6. Kapitel
Als es draußen dunkel wird, schicken die Schwestern mich nach Hause. Nach Hause! Das wird die Wohnung von Mam und Oliver nie für mich sein, aber für den Moment ist es gar nicht so schlecht, denn so kann ich wieder Linas Zimmer durchsuchen. Das habe ich schon an den beiden Abenden zuvor gemacht, bisher ergebnislos. Aber ich kann es nicht lassen. Es muss doch irgendeinen Hinweis darauf geben, warum sie so derart verängstigt war.
Es ist nicht weit vom Krankenhaus zur Mainzerstraße. Die Abendluft duftet zwar nicht so süß wie im Allgäu, aber immerhin riecht es hier auch schon nach Frühling und draußen ist es viel wärmer als in Linas Krankenzimmer. Ich ziehe meine Jeansjacke aus und laufe los. Ich bin so mit meinen Gedanken bei meiner Schwester, dass ich erst im Torbogen zum Hinterhaus merke, dass jemand hinter mir ist.
Hoffnungsvoll drehe ich mich um. Mir ist nämlich gerade eingefallen, dass ich den Code für die Eingangstür vergessen habe. Vielleicht ist es ein Nachbar, der den Code kennt.
Der Hof hinter mir ist leer.
Ich schaue noch mal genauer hin, aber außer einer hässlichen weißen Katze, die um die drei großen, verschiedenfarbigen Müllcontainer streift, kann ich kein lebendiges Wesen entdecken.
Ich gehe weiter zur Tür und versuche, mich zu erinnern. Den Code zur Wohnung weiß ich genau, 1297, aber wie lautet die Zahlenfolge für den Haupteingang?
Dann denk nach, Ruby!
»4731. Und ich hab geglaubt, du wärst der Einstein der Familie …« Alex streckt seinen Finger über meine Schulter hin zur Tastatur, gibt den Code ein und drückt auf das Schlüsselsymbol.
Zusammen gehen wir nach oben.
»Warst du eben schon mal im Hof?«, frage ich ihn.
»Wie kommst du denn auf die Idee?« Er bleibt stehen und wartet, bis ich den oberen Code eingegeben habe. Dann betreten wir gemeinsam die dunkle Wohnung.
Niemand ist zu Hause, natürlich nicht. Mam arbeitet noch und Oliver wollte gleich nach dem Ende seiner Schicht in seine Praxis für Menschen, die nicht krankenversichert sind, von der ich nicht mal weiß, wo sie eigentlich ist.
Gerade als ich Alex fragen will, was er hier will, klingelt sein Handy und er verschwindet kommentarlos im großen Bad, dem von Oliver und Mam. Das ist zurzeit das einzige Bad, das man abschließen kann, das kleine Badezimmer, Linas Badezimmer, hat jetzt kein Schloss mehr und jedes Mal, wenn ich es benutzen muss, wird mir ein bisschen flau. Hier ist Lina auf dem weißen Fliesenboden vor dem Klo zusammengebrochen, an dem Abend, als sie nicht mehr leben wollte. Mam und Oliver waren nicht zu Hause, und als sie kamen, mussten sie das Schloss aufbrechen, um sie dort rauszuholen. Jedes Mal, wenn ich diese Wunde in der eleganten weißen Tür sehe, diese braunen geborstenen Holzsplitter, kann ich Mams Angst um Lina fühlen. Wenn Lina nicht ins Koma gefallen wäre, hätten sie die Tür bestimmt längst ausbessern lassen, um nicht dauernd daran erinnert zu werden, aber im Augenblick sind alle nur von der Sorge um Lina erfüllt.
Ich will gerade in Linas Zimmer verschwinden, denn Alex’ Telefonat scheint zu dauern, da wird mir plötzlich etwas klar. Ich habe keine Ahnung, wo das Handy meiner Schwester ist. Warum bin ich darauf noch nicht gekommen? Ihre Anrufliste, ihre Favoriten, ihr Adressbuch, mit Sicherheit jede Menge Nachrichten und vielleicht sogar Fotos – das wird mich auf jeden Fall einen großen Schritt weiterbringen. Ich bin sicher, sie hat immer noch das altmodische rosa Klappteil mit einer Kette und Anhängern dran, wie wir es vor zwei Jahren bekommen haben. Mam legt immer größten Wert darauf, dass sich keine von uns übervorteilt fühlt. Als ich damals den teuren Granatring bekommen habe, gab es für Lina Ohrstecker, ich weiß das, weil sie mit Pa stundenlang am Telefon darüber gestritten hat. Er fand es übertrieben, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Ich muss Mam nach dem Handy fragen. Vielleicht hat Lina es bei sich gehabt, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. In ihrem Zimmer ist es jedenfalls nicht, das hätte ich schon gefunden.
Oder habe ich es doch übersehen? Schließlich habe ich nicht direkt danach gesucht. Ich gehe schnell in Linas Zimmer und klemme dort erst mal einen Stuhl unter die Klinke, damit Alex mich nicht beim Herumschnüffeln erwischen kann.
Ich kippe zum dritten Mal Linas Eastpaktasche auf den Schreibtisch. Hefte, Bücher und Stifte, sonst nichts. Kein Handy, natürlich nicht. Aber auch keine verkrumpelten Blätter, keine Fotos. Je öfter ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger finde ich das, denn Lina hat alle mit ihrer Fotomanie genervt. Sie hat von jedem unserer Kretaurlaube Millionen Fotos geschossen, aber auch sonst hat sie viel fotografiert, meist Menschen auf der Straße, die gar nicht wussten, dass sie aufgenommen wurden. Und auch in ihr Tagebuch hat sie Fotos geklebt. Früher hat sie mir die manchmal gezeigt.
Ich seufze. Ihr Tagebuch. Noch so etwas, das fehlt.
Ich betrachte den kleinen Haufen auf dem Tisch und mir wird mulmig zumute. Das sieht einfach nicht nach Lina aus. Früher hätte ich leere Kaugummipapiere, alte Taschentücher, Geldstücke, angenagte Radiergummis, Filter und Tabak in ihrer Schultasche gefunden. Sie kaut nämlich ständig an Radiergummis herum und sie raucht heimlich, was aber auch keiner weiß außer mir. Jedenfalls hat sie geraucht, als sie mir damals Merlin ausgespannt hat. Mir hat es nie geschmeckt, aber ihr schon. Ich schüttele noch einmal jedes Buch einzeln aus, nichts. Nicht ein Fitzelchen.
Ihr Zimmer bietet einige Verstecke. Da wäre das Eisenbett von Ikea mit dem Himmel, der alte Bauernschrank von Oma Helga und eine Kommode vom Flohmarkt. Außerdem hat sie einen orangefarbenen Sitzsack, den gleichen hab ich in Pink von Mam bekommen.
Dann ist da noch ihr chaotisches Bücherregal, in dem neben ihren Fotobüchern auch ein paar Kisten stehen.
Aber alles das habe ich an den letzten Abenden immer wieder durchsucht. Immer mit dem gleichen Ergebnis. Nichts.
Kein Handy, kein Tagebuch, keine Fotos.
Nur ihre Kamera, aber der Speicherchip ist leer.
Ich setze mich an ihren Schreibtisch und lege den Kopf in meine Hände. Unmöglich. Auch wenn zwischen meiner Schwester und mir seit einem Jahr Funkkontakt herrscht, ich kenne sie. Irgendwo muss sie ihre Schatzkiste haben, einen kleinen Puppenkoffer zum Abschließen, wo sie die Muschel von Opa und die Ballettschuhe von Oma und das Babybild von Papa, das sie bei ihrem letzten Besuch in Nusstal aus meinem Fotoalbum geklaut hat, aufbewahrt. Verdammt, wo hat sie das nur versteckt?
Ich denke an meine Theorie, dass Lina ihr Handy vielleicht in der Hosentasche hatte, als sie eingeliefert wurde. Vielleicht haben die Schwestern es Mam gegeben? Ich gehe erst ins Wohnzimmer, dann in Mams Schlafzimmer und schaue mich genauer um. Aber obwohl es da, typisch Mam, sehr chaotisch ist, kann ich Linas Handy nirgendwo entdecken.
Alex, der mittlerweile am Küchentisch sitzt und auf seinem iPhone herumtippt, achtet nicht auf mich. Sein Handy klingelt schon wieder, es hört sich an wie eine Sinfonie, ich glaube, irgendwas von Beethoven. Schätze mal, das ist eine Masche, die bei Mädels ganz gut ankommt, vor allem weil er nicht wie ein Voll-Nerd rumläuft, sondern etwas Verwegenes an sich hat.
Ich überlege, ob ich ihn nach dem Handy fragen soll, aber er würde sicher wissen wollen, was ich damit vorhabe. Und außerdem sind da ja noch die Andeutungen von Dennis, von denen ich nicht weiß, ob sie der Wahrheit entsprechen. Nein, ich muss allein herausfinden, was passiert ist, das Lina so verändert hat.
Ich hole mir eine Bionade aus dem Kühlschrank und schaue mich dabei weiter in der Wohnung um, aber ich weiß schon jetzt, dass es eigentlich sinnlos ist. Bleibt mir nur noch, Linas Computer zu durchsuchen. Davor bin ich die letzten Abende zurückgeschreckt, irgendwie kommt es mir so vor, als würde ich in ihre intimsten Geheimnisse eindringen.
Ich laufe zurück in ihr Zimmer und schalte den Computer ein. Unfassbar, sie hat ein Passwort eingegeben. Wer macht denn so was? Zu Hause! Ich habe kein Passwort auf meinem Computer, wozu auch? Pa würde niemals hinter mir herspionieren und ich habe schließlich keine sensiblen Daten auf meinem Rechner über Panzerabwehrraketen oder Code-Red-Aktionspläne gegen eine Invasion von Außerirdischen.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Lina für ein Passwort vergeben haben könnte. Halbherzig versuche ich es mit Mr Singer. Fehlanzeige. Dann probiere ich Merlin, danach Omas Namen, ihr Geburtsdatum, dann das von jedem Einzelnen von uns, alle Musikbands, die sie mal gemocht hat. Nichts, nichts, nichts.
Es klopft an meine Tür.
»Kann ich reinkommen?« Alex steckt den Kopf herein.
»Klar.« Ich habe das Gefühl, ich sollte eine Erklärung dazu abgeben, was ich hier mache. »Ich würde gern Linas Computer benutzen, muss was recherchieren für die Schule.«
»Dann tu’s doch.«
»Sie hat ein Passwort.«
»Du bist angeblich der Einstein der Familie. Kannst du es nicht knacken?«
»Du siehst zu viel CSI. Passwörter kann man nicht so leicht knacken, nur in schlechten Krimis nehmen die Leute den Namen ihrer Katze, ihrer Kinder oder ihr Geburtsdatum.« Ich merke, dass ich rot werde, schließlich hab ich gerade genau das probiert. »Wenn man auch nur ein bisschen Grips hat, verwendet man eine Kombi aus Zahlen und Buchstaben.«
Er sieht irgendwie amüsiert aus. »Du kannst mit zu mir kommen und an meinem Computer arbeiten, wenn du willst.«
»Und hast du auch ein Passwort?«
»Klar.«
»Warum denn?«
Alex zuckt mit den Schultern. »Jeder Mensch hat Geheimnisse, oder nicht?«
Ich hebe den Kopf. »Was hast du denn für Geheimnisse?«
»Die willst du gar nicht wissen, kleine Jungfrau.« Jetzt grinst er ziemlich dreckig und ich würde ihm am liebsten eine reinhauen. Woher will er wissen, ob ich noch Jungfrau bin? Ich werde ihm nicht verraten, dass er sich täuscht. Allein bei dem Gedanken daran, wie es passiert ist, hasse ich mich total. Zum Glück weiß das niemand … so gesehen habe ich natürlich auch Geheimnisse.
»Besser Jungfrau als Nutte!«, sage ich trotzig.
»Wer ist denn hier bitte schön eine Nutte?«, fragt er. »Etwa Lina?« Er mustert mich, als wäre ich plötzlich doch interessanter, als er gedacht hätte.
Ich schließe für einen Moment die Augen. Ich weiß selbst nicht, warum ich das gesagt habe. Lina liegt im Koma und ich mache ihr immer noch Vorwürfe? Was für eine Schwester bin ich denn?
»Natürlich nicht«, erwidere ich. »Sagt man doch so, oder?« Ich überlege für einen Moment, noch einmal auf seine Beziehung zu Lina zu sprechen zu kommen, aber auch wenn Dennis behauptet hat, er würde es nicht übel nehmen – ich ahne mittlerweile, dass Alex nicht so einfach mit der Wahrheit herausrücken wird. Das ist nicht sein Stil. »Wieso bist du eigentlich hier?«, frage ich stattdessen. »Als mein Babysitter?«
»Oliver hat mich beauftragt, dich zu fragen, ob ich etwas für uns kochen soll. Unsere Eltern machen heute einen auf edle Samariter.« Er zieht seine Mundwinkel spöttisch nach links.
Stimmt, ja. Meine Mutter hat es mir heute Morgen gesagt, aber ich habe es vergessen. Nicht nur Oliver, auch sie ist heute in der Praxis, wo sie Menschen behandeln, die keine Krankenversicherung haben oder die illegal in Deutschland leben.
»Zum Thema Kochen: Du hast die Wahl, zwischen erstens …«, Alex macht eine dramatische Pause und hebt grinsend den Daumen, »vegetarischer Biopizza oder zweitens«, er streckt den Zeigefinger, »Pizza Speziale oder drittens«, er streckt auch noch den Mittelfinger, »Pizza Thunfisch.«
»Wow, ein Gourmetkoch also!« Jetzt muss ich auch grinsen. »Wagner oder Ofenfrische?«
»Ofenfrische.«
Ich wähle die mit Thunfisch und er geht in die Küche, um alles vorzubereiten.
Vielleicht sollte ich sein Angebot annehmen, mit zu ihm kommen und an seinem Computer arbeiten? Ich war noch nie in seiner Wohnung und bin neugierig, wie es bei dem Fluch zu Hause wohl aussieht. Ich folge ihm in die Küche, und weil er gerade so nett war, frage ich ihn jetzt doch nach Linas Handy.
»Ihr Handy?« Er reißt die Klarsichtfolie von den Pizzen, als wären es Stahlketten, die er sprengen müsste. »Keine Ahnung. Ist es denn nicht bei ihren Sachen?«
»Nein.«
Er knüllt die Folie zusammen und feuert sie in den Müll, dann schaut er mich verwundert an. »Komisch, Lina hing ständig an ihrem Handy. Aber irgendwie scheinen sich die Dinger in dieser Wohnung in Luft aufzulösen. Mein Vater vermisst seins auch schon eine Weile. Aber vermutlich ist er froh darüber. So ein Luxusgegenstand ist zu viel für Seine Heiligkeit.«
Ich überlege und frage ihn dann, ob er es nicht auch merkwürdig findet, dass Lina keinen Abschiedsbrief geschrieben hat. Das ist natürlich eine Fangfrage, wenn Dennis wirklich recht hatte, dann komme ich vielleicht so weiter.
»Na ja, dass sie keinen Brief hinterlassen hat, ist schon seltsam. Aber weißt du, sie war in letzter Zeit sehr verschlossen.«
»Der ominöse Freund, ich weiß.« Ich sehe ihn an. »Und du hast keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte? Kann es vielleicht sein, dass …«
»Was denn?«
Jetzt oder nie, denke ich, ich muss wissen, ob es stimmt, was Dennis gesagt hat.
»Wäre es möglich, dass sie in dich verliebt war?«
Alex runzelt die Stirn. »Wie kommst du denn auf so einen Blödsinn?«
Ich hab versprochen, Dennis nicht zu verraten. »Hab ich gehört … in der Schule.«
»Ja, die erzählen sich auch, dass Frau Paul mit King Kong schläft. Echt, Schwachsinn!«
Er schüttelt den Kopf. Er wirkt genervt und nicht die Bohne interessiert, aber trotzdem habe ich den Eindruck, als ob das nicht die ganze Wahrheit ist. Als ob er mir etwas verschweigt. »Wirklich, Ruby«, bekräftigt er noch einmal und seine Beteuerungen bewirken bei mir prompt das Gegenteil, »ich hab keine Ahnung, was genau los war. Aber dass etwas mit Lina nicht stimmte, das haben alle gesehen.«
»Super, und keiner hat was unternommen?«
Seine braunen Augen verdunkeln sich zu schwarzen Seen, dann räuspert er sich, als müsste er seiner Stimme erst noch gut zureden. Für einen Moment wird mein Stiefbruder richtig menschlich.
»Nein, und das tut mir verdammt leid.« Er lehnt sich gegen die Küchentheke. »Ich meine, es war nicht leicht, plötzlich eine Schwester zu kriegen, und dann auch noch so ein Plappermaul, das alle um den Finger gewickelt hat.« Jetzt schaut er direkt in meine Augen. »Ich hoffe so sehr, dass sie es schafft.«
Na toll. Das torpediert nun auch den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung und ich fange an zu heulen. Ich setze mich an den Küchentisch, lege den Kopf auf die Platte und schluchze jämmerlich.
Er kommt zu mir und tätschelt meinen Rücken. »Hey, hey, so habe ich das doch nicht gemeint. Natürlich schafft sie es. Und vielleicht ist sie dann sogar wieder so fit wie vorher.«
»Was willst du damit sagen?« Ich hebe alarmiert den Kopf.
»Ich habe Oliver belauscht, wie er mit deiner Mutter darüber gesprochen hat, welche Spätschäden bei Lina durch das Koma entstehen können.«
Was redet er da für entsetzliches Zeug? Jetzt sehe ich Lina vor mir, bleich, in einem Rollstuhl, sabbernd oder mit spastischen Lähmungen. Nun kann ich erst recht nicht mehr aufhören zu weinen. Meine strahlend schöne Schwester.
»Warum erzählst du mir das?« Ich schlage seinen Arm weg, wische mit der Hand über Nase und Augen und versuche, mich zu beruhigen. Ich hole mir ein Küchenpapier, schnäuze mich gründlich und lasse die Bombe platzen, nur um zu sehen, was er dazu sagen wird.
»Wenn du mich fragst, wollte Lina gar nicht sterben. Da ist irgendetwas anderes passiert. Sie hatte Angst.«
Alex lässt mich los, geht zum Ofen, schiebt die Pizzen hinein und dreht sich dann zu mir um. Seine Augen sind wieder braun, aber sie glitzern metallisch wie Messerspitzen. »Und wieso? Glaubst du im Ernst, jemand hätte Lina gegen ihren Willen Schlaftabletten und Wodka eingeflößt? Ein böser Mörder? Hier in der Mainzerstraße?« Er lacht spöttisch. »Wer von uns beiden schaut wohl zu viel CSI? Warum sollte denn irgendjemand auf der Welt deiner lästigen, aber total harmlosen Schwester etwas antun?«
»Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden.«
Alex geht um den Tresen und setzt sich neben mich. Seine Stimme wird merklich wärmer und erinnert mich jetzt an Oliver. »Ich verstehe, wie unglücklich du bist. Du machst dir Vorwürfe und glaubst, du hättest Linas Selbstmord verhindern können. Aber ich habe im Internet ein bisschen recherchiert. Wenn es einer wirklich tun will, dann kann ihn niemand daran hindern. Glaub mir.« Sein Blick wandert hinüber zum Fenster. »Als meine Mutter gestorben ist … Weißt du, das war ziemlich schwer für mich.«
Ich vergesse immer, dass er es auch nicht leicht gehabt hat. Gerade, als ich etwas Tröstendes sagen will, ertönt wieder die Musik aus seinem Handy. Er schnappt sich sein iPhone und verschwindet ohne Kommentar noch einmal im Badezimmer. Diesmal kommt er aber ziemlich schnell zurück.
»Wird leider nichts mit unserer Pizza«, sagt er knapp. »Kannst du meine nachher mit rausholen? Vielleicht komm ich später wieder. Ein Notfall.« Er rennt aus der Wohnung, als wäre er der einzige Arzt auf diesem Planeten und unterwegs zu einer Operation am offenen Herzen.
Der Duft der Pizzen verbreitet sich in der Wohnung und lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich muss an Lina denken und fühle mich mies, dass ich hier sitze und etwas so Triviales machen kann wie Pizza essen.
Ich hole die Pizzen aus dem Ofen und setze mich dann mit meiner vor den Fernseher, was sonst streng verboten ist, heute aber trotzdem keinen Spaß macht. Nachdem ich lustlos die Hälfte von meiner Thunfischpizza heruntergewürgt habe, kriege ich keinen Bissen mehr runter und lege den Rest auf einen Teller. Lina geistert ständig durch meinen Kopf. Ich muss wissen, wo ihr Handy ist. Und selbst wenn Alex recht hat und Lina hat wirklich versucht, sich umzubringen, muss ich den Grund dafür kennen.
Ich räume die Küche auf, dann nehme ich mir noch einmal Linas Zimmer vor.
Nichts. Nichts. Nichts.
Nach zwei Stunden werfe ich mich wütend und enttäuscht auf den Sitzsack und versuche, mich zu beruhigen. Es ist doch mehr als merkwürdig, dass ich gar nichts finde. Kann es wirklich sein, dass sie vor ihrem Selbstmord alles so akribisch aufgeräumt hat? Es sieht ihr einfach nicht ähnlich. Überhaupt nicht.
Du steigerst dich da in was rein, Ruby. Woher willst du wissen, was Lina ähnlich sieht? Du hast seit fast einem Jahr kaum noch Kontakt zu ihr gehabt.
Ich rutsche unruhig auf Linas Sack hin und her, der sich viel unbequemer anfühlt als meiner.
Nur mal angenommen, jemand hätte doch nachgeholfen? Hätte dafür gesorgt, dass keine Spuren zurückbleiben?
Aber welche? Und warum?
Irgendetwas drückt mich in den Rücken. Ich setze mich auf und schaue nach. Nichts.
Aber dann dämmert es mir. Ich suche den Reißverschluss des Bezugs, ziehe ihn auf und greife hinein. Da ist etwas zwischen dem Bezug und dem mit Styroporkügelchen gefüllten Sack. Es fühlt sich metallisch an. Eine Gänsehaut läuft mir den Rücken herunter, ich greife danach, es ist ganz leicht.
Ein Schlüssel an einem Lederband. Auf dem Lederband ist etwas eingestickt. »Wende dein Gesicht stets der Sonne zu, dann fallen alle Schatten hinter dich.« Von dem Band steigt ein seltsamer Duft auf.
Irgendwo habe ich den schon mal gerochen.
Ich betrachte mir den Schlüssel genauer, es ist kein Tür-, kein Briefkasten- oder Fahrradschlüssel. Er sieht eher altmodisch aus, der Kopf des Schlüssels ist verziert und der Bart winzig. Vielleicht gehört er zu einem Schmuckkasten oder Tagebuch.
Ich hänge mir den Schlüssel um den Hals und gehe suchend durch ihr Zimmer. Nichts. Verdammt noch mal, nichts, was zu diesem Schlüssel passt.
Was gäbe es noch für Möglichkeiten? In unserem Haus im Allgäu gibt es Scheunen, Ställe, Dachböden, Garagen und Keller und sogar einen stillgelegten Brunnen.
Dachboden haben sie hier keinen, das weiß ich, weil das Dach in schicke Penthousewohnungen umgewandelt wurde. Die Garage ist eine Tiefgarage. Aber was ist mit dem Keller? Es muss einen Keller geben und ich bin sicher, dass weder Oliver noch Mam da oft reingehen. Dazu sind sie viel zu beschäftigt.
Ich ziehe mir Schuhe an und laufe zum Schlüsselbord neben der Haustür. Hier hängen die Schlüssel für die Fahrräder und noch ein paar andere, die ich nicht zuordnen kann. Leider fällt mir jetzt ein, dass der Keller wahrscheinlich auch mit einem Code gesichert ist. Andererseits – von innen hat man doch wohl einen direkten Zugang?
Ich finde einen Schlüsselbund mit zwei Schlüsseln, deren Plastikanhänger mit »Keller« beschriftet ist. Der eine sieht aus wie der Schlüssel von einem Fahrradschloss, der andere ist ein großer alter Schlüssel.
Ich muss nicht lange überlegen. Ich schnappe mir den Schlüsselbund, taste noch einmal nach meinem Fundstück aus dem Sitzsack, das um meinen Hals hängt, und mache mich auf den Weg ins Treppenhaus.
www.wahrste-liebe.de
Blog für alle, die wirklich lieben
Heute:
Einige Anmerkungen zum Berühren/Teil I
Ich bin enttäuscht, dass die armseligen Kommentare alle so vorhersehbar sind, wie von mir befürchtet. Ich habe trotzdem beschlossen, das hier weiterzumachen.
Es muss doch mehr Menschen wie mich geben, Menschen, die bereit für die ganz große Liebe sind. Die unter Liebe nicht nur die Ausweitung ihres Egos verstehen, sondern völlige Hingabe, Aufgabe. Oh ja, ich höre schon die Löwenmeyers-Kommentatorin vom letzten Mal aufschreien und etwas von der Freiheit der Frau labern, aber es ist doch vielmehr so: Ich selbst entscheide, wann und wen ich lieben will. Nur dass das bei den allermeisten nicht viel mehr bedeutet als der Austausch von ein paar Körpersekreten.
Ihr erinnert euch, der heiligste Tag in meinem Kalender ist der dreißigste September, der Tag, an dem wir uns berührt haben. Nach diesem Tag war ich noch verwirrter als vorher schon, denn alles war von so erlesener Vollkommenheit, dass ich mich immer fragen musste, ob ich mir diese Wirklichkeit nur zurechtgeträumt habe. Und auch der Blick in das Gesicht meines Geliebten hat mich nur wieder schaudern lassen. War es möglich, dass dieser perfekt schöne Mensch und ich ein Paar waren, oder war das nur ein Traumbild meiner Wünsche? Und doch fühlte ich seine Berührungen auf meiner Haut, so weit konnte mein Wahn nicht gehen. Nein, das war real. Und so begann das Erste Mal:
Er und ich mussten natürlich in ein Hotel gehen, weil wir es nicht riskieren konnten, von ihr gesehen zu werden. Zum Glück hat er das auch eingesehen, obwohl er sonst nicht gerne Geld ausgibt. In eine Absteige wäre ich niemals mitgegangen – nein, das bedeutet nicht, dass ich ihn nicht auch in einem duftenden Heuhaufen lieben würde, aber für diesen heiligen Tag wäre mir das nicht genug gewesen.
Er hat die Schlüssel besorgt und dann bin ich zuerst hineingegangen, um alles vorzubereiten. Nicht, um Rosenblätter überall zu verstreuen oder ähnlich lächerlichen Quatsch – nein, um ein Bad zu nehmen. Ich wollte ganz entspannt sein, meine Haut sollte duftend weich sein, ihn für immer an mich binden. Wollte ganz offen sein für alles. Musik hatte ich mir mitgebracht, ganz besondere Musik. Musik, die mich einlullt und gleichzeitig wach macht: die Promenade Sentimentale aus der Filmmusik von Diva.
Während ich noch beschäftigt war, mich abzutrocknen, kam er schon.
Er hatte mir eine Blume mitgebracht. Keine Rose, kein Veilchen, keine Tulpe, nein, nichts dergleichen Vorhersehbares.
Es war eine reine weiße Lilie.
Er warf seine Jacke ab und betrachtete mich, umarmte mich mit seinem Blick. Dann lächelte er und berührte mit dem kalten weißen Blütenkelch meine erhitzte rosarote Haut, streichelte sacht über meine Schlüsselbeine zu den Schultern, langsam zurück und seitlich an meinen Brüsten vorbei zum Nabel, vom Nabel zu meinem Schoß und den Innenseiten meiner Schenkel.
Alles in mir zog sich zusammen, ich war voll gespannter Aufmerksamkeit und gleichzeitig zittrig wie ein junges Fohlen. Schließlich legte er die Lilie vor meine Füße, kniete sich nieder und küsste meine Zehen.
Dann ersetzte er den weißen Kelch durch seine warmen hauchzarten Fingerspitzen. Das Kribbeln wurde nun beinahe unerträglich. Noch nie habe ich solche Gänsehaut am ganzen Körper gehabt, alles richtete sich auf, war in höchster Aufregung, ich wollte mich an ihn drängen, aber er ließ es nicht zu, hielt mich von sich weg, und erst als seine Fingerkuppen wieder meine Schlüsselbeine berührten, erlaubte er mir, ihn auch zu berühren. Und während der ganzen Zeit sprach er kein Wort.
Kein einziges Wort.
5 Kommentare:
Muschifan sagt:
Vile Mer saftiges!
Delphinlove sagt:
So so süß und sooo romantisch!
Yaya sagt:
Bullshit, nichts als bullshit. Das alles klingt für mich nach den Hirngespinsten einer einsamen Spinnerin! Kein Mann, der einer ist, würde sich so lächerlich verhalten!
Unsinn, yaya du hast keine Ahnung! Und du musst das ja nicht lesen …
webmaster.wahrste-liebe.de
Yaya sagt:
Aber du willst doch, dass es alle lesen, oder nicht?
Ja, allein schon deshalb, damit so Ignoranten wie du die Chance auf Nachhilfe haben.
webmaster.wahrste-liebe.de
Löwchenmeyers sagt:
Ich glaube, du verrennst dich da in etwas und willst eigentlich, dass dir jemand hilft. Dein sogenannter Blog ist ein Hilfeschrei.
Da irrst du dich, ich möchte nur mein Glück mit euch teilen. Ihr alle sollt sehen, was möglich ist.
webmaster.wahrste-liebe.de