2. Kapitel
Das Elisabethenstift in Schwabing ist schon alt und wirkt ziemlich heruntergekommen. Der Linoleumboden ist in der Mitte der Gänge völlig abgelaufen und an den Rändern grau. Es riecht überall nach einer Mischung aus aufgewärmtem Blumenkohl, Sagrotan und Fußcreme.
Lina liegt nicht mehr auf der Intensivstation, nur noch auf der Intensivbeobachtung, wo man sich keine grünen Kittel anziehen muss.
Sie ist schon wach, neben ihrem Bett sitzen Mama und unser Stiefbruder Alex. Von Oliver ist nichts zu sehen, vielleicht hat er gerade Schicht.
Als Lina mich entdeckt, richtet sie sich auf. Sie sieht fürchterlich aus, überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Die tiefen schwarzen Ringe unter den Augen wirken wie Blutergüsse, ihre Lippen sind aufgesprungen und die tote Haut klebt wie alte Weißbrotbrösel darauf. Am Hals hat sie blaue Flecken und ihre schönen blonden Haare pappen strähnig und fettig an ihrem Schädel, der mir plötzlich riesig vorkommt.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Das hier ist kein Theater, das hier ist echt. Meine Kehle schnürt sich zu, und je näher ich an ihr Bett komme, desto deutlicher sehe ich, wie verzweifelt Lina ist.
Ihre Augen starren mich so angsterfüllt an wie damals, als sie in dem kleinen Teich hinter unserer Schule im Eis eingebrochen war und dachte, dass sie sterben müsste. An dem Tag habe ich es geschafft, sie so lange in dem Eisloch festzuhalten, bis Pa da war.
»Ruby, Ruby!« Sie streckt wie damals ihre Hände nach mir aus, als würde sie ertrinken, wenn ich sie nicht rette.
Mir schießen Tränen in die Augen. Was ist nur mit mir los, dass ich so gemein über sie gedacht habe? Ich renne die letzen Meter zu ihr hin und setze mich neben sie auf ihr Bett. Sie umarmt mich und flüstert mir etwas ins Ohr, aber ich kann es nicht verstehen, weil ich selbst so laut weinen muss.
»Schschscht, alles wird wieder gut«, sagt Pa und setzt sich auf die andere Seite des Bettes.
»Ich will mit Ruby allein sein.« Linas Stimme klingt nicht wie sonst, es ist eher ein Krächzen.
In diesem Augenblick schwebt Oliver herein. Im weißen Kittel, nur einen Kugelschreiber in der Brusttasche. Den passenden Rahmen geben zwei junge Frauen ab, auch sie im weißen Kittel, die eine schwarzhäutig, groß und schlank, die andere klein, mollig und blond.
Ich habe nie verstanden, was Mama an Oliver so toll findet. Er ist groß und stakst durch die Gegend wie eine betrunkene Giraffe. Seine blonden Haare, die kaum von seinen abstehenden Ohren ablenken, sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, und seine Nase ist irgendwie zu klein für das große Gesicht. Sein Sohn Alex sieht viel besser aus als er, ein bisschen wie Jack Sparrow ohne Bart, deshalb nenne ich ihn für mich auch nur den Fluch.
»Hallo, Lina, wie geht es dir jetzt?«, fragt Oliver, schiebt mich von der Bettkante und gruppiert sich mit den Frauen um Lina.
Lina verrenkt sich fast den Hals, um mir einen Blick zuzuwerfen. »Hol mich hier raus!«, sagt sie heiser.
Oliver wechselt einen Blick mit der Schwarzen. Die kleine Blonde zieht ein Diktiergerät aus ihrer übervollen Brusttasche und murmelt etwas hinein. Es klingt wie »Wahnvorstellungen, typisch nach …«.
»Lina, du musst dich beruhigen. Ich habe dir Frau Dr. Polliwoda mitgebracht. Sie wird sich mit dir unterhalten, du kannst ihr vertrauen. Alles, was du ihr sagst, fällt unter die ärztliche Schweigepflicht. Sie darf auch uns«, Oliver wirft Mama einen Blick zu, »nichts von dem erzählen, was du ihr anvertraust.«
»Ruby!« Diesmal klingt es wie ein Stöhnen.
Ich trete wieder näher an ihr Bett, auch wenn Oliver mich davon abhalten möchte. Lina winkt mich ganz nah zu sich heran, alle starren schweigend zu ihr hin und schließlich lässt mich Oliver doch näher kommen.
»Ruby«, Lina umklammert meinen Unterarm, »Ruby, der Schenk ist hier.« Sie muss husten.
»Das kommt davon, dass wir ihr den Magen ausgepumpt haben. Lina, du musst Schmerzen haben.« Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, gibt Oliver der Schwarzen, die er mit Samira anspricht, Anweisungen, eine Infusion zu holen.
»Ruby …«, beginnt Lina wieder.
»Du regst sie auf«, mischt sich Mama mit einem Seufzen ein. »Wie immer! Könnt ihr zwei denn nicht einmal friedlich miteinander umgehen? Nicht einmal jetzt?«
»Sie will mir doch nur etwas sagen«, protestiere ich.
Lina nickt zustimmend.
Der dunkelhaarige Alex, der so anders als sein Vater aussieht, dreht sich zu mir um. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen, als er von Lina zu mir blickt. »Woher die plötzliche Schwesternliebe?«, erkundigt er sich spöttisch.
»Alex!« Die Stimme seines Vaters ist scharf.
Samira kommt mit der Infusion wieder zurück. Oliver macht den Platz am Bett frei, damit sie den Zugang zu Linas Venen freilegen und sie mit der Infusion verbinden kann.
Lina legt sich zurück auf das Kissen und schließt die Augen.
»Schenk«, murmelt sie. »Bitte, Ruby, du musst ihn stoppen. Sonst fressen sie die Raben!«
»Sie ist vom Auspumpen dehydriert«, erklärt Oliver seelenruhig. »Das führt dann zu diesen Halluzinationen.« Er gibt Samira und Dr. Polliwoda durch ein Kopfnicken zu verstehen, dass sie gehen können, und tritt zu Mama. Er umarmt sie kurz, während er den Kopf schüttelt. »Mach dir keine Gedanken, Katja, sie wird sich wieder erholen. Das hier ist eine einfache Kochsalzlösung, das wird sie wieder auf den Damm bringen. Es ist nichts wirklich Schlimmes passiert.«
Pa räuspert sich drohend. »Das sehe ich aber anders«, sagt er, während seine Stimme gefährlich zittert. »Wenn eines meiner Kinder nicht mehr leben will, dann muss es einen Grund dafür geben. Was für mich bedeutet, dass sehr wohl etwas wirklich Schlimmes passiert ist.« Seine Stimme wird bei jedem Wort lauter. »Und ich wüsste wirklich gern, was das ist!« Er starrt auf Mama, Oliver und Alex. »Was habt ihr Lina angetan?«, brüllt er schließlich.
Sein Brüllen bringt Lina dazu, ihre Augen zu öffnen. Sie sucht meinen Blick und schüttelt kaum erkennbar den Kopf, dann fallen ihre Augen wieder zu.
»Ich kann verstehen, dass du aufgeregt bist, Matthias, aber ich halte es nicht für gut, wenn du hier herumschreist.« Olivers Stimme ist immer noch ruhig und sehr autoritär. »Jetzt solltet ihr nach Hause gehen. Morgen wird sich Lina deutlich besser fühlen, und wenn die Frage nach ihrer psychischen Betreuung geregelt ist, kann sie übermorgen wieder nach Hause.« Er dreht sich zu Mama um. »Katja, du solltest dich hinlegen, die Nacht war sehr lang für dich.« Er schreitet zur Tür, dabei streicht er seinem Sohn über die Haare, was Alex peinlich zu sein scheint, denn er erstarrt und schaut auf den Boden. Dann hält Oliver die Tür auf und bedeutet allen, jetzt aus dem Krankenzimmer zu verschwinden.
Ich bin die Letzte, die geht. Aber bevor ich das tue, sehe ich noch einmal zu Lina zurück. Ihr Blick ist flehentlich auf mich gerichtet. »Ich komme wieder«, sage ich fest. »Und zwar allein.«
»Danke, Ruby«, flüstert sie, dann schließt sie die Augen.
Eine Viertelstunde später sitzen wir in der Küche der neuen Wohnung meiner Mutter. Wobei sie nur für mich neu ist, weil Mam, Oliver und Lina erst nach der Sache mit Merlin im letzten Jahr hierhergezogen sind. Das Haus ist ganz in der Nähe des Krankenhauses, damit Oliver es nicht so weit zur Arbeit hat. Die große renovierte Altbauwohnung hat einen Balkon zum Hof und liegt abgeschirmt durch die vordere Häuserreihe ruhig in einem Hinterhof an der Mainzerstraße. Alex ist schon vor über einem Jahr ausgezogen und wohnt in einer Loftwohnung an der Münchner Freiheit, aber er ist nach unserem Besuch im Krankenhaus auch mit hierhergekommen.
Ich bin immer noch schockiert von Linas Verhalten eben. Was genau hatte sie von mir gewollt? Und warum wollte sie ausgerechnet mit mir sprechen und nicht mit Mama oder Alex, die ihr doch seit der Scheidung vor drei Jahren sehr viel näherstehen?
Für mich ist ganz klar, dass Lina vor etwas Angst hat. Aber was kann das sein? Sie hat sich schon das Schlimmste angetan, was man sich antun kann: Sie hat versucht, sich umzubringen.
»Was möchtest du trinken?«, fragt Alex, während Mama einen kompliziert technisch aussehenden silbernen Kaffeeautomaten anschaltet.
Der Fluch hat dunkles Haar, ganz anders als Oliver, und ist überhaupt sehr viel hübscher als sein Vater. Ich habe mal ein Foto seiner Mutter gesehen, die vor sechs Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Sie sah aus wie eine französische Chansonsängerin. Die breiten Wangenknochen und die traurigen dunklen Augen muss er von ihr geerbt haben.
Der Fluch starrt mich so durchdringend an, als müsste er etwas aus mir herausquetschen, was ich unbedingt vor ihm verbergen wollte. »Trinken?«, wiederholt er ungeduldig.
»Gibt’s Cola?«, frage ich ihn, obwohl mir klar ist, dass es bei Mama und Oliver, den ernährungsbewussten Vegetariern, allerhöchstens Bionade geben wird – etwas anderes kommt ihnen nicht ins Haus.
Prompt zeigt Alex wortlos auf eine Apfelsaftflasche und macht mir dann, als ich nicke, eine Schorle.
»Dehydriert.« Mir fällt wieder ein, was Oliver gesagt hat, während ich den Inhalt des Glases gierig herunterschütte. Ausgetrocknet war Lina also und deshalb hat sie angeblich Wahnvorstellungen. »Du gehst doch auf die gleiche Schule wie Lina. Hast du eine Ahnung, warum meine Schwester das getan haben könnte?«
Der Fluch zuckt mit den Schultern. »Nicht wirklich. Aber ich glaube, dass sie Liebeskummer hatte.«
»Sie hat also einen Freund?« Leider muss ich sofort an Merlin denken, den sie mir, ohne mit der Wimper zu zucken, ausgespannt hat. Merlin, der Einzige, in den ich je verliebt war. Und das Schlimmste war, dass ich ihn sogar verstehen konnte. Meine Schwester ist einfach so viel lustiger und mutiger als ich und sie hat so viel mehr Kurven als Ruby, die Bohnenstange. Und wen interessiert schon, dass ich was in der Birne habe? Sogar Oma behauptet, dass Männer besser sehen als denken können. Erst in den letzten Monaten habe ich mich manchmal gefragt, warum ich nicht um Merlin gekämpft habe. Ich habe ja nie den Versuch gemacht, ob ich gegen Lina eine Chance gehabt hätte. Und allein deshalb wäre es normalerweise eine unglaubliche Genugtuung für mich gewesen, von Linas Liebeskummer zu erfahren.
Normalerweise. Aber jetzt ist alles anders. Nachdem ich sie im Krankenhaus gesehen habe, ist all mein Zorn auf sie verschwunden, und sie tut mir nur noch leid.
Alex hat mir immer noch keine Antwort gegeben, deshalb wiederhole ich meine Frage: »Lina hat also einen Freund?«
Der Fluch dreht sich zu meinen Eltern um, die sich an den Küchentisch gesetzt haben und in ihre eigene Diskussion verwickelt sind, und flüstert dann: »Nicht so laut, von dem letzten Typen weiß deine Mom gar nichts.«
»Wieso denn nicht? Lina ist doch schon achtzehn. Sie kann machen, was sie will.«
»Trotzdem wollte Lina nicht, dass Oliver und ihre Mutter davon erfahren. Ich hab sie mal mit dem Typen gesehen und danach hat sie mich angefleht, es für mich zu behalten.«
Ich schüttele den Kopf. Das hört sich genauso wenig nach Lina an wie die Tatsache, dass sie Liebeskummer gehabt haben soll. Weder das eine noch das andere passt zu ihr.
»Ich glaube, er hat sie abserviert. Das ist sie nicht gewohnt.« Alex lächelt ein bisschen gemein, wie Jack Sparrow.
»Und deshalb wollte sie sterben?« Obwohl – das war tatsächlich etwas, was Lina nicht gewohnt war: dass jemand sie verließ, bevor sie es tun konnte. Dass jemand Nein zu ihr sagte.
Alex gießt mir Apfelschorle nach und zwinkert mir zu. »Na ja, sie hat eine melodramatische Ader, oder nicht?«
»Das habe ich zuerst auch gedacht«, erwidere ich nachdenklich. »Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.«
»Wie meinst du das?« Er holt aus dem riesigen roten Kühlschrank, auf dessen Vordertür unzählige Zettel und Fotos prangen, einen stinkenden Käse, schneidet ihn in kleine Würfel und wirft sich einen nach dem anderen in den Mund. »Willst du auch?«, fragt er mich.
Lieber sterbe ich, will ich schon sagen, als mir gerade noch rechtzeitig klar wird, wie daneben das gewesen wäre.
»Irgendwas stinkt …«, sage ich, und erst als Alex anfängt zu lachen, wird mir klar, dass er denkt, ich rede vom Käse.
»Ich glaube, Lina hatte Angst, heute im Krankenhaus.«
Alex feuert weitere Würfel in den Rachen. »Klar hatte sie Angst. Vor den Konsequenzen. Jetzt muss sie zu einer Psychotante und sie kann sicher sein, dass eure Mutter sie von nun an gründlich überwachen wird.«
Eure Mutter. Na wenigstens etwas. Sie war wirklich nicht seine Mutter. Aber damit, dass Mam meine ältere Schwester jetzt nicht mehr aus den Augen lassen wird, hat er vermutlich recht. Was Lina auch klar sein sollte. Als wir klein waren, durften wir als Einzige nie mit zu Schulausflügen oder Klassenfahrten, weil Mam ständig Angst gehabt hatte, uns könnte etwas passieren. Zum Glück hatte sich das nach ihrer Heirat mit Oliver etwas gebessert, vielleicht weil der Arzt war. Trotzdem war sie immer noch davon besessen, dass uns etwas zustoßen könnte, und als ich mit Papa weggezogen bin, war genau das ihre größte Sorge, denn der war ihrer Meinung nach in allem viel zu lässig. Als Lina vor sechs Jahren ins Eis eingebrochen ist, hat sie eine Woche lang nicht mit Pa geredet, weil er es uns gegen ihren Willen erlaubt hatte, auf den See zu gehen.
Die Stimmen am Küchentisch werden lauter und reißen mich aus meinen Gedanken.
»Warum hat verdammt noch mal niemand in diesem Haushalt gemerkt, dass es Lina so schlecht geht?« Pa flucht so gut wie nie, außer wenn Dortmund verliert.
»Du weißt doch, wie verschlossen Teenager sind. Und überhaupt, wo warst du denn?«, brüllt Mam zurück. »Du hast doch die Kinder auseinandergetrieben! Hast du denn vorhin im Krankenhaus nicht gesehen, wie sehr sich Lina nach Ruby gesehnt hat?«
Alex und ich schauen uns an. Er zuckt mit den Achseln. »Sie gehören dir. Ich gehe jetzt. Ruf mich an, wenn’s was Neues gibt.« Er steckt sich den Rest Käse auf einmal in den Mund, dreht sich um, ruft ein »Tschüss dann!« in Richtung Küchentisch und verlässt die Wohnung, ohne auf Mams »Warte!« zu achten.
Am liebsten würde ich mit ihm gehen, aber das wäre nicht fair Pa gegenüber.
Während ich noch überlege, ob ich mich zu meinen Eltern setzen soll, ist ihr Streit schon eskaliert, und Pa springt auf, rot im Gesicht. »Komm, Ruby, wir fahren nach Hause!« Er presst seine Lippen aufeinander und es klingt eher nach einem Zischen. Er muss unglaublich wütend sein.
»Aber wir wollten doch hier übernachten …«, protestiere ich.
»Gecancelt. Lina scheint auf dem Weg der Besserung zu sein und deine Mutter ist der Meinung, dass ich nicht wirklich zur Genesung meiner Tochter beitrage. Wir gehen.«
Mama ist ihm nachgelaufen. »Ruby, du kannst gern hierbleiben, auch wenn dein Vater gehen möchte.«
Oh Mann, ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits würde ich mich zu gern ein bisschen in Linas Zimmer umschauen und noch einmal mit Alex über Linas Liebeskummer reden. Außerdem habe ich Lina versprochen, sie noch einmal zu besuchen. Andererseits wäre das der pure Verrat Pa gegenüber. Und das kann ich nicht machen, wo er doch eh immer den Kürzeren zieht. Mein Pa ist so ein Typ, viel zu nett für diese Welt.
»Stimmt es wirklich, dass Lina in drei Tagen wieder nach Hause kommen darf?«, vergewissere ich mich und sehe gleichzeitig ihr völlig verängstigtes Gesicht vor mir.
»Ja, mein Schatz.« Nachdem Mam gerade so gebrüllt hat, klingt ihre Stimme nun geradezu sülzig. »Oliver ist ganz sicher, dass sie das Schlimmste überstanden hat. Mach dir keine Sorgen.«
Mein Vater gibt ein undefinierbares Schnauben von sich. »Natürlich machen wir uns Sorgen, Katja! Ruby, du kannst wirklich bleiben. Lina war so froh, als du kamst.« Er schaut mich eindringlich an und ich werde wieder unsicher, wie ich mich entscheiden soll.
In diesem Moment hört man, wie jemand den Sicherheitscode an der Tür eingibt. Oliver kommt herein. Er sieht müde aus, murmelt »Guten Abend«, wirft Pa und mir nur ein kurzes Nicken hin, stürzt zu Mam wie ein Verdurstender und küsst sie ausgiebig auf den Mund. Wie überaus taktvoll von ihm.
Okay, ich habe hier nichts verloren. Ich gehöre nicht hierher.
»Wir wollten gerade gehen, Pa, oder nicht?« Wir schauen uns an, dann zuckt er mit seiner rechten Schulter. »Okay, gut. Ruby hat außerdem Schule morgen.«
Wir verabschieden uns und ich habe den Eindruck, niemand ist allzu traurig darüber, dass wir zurück nach Nusstal fahren. Aber ich denke an Lina und überlege, morgen nach der Schule noch einmal nach München zu fahren und sie zu besuchen, notfalls auch ohne Pa.
Auf der Heimfahrt sehe ich sie wieder vor mir, mit diesem verweinten Gesicht und den vor Angst starren Augen. »Schenk ist hier«, hat sie gesagt. »Schenk.« Ich glaube nicht, dass sie Wahnvorstellungen hatte, auch wenn es sich für die anderen so angehört hat.
Schließlich weiß ich, dass es ihn gibt, Schenk, den bösen Schenk.
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Heute:
Zeitrechnung der Liebe
Ich habe beschlossen, einen neuen Kalender einzuführen. Der Tag, an dem ich ihn das erste Mal gesehen habe, ist die Stunde null. Dann herrschte dunkle Nacht, bis zu dem Tag, an dem wir uns das erste Mal geküsst haben.
Ich weiß nicht, wie ich das bis heute überstanden habe – wie ich es ausgehalten habe, ihn ständig in den Armen einer anderen zu sehen. Tag für Tag für Tag. Nach dem christlichen Kalender waren es qualvolle neunhundertundzwölf Tage.
Unser Kuss ist der zweite Tag in meinem Kalender. Und der Tag, an dem wir uns das erste Mal nackt berührt haben, ist Tag drei im Jahr eins. Altmodisch gerechnet waren das noch einmal sechsundsechzig Tage.
Er war nervös, weil er ganz genau gewusst hat, wie verdorben wir sind, und seine größte Sorge war dann auch nicht, wie es mir dabei geht, sondern nur, ob wir erwischt werden.
Vor allem meine Mutter durfte nichts davon erfahren, es hätte ihr das Herz gebrochen. Und auch meine Schwester hätte nur alles wieder in den falschen Hals gekriegt und womöglich gepetzt, nein, die Kleine soll in ihrer idyllischen Puppenstube bleiben, bis sie selbst merkt, wie hohl sie sich anfühlt.
Danach hat er stark gegen sein Verlangen angekämpft und so hat es noch einmal dreiundvierzig Tage gedauert, bis wir endlich zu einem Paar wurden. Dieser Tag ist mein heiliger Festtag. Es war im September. Am dreißigsten. Ich habe nie verstanden, wie es Frauen geben kann, die nicht dafür sorgen, dass ihr erstes Mal etwas ganz berauschend Schönes wird. Frauen, die sich am Ende eines langen Klubabends dem Erstbesten an den Hals werfen. Völlig krank. Natürlich sollte er älter sein. Sonst ist es, als würde man seinen Körper bei einem Kindergeburtstag hergeben. Nein, er muss Erfahrung haben und er muss sicher sein. Und man muss ihn lieben.
Mehr lieben als sein Leben.
4 Kommentare:
Gelimausi sagt:
Total süß, diese Kalendersache!
Löwchenmeyers sagt:
Ich finde, das klingt reichlich merkwürdig. Ein bisschen wie aus dem vorvorletzten Jahrhundert. Wir Frauen sollten endlich aufhören, unser Leben nach den Typen auszurichten. Wie traurig, dass man unter wahrste Liebe son Schrott findet. Ich wünschte, du hättest den Mumm, unter wahrster Liebe nicht die Fixierung auf jemand anderen, sondern auf dich zu verstehen. Schade.
Muschifan sagt:
mer saftiges!
Mauseküsschen sagt:
Wann gibts die Fortsetzung? Das klingt spannend!