4. Kapitel

Seit drei Tagen lebe ich jetzt in Linas Zimmer. Seit drei Tagen ist ihr Zustand unverändert. Pa wohnt immer noch bei Andreas und vermutlich wird das erst einmal so bleiben. Mama hat ihm angeboten, dass er in einem Nebenzimmer ihrer Zahnarztpraxis übernachten kann, aber das wollte er nicht und ich kann das gut verstehen. Wer möchte schon mit diesem fiesen Geruch nach Betäubungsspritzen, Desinfektionsmittel und Schleifstaub einschlafen und wieder aufwachen?

Mich haben sie in Linas Schule angemeldet, was ich ziemlich überflüssig finde. Ich habe keine Lust darauf, in Linas teure Privatschule zu gehen. Meine Schule im Allgäu ist ein katholisches Mädchengymnasium, weil das nächste gemischte Gymnasium noch weiter weg liegt. Felicitas, die bei mir um die Ecke wohnt, fährt jeden Tag mit mir im Bus. Es ist zwar weit, aber auf dem Hinweg bringen wir meistens unser Hausaufgaben-Sharing zu Ende. Ich erledige Mathe und Physik für uns, sie Deutsch und Englisch. Das klappt prima. Auf dem Rückweg haben wir dann jede Menge Zeit zum Quatschen. Feli ist nicht nur die Einzige, mit der ich wirklich über alles reden kann: von Pa bis Pickeln von Lina bis Liebe und von Mathe bis Merlin. Sie ist auch die Einzige, die mich darüber hinwegtröstet, dass ich in jeder Klasse die Jüngste bin, weil ich in der Grundschule eine Klasse überspringen musste. Am schlimmsten war es damals, als alle anderen Mädchen ihre Tage schon hatten und ich ständig gefragt wurde, ob ich denn auch schon Blut sehen würde. Einen Spitznamen hatte ich auch: Superhirni. Erst war das als Beleidigung gemeint, aber dann haben wir mit meinem Atargatisprojekt bei »Jugend forscht« den zweiten Preis in Biologie gewonnen und seitdem ist es nicht mehr böse gemeint.

Lina dagegen ist ziemlich mau in der Schule und mogelt sich immer irgendwie durch, genau wie Alex. Der hat schon zwei Ehrenrunden gedreht, deshalb macht er jetzt erst Abi. Er findet es nicht normal, dass mir Mathe Spaß macht und Physik und Bio und Chemie. Lina auch nicht, aber wenigstens hat sie mich nie Superhirni genannt, das muss ich ihr lassen. Sie weiß, dass ich meinen Namen liebe. Ich habe ihn den Rolling Stones zu verdanken. Pa ist Fan und angeblich hat er sich in Mama verliebt, als sie zu dem Song Ruby Tuesday getanzt haben.

Ich bin sicher, als meine Mutter Oliver kennengelernt hat, wurde nicht getanzt. Viel eher haben sie sich zusammen einen Bericht auf Deutschlandradio Kultur über Mutter Teresa angehört, denn auch Oliver ist ein Heiliger. Er arbeitet jedes Jahr einen Monat für »Ärzte ohne Grenzen«, außerdem hat er eine Praxis für Menschen aufgebaut, die in Deutschland ohne Krankenversicherung leben. Er engagiert sich dort einmal die Woche unentgeltlich und zusätzlich fährt er jeden zweiten Samstag mit einem Bus durch München und versorgt Obdachlose. Seit Mama ihn kennt, ist sie plötzlich auch sozial engagiert, vorher wollte sie bloß viel Geld als Zahnärztin verdienen. Und weil sie beide so wahnsinnig wohltätig sind und keine Zeit haben, müssen Lina und Alex auf diese bescheuerte Ganztages-Privatschule gehen, die in einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik untergebracht ist.

Heute ist mein erster Schultag in der Schopenhauerschule. Ich habe meinen Eltern erklärt, dass es völliger Schwachsinn ist, mich dorthinzuschicken. Für die Rektorin meiner Schule war es völlig okay, dass ich ein paar Wochen fehle, aber das hat niemanden interessiert. Sie wollen, dass ich tagsüber untergebracht bin und etwas Sinnvolles mache, statt auf dumme Gedanken zu kommen. Sinnvoll? Viel sinnvoller hätte ich es stattdessen gefunden, den ganzen Tag bei Lina zu sein, aber da habe ich auf Granit gebissen.

Und weil ich es nicht ändern kann, habe ich beschlossen, meinem Schulbesuch eine gute Seite abzugewinnen. An der Schopenhauerschule kann ich wahrscheinlich am ehesten herausfinden, was genau mit Lina passiert ist. Schließlich verbringt sie ja die meiste Zeit des Tages mit ihren Klassenkameraden. Und ich erinnere mich, wie Mam mir erzählt hat, dass Lina im Krankenhaus von ihnen besucht wurde. Vielleicht hat sie denen noch etwas gesagt, irgendetwas, das mich auf eine Spur bringt, wovor sie so große Angst gehabt hat.

Nicht zu vergessen der Typ, in den Lina verliebt war und der angeblich mit ihr Schluss gemacht hat. Den muss ich als Erstes kennenlernen, wenn er denn überhaupt auf diese Schule geht.

Und wenn es ihn überhaupt gibt. Ich kann mir nach wie vor schwer vorstellen, dass Lina Liebeskummer hatte. Bisher war es immer so, dass sich die Jungs ihretwegen die Augen ausgeheult haben, nicht umgekehrt.

Die Schule ist viel schöner als der Betonkasten, in den ich gehe. Es ist ein Bau aus roten Ziegeln mit vielen Erkern und Vorbauten, von Rasenflächen und Blumenbeeten umgeben. Weil die Schopenhauerschule eine teure Privatschule ist, hatte ich erwartet, dass die Mädchen Gucci-Brillen tragen und sich wie Paris Hilton gebärden, aber komischerweise sehen alle ganz normal aus. Die meisten tragen Jeans und T-Shirts, nur ihre Ledertaschen und Täschchen sehen verdächtig nach It-Bags aus. Ich komme in die 11A im zweiten Stock links, werde von der Klassenlehrerin Frau Paul kurz vorgestellt und soll mich dann auf Linas Platz setzen. Das fühlt sich komisch an und mir ist völlig klar, was alle denken.

Diese fade Bohnenstange soll Linas Schwester sein?

Die anderen Schüler glotzen mich unauffällig an, und als ich mich setze, ist das Getuschel groß.

Nur meine Nachbarin lächelt mich freundlich an. »Das mit deiner Schwester tut mir total leid«, wispert sie mir zu, »auch wenn sie eine ziemliche Bitch ist. Ich heiße übrigens Gretchen.«

»Gretchen? Echt?« Ich bin doppelt verblüfft. Darüber, dass sie so unverblümt ihre Meinung zu Lina äußert und über ihren Namen. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der Gretchen heißt und nicht schon mehr als drei Jahrhunderte tot ist.

Sie lächelt immer noch. »Man spricht es Grättschän aus. Meine Mutter stammt aus Kanada, mein Vater ist Italiener. Ich heiße Gretchen Rubino.«

Jetzt muss ich auch lachen. Ruby und Gretchen Rubino, ob das ein gutes Vorzeichen ist? Ich schaue sie von der Seite an. Sie sieht gar nicht aus wie ein Gretchen, sie ist nicht blond, sondern dunkelhaarig und hat sehr hohe Wangenknochen. Irgendwie indianisch, eine Pocahontas mit blauen Augen. Dann fällt mir wieder ein, was sie gerade über Lina gesagt hat. »Was meinst du damit, dass Lina eine Bitch ist?«

»Das hab ich nicht so gemeint, tut mir leid.« Sie redet ganz schnell weiter, vermutlich um die peinliche Situation zu überspielen. »Vergiss es am besten gleich wieder. Ich drücke die Daumen, dass sie schnell wieder aus diesem fiesen Krankenhaus rauskommt. Das Elisabethenstift ist ein ziemlich übler Schuppen, ich habe da mal ein Praktikum gemacht, tief unten im Keller. Betten desinfizieren.« Sie seufzt. »Was tut man nicht alles, wenn man Ärztin werden will, aber eine Null in Bio ist.«

Frau Paul wirft uns einen bitterbösen Blick zu und geht ihre Anwesenheitsliste weiter durch. Es sind drei Victors, zwei Lukasse und drei Alexe dabei, bei den Mädchen gibt es drei Maries und zwei Luises. Zum Glück haben die meisten zur besseren Unterscheidung Doppelnamen, aber ich kann mir trotzdem nicht alle merken, was vermutlich auch nichts ausmacht, denn ich habe ja nicht vor, lange hierzubleiben. Erst gestern hat ein neuer Spezialist Lina untersucht und laut Pa meinte er, dass Linas Zustand sich von einem Tag auf den anderen bessern kann.

Nachdem Frau Paul mit der Anwesenheitskontrolle fertig ist, wird Gretchen als Klassensprecherin dazu verdonnert, mir später die Abläufe zu erklären und mich auf dem Schulgelände herumzuführen. Sie nickt Frau Paul ergeben zu, verdreht dann aber leicht ihre Augen.

Als sie merkt, dass ich das gesehen habe, wendet sie sich zu mir. »Entschuldige. Nimm es nicht persönlich, ich wollte mich in der großen Pause bloß auf eine Zigarette mit einem Kerl treffen und das kann ich jetzt abhaken.« Sie seufzt und lächelt mich gleichzeitig wieder an.

Ich frage mich wirklich, warum Gretchen so etwas Gemeines über Lina gesagt hat. Eigentlich wirkt sie ganz okay. Ich meine, ich kann ja nicht erwarten, dass sich alle Welt mordsmäßig freut, wenn ich aufkreuze und ihre Pläne durcheinanderbringe, oder? Ich schaue mich in der Klasse um und überlege, wer von ihnen mit Lina befreundet ist. Nachher werde ich Gretchen darüber ausfragen, denn Frau Paul sieht so aus, als würde sie mächtig sauer werden, wenn ich ihren Unterricht noch einmal störe.

Als es endlich zur Pause klingelt, werde ich in Sekundenschnelle von jeder Menge Mädchen umringt, die alle wissen wollen, wie es der armen Lina geht. Aber Gretchen verscheucht sie und bahnt mir den Weg durch das Schulgebäude.

»Dafür hast du später noch Zeit. Jetzt zeige ich dir erst mal alles, okay? Also, wir haben hier AGs, die wir Klubs nennen. Das klingt einfach besser. Du musst mindestens einen belegen, wobei du dich zwischen fünf entscheiden kannst. Man kann auch selbst einen gründen, aber das kommt für dich ja wohl eher nicht infrage.« Das spult sie so schnell ab wie die Verkäufer bei Starbucks, bei denen ich Landei auch nie mitbekomme, was sie meinen: Latte mit oder ohne fettarmer Milch, mit Creme-Caramel- oder Blaubeergeschmack, mit oder ohne Koffein, großer oder kleiner Espresso, doppelt oder einfach geschäumt oder nur heiß …

»Und in welcher AG hat Lina mitgemacht?«

Gretchen zieht ihre linke Augenbraue hoch. »Du hast also keine eigenen Präferenzen?« Sie seufzt. »Klar, das kenne ich nur zu gut von meinen jüngeren Schwestern. Die sind auch zu nichts nutze und klauen nur meine Klamotten aus dem Schrank.« Sie hält inne und schaut mich entsetzt an. »Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist, ich meine das gar nicht so, wie es für dich vielleicht klingt.« Sie geht weiter. »Also, als einer der ersten Klubs wurden die Alpha-Tiere gegründet. Die engagieren sich sozial, besuchen Altersheime, lesen benachteiligten Kindern vor oder helfen bei der Münchner Tafel mit. In dem Klub war Lina bis vor Kurzem und dein cooler Stiefbruder ist immer noch drin.« Sie dreht mir den Kopf zu. »Oder sagt man Halbbruder?«

»Stiefbruder«, murmele ich und versuche, mir Alex bei den Alphatieren vorzustellen, was mir nicht so recht gelingen will. Der Fluch engagiert sich sozial, so wie sein Vater? Merkwürdig.

»Dann haben wir die Beta-Tiger, die machen Hip-Hop, die Gamma-Einsteins, die forschen, aber wenn du mich fragst, ist das der Klub der Supernerds. Bleiben noch unsere Psi-Sterne. Wir haben im Netz eine Astroseite, mit der wir richtig Schotter für die Schule verdienen. Lina ist zu uns gewechselt, als sie bei den Alphatieren raus ist. Lass mich mal überlegen, hab ich was vergessen? Nein, ich glaube nicht.«

Während sie all das im Stakkatotakt von sich gibt, rennt sie mit mir durch die Schule und reißt ab und zu eine Tür auf, um in einen leeren Raum hineinzudeuten. »Alles klar?«

Nein, denke ich, gar nichts ist klar. Das geht viel zu schnell.

»Gut, dann zeige ich dir noch unsere neue Mensa. Ach ja«, Gretchen schlägt sich auf die Stirn. »Natürlich gibt’s noch die Kochgruppe, die hätte ich fast vergessen, die Omega-Fettis.« Sie lacht und schaut mich prüfend an, ich ringe mir ein Lächeln ab, obwohl ich keine Ahnung habe, was daran lustig sein soll.

»In Wahrheit heißen die natürlich die Omega-Chilis, aber so nennt sie keiner. Wenn du einen von ihnen triffst, wirst du sehen, dass Omega-Fettis viel besser passt. Ich war auch mal bei einem Treffen bei denen, weil mein Vater ein paar Pizzerien hat und ich dachte, Kochen wäre was für mich, aber das war ein Irrtum.« Sie hält kurz inne und mustert mich mit kritischem Blick. »So wie ich dich einschätze, könntest du gut zu den Gamma-Einsteins passen. Hast du nicht bei Jugend forscht sogar schon mal etwas gewonnen? Hat Lina jedenfalls behauptet.«

Das trifft mich mitten ins Herz, Lina hat ihr davon erzählt? Mit mir hat sie nie darüber gesprochen.

Atargatis hieß mein Projekt, Atargatis ist eine syrische Göttin, deren Symbol der Granatapfel ist. Ich habe untersucht, ob das Einnehmen von Granatapfelsud das Immunsystem verbessern kann. Und dafür habe ich im Frühjahr vor einem guten Jahr den zweiten Preis im Bereich Biologie gewonnen. Pa war so stolz auf mich, dass er mir einen wunderschönen Granatring geschenkt hat, den ich seitdem nie mehr abgelegt habe. Auch wenn mich der Ring ein bisschen an Merlin erinnert, denn kurz nach dem Projekt sind Merlin und ich ein Paar geworden. Aber nur bis zum Sommer, denn Lina hat die Sommerferien bei Pa und mir verbracht und sich Merlin geschnappt.

»Hmm«, sage ich bloß. »Und du? Du bist bei den Astroleuten, oder?«

Sie nickt und meine Entscheidung ist gefallen, diese AG zu wählen, nicht nur, weil ich Gretchen schon kenne, sondern auch, weil Lina dort zuletzt Mitglied war. Der Grund für ihren Selbstmordversuch kann nicht ewig zurückliegen und vielleicht finde ich dort etwas heraus.

Jetzt sind wir in der Mensa angekommen, die aussieht, als wäre sie als Kulisse für Krieg der Sterne, Teil 7 entworfen worden. Die Wände sind aus Glas mit eingeschlossenen erstarrten Blubberblasen, die Decken aus Stahl und die Stühle aus türkisblauem Drahtgeflecht. Man erwartet geradezu, dass kleine weiße Roboter durch die Reihen rollen und das Essen servieren, aber das muss man sich genau wie in meiner Schule selbst am Tresen holen.

»Hier, eine Marke. Damit kannst du alles essen, was du willst. Gib sie mir bei Gelegenheit wieder zurück, okay? Guten Appetit. Ich schau mal, ob ich das mit meiner Zigarette noch schaffe.« Gretchen zwinkert mir zu und schwebt davon.

Ich bleibe stehen und versuche zu kapieren, wo man sich anstellen muss und wie das System hier funktioniert.

»Die Lasagne ist heute super«, sagt plötzlich ein Typ neben mir. Die braunen Locken fallen in sein schmales sonnenverwöhntes Gesicht, er schnickt sie mit einer lässigen Geste weg und dann fixieren mich seine Augen, deren Farbe ich nicht recht bestimmen kann – Braungrüngold irgendwas –, und weil er ein bisschen größer ist als ich, was selten vorkommt, muss er sogar zu mir herunterschauen. Und ich habe den Eindruck, ihm gefällt, was er da sieht, denn nach einem kurzen Moment zeigt er auf das Getümmel am Tresen. »Du bist neu hier, oder? Brauchst du Hilfe?«

»Nein, das schaff ich schon.«

»Wenn du willst, dann setz dich doch nachher zu mir. Ich bin Dennis. Dennis Wallenstein junior, um genau zu sein.« Er grinst mich an, als wäre es ganz normal, fremde Mädchen so anzustrahlen, dann geht er weg, schnickt seine Haare wieder aus dem Gesicht, dreht sich noch einmal nach mir um, dabei stolpert er über einen Rucksack, der am Boden liegt, und die Schorle auf seinem Tablett gerät gefährlich ins Wanken. Er rettet sie mit großer Geste. Jetzt muss ich auch grinsen.

Scheint ein netter Kerl zu sein, dieser Dennis, auch wenn er ein blau-weiß gestreiftes und gebügeltes Hemd trägt, was sogar Pa zu spießig wäre. Damit wirkt er auf jeden Fall älter als die anderen, bestimmt ist er schon in der Abschlussklasse.

Ich hole mir auch ein Stück Lasagne, dabei mag ich Lasagne gar nicht so gern, und steuere dann seinen Tisch an. Er hat mir den Platz wirklich frei gehalten. Als ich mich neben ihm niederlasse, werfen mir die anderen neugierige Blicke zu. Ich stelle mich kurz vor, und als ich Lina erwähne, senken alle betrübt ihre Köpfe und murmeln so etwas wie »Gute Besserung« und »Echt eine Schande, das« vor sich hin. Dann herrscht für einen Moment Stille.

»Kennt einer von euch meine Schwester vielleicht näher? Hat jemand eine Ahnung, warum sie das getan haben könnte?«, frage ich, woraufhin nach einer Schrecksekunde plötzlich alle wieder anfangen zu reden. Lina scheint ziemlich beliebt zu sein, zumindest kennt fast jeder sie hier. Genauso, wie fast jeder behauptet, er hätte niemals gedacht, dass Lina so etwas tun würde.

Dennis tritt mich unter dem Tisch ans Schienbein. Ich zucke zusammen und starre ihn wütend an. »Was soll denn das?«

Er streift seine Haare hinter sein linkes Ohr und wirft mir einen beschwörenden Blick zu. »Oh, sorry, das sollte nicht wehtun. Lass uns nachher darüber reden«, flüstert er mir zu. »Allein.«

Ich kann es kaum erwarten, aber zuerst muss ich noch ins Sekretariat, um Formulare auszufüllen. Dann bringt mich die Schulsekretärin, bei deren Anblick die Rektorin meiner Schule im Allgäu ohnmächtig geworden wäre, zum Raum des Astroklubs, für den ich mich entschieden habe. Die Sekretärin ist kaum älter als ich und hat circa zwanzig Sicherheitsnadeln im Gesicht und genauso viele verschiedene Haarfarben auf ihrem Kopf. Dafür ist der Rest ihrer Garderobe tiefschwarz und kunstvoll zerlöchert.

»Tut mir sehr leid mit deiner Schwester.« Sie zögert einen kurzen Moment. »Sie war schon die ganze letzte Woche so komisch. Erst wollte sie mit dem alten Hahner, dem Rektor, reden, dann mit der Margit, unserer Schulpsychologin. Aber die waren auf einer Tagung in Berlin und mir wollte sie nicht sagen, was sie auf dem Herzen hat. Bitte richte Lina aus, dass ich sie vermisse, wenn du sie siehst, okay? Hier ist es.« Sie verzieht ihr Gesicht zu einem Lächeln und die Nadeln blitzen auf. »Hey, das wird schon wieder, Lina ist zäh.« Sie zeigt auf meine rechte Hand. »Cooler Ring, übrigens!« Dann dreht sie sich um, klopft an die Tür, reißt sie sofort auf und brüllt in den Raum: »Hier kommt Linas Schwester, Ruby, seid nett zu ihr!«

Mir schießt angesichts dieser Vorstellung das Blut in den Kopf, ich werde knallrot, mir bricht der Schweiß aus, und als ich merke, dass Dennis von vorhin auch da ist, wird mir dazu noch schwindelig.

»Hi«, sagt er, »dann hatten die Sterne doch recht und ich kriege heute eine ordentliche Portion Venus ab.« Er grinst mich wieder so nett an wie vorhin in der Kantine und stellt mich den anderen vor.

Gretchen, die an einem Flachbildmonitor sitzt, winkt mir zu und auch die anderen lächeln freundlich.

Schnell merke ich, dass Dennis hier so etwas wie der Wortführer ist. In einem Anzug würde er glatt als erfolgreicher Jungmanager durchgehen. Die anderen wirken wie ein Kindergarten neben ihm, erstaunlicherweise sind es mehr Jungs als Mädchen.

»Ich dachte immer, nur Frauen lesen Horoskope?«, sage ich, nachdem er mir alle vorgestellt hat.

»Mag schon sein, aber wir brauchen vor allem Programme für die verschiedenen Analysen«, erwidert er. »Im Grunde sind Tim, Lukas und Victor hier als Programmierer tätig. Gretchen und Isabel beantworten die Mails und schreiben die Texte der anderen Astroprogramme ein bisschen um, sodass sie sich nicht so altmodisch anhören.«

»Damit verdient ihr Geld?«

»Und wie! Das ist wie eine Lizenz zum Geldscheinedrucken.« Er schnickt seine Locken aus dem Gesicht und schiebt mit zusammengepressten Lippen noch ein »Money!« hinterher.

Dennis hat etwas Faszinierendes. Die Szene vorhin in der Kantine hatte etwas Tollpatschiges, da hat er wie eine Art superschlanke Ausgabe von Doug in King of Queens gewirkt, aber der Kommentar eben hätte auch von einem aalglatten Investmentbanker kommen können.

»Wir verkaufen billige Apps fürs Handy, Tagesabos und zusätzlich Einzelprognosen und Analysen. Außerdem suchen wir noch jemanden, mit dem wir regelmäßig Videos machen können. Schau mal!« Er zieht mich vor einen Monitor und spielt ein Video mit einer dicken rothaarigen Frau ab, die vor einem Sternenhimmel freundlich lächelnd das Horoskop für alle Waagen erläutert.

»Und du glaubst an so etwas?«, frage ich, während das Video läuft.

Dennis zuckt mit den Schultern. »Ich glaube nicht, dass man mit der Vorhersage für alle Menschen eines Sternzeichens richtig liegen kann, aber es ist schon erstaunlich …« Er verstummt. »Und warum bist du hier?« Er wirkt ehrlich interessiert. »Ich hätte gedacht, dass du zu den Gammas gehst. Dir eilt der Ruf eines Einsteins voraus. Unfassbar, dass unter diesem sexy Körper auch noch ein Superbrain versteckt sein soll.«

Jetzt werde ich schwallartig knallrot. Ich weiß gar nicht mehr, wann jemand auch nur annähernd etwas so Schmeichelhaftes zu mir gesagt hat. Und selbst wenn er ein bisschen dick aufgetragen hat, merke ich, wie gut es mir tut. Da schäme ich mich gleich noch mehr, schließlich bin ich ja nur hier, weil ich die Ursache von Linas Angst herausfinden möchte. Und all das verhindert, dass mir auch nur der Ansatz einer Antwort einfällt.

Gretchen gesellt sich zu uns und wirft Dennis einen Blick zu, den ich überhaupt nicht einordnen kann. Dann stellt sie sich zwischen ihn und mich. »Dennis, ich weiß, du musst ständig deinen Charme versprühen, aber ich könnte mir vorstellen, dass du Ruby damit ziemlich durcheinanderbringst. Sie hat es gerade schwer genug mit ihrer Schwester, oder?« Sie lächelt mir zu und ich bin dankbar, dass sie mich aus der peinlichen Situation erlöst. »Kannst du auch schreiben?« Sie geht zu ihrem Computer. Ich folge ihr und überfliege den Text, auf den sie deutet. Heute sollten Sie sich Ihren Gefühlen stellen und dafür sorgen, dass es Ihnen gut geht.

Na toll. Das ist so allgemein, das könnte auf jeden zutreffen.

»Und was soll ich da machen?«

»Es muss lustiger werden. Unser witziges Horoskop läuft am besten, aber es ist schwer, das gut zu schreiben.«

Ich spüre die Blicke der anderen in meinem Rücken. Dennis ist uns hinterhergekommen und legt Gretchen eine Hand auf die Schulter. Ich bin sicher, dass es wie zufällig aussehen soll, er aber genau weiß, was er tut.

»Ich dachte, in den Arbeitsgemeinschaften soll man zusätzliche Kompetenzen erwerben. Ich frag mich, wozu soll dieser Horoskop- …«, beinahe hätte ich -quatsch gesagt, kann mich aber gerade noch bremsen, » …-kram denn gut sein? Bei den anderen AGs kapiere ich sofort, was der Nutzen dabei ist, aber was lernt man bei euch?«

Dennis bricht in schallendes Gelächter aus. Die anderen fallen ein und Gretchen lacht am lautesten.

»Wir lernen, wie Marktwirtschaft funktioniert.« Dennis legt jetzt seine zweite Hand auf meine Schulter. Gretchen bemerkt es und dreht sich von ihm weg. »Wir lernen, wie man Webseiten programmiert oder wie Geldtransfer übers Netz abläuft. Wenn du mich fragst, ist das hier die beste Arbeitsgruppe. Hier wirst du fit gemacht fürs Leben, alles andere ist doch Pipifax.«

»Und was hat Lina hier getan?«

Gretchen schaut fragend zu Dennis.

»Sie war nur kurz in unserem Klub«, antwortet er dann für sie.

»Aber was genau hat meine Schwester gemacht?«, beharre ich.

»Sie hat das Design für unsere Homepage neu gestaltet, sie war …«

Gretchen starrt Dennis missbilligend an.

Er räuspert sich. »Ich meine, sie ist eine echt tolle Designerin.«

Alle anderen nicken zustimmend. Doch mir kommt irgendetwas daran falsch vor.

»Was mit Lina passiert ist, ist wirklich schrecklich«, Dennis tätschelt tröstend meine Schulter. »Aber wir müssen trotzdem in drei Wochen unseren Auftritt fertig haben. An die Arbeit, Leute, ich muss noch was mit Ruby klären.«

Er nimmt meine Hand und zieht mich vor die Tür. Seine Hand fühlt sich angenehm an, warm und kräftig. Ich bin sehr gespannt, was er diesmal zu mir sagen wird, und zum Glück fällt mir auch ein, was ich ihn fragen kann.

»Verrätst du mir jetzt, warum du mir in der Mensa ans Schienbein getreten hast?«

»Ja, ich wollte nicht, dass es die anderen hören, weil es ein bisschen peinlich ist. Und weil es meinen besten Kumpel Alex betrifft, euren Stiefbruder.« Er zögert merklich, gibt sich dann aber einen Ruck. »Versprich mir, dass du niemandem etwas davon erzählst?«

»Klar«, sage ich, dabei bin ich völlig verwirrt und ich merke, dass ich irgendwie Angst vor dem habe, was mir Dennis gleich eröffnen wird.

»Er und Lina … also, er hat Andeutungen gemacht, dass Lina fürchterlich in ihn verknallt war und er sie ständig abwimmeln musste. Und seitdem ich gehört habe, dass sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen, frage ich mich, ob sie sich die Abfuhr von ihm ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen hat.« Er zögert wieder. »Vielleicht sprichst du mal mit ihm darüber.« Jetzt hat er wieder dieses Jungenhafte wie vorhin in der Mensa. »Aber von mir hast du das nicht, versprochen?« Er sieht mich verlegen an.

Ich muss die Worte erst einmal sacken lassen. »Du meinst, sie war in Alex verknallt?« In Alex? Das kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Alex ist immerhin unser Stiefbruder. Andererseits – diese Andeutungen, die er vor ein paar Tagen gemacht hat. Und er hat schon etwas Cooles an sich. Etwas, das Lina reizen könnte. Vielleicht gerade, weil er unser Stiefbruder ist?

»Weißt du das ganz sicher?«

Dennis hebt abwehrend die Hände. »Hey, ich bin wirklich nicht der Typ fürs Tratschen. Ich würde dir raten, mit Alex zu reden. Ich kenne ihn, er nimmt dir das nicht übel.« Er wendet sich zur Tür und schaut mich mitleidig an. »Das wird schon alles mit Lina, ganz bestimmt!«

Wir gehen wieder zu den anderen hinein und ich merke, wie die Gedanken durch mein Hirn rasen.

Alex? Und Lina?

Schweigend setze ich mich zu Gretchen und versuche witzig zu sein, was mir nicht so recht gelingen will, weil ich ständig wieder Linas verzweifelten Blick vor mir sehe. Der böse Schenk. Was ist da nur passiert?