Die Burg

 

Noch in der Nacht rückten sie die Möbel vor die Fenster des großen Saals und verriegelten die Türen zu den oberen Stockwerken. Der Wind hörte nicht auf, um das Gemäuer zu fauchen, und man konnte sich einbilden Krallen zu hören, die an den Türen kratzten. Doch Amber schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn als sich in den Morgenstunden der Sturmwind endlich legte, senkte sich wieder die gespenstische Stille über die Insel. Außer den Vögeln, die nun in dichten Trauben auf dem Dach und im Hof kauerten, die Federn aufgeplustert und die spitzen Schnäbel zum Schlafen im Gefieder verborgen, war die Insel unbewohnt wie am Tag zuvor.

Dennoch sah sich Amber immer wieder nach der Wasserburg um, während sie mit Inu und Sabin zur Küste ging. Im Tageslicht konnte sie die beschädigte Stelle auf dem Dach des Turms sehen, an der sie gestern eingebrochen war. Und bei diesem Anblick wurde ihr flau im Magen. Es wäre ein tiefer, sehr endgültiger Sturz geworden.

»Meint ihr, dass Tanijen wirklich allein in der Burg bleiben soll?«, rief sie Richtung Sabin und Inu, die ihr schon weit vorausgeeilt waren. Inu winkte ihr ungeduldig zu. »Wir haben die Aufgaben verteilt. Er weiß, was er tut. Außerdem hat er die Tür zur Halle von innen verriegelt. Jetzt komm schon!«

Amber gehorchte widerwillig und holte auf. Im Gehen musterte sie die Bäume und schätzte sie bereits mit dem Blick des Holzfällers ab. Sie war aufgeregt, gestand sie sich ein. Mit Ställen und Hausdächern kannte sie sich aus – aber Schiffe?

Wenig später verging ihr die Laune. Das Schiff, das Sabin gefunden hatte, sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Andererseits – nach dem Schiffbruch, den sie erlebt hatte, würde wohl kein Schiff mehr sicher genug für Amber sein.

»Wir müssen nur ein kleineres Leck abdichten«, erklärte Sabin und deutete zum hinteren Teil der Timadar. Amber kniff die Augen zusammen und betrachtete misstrauisch das pockennarbige Holz. Seit der Wind sich gelegt hatte, brannte die Sommersonne unerbittlich auf die Insel und blendete sie. Das flaue Gefühl im Magen ließ die Tage auf dem Meer wieder lebendig werden. Im Gegensatz zum Ruderboot wirkte das kleine Schiff riesenhaft, und jetzt, bei Ebbe, lag es beinahe ganz auf dem Trockenen. Nur hinter dem Heck deutete die Dunkelheit des Wassers den Abgrund an.

»Und wie willst du es ins Meer bekommen?«, fragte Amber leise. Statt Sabin antwortete Inu. »Sobald das Leck dicht ist, schöpfen wir das Wasser aus dem Schiff. Das müsste dem Rumpf genug Auftrieb geben, um das Schiff bei Flut vom Grund loszubekommen. Es hat nicht sehr viel Tiefgang.«

Amber betrachtete die Taucherin von der Seite. Obwohl Amber sie gerettet hatte, war sie von Sabin kaum beachtet worden, als sie sich morgens am großen Tisch zusammengesetzt und die Aufgaben verteilt hatten. Den Toten erwähnte niemand, aber Amber hatte ihn nicht vergessen.

Inu war bereits zum Schiff getreten und begutachtete die Reste der Takelage, die schlaff über dem Bootsrand hing wie ein ertrunkenes Tier. Dann ging er mit großen Schritten um den Bug herum und verschwand hinter dem Schiffsrumpf. Ein dumpfes Klopfen verriet, dass er auf der anderen Seite des Schiffs die Stabilität des Holzes prüfte.

Amber betrachtete Sabin von der Seite. Ihr Haar war zerzaust und selbst ihre Bräune täuschte nicht darüber hinweg, wie blass sie eigentlich war. Die dunklen Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte.

»Geht es dir gut?«, fragte Amber leise. Sabin warf ihr einen spöttischen Seitenblick zu.

»Da du mich gestern nicht verprügelt hast, könnte es mir nicht besser gehen«, erwiderte sie schnippisch.

»Danke für deine Freundlichkeit, Sabin«, sagte Amber scharf. Das Blut pochte in der Ader an ihrem Hals. »Danke, dass du mit mir sprichst und ein freundliches Wort dafür übrig hast, dass ich dich gestern Nacht nicht den Ungeheuern auf dem Dach überlassen habe.«

»Was erwartest du?«, gab Sabin ruhig zurück, während sie die zerrissenen Leinen studierte. »Ich habe dich vor der Dschellar gerettet. Jeder ist mal an der Reihe. So ist es, wenn man zusammengehört. Und das tun wir doch, oder?«

Es klang nicht einmal unfreundlich. Amber schluckte. Sollte sich doch etwas geändert haben?

»Bring es mir bei«, sagte sie plötzlich, überrascht von ihrer eigenen Kühnheit.

Sabin hob irritiert die Brauen. »Was? Eine Lektion über das Meer? Damit du uns hier noch vor Angst zu heulen anfängst?«

»Du wirst heulen, wenn ich dir die Nase breche«, rutschte es Amber heraus. Sofort biss sie sich auf die Zunge. Sie räusperte sich und fuhr ruhiger fort: »Das… Tauchen meinte ich. Ich möchte es lernen. Und alles über das Meer, die Fische, das, was ich wissen muss, um in Dantar zu leben.«

Die Taucherin sah sie ernst an.

»Weißt du, was du forderst? Das ist das Majumameer. Es gibt und nimmt uns alles – manchmal zur gleichen Zeit. Dieses Meer ist ein wildes Tier: Man denkt, man hat es gezähmt. Und dann fällt es einen plötzlich an.«

»Danke für die Belehrung! Wie du weißt, werde ich mit Ungeheuern ganz gut fertig.«

Sabin lachte. »Lektion eins: Vorsicht bei roten Schnecken«, sagte sie spöttisch und deutete auf eine runde Schale, die direkt neben Ambers Fuß lag. »Darin haust ein Krebs. Wenn er dich berührt, lähmt dich sein Gift, bis du nicht mehr atmen kannst und bei vollem Bewusstsein erstickst.«

Amber sprang erschrocken zur Seite und stand plötzlich knietief im Wasser.

»Gut reagiert«, bemerkte Sabin freundlich. Und nach kurzem Überlegen setzte sie hinzu: »Die Meerestiere kann ich dir erklären.« Der spöttische Zug um ihren Mund kehrte zurück, ihre Augen blitzten amüsiert. »Aber das Tauchen musst du dir schon selbst beibringen. Es ist wie mit dem Ziegenhüten. Man kann es oder man kann es nicht!«

»Du arrogante Fischhaut, du…«

Sabin lachte und brachte sich an der Felskante vor dem dunkelblauen Abgrund in Sicherheit.

»Na, Amber?«, spottete sie. »Genau der richtige Moment, um tauchen zu lernen!« Sie deutete hinter sich. Rötliche Rückenflossen zerschnitten das Wasser wie Säbel ein blaues Seidentuch. »Kupferhaie. Sie schmecken gut, wenn man ihr Fleisch in Marjulawein einlegt, bevor man es brät. Aber beim Harpunieren muss man aufpassen, sie sind schlauer als Hunde.«

Wie ein Pfeil tauchte sie ein und war unter der Wasseroberfläche verschwunden, als wäre sie in ihr wahres Element zurückgekehrt. Amber blieb allein zurück – mit durchnässtem Hosensaum, nicht sicher, ob sie einen Sieg oder eine Niederlage erlebt hatte. Von fern hörte sie Inus Schritte auf dem Schiff. Nun erschien sein Gesicht über der Reling. »Amber, komm her! Durch das Leck kannst du an Bord klettern. Schau dir an, ob wir den Mast ersetzen können. Ein schlanker Baum müsste genügen, oder?«

Um zum Leck zu gelangen, musste Amber noch tiefer in das Wasser waten. Die Wellen umspülten ihre Waden, sogen sich in die Hosenbeine und zerrten an ihr. Das Wasser wurde rasch tiefer, bis es Amber bis zur Hüfte einschloss. Der Rhythmus der Wellen brachte sie ins Schwanken und sie stützte sich an der rauen Bordwand ab. Das Leck lag genau am Abgrund. Mit klopfendem Herzen tastete sie Schritt für Schritt über scharfkantigen Fels, bis ihre Zehen die glatte Kante erfühlten. Die Schwärze der Schlucht machte sie beinahe schwindlig. Nur nicht an die Haie denken! Im Stillen zählte sie bis zehn, nahm ihren ganzen Mut zusammen und zog sich am Spalt in der Bordwand hoch. Dumpf pochte der Schmerz durch ihren Rücken. Einen Augenblick schwebte sie mit angespannten Muskeln über dem Schlund, nur durch ihre Hände gehalten, dann hatte sie es geschafft, sich über die untere Kante des Lecks hochzuwuchten. Sie war unendlich froh, Inus Hand ergreifen zu können, als sie auf das schräg stehende Deck kroch.

»Amber, was ist los? Du zitterst ja – und du bist blass – dein Rücken?«

Sie nickte. Ihre Kehle war zu trocken, als dass sie hätte antworten können. Vorsichtig richtete sie sich auf und blickte auf das Meer. Lockend und furchterregend zugleich lag es vor ihr. Sabin war noch nicht wieder aufgetaucht, aber unter der Wasseroberfläche glaubte Amber eine Bewegung zu erkennen. Noch einmal überdachte sie Sabins Worte, prüfte sie, wendete sie hin und her wie eine Frucht, von der sie noch nicht wusste, ob sie giftig war. Sabin hatte abgelehnt, ihr das Tauchen beizubringen. Aber sie hatte immerhin eingewilligt, ihr das Meer zu zeigen. Amber wusste nicht, welche Empfindung in diesem Augenblick stärker war: ihre Zweifel oder die Sehnsucht, ebenso wie Sabin Teil des Meeres zu sein.

 

*

 

Die Wasserburg war von innen größer, als sie von außen wirkte. Vom Balkon der Galerie aus betrachtet, sah der Tümpel mit seinem gefiederten Halsband nicht mehr ganz so bedrohlich aus. Tanijen wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und beugte sich wieder über die Truhe in einem der Räume, die auf die Galerie hinausgingen. Auch hier oben hatte der Wind seine Schätze aufgetürmt. Federn lagen in den Ecken, Kleidungsstücke verrotteten über Stühlen, Ranken betrachteten sich in halb blinden Spiegeln.

Und immer wieder: Papier. Verwittert, zum Teil verschmiert und in Fetzen gegangen. Ausgebleichte Reste einer Sammlung von Briefen vielleicht. Tanijen fühlte sich mehr denn je, als wäre er in ein fremdes Haus eingebrochen. Er hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele Truhen er bei seiner verbissenen Suche nach Hinweisen geöffnet und durchwühlt hatte. Inus Worte ärgerten ihn immer noch. Umso schlimmer war, dass Inu ganz richtiglag: Tanijen hatte wirklich keine Ahnung, welche Insel das sein mochte. Unten in der Halle türmten sich bereits die Seekarten und andere Aufzeichnungen auf dem Tisch, aber immer noch war nichts Brauchbares darunter. Mehr als einmal fuhr er herum, weil er glaubte, dass jemand ihn beobachtete, aber es waren nur die Vögel. Sie hockten auf dem Geländer der Galerie und sahen ihm durch die Flügeltüren, die er geöffnet hatte, interessiert zu.

Doch das war nicht die Gegenwart, die Tanijen spürte. Etwas anderes bewegte sich in den Räumen, beobachtete ihn. Ganz deutlich nahm er es wahr: das leise Prickeln einer alten, halb verloschenen Magie, bereit, sich beim kleinsten Funken wieder zu entzünden. Heute Nacht schon hatte sie ihn berührt – in einem der wenigen Augenblicke, in denen er doch in einen flüchtigen Schlaf gefallen war, bevor ihn das Scharren wieder weckte.

In Tanijens Traum war die Wasserburg voller Menschen gewesen. Die Halle war nicht länger staubig, er sah Frauen und Männer am Tisch sitzen, vor sich Aufzeichnungen und Seekarten. Alle Inseln vor Dantars Küste waren darauf abgebildet. Feine Linien, mit Oktopustinte gezeichnet, zeigten die Windströmungen und das Wasser, das sich an manchen Stellen in entgegengesetzter Richtung in tückischen Wirbeln drehte. Auch eine Liste mit Schiffsnamen lag auf dem Tisch: Pallas, Uda, Mimora.

Nachdenklich betrachtete Tanijen ein abgegriffenes Notizbuch, das am Grund der Truhe lag. Der Boden war aufgequollen, als wäre Regenwasser in das Holz gedrungen; die Schrift auf dem Einband war verwischt und nur schwer zu entziffern. Immerhin reichte es, um sie zu erkennen. Es war die geschwungene, eilige Schrift eines jungen Menschen. Vielleicht war er ein Navigator gewesen, denn er hatte auch Zeichnungen beigefügt – Windströmungen, Wolkenformationen und die Formeln, die Tanijen kannte, seit er bei den Navigatoren lernte.

Vorsichtig schlug er das Notizbuch auf und musste enttäuscht feststellen, dass die Buchstaben so gut wie gar nicht mehr zu entziffern waren. Nur an wenigen Stellen ließen sich Sätze und Formeln rekonstruieren. Eine Zeichnung war deutlich: Sie zeigte eine Feder, hell, mit schwarzem Rand. Und dann war da auch die Skizze eines Vogels, erstaunlich genau und lebensnah. Studie von Lemar le Hay, entzifferte Tanijen die Spuren von dickeren Federstrichen. Er runzelte die Stirn und beugte sich noch tiefer über die die verwaschenen Buchstaben. Lemar le Hay. Und ein Schiffsname: Pallas. Die Worte brachten irgendwo in seinem Kopf etwas zum Klingen.

»Diwen Taran Jadur«, las er laut. Sein Herz machte einen Satz, als er spürte, wie die Luft im Raum zu einem lebenden Wesen wurde. Die ganze Atmosphäre vibrierte vor alter, fast verloschener Magie. Die Vögel flatterten, ein Wind erhob sich. Die Fensterläden begannen sich zu bewegen, klappten zu und auf.

Tanijen schloss die Augen und atmete durch.

Die Worte des Kodex erschienen vor ihm: Nie allein. Nie ohne einen der Älteren.

Beinahe war er versucht, das Notizbuch zuzuschlagen und wegzulegen, doch er zögerte. Sie war da! Verführerisch und nah, er brauchte sie nur zu berühren. Niemand würde es erfahren. Und die Galgen waren weit fort.

Lautlos formte er ein Wort mit seinen Lippen und spürte wieder mit Genugtuung, wie die Welle von flüssigem Licht sich um ihn herum regte. Es war immer noch fremd, sie zu rufen, aber sie kam, wie immer in letzter Zeit, zuverlässig und folgsam, wenn auch verspielt und unberechenbar wie ein junger Hund. Er hatte Glück gehabt, dass sie ihm gehorcht hatte, als er das Wasser zu Händen formte und die Gruppe auf diese Weise davor bewahrte, vom Sog in die Tiefe gerissen zu werden. Einen Augenblick gab ihm der Gedanke an Sabin wieder einen Stich. Ihr nicht die Wahrheit sagen zu dürfen war das Schlimmste.

Du wirst alles hinter dir lassen, sagte der Kodex. Das Alte lässt sich nie mit dem Neuen vereinen. Hier beginnst du etwas Neues. Und als Pfand lässt du das Alte zurück.

Tanijen schüttelte den Kopf. Sabin würde er nicht zurücklassen. Niemals. Eines Tages würde er es ihr sagen können. Und sie würde es verstehen – wenn die Stürme Geschichte sein würden und die Navigatoren Helden.

Er leckte sich über die Lippen und studierte die Worte noch einmal genauer. Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen. Er würde die Magie nur begrüßen, nicht rufen.

»Diwen Taran Jadur«, wiederholte er lauter. Die Vögel flatterten erschreckt davon. Ein Windstoß fegte durch das Zimmer und wirbelte alles durcheinander. Staub erhob sich und ließ Tanijen husten. Er steckte rasch das Buch ein, stürzte zum Galeriefenster und stemmte es gegen den Wind zu. Von einem Schrank löste sich ein staubiges Blatt und trudelte zu Boden. Im Halbdunkel des Zimmers konnte Tanijen die Zeichnung darauf kaum erkennen, trotzdem schlug sein Herz schneller. Der Traum von heute Nacht… die Zeichnungen.

Er rollte das Papier hastig auf und rannte zurück zur Halle. Schon oben an der Treppe spürte er, dass sich etwas verändert hatte. Die Halle war nicht mehr leer. Die Luft flirrte und ließ die Farben kräftiger wirken. Ein Luftzug bewegte das Papier auf dem Tisch. Der Wind heulte um den Turm und auch das leise Wimmern einer Käfigtür drang durch die Wände.

Tanijen warf Lemars Buch auf den Tisch und entrollte die Zeichnung. Wie er vermutet hatte, war es eine Karte. Auch sie trug Lemar le Hays Handschrift. Lemar hatte gern gezeichnet. Skizzen der Inselwelt, der Vögel, verschiedener Fischarten, sogar ein Grundriss der Burg war dabei. Tanijens Finger zitterten, während er die Umrisse der Insel nachfuhr. Endlich ein Anhaltspunkt! Er kniff die Augen zusammen und versuchte die Botschaft zu entschlüsseln. Hier lag die Lösung. Schließlich sah er sich die Wasserwirbel an, die Strömungen rund um die Insel. Und die Zeichnungen von Schiffen. Pallas. Uda. Endlich erinnerte er sich, woher er diese Namen kannte. Eine heißkalte Welle lief ihm über das Rückgrat. Das zerbrochene Bild setzte sich aus Hunderten von Splittern zusammen. Die verschollenen Schiffe!

Mit zitternden Händen strich Tanijen die Karte glatt, schlug daneben das Buch auf und versenkte sich in Lemars Aufzeichnungen.

Er war so konzentriert, dass er das Rumpeln zunächst nicht wahrnahm. Als es ihm auffiel, klappte er das Buch sofort zu und griff instinktiv zum Stock, den er an den Tisch gelehnt hatte.

Beruhige dich, schalt er sich. Es sind nur die anderen – sie sind vom Strand zurückgekehrt. Hastig rollte er die Karte zusammen und schob sie unter sein Gewand.

Doch niemand klopfte mit dem verabredeten Zeichen an die Eingangstür. Ein weiteres Rumpeln erklang, diesmal lauter. Tanijen schluckte. Blitzartig spielte er alle Möglichkeiten im Kopf durch, die ihm einfielen: die Ungeheuer. War eines dieser Tiere in den Keller eingebrochen? Aber es gab keinen weiteren Eingang zum Keller. War etwas umgefallen? Tanijen lächelte nervös. Natürlich! Die Weinfässer im Keller mussten es sein. Als Inu und er den Toten auf einem der Tische im Keller aufgebahrt hatten, hatte Tanijen einige davon zur Seite gestellt. Offenbar war die wenig liebevoll aufgestapelte Pyramide nun ins Rutschen geraten und in sich zusammengestürzt. Wahrscheinlich lief der sauer gewordene Wein nun aus. Er sollte hinuntergehen und retten, was zu retten war. Er sollte…

Die Klinke der Kellertür quietschte, als jemand auf der anderen Seite sie herunterdrückte. Bevor die Tür ganz aufschwang, sah Tanijen das Meerwasser – in einer riesigen Pfütze breitete es sich auf den Steinfliesen aus. Ein bloßer Fuß mit blauen Nägeln setzte auf dem Boden auf. Ein weiterer Fuß, der in einem dünnen Lederschuh steckte, folgte. Tanijen hatte das Gefühl, sein rasendes Herz würde innehalten und stillstehen, so wie die Zeit.

War ich das?, schoss es ihm durch den Kopf. Das kann nicht sein, ich habe nicht… ich habe doch nur…

Der tropfende Tote starrte ihn aus gebrochenen Augen an und schwankte. Dann machte er einige weitere Schritte wie eine Marionette, die jemand an unsichtbaren Fäden bewegte. Tanijen sprang auf. Stuhlbeine kreischten über den glatten Boden. Im nächsten Moment stand er keuchend mit dem Rücken an die Wand gepresst, jeden Muskel angespannt, den Stock zum Schlag erhoben.

Der Tote sah sich um. Die Reste der Fesseln hingen von seinen Armen. Und Tanijen erkannte mit kaltem Entsetzen, dass die Enden zerfranst waren, als hätte der Tote sie durchgebissen. Das lange schwarze Haar fiel ihm über die Schultern, die Hakennase stach aus dem Gesicht hervor. Seltsamerweise war er nicht mehr aufgedunsen und grünlich, nur an den Stellen, wo die Seile sich tief in seine Haut gedrückt hatten, zeichneten sich noch helle Furchen ab.

»Was willst du?«, flüsterte Tanijen.

Der Tote stolperte ein paar Schritte in den Raum. Seine Lippen klafften auf, und nach einem tiefen Gurgeln, dem ein Schwall Wasser folgte, formte er mühsam einige tonlose Worte. »Sie lassen uns in Ruhe«, sagte er mit erstaunlich hoher Stimme. »Aber sie kommen wieder.«

Tanijen keuchte immer noch, seine Lunge war zu klein für die Luft, die er brauchte. War das eben wirklich die Stimme einer Frau gewesen? Er wich einen Schritt zur Seite, um den Tisch zwischen sich und den unheimlichen Gast zu bringen, gleichzeitig sah er sich nach einer besseren Waffe um. Der Spiegel – wenn er ihn zerbrach, konnte er eine Scherbe nehmen und…

Die Stimme des Toten veränderte sich, wurde zu einem Seufzen und dann zu einer dunklen, vollen Männerstimme. Mit einem törichten Gesichtsausdruck starrte er auf die Blätter und Karten.

»Lemar«, bellte er. »Du musst wahnsinnig sein! Bleib hier!«

»Sie sind am Strand, Loin«, antwortete er – plötzlich wieder mit einer anderen, dritten Stimme. Sie gehörte einem jungen Mann. »Das ist unsere Chance! Wenn wir jetzt nichts tun, wird es weitergehen.«

Eine Ahnung blitzte in Tanijens Gedanken auf – vielleicht auch nur die Ahnung einer Ahnung. Die Stimmen, der stumpfe Ausdruck…

»Wer ist am Strand?«, flüsterte Tanijen. »Lemar Le Hay? Bist du das?«

Der Tote schwankte nur und sagte nichts.

»Le Hay!«

Der Körper hob die Schultern. »Lemar Le Hay wird sterben«, sagte eine neue Stimme. Heiser war sie, und gebrochen. »Ich traue ihm nicht. Und weil ich ihm nicht traue, wird er sterben.«

Tanijen schluckte. Seine Kehle war ausgedörrt. Doch er räusperte sich und zwang sich, den Stock zu senken.

»Weißt du, dass du ertrunken bist?«

Zu seiner Überraschung lächelte der Tote – allerdings nur mit den Lippen, die Augen blieben ausdruckslos.

»Lemar ist ein Verräter«, sagte die heisere Stimme, »wenn du es nicht tust, werde ich ihn töten!«

»Er kann sie nicht freilassen«, sagte die dunkle Männerstimme. »Nicht ohne… das Werkzeug.«

Tanijen schauderte. »Was… freilassen?«

Das Gesicht wandte sich ihm zu und bekam einen verschlagenen Ausdruck. Dann blitzte Wut in den matten Augen auf. »Lemar, du Narr!«, gurgelte der Tote. »Du verdammter Narr!« Dann griff er an.

Tanijen schrie auf und stürzte zur Seite. Er hob den Stock zum Schlag, während eine nicht sehr gnädige Stimme in seinem Kopf ihn fragte, wie er denn einen Toten außer Gefecht setzen wollte.

Wärme flutete durch seine Hände, die Magie wirbelte in den Ecken, als würde sie nur darauf warten, dass er sie zu Hilfe rief.

Niemals leichtfertig, sagte der Kodex. Es gibt einen Punkt, an dem es nur noch zwei Wege gibt. Der eine führt dich in das seichte Wasser der Sicherheit, der andere kann dich die Seele kosten.

Tanijen rettete sich hinter den Tisch und stieß mit dem Fuß einen Stuhl um. Offenbar spielten Möbel in der Wahrnehmung des Toten keine Rolle. Beim Versuch, sich direkt auf Tanijen zu stürzen, stolperte er über den Stuhl, fiel und warf auch noch den Tisch um. Schwer stürzte er mit dem Möbelstück zu Boden, während lose Papiere hochflatterten und auf ihn herunterschneiten. Tanijen spürte seine Hände nicht mehr, so fest umklammerte er den Stock. Seine Knöchel leuchteten weiß im Halbdunkel der Halle.

Er schielte zur Tür. Doch selbst wenn er schnell war, konnte der Tote ihm den Weg abschneiden.

Inzwischen rappelte sich der Tote in eine sitzende Position auf und begann zu murmeln. Seine Finger strichen über die Aufzeichnungen auf dem Boden und hinterließen nasse Spuren auf dem Papier. »Der Versuch mit den Käfigen ist gescheitert. Der letzte Sturm zerstörte den nördlichen Turm. Loin meint, wir sollen es mit den Fesseln versuchen, aber die Vögel sind alle eingegangen. Wir müssen…«

Er seufzte, aber es klang wie ein Laut aus der Ferne, denn er atmete nicht. Natürlich nicht.

Als Tanijen etwas am Rand seines Blickfelds vorbeihuschen sah, riss er reflexartig den Stock hoch und schlug zu. Der Spiegel fiel von der Wand. Scherben prasselten auf den Boden. Nur eine einzige, die wie ein zackiges Grinsen aussah, blieb im Rahmen. Immer noch bewegte sich etwas darin. Tanijen blickte gehetzt vom Spiegel zum Toten und wieder zurück. Ein Spiegelzauber! Eine Szene aus einer Vergangenheit wiederholte sich dort. Das Bruchstück eines Spiegelbildes. Auf der trüben Oberfläche erkannte Tanijen nicht viel: eine Hand, die in der Falte eines Umhangs verschwand. Und als sie wieder auftauchte, hielt sie etwas Rotes in der Hand.

»Du wirst sterben, Lemar«, sagte der Tote heiser und stand wieder auf.

Es gab in der Tat zwei Wege: Er würde sterben. Oder er nahm sich das, was ihm ohnehin schon längst gehörte, und wehrte sich.

Tanijen vergaß den Kodex, vergaß Sabin und seinen Schwur und rief die Magie zu Hilfe.

 

*

 

Abrupt hatte der Wind wieder eingesetzt, doch zum Sturm wurde er nicht. Amber war den Weg vom Strand bis zu Anhöhe gerannt. Dabei ließ sie den Blick auf der Suche nach einem schlanken, geraden Baum über die Ebenen schweifen. Bedauerlicherweise duckten sich fast alle Bäume der Insel unter dem Wind, als würde der Himmel viel zu schwer auf ihnen lasten. Nur in der Nähe der Küste standen einige dicke Marjulabäume.

Es tat gut, über die Erde zu laufen, die sich zwischen den Felsen gesammelt hatte. Mit jedem Schritt auf festem Boden kehrte Amber ein Stück mehr in die Welt zurück, die sie beherrschte. Und dennoch – wenn sie über die Schulter blickte, lockte blau und unergründlich das Meer.

»Komm schon! Das drüben steht ein gerader Baum!«, schrie sie Inu zu und rannte weiter.

Inu holte im Laufschritt auf und ging neben ihr her.

»Ich bin froh, wenn wir wieder auf dem Wasser sind«, meinte er und lächelte. »Dann darf ich die Befehle geben und du musst gehorchen.«

Er zwinkerte ihr zu und Amber erwiderte sein Lächeln unwillkürlich. Es war irritierend und dennoch angenehm, in Inus Nähe zu sein. Bei Tanijen dagegen war sie sich nie ganz sicher, ob er sich nicht heimlich über sie lustig machte.

»Freu dich nicht zu früh, Seiler«, meinte sie. »Bis dahin haben wir noch genug Arbeit vor uns.«

Inu seufzte schwer und nickte. »Vom Seiler zum Holzfäller. So weit ist es mit mir gekommen.«

»Was ist denn so schlecht an Holzfällern?«

»Nichts – nur ihr Hang zu Prügeleien ist gewöhnungsbedürftig.«

»Ja, dafür musst du allerdings noch viel üben.«

Inu lachte und strich sich verlegen über den Ärmel.

»Amber… ich weiß, Sabin hat sich nicht bei dir bedankt…«

»Tja, dantarianische Höflichkeit«, gab Amber trocken zurück. Inu lächelte schief und wieder fiel ihr die kleine Narbe an seinem Mundwinkel auf. Sie stand ihm sehr gut und Amber senkte ertappt den Kopf, als sie bemerkte, dass sie seinen Mund anstarrte. »Also, wenigstens ich wollte mich bei dir bedanken«, sagte er.

»Du bedankst dich für Sabin?«, spottete Amber. »Ich hoffe, sie weiß es zu schätzen, dass du ihr Diener bist.«

Sein Lächeln verschwand, er biss sich auf die Unterlippe. Einen Augenblick dachte sie, sie wäre zu weit gegangen, doch zu ihrer Erleichterung drehte Inu sich nicht um und ging zum Strand zurück, sondern antwortete ihr.

»Es ist nicht so, wie es aussieht«, meinte er. »Sabin und ich kennen uns, seit wir Kinder waren.«

»Liebst du sie denn nicht?«

Er lachte verwundert. »Natürlich! Auf eine andere Art als Tanijen sie liebt, wenn es das ist, was du wissen wolltest. Und nur aus diesem Grund habe ich mich bei dir bedankt. Weil ich es nicht ertragen könnte, dass ihr etwas zustößt.«

Amber staunte. In Dantar konnte man Menschen lieben, ohne sich zu verpflichten und ohne zu besitzen? Der Gedanke gab ihr einen schmerzhaften Stich und sie beneidete Sabin mehr denn je darum, dass sie mit Freunden aufgewachsen war, während Ambers einziger Freund von jeher ihr Schlagstock war.

»Sabin meinte, du wolltest… ihr eine Geschichte erzählen«, fuhr Inu fort. »Ich weiß, dass sie von den Bergen nichts hören will, aber ich… würde sehr gerne erfahren, worum es in der Geschichte geht.«

Amber merkte, dass sie es nun war, die rot wurde. Sie konnte kaum verbergen, wie sehr sie sich über sein Interesse freute, trotzdem lächelte sie nicht. Verlegen räusperte sie sich.

»Es ist keine besondere Geschichte. In den Bergen wird jedes Kind sie dir erzählen, kaum dass es sprechen kann: Als es in den Bergen noch keine Menschen gab, war das ganze Meerland dunkel. Die Erdfrau schlief unter einem schwarzen Himmel. Doch eines Tages kam ein Gast aus einem fernen Teil des Himmels und warf sein Licht auf die Ebene. Es war der Sonnenkönig. Die Erdfrau erwachte in seinem Licht und sah ihn aus blauen Seeaugen an. Sie ließ Bäume wachsen, die ihm zustrebten. Jeder Grashalm und jede Blume streckte sich nach dem Sonnenlicht. Sie schuf auch die Berge, um dem Sonnenkönig nahe zu sein. Und er verließ seinen Platz am Himmel und sank ihr entgegen. Jeden Abend, wenn der Sonnenkönig sich zur Erdfrau neigte, konnten sie sich umarmen. Und jeden Morgen wanderte er wieder hoch an den Himmel, um das Land zu wärmen. Die Kinder der Erdfrau und des Sonnenkönigs sind wir Menschen. Wir wachsen im Lächeln unseres Vaters auf und nähren uns von unserer Mutter. Und wenn wir sterben, kehren wir zurück in ihre Umarmung. Die Erde hält uns geborgen.«

Bei den letzten Worten war ihre Stimme rau geworden und etwas Heißes, Schweres drückte wie ein Knoten in ihrem Bauch. Nie hätte sie gedacht, dass sie jemals Heimweh haben würde – Heimweh nach der Ziegenweide und dem Geruch der regenschweren Ackererde. Sie erschrak selbst darüber, dass sie vor Inu zu weinen begann, und wandte sich brüsk ab. Umso erschrockener war sie, als er an sie herantrat und die Arme um sie legte. Für einen Augenblick ließ sie sich auf die Berührung ein und schloss die Augen.

»Das ist eine schöne Geschichte«, sagte Inu leise. »Verzeih mir, dass du meinetwegen auf diese Insel gekommen bist. Aber was immer Sabin auch sagen mag – es ist gut, dass du bei uns bist.«

Nie hätte sie zugegeben, wie sehr sie sich über seine Worte freute. Doch ein Rest von Misstrauen blieb – sogar jetzt. Behutsam machte sie sich aus seiner Umarmung los und trat zur Seite.

»Ja, ohne eine Holzfällerin wärt ihr verloren.«

»Ohne Amber auch«, sagte er ernst.

Aus irgendeinem Grund war es wichtiger als alles andere, seinem Blick auszuweichen, weiterzuarbeiten und sich Gedanken über den Mast zu machen. Mit einem Gefühl, als müsste sie sich vor etwas irritierend Fremdem, Verlockendem auf vertrautes Gebiet flüchten, wandte Amber sich rasch ab und maß den bauchigen Marjulastamm mit einem Blick ab.

Sie konnte kaum glauben, dass es wirklich ein Marjulabaum war. Die einzige Blüte, die der Wind nicht abgerissen hatte, zitterte im Luftzug.

Zwanzig Axthiebe, schätzte sie. Sie wog die Axt in den Händen, bis sie die richtige Balance gefunden hatte, und holte aus. Die Bewegung war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie auch mit geschlossenen Augen hätte durchführen können. Selbst ihr schmerzender Rücken war vergessen. Sie kannte jedes Holz, sie wusste, wie es sich anfühlen würde, wie hart sie zuschlagen musste. Marjulaholz war sehr hart und konnte tückisch glatt sein.

Die Axt sauste in das Holz wie ein Hammer auf eine Eierschale. Der Schwung riss Amber nach links. Sie fing sich mit einem Ausfallschritt ab, der ihr in den Rücken fuhr. Inu stieß einen erstaunten Ruf aus. Die Axt war durch dünne Rinde gebrochen und hatte den Stamm halb durchgehauen.

»Weg!«, schrie Amber. Hastig brachten sie sich in Sicherheit und beobachteten, wie der Baum knarrend kippte – und fiel. Die gewaltige Krone prallte auf den Fels.

»Was zum Kerot…«, flüsterte Inu.

Unwillkürlich drängten sie sich aneinander und wichen weiter zurück. In den Ästen bewegte sich etwas, Rinde beulte sich, Zweige schwollen an und zogen sich zusammen, als würde darunter etwas atmen.

Ein glitschendes Geräusch erklang, dann brach der erste Ast auf.

Etwas Schwarzes, Glattes rutschte heraus, wand sich auf dem Boden und begann dann in Windeseile auf das Meer zuzukriechen. »Aale!« Inu war fassungslos. »Sie… sie schlüpfen aus dem Baum!«

Amber verzog angewidert den Mund. Mehr und mehr Äste brachen. Immer mehr Tiere glitten aus den Ästen und begannen ihre schlingernde Wanderung zum Wasser.

Nie hätte sich Amber träumen lassen, dass sie eines Tages den Wunsch verspüren würde, auf Sabins Schiff zu springen und Hals über Kopf auf das Meer zu fliehen.

Die Aale überschlugen sich im Fall von der Anhöhe, klatschten auf dem Felsen auf und arbeiteten sich zum Wasser vor.

»Amber, sieh dort!« Inu deutete auf die Hügelkuppe, hinter der die Spitze des Burgturmes zu sehen war. Zum ersten Mal, seit sie hier gestrandet waren, hörte Amber die Vögel schreien – klagende, lang gezogene Rufe, die schmerzhaft in den Ohren hallten. Über dem Turm schoss der Schwarm hoch wie eine riesige Faust. Ein einziges Wesen, das sich am Himmel ballte, gelenkt von einem gemeinsamen Ziel. In dieser Sekunde erwartete Amber, dass die gefiederte Faust den Turm zertrümmern würde. Doch dann wurde ihr bewusst, dass die Vögel sich ihnen zuwandten, und für einen Augenblick sah sie sich selbst und Inu: zwei Käfer am Boden, verloren auf der Insel. Der Schwarm zerstob in einem Kreischen und nahm Kurs auf die Hügel.

»Sie kommen zu uns!« – Amber wollte diesen Satz sagen, doch ein plötzlicher Sturmwind, eine gewaltige, beinahe sichtbare Woge aus Luft, walzte sie einfach nieder. Das Einzige, was sie spürte, war Inus Hand, die ihre Finger umklammerte – wie bei ihrer Ankunft in Dantar.

Hart prallten sie auf und drückten sich instinktiv flach an den Boden. Der Sturm brauste über ihnen. Dann waren die Vögel da, flitzten wie Schwalben knapp über ihren Köpfen hinweg, trudelten im Sturm wie geschickte Libellen, die jede Windströmung ausnutzten. Zehn-, fünfzehnmal kreisten sie wie ein kochender Wirbel aus Flügeln und blitzenden Augen über ihnen und nahmen dann Kurs auf das Ufer. Eine Windhand ergriff die Aale und schleuderte sie einfach in die Luft. Die Vögel schossen nach oben, setzten zum Sturzflug an und fielen bis kurz vor dem Boden.

Ein seltsamer Tanz, der Amber einen Schauer über den Rücken jagte. Alles an dieser Insel widersprach jedem Gesetz der Natur!

»Die Vögel!«, schrie sie gegen den Sturm an. »Es sind die Vögel! Sie bringen den Wind! Wir müssen Sabin aus dem Wasser holen!«

Einer der Fische klatschte direkt vor Ambers Nase auf den staubigen Boden. Sie sah winzige Zähne aufblitzen und einen zarten Flossensaum am Rücken. Das Tier zuckte ein letztes Mal und blieb reglos liegen. Das Meer begann zu brüllen. Wogen erhoben sich. Schleier von Gischt wehten durch die Luft.

Inu spuckte Staub und Sand aus und richtete sich auf. »Ich gehe zum Strand! Aber erst müssen wir von der Anhöhe runter, bevor der Sturm zum Orkan wird. Los, komm!«

Sie flohen tief gebeugt, sich gegenseitig stützend über die Anhöhe. Holzstücke flogen ihnen um die Ohren und prallten schmerzhaft gegen ihre Kniekehlen und gebeugten Rücken. Das Schreien der Vögel steigerte sich zu einem schrillen Kreischen. Eine Klaue aus Wind harkte durch das Meer und malte bizarre Muster in das Wasser. Blinzelnd erkannte Amber die Strandsichel, in der die Timadar lag. Nicht weit davon schwamm Sabin im Wasser. Von hier aus sah sie aus wie eine Spielzeugfigur. Wellen trugen sie hin und her. Auf Inus Pfiff, der Amber erschrocken zusammenzucken ließ, wandte das Mädchen im Wasser den Kopf und winkte. Amber war sich sicher, dass die Taucherin gleich ins Meer tauchen und verschwinden würde, aber Inu brüllte und winkte und schließlich schwamm Sabin zögernd zum Ufer. Eine Woge erfasste sie. Sie nutzte den Schwung der Welle und rannte auf den Strand.

»Warte auf sie!«, schrie Amber. »Ich laufe vor zur Burg.«

Inu protestierte, doch der Wind übertönte seine Worte.

 

*

 

Der Weg zum Burgtor erschien Amber länger als die ganze Wanderung aus den Bergen nach Dantar. Endlich erreichte sie keuchend die beiden Torflügel, die durch ein Seil gesichert waren. Amber rüttelte an dem Seilknoten, mit dem Inu das Tor verschlossen hatte, doch dann siegte ihre Ungeduld und sie schlug das Seil mit der Axt durch. Die Torflügel ächzten, als der Wind sie aufdrückte.

Amber nahm Anlauf, als die Flügel aufschwangen, und rannte los. Die Windstille im Hof brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie stolperte und konzentrierte sich so sehr darauf, nicht zu fallen, weshalb sie erst nicht bemerkte, dass der Tümpel über sein steiniges Ufer getreten war. Wellen schwappten über ihre Füße. Dieses schwarze Wasser hier war eine ferne Spiegelung der Bewegungen des Meeres.

Die Tür war nicht verschlossen, sondern stand einen Spaltbreit auf. »Tanijen?«

Keine Antwort. Angst schnürte Amber die Kehle zu. Nicht Tanijen!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie packte ihre Axt und stieß die Tür auf, jederzeit darauf gefasst, angefallen zu werden.

»Tanijen!«

Der Tisch war umgestürzt, Pfützen glänzten auf dem Boden. Durchweichtes Papier lag im ganzen Raum verstreut. Mit rasendem Herzen trat Amber in den Raum, lauschte angespannt und hörte nur ihren eigenen schnellen Atem. Dann entdeckte sie, dass der Spiegel zerbrochen war. Ein Scherbenberg lag säuberlich zusammengeschoben auf einem Haufen. Jemand hatte nach der Zerstörung also bereits mit dem Aufräumen begonnen.

»Amber, was ist…«

Sie wirbelte herum und hätte Tanijen um ein Haar mit der stumpfen Seite der Axt niedergeschlagen. Sein Anblick erschreckte sie beinahe noch mehr als seine Abwesenheit eben. Sein Haar war zerwühlt, seine Wange aufgeschlagen und blutverkrustet.

»Waren sie hier?«, stieß sie hervor.

Schmutz klebte an seinen Händen, die er nun hob. Er war blass und sah aus, als hätte er Fieber. Seine Augen glänzten riesengroß im Halbdunkel der Halle.

»Sie waren also hier!«, rief Amber. »Sie sind eingebrochen und haben dich angegriffen…«

»Nein«, sagte Tanijen leise, aber scharf. Dann rang er sich ein Lächeln ab und sah sie so aufmerksam an, als würden sie sich zum ersten Mal gegenüberstehen. »Es war nur meine eigene Dummheit«, erklärte er. »Ich hatte die Tür geöffnet, weil ich… ich dachte, ich hätte euer Klopfen gehört. Aber stattdessen sind einige… der Vögel in den Raum geflogen. Ich habe versucht sie zu vertreiben und habe dabei mit dem Stock den Spiegel von der Wand geschlagen.«

»Und den Tisch umgeworfen?«

Tanijen lachte auf eine Art, die Amber nicht an ihm kannte. Ein wenig erinnerte es sie an Sebe, aber wahrscheinlich lag es nur daran, dass er so verstört war.

»Ich bin gestolpert«, sagte er und berührte behutsam seine lädierte Wange. »Gerade war ich dabei, aufzuräumen. Warum bist du schon hier?«

»Draußen tobt der Sturm. Hast du das nicht gehört? Es sind die Vögel! Wenn sie mit den Flügeln schlagen, entsteht Wind! Inu holt gerade Sabin und…«

Ein Schatten fiel in den Raum. Amber fuhr sofort herum, die Axt fest in den Händen, bereit zuzuschlagen. Doch es war nur Inu.

Er keuchte vom schnellen Lauf und schüttelte den Kopf, bis seine langen Zöpfe wieder glatt über Schultern und Rücken fielen.

Er stutzte, als er den umgefallenen Tisch entdeckte. Hinter ihm erschien nun auch Sabin in der Tür. Ihre Locken waren noch nass und klebten ihr in wirren Bogen an Stirn und Wangen. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie Tanijens geschundenes Gesicht sah.

»Keine Sorge!«, kam Tanijen jeder Frage zuvor. »Ein Unfall, nichts weiter. Es ist… nichts passiert!«