16. Kapitel
Im Fertigungsbereich angekommen, schaltete Annalise die kleine Lampe über ihrem Schreibtisch an und fand ihren Skizzenblock genau dort, wo sie ihn vermutet hatte. Sie klappte ihn auf und musterte kritisch die Entwürfe für die drei Outfits, die die neue Puppe tragen sollte.
»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Zweifel«, sagte sie laut zu sich selbst. Dann klappte sie den Skizzenblock zu und nahm ihn vom Schreibtisch hoch, doch bevor sie sich wieder der Treppe zuwenden konnte, traf sie etwas mit aller Gewalt am Hinterkopf.
Sie brach zusammen und schlug mit Händen und Knien auf dem Boden auf. Sie schrie auf vor Schmerz und fragte sich, was, in aller Welt, auf sie herabgestürzt sein könnte. Als sie begann, sich mühsam aufzurichten, hörte sie es – ein Knurren irgendwo hinter ihr, das ihr verriet, dass sie nicht allein war. Jemand verpasste ihr einen kräftigen Stoß, woraufhin sie mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte schlug. Dabei stieß sie mit einem Arm gegen die Lampe, die zu Boden fiel, und es wurde stockfinster im Raum.
Was ging hier vor? Panisch wollte sie erneut versuchen, auf die Beine zu kommen, als kräftige Arme sie von hinten packten. Sie schrie auf, doch der Schrei wurde von zwei Händen erstickt, die sich um ihren Hals legten und ihr die Luft aus den Lungen pressten.
Sie konnte nicht atmen. Statt den Angreifer von sich zu stoßen, tastete sie mit den Fingern nach ihrem Hals, um den Druck zu lockern. Sie musste dringend Luft holen. Tränen traten ihr in die Augen, und alles verschwamm vor ihr.
Mit einem Bein versuchte sie, nach hinten auszutreten oder ihm auf den Fuß zu treten, irgendetwas zu unternehmen, um den Würgegriff zu lockern. Doch er war stark, und der Druck an ihrem Hals ließ nicht nach.
»Annalise?« Charlies Stimme hallte die Treppe hinunter.
O Gott, das Letzte, was sie wollte, war, dass sich Charlie die Treppe hinunterwagte und ihm etwas passierte. Sie wehrte sich noch heftiger.
»Annalise, ist alles in Ordnung?«
Der Angreifer knurrte, ließ sie los und stieß sie von sich, so dass sie erneut gegen den Schreibtisch prallte und zu Boden stürzte. Während sie keuchend nach Luft rang, hörte sie, wie die Hintertür geöffnet wurde, und wusste, dass er fort war.
Sie lag noch immer neben dem Schreibtisch am Boden, und ihr Atem ging stoßweise, als Charlie sie fand. »Annalise! Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?« Er hockte sich neben sie und sah wie ein verängstigter kleiner Junge aus.
»Den Notruf«, keuchte sie.
Während Charlie nach dem Telefon griff, um die Polizei anzurufen, gelang es ihr, sich in eine sitzende Haltung aufzurichten, obwohl sie noch immer sehr schwach war und ihre Kehle brannte.
Binnen Sekunden war Charlie wieder an ihrer Seite und hockte sich mit weit aufgerissenen Augen neben sie. »Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
Sie nickte. »Hilf mir beim Aufstehen, ja?«
Er erhob sich und half ihr auf die Füße und dann auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. »Was ist passiert?«, wollte er wissen.
Sie schluckte ein paarmal. »Ich bin runtergegangen, um meinen Skizzenblock zu holen. Jemand war hier und hat mich überfallen.«
Charlie griff nach ihrer Hand und drückte sie fest. »Ich hätte nicht einschlafen dürfen«, sagte er traurig. »Ich hätte bei dir sein müssen, um dich zu beschützen.«
»Unsinn«, erwiderte sie. »Du hast mir das Leben gerettet.« Sie rieb sich den Hals. »Wenn du nicht nach mir gerufen hättest … ich weiß nicht, was dann geschehen wäre.« Annalise stand unter Schock, hatte das Gefühl, sich außerhalb ihres Körpers zu befinden, als wäre das, was sie gerade erlebt hatte, jemand anderem zugestoßen. Doch ihr schmerzender Hals und der dröhnende Schädel sprachen für sich.
Charlie hielt ihre Hand, als sie aus der Ferne das Heulen einer herannahenden Sirene hörten. Erst als sie ihn aufforderte, die Polizisten durch den Vordereingang einzulassen, ließ er sie schließlich los.
Mühsam erhob sie sich, als zwei uniformierte Polizisten durch den Laden in den hinteren Bereich kamen. Beide hatten in höchster Alarmbereitschaft ihre Waffen gezogen. »Ich bin Officer McBlaine, und das ist Officer Calladay. Ist alles in Ordnung, Madam?«
»Mir fehlt nichts, es ist wohl in erster Linie der Schock.«
»Die Zentrale hat einen Einbrecher bei Ihnen gemeldet?« Dieses Mal sprach Calladay sie an. »Hält der Einbrecher sich noch im Haus auf?«
»Er ist durch die Hintertür hinausgelaufen«, antwortete sie.
»Jemand hat sie überfallen«, rief Charlie. Seine Stimme klang ganz hoch vor Aufregung. »Ich habe oben geschlafen und bin aufgewacht, als ich sie schreien hörte, und als ich hier ankam, lag sie auf dem Boden.«
»Langsam!« Officer McBlaine hob eine Hand. »Immer mit der Ruhe, mein Sohn. Fangen wir von vorn an.«
Der Polizist nahm Annalises und Charlies Personalien auf, dann schilderte sie, wie Charlie eingeschlafen und sie nach unten gegangen war, um ihren Skizzenblock zu holen.
Als die Polizisten nach draußen gingen und sich umsahen, bestand sie darauf, dass Charlie Frank anrief, damit er ihn abholte. Charlie hatte keine Einwände, und dafür war sie ihm dankbar. Ihr Kopf dröhnte von dem Schlag, und als der Adrenalinstoß abgeebbt war, tat ihr jeder Knochen im Körper weh.
Frank traf ein, als die Polizisten noch da waren. Er kam in den Laden gehetzt und sah Annalise an. »Fehlt dir was?«, fragte er und zog sie in seine Arme, was selten genug vorkam. »Gott sei Dank«, murmelte er in ihr Haar. »Gott sei Dank, du bist gesund.«
Gewöhnlich hätte sie die Umarmung nur sekundenlang geduldet, bevor sie zurückgewichen wäre. Doch dieses Mal hielt sie still, brauchte den Körperkontakt mit ihrem Vater wie nie zuvor.
»Mir fehlt nichts«, sagte sie schließlich, und erst dann ließ Frank sie los. »Ich hielt es nur für besser, dass du Charlie mit nach Hause nimmst. Die Polizei ist noch hier, und ich weiß nicht, wie lange das Ganze noch dauert.«
Frank runzelte die Stirn. »Ich lasse dich höchst ungern allein. Ich könnte bei dir bleiben, oder du könntest mit zu uns nach Hause kommen.«
»Ich komme zurecht, ehrlich. Vielleicht habe ich einfach nur einen Einbrecher beim Diebstahl überrascht oder so etwas in der Art.« Sie lächelte ihn gezwungen an.
Bevor Frank noch etwas erwidern konnte, kam Tyler in den Laden gestürzt. »Annalise. Gott sei Dank, du bist wohlauf.«
Wieder wurde sie umarmt, und dieses Mal erwiderte sie die Geste, und unwillkürlich kamen ihr die Tränen. »Wieso bist du hier?«, fragte sie, als er sie schließlich losließ.
»Ich hatte Hunger und habe mir einen Hamburger geholt, und als ich zurück auf die Wache kam, erfuhr ich von meiner Partnerin Jennifer, dass ein Notruf aus deiner Wohnung eingegangen war.«
»Tyler, das ist mein Vater, Frank Blakely. Dad, das ist Tyler King. Er arbeitet beim Morddezernat und ist ein guter Freund von mir.«
Die beiden Männer reichten einander die Hand, dann trat Tyler zu Officer McBlaine, und Annalise begleitete ihren Vater und Charlie zur Tür. »Ich komme zurecht, Dad. Tyler ist ja jetzt bei mir.« Sie lächelte Charlie an. »Tut mir leid, dass wir unser gemeinsames Wochenende abbrechen müssen.«
Charlies Augen wurden feucht. »Das macht nichts. Hauptsache, du bist unverletzt.«
Annalise umarmte ihn rasch. »Alles in Ordnung, Charlie. Fahr nach Hause, schlaf dich aus und ruf mich morgen an, ja?«
Er nickte, dann gingen er und Frank. Annalise trat zu Tyler, der mit den beiden Polizisten sprach. »Miss Blakely, Sie sagten, Sie waren mit Ihrem Bruder essen und sind anschließend gleich wieder nach Hause gegangen. War Ihre Tür verschlossen, als Sie aus dem Restaurant zurückkamen?«, fragte McBlaine.
Stirnrunzelnd dachte sie nach und versuchte, das schmerzhafte Pochen in ihrem Schädel zu ignorieren. »Ich glaube schon. Wir standen vor der Tür, aber bevor wir ins Haus gingen, hat Max uns angesprochen.« Die Falten auf ihrer Stirn vertieften sich, als ihr klarwurde, dass sie sich nicht genau erinnern konnte, ob sie die Tür tatsächlich aufgeschlossen hatte oder nicht.
Und hatte sie vergessen abzuschließen, als sie zum Essen gegangen waren? War der Einbrecher durch die unverschlossene Tür ins Haus gelangt? Aber es ergab keinen Sinn, dass er eindrang, während sie im Restaurant waren, und sich Stunden später noch immer im Haus aufhielt. »Nachdem wir zurückgekommen waren, haben wir einen Film angesehen. Doch falls der Einbrecher hereingekommen ist, während wir noch im Restaurant waren, müsste er sich mehrere Stunden hier aufgehalten haben.«
»Hast du bei eurer Rückkehr die Tür wieder abgeschlossen?«, fragte Tyler.
Annalise wehrte sich gegen den Impuls, sich an den schmerzenden Hinterkopf zu greifen. Es war ihr beinahe unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. »Das dachte ich, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher«, gab sie zu.
»Wer ist Max?«, wollte Officer Calladay wissen.
»Ein Obdachloser, der in dieser Gegend lebt«, antwortete sie. »Aber Max war nie im Leben der Einbrecher«, fügte sie hastig hinzu. »Er hat mir nie etwas zuleide getan, und außerdem hätte ich es gerochen, wenn er es gewesen wäre.« Sie lächelte schwach. »Das Leben auf der Straße hinterlässt einen unverwechselbaren Geruch.«
Calladay musterte sie skeptisch. »Trotzdem würden wir uns gern mit diesem Max unterhalten. Haben Sie eine Ahnung, wo er unterkommt?«
»Ich glaube, er schläft in der Gasse neben Joey’s Restaurant, aber um diese Zeit findet man ihn gewöhnlich unter einer Eiche im Park«, erklärte sie.
»Viel mehr können wir jetzt nicht tun«, sagte Officer McBlaine. »Wir werden die Sache zu Protokoll nehmen. Ich vermute, dass Sie wahrscheinlich jemanden aufgescheucht haben, der Sie ausrauben wollte. Und ich möchte Ihnen dringend empfehlen, die Türen sorgfältiger abzuschließen.«
Als die beiden Polizisten fort waren, nahm Tyler sie noch einmal in die Arme. »Fehlt dir wirklich nichts?«
Sie schmiegte den Kopf an seine breite Brust. »Mir dröhnt der Schädel, und meine Knie und Hüften tun weh. Ehrlich, morgen früh werde ich mich vermutlich fühlen, als hätte mich ein Schwerlaster überrollt.«
Er strich ihr mit einer Hand über den Rücken, und die Liebkosung entspannte ihre verkrampften Muskeln. »Jetzt brauchst du erst einmal ein heißes Bad, ein paar Aspirin und Schlaf. Komm, ich bringe dich ins Bett.«
Er wollte sie zum Aufzug führen. »Ich nehme die Treppe«, sagte sie und lächelte matt. »Ich habe etwas gegen Aufzüge. Das ist eine meiner Macken, die ich einem Mann zu Beginn einer Beziehung nicht verrate.«
»Dann nehmen wir eben die Treppe«, erwiderte er lächelnd. »Kein Wunder, dass du so gut in Form bist«, sagte er, als sie oben angekommen waren. »Vermutlich benutzt du diese Treppe mehrmals am Tag.«
»Öfter als ich zählen kann«, bestätigte sie und ging voran in das Loft.
An der Tür blieb er stehen und schaute sich interessiert um. »Tolle Wohnung«, bemerkte er und führte sie zum Sofa, wo sie sich auf das Bettzeug fallen ließ, das sie für Charlie gerichtet hatte.
»Es ist mein Zuhause«, sagte sie.
Tyler setzte sich neben sie.
»Erzähl mir noch einmal, was da unten vorgefallen ist«, bat er sanft.
Sie schloss einen Moment lang die Augen und durchlebte die verzweifelten Minuten der Angst noch einmal. »Ich stand vor dem Schreibtisch und sah mir ein paar Skizzen an, als mich irgendetwas am Hinterkopf traf.«
Dieses Mal wehrte sie sich nicht gegen den Impuls und berührte die schmerzende Stelle. Sie schlug die Augen auf und blickte Tyler an. »Im ersten Moment dachte ich, ein Puppenteil wäre vom Haken an der Decke herabgefallen und hätte mich getroffen. Aber dann hörte ich ein Knurren, und jemand versetzte mir einen Stoß. Ich prallte gegen den Schreibtisch, und als ich wieder auf die Füße kam, drückte mir jemand von hinten die Kehle zu.«
Tylers Augen wurden dunkel, als er den Blick auf ihren Hals richtete. »Als Charlie von oben nach mir rief, ließ mich der Typ los und rannte durch die Hintertür nach draußen.«
»Du hast ihn also nicht gesehen?«
»Nein.«
»Hast du irgendwelche Eindrücke gewinnen können? War er groß oder klein? Dünn oder schwer? Ist dir irgendein besonderer Geruch aufgefallen?« Er feuerte die Fragen ab, wie es nur ein Polizist tun konnte.
Sie schloss die Augen und versuchte, etwas von dem Angriff heraufzubeschwören, das sie vielleicht unbewusst registriert hatte. Ratlos sah sie Tyler an. »Ich weiß nicht. Es ging so schnell. Ich kann dir nur sagen, dass er stark war, sehr stark. Vielleicht war es ein Junkie, der auf Bargeld in der Kasse hoffte. Wahrscheinlich wäre mir nichts passiert, wenn ich in meiner Wohnung geblieben wäre und mich schlafen gelegt hätte, statt noch einmal in den Laden zu gehen.«
Er nickte und ergriff ihre Hand. »Zur falschen Zeit am falschen Ort. Was hältst du jetzt von einem schönen, heißen Bad? Inzwischen brühe ich dir einen Tee auf und bringe ihn dir mit ein paar Aspirin an die Wanne.«
Sie seufzte. »Das ist eine wunderbare Idee.« Nur widerwillig gab sie seine Hand frei und stemmte sich vom Sofa hoch. »Teebeutel findest du in dem kleinen Behälter auf dem Tresen, Tassen im Schrank links von der Spüle.«
»Ich finde mich schon zurecht«, versicherte er.
Sie wankte in Richtung Bad und hoffte, dass das heiße Wasser unter Zugabe von ein wenig Badeöl ihre schmerzenden Muskeln entspannen würde.
Es dauerte nicht lange, bis die Wanne gefüllt war, dann zog sie sich aus und ließ sich in das Wasser gleiten, froh, dass sie zumindest im Augenblick nicht völlig allein war.
Als Annalise im Bad verschwunden war, schaute sich Tyler interessiert in ihrem Loft um. Er empfand die Farbgebung als beruhigend, die Wohnung war schick, ohne protzig zu wirken, und strahlte Gemütlichkeit aus. Im Gegensatz zu seiner Wohnung ließ diese Einrichtung durchaus einige Rückschlüsse über die Bewohnerin zu.
Im Wandregal stand kein Fernseher, ein Hinweis darauf, dass dieser keine wichtige Rolle in Annalises Leben spielte. Eine Anzahl von Büchern füllte ein Regalfach, ein paar Romane, daneben einige Bände über Modedesign. In zwei weiteren Regalfächern befand sich eine Sammlung von Elefanten in allen Größen, Formen und Materialien.
Er hatte einmal gehört, dass Elefanten, die ihren Rüssel in die Luft gereckt hielten, Glück brachten. Ihm fiel auf, dass Annalises Elefanten allesamt den Rüssel hochreckten. Leider hatten sie ihr aber an diesem Abend kein Glück gebracht.
Der Teekessel stand auf dem Herd, und Tyler füllte Wasser hinein und schaltete den Gasbrenner an. Während er einen Teebeutel in eine Tasse hängte, dachte er an den Moment, als Jennifer ihm von dem Notruf aus dem Blakely Dollhouse berichtet hatte.
Vielleicht lag es an den Mordfällen, die er gerade bearbeitete, dass er so in Panik geraten und in halsbrecherischem Tempo zu Annalise gefahren war.
Vielleicht lag es aber auch daran, dass Annalise ihm trotz der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft bereits sehr viel bedeutete.
Nie im Leben hätte Tyler sich als Romantiker bezeichnet, doch schon im ersten Moment, als er Annalise gesehen hatte, hatte er das Gefühl gehabt, dass hier alles stimmte, und die gemeinsame Zeit mit ihr hatte dieses Gefühl noch verstärkt.
Es war ihm schwergefallen, nicht über die Fälle zu reden, in denen er ermittelte, nicht über die Puzzleteile zu sprechen, die immer irgendwo in seinem Bewusstsein gegenwärtig waren. Es ging ihm nicht darum, ihr die grausigen Einzelheiten über den Tod der Frauen zu offenbaren, nein, er hätte nur gern ein wenig aus seiner Welt mit ihr geteilt.
Falls die Beziehung diesen Fall überleben sollte und Annalise nicht seiner unregelmäßigen Arbeitszeiten überdrüssig wurde und ihn verließ, würde er wissen, dass er etwas Besonderes gefunden hatte, jemanden, an dem er festhalten musste.
Er brühte ihren Tee auf, ging mit der Tasse zum Badezimmer und klopfte an. Sie forderte ihn auf, hereinzukommen, und er trat ein. Ihr Anblick in der erhöhten Badewanne, die in ein Podest eingelassen war, ließ ihn abrupt an der Tür verharren.
Sie hatte das Haar locker auf dem Kopf zusammengesteckt und lag in dem süß duftenden Schaum da. Gedämpftes Licht schien auf die Wanne herab, brachte ihre bloßen Schultern zum Glänzen und ließ die sternenklare Nacht durch das Fenster einfallen. Das Verlangen traf ihn wie ein Schlag, und er rief sich ins Gedächtnis, dass sie gerade Opfer eines Verbrechens geworden war. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ein triebgesteuerter Kerl, der zu ihr in das Schaumbad klettern wollte. Trotzdem rauschte sein Blut in den Adern, als er sich der Wanne näherte.
Wie gern hätte er ihr Gesellschaft geleistet. Er wollte mit der Hand über ihre nasse Haut streichen und sie schmecken, während das warme Wasser sie umfing.
»Bitte schön«, sagte er und stellte die Teetasse auf dem breiten Wannenrand ab. »Lass dir ruhig Zeit«, sagte er und wollte wieder gehen.
»Warte. Geh nicht weg. Bleib hier und sprich mit mir, Tyler.«
Sie hatte keine Ahnung, was sie da von ihm verlangte, keine Ahnung, was die Vorstellung von ihrer süß duftenden, nackten Haut mit ihm anstellte.
»Ich setze mich hin und rede mit dir, aber ich möchte dich möglichst nicht anschauen«, sagte er. »Du siehst gerade so verdammt sexy aus, und bei deinem Anblick würde es mir sehr schwerfallen, mich auf deine Worte zu konzentrieren.«
Sie lächelte ihn kläglich an. »Schön zu wissen, dass ich sexy aussehe, wenn ich mich so erbärmlich fühle.«
Voller Mitleid setzte er sich auf den Wannenrand. »Tut dein Kopf noch weh?«
»Es ist, als ob jemand einen Trommelwirbel in meinem Schädel schlägt.«
»Lass mal sehen.« Er beugte sich vor und fuhr mit der Hand zart über ihren Hinterkopf. »Ah, da hast du eine hübsche Beule, aber eine Platzwunde ist dir offenbar erspart geblieben.« Er ließ seine Hände von ihrem Kopf zu ihren Schultern wandern und begann, sie sanft zu massieren. Ihre Haut war glitschig vom Badeöl, und unter der Wasseroberfläche schimmerten ihre Brüste.
Sie maunzte vor Behagen, und er spürte, wie er steif wurde. Er zog die Hände zurück. »Hmm, nicht aufhören«, bat sie.
»Das sollte ich aber«, antwortete er. »Ich bin ein Mistkerl, Annalise, ein unsensibler Widerling. Du bist gerade überfallen worden, und ich will dir helfen, dich zu entspannen, aber ich bin so erregt, dass es geradezu peinlich ist.«
Sie lachte, offenbar entzückt von seinem Geständnis. »Glaub mir, Tyler, du bist nicht unsensibel. Du bist eben ein typischer Mann.«
»Trotzdem halte ich es für besser, wenn ich im Wohnzimmer auf dich warte.«
Sie nickte und griff nach einem Schwamm, während er aufstand und hinausging.
Zurück im Wohnzimmer ging er auf und ab und wartete darauf, dass das Blut aus seinem Unterleib zurück in sein Hirn floss. Er ging in den Küchenbereich und suchte im Kühlschrank nach etwas Trinkbarem, nahm sich eine Flasche Wasser und setzte sich an den Tisch. Interessiert betrachtete Taylor die drei Schachteln auf dem Tisch. Es waren Puppenschachteln mit der Aufschrift Blakely Dollhouse in grellem Pink.
Als er in den Laden gerannt war, hatte er die Puppen kaum beachtet. Seine Aufmerksamkeit hatte allein Annalise gegolten, schließlich hatte er sich vergewissern müssen, dass ihr nichts fehlte.
Jetzt aber packte ihn die Neugier auf die Puppen, die sie produzierte. Er hob den Deckel von der ersten Schachtel und starrte auf die Puppe, die darin lag. Sofort schossen ihm Bilder von Kerry Albright durch den Kopf, und ihm war, als blickte er auf ihre in einen Pappsarg gebettete Leiche.
Er schloss fest die Augen, um Kerrys Bild aus seinem Kopf zu verbannen. Als er sie wieder öffnete und noch einmal hinschaute, sah er nur eine Puppe.
Jeder Puppenmacher auf der Welt muss ein Modell anbieten, das Brautmode trägt, dachte er. Seine Mutter besaß eine Braut-Puppe, die ihre Eltern ihr zum zehnten Geburtstag geschenkt hatten. Jeden Morgen, wenn sie ihr Bett gemacht hatte, setzte sie diese Puppe darauf, ein weißes Schmuckstück auf der rosenroten Tagesdecke.
Er legte den Deckel wieder auf die Schachtel und öffnete die zweite. Ein Dröhnen erklang in seinen Ohren, als er auf die dunkelhaarige Puppe im Zwanziger-Jahre-Look starrte, die ihm entgegenlächelte.
Was, zum Teufel? Eine Brautpuppe … eine Flapper-Puppe aus den wilden Zwanzigern … alles nur ein merkwürdiger Zufall? An derartige Zufälle glaubte er nicht.
Seine Gedanken überschlugen sich. Die Geschäfte liefen nicht gut, der Umsatz sank – das hatte sie ihm erzählt. Sie mühte sich verzweifelt ab, das Unternehmen wieder hochzubringen. Ermordete junge Frauen, die wie ihre Puppen gekleidet waren, würden das Interesse bestimmt wieder anfachen und die Verkaufszahlen in die Höhe treiben. Ihm gefiel gar nicht, welche Richtung seine Gedanken einschlugen. Er dachte wie ein Polizist, suchte ein Motiv, forschte nach dem Grund des Wahnsinns.
Steckte ein gewisser Wahnsinn in Annalise? Mit Grauen starrte er auf die dritte Schachtel. Es konnte doch auch bloß Zufall sein. Annalise war zu so entsetzlichen Taten nicht fähig. Er würde es doch sicher wissen, wenn die Frau, mit der er sich traf – die Frau, mit der er geschlafen hatte –, schlecht wäre.
Jetzt dachte er wie ein Mann. Als Polizist wusste er besser als jeder andere, dass sich das Gesicht des Bösen hinter unschuldigen Augen und schönen Fassaden verbergen konnte. Das Böse konnte hinter vielen Masken lauern, einschließlich der Maske einer Frau, in die er sich gerade verliebte. Tyler stand vom Tisch auf, den Blick auf die ungeöffnete dritte Schachtel geheftet. Es gab nicht viel, wovor Tyler King sich fürchtete, doch diese ungeöffnete Schachtel jagte ihm eine Heidenangst ein.
Verschwommen nahm er das Geräusch von abfließendem Wasser im Bad wahr. Immer noch blickte er wie gebannt und voller Angst auf die Schachtel. Öffne sie, befahl sein Verstand. Seine Finger griffen wie von selbst nach dem Deckel. Bitte, lass es eine Ballerina im rosa Tutu sein. Oder eine Meerjungfrau mit glitzerndem Fischschwanz.
Er holte tief Luft, hob den Deckel hoch und schnappte nach Luft, als er die Geisha-Puppe sah.
Drei Puppen.
Drei Leichen.
Drei Puppen.
Drei Leichen. Das Dröhnen in seinem Kopf war ohrenbetäubend.
Annalise. Herrgott im Himmel, Annalise war die Täterin. Hatte es sie angemacht, mit dem Mann auszugehen, der für die Aufklärung genau der Verbrechen verantwortlich war, die sie begangen hatte?
Heiliger Zorn erfasste ihn im selben Moment, als Annalise in einem leuchtend blauen Seidennegligé aus dem Badezimmer kam.
»Ich weiß nicht genau, ob es am Tee, an dem Bad oder an deiner Gesellschaft liegt, aber mir geht es schon viel besser«, sagte sie lächelnd.
»Schön, das freut mich«, entgegnete er mit bedrohlich sanfter Stimme und kam auf sie zu.
Irgendwo in seinem Hinterkopf registrierte er, dass sie nie hübscher ausgesehen hatte als in diesem Moment. Ihr Gesicht war frisch gewaschen, die Wangen waren rosig überhaucht. Die Farbe ihres Negligés ließ ihre Augen unwahrscheinlich blau erscheinen, und ein blumiger Duft hüllte sie ein.
Sein Verstand wehrte sich gegen die Beweise, die er gerade gesehen hatte. Er wollte es es nicht glauben, doch er konnte die Wut des Polizisten, die ihn nahezu verzehrte, nicht unterdrücken.
»Zieh dich an, Annalise.«
Sie sah ihn verwirrt an. »Wie bitte?«
»Ich sagte, zieh dich an. Ich nehme dich mit aufs Revier.«
»Warum denn? Ich habe diesen beiden Polizisten doch schon alles zu Protokoll gegeben.« Sie blickte ihm in die Augen und las dort offenbar etwas, das ihr Angst einjagte, denn sie wich einen Schritt von ihm zurück. »Tyler, was ist los?«
»Was los ist, fragst du?« Er ging auf sie zu. »Was los ist?«, wiederholte er, und seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. »Du hast nicht damit gerechnet, dass ich heute Abend hier aufkreuze, wie? Was hast du gemacht, bevor ich kam? Hast du am Tisch gesessen und dich diebisch über das Schicksal der toten Frauen gefreut?«
Sie schnappte nach Luft. »Was redest du da?«
Er packte sie am Arm und zog sie zum Tisch, auf dem die drei Puppen blicklos in ihren Schachteln lagen. »Sag’s mir, Annalise. Sag mir, was das zu bedeuten hat.«
Ihre Augen weiteten sich. »Tyler, du tust mir weh«, sagte sie und versuchte, ihren Arm aus seinem Griff zu befreien. Er ließ sie jedoch nicht los.
»Ist dir dein Geschäft wichtiger als drei junge Leben?«, fragte er. Der Zorn vermischte sich mit seinem Schmerz, während er sie ansah und nach einem Hinweis auf das Böse suchte, das in ihr stecken musste.
»Lieber Himmel, ich weiß nicht, wovon du redest«, schrie sie ihn beinahe an.
»Ich rede davon, dass ich den Mord an drei Frauen bearbeite, Frauen, die genauso gekleidet waren wie die da.« Er zeigte auf die Puppen und ließ Annalise endlich los.
Falls sie schuldig war, war sie die beste Schauspielerin, die er je erlebt hatte. Tränen traten in ihre Augen, und ihre Unterlippe begann, unkontrolliert zu zittern. »Was soll das heißen, sie waren genauso gekleidet?« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
»Das soll heißen, dass ich es mit drei toten Mädchen zu tun habe. Eine war wie eine Braut gekleidet, die zweite wie ein Flapper-Mädchen aus den wilden Zwanzigern, die dritte wie eine Geisha. Sie sind beinahe identisch mit diesen Puppen. Und jetzt nenn mir einen einzigen guten Grund, warum ich dich nicht auf der Stelle verhaften und aufs Revier schleppen sollte.«