7. Kapitel

Tyler hasste sein Haus. Nun, architektonisch hatte es genau seinen Vorstellungen entsprochen, als er es vor sieben Jahren kaufte. Das einstöckige Haus verfügte über drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine große Küche und ein geräumiges Wohnzimmer, komplett mit Holzfeuerkamin. Das Haus lag in einer typischen Vorstadtgegend. Auf der Zufahrt zu nahezu jedem Haus stand ein Geländewagen, und die säuberlich gestutzten Rasenflächen waren offenbar Gegenstand eines subtilen Wettbewerbs.

An den Wochenenden schwangen die meisten Männer ihre Motorsensen, als wären es Waffen, und kurvten auf Aufsitzrasenmähern herum, die so ziemlich alles konnten – es fehlte nur noch, dass sie den Männern nach getaner Arbeit ein Bier brachten.

Im ersten Jahr hatte Tyler versucht mitzuhalten. In seiner Freizeit mähte er das Gras und schnitt die Rasenkanten, harkte Laub und füllte es in Säcke, lernte die hohe Kunst des Jätens und Gießens und Düngens. Doch während der Ermittlungen seiner schwierigen Fälle samt Überstunden geriet der Rasen außer Kontrolle, und Tyler musste die missbilligenden Blicke der Nachbarn über sich ergehen lassen. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass er diesen zusätzlichen Druck nicht brauchte, und engagierte einen Garten-Service.

Trotz allem gefiel ihm, dass er in einer freundlichen Umgebung lebte und dass die Menschen ihre Nachbarn offenbar achteten. Am kommenden Sonnabend veranstaltete der Stadtteilverein sogar ein kleines Fest in einer der Stichstraßen.

Was ihm an seinem Haus nicht gefiel, war die Inneneinrichtung, ein Mischmasch aus halbfertigen Projekten, die sich seine letzte Freundin, Stacy, vorgenommen hatte, bevor sie ihn als unbrauchbar für ein menschliches Miteinander erklärte und ihn verließ.

Jetzt stand er in der Küche, in der eine Wand kotzgrün und eine andere babydurchfallgelb gestrichen war. Beide Wände aus Gipskartonplatten wiesen hammerkopfgroße Löcher auf, eine direkte Folge von Stacys Wutausbruch, als Tyler ihr seine ehrliche Meinung über die neuen Wandfarben kundgetan hatte.

Stacy war eine Möchtegern-Martha-Stewart ohne deren Geschmack und klugen Überlegungen, und die Überreste ihrer manischen Gestaltungsversuche waren in jedem Raum seines Hauses zu bewundern.

Er hätte seine Freizeit zur Reparatur der Wände nutzen und in etwa fünfzig Liter weiße Farbe investieren sollen. Er hätte die Tapetenbordüre in seinem Schlafzimmer entfernen sollen, die es nie rund um alle vier Wände geschafft hatte. Er hätte tausend andere Dinge tun sollen, statt sich zu einem Picknick einladen zu lassen. Aber ein Picknick mit Annalise Blakely verlockte ihn entschieden mehr als sämtliche Projekte zur Verschönerung seines Zuhauses.

Er nahm seinen Autoschlüssel vom Küchentresen und ging zur Haustür. Auf seinem Weg in Richtung Riverfront Park, wo er sich mit Annalise treffen wollte, versuchte er, sich vorzustellen, wie ihre Wohnung aussehen mochte.

War sie ein Rüschen-und-Spitzen-Fan? Stand sie auf Antiquitäten und Tiffanylampen? Oder hatte sie ihr Heim mit schlichter Eleganz eingerichtet? Im Grunde kannte er sie längst nicht gut genug, um überhaupt eine Vermutung anstellen zu können.

Er kannte wohl aber sich selbst gut genug, um zu wissen, dass er im Moment seinen Kopf mit allem Möglichen beschäftigte, um nicht über Kerry Albright in diesem verdammten Brautkleid nachgrübeln zu müssen.

Eine Braut ohne Hochzeit. Ihm war klar, dass die Art, wie sie gekleidet war, die Sorgfalt, mit der sie nach ihrem Tod behandelt worden war, einen Hinweis enthielt, aber sie hatten, verdammt noch mal, nicht herausgefunden, was dieser zu bedeuten hatte.

Die Inszenierung eines Leichenfunds wie die im Mordfall Albright war immer beunruhigend, zeugte in allen Einzelheiten von perversen Phantasien, verdrehten Obsessionen und unterschwelligen Botschaften.

Tyler liebte keine halben Sachen, und die Ermittlungen im Fall Kerry Albright waren bisher nichts Halbes und nichts Ganzes. Ihre Familie wartete auf die Auflösung des Falls, und ihre Freunde betrauerten einen Tod, für den es keine Erklärung gab.

Er schüttelte diese quälenden Gedanken ab, als er sich dem Marktplatz näherte. Am Wochenende war es schwer, in Riverfront einen Parkplatz zu finden, und er brauchte einige Minuten, bis er einen entdeckte.

Er schaltete den Motor aus, und ein lächerliches, nervöses Flattern machte sich in seiner Magengegend bemerkbar. Fühlte er sich etwa wie ein Teenager, weil er im Begriff war, Annalise Blakely wiederzutreffen?

Der Park begann auf der Straßenseite gegenüber dem Italiener, bei dem sie gegessen hatten. Es war nicht schwer zu erraten, dass diese Gegend vertrautes Terrain für Annalise war.

Vermutlich wohnt sie in der Nähe, dachte er auf dem Weg zum Park. Im Lauf der letzten Jahre waren in dieser Gegend Wohngebäude wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Sobald der Park in Sicht war, erkannte er sie, und seine nervöse Anspannung nahm zu, verbunden mit einem höchst angenehmen Glücksgefühl.

Sie hatte eine Decke unter einer großen Eiche ausgebreitet, die wie ein Flecken Sonnenschein auf dem sattgrünen Rasen wirkte. Annalise trug weiße Shorts und ein weißgelb gestreiftes Tanktop und wirkte frisch und nicht zu aufgedonnert.

Sie sah ihn kommen und stand mit einem strahlenden Lächeln auf. In diesem kurzen Moment eines gemeinsamen Lächelns beruhigten sich seine Nerven, und übrig blieb nur eine süße Vorfreude.

»Wow, Sie sehen umwerfend aus«, sagte er.

Sie lachte, und eine leichte Brise spielte mit ihrem langen dunklen Haar, das ihr über die Schultern fiel. »Umwerfend wäre ein kleines Schwarzes mit Riemchenpumps. Das hier ist ganz okay.«

Er grinste. »Ganz okay ist in meinen Augen ziemlich umwerfend.«

Sie wies mit einer einladenden Geste auf die Decke und setzte sich. »Ich hoffe, Sie haben nicht nur Komplimente, sondern auch Appetit mitgebracht.«

»Das habe ich. Und in Erwartung Ihrer blendenden Kochkünste habe ich nicht einmal gefrühstückt.«

Wieder lachte sie, und der melodische Klang weckte ein flüchtiges Begehren in ihm. »Zum Glück sind Sie nicht auf meine fragwürdigen Kochkünste angewiesen, sonst würden Sie bitter enttäuscht sein.«

»Sie sind wohl keine begnadete Köchin?« Er ließ sich neben ihr auf der Decke nieder.

»Wenn es um Tiefkühl- oder Fertiggerichte geht, bin ich gut. Wenn es an die Haustür geliefert wird, bin ich sogar noch besser. Und Sie? Sind Sie ein Meisterkoch?«

»Ich fürchte, mit unserem Desinteresse am Kochen haben wir etwas gemeinsam. Ich persönlich bin ein Junk-Food-Junkie. Mit allem, was frittiert und in Papier gewickelt serviert wird, bin ich zufrieden.«

»Tja, heute werden Sie kosten, was der Wochenmarkt zu bieten hat.« Sie legte eine Hand auf den großen Picknickkorb und streckte die Beine aus.

Sie hatte tolle Beine mit schmalen Fesseln und wohlgeformten Waden. Tyler hatte seit jeher eine Vorliebe für schöne Beine gehabt. Seine Mutter sagte, in dieser Hinsicht käme er ganz nach seinem Vater, der lange Zeit von Betty Grables Beinen geradezu besessen gewesen war. Tyler fand jedoch, dass Annalise Blakelys Beine denen des Pin-up-Girls in nichts nachstand.

»Wie wär’s mit einem Schluck zu trinken?«, fragte sie und öffnete den Korb. »Ich habe Limo, Saft und Mineralwasser.«

»Mineralwasser bitte.« Er nahm die gekühlte Flasche entgegen, und sie bediente sich ebenfalls. »Wohnen Sie hier in der Nähe?«

Sie deutete über die Straße hinweg, und erst jetzt bemerkte er das Gebäude, über dessen großen Fenstern der Name geschrieben stand. »Das ›Blakely Dollhouse‹ also, dort findet Ihr großer Puppenzauber statt?«

»Im Erdgeschoss befindet sich der Verkauf und die Fertigung, im ersten Stock das Lager, und im zweiten Stock meine Privatwohnung«, erklärte sie. »Diese Gegend ist meine Heimat. Als junges Mädchen habe ich mit meiner Mutter in einer Wohnung ein paar Blocks entfernt gelebt. Vor etwa zehn Jahren hat sie dann dieses Gebäude gekauft und den Laden eröffnet, blieb jedoch in der alten Wohnung. Nach ihrem Tod vor drei Jahren habe ich die obere Etage renovieren lassen und bin dort eingezogen.«

»Und wie gefällt Ihnen diese Gegend?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kenne nichts anderes. Hier fühle ich mich gut aufgehoben. Und Sie? Ich weiß nur, dass Sie irgendwo in der Nähe von Danika wohnen.«

»Nur ein Stück die Straße hinunter. Das Haus ist toll, aber dort müsste einiges getan werden. Wenn ich nach Hause komme, schaffe ich es meistens nur, ein bisschen zu schlafen, zu duschen und mich umzuziehen. Letzte Woche war besonders anstrengend.«

»Ein schwieriger Fall? Ich muss leider gestehen, dass ich gewöhnlich keine Nachrichtensendungen ansehe.«

»Das ist erfrischend. Im Allgemeinen gilt bei mir die Regel, dass ich nicht über meine Arbeit rede.« Er wollte sie nicht kränken, aber doch gleich die Grundregeln klären. »Meine Arbeit ist hässlich und dreht sich um das Schlimmste, was Menschen einander antun können.«

Nachdenklich blickte sie ihn aus ihren blauen Augen an. »Dann verstehe ich, weshalb Sie außerhalb der Arbeitszeit nicht über Ihre Tätigkeit reden wollen.«

So einfach war das Problem gelöst. Während sie anfing, den Korb auszupacken, plauderten sie über dieses und jenes, und er gab sich Mühe, das glühende Verlangen tief in seinem Inneren zu ignorieren.

Der Duft ihres Parfüms hing zwischen ihnen, ein frischer Blumenduft, der Phantasiebilder von zerwühlten Laken und heißem Sex in seinem Kopf entstehen ließ.

Das Essen war genauso erotisch wie seine Gedanken. Verschiedene Sorten Käse, dicke, saftig triefende Oliven, großzügig gebuttertes italienisches Brot und Peperoni und Salami in mundgerechten Stücken.

Fingerfood, und jedes Mal, wenn er sah, wie sie ihre Finger ableckte, spürte er dieses Lecken bis in die Zehenspitzen. Es war sehr lange her, dass er sich so stark von einer Frau angezogen fühlte.

Während sie aßen, versuchte er, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren und nicht daran zu denken, wie ihr Mund schmecken würde oder ob sich ihre Beine so seidig glatt anfühlten, wie sie aussahen.

Jeglicher Gedanke an Kerry Albright und den Fall war wie weggewischt, allein Annalise füllte sein Denken aus.

Sie zeigte ihm die Leute im Park, Nachbarn, die auf Bänken saßen oder spazieren gingen. Da war ein Versicherungsvertreter, ein Hausmeister und eine Frau mit Kinderwagen, und alle winkten ihr zu.

Kurz nach drei hastete Joey, der Besitzer des Restaurants, in dem sie in der Vorwoche gegessen hatten, auf dem Weg zu seinem Lokal an ihnen vorüber.

»Dieser kleine Park ist gut besucht«, bemerkte Tyler nach dem Essen, als sie träge auf der Decke lagen.

»Deswegen mag ich ihn so gern. Wenn ich mich einmal einsam fühle, brauche ich nur nach draußen zu gehen, und schon finde ich jemanden, mit dem ich reden kann.«

»Sie fühlen sich einsam?«, fragte er.

Sie sah ihn lange mit ihren wunderschönen blauen Augen an, dann richtete sie den Blick über seine Schulter hinweg auf einen Punkt in der Ferne. »Manchmal. Meistens bin ich zu beschäftigt, um mich einsam zu fühlen, doch hin und wieder gibt es spät am Abend Momente, in denen mir die Stille auf die Nerven geht.« Sie sah ihn wieder an. »Und Sie?«

Er zuckte mit den Schultern. »Genau wie Sie bin ich meistens zu beschäftigt, um darüber nachzudenken. Doch, sicher, ich habe auch manchmal einsame Momente.«

Es fiel Annalise schwer, ihn sich als einsamen Mann vorzustellen. Er wirkte so unabhängig. Ihn umgab eine Aura der Stärke, und in ihren Augen wirkte er wie ein Mann, der niemanden auf der Welt brauchte.

Seine Nähe ließ ihr Herz ein bisschen schneller schlagen, und ihr Mund wurde ein wenig trocken. Es war nicht zu leugnen, dass er etwas an sich hatte, das ihre Hormone in Wallung brachte.

Sie hatte keine Ahnung, ob es sein Duft war, dieser saubere, männliche Geruch, der von ihm ausging. Vielleicht lag es auch schlicht und einfach daran, dass der Mann Brust- und Armmuskeln hatte, die aussahen, als wären sie jedem Ansturm gewachsen, dazu einen knackigen Hintern und lange Beine.

Auch seine Augen fand sie eindeutig anziehend. Manchmal war sein Blick dunkel und rätselhaft, dann wieder glitzernd vor Humor und voller Wärme, und Annalise ahnte, dass sich dahinter ein kompliziertes Seelenleben verbarg.

»Ich hatte an diesem Wochenende unerwarteten Besuch«, sagte sie jetzt. Fragend zog er eine dunkle Augenbraue hoch. »Mein dreizehnjähriger Halbbruder hatte beschlossen, dass es höchste Zeit war, mich kennenzulernen. Und da ist er einfach in den Bus gestiegen und gestern Abend plötzlich bei mir aufgetaucht.«

»Sie haben ihn noch nie gesehen?« Er rollte sich auf die Seite und rückte damit näher an sie heran. Nun befand er sich in ihrer persönlichen Sphäre, so nah bei ihr, dass sie meinte, seine Körperwärme und seinen warmen Atem, wenn er sprach, zu spüren. »Wohnt er nicht in Kansas City oder wie?«

»Oder wie«, entgegnete sie trocken. »Tja, er wohnt zwanzig Meilen von hier entfernt.« Sie furchte nachdenklich die Stirn. »Ich schäme mich, einzugestehen, dass ich in seinen ersten Lebensjahren nichts mit ihm zu tun haben wollte, auch nicht mit der Frau, die mein Vater geheiratet hatte. Jahrelang hat mein Vater peinlich darauf geachtet, mich und seine andere Familie getrennt zu halten. Meine Beziehung zu ihm war schon immer kompliziert.«

Er griff nach einer Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, und schob sie ihr hinter das Ohr. »Und wie war es für Sie, schließlich doch Ihrem Bruder zu begegnen?«

Sie lächelte und versuchte, die süß prickelnde Glut, die seine Berührung auslöste, zu ignorieren. »Es war ziemlich gut. Charlie ist ein prima Kerl, und ich freue mich darauf, eine echte Beziehung zu ihm herzustellen.«

»Und ich freue mich darauf, zu Ihnen eine echte Beziehung herzustellen«, erwiderte er.

Ein zittriges Lachen entschlüpfte ihr. »Sprechen Sie immer so unverblümt aus, was Sie sich wünschen?«

»Immer.« Seine dunkelgrauen Augen glänzten. »Was mich betrifft, ich finde, das Leben ist zu kurz und zu ungewiss, um sich nicht zu nehmen, was man haben will.«

»Und was genau wollen Sie haben?« Sie hielt den Atem an, als sein Blick langsam und anerkennend an ihr heraufglitt und schließlich an ihren Lippen hängenblieb. »Für den Anfang wäre ein Kuss nicht schlecht.«

Ihr Herz flatterte unregelmäßig. »Ich finde, für den Anfang wäre ein Kuss ganz toll.«

Er beugte sich vor und berührte hauchzart ihre Lippen mit den seinen. Die schmetterlingsgleiche Berührung traf sie wie ein Stromschlag.

Fordernd und hungrig verstärkte er den Druck seines Munds auf ihrem. Sie öffnete sich ihm, ließ seine Zunge mit der ihren tanzen. Er schmeckte nach den Erdbeeren und Orangenspalten, die sie zum Nachtisch verzehrt hatten. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so Wunderbares, so Erotisches gekostet.

Sie wünschte sich, von ihm in die Arme genommen zu werden, seinen Körper an ihrem zu spüren, doch er berührte sie überhaupt nicht, außer mit seinen sündhaft köstlichen Lippen.

Als er den Kuss schließlich beendete, schlug sie die Augen auf und seufzte. »Das war schön.«

Er grinste. »Eine schöne Vorspeise.«

Seine Worte enthielten das Versprechen von noch Schönerem in der Zukunft, und Annalise wurde bewusst, wie sehr sie dem nächsten Schritt entgegenfieberte. Irgendwo in einem Winkel ihres Bewusstseins wurde ihr klar, dass sich die Beziehung vielleicht ein bisschen schnell entwickelte, doch es war ihr egal.

Sie würde sich einen von Danikas Grundsätzen aneignen, nämlich den, der besagte: »Lebe für den Augenblick und scher dich nicht um die Konsequenzen.« Danika würde jetzt sagen: Warum suchst du nach dem Mann fürs Leben, wenn der Mann für den Moment direkt vor dir steht?

Tyler richtete sich auf und blickte eine Weile in die Ferne, dann sah er sie wieder an. »Ich habe mal zu hören bekommen, dass ich einen miserablen festen Freund abgebe.«

»Tatsächlich? Und wieso?« Sie erhob sich ebenfalls in eine sitzende Position und stellte fest, dass der Park sich zu leeren begann, als die Leute zum Abendessen in ihre Häuser zurückkehrten.

»Ich bin unzuverlässig«, antwortete er. »Du hast es am eigenen Leib erfahren. Selbst in meiner Freizeit habe ich eigentlich ständig Bereitschaftsdienst.«

»Meiner Meinung nach wird Zuverlässigkeit häufig überschätzt.« Sie schenkte ihm den Hauch eines Lächelns.

»Ich bin anspruchsvoll«, fuhr er fort. »Und man sagt mir nach, ich wäre oft nicht empfänglich für die Bedürfnisse anderer Menschen.«

»Machst du das immer so, dass du ein Mädchen küsst, bis sich ihre Zehennägel kräuseln, um ihr dann im nächsten Moment all deine schlechten Eigenschaften aufzuzählen?«

»Nein, gewöhnlich überfalle ich eine Frau erst sehr viel später mit meinen üblen Angewohnheiten«, sagte er mit diesem sexy Grinsen, das so typisch für ihn war.

»Warum erfahre ich sie dann jetzt schon?«, wollte sie neugierig wissen.

»Weil ich dich mag, Annalise, und weil ich dachte, es wäre nur fair, dich vorzuwarnen.«

»Falls du hoffst, dass ich es genauso halte, kannst du lange warten«, sagte sie trocken. »Ich habe nicht die Absicht, dich vor meinen schlechten Eigenschaften zu warnen.« Er lachte, und sie fuhr fort: »Im Ernst, Tyler, lass uns alles nehmen, wie es kommt, ja? Ohne Erwartungen und ohne Versprechungen.«

»Klingt gut«, stimmte er zu und blickte dann stirnrunzelnd auf seine Uhr. »Ich befürchte, dass ich es für heute gut sein lassen muss.« Das Bedauern in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Zwar habe ich offiziell keinen Dienst, aber ich habe auf dem Revier noch einiges zu erledigen.« Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen.

Auch Annalise hatte bis zum nächsten Arbeitstag noch Unmengen zu tun, doch es fiel ihr schwer, ihn gehen zu lassen. Sie griff nach seiner Hand, und er zog sie hoch und direkt in seine Arme.

Sie war sich des engen Körperkontakts nur zu deutlich bewusst, vom Druck seiner festen Schenkel bis zu seinem muskulösen Oberkörper an ihren Brüsten, und stieß einen kleinen Seufzer aus.

Dann küsste er sie so, wie sie es sich gewünscht hatte, lange und heftig, hielt sie fest in den Armen, und sein Herz pochte an ihrem. Als er sie schließlich losließ, seufzte sie und lächelte ihn an. »Das machst du ausgesprochen gut.«

Er zwinkerte ihr zu. »Wenn du das schon gut findest, dann wirst du über meine restlichen Talente noch staunen.« Er wies auf die Picknickdecke. »Ich helfe dir beim Aufräumen und begleite dich nach Hause.« Er griff nach dem Picknickkorb, und sie bückte sich rasch nach der Decke, legte sie zusammen und versuchte, nicht an seine restlichen Talente zu denken.

»Am nächsten Sonnabend findet in meinem Stadtteil ein Straßenfest statt, du weißt schon, viel Eis und Hamburger«, sagte er auf dem Weg zu ihrem Haus. »Ich würde mich freuen, wenn du mit mir kämst.«

»Hört sich gut an. Um welche Uhrzeit?«

Er dachte nach. »Das weiß ich nicht mehr genau. Ich sehe auf dem Handzettel nach und rufe dich an.«

Vor der Ladentür blieb sie stehen, zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und schloss auf. »Annalise, vielen Dank für den wunderschönen Tag.« Tyler stellte den Korb ab. »Solch einen Tag, an dem ich mich einfach nur entspanne und die Gesellschaft einer schönen Frau genieße, erlebe ich nur selten.«

Sie hatte keine Ahnung, was für Gedanken ihm in diesem Augenblick durch den Kopf gingen, doch seine Augen verdunkelten sich, seine Lippen wurden schmal, und seine Stirn legte sich in Falten. »Und jetzt heißt es zurück in die hässliche Wirklichkeit.«

Sie hätte gern die Hände an seine Wangen gelegt und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Unterhaltung, ihr gemeinsames Lachen, die schöne Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, auch Teil der Wirklichkeit waren. Doch bevor sie ihre Gedanken in Worte fassen konnte, trat er schon einen Schritt zurück. »Ich rufe dich an, und wenn bis dahin nicht gerade die Hölle losbricht, besprechen wir alles Weitere wegen Sonnabend.«

Sie erkannte, dass er im Geiste bereits den Übergang von einem schönen Nachmittag zu den Unannehmlichkeiten des bevorstehenden Abends vollzogen hatte. Zum Abschied streichelte er ihre Wange, dann drehte er sich um und ging.

Sie blickte ihm nach. Seine Zärtlichkeit und die gemeinsam verbrachte Zeit hatten ein warmes Gefühl in ihr geweckt. Sie mochte ihn. Sie mochte ihn sehr und konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

Sie sah ihm nach, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, dann drehte sie sich um, und war gerade im Begriff, den Laden zu betreten, als das Gefühl der Wärme von ihr wich. Es war, als hätte sie ein unangenehm kalter Luftzug gestreift.

Ihre Nackenhaare sträubten sich, und sie hatte das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden. Sie fuhr herum und blickte auf den Park hinaus, wo die letzte Nachzüglerin, eine Frau mit einem Kleinkind, in der Ferne verschwand.

Offenbar lauerte niemand in den abendlichen Schatten, die sich in der Gegend ausbreiteten, keine dunklen Gestalten spähten aus der Gasse zu ihr herüber, und dennoch blieb das beunruhigende Gefühl in ihr bestehen. Ihr Herz klopfte heftig gegen die Rippen, ihr Atem ging in panischen Stößen.

Angst. Grundlose Angst überfiel sie, und so trug sie die Sachen hastig in den Laden. Sie schloss die Tür wieder ab, und ihr Herz raste, als sie zum Fenster ging, um noch einmal nach draußen zu blicken.

Nichts. Sie stieß ein kleines, zaghaftes Lachen aus. Verrückt. Es war, als hätte sie ein Todeshauch gestreift.

Es gab überhaupt keinen Grund, sich so zu fühlen, und doch ließ diese Vorahnung von Unheil sie nicht los, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg.


Max erwachte, als die Sonne im Westen unterging und den Himmel mit ihren letzten Strahlen färbte. Wie immer, wenn er die Augen aufschlug, heftete sich sein Blick auf ein Bild, das er mit einem Nagel an der Holzkiste befestigt hatte, die er sein Zuhause nannte.

Und wie immer kamen die Erinnerungen bei diesem ersten Blick, nachdem er den Tag verschlafen hatte. Er erinnerte sich an das Leben, das er geführt hatte, bevor er sich für sein jetziges entschieden hatte.

Sam und Mickey. Seine Söhne. Sie lächelten ihn von dem verblassten Foto entgegen. Sie waren so liebe Jungen gewesen, so voller Lachen und Leben.

Es hatte auch einmal eine Mutter gegeben, Max’ Frau. Sie war gestorben, als die Jungen zwei und vier Jahre alt gewesen waren. Sosehr Max sich auch bemühte, er konnte sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Doch in seinen seltenen lichten Momenten, wenn der Schlaf gerade erst gewichen war, erfüllte ihn die Erinnerung an seine Söhne.

Mickey war der ältere gewesen, ein hübscher Junge, aufgewachsen mit der Liebe zu allem, was mit Sport zu tun hatte, und zu seinem jüngeren Bruder Sam. Sam war stiller gewesen, nicht so sportlich. Er war schüchtern und hatte Freude am Lesen und an Musik gehabt.

Sie waren damals die drei Musketiere, die zusammen lachten und einander liebhatten in allen Höhen und Tiefen des Lebens. Die Jungen waren der Grund gewesen, weshalb Max morgens aufstand, ihr Lachen war der Klang, der ihn den Alltag ertragen ließ.

Mit zitternder Hand nahm er das Foto von der Kistenwand. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren sie vierzehn und sechzehn Jahre alt gewesen und saßen auf einem Sofa. Sam trug Shorts und ein T-Shirt, Mickey eine Jeans und kein Hemd. Das Foto war nicht gestellt, sondern Max hatte einfach spontan nach seiner Kamera gegriffen und drauflosgeknipst. Er hatte den Film entwickeln lassen, und am Tag vor ihrem Tod hatte er die Bilder abgeholt.

Schmerz … unerträglicher Schmerz, gemischt mit niederschmetternder Trauer fiel über ihn her. Ihm wurde die Brust eng, so eng, dass es ihm den Atem nahm, und das wünschte er sich. Er wollte sterben, wenn er an das dachte, was er verloren hatte.

Doch irgendwann in ferner Vergangenheit hatte man ihn gelehrt, dass es eine Todsünde sei, sich das Leben zu nehmen, dass die Folge einer solchen Tat die ewige Verdammnis sei. Und wenngleich er tief in einem verborgenen Winkel seines Bewusstseins ahnte, dass er sich längst in der Hölle befand, fürchtete er doch, dass es noch etwas Schlimmeres als sein derzeitiges Leben geben könnte.

Er schob das Foto in seine Gesäßtasche, und als die Erinnerungen verblichen, ließen rasch auch der Schmerz und der Kummer nach. Mit einem Grunzen kroch er aus seiner Kiste, und seine Gelenke knackten und die Muskeln schmerzten, als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete.

Es würde wohl eine gute Nacht werden, vermutete er, denn der Markt war den Tag über gut besucht gewesen. Das verhieß gute Mülltonnen und mit ein wenig Glück hinuntergefallenes Kleingeld auf den Gehsteigen und Parkplätzen, wovon er sich eine Flasche Schnaps kaufen könnte. Damit war gesichert, dass die Erinnerungen fernblieben.

Die Nacht brach schnell herein. Max hatte eine feste Routine, und zuerst suchte er den Parkplatz in der Nähe des Marktes auf, wo die verrückte Betty schon vor ihm eingetroffen war. Er hob grüßend die Hand, doch sie zog ein finsteres Gesicht, drückte eine Einkaufstüte voller Tannenzapfen an die Brust und huschte davon.

Auf dem Parkplatz fand er vier Dollar und zwölf Cent, die ihm süßes Vergessen in Form von billigem Gin versprachen. Sein nächstes Ziel war der Spirituosenladen. Er kaufte sich seine Flasche und schob sie in die Innentasche seines Mantels.

Dann ging er weiter zu der Mülltonne hinter dem italienischen Restaurant. Selbst in schlechteren Nächten fand sich dort gewöhnlich ein bisschen Brot.

Als er die Mülltonne hinter Joey’s Restaurant durchwühlt hatte und den Park durchquerte, sah er, wie in der Wohnung der Puppendame das Licht ausging. Anna. Nein, das stimmte nicht. Annalise. Er mochte sie. Sie hatte gütige Augen, und wenn sich im Müll nichts Essbares fand, konnte er sich darauf verlassen, dass sie eine Kleinigkeit für ihn übrig hatte.

Er brauchte Stunden, um sämtliche Mülltonnen der Umgebung zu durchsuchen und einzusammeln, was vielleicht noch essbar oder verwertbar war. Als er endlich fertig war, ließ er sich am Fuß einer großen Eiche im Park nieder, um alle Spuren der Erinnerung, die sich in sein Bewusstsein drängen wollte, im Schnaps zu ertränken.

Die Nacht wurde dunkler, der Mond stieg höher und höher am Himmel auf. Max hatte sich daran gewöhnt, die Zeit am Stand des Mondes abzulesen.

Max wurde schon seit Jahren nicht mehr betrunken, denn der jahrelange Alkoholmissbrauch hatte ihm eine hohe Toleranzschwelle eingebracht. Jetzt wurde er Nacht für Nacht nur noch benommen.

Es war nach zwei Uhr morgens, als Max ihn sah. Seine Eingeweide krampften sich vor Angst zusammen, als er versuchte, mit dem Baum in seinem Rücken zu verschmelzen.

Es musste der Teufel sein, den Max in dieser Nacht umherschleichen sah. Die Erscheinung war völlig schwarz gekleidet, und Max blickte ihm nicht ins Gesicht. Er hatte sein Gesicht erst einmal gesehen, ein Gesicht bar jeder Menschlichkeit. Max konnte niemandem sagen, ob die Augen des Teufels blau oder schwarz oder braun waren, denn das eine Mal, als er ihn angeblickt hatte, hatte nichts außer brennendem Hass und den Höllenfeuern darin gelegen.

Max hielt den Atem an, als sich der Teufel an ihm vorbeistahl, leise wie eine Katze auf Beutezug. Er hielt eine Schachtel im Arm, und voller Entsetzen sah Max, wie er sich dem Haus der Puppendame näherte und die Schachtel vor ihrer Tür abstellte. Dann drehte er sich um und kam wieder auf Max zu.

Max schloss die Augen ganz fest und hielt den Atem an, als der Teufel vorüberging. Erst als der Dämon zurück in der Hölle, oder woher auch immer er gekommen sein mochte, verschwunden war, öffnete Max die Augen wieder und eilte zurück zu seiner Kiste.

Im Schutz seiner winzigen Heimstatt rollte er sich zu einer Embryohaltung zusammen. Beim Gedanken an die Schachtel vor Annalises Tür begann er zu weinen, weil er wusste, dass seine Freundin in großer Gefahr schwebte. Der Teufel war hinter ihr her, und das Schlimmste daran war, dass Max zu große Angst hatte, um sie zu warnen.

Angst sei dein Begleiter: Thriller
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