16. Kapitel
Dieser erste Tag nach Linas Tod schleppt sich hin wie ein ganzes Jahrhundert. Auf dem Nachhauseweg von Alex ist mir klar geworden, dass ich mit Gretchen reden muss, jetzt, wo ich Samira nicht erreichen kann, die mir mit dem geheimnisvollen Freund vielleicht weiterhelfen könnte. Gretchen weiß die Wahrheit über Linas Beziehungen, da bin ich mir sicher. Und gestern in der Schule habe ich keine Gelegenheit mehr gehabt, sie auszuquetschen, weil ich auf Linas Tisch die Zeichen gefunden habe und dann gleich ins Krankenhaus gestürmt bin.
Ich rufe sie auf ihrem Handy an und erreiche sie in der Schule. Sie ist nett wie am ersten Tag, aber sie schreiben gleich eine wichtige Mathe-Ex und nachmittags muss sie noch eine Hotline für die Astros organisieren. Nachdem ich jedoch ordentlich auf die Tränendrüse drücke, lässt sie sich erweichen und schlägt mir vor, dass wir uns zu einem frühen Abendessen in einer der Pizzerien ihres Vaters treffen können. Sie übernimmt dort ab neunzehn Uhr die Schicht einer kranken Kellnerin.
Ich bedanke mich bei ihr, lege auf und überlege, wie ich den Tag bis dahin herumbringen soll. Mir sitzt die vergangene durchwachte Nacht noch in den Knochen und ich fühle mich so elend, als würde ich eine Grippe bekommen.
Mittags gehen Mam und Pa zu Oma ins Seniorenheim, um ihr die Nachricht von Linas Tod so schonend wie möglich zu überbringen. Lina war Omas ausgesprochener Liebling. Sie schlagen gar nicht erst vor, dass ich mitkomme, und ich bin froh darüber.
Ich ziehe mich in Linas Zimmer zurück und grübele über Alex und seine Reaktion auf das Foto und auf meine Anschuldigungen Oliver betreffend nach, bis mich tatsächlich die Erschöpfung übermannt und ich einschlafe. Pa weckt mich, als er mit meiner Mutter von Oma zurückkommt.
Sie wollten unbedingt, dass ich etwas esse, aber ich bekomme nichts herunter. Ihnen geht es allerdings ähnlich. Wir alle sitzen nur um den Tisch herum und starren die Brote an, die Butter und den Käse, den Pa hingestellt hat, aber niemand nimmt sich etwas. Schließlich räumt Pa wieder alles ab und dann wollten sie wissen, ob ich mit zu ihrem Termin beim Beerdigungsinstitut kommen möchte, aber selbst wenn ich nicht mit Gretchen verabredet wäre, würde ich es nicht über mich bringen, einen Sarg für Lina auszusuchen.
Gleich nach ihnen mache ich mich auf den Weg. Wie sie mir am Telefon erklärt hat, gehört Gretchens Vater eine ganze Kette von italienischen Restaurants, die über die ganze Stadt verteilt sind. Aber das, in dem Gretchen heute arbeitet, muss ausgerechnet in Riem liegen, am Ende der Welt.
Ich bin über eine Stunde dorthin unterwegs und muss von der U-Bahn-Station noch ewig zu Fuß durch ein völlig ödes, matschiges Neubaugebiet laufen, das bei dem trüben Wetter noch grauer wirkt, als es wahrscheinlich ist. Die Pizzeria sehe ich allerdings schon von Weitem, sie ist hell erleuchtet und erscheint mir in all dem Grau wie eine Oase.
Deswegen bin ich nicht wirklich überrascht, wie voll es hier mitten in der Pampa an einem ganz normalen Mittwochabend ist. Es sind mehrere Räume, die von dem offenen Steinofen weg und ineinander übergehen. Die Wände bestehen aus Steinplättchen, die Fußböden sind schwarz, die orangefarbenen Stühle sehen aus wie Klubsessel in Siebzigerjahre-Filmen. Das alles klingt vielleicht seltsam, aber es wirkt sehr gemütlich.
Ich sehe mich um und da kommt schon Gretchen auf mich zu. Sie trägt einen wadenlangen schwarzen Rock und eine weiße Bluse mit Puffärmeln. Ihre schwarzen Pocahontashaare sind ordentlich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Sie winkt mich in eine Wandnische und ich bin froh, dass sie sich die Floskeln spart, von wegen, wie leid ihr das mit Lina tut.
Stattdessen erklärt sie mir die Pizzasorten und empfiehlt Pizza Maria Callas, die Spezialität des Hauses, eine Pizza mit Krabben, Knoblauch, Lauchzwiebeln und Crème fraîche. Sie wirkt so eifrig, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihr zu sagen, dass ich keinen Hunger habe.
»Was willst du eigentlich von mir?«, fragt sie, nachdem unsere Saftschorlen vor uns stehen und wir beide einen großen Schluck getrunken haben. Johannisbeer für mich, Maracuja-Rharbarber für sie.
»Die Wahrheit wissen.«
»Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit?« Gretchen grinst mich an, aber dann wird sie sofort ernst. »Entschuldige, ich vergesse immer wieder, dass Lina tot ist. Es tut mir wirklich leid für dich.«
»Du hast ja auch Schwestern«, sage ich und hoffe, sie damit ein bisschen verständnisvoller zu stimmen. »Dann kannst du dir vielleicht vorstellen, wie schrecklich sich das anfühlt.«
»Wieso, hast du etwa Schuldgefühle, weil ihr getrennt wart? Ich wünschte mir oft, meine Schwestern wären in Sizilien, und ich hätte hier meine Ruhe. Also, warum bist du hier?« Ihre blauen Augen leuchten aus ihrem Pocahontasgesicht wie ein bayerischer Biergartenhimmel über frisch glänzenden Kastanien.
»Ich bin sicher, dass Linas Tod kein Selbstmord war.«
»Und was hat das mit mir zu tun?« Der Biergartenhimmel wird deutlich dunkler, Gewitterstimmung macht sich breit.
»Du hast gesagt, sie war eine Bitch.«
Sie kaut auf ihrer Unterlippe herum. »Wenn ich gewusst hätte, dass sie stirbt, hätte ich das nicht gesagt.«
»Aber du hast es so gemeint, oder?«
Gretchen überlegt kurz, dann nickt sie. »Yep. Deine Schwester und ich waren befreundet.«
»Aber dann ist etwas passiert.«
Sie zögert, aber schließlich gibt sie sich einen Ruck. »Wir waren Freunde, bis sie mir Dennis ausgespannt hat.«
Gretchen war also auch mal mit Dennis zusammen? Das erklärt die Bitch. Natürlich muss ich sofort wieder an Merlin denken und daran, dass angeblich immer zwei dazu gehören.
»Warum hat sie das deiner Meinung nach getan?«
»Na, warum wohl? Sie war scharf auf ihn!«
»Hat sie Dennis geliebt?«
Gretchen winkt jemandem im Lokal zu und nimmt einen Schluck aus ihrem Glas. »Ich weiß es nicht. Besonders groß kann die Liebe nicht gewesen sein. Sie hat ihn nämlich nach vier Wochen schon wieder abserviert.«
Lina hat ihn wieder verlassen?
»Aber du? Was ist mit dir?«
Gretchen lächelt mich an und zuckt dann mit den Schultern. »Andere Mütter haben auch schöne Söhne.«
»Es tut mir leid, was meine Schwester getan hat.« Ich greife nach meinem Glas und komme mir schäbig vor, so, als ob ich Lina verrate. Aber ich sage es trotzdem. Weil es die Wahrheit ist. »Ich weiß, wie sich das anfühlt. Das Gleiche hat sie mit mir auch gemacht. Weißt du denn, warum sie sich von Dennis getrennt hat? Und hat sie danach einen neuen Freund gehabt?«
In diesem Moment wird unsere autoreifengroße Pizza von Gretchens Vater höchstpersönlich serviert. Er lächelt mich zur Begrüßung freundlich an und die Lücke zwischen seinen oberen Schneidezähnen macht sein Lachen sehr sympathisch. Doch als Gretchen uns vorstellt und ihm erklärt, dass ich Linas Schwester bin, verebbt sein Lachen ganz plötzlich, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Er wirft seiner Tochter einen missbilligenden Blick zu, dem sie kaum standhalten kann, knallt die Pizza vor sie hin und verlässt uns kopfschüttelnd wieder.
Obwohl mich das völlig durcheinandergebracht hat, merke ich doch, wie intensiv es nach Knoblauch und frischem Teig duftet. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich verspüre plötzlich doch großen Hunger.
»Was war das denn jetzt?«
Gretchen zuckt mit den Schultern, säbelt exakt ein Achtel Pizza ab, rollt das Stück zusammen und beißt hinein. »Er mag Dennis. Und ich hab ihm erzählt, was Lina Schäbiges getan hat.«
»Und warum schaut er mich dann so an? Ich bin schließlich nicht Lina.«
»Keine Ahnung, Väter halt!«
Wir essen eine Weile schweigend, bis ich es einfach nicht mehr aushalte. »Bitte, Gretchen, ich muss das wissen. Weshalb hat ihm Lina nach so kurzer Zeit schon den Laufpass gegeben?«
»Ich habe keine Ahnung. Frag ihn doch. Vielleicht war sie ja auf euren Stiefbruder scharf?« Sie lehnt sich zurück. »Wer weiß schon, was deine Schwester angeturnt hat? Lina war wirklich ziemlich dreist. Nachdem sie unsere Freundschaft verraten hat, wollte sie auch noch, dass ich mich von Dennis fernhalte.«
»Hat sie gesagt, warum?«
»Nein, aber das ist doch ganz klar. Sie hat sich eingebildet, dass sie alle um sich herum manipulieren könnte.«
Gretchens Vater kommt zu uns, tippt auf seine dicke goldene Armbanduhr und erinnert Gretchen daran, dass sie ab jetzt Schicht hat.
»Und ein neuer Freund?«, frage ich hastig, als sie schon aufsteht.
»Niemand, von dem ich wüsste«, erwidert Gretchen. Sie bringt mich zur Tür.
»Können wir uns vielleicht noch mal auf einen Kaffee treffen?«, frage ich sie, bevor ich nach draußen gehe.
Sie hebt abwehrend ihre Hände. »Ich will nicht unhöflich klingen und es ist wirklich furchtbar, was mit Lina passiert ist, aber ganz ehrlich, ich wüsste nicht, worüber wir noch reden sollten. Außerdem gehst du doch sowieso bald ins Allgäu zurück, oder?«
Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber sie hat recht. Natürlich werden Pa und ich wieder zurückgehen, spätestens nach Linas Beerdigung, den Termin dafür haben sie sicher heute mit dem Bestatter festgelegt, gleich nachdem sie sich für einen Sarg entschieden haben.
Das bedeutet, ich muss vorher noch herausfinden, wer Lina auf dem Gewissen hat.
Ein Bild von Lina schiebt sich vor mein inneres Auge, ein Bild, in dem sie wie eine wächserne Puppe in einem dunkel polierten Eichensarg liegt, der mit weißen Spitzenkissen aus glänzendem Satin ausgekleidet ist – und dann plötzlich stürzen Dreckklumpen auf sie herab, geworfen von unsichtbaren Händen.
Ein Kellner bringt mir meine Jeansjacke hinterher, die ich völlig vergessen habe, geistesabwesend nehme ich sie entgegen.
Anscheinend sehe ich fürchterlich aus, denn Gretchen fragt mich, ob mir schlecht geworden ist.
»Nein, es geht schon, ich musste nur gerade an Lina denken.« Mir schießen Tränen in die Augen, plötzlich möchte ich am liebsten meine Arme um Gretchen schlingen und hemmungslos weinen. Ich muss verrückt sein.
Also drehe ich mich reichlich abrupt um, presse noch ein kurzes »Tschüss« hervor und stürze aus der Tür hinaus in die Dämmerung, während Tränen aus meinen Augen fallen, als hätte ich eben erst erfahren, dass meine Schwester gestorben ist. Ich laufe mit blinden Augen weiter, immer schneller, bis mir die Luft ausgeht. Lina wird nie mehr jemandem den Freund ausspannen, aber sie wird auch nie mehr Witze machen. Nie mehr. Mir kommt es so vor, als würde ich jetzt erst kapieren, was das Wort Nie wirklich bedeutet. Nie, nie, nie.
Ich setze mich auf eine schlammige Bordsteinkante und versuche, mich zu beruhigen.
Erst nach einer Weile merke ich, wie kalt mir ist. Ich hab noch nicht einmal meine Jacke angezogen. Das hole ich nun nach und wische mir mit einem Taschentuch meine Tränen ab.
Dann stehe ich auf und schaue mich um. Wo bin ich hier überhaupt? Ich bin irgendwohin gerannt, einfach ins Nirgendwo. Vor mir taucht eine lange öde Reihe von brandneuen Straßenlaternen auf, deren orangefarbenes Licht auf den glänzenden Asphalt fällt. Die Straße scheint in einen Wald zu führen. Hinter mir ragen die Häuserblocks in die Höhe, von denen einige noch im Rohbau stecken.
Ich suche verzweifelt nach dem blauen U-Bahn-Schild, drehe mich einmal um mich selbst, aber ich kann nichts dergleichen finden. Super. Ich habe mich verlaufen. Das kann ja wohl nicht wahr sein.
Wenigstens ist es noch nicht mitten in der Nacht. Am besten gehe ich zurück zur Pizzeria und frage dort nach, wie ich zur U-Bahn komme.
Ich laufe die Straße wieder zurück und meine, mich zu erinnern, dass ich von rechts gekommen bin.
Aber als ich nach rechts biege, stehe ich vor einem riesigen Spielplatz, der in der trüben Dunkelheit aussieht wie das stümperhafte impressionistische Gemälde eines depressiven Malers. Das erinnert mich an meinen Verfolger auf dem Spielplatz in der Nähe von Olivers Wohnung, der Verfolger, der im strömenden Regen aussah wie der Junge auf dem Foto. Ich schüttele mich. Geister, Gespenster.
Okay, dann gehe ich links, ich bin sicher, vorhin bin ich an keinem Spielplatz vorbeigekommen.
Dazu muss ich zwischen zwei Häuserblocks durch, von denen nicht ein Fenster erleuchtet ist und die ab dem ersten Stock miteinander verbunden sind, sodass eine Art Tunnel entsteht. Wieso blinkt hier nicht ein einziges Licht? Es ist noch nicht mal halb acht. Wohnt hier denn keine Menschenseele?
Das orangefarbene Licht der Laternen reicht nicht durch den kleinen Tunnel. Warum habe ich vorhin nicht besser aufgepasst? Ich bin manchmal einfach selten bescheuert. Ich hole mein Handy raus und klappe es auf, damit die Beleuchtung angeht. Prompt bilde ich mir ein, dass am Ende des Ganges ein Schatten weggehuscht ist. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Ich bleibe stehen. Wie so oft in den letzten Tagen fällt mir der passende Film dazu ein. Diesmal ist es der Streifen, in dem Jodie Foster eine Radiomoderatorin spielt, deren Verlobter vor ihren Augen von grausamen Schlägern in einem Tunnel ermordet wird. Quatsch, Ruby, solche Sachen passieren nicht in Deutschland und schon gar nicht in München! Das hier ist kein Tunnel im New Yorker Central Park, sondern ein Häuserdurchgang.
Ich leuchte noch einmal mit dem schwachen Display ans Ende des Tunnels und natürlich ist da kein Mensch. Okay, jetzt beruhigst du dich und kommst zu dir.
Ich gehe ein paar Schritte, aber nun habe ich das Gefühl, jemand wäre hinter mir, und mein Herz klopft auf einmal wie rasend. Ich traue mich kaum noch zu atmen, versuche, jedes Rascheln zu hören, jedes noch so leise Geräusch. Und ist da nicht wirklich etwas? Ein Schleifen? Alle Haare stellen sich mir auf, meine Beine werden weich und beginnen zu zittern.
Ich atme ein paarmal heftig ein und aus und dann stürze ich einfach los. Mit jedem Schritt merke ich, wie ich sicherer werde, dass ich das Richtige tue. Selbst wenn da nichts war, ich fühle mich befreit und renne weiter, renne durch diesen Gang auf die Straße, dann laufe ich rechts, ohne groß zu überlegen, irgendwo verdammt noch mal muss die U-Bahn sein und Menschen, hier wohnen doch Menschen, das gibt’s doch gar nicht, dass hier niemand auf der Straße ist!
Ich renne so lange, bis ich nicht mehr kann, und verbiete mir, nach hinten zu schauen, das fehlte noch, dass ich dabei einen Fehltritt mache und auf die Schnauze falle. Meine Brust wird eng, meine Beine brennen, aber ich laufe weiter und wie aus dem Nichts sehe ich endlich das blaue U-Bahn-Schild in die Nacht leuchten. Jetzt muss ich nur noch über ein riesiges Brachfeld, dann hab ich’s geschafft.
Ich merke, dass meine Kräfte nachlassen, und weil ich sehe, dass vorne an der U-Bahn gerade Leute zur Rolltreppe gehen, beruhige ich mich, werde langsamer und versuche, wieder zu Atem zu kommen. Der Matsch auf diesem Feld ist dermaßen zäh, dass man so oder so langsamer laufen muss, weil er schmatzend an den Schuhen pappen bleibt.
Ein Stoß in den Rücken, viel heftiger als der in der U-Bahn-Station. Und bevor ich kapiere, was passiert, falle ich nach vorne, mein Gesicht knallt in den Matsch, dabei zerbeiße ich meine Zunge.
Höllischer Schmerz durchfährt meinen ganzen Körper, panisch versuche ich, Luft zu bekommen, schlage mit den Armen um mich, schaffe es halb, mich umzudrehen, und erwische meinen Angreifer sogar hart mit dem Granatring im Gesicht, ich ziehe ihn einmal quer durch. Ich höre einen Schmerzenslaut, aber die Verletzung macht den Mann noch wütender, er packt meine Arme fester und reißt mich brutal auf den Boden, eine ekelhafte Mischung von süßem Männerduschgel und Zigaretten drängt sich in meine Nase, bevor mein Gesicht wieder zurück in die Erdbrocken gedrückt wird. Verzweifelt versuche ich, mich aufzurichten, doch er bohrt seine Knie in meinen Rücken und presst mich immer tiefer in den Dreck, zerquetscht mich wie ein lästiges Insekt. Ich drehe und winde mich, strampele mit aller Kraft, um das Gewicht von mir runterzubringen, aber es gelingt mir nicht. Dreck verstopft meine Nase und das Letzte, was ich noch spüre, ist der Geschmack von nasser Erde, der sich mit dem metallischen Geschmack meiner blutigen Zunge zu einem Inferno aus Schmerz vermischt.
VIII
Vor ihm liegt die Hölle; und getränkt soll er
werden mit siedendem Wasser.
((14:16))
Er hätte seinem Instinkt mehr vertrauen müssen, gleich nachdem er sie das erste Mal gesehen hat. Sie ist eine Gazelle, keine Hyäne, die sich am Aas der anderen Jäger weidet. Eine verrückte Gazelle, denn sie muss irre sein hierherzukommen, oder aber völlig ahnungslos.
Er hat gesehen, wie der Chef nervös wurde und zu telefonieren begann. Dann ist Amari gekommen und der Chef hat ihm die Gazelle gezeigt.
Amari ist beim Reden immer größer geworden, hat sich die Lippen geleckt, die Schultern nach hinten geworfen, als stünde er seinem Opfer bereits Auge in Auge gegenüber und würde seine Muskeln schon anwärmen, um den Speer im richtigen Moment abzufeuern.
Die Jagd ist eröffnet.
Und diesmal tut er das Richtige. Noch ist sein Herz zerfressen von dem, wozu seine Hand gezwungen worden ist, aber Kimonis Stimme siegt über den Hass in ihm.
Und er hat leichtes Spiel. Amari ist aus der Übung, er hat es offensichtlich verlernt, das kommt davon, wenn man zu viel frisst und säuft.
Er grinst verächtlich. Amari glaubt, wenn er sich dem Leben hier anpasst, wird er eines Tages einer von ihnen sein. Wie lächerlich. Egal wie lange ein Baumstamm im Wasser liegt, er wird niemals zu einem Krokodil. Seine Schwester hat das schon längst erkannt. Aber Amari hört nicht auf seine Schwester.
Wegen seiner Nachlässigkeit entkommt die Gazelle Amari eine Weile, während er leicht an ihr dranbleibt und sie beobachtet. Sie rennt ziellos herum, wirkt verstört.
Als sie sich hinsetzt und er erkennt, dass sie weint, möchte er sich zu ihr hocken und sie trösten. Ihr sagen, dass er ihren Schmerz fühlen kann, weil es sein eigener Schmerz ist. Aber dann bemerkt er gerade noch rechtzeitig, dass Amari sie wiedergefunden hat, und so bleibt er lieber dort, wo er beide gut im Auge behalten kann.
Sie nötigt ihm großen Respekt ab, denn trotz ihrer Trauer wittert sie plötzlich die Gefahr und zögert. Auch hier ähnelt sie einer Gazelle, die ahnt, dass im Baum über dem Wasserloch der Löwe schon sprungbereit auf sie wartet.
Und dann schafft sie es, ihnen zu entkommen, überrascht sie beide, doch sie wird viel zu früh unvorsichtig, wähnt sich in Sicherheit, lange bevor sie wirklich bei der schützenden Herde angekommen ist.
Amari erlegt sie brutal, es gelingt ihr noch, ihm ins Gesicht zu schlagen, doch dann rammt er ihr die Knie in den Rücken, durchsucht ihren Rucksack, zertritt ihr Handy, alles in größter Eile, dabei schaut er sich immer wieder hektisch um, als könnte ihm ein Verfolger seine Beute streitig machen.
Er zögert, vielleicht einen Moment zu lang, weil auch er sich vergewissern muss, dass niemand sonst sie beobachtet. Dann stürzt er sich auf Amari, würgt ihn und zieht ihn von ihr herunter, aber Amari hat die Kraft der sieben Schlangen. Er entwindet sich ihm, was seinen Zorn nur noch stärker macht und ihn explodieren lässt wie eine Botschaft der Hölle. Er zieht sein Messer, würde es Amari am liebsten ins Herz stoßen, doch das ist nicht das, was er Kimoni versprochen hat, und so rammt er die Klinge Amari nur in den Arm. Schwarzes Blut tropft auf den Matsch, rinnt zu Boden, rinnt auf die Gazelle. Er beugt sich über sie, dreht sie um, ihr Gesicht, eine Maske aus Dreck. Starr. Sie atmet nicht mehr.
Amari wirft sich verzweifelt auf ihn. Hat er denn immer noch nicht genug? Er hebt sein Messer, stürzt sich auf ihn und erst dann haut Amari ab, nicht ohne laute Verwünschungen auszustoßen.
Er wendet sich der Gazelle zu, befreit ihre Nase, schält den Matsch von ihrem Mund und versucht, ihr wieder Leben einzuhauchen. Immer wieder berührt er ihren Mund und atmet in ihren Körper, schüttelt sie leicht, will, dass sie zu sich kommt.
Dann gibt es nur noch ihren Mund und seinen Atem. Er glaubt nicht mehr an einen Gott, aber jetzt betet er doch darum, dass sie wieder aufwacht. Das alles muss ein Ende haben.
Als sie endlich die Augen aufschlägt und ihn verwundert anschaut, zerbricht etwas in ihm und er möchte ihr sagen, wie leid ihm das alles tut. Da flackern ihre Augen, als ob sie ihn wiederkennen würde, und dann schrumpfen sie und werden klein vor Entsetzen. Er kennt diesen Blick.
Doch bevor auch nur ein Wort der Erklärung aus seiner Kehle dringen kann, dass nicht er es war, der sie überfallen hat, packt ihn jemand am Kragen und zerrt ihn weg. Es ist nicht Amari, das riecht er sofort, es ist ein dicker Fremder, der ihn wütend von der Gazelle wegprügelt. »Was ist hier los? Verdammtes Ausländerpack!«
Er windet sich, tritt nach dem Mann, der lässt ihn für einen Moment los.
Er nutzt seine Chance und rennt davon.
Die Gazelle lebt, das ist das Wichtigste.
Und der dicke weiße fremde Mann wird es niemals schaffen, ihn einzuholen.