24.
Immer wieder bin ich ihr gefolgt, weil ich sicher war, dass meine Chance kommen würde. An diesem kalten Wintertag ließ sie dich vor einem Geschäft draußen im Kinderwagen stehen, wo ich dich herausgenommen und in meinen mitgebrachten Wagen gesetzt habe.
Ju trägt mich, aber warum? Das ist schön. Er duftet so gut. Mein Kopf fühlt sich so leicht an, als wäre er gar nicht auf meinem Hals, sondern würde wie ein Ballon über mir schweben. Und ich sehe immer noch alles leicht verschwommen, aber es wird besser.
In der Küche riecht es nach Kaffee.
Anja und Stefan stehen vor der Spüle und schauen Ju und mich an, als wären wir Kakerlaken. Bennie und Mia liegen auf ihren Krabbeldecken vor dem Esstisch.
Ju ignoriert die beiden, setzt mich behutsam auf einem Stuhl ab und geht dann zur Küchenzeile. Er gießt Kaffee in eine bereitstehende Tasse und bringt sie mir, nachdem er noch einen ordentlichen Schuss kalte Milch hineingegossen hat. Anja und Stefan verfolgen schweigend jede seiner Bewegungen.
Sobald ich die Tasse in Händen halte, trinke ich gierig ein paar große Schlucke, damit endlich dieses Gefühl aufhört, ich müsste mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, um klar zu werden.
»Also?«, sagt Stefan und verschränkt seine Arme, als wäre das die einzige Möglichkeit, nicht gewalttätig zu werden.
Ju räuspert sich und schaut zu mir. Ich verstehe nicht, was sein Blick bedeuten soll.
»Was ist hier eigentlich los?«, fragt Stefan und mustert mich von oben bis unten.
Wenn ich das nur wüsste. Der Kaffee macht mich zwar etwas konzentrierter, aber mir fehlt ein Stück Erinnerung.
»Keine Ahnung«, stammle ich also.
»Jetzt wird sie auch noch frech.« Anja stemmt die Hände in die Hüften. »Da hast du mal einen Eindruck davon, wie sie ist, wenn du weg bist!«
Ju stellt sich dicht vor Stefan, er ist weißgrau im Gesicht wie ein nasses Papiertaschentuch. Für einen Moment fixiert er Anja und scheint nach Worten zu suchen, doch dann sprudelt es nur so aus ihm heraus.
Ich versuche, mich auf seine Worte zu konzentrieren und zu verstehen, was er da gerade behauptet. Ju erzählt, dass er hierhergekommen sei, um mich zu besuchen. Als ihm niemand die Türe geöffnet hätte, wäre er nach hinten in den Garten gegangen und dort hätte er angeblich Anja dabei beobachtet, wie sie Mia in das Planschbecken gesetzt, sie geschubst und dann dabei zugesehen hat, wie sie ertrinkt. Er hätte Mia gerade noch im letzten Moment aus dem Wasser gezogen und wiederbelebt.
»Was für ein Spinner!« Anja kräuselt ihre schmalen Lippen und geht zu Mia, die sich gerade aufgesetzt hat und hingebungsvoll an ihrer Robbe lutscht. Vorsichtig hebt Anja ihre Tochter hoch, setzt sie sich auf ihren Schoß und schmust dann innig mit ihr.
»Gibt es dafür irgendwelche Beweise?« Stefans Stimme ist tonlos, kaum zu verstehen. »Blue, was hast du dazu zu sagen?«
Ich räuspere mich, um Zeit zu gewinnen, und versuche krampfhaft, mich besser zu erinnern. Hastig trinke ich noch ein paar Schlucke von dem Kaffee und ich sehe, dass Ju mir auffordernde Blicke zuwirft, also kippe ich die ganze Tasse hinunter. Denk nach, Blue, denk nach.
Anja nutzt mein Schweigen und deutet mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich. »Und dann schau dir diesen fiesen Knutschfleck an ihrem Hals an! Die zwei schrecken ja wirklich vor nichts zurück, um ihr Schäferstündchen zu entschuldigen.«
Kutschfleck? Das Wort habe ich noch nie gehört, keine Ahnung was das ist, aber mein Hals tut verdammt weh. Ich fasse an die Stelle, von der der Schmerz ausgeht.
Alle stieren mich an.
Ich muss wissen, was mit mir los ist. Immer noch reichlich benebelt stehe ich auf und humple in den Flur zu dem großen Spiegel, der neben der Eingangstür hängt. Erschrocken starre ich auf mein Spiegelbild. Ich sehe unmöglich aus!
Mein T-Shirt habe ich falsch herum an, die Nähte sind außen und mein Jeansreißverschluss steht offen. Aber das Schlimmste ist mein Hals, an dem sich unten rechts, fast schon an der Beuge, ein riesiger blauer Fleck befindet.
Und während ich noch mit einem Finger über die blaue Stelle streichle, weiß ich plötzlich wieder, wodurch der Fleck entstanden ist.
Die Spritze – Anja und die Spritze, oben im Kinderzimmer …
Ich merke, dass ich anfange zu zittern, aber ich versuche, mich zu fassen, und schaue zu Ju hinüber, um mich zu beruhigen. Langsam laufe ich zurück in die Küche und blicke Anja direkt ins Gesicht. Sie wirkt nun deutlich nervöser als noch vor ein paar Minuten. »Das an meinem Hals ist kein Kutscherfleck«, sage ich, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Das war Anja.«
»Ich brauche etwas zu trinken, hier, nimm mal, Stefan«, unterbricht mich Anja und drückt Stefan Mia in den Arm.
Bennie ist auf der Krabbeldecke eingeschlafen.
Ich rede einfach weiter, wende nun meine ganze Aufmerksamkeit Stefan zu und erzähle ihm alles, an was ich mich erinnere. Und während ich ihm sage, was am Nachmittag hier passiert ist, kehrt Stück für Stück meine ganze Erinnerung zurück.
Anja nimmt völlig ungerührt eine der Holunderschorlen, die ich vor einer Ewigkeit zubereitet habe, gibt ein paar Eiswürfel hinein und rührt darin herum. Dann setzt sie sich an den Tisch.
Stefan räuspert sich mehrfach und starrt zu seiner Frau, die einfach nur dasitzt und an ihrer Schorle nippt. »Blue, hast du irgendwelche Beweise, die diese Märchengeschichte stützen können?«
Nicht dass ich wüsste, denke ich, nur den blauen Fleck am Hals.
Plötzlich springt Ju auf. »Die Spritze, wo ist denn die Spritze geblieben?«
Natürlich, er hat recht! Ich glaube, Anja hatte sie nicht dabei, als sie aus dem Zimmer gegangen ist. Aber sicher bin ich nicht. »Sie müsste noch irgendwo im Kinderzimmer …«
Ju zögert keinen Augenblick, sondern rennt sofort nach oben. Anja stellt das Glas ab, springt auf, wirft dabei fast den Tisch um und stürmt hinterher.
Stefan, der immer noch Mia auf dem Schoß hat, schaut mich an und sieht entsetzlich traurig aus. Die Falten in seinem Gesicht wirken wie tief eingegraben. Er versucht, seine Tochter anzulächeln, aber seine Mundwinkel heben sich kaum. Er wirkt vollkommen kraftlos und apathisch.
Und da fällt mir noch etwas ein. »Der Grießbrei«, erkläre ich ihm. »Anja hat heute Morgen weißes Pulver unter den Grießbrei gemischt. Ich habe den Müllbeutel aus der Tonne gerettet, damit er analysiert werden kann.«
Fassungslos starrt Stefan mich an und ich verstumme. Er wirkt nicht so, als würde er mir nicht glauben. Vielmehr sieht er aus, als wüsste er, dass ich hier keine Lügengeschichten erzähle, sondern die bittere Wahrheit. Er tut mir plötzlich nur noch leid, wie er dasitzt und Mia sanft auf seinem Schoß wiegt. Schließlich murmle ich noch: »Na ja, wir werden ja sehen, ob sich etwas darin findet, das nicht in den Brei hineingehört.«
Stefan steht mit Mia auf und es wirkt, als müsse er eine tonnenschwere Last tragen. Er setzt sich mit der Kleinen neben Bennie auf die Decke. Von oben hört man Gerangel und Keuchen und Poltern.
»Ich hab sie!«, ruft Ju nach unten. »Sie ist da und ich hab sie.«
Ich werfe Stefan einen Blick zu. Er sieht aus wie jemand, dem man gerade sein Todesurteil verlesen hat.
Ju kommt triumphierend mit der Spritze angerannt, Anja ist ihm dicht auf den Fersen.
Anja starrt kopfschüttelnd auf die Spritze. »Ich weiß nicht, wo der Junge die Spritze hergezaubert hat, von mir ist sie jedenfalls nicht. Sicherlich hat Blue …«
Erschrocken hält Anja inne, als Stefan plötzlich aufspringt, mir Mia in den Arm drückt und dann sagt: »Anja, es reicht! Es ist vorbei.«
Stefan schreit nicht, er fasst Anja nicht an, doch sie zuckt zusammen, als hätte er ihr einen Schlag versetzt. Seine Stimme ist laut und klar und bestimmt. So habe ich Stefan noch nie erlebt; immer war er derjenige, der vor Anja klein beigegeben hat.
Anja setzt erneut zu sprechen an: »Stefan, ich weiß wirklich nicht, was hier eigentlich …«, doch Stefan lässt sie gar nicht ausreden.
»Du bist krank, Anja. Krank!« Nun flüstert er beinahe. »Du musst in eine Klinik, du brauchst Hilfe.«
»Das meinst du doch nicht im Ernst?«, begehrt sie empört auf.
Stefan dreht sich von ihr weg, reibt mit seinen Händen über sein Gesicht und sagt dann: »Doch, Anja, doch. Es gibt keinen anderen Weg.«
Und dann geschieht alles ganz schnell: Anja steht auf, geht zur Anrichte und trinkt von der Schorle, sie verdreht die Augen, das Glas rutscht ihr aus der Hand, fällt auf den Boden, zerbricht, der Rest Holunderschorle verteilt sich überall im Zimmer.
Anja zittert am ganzen Körper, geht ein paar Schritte, wird sehr blass, zeigt mit dem Finger auf mich und stammelt hasserfüllt: »Du! Du!«, bevor sie bewusstlos auf dem Teppich neben dem Esstisch zusammenbricht.
Stefan steht auf. Er wirkt ganz ruhig. »Anja wird öfter mal ohnmächtig, wenn sie sich nicht durchsetzen kann. Aber wir sollten besser einen Krankenwagen rufen, schon wegen Bennie. Wer weiß, was Anja ihm heute Nachmittag …« Er verstummt und wirft einen Blick auf seine Frau, die leichenblass auf dem Boden liegt und sich nicht rührt. Schließlich nimmt er mir Mia ab, bückt sich nach Bennie und sagt, dass er die Kinder ins Bett bringen und oben mit dem Arzt telefonieren würde.
Ju starrt Stefan hinterher, als der nach oben geht. Er sieht aus, als würde er Stefan zum ersten Mal sehen.