Kapitel 11
Sie traf ihn im Dunkeln. Seine grauen Augen blitzten, als er sie anblickte. Er nahm sie bei der Hand und führte sie durch die sternenbeschienene Mondnacht. Eine Burgruine aus silberweißem Stein glänzte in einem verborgenen Tal, wartete auf sie. Er führte sie durch die dachlosen, offenen Gemächer, und sie spürte moosweiches Gras unter den nackten Füßen.
Es erstaunte Catrin, dass sie ohne Schuhe und Strümpfe losgegangen war, und sie konnte die Standpauken sowohl ihrer Stiefmutter als auch der Gouvernante schon fast hören. Was sie tat, war ungehörig. Sie sah auf ihre Füße, von ihnen perlte silbriger Tau. Sie trug nichts außer ihrem Nachthemd und der Nachthaube, merkte sie nun, und der feine, weiße Stoff spiegelte das Mondlicht wieder, das auf sie niederfiel.
Sie blieb stehen. Er wandte sich zu ihr um, sein Lächeln durchdrang sie. Freundlichkeit stand in seinen Augen, Zuverlässigkeit. Liebe zog an ihr.
„Komm nur, mein topasäugiger Liebling“, sagte er. „Wir sind fast da.“
Ein Finger fuhr an ihren Lippen entlang, öffnete sie, eroberte ihren Mund. Sie tat nichts, stand nur da und ließ es geschehen und wunderte sich, warum es ihr gefiel, von ihm derart berührt zu werden. Sie hob den Kopf ein wenig, erwartete von ihm geküsst zu werden, doch er blickte nur auf ihr Gesicht hinunter, begann es mit allen zehn Fingern zu erforschen. Dann fuhren seine Hände in ihr Haar, das sie zu einem Zopf geflochten unter der Nachthaube trug.
Er nahm sich Zeit, ihr die Nachthaube vom Kopf zu ziehen. Dann strich er langsam durch ihr Haar, öffnete es, ließ es über ihren Rücken hinunter fallen. Helle Kupfersträhnen in einer Welt, in der es sonst nur Schwarz, Weiß und Silber gab. Es passte nicht. Sie griff nach seinem Haar, das weiß im Licht schimmerte, wie Schnee so rein. Es fühlte sich wie teure Seide an, vielleicht noch glatter.
„Komm!“, sagte er noch einmal, und seine Einladung war seltsam zwingend. „Wir sind fast da.“
Durch ein Labyrinth aus nachtglänzenden, zerbrochenen Bogengängen führte er sie zum Mittelpunkt des Schlosses. Sie konnte die Sommernacht riechen, und ihr fiel ein, dass es doch erst Frühling war und dass ihr kalt sein sollte.
Doch es war warm.
Eine Quelle entsprang aus der Mitte. Sie plätscherte neben einer Säule hervor und jemand hatte einen Kelch daneben hingelegt. Er kniete sich hin, füllte den Kelch mit frischem Wasser. Mit beiden Händen hielt er ihn ihr entgegen, während er immer noch vor ihr kniete, und sie stellte mit einem Mal fest, dass er vollkommen nackt war. Es war ihr noch gar nicht aufgefallen. Ihr Blick wanderte von seinem perfekten Gesicht über seine haarlose Brust bis zu seiner privatesten Stelle, und sie bemerkte Körperteile, die sich von den griechischen Statuen, die sie in der Glyptothek gesehen hatte, doch um Einiges unterschieden. Zum einen fehlte das Feigenblatt. Feigenblätter hätten auch nicht ausgereicht.
Ihre kunsthistorischen Ausflüge hatten sie keinesfalls auf die speerartige Perfektion vorbereitet, die aus seinem silberweißen Haar ragte. Sie wandte den Blick ab, sah zum Vollmond. Den Mond anzusehen konnte nicht verkehrt sein. Ihr Herz schlug schuldbewusst vor Scham.
„Trink das, kleine Catrin“, lächelte er, und sie wusste, dass der Kelch süßen, goldenen Wein enthielt.
Sie trat zurück. Plötzliches, unerklärliches Verlangen riss an ihr, verleitete sie fast, den Kelch zu leeren, sich zurückzulehnen und sich von seinen weißen Händen berühren zu lassen.
„Hast du Angst vor mir?“, fragte er, und seine Stimme plätscherte wie die Quelle. Ein Anflug von Humor lag in seinen Augen.
Nein wollte sie sagen. Ja wäre die Wahrheit gewesen. Sie nahm ihre eigene Atmung übermäßig laut wahr, stellte fest, wie rhythmisch sie war. Er fasste sie nicht einmal an, und doch fühlte sie sich liebkost. Der Nachtwind fuhr ihr die Beine empor, strich über ihre Haut, ließ ihr Nachtgewand flattern wie Segel im Wind. Ein kühler Lufthauch streichelte sie mit sanfter Präzision. Ihre Haut prickelte, und sie fand die intime Berührung des Windes ein wenig peinlich.
„Es ist ganz einfach, mein Liebchen“, sagte er. „Wenn man es mit deinem sonst so schwierigen Leben vergleicht, ist es wahrlich einfach. Ich spüre, dass du es willst. Du. Willst. Dein Wollen brennt aus dir hervor. Lass es heraus. Komm, trink meinen Wein.“
Sie liebte ihn. Dessen war sie nun sicher. In diesem einen besonderen Moment war der Zweifel daran verflogen.
Dann war ihr Nachthemd verschwunden, flog in der sanften Brise davon, dabei konnte sie sich nicht einmal erinnern, es über ihren Kopf gezogen zu haben. Ganz sicher hätte sie so etwas nicht getan.
Sie sah an sich hinab. Ohne Taschentücher im Ausschnitt sah sie nur dünn und unbeeindruckend aus. Zu jung. Zu unreif. Nicht wie man mit siebzehn aussehen sollte, wenn man schließlich im heiratsfähigen Alter war. Kleidung hatte wahrlich etwas für sich. Sie schützte. Doch nun war sie ohne Schutz. Sie errötete beim Anblick ihrer kleinen weißen Brüste. Irgendwo in ihr lauerte die Überzeugung, dass sie dies hier nicht tun sollte, nichts davon. Dass es verboten war. Ihr Vater würde es nie gestatten. Ihre Stiefmutter würde es verhindern. Ihre Gouvernante würde es gar nicht erst zulassen.
Sie trat wieder vor, ihr Blick schweifte unstet von hier nach da, hin zu seiner Männlichkeit, dann wieder fort. Sie wollte sie nicht sehen, dabei war sie alles für sie. Sie würde seinen Wein trinken und sein Verlangen stillen. Doch sie sollte solche Gedanken nicht denken. Sie sollte nicht einmal wissen, wie man sie dachte.
Sie hatte Angst, doch ihre Liebe hielt ihr das Herz zusammen. Sie hielt sich daran fest, fand sie jedoch schwer zu fassen und beinahe schlüpfrig.
Noch ein Schritt. Die Zehen ihres linken Fußes berührten sein Knie. Seine Haut war mondblass und kühl. Nun betrachtete sie eingehend seinen schönen Körper, er war elegant, muskulös und doch schlank. Er würde sie aufsuchen, und sie würde ihn willkommen heißen. Sein langes weißes Haar spielte im Wind, seine Augen schienen ihren Anblick förmlich aufzusaugen.
„Nimm meinen Wein, meine Jungfrau“, sagte er, hielt noch immer den Kelch, der unterdessen schwarz geworden war. Der Wein roch würzig und viel zu süß, nach Honig und Zimt. Sie nahm den Becher mit beiden Händen, akzeptierte ihn und hielt ihn, spürte, wie er vor Leben pulsierte, warm, beinahe heiß. Das ließ sie einen Moment lang innehalten. Das konnte doch nicht richtig sein!
Das Relief eingravierter Lebewesen bewegte sich in ihren Händen.
„Du darfst dich nicht fürchten“, sagte der Grauäugige und lächelte. „Du willst doch mutig sein. Ich brauche deinen Mut. Sei mutig für mich.“
Sie fragte sich, wie Wein aus einem Becher schmecken würde, der auf irritierende Weise lebte. Sie mochte das Ding nicht ansehen. Als sie den Kelch hob, strich etwas daran entlang, als wolle es in ihren Mund vordringen.
Sie hielt inne, ihre Hände zuckten zurück.
„Warum muss ich das trinken?“, fragte sie und fand mit einem Mal, dass sie die Präliminarien gerne übersprungen hätte zugunsten dessen, wonach ihr Körper sich sehnte. Ihrer und auch seiner.
Oder vielleicht wollte sie ihm den Becher auch lieber zurückgeben und nichts von alldem wahrhaben. Sie hätte gar nicht kommen sollen. Sie wusste nicht einmal, warum sie hierhergekommen war, und ihr fiel auf, dass sie auch nicht wusste, wie sie hierhergekommen war. Warum war es nur so gänzlich unmöglich, darüber auch nur nachzudenken, dass sie besser gehen sollte? Sie wollte ihn nicht verlassen. Ihr Herz schlug in seinem Rhythmus. Sie liebte ihn. Liebe. Das war also Liebe.
Er kniete immer noch vor ihr, und sie trat noch einen Schritt nach vorn, stellte ihre Füße zu beiden Seiten seiner Knie. Sie wollte mutig sein, da hatte er recht. Sie würde auf die Herausforderung eingehen. Seine Hände, die nun nicht mehr den Becher hielten, strichen langsam über ihre Fußknöchel nach innen und dann am Innenbein hinauf. Ganz langsam. Unendlich langsam. Sie bebte vor Erwartung, dass er sein Ziel erreichen möge, doch bislang streichelte er nur ihre Kniekehlen. Als seine Finger langsam die Reise nach oben fortsetzten, beantwortete er ihre Frage, die sie vor scheinbar sehr langer Zeit gestellt hatte.
„Du musst es trinken, weil ich es wünsche.“
Seine Hände näherten sich dem Ziel, und sie seufzte beinahe erschreckt bei der Aussicht, dass seine sanften Hände bald das Zentrum ihres Innersten und Geheimsten erreicht haben würden. Das durfte nicht geschehen. Ihre Füße blieben wie festgewachsen stehen, doch beinahe wäre sie davongestoben. Dies war falsch. Dies überschritt alle Grenzen, lief allem zuwider, was man ihr je beigebracht hatte. Während sie noch versuchte, ihre wirbelnden Gedanken zu fassen, hielten seine Hände endlich an und begannen einen langsamen Tanz auf allzu empfindsamem Fleisch. Sie seufzte, zitterte.
Sie musste fliehen. Sie musste fort. Jetzt. Sie sehnte sich nach ihm. Gleich hier. Sie liebte ihn so sehr. Ihre Füße bewegten sich nicht. Hielt er sie fest? War er es, der ihre Flucht verhinderte? Oder war sie es selbst? Seine Liebkosungen verwirbelten ihre Gedanken.
„Trink den Wein, Kleines!“
Wieder hob sie den Kelch. Er war in ihren Händen lebendig geworden, schlängelte sich gegen ihre Haut wie ein Vipernnest.
„Trink den Wein, Kleines“, sagte er, und Expertenfinger kamen immer näher an den Ort, an den sie nicht hingehörten. Ein dünnes, verwirrtes Schluchzen entkam ihrer Kehle, und er erklärte: „Du musst mir dein Vertrauen beweisen. Ich brauche es.“
Eine winzige gespaltene Schlangenzunge küsste ihre Lippen, und sie ließ fast den Kelch fallen. Im gleichen Moment beugte er sich vor, um jenen Ort zu küssen, an dem seine Pianistenfinger die Mondscheinsonate spielten.
Eine Tür flog auf und schlug gegen die Wand. Licht drang in ihr Zimmer. Erschrocken setzte sich Catrin auf und vernahm das Echo eines langgezogenen, lauten Schreis. Sie selbst hatte geschrien.
In ihrem eigenen Bett war sie aufgewacht. Es war mitten in der Nacht. Ihre Stiefmutter stand am Fußende des Bettes und starrte sie an. Dann trat sie näher und drehte das Gaslicht hoch.
„Musst du einen solchen Lärm machen? Du weckst ja das ganze Haus auf! Was ist denn geschehen? Bist du nicht schon ein wenig zu alt, um deine Eltern mit nächtlichem Geschrei wach zu halten?“
Catrin starrte sie nur an und versuchte zu begreifen, ihre Gedanken zu ordnen, ihr Gemüt zu beruhigen. Sie merkte, dass sie glühte wie im Fieber. Sie spürte auch deutlich die Reste des Verlangens in ihrem Körper brennen und an ihr zerren. Doch da war kein Lord Edmond, kein Kelch und keine Erfüllung, absolut keine Erfüllung.
Sie hatte geträumt.
„Nun?“, drängte Lucilla. „Hast du die Sprache verloren?“
„Ich habe ... geträumt.“
„Dann tu das bitte in Zukunft, ohne den gesamten Haushalt zu wecken.“
„Aber es war ein besonders ...“
„Was hast du geträumt?“
Es war undenkbar, Lucilla den Inhalt ihres Traumes zu beichten.
„Es ... war irgendwie anders.“
„Ich bitte dich inständig, dir in Zukunft ‚andere‘ Träume zu versagen, wenn sie zur Schlaflosigkeit der gesamten Familie führen. Ich empfehle dir zudem, dich ab morgen nur noch mit kaltem Wasser zu waschen und kalt zu baden. Es heißt, das wäre ein ausnehmend gutes Mittel gegen ‚andere‘ Träume. Ich werde die Dienerschaft anweisen, dir fürderhin kein warmes Wasser mehr zu bringen. Jetzt schlage ich vor, dass du dein Gebetbuch zur Hand nimmst und darin mindestens zehn Minuten liest, bevor du versuchst weiterzuschlafen. Sieh zu, dass du uns nicht noch einmal weckst.“
Die Dame des Hauses drehte sich um, schritt durch die Tür und schloss sie hinter sich.
Durch die Tür konnte Catrin die Stimme ihres Vaters hören. Er klang müde.
„Was war denn?“
„Nichts. Das Kind hatte einen Alptraum. Sie ist in einem schwierigen Alter. Geh wieder ins Bett.“
„Vielleicht sollte ich ...“
„Jetzt bestärke sie nicht noch. Die entnervenden Wachstumszyklen heranwachsender weiblicher Wesen überlässt man am besten anderen weiblichen Wesen. Glaub mir, du kannst da gar nicht helfen. Sie ist verwirrt genug, ohne dass du dich noch einmischst.“
„Du weißt es gewiss am besten, meine Liebe.“
„Ich weiß es ganz bestimmt am besten. Geh ins Bett. Ich komme gleich nach. Ich will nur kurz mit Miss Colpin sprechen.“
„Komm doch lieber gleich mit, Lucilla, meine Wunderbarste. Ich bin sicher, dass eine Diskussion mit der Gouvernante bis morgen warten kann. Du wirst sie nur aufwecken.“
„Liebling, ich bin ganz sicher, dass sie nach all dem nicht mehr schläft.“
„Da magst du recht haben.“
Catrin hörte ihren Vater auf der Treppe in den ersten Stock. Dort war das elterliche Schlafzimmer. Die Schritte ihrer Stiefmutter auf dem Teppich waren zu leise, aber sie zweifelte nicht daran, dass sie nun zu Miss Colpin gehen würde, deren Zimmer genau neben ihrem eigenen lag.
Plötzlich war sie entschlossen, sich anzuhören, was da wieder über ihren Kopf hinweg debattiert wurde. Sie schlich zum Fenster und lehnte sich hinaus. Erst jetzt fiel ihr auf, dass es tatsächlich offen stand. Hatte sie es nicht geschlossen, bevor sie zu Bett gegangen war? Sie war sich nicht mehr sicher.
Die kalte Nachtluft biss in ihre Haut, doch diesmal war ihr das egal. Sie lauschte angestrengt, konnte aber nichts hören.
Es mochte an dem Traum liegen, der ihr den Sinn für die Wirklichkeit und deren Gefahren vernebelte, doch sie schwang die Beine auf das Sims, das unter dem Dach um das Haus lief. Dann kroch sie darauf entlang. Einen Moment später wurde ihr klar, was sie da tat. Es war unglaublich. Sie sollte sofort zurückklettern. Sie würde nur abstürzen – oder erwischt werden. Diese Frauen hatten sie noch immer und bei allem erwischt.
Sie griff nach der Nacht wie nach einem Plumeau, unter dem man sich verstecken konnte. Die Nacht und die Entfernung zum Boden, ihr Gewissen und ihre Verwirrung ließen sie zittern. Dennoch fühlte sie sich fast sicher, wie in eine undurchlässige Decke gehüllt. Das Gefühl war unheimlich.
Das nächste Fenster war nicht weit entfernt, und nun konnte sie Stimmen hören.
„Deine Aufgabe ist es, das Kind zu kontrollieren“, hörte sie Lucillas Stimme. „Du weißt, wie wichtig und notwendig das ist. Dafür bist du hier. Aus keinem anderen Grund.“
„Ich tue, was ich kann. Auf meine Weise.“
„Ich werde nicht zulassen, dass sie den ganzen Haushalt rebellisch macht. Lybratte ist ein vielbeschäftigter, wichtiger Mann. Ein brillanter Mann. Er braucht seinen Schlaf. Es ist wichtig, dass er … bei Kräften bleibt. Er ist kein Jüngling mehr, und das Letzte, das ich will, ist, dass er sich um das Kind Sorgen macht und damit abgelenkt wird. Je weniger er an sie denkt, desto besser.“
„Sie hat sich heute sehr aufgeregt. Ich habe es dir doch berichtet, meine liebe … Frau Lybratte.“ Die Stimme klang sanft, doch keineswegs so servil wie sonst. Ein unzufriedener Unterton schwang darin mit, ließ die Gouvernante eher gereizt denn respektvoll erscheinen. Mitten in der Nacht geweckt zu werden hatte die Laune der Lehrerin offensichtlich nicht verbessert. Auch duzten sich die beiden Frauen sonst nie. Seltsam.
„Warum hast du ihr nicht einfach gesagt, dass wir das Klavier in den Salon gebracht haben, damit es dort für die Jours fixes bereitsteht? Das hätte uns den albernen Wutanfall erspart. Sie wäre auch nicht auf die Idee gekommen, uns als Hexen zu bezeichnen.“
„Amüsiert dich das nicht?“
„Gewiss nicht, wenn es das einzige Ergebnis all der sorgfältigen Erziehung ist. Ganz besonders nicht unter den gegebenen Umständen. Du sollst dich um ihr Talent kümmern. Wir werden es brauchen. So wie es ist, unverdorben und klar. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, müsste ich dich fragen, was du mit deiner ‚Erziehung‘ eigentlich bezweckst.“
„Ich dachte, eine Modifikation der Methode …“
„Deine methodischen Experimente will ich dir nicht versagen. Ich weiß, dass du gerne Resultate siehst, und du weißt, dass ich dich gewähren lasse. Doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Methoden hin, Methoden her, wenn sie das Gegenteil dessen bewirken, das wir bewirken wollen, dann muss das aufhören. Die Situation hat ihre Risiken. Die Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, sind vielschichtig. Du weißt, was uns noch alles bevorsteht und wie riskant es sein kann. Also bitte. Enttäusche mich nicht.“
Catrin hörte eine Tür. Sie kauerte ganz still auf dem schmalen Sims und fühlte mit einem Mal die eisige Frühlingsluft durch ihr dünnes Gewand pfeifen. Die Nacht mochte eine Decke sein, doch sie schenkte einem keine Wärme. Aprilnächte waren kalt, und auf architektonischen Ziersimsen herumzuklettern war etwas für Knaben und nicht für junge Damen. Undenkbar, und zudem sinnlos.
Nun hatte sie also gelauscht, und es hatte ihr nichts eingebracht. Nutzloses Zeug, unverwendbar.
Was planten sie bloß? Den Erfolg ihres Vaters? Ihr eigenes Fortkommen? Was waren die Risiken, von denen sie geredet hatten?
Welches Talent? In all den Unterrichtsstunden, die sie durchlitten hatte, war ihr kein besonderes Talent aufgefallen, das man gefördert hätte. Im Grunde hielt man sie nur pausenlos beschäftigt.
Vorsichtig kroch sie zurück zum Fenster und schlüpfte wieder in ihr Zimmer. Sie schlotterte vor Kälte. Sie schloss das Fenster und hielt den Griff fest, presste die Stirn gegen das Glas. Die dunkle Nacht draußen stellte mit einem Mal keinen Schutz mehr dar, sondern eine Bedrohung. Kein Trost war mehr aus ihr holen. Trost war draußen geblieben, nichts als eine heimtückische Illusion, eine hinterhältige Phantasterei, die ihrem dummen Kopf entsprungen war.
Jetzt spürte sie sie wieder, die schwarzen, monströsen Kreaturen, die in ihrem Gemüt auf sie lauerten, hinter ihrer eigenen Wahrnehmung Verstecken spielten. Dornig waren sie, dürrbeinig krabbelten sie geschwind an der Außenkante ihrer Phantasie entlang. Ganz nah. Viel zu nah. Sie gehörten zur Nacht, in der sie sich zu verstecken versucht hatte.
Sie schauderte und überprüfte die Fenster noch einmal. Mit einer entschlossenen Bewegung zog sie die Vorhänge zu.
Wenn sie ernsthaft darüber nachdachte, hatten Lucilla und Miss Colpin vermutlich recht. Sie hatte wirre, verrückte und völlig ungehörige Träume, sie kletterte auf dem Fenstersims außen an der Hauswand entlang, um ihre Stiefmutter zu belauschen – und das mitten in der Nacht. Sie fühlte sämtliche Unholde aus den Märchenbüchern auf sie warten. Vielleicht brauchte sie wirklich experimentelle Erziehungsmethoden – und Harfenunterricht. Harfe sollte gemeinhin beruhigend auf die Seele wirken.
Konnte es sein, dass sie verrückt war? Vielleicht hielt man sie der besseren Gesellschaft fern, weil sie eine Irre war und längst dabei, ihr bisschen Verstand zu verlieren. Träume wie dieser waren nicht normal, und Ängste wie diese auch nicht. Nur, warum hatte es früher keiner bemerkt?
Sie krallte sich in ihr Kissen, als die Erinnerung an ihre Traumvision über sie hereinbrach. Sie bebte wie im Fieber. Was für ein Traum! Sie fühlte sich zwischen Ekel, Angst und schwelender Begierde hin- und hergerissen. Sie dachte an die gestrige Begegnung mit Lord Edmond, und fragte sich, wie ein einziges Aufeinandertreffen dazu führen konnte, dass sie so unerhört lebendig von ihm träumte, dass sie solch gänzlich verkommene und verderbte Gedanken hatte. Selbst das Wissen um die physischen Details, die sie in ihrem Traum erfahren hatte, kam überraschend. Nichts davon hatte sie gelernt oder erfragt oder auch nur erraten. Nichts hatte sie darauf vorbereitet, so viel über ein Vorgehen zu wissen, über das man nicht sprach. Verheiratete Damen kannten sich aus. Schulmädchen allerdings wurden nicht dazu angehalten, sich entsprechendes Wissen zu verschaffen. Dennoch hatte sie sich in völliger Klarheit alle Einzelheiten einer Begegnung vorstellen können, die an Amoral und Verderbtheit nicht zu überbieten war. „Trink meinen Wein ...“. Sie versuchte die Erinnerung an seine Stimme aus ihrem Kopf zu zwingen, doch der Hall verflog nicht.
Sie liebte diese Stimme, die so dicht war wie die Decke aus Nacht, in die sich einzuhüllen sie versucht hatte. Geisteskrank. Debil. Labil. Verrückt. Tobsüchtig. Toll. Sie musste diese Gefühle abstellen und verbergen, wenn sie nicht in einer Anstalt enden wollte, wo man ihr für den Rest ihres Lebens kalte Wassergüsse verpassen würde.
Dennoch zweifelte sie keinen Augenblick daran, dass Männer genauso gebaut waren wie ihr weißhaariger Liebster in der Burgruine. Doch hätte sie das nicht wissen dürfen. Genauso wenig wie sie wissen durfte, was sie so sehr mit Verlangen erfüllte, dass sie beinahe Schlangen dafür küsste und Gift dafür trank.
Wein, korrigierte sie sich. Es war Wein. Die Schlange war außerdem nur eine Metapher für ihr eigenes sündenbeladenes Gewissen, das ihr eine Warnung zukommen ließ. Auf poetische Weise mochte dies beinahe einen Sinn ergeben. Man hatte sie zu einem anständigen, braven Mädchen erzogen. Das Anständige und Brave in ihr hatte seine eigene Art, ihr mitzuteilen, dass ihr Verlangen sündig war – selbst in einem Traum.
Nur ein Traum?
Sie versuchte, ihn zu analysieren, wie sie es mit einem Prosatext tun würde, holte sich dazu die geschliffene Stimme ihrer Gouvernante ins Gedächtnis wie eine Waffe gegen die Intensität der Erinnerung, die sie zu überwältigen drohte. Sie wuchs zu einer Frau heran. Sie hatte einen jungen Mann kennengelernt, der ihr Herz berührt hatte. Denn das hatte er getan. Sein Lächeln sandte einen Gruß durch ihr Gedächtnis, und mit einer entschlossenen Bewegung setzte sie sich auf, stellte das Gas höher und griff sich einen Band französischer Märchen. Sie öffnete das Buch. „La Belle et la Bête – die Schöne und das Biest“, lautete die erste Überschrift. Sie schloss das Buch wieder und nahm sich das Gebetbuch vor.
Lucilla war klug. Sie hatte die Gefühle ihrer Stieftochter haargenau erraten. Doch schließlich war sie eine verheiratete Frau und musste ihre fleischlichen Gelüste nicht in Träumen ausleben. Der geheimnisvolle Palast sinnlichen Vergnügens musste für sie nicht in einem nachtverbrämten Tal versteckt bleiben, belagert von schlangenzüngigen Metaphern.
Das Gesicht ihres Vaters kam ihr in den Sinn, und sie stieß die Erinnerung mit einem schuldbewussten Gefühl von sich. Er durfte seine Tochter keinesfalls so wahrnehmen, in einem Zustand, in dem eine Erinnerung sie als unmoralisch und verkommen bloßstellte. Kein braves kleines Mädchen. Kein normales Mädchen.
Überhaupt kein kleines Mädchen. Eines hatte der Traum bewiesen: Ins Kinderzimmer gehörte sie nicht mehr. Sie fragte sich, ob das Kinderzimmer nicht vielleicht gar kein so schlechter Ort war. Ein sicherer Ort für eine Raupe, die dabei war sich zu verpuppen. Catrin, die Schmetterlingspuppe.
Vielleicht war es ja schön, zum Schmetterling zu werden? Doch es mochte weitaus besser sein, sich zu verstecken als sich auf einmal mit dem Schicksal konfrontiert zu sehen, dass sie nichts weiter als ein hässlicher Nachtfalter war, braun und haarig mit nichts im Kopf als dem Ziel, sich in die zuckenden, tödlichen Flammen zu stürzen und zu verbrennen.
Sie hob den Blick vom Gebetbuch. Keines der Worte, die dort gedruckt standen, hatte ihren Verstand oder ihr Herz erreicht. Ihr Verstand war durcheinander, und ihr Herz war besetzt. Weißes Seidenhaar flatterte im Nachtwind.