Das unbekannte System

Mit dem Anflug auf das unbekannte Sternensystem begann eine Zeit des Wartens. Lucy teilte die sieben Mannschaftsmitglieder in drei Gruppen auf. Eine Schicht sollte jeweils schlafen, eine hatte Freizeit, sollte sich aber für den Notfall bereithalten, und die dritte Schicht war für die Überwachung des Schiffes zuständig.

Sie schickte Trixi und Lars als Erste in die Schlafräume. Die beiden sollten sich wieder versöhnen. Streit zwischen den Mannschaftsmitgliedern war wirklich das Letzte, was sie in dieser Situation gebrauchen konnte. Trixi ließ sich allerdings erst in den Schlafraum schicken, nachdem Lucy hoch und heilig versprochen hatte, mit der Beschleunigung des Schiffes zu warten, bis sie wieder im Kommandoraum war.

Die zweite Schicht bildeten Darim, Varenia und Gurian. Die dritte Schicht, die das Schiff als Erste überwachen sollte, bestand aus Shyringa und ihr selbst.

Nach ihrer Ruhepause kamen Trixi und Lars sichtlich entspannter in den Kommandoraum zurück. Sie schienen sich wieder vertragen zu haben. Lucy und Shyringa hätten eigentlich jetzt ihre Freizeitphase gehabt, aber in dieser Situation hatten sie natürlich keine Lust, den Kommandoraum zu verlassen. Nachdem Trixi die Systeme überprüft und ihr Einverständnis gegeben hatte, beschleunigte Lucy das Schiff auf Maximalgeschwindigkeit. Sie steuerte direkt den orangegelben Zwerg an.

Zwerg war in diesem Fall eine für menschliche Verhältnisse ziemlich untertriebene Bezeichnung für so einen Stern. Die irdische Sonne ist in der Sprache der Astronomie ein gelber Zwerg. Ein orangegelber Zwergstern ist kaum kleiner als das Zentralgestirn des Sonnensystems.

Nachdem die Beschleunigungsphase abgeschlossen war, wurde es langweilig. Das Schiff schoss mit Maximalgeschwindigkeit wie ein Pfeil auf sein Ziel zu. Ein Schiff, das im All einmal auf Reisegeschwindigkeit und Kurs gebracht ist, fliegt gradlinig, ungebremst und lautlos durchs All. Es passiert einfach gar nichts, weil der Raum, der durchquert wird, praktisch vollkommen leer ist. So erging es der ›Taube‹ auch.

Anfangs erzählten sie sich noch Geschichten über im unbekannten Teil der Galaxie vermisste Forschungsschiffe und die Sagen und Vermutungen, die sich um das Verschwinden rankten. Alle waren aufgeregt und ein wenig ängstlich, was sie erwarten würde. Gab es wirklich irgendetwas, was sofort zuschlagen würde, sobald die unsichtbare Grenze überschritten wurde? Oder war es nicht vielmehr so, dass die Forschungsschiffe viel weiter gesprungen waren und man die Grenze einfach willkürlich gezogen hatte, weil weder das Imperium noch das aranaische Reich über diese Grenze hinaus ausgedehnt worden war? Sie fanden natürlich keine Lösungen, auch wenn Shyringa und Varenia in ihrer Schicht die schier unendlichen Speicher des Bordrechners durchforsteten. Schon nach weniger als drei Tagen ging ihnen der Gesprächsstoff aus.

Als Abwechslung gab es auf dem diesem Schiff nur die Bibliothek, in der man nach Wissenswertem, aber auch nach Romanen und anderen Büchern, nach Musik und Filmen stöbern konnte. Ansonsten gab es keine Freizeitmöglichkeiten. Sie hatten nicht einmal einen Fitnessraum an Bord. Das kleine Schiff war nicht für so lange Aufenthalte im All ausgerichtet. Es gab nur die sieben Jugendlichen an Bord. Sie hatten keinen Kontakt zu anderen.

Schon nach kurzer Zeit hatten einige Jugendliche keine Lust mehr zu lesen oder Filme anzusehen. Lucy merkte, dass sie sich nach ihren Freunden auf der Rebellenstation sehnte. Sie war eigentlich nicht der Typ, der immer seine Freunde um sich haben musste. Ganz im Gegenteil, sie war froh hin und wieder zu Abenteuern aufbrechen und ein wenig Abstand und Freiheit genießen zu können. In dieser Situation hätte sie aber ihre besten Freunde gerne bei sich gehabt und sich einfach ab und zu einmal trösten lassen. Hinzu kam, dass sie wusste, dass sie hilflos auf dem Mutterschiff der Rebellen saßen, nicht wussten, wo sie war, und sich furchtbare Sorgen machen würden.

***

Sie waren schon mehr als zwei Wochen unterwegs, als Gurian Lucy ansprach. »Hast du dir schon überlegt, was wir machen, falls Trixi den Sprunggenerator nicht rekonstruieren kann?«

Er sprach damit ein Problem an, dass Lucy schon seit Tagen durch den Kopf ging.

»Nein, das müssen wir dann entscheiden. Wir haben noch immer keine Informationen darüber, um was für Planeten es sich in diesem System handelt. Vielleicht ist einer sogar bewohnbar«, sagte sie daher.

Gurian sah sie zweifelnd an. In der Milchstraße, wie die heimische Galaxie auf Terra normalerweise genannt wird, gibt es mehr als hundert Milliarden Sterne. Die allermeisten von ihnen hatten ein Planetensystem, aber nur wenige waren ohne technische Hilfsmittel bewohnbar. Im bekannten Teil gab es nur weniger als 300 solcher Planeten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet das erste unbekannte Planetensystem, das sie erreichten, einen bewohnbaren Planeten enthielt, war so gut wie null.

»Wenn wir dort nicht bleiben können, müssen wir eben weiter fliegen«, sagte Lucy genervt.

»Das nächste System ist fast zehn Lichtjahre entfernt. Wir werden mehr als zehn Jahre brauchen, bis wir dort sind«, wandte Gurian ein.

»Was willst du eigentlich? Sollen wir das Schiff gleich in die Luft sprengen?«, fragte Lucy wütend. Die Wut richtete sich nicht gegen Gurian, auch wenn es so aussah. Sie hatte einfach – genauso wie alle anderen an Bord auch – Angst, dass sie in eine aussichtslose Situation geraten waren.

»Wie sieht es mit unseren Verteidigungssystemen aus?«, fragte Lucy barsch und sah Gurian dabei provozierend an. Sie wollte einfach vom Thema ablenken.

»Die Strahlenkanone ist vollfunktionsfähig und die Energiereserven sind wieder vollständig geladen. Von den Raumtorpedos haben wir noch etwa die Hälfte der Standardbeladung«, brummte Gurian. »Das dürfte reichen, um einen Krieg auf einem Planeten zu gewinnen, der noch im Metallzeitalter ist.«

Das war natürlich übertrieben, aber eine Landung auf einem Planeten mit ›primitiver‹ Besiedlung so etwa wie Terra konnte man damit schon wagen. Allerdings war den beiden bewusst, dass ihre Bewaffnung für die Gefahr, die im unbekannten Teil der Galaxie wartete, mit Sicherheit nicht ausreichen würde. Alle verschwundenen Forschungsschiffe waren bestausgestattete Schiffe der A-Klasse gewesen, mehr als hundertmal so groß wie die ›Taube‹.

***

Nach zwanzig Tagen wurde Lucy durch ein Warnsignal geweckt. Sie war sofort hellwach und sprang mit einer einzigen Bewegung aus dem Bett. Lucy hatte ohnehin in den letzten Tagen nicht sonderlich gut geschlafen. Mit jeder Lichtminute, die sie sich vom bekannten Teil der Galaxie entfernten, stieg die Unsicherheit und Angst vor dem Unbekannten. Lucy zog sich blitzschnell an. Als sie im Kommandoraum ankam, war der größere Teil der Besatzung schon dort. Nur Shyringa, die genauso wie sie selbst geschlafen hatte, betrat kurz nach ihr den Raum.

»Ist etwas passiert?«, fragte Lucy atemlos.

»Wir sind in unserem Zielsystem angekommen. Wir haben gerade die Bahn des äußersten Planeten des Systems passiert«, erwiderte Varenia sachlich. Sie hatte den Alarm ausgelöst.

»Gut, dann gehen jetzt alle auf ihre Plätze und halten sich in Bereitschaft«, kommandierte Lucy. »Wir wissen nicht, was in diesem System auf uns zukommt.«

Der äußerste Planet des Systems war relativ unspektakulär. Es war ein Gasplanet, der dunkel in einiger Entfernung vom Schiff lag. Um an die Stoffe zu kommen, die sie für ihr Schiff brauchten, mussten sie zu den Planeten der inneren Umlaufbahnen fliegen. Sie hofften, dass es sich bei ihnen um Gesteinsplaneten handelte und sie damit auch schwerere chemische Elemente enthielten.

Alle waren aufs Äußerste angespannt, aber die nächsten Stunden, in denen das Schiff mit Höchstgeschwindigkeit in das fremde, unbekannte Planetensystem schoss, passierte nichts. Sie wurden nicht angegriffen, es gab nicht die Spur einer Gefahr.

»Ich verstehe nicht, warum kein Schiff von hier zurückgekommen ist, hier ist doch wirklich überhaupt nichts«, brummte Gurian. Er sah fast ein wenig enttäuscht aus.

»Es gibt weder in den imperianischen noch in den aranaischen Bibliotheken irgendeinen Hinweis, dass eine Expedition genau in dieses System vorgedrungen ist«, sagte Shyringa kühl.

»Ja, vielleicht hat man die Erforschung des unbekannten Teils der Galaxie eingestellt, bevor man die magische Grenze überschritten hat und hier ist noch alles normal«, ergänzte Varenia hoffnungsfroh.

»Es gibt keine magische Grenze. Auch im unbekannten Teil der Galaxie wird es keinen Hokuspokus geben«, antwortete Lucy ärgerlich. »Wahrscheinlich gibt es in diesem Teil auch irgendeine Spezies, die sich ausgebreitet hat und die es einfach versteht, sich Eindringlinge vom Hals zu halten. Dieses ewige Gerede über spinnerte Sagengeschichten geht mir langsam auf die Nerven!«

Varenias Lächeln gefror in ihrem Gesicht. Lucy tat es schon im gleichen Moment wieder leid.

»Lasst uns einfach aufpassen. Unsere Nerven sind alle angespannt«, sagte sie versöhnlich.

Die ganze Mannschaft war in Habachtstellung. Sie waren durch die Aktionen der letzten Monate recht abgehärtet. Es war nicht die erste aussichtsloserscheinende Situation, in die sie geraten waren. Nur Darim sah sehr blass aus. Seine Hände zitterten ein wenig.

»Da vorne taucht der erste von den inneren Planeten auf. Shyringa, was sagen die Daten?«, fragte Lucy.

»Unsere Sensoren tasten den Planeten noch ab«, antwortete Shyringa, in ihrer aranaisch kühlen Art. »Es steht jetzt schon fest, dass es ein Gesteinsplanet ist. Er ist aber recht groß. Die Gravitation dürfte für Imperianer und Aranaer zu hoch sein. Außerdem ist er zu kalt für Leben, wie wir es bisher kennen. Er hat eine Atmosphäre, aber die Analyse über ihre Zusammensetzung läuft noch.«

»Varenia, gibt es irgendwelche Kommunikation in dem System?«, fragte Lucy.

Varenia schüttelte den Kopf. »Nein, da gibt es nichts.«

»Hast du auch elektromagnetische Wellen überprüft?«, fragte Lucy nach.

»Ja natürlich, aber da ist auch nichts.«

»Der nächste Planet liegt in der lebensfreundlichen Zone«, meldete sich Shyringa, die weiter alle Planeten des Systems mit den Schiffssensoren abtastete. »Der ist aber zu klein. Die Gravitation ist zu niedrig. Er hat keine Atmosphäre. Trotz der günstigen Temperaturen dürfte es dort auch kein Leben geben.«

»Was ist mit den chemischen Elementen. Wäre das nicht ein Kandidat, von dem wir uns holen könnten, was wir brauchen?«, fragte Lars nach.

»Ich schicke dir mal die Liste der Stoffe herüber, die wir brauchen«, sagte Trixi leise und ergänzte noch leiser: »Ich weiß aber noch immer nicht, wie ich anorganische in organische Substanzen transformieren soll.«

Ein paar Minuten war es still im Kommandoraum.

»Na, wie sieht es aus? Hat der Planet die notwendigen Stoffe?«, durchbrach Lucy schließlich die Stille.

»Die Analyse ist noch nicht hundertprozentig fertig. Ich kann aber sagen, dass auf der Planetenoberfläche mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Stoffe vorhanden sind, die wir benötigen. Allerdings wird es sehr schwer werden, sie auf unser Schiff zu holen«, sagte Shyringa.

Lucy trommelte mit ihren Fingern auf das Pult vor ihr.

»Sehen wir uns noch den nächsten Planeten an. Wenn der nicht geeigneter ist, müssen wir uns etwas einfallen lassen«, meinte sie.

Nach einer kleineren Kurskorrektur schoss das Schiff noch immer mit Höchstgeschwindigkeit auf den zweiten Planeten des Systems zu. Den ersten Planeten konnten sie für ihre Zwecke vergessen. Der war viel zu dicht an dem Stern und damit auch viel zu heiß.

»Der zweite Planet hat eine ideale Größe und auch eine Atmosphäre«, meldete sich Shyringa nach einigen Minuten wieder zu Wort. »Er liegt am innersten Rand der lebensfreundlichen Zone. Die Analyse ist noch nicht fertig, aber die bisherigen Ergebnisse deuten schon darauf hin, dass die Atmosphäre wahrscheinlich viel zu heiß ist, als das auf ihm Leben im uns bekannten Sinn existieren könnte.«

»Verdammter Mist!«, entfuhr es Lucy.

Sie war enttäuscht. Natürlich war es mehr als unwahrscheinlich gewesen, in diesem System einen bewohnbaren Planeten zu finden, trotzdem hatte sie irgendwie darauf gehofft. Wenn sie sich mit ihren Mitteln an Bord nicht behelfen konnten, was trotz Trixis Genialität nicht unwahrscheinlich war, hätten sie keinen Ort, an dem sie wenigstens verschnaufen könnten. Sie müssten dann zu einer jahrelangen, vielleicht sogar jahrzehntelangen Reise aufbrechen, ohne die Gewähr zu haben, irgendwo einen Platz zum Bleiben zu finden.

»Drehen wir lieber gleich um und fliegen zum dritten Planeten zurück«, sagte Lucy enttäuscht.

»Nun warte doch erstmal die Analyse ab, vielleicht ist es dort ja wenigstens einfacher, die Stoffe zu organisieren«, brummte Gurian. Er sah Lucy aus seinem Narbengesicht mit etwas an, was wohl ein aufmunterndes Lächeln darstellen sollte. Es wirkte aber eher wie ein erschreckendes Grinsen.