Tanijens Messer

 

Ich wusste es die ganze Zeit.« Sabins Stimme bebte. »Diese Wesen vom Dach sind nicht nur Tiere. Sie wissen genau, was sie tun.«

»Warum haben sie uns dann nicht längst angegriffen?«, warf Amber ein.

Sabin lachte trocken. »Wie du siehst, haben sie bessere Methoden.«

Amber schauderte wieder. Noch nie hatte sie sich so hilflos gefühlt. Die Timadar war verloren, Tanijen wirkte kränker als je zuvor, und seit sie ihre Geschichte preisgegeben hatte, kam es ihr so vor, als hätte sie ihre Waffen aus den Händen gelegt. Sie spürte, dass Sabin sie von der Seite verstohlen beobachtete, aber jedes Mal, wenn sie die Taucherin ansah, blickte Sabin weg. Sie hatte gespielt und verloren, so viel wusste sie nun. Es traf sie mehr, als sie jemals zugegeben hätte. Der nagende Schmerz einer Niederlage. Und zu allem Überfluss fühlte sie sich mehr denn je wie eine Diebin.

Der Regen schlug gegen die Wände und prasselte auf das Dach. Draußen im Hof saßen die nassen Vögel und steckten die Köpfe in das Gefieder. Durch die halb geöffneten Läden des Fensters konnte Amber den Tümpel sehen – eine matte Fläche aus beweglichen Wasserspitzen. Die Atmosphäre in der Halle war noch unangenehmer geworden, Schatten zuckten am Rand ihres Blickfelds, sie hatte ständig Gänsehaut und fröstelte. Zum ersten Mal, seit sie die Insel betreten hatte, wurde ihr bewusst, dass sie hier tatsächlich sterben konnte.

»Wir brauchen Holz für ein neues Boot«, sagte Sabin. »Diesmal bauen wir es hier – in der Burg. Erst wenn wir aufbrechen, bringen wir es zum Strand. Inu, hörst du mir zu?«

Der Seiler schrak hoch, als hätte er auf etwas anderes gelauscht.

»Was ist los mit dir?«, fuhr Sabin ihn an. »Bin ich die Einzige, die sich Sorgen macht, ob wir lebendig von dieser verfluchten Insel runterkommen? Hast du keine Angst?«

Amber schwieg, doch im Stillen gab sie Sabin recht. Seit gestern Abend wirkte Inu düster und verschlossen. Er horchte ständig auf etwas, das nur er hörte, und sah sich im Gehen um, als würde er erwarten, dass ihm jemand folgte. Würde das ihr Ende sein? Dass sie alle den Verstand verloren?

»Angst?«, sagte Inu und hob den Kopf. »Warum? Wir haben doch einen Beschützer.«

Seine Stimme wurde scharf und laut. So kannte Amber den sanften Seiler nicht. Langsam stand er auf. »Jemanden, der genug Magie beherrscht, um die Vergangenheit wachzurufen. Jemanden, der vorgibt, ein einfacher Navigator zu sein, und der keinen Wert darauf legt, die Insel zu verlassen, jemanden…«

Tanijen, der bisher auf einer Truhe gesessen hatte, sprang auf. Fiebrige Flecken leuchteten in seinem blassen Gesicht.

»Es reicht, Inu!«

»Ist es nicht so?«, erwiderte Inu unbarmherzig. Mit einer nachlässigen Geste zog er einen flachen Gegenstand unter seinem Tuch hervor. Einen Herzschlag lang bildete Amber sich ein, einen Dolch zu sehen, dunkelrot und schimmernd, aber dann erkannte sie, dass es eine Spiegelscherbe war. Und darauf bewegte sich ein Bild. Ein Gesicht erschien… die rothaarige junge Frau.

»Ich kenne sie!«, rief Amber. »Von ihr habe ich geträumt!«

»Wir alle sehen Gespenster«, erwiderte Inu düster. »Als Schatten, als Traum – aber wer hat sie gerufen? Du doch, Tanijen, nicht wahr? Du hast die Scherbe auf der Treppe verloren. Hast du noch mehr von diesem Spiegelzauber? Wolltest du die Scherben auf die Timadar schaffen, ohne dass wir es bemerken? Was verbirgst du noch vor uns?«

Tanijen war bleich wie ein Naj geworden. Er schüttelte nur den Kopf, doch selbst Amber, die ihn erst einige Tage kannte, war klar, dass er Inus Worten nichts entgegensetzen konnte.

»Die Schatten, die Geräusche, die Bedrohung – willst du wirklich behaupten, du hast nichts damit zu tun?«, fuhr Inu fort. »Du bist der schlechteste Navigator, den ich je gesehen habe. Aber andere Talente besitzt du offenbar. Das Talent, die Spiegel zum Sprechen zu bringen. Das ist nicht die Magie, die in der Natur liegt. Es ist Menschenmagie, von einem Willen erzeugt! Was hast du noch getan? Die Geister der Insel aufgestört? Die Vögel gerufen? Was lernst du in dieser Navigatorengilde wirklich, Tanijen?«

Tanijen sprang vor und versetzte Inu einen Stoß. Der Seiler taumelte, aber er fiel nicht. Stattdessen verlor Tanijen das Gleichgewicht. Die Farbe wich endgültig aus seinem Gesicht. Sabin sprang zu ihm und verhinderte im letzten Augenblick, dass er zu Boden stürzte.

»Inu!«, zischte Amber und packte den Seiler, der die Hand zur Faust geballt hatte, grob am Handgelenk. »Hör auf! Tragt euren Streit aus, wenn wir wieder in Dantar sind. Hast du schon vergessen, was du mir erzählt hast? Wir gehören zusammen, wir verdächtigen uns nicht, wir…«

Doch der Seiler schüttelte ihre Hand ab. »Sieh dich an, Tanijen!«, schrie er. »Du erlischst wie eine Kerze. Deine Hände zittern, als ob du versuchen würdest ein Netz zu halten, das zu schwer beladen ist! Du hast nicht einmal genug Kraft, um mich niederzuschlagen.« Seine Stimme wurde rau vor Verachtung. »Der Tanijen, den ich kannte, hätte mir die Wahrheit gesagt. Der Tanijen, dem ich vertraut habe, hätte niemals etwas getan, was dem Gesetz von Dantar widerspricht. Wofür das alles, Tanijen? Was zieht dich zu den Magiern? Die Gefahr?«

Amber wollte ihn zurückreißen, ihn irgendwie zum Schweigen bringen, aber in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Sie sah, dass Tanijen schwankte, als müsste er viel Kraft aufbieten, um sich auf den Beinen zu halten. Und sie erkannte die Panik in seinem Blick. Mit siedend heißem Schreck wurde ihr klar, dass Inu die Wahrheit sagte.

»Ist das wahr?«, fragte Sabin mit zitternder Stimme. »Tanijen, bist du… ein Magier?«

Ihre Stimme klang leise und so verloren im Raum, dass es Amber die Kehle zuschnürte. Tanijen schwieg und schloss die Augen. Amber wusste, wie sich Verrat anfühlte. Für einen bizarren Moment war sie wieder in den Bergen. Omin und Sebe kamen durch die Tür. Und in dem Moment, als Omin den Knüppel hob, erkannte sie, dass ihre Brüder sie tatsächlich töten würden. Der Augenblick dieser Erkenntnis brannte wie ein Schandmal. Plötzlich war alles wieder da: die Ungläubigkeit, der Schmerz und dann die Wut.

»Lügner«, sagte Sabin mit erstickter Stimme und ließ Tanijen los. Amber konnte beinahe fühlen, wie die Taucherin das Band, das zwischen ihnen bestand, durchtrennte. Und was sie im Gesicht der Taucherin las, war ihr schmerzlich vertraut. Sabin war kein Mensch, der schnell liebte, aber was sie liebte, das liebte sie ganz und gar. Nur eine Lüge konnte sie nicht verzeihen. Tanijen hatte das gewusst.

Und Inu ebenfalls.

Der Navigator stützte sich schwer auf einer Truhe ab. Er antwortete nicht, doch in seinem Gesicht spiegelte sich Entsetzen. Er lauschte auf etwas, und Amber glaubte seine Angst zu sehen – ein Schatten, der größer und größer wurde und auch sie einschloss. In diesem gläsernen Moment waren sie wie erstarrt, nur die Dunkelheit wirbelte, etwas Schweres krachte dumpf gegen eine Holztür, Flüstern überall und die Rufe der Vögel. Der Regen wurde lauter.

»Ohne mich wäre unser Boot untergegangen oder an den Klippen zerschellt«, sagte Tanijen heiser. »Wir wären im Sog ertrunken. Wie all die anderen. Es sind die Fische, ja. Aber sie sind nicht gefährlich, sie umschwimmen jedes neue Schiff, das auf die Insel zufährt und erzeugen so die Wirbel. Sie stammen von den Feuerinseln. Und die Magier… es ist ihnen gelungen, Leben zusammenzufügen. Trotzdem sind die Vögel nur Vögel und die Fische nur Fische. Gefährlich sind die anderen… und ohne mich… werden die Stürme nicht aufhören und ihr…«

Voller Schrecken begriff Amber, dass alles, was zwischen der Insel und ihren Geheimnissen und ihnen selbst stand, nur noch Tanijen war. Sie stolperte zurück, bis sie die Wand berührte – an der kahlen Stelle, an der der Spiegel gehangen hatte.

Narren… flüsterte es.

bin hier

Sturmrufer

Ich traue ihm nicht

Und zwischen all den Schatten stand Inu, blass, aufrecht, ein Richter mit kühlem Blick. Seine Hand lag auf dem Tuch, dort, wo er vermutlich ein Messer oder einen Haken verwahrte.

»Was ist hier geschehen?«, fragte er nun. »Tanijen, was ging in dieser Burg vor?«

Tanijen lächelte verzweifelt. Amber schnitt der Anblick ins Herz. Er war ein Fremder, ein Magier – und gleichzeitig war er immer noch Tanijen. Sein helles Haar hing ihm wirr in die Stirn, in seinem bleichen Gesicht glühten die braunen Augen wie dunkle Monde. Und Amber begriff in diesem Augenblick zum ersten Mal, was der Kodex der Seiler bedeutete. Alles war verbunden. Trotz ihrer Angst vor der Magie trat sie zu Tanijen und schloss ihre Finger fest um seine Hand.

»Seid ihr wahnsinnig geworden? Das ist Tanijen«, sagte sie mit großer Bestimmtheit. »Euer Freund. Und auch meiner! Ein Mensch, ob er nun ein Magier ist oder nicht! Wir gehören zusammen.«

Tanijen erwiderte ihren Händedruck, doch er sah sie nicht an.

»Du hattest immer recht, Inu«, sagte er. »Ich bin kein guter Navigator. Nicht einmal ein besonders guter Taucher. Aber ich bin… immerhin ein Magier. Was weißt du schon darüber? Was weiß Dantar darüber? Ihr habt nichts Besseres zu tun, als uns selbstgerecht anzuklagen. Solange ihr einen Galgen findet, an dem ihr Menschen aufhängen könnt, müsst ihr nichts verändern. Solange Tausende von Menschen in Dantar ertrinken, ist alles in Ordnung, Hauptsache, ihr findet einen Schuldigen. Solange es Leute wie dich gibt, Inu, wird sich nichts ändern. Du knüpfst deine Seile auf die gleiche Weise, wie es schon deine Vorfahren taten. Du wirst nur mit einer Seilerin eine Familie gründen, weil es dir verboten ist, deine Liebe selbst zu wählen. Dich hinter Regeln verstecken: Das ist das Einzige, was du kannst, und nie wird sich etwas ändern. Du wirst nie ein anderes Leben leben als deine Vorfahren, denn alles ist vorherbestimmt, Knoten für Knoten. Und du verachtest mich dafür, dass ich anders bin. Wer ist hier der Lügner, Seiler? Euer Kodex sagt, dass alles verbunden ist. Doch sobald jemand schuldig sein muss, knüpft ihr ihm einfach das Seil um den Hals. Ein schönes Geschäft, Inu.«

Er holte tief Luft. Seine Stimme wurde leiser, während etwas anderes im Raum anschwoll und spürbar stärker wurde, als würde es Tanijens Kraft rauben. »Aber ich habe die Möglichkeit, das alles zu beenden. Zwei der Magier suchten Rache und zwei von ihnen Macht. Ich aber werde es beenden: die Stürme, die Galgen… ich werde all das beenden!«

Sein Blick flackerte, während er erst Inu musterte, der blass geworden war, dann Sabin und schließlich Amber.

Er sieht gar nicht uns, dachte Amber wie betäubt. Doch was sieht er dann?

»Ich… bringe es in Ordnung, Loin«, keuchte er.

Draußen flatterten einige Vögel auf. Der Regen wurde noch stärker, Wasser rann über die Türschwelle ins Innere der Halle und suchte sich den Weg zwischen den quadratischen Bodenfliesen. Tanijen ließ Ambers Hand los und stolperte nach draußen.

 

*

 

Niemand hielt ihn zurück. Natürlich nicht. Am allerwenigsten Inu. Die Erkenntnis, dass sein Freund ihm niemals verziehen hatte, schmerzte. Das Alte lässt sich nie mit dem Neuen vereinen – dieser Satz hallte in seinem Kopf wie ein höhnisches Echo. Noch nie hatte eine Wahrheit so bitter geklungen. Manchmal, in Momenten des Zweifels, in denen er erkannte, dass er zu schwach und unerfahren für diese Magie war, hatte er geahnt, dass er Sabin verlieren würde, dennoch begriff er es erst in diesem Augenblick. Tanijen zog die Schultern hoch und blickte sich nicht um. Nichts wäre schlimmer, als Sabin anzusehen. Der Schmerz, ihre Enttäuschung zu spüren, genügte für zwei Leben.

Der kalte Regen brachte ihn wieder zur Besinnung, die Gesichter von Loin, Lemar und den anderen verschwammen vor ihm und lösten sich auf. Zurück blieben das ganze Elend und die Schwäche, die ihn lähmte wie der Frost eine Echse. Längst waren ihm die Bannkreise entglitten, er spürte den Toten nicht mehr und war nicht mehr fähig, die Schatten in ihre Winkel zu schicken.

Er konnte die Magie sehen: Dunkelheit, die sich vor ihm ballte, ausstrahlte und sich wieder pulsierend zusammenzog. Ein gewaltiges Pferd, das er nicht länger zähmen konnte. Er hatte keine Wahl mehr. Tanijen öffnete die Hände und ließ die Magie los. Zum ersten Mal seit dem Tag, an dem er Lemars Spuren aufgenommen hatte, konnte er wieder leichter atmen. Entschlossen schritt er weiter auf den Tümpel zu und tastete nach dem kurzen Messer an seinem Gürtel. Er hatte nicht versagt, nein. Nur einen Fehler gemacht: Dass er zu lange gesucht hatte. Zu viel Kraft verschwendet, zu viel Zeit.

»Lemar! Der Dolch!«

»Ich habe ihn nicht, Loin«, murmelte er. »Dieses Messer hier muss genügen.«

Hinter sich hörte er Ambers Stimme und dann auch Sabin, die ihn zurückrief, aber er drehte sich nicht um. Ein Donnergrollen umgab ihn, die Wolken am Himmel waren so dunkel wie gewaltige Schiffe, die sich in einem Meer aus Regen drängten. Wasser füllte die Ritzen zwischen den Steinen und verwischte die Grenze zwischen dem Tümpel und dem Hof. Die Vögel schlugen aufgeregt mit den Flügeln, bogen die Hälse nach hinten und rissen die Schnäbel auf. Tanijen atmete tief durch und konzentrierte sich nur noch auf den Tümpel. Das schwarze Wasser bebte leicht, als er mit dem Fuß die Wasseroberfläche berührte. Eine Bö fegte ihm einen Tropfenschauer entgegen. Das Wasser des Tümpels war erstaunlich kalt, viel kälter als das Meer. Tanijen schloss die Augen und rief sich Lemars Skizze ins Gedächtnis. Felswände aus Eisgranit, die das Wasser kühl hielten. Ein Vorsprung, die Kuhle, die Eisenhaken, die zusätzlich zu den vorhandenen in die Wände geschlagen worden waren. Und er erinnerte sich an alle Lektionen, die er als Taucher gelernt hatte – vor langer Zeit, in einem anderen Leben. In seinem Leben mit Sabin. Er würde tief tauchen müssen.

»Tanijen!«

Er holte Luft und zückte das Messer.

 

*

 

Hinter Vorhängen aus Regenschleiern erkannte Amber nur schemenhaft Tanijens Gestalt. Er schwankte auf den Tümpel zu. Dann brach der Wall endgültig. Das Flüstern stürzte über sie herein wie ein Wasserfall. Ambers Haare sträubten sich, ihr ganzer Nacken war eine kribbelnde Fläche. Tanijens Magie schützte sie nicht mehr! Die Vögel begannen mit den Flügeln zu schlagen. Hinter ihr fegte Wind durch den Saal, wirbelte Papier hoch, warf Stühle um und ließ Truhendeckel klappern. Amber stolperte, verlor das Gleichgewicht und prallte gegen Inu. Alles war entfesselt, Gestalten leuchteten auf wie Traumbilder: ein junger, hagerer Mann, der einen roten Dolch unter seinem Mantel hervorzog. Zwei weitere Männer, in deren Fäusten Messer blitzten. Und die rothaarige Frau – eine stumme Erscheinung, deren Verzweiflung dennoch spürbar war.

Tanijen stand am Rand des Tümpels, die Vögel umflatterten ihn aufgeregt. Von hier aus gesehen war der Hof eine einzige Fläche aus peitschendem Wasser.

Er wird in das Wasser gehen, schoss es Amber durch den Kopf. Grimmig presste sie die Lippen zusammen. Nicht, wenn sie es verhindern konnte! Tanijen mochte ein Lügner und Magier sein. Aber er war es gewesen, der ihr die Hand gereicht hatte. Und waren sie selbst denn einen Deut besser? Inu sprach von Seilen, die man nicht durchschlug, und ließ seinen Freund dann allein in die Gefahr gehen. Sabin konnte nicht verzeihen – und Amber war eine Diebin.

Sie stolperte zu einer Kiste und fand den langen Stock, den sie dort abgelegt hatte.

Inu wich zurück. Mit zitternder Hand zeigte er auf eine verwischte Gestalt aus wirbelndem Nebel.

»Amber«, flüsterte er. »Die Erhängten…«

Sabin war totenblass. Inmitten der Gespenster stolperte sie rückwärts zur Wand und starrte auf dieselbe Stelle wie Inu. »Satu! Aber du… du bist tot!«, stammelte sie.

Amber fluchte und kämpfte sich zur Tür vor.

Vögel flatterten in den Saal und brachten Wind und Regen mit sich. Für einen Augenblick lichtete sich der Schleier aus Regen und wirbelndem Wasser und Amber sah wieder Tanijen. Er stand bis zur Taille im Tümpel, die Arme erhoben, als wollte er sich ergeben.

»Hör auf zu heulen, Sabin!«, schrie sie. »Das ist nur Magie! Nur eine Täuschung! Wir müssen Tanijen holen!«

Sein Name riss die Taucherin aus ihrer Erstarrung. Blitzschnell griff sie nach ihrer Harpune. Amber liebte sie in diesem Augenblick dafür, dass sie über ihren Schatten sprang. Vor allem aber dafür, dass ihr Tanijens Leben trotz allem wichtiger war als seine Lüge. Gemeinsam stürzten sie auf die Tür zu.

Sie hörte Sabins warnenden Ruf und spürte bereits den Regen im Gesicht, als ihr Fuß sich in etwas Weichem verhedderte. Sie verlor das Gleichgewicht und konnte den Sturz im letzten Augenblick noch in einem ungelenken Sprung abfangen.

Auf der Schwelle lag etwas Dunkles, über das sie gestolpert war. Es fauchte sie an und sprang auf die Beine. Ein heißer Schreck fuhr ihr durch die Brust. Menschliche Münder klafften in den vertrockneten Gesichtern. Sie erkannte Waranzähne, weißliche Augen und zerstörte Wangen. Die Wesen kauerten auf der Mauer der Burg, auf dem Balkon der Galerie und standen mitten im Hof. Bedrohliches Zischen hüllte sie ein.

»Beim grässlichen Kerot«, hörte sie Sabin neben sich voller Entsetzen flüstern. Amber dachte nicht nach, sie holte aus und kämpfte, während ihr Verstand nicht glaubte, was sie da sah.

 

*

 

Der Tümpel war an dieser Stelle hüfttief, Tanijen konnte mit den Zehen den schartigen Felsvorsprung spüren, den Lemar in seinem Studienbuch so akribisch eingezeichnet hatte. Das Becken hatte keine glatten Wände. Mehrere kantige Vorsprünge, auf denen früher die Muschelkörbe befestigt gewesen waren, setzten sich in die Tiefe fort. Nur in der Mitte gähnte der Abgrund. Doch Tanijen musste zum großen, rechteckigen Vorsprung, der tief unter ihm in das kalte Wasser ragte. Dafür musste er über den Abgrund schwimmen, der bis ins blaue Herz der Insel führte – so tief, dass nicht einmal Sabin den Grund erreichen würde. Ganz unten am Grund war das Becken dieses Teichs mit dem Meer verbunden: über dünne Kanäle, von Stabmuscheln gebohrt. Was auch immer in dieses Becken geriet – es konnte Meerwasser atmen und dennoch nicht ins Meer entfliehen. Ein besseres Gefängnis hätten die Magier nicht finden können. Tanijens Herz hämmerte in seinen Ohren. Ein Vogel streifte ihn schmerzhaft an der Schläfe. Ein zischender Laut erklang, dann tauchte etwas nicht weit von ihm in das Wasser ein. Es war ein Speer.

Tanijen drehte sich benommen um. Vor Überraschung klappte ihm der Kiefer nach unten.

Wie dumm waren sie gewesen zu glauben, dass einige Seile und Schlösser die Wächter aufhalten konnten?

Es waren acht. Ebenso viele Speerspitzen waren direkt auf ihn gerichtet. In diesem Schreckstarren ewigen Moment erschienen ihm die Wesen wie ein Spiegelzauber, der eine Szene aus längst vergangener Zeit wiederholte. Natürlich hatten die beiden Magier Lemar nicht selbst getötet, das hatten die Kreaturen für sie erledigt. Lemar hatte die Wesen beschrieben, anfangs voller Faszination, später dann voller Grauen und Angst. Tanijen hatte viel Zeit gebraucht, um die verwischten Buchstaben in Lemars Notizen zu entziffern und mit neuer Tinte wieder sichtbar zu machen. Das hier war das hässliche Gesicht der Magie. Die Fratze, von der Lemar sich abgewandt hatte. Kein Werk von fähigen Magiern, sondern das Spielzeug einer Magie, die alles Sterbliche verachtete. Lemar hatte das früher erkannt als die anderen. Und den letzten Teil von Lemars Geschichte konnte er sich denken: Der Magier mit der heiseren Stimme hatte ihm den Dolch aus der Hand geschlagen, bevor diese Wächter den Rest erledigten. Tanijen begriff, dass Lemar ebenfalls an dieser Stelle gestanden hatte, vor so langer Zeit, den Dolch in der Hand. Doch er, Tanijen, war zu blind gewesen, um zu erkennen, worum es Lemar le Hay wirklich gegangen war. Und nun war es zu spät. Er hatte versagt.

»Tanijen, raus aus dem Wasser! Lauf zur Halle!«, schrie ihm Sabin zu. Jetzt erst entdeckte er die beiden Frauen. Sie versuchten die Wesen zurückzutreiben, stachen und schlugen, um ihm den Weg zur Halle freizukämpfen. Für den Bruchteil eines Wimpernschlags – zwischen zwei Stößen mit der Harpune – sah Sabin ihm in die Augen. Tanijen schnürte es die Kehle zu. Noch nie hatte er sie so sehr geliebt wie in diesem Augenblick. Erinnerungslichter blitzten auf und verloschen wieder. Er sah Sabin in Dantar, an dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal geküsst hatte. In seiner Erinnerung war jedes Detail wieder da: Sabin, wie sie mit ihm in dem Boot saß, während Satu noch nach Muscheln tauchte. Ihre Lippen schimmerten bläulich, weil sie wie immer viel zu lange im kühlen Grundwasser geblieben war, als fiele es ihr schwer, sich von ihrem wahren Element zu lösen. Das Muschelmesser in seiner Hand, mit dem er eine der grünen Sichelmuscheln öffnete. Damals hatte er eine Perle darin gefunden, länglich und krumm wie ein Katzenzahn. Er hatte sie ins Wasser geworfen, doch Sabin war zu seiner Überraschung ins Meer gesprungen und hatte das Stück Perlmutt wieder aus der Tiefe geholt.

»Was willst du mit einer wertlosen Perle?«, hatte Tanijen gefragt.

Und Sabin, die in solchen Augenblicken mehr einem Naj als einem Menschen glich, hatte erstaunt die Augenbrauen hochgezogen und geantwortet: »Wie kannst du das Vollkommene sehen, wenn du das Unvollkommene nicht liebst?«

Er sah sie vor sich: das nasse Haar glänzend von der Nachmittagssonne, die Perle fest in der Faust.

Und er musste die Augen schließen – nicht weil zwei Speere direkt auf ihn zuschwirrten, sondern weil er dieses letzte Bild festhalten wollte. Du hast den unvollkommensten Menschen geliebt, Sabin, dachte er.

Seltsamerweise war der Schmerz nicht so schlimm wie sein Bedauern. Der Schlag warf ihn rücklings in das eisige Nass. Verwundert blickte er auf das Bild eines Himmels, der hinter einer Wand aus Wasser waberte.

»Sabin«, flüsterte er in einem Wirbel von Luftblasen. Dann erlosch auch dieser Gedanke.

 

*

 

Sie waren menschlich – und doch wie Tiere. Amber sah Klauen und Hände, vertrocknete Haut und Schuppen, Federn und Flughäute, die wie Mäntel waren. Sie erkannte die Züge eines Menschen, der mit einem Waran verschmolzen schien, als hätte ein verrückter Gott zwei Wesen gewaltsam in einen Körper gezwängt. Immerhin konnte sie eine Schwäche ausmachen: Sie waren stark, aber alles andere als schnell.

»Tanijen!« Sabins Entsetzensschrei fuhr ihr durch Mark und Bein. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, was passiert war. Auch sie hatte die Speere gesehen und den dumpfen Laut gehört. Und als sie jetzt einen schnellen Seitenblick zum Tümpel warf, wünschte sie, sie hätte es nicht getan. Tanijen war von zwei Speeren mitten in die Brust getroffen worden. Mit offenen Augen, aus denen das Leben wich, fiel er in das blutige Wasser. Sie haben ihn getötet!, gellte es in ihrem Kopf. Die Härchen an ihrem Nacken sträubten sich vor Entsetzen und dennoch funktionierte ihr Körper weiter, stach und schlug, wich aus und sprang wieder vor.

Vier der Kreaturen bedrängten sie, schnappten nach ihrem Stock, stachen mit den Speeren nach ihr, als wollten sie sie zurücktreiben.

Wenn wir nicht fliehen, töten sie uns auch.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Sabin zögerte. Sie würde doch nicht etwa zum Tümpel rennen? Mit einem Satz wirbelte Amber herum und brachte zwei der Ungeheuer zu Fall. Schon hatte sie Sabin an der Schulter gepackt und zog sie grob zurück. Fischhaut riss unter ihren Fingern.

»In die Halle!«, brüllte sie.

»Nein, Tanijen ist im Wasser!«, keuchte Sabin.

»Tanijen ist tot!«

Ein scharfer Schmerz fuhr durch ihr Bein, sie trat nach dem verletzten Ungeheuer, das sich am Boden wand, und erwischte es mit der Ferse am Kiefer. Es gab einen schrillen Laut von sich. Sabin riss die Harpune hoch und trieb einen anderen Angreifer zurück. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie verbissen kämpfte.

»Vorsicht, Amber, duck dich!« Das war Inus Stimme. Im selben Augenblick flog ein Stuhl direkt an Amber vorbei und fällte zwei der Kreaturen. Amber packte Sabin und stieß sie auf die Tür zu. Und endlich, endlich gab Sabin nach. Dann waren sie bereits in der Halle und rannten zu dritt die Treppe zum Turm hinauf. Der Schmerz in Ambers Knöchel schien das einzig Wirkliche zu sein.

Tanijen ist tot, hallten ihre eigenen Worte in ihrem Kopf wider. Tränen schossen ihr in die Augen. Unten ertönte ein Krachen und das Trappeln von Füßen, die sie verfolgten. Ein Speer flog knapp an Ambers Kopf vorbei und schlug eine kleine Steinlawine aus der Wand.

Sie duckte sich. Die Tür zum Turmzimmer kam immer näher, ohne dass sie wirklich spürte, wie sie die Treppe hochrannte. Inu stieß die Tür auf.

Was hat es für einen Sinn?, fragte sich Amber.

Das Turmzimmer war dunkel, die Fensterläden verschlossen. Inu löste den Knoten am Riegel so schnell, dass Amber ihm mit den Augen nicht folgen konnte, und klappte die Läden auf. Es war beinahe zum Lachen: Selbst jetzt dachte er nicht daran, ein Seil zu beschädigen.

Das gleißende Licht blendete sie. Der Himmel war immer noch regengrau, die Vögel umrundeten aufgeregt den Turm, schossen wie helle Blitze durch die Luft und ließen den Wind wirbeln.

Sabins Augen glühten wie blaue Flammen, Entsetzen und Schmerz zeichneten sich darin ab.

Ein schwerer Körper warf sich gegen die Tür. Blitzartig ging Amber alle Möglichkeiten durch. Es war wie in den Bergen – die Martiskatze stand vor ihr, sie hatte nur einen Augenblick Zeit, um die richtige Strategie zu finden. Sie nahm ihren Stock und kletterte auf das Fensterbrett. Das war ihre einzige Möglichkeit: Die Wesen von oben anzuspringen und zu Fall zu bringen. Und zur Not konnte sie sie wieder auf das Dach locken. Kein besonders guter Plan, aber besser als nichts.

Die Tür erzitterte wieder. Sabin drehte sich um und blickte zu Amber hoch. Und Amber erkannte einen Moment zu spät, dass auch die Taucherin gerade ihre Strategie gefunden hatte.

»Wir schwimmen!«, bestimmte sie und versetzte Amber einen kräftigen Stoß.

 

*

 

Im Bruchteil eines Augenblicks sah Amber sich selbst am Ende einer Kette aus fatalen Entscheidungen. Und jede einzelne kam ihr falsch vor. Der Diebstahl – die Flucht – Sumal Bajis Auftrag – das Meer – das Turmzimmer.

Es war unwirklich zu fallen. Der Turm entfernte sich blitzschnell, als würde ihn jemand von Amber fortziehen. Über ihr sprang eine Gestalt aus dem Fenster. Das blonde Haar wehte vor dem grauen Himmel. Und noch eine Gestalt – Inu. Dann trudelte sie. Der Himmel umkreiste sie, das Meer stand Kopf. Der Sog riss ihr die Luft zum Atmen aus Mund und Nase. Sie konnte Schaumkronen erkennen, die immer näher kamen. Amber stieß einen erstickten Schrei aus, krümmte sich zusammen, als wollte sie ganz in sich verschwinden, kleiner und kleiner werden, und schloss die Augen ganz fest.

Der Aufprall verwandelte ihren ganzen Körper in eine einzige brennende Fläche. Für einen Augenblick entglitt ihr die Wirklichkeit. Als sie wieder zu sich kam, schloss das Wasser sie ein. Innerhalb eines Augenblicks verschwand die Welt, die Geräusche waren weg. Salz brannte höllisch in ihren Augen. Ein verschwommener Felsen sauste in einem Strudel von Luftbläschen direkt vor ihr nach oben. Stechender Schmerz pochte in ihren Ohren. Amber strampelte und paddelte verzweifelt und sank immer tiefer nach unten. Unter ihr streckten sich ihr rote Finger entgegen, bereit, sie endgültig auf den Grund zu ziehen. Über ihr schwankte eine glänzende Haut, die sich immer weiter entfernte. Der Druck in ihren Ohren wurde schlimmer, bis ihr Kopf sich anfühlte, als würde eine riesige Hand ihn umfassen und gnadenlos zusammendrücken. Die Panik nahm ihr die Sicht. Verzweiflung jagte ihr heiße Schauer über die Haut. Ganz von selbst reagierte ihr Körper, trat nach dem Wasser und sank doch immer weiter. Aus dem Augenwinkel sah sie das Blitzen von Münzen, die noch schneller sanken als sie. Der Beutel war aufgegangen! Bilder stiegen auf wie Luftblasen: ihre Mutter, kurz bevor sie gestorben war, das Haus am Berghang und die Ziegen. Der brennende Stall. Jeder Herzschlag schmerzte.

Du gibst wohl nie auf! Sabins Stimme hallte in ihrem Kopf wie ein höhnisches Echo.

Sie hatte verloren. Gleich würde sie ohnmächtig werden und ertrinken. Wie Satu. Bitte, flehte sie die Geister der Bergseen an. Lasst es wenigstens nicht wehtun.

Ein Aufprall drückte die Luft aus ihren Lungen – die wertvolle Luft! Jemand umklammerte sie. Amber wehrte sich und schlug um sich. Erst als sie die Augen aufriss und helles Haar über ihre Wange streichen fühlte, begriff sie. Sabin! Mit aller Kraft klammerte sie sich an die Taucherin, und Sabin wehrte sich nicht, im Gegenteil, sie schlang ihre Arme um Ambers Kopf und – küsste sie!

Amber war so verblüfft, dass sie instinktiv nach Luft schnappte. Luft strömte in ihre Lungen, dann wurde ihr schwindlig und die Wirklichkeit entglitt ihr wie ein Seil, das sie nun endgültig losließ.

 

*

 

Es war mühsam, die Augen zu öffnen. Und das Husten tat höllisch weh. Amber brauchte eine Weile, um die Welt um sich herum zu ordnen. Da war kein Wasser mehr. Nur Himmel und grelle Mittagssonne. Und – Wind! Amber blinzelte.

Der Strand war weit entfernt – das ausgebrannte Wrack der Timadar lag dort wie ein verendetes Tier. Schwebten sie mitten im Meer?

Aber ich bin doch nicht tot, war ihr erster Gedanke. Und ihr zweiter, wider alle Vernunft: Das Geld ist versunken. Spitze Napfmuscheln drückten unangenehm in ihre Schulterblätter. Vorsichtig bewegte sie den Kopf. Ihr Hals fühlte sich an, als würden verrostete Scharniere sich unter ihrer Haut verschieben. Nicht weit entfernt von ihr kauerte Inu am Rand des flachen Felsens. Seine Augen waren rot vom Weinen, er sah so erschrocken aus, dass er viel jünger wirkte. »Das wollte ich nicht«, flüsterte er. »Ich wusste doch nicht… ich wollte nicht, dass Tanijen…« Dann brach er in Tränen aus.

Jetzt erst kam der Schock, Amber fror plötzlich, ihre Zähne klapperten. Sabins nasskalte Locken streiften ihr Gesicht.

»Amber!«, flüsterte sie. »Um Skiggas willen! Du kannst nicht schwimmen!«

Amber wollte zu Inu stürzen und ihn umarmen, zumindest aber wollte sie etwas antworten, doch sie entschied, dass sie erst den restlichen Sand aus ihrer Kehle husten sollte.

»Warum hast du nichts gesagt?«, fragte Sabin. »Du hättest tot sein können, Amber. Tot!«

»Ihr hättet mich… niemals mitgenommen, wenn ich… es gesagt hätte«, krächzte Amber. Sabin schniefte und strich Amber behutsam die Strähnen aus der Stirn. »Tanijen… ist tot«, sagte sie mit erstickter Stimme. Amber nickte nur wie betäubt. Wellen schlugen gegen den Stein, ganz in der Nähe strich ein Hai vorbei.

»Du hast eine Risswunde an deinem Knöchel, aber es ist nicht schlimm«, sagte Sabin kaum hörbar. »Es kommt alles wieder in Ordnung. Deine Wunde wird verheilen, du wirst sehen.«

Plötzlich umarmte sie Amber und hielt sie so fest, als wäre sie Satu oder Tanijen. Ihre unregelmäßigen Perlen strichen über Ambers Schulter. Amber konnte spüren, wie die Taucherin schluchzte. Obwohl es ihr selbst die Kehle zuschnürte, richtete sie sich auf und erwiderte Sabins Umarmung.