen Hunger stillt.“

Asnahid lachte leise.

„Was für eine raubgierige kleine Kreatur du doch bist, mein Süßes. Gefällt dir München bislang?“

„Gewiss. So viele Seelen, eingepfercht unter Dächern, die ineinander übergehen. Alle sind sie für mich angerichtet. Ich lebe gut.“

„Dennoch gehören gewisse Genüsse nicht auf deine Speisekarte. Also übernimm dich nicht. Du weißt, was ich meine.“

„Man kann sich nur übernehmen, wenn man natürliche Grenzen hat, Asnahid.“

„Wer versucht sich jetzt an einer unnützen Begriffsbestimmung?“

Wieder kicherte Esmalyn.

„Wildere ich in deinem Revier, Asnahid?“

Ein säuretriefendes Lächeln sickerte durch die weiße Realität.

„Gib gut acht, dass du das nie tust, Esmalyn-Kleines. Gib gut acht.“

„Ich komme dir nicht in die Quere. Ich will deine Liebe und nicht deine Saphirklauen in meinem Herzen.“

„Ich freue mich über deinen Respekt.“

„Ich freue mich über deine Großmut.“

„Verlass dich nicht darauf. Meine Klauen in deinem Herzen sind mehr als eine bloße Metapher.“

„Ich werde diese Warnung in besagtem Herzen bewahren. Wie eine liebgewordene Erinnerung.“

„Tu das, damit aus dem Andenken nicht ein Angedenken an dich wird. Tu einfach, was ich sage. Möglichst, ohne romantisch zu werden. Romantik als Konzept ist mir noch sehr uneingängig. Eine schwierige Angelegenheit. So ungenau.“

„Ich fürchte, wir werden bald zurück müssen“, seufzte Esmalyn.

„Ja.“

„Ich wollte dir nur noch sagen, wie unerhört gut du in diesem Spiel bist. Werde nicht ungeduldig. Einen Horst zu bauen braucht Zeit. Ihn in menschlicher Realität zu verankern braucht menschliche Zeit. Du bist nicht daran gewöhnt, dass diese vergehen muss.“

„Das stimmt. Doch ich muss auch sagen, dass das Spiel mir Spaß macht. Seine inhärente Komplexität ist zutiefst befriedigend. All die Gedanken, Seelen, Wünsche und Regeln. All diese unglaublichen Hemmungen, die um die Wesen installiert sind. Ich gestehe, von der Ungeduld, mein Ziel zu erreichen, einmal abgesehen, freue ich mich tatsächlich ... des Lebens.“

„Dessen Regeln hast du in der Tat gut gelernt. Dennoch sagt mir mein Instinkt, dass wir noch auf Widerstand stoßen werden, ehe dies alles vorüber ist.“

„Widerstand gestatte ich nicht.“

„Gut.“