8. Kapitel

Stumm sitzen wir drei beim Frühstück. Heute bin ich froh, dass Mam und Oliver Morgenmuffel sind und schweigend ihr Müsli löffeln. Meine Rühreier-, Speck- und frisch gepresste Säfte-Frühstücksorgien mit Pa kommen mir vor wie aus einem anderen Leben, einem Kinder-Nutella-Leben. Pa merkt immer sofort, wenn mit mir etwas nicht stimmt, zumindest war das früher so, bevor die Sache mit Lina passierte. Seitdem ist er so außer sich, dass ich ihn vielleicht auch täuschen kann.

Ich habe im Spiegel die blauen Flecken am Hals gesehen, mit etwas Glück würden sie als Knutschflecken durchgehen. Zur Sicherheit trage ich noch ein Halstuch. Mein Po ist an einigen Stellen tiefschwarz und sieht aus, als hätte man mich verprügelt. Nur gut, dass ich heute keinen Sportunterricht habe.

Ich betrachte meine Mutter und dann Oliver. Es kommt mir so vor, als wären sie tief in ihren eigenen Gedanken versunken, und plötzlich macht mich das rasend.

»Liebt ihr Lina eigentlich?«, frage ich in die Stille.

Mam verschluckt sich, Oliver schüttelt den Kopf.

»Was soll denn das?«, fragt Mam und schaut fragend zu Oliver.

»Ich habe nicht den Eindruck, dass ihr sie vermisst.«

»Es steht dir nicht zu, so etwas zu sagen! Du hast ja keine Ahnung!« Oliver haut mit der Faust so fest auf den Tisch, dass die Milch aus den Müslischalen schwappt.

»Oliver, nicht, das Kind ist doch nur verwirrt.« Mam hat Tränen in den Augen und lächelt mir trotzdem zu. Ich fühle mich mies. Aber ich kann auch nicht aufstehen und zu ihr hingehen und den Arm um sie legen. Es geht einfach nicht.

Stattdessen läuft Oliver zu ihr hin und tätschelt ihr den Rücken. »Es wird wieder, Katja.«

»Schon gut.« Sie sucht meinen Blick.

»Ich glaube nicht, dass Lina Selbstmord begangen hat«, sage ich fest. »Ich denke, man hat ihr etwas angetan. Und ihr wisst darüber etwas und verschweigt es mir.«

Oliver schaut wieder zu Mam, die beiden schütteln ihre Köpfe, synchron wie Marionetten im Wiederholmodus.

»Wie kommst du nur auf solche Gedanken?« Mams Stimme klingt schrill. »Wer sollte Lina denn ermorden wollen? Hat dir dein Vater diesen Unsinn eingeblasen?«

Typisch. Ich stehe wortlos auf und räume mein Geschirr in die Spülmaschine. Dann schnappe ich mir meine Jacke und meine wenigen Schulsachen, murmele ein leises »Tschüss!« und ziehe die Tür hinter mir zu. Sie machen nicht einmal den Versuch, mich aufzuhalten.

Ich renne die Treppen runter, stolpere fast über Frau Vogel und ihren Hund, entschuldige mich und renne weiter. Das Rennen tut gut und ich stürme weiter zur U-Bahn. Als ich im Zwischengeschoss bin, sehe ich gerade noch, wie mir die Bahn vor der Nase davonfährt. Ich gehe langsamer die restlichen Treppen hinunter. Hinter mir keucht jemand genauso wie ich. Neugierig drehe ich mich um und schaue in das unbewegte Gesicht einer jungen Frau mit einem Baby vor der Brust. Ich lache sie an, aber sie sieht durch mich hindurch.

Schon nach kurzer Zeit warten wieder viele Leute auf die Bahn und ich habe das deutliche Gefühl, dass mich jemand beobachtet. Oder bilde ich mir das nur ein, nach dem, was ich gestern erlebt habe? Neben der Frau mit dem Kind sehe ich eine Gruppe halbwüchsiger Kapuzenpulliträger, einen großen Afrikaner und zwei schlecht gefärbte Blondinen, die sich auf Russisch unterhalten. Vielleicht gehen die Kapuzenpullis in meine Schule und reden über mich?

Aber dann entdecke ich tatsächlich ein bekanntes Gesicht: Schwester Samira aus dem Krankenhaus. Sie schaut nicht zu mir herüber, sondern telefoniert gerade. Ich überlege, ob ich zu ihr hingehen und sie begrüßen soll, aber da fährt schon die nächste U-Bahn ein, und obwohl viele Leute aussteigen, ist sie so voll, dass man eng aneinandergepresst stehen muss. Dauernd werde ich geschubst. Mein Rucksack ist immer im Weg, egal, wie ich mich hinstelle. Schließlich nehme ich ihn ab und merke erst jetzt, dass der Reißverschluss der einen Tasche offen steht. Mit einem Kopfschütteln schließe ich ihn wieder. Ich hätte schwören können, dass er zu war. Offensichtlich bin ich mehr durcheinander, als ich dachte.

Heute werde ich Gretchen nach Lina ausquetschen. Ich habe gestern noch ein paar andere Mädchen nach meiner Schwester gefragt, aber so richtig gut gekannt hat sie offensichtlich dann doch niemand, denn alles, was da kam, war völlig nichtssagend. So nach dem Motto, dass Lina echt nett war oder cool und immer so hippe Secondhandklamotten anhatte, dass sie ziemlich witzig war und auch in der letzten Zeit wäre sie eigentlich wie immer gewesen. Da war Gretchen gestern viel ehrlicher und irgendwie klingt Bitch für mich auch so, als gäbe es eine interessante Geschichte dazu. Ich bin sicher, sie weiß mehr über Lina als die anderen, schließlich kann es doch nicht sein, dass Lina in einer Luftblase gelebt hat, über allen schwebend.

Als ich aus der U-Bahn komme, regnet es. Kleine, eiskalte piksende Tropfen. Frühling ade. Wieder habe ich den Eindruck, dass jemand mich anstarrt, aber als ich mich umdrehe und nach den Kapuzenpullovertypen schaue, ist keiner von ihnen zu sehen. Hinter mir trödelt nur eine Horde Mädchen, die sich kichernd gegenseitig etwas auf ihren Handys zeigen. Handy, verdammt, ich brauche Linas Handy. Und ich habe in meiner Wut vergessen, Mam heute Morgen danach zu fragen.

Plötzlich hält ein Auto neben mir und hupt. Es ist ein schwarzer BMW-Sportwagen mit dunklen Scheiben, die alles dahinter verbergen. Ich kenne niemanden, der so ein Auto fährt, gehe also weiter und schaue stur geradeaus. Solche Autos fahren außer James Bond nur noch Zuhälter und Politiker. Der Autofahrer gibt nicht auf, er hupt wieder und ich sehe aus den Augenwinkeln, wie das Fenster langsam heruntergefahren wird. Dann streckt Dennis seinen Kopf heraus. Er winkt mir zu. »Komm, ich nehme dich mit, bei dem Sauwetter.«

Die Mädchengruppe hinter mir schaut interessiert zu und ich steige ein, bevor noch mehr Leute gaffen.

»Wow! Du fährst ja ein teures Auto«, entfährt es mir, während ich mich anschnalle und dabei an Pas uralten klapprigen Volvo denke.

»Die Karre gehört meinem Vater.«

Das muss ja dann wohl Dennis Wallenstein senior sein, denke ich gereizt, weil mir sein Getue auf die Nerven geht. Aber er scheint es nicht zu bemerken, denn er redet fröhlich weiter. »Der Alte macht wahnsinnigen Reibach mit seiner Putzfirma und ich darf mir die Karre heute nur ausleihen, weil er eine Wette verloren hat.« Dennis lacht sein jungenhaftes Lachen. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Spaß das bringt.«

»Ja, ganz bestimmt.« Ich verkneife es mir, mit den Augen zu rollen.

Dennis grinst immer noch. »Du denkst jetzt sicher, mir wären Autos wichtig, oder?«

»Exakt«, sage ich gedehnt.

»Falsch. Aber es gefällt mir, wenn sie in der Schule über mich reden. Okay, ja, das ist ein bisschen eitel, aber so bin ich halt.« Er lacht verschmitzt und sieht leider unwiderstehlich aus. »Deshalb leihe ich mir manchmal auch ein Auto vom Hausmeister aus, einen total fertigen Honda Civic in Kackbraun, das bringt die Leute erst recht ins Spekulieren. Hey, ich würde an dieser Schule sonst sterben vor Langeweile.« Jetzt dreht er sich gefährlich lange zu mir und schenkt mir ein treuherziges Grinsen.

Wegen dieses Blicks muss er an der nächsten Ampel eine Vollbremsung machen, die mich fest nach vorne in den Gurt schleudert. Dabei spüre ich schmerzhaft die blauen Flecken am Hals und am Po. »Aua.«

»Entschuldige bitte, meine Schuld. Na ja, auch ein bisschen deine, dein Lächeln ist so süß, da kann man nicht wegschauen.«

Jetzt rolle ich tatsächlich mit den Augen, aber er kümmert sich nicht darum. »Wie geht es Lina?«, fragt er und wird unvermittelt ernst.

»Geht«, antworte ich knapp. Ich möchte jetzt nicht über Lina sprechen.

»Alex hat mir erzählt, du suchst nach ihrem Handy? Und, fündig geworden?«

Ich schüttele den Kopf und mir fällt ein, dass ich gar nicht weiß, woher sich die beiden kennen. »Gehst du eigentlich mit Alex in einen Jahrgang?«, frage ich nach.

Dennis nickt. Gleich darauf fährt er mit quietschenden Reifen auf den Schulparkplatz und steigt aus.

Gretchen stürzt auf uns zu und Alex läuft hinter ihr her.

»Hi, Dennis«, sagt sie. »Der ist ja schick. Mein Vater fährt auch so einen.«

»Ich weiß, Gretchen, und du kriegst sicher auch bald einen. Oder, was meinst du, Dennis?«, fragt mein Stiefbruder spöttisch.

»Dazu müsste ich im Lotto gewinnen!«, antwortet Gretchen und zwinkert mir lässig zu, doch ihr indianisches Gesicht wirkt plötzlich wie mit purpurrotem Puder bestäubt und ich frage mich, wieso. Dieser Dialog war an Blödheit doch kaum noch zu überbieten. Aber dann erinnere ich mich daran, wie behämmert ich mich damals in den ersten Monaten verhalten habe, als Merlin aufgekreuzt ist. Wenn er behauptet hätte, das Auto seines Vaters hätte eine Hupe oder Schnee sei weiß, hätte ich wahrscheinlich entzückt in die Hände geklatscht und ihn für wahnsinnig geistreich gehalten und tagelang überlegt, was er mir damit sagen wollte.

Aber wegen wem ist Gretchen rot geworden?

»Wir sollten uns beeilen«, stellt Dennis fest. »Die erste Stunde fängt gleich an.«

»Wenn ich diesem Gefängnis entronnen bin, dann werde ich den Rest meines Lebens nie mehr so früh aufstehen«, murmelt Alex vor sich hin. Wir laufen zusammen ins Schulgebäude. Dennis und er müssen in den ersten Stock, während Gretchen und ich zusammen in den zweiten Stock in unsere Klasse gehen. Auf dem Weg versuche ich, ihre gute Laune auszunutzen, und frage sie nach Linas unglücklicher Liebe.

Ihre großen blauen Augen werden noch größer. »Unglücklich? Soweit ich weiß, war diese Bi … ich meine, deine Schwester, nie unglücklich. Sie hat doch immer alles gekriegt, was sie wollte. Kannst du da nicht auch ein Lied von singen?« Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und senkt den Blick ihrer blauen Augen zu Boden. »Oh, entschuldige, das habe ich nicht so gemeint.«

Ich starre Gretchen fassungslos an. Woher weiß Gretchen das mit Merlin? Wir setzen uns an unsere Plätze, aber es fällt mir schwer, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich will alles über Gretchen, Dennis, Alex und Lina wissen. Dennis sagt, da war was mit Alex. Alex gibt vor, von nichts zu wissen. Und Gretchen deutet an, Lina hatte nie Liebeskummer. Irgendjemand von ihnen lügt. Aber wer und warum?

Ich schaue Gretchen von der Seite an. Sie ist eine völlig Unbekannte. Genauso wie Dennis und Alex. Keinen hier kenne ich gut genug, als dass ich ihm wirklich trauen könnte.

Eine Gänsehaut läuft mir den Rücken herunter und ich muss schlucken, dabei spüre ich wieder die Druckstellen am Hals und Tränen schießen mir in die Augen. Ich starre auf das Pult vor mir, um meine Beherrschung wiederzufinden.

Lina hat ziemlich rumgeschmiert auf ihrem Tisch. Ich erkenne eine Karikatur von Frau Paul, ganz im typischen Lina-Stil, die sie nur halbherzig versucht hat zu übermalen. Das Bild ist ihr gut gelungen. Frau Paul wirkt sehr lebendig. Und dann sehe ich, dass sie noch etwas gemalt hat, mit dem gleichen Stift, was ihr später offensichtlich so peinlich war, dass sie beim Versuch, es wieder abzukratzen, in Kauf genommen hat, ein Loch in dem Tisch zu hinterlassen.

Peinlich? Oder vielleicht etwas anderes?

Ich starre darauf und versuche zu rekonstruieren, was Lina gemalt hat. Wenn ich ein Blatt Papier darüberlege und mit dem Bleistift darübermale, könnte ich es vielleicht rauskriegen. Ich hebe den Rucksack hoch, um meinen Ordner mit dem Papier herauszuholen und das Mäppchen aus meiner Vordertasche, und weil ich dabei brav nach vorne zu Frau Paul schaue, fühlen es meine Finger zuerst. Da ist etwas, was vorher nicht in meinem Rucksack war. Eine Art Bällchen. Ich greife zu und hole es raus. Es ist eine zusammengeknüllte Seite aus der Bildzeitung. Mein Herz fängt an zu rasen. Wie kommt das in meinen Rucksack?

Mir fällt die U-Bahn-Fahrt ein – mein Rucksack und die offene Vordertasche.

Jemand hat das in meinen Rucksack geschmuggelt, es ist sicher nicht einfach so dorthin geflogen. Also hab ich mir in der Bahn nicht nur eingebildet, dass mich jemand beobachtet.

Mir ist, als hätte ich gerade einen Medizinball in den Bauch bekommen. Erst die Sache im Keller. Und jetzt das.

Jemand verfolgt mich, so viel ist klar. Aber wer? Mit zitternden Fingern glätte ich den kleinen Ball und überfliege ihn. Es ist ein Bericht über die Champions League, Fußball. Enttäuscht drehe ich die Seite um, auch Fußball. Aber dann, beim zweiten Hinsehen, entdecke ich es, ein Wort ist mit Bleistift umkringelt. Napoleon. Ich lese den Satz, er ist nicht vollständig. » … gebärdet sich auf dem Feld wie der wiedergeborene Napoleon.«

Ich habe das Gefühl, ich müsste wissen, was das bedeuten soll, aber mein Hirn weigert sich, es ist genauso erstarrt wie der Rest von mir.

Was weiß ich über Napoleon? Er war klein und ein Despot. Was kann das bedeuten? Los, denk, Hirn, feuere ich mich an, denk einfach nach. Aber auf keinen der Männer, die ich kenne, passt diese Beschreibung. Mein Stiefvater ist groß und Alex auch. Oder soll ich aus diesen Namen ein neues Wort bilden und ergibt das dann Sinn? Glaubt vielleicht jemand wirklich, ich wäre der Einstein der Familie? Also, was kann man mit dem Wort alles bilden? Leon, Pol, Plan, Lena, Polen, Pan, Panne, Anne, Onno, Ale, an, no, hmm, no Plan an Lena. Unsinn. Völliger Blödsinn. Ich nehme den Bleistift und probiere es weiter und da erinnere ich mich wieder daran, warum ich den Rucksack eigentlich geöffnet habe, und fange an, über das Weggekratzte drüberzuschraffieren, und dabei denke ich fieberhaft weiter nach, was Napoleon wohl bedeuten könnte.

Langsam nimmt die schraffierte Fläche Gestalt an. Das, was da vor mir entsteht, sind zwei Symbole. Das eine ist ein Stab, um den sich eine Schlange windet, das Zeichen, das neben Olivers Namen auf dem Klingelschild steht. Der Äskulapstab, das Symbol der Ärzte. Und das darunter ist einfach nur ein @-Zeichen.

Beides für sich genommen absolut harmlos.

Aber es muss doch eine Bedeutung haben. Sonst hätte es Lina nicht vom Tisch abgekratzt.

Oliver ist Arzt. Und ihr Stiefvater.

Und dann fällt mir etwas ein. Wenn das Arztzeichen für Oliver steht, dann bedeutet das @-Zeichen vielleicht Dad? Auch wenn sie Oliver immer nur beim Vornamen genannt hat, würde das Sinn ergeben.

Andererseits, würde ein Arzt jemanden umbringen? Oder Anlass für einen Selbstmord geben? Ja, warum auch nicht? Und – jetzt stellen sich mir alle meine Haare auf, ein Arzt könnte dafür sorgen, dass man auch wirklich stirbt.

Ich kann kaum noch schlucken, als mir klar wird, dass Lina auf Olivers Station liegt. Dort ist sie ins Koma gefallen, nachdem sie doch angeblich schon über den Berg war. Und wie bleich und nervös Oliver herumgestottert hat, als ich wissen wollte, wie das passieren konnte! Nur mal angenommen, er hätte sie missbraucht und sie wollte sich das nicht länger gefallen lassen und ihn anzeigen?

Sein Leben als Arzt wäre dann vorbei.

Okay, damit hätte er ein Motiv. Zugang zu ihrem Zimmer hatte er sowieso und vor allem hatte er die Kontrolle über ihr Leben.

Und Lina war völlig verängstigt, als sie gesagt hatte: Schenk ist hier.

Oliver war im Zimmer.

Ich muss sofort ins Krankenhaus. Ich melde mich und sage Frau Paul, dass mir schlecht ist und ich nach Hause gehen möchte. Offensichtlich sehe ich so aus, wie ich mich fühle, denn Frau Paul ist voller Mitleid und entlässt mich ohne weitere Nachfragen.

Ich packe den Zeitungsartikel in meine Hosentasche und stolpere nach draußen, renne zur U-Bahn, renne, so schnell ich kann, plötzlich davon überzeugt, dass Lina in allerhöchster Gefahr ist, renne die Stufen runter zum Bahnsteig, schubse mir den Weg frei und bete um eine schnelle Verbindung.