Kapitel 10

„Gehst du heute nicht in die Loge?“, fragte Thorolf. Er war in einen abgetragenen Brokathausmantel gehüllt, der verriet, dass er wohl vermögend genug war, sich wirklich ausgefallene Modeschöpfungen zu kaufen, aber nicht vermögend genug, dies regelmäßig zu tun. Die Kastanienlocken standen ihm ungekämmt vom Haupt ab, seine grauen Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengepresst, als wäre die Morgensonne, die hell durchs Fenster hineinschien, der Feind. Thorolf hasste den frühen Morgen. Er war schlichtweg zu grell.

Sein Wohnungsgenosse sah bereits ordentlich, adrett und vorzeigbar aus. Seine düstere, konservative Kleidung, der hohe, gestärkte Kragen, die graue, ungeschmückte Krawatte, schwarze Weste und Gehrock, all das stand in völligem Kontrast zur übermäßigen Farbigkeit von Thorolfs Stil à légyptien. Er besaß passend dazu sogar einen Fez, doch er kam sich darin töricht vor. Diese orientalische Mode war aufgekommen, als die Suezkanal-Gesellschaft mit ihrem ungeheuren Unterfangen begonnen hatte, einen Ozean mit dem anderen zu verbinden.

McMullens rotblondes Haar war kurz, brav und ordentlich gekämmt, sein kleiner rötlicher Schnurrbart sah so gleichmäßig gestutzt aus, als hätte ihn ihm jemand ins Gesicht gemalt. Er wirkte ernsthaft, viel zu ernst für seine Jugend. Er war um einige Jahre jünger als Thorolf, dennoch gelang es ihm, älter und weiser zu wirken, dabei hätte wegen seiner kleinen Statur im Grunde das Gegenteil der Fall sein müssen.

Er war zudem Frühaufsteher, und Thorolf war das keinesfalls. Es machte ihm allerdings auch nichts aus, denn Ian verstand es, sich beinahe lautlos zu bewegen.

„Nimm dir eine Tasse Kaffee, Treynstern!“, schlug der junge Schotte vor und gab dem größeren Mann die Kanne.

„So viel Extravaganz mitten in der Woche“, spottete Thorolf und holte sich eine Tasse. Sie hatten sich einige wenige Regeln zu eigen gemacht, an die sie sich – eigentlich – halten wollten. Doch in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens hatte sich bereits herausgestellt, dass keiner von ihnen Regeln ohne Ausnahmen akzeptierte. Kaffee nur sonntags. Kräutertee, so waren sie übereingekommen, würde für Wochentage völlig ausreichen. Nun schienen sie noch über schier unerschöpfliche Vorräte an Kräutertee zu verfügen, während der Kaffeevorrat schon bald zur Neige ging.

Soweit zu Regeln. Nicht dass Thorolf besonders gut darin gewesen wäre, sich an Regeln zu halten. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass diese im Grunde etwas für andere Leute waren, für Leute, die nicht so waren wie er. Das war natürlich nicht richtig. Regeln galten für jeden. Nur war es ihm erstaunlich oft gelungen, diejenigen, die ihn störten, auch erfolgreich zu ignorieren.

„Aye, das ist über die Maßen verschwenderisch. Meine Mutter wäre schockiert.“ Ians Grinsen wirkte ein wenig wehmütig. „Aber sie hat die letzten eineinhalb Jahre nicht aufgehört schockiert zu sein – meinetwegen. Also macht das mit dem Kaffee vielleicht auch keinen Unterschied mehr.“

„Da die Welt ohnedies voller Verschwendung ist, sollten wir dringend dafür sorgen, dass, wenn schon verschwendet wird, wir wenigstens etwas davon haben und nicht etwa andere“, entgegnete Thorolf ebenfalls mit einem Grinsen und nahm einen tiefen Schluck. „Wunderbar. Es geht doch nichts über süßen, starken Kaffee, um seine entkräfteten Lebensgeister wieder auf Vordermann zu bringen. Die Magie der Kaffeebohne.“

Er setzte sich seinem Freund gegenüber hin – denn in der Tat hatte er den jungen Schotten als Freund akzeptiert – und gab sich Mühe, nicht allzu wild auf dem Stuhl herumzuwackeln. Die Wohnung war möbliert und die gestellten Möbel bestenfalls aus zweiter Hand. Die Stühle waren schwächer, als sie aussahen. Thorolf war schlank, doch er war überdurchschnittlich groß und bei Weitem athletischer, als man das von ihm erwartet hätte. Er war schwerer, als er aussah.

„Ich bin sicher, du wirst feststellen, dass der Effekt von Kaffee chemischen und nicht magischen Eigenschaften zuzuschreiben ist.“

„Wie auch immer. Jedenfalls ist er ein wahres Lebensblut für mich.“

Ians Braue hob sich, und der Student grinste denn Künstler amüsiert an.

„Sehr passend ausgedrückt, mein lieber Treynstern. Abstammungsgerecht.“

Thorolf sah ihn verwirrt an und versuchte den tieferen Sinn darin zu ergründen, was Kaffee mit Österreich zu tun haben könnte. Das stille Grinsen des anderen verstand er nicht.

„Also“, fuhr er fort, als ihm keine Erklärung für die Ausführungen des Schotten eingängig wurde. „Heute keine Vorlesung? Ich wusste gar nicht, dass Freimaurer Studenten ausbilden.“

„Ich bin kein Freimaurer.“

„Nicht? Wenn du einer wärst, würdest du es mir sagen?“

„Wohl nicht. Aber ich bin keiner.“

„Du hast aber gesagt, dass du in einer Loge studierst. Macht dich das nicht zum Freimaurer?“

„Nicht unbedingt.“

Sie tranken beide noch Kaffee. Der Blick neugieriger, funkelnder Augen traf auf den kühler, abgeklärter.

„Du hast es gern geheimnisvoll, nicht, McMullen?“, kommentierte Thorolf die Zurückhaltung des anderen trocken.

„Du doch auch, Treynstern, du auch.“

Thorolf lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der daraufhin gefährlich knarrte.

„Bei mir gibt es gar nichts Geheimnisvolles. Alles völlig klar, offen und ungeheimnisvoll. Nun, vielleicht würde ich von einigen Affären des Herzens lieber nicht allzu offen sprechen. Schließlich versucht man, Gentleman zu sein. Aber ansonsten? Tut mir leid. Keine Geheimnisse.“

Wieder hob sich aus unerfindlichen Gründen Ians Braue. Er zuckte die Achseln.

„Wenn du meinst …“

„Meine ich. Ich bin hierher gezogen, um Malerei zu studieren und mein Leben etwas aufregender zu gestalten. Bislang war es eher öde.“

„Öde?“

„Na ja. Sofern man einige … du weißt schon … nicht zählt.“

„Affären des Herzens?“

„Genau.“

„Du bist ein Herzensbrecher? Haben es dir die Damen angetan?“

Thorolf grinste reuig. Das war wohl so.

„Ich nehme an, man könnte sagen, ich habe eine gewisse Schwäche für das schöne Geschlecht.“

„Schwäche? Ich hätte eher gedacht, es wäre eine deiner Stärken.“

„Danke.“

McMullen kicherte.

„Ich beneide dich. Ich nehme an, die hübschen Mädchen stehen an deiner Türschwelle Schlange und lassen Taschentücher fallen wie Schneeflocken im Winter.“

„Es ist jetzt auch deine Türschwelle. Geteilte Türschwelle, sozusagen.“

„Ja. Verschwendung.“ Ian seufzte.

„Wieso, magst du keine … ah …“ Thorolf hatte die Frage schon halb gestellt, als ihm seine Erziehung Einhalt gebot.

„Oh doch. Es ist nur so, ich will nicht … wir sollen nicht … es stört meine Konzentration.“

Thorolf blickte ihn an.

„Na und? Was ist dabei? Ein bisschen Störung – wie du es nennst – kann doch nicht so schlecht sein. Studenten, die dem Erwerb höherer Bildung frönen, sind dafür bekannt, dass sie Störungen der physischen Art zu schätzen wissen. Ich weiß das. Ich war mal einer. Es geht nichts über eine nette, kleine … Störung.“

McMullen lächelte wehmütig, sagte aber nichts.

„Ich nehme an“, fuhr Thorolf nach kurzem Schweigen fort, „wir sind jetzt wieder bei deinem Geheimnis angelangt. Jedenfalls tust du mir leid, was die Mädchen angeht.“

„Ach, schon in Ordnung. Man muss eben Prioritäten setzen.“

„Aber der Zölibat ist doch wirklich zu … allzu … wenn du mir das zu sagen gestattest.“

„Ich habe keinesfalls geschworen, den Rest meines Lebens zölibatär zu leben. Es geht nur einfach darum, meinen Geist wachsam und aufnahmebereit zu halten und meinen Körper … störungsfrei. Besonders jetzt.“

„Wieso besonders jetzt?“

„Wir leben in gefährlichen Zeiten, mein Freund.“

„Gefährlich? Der Krieg ist vorbei!“

„Davon rede ich nicht. Ich rede von … ist ja auch egal. Spürst du denn nichts Außergewöhnliches?“

„Was denn?“

„Unwichtig. Ich dachte nur, deine Wahrnehmung wäre … aber egal.“

Der Künstler bedachte den Freund mit einem verständnislosen Blick. Er hatte nichts Außergewöhnliches gespürt, wenn man davon absah, dass er sein Land verlassen hatte, ein neues Betätigungsfeld angegangen war, viele berühmte und interessante Leute traf und ihm demnächst auch noch eine Diskussion mit seiner Mutter über die Wahl seines Lebenszieles ins Haus stand. Wenn er all das bedachte, war die Atmosphäre vielleicht wirklich etwas angespannt. Dinge warteten darauf, sich zu ereignen. Das war aufregend. Vielleicht sogar etwas beklemmend, aber keinesfalls gefährlich.

McMullen erklärte nicht, was er meinte. Nun, das musste er auch nicht.

„Also, du bist kein Freimaurer?“ Thorolf schlug ein langes Bein über das andere, und nun konnte man seine orientalischen Hausschuhe bewundern, die zum Hausmantel passten.

„Es wäre mir neu, dass Freimaurer im Zölibat leben. Aber da ich keiner bin, weiß ich es nicht mit absoluter Sicherheit zu sagen.“

„Was uns zurück zur ursprünglichen Frage bringt. Was tust du in einer Loge – wenn du kein Freimaurer bist?“

„Mein lieber Treynstern, stell dich nicht dumm. Du weißt längst, dass es sich um eine Magierloge handelt. Du weißt wahrscheinlich auch, dass ich dir mehr dazu nicht sagen darf.“

„Skandalös!“, seufzte Thorolf und strafte seine eigene Aussage mit einem interessierten Grinsen Lügen. „Meine Mutter wird schockiert sein.“

„Nein. Du vergisst, dass ich die Ehre hatte, ihr schon zu begegnen. Deine Mutter ist eine kluge, besonnene und aufgeschlossene Dame – und dazu scharfsinnig und mutig.“

Thorolf sprang auf, lief um seinen Stuhl herum und stützte sich kühn auf dessen Lehne ab.

„Wie kommt es, dass jeder, den ich kennenlerne, offenbar meine Mutter kennt und sie absolut wundervoll findet? Ich gebe ja zu, was Mütter angeht, ist sie nicht verkehrt, aber sie ist der Inbegriff braver Biederkeit. Du hättest mal die Strafpredigten hören sollen, die sie mir gehalten hat, wegen einiger meiner … kleinen Affären des Herzens.“

„Du bist ihr Sohn. Sie verhält sich vermutlich dir gegenüber anders.“

„Wie hat sie sich dir gegenüber verhalten?“

„Klug, besonnen, aufgeschlossen, scharfsinnig und mutig sind die Worte, die mir zuerst einfallen.“

„Erzähl mir von eurem Treffen! Ich muss sagen, ich habe mich für die privaten Unternehmungen meiner Mutter nie sehr interessiert. Ich habe allerdings auch nicht geglaubt, dass sie über freiwillige Fronarbeiten für die heilige Mutter Kirche, Kaffeeklatsch mit anderen Damen der Gesellschaft und das Lesen moralisch einwandfreier Literatur hinausgehen.“

Ian lächelte.

„Frag sie am besten selbst.“

„Du willst doch nicht andeuten, sie hätte etwas … Anstößiges getan?“ Thorolf runzelte die Stirn.

„Du lieber Himmel, nein. Jetzt spieß mich nicht mit Blicken auf, als wolltest du mich fordern. Zum einen ist es mir nicht erlaubt, mich zu duellieren, und zum anderen bin ich einen Kopf kleiner als du und würde einen Ringkampf gegen dich nachhaltig verlieren. Deine Mutter ist untadelig, Treynstern. Unerreicht. Sie hat die schwierigsten Situationen mit Stil, Anstand und Grazie gemeistert, und ich denke mal, man muss schon ausnehmend gute Umgangsformen haben, wenn man einen völlig unbekleideten, grünhaarigen Wassermann in einer Höhle trifft und so tut, als sei er adäquat gekleidet.“

„Was?“

„Frag sie selbst!“

„Du willst mich reinlegen, mein Freund, und ich werde mich fürchterlich rächen! Meine Mutter würde nie einen völlig unbekleideten, grünhaarigen Wassermann in einer Höhle treffen. Sie würde überhaupt niemanden unbekleidet in einer Höhle treffen. Schon gar nicht grünhaarige Fey-Kreaturen, da diese gar nicht existieren.“

Ians Augen wurden rund vor Überraschung.

„Du – glaubst nicht an die Sí?“

„Natürlich nicht. Dies ist das 19. Jahrhundert, du lieber Himmel. Wir malen das Phantastische, um uns für den Verlust des Aberglaubens zu entschädigen. Hast du denn nichts vom Zeitalter der Vernunft gehört? Ist das spurlos an deiner Loge vorbeigerauscht?“

Ian ignorierte die Beleidigung.

„Treynstern, ich kann dich nicht zwingen, an die Sí zu glauben. Ich könnte mir nur vorstellen, dass du irgendwann eine Überraschung erleben wirst. Ich habe Feyons getroffen. Mehr als nur einen. Sie sind alle sehr unterschiedlich und scheinbar keinerlei erkennbaren Regeln unterworfen, aber sie existieren durchaus. Ich habe deine Zeichnungen gesehen. Du malst die Sí.“

„Ich male Märchen.“

„Vor hundert Jahren wäre die Idee einer dampfgetriebenen Lokomotive, die einen Zug zieht, auch ein Märchen gewesen.“

„Lieber Himmel!“, rief Thorolf aus. „Na und? Das ist Fortschritt. Du redest über Rückschritt. Zurück ins finstre Mittelalter. Ich will dich nicht beleidigen, aber …“

„… aber unser Weltverständnis ist unterschiedlich. Das tut aber nichts zur Sache. Mal du nur weiter deine Märchenvisionen, und ich lerne, wie man Träume von Wirklichkeit unterscheidet – und beide zu schützen versucht.“ Ian lehnte sich zurück und lächelte. „Lass dich nicht davon irritieren, dass ich einem Weltverständnis nachhänge, das dir unangenehm ist. Wir können unsere Überzeugung nicht alle nach dem ausrichten, was zu glauben gerade in Mode ist. Fortschritt und Dampfkraft sind modern. An das Übernatürliche zu glauben und Hausmäntel à légyptien zu tragen sind es nicht.“

Einen Augenblick lang blickte Thorolf ein wenig betreten, dann strich er über das verblasste Material seines Kleidungsstückes und grinste.

„Man weiß ja nie. Wenn sie erst den Kanal eröffnen, werde ich vielleicht wieder ganz modern damit sein – und meinen Fez tragen, obwohl er sich mit meiner Haarfarbe beißt.“

„Eben. Moden ändern sich. Man weiß nie. Bis sie den Kanal fertig haben, besitzt du vielleicht schon einen ganzen Harem an verführerischen, bauchtanzenden Frauen. Oder du verliebst dich unsterblich und heiratest ein niedliches, kleines Frauchen. Oder du triffst bis dahin einen echten Feyon, und wenn du Glück hast, lässt er dich nicht vergessen, dass du ihn getroffen hast oder was er ist. Oder sie. Aber, da du ja nicht an sie glaubst, wirst du sie vermutlich für so normal halten wie jeden anderen Nachbarn.“

Thorolf kicherte und goss sich noch einen Kaffee ein.

„Sehen sie so aus? Wie unsere Nachbarn? Oder sollte ich meine Wahrnehmungsfähigkeit schärfen, wenn ich das nächste Mal Fräulein Obermeier treffe, die dürre Jungfer aus dem ersten Stock? Wie sehen sie eigentlich aus? Fey-Wesen meine ich, nicht alte Jungfern.“

„Kann ich dir nicht sagen. Sie sind sehr unterschiedlich, manche können ihre Gestalt verändern oder haben mehrere Erscheinungsformen. Zumindest wird das behauptet. Genaues weiß man nicht. Man weiß überhaupt nicht viel über sie. Nicht einmal Arkanlogen wissen besonders viel.“

„Hattest du nicht gesagt, du hättest welche getroffen?“ Thorolf war nicht ganz sicher, ob er den Freund mit seiner Spöttelei beleidigte, doch der jüngere Mann fuhr ganz ernst fort.

„Nun ja. Ich habe einen grünhaarigen …“

„… unpassend bekleideten …“

„… aber auch gut aussehenden, arroganten und ziemlich beeindruckenden Wassermann getroffen, der recht menschlich wirkte – wenn man von den Schuppen mal absah.“

„Nicht zu vergessen das grüne Haar …“ Thorolf hatte sich wieder gesetzt, Block und Bleistift ergriffen und zeichnete eifrig.

„Da war dann noch der Traumweber, klein, blass und verhutzelt mit unendlich vielen Zähnen – mehreren Reihen. Ich habe seine Gestalt eher gefühlt als tatsächlich gesehen. Ich kannte ihn recht gut. Allzu gut.“

„Etwas für Alpträume. Wie schön!“

„Er konnte auch schöne Träume schicken. Das Gute kommt mit dem Bösen. Außerdem konnte er Herzen binden.“

„Woran?“

„Rate mal. Dann war da noch der schwarzhaarige, schwarzäugige Nachtjäger mit den feinen Manieren und frappanten Essgewohnheiten …“

„Lass mich raten! Er trank das Blut unschuldiger Jungfrauen, die er in seine sündige Höhle lockte. Obwohl man das wohl nicht als feine Manieren bezeichnen kann. Übrigens, ich habe eine junge Frau engagiert, die mir Modell sitzen wird. Sie kommt heute Nachmittag.“

„Hast du sie in deine sündige Höhle gelockt?“

„Ja, und sie ist verdammt teuer.“

„Das heißt vermutlich, dass du sie nicht angezogen malen wirst.“

„Sehr scharfsinnig.“

„Sieh nur zu, dass wir hier nicht rausfliegen, Thorolf. Ich würde ungern umziehen.“

„Teurer Freund, ich rede von Kunst und nicht von Laster.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass unser Vermieter zu ungebildet ist, um da einen Unterschied zu sehen. Wie du es so treffend formuliert hast, das Zeitalter der Vernunft hat bei unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Wirkung gezeigt.“

„Was Möhlner angeht, so hat das Zeitalter der Vernunft um ihn eigens einen Umweg gemacht.“

Ian lachte.

„Dann musst du bitte auch an Fräulein Obermeier denken, Thorolf.“

„Du meinst, sie wäre entrüstet?“

„Ich meine, sie wäre eventuell eifersüchtig. Ich habe gesehen, wie intensiv sie dich gemustert hat. Ihr Aussehen mag unterdurchschnittlich sein, ihr Interesse ist es keinesfalls.“

„Ich beabsichtige nicht, Leinwand zu verschwenden, um die angestaubte Physis von Fräulein Obermeier in ihrer ganzen Nacktheit darzustellen.“

„Das ist verständlich.“

„Das ist eine rein ästhetische Entscheidung.“

„Wenn du es sagst.“

„Du wirst das doch nicht anzweifeln?“

„Zweifel ist die Grundlage tieferen Verständnisses, mein künstlerischer Freund.“

„Sagt mein Freund Ian, der Experte, was Spukgestalten angeht. Aber ich habe dich unterbrochen. Du warst dabei, mir all die Fey-Wesen zu beschreiben, die du je getroffen hast.“

„Nun, da war noch die aufregend schöne, vollbusige, venusgleiche, blauäugige Blonde, die verführerisch auf einem schimmernden Wolkenbett ausgebreitet lag, um ihren vollkommenen Körper dem Nächstbesten …“

Thorolf hatte aufgehört zu zeichnen und starrte seinen Freund an.

„Wenn du mich auf den Arm nehmen willst – so einfältig bin ich nicht.“

Der Experte für Fey-Erscheinungen lachte, was ihn mit einem Mal sehr jung aussehen ließ.

„Ich wollte dir noch etwas Hübsches zu zeichnen geben.“

„Tja. Schade, sie hat mich nicht inspiriert.“ Thorolf zeichnete noch ein paar Striche und legte dann seinen Bleistift auf den Tisch. „Willst du mal sehen?“

Ian nahm den Block und blickte darauf. Sein Kinn sackte ab.

„Gute Güte!“, rief er.

„Gefällt es dir nicht?“, erkundigte sich Thorolf.

„Ob es mir gefällt? Großer Gott, Treynstern, du bist ein Genie. Genauso haben sie ausgesehen. Genau so, bis zum letzten Detail.“

„Das ist nur eine Skizze.“

„Das ist mehr als eine Skizze. Das ist eine gottverdammte Vision. Bitte entschuldige meine farbige Ausdrucksweise.“

Thorolf sah den anderen skeptisch an. Er schien so von der Skizze begeistert zu sein, dass Thorolf nicht sicher war, ob er nicht gerade wieder auf den Arm genommen wurde. Dennoch war auch etwas erschreckend Ernsthaftes an der Reaktion seines Freundes. Er studierte die Zeichnung so peinlich genau, dass es schon fast beunruhigend war.

„Du machst dich schon wieder über mich lustig, McMullen“, gab er fast hoffnungsvoll zurück.

„Absolut nicht. Ich verneige mich vor deinem Talent, und ich meine damit nicht nur dein künstlerisches Talent.“

Sie starrten einander an.

Schließlich stand McMullen auf.

„Ich muss los, sonst komme ich noch zu spät. Bitte tu mir den Gefallen und wirf die Zeichnung nicht weg. Bitte. Vielleicht kann ich sie dir ja abkaufen?“

„Sei nicht albern. Das ist nur eine Skizze. Die ist unveräußerlich.“

„Dann mach doch ein Gemälde daraus!“

„Ich würde viel lieber …“

„… nackte Mädels malen.“

„Wer nicht?“ Thorolf grinste. „Irgendwann will ich aber mehr über deine Fey erfahren, wenn es dir nichts ausmacht. Gestern habe ich auch schon einen Herrn getroffen, der angedeutet hat, an ihre Existenz zu glauben. Ein Herr von Orven.“

„Oh, du hast den Herrn Leutnant getroffen? Kaum jemand verabscheut die Sí wie er.“

„Du kennst ihn? Er schien an sie zu glauben.“

„Man muss an sie glauben, sonst kann man sie nicht verabscheuen, Thorolf.“

Thorolf nahm seine Zeichnung wieder auf und studierte sie genau.

„Da hast du vermutlich recht. Hingegen ist es einfach, sie zu mögen, wenn man nicht an sie glaubt.“