20. Kapitel
John ist kaum fünf Minuten weg, da ist Alex auch schon wieder vom Drogeriemarkt zurück. Ich hab nicht so früh mit ihm gerechnet, ich schaffe es gerade noch, wieder ins Bad zu flüchten. Als er klopft, öffne ich die Tür einen Spalt, nehme ihm seine Einkäufe ab, dann raschele ich ein paar Minuten herum, auch, um mich zu beruhigen, und komme raus.
Alex, der immer noch vor dem Bad wartet, zuckt richtig zusammen, als er mich sieht, und verliert zum ersten Mal seinen spöttischen Käpten-Sparrow-Ausdruck. Spätestens bei meinem Anblick glaubt er mir meine Lügen.
»Oh, Gott, Ruby, du siehst ja so was von beschissen aus!«
»Ich weiß, das kommt von dem Überfall gestern.«
Er schaut mich mit großen Augen an. »Oliver hat mir davon erzählt. Konntest du deinen Angreifer erkennen? Ich habe gehört, du bist quasi in letzter Sekunde gerettet worden.« Er kommt näher. »Mannomann, dein Gesicht ist übel zugerichtet.« Er streckt die Hand aus, als ob er es streicheln wollte, aber ich weiche unwillkürlich zurück. »Nicht, bitte nicht, das tut alles weh.«
Er lässt seine Hand sinken. »Soll ich dir dann vielleicht etwas kochen? Du wolltest dir doch vorhin etwas zu essen machen, oder?«
Mist, für so was hab ich jetzt keine Zeit. John wartet und Pa kann jeden Moment zurückkommen. Aber ich darf mich nicht verraten. »Das wäre nett«, sage ich lahm.
Wir gehen in die Küche und ich setze mich an den Tresen. Alex holt Eier aus dem Kühlschrank, zieht eine Pfanne hervor und macht Rühreier.
Ständig muss ich daran denken, wie John auf die Stimme von Alex reagiert hat. Der pure Hass stand in seinem Blick. Und dann erinnere ich mich an Lina, wie sie im Krankenhaus vom Schenk gesprochen hat. Da war Alex auch im Zimmer. Und dann seine Reaktion gestern auf das Foto.
Oh Gott, ich muss hier raus! Sofort! Ich muss mich mit John treffen, um endlich zu erfahren, was hier gespielt wird.
Was hat John vorhin bei Frau Vogel gesagt? Dass er sie im Krankenhaus besucht hat und ihr Leben in Gefahr war. Er muss mehr wissen als das.
Alex tut, als hätte er alle Zeit der Welt. Muss der Typ denn nie in die Schule? Langsam fange ich an zu begreifen, warum er mit neunzehn immer noch kein Abi in der Tasche hat. In aller Seelenruhe toastet er Brot, schneidet Gurken und Tomatenscheiben, fragt, ob er einen Orangensaft pressen soll, wartet meine Antwort dann gar nicht ab und tut es einfach.
Er arrangiert alles auf einem großen weißen Teller, stellt den noch schäumenden Saft dazu und schaut mich erwartungsvoll an.
»Und du, willst du nichts?«
Alex schüttelt den Kopf und macht sich daran, die Pfanne abzuspülen.
Ich trinke von dem Saft, die Säure brennt auf meiner verletzten Zunge und mir entfährt ein leises Stöhnen.
Besorgt wendet er mir den Kopf zu. »Nicht gut?«
»Doch, alles okay.«
»Es tut mir leid, was dir da gestern passiert ist. Ich habe gehört, dein Angreifer war ein Neger.«
Ich starre ihn an. »Neger? Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Bist du jetzt unter die Neonazis gegangen?«
Bei dem Gedanken wird mir plötzlich heiß und kalt. Seine Reaktion auf das Foto, Kretins, Abschaum hat er gesagt. Was, wenn ich damit ins Schwarze getroffen habe? Ich kenne Alex ja nicht wirklich gut. Vielleicht hat das Ganze einen rechtsradikalen Hintergrund? Ich denke an die Terroristenzelle, die 2011 in Brandenburg aufgeflogen ist. Die sahen sicher auch ganz normal aus, nachdem sie untergetaucht waren, und waren nicht mit Springerstiefeln und Glatze unterwegs.
Alex bleibt gelassen und zuckt nur mit den Schultern. »Natürlich bin ich kein Neonazi«, sagt er. »Aber diese afrikanischen Dreckskerle können sich hier alles erlauben, nur weil alle Deutschen von dem Political-Correctness-Virus befallen sind. Hier in diesem Land fasst man Schwarze mit Samthandschuhen an.«
»Ich hätte nie gedacht, dass du so ein übler Rassist bist.« Mir wird ganz schlecht.
Alex wird plötzlich laut. »Du hast doch keine Ahnung! Du bist dermaßen naiv. Nur weil sie Ausländer sind, macht sie das nicht automatisch zu reinen Engeln. Du bist genauso dumm wie mein idiotischer Vater.«
»Der Mann, der mich überfallen hat, war bestimmt kein Engel. Und woher willst du überhaupt wissen, dass es ein Ausländer war?«
»Raubüberfall, das sind doch immer Ausländer.«
Ich ignoriere für den Moment seine rassistischen Theorien und gehe aufs Ganze. »Alex, ich glaube nicht, dass der Mann auf mein Geld aus war. Ich bin sicher, er hat etwas ganz Bestimmtes gesucht. Und er wollte mich umbringen.«
Alex wird so blass, dass seine Augen wie Kohlen in einem Schneemann wirken. »Was sagst du da? Wonach soll er denn gesucht haben?«
»Nach Beweisen dafür, dass Lina ermordet wurde.«
Die Reaktion kommt prompt. »Wann kapierst du es endlich?«, brüllt Alex. »Niemand hat Lina ermordet. Niemand! Sie wollte nicht mehr leben. Du willst das einfach nicht wahrhaben!« Er beugt sich ganz nah vor mich, packt mich an den Schultern und schüttelt mich, als könnte er so dabei helfen, dass ich endlich zu Verstand komme. Dabei rutscht eine Silberkette aus seinem Sweatshirt.
Eine Silberkette mit einem Anhänger.
Ein @-Zeichen.
Mir kommen augenblicklich das Ei und der Saft wieder hoch und ich schaffe es nur mit äußerster Beherrschung, den Würgereiz zu unterdrücken.
Der Schenk ist hier.
In diesem Augenblick kommt jemand zur Haustür rein. Alex versteckt die Kette wieder unter seinem Sweatshirt und ringt um Fassung.
»Ruby?«, ruft Pa. »Ruby?«
Oh Gott! Pa, der mich seit einer Stunde am chinesischen Turm gesucht hat! Er poltert in die Küche, und als er uns sieht, platzt ihm der Kragen und er schreit uns an.
Ich würde mich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen und schäme mich schrecklich, er muss Höllenängste ausgestanden haben. Pa feuert eine Schimpfkanonade nach der anderen auf uns ab, bis ausgerechnet Alex dazwischengeht.
»Hey, jetzt ist es aber mal gut.« Er ist wieder so cool wie Sparrow. »Schau dir Ruby doch an! Deine Tochter ist am Ende. Klar, dass sie sich da blödsinnig verhält.« Damit bringt er Pa zum Schweigen.
»Willst du auch einen Saft?«, fragt Alex, und als Pa nur nickt, macht er sich daran, die silbern schimmernde Saftpresse erneut zu beladen.
Dann sitzen wir alle drei eine Weile stumm da. In meinem Kopf rast alles durcheinander. Alex hat dieses @-Zeichen um den Hals. Johns Bruder Kimoni hat eine ähnliche Kette in der Hand gehabt und jetzt ist er tot. Lina wiederum hat das Zeichen von ihrem Tisch weggekratzt und sie ist auch tot.
Und John, der helfen könnte, Licht ins Dunkel zu bringen, wartet am Spielplatz auf mich, und ich kann hier nicht weg.
Schenk.
Ich betrachte Alex. Kann er Linas Mörder sein? Aber was genau ist sein Motiv?
Es klingelt an der Tür. Wir sehen uns an.
»Erwartet ihr jemanden?«, fragt Pa. »Ich denke, Ruby sollte sich jetzt ausruhen. Genug Wahnsinn für heute.«
Alex ist schon zur Tür gegangen und ich kann hören, wer dort ist. Gretchen.
Sie stürmt an Alex vorbei zu mir und bleibt dann wie angewurzelt stehen, als sie mein Gesicht sieht. »Oh mein Gott, du siehst ja fürchterlich aus. Gleich als Alex mich angerufen hat, bin ich hierhergekommen. Ich mache mir solche Vorwürfe, dass ich dich nicht zur U-Bahn begleitet habe! In diesem Viertel wimmelt es nur so von Chaoten.«
Dann erst bemerkt sie Pa, den sie artig begrüßt, und entschuldigt sich fürs Reinplatzen.
Gretchens unglaubliche Energie scheint meine völlig aufzusaugen, denn ich fühle ich mich schlagartig mutlos. Die ganze Wohnung ist voller Menschen, wie soll ich hier jemals herauskommen und John treffen?
»Gretchen, es ist total lieb von dir, mich zu besuchen, aber ich glaube, ich muss mich jetzt hinlegen. Mir geht es nicht so gut.«
Was nicht mal gelogen ist. Die Lösung ist fast schon greifbar, aber ich kann einfach nicht denken bei den vielen Leuten um mich herum!
»Sehr vernünftig!« Pa wirkt erleichtert.
Doch Gretchen lässt sich nicht so leicht abwimmeln. »Manchmal hilft es, wenn man über alles spricht. Und vielleicht möchtest du dich – bei all den Männern hier – lieber mit einer Frau unterhalten?«
Sie wirft mir einen flehenden Blick zu, als ob sie mir irgendetwas Wichtiges sagen muss, etwas, das die anderen nicht wissen sollen, und das bringt mich zum Zögern.
Aber Pa hat genug gehört. Er sorgt dafür, dass Gretchen und Alex die Wohnung verlassen. Aber leider lässt er mich nicht allein, sondern telefoniert, nachdem er mich ins Bett verfrachtet hat, erst mit Mam und sagt danach alle Termine ab.
Gerade als ich überlege, was ich für eine Ausrede erfinden kann, dass er mich wenigstens fünf Minuten allein weglässt, kommt er in mein Zimmer und nimmt meine Hand. »Ruby, ich war heute Morgen noch absolut dagegen, dass wir dich in eine Klinik bringen, wo du das alles in Ruhe verarbeiten kannst. Aber nach diesem Vormittag denke ich, dass Oliver recht hat. Wir wollen nicht noch eine Tochter verlieren. Wir können nicht die ganze Zeit neben deinem Bett sitzen und dich bewachen. Deshalb halte ich es für das Beste, wenn wir dich für ein paar Tage an einen Ort bringen, wo kluge Menschen sich um dich kümmern.«
Ich starre ihn nur an. Zu einer anderen Reaktion bin ich erst nach einem Augenblick fähig. »Du willst mich also auch in eine Klapse stecken?«
Er grinst mich an. »Ja, wir haben da an Eine flog über das Kuckucksnest 2 gedacht. Nein, was für ein Unsinn, Oliver kennt da ein kleines Sanatorium, in dem du dich erholen kannst. Schließlich musst du nicht nur Linas Tod, sondern auch noch diesen Überfall verarbeiten. Und ganz offensichtlich sind wir dir dabei keine große Hilfe.«
»Ich gehe nirgendwohin«, sage ich, so fest ich kann. »Ich will jetzt nicht weg von euch. Weg von meiner Familie, egal wie merkwürdig die auch ist.«
Pa zögert.
»Pa, das meinst du doch nicht ernst. Du weißt genau, wie wichtig ihr für mich seid.« Okay, das ist der richtige Tonfall. Seine Miene wird weich. »Abgesehen davon muss ich zu Linas Beerdigung. Das verstehst du, oder?«
Pa nickt. »Du hast recht«, sagt er. Er erhebt sich. »Ich spreche mit deiner Mam und Oliver, okay?«
»Danke, Pa.«
Er wendet sich zur Tür. »Versuch zu schlafen, Mäuschen. Ich bin im Wohnzimmer und arbeite.«
Ich rufe ihn noch einmal zurück. »Verrätst du mir jetzt, worüber du bei euren heimlichen Treffen mit Lina gesprochen hast?«
Pa schüttelt den Kopf. »Ein für alle Mal, ich habe sie nicht heimlich getroffen.« Er kommt zu meinem Bett und streicht mir über die Haare. Dann seufzt er, vielleicht zum hundertsten Mal an diesem Tag. »Also gut, wir haben natürlich über die Schule geredet und über Oliver und Alex. Aber ehrlich gesagt hat sie mich meistens nach dir ausgequetscht. Es hat ihr leidgetan, dass sie sich mit Merlin eingelassen hat, und sie hat sich nichts mehr gewünscht, als dass du ihr verzeihst und wir dann alle zusammen wieder mal nach Pitsidia fahren, so wie früher.« Die letzten Worte sagt er wie zu sich selbst. »Irgendwie scheint Kreta für sie so etwas wie die Insel der Seligen gewesen zu sein.«
Pitsidia. Ich muss heftig schlucken. Da habe ich schwimmen gelernt, da haben wir uns am Strand mit Sand beworfen, bis wir so lachen mussten, dass wir nicht mehr stehen konnten. Und diese unvergessliche Nacht, als Lina und ich bei unserem heimlichen Ausflug gesehen haben, wie die unter Naturschutz stehenden Schildkröten in der Morgendämmerung geschlüpft und ins Meer geschwommen sind. Wir werden nie wieder dort zusammen hinfahren. Nie wieder. Und ich habe ein Jahr lang die Beleidigte gespielt, als ob wir ein ganzes Leben lang Zeit hätten. Wenn sie mir alles anvertraut hätte, wenn ich gewusst hätte …
Pa streicht noch einmal über meine Haare und verlässt Linas Zimmer.
Und zum x-ten Mal schwöre ich mir herauszufinden, wer schuld ist, dass Lina und ich nun nie mehr miteinander reden oder nach Kreta fahren können.
Ich lasse ein paar Minuten verstreichen und schleiche mich dann so leise wie möglich zur Tür. Doch kaum habe ich sie geöffnet, da steht Pa schon vor mir und fragt mich, wo ich hinwill. Ich murmele etwas vom Badezimmer, aber er lässt sich nicht abschütteln und bleibt in meiner Nähe wie ein Wachhund.
Hoffnungslos trabe ich wieder zurück ins Bett und flehe John in Gedanken an, auf mich zu warten. Schäme mich, hier so weich und warm rumzuliegen, während er dort draußen in der Kälte hockt. Sehe seine Narben vor mir und schäme mich noch mehr. Denke an seinen toten Bruder, Kimoni, und frage mich, wie John mit dem Verlust seines Bruders klarkommt. Lehne mich erschöpft zurück und denke, dass ich einfach nur schlafen möchte, schlafen und vergessen und in meinem Bett in Nusstal aufwachen und erfahren, dass all das hier nie passiert ist.