Worte und Wellen

 

Bäume, die Brutstätten für Aale sind«, murmelte Sabin. Sie war totenblass und hatte die Knie bis ans Kinn gezogen. »Vögel, die Wind bringen. Das darf es nicht geben! Und heute Nacht diese Ungeheuer… Als hätte jemand Dinge zusammengefügt, die nicht zusammengehören.«

Amber fröstelte und prüfte noch einmal die Waffen, die sie in Reichweite postiert hatte. Die Luft in der Burg schien dichter zu sein. Mehrmals waren sie zusammengeschreckt, weil Schatten über die Wände huschten.

Das Feuer im Kamin flackerte und zerstob in Schauern von knisternden Funken, doch Amber schürte es immer wieder und stellte sich dabei vor, wie die Hitze und der Rauch die Wesen auf dem Dach – sollten sie sich noch einmal hierherwagen – in die Flucht schlug. Neben dem Kamin lag ein Haufen Feuerholz. Käfig um Käfig hatte Amber in die Halle geschleppt und zerhackt. Auch einige Spiegelrahmen lagen nun in Stücken, bereit, ins Feuer geworfen zu werden, die Scherben hatte Tanijen in einer Kiste gesammelt.

»Die Vögel werden immer zahlreicher«, sagte Inu. »Als würde sie etwas anlocken. Und der Tümpel… Irgendetwas ist seltsam daran.«

Tanijen schluckte. Amber fiel wieder auf, wie sehr seine Hände zitterten, als er nun am Kragen seines Mantels zupfte. Er war nervös und lauschte immer wieder auf die Geräusche von draußen. Er spürte es also auch. Ein kalter Luftzug strich über ihren Nacken.

»Zwei, höchstens drei Tage«, sagte Amber. »So lange brauchen wir, um das Schiff zum Schwimmen zu bringen. Vorausgesetzt, wir finden Holz, das… nicht unter der Axt bricht. Aber die Bäume auf den Anhöhen müssen stabil sein, sonst wären sie unter der Wucht des Sturms längst zerbrochen.«

»Du hast wirklich nichts herausgefunden?«, wandte sich Sabin an Tanijen. »Kein einziger Anhaltspunkt? In diesen ganzen Papieren gibt es keinen Hinweis?«

Tanijen schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf.

»Nur dass die Bewohner ganz offenbar Vogelfänger waren…«

»Wohl eher Magier!«, korrigierte Inu. Tanijen wich seinem Blick aus. »Möglicherweise, ja. Aber das muss nichts heißen.«

»Und die Vögel?«, warf Sabin ein. Amber sah, dass die Taucherin ärgerlich war. Im Augenblick wirkte sie wie eine Martiskatze, die jemand in die Enge getrieben hatte und die nun mit gesträubtem Nackenfell nach einem Fluchtweg suchte. Nun, zumindest war es ein tröstliches Gefühl, dass sie und die unnahbare Sabin gerade sehr ähnlich empfanden.

»Die Vögel…«, begann Tanijen. »Nun, vielleicht sind sie nichts Ungewöhnliches. Die Naj können schließlich auch das Wasser rufen. Und es gibt Geschichten über Vögel, die Wind bringen.«

»Das sind aber Märchen«, knurrte Inu.

»Vielleicht nicht«, sagte Tanijen. »Einige Seeleute erzählen von ihnen.«

»Ach wirklich? Ich habe noch nie von solchen Vögeln gehört.«

»Weil du kein Navigator bist«, konterte Tanijen. »Hinter dem roten Kontinent, bei den Feuerinseln, erzählt man sich von solchen Windbringern. Die Navigatoren fürchten sie. Schiffe machen sie neugierig und locken sie an. Und manchmal entsteht aus ihren Flügelschlägen ein Sturm, der die Segel zerreißt.«

»Dann ist es wohl am besten, wir erlegen sie alle, damit wir bei Windstille die Insel verlassen können«, meinte Amber trocken.

»Das heißt, die Magier haben die Vögel erst von den Feuerinseln hierhergebracht«, sagte Inu nachdenklich. »Möglicherweise in den Käfigen? Und dann haben sie sie freigelassen? Oder hielten sie sie eingesperrt, damit es auf der Insel keinen Sturm gibt?«

»Möglich wäre es – am Strand liegt ein Schiff von den Feuerinseln«, sagte Sabin leise. »Die Mimora. Es ist eines der ältesten dort, die Wrackteile sind schon so morsch, dass selbst die Napfmuscheln davon abgelassen haben.«

»Wir werden herausfinden, was es damit auf sich hat«, sagte Tanijen. »Sobald wir die Insel besser kennen…«

Sabin schüttelte seinen Arm ab. Ihre Augen blitzten vor Wut auf. »Wozu muss ich herausfinden, was auf dieser verdammten Insel passiert ist? Wir müssen nach Dantar zurück – wir verlassen die Insel so schnell wie möglich!«

Amber nickte, aber Inu zögerte zu ihrer Überraschung.

»Willst du denn nicht wissen, was sich hier zugetragen hat?«, fragte er.

Sabin schüttelte heftig den Kopf. Die Perlenkette an ihrem Hals klackte. Tanijen legte ihr wieder beruhigend den Arm um die Schultern. Doch Amber fiel auf, dass die Taucherin sich unter der Berührung verschloss wie eine Muschel.

»Hört ihr das?«, fragte Inu plötzlich.

Amber krampfte ihre Hände um den Griff ihres Stocks. Dachschindeln klapperten. Es heulte – und tatsächlich erklang dumpfes Poltern. Und etwas wie ein Stöhnen.

Amber sprang auf. »Das kam nicht vom Dach!«

»Es ist nichts, nur der Wind«, sagte Tanijen. Doch er fröstelte bei diesen Worten sichtlich. Als er Ambers prüfenden Blick bemerkte, versuchte er sich an einem verschmitzten Lächeln. »Nachdem sie dich kennengelernt haben, werden sich diese Nachttiere sicher nicht mehr in die Nähe der Burg wagen.«

 

*

 

Inu schreckte mit klopfendem Herzen aus einem Traum von Wirbeln und Wasser. Er war sicher, helle Augen zu sehen und ein schattenhaftes Wesen, das sich über ihn beugte, doch als er sich erschrocken umsah, kitzelte nur Haar seine Wange: Ambers Haar.

Der Sturm hatte aufgehört, Amber und er saßen immer noch mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die vom Kaminfeuer warm war. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. Das Landmädchen schlief ebenso angespannt wie Sabin – der Schatten eines Albtraums flackerte über ihr Gesicht. In diesem Augenblick waren sie und Sabin sich erstaunlich ähnlich. Verstohlen warf er einen Blick auf Sabin. Wie immer schlief sie zusammengekrümmt, als müsste sie sich selbst im Schlaf gegen die Welt außerhalb des Wassers schützen. Und wieder einmal wünschte sich Inu, in ihre Träume und Gedanken blicken zu können. Früher, als sie noch zu viert gewesen waren, schien alles so einfach und klar. Doch nun war es, als trieben sie jeder für sich in tintenschwarzem Wasser, nur verbunden durch ein paar windverwehte Erinnerungen.

Über seinem Kopf knarrten Dielen. Tanijen suchte in den Zimmern also immer noch nach Anhaltspunkten. Und da war auch wieder dieses andere Geräusch: ein Raunen und Flüstern. Worte, die wie Spinnenfäden in der Luft trieben, kaum sichtbar, nur aufblitzend, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel.

Als Inu sich vorsichtig regte, glitt Ambers Hand im Schlaf zu dem Axtgriff. Er lächelte. Ob sie wusste, wie verletzlich sie wirkte, wenn sie wütend war? Er widerstand der Versuchung, ihr mit der Hand über die Wange zu streichen – bei der kleinsten Berührung würde sie hochschrecken, die Faust zum Schlag geballt. Es widersprach jeglicher Denkweise eines Dantarianers, einer Person, die ihm nicht einmal genau sagte, woher sie stammte, so nahe zu kommen. Sie war eine Fremde, nach wie vor, aber Inu hatte das Gefühl, als würde er sie viel besser kennen, als sie selbst ahnte. Amber hatte sein Seil am Tor mit der Axt durchschlagen. Jedem hätte er ein solches Verhalten unendlich übel genommen, aber Amber konnte er diese Barbarei seltsamerweise verzeihen. Die Sehnsucht, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen, wurde so groß, dass sie beinahe schmerzte. Doch sie würde eine solche Regung ohnehin nicht zulassen und auch für ihn war es besser, sich an die Regeln zu halten. Er war ein Seiler. Das Leben eines Seilers war wie ein Netz: Jeder Knoten war vorausbestimmt, hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Alles andere würde das Netz auflösen. Ein Mädchen vom Land konnte nie zum Netz eines Seilers gehören. In einem Augenblick wie diesem hasste er den Seilerkodex und hätte alles dafür gegeben, nur ein ganz gewöhnlicher Fischer oder Händler zu sein.

Inu seufzte.

Amber schrak zusammen und prallte zurück, die Augen weit aufgerissen, ein Traumbild vor Augen, das sie mit niemandem teilen würde. Er beschwichtigte sie mit einer Geste. »Erschlag mich nicht mit der Axt«, sagte er leise. »Ich bin’s, Inu!«

Sie schluckte und blinzelte verwirrt. Inu fragte sich, wen sie wohl vor sich gesehen haben mochte.

»Entschuldige«, murmelte sie. »Ich habe… wieder geträumt.«

»Schlaf weiter.« Und dann sagte er etwas, was ihn selbst am meisten überraschte: »Ich passe auf deine Träume auf, Amber.«

»Das wäre schön, Inu«, murmelte sie. »Ich wünsche mir nichts so sehr, als nicht mehr zu träumen. Aber die Burg hier lockt die Gespenster an – und die bösen Träume.«

Sie lächelte verlegen, dann rückte sie zu seiner Enttäuschung ein Stück von ihm ab und rollte sich zusammen. Nach und nach wurden ihre Atemzüge wieder tiefer.

Inu konnte nicht mehr schlafen. Er wusste nicht, wie lange er dagesessen und das schlafende Mädchen betrachtet hatte, als ein Flüstern ihn aufschreckte. Da war sie wieder: die Stimme. Er hätte jeden Eid geschworen, dass sie direkt aus seinem Kopf kam.

Wasser… Lemar…

Sein Blick wanderte zur Tür. Und während er noch um eine Entscheidung rang, bemerkte er, dass er längst dabei war, mit der Hand nach dem dünnen Seil zu tasten, das er unter seinem Hemd verborgen trug. Es war so lang wie zwanzig mittelgroße Mähnenschlangen. Inu schlich zur Tür, löste die Knoten, hob die Riegel an und stahl sich auf den Hof hinaus.

Der Sturm war vorbei, doch die Zahl der Vögel hatte sich um ein Vielfaches vergrößert. Inzwischen mussten es weit über hundert sein, die sich im Hof drängten. Ihr fahles Leuchten spiegelte sich in der schwarzen Oberfläche des Tümpels. Magische Vögel. Inu lief ein kalter Schauer über den Rücken und er betrachtete sie sehr genau und mit klopfendem Herzen. Der Tümpel und die Käfige. Die Käfige und die Vögel. Alle drei gehörten zusammen. »Was habt ihr mit dem Wasser zu tun?«, murmelte Inu, während er das Becken umrundete. »Worauf wartet ihr?«

Er beugte sich über den schwarzen Spiegel. Vorsichtig zog er das Stück Rinde von einem der Haken, die an seinem Gürtel hingen, und befestigte ihn an dem Seil. Der Haken war schwer, er musste beim Tauknüpfen auch schwere Seile ausbalancieren. Als provisorisches Lot würde er ausreichen. Und schon verschwand der Haken, ohne mehr als einen Ring auf der Wasseroberfläche zu hinterlassen. Das Metall begann dem Grund entgegenzusinken. Hand über Hand ließ Inu das dünne Seil durch die Hände gleiten. Es wurde immer schwerer, je mehr Wasser sich in die Fasern sog. Würde es lang genug sein, um den Tümpel auszuloten? Konzentriert ließ er die letzte Handbreit ins Wasser sinken und hätte am liebsten gejubelt. Das Seil gab nach! Die Straffheit verschwand, der Haken, der als Senkblei diente, hatte irgendwo aufgesetzt. Inu hielt die Luft an und zählte in Gedanken noch einmal jeden Handbreit nach. Dreiundzwanzig Längen. War er jemals so tief getaucht?

Ein kaum merkliches Vibrieren ließ die Wasseroberfläche beben. Kein Zweifel – etwas regte sich im schwarzen Wasser, als hätte es Inus Ungeduld gespürt.

»Du bist da unten«, murmelte Inu. »Aber was bist du?«

Das Murmeln in seinem Kopf schwoll an. Es war, als würde jemand durch Wände hindurch versuchen mit ihm zu sprechen. Nur wenn er die Augen schloss, konnte er Wortfetzen erahnen.

Tief… geworfen… die…rufer… bin hier…

Dann wurde es stiller um ihn als je zuvor. Inu lauschte so angespannt, dass sein Nacken schmerzte, aber er hörte nichts mehr. Nach einer Weile zog er an der Schnur und hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien. Etwas ruckte am Seil! Die Ringe tanzten wieder über die Wasseroberfläche, wurden zu Wellen, die an das steinige Ufer liefen und sich nur langsam beruhigten. Es war, als hätte sich tief unten etwas in seinem steinernen Bett umgedreht. Die Vögel trippelten nervös hin und her und legten die Köpfe schief. Einer flatterte mit den Flügeln. Inus Mund war plötzlich so trocken, dass er schlucken musste. Noch einmal verstärkte er behutsam den Zug am Seil. Etwas löste sich vom Grund, er spürte es genau in seinen Fingerspitzen. Dann lag das Seil tot und schwer in seiner Hand.

…rufer… Nacht mit den…

Eine Brise strich an seinem Ohr vorbei und stahl ihm die Worte. Einige Vögel flatterten hoch. Inu fluchte und begann in fieberhafter Hast das Seil einzuholen. Der Wind wurde stärker, Inu spürte, wie er an seinen Haaren zerrte. Eine Vogelschwinge streifte seinen Nacken. Hand über Hand holte er das Seil hoch, voller Furcht und gleichzeitig voller Hoffnung, gleich den Haken zu sehen – und das, was am Haken hing.

Einundzwanzig Längen… zweiundzwanzig.

Die Vögel flohen in den Nachthimmel. Inu verlor fast das Gleichgewicht, als er das letzte Stück Seil aus dem Wasser holte. Der Haken schnellte in die Luft und gab seine Beute frei. Für einen endlos scheinenden Augenblick drehte sich etwas in der Luft, löste sich vom Haken – und fiel.

Inu dachte nicht mehr nach. Er spürte den Haken nicht, der über seinen Unterarm schabte, er sah nur noch den länglichen roten Gegenstand. Er würde ihn verlieren! Der Gegenstand traf auf dem Wasser auf und begann zu versinken. Inu sprang.

Das Wasser war so kalt, dass es in seine Haut biss, in die Wangen und die Beine, und brachte ihn für einen Augenblick zur Vernunft. Schwarz schloss es sich um ihn. Unter seinen Füßen fühlte er die Tiefe wie ein gieriges Maul, das nur darauf wartete, ihn zu verschlingen. Der Instinkt, den roten Gegenstand sinken zu lassen und einfach nur zu fliehen, brannte in jeder Muskelfaser. Hektisch fuhr er mit den Armen durch die Schwärze, tauchte, tastete weiter. Dann bohrte sich ein scharfer Schmerz in seine Hand.

Inus Schrei löste sich in einem Schwall von Luftblasen auf. Dennoch hielt er den Gegenstand fest, der ihn verletzt hatte, und sank ein, zwei Herzschläge lang dem Grund entgegen. Erst als er sicher war, dass die Beute ihm gehörte, nur ihm, begann er zu schwimmen. Keuchend durchstieß er die Wasseroberfläche und paddelte unbeholfen zum Ufer, seine Hand eine einzige heiße Quelle von Schmerz. Mühsam stolperte er aus dem Wasser und warf sich in den Kies. Blut tränkte die weißen Steine. Inu öffnete die Hand und war glücklich wie noch nie in seinem Leben.

Der Dolch, das erkannte er sogar im schwachen Licht des Mondes, war aus einem Stück Koralle gemacht, sorgfältig bearbeitet, nur an einer Seite geschliffen. Die Form der Koralle war erhalten, die Klinge war gewellt, einen Teil des Griffs durchzog ein schmaler Silbergrat. Fasziniert drehte Inu den Dolch in seinen Händen und entdeckte, dass die Klinge ebenfalls mit Metall verstärkt war. Wie ein Aalstrich zog sich auf dem Rücken der Schneide ein schmales Band. Inu fand die Stelle, an der der Korallensplitter fehlte, und strich mit dem Finger andächtig über die schartige Wunde.

Willkommen, sagte der Dolch.

Inu lächelte. Zum ersten Mal hörte er die Stimme klar und deutlich. Irgendwo in seinem Inneren ermahnte ein vernünftigerer Seiler ihn, dass es falsch war, auf einen Dolch zu hören – vielleicht war diese Stimme gar nicht seine Einbildung, sondern sogar Magie. Aber dafür fühlte es sich viel zu richtig an.

Dann sagte der Dolch noch etwas, das Inu nicht verstand, denn da war eine andere Stimme, die ihn störte, und ein Trappeln auf dem Dach. Und natürlich das Heulen des Windes, denn die Vögel waren zurückgekehrt und flatterten aufgeregt dicht über ihm. Widerwillig hob er den Kopf und sah sich um. Amber.

Sie stand an der Tür und sah erschrocken und wütend zugleich aus. Sie rannte zu ihm heraus, so schnell, dass Inu den Dolch nur noch ganz knapp vor ihr verbergen konnte. Die Vögel kreisten über seinem Kopf wie ein Wirbelsturm aus Schneeflocken, die aufgewühlte Nachtluft war heiß und schwer und sog ihm den Atem aus dem Mund.

»Was machst du hier am Tümpel?«, schrie Amber ihm durch das Brausen des Windes ins Ohr. Besorgt musterte sie ihn, Mondlicht fing sich in ihrem rechten Auge.

Warum verberge ich den Dolch vor ihr?, fragte er sich, doch er brachte kein Wort heraus. Und der zweite Gedanke verunsicherte ihn noch mehr: Warum bin ich nicht in der Burg geblieben und habe sie vor den Träumen beschützt?

»Komm«, sagte sie und ergriff ihn am Handgelenk. »Komm zurück in die Halle!«

Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung am Ufer. Ein Auge glänzte auf – oder war es nur der Mondschimmer auf dem Wasser? Und er hätte schwören können, dass das Wasser sich bewegte.

Amber zögerte. »Da ist etwas«, murmelte sie. »Da sind Schatten am Ufer und auf der Mauer!«

Inus Mund war trocken. Instinktiv legte er seine Hand über den Dolch. Der Mond verschwand hinter den Wolken.

»Verdammt, Inu! Lauf!«, flüsterte ihm Amber erschrocken zu und zerrte an seinem Handgelenk wie an einem Maultierstrick. Gemeinsam stolperten sie über Steine vom Tümpel weg. Im Laufen sah Inu sich um. Im Wasser hörte er Wellenschlag und warnendes Zischen und am Ufer erahnte er schattige Gestalten. Soweit er in der Dunkelheit erkennen konnte, waren es vier. Sie standen nur da, als würden sie ihnen stumm nachblicken. Hallgespenster? Nein, diese hier hatten keine rot glühenden Augen.

Er erinnerte sich kaum, wie er wieder in die Halle gekommen war. Amber und Sabin verrammelten die Tür und Amber lehnte sich dagegen. Sabin war so blass, dass sie aussah wie ein Naj. Als sie Inus nasse Kleidung und seine blutende Hand sah, weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Die Stimme des Dolchs verstummte.

»Es ist nichts«, stammelte Inu. »Ich… ich bin nur gestolpert und ins Wasser gefallen. Und als ich wieder aus dem Becken kletterte, habe mich an einem Stein verletzt.«

Sabins Umarmung nahm ihm die Luft. »Was wolltest du da draußen?«

»Vermutlich angeln«, kam Ambers trockene Antwort von der Tür. »Und damit hat er nicht nur die Sturmvögel aufgescheucht, sondern auch diese seltsamen Dachkriecher angelockt. Zumindest habe ich ihr Gezische gehört.«

»Da war eine Stimme«, sagte Inu. »Im Tümpel… und ich wollte nachsehen. Tanijen hat recht: Wir müssen herausfinden, was die Magier damals hier…«

Sabins Ohrfeige traf ihn mit voller Wucht. Amber schrie empört auf. Der Schmerz brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Seltsamerweise sorgte er sich nur darum, ob Amber die Taucherin schlagen würde, zumindest wirkte sie so, als würde sie Sabin büßen lassen.

»Ist gut, Amber!«, sagte er heiser.

»Sprich nie mehr von Magie!«, schrie Sabin. »Sprich nie davon, dass sie dich berührt hat, und halte ihr nicht die Hand hin! In Dantar stehen Galgen bereit für Leute, die auf ihre Stimme hören!« Plötzlich umarmte sie ihn und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. »Ich verliere nicht noch jemanden«, sagte sie mit erstickter Stimme.

Schweig, sagte der Dolch. Und Inu war erstaunt darüber, wie bereitwillig er gehorchte. Es war keine Sache der Entscheidung, es war wie ein eigener Gedanke.

»Sabin?« Tanijen stand auf der Treppe. Sein irritiertes Gesicht spiegelte wider, was er sah: Inu völlig durchnässt, Sabin in seiner Umarmung, Amber immer noch mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, als verteidige sie die Gruppe gegen Eindringlinge. Im ersten Impuls wollte Inu Sabin loslassen. Doch dann legte er die Arme um sie und hielt sie fest.

Bis zum Morgen rüttelte der Wind an den verschlossenen Fensterläden, trappelten die Vögel über das Dach. Wasser schwappte unter der Tür in die Halle, als würde der Tümpel überlaufen. Immer wieder zuckten sie zusammen, weil sie Stimmen zu hören glaubten, doch Tanijen beharrte darauf, dass es nur ihre Einbildung war. Der Morgen schien ihm recht zu geben. Als sie vorsichtig durch eine Fensterritze nach draußen sahen, war der Hof leer und der Tümpel lag spiegelglatt da.