12.
Als er des Mordes verdächtigt wurde, war ich kurz davor, alles zu gestehen, denn ich konnte doch keinen Unschuldigen im Gefängnis schmoren lassen. Aber zum Glück hat die Polizei relativ schnell gemerkt, dass seine Lügen anderer Natur waren.
Von Weitem funkeln die großen Fensterscheiben der Zeltners in der späten Nachmittagssonne wie blutige Diamanten. Anjas Auto steht nicht in der Garage, als ich dort parke.
Es ist sehr still, sogar die Vögel scheinen vor lauter Hitze verstummt zu sein. Als ich aus dem klimatisierten Auto steige, habe ich das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen.
Ich öffne die Haustür und trete in den Flur. Diese absolute Ruhe ist wie eine unsichtbare Barriere. Durchbrich sie nicht, flüstert es in meinem Kopf.
Unsinn!
Ich räuspere mich. Wahrscheinlich ist es so still, weil die Zwillinge schlafen. Ich schleiche hoch zum Kinderzimmer, öffne die Türen und schaue nach, aber die beiden liegen nicht in ihren Bettchen. Warum sind sie nicht da? Stefan wollte sich doch um sie kümmern. Es wird doch nicht schon wieder etwas passiert sein? Ich gehe die Treppe hinunter.
»Hallo?«, rufe ich jetzt, nachdem ich weiß, dass die Kinder nicht da sind, durchs Haus. Schließlich ist nur Anjas Auto weg, Stefan könnte irgendwo sein. Ich rufe noch einmal lauter, aber es passiert nichts. Vorsichtshalber gehe ich noch auf das Holzdeck und werfe einen Blick in den Garten, aber auch dort ist niemand zu sehen. Sieht so aus, als wäre ich wirklich alleine.
Meine Füße führen mich zum Sideboard, als wollten sie mein widerspenstiges Hirn davon überzeugen, dass jetzt die Gelegenheit günstig wäre, noch einmal ganz sicherzugehen, ob die Mappe mit den Artikeln nicht doch irgendwo in dem Schrank liegt.
Ich knie mich vor das Sideboard und beginne, es systematisch auszuräumen. Servietten, Besteckkästen …
»Was machst du denn da?«, flüstert eine Stimme hinter mir.
Ich fahre zusammen, als wäre ich beim Stehlen erwischt worden, und drehe mich langsam um, während mir das Herz bis zum Hals schlägt.
Zuerst nehme ich ihre nackten, zierlichen Füße wahr, registriere den blassen Perlmuttlack auf den Zehennägeln, dann, als mein Blick hochwandert, sehe ich das große Küchenmesser. Ihre Hand hält es so fest umklammert, dass ihre Nägel fast so hell wirken wie ihr dünnes weißes T-Shirt. Ihr müdes Gesicht starrt mich ausdruckslos an.
Als ich hastig aufstehe und zur Seite taumle, ringt Anja sich ein entschuldigendes Lächeln ab.
»Ich habe so verstohlene Geräusche gehört und gedacht, es wären diese Einbrecher, die hier die Gegend unsicher machen.« Sie legt das Messer auf das Sideboard vor die Fotos und wischt ihre Hand am T-Shirt ab, als wäre sie befleckt worden.
»Wie gut, dass ich mich getäuscht habe.« Ihr Blick mustert mich aber so scharf, als wäre ich doch ein Einbrecher. »Was machst du hier eigentlich? Du hast doch heute deinen freien Tag und unsere Schränke musst du nun wirklich nicht aufräumen. Oder suchst du etwas Bestimmtes?«
Klartext habe ich mir vorgenommen, also los, du Feigling. »Ja, ich … also … ich habe hier im Sideboard vor ein paar Tagen eine Mappe mit Zeitungsartikeln gesehen.«
Anjas müde Augen weiten sich vor Überraschung. »Was denn für Artikel? Was für eine Mappe?«
Toll, von wegen Klartext. Ich zögere.
»Jetzt sag schon, das interessiert mich auch.«
»Es ging um Stefan.« Los, Blue, bring es hinter dich, es hilft nichts, die Fragen werden nie aufhören, dich zu quälen. Also raus damit. »Und in einem Artikel stand als Schlagzeile Ist dieser Mann ein Mörder.«
»Ach so, das meinst du.« Anjas Schultern entspannen sich. »Ja, der Arme wurde mal der Fahrerflucht verdächtigt, was kompletter Blödsinn war. Aber die Zeitung hat es natürlich nicht für nötig gehalten, das wieder richtigzustellen.«
Sie sieht irgendwie amüsiert aus. »Gibt es noch etwas, das du wissen möchtest?«
Ich komme mir blöd vor und wage es nicht, nach dem toten Kind zu fragen.
»Du hast doch nicht etwa geglaubt, dass Stefan ein Mörder ist?« Ihre Stimme ist nun lauter geworden. »Er könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.«
Als ich immer noch kein Wort herausbringe, wird sie zusehends aufgebrachter. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich von einem Mörder Kinder haben wollen würde?« Sie verdreht die Augen und schüttelt sich, als wäre ihr kalt. Dann dreht sie sich einfach um und geht. »Als ob ich nicht schon genug durchgemacht hätte«, murmelt sie vor sich hin, als sie die Treppen nach oben steigt – schwerfällig wie eine alte Frau und gleichzeitig sieht sie in dem dünnen weißen T-Shirt so zart und verletzlich wie ein blutjunges Mädchen aus.
Und ich fühle mich unmöglich. Tagelang habe ich mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt, mich vor Stefan gefürchtet – und jetzt gibt es so eine harmlose Erklärung für diesen Artikel!
Hastig räume ich die Sachen zurück in den Schrank und gehe in den Keller, steige über meine immer noch nicht ausgepackten Koffer, checke meinen Laptop – nichts, keine Internetverbindung. Wie lange braucht so ein verdammter Router eigentlich, bis er im Odenwald ankommt?
Genervt fange ich an aufzuräumen, um wenigstens irgendwas Konstruktives zu tun. Ich zerre Jeans und Röcke aus den Koffern und hänge sie auf Bügel. Sortiere T-Shirts, BHs und Unterhosen in den Schrank. Als ich den letzten Pack Höschen aus dem Koffer nehme, sehe ich etwas, das vorher ganz sicher noch nicht da war. Auf dem Boden meines Koffers liegt eine der Mappen, die ich im Sideboard entdeckt habe.
Einfach so.
Schwarz, mit ausgebleichten Satinbändern, liegt sie da wie auf dem Präsentierteller. Ich muss schlucken. Starre darauf, als wäre es die Büchse der Pandora, und ich zögere, sie anzufassen, als würden dann alle Übel der Welt daraus hervorquellen. Wie ist die bloß hierhergekommen? Wer hat sie in meinen Koffer getan?
Ich renne zur Zimmertür, schließe sie ab und verrammle die Tür zum Garten. Dann packe ich die Mappe und schließe mich im Badezimmer ein, wo mich niemand beobachten kann.
Zuerst klatsche ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, um ganz klar zu werden. Dann setze ich mich auf den zugeklappten Klodeckel und lege die Mappe auf meine Knie.
Ich schlage sie auf und hole tief Luft, ehe ich zu lesen beginne. Fahrerflucht, hat Anja gesagt, es ging um Fahrerflucht …
Ganz oben liegt der Artikel, der mich während der letzten Tage so verfolgt hat. Wieder springt mir als Erstes die rot unterstrichene Schlagzeile ins Auge: Ist dieser Mann ein Mörder? Mein Blick bleibt für einen kurzen Moment an Stefans Foto kleben, dann überfliege ich die Absätze und kann kaum glauben, was ich da lese. Es ist einfach nur grauenhaft!
In dem Artikel wird berichtet, dass Anjas und Stefans Sohn entführt wurde! Aber, so behauptet der Artikel weiter, für diese These der Eltern gäbe es nicht die geringsten Hinweise. Es läge weder ein Bekennerschreiben noch eine Lösegeldforderung vor. Die Polizei stehe vor einem Rätsel, denn das Ganze soll sich mittags mitten in Schwabing abgespielt haben.
Mir wird übel. Als ich am Ende des Artikels angelangt bin, sehe ich, dass er auf einer anderen Seite der Zeitung fortgesetzt wird. Mit pochendem Herzen blättere ich zur nächsten Seite vor, die in der Mappe liegt, und sehe das verblasste Bild eines hübschen Babys. Ich muss meine Augen zwingen, zu dem Artikel zurückzukehren.
Gierig sauge ich jedes Wort auf, versuche jede Information zu speichern, die ich gerade lese. Als ich am Ende des Artikels angelangt bin, halte ich einen Moment inne. Das kleine Baby, das auf dem Foto oben in der Wohnung zu sehen war, hieß also Jan. Und irgendjemand hat es entführt …
Ich verstehe zwar, was ich da lese, aber irgendwie dringt es nicht richtig zu mir vor. Also beginne ich noch mal von vorne. Diesmal möchte ich sichergehen, dass ich auch wirklich alles richtig verstanden habe.
Ja, in dem Artikel geht es tatsächlich um Stefan und Anja, aber sie hießen damals Weigand. Zeltner ist Anjas Mädchenname. Wahrscheinlich haben sie den angenommen, nachdem ihnen diese furchtbare Geschichte passiert war. Diese Zeit muss der reinste Horror gewesen sein – aber warum hat Anja mich vorhin angelogen? Von wegen Fahrerflucht!
Doch obwohl ich nun weiß, was damals wirklich passiert ist, wirft dieser Artikel mehr Fragen auf als er beantwortet.
Was ist damals nur passiert?
Mit zitternden Fingern lege ich die beiden Seiten auf den kalten Fliesenboden und lese den nächsten Artikel. Der ist älter als der aus der BILD, also schon einige Zeit vorher erschienen. In ihm wird die Entführung des neun Monate alten Babys geschildert. Anja war in Schwabing einkaufen gewesen und hatte den Kinderwagen mit Jan draußen vor einem Geschäft stehen lassen. Sie hätte den Wagen nicht mit hineinnehmen dürfen, und weil es an diesem Wintertag so extrem kalt gewesen wäre, habe sie ihr Baby nicht herausnehmen und der eisigen Luft aussetzen wollen. Jan sei erkältet gewesen und sie wäre nur kurz in dem Laden gewesen, um etwas abzuholen.
Ich fühle mich wie betäubt und kann einfach nicht glauben, dass Menschen, die ich kenne, so etwas Schreckliches zugestoßen sein soll. Mechanisch blättere ich weiter durch die Mappe. Es folgen noch einige jüngere Artikel, die etwa ein halbes Jahr später als die anderen beiden erschienen sind. In keinem ist mehr die Rede davon, dass die Eltern mit der Entführung des Kindes etwas zu tun haben könnten. In einem Artikel ist ein Interview mit dem leitenden Ermittler abgedruckt, der ganz klar sagt, dass die Chance, ein entführtes Kind lebend wiederzufinden, mit jeder Stunde, die verstreiche, sinke und man daher davon ausgehen müsse, dass der kleine Jan tot sei. Er appellierte an die Entführer, einen Hinweis zu geben, wo man nach der Leiche suchen könne, um dem Leiden der Eltern ein Ende zu bereiten.
Ich lese noch einen weiteren Artikel, der einfach nur widerlich ist, weil er vor Pseudomitgefühl nur so trieft. Und doch enthält er eine Information, die zum ersten Mal auftaucht. Der Journalist schreibt, dass Stefan und Anja schon einmal ein Baby verloren haben, weil es am plötzlichen Kindstod gestorben ist. Zwei tote Kinder …
Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Mein Gott, was muss Anja durchgemacht haben. Kein Wunder, dass sie wegen der Zwillinge so extrem überbesorgt ist! Es war sicher grauenhaft für sie. Ich versuche, mir vorzustellen, wie es ist, als Mutter sein Kind zu verlieren. Da wächst so ein Winzling neun Monate in einem heran, und wenn das Baby dann da ist, lacht es einen an, strampelt mit seinen Speckbeinchen und betrachtet einen mit diesen Kulleraugen – und plötzlich ist es weg.
Langsam kann ich verstehen, warum Anja mir nicht die Wahrheit gesagt hat. Irgendwann muss man wahrscheinlich mit der Vergangenheit abschließen, muss alles vergessen, verdrängen, weit von sich schieben, um weiterleben zu können.
Mir wird übel und ich habe das Gefühl, aus diesem engen Bad rauszumüssen. Ich gehe in mein Zimmer und setze mich auf mein Bett. Die Mappe halte ich dabei immer noch in meinen Händen.
Was sind das bloß für Menschen, die Kinder entführen?
Einerseits bin ich unendlich erleichtert, dass ich jetzt Bescheid weiß, andererseits macht es mich wahnsinnig traurig. Außerdem habe ich immer noch ein mulmiges Gefühl, denn ich frage mich, wer mir diese Mappe in den Koffer gelegt hat.
Es gibt nur eine Antwort.
Stefan.
Und obwohl es niemand anderes gewesen sein kann, verstehe ich nicht, warum er das gemacht hat. Er hätte es mir ja auch erzählen können! Oder war es das, was er mir im Auto eigentlich hatte sagen wollen, es dann aber doch nicht übers Herz gebracht hat?
Ich sehe mir noch einmal das Bild von dem Kind an. Je länger ich meinen Blick darauf konzentriere, desto stärker löst sich das Foto in kleine Punkte auf, die vor meinen Augen hin und her tanzen. Ist es wirklich das gleiche Kind wie das in dem Rahmen mit der Trauerschleife? Es ist schon ganz schön vergilbt und viel zu grobkörnig, um das mit Bestimmtheit sagen zu können.
Ich starre auf die Artikel und frage mich, was ich jetzt machen soll. Wollte Stefan einfach nur, dass ich Bescheid weiß, oder erwartet er von mir irgendeine Reaktion? Am liebsten würde ich mit Grannie oder Vicky darüber reden. Jetzt sofort. Also checke ich noch mal die Internetverbindung, aber sie ist und bleibt tot.
Ich könnte mit der Mappe auch nach oben gehen und Anja sagen, dass ich nun alles weiß und die Zwillinge hüten werde wie meinen Augapfel. Das wird das Beste sein und dann ist auch endlich Schluss mit all der Geheimniskrämerei, denke ich mir, doch im nächsten Moment frage ich mich, ob das wirklich so eine gute Idee ist. Anja sah vorhin so schwach aus; die letzten Tage waren einfach zu viel für sie. Außerdem muss sie vielleicht damit leben, dass Benni und Mia diese Stoffwechselkrankheit haben.
Ich schließe die Mappe und lege sie auf meinen Schreibtisch. Dabei fällt mein Blick durchs Fenster in den Garten, wo Stefan trotz Anjas Protest ein blaues Planschbecken aufgepumpt hat. Ich öffne die Tür, um warme Luft hereinzulassen, und bleibe einen Moment draußen stehen.
Die warmen Sonnenstrahlen tun gut. Ich schließe die Augen und atme tief die würzige Sommerluft ein. All die merkwürdigen Dinge, die ich während der letzten Tage gespürt habe, hängen bestimmt mit der Vergangenheit zusammen. Ich glaube zwar nicht, dass die Geister der toten Kinder durchs Haus schweben, so wie man es manchmal in schlechten Filmen sieht. Aber ich bin mir sicher, dass Stefan und Anja sie in Gedanken immer mit sich tragen und dass ich eben das gespürt habe. Und wenn ich auch nicht weiß, wie so etwas möglich sein soll, glaube ich doch, dass sich damit auch die schrecklichen Tarotkarten erklären lassen, die Grannie gezogen hat.
Ich gehe zurück in mein Zimmer, ziehe die Tür ein Stück zu und setze mich an den Schreibtisch. Ich fühle mich, als wäre eine schwere Last von mir abgefallen. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was mit Georg passiert ist und was Grannie damit zu tun hat.
Ein Schatten verdunkelt meine Fensterfront. Erschrocken sehe ich hoch und springe von meinem Stuhl auf.