14. Kapitel

Erst als ich schon fast an der Mainzerstraße bin, werde ich ruhiger und frage mich, ob ich langsam verrückt werde. Schließlich habe ich gerade einen Geist gesehen. Ich bin ganz sicher, dass ich eben dem toten Typen von dem Foto begegnet bin. Aus dem Nichts ist er aus dem Regen aufgetaucht, wie ein Geist stand er plötzlich vor mir. Ich ringe nach Luft, während ich weitergehe, und überlege, was für Erklärungen es dafür gibt. Leider ist die wahrscheinlichste entweder die, dass ich afrikanische Gesichter nicht auseinanderhalten kann, oder die, dass ich einen Tagtraum hatte. Einen Tagalbtraum.

Nach dem, was Oliver mir an den Kopf geworfen hat, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Am frühen Morgen habe ich dann schließlich Feli angerufen und ihr erzählt, dass Lina gestorben ist. Sie wusste sofort, wie schrecklich es für mich ist, dass wir uns nicht mehr richtig versöhnen konnten. Vor ihr habe ich dann meinen Verdacht zum ersten Mal wirklich laut ausgesprochen: Lina wurde ermordet. Felis Entsetzen hat mein mulmiges Gefühl im Bauch noch verstärkt. Und weil Feli mit keiner Silbe an meiner Einschätzung gezweifelt hat und voller Besorgnis war, habe ich ihr das mit dem Foto und dem Stoß in der U-Bahn verschwiegen. Ich möchte nicht, dass Feli vor Sorge um mich durchdreht.

Nach unserem Telefonat ging es mir etwas besser, aber als ich dann in die Küche kam und die Mienen von Mam und Pa gesehen habe, musste ich wieder raus aus der Wohnung.

Bevor ich in den Hinterhof einbiege, schaue ich mich noch einmal nach dem Schwarzen um, entdecke aber niemanden. Also doch eine Projektion meines kranken Geistes. Was wollte ich auch im strömenden Regen auf diesem trostlosen Spielplatz? Wollte ich mich, wie Oliver es nennen würde, nur weiter bemitleiden?

Auf dem Spielplatz war alles nass und es war kalt, selbst für März, aber als ich die Schaukeln gesehen habe, konnte ich nicht anders, ich musste mich auf eine setzen. Lina hat Schaukeln geliebt oder vielmehr hat sie das Risiko geliebt. Immer, wenn sie den höchsten Punkt erreicht hat, ist sie gesprungen, sehr zum Entsetzen von Mama. Aber sie hat sich nie wehgetan. In Nusstal, zu der Zeit, als wir das Haus noch als Wochenendhaus benutzt haben, hat Pa uns eine wunderschöne Baumschaukel gebaut. Sie hängt auch heute noch an dem dicken Ast der Silberpappel neben dem Bach, aber auf der wird meine Schwester nie mehr schaukeln.

Oliver hat recht. Es war grausam von mir, Lina nicht zu verzeihen, traurig und kleinlich und lächerlich. Schließlich hat sie Merlin nicht dazu gezwungen, mich zu verlassen.

Aber was – der Gedanke schleicht sich in meinen Kopf – wenn das Ganze von Oliver nur ein gigantisches Ablenkungsmanöver war? Wenn er genau das erreichen wollte, dass ich einfach nicht mehr sicher bin, was ich glauben soll?

Als ich in den Hof einbiege, treffe ich Frau Vogel, aber von Napoleon entdecke ich keine Spur. Ihr Gesicht ist fast so graugrün wie ihr Wollmantel, sie wirkt so zerknittert auf mich, als hätte sie in ihren Sachen geschlafen. Sofort sehe ich den Hund wieder regungslos vor mir liegen, wie tot. Aber als sie näher kommt, lächelt sie mich glücklich an und streckt ihre Hand aus, um meine zu schütteln. »Kindchen, ich danke dir noch mal, dass du mir gestern mit Leon geholfen hast. Es war sehr gut, dass wir zum Arzt gefahren sind. Er hat ihm ein Brechmittel verabreicht und danach war mein geliebter General fast wieder der Alte. Er muss noch einen Tag dortbleiben, dann darf er nach Hause.« Sie mustert mich genauer. »Aber du bist so bleich, als hättest du gerade einen Geist gesehen.« Sie schlägt sich mit der Hand auf den Mund. »Oh, das war unpassend, deine Schwester ist ja gerade erst gestorben, der Hausmeister hat es mir erzählt. Entschuldigung. Wann ist denn die Beerdigung?«

Ich versichere ihr, dass ich Bescheid geben werde, sobald ich den Termin kenne. Dann verabschieden wir uns und ich gehe hoch in Olivers Wohnung. Auf halbem Weg kehre ich wieder um und renne Frau Vogel hinterher.

»Warten Sie, ich möchte Sie etwas fragen.«

Sie dreht sich zu mir um und bleibt stehen.

Ich hole noch ganz außer Atem das Foto mit dem Schwarzen aus meiner Tasche und frage sie, ob das der Mann ist, der an ihrer Tür geklingelt hat.

Sie schaut sich das Bild lange an. »Der junge Mann sieht tot aus.«

»Ist es der, der bei Ihnen geklingelt hat?«

»Es könnte sein.« Sie schaut mich ratlos an. »Aber sicher bin ich nicht. Weißt du, er hatte die Kapuze bis über die Stirn gezogen und außerdem habe ich ihn ja nur durch den Spion gesehen.«

»Danke trotzdem.«

»Tut mir wirklich leid, ich muss jetzt los.« Sie zuckt bedauernd mit den Schultern, geht weiter und ich laufe zurück zur Wohnung.

Mam sitzt mit versteinerter Miene am Esstisch. Als sie mich sieht, steht sie auf und kommt mir entgegen. Oh Gott, sie wird mir doch keinen Vortrag darüber halten, dass ich trotz allem, was passiert ist, in die Schule gehen soll?

»Was fändest du denn für deine Schwester das Richtige?«, fragt sie hastig, ohne mich zu begrüßen. »Beerdigung oder Einäscherung?«

Im ersten Moment weiß ich nicht, was ich sagen soll, weil sie mich so überrumpelt hat. Als ich dann darüber nachdenke, finde ich es gruselig, dass Lina von Würmern zernagt werden soll. Andererseits ist es genauso schlimm, wenn sie verbrannt wird.

»Sie ist tot«, antworte ich schließlich. »Ich glaube, ihr wäre es egal.«

»Oliver will, dass wir sie einäschern. Er findet, wir sollten nicht so viel Geld für eine Beerdigung vergeuden, sondern das Geld lieber den Kindern in Guatemala spenden, wo Lina so gern hinwollte.«

Das passt doch wieder prima ins Bild. Wenn Lina erst mal verbrannt ist, kann man überhaupt nichts mehr nachweisen. Dann ist ihr Mörder für immer aus dem Schneider. Also muss ich dafür sorgen, dass das nicht passiert.

»Was Oliver sagt, klingt natürlich vernünftig.« Ich schüttle trotzdem den Kopf. »Aber ich fände es viel besser, wenn sie in einem schönen Sarg mit Blumen begraben wird.«

Mam schnieft ein paarmal und drückt mich an sich. »Dann rede du mit deinem Vater und ich mit Oliver.«

»Pa will auch keine richtige Beerdigung?«

»Er behauptet, er hätte mit Lina mal darüber gesprochen und sie hätte da ganz entschiedene Ansichten gehabt.«

»Mit Lina gesprochen? Aber sie haben sich im letzten Jahr gar nicht gesehen.«

Mam schüttelt den Kopf. »Schätzchen, dein Vater hat sich doch alle zwei Wochen mit Lina in München getroffen.«

Das haut mich um, aber ich nehme mich sofort zusammen. Mam soll nicht wissen, dass ich davon keine Ahnung hatte. Warum hat er mir das nie erzählt?

Ich murmele etwas vor mich hin und fühle mich von meinem Vater verraten. Wieso hat er sich heimlich mit Lina getroffen? Aber ich schätze mal, ich kenne die Antwort. Er wollte keinen Streit mit mir, er hasst jede Art von Streit. Zum ersten Mal finde ich das nicht diplomatisch, sondern nur noch ziemlich armselig.

Ich frage Mam nach einer Lupe, überlege kurz, ob ich ihr das Foto auch zeigen soll, aber sie sieht so verzweifelt aus, dass ich es lieber lasse. Sie holt mir die Lupe aus dem großen Badezimmer. »Für Splitter. Dieser Holzboden hier hat es in sich, das kannst du mir glauben. Lina hatte einmal …« Ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Hier.« Sie gibt mir die Lupe und geht dann schnell in ihr Schlafzimmer. Ich bleibe unschlüssig stehen, weiß nicht, ob ich ihr folgen und sie trösten oder mir mit der Lupe das Foto genauer vornehmen soll. Da fällt Mams Schlafzimmertür mit einem Knall ins Schloss und das nimmt mir die Entscheidung ab.

Ich setze mich an Linas Schreibtisch, hole das Foto aus der Jacke, die ich immer noch nicht ausgezogen habe, und lege es vor mich auf den Tisch.

Es ist furchtbar, wie viele Details man mit der Lupe erkennen kann. Plötzlich erzählt das Foto eine Geschichte. Ich fange bei den Füßen des Toten an, weil ich das weit aufgerissene Auge lieber nicht aus dieser Nähe betrachten möchte. Der Junge trägt Leinenschuhe in einer undefinierbaren Farbe, die Sohlen sind so abgelaufen, dass ich schon Löcher entdecke. Der Boden sieht aus wie grauer Beton mit Ölspuren darin, jedenfalls der Teil, der nicht mit Blut bedeckt ist. Neben seinen Füßen ist eine kleine Wasserpfütze.

Ich wende mich jetzt noch mehr dem Jungen zu, betrachte die blaue zerschlissene Jeans, die mit einem zerfledderten Gürtel zusammengehalten wird. Dann nehme ich die lange Narbe unter die Lupe. Sie kommt aus der Hose hervor und windet sich seitlich weiter hoch bis über die Taillenrückseite. So deutlich vergrößert erkennt man, wie entsetzlich sie aussieht, als hätte ein Metzger die Hautfetzen zusammengenäht. Hellbraune Verwachsungen mit leuchtend roten Stellen darin und alles ist so zerklüftet wie die Alpen auf dreidimensionalen Landkarten. Ich muss mich zwingen, weiter hinzuschauen. Was kann solche Narben verursachen?

Ich schwenke die Lupe höher. Seine Brust ist trotz der Narbe durchtrainiert wie die eines Leistungssportlers und auch seine Arme sind sehr muskulös. Weil ich es noch nicht schaffe, mich seinen Augen zu stellen, schaue ich mir die Arme genau an bis hin zu den Fingerspitzen.

Eine Hand ist zusammengeballt, zwischen den Fingern glitzert etwas. Ich hebe das Bild hoch und halte die Lupe ganz dicht darüber. Es ist eine Kette, die weiter unten fast von der Blutlache verdeckt wird. Ich brauche mehr Licht!

Ich knipse die Schreibtischlampe an, ziehe sie näher zu mir her und leuchte direkt auf das Foto. Es scheint ein Anhänger zu sein, leider sehe ich nur einen Teil davon. Ich erkenne gerade mal ein Stück von einem Kreis, darunter wieder ein Bogen. Dazwischen ist Luft. Etwas an diesem Gebilde kommt mir bekannt vor, mein Magen zieht sich wie elektrisiert zusammen. Eine Spur, da bin ich sicher, aber, verdammt noch mal, was für eine?

Ich hole mir ein Blatt Papier und einen Stift und male das winzige Stück ab, das ich erkennen kann. Ein Yin- und Yangzeichen? Nein, das passt nicht zu der zweiten Linie. Ich male einen ganzen Kreis und dann dieses Stück Innenlinie. Vielleicht muss ich es drehen? Ich drehe es und dann stellen sich mir alle Nackenhaare auf. Ich renne zu meiner Schultasche und hole den Zettel mit den schraffierten Symbolen heraus, die Lina von ihrem Tisch weggekratzt hat. Als ich ihn neben das Foto halte, erkenne ich genau die Übereinstimmungen.

Es ist das @-Zeichen.

Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Warum hat dieser ermordete Afrikaner ein @-Zeichen in der Hand und Lina kratzt es von ihrem Pult weg?

Ich denke an den Äskulapstab. Medizin. Ärzte.

Dann schaue ich wieder auf die Narbe.

Langsam dämmert mir etwas, aber das wäre ungeheuerlich. Unfassbar. Ich betrachte die Narbe noch einmal ganz genau, um mich zu vergewissern. Kann das vielleicht die Narbe einer Nierenoperation sein? Ich erinnere mich dunkel an John Lockes Narbe in Lost – war die nicht auch auf dem Rücken?

Um sicherzugehen, müsste ich einen Arzt fragen, aber der einzige Arzt, den ich kenne, könnte ein Schenk sein. Könnte darin verwickelt sein.

Nein, Ruby, du spinnst! Du kannst dir doch nicht ständig neue und immer wüstere Verdächtigungen ausmalen. Gestern noch hast du gedacht, Oliver hätte seine Stieftochter missbraucht, und jetzt denkst du an so etwas!

Aber der Gedanke lässt mich nicht mehr los, denn alles passt perfekt zusammen. Olivers Arbeit für Ärzte ohne Grenzen, sein Job im Krankenhaus.

Organhandel.

Etwas ist schiefgelaufen, Lina hat ihn dabei erwischt und deshalb musste sie sterben.

Ich brauche sofort Zugang zum Internet oder einen Verbündeten. Am besten sogar beides. Ich könnte Mams Laptop benutzen, aber das will ich dann doch nicht. Nicht, bevor ich nicht sicher bin.

Alex hat mir angeboten, dass ich seinen Computer benutzen kann. Alex, den ich das letzte Mal gesehen habe, als ich vor ihm im Luitpoldpark in die U-Bahn geflüchtet bin.

Was ist, wenn er mit drinhängt? Aber dann erinnere ich mich daran, wie sich die beiden neben Linas Bett gestritten haben und wie er zusammengezuckt ist, als sein Vater ihm über die Haare gestreichelt hat.

Andererseits war da dieses schwarze Auto gestern Abend. Es könnte Alex gehört haben. Soweit ich weiß, fährt er einen schwarzen BMW, aber in München fahren ja offensichtlich eine Menge Leute schwarze BMWs.

Egal, ich muss der Sache auf den Grund gehen. Und wenn ich bei Alex ins Internet gehe, kann ich gleichzeitig versuchen, ihn auszufragen. Ich packe das Foto wieder in meine Jeansjacke, die Lupe in meine Tasche und rufe Mam durch ihre Zimmertür zu, dass ich Alex besuchen gehe. Sie antwortet nur knapp, es klingt müde, vielleicht hat sie wieder eine Tablette genommen.

Ich wähle Alex’ Handynummer, er hört sich auch total verschlafen an, aber er lädt mich sofort ein und gibt mir seine Adresse.

Gerade als ich die Klinke der Haustür runterdrücke, öffnet Mam doch noch ihre Tür. Sie versucht, mich unter Tränen anzulächeln, presst sich ein »Bis später!« ab und schließt die Tür wieder, diesmal aber ganz sanft.

Und ich bin froh, jetzt weggehen zu können, wofür ich mich schrecklich schäme. Auch wenn ich mir sage, dass ich es nur für Lina tue, wird meine Schwester dadurch nicht wieder lebendig. Nein, letztlich mache ich das alles für mich, nur um mich besser zu fühlen. Um der Wohnung hier zu entfliehen.

Um meinem eigenen Schmerz davonzulaufen und den Schuldgefühlen.

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Blog für alle, die wirklich lieben

Heute nur eine Umfrage:

Kann man jemanden lieben, der böse ist?

  • Ja
  • Nein

Bitte einfach anklicken, Klicks werden automatisch gezählt.

Das Ergebnis und meine Meinung dazu dann in Kürze.

Bitte nehmt zahlreich teil, es ist wichtig für mich, danke. Falls Ihr noch etwas dazu schreiben wollt, gern!

5 Kommentare:

Waywo sagt:

Böse, was solln das sein?

Zizibe sagt:

Cool, du bist toll, ich liebe dich.

Miumiu sagt:

Kann man jemanden lieben, der nicht küssen kann, fänd ich die bessere Frage!

Waywo sagt:

Lol, oder noch besser, kann man jemanden mit Schweißfüßen lieben ;-)))

Leute, meine Umfrage ist ernst gemeint!

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Löwchenmeyers sagt:

Ich mache mir immer mehr Sorgen um dich!

Und du nervst. Schaff dir einen Hund an, um den du dich sorgen kannst.

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