7. Kapitel

Der Keller ist nicht mit einem Code, sondern mit einer altmodischen Eisengittertür gesichert, zu der der große Schlüssel passt. Na bitte. Geht doch. Ich mache das Licht an und steige die extrem steile Treppe hinunter. Mit jedem Schritt verstärkt sich ein mulmiges Gefühl im Bauch, das ich nicht abschütteln kann, obwohl es lächerlich ist.

Das trübe Licht ist keine Hilfe, es ist nicht viel mehr als eine Funzel, die meinen Schatten riesenhaft an die gelbliche Wand wirft.

Ein bisschen komme ich mir vor wie die blöden Blondinen, die in Horrorfilmen in den Keller gehen, weil sie ein merkwürdiges Geräusch gehört haben, ein Geräusch, von dem die Zuschauer längst wissen, dass es vom üblen Axtmörder stammt. Trotzdem ruft die Blondine »Hallo, ist da jemand?« und geht weiter.

Ich gehe auch weiter. Ich bin keine Blondine und hier gibt es keine Axtmörder. Und es ist auch nicht Freitag, der Dreizehnte.

Trotzdem fühle ich, wie die Beklemmung mehr und mehr von mir Besitz ergreift, der feuchte Keller ist so ganz anders als der Keller bei uns zu Hause.

Wenn du wirklich glaubst, dass Lina nicht sterben wollte, wispert eine hysterische Stimme in meinem Kopf, dann hat jemand versucht, sie zu ermorden. Und dann läuft ein Mörder frei rum.

Ich bin am Ende der Treppe angekommen. Vor mir liegen drei endlos lange, nur sparsam beleuchtete Gänge, von denen einzelne mit Holzlatten abgetrennte Verschläge abgehen. Ich kann nicht schätzen, wie viele Abteile es hier gibt, es sieht so aus, als wäre ich in einem Gemeinschaftskeller gelandet, der sich unter dem ganzen Block entlangzieht.

Es riecht gleichzeitig muffig und süßlich und ich muss plötzlich an das Verlies in Schweigen der Lämmer denken.

Jetzt reiß dich mal zusammen, Ruby! Du hast echt ein paar Filme zu viel gesehen. Entschlossen gehe ich zu einem der Verschläge und suche einen Namen. Weder am Schloss noch irgendwo sonst ist ein Schild angebracht. Das kann doch nicht wahr sein! Ich zucke zusammen, da war ein Geräusch, oder nicht? Um mich zu beruhigen, greife ich nach dem Lederband mit dem kleinen Schlüssel, der noch um meinen Hals hängt.

Dann fallen alle Schatten hinter dich …

Was das wohl zu bedeuten hat? Klingt wie ein Sprichwort. Ich könnte es nachher googeln.

Es raschelt wieder. Ich atme auf. Es sind nur zwei kleine Mäuse, die hinter dem Holzverschlag direkt vor meinen Füßen stehen bleiben und mich ängstlich aus ihren Knopfaugen anschauen. Ich mache einen Schritt zur Seite, damit sie flüchten können. Und gleichzeitig erscheint mir der Gedanke ziemlich albern, dass Lina hier unten irgendetwas aufbewahrt haben könnte. Lina hasst alle Arten von Nagetieren, sogar die putzigen Eichhörnchen. Ausgeschlossen, dass sie freiwillig hier heruntergegangen wäre. Außerdem habe ich sowieso keine Ahnung, welcher der Verschläge zu der Wohnung von Oliver und Mama gehört. Ich streiche meine Theorie und laufe enttäuscht wieder zurück nach oben. Als ich die erste Treppenstufe erreicht habe, geht das Licht aus. Mist, eine Zeitschaltung, daran habe ich nicht gedacht. Ich taste mich im Dunkeln zu dem nächsten rot leuchtenden Lichtschalter nach oben. Stufe für Stufe. Doch da werde ich plötzlich brutal zurückgestoßen, verliere das Gleichgewicht, falle die Stufen runter, stürze hart auf mein Steißbein, vom Schmerz wird mir schwindelig. Jemand beugt sich über mich und zerrt an dem Lederband um meinen Hals, ich wehre mich und schreie laut um Hilfe. Sofort kriege ich einen Schlag ins Gesicht, aber ich schreie trotzdem weiter und halte das Band mit dem Schlüssel, so fest ich kann. Jetzt bin ich sicher, dass Lina wirklich etwas Wichtiges aufbewahrt hat. Und ich werde das Band auf keinen Fall hergeben.

Die Gestalt, von der ich nur die Augen sehen kann, gibt knurrende Laute von sich und zischt: »Still!« Sie schlägt mich wieder ins Gesicht. Aber ich kämpfe und schreie weiter.

Ich höre Geräusche von oben, mein Angreifer stutzt, dann lässt er mich so plötzlich los, dass ich hart auf den Rücken zurückfalle. Er rast die Treppen hoch, ich versuche, mich aufzurappeln und ihm zu folgen, aber mir wird wieder schwindelig und ich bleibe, wo ich bin.

»Was ist denn hier los?« Ich höre ein Murmeln, dann flammt das Licht endlich auf. Eine dicke Frau in einem verwaschenen petrolfarbenen Jogginganzug kommt die Treppen herunter und schüttelt den Kopf. »Wer war das denn? Und was ist mit Ihnen passiert? Ich sage der Hausverwaltung schon seit Wochen, dass sich im Keller Junkies rumtreiben, aber mir glaubt ja keiner.« Jetzt mustert sie mich misstrauisch. »Wer sind Sie eigentlich?«

Ich erkläre ihr, dass ich Ruby Wagner bin, die Tochter von Katja Brandt, woraufhin sie sofort wieder freundlich wird und mir ihre Hand hinhält, um mir aufzuhelfen.

»Oh natürlich, du musst die kleine Schwester von Lina sein«, sagt sie. »Komm, ich helfe dir.«

Ich versuche, mich zusammenzunehmen, aber meine Beine zittern und der Schmerz breitet sich vom Steißbein in den Rücken aus. Tränen steigen mir in die Augen, mein Herz rast, aber gleichzeitig bin ich unglaublich froh, dass ich den Schlüssel noch habe.

»Kindchen, jetzt kommst du mit in meine Wohnung, ich mache dir einen schönen Tee und dann sehen wir weiter.«

Ich stolpere hinter der dicken Frau nach oben und kann immer noch nicht fassen, was mir gerade passiert ist.

Meine Retterin wohnt im Erdgeschoss. Ich kann ihr Alter nicht recht einschätzen, ihre welligen kurzen Haare haben schon einen Grauton, aber ihr rundliches Gesicht ist völlig faltenfrei. »Ich rufe die Polizei, du musst Anzeige erstatten und ins Krankenhaus. Ich bin übrigens Gaby Vogel.« Sie entsperrt ihre grüne Wohnungstür, hinter der ein Schäferhund sie offensichtlich sehnsüchtig erwartet hat. Wir kommen kaum durch die Tür, weil sich rechts und links im Gang alte modrig riechende Zeitungen bis zur Decke stapeln. Auch am Boden stehen Kisten und Tüten herum. »Ist schon gut, Leon, ist schon gut. Los, rein mit dir.«

Sie stellt mir ihren Hund Napoleon vor, als wäre er ein Mensch. Dann geht sie voraus in eine zugemüllte Küche und stellt Wasser in einem Wasserkocher auf. Das Spülbecken ist die einzige freie Fläche in diesem Raum. Gaby Vogel umgeht diverse Stapel mit undefinierbaren alten Sachen, verschwindet im Gang und kommt mit dem Telefon in der Hand wieder zurück.

»Bitte nicht, auf keinen Fall«, stammele ich.

Frau Vogel starrt mich verständnislos an. »Warum denn nicht?«

»Weil meine Eltern gerade so viele andere Probleme haben.« Dann erzähle ich ihr von Lina und fange an zu weinen, was dem Hund offensichtlich auch leidtut, denn er beginnt, fürchterlich zu jaulen.

»Ruby, das mit deiner Schwester ist wirklich schrecklich, aber bitte reiß dich zusammen, Leon kann es nicht leiden, wenn Frauen weinen.« Frau Vogel sieht sich suchend in der Küche um. Dann greift sie in eine Tasse, fischt zwei schon benutzte Teebeutel heraus, verteilt sie auf zwei Becher und brüht sie mit dem kochenden Wasser auf. »Ich habe ihn aus dem Tierheim, er ist ein bisschen schwierig.« Sie schaut mich kopfschüttelnd an. »Wenn du darauf bestehst, werde ich die Polizei nicht rufen, obwohl ich das nicht richtig finde. Schau dir an, wie du aussiehst. Diesen Typen muss das Handwerk gelegt werden.«

»Haben Sie ihn sehen können?«, frage ich.

Frau Vogel schüttelt den Kopf. »Leider nein, Kindchen, es war ja noch dunkel. Er hat mich noch gestreift, aber mehr weiß ich leider nicht.« Sie reicht mir die Teetasse, der Tee riecht nach altem Hund. »Hier, trink das, dann wird es dir besser gehen. Willst du einen Keks?« Frau Vogel sucht in den zahllosen Stapeln nach einer Schachtel Kekse, wird tatsächlich fündig und überreicht sie mir strahlend. Auf der offenen Schachtel ist eine so dicke Staubschicht, dass ich Igitt mit dem Finger hineinschreiben könnte. Aber Frau Vogel schaut mich erwartungsvoll an und ich schäme mich, schließlich hat sie mich gerettet und ich werde nicht unhöflich sein. Also nehme ich einen Keks, er zerbröselt sofort in meinem Mund und schmeckt so, wie ich mir den feinen alten Sand in Vogelkäfigen vorstelle. Ich unterdrücke ein Husten und würge die jetzt breiige Masse herunter.

»Ich wusste gar nichts von deiner Schwester. Das muss an dem Tag passiert sein, bevor ich mit meinem Leon in Österreich war. Komisch. Lina ist so ein nettes Mädchen. Sie geht manchmal mit Leon Gassi, wenn ich Migräne habe. Bitte grüße sie von mir.«

Ich nicke. Dann verabschiede ich mich und danke Frau Vogel noch einmal. Nur ungern lässt sie mich ziehen. Ich renne die Stufen in den ersten Stock hoch, so schnell ich kann, nur rein unter die Dusche.

Doch dann stehe ich vor der verschlossenen Tür. Verdammt, ich kann mich nicht mehr an den Code erinnern, dabei wusste ich ihn vorhin noch. Das muss der Schock von dem Sturz sein, anders kann ich mir das nicht erklären. Ich, die mir Zahlen so gut merken kann! Ich könnte zurück zu Frau Vogel gehen oder Mama oder Oliver auf dem Handy anrufen, aber dazu fühle ich mich noch nicht in der Lage.

Ich setze mich auf die oberste Treppenkante, taste nach dem Lederband, streife es über den Kopf. Dabei merke ich, dass ich morgen sicher blaue Flecken am Hals kriegen werde. Egal. Ich habe das Band jedenfalls noch und das ist das Wichtigste. Es ist der Beweis, dass ich nicht spinne. Und dass ich mir nichts einbilde.

Von wem hat Lina es wohl bekommen? Ich schließe meine Hand um das Band und den Schlüssel und lehne mich gegen die Wand.

Ich wünschte, ich wäre Tony Hill oder sonst ein neunmalkluger Ermittler, denn dann würde ich allein durch das Berühren dieses Bandes eine verschwommene Szene in Schwarz-Weiß sehen, etwas fühlen und eine Ahnung davon bekommen, was passiert ist.

Aber ich spüre nichts. Mir ist nur kalt, weil der Angstschweiß von vorhin noch immer nicht getrocknet ist. Und ich habe Schmerzen in meinem Hintern und muss aufpassen, wie ich mich hinsetze.

In meinem Kopf tobt es, ich kann meine Gedanken nicht recht unter Kontrolle bringen und schon gar nicht die winzigen Stimmen, die ständig um die Vorherrschaft kämpfen. Die eine kommandiert unablässig: Ruby, du musst systematischer vorgehen. Die andere seufzt leidend und stöhnt: Was bringt es, in Linas Sachen herumzuschnüffeln, davon wird sie auch nicht aufwachen. Aber wer war der Typ auf der Treppe?, fragt dann wieder die erste. Ein Irrer, Zufall, stöhnt die zweite, nein, ein Mörder, sagt die erste, vielleicht sogar Linas Mörder, und so geht das ohne Unterlass, bis ich endlich Schritte höre.

Es ist Alex, der sichtlich schlecht gelaunt die Treppen nach oben stürmt.

»Warum sitzt du hier draußen? Sind dir unsere Sofas zu unbequem?« Er mustert mich gründlich. »Du siehst komisch aus.«

»Ich wollte Luft schnappen, bin blöd gestolpert, wollte zurück und hab den Code vergessen. Und was machst du wieder hier?«

»Ich hab Hunger.«

Als ich aufstehe, entfährt mir ein leises Stöhnen. Alex mustert mich kurz, reicht mir dann die Hand, ich greife zu und schleppe mich wortlos hinter ihm her in die Wohnung.

Alex holt sich die kalte Pizza aus der Küche. »Lecker«, nuschelt er mit vollem Mund und setzt sich vor den Fernseher.

»Gute Nacht«, murmele ich und beschließe zu duschen und dann über alles, was ich erlebt habe, erst mal zu schlafen. Aber das ist nicht so einfach, denn als ich mich hinlege, tut der blaue Fleck über meinem Steißbein so weh, dass ich keine Chance habe zu vergessen, was im Keller passiert ist.

Also versuche ich es mit dem Gegenteil. Ich zwinge mich dazu, mich an jedes Detail zu erinnern, das mir einfällt. Aber das ist nicht viel. Es war so dunkel, dass ich nicht mal die Augenfarbe, die Größe oder den Körperbau des Angreifers beschreiben könnte. Er kam mir riesig vor. Andererseits lag ich am Boden. Kommt einem da nicht jeder riesig vor?

Was ist mit der Stimme? »Still!«, hat sie gesagt. Irgendwo hab ich den Tonfall schon einmal gehört. Oder?

Unruhig wälze ich mich hin und her und versuche es mit Schäfchenzählen, aber es klappt nicht.

Irgendwann kommt Mam herein und schaut nach mir. Ich tue so, als ob ich tief schlafen würde. Mit ihr will ich jetzt auf keinen Fall reden.

»Es tut mir leid«, flüstert sie. »Das ist alles meine Schuld.«

Aber ich glaube ihr kein Wort. Sie will nur testen, ob ich wirklich schlafe. Schließlich gibt sie es auf, verlässt Linas Zimmer und ich verbringe den Rest der Nacht in einem so furchtbaren Zustand zwischen Wachen und schlechten Träumen, dass ich heilfroh bin, als der Morgen dämmert.

III

Da kam, als die Sonne aufging, der Schrei über sie.
((15:73))

Seine Hände sind ausgetrocknet von der Arbeit der Nacht, wellig, wie der Wattboden bei Ebbe, die Nägel weich, aber er bemerkt es kaum, weil sein Herz zerrissen und seine Seele angefüllt ist von Trauer und Zorn.

Als er gehen will, nähert sich der Chef im weißen Kittel, befiehlt ihm, noch zu bleiben, aber er kann nicht. Nicht heute. Heute hat er Wichtigeres vor. Als er sich weigert, hebt der Chef die Hand, wie um ihn zu schlagen, doch dann zuckt er nur die Schultern und versichert ihm, dass er nicht zurückzukommen braucht.

Er versucht, mit dem Chef zu reden, verspricht, jemand anderen zu schicken, jemand Guten, aber der Weißkittel will ihn. Nur ihn, denn er ist der Beste auf diesem Gebiet.

Sein Gebiet. Beinahe hätte er gelacht, früher hätte er gelacht. Er spricht fünf Sprachen fließend, dieser Weißkittel kann nicht einmal richtig Deutsch. Aber er hat Macht. Alle hier haben Macht. Nein, er verbessert sich selbst, er ist es, nein, sie sind es, die ihnen diese Macht einräumen, und das ist der Grund, warum er dem ein Ende setzen muss. Genau deshalb muss er sie kriegen.

Sie ist der Schlüssel zum Sieg oder zum Untergang.

Ein Untergang, der sie alle treffen würde.

Und jetzt muss er sich beeilen, der Tag dämmert schon, er darf nicht zu spät kommen. Doch seine Beine sind erschöpft von der Arbeit der Nacht und er kommt nur langsam vorwärts. Kimoni, sagt er sich, und schon geht es schneller, auch wenn er sich auf die Zunge beißen muss, um den Schmerz zu beherrschen. Kimoni, Kimoni, Kimoni, flüstert er, und wie von einem bösen Zauber beflügelt, schafft er es gerade noch rechtzeitig zu ihrem Palast, wo er sich wieder auf die Lauer legt.

Diesmal wird sie ihm nicht entkommen.