21. Kapitel

Ich wache schweißgebadet auf. Normalerweise erinnere ich mich nicht oft an meine Träume, aber eben hatte ich einen merkwürdigen Albtraum, den ich noch ganz deutlich vor mir sehe. Lina war wieder lebendig und hat mit mir gesprochen. Es war ein sehr kalter Wintertag und wir wollten auf dem See in Nusstal Schlittschuh laufen. Wir waren so alt wie jetzt, sind aber trotzdem wie Vierjährige mit unseren Kuschelhasen im Arm zum Ufer gegangen und haben sie dort, obwohl aus ihren Mündern weiße Atemwölkchen kamen, tief im Schnee vergraben.

Dann waren Dennis, Ma und Pa plötzlich auch da und wir sahen zu, wie Lina als Erste auf den See ging, wo sie mit den Kufen ihrer Schlittschuhe ein riesiges @-Zeichen in das Eis gravierte, immer und immer wieder, vorwärts und rückwärts, bis sie eine Eisplatte herausgestanzt hatte und einbrach. Ich wollte zu ihr, aber ich konnte mich nicht bewegen, genau wie die anderen am Ufer. Untätig musste ich mit ansehen, wie sie im eisigen Wasser versank, ihr Blick nicht erschrocken, sondern vielmehr ungläubig.

In dem Augenblick, als sie unter dem Eis verschwunden war, verwandelte sich das Eis in Wellen und Meer. Wir standen beide an unserem Lieblingssandstrand in Kreta und betrachteten Gretchen, die mit Alex und John zusammen eine riesige Sandburg gebaut hatte, eine Burg in der Form eines @-Zeichens.

Lina schlug vor, schwimmen zu gehen, aber niemand wollte mitkommen. Sie drehte sich zu mir. »Wir sehen uns nächstes Jahr in Pitsidia!«, rief sie, winkte mir zu und rannte ins Meer, wo sie von riesigen schaumig grünen Brechern verschlungen wurde.

Daraufhin zerstörten Alex und Gretchen die Sandburg und trampelten übermütig wie Kinder darauf herum, bevor auch sie im Wasser verschwanden. John, der angefangen hatte, aus dem feuchten Sand einen Sarg zu bauen, blieb mit mir zurück.

Wir starrten uns an, sein Oberkörper war nackt wie in der Dusche, wir wollten uns küssen, aber da bewegte sich der Sand des Sarges, erst kam ein Finger, dann eine Hand heraus. Mir blieb im Traum fast das Herz stehen vor Angst und auch jetzt wird mein Hals ganz eng. Dann erhob sich Oliver aus dem Sarg, schüttelte den Sand ab und rannte ins Wasser. Und erst von hinten konnte man erkennen, dass die komplette Rückseite von Oliver offen war und man einen direkten Blick auf die blutigen Därme und pulsierenden Organe in seinem Körper hatte.

Ich setze mich ruckartig im Bett auf. Was für ein Traum! Wie lange habe ich geschlafen? Draußen ist es noch hell, aber ich habe jedes Zeitgefühl verloren.

Mein Mund ist trocken, ich kann kaum schlucken. Ich muss etwas trinken, muss diese schrecklichen Traumbilder abschütteln. Ich stehe auf und gehe zur Tür, wo mich Pa schon abfängt.

»Wie geht es dir?«

»Ich könnte einen Kaffee vertragen«, murmele ich und frage mich, warum in meinem Traum niemand Lina geholfen hat.

»Es ist schon nach acht. Wenn du jetzt Kaffee trinkst, liegst du die ganze Nacht wach.«

Es ist gleich acht, oh Gott, schon so spät! Wie konnte ich nur so lange schlafen? Und was ist mit John? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er immer noch auf dem Spielplatz ist, und ich habe keine Ahnung, wie oder wo ich ihn wiederfinden kann.

Ich verschwinde im Bad. Während ich Wasser in mein Gesicht schaufele und sehr aufpassen muss, mir dabei nicht wehzutun, rede ich mir gut zu. Ich brauche einen Plan.

Ja, einen Plan. Den bräuchte ich schon seit Tagen. Statt systematisch vorzugehen, stürze ich mich von einer Katastrophe in die nächste. Weil ich einfach nicht richtig denke!

»Glaubst du an Träume?«, frage ich meinen Vater, als ich in der Küche vor dem Tee sitze, den er mir gekocht hat. Aber in der Sekunde, in der ich seinen Gesichtsausdruck registriere, könnte ich mich ohrfeigen. Oh Gott, das Kind träumt auch noch, na dann sollte sie wirklich zu einem Psychiater, vermutet er jetzt.

»Manchmal«, erwidert er aber nur. »In der Nacht vor deiner Geburt habe ich von einem Erdbeben geträumt.« Er grinst mich an und ich kapiere mühsam, dass er einen Witz machen wollte.

Ich verbrenne mir die Zunge am heißen Tee und fange an zu schlürfen.

Pa will mich gerade ermahnen, doch da kommen Mam und Oliver nach Hause. Sie haben gestritten, das fühle ich deutlich. Pa und ich werfen uns einen Blick zu und ich verstehe ihn so, dass er nichts von meinem Verschwinden heute Morgen verraten wird.

Mam läuft zu mir und umarmt mich, will wissen, wie ich mich fühle und ob ich auch genug gegessen habe. Dann sind sich alle drei einig, dass ich wieder ins Bett gehen soll. Ma fragt meinen Vater, ob er heute hier übernachten will, und mit einem Seitenblick auf mich stimmt er sofort zu und geht mit Oliver ins Gästezimmer.

Ich überlege, ob ich vortäuschen soll, dass mir nach einem Spaziergang ist, aber wie ich meine Eltern kenne, werden sie sich an meine Fersen heften und mich nicht aus den Augen lassen, bis ich wieder zu Hause bin.

Deswegen erkläre ich mich nur allzu gerne bereit, ins Bett zu gehen, was ich natürlich nicht vorhabe, aber in Linas Zimmer bin ich wenigstens allein. Und abgesehen davon, dass ich bei Olivers Anblick nur wieder an meinen Traum erinnert werde, kann ich dort viel eher all das durchdenken, was passiert ist.

Ich setze mich an Linas Schreibtisch, ärgere mich zum tausendsten Mal, dass ich das Passwort für ihren Computer nicht kenne, und suche nach Stift und Papier. Wenn ich alles notiere, was ich bisher erfahren habe, und da ein bisschen Struktur reinbringe, komme ich vielleicht weiter. Das hat mir damals beim Atargatisprojekt auch immer geholfen.

Hochmotiviert kaue ich auf dem Stift herum, doch meine Gedanken wirbeln unkontrolliert durch den Kopf wie Löwenzahnschirmchen im Wind.

Wir sehen uns nächstes Jahr in Pitsidia, hat Lina in meinem Traum gesagt. Pitsidia, klar, davon habe ich geträumt, weil Pa mir von seinen Gesprächen mit Lina erzählt hat. Die Insel der Seligen. Ich betrachte ihren Computer. Und wenn … ich schalte ihn an und warte, bis er hochgefahren ist und nach dem Passwort verlangt.

Dann gebe ich Pitsidia ein und bei jedem Buchstaben steigt meine Spannung.

Ich traue mich kaum hinzuschauen.

Nichts.

Passwort abgelehnt. Und wenn ich es bloß falsch buchstabiert habe? Ich schreibe die Buchstaben aufs Papier und dann tippe ich es erneut ein und schaue diesmal ganz genau hin.

Wieder nichts.

Okay. Noch ein letzter Versuch, dann gebe ich auf. Ich schreibe alle Buchstaben klein.

Bling, bling, Linas Computer öffnet sich.

Ich sitze da und fasse es nicht, komme mir vor wie Ali Baba vor der Schatzhöhle.

Und jetzt? Ich starre auf den Bildschirm und weiß nicht, wonach ich suchen soll.

Als Erstes nehme ich mir die Mails vor, aber ich finde keine einzige. Das ganze Mailprogramm ist clean, als ob Lina nie auch nur eine einzige Mail geschrieben oder empfangen hätte, auch der Entwurfsordner und der Papierkorb sind leer. Ich stöhne. Jemand hat Linas Computer aufgeräumt, so viel ist mal klar.

Als Nächstes nehme ich mir den Bildordner vor, aber dort finde ich nur wenige Aufnahmen. Das allerdings muss nicht unbedingt verdächtig sein, Lina war nicht der Typ, der Fotos im Rechner verschimmeln ließ. Wenn ihr die Bilder gefielen, hat sie Fotobücher daraus gemacht, alle anderen hat sie gelöscht. Ihre Meinung war: Verstopft bloß den Rechner und schaut eh kein Schwein mehr an.

Nach den Bildern klicke ich mich in den Dokumentenordner und atme auf. Hier sind noch jede Menge Dateien und Ordner vorhanden. Hatte derjenige, der den Rechner aufgeräumt hat, nicht genug Zeit? Oder sollte auf den ersten Blick alles normal aussehen? Ich überfliege die Namen, die alle nach Schulreferaten klingen. Aber darunter kann man natürlich vieles abspeichern. Wenn ich ein Online-Tagebuch hätte, würde ich es auch Physik-Ex nennen.

Ich quäle mich durch die Dateien: Thomas Mann, Weimarer Republik, Evolutionstheorien, DNA und Elektrolyse. Aber tatsächlich sind das alles eher dürftige Referate oder Übungsaufgaben – keine Datei enthält irgendetwas Privates.

Nach zwei Stunden bin ich schon reichlich genervt, deshalb verstehe ich nicht gleich, was ich da vor mir habe, obwohl ich den Namen der Datei nur allzu gut kenne. Aber als ich es kapiere, schnürt sich meine Kehle zu. Atargatis! Lina hat mein Jugend-forscht-Projekt auf ihrem Rechner. Jetzt fühle ich mich wirklich wie Ali Baba. Von mir hat sie es nicht, also muss sie es sich von der Datenbank bei Jugend forscht runtergeladen haben, wo es für die Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Ich bin sicher, das ganze Granatapfelzeug war ihr piepegal. Sie wollte irgendwie Anteil an meinem Leben nehmen. Meine große Schwester war neugierig, was der kleine Supernerd so treibt. Ich muss schlucken, alles in mir ist ganz zittrig, als ich die Datei anklicke. Ich wünsche mir so sehr, dass sie einen Kommentar dazu geschrieben hat, irgendetwas, und sei er noch so winzig.

Es kommt mir so vor, als würde die Datei ewig brauchen, bis sie vollständig geladen ist, und während ich ganz kribbelig vor Ungeduld warte, höre ich Mam an der Zimmertür. Ich muss schnell ins Bett springen und so tun, als ob ich mich ausruhen würde. Glücklicherweise glaubt sie mir, als ich ihr vorspiele, dass ich schon kurz davor bin einzuschlafen.

»Dann lassen wir dich ab jetzt in Ruhe«, sagt sie und streicht mir leicht über den Kopf. »Papa ist noch in der Küche, Oliver und ich sind im Schlafzimmer, falls du etwas brauchst.«

Die Tür fällt ins Schloss und ich atme auf.

Schon einen Moment später sitze ich wieder am Schreibtisch. Die Datei ist endlich geladen, es sind zwei Gigabyte, was nicht sein kann, denn die Größe aller Projektberichte ist auf wenige Kilobytes beschränkt, damit die Datenbank von Jugend forscht nicht zusammenbricht.

Zwei Gigabyte, so viel Speicherplatz brauchen nur Filme und Bilder. Aber in meinem Projektbericht gibt es nur Tabellen und Zeichnungen. Ich beiße mir vor Aufregung auf die Lippen.

Sorgfältig gehe ich Seite für Seite durch, um nur ja nichts zu übersehen, und mit jeder Seite werde ich trauriger, denn es ist wirklich nur der originale Projektbericht ohne eine einzige Anmerkung von meiner Schwester.

Aber dann komme ich zu den Schlussfolgerungen und dort stoße ich dann auf den Grund, warum die Datei so groß ist. Sofort ist meine Enttäuschung wie weggeblasen. Lina hat in den Projektbericht Bilder integriert, die durchnummeriert sind, von AT 1 bis AT 7. AT-argatis, nehme ich mal an.

Mit klopfendem Herzen schaue ich mir das erste an, AT 1. Es zeigt einen großen Bankettsaal mit leeren Tischen, der gerade mit Luftballons und Girlanden geschmückt wird. Auf dem Bild sind einige Schüler aus Linas Klasse zu sehen, ich erkenne Gretchen und ein paar Luises, aber auch Dennis und Alex und dann noch Victor und Isabel aus der Astrogruppe. Victor steht auf der Leiter, macht eine Grimasse und hält sich eine lilafarbene Girlande wie einen mächtigen Schnauzbart ins Gesicht.

AT 2 ist ein Bild des fertig geschmückten Saals. Reichlich spießig, lilafarbene und goldene Girlanden, Hunderte von Luftballons und scheußlich stachlig wirkende Blumengestecke in Dunkelrosa, die auf weißen Tischdecken drapiert sind. Dazu weißes Porzellan, viele Gläser.

Im Vordergrund eine Gruppe von den Leuten, die man auf dem vorherigen Bild beim Dekorieren gesehen hat, sie stehen dicht beieinander und lächeln in die Kamera.

Die Jungs tragen jetzt Anzug mit Hemd und Krawatte und die Mädchen festliche Kleider. Lina ist auch mit auf dem Bild, sie steht zwischen Alex und Dennis und sieht sensationell gut aus. Obwohl Gretchen in einem mit Glitzerperlen bestickten Korsagenkleid direkt in der Mitte mit einem Kussmund posiert und sehr hübsch rüberkommt, muss man einfach zu Lina hinschauen, die fast am Rand steht. Ihre Augen leuchten und ihr schwarzes Kleid, das an Armen und Dekolleté mit Spitze untersetzt ist, betont ihre makellose Sanduhrfigur. Ihre duftigen dunkelblond schimmernden Haare hat sie locker aufgesteckt, nur vorne fällt eine Locke in ihr Gesicht, was bei anderen lächerlich aufgesetzt ausgesehen hätte, bei ihr aber unglaublich sexy wirkt.

Oh Gott, sie wirkt so glücklich und lebendig, unfassbar. Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht schon wieder zu weinen, doch es ist unerträglich, sie so glücklich zu sehen und zu wissen, dass sie tot ist. Und so verschwimmt Lina vor meinen Augen, zerfließt zu einer Unterwasserfee und ich wünsche mir so sehr, sie wäre jetzt hier bei mir und ihr Tod nur ein dummer Albtraum.

Ich brauche ziemlich lange, bis ich in der Lage bin, mir die nächsten Bilder anzuschauen.

Auf den Bildern drei und vier sieht man, wie etwa fünfzig Leute festlich gekleidet an den Tischen sitzen. Ein mehrgängiges Menü wird serviert, auf der Bühne spielt eine Drei-Mann-Combo in hellblauen Anzügen.

Auf dem fünften Bild sind die Tische bis auf die Gläser abgeräumt. Die Kamera hält auf die Bühne, wo ein dicker kleiner Mann im Anzug einen überdimensionierten Pappscheck an Alex überreicht. Alle Leute sind von ihren Stühlen aufgestanden und applaudieren.

Das sechste Bild zeigt eine Tiefgarage. Die Jungs tragen noch immer Anzug, doch die Krawatten sind jetzt gelockert, ihre Augen groß und ihre Wangen knallrot. Lachend und feixend versuchen sie, den übergroßen Scheck in einen schwarzen BMW zu kriegen, der dort geparkt ist.

Und dann – ohne Übergang und ohne Vorwarnung – kommt das Bild Nummer sieben, das Foto vom toten Kimoni, das Alex so brutal zerrissen hat. Im Kontrast mit den Bildern von vorher wirkt es noch grauenhafter.

Die Fragen rasen nur so durch meinen Kopf. Warum sind die Bilder des Abendessens hier versteckt? Hat Lina sie nur dazu benutzt, das eigentliche Foto, um das es ihr ging, zu verstecken? Aber das hätte etwas von diesen russischen Puppen, wo immer noch eine in der nächsten versteckt ist: Kimoni zwischen den Galafotos, die Galafotos im Atargatisbericht, der wieder im Referatordner auf dem Computer. Nein, meine Schwester hat nicht so kompliziert und um die Ecke gedacht, wie ich das manchmal tue. Jedenfalls damals, als wir noch miteinander geredet haben. Damals. Ich unterdrücke ein Aufschluchzen, denn jetzt habe ich Lina vor Augen, so wie ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Lina und Samira, die sich über sie beugt und ihr für immer die Augen schließt.

Plötzlich muss ich an den alten Mann mit dem Rollator in der U-Bahn denken, mit dem ich kurz nach Linas Tod gesprochen habe. Der angeblich so berühmte Magier, der mit mir über Illusion und Wirklichkeit geredet hat. Hat Lina hier eine Art Zaubertrick versucht, wollte sie dem zufälligen Betrachter suggerieren, dass alles ganz harmlos ist, während in Wahrheit in den Bildern schon das Kaninchen irgendwo sitzt und nur darauf wartet, aus dem Hut zu springen? Und könnte ich es finden, wenn ich mich nicht ablenken lasse?

Der Gedanke macht mir Mut und bringt mich dazu, die Fotos noch genauer anzuschauen und zu vergrößern. Vielleicht sehe ich dann das Kaninchen. Die Kette in Kimonis Hand habe ich ja auch erst entdeckt, als ich mir das Foto mit der Lupe angesehen habe. Die Kette mit dem @-Zeichen.

Ein Galaessen. Der tote Kimoni. Das @-Zeichen.

Wo verdammt noch mal ist hier der Zusammenhang?

Ich wechsele zu Google und gebe das Zeichen ein. Es wurde schon von Mönchen bei Bibelabschriften als Abkürzung benutzt und steht für at oder ad genauso wie für gegen oder aber oder und. Ich schließe kurz meine Augen. Okay, Ruby, denk nach.

Mir kommt eine Idee, es ist nur eine vage Ahnung, aber sie will mir nicht aus dem Kopf gehen.

AT, Lina hat die Bilder AT genannt.

AT, aber eben doch nicht wie Atargatis.

Und dieser Scheck auf dem Bild. So einen überreicht man auf Wohltätigkeitsveranstaltungen, oder nicht? Wohltätigkeit passt zu Oliver, aber doch nicht zu seinem Sohn. Aber es passt zu noch etwas.

Wie elektrisiert rufe ich das Archiv der Münchner Abendzeitung auf. Vielleicht kann ich hier herausfinden, um was für ein Galaessen es sich gehandelt hat. Denn was wäre Wohltätigkeit, wenn die Presse es nicht der Welt berichten würde?

Ich klicke mich durchs Archiv. Lina hatte früher einen Pagenkopf, erst im letzten Sommer hat sie sich die Haare lang wachsen lassen. Also muss das Ganze in diesem Jahr stattgefunden haben. Und bei dem, was die Leute auf den ersten Bildern tragen, tippe ich auf Winter. Dicke Schuhe und Pullover. Angespannt klicke ich mich durch die Society-Events und kann es kaum fassen, als ich wirklich ein Bild mit dem Scheck finde, das ganz ähnlich aussieht wie das, was Lina in meinem Projekt versteckt hat.

Mit klopfendem Herzen zoome ich näher heran und einen Moment später habe ich die Gewissheit, dass ich mit meiner Vermutung haargenau ins Schwarze getroffen habe.

Ein großer Erfolg für die Schopenhauerschule und ihren Klub der Alpha-Tiere, der sich gestern über eine Spende von fünftausend Euro für ihr Engagement im sozialen Bereich freuen konnte. Hier bei der Überreichung des Schecks von Dennis-Gregor Wallenstein an den Vorsitzenden des Klubs Alexander Brandt und Wolfgang-Erwin Hahner, dem Rektor der Schule.

In dem dazugehörigen Artikel steht noch mehr: Ein Platz bei dem Bankett im Ballsaal des Fünf-Sterne-Palasthotels im Arabellapark hat hundertfünfzig Euro gekostet, was noch einmal etwa siebentausend Euro eingebracht hat. Zu den illustren Gästen zählten Roberto Blanco, Alfons Schuhbeck und die zweite Bürgermeisterin der Stadt München.

Alpha-Tiere. A-T!

Das @-Zeichen steht also für Alphatiere!

Ich triumphiere so, dass ich erst einen Moment später merke, wie wenig mich das eigentlich weiterbringt. Was sagt mir das jetzt nun?

Alex hat eine Kette mit dem @-Zeichen, das habe ich heute Morgen gesehen, als er mir Frühstück gemacht hat. Aber warum hat er sie sofort wieder unter seinem Sweatshirt versteckt? Er ist schließlich Vorsitzender des Klubs, der noch dazu so viel Geld für gute Zwecke zusammenbringt! Das ist doch etwas, auf das man stolz sein kann. Ich jedenfalls würde mir glatt T-Shirts mit dem @-Zeichen drucken lassen und es nicht unter dem Shirt an einer Kette verstecken.

Außerdem – wie kam der tote Kimoni an so eine Kette?

Ich kritzele auf meinem Block herum und versuche, mich zurückzuerinnern. Gretchen hat mir erzählt, dass Lina auch einmal bei den Alphatieren war, dann aber in den Astroklub gewechselt sei. Wieso hat sie das getan? Auf den Fotos sieht es so aus, als ob sie jede Menge Spaß mit denen gehabt hätte.

Zurück zu den Fakten, ermahne ich mich. Fakt ist, Lina hat das Foto von dem toten Kimoni ausgerechnet mit diesen Gala-Fotos kombiniert, und zwar absichtlich.

Und mit einem Mal kommt mir ein völlig neuer Gedanke. Soll das Foto mit dem Scheck in der Tiefgarage vielleicht darauf hinweisen, dass Kimoni von einem betrunkenen BMW-Fahrer nach dem Fest totgefahren wurde? Von einem BMW-Fahrer, der bei den Alphatieren mitgemacht hat? Wenn sie versucht hätten, das zu vertuschen, dann wäre Lina bestimmt die Erste gewesen, die etwas dagegen unternommen hätte.

Alex fährt genau so einen BMW, wie er auf dem Foto in der Tiefgarage zu sehen ist. Und der Vater von Dennis auch, fällt mir ein. Dennis, an den ich seit dem Überfall in Riem gar nicht mehr gedacht habe.

Ich spüre, wie mein Puls schneller geht. Das könnte wirklich sein. Totschlag mit Fahrerflucht – wenn so ein Verbrechen auffliegt, dann ist das Leben des Täters in jedem Fall ruiniert. Besonders das Leben von Sonnyboys wie Alex oder Dennis.

Vermutungen, Ruby, nichts als Vermutungen. Halte dich weiter an die Tatsachen, sonst gerätst du wieder aufs Glatteis. Mein Traum fällt mir wieder ein, Lina, die so ungläubig in das Eis einbricht, ein Schauer läuft über meinen Rücken und erinnert mich daran, dass es hier nicht darum geht, irgendein lächerliches Ratespiel zu lösen und zu gewinnen, sondern um Mord.

Ich nehme mir noch einmal alle Fotos vor, vergrößere sie, von links nach rechts, von oben nach unten, suche nach Hinweisen. Je länger ich sie anschaue, desto mehr Details erkenne ich. Und dann stoße ich auf einen Zusammenhang, vielleicht den Zusammenhang: Das Essen wird von Kellnern serviert, die zum Großteil schwarz sind. Das habe ich zwar schon vorher bemerkt, aber nicht entdeckt habe ich, dass einer von ihnen tatsächlich Kimoni ist.

Wie die anderen trägt er eine Art Livree. Fehlen nur noch die weißen Handschuhe und wir wären in einem Südstaatenfilm aus den Fünfzigerjahren. So viel zum Palasthotel mit seinen fünf Sternen.

Ich beginne noch einmal von vorn. Bild für Bild schaue ich durch und bleibe wieder an dem Foto in der Garage hängen. Muss ich mich auf die Jungs konzentrieren, die so ausgelassen und auch ein bisschen betrunken wirken? Oder auf das Auto? Ich vergrößere den Bildausschnitt, um mehr vom BMW zu sehen. Aber ich erkenne nichts Besonderes. Im Kotflügel spiegelt sich das Wort Notausgang, das ist alles. Eine stinknormale Tiefgarage, wie es sie unter den meisten Hotels gibt, ein stinknormaler, wenn auch ziemlich teurer BMW.

Ich vergrößere noch einmal das Bild des toten Kimoni. Der Boden sieht genauso aus wie der in der Tiefgarage, aber grauen unverputzten Beton, den gibt es an vielen Orten. Allerdings ist neben Kimonis Füßen eine Wasserpfütze. Ich vergrößere den Bildausschnitt und werde fündig. Ganz schwach kann man auch hier eine grüne Spiegelung erkennen.

Ich reibe mir die Augen, schaue noch einmal hin. Es stimmt. Oh Mann, es stimmt! Heißt das, ich liege mit meiner Theorie mit dem Unfall und der Fahrerflucht richtig?

Ich bin einerseits völlig klar und unglaublich aufgeregt, andererseits auch durcheinander. Wie gern würde ich darüber mit John reden.

Ich unternehme einen letzten Versuch, mich rauszuschleichen, aber Pa sitzt immer noch am Esstisch und hebt sofort den Kopf, als ich aus meinem Zimmer komme, und deshalb gehe ich nur brav aufs Klo und wieder zurück an Linas Computer.

Ich denke nicht daran, jetzt aufzuhören. Vielleicht stoße ich noch auf etwas. Das habe ich auch beim Atargatisprojekt gelernt, man darf auf keinen Fall zu früh aufgeben.

XI

Und an jenem Tage wirst du die Schuldigen in Ketten gefesselt sehen.
((14:49))

In den frühen Morgenstunden erwacht John mit einem glücklichen Lächeln und streckt sich. Zum ersten Mal seit Kimonis Tod haben ihn die quälenden Gedanken an seinen Verlust nicht daran gehindert einzuschlafen und niemand hat seine Ruhe in der Hütte auf dem kleinen Spielplatz gestört. Bis jetzt. Aber was hat ihn geweckt? Ein Geräusch? Vorsichtig späht er über den Rand des Häuschens. Nichts. Er lässt sich zurücksinken und denkt an seinen Traum, in dem er Kimoni begegnet ist. Sein Lächeln verebbt, weil er sich nach und nach daran erinnert, was Kimoni im Traum von ihm verlangt hat.

Sein Zwillingsbruder war als Magier gekleidet und hat Steine für Johns Zukunft geworfen. Nach dem Wurf hat er ihn lange mit betrübter Miene angesehen und kein Wort gesagt. Als John ungeduldig wurde, hat er ihm mit dem Gnuschwanzwedel zugewunken und ihn angefleht, sich endlich um die Frau mit den Sambesiaugen zu kümmern, das Unglück hält sich nicht an Besuchstage, hat er gesagt.

Dabei gebe ich mein Bestes, denkt John, das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und ich werde ja auch mit ihr sprechen, gleich nachher.

Er schlägt ein paarmal seine Hände um sich, um wärmer zu werden, und sehnt sich nach einem heißen Tee und etwas Brot, doch er hat kein Geld mehr. Außerdem treibt ihn eine große Unruhe, zum Haus der Gazelle zurückzukehren. Sie unterschätzt immer noch die Gefahr, in der sie schwebt.

Da ist wieder das Geräusch, das ihn aus dem Schlaf gerissen hat, und diesmal erkennt er die Schritte von Amari.

Amari, der von Johns Verstecken weiß und seine Schlafplätze kennt, Amari, der ihn ausschalten möchte. John bleibt starr in dem Häuschen und geht seine Möglichkeiten durch. Er kann hierbleiben, weiter auf die Gazelle warten und hoffen, dass Amari seine Witterung nicht aufgenommen hat. Aber so bringt er auch sie in Gefahr. Nein, er sollte Amari von hier weglocken und sich dann vergewissern, dass Amari wie immer seiner Arbeit mit der Frühschicht weit weg von diesem Spielplatz nachgehen muss. Dann kann er wieder zurückkehren und mit ihr reden.

John springt vom Häuschen herunter und bemerkt voller Genugtuung, dass sein Verfolger zu fett und zu träge geworden ist, um es noch mit ihm aufnehmen zu können.

So schnell er kann, sprintet er davon, nur weg von hier und ohne zu wissen, wohin.