11.
Es gab da jemanden, den ich vollkommen ausgeblendet hatte, und das ist das schlimmste Unrecht, das ich begangen habe – neben dem, was ich dir angetan habe.
Es kommt mir nicht so vor, als ob ich erst fünf Tage hier bin, sondern schon eine Ewigkeit. Es ist jeden Tag wärmer geworden, aber es ist eine komische Hitze, nicht so trocken wie in Vegas, sondern die Luft ist klebrig, schwül.
Heute ist Sonntag, rein theoretisch mein freier Tag. Erst gestern ist Anja mit Bennie aus dem Krankenhaus zurückgekommen. Sie war zu müde, um mir zu erzählen, warum sie so lange dort bleiben mussten. Ich bin gespannt, was die Ärzte herausgefunden haben.
Während Anja weg war, bin ich mit Mia allein gewesen. Wirklich allein, denn Stefan war entweder bei der Arbeit oder im Krankenhaus – das hat er mir jedenfalls erzählt. Aber als Anja einmal angerufen hat, hat sie nach ihm gefragt und ich war vollkommen perplex, weil ich dachte, er wäre bei ihr.
Trotzdem war es ganz okay für mich, zwei Tage mit der Kleinen allein zu sein. Niemand hat mich herumkommandiert und Mia und ich konnten uns richtig gut kennenlernen. Jetzt weiß ich, dass sie es gern hat, wenn man sie am Bauch kitzelt, dass sie Birnenkompott am liebsten kiloweise verdrücken würde, und sie kann es kaum erwarten, endlich laufen zu können. Sie übt jeden Tag verbissen. Ich finde es unglaublich, wie oft hintereinander sie hinfällt und bester Laune wieder aufsteht.
Obwohl es mit Mia so gut geklappt hat, hatte ich während der zwei Tage ständig ein komisches Gefühl; es war, als hätte ich ein permanentes Piepsen im Ohr – nur dass ich nicht genau wusste, was mir dieses lästige Gefühl sagen wollte. Mehrmals am Tag hat es mich zum Laptop getrieben, weil ich endlich mehr über die Zeitungsartikel herausfinden wollte. Aber das Internet hat die ganze Zeit über nicht funktioniert. Schließlich habe ich es nicht mehr ausgehalten und Grannie angerufen.
Doch als ich dann ihre warme, vom jahrelangen Rauchen heiser gewordene Stimme gehört habe, konnte ich es nicht übers Herz bringen, ihr von dem Zeitungsartikel zu erzählen, weil sie sich schreckliche Sorgen um mich gemacht hätte.
Trotzdem hat Grannie genau gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt, und hat nicht locker gelassen hat, bis ich ihr dann erzählt habe, dass es mir ständig so vorkommt, als wäre noch jemand im Haus. Jemand, dessen Anwesenheit ich spüren, den ich aber nicht sehen kann. Sie hat mich nicht ausgelacht, sondern gefragt, ob schon mal wer in dem Haus gestorben ist – was mich nicht gerade beruhigt hat. Um das zu überspielen, habe ich einen Witz gemacht.
»Glaubst du jetzt an Geister?«, habe ich sie gefragt.
Doch statt herzhaft zu lachen, hat sie davon geredet, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gäbe, als wir uns vorstellen könnten.
Und deshalb habe ich ihr dann noch von dem verschwundenen Kinderfoto mit dem Trauerrahmen erzählt.
Grannie hat versucht, mich zu beruhigen; wahrscheinlich hätten Anja oder Stefan es einfach beiseitegestellt. Aber schließlich hat sie mich gefragt, ob ich nicht doch zurück nach Hause kommen wolle.
»Nein«, hab ich darauf gesagt, »so schlimm ist es auch wieder nicht. Und außerdem komme ich erst, wenn ich Georgs Geheimnis gelüftet habe.«
Da hat sie gestöhnt und gemeint, das sei überhaupt die blödeste Idee von allen gewesen. Die Vergangenheit wäre nun mal vorbei; sich deshalb ein Jahr in diesem Kaff zu begraben, das würde ich ganz sicher noch bereuen.
»Du glaubst, ich werde es bereuen, weil es hier spukt?«, habe ich sie gefragt und hatte erwartet, dass sie nun endlich lachen würde. Aber sie blieb ernst. »Natürlich nicht! Aber Blue, versprich mir, dass du mein Armband immer anbehältst. Ich weiß, dass es dich beschützen wird.«
Ich trage das Armband wirklich dauernd, nicht nur, weil ich es liebe, sondern auch, weil den Kindern das Klimpern gefällt und ich sie damit beim Wickeln oder Füttern gut ablenken kann. Mia mag am liebsten den Engelanhänger, der aus einer Perle gefertigt ist, während Bennie von dem Seepferdchen mit den Rubinaugen fasziniert ist.
»Es tut mir leid, Blue«, sagte Grannie dann schließlich noch, »ich wollte es dir zuerst nicht sagen, weil ich dich nicht beunruhigen wollte. Aber nach allem, was du erzählt hast, denke ich, es ist besser, wenn du auf der Hut bist. Ich … nun, ich habe Tarotkarten gezogen für den Ort, an dem du bist.«
Ich konnte hören, wie Grannie am Telefon tief ein- und ausatmete. »Den Teufel, den Tod und die drei Schwerter.«
Ich konnte nicht verhindern, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken lief. Teufel und Tod allein waren schon schlimm genug, aber die drei Schwerter sind auch nicht besser. Auf dieser Karte durchbohren drei Schwerter ein Herz.
»Machst du Witze, Grannie?«, habe ich sie gefragt.
»Nein, deshalb will ich ja, dass du gut auf dich und vor allem auf die Kinder aufpasst. Lass sie nicht aus den Augen. Versprich mir das.« Sie räusperte sich und meinte: »Natürlich kann das auch nur ein Zufall sein, vielleicht hat es nichts zu bedeuten …« Leider klang sie nicht sehr überzeugend. »Such dir Freunde, Blue. Es ist nicht gut, dass du so viel allein bist.«
Und genau das habe ich heute vor – mir Freunde zu suchen. Nachdem Ju nicht wieder aufgetaucht ist, werde ich mit Felix anfangen – obwohl ich nicht weiß, ob das so eine gute Idee ist. Ich war zwar jeden Tag in der Bäckerei, um einzukaufen, und es war auch nett mit Felix, weil er mit mir flirtet. Natürlich immer erst, nachdem seine Großmutter demonstrativ den Laden verlassen hat! Aber dabei habe ich immer an Ju denken müssen. Er geistert ständig durch meinen Kopf, obwohl ich immer noch stinksauer auf ihn bin. Und sogar in den Momenten, in denen ich in Felix’ grüne Augen lache, muss ich an Jus verschmitztes Grinsen denken.
Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob ich Felix wirklich sehen will. Gestern kam er mit raus aus dem Laden und hat mich dann, nachdem ich das Brot im Netz des Kinderwagens verstaut hatte, mitten auf den Mund geküsst. Einfach so! Ohne Vorwarnung und mit ziemlichem Druck. Gerade als ich mich beschweren wollte, hat er mir verraten, dass Georg Hikisch sein Großonkel war und dass er sich gern mit mir länger darüber unterhalten würde, aber nur, wenn seine Oma außer Reichweite sei.
Ich war total perplex – erst der Kuss, der fast wie ein Angriff war, und dann sein Angebot. Ich habe den ganzen Rückweg überlegt, ob ich etwas falsch gemacht und ihn, ohne es zu merken, dazu ermutigt habe, mich zu küssen. Oder ob es hier irgendwelche Regeln gibt, nach denen ich ihm das erlaubt habe …
Mir entfährt ein lauter Seufzer. Es ist einfach das Allerletzte, dass das Internet immer noch nicht funktioniert. Ich muss unbedingt hören, was Vicky zu alldem sagt, und ich muss meinen freien Tag nutzen, um endlich herauszufinden, ob Stefan wirklich ein Mörder ist. In diesem Moment beschließe ich, dass ich heute doch Felix treffen werde. Erstens hat er Internet und zweitens kann er mir mit Georg weiterhelfen.
Mein erster freier Tag wird auch der erste Tag für mich sein, an dem alle Zeltners zu Hause sind.
Als ich nach oben komme, sitzt die Familie draußen auf dem Holzdeck und frühstückt. Die Zwillinge in Hochstühlchen, Stefan neben Anja. Für mich ist kein Teller gedeckt.
»Oh, Blue, schön, dass du kommst«, sagt Anja leise, als hätte sie keine Kraft zum Sprechen. »Wir dachten, dass du an deinem freien Tag vielleicht lieber ausschlafen willst.« Dann dreht sie den Kopf ihrem Mann zu. Sie sagt nur: »Stefan!«, und zeigt auf den Tisch und dann nach drinnen, woraufhin er sich sofort erhebt und ein Gedeck für mich holt.
Anja sieht erschöpft aus. Ihr Haar ist fettig und strähnig, ihre Wangen wirken eingefallen und ihre zarte Hand, die gerade die Kaffeetasse zum Mund führt, zittert so stark, dass der Kaffee überschwappt.
Ich setze mich zu ihnen, Stefan gießt mir Kaffee ein und reicht mir den Brotkorb. Ich nehme ein Brötchen und betrachte dann Bennie, der blass aussieht und stumm dasitzt. Nur seine braunen Augen schauen sich neugierig um.
»Wie geht es ihm?«, frage ich, während ich mir eine Brötchenhälfte mit Käse belege.
Anja seufzt. »Ich habe einen Termin in der Uniklinik in Frankfurt. Die Ärzte haben den Verdacht, dass Bennie eine seltene Stoffwechselkrankheit hat. Wenn sich das bewahrheitet, dann muss ich auch Mia hinbringen, denn diese Krankheit ist genetisch bedingt.«
»Oh, das sind aber keine guten Neuigkeiten, das tut mir leid. Und wie geht es dir?«
Sie ringt sich ein Lächeln ab. »Es geht schon.«
Stefan nimmt ihre Hand und führt sie zum Mund, wo er einen Kuss daraufhaucht. »Mein armer Liebling. Wir stehen das gemeinsam durch. Aber heute ruhst du dich erst einmal schön aus, ja?«
Anja betrachtet ihren Mann mit einem schiefen Lächeln. »Wenn du öfter in die Klinik gekommen wärst, dann wäre es auch einfacher für mich gewesen.«
»Diese Untersuchungen werden nicht alle von der Kasse bezahlt, das weißt du. Da muss ich eben mehr arbeiten.«
Anja verdreht die Augen und schaut demonstrativ zu den Zwillingen. »Hab ich nicht schon genug gelitten mit unseren Kindern? Kann ich denn niemals auf deine Unterstützung zählen?«
Stefan tätschelt ihre Hand. »Doch, mein Liebes, doch, ich werde mich bessern.« Er zwinkert mir beim Reden zu, als wären wir Komplizen.
Wie kann er nur so etwas machen? Seine Frau leidet und er zwinkert mir zu, als wäre das alles bloß ein Witz. Plötzlich habe ich keinen Hunger mehr, sondern will nur noch hier raus.
»Wäre es okay, wenn ich mir heute die Gegend anschaue?«, frage ich.
»Es ist dein freier Tag«, sagt Anja, doch es klingt sehr gequält, »das steht dir zu. Ich werde das schon irgendwie schaffen.«
»Anja, entspann dich! Ich bin heute zu Hause, du kannst dich erst mal schlafen legen. Ich werde nachher das Planschbecken aufblasen und mit den Kindern ein wenig herumplanschen.«
»Bist du wahnsinnig? Die Zwillinge haben vielleicht eine ernste Krankheit und dir fällt nichts Besseres ein, als sie der Sonne und dem kalten Wasser auszusetzen …« Anjas Stimme kippt und sie fängt leise an zu schluchzen. »Das nennst du also dich kümmern?« Aus ihrem Augenwinkel rollt eine Träne über ihre eingefallenen Wangen.
Stefan nimmt seine Serviette und tupft Anjas Träne damit ab. Sie dreht sich weg, aber er ignoriert das, als wäre sie nur ein störrisches Kind.
»Blue«, sagt er unbekümmert, »das soll aber jetzt deine Sorge nicht sein. Wenn du willst, kannst du mein Mountainbike benutzen, es steht in der Garage. Du kannst aber auch mein Auto nehmen, das werde ich heute nicht brauchen.«
»Dann nehme ich das Bike, es ist so schönes Wetter.« Ich stehe auf und kann es kaum erwarten, diesem Haus endlich mal für ein paar Stunden zu entfliehen. Ich hole aus meinem Zimmer den Brief von Georg, für den Fall, dass mir Felix wirklich weiterhelfen kann, und schnappe mir mein Käppi und die Sonnenbrille. Dann stecke ich meinen Geldbeutel in den Rucksack, nehme in der Küche noch eine Flasche Wasser mit und stürme schließlich in die Garage, um mir das Rad zu holen.
Verdammt! Es hat einen Platten.
Widerwillig gehe ich zurück zur Terrasse, wo die Zeltners noch immer frühstücken, und sage Stefan, dass sein Rad einen platten Reifen hat.
»Oh – ja, dann nimm doch einfach das Auto, es ist vollgetankt. Ich kümmere mich später um das Bike. Die Schlüssel hängen am Schlüsselbord.«
Ich habe zwar keine Lust, bei dem Wetter mit dem Auto unterwegs zu sein, aber so kann ich wenigstens weit wegfahren und einfach mal ein paar Stunden abschalten. Ich wünsche den beiden einen schönen Sonntag und beeile mich dann, wieder in die Garage zu gelangen.
Auf dem Weg dorthin kommt mir eine Idee. Ich könnte Felix ja anbieten, eine Spritztour durch den Odenwald zu machen – als Gegenleistung dafür, dass ich sein Internet benutzen darf. So könnte ich vermeiden, dass wir allzu lange in seinem Zimmer herumsitzen – oder würde ihn die Autofahrt erst recht dazu ermutigen, wieder so einen merkwürdigen Kussangriff zu starten?
Das Auto, ein silberfarbener Audi Kombi, hat zum Glück eine Automatikschaltung, wie ich sie gewöhnt bin, und liegt sicher auf der Straße wie ein Panzer. Es macht richtig Spaß, die Kurven voll auszufahren.
Die Bäckerei hat heute zu, deshalb klingle ich an der Haustür von Felix’ Oma und hoffe inständig, dass sie nicht zu Hause ist. Es passiert gar nichts. Ich traue mich nicht, noch einmal zu klingeln, und gehe wieder zum Auto.
»Blue!« Felix kommt mit hochrotem Kopf aus dem Haus gerannt, gerade als ich einsteigen will. »Hey, Blue, ich war eben noch unter der Dusche. Ist ja nett, dass du kommst. Ich dachte schon, du wärst wegen dem Kuss sauer auf mich. Tut mir leid, echt.«
Aus seinen langen Haaren tropft es auf seine Schultern, was ihn aussehen lässt like a drowned rat. Ich muss lachen.
»Ist schon okay. Ich wollte dich fragen, ob du mir einen Gefallen tun würdest.«
»Kommt darauf an, welchen.«
»Könnte ich wohl mal dein Internet benutzen?«
»Klar. Komm rein.«
Ich gehe mit ihm ins Haus. Der Flur ist dunkel und die Treppe, die wir zu seinem Zimmer hochsteigen, verwinkelt; die Decken sind niedrig und von dicken Holzbalken durchzogen.
Er rennt vor mir her, als wäre ihm ein Killer auf den Fersen und ich schätze, er will noch schnell irgendwelche peinlichen Sachen, die in seinem Zimmer herumliegen, verschwinden lassen.
Und tatsächlich – als ich in sein Zimmer komme, wirft er gerade irgendwas hinter sein Bett, das unter einem winzigen Fenster steht. Sonst gibt es nur noch einen kleinen Tisch, einen Stuhl und einen schmalen Metallschrank, der aussieht wie die locker bei uns in der Schule. An der dem Bett gegenüberliegenden Wand ist ein Regal voller CDs, aber es gibt keine Bilder irgendwelcher Bands, an den beigefarbenen Wänden hängt nur ein Kruzifix – direkt über dem Bett. Das ganze Zimmer ist – von den CDs mal abgesehen – so sexy wie eine Gefängniszelle. Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt: überall verstreute Klamotten, Fernseher, MP3-Player, Bücher, Poster oder Filmplakate – irgendwas, das einem verrät, was für ein Mensch hier wohnt. Doch da entdecke ich in einer Ecke Schallplatten, die an der Wand entlang aufgereiht stehen, und ganz hinten sind auch mehrere alte Plattenspieler, Verstärker, CD-Player und große altmodische Boxen. Ein Musikfreak also.
»Willst du ’nen Kaffee?«, fragt er und ich nicke; mein Frühstück ist heute echt zu kurz gekommen. »Dort drüben ist mein Laptop. Ist schon an, du kannst gleich rein.«
Ich setze mich an den winzigen Tisch und sehe die Google-Suchmaske.
»Alles klar oder brauchst du meine Hilfe?«
»Nein, das schaff ich schon.« Ich finde es ziemlich cool von ihm, dass er nicht mal fragt, was ich im Internet will.
Er verlässt das Zimmer und ich überlege kurz, ob ich den Verlauf anklicken soll, nur um zu sehen, was er sich so anschaut. Ich weiß, man macht das nicht, auf gar keinen Fall … oh, der gesamte Verlauf ist gelöscht.
Okay. Geschieht mir recht.
Ich gebe den Namen der Zeitung ein, die ich im Sideboard gefunden habe. BILD. Und ich habe Glück, dort gibt es ein frei benutzbares Archiv. Als ich Stefan Zeltner eintippe, kommen jede Menge News von Fußballern, die Stefan heißen. Ich probiere es mit Mörder, aber da erscheinen endlos viele Einträge, die kann ich niemals alle durchsehen, jedenfalls nicht an einem fremden Laptop.
Ich probiere es über Google und gebe seinen Namen ein. Doch alles, was ich finde, ist seine Firma. Zeltner Ceramics. Sonst nichts.
Gerade als ich die Kombination Stefan Zeltner + Mörder eingeben will, kommt Felix mit einem Becher Kaffee und stellt ihn neben mich. Weil ich nicht will, dass Felix unangenehme Fragen stellt, schließe ich hastig den Browser, was Felix zum Glück nicht zu bemerken scheint. Er wirft mir einen flehenden Blick aus seinen grünen Augen zu. »Hör mal, wenn meine Oma kommt, dann musst du gehen, okay?«
»Was hat deine Oma eigentlich gegen mich?« Ich trinke einen Schluck, der Kaffee ist heiß und bitter und vor allem leider ohne Zucker. »Sie kennt mich doch gar nicht!«
»Keine Ahnung«, murmelt er und dann holt er tief Luft. »Ich muss dir was sagen, Blue. Ich bin hier, weil ich in Frankfurt, wo meine Eltern wohnen, ziemlichen Scheiß gebaut habe. Und ich bin Oma unendlich dankbar, dass sie mich aufgenommen hat. Hier ist es allemal besser als in der Jugendwohngruppe, in die sie mich vorher abgeschoben hatten. Das hier ist meine letzte Chance, deshalb will ich Oma nicht verärgern. Okay?« Er seufzt und kommt näher. »Schade, dass sie dich nicht mag – ich mag dich nämlich.«
Ich versuche abzulenken und sage: »Ich würde sie trotzdem gerne fragen, was sie gegen mich hat.«
»Das sollten wir besser nicht tun.« Er stellt sich so dicht neben mich, dass mir der Duft seines Duschgels in die Nase steigt. »Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?«
»Leider nicht. Vielleicht versuche ich es nächste Woche mal in einer Bibliothek«, antworte ich so vage wie möglich.
»Hast du heute frei?« Seine Hand legt sich auf meine Schulter, wie zufällig.
»Ja.«
Felix’ Hand fühlt sich bleischwer an. Ich versuche, mich elegant wegzudrehen, sodass es auch wie zufällig wirkt. Aber es gelingt mir nicht und langsam werde ich nicht nur unruhig, sondern auch wütend. Ich will aufstehen, aber ich schaffe es nicht, seine Hand drückt mich auf den Stuhl. Zorn steigt in mir auf. Ich hätte nicht herkommen sollen. Felix war von Anfang an so besitzergreifend.
»Und was willst du über Georg wissen?«, fragt er und beugt sich dabei so weit zu mir runter, dass ich seine nassen Haare auf meiner Haut spüren kann.
Jetzt reicht’s!
»Nimm deine Hand von meiner Schulter.«
Er zieht sie weg, als hätte er sich verbrannt. »Sorry.«
»Warum machst du so was?«, frage ich und stehe vom Stuhl auf.
»Was?«
»Mich küssen, mich einfach so anfassen … Das stört mich!«, sage ich ärgerlich und gehe ein paar Schritte durch sein Zimmer.
Felix zuckt mit den Schultern. »Tut mir leid, echt, ich bin manchmal ein bisschen sprunghaft. Bitte sag mir, wenn ich dir auf die Nerven gehe. Ich werde auch versuchen, mich zu bessern.« Er grinst mich an und zuckt die Schultern. »Aber du bist eben einfach verdammt sexy.«
»Machen wir einen Deal, okay?«, sage ich und versuche, nicht rot zu werden, auch wenn mir Felix’ Worte die Hitze ins Gesicht steigen lassen. »Wenn ich dich küssen will, dann sage ich es dir, und so lange lässt du mich in Ruhe, ja?«
»Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.« Felix legt in einer dramatischen Geste seine linke Hand auf sein Herz, die rechte streckt er in die Luft.
Ich bin mir nicht sicher, ob er mich überhaupt ernst nimmt, aber ich bin so neugierig wegen Georg, dass ich ihm trauen möchte und mein Unbehagen beiseiteschiebe.
»Du bist echt ein Spinner!«, sage ich und sehe, dass Felix lächelt, als hätte ich ihm ein Kompliment gemacht. »Also, was kannst du mir über Georg Hikisch sagen?«
»Er war mein Großonkel, der Bruder von meiner Oma, die die Mutter meines Vaters ist, alles klar?« Er grinst mich an.
Ich versuche die Infos, die Felix mir gerade gegeben hat, zu verarbeiten. »Okay, let’s see what we’ve got: Deine Oma war also die Schwester von Georg und du bist der Sohn von ihrem Sohn, aber dann …« Ich halte inne, weil mir in diesem Moment etwas Unglaubliches klar wird: Wenn es tatsächlich so ist, wie Felix es sagt, dann ist er mein Großcousin!
Wow, that’s fantastic! In Amerika habe ich ja weder Geschwister noch Cousins. Oh Mann, das ich echt Wahnsinn! Ich muss mich hinsetzen. Lasse mich einfach auf den Boden fallen und lehne mich gegen sein Bett.
»Was ist denn?« Felix setzt sich neben mich.
Ich weiß nicht, warum, aber ich will ihm noch nicht sagen, dass Georg mein Großvater ist. Erst muss ich noch mehr über ihn herausfinden.
»Wenn Georg dein Großonkel ist, dann weißt du doch bestimmt, was mit ihm passiert ist.«
»Nein, leider nicht«, kommt es zu meiner Enttäuschung sofort wie aus der Pistole geschossen. »In der Familie hieß es immer, er wäre mit dem Familienvermögen nach Amerika abgehauen und seitdem hätte man nie wieder von ihm gehört. Das Einzige, was von ihm geblieben ist, ist seine geniale Plattensammlung, die ich von meinem Vater geerbt habe.« Er wirft einen sehnsüchtigen Blick in die Zimmerecke, in der die Plattenhüllen aneinandergestapelt sind. »Es sind so viele, dass ich noch nicht mal die Hälfte davon angehört habe. Außerdem habe ich erst seit Kurzem die Plattenspieler. Für mich als besten DJ jenseits des Orients war das natürlich super, die ganzen Platten zu erben, aber noch lieber hätte ich den Schatz der Familie bekommen, den Georg mitgenommen haben soll. Ich hätte jede Menge Ideen, was ich damit tun könnte!«
Ich muss lachen, weil das Wort Schatz nach einer Truhe voller Goldstücke klingt. »Also, von einem Schatz hat Grannie nie etwas gesagt. Was hat dein Vater denn noch so alles über seinen Onkel erzählt?«
»Mein Vater ist tot. Unfall auf der Autobahn vor zehn Jahren.« Felix’ Gesicht hat sich zu einer Grimasse verzogen und ich merke, dass er nicht darüber reden will, denn er fragt gleich als Nächstes, was ich denn so über Georg wisse.
»Auch nicht viel mehr, nur, dass Oma ihn sehr geliebt hat und er niemals nach Amerika gekommen ist. Aber ich weiß, dass er dorthin kommen wollte.«
»Woher?«
»Aus einem Brief.« Ich zögere einen Moment, den Brief aus meiner Hosentasche zu holen, aber dann denke ich, dass Felix schließlich mein Großcousin ist – vielleicht können wir ja das Rätsel zusammen lösen. Ich ziehe das Blatt also vorsichtig aus der Tasche und zeige es Felix.
Neugierig beugt sich Felix über den Brief und beginnt dann, laut zu lesen:
Suzanne,
es scheint mir das einzig Mögliche. Wir müssen fort, sonst werden
wir wie alle hier in diesem Ort. Verbohrt und kaltblütig. Ich werde
es erst tun, wenn du schon unterwegs bist, um sicherzugehen, dass
dir nichts passieren kann, dich nichts mehr an einem neuen Leben
hindern wird. In Frisco werden wir frei sein, frei … und alles
hinter uns lassen.
Dann dreht Felix den Brief um und liest das Gedicht. Er murmelt die Zeilen leise vor sich hin und ich schließe die Augen und lausche seiner Stimme. Plötzlich hört er auf, noch bevor der Text zu Ende ist, ich öffne verwirrt die Augen und sehe ihn fragend an.
Felix wedelt mit dem Brief vor meinem Gesicht herum. »Das kommt mir bekannt vor. Ziemlich bekannt sogar.«
»Das kann nicht sein, das hat Georg damals für Oma geschrieben«, widerspreche ich ihm. »Und ich finde es so schön, dass ich es inzwischen auswendig kann.«
Felix schüttelt den Kopf. »All that way to China … ich hab das ganz bestimmt schon mal wo gehört. Gedichte lese ich nicht, also muss ich es von woandersher kennen. Aber woher … hmmm, ja … das ist ein Song!«
»Blödsinn, das hätte Oma doch gemerkt!«, erwidere ich, und obwohl Felix mich skeptisch ansieht, möchte ich trotzdem weiterhin daran glauben, dass Opa das Gedicht nur für Oma geschrieben hat.
»Hast du mit ihr darüber geredet?«
»Nein, ich habe ihr nie gesagt, dass ich den Brief gefunden habe, weil sie jedes Mal so sauer wurde, wenn ich von Georg gesprochen habe oder etwas über ihn wissen wollte.«
»Blue, ich bin ganz sicher, ich habe das neulich erst gehört, und ich denke, es war an dem Abend, als ich im Sunset zum ersten Mal auflegen durfte.« Felix steht auf und geht zu dem CD-Regal. »Ich wollte den Landeiern etwas Besonderes bieten. Es war nichts Aktuelles, sondern was Älteres, das weiß ich noch. Electronic-Punk-Rock, ziemlich abgefahrener Sound. Hat mir ’n Kumpel in Frankfurt auf CD gebrannt.« Felix dreht an seinem Pferdeschwanz, während er die CD-Reihen absucht. »Warte mal, gleich hab ich’s.«
Electronic-Punk-Rock – keine Ahnung, was das für Musik sein soll. Da, er zieht eine CD aus dem Regal und wedelt mir damit zu.
»Die Band heißt The Parasites.«
»Klingt ja toll!« Parasiten. Schmarotzer. Vorne auf dem Cover sind ein paar fiese Krabbeltiere abgebildet. »Compost« ist der Name des Albums. Ich rümpfe die Nase. Kompost hört sich nicht gerade sonderlich romantisch an – und nach Liebesgedichten klingt es schon gar nicht. Felix muss sich täuschen! Opas wundervolles Gedicht stammt niemals von einer CD mit dem Titel Compost. Never ever!
Er legt die CD ein. »Hör mal.«
Ohrenbetäubender Lärm erfüllt das Zimmer, man versteht den Text zwar kaum, aber leider, leider ist es definitiv der gleiche Text, der hinten auf dem Brief von Georg steht. Und der Text passt so gut zu diesem Sound wie ein Teddybär zur Kettensäge. Es ist unfassbar! Mit offenem Mund lausche ich der Musik, die aus den Boxen wummert … and you want to travel with her …
»Das reicht schon. Mach aus. Von wann ist denn das Album?«, frage ich völlig desillusioniert.
Felix schaut auf dem CD-Booklet nach. »Es ist 1999 rausgekommen.«
Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf – was soll das denn nun bedeuten? War der Brief gar nicht von Georg? Hab ich das nur geglaubt und in Wahrheit ist es eine Fälschung? Blödsinn, wer sollte einen gefälschten Brief in Omas Nachttisch legen – und vor allem, warum? Nein, der Brief ist bestimmt echt, die verblasste Tinte und diese altmodische deutsche Schrift … ganz bestimmt stammt er von Georg.
Am liebsten hätte ich geweint. The Parasites, Compost – so ein Mist!
»Hey Blue, das ist doch nicht so schlimm! Männer sind so, klauen gerne mal was, um Frauen zu beeindrucken.« Felix wackelt mitleidig mit dem Kopf.
»Aber es ist doch unmöglich«, plötzlich sehe ich wieder klar, »dass jemand 1968 einen Song von einem Album klaut, das erst im Jahr 1999 rausgekommen ist.«
Felix schaut mich verblüfft an und schlägt sich dann an die Stirn. »Natürlich, du hast vollkommen recht! Mann, sind wir blöd! The Parasites haben den Song geklaut, besser gesagt, sie haben ihn gecovert. Suzanne ist gar nicht auf ihrem eigenen Mist gewachsen.« Felix lacht über seinen dummen Witz, steht auf und geht zum Laptop.
»Suzanne 1968«, murmelt er und hackt auf die Tasten. Dann stößt er ein triumphierendes »Ha!« aus und geht zu den LPs an der gegenüberliegenden Wand. Etwa in der Mitte der Reihe zieht er ein paar Platten aus der Sammlung seines Vaters hervor und sieht sich die Cover an. Schließlich scheint er gefunden zu haben, wonach er gesucht hat. Er kommt breit grinsend zu mir und hält mir die Platte vors Gesicht.
Ein attraktiver dunkelhaariger Mann schaut mich traurig an. Songs of Leonard Cohen steht unter dem Porträt. Das ist in jedem Fall besser als Kompost! Felix drückt mir die Platte in die Hand und ich drehe sie um. Hinten ist eine Songlist mit Texten abgedruckt, die ich mit klopfendem Herzen überfliege. Und tatsächlich, einer davon heißt Suzanne. Auch wenn Cohen besser ist als die Parasiten, bin ich trotzdem total enttäuscht, dass mein Großvater anscheinend kein Poet, sondern bloß ein Abschreiber war, und gebe Felix die Platte zurück. Als er mein Gesicht sieht, sagt er: »Hey, sei doch nicht so traurig. Wenn du mit deiner Oma nicht darüber geredet hast, dann kann es doch auch sein, dass es ihr gemeinsames Lieblingslied war und er es deshalb in den Brief geschrieben hat.«
Ich zucke bloß noch mit den Schultern; das ist mir gerade so was von egal. Ich fange an zu glauben, dass Grannie vollkommen recht hatte – ich hab mir da was zurechtgesponnen, habe mir eine große, dramatische Liebesgeschichte ausgemalt, die nun wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen droht. Wahrscheinlich hätte ich doch besser nach Paris fahren sollen.
»Komm schon, wir hören sie uns einfach mal an«, schlägt Felix vor, und als ich stumm bleibe, fügt er kopfschüttelnd hinzu: »Ich leg sie mal auf.« Er zieht die Platte aus der Hülle. Etwas fällt zu Boden.
»Was ist das denn?«, rufen wir beide und stürzen uns gleichzeitig auf das Stück Papier, das auf dem Boden liegt. Es ist ein grünes Dokument, auf dem in goldfarbenen Buchstaben Reisepass der Bundesrepublik Deutschland geschrieben steht. Als wir den Pass aufschlagen, fällt ein Zettel heraus – Visum zum Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika ist dort zu lesen, ausgestellt auf den Namen Georg Hikisch.
»Wie merkwürdig. Ich meine, wie hätte Georg es denn ohne Pass in die USA schaffen können?«, fragt Felix.
»Gar nicht. Niemand kommt ohne Ausweis in die USA, früher nicht und heute erst recht nicht mehr.«
Beklommen schauen wir uns an.
»Er ist gar nicht erst losgefahren«, stelle ich fest. »Er hatte doch sicher keine zwei Ausweise, oder?«
»Glaube ich auch nicht. Aber wohin ist er dann verschwunden? Immerhin hatte er diesen ominösen Familienschatz dabei …«
Mir ist ganz schwindelig und meine Zunge klebt an meinem Gaumen. Hastig trinke ich einen Schluck von dem inzwischen kalten Kaffee. In meinem Gehirn rattert es. Wenn Georgs Ausweisdokumente noch in seinen Platten versteckt sind, dann muss ihn jemand daran gehindert haben wegzufahren. Doch noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende verfolgen kann, gellt eine Stimme durchs Treppenhaus.
»Felix, wer ist da bei dir? Doch nicht etwas dieses Mädchen?«
Erschrocken schauen Felix und ich uns an und ein paar Sekunden später steht seine Oma vor uns. »Raus hier, raus aus Felix’ Zimmer, raus aus diesem Haus!«, keift sie mich heftig keuchend an.
Unwillkürlich bin ich aufgestanden und gehe auf sie zu. »Jetzt beruhigen Sie sich doch bitte«, fordere ich sie höflich auf. »Was haben Sie eigentlich gegen mich?«, kann ich es mir dann doch nicht verkneifen und ignoriere Felix’ Blick.
»Wir wollen hier keine hochnäsigen Amerikanerinnen«, stößt sie hervor und verschränkt ihre Arme vor der Brust. »Felix braucht Sie nicht, Sie sind nicht gut für ihn.«
Felix steht hinter ihr und zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen, dass das nicht seine Meinung sei, aber er schweigt.
»Es muss ja wohl einen Grund geben, weshalb Sie mich ablehnen – doch nicht wirklich nur deshalb, weil ich Amerikanerin bin?«
»Amerika hat sehr viel Leid über meine Familie gebracht.«
»Das tut mir leid. Aber damit habe ich doch nichts zu tun, oder?«
Sie mustert mich genauer, dann bleibt ihr Blick an meinem Armband hängen. »Oh doch. So, wie Sie aussehen, ganz sicher.«
»Was haben Ihnen die Amerikaner denn getan?«
»Nicht nur, dass sie Deutschland in Schutt und Asche gebombt haben zu einer Zeit, als es hier nur noch Frauen und Kinder und Alte gab.« Sie zieht eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Kittelschürzentasche und zündet sich eine an. »An ihrer Vorliebe, die unschuldige Zivilbevölkerung zu bombardieren, hat sich ja bis heute nichts geändert. Doch darüber hinaus habe ich auch ganz persönliche Gründe, Sie nicht in meinem Haus haben zu wollen.« Sie saugt an der Zigarette, als wäre es das Elixier, das sie am Leben hält.
Ich beschließe, alles auf eine Karte zu setzen. Und ich will wissen, ob mein Verdacht stimmt, dass ich sie neulich in der Bäckerei wirklich an Grannie erinnert habe. »Meine Großmutter stammt von hier. Vielleicht haben Sie sie ja sogar gekannt«, sage ich und lächle sie an, aber das ist so, als würde ich eine Absperrung anlachen.
»Susanne! Oder sollte ich besser Suzanne sagen?« Sie lacht bitter auf. »Oh ja, und wie ich sie gekannt habe. Und du siehst ganz genauso aus wie diese alte Hexe.« Ihre Stimme trieft geradezu vor Hass. Sie nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und dann sagt sie gefährlich leise: »Geh jetzt! Sofort!«, und weist mit ausgestrecktem Arm zur Tür.
Unfassbar, dass jemand so über Grannie denkt, unvorstellbar, dass jemand ihren Namen so hasserfüllt ausspricht. In mir regen sich Widerstand und Zorn – und brennende Neugierde. Was war hier damals nur los gewesen?
»Ist es wegen Georg?«, frage ich einfach so ins Blaue.
Felix’ Oma fasst sich unwillkürlich an den Mund und wird so blass im Gesicht, dass ich einen Moment lang Angst habe, sie könnte ohnmächtig werden.
Aber sie fasst sich schnell wieder und weist erneut mit ihrem ausgestreckten Arm zur Tür. »Nimm seinen Namen nie wieder in den Mund! Und jetzt raus aus meinem Haus.« Die Hand an ihrem ausgestreckten Arm ballt sich zur Faust.
Obwohl ich langsam Angst kriege und nicht verstehe, weshalb Felix nicht eingreift, muss ich einfach weiterfragen. »Ich bin hergekommen, um die Wahrheit über Georg herauszufinden.«
»Die Wahrheit!« Sie spuckt das Wort verächtlich aus. »Die Wahrheit ist, dass an diesem Armband Blut klebt.« Voller Abscheu starrt sie auf mein Handgelenk.
Ich betrachte Grannies harmloses silbernes Bettelarmband mit den vielen kleinen Glücksanhängern und den vier ganz besonderen: die massive Dreizehn, ein Seepferdchen mit Rubinaugen, ein fein ziselierter Schlüssel und ein Engel aus einer rosa schimmernden Perle mit fein gearbeiteten Flügeln.
»Blut?«, frage ich verständnislos.
»Ich habe es sofort erkannt. Es hat einmal meiner Mutter gehört. Und jetzt zum letzten Mal: raus hier!«
Felix’ Oma presst die Lippen zusammen, als wollte sie verhindern, dass ihr noch ein Wort entschlüpft, doch dann sagt sie es noch einmal.
»Raus!«
Ihr Zorn ist so kraftvoll, dass ich wie hypnotisiert tatsächlich das Zimmer verlasse und die Treppen hinuntergehe.
Felix kommt hinter mir her. »Sie ist eben verrückt.«
Ich weiß nicht, was ich denken soll. Klar, Felix hatte mir erklärt, dass er sich keinen Ärger mit seiner Großmutter leisten kann. Aber ich finde trotzdem, dass er mich gegen sie hätte verteidigen können. »Wie heißt deine Oma eigentlich?«, will ich wissen.
»Kathi Klein. Hey, bestimmt verwechselt sie das«, er greift nach meinem Handgelenk, lässt es aber sofort wieder los. »Die sehen doch eh alle gleich aus, diese Armbänder. Lass uns das alles vergessen und heute Abend zusammen ins Sunset gehen. Was hältst du davon?«
In meinen Ohren höre ich immer nur Blut und wieder Blut. Ich muss unbedingt mit Grannie reden, sie nach Kathi fragen.
»Hey, Blue, da ist heute Abend Oldie-Night.«
Wir sind inzwischen vor der Türe angelangt und ich atme gierig die warme, frische Luft ein, ehe ich mich zu Felix umdrehe. »Oldie-Night, dann geh doch mit deiner Oma hin, viel Spaß!«, platzt es aus mir heraus.
Schnell steige ich ins Auto ein, schlage die Tür zu und gebe Gas. Dann erst schäme ich mich, weil ich so grob zu Felix war – schließlich weiß ich jetzt sehr viel mehr über Georg als vorher, auch wenn das, was wir herausgefunden haben, ziemlich beunruhigend ist.
Weil ich so durcheinander bin, rase ich wie ein Rennfahrer über die Straße, die parallel zum Wald verläuft, bis der Weg über eine Hügelkuppe führt. Plötzlich liegt ein weites Tal vor mir. Nichts als Maisfelder, Wiesen und Kirschbäume, die schon voller Obst hängen. Rot wie Blut.
Blut.
Grannie wollte nicht, dass ich hierherfahre; sie zieht Karten für mich wie den Tod und den Teufel und will, dass ich dieses Glücksarmband zu meinem Schutz immer trage. Und dann soll Blut daran kleben? Was zur Hölle ist nur mit Georg passiert?
Hinter der nächsten Biegung sehe ich einen Parkplatz unter einer alten verkrüppelten Eiche. Ich halte so abrupt an, dass etwas unter dem Beifahrersitz nach vorne rutscht. Ich weiß, es ist Stefans Auto und es geht mich nichts an, aber ich kann trotzdem nicht der Versuchung widerstehen und muss einfach in die edle Papiertüte schauen. Als ich die Satinbänder der Tüte auseinanderziehe, sehe ich, wie in dem Futter aus Seidenpapier etwas schimmert, etwas Rotes. Ich ziehe es vorsichtig ein Stückchen heraus. Es ist ein raffiniertes rotes Seidennachthemd mit viel schwarzer Spitze im Brust- und Pobereich.
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Völlig irritiert lasse ich es sofort wieder zurück in die Tüte fallen. Für mich gibt es nur einen Grund, warum ein Mann so etwas in seinem Auto versteckt – oder sollte das Nachthemd etwa ein Geschenk für Anja werden? Von der Größe her könnte es ihr passen …
Ja, ja, Blue, träum weiter! Denk mal daran, was Mom über Männer in Vegas oder was Grannie vom Leben in der Kommune erzählt hat – nie im Leben ist dieses Teil für Anja bestimmt! Und ganz sicher ist Stefans Geliebte auch der Grund dafür, warum er nicht im Krankenhaus bei Anja war. Wie mies ist das denn? Anja tut mir entsetzlich leid. Nicht nur, dass die Zwillinge dauernd krank sind, nein, ihr Mann ist auch noch ein übler Betrüger.
Ich schiebe die Tüte angewidert zurück unter den Vordersitz. Jetzt mach mal halblang, Blue, zwischen den beiden stimmt etwas nicht, das kann ja wohl sogar ein Blinder sehen. Doch das geht dich nichts an. Gar nichts. Aber die Frage, ob er ein Mörder ist, meldet sich eine hartnäckige Stimme in meinem Kopf, die geht mich sehr wohl etwas an. Wenn ich nur wüsste, wie ich da weiterkommen könnte – die Internetrecherche bei Felix hat rein gar nichts gebracht.
Ich habe diese Geheimniskrämerei so satt!
Das Ganze muss ein Ende haben und ich beschließe, dass ich den Zeltners ganz einfach erzählen werde, wie das Sideboard aufgegangen ist, und dann werde ich fragen, was diese Artikel zu bedeuten haben. Und wenn ich schon mal dabei bin, diese ganzen unangenehmen Dinge offen auf den Tisch zu packen, kann ich auch gleich noch nachhaken, warum sie ihr Schlafzimmer zusperren. Klartext! Und Grannie werde ich auch in die Mangel nehmen und mich nicht wieder einfach nur abspeisen lassen.
Yes! That’s it!
Ich wende das Auto und fahre zurück.