25. Kapitel
Mein geschundener Körper kann kaum mit meinem Vater Schritt halten. Er bestraft mich durch sein Schweigen, während wir zum Schwabinger Krankenhaus hasten.
Nach Johns Verschwinden hat Alex tatsächlich eingewilligt, mit mir zu Oliver zu gehen und reinen Tisch zu machen. Vermutlich, weil ich ihm keine Wahl gelassen habe. Aber als wir in der Wohnung ankamen, wartete Pa mit schrecklichen Neuigkeiten auf mich, die er mir am Telefon nicht mehr sagen konnte, weil ich einfach aufgelegt habe.
Mam hatte einen Kreislaufkollaps und wurde ins Krankenhaus zu Oliver gebracht. Weil niemand wusste, was mit mir los war, hat Pa angeboten, in der Wohnung auf mich zu warten. So wütend habe ich ihn noch nie gesehen.
»Das hast du ihr angetan!«, brüllt er noch, während ich unter der Dusche stehe. Alles, was ich zu meiner Entschuldigung vorbringen wollte, wurde von Pa abgewürgt. Stattdessen wurde ich genötigt, zu duschen und frische Sachen anzuziehen, weil ich meiner Mutter so nicht unter die Augen treten könne, ohne einen Schock auszulösen.
»Hat deine Mutter nicht genug durchgemacht? Was denn noch alles?«
Alex hat sich gleich wieder verkrümelt, nachdem ihm klar geworden war, dass sich im Augenblick kein Mensch für seine Geständnisse interessieren würde. Aber ich habe ihm das Versprechen abgenommen, dass er heute Abend wiederkommt, um mit Oliver zu reden.
Zuerst wollte ich nicht, dass er geht, weil ich Angst hatte, er könnte sich das mit dem Geständnis anders überlegen. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, weil Pa der Auffassung war, es wäre das Mindeste an Schadensbegrenzung, Mam jetzt sofort zu besuchen, damit sie sich selbst davon überzeugen könne, dass mit mir alles okay sei.
Seit wir unterwegs sind, schüttelt Pa immer wieder den Kopf wie eine kaputte Aufziehpuppe und murmelt so leise vor sich hin, dass ich nur einige Satzfetzen verstehen kann. »Ich bin so erschrocken! Undankbare Gören, Monster allesamt, man fragt sich …«
Jeder zaghafte Versuch, seine Hand zu nehmen, irgendetwas zu erklären, wird unwirsch abgewürgt.
Dabei gäbe es doch so viel, worüber ich mit ihm reden möchte. Immerhin ist das alles doch passiert, weil ich meinen Eltern beweisen wollte, dass Lina sich nicht umgebracht hat. Und dass sich keiner an ihrem Tod schuldig fühlen muss.
Langsam fängt seine Besorgnis an, auch mich nervös zu machen. Selbst wenn ich in den letzten Jahren nur wenig Kontakt zu Mam hatte, war es immer gut zu wissen, dass sie da war. Niemals habe ich daran gedacht, dass sie sterben könnte. Plötzlich beschleicht mich eine schreckliche Ahnung. Pa ist nur deshalb so außer sich, weil er mir nicht die Wahrheit sagt. Was, wenn es sich nicht um einen Kreislaufkollaps, sondern um einen Herzinfarkt handelt?
»Muss Mam sterben?«, frage ich in einer seiner Murmelpausen so laut, dass er mich nicht länger ignorieren kann.
»Wir müssen alle sterben«, sagt er knapp, und weil solche Allgemeinplätze nicht seine Art sind, fange ich jetzt voller Angst an, schneller zu laufen als er.
Wir schaffen es in Rekordzeit zum Krankenhaus und fahren mit dem Aufzug nach oben, denn Mam liegt natürlich auf Olivers Station.
Im dritten Stock stehen zwei Schwesternschülerinnen und ein leeres Krankenbett mit einem Desinfectet-Plastiküberzug vor dem Aufzug.
»Passen wir noch rein? Mit dem Lastenaufzug gibt’s gerade ein Problem.«
»Natürlich«, Pa lächelt höflich, »wir könnten auch aussteigen und zu Fuß gehen.«
»Nicht nötig«, wehrt eins der Mädchen ab. Sie quetschen sich mit dem Bett zu uns und dann fahren wir schweigend in den fünften Stock, wo die beiden von Jay-Bayani, dem asiatischen Pfleger, schon erwartet werden, der ihnen das Bett abnimmt und sie wieder zurückschickt.
Er lächelt uns zu. »Ihre Mutter liegt auf Zimmer 644«, sagt er in meine Richtung und schiebt das Bett schwungvoll los.
Zum Glück ist das nicht das Zimmer, in dem Lina gestorben ist, aber wir müssen daran vorbei. Vor dem Schwesternzimmer brüllt ein kleiner in Nadelstreifen gekleideter Mann Samira an, als wäre sie seine persönliche Leibsklavin. Den Mann habe ich schon mal gesehen, auf den Fotos von Lina. Es ist der Mann, der den Scheck überreicht hat.
»Mein Sohn braucht ein Einzelzimmer und Privatschwestern, ist denn das so schwer zu verstehen?«
Ich zähle eins und eins zusammen und kann es nicht glauben. Das ist Dennis’ Vater? Und soll das heißen, dass sie Dennis hierhergebracht haben? Warum denn das? Das Bogenhausener Klinikum ist viel näher am Arabellapark.
»Ich bestehe auf Dr. Brandt! Mein Junge geht mit seinem Sohn zur Schule. Sie sind gut befreundet. Dr. Brandt muss sofort nach ihm sehen.«
Dennis hat sich wegen Oliver hier aufnehmen lassen? Soll das ein Witz sein?
Samira wendet sich weg von dem Mann, dabei fällt ihr Blick auf mich, sie zuckt leicht zusammen, dann lächelt sie mir zu und dreht sich seufzend wieder zu dem Brüller. »Dr. Brandt ist Internist und kein Chirurg«, sagt sie betont ruhig. »Dennis ist noch im OP. Er kommt erst in einer halben Stunde auf meine Station. Wenn ich zaubern könnte, würde ich im Zirkus Krone auftreten. Und nur zu Ihrer Information, es gibt in München auch sehr gute Privatkliniken.« Sie lässt den Mann stehen und verschwindet im Inneren der Schwesternstation.
»Unverschämtheit!« Dennis’ Vater schüttelt den Kopf und zückt mit großer Geste ein Handy.
Wir klopfen an die Tür von Mams Zimmer und ich bin erleichtert, als sie »Herein!« ruft, klar und fast so laut wie sonst.
Ich laufe zu ihr ans Bett und betrachte sie genau. Ihr strahlendes Gesicht wirkt eingefallen, ihre Lider sind gerötet, die grünen Augen umschattet. An ihrem rechten Arm hängt ein Tropf.
»Mam, es tut mir so leid.«
Sie nimmt meine Hand, tätschelt sie und ringt sich ein Lächeln ab. »Ruby, das ist doch nicht deine Schuld. Die Ärzte haben mich schon ausgeschimpft, ich hätte weiter essen sollen und vor allem auch trinken, ich habe alles falsch gemacht. Und ich hätte die Schlaftabletten nehmen müssen, die Oliver mir gegeben hat. Der Mensch muss schlafen.« Sie versucht, ein Gähnen zu unterdrücken.
Schlaftabletten … Wenn ich nur daran denke, läuft mir schon eine Gänsehaut über den Rücken.
Pa ist an der Tür stehen geblieben. Mam winkt ihn zu sich. »Matthias, komm ruhig her, ich bin viel zu schlapp, um mit dir zu streiten.«
Er setzt sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite von Mam.
»Ich darf morgen wieder nach Hause, ich glaube wirklich, mir haben nur Wasser und Schlaf gefehlt. Außerdem müssen wir noch alles für Linas großes Fest vorbereiten.«
Weil ich keine Ahnung habe, wovon sie redet, schaue ich zu Pa hinüber. Er starrt mich beschwörend an, dann dämmert mir langsam, dass sie die Beerdigung meint.
»Ja, das müssen wir und wir werden alles genau so machen, wie Lina es gewollt hätte«, sagt Pa und lächelt seine Exfrau an, als würde er sie noch lieben. Nein, nicht als ob, es fühlt sich für mich so an, als würde er sie wirklich noch immer lieben.
Ich würde gern den Kopf auf Mams Schoß legen und einfach drauflosplappern, so wie früher, als ich klein war. Ich bin aufgewühlt und schrecklich müde zugleich. Und plötzlich merke ich, was für ein riesiges Loch in meinem Bauch ist.
»Wohin bist du verschwunden den ganzen Tag, Ruby?« Es ist nur ein sehr leiser Vorwurf in ihrer Frage und das wirkt auf mich, als würden sich alle Knochen in meinem Körper auflösen, ich werde ganz weich und zittrig. Gleich werde ich die Beherrschung verlieren und anfangen zu weinen, was für Mams Genesung bestimmt nicht sehr heilungsfördernd wäre.
Die beiden schauen mich auf einmal ganz komisch an. Unwillkürlich greife ich mir an den Hals und hoffe, sie haben die frischen Würgemale nicht entdeckt.
»Ich habe Hunger«, sage ich dann schnell und bete, dass das als Antwort durchgeht.
Mam fängt an zu lachen und Pa fällt ein.
»Dann hol dir schnell etwas aus der Cafeteria«, sagt Pa. »Bevor wir dich hier neben deine Mutter legen müssen.« Er nimmt einen Zehner aus seiner Hosentasche und reicht ihn mir. Sein Ärger scheint wieder verraucht zu sein. »Und wenn du wieder da bist, erzählst du uns, wo du heute den ganzen Tag warst.«
»In Ordnung, ich beeil mich.« Ich nehme sein Geld, weil ich keins dabeihabe. »Und ihr«, versuche ich einen Witz, »müsst mir versprechen, nicht zu streiten, während ich weg bin, ja?«
»Das schaffen wir.«
Als ich das Zimmer verlasse und auf den Gang trete, sehe ich zu meiner Überraschung Gretchen, die mit Dennis’ Vater redet. Gehört Gretchen jetzt zum inneren Kreis oder nicht? Aber dann denke ich an die Pizzerien ihres Vaters, und wenn ich sehe, wie sie voller Mitgefühl den Arm von Dennis’ Vater tätschelt, während der sich lautstark darüber aufregt, dass Dennis sein Zimmer teilen muss, obwohl er doch bereit ist, für ein Einzelzimmer zu bezahlen, dann habe ich keine Zweifel mehr.
Sie alle stecken mit drin.
Nur mein Hauptverdächtiger Oliver nicht – der hat sich als Einziger tatsächlich sozial engagiert und wurde auf das Niederträchtigste ausgenutzt.
Ich muss an die Galafotos denken, wie hübsch sie alle auf dem Gruppenfoto aussehen und womit sie ihr Geld verdienen. Und wenn ich mich an den wohltätigen Scheck von Dennis’ Vater erinnere, könnte ich kotzen. Alle haben nur gelogen und betrogen. Jeder hat mir etwas anderes vorgespielt.
In diesem Moment schiebt Jay ein Bett um die Ecke, Samira geht nebenher, spricht mit dem Patienten und hält dabei seine Hand. Als sie näher kommen, erkenne ich Amari, der überall bandagiert zu sein scheint. Samira nickt mir freundlich zu und begleitet Amari in das Zimmer, in dem auch Dennis zu liegen scheint.
Ich setze mich ganz automatisch wieder in Bewegung und frage mich, ob ich das gerade wirklich gesehen habe. Woher kennt Samira den Knecht von Dennis? Denn dass sie ihn kennt, ist sonnenklar, das ist mehr gewesen als nur Solidarität unter Schwarzen. Wie sie seine Hand gehalten hat, das war geradezu intim.
Und wenn Amari der Freund von Samira ist, dann würde es natürlich Sinn ergeben, dass Dennis und Amari ausgerechnet hier im Krankenhaus gelandet sind. Meine Gedanken fangen an, sich zu überschlagen, und dann fällt mir ein, wo ich einen Fehler gemacht habe, und plötzlich fügen sich viele der winzigen Splitterteile zu einem Ganzen.
Ich fahre mit dem Lift nach unten, aber es ist schon nach acht Uhr, die Cafeteria hat längst zu und ich kann mir nur noch am Kiosk ein paar Schokoriegel kaufen. Trotz allem bin ich hungrig, reiße das Papier ab und verschlinge ein Snickers in drei Bissen, dann schiebe ich noch Twix nach und fahre wieder nach oben, und während all der Zeit arbeitet es in mir. Samira war im Zimmer, als Lina gesagt hat, Schenk wäre hier. Ich bin irrtümlich davon ausgegangen, dass sie einen Mann meinte, eben Alex.
John hat vor seinem Verschwinden gesagt, dass Amaris Schwester einen legalen Job in einem Krankenhaus hätte, den ihr Dennis besorgt hat. Was, wenn es sich bei dieser Schwester um Samira handeln sollte?
Dann würde sie in Dennis’ Schuld stehen.
Und noch etwas fällt mir ein: die Kette mit den gelben Perlen. Die tragen sowohl Samira als auch Amari um den Hals.
Mir wird kalt, als mir das Schlimmste klar wird. Samira hat all die Möglichkeiten gehabt, die ich Oliver angedichtet habe: Sie hätte dafür sorgen können, dass Lina ins Koma fällt und nie mehr aufwacht. Und wenn Amari ihr Bruder ist, dann hätte sie auch allen Grund gehabt, Lina zu fürchten oder zu hassen. Aber wenn er nicht ihr Bruder, Mann, Verlobter oder Verwandter ist, sondern einfach nur ein Patient, um den sie sich gut kümmern wollte, dann wären das alles nur meine Hirngespinste. Sie hätte mir doch damals an Linas Bett nicht ihre Kette gezeigt, wenn sie in der Sache mit drinhängt? Sie kam mir so besorgt vor und freundlich. Aber dann denke ich daran, wie kalt sie Linas Augen geschlossen hat, wie sie das Zimmer frei geräumt haben wollte, kaum, dass Lina gestorben war. Nicht zu vergessen ihren Streit mit Oliver.
Auf jeden Fall muss ich mit ihr reden, muss sofort wissen, ob sie mit drinhängt oder ob man ihr trauen kann.
Ich renne durch den Flur zurück, passiere Gretchen und Dennis’ Vater, die da immer noch stehen, reiße die Tür zu Amaris Zimmer auf, aber da ist sie nicht mehr.
Vor dem Schwesternzimmer finde ich Jay.
»Die ist unten im Keller, in der Bettenzentrale«, sagt er in seinem gebrochenen Deutsch. »Die Schwesternschülerinnen haben ein Bett zu wenig gebracht.«
Den letzten Satz höre ich kaum noch, denn ich bin schon auf dem Weg zum Aufzug, in dem wir vorhin die beiden Schwestern getroffen haben.
Ich hämmere auf die Abwärtstaste und warte ungeduldig, dass die Türen sich öffnen.
Ich muss mit Samira reden, und zwar jetzt gleich, bevor noch mehr Menschen zu Schaden kommen.