Peter Tremayne

Der falsche Apostel




WIDMUNG

Im Gedenken an

John Carson (1932 – 2000),

dem leidenschaftlichen Sammler meiner Werke

»Erinnerung an frohe Zeiten

lässt Kummer uns vergessen.«


VORBEMERKUNG

<p>VORBEMERKUNG</p>

Die Kriminalgeschichten um Schwester Fidelma spielen im siebenten Jahrhundert Anno Domini, vorwiegend in Irland, ihrem Heimatland.

Schwester Fidelma ist nicht eine fromme Klosterschwester schlechthin. Sie gehört der Glaubensrichtung an, die wir heute die Keltische Kirche nennen. Diese hat sich lange im Widerstreit mit Rom befunden. Dabei ging es immer wieder um theologische Fragen und auch um die Gestaltung des Zusammenlebens weltlicher Gemeinschaften. Es gab voneinander abweichende Auffassungen darüber, wie der Gottesdienst abzuhalten sei, über die Datierung des Osterfests, über die Art, die Tonsur zu tragen. Das Zölibat hatte sich nicht überall durchsetzen können. In vielen Abteien lebten Männer und Frauen zusammen und erzogen ihre Kinder im christlichen Glauben zum Dienst an Gott. Fidelma ist eine gut ausgebildete dálaigh, eine Anwältin an den Gerichtshöfen Irlands, deren Grundlage die von alters her geltenden Gesetze der Brehons waren. Damals konnte eine Frau ebenso wie jeder Mann in den höhere Bildung voraussetzenden Berufen wirken. Nicht wenige Frauen waren Anwälte oder Richter. Es ist ein Dokument überliefert, in dem die Richterin Brig in einem Berufungsverfahren das Urteil des Richters Sencha über die Rechte einer Frau revidiert.

Den Lesern, die Schwester Fidelma auf ihren Abenteuern in der Romanserie begleitet haben, ist vermutlich nicht bewusst, dass sie erstmals in einer Kurzgeschichte auftrat. Im Oktober 1993 erschienen in unterschiedlichen Publikationen vier Geschichten mit Fidelma als Hauptperson. Die wohlwollende Aufnahme dieser Erzählungen führte dazu, dass Fidelma zur Heldin vieler Romane wurde. Dennoch ebbte das Verlangen nach weiteren Kurzgeschichten nicht ab. So entstanden die in diesem Band vereinten fünfzehn Detektivgeschichten.

Auch darf ich meinen Lesern verraten, dass es ursprünglich gar keine Fidelma gab. Während meiner wissenschaftlichen Arbeiten als Keltist kam mir der Gedanke, die Figur einer irischen Nonne zu schaffen, die als Anwältin im alten Irland geheimnisvolle Verbrechen aufklärte. Das gab mir die Möglichkeit, eine größere Leserschaft mit dem faszinierenden Rechtswesen der irischen Kelten vertraut zu machen und auf die hervorragende Rolle hinzuweisen, die Frauen in jener weit zurückliegenden Zeit spielten. In der ersten Geschichte, die ich 1993 schrieb, hieß die Hauptgestalt Schwester Buan. Das ist ein altirischer Name, er bedeutet so viel wie »Ausdauer« und geht auf eine Königstochter zurück, die in der Sage den Helden Cúchulainn in den Kampfkünsten unterweist.

Als ich das Manuskript meinem Freund Peter Haining zeigte, dem Schriftsteller und Herausgeber von Sammelbänden, gefiel ihm die Geschichte, doch bei dem Namen warf er entsetzt die Hände hoch. Er fand, der ginge nicht glatt über die Zunge, obwohl er so kurz sei.

Ich dachte darüber nach, und schon wurde Fidelma geboren; es war, als hätte sie nur darauf gewartet, von mir entdeckt zu werden. Auch dieser Name ist uralt und bedeutet »die mit dem glatten Haar«. Kaum hatte sich Fidelma derart ins Leben gedrängt, ging alles wie von selbst. Ihr Name gab ihr einen Hintergrund und eine Familie! Die männliche und weibliche Form des Namens waren in der Königsdynastie der Eóghanachta verbreitet, die das Königreich Munster von ihrem Hauptort Cashel (in der Grafschaft Tipperary) regierten. Außerdem war ich in der Landschaft zu Hause, denn die Vorfahren meines Vaters siedelten schon vor 700 Jahren, wie Urkunden zeigen, etwa sechzig Kilometer von Cashel. Dieser Ort ist für mich immer ein besonderer Ort gewesen, in dem Magie, Geheimnisumwittertes und reale Geschichte aufeinandertreffen.

So nimmt es nicht Wunder, dass Fidelma sofort ihre Identität gewann als Tochter des Königs Failbe Fland, der zwischen 637 und 639, wenige Monate vor Fidelmas Geburt, starb. Bevor sie also in ein Kloster eintrat und zur Anwältin herangebildet wurde, wuchs sie als Prinzessin im Clan der Eóghanachta auf.

Aufmerksamen Lesern wird aufgefallen sein, dass ich in der Abfolge der Romane eine strenge Chronologie eingehalten habe. In der Regel begibt sich die Handlung der Geschichten zwischen dem Frühjahr 664 und dem Herbst 666. Anno Domini 666 war Fidelma besonders stark eingebunden, denn in dem Jahr hatte sie zwischen Januar und Oktober nicht weniger als vier ganze Romanbände füllende Kriminalfälle zu lösen.

Die Einhaltung eines chronologischen Rahmens trifft auch auf die Kurzgeschichten zu. Fidelma ist etwa 27 Jahre alt, als sie ihre detektivische Laufbahn beginnt. Zuvor war sie nicht nur in einer Stätte kirchlicher Gelehrsamkeit ausgebildet worden, sondern hatte auch an der weltlichen Hohen Schule des Brehon (Richters) Morann in Tara studiert. Einen Brehon Morann hat es tatsächlich gegeben; seine Aussprüche und richterlichen Entscheidungen sind in der altirischen Literatur überliefert. Fidelma schloss ihre Studien sehr erfolgreich ab und erlangte den Grad eines anruth; das war nur eine Stufe unter der höchsten Auszeichnung, die geistliche und weltliche Bildungsstätten in Irland vergeben konnten. Während ihrer Studienzeit hatte sie eine unglückliche affaire du coeur mit einem Krieger, der ihr geistig nicht gewachsen war. In der Folgezeit trat sie in die klösterliche Gemeinschaft ein, die St. Brigid in Kildare gegründet hatte. Dort tat sie sich bald als junge Nonne hervor, der es gelang, verzwickte Rechtsfälle zu schlichten und mysteriöse Vorgänge zu klären. Mit ihrem Talent als Anwältin, dálaigh im Altirischen, gewann sie weithin Anerkennung.

Der eine oder andere Leser mag überrascht sein, dass in keiner der Kurzgeschichten Bruder Eadulf vorkommt. In Nur der Tod bringt Vergebung, dem ersten Roman (1994 in England veröffentlicht), hatte sich Fidelma bereits einen Ruf als scharfsinnige Fragestellerin und als Sachverständige in Rechtsfragen erworben und wurde 664 als Beraterin der irischen Delegation zur Teilnahme an der Synode von Whitby geschickt. Die Synode war der Austragungsort der historischen Debatte zwischen Vertretern der Keltischen und der Römischen Kirche. Dort kam es zu ihrer Begegnung mit Bruder Eadulf, dem jungen angelsächsischen Mönch. Er hatte seine Ausbildung in Irland genossen, trug aber jetzt die Tonsur von Rom. Er wurde ihr »Doktor Watson« und spielte fortan mit Ausnahme von Tod im Skriptorium (1995)[1] in allen Romanen eine Rolle.

In den Kurzgeschichten löst Fidelma die mysteriösen Vorgänge ohne die wohlwollende, wenn auch oft genug kritische Hilfestellung von Eadulf. Der Grund dafür ist darin zu suchen, dass etliche der Geschichten, wie zum Beispiel Mord im Tiefschlaf und Gottes Wille geschehe zeitlich vor ihrem Sich-Kennenlernen spielen. Auch Befleckter Heiligenschein, Der falsche Apostel und Das Geheimnis der Madonna gehören dazu.

In den frühen Geschichten erscheint Fidelma als »Fidelma von Kildare«. Man hat mich einmal gefragt, weshalb sie die fromme Gemeinschaft verlassen hat, denn nach den Geschehnissen in Tod im Skriptorium nennt sie sich nur noch »Fidelma von Cashel«. Manches zum Hintergrund für ihr Ausscheiden aus dem Kloster erfährt der Leser in Schierling zur Vesper. Sie begann, die sie bewegenden Fragen mit ihrem Mentor, dem ihr zugetanen Abt Laisran von Durrow zu besprechen, an dessen gerühmter Klosterschule Mitte des siebenten Jahrhunderts Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen eingeschrieben waren. In Durrow spielt Ein Lobgesang für Wulfstan. Während ihres Aufenthalts dort erreicht Fidelma ein Hilfeschrei von einer engen Freundin aus Kindertagen; beide waren gemeinsam aufgewachsen, und jetzt wird die junge Frau des Mordes an ihrem Mann und ihrem Kind beschuldigt. Wie sich die Sache zugetragen hat und ausgeht, wird in Vor dem Zelt des Holofernes erzählt. Auf ihrem Weg nach Tara zum Hof des Hochkönigs erfährt sie, dass die Gelbe Pest, die zu der damaligen Zeit schlimmste Verheerungen in Europa anrichtete, auch die beiden Hochkönige Diarmuid und Blathmac dahingerafft hat. Sechnusach, der neue Hochkönig, soll ins Amt eingeführt werden, doch stellt sich heraus, dass eins der Krönungsinsignien abhanden gekommen ist. Wenn Sechnusach nicht die geheiligten Artefakten vorweisen und damit sein Recht auf das Königtum bezeugen kann, drohen Bürgerkrieg und Anarchie. In Das Schwert des Hochkönigs erfahren die rätselhaften Vorgänge beredte Schilderung.

Von dort treibt es Fidelma, wie bereits erwähnt, nach Whitby zur Teilnahme an der Synode. Von Whitby reist sie gemeinsam mit anderen, darunter auch Bruder Eadulf, nach Rom. Im Herbst des gleichen Jahres findet man den neu ernannten Erzbischof von Canterbury ermordet im päpstlichen Palast – eine wahre historische Begebenheit, Grund genug für Fidelma und Eadulf, sich des Falles in Ein Totenhemd für den Erzbischof (1995) anzunehmen. Auch die Kurzgeschichte Gift im Abendmahlskelch spielt in Rom und in der gleichen Zeit, doch ist Eadulf hier keine Rolle zugedacht. Fidelma und Eadulf trennen sich in Rom; sie kehrt nach Hause zurück, während Eadulf die Aufgabe zufällt, den neuen Erzbischof von Canterbury, Theodor von Tarsus, zu unterweisen, ehe er ihn nach England zur Aufnahme seiner Pflichten begleitet. Fidelmas Heimreise führt über die Abtei von Nivelles, einer irischen Gründung im Seneffe-Wald im heutigen Belgien, wo Heiliges Blut angesiedelt ist.

Das Jahr 665 sieht Fidelma wieder in Irland. Sie geht nach Tara, dem Handlungsort von Angstschrei aus der Gruft, und weiter nach Kildare, wo sie in Schmählicher Tod eines Pferdes mysteriöse Vorfälle um ein Pferderennen aufdeckt. Sehr glücklich fühlt sie sich in Kildare nicht, und als ihr Bruder Colgú sie bittet, nach Cashel zurückzukehren, wo man dringend ihrer Hilfe bedürfe, tut sie das mit Freuden.

Wir sind noch immer im Jahr 665, und Cathal Cú Cen Máthair, der König von Cashel und Fidelmas Vetter, liegt im Sterben. Fidelma entspricht seiner letzten Bitte und lässt sich in Tod im Skriptorium in ein grauenhaftes Abenteuer in einem entlegenen irischen Kloster ein. Am Ende der Geschichte ist König Cathal tot, und neuer König von Munster wird der rechtmäßige Thronnachfolger, Fidelmas Bruder Colgú. Chroniken zufolge regierte Colgú von 665 bis 678 und war ein viel gerühmter König von Munster.

Im dann folgenden Buch Die Tote im Klosterbrunnen (1996) kommt es unter außergewöhnlichen Umständen zu einer Wiederbegegnung von Fidelma und Eadulf – im tiefen Winter in einem abgelegenen Kloster im südwestlichen Irland. Die nicht alltäglichen Ereignisse erreichen ihren Höhepunkt im Januar des Jahres 666. Von da an bleiben Fidelma und Eadulf zusammen, und ihr Zuhause wird Cashel, der Königssitz von Munster. In Der Tote am Steinkreuz (1997), Tod im Tal der Heiden (1998) und Tod in der Königsburg (1999) agieren sie mit vereinten Kräften. Nur ab und an bleibt Fidelma ohne Eadulfs Beistand, so in den Kurzgeschichten Gift im Versöhnungstrunk und Die sich an uns versündigen.

Der Zeitabschnitt, in dem wir uns bewegen, wird fälschlicherweise »das finstere Mittelalter« genannt. Für Irland war es das »Zeitalter der goldenen Aufklärung«, als Recht und Ordnung, Gelehrsamkeit und Schrifttum in einer der bemerkenswertesten Zivilisationen Europas ihre Blütezeit hatten. Es war eine Zeit, da Missionare aus Irland, allein oder auch in Scharen, loszogen und ihr Wissen in alle Himmelsrichtungen trugen, bis nach Kiew in der Ukraine, nach Island und den Färöern, nach Spanien und über die Alpen nach Italien, selbst bis nach Taranto, wo ein irischer Mönch namens Cathal der heilige Cataldus wurde und damit der Schutzheilige der Stadt. Es war eine Zeit großartiger künstlerischer Leistungen, der Schaffung reich verzierter Evangeliare, erstaunlich schöner Gold- und Silberarbeiten, wunderbarer Reliquiare, eine Zeit der Buchschreine, Kelche und Kreuze; eine Blütezeit der Literatur, nicht zu vergessen die Leistungen eines Rechtswesens und einer sozialen Ordnung, die in vieler Hinsicht bezüglich ihrer Philosphie und Herangehensweise unseren heutigen Auffassungen nicht nachstehen.

Aber – und es wird bei allem Positiven immer ein Aber geben – was die rein menschlichen Dinge angeht, so war es ein Zeitalter mit allen Tugenden und Lastern, die Menschen nun einmal eigen sind, mit Tugenden und Lastern, wie wir sie auch heute sehen und verstehen. Die Tatmotive für Verbrechen sind über die Jahrhunderte die gleichen geblieben. Im Irland des siebenten Jahrhunderts brauchte es einen geschärften Blick und einen analytischen Verstand genauso gut wie eine rein menschliche Sicht auf die Dinge und entsprechende Auslegung des Gesetzes; Fidelma formulierte es einmal so: »Es gibt Fälle, da bei aller Liebe zum Gesetz der Gerechtigkeit der Vorrang gebührt.« Begleiten wir also unsere gute Schwester in eine Welt, deren Verhältnisse uns fremd erscheinen mögen, in der wir aber Angst, Missgunst, Liebe und Hass erkennen – menschliche Schwächen und Leidenschaften, wie es sie zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsformationen gegeben hat und auch noch heute gibt.

Peter Tremayne


SCHIERLING ZUR VESPER

<p>SCHIERLING ZUR VESPER</p>

Die Glocke, die zum Sechs-Uhr-Gebet rief, war längst verklungen, als Fidelma am Tor des in der Abenddämmerung liegenden grauen Klosters anlangte. Sie war spät dran. Die Andacht war vorüber, und die Schwestern hatten sich bereits in den Speisesaal zum abendlichen Mahl begeben. Fidelma klopfte flüchtig den Reisestaub von der Kleidung, eilte zum Refektorium und huschte in demütiger Haltung mit gesenktem Kopf und in den Falten des Habits verschränkten Armen an ihren Platz.

Einem aufmerksamen Beobachter wäre aufgefallen, dass die Kopfhaltung das einzige Anzeichen von Demut an ihrer äußeren Erscheinung war. Selbst die Schwesterntracht konnte die schlanke, wohlgefällige Figur nicht verbergen; der Gang verriet Lebensfreude und Tatendrang, weniger Ergebenheit und in sich gekehrte Würde, wie man es von Nonnen kannte. Widerspenstige rote Haarsträhnen, die sich unter dem Schleier hervordrängten, unterstrichen den Eindruck; sie passten gut zu dem blassen, jugendlich frischen Gesicht und den leuchtend grünen Augen, die fröhlich in die Welt schauten.

Qualmende Öllampen gaben dem Saal Licht; ihr stechender Geruch vermischte sich mit dem von brennendem Torf, denn an der Stirnseite des Raumes schwelte ein Feuer. Beides, Lampen und Herdstelle, sorgten für etwas Wärme an dem kalten Vorfrühlingsabend.

Die Äbtissin hatte bereits zum Gratias angehoben, als Schwester Fidelma ihrem Platz am Ende eines der langen Tische zustrebte, wo sie etwas atemlos und in ungebührlicher Hast das Knie beugte. Teils empörte, teils amüsierte Blicke der Mitschwestern begleiteten sie.

»Benedic nobis, Domine Deus, et omnibus donis Tuis, quae ex larga liberalitate Tua sumpturi sumus per …«

Einem plötzlichen Schmerzensschrei folgten Sekunden erschrockenen Schweigens. Sie vernahmen den Aufschrei ein zweites Mal, ein unbeherrschtes Stöhnen aus männlicher Kehle, dann den dumpfen Aufprall eines menschlichen Körpers und das Geräusch splitternden Geschirrs. Schwester Fidelma war nicht die Einzige, die ob der unerwarteten Ruhestörung den Kopf hob; erregtes Geflüster ging durch den Saal.

Alle Blicke wanderten zu dem Tisch, der für die Gäste des Hauses der heiligen Brigid in Kildare vorgesehen war und an dem sichtliche Aufregung herrschte. Eine Schwester eilte zu dem auf einem Podest stehenden Tisch, von dem aus man die im Saal Versammelten im Auge haben konnte und wo die Äbtissin und die anderen führenden Mitglieder des Hauses hinter ihren Plätzen standen.

Es war Schwester Poitigéir, die Apothekerin, die der Äbtissin in heller Aufregung etwas ins Ohr flüsterte. Die Äbtissin verzog keine Miene. Mit einer Kopfbewegung fertigte sie die Schwester ab.

Inzwischen war das Getuschel in ein Stimmengewirr übergegangen. An die hundert Mitglieder der Gemeinschaft waren nach der abendlichen Vesper in den Saal geströmt, um das letzte Mahl des Tages einzunehmen.

Ruhe gebietend, hämmerte die Äbtissin mit ihrem irdenen Becher auf den Tisch. Sie war finster entschlossen, in ihrem Dankgebet fortzufahren.

»… sumus per Jesum Christum Dominum nostrum. Amen.«

Zwei Schwestern mühten sich, einen Mann – wie es Fidelma schien – aus dem Saal zu schaffen. Follaman, ein großer Mensch mit rötlichem Gesicht, dessen Aufgabe es war, sich um die männlichen Besucher im Gästehaus zu kümmern, kam ihnen zu Hilfe.

»Amen.« Rau hallte das Schlusswort durch den Raum, und die hundert Anwesenden glitten nahezu lautlos auf ihre Plätze. Normalerweise hätte jetzt mit dem Herumreichen von Brot die Mahlzeit beginnen sollen, doch die Äbtissin hob die Hand und gebot den Verantwortlichen, mit dem Austeilen zu warten.

Aufmerksames Schweigen. Sie räusperte sich. »Meine Kinder, wir müssen uns ein wenig gedulden. Unserem Gast ist plötzlich unwohl geworden, und wir müssen den Bericht unserer Apothekenschwester abwarten. Sie glaubt, er könnte etwas zu sich genommen haben, das ihm nicht bekommen ist.«

Sie begegnete dem augenblicklich ertönenden aufgeregten Gemurmel mit einer gebieterischen Bewegung ihrer schmalen, weißen Hand. »Während wir hier warten, übernimmt Schwester Murgain das Gebet …«

Ohne weitere Erklärung entschwebte die Äbtissin, und Schwester Murgain intonierte in einem Gemisch von Latein und Irisch mit schriller Stimme:

Regem regum rogamus

In nostris sermonibus

anacht Nóe a luchtlach

diluvii temporibus

König der Könige,

Wir beten zu dir,

Der du Noah beschützt hast

Zu Zeiten der Sintflut.

Schwester Fidelma beugte sich zu Schwester Luan, einem etwas einfältigen Geschöpf, das neben ihr saß, und fragte leise: »Wer war das, den sie da hinausgetragen haben?« Sie war zwei Wochen in Tara, dem Hauptort der fünf Königreiche von Irland und dem Sitz des Hochkönigs, gewesen und wusste nicht, was sich in der Zwischenzeit in ihrer Gemeinschaft ereignet hatte.

Schwester Luan wartete, bis die grelle Stimme von Schwester Murgain in ihrem Singsang

Regis regum rectissimi

prope est dies Domini

eine kleine Pause machte.

»Ein Gast, der im tech-óired wohnt. Sillán heißt er, aus Kilmatan.«

Alle frommen Häuser im Land hatten ein tech-óired auf ihrem Gelände, ein Gästehaus für Durchreisende oder auch für wichtige Besucher, denen man Gastfreundschaft erwies.

»Und wer ist dieser Sillán?«, forschte Schwester Fidelma weiter.

Sie spürte einen energischen Händedruck auf der Schulter und schreckte hoch. Gab es jetzt eine Rüge, weil sie während des Gebets gesprochen hatte? Sie sah in die vorwurfsvolle Miene von Schwester Ethne. Die schon ältere Nonne mit dem verhärmten, an einen Habicht erinnernden Gesicht und stets zusammengekniffenen Lippen war bei den jüngeren Mitgliedern der Schwesternschaft gefürchtet. Wenn sie einen anschaute, hatte man das Gefühl, ihre fahlen, leblosen Augen würden durch einen hindurch sehen. Es hieß, sie wäre so alt, dass sie schon im Dienste Christi stand, als die heilige Brigid vor einem Jahrhundert hierher gekommen war, um eben an dieser Stelle die erste Abtei für Frauen im Land zu begründen. Der Name Kildare, Kirche an der Eiche, leitete sich von jenem Kirchlein her, das im Schatten der großen Eiche errichtet wurde. Schwester Ethne war die bean-tigh, die Hausverwalterin, in deren Verantwortung die alltäglichen Belange der Schwesternschaft lagen.

»Die Äbtissin wünscht dich unverzüglich in ihren Räumlichkeiten zu sehen«, erklärte Schwester Ethne und schniefte. Es war eine dumme Angewohnheit von ihr, jede Äußerung mit einem Schniefer zu begleiten.

Leicht verwundert stand Schwester Fidelma auf und verließ mit der älteren Nonne den Saal. Trotz der gesenkten Köpfe und des beflissenen frommen Gesangs verfolgten alle Schwestern neugierig das Zwischenspiel.

Die Äbtissin Ita von Kildare saß in dem Raum, der ihr als Arbeitszimmer diente, an einem langen Eichentisch. Ihr Gesichtsausdruck war gefasst und entschlossen. Sie war eine immer noch gutaussehende Frau in den Fünfzigern, gebieterisch, mit bernsteinfarbenen Augen, in denen sonst eine verhaltene Fröhlichkeit blitzte. Davon war jetzt in dem flackernden Licht von zwei großen Bienenwachskerzen, die das dunkle Gemach spärlich erleuchteten, kaum etwas zu erkennen. Der Duft von Hyazinthen und Narzissen verlieh dem Raum eine angenehme Note.

»Komm herein, Schwester Fidelma. Hattest du eine erfolgreiche Reise nach Tara?«

»Ja, Ehrwürdige Mutter«, erwiderte das Mädchen und leistete der Aufforderung Folge. Sie wurde gewahr, dass hinter ihr auch Schwester Ethne das Zimmer betreten, die Tür von innen geschlossen hatte und mit züchtig verschränkten Armen dort stehen geblieben war. Ruhig wartete sie, während die Äbtissin sich zunächst zu sammeln schien, sich dann aber unvermittelt von einem halben Dutzend kleiner Steine, die auf dem Tisch lagen, ablenken ließ. Mit einer um Verständnis bittenden Geste stand die Äbtissin auf, sammelte die Steine ein und legte sie in ein Behältnis. Dann wandte sie sich um und nahm mit einem verlegenen Lächeln wieder Platz.

»Steine. Hab sie gesammelt. Aber solch eine Unordnung auf dem Tisch kann ich nicht dulden«, fühlte sie sich bemüßigt zu erklären. Sie nagte an den Lippen, wusste nicht, wie beginnen und kam dann ohne Überleitung zur Sache.

»Warst du im Speisesaal?«

»Ja. Ich war gerade nach Kildare zurückgekehrt.«

»Da ist etwas passiert, was für unsere Gemeinschaft besorgniserregend ist. Unser Gast, Sillán aus Kilmantan, ist tot. Unsere Apothekenschwester sagt, es sei eine Vergiftung.«

Schwester Fidelma war bemüht, sich ihr Erstaunen nicht anmerken zu lassen.

»Vergiftet? Rein zufällig?«

»Das wissen wir nicht. Die Apothekenschwester untersucht gerade das Essen im Speisesaal. Deshalb habe ich untersagt, mit der Mahlzeit zu beginnen.«

Schwester Fidelma zog die Stirn in Falten.

»Muss ich daraus entnehmen, dass dieser Sillán zu essen begonnen hat, ehe du das Dankgebet beendet hattest, Ehrwürdige Mutter? Du wirst dich erinnern, dass er vor Schmerz aufschrie und zusammenbrach, während du noch am Sprechen warst.«

Ihre Augen wurden etwas größer, und sie nickte.

»Man rühmt zu Recht deine Wahrnehmungsgabe und deine Art, den Dingen auf den Grund zu gehen, Fidelma. Nur gut, dass wir in unserer Gemeinschaft jemand haben, der sich in solchen Fragen und in der Rechtsprechung der Brehons auskennt. Genau deshalb habe ich dich holen lassen. Ich weiß, du bist gerade erst von deiner Reise zurück und wirst müde sein. Aber das hier lässt keinen Aufschub zu. Ich möchte, dass du unverzüglich die Ermittlungen zu Silláns Tod aufnimmst. Die Angelegenheit muss so rasch wie möglich aufgeklärt werden.«

»Warum so rasch, Ehrwürdige Mutter?«

»Sillán war ein wichtiger Mann. Er hat sich in unserer Umgebung auf ausdrücklichen Wunsch des Uí Failgi von Ráith Imgain aufgehalten.«

Schwester Fidelma wusste, was das bedeutete.

Kildare lag im Gebiet des Kleinkönigtums der Uí Failgi. Der Sitz der Könige der Uí Failgi war die Burg Ráith Imgain, nordwestlich von Kildare am Rande der Einöde gelegen, die unter dem Namen »Moor von Aillín« bekannt war. Gleich mehrere Fragen gingen ihr durch den Kopf, aber sie hielt den Mund. Fragen würde man später stellen können. Es war klar, dass die Äbtissin darauf bedacht war, jegliche Feindseligkeit mit Congall, dem Kleinkönig, den man kurz und bündig nach seinem Stamm Uí Failgi nannte, zu vermeiden. Der Gesetzgebung der Brehons zufolge überließ nämlich der Kleinkönig mit seiner Ratsversammlung den frommen Schwestern von Kildare das Land, auf dem sie lebten, und konnte es ihnen jederzeit entziehen. Grundsätzlich wurde den Kirchen Grund und Boden von den Clanversammlungen zugesprochen, denn so etwas wie privates Eigentum gab es im Königreich von Irland nicht. Das Land wurde von den Ratsversammlungen, die die Geschicke der Stämme und Königreiche lenkten, aufgeteilt und vergeben.

»Wer war dieser Sillán? Ein Abgesandter der Uí Failgi?«, fragte Fidelma.

Schwester Ethne kam mit einer Auskunft zu Hilfe, wobei sie ihre Sätze mit den unvermeidlichen Schniefern unterbrach.

»Er war ein uchadan, ein Handwerksmann, der in den Minen von Kilmatan arbeitete. So hat es mir jedenfalls Follaman, der für das Gästehaus zuständig ist, erzählt.«

»Was hat er hier gewollt?«

Warf die Äbtissin Schwester Ethne einen warnenden Blick zu? Schwester Fidelma erhaschte eine unfreiwillige Augenbewegung ihrer Mitschwester zu der Äbtissin, konnte aber nicht so schnell deren Reaktion verfolgen. Schade.

»Also gut. Ich übernehme die Untersuchung des Falls. Habe ich deine Vollmacht, jeden nach meinem Gutdünken zu befragen?«

»Du bist eine dálaigh des Gerichtshofes der Brehons, mein Kind.« Die Äbtissin lächelte gequält. »Du bist Anwältin im Rang eines anruth. Du brauchst dem Gesetz nach meine Vollmacht nicht. Du hast die Vollmacht der Brehons.«

»Ich brauche aber deine Erlaubnis und deinen Segen als Vorsteherin meiner Gemeinschaft.«

»Dann sollst du sie haben. Ich stelle dir die tech-screptra, die Bibliothek, für deine Arbeit zur Verfügung. Wenn es etwas zu berichten gibt, lass es mich wissen. Gehe mit Gott. Benedictus sit Deus in Donis Suis

Schwester Fidelma beugte das Knie.

»Et sanctus in omnibus operibus Suis«, erwiderte sie.

Schwester Ethne hatte für zwei Lampen, einfache unglasierte Töpferware, gesorgt, die seitlich spitz zuliefen und so einem Docht Halt verliehen. Auf diese Weise erhielt die düstere gewölbte tech-screptra ein wenig Licht. Die Bibliothek barg alle Bücher und sonstigen Schätze des Hauses der heiligen Brigid. Fidelma hatte dort Platz genommen, wo sonst der leabharcoimdaech, der Bibliothekar, saß, der die wertvollen Werke hütete. Der kostbare Schatz der Handschriften hing in säuberlich angeordneten Reihen an den Wänden verteilt in kunstfertig gearbeiteten Lederranzen. Die tech-screptra von Kildare konnte sich rühmen, viele alte »Ruten der fili« zu besitzen, Stäbe aus Haselnuss und Espe, in die die Lettern in Ogham-Zeichen eingeschnitzt waren, Zeugnisse aus uralten Zeiten, lange bevor die Schreiber in Irland dazu übergegangen waren, ihr Wissen mit Hilfe des lateinischen Alphabets festzuhalten.

In der Bibliothek flackerte ständig ein Feuer, damit keine Feuchtigkeit in die Folianten dringen konnte. Trotzdem war es kühl.

Schwester Ethne hatte sich als Verwalterin des Hauses angeboten, Fidelma behilflich zu sein und ihr die Personen, die sie zu befragen wünschte, zuzuführen. Im Augenblick war sie emsig bemüht, die Lampen so einzustellen, dass sie mit ihrem beißenden Qualm nicht den Raum verräucherten.

»Als Erstes werden wir uns die Todesursache von Sillán bestätigen lassen«, verkündete Fidelma, sowie Schwester Ethne mit den Lampen fertig war. »Geh und bitte die Apothekenschwester zu mir.«

Schwester Poitigéir machte einen nervösen Eindruck. In ihren Bewegungen erinnerte sie Fidelma an einen Kranich; sie hatte einen watschelnden, sorgsam tastenden Gang und ließ den Kopf, der auf einem verhältnismäßig langen Hals saß, in gewissen Abständen plötzlich und ruckartig vorschnellen, sodass man Angst hatte, er könnte gänzlich abfallen. Aber Fidelma kannte ihre Mitschwester seit ihrem Eintritt in die Abtei von Kildare und wusste, dass sich hinter dem unsicheren Auftreten ein wacher und scharfer Verstand verbarg, wenn es um Botanik und Chemie ging.

»Woran ist Sillán von Kilmatan gestorben?«

Schwester Poitigéir schürzte die Lippen und streckte den Kopf rasch vor und zurück.

»Conium maculatum«, erklärte sie knapp.

»Giftiger Schierling?«, vergewisserte sich Fidelma und zog die Augenbrauen hoch.

»Krämpfe und Lähmung waren ein untrügliches Zeichen. Er starb noch, während wir ihn aus dem Refektorium trugen. Außerdem …«, sie zögerte.

»Außerdem?«, wiederholte Fidelma.

Schwester Poitigéir biss sich auf die Lippen, fügte sich dann aber in die Situation.

»Mir war zuvor am Nachmittag aufgefallen, dass ein Krug mit zerstoßenen Schierlingsblättern aus der Apotheke verschwunden war. Heute Vormittag stand er noch an seinem Platz, und zwei Stunden vor der Vesper merkte ich, dass er fehlte. Ich wollte den Vorfall der Äbtissin nach der Andacht melden.«

»Aus welchem Grund hast du Gift wie Schierling in deiner Apotheke?«

»Fachkundig verabreicht ist er ein gutes Beruhigungs- und Schmerzmittel. Er hilft bei jeder Art von Krämpfen. Wir haben ihn nicht nur in der Apotheke, wir halten ihn auch als Pflanze in unseren Gärten, und um die kümmere ich mich selbst zusammen mit Follaman. Wir haben mannigfache Kräuter angebaut. Schierling hilft bei vielen Beschwerden.«

»Kann aber auch töten. Im alten Griechenland zwang man zur Todesstrafe verurteilte Verbrecher davon zu trinken, und bei den Juden, so heißt es, hat man ihn denen, die gesteinigt wurden, zur Schmerzlinderung gegeben. Ich habe einmal einen Disput miterlebt, in dem es darum ging, dass man unserem Herrn, als er am Kreuz hing, Essig, Myrrhe und Schierling reichte, um den Schmerz zu betäuben.«

Schwester Poitigéir begleitete Fidelmas Darlegungen mit dem ihr eigenen raschen, ruckartigen Kopfnicken.

»War das Gift in dem Essen, das für die Abendmahlzeit im Refektorium gedacht war?«, fragte Schwester Fidelma nach einer kurzen Pause.

»Nein.«

»Du scheinst dir deiner Sache sicher.«

»Bin ich mir auch. Das Gift hat keine sofortige Wirkung. Zudem habe ich die Speisen für das abendliche Mahl im Refektorium überprüft. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie vergiftet gewesen wären.«

»Das heißt, du gehst davon aus, dass man Sillán das Gift bereits verabreicht hat, bevor er den Speisesaal betrat?«

»Ja.«

»Könnte er es aus freien Stücken genommen haben?«

»Das weiß ich nicht«, meinte sie achselzuckend. »Ich halte es aber für unwahrscheinlich.«

»Weshalb?«

»Giftigen Schierling zu sich zu nehmen führt zu einem qualvollen Tod. Warum sollte man Schierling trinken und dann zum Abendessen in den Speisesaal gehen, wenn man weiß, dass einen Todeskrämpfe erwarten?«

Die Überlegung leuchtete Fidelma ein.

»Hast du Silláns Kammer und die Gästequartiere nach dem fehlenden Krug mit den gestoßenen Schierlingsblättern durchsucht?«

Schwester Poitigéir schüttelte nervös den Kopf.

»Das solltest du unverzüglich tun. Gib mir Bescheid, wenn du was findest.«

Als Nächstes ließ Fidelma Follaman kommen. Er war kein Mönch, vielmehr ein Laie, den das Kloster eingestellt hatte, um jemanden für das Gästehaus zu haben. Jede Bruder- oder Schwesternschaft hielt sich einen timthirig oder Bediensteten, dem die Aufsicht des tech-óired oblag. Zu Follamans Pflichten gehörte, sich um die Wünsche der männlichen Besucher zu kümmern, Arbeiten zu verrichten, die für die Nonnen körperlich zu anstrengend waren, und den Schwestern bei der Gartenarbeit zur Hand zu gehen.

Er war ein großer, stämmiger Mann mit breiten Schultern, hatte fuchsrotes Haar, eine frische Hautfarbe und wasserblaue Augen. Das Gesicht war übersät von Sommersprossen, als hätte ein vorbeifahrender Karren ihn über und über mit Dreck bespritzt. Er mochte in den Mittvierzigern sein, ein treuherzig wirkender Mensch, mehr wie ein großer Junge, der noch unschuldig in die Welt blickte. Alles in allem ein einfaches Gemüt.

»Hast du von dem, was vorgefallen ist, gehört, Follaman?«

Er öffnete den Mund, sodass Fidelma leicht angewidert seine schwärzlichen Zähne sehen konnte, die nicht von einem übertriebenen Hang zur Reinlichkeit zeugten.

Er nickte schweigend.

»Erzähl, was du über Sillán weißt.«

Nachdenklich kratzte er sich den Kopf. »Er war Gast hier.«

»Und weiter? Seit wann ist er hier in Kildare?«

Follamas Gesicht hellte sich auf. Fidelma begriff, dass sie ihm am besten konkrete Fragen stellte, denn mit seinem Denk- und Kombinationsvermögen schien es schlecht bestellt. Er konnte ihr nur langsam folgen, und von Scharfsinn konnte schon gar keine Rede sein.

»Er ist vor acht Tagen angekommen, Cailech.« Follaman sprach alle Nonnen mit dem förmlichen Titel »Cailech« an. In weltlichen Kreisen nannte man sie so; es bedeutete »jemand, der den Schleier genommen hat« und ging auf das Wort caille zurück, was so viel wie »Schleier« hieß.

»Weißt du, wer er war oder was ihn hergeführt hat?«

»Das weiß doch jeder, Cailech.«

»Du musst mir schon auf die Sprünge helfen. Ich war zwei Wochen lang auf Reisen und nicht hier.«

»Ach ja, stimmt«, erklärte der kräftige Mann, nachdem er eine Weile gebraucht hatte, bis ihre Worte bei ihm angekommen waren. »Also Sillán hat mir erzählt, er wäre ein bruithneóir, ein Schmelzer aus den Gruben in den Kilmatanbergen.«

»Und was für Gruben sind das?«

»Goldminen natürlich, Cailech. Er hat in den Goldminen gearbeitet.«

Sie konnte gerade noch ihre Verwunderung zurückhalten.

»Aber was suchte er in Kildare? Wir haben doch keine Goldminen hier.«

»Angeblich hat ihn der Uí Failgi geschickt.«

»Ach so? Weißt du, warum?«

Follaman schüttelte den roten Haarschopf.

»Nein, Cailech. Er war immer nur kurz im Gästehaus, schlief dort, ging bei Tagesanbruch aus dem Haus und kehrte erst zum Abendessen zurück.«

»Hast du eine Ahnung, wo Sillán heute Nachmittag war?«

Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Heute kam er schon zeitig zurück und blieb in seiner Kammer.«

»Den ganzen Nachmittag?«

Follaman bedachte sich einen Moment. »Bald nach seiner Rückkehr begab er sich zur Äbtissin. Er war eine ganze Weile bei ihr, und als er ihr Gemach verließ, sah er reichlich verärgert aus. Er ist dann in sein Zimmer gegangen.«

»Hat er ein Wort darüber verloren, was ihn so verärgert hat?«

»Nein, Cailech. Ich habe ihn nur gefragt, ob er irgendwelche Wünsche hätte. Das und nicht mehr, wie es meine Pflicht ist.«

»Hat er eine Erfrischung verlangt?«

»Nur Wasser …, nein, er bat um Met. Das war alles.«

»Hast du ihm den Met gebracht?«

»Ja. In einem Steinkrug aus der Küche.«

»Wo ist der Krug jetzt?«

»Ich habe das Gästehaus noch nicht saubergemacht. Er muss also noch dort sein.«

»Weißt du, was giftiger Schierling ist?«

»Eine schlimme Sache. Soviel ist mir bekannt.«

»Weißt du, wie er aussieht? Ich meine, Form und Farbe der Pflanze?«

»Wie soll ich das wissen, Cailech? Ich bin doch nur ein einfacher Diener. Schwester Poitigéir, die weiß so was.«

»Sillán hat also nach Met verlangt, und du hast ihm welchen gebracht. Hat er ihn sofort getrunken, oder hast du den Krug bei ihm stehenlassen?«

»Ich habe den Krug bei ihm gelassen.«

»Könnte sich jemand daran zu schaffen gemacht haben?«

Angestrengt dachte Follaman nach. »Wie soll ich das wissen, Cailech? Möglich wäre es.«

»Macht nichts, Follaman«, meinte sie lächelnd. »Aber eins noch. Bist du dir sicher, dass sich Sillán den ganzen Nachmittag bis zur Vesper im tech-óired aufgehalten hat?«

Er legte die Stirn in Falten und schüttelte langsam den Kopf.

»So sicher bin ich mir da nicht. Es hatte den Anschein, ja. Er traf Vorkehrungen, die Abtei bei Tagesanbruch zu verlassen. Er packte seine Taschen und bat mich, dafür Sorge zu tragen, dass sein Kastanienbrauner fertig gesattelt war.« Follaman hielt inne und fuhr dann einfältig fort: »Ja, er begleitete mich zu den Ställen, Cailech. So gesehen, hat er das Gästehaus zwischendurch verlassen.«

»Wieso hat er dich nicht allein zu den Ställen gehen lassen?«, fragte Fidelma leicht verwirrt.

»Er wollte mir zeigen, welches sein Pferd ist. Wir haben eine Reihe Pferde, die von der Farbe her für mich alle gleich aussehen. Ich kann leider keine Farben unterscheiden.«

Schwester Fidelma presste die Lippen zusammen. Dass Follaman farbenblind war, hatte sie vergessen. Sie nickte verständnisvoll und schaute ihn aufmunternd an.

»Sillán hat aber nichts in der Richtung erwähnt, was ihn aufgebracht hatte oder was ihn zur Abreise bewog?«

»Nein, Cailech. Er hat nur gesagt, dass er nach Ráith Imgain müsse, mehr nicht.«

Die Tür öffente sich, und Schwester Poitigéir erschien. Sie nickte Fidelma bestätigend zu, wobei ihr Kopf in der bewährten Manier vor und zurück ruckte. Follaman blickte verdutzt von einer Schwester zur anderen.

»Ist das jetzt alles, Cailech?«

»Fürs Erste ja, Follaman.«

Er ging. Schwester Fidelma lehnte sich zurück und starrte versonnen auf die schwere Eichentür, die er hinter sich zugezogen hatte. Ein unbestimmter Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Was war es, was sie im Unterbewusstsein beschäftigte? Es wollte ihr nicht einfallen. Ärgerlich rieb sie sich den Nasenrücken. Schließlich wandte sie sich mit fragendem Blick Schwester Poitigéir zu.

»In Silláns Zimmer stand ein Krug mit Met«, berichtete die eilfertig. »Met überdeckt den unangenehmen Geruch von Schierling, doch mir macht man da nichts vor. Ein kräftiger Schluck von so einer Mischung reicht, um einem starken Mann den Garaus zu machen. Aber meinen aus der Apotheke entwendeten Krug mit den zerstoßenen Schierlingsblättern habe ich nicht gefunden.«

»Danke, Schwester Poitigéir.« Fidelma wartete, bis sie sich entfernt hatte, und ließ sich müde zurückfallen.

Schwester Ethne beobachtete sie mit leichter Verwunderung.

»Was jetzt, Schwester? Ist deine Befragung abgeschlossen?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Nein, Schwester Ethne. So schnell geht das nicht. Die Sache ist längst noch nicht geklärt. Sillán wurde ermordet, so viel steht für mich fest. Nur warum?«

Von den Toren der Abtei her, die meist gleich nach der Vesper geschlossen und erst mit dem Morgengrauen wieder geöffnet wurden, vernahm man Bewegung und Pferdegetrappel. Schwester Ethne horchte auf und eilte, betont Ruhe bewahrend, zum Fenster.

»Ein Dutzend Reiter stehen draußen und begehren Einlass«, stellte sie empört schniefend fest. »Sie führen ein königliches Banner mit sich. Ich muss ans Tor und sie empfangen.«

Schwester Fidelma nickte gedankenverloren. Erst als Schwester Ethne den Raum verließ, um ihren Pflichten als Verwalterin der Abtei Genüge zu tun, blitzte ein Gedanke in ihr auf, und sie ging zum Fenster und blickte hinaus auf den Hof.

Im unruhigen Licht der Fackeln sah sie, dass mehrere Reiter von den Pferden gestiegen waren. Follaman war ihnen behilflich. Fidelma erkannte, dass es sich um Krieger handelte und dass einer das königliche Banner des Uí Failgi von Ráith Imgain trug. Ein anderer hielt das traditionelle ríchaindell, das königliche Licht, das stets bei Dunkelheit mitgeführt wurde, um dem Stammesfürsten oder seinem Thronnachfolger den Weg zu erleuchten. Bei den Ankömmlingen handelte es sich keineswegs um einfache Besucher. Fidelma vergaß, was sich gehörte, und gab – für andere kaum wahrnehmbar – einen leisen Pfeifton von sich.

Keine fünf Minuten vergingen, und die Tür zur tech-screptra wurde aufgerissen. Ein untersetzter junger Mann kam hereingestürmt, gefolgt von einem weiteren Mann, und hinter den beiden tauchte mit bekümmerter Miene auch Schwester Ethne auf. Fidelma wandte sich vom Fenster ab und betrachtete die Eindringlinge mit betonter Gelassenheit.

Der stämmige Jüngere ging auf sie zu. Reisestaub lag auf seiner reichverzierten Kleidung. Er hatte stahlgraue Augen, deren scharfem Blick nichts entging. Er sah gut aus, sein Auftreten wirkte überheblich und betonte den Mann von Rang.

»Das ist Schwester Fidelma«, erklärte Schwester Ethne, die sich verängstigt an ihnen vorbei durch die Tür gezwängt hatte, mit zittriger Stimme und vergaß vor Aufregung ihr Schniefen.

Schwester Fidelma rührte sich nicht vom Fleck und sah den jungen Mann nur fragend an.

»Wie ich höre, ist Sillán von Kilmantan tot. Vergiftet. Es heißt, die Untersuchung des Falls liegt in deiner Hand.« Er formulierte seine Sätze als Feststellungen, nicht als Fragen.

Fidelma sah sich nicht gemüßigt, auf seinen scharfen Ton zu reagieren. Ihre wachen grünen Augen glitten über sein Gesicht, auf dem sich Verärgerung ob ihres Schweigens breitmachte. Noch einen Moment ruhte ihr Blick auf seinen Zügen, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Krieger zu, der neben ihm stand, und schaute schließlich, mit hochgezogenen Augenbrauen eine Frage andeutend, Schwester Ethne an.

»Das ist Tírechán, der tánaiste des Uí Failgi«, stellte sie ihn nahezu atemlos vor.

Ein tánaiste war der Nachfolger auf dem Fürstenthron. Er wurde während der Herrschaft eines Königs oder Stammesfürsten gewählt, womit etwaige Streitigkeiten nach deren Tod oder Abdankung über die Thronnachfolge vermieden wurden.

Fidelma ging zu ihrem Stuhl, setzte sich und bedeutete Tírechán, ihr gegenüber am Tisch Platz zu nehmen. Dem jungen Prinzen war sein Erstaunen anzumerken, und schon schoss ihm Zornesröte in die Wangen.

»Ich bin Schwester Fidelma«, sagte sie in aller Ruhe, noch ehe er seiner Empörung Luft machen konnte. »Ich bin dálaigh am Gericht der Brehons, und das im Range eines anruth

Tírechán brachte seinen drohenden Wutausbruch unter Kontrolle, und sein Gesichtsausdruck wurde verbindlicher. Eine dálaigh, eine Anwältin am Gerichtshof der Brehons, noch dazu eine im Rang eines anruth, war jedem Kleinkönig oder Stammesfürsten gleichgestellt und durfte sich selbst mit dem Hochkönig ohne besondere Verhaltensregeln unterhalten. Ein anruth stand nur eine Stufe unter dem ollamh, dem höchsten Gelehrtengrad, dessen Worten sich sogar der Hochkönig fügen musste. Dass eine so junge Frau über Rang und Ansehen verfügte, nötigte Tírechán ungewollt Achtung ab. Er leistete ihrer Aufforderung Folge und nahm ihr gegenüber Platz.

»Ich bitte um Verzeihung, Schwester. Mich hat niemand über deine Stellung in Kenntnis gesetzt, man hat mir lediglich gesagt, dass du die Todesumstände von Sillán untersuchst.«

Fidelma überging seine Entschuldigung. Tírecháns Leibgarde schloss die Tür und blieb mit gekreuzten Armen vor ihr stehen. Schwester Ethne war eingedenk ihres Versäumnisses, Schwester Fidelma in angemessener Form vorzustellen, immer noch verunsichert und stand wie angewurzelt auf ein und demselben Fleck.

»Ich darf wohl davon ausgehen, dass du Sillán kanntest?«

»Mehr seinen Namen. Ich wusste, wer er war«, stellte Tírechán richtig.

»Du hattest die Absicht, dich mit ihm hier zu treffen?«

»Ja.«

»Aus welchem Anlass?«

Er antwortete nicht gleich und senkte den Blick.

»Im Auftrage meines Stammesfürsten Uí Failgi …«, er stockte.

Fidelma konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Mann hatte offensichtlich Schwierigkeiten, über persönliche Angelegenheiten seines Stammesfürsten zu sprechen.

»Kann ich vielleicht helfen?«, ermunterte sie ihn, denn plötzlich drängte sich ihr ein Gedanke auf, dessen Logik nicht von der Hand zu weisen war. »Sillán war aus Kilmatan, und in den Bergen dort gibt es zahlreiche Goldminen. Nicht umsonst sprechen wir von dem Gebiet als das Kilmatan des Goldes. Sillán war ein bruithneóir, ein ausgebildeter Fachmann. Es muss einen Grund gegeben haben, weshalb der König von Ráith Imgain einen Mann wie diesen beauftragt hat, nach Kildare zu gehen.«

Der tánaiste fühlte sich von ihrem amüsierten, aber festen Blick bedrängt und rutschte unruhig hin und her. Schließlich antwortete er, wenn auch widerwillig.

»Ich kann mich darauf verlassen, dass meine Aussagen vertraulich behandelt werden?«

Allein eine solche Frage zu stellen, empfand Fidelma als dreist. »Ich bin dálaigh beim Gericht der Brehons«, war alles, was sie erwiderte. Der so Zurechtgewiesene brauchte keine weiteren Erklärungen. Seine Wangen röteten sich. Trotzdem sprach er in einem Ton, als gäbe es etwas zu rechtfertigen.

»Der Erste, der in Irland Gold gegraben und geschmolzen hat, war der edle Tigernmas, der sechsundzwanzigste Hochkönig aus der Nachkommenschaft des Stammvaters aller Iren Milesius. Seitdem schürft man überall im Land nach Gold. Von Derry und Antrim im Norden bis nach Süden zu den Bergen von Kilmantan und bis zu den Ufern des Carman gibt es Goldminen. Und doch ist der Bedarf an Gold an den Höfen und im Handel nicht gesättigt. Wir suchen neue Minen.«

»Dann hat Uí Failgi also Sillán nach Kildare geschickt, um nach Gold zu suchen?«, forschte Fidelma.

»Das Schürfen von Gold hat nicht mit seiner Nachfrage Schritt gehalten, Schwester Fidelma. Wir müssen es aus Iberien und anderen fernen Ländern einführen. Unser Bedarf ist groß. Nicht umsonst befinden sich die Eóghanacht von Glendamnách mit den Uí Fidgente im Krieg wegen der Goldminen von Cuillen im Land der Stechpalmen.«

»Aber wie kommt Uí Failgi darauf, dass es hier in Kildare Goldvorkommen gibt?«

»Ein alter Mann entsann sich, dass es in Kildare einst eine Goldmine gegeben hat, eine Tatsache, die längst in Vergessenheit geraten war. Die Aussage des Alten hat Uí Failgi bewogen, Sillán herzuschicken, um nach der alten Mine zu forschen. Die Wahl fiel auf Sillán, weil der bei den Bergbewohnern von Kilmantan einen legendären Ruf für das Auffinden von Goldadern hat.«

»Und? Hat er sie entdeckt?«

Tírechán verzog ärgerlich das Gesicht.

»Um das zu erfahren, bin ich hergekommen. Stattdessen höre ich, Sillán ist tot. Vergiftet. Wie konnte das geschehen?«

Schwester Fidelma krauste die Nase.

»Ich hoffe, meine Nachforschungen werden das zeigen, tánaiste des Uí Failgi.«

Sie lehnte sich zurück und schaute sinnend den jungen Thronnachfolger an.

»Wer alles hat von Silláns Auftrag hier gewusst?«

»Sillán selbst natürlich, dann Uí Failgi, ich als tánaiste und unser Oberster Richter. Sonst wusste keiner etwas. Ein Wissen um das Wo und Wie von Gold schafft nur Unruhe unter den Menschen. Es war besser, gar nichts davon verlauten zu lassen, um unnötige Aufregung zu vermeiden.«

Fidelma nickte, war aber mit ihren eigenen Überlegungen beschäftigt.

»Hätte man Gold entdeckt, dann wäre das Uí Failgi sehr gelegen gekommen?«

»Nicht nur ihm, auch seinem Volk. Gold würde unseren Ruf festigen und unserem Handel mit anderen Königreichen neuen Aufschwung bringen.«

»Sillán stammte doch aber aus dem Gebiet der Uí Máil; was, wenn er gegenüber seinem Stammesfürsten von der Sache etwas hätte verlauten lassen?«

»Er wurde äußerst großzügig bezahlt«, lautete die Antwort.

»Trotzdem, wenn die Uí Máil oder auch die Uí Faeláin im Nordosten von einem Goldvorkommen in Kildare erführen, könnte es schnell zu Gebietsstreitigkeiten und kriegerischen Auseinandersetzungen um den Besitz der Goldadern kommen. Du hast ja selbst gesagt, dass es zwischen den Uí Fidgente und Eóghanacht von Glendamnách Krieg wegen der Minen von Cuillin gibt.«

»Gerade deshalb wurde über Sinn und Zweck des Vorhabens Stillschweigen bewahrt. Nur Sillán selbst wusste um seinen Auftrag in Kildare.«

»Nun ist er aber tot. War dir bekannt, dass er beabsichtigte, schon morgen früh das Kloster zu verlassen und nach Ráith Imgain zurückzukehren?«

Die Nachricht überraschte ihn. »Dann muss er die Goldmine gefunden haben«, rief er erregt.

Schwester Fidelma konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Wie kommst du zu der Schlussfolgerung, Tírechán?«

»Er war erst acht Tage hier, und was anderes als eine Erfolgsmeldung hätte ihn veranlasst, so rasch zu Uí Failgi zurückkehren zu wollen?«

»Das ist eine kühne Vermutung. Genauso gut könnte es sein, dass er sich zur Rückkehr entschieden hatte, weil ihm klar geworden war, dass seine Suche nach einer legendären Goldmine in Kildare sinnlos war.«

Ohne auf ihre Überlegung einzugehen, fragte der tánaiste: »Bist du dir sicher, dass er morgen von hier abreisen wollte?«

»Zumindest hat er Follaman, unserem timthirig, gesagt, dass er das vorhabe.«

Aufgeregt schnipste er mit den Fingern.

»Nein, nein. Er hat die Mine entdeckt. Nie würde Sillán die Suche so rasch aufgegeben haben. Aber wo, wo hat er sie gefunden? Wo ist der Stollen?«

»Weit wichtiger scheint mir, eine Antwort darauf zu finden, wie Sillán zu Tode gekommen ist«, meinte Fidelma kopfschüttelnd.

»Das ist Gott sei Dank nicht meine Aufgabe, Schwester Fidelma«, erwiderte der junge Mann. »Aber Uí Failgi, mein Stammesfürst, wird darauf bestehen, zu erfahren, wo sich das Bergwerk befindet, das Sillán mit Gewissheit ausgemacht hat.«

Sie erhob sich und forderte ihn damit auf, es ihr gleichzutun.

»Ich gehe davon aus, dass du mit deinen Kriegern zur Nacht hier bei uns bleibst. Am besten begibst du dich jetzt in unser Gästehaus und machst dich frisch. Sowie sich etwas für dich Wissenswertes ergibt, hörst du von mir.«

Zögernd stand auch er auf und bedeutete seiner Leibwache, ihm die Tür zu öffnen. Auf der Schwelle drehte er sich um, hatte sichtlich das Bedürfnis, noch mehr zu sagen, doch Fidelma blieb hart. Sie entließ ihn mit einem »Benedictus benedicat«. Widerstrebend zog er sich zurück.

Sie setzte sich und stützte sich mit den Händen, die Handflächen nach unten, auf der Tischplatte ab. Für einen Moment war sie ganz in ihren Gedanken versunken, doch lange währte es nicht. Schwester Ethne machte sich mit heiserem Husten bemerkbar.

»Wäre das jetzt alles, Schwester?«

Kopfschüttelnd verneinte Fidelma ihre Frage und stand wieder auf.

»Wir sind noch lange nicht am Ende. Wir gehen ins Gästehaus. Ich möchte Silláns Kammer sehen. Nimm eine der Lampen mit.«

Die Kammer im tech-óired, dem Gästehaus, war den Zellen, wie sie die Nonnen bewohnten, nicht unähnlich. Es war ein kleiner, dunkler Raum mit Wänden aus grauem Stein und einer winzigen Fensteröffnung, vor der ein schweres Sacktuch hing, um die kühle Nachtluft abzuhalten. In einer Ecke befand sich eine schmale Bettstatt aus Kiefernholz mit einer Strohmatte und Decken. Ein Tisch und ein Schemel waren die einzigen weiteren Möbelstücke. Auf dem Tisch stand eine Kerze. Überall im Gästehaus hatte man nur einfache, aus Binsen und Talg hergestellte Kerzen. Sie gaben nur spärliches Licht und brannten schnell herunter. In weiser Voraussicht hatte Fidelma deshalb darauf geachtet, eine Öllampe aus der Bibliothek mitzunehmen.

Schwester Ethne setzte die Lampe auf dem Tisch ab, während Fidelma im Türrahmen stehen blieb und von dort aus den Raum mit aufmerksamen Blicken abtastete.

Am Fußende des Bettes lehnte eine geräumige Satteltasche, daneben ein kleinerer Lederbeutel für Werkzeug. Ganz offensichtlich hatte Sillán schon alles für die Abreise gepackt.

Fidelma ging hinüber zum Bett und hob den, wie sich herausstellte, schweren Lederbeutel hoch. Sie schaute hinein. Er enthielt eine Reihe von Werkzeugen, die vermutlich zu Silláns Gewerbe gehörten. Sie lugte auch in die andere Tasche; in der waren seine persönlichen Sachen.

Fidelma wandte sich zu Schwester Ethne.

»Ich habe hier nicht lange zu tun. Geh bitte zur Äbtissin und sag ihr, dass ich sie nachher noch sprechen möchte, und das bitte unter vier Augen. Ich würde noch in weniger als einer Stunde zu ihr kommen.«

Schwester Ethne wollte etwas entgegnen, besann sich aber eines Besseren, nickte ergeben und verließ – nicht ohne ihr übliches Schniefen – den Raum.

Fidelmas Aufmerksamkeit galt jetzt der Tasche mit Silláns persönlichen Dingen. Stück für Stück nahm sie heraus und betrachtete jedes von allen Seiten. Dann tastete sie sorgsam das Tascheninnere ab und überprüfte mit Hilfe der Lampe den Staub an ihren Fingerspitzen. Als Nächstes nahm sie sich die Werkzeugtasche vor. Auch hier überprüfte sie im Lampenschein die Staubablagerung am Boden des Beutels. Schließlich packte sie alles so zurück, wie sie es vorgefunden hatte.

Dann ließ sie sich auf die Knie nieder und suchte sorgfältig die Fliesen des Bodens ab, Zoll für Zoll. Unter der Bettstatt stieß sie mit der Hand gegen etwas, das sich wie ein Steinbrocken anfühlte. Sie umschloss es mit den Fingern, kroch zurück und hielt den Gegenstand ins Lampenlicht.

Zunächst hatte sie den Eindruck, es handelte sich tatsächlich um ein Stück unbehauenen Stein. Sie rieb ihn auf dem Fußboden und hielt ihn erneut ans Licht. Die Seite, deren Oberfläche sie glatt gerieben hatte, erglänzte in einem strahlenden Gelb.

Ein zufriedenes Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Ruhig und gelassen saß Äbtissin Ita kerzengerade in ihrem Stuhl. Sie wirkte in ihrer Haltung so beherrscht, dass es schon fast unnatürlich war. Man hätte annehmen können, sie hätte sich seit ihrer letzten Begegnung mit Fidelma nicht vom Fleck gerührt. Argwöhnisch maßen die bernsteinfarbenen Augen Fidelma, ähnlich einem Steinmarder, der einen über ihm kreisenden Habicht wachsam verfolgt.

»Nimm bitte Platz, Schwester«, forderte die Äbtissin sie auf. Das war ungewöhnlich und ihrer Stellung als Anwältin, weniger der als Mitglied der frommen Gemeinschaft geschuldet.

Mit einem »Danke, Ehrwürdige Mutter« ließ sich Fidelma ihr gegenüber nieder.

»Es ist schon spät. Wie kommst du mit deinen Nachforschungen voran?«

»Sie sind ziemlich weit gediehen. Ich hätte von dir nur noch gern ein paar Fragen beantwortet.«

Es war die Andeutung einer Handbewegung, mit der die Äbtissin ihr Einverständnis erklärte.

»Als dich Sillán heute Nachmittag aufsuchte, wovon war da die Rede, dass er so aufgebracht war?«

Nur kurz zuckten ihre Augenlider; es war die einzige Regung, die zu erkennen gab, dass die Äbtissin eine solche Frage nicht erwartet hatte.

»Er soll bei mir gewesen sein?«, versuchte sie Fidelma hinzuhalten.

»Du weißt es sehr wohl.«

»Es wäre töricht, vor dir die Wahrheit verbergen zu wollen«, bekannte sie mit einem Stoßseufzer. »Dafür kenne ich dich zu lange. Ich habe mich schon immer gewundert, dass du dich für das Leben in einem Kloster entschieden hast, anstatt einem weltlichen Beruf nachzugehen. Eine Auffassungsgabe wie die deine und ein solch logisches Denkvermögen sind einem Menschen selten gegeben.«

Fidelma schwieg zu den lobenden Worten.

»Sillán kam, um mir von gewissen Dingen, die er entdeckt hatte, Kenntnis zu geben.«

»Und was er entdeckt hatte, war die verloren geglaubte Goldmine von Kildare.«

Diesmal hatte Äbtissin Ita ihre Gesichtszüge nicht unter Kontrolle. Sie brauchte einige Augenblicke, um ihre Fassung zurückzugewinnen, dann brachte sie ein verbissenes Lächeln zustande.

»Ja. Ich nehme an, du hast das vom tánaiste des Uí Failgi erfahren, der, wie ich höre, hier eingetroffen ist und sich unserer Gastfreundschaft erfreut. Dann weißt du auch, dass Sillán ein erfahrener Bergwerksmann war und Uí Failgi ihn hergeschickt hatte, um eine alte Goldmine ausfindig zu machen und auf ihre Ergiebigkeit hin zu überprüfen.«

»Das weiß ich, ja. Aber es war ein geheimer Auftrag. Nur Sillán, Uí Failgi und sein tánaiste wussten davon. Wie kommt es, dass auch du davon Kenntnis hattest?«

»Sillán hat mich von sich aus heute Nachmittag aufgesucht und es mir anvertraut.«

»Nicht schon früher?«

»Nein«, war die entschiedene Antwort.

»Dann erzähl, was er berichtet hat.«

»Es war in der Nachmittagsstunde, weit nach dem Angelusgeläut, als Sillán zu mir kam. Er eröffnete mir, weshalb er hier in Kildare war. Um ehrlich zu sein, ich hatte so etwas schon vermutet. Er war acht Tage zuvor mit allen Vollmachten des Uí Failgi hier eingetroffen. Aus welchen Beweggründen konnte sich ein Mann aus Kilmantan im Auftrag von Uí Failgi hier aufhalten? Ich wusste von den uralten Legenden über die verschwundene Goldmine in Kildare. Folglich argwöhnte ich etwas.«

Sie machte eine Pause.

»Und?«, drängte sie Fidelma.

»Er teilte mir mit, dass er sie gefunden hätte, die alte Goldmine, die man vor Jahrhunderten betrieben hatte, und dass er sich einige der Stollen näher angesehen hätte. Es gäbe sehr wohl noch Goldadern dort, die sich ohne weiteres schürfen ließen. Er würde morgen früh abreisen, um Uí Failgi von seinen Erkundungen zu berichten.«

»Aber weshalb hat er die Absprachen der Geheimhaltung mit Uí Failgi gebrochen und dir alles erzählt?«

»Sillán von Kilmantan hatte eine ehrfürchtige Haltung gegenüber unserer Gemeinschaft und wollte uns warnen. So einfach erklärt sich das. Unser Kloster liegt unmittelbar über dem Bergwerk. Ist das erst einmal bekannt, dürfte Uí Failgi nicht lange zaudern und dafür Sorge tragen, dass man uns hier vertreibt, uns vertreibt von dem gesegneten Fleckchen Erde, wo die heilige Brigid ihre Schüler um sich versammelt, und ihnen unter der großen Eiche gepredigt und hier ihre fromme Gemeinschaft begründet hat. Selbst wenn man von uns verlangt, nur ein Stückchen weiter zu ziehen, würde es bedeuten, den heiligen Boden aufzugeben, wo Brigid und ihre Nachkommen bestattet sind, wo ihre sterblichen Überreste sich mit der Erde mischen und sie so zu einem Heiligtum machen.«

Schwester Fidelma schaute ernst in das besorgte Gesicht der Äbtissin und überhörte auch nicht die nur mühsam unterdrückte Bewegung in ihrer Stimme.

»Du glaubst, sein einziger Beweggrund, dir das zu erzählen, war, die Gemeinschaft zu warnen?«

»Sillán war ein frommer Mann und fühlte sich von seinem Gewissen getrieben, mir nicht vorzuenthalten, was er entdeckt hatte. Er wollte unserer Gemeinschaft Zeit geben, uns auf das Unvermeidliche vorzubereiten.«

»Aber deshalb kann er doch nicht so aufgebracht gewesen sein.«

Die Äbtissin kniff den Mund zusammen. Als sie schließlich sprach, tat sie das mit fester und beherrschter Stimme.

»Ich versuchte, mit ihm vernünftig zu reden. Ich bat ihn, für sich zu behalten, dass er die Mine gefunden hatte. Ich beschwor ihn im Namen unseres gemeinsamen Glaubens, erinnerte ihn an die heilige Brigid, an das Wohl und Wehe unserer Gemeinschaft. Er ging nicht darauf ein, lehnte mein Ansinnen höflich, aber entschieden ab und sagte, er fühle sich auf Ehre und Gewissen verpflichtet, Uí Failgi von seiner Entdeckung Mitteilung zu machen.

Ich führte ihm vor Augen, zu welch weitreichenden Komplikationen es kommen würde. Verbreitete sich die Nachricht von der Goldmine, bestünde ähnlich wie in Cuillin die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen.«

Fidelma begleitete eine solche Vorstellung mit bedächtigem Kopfnicken, hatte doch auch sie ähnliche Befürchtungen.

»Ich bin der Vorgänge in Cuillin sehr wohl eingedenk, Ehrwürdige Mutter.«

»Du bist dir sicher auch bewusst, dass Kildare im Land der Uí Failgi liegt, in unmittelbarer Nähe der Stammesgebiete der Uí Faeláin im Nordosten und der Uí Máil im Südosten. Lediglich die trostlose Ebene des Hochmoors von Aillín befindet sich zwischen uns und ihnen. Das Wort ›Gold‹ wird in den Stammesfürsten einen wahren Rausch entfachen, denn ein jeder von ihnen ist auf Macht versessen. Den uns ans Herz gewachsenen, grünen Flecken hier, friedlich und unbeschadet wie er ist, wird man mit dem Blut von Kriegern und dem der Menschen tränken, die hier einst in Harmonie mit der Natur lebten. Der Gemeinschaft von Kildare wird es nicht anders als der Spreu vom Weizen ergehen – sie würde in alle Winde verweht werden.«

»Und doch bleibt die Frage offen: Was hat Sillán so verärgert?«

Äbtissin Ita gab sich als Schmerzensreiche.

»Als ich ihm das alles auseinandergelegt hatte und er immer noch dabei blieb, es wäre seine Pflicht, Uí Failgi von seinem Fund zu berichten, wies ich ihn darauf hin, dass er die volle Verantwortung für sämtliche Folgen trüge. Gottes Fluch sei ihm sicher, weil er den Frieden des Landes gestört hätte. Verdammt würde er sein, sowohl in dieser als auch in der nächsten Welt. Der Name Sillán würde fortan für die Zerstörung des heiligen Schreins der Brigid von Kildare stehen.«

»Und was geschah dann?«

»Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, er verließ empört den Raum und beteuerte, noch im Morgengrauen abzureisen.«

»Wann hast du ihn dann wiedergesehen?«

»Erst zur Vesper.«

Schwester Fidelma schaute sie ernst an. Nur schwer hielten die bernsteinfarbenen Augen ihrem prüfenden Blick stand.

»Du glaubst doch nicht etwa …«, flüsterte die Äbtissin, blass geworden, denn sie las in dem jüngeren Gesicht vor ihr den Verdacht.

Schwester Fidelma blickte sie weiter unverwandt an.

»Ich bin als dálaigh hier, Äbtissin Ita, nicht als Mitglied deiner Gemeinschaft. Mir geht es um die Wahrheit, nicht um Wohlverhalten. In der Abtei liegt ein Toter. Vergiftet. Aus den Umständen ist zu schließen, dass er sich nicht selbst vergiftet hat. Daraus ergibt sich die Frage, wer hat das getan und weshalb? Wollte man Sillán davon abhalten, Uí Failgi von der verloren geglaubten Goldmine zu berichten? Das wäre eine logische Schlussfolgerung. Wer aber würde etwas davon haben, wenn man die Wiederentdeckung des Stollens geheim hielt? Einzig und allein die Gemeinschaft dieses Klosters, Ehrwürdige Mutter.«

»Und die Menschen im Umland!«, ereiferte sich Äbtissin Ita heftig. »Vergiss das nicht, wenn du die Rechnung aufmachst, Schwester Fidelma. Denk auch an all das Blut, das in den kommenden Jahren nicht vergossen wird.«

»Recht kann nicht mit Unrecht erzwungen werden, so sagt es das Gesetz. Und ich muss mich an das Gesetz halten. Du weißt sehr wohl, dass ich als dálaigh am Gericht der Brehons dem Gesetz verpflichtet bin und dass das nichts mit meinen Pflichten als Mitglied dieser Gemeinschaft zu tun hat. Warum hast du dennoch mich gebeten, diesem Fall nachzugehen? Du selbst hättest doch Nachforschungen anstellen können. Warum ausgerechnet ich?«

»In einem so gewichtigen Fall wie diesem würden die Darlegungen einer dálaigh am Gerichtshof der Brehons bei Uí Failgi mehr zählen.«

»Hast du darauf gesetzt, dass ich die Existenz der Goldmine verschweigen würde?«, fragte Fidelma mit Nachdruck.

Äbtissin Ita war erregt aufgestanden. Auch Fidelma erhob sich, so dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden.

»Antworte mir geradeheraus, Ehrwürdige Mutter: Hast du Sillán vergiftet oder veranlasst, dass er vergiftet wird, um zu verhindern, dass er mit Uí Failgi spricht?«

Einige Augenblicke herrschte eisiges Schweigen. Es glich der Stille, wie sie einem Erdbeben vorausgeht. Der Gesichtsausdruck der Äbtissin wurde ein anderer, wechselte von Zorn in Traurigkeit. Sie war es, die den Blick vor der Jüngeren senkte.

»Meine Hand hat Sillán nicht das Gift verabreicht. Aber ich gestehe, dass mir ein Stein vom Herzen fiel, als ich von der Tat erfuhr.«

Einzig die Stille der Zelle umgab sie. Vollständig bekleidet, mit den Händen unter dem Kopf, lag Schwester Fidelma auf ihrem Bett und starrte in die Dunkelheit. Die Kerze hatte sie gelöscht, und so unterschied sie nur schemenhaft Hell und Dunkel, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Ihre Gedanken kreisten um den mysteriösen Tod von Sillán.

Sie versuchte zu ordnen, was sie in den letzten Stunden erfahren hatte. Eine unbestimmte Ahnung drängte sich ihr auf, ließ sich aber nicht fassen. So viel stand fest: Man hatte Sillán umgebracht, weil das, was er wusste, der Außenwelt verborgen bleiben sollte. Nur sagte ihr etwas im Innern, dass es tatsächlich besser war, wenn Silláns Entdeckung geheim blieb.

Das Gesetz aber war nicht für solche Überlegungen geschrieben, und als dálaigh bei Gericht war sie dem Gesetz verpflichtet. Wiederum war es von Menschen gemacht. Ein zu enges Festhalten am Gesetz konnte auch größere Ungerechtigkeit nach sich ziehen. Rechtsprechung folgte blind den vorgeschriebenen Regeln, während in einer idealen Welt Gerechtigkeit einen offenen Blick für beide Seiten haben musste – für Leid und wirklich Böses.

Schwester Fidelma befand sich in einem moralischen Dilemma, und die quälenden Gedanken begleiteten sie in einen unruhigen Schlaf.

Jemand rüttelte sie am Arm. Das war das Erste, dessen sie gewahr wurde, erst dann hörte sie das Angelus-Läuten.

Aus den verschwommenen Umrissen schälte sich das blasse, habichtsähnliche Gesicht von Schwester Ethne.

»Rasch, Schwester, komm rasch. Noch ein Toter.«

Fidelma schnellte hoch und sah Schwester Ethne ungläubig an. Bis zur Morgendämmerung war es noch eine Stunde, und ihre Besucherin hatte vorsorglich die Kerze angezündet.

»Noch ein Toter? Wer?«

»Follaman.«

»Wie?« Fidelma sprang aus dem Bett.

»Wie gehabt. Gift. Rasch, du musst in die tech-óired kommen.«

Follaman, der timthirig des Klosters, lag auf dem Rücken, das Gesicht auch im Tod noch schmerzverzerrt. Der eine Arm war zur Seite gestreckt, und folgte man der Richtung der geöffneten Hand, sah man auf dem Fußboden verstreut die Scherben eines irdenen Bechers. Ein dunkler Fleck auf dem Steinfußboden deutete auf vergossene Flüssigkeit hin.

Die Apothekenschwester, die man als Erste gerufen hatte, war bereits in der Zelle und hatte den Leichnam untersucht.

»In dem Becher war Schierling, Schwester Fidelma«, berichtete sie unter heftigem Auf und Ab ihres Kopfes. »Genau wie Sillán hat auch er das Gift getrunken, nur dass er es nachts zu sich nahm und niemand seinen Todesschrei gehört hat.«

Verstört prägte sich Fidelma den Anblick ein und sagte zu Schwester Ethne: »Ich muss mit der Äbtissin sprechen. Bitte sorge dafür, dass uns niemand stört.«

Äbtissin Ita stand am Fenster ihres Gemachs und betrachtete die Farbenpracht von Rot, Gelb und Orange der aufgehenden Sonne.

Als Schwester Fidelma eintrat, drehte sie sich nur leicht zur Tür, um sich zu vergewissern, wer es war, wandte sich wieder um und öffnete das Fenster. Das leuchtende Morgenlicht durchflutete den Raum und verlieh ihm einen milden goldenen Glanz.

»Nein, Fidelma«, ergriff sie das Wort, noch ehe Fidelma etwas sagen konnte. »Ich habe Follaman nicht vergiftet.«

»Ich weiß, dass du es nicht warst, Ehrwürdige Mutter.«

Äbtissin Ita wandte sich zu ihr und starrte sie überrascht an. Mit einer Handbewegung forderte sie Fidelma zum Platznehmen auf und setzte sich selbst. Sie sah blass und übernächtigt aus.

»Du weißt also, wer der Täter ist? Du weißt, wie Sillán und Follaman zu Tode gekommen sind?«

Schwester Fidelma nickte.

»In der vergangenen Nacht habe ich schwer mit mir gerungen, Ehrwürdige Mutter, wem ich als dálaigh zu dienen habe – dem Gesetz oder der Gerechtigkeit.«

»Aber ist das nicht ein und dasselbe, Fidelma?«

»Manchmal ja und manchmal nein.« Sie lächelte schmerzlich. »In diesem Fall geht beides auseinander.«

»Nämlich?«

»Sillán wurde unrechtmäßig getötet. Das ist eindeutig. Er wurde getötet, weil sein Wissen von der Existenz einer Goldmine unter den ehrwürdigen Gebäuden hier verschwiegen werden sollte. War die Person, die ihn umgebracht hat, im Recht oder im Unrecht? Welche Maßstäbe sollen wir anlegen, um das zu beurteilen? Einem Menschen das Leben zu nehmen ist unserem Gesetz nach unrechtmäßig. Wenn aber Sillán sein Wissen preisgegeben und man unsere Gemeinschaft daraufhin von hier vertrieben hätte oder wenn es sogar zu einem Krieg zwischen den um diesen Flecken Erde ringenden Kräften gekommen wäre, wäre das dann Gerechtigkeit gewesen? Vielleicht gibt es doch so etwas wie eine natürliche Gerechtigkeit, die über den Dingen steht?«

»Ich kann dir durchaus folgen, Fidelma«, erwiderte die Äbtissin. »Der Tod eines Unschuldigen kann den Tod zahlloser anderer Menschen verhindern.«

»Aber haben wir das Recht, das zu entscheiden? Ist das nicht etwas, was wir Gott überlassen sollten?«

»Manchmal zeigt uns Gott Mittel und Wege, seinen Willen in die Tat umzusetzen.«

Schwester Fidelma sah die Äbtissin fest an. »Es gibt jetzt nur zwei Menschen, die von Silláns Entdeckung wissen.«

»Zwei?«, fragte sie und zog eine Augenbraue hoch.

»Die eine bin ich, und du, Ehrwürdige Mutter, bist die andere.«

Die Äbtissin runzelte die Stirn. »Derjenige, der Follaman getötet hat, muss es doch auch wissen.«

»Gewusst haben«, verbesserte Fidelma sie vorsichtig.

»Das musst du mir erklären.«

»Follaman hat den Schierling beigemischt und somit Sillán getötet.«

Die Äbtissin biss sich auf die Lippen.

»Weshalb hätte Follaman so etwas tun sollen?«

»Aus dem gleichen Grund, über den wir eben gesprochen haben, um zu verhindern, dass Sillán über die Goldader etwas verlauten lassen kann.«

»So weit, so gut. Aber wieso Follaman? Er war ein einfacher, rechtschaffener Mensch«, stellte die Äbtissin fest.

»Rechtschaffen und treu ergeben. Hat er nicht seit seiner Jugend hier im Kloster als Verwalter des Gästehauses gearbeitet? Er fühlte sich mit dem Haus hier ebenso verbunden wie jeder andere unserer Gemeinschaft. Auch wenn er kein frommer Bruder war, so war er doch einer der Unseren.«

»Wie konnte er von der Sache wissen?«

»Er hat deinen Streit mit Sillán mit angehört. Vermutlich hat er absichtlich gelauscht. Er wusste oder ahnte, welchen Beruf Sillán ausübte. Vielleicht ist er ihm auf seinen Erkundungen auch gefolgt. Ob er es getan hat oder ob nicht, spielt jetzt auch keine Rolle. Als Sillán gestern Nachmittag zurückkam und ihm eröffnete, er würde am nächsten Morgen nach Ráith Imgain zurückkehren, schlussfolgerte Follaman, dass er auf einen Fund gestoßen sein müsste. Als Sillán zu dir ging, ist er ihm wahrscheinlich gefolgt und hat das Gespräch zwischen euch belauscht.

Da du nicht gegen Gottes oder die von Menschen geschaffenen Gesetze verstoßen konntest, glaubte er auf seine Weise eine natürliche Gerechtigkeit walten zu lassen. Er entwendete aus der Apotheke den Krug mit dem giftigen Schierling, und als Sillán um ein Getränk bat, mischte er etwas davon bei. Von der nötigen Menge für eine entsprechende Wirkung hatte er keine Ahnung, und deshalb spürte Sillán auch nichts, sondern erst später, als die Glocke zur Abendmahlzeit geläutet hatte.«

Äbtissin Ita folgte aufmerksam Fidelmas Ausführungen.

»Und dann?«

»Dann begann ich mit meinen Nachforschungen. Dann tauchte auch der tánaiste von Uí Failgi auf, der Sillán oder wenigstens eine Erklärung für seinen Tod suchte.«

»Wer aber hat Follaman getötet?«

»Follaman wusste, dass man ihn früher oder später als Täter entlarven würde. Die Schuld, die er mit dem Tod eines anderen Menschen auf sich geladen hatte, quälte sein einfaches Gemüt. Rechtschaffen, wie er war, beschloss er, die Strafe auf sich zu nehmen. Den Ehrenpreis für ein Leben. Konnte er für das Leben Silláns einen größeren Ehrenpreis zahlen, als sein eigenes hinzugeben? Er entschied sich für einen kräftigen Schluck des giftigen Schierlings.«

Beide schwiegen eine Weile.

»Was du sagst, klingt einleuchtend, Schwester Fidelma. Aber lässt sich deine Erklärung erhärten?«

»Als ich Follaman befragte, konnte er mir genau Auskunft über Silláns Beruf geben. Das ist das eine. Zum anderen gab es zwei Ungereimtheiten: Er sagte, er hätte Sillán höchst verärgert aus deinem Zimmer kommen sehen. Deine Räumlichkeiten liegen aber, vom Gästehaus aus gesehen, am anderen Ende der Abtei. Follaman muss sich folglich in der Nähe deiner Räume aufgehalten haben. Und erst recht auffällig ist, dass Follaman, als ich ihn fragte, ob er wüsste, wie Schierling aussieht, das verneinte.«

»Wieso spricht Letzteres gegen ihn?«

»Weil es zu Follamans Aufgaben gehörte, im Kräutergarten zu helfen, und Schwester Poitigéir hatte mir erzählt, dass sie dort auch Schierling für Heilzwecke zogen und dass das zerstoßene Schierlingspulver von den Pflanzen aus eben dem Garten stamme. Follaman würde ihr beim Anbau und der Pflege von Pflanzen im Garten zur Hand gehen. Er hätte also wissen müssen, wie Schierling aussah. Es musste einen Grund dafür geben, dass er mich belog.«

»Ich verstehe«, sagte die Äbtissin grübelnd. »Du gehst also davon aus, dass Follaman versucht hat, uns – ich meine unsere Gemeinschaft hier in Kildare – zu schützen?«

»Ja. Er war ein einfacher, rechtschaffener Mann und sah keinen anderen Ausweg.«

Die Äbtissin brachte ein schmerzliches Lächeln zustande.

»Um ehrlich zu sein, Schwester, trotz besseren Wissens hätte auch ich keinen anderen Ausweg gefunden als den seinen. Was also schlägst du jetzt vor?«

»Es gibt Situationen, in denen die Gesetzgebung Ungerechtigkeit nach sich zieht, doch um mit sich in Frieden und Einklang zu leben, braucht der Mensch den Triumph der Gerechtigkeit. Es gilt folglich abzuwägen zwischen Gerechtigkeit und der Strenge des Gesetzes.« Fidelma hielt inne und fuhr dann schweren Herzens fort: »Bleiben wir bei der rein menschlichen Gerechtigkeit. In meinem Bericht wird es heißen, dass Sillán durch unglückliche Umstände zu Tode gekommen ist, ebenso wie Follaman. Man hätte für den Met im Gästehaus versehentlich Wasser aus einem Krug benutzt, dem Follaman für die Bekämpfung von Ungeziefer im Abteigewölbe Gift zugesetzt hätte. Erst als auch Follaman an einer Vergiftung gestorben war, sei man dem Grund des Übels auf die Schliche gekommen.«

»Und was sagen wir dem tánaiste des Uí Failgi wegen der Goldmine?«

»Dass Sillán beschlossen hätte, nach Ráith Imgain zurückzukehren, weil die Legende von der Goldmine in Kildare nichts weiter als eine Legende sei.«

Die Äbtissin lächelte zufrieden. »Gut. Da du gewillt bist, so und nicht anders auszusagen, stimme ich deinem Bericht als Vorsteherin unserer Gemeinschaft zu. Auf diese Art und Weise erhalten wir unser Kloster zukünftigen Generationen. Was die Falschaussage deines Berichts betrifft, so spreche ich dich von jeder Verantwortung und Sünde los.«

Das entspannte Lächeln der Äbtissin verunsicherte Fidelma ob ihrer Entscheidung. Im Sinne der rein menschlichen Gerechtigkeit war sie bereit gewesen, den Mund zu halten. Aber die Erleichterung und Selbstgefälligkeit von Äbtissin Ita ärgerte sie. Und wenn sie mit sich selbst ins Gericht ging, so spürte sie, dass ihr Stolz auf ihren Ruf als Anwältin, selbst schwierigste Fälle zu lösen, hier Schaden nahm.

Bedächtig schob sie eine Hand in ihr Gewand, zog den kleinen Steinbrocken hervor, den sie in Silláns Kammer im Gästehaus gefunden hatte, und warf ihn auf den Tisch.

»Das war eins von Silláns Beweisstücken für seine Entdeckung. Vielleicht ist es besser bei dir aufgehoben zusammen mit den anderen Goldaderbröckchen, die Follaman dir übergeben hat, nachdem er Sillán vergiftet hatte … gemäß deiner Anweisung.«

Äbtissin Ita war aschfahl geworden und sah Fidelma mit angstgeweiteten Augen an. »Wie …?«, stammelte sie.

Schwester Fidelma hatte nur ein bitteres Lächeln für sie übrig. »Du brauchst nichts zu befürchten, Ehrwürdige Mutter. Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ich handle im Sinne unserer Gemeinschaft, für das Wohl und die Zukunft des Hauses der heiligen Brigid von Kildare und all der Menschen, die in diesen Mauern in Frieden leben. Über dich zu urteilen steht mir nicht zu. Du wirst dich vor Gott verantworten müssen, vor Sillán und Follaman, den beiden Toten.«

»Aber wie …«, wiederholte die Äbtissin mit zitternden Lippen.

»Ich habe vorhin betont, dass Follaman ein einfacher Mensch war. Selbst wenn er klug genug war, die Tragweite von Silláns Entdeckung für die Abtei und die Gemeinschaft zu erkennen, bleibt die Frage, ob er in der Lage war, den giftigen Schierling zu nehmen und unterzumischen.«

»Du selbst hast doch aber ausgeführt, dass er das gekonnt hätte. Du hast von Schwester Poitigéir erfahren, dass er ihr im Kräutergarten zur Hand ging und gewusst haben muss, wie Schierling aussah.«

»Wie Schierling aussah, wusste Follaman, ja. Aber welches die zerstoßenen Schierlingsblätter waren, hätte man ihm sagen müssen. Dafür muss man Farben unterscheiden können. Nachdem die ursprüngliche Blattform zerstört war, konnte Follaman die lila und weißen Spitzen des zerstoßenen Gemischs nicht erkennen und sich folglich nicht den richtigen Krug greifen. Follaman war nämlich farbenblind; er war unfähig, Farben zu unterscheiden. Jemand musste ihm also das Gift gegeben haben, damit er es beimischen konnte.«

Mit schmalem, zusammengekniffenem Mund saß die Äbtissin vor ihr. »Aber Follaman habe ich nicht getötet«, erklärte sie wütend. »Ich gebe zu, ich habe Follaman nahegelegt, dass unserer Gemeinschaft am besten mit Silláns Tod gedient wäre, ich gebe auch zu, dass ich ihm eine Möglichkeit eröffnet habe, wie man ihn mundtot machen könnte, aber wer hat Follaman getötet? Ich war es nicht.«

»Nein«, erwiderte Fidelma. »Es war, wie ich gesagt habe. Follaman ist deinem Vorschlag gefolgt und hat Sillán das Gift verabreicht, weil du ihm eingeredet hast, es wäre Gottes Wille. Du hast ihn als Werkzeug benutzt. Er aber, ein einfacher und rechtschaffener Mann, konnte nicht mit der Schuld leben, einen Menschen umgebracht zu haben. Er übte an sich selbst Vergeltung und nahm sich das Leben. Er hatte etwas von dem Schierling zurückbehalten und in seiner Zelle zur Seite gestellt. Vergangene Nacht hat er ihn getrunken und so seine Tat gesühnt. Er hat die Buße auf sich genommen, Ehrwürdige Mutter, die Schuld aber bleibt deine.«

Ratlos sah die Äbtissin sie an. »Was soll ich tun?«, fragte sie mit gebrochener Stimme.

Ein zynisches Lächeln glitt über Fidelmas Gesicht.

»Mit deiner Erlaubnis werde ich Kildare noch heute Vormittag verlassen. Zuvor werde ich dem tánaiste des Uí Failgi Bericht erstatten. Du hast nichts zu befürchten. Mein oberstes Anliegen ist das Wohlergehen der Gemeinschaft. Das Wohlergehen der Menschen hier wiegt stärker als das Gesetz. Doch ich werde nach Armagh zum Schrein des heiligen Patrick pilgern und Buße tun für die Unwahrheit meines Berichts.« Sie machte eine Pause und blickte der verstörten Äbtissin in die Augen. »Dein Schuldgefühl kann ich dir nicht nehmen, Ehrwürdige Mutter. Ich denke, du solltest dir einen verständnisvollen Beichtvater suchen und auf seinen Beistand hoffen.«


DAS SCHWERT DES HOCHKÖNIGS

<p>DAS SCHWERT DES HOCHKÖNIGS</p>

»Gottes Fluch liegt auf diesem Land«, stöhnte Abt Colmán, der geistliche Berater des Großen Rats der Stammesfürsten der fünf Königreiche Irlands.

Seine Worte waren an eine schlanke Frau neben ihm gerichtet. Gemeinsam schritten sie über den Vorhof der prächtigen Burg von Tara, dem Sitz der Hochkönige Irlands. Sie trug das Gewand einer Klosterschwester und hielt die Hände sittsam vor sich gefaltet. Selbst aus der Entfernung erkannte man, dass ihre schlichte Tracht wenig zu ihrer jugendlichen, wohlgestalten Figur passte. Widerspenstige Strähnen roten Haars lugten unter der Kapuze ihres Habits hervor und verstärkten den Reiz, der von ihrem hellen frischen Gesicht mit den blitzenden grünen Augen ausging. Die Grübchen in ihren Wangen verliehen ihr eine Schalkhaftigkeit, die im Widerspruch zu dem zur Schau getragenen Ernst stand.

»Wenn Menschen Gott bezichtigen, er würde sie verdammen, dann suchen sie meist Ausflüchte, weil sie nicht eingestehen wollen, dass sie ihre Lage selbst verschuldet haben«, gab Schwester Fidelma zu bedenken.

Der Abt, ein rundlicher Mann in den Mittfünzigern mit gerötetem Gesicht, runzelte die Stirn und schaute die junge Frau an. Wollte sie ihn etwa rügen?

»Für die schreckliche Gelbe Pest, die das Land heimgesucht hat, können die Menschen doch wohl wirklich nichts«, erwiderte er verstimmt. »Ein Drittel unserer Bevölkerung hat die Seuche dahingerafft. Sie kannte kein Erbarmen, verschonte weder Abt, Bischof noch einfachen Priester.«

»Selbst Hochkönige nicht«, bemerkte Schwester Fidelma spitz.

Vor einer Woche erst war die Landestrauer um die Brüder Blathmac und Diarmuid, die gemeinsam als Hochkönige geherrscht hatten, zu Ende gegangen. Innerhalb weniger Tage waren auch sie Opfer der grimmigen Pest geworden.

»Und das soll nicht Gottes Fluch gewesen sein?«, beharrte der Abt mit finsterer Miene und war darauf gefasst, Widerspruch zu ernten.

Doch sie schwieg wohlweislich, denn der Abt schien nicht in der Stimmung, theologische Grundsätze zu erörtern.

»Es sind die Geschehnisse hier, die mich veranlasst haben, dich nach Tara zu bitten«, redete der Abt weiter und betrat die Kapelle des heiligen Patrick, die man vor Zeiten neben dem Palas der Hochkönige errichtet hatte. Schwester Fidelma folgte ihm in das düstere, weihrauchgeschwängerte Innere, beugte das Knie vor dem Altar und ging gleich ihm in die Sakristei. Er ließ sich auf einem mit Leder bezogenen Lehnstuhl nieder und bedeutete Fidelma, es ihm gleichzutun.

Sie setzte sich und sah ihn erwartungsvoll an.

»Ich habe dich herkommen lassen, Schwester Fidelma, weil du Anwältin bist, eine dálaigh an den Gerichten der Brehons, und daher im Rechtswesen bewandert.«

Sie zuckte bescheiden mit den Schultern und blieb entspannt. »Ich habe an die acht Jahre bei Brehon Morann studiert, möge seine Seele in Frieden ruhen, und habe den Grad eines anruth erworben.«

Der Abt schürzte die Lippen. Er hatte noch nicht seine Verunsicherung überwunden, es mit einer jungen Frau zu tun zu haben, die so hochgebildet in Rechtsfragen war und einen Gelehrtengrad besaß, der selbst den Höchsten im Lande Achtung abnötigte. Ihr Rang stand nur eine Stufe unter der des ollamh, des Obersten Richters, der selbst in Gegenwart des Hochkönigs sitzen durfte. Der Abt fühlte sich befangen gegenüber der Glaubensschwester aus Kildare. In religiösen Fragen war er zwar ihr Vorgesetzter, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Autorität im Gesetzeswesen hatte auch er den Respekt zu zollen, der ihr als einer dálaigh bei den hohen Gerichten Irlands zukam. »Man hat mir berichtet, welche Qualifikation du besitzt und welches Ansehen du genießt. Abgesehen von deinem Wissen und deiner Weisungsbefugnis soll dir aber ein ungewöhnliches Talent zu eigen sein, verworrene Sachverhalte aufzuklären.«

»Wer immer dir das berichtet hat, übertreibt gewiss. Ich habe dazu beitragen können, etliche Streitfragen zu schlichten. Und die bescheidene Fähigkeit, die ich in dieser Hinsicht habe, steht dir zu Diensten.«

Schwester Fidelma schaute den Abt an, während der sich nachdenklich das Kinn rieb.

»Viele Jahre haben wir unter der gemeinsamen Herrschaft der Hochkönige Blathmac und Diarmuid in Ruhe und Frieden gelebt. Es nimmt nicht Wunder, wenn ihr so rasch aufeinander erfolgter Tod als besonders schwerer Schicksalsschlag empfunden wird.«

Schwester Fidelma hob eine Augenbraue. »Willst du damit sagen, bei ihrem Tod sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen? Hast du mich deshalb hergebeten?«

»Nein.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Sie erlagen der schrecklichen Gelben Pest, die alle fürchten und die niemand überlebt. Es ist Gottes unerforschlicher Ratschluss.« Der Abt hielt inne und schien eine Erwiderung Fidelmas zu erwarten, doch sie schwieg, und so fuhr er fort. »Nein, Schwester, beim Tod von Blathmac und Diarmuid hat sich nichts Verdacht Erregendes zugetragen. Das Problem ergibt sich bei der Nachfolge ins Königsamt.«

Das wunderte sie. »Soviel ich weiß, hat der Große Rat beschlossen, dass Sechnussach, der Sohn Blathmacs, Hochkönig werden soll.«

»Ja, so haben die Kleinkönige und Stammesältesten aller Provinzen Irlands entschieden. Doch bislang ist Sechnussach nicht auf dem heiligen Stein des Schicksals in sein Amt eingeführt worden.« Der Abt zögerte. »Kennst du das Königsgesetz?«

»In welcher Hinsicht?«, forschte Schwester Fidelma und durchdachte im Stillen, worauf er hinauswollte.

»Ich meine den Teil, in dem die sieben Bedingungen abgehandelt werden, die ein rechtmäßiger König erfüllen muss.«

»In der Rechtsprechung der Brehons ist festgelegt, dass ein rechtmäßiger König sieben Bedingungen zu erfüllen hat«, führte Fidelma pflichtgemäß aus. »Seine Wahl muss vom Großen Rat bestätigt werden. Er muss an den Einen Wahren Gott glauben. Er soll die Insignien seines Amtes heilig halten und ihnen die Treue bewahren. Er soll nach dem Gesetz der Brehons regieren, und seine Entscheidungen sollen wohlüberlegt, gerecht und makellos sein. Er soll das Wohlergehen des Volkes fördern, und er soll seine Krieger niemals in einen ungerechten Krieg führen. Ferner …«

Der Abt hob die Hände und unterbrach sie. »Ja, ja. Ich sehe schon, du kennst deine Gesetze. Doch nun liegen die Dinge so, dass Sechnussach nicht in sein hohes Amt eingesetzt werden kann, weil das große Schwert, der ›Caladchalog‹, gestohlen wurde, den der Schmiedegott Gobhainn in grauer Vorzeit geschaffen hat.«

Erschreckt schaute Fidelma auf.

Das uralte Schwert des Stammes der Uí Néill war eines der wichtigsten Symbole der Würde des Hochkönigs. Der Legende nach hatte der Schmiedegott es dem Helden Fergus Mac Roth zu Zeiten der Vorväter übergeben, dann war es an Niall von den Neun Geiseln gegangen, dessen Nachkommen die Uí-Néill-Könige Irlands wurden. Seit vielen Jahrhunderten waren die Hochkönige entweder aus dem Clan der nördlichen Uí Néill gewählt worden oder aus dem der südlichen Uí Néill. Der »Caladchalog«, der Schartenschläger, galt als magisches, mystisches Schwert, und sein Besitzer wurde vom Volk als dessen rechtmäßiger Herrscher anerkannt. Alle Hochkönige hatten darauf den Amtseid zu leisten und es bei sämtlichen bedeutenden Anlässen als sichtbares Zeichen ihrer Königswürde zu tragen.

Der Abt schob die Unterlippe vor. »Gerade dieser Tage, da noch die Angst vor den verheerenden Folgen der Pest umgeht, braucht unser Volk Trost und Ablenkung. Wenn es im Lande ruchbar wird, dass der neue Hochkönig nicht das Amtsschwert vorweisen kann, auf das er den geheiligten Königseid zu schwören hat, werden im Volk Furcht und Schrecken um sich greifen. Man wird es als ein böses Vorzeichen für die Herrschaft von Sechnussach ansehen. Gesetzlosigkeit wird sich ausbreiten. Unsere Leute beharren auf den alten Sitten und Gebräuchen, und besonders gegenwärtig benötigen sie etwas, das ihnen Halt und Sicherheit gibt.«

Schwester Fidelma machte ein nachdenkliches Gesicht. Was der Abt da sagte, war gewiss richtig. Die Menschen glaubten felsenfest an sinnstiftende Zeichen, die aus dem Nebel uralter Zeiten herrührten.

»Wenn die Menschen sich doch endlich auf ihre eigenen Fähigkeiten besinnen wollten und nicht an Symbolen hängen würden«, äußerte sich der Abt weiter. »Die Zeit ist gekommen, Reformen einzuleiten, sowohl in weltlichen als auch in geistlichen Dingen. Wir klammern uns zu sehr an die heidnischen Vorstellungen unserer Ahnen, die aus der Zeit stammen, bevor das Licht Unseres Erlösers diese Küsten erreichte.«

»Wie ich sehe, machst du dir bereits die Reformen, die Rom anstrebt, zu eigen«, bemerkte Schwester Fidelma scharfsinnig.

Der Abt gab sich nicht sonderlich Mühe, seine Überraschung zu verbergen. »Woran willst du das erkannt haben?«

»Dazu bedarf es keiner besonderen Schläue, Abt Colmán. Man sieht es auf den ersten Blick«, erklärte sie lächelnd. »Du trägst die Tonsur des heiligen Petrus, also das Abzeichen Roms, und nicht die des heiligen Johannes, den unsere Kirche zum Vorbild hat.«

Der Abt zog ein Gesicht. »Ich bekenne, dass ich fünf Jahre lang in Rom war und dort eingesehen habe, dass Reformen unumgänglich sind. Ich betrachte es als meine Pflicht, unserem Volk nahezulegen, den Sitten und Bräuchen der Kirche Roms zu folgen und unsere veralteten Rituale, Symbole und Traditionen aufzugeben.«

»Wir haben es aber mit Menschen zu tun, wie sie sind, und nicht mit Menschen nach unseren Wunschvorstellungen.«

»Umso mehr müssen wir uns bemühen, sie zu ändern«, erwiderte der Abt salbungsvoll, »und ihre Schritte auf den wahren Pfad zu Gottes Gnade lenken.«

»Lassen wir den Streit über die Reformen Roms«, sagte Schwester Fidelma ruhig. »Ich jedenfalls werde mich weiterhin nach der Regel der heiligen Brigid von Kildare richten, in deren Abtei ich meine Gelübde abgelegt habe. Doch jetzt hätte ich gern gewusst, wozu man mich nach Tara geholt hat?«

Der Abt zögerte mit seiner Antwort, als wäre er unschlüssig, das Thema der von Rom ausgehenden Reformen zu beenden, schniefte dann aber laut und versuchte so seine Verärgerung zu überspielen. »Wir müssen das verschwundene Schwert vor der Inauguration des Hochkönigs finden, und die ist für morgen angesetzt. Sonst laufen wir Gefahr, einen Bürgerkrieg unter den fünf Königreichen Irlands zu entfesseln.«

»Von wo wurde es gestohlen?«

»Von hier, aus eben dieser Kapelle. Das heilige Schwert befand sich zusammen mit dem Lia Fáil, dem Stein des Schicksals, unter dem Altar. Es war in einer Holztruhe mit Metallbeschlägen eingeschlossen. Der einzige Schlüssel lag immer für jedermann sichtbar auf dem Altar. Niemand würde es je wagen, so dachte man, die geweihte Stätte ruchlos zu verletzen und die geheiligten Schätze zu stehlen.«

»Und nun hat es dennoch jemand gewagt?«

»So ist es. Wir haben den Schuldigen in einer Gefängniszelle festgesetzt.«

»Und der Täter ist …?«

»Ailill Flann Esa, der Sohn Donalds, der vor zwanzig Jahren Hochkönig war. Ailill hatte sich im Widerstreit mit seinem Vetter Sechnussach um das Amt des Hochkönigs beworben. Offensichtlich sucht er jetzt aus Rache seinen Vetter in Verruf zu bringen, denn der Große Rat hat seine Bewerbung abgewiesen.«

»Gibt es Zeugen für den Diebstahl?«

»Drei. Zwei Krieger der Palastwache, Congal und Erc, haben ihn nachts allein in der Kapelle angetroffen. Und ich selbst bin wenige Augenblicke später dazugekommen.«

Schwester Fidelma betrachtete den Abt einigermaßen verwirrt. »Wenn er beim Diebstahl ertappt wurde, warum hat man das Schwert nicht bei ihm gefunden?«

Der Abt hatte Mühe, Geduld zu bewahren. »Offenbar hat er es versteckt, bevor man ihn erwischte. Wahrscheinlich hat er die Wachen kommen hören und hat es irgendwo verborgen.«

»Hat man die Kapelle durchsucht?«

»Ja, aber gefunden wurde nichts.«

»Nach dem, was du bisher gesagt hast, kann niemand bezeugen, dass er gesehen hat, wie Ailill das Schwert an sich nahm.«

Der Abt bedachte sie mit einem väterlichen Lächeln. »Meine liebe Schwester, die Kapelle wird nachts sicher verwahrt. Der Diakon hat seinen letzten Rundgang gemacht und sich vergewissert, dass alles in Ordnung war. Die Palastwachen, die draußen patrouillierten, haben um Mitternacht festgestellt, dass die Tür verschlossen war. Als sie zwanzig Minuten später wieder dort vorbeikamen, stand die Tür offen. Der Riegel, mit dem üblicherweise die Tür von innen zugesperrt wird, war gewaltsam aufgebrochen worden. Sie gingen hinein und sahen Ailill beim Altar. Der Altartisch war beiseite geschoben, die Truhe war geöffnet, das Schwert war verschwunden. Genügend Fakten, die den Täter offenkundig belasten.«

»So offenkundig vielleicht doch nicht, Abt Colmán«, erwiderte Schwester Fidelma verhalten.

»Sechnussach und mir schienen sie offenkundig genug, um Ailill Flann Esa sofort festzunehmen.«

»Und das Motiv, würdest du meinen, ist reine Böswilligkeit?«

»Auch daran gibt es nichts zu deuteln. Ailill will die Amtseinführung Sechnussachs als Hochkönig verhindern. Vielleicht malt er sich sogar aus, Verwirrung und Gesetzlosigkeit nutzen und die Stämme gegeneinander aufwiegeln zu können. Könnte sein, er beabsichtigt, Sechnussach zu stürzen und sich selbst zum Hochkönig zu machen, indem er das heilige Schwert aus seinem Versteck holt und sich dem von der Gelben Pest verunsicherten Volk als Retter anbietet.«

»Wenn ihr euren Schuldigen habt und sein Motiv kennt, warum hast du mich dann holen lassen?«, fragte Schwester Fidelma mit leicht ironischem Unterton. »Außerdem gibt es am Hof von Tara bestimmt Anwälte und Richter, die mehr Erfahrung haben als ich.«

»Doch niemand steht so im Ruf, verzwickte Rätsel lösen zu können, wie du, Schwester Fidelma.«

»Aber das Schwert muss sich in der Kapelle befinden oder in der unmittelbaren Umgebung davon.«

»Wir haben gesucht und gesucht und es nicht entdecken können. Die Zeit drängt. Man hat mir versichert, dass du die Gabe besitzt, das rätselhafte Verschwinden eines so wesentlichen Gegenstandes aufzuklären. Man spricht davon, wie geschickt du Tatverdächtige befragen und ihnen die Wahrheit entlocken kannst. Gewiss hat Ailill das Schwert in nächster Nähe verborgen. Wir müssen vor der Amtseinsetzung des Hochkönigs herausbekommen, wo es steckt.«

Schwester Fidelma schürzte die Lippen und zuckte die Achseln. »Zeig mir, wo das Schwert aufbewahrt wurde, und danach werde ich Ailill befragen.«

Ailill Flann Esa war etwa Mitte dreißig, hatte braunes Haar und trug einen Vollbart. Seine Art sich zu geben, war vom Stolz geprägt, Sohn eines ehemaligen Hochkönigs zu sein. Das war Donald Mac Aed von den nördlichen Uí Néill gewesen, der zwanzig Jahre lang das Land von Tara aus regiert hatte.

»Ich habe das heilige Schwert nicht gestohlen«, brauste er auf, sobald Schwester Fidelma den Zweck ihres Kommens genannt hatte.

»Dann erkläre mir, warum du dich zu so ungewöhnlicher Zeit in der Kapelle aufgehalten hast«, forderte sie ihn auf und setzte sich auf die Holzbank an einer der grauen Steinwände seiner Zelle. Ailill zögerte zunächst, nahm dann aber auf einem Schemel vor ihr Platz. Ein hölzernes Bettgestell und ein Tisch vervollständigten die Ausstattung seiner gegenwärtigen Behausung. Der Anwältin war klar, dass man ihm nur wegen seines Ranges derartige Annehmlichkeiten zugestanden hatte, die sein feuchtkaltes Granitgefängnis etwas erträglicher machten.

»Ich bin an der Kapelle vorbeigekommen …«, begann Ailill.

»Warum?«, unterbrach sie ihn. »Es war schon nach Mitternacht, soviel ich weiß.«

Der Mann zog unwillig die Brauen zusammen; offenbar war er es nicht gewohnt, dass ihm jemand ins Wort fiel. In seinem hochmütigen Gesicht zuckte es, und Schwester Fidelma musste ein Schmunzeln unterdrücken. Aus seinem Verhalten war ersichtlich, dass er hatte unwirsch entgegnen wollen, doch besann er sich eines Besseren – sie hatte den Rang eines anruth und damit die Macht des Obersten Gerichts hinter sich. So zögerte er nur kurz.

»Ich war unterwegs zum … wollte jemand besuchen.«

»Wohin? Wen?«

»Dazu möchte ich mich nicht äußern.«

Sie sah, wie er entschlossen die Lippen zusammenpresste, und spürte, er würde ihre Fragen nicht beantworten. So ging sie darüber hinweg und meinte nur: »Sprich weiter.«

»Wie gesagt, ich bin an der Kapelle vorbeigekommen und habe die Tür offen gesehen. Zur Nachtzeit ist die Tür sonst immer zu, und der Riegel ist vorgelegt. Das fand ich merkwürdig, und so bin ich hineingegangen, um nachzusehen. Mir fiel auf, der Altartisch war verrückt, und deshalb zog es mich dorthin. Da stand die Truhe offen, in der das Amtsschwert verwahrt wird …« Er stockte und zuckte die Achseln.

»Und dann?«, ermunterte sie ihn.

»Nichts weiter. In dem Augenblick kamen die Wachtposten dazu. Der Abt tauchte auf, und ich wurde beschuldigt, das Schwert gestohlen zu haben. Was ich aber nicht getan habe.«

»Und zu all dem hast du weiter nichts zu sagen?«

»Mehr weiß ich zu dem Vorfall nicht. Man verdächtigt mich und klagt mich an, obwohl ich unschuldig bin. Mein einziges Vergehen ist, dass ich meines Vaters Sohn bin und vor dem Großen Rat den Anspruch erhoben habe, die Nachfolge von Blathmac und Diarmuid als Hochkönig anzutreten. Zwar wurde Sechnussachs Anspruch vom Großen Rat gebilligt, dennoch grollt er mir, dass ich ihm die Nachfolge streitig machen wollte. Weil er mich hasst, ist er umso eher bereit, mich für schuldig zu halten.«

»Und du verübelst es Sechnussach nicht, dass er vor dem Großen Rat Erfolg hatte?«, fragte Schwester Fidelma unnachgiebig.

Ailill bewahrte nur mühsam Fassung. »Hältst du mich für einen ehrlosen Schuft, Schwester? Ich achte das Gesetz. Dennoch will ich dir gestehen, dass meiner Meinung nach der Große Rat die falsche Wahl getroffen hat. Sechnussach hält an dem Althergebrachten fest, während doch allgemeiner Wandel im Lande nötig wäre. Wir brauchen Reformen in unseren weltlichen Gesetzen und in unserer Kirche.«

Sie sah ihn durchdringend an. »Du würdest die Reformen durchsetzen wollen, die die römische Kirche uns aufdrängt? Das Osterdatum ändern, unser Brauchtum aufgeben und unsere Regeln der Landvergabe?«

»Ja, dafür bin ich. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht. Und es gibt viele, die mich darin unterstützen würden. Mein Vetter Carnach zum Beispiel, der Sohn Diarmuids. Er tritt sogar entschiedener als ich für die von Rom ausgehenden Bestrebungen ein.«

»Du würdest also zugeben, durchaus ein Motiv zu haben, die Inauguration Sechnussachs verhindern zu wollen?«

»Ja. Ich gebe zu, meine Regierungsvorsätze würden andere sein als die von Sechnussach. Doch als bindend gilt für mich, wenn der Große Rat einmal einen Hochkönig gewählt hat, müssen sich alle dieser Entscheidung fügen. Solange der Hochkönig die Gesetze einhält und seine Verpflichtungen erfüllt, ist er der Hochkönig. Die Wahl des Großen Rats kann niemand anfechten.«

Schwester Fidelma blickte Ailill in die braunen Augen, in denen verhaltene Wut glomm, und fragte unverblümt: »Hast du das Schwert gestohlen?«

Ailill suchte den Zorn zu bezähmen, der bei dieser Frage in ihm aufstieg. »Bei allen Heiligen, nein! Ich habe dir alles gesagt, was ich dazu weiß.«

Der Erc geheißene Krieger schlurrte mit dem Stiefelabsatz auf dem Boden und fühlte sich unbehaglich. »Ich kann dir bestimmt nicht weiterhelfen, Schwester. Ich bin ein einfacher Wachmann und kann nur eines bestätigen: Zusammen mit meinem Waffengefährten Congal fand ich in der Kapelle Ailill Flann Esa vor der Truhe, aus der das heilige Schwert gestohlen wurde. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.«

Schwester Fidelma biss sich auf die Lippen. Sie schaute sich in der Runde um, aus der die anderen Krieger der Leibgarde des Hochkönigs sie neugierig anblickten. In dem düsteren Schlafsaal, den sie eben betreten hatte, hielten sich an die hundert Krieger zwischen ihren Wachdiensten auf. Es roch unangenehm nach Schnaps und Körperschweiß.

»Das einzuschätzen überlass mir, Erc.« Sie wandte sich der Tür zu. »Komm, lass uns eine Weile an die frische Luft gehen. Ich möchte, dass du mir einige Fragen beantwortest.«

Widerstrebend legte der stämmige Krieger Schild und Speer beiseite und folgte der Klosterschwester. Seine Kameraden riefen ihnen allerlei anzügliche Bemerkungen und Zoten hinterher.

»Ich habe erfahren, dass du in der Nacht, als der Diebstahl geschah, die Kapelle bewacht hast«, erklärte ihm Schwester Fidelma, sobald sie den Gemeinschaftsraum verlassen hatten und ins kristallklare Morgenlicht schritten. »Stimmt das?«

»Congal und ich hatten in der Nacht Wache; unsere Aufgabe bestand aber nur darin, um die Gebäude zu patrouillieren, zu denen auch die Kapelle gehört. Üblicherweise sind die Türen der Kapelle des heiligen Patrick von Mitternacht bis zum Morgengrauen geschlossen. Die Kapelle enthält etliche Schätze, und deshalb hat der Abt angeordnet, die Türen sogar zu verriegeln.«

»Wann seid ihr auf Posten gezogen?«

»Genau um Mitternacht. Unsere Runde beginnt bei den Stallungen, die sind etwa hundert Schritt von der Kapelle entfernt, und geht um das große Refektorium herum. Dabei kommen wir regelmäßig am Portal der Kapelle vorbei.«

»Schildere mir, wie das war in jener Nacht!«

»Congal und ich nahmen den Wachdienst auf. Wir gingen an dem Portal vorbei. Es schien wie immer geschlossen. Beim Eingang zum Refektorium begaben wir uns auf die Postenstrecke, die um die großen Bauten herumführt und eigentlich ein Rundweg ist.«

»Wie lange dauert so eine Runde?«

»Nicht mehr als eine halbe Stunde.«

»Und wie lange ist die Kapellentür dann nicht in eurem Blickfeld?«

»Vielleicht zwanzig Minuten.«

»Weiter, bitte!«

»Bei unserer zweiten Runde, also eine halbe Stunde später, kamen wir wieder an dem Portal vorbei. Congal sah als Erster, dass die Tür auf war. Wir gingen näher heran, und ich stellte fest, sie war gewaltsam geöffnet worden. Das Holz um den Eisenriegel auf der Innenseite war zersplittert. Wir betraten das Hauptschiff und sahen Ailill vor dem Altar. Der Altar war von seiner eigentlichen Stelle über dem Stein des Schicksals weggeschoben, und die Truhe, in der das heilige Schwert aufbewahrt wird, stand offen.«

»Wie verhielt sich Ailill? War er aufgeregt, atmete er heftig?«

»Nein. Er war ziemlich ruhig, starrte nur in die leere Truhe.«

»War es nicht dunkel in der Kapelle? Wie konntet ihr alles so deutlich sehen?«

»Einige Kerzen waren angezündet, die gaben genug Licht.«

»Was geschah dann?«

»Er sah unsere Schatten und wandte sich zu uns um. Und dann stand schon der Abt hinter uns. Der bemerkte die Schändung des Heiligtums sofort und fragte: ›Wo ist das Schwert?‹«

»Hat er Ailill danach gefragt?«

»Hat er, natürlich. Und wissen wollte er, was der dazu zu sagen hätte.«

»Und was hat Ailill erwidert?«

»Er sei eben erst hereingekommen.«

»Und wie hast du dich dazu geäußert?«

»Das ist nicht wahr, habe ich sagt. Wir sind Streife gelaufen, und von den Stallungen haben wir mindestens zehn Minuten lang das Kapellenportal immer im Blick gehabt. Ailil muss also wenigstens schon zehn Minuten in der Kapelle gewesen sein.«

»Aber es war Nacht, da stelle ich mir vor, es war ziemlich dunkel draußen. Hätte Ailill im Schutze der Dunkelheit nicht kurz vor euch in die Kapelle gegangen sein können?«

»Nein, in der Umgebung des Königshauses brennen die ganze Nacht über Fackeln. Das ist ein unverrückbares Gesetz in Tara. Wo Licht ist, kann kein Verrat wohnen. Ich kann nur wiederholen, Ailill musste schon mindestens zehn Minuten in der Kapelle gewesen sein. Und das ist ganz schön lange.«

»Selbst zehn Minuten sind nicht lange genug, um die Truhe zu öffnen, das Schwert zu verbergen und völlig zur Ruhe zu kommen, bevor ihr auftauchtet.«

»Zeit genug, meine ich. Es blieb ihm ja gar nichts anderes übrig, als das Schwert zu verstecken.«

»Wo ist dein Waffengefährte Congal? Den möchte ich auch befragen.«

Erc schaute bekümmert drein und beugte hastig das Knie. »Gott sei zwischen mir und allem Übel, Schwester. Er liegt darnieder an der Gelben Pest, ist todkrank, vielleicht bin ich der nächste, den sich die Seuche schnappt.«

Fidelma schüttelte den Kopf und lächelte ihn ermutigend an. »Das muss nicht sein, Erc. Geh zum Apotheker, er soll dir einen Aufguss von den Blättern und Blüten des centaurium vulgare bereiten. Das Mittel weist die Gelbe Pest in die Schranken.«

»Was ist das?«, fragte der Krieger stirnrunzelnd, dem die lateinische Bezeichnung fremd war.

»Dréimire buí«, übersetzte sie ihm den Namen der Pflanze ins Irische. »Der Apotheker kennt das bestimmt. Dieser Sud gilt als gutes Stärkungsmittel. Wenn du davon jeden Tag trinkst, müsste dich die Seuche verschonen. Du kannst jetzt gehen, Erc, erst einmal habe ich keine weiteren Fragen.«

Sechnussach, Fürst von Midhe und Hochkönig Irlands, war ein Mann von schlanker Gestalt, etwa Mitte dreißig. Das schwarze Haar ließ seine brummigen Züge noch finsterer erscheinen. Leicht zusammengesunken, saß er in seinem Armsessel und gab ein Bild des Unmuts und Grolls ab.

»Von Abt Colmán höre ich, dass du noch nicht entdeckt hast, wo Ailill das Staatsschwert verborgen hat«, begrüßte er Schwester Fidelma unwirsch und lud sie mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen. »Darf ich dich erinnern, dass die Amtseinführung morgen Mittag stattfinden soll?«

Auf ihre Forderung hin hatte sich der Hochkönig bereit erklärt, sie in der Audienzhalle des Palasts von Tara zu empfangen. Der Raum hatte eine hochgewölbte Decke und war mit Wandbehängen ausgeschmückt. In dem großen Kamin loderten knisternd und knackend Holzscheite. Davor saß der Hochkönig in einem mit Schnitzwerk verzierten Eichensessel. Auserlesene Möbelstücke, die aus fernen Ländern als Gastgeschenke an den Hof gekommen waren, standen im Saal verteilt. Sie alle waren reich mit Gold und Silber und Halbedelsteinen verziert.

»Du gehst demnach davon aus, dass Ailill das Schwert entwendet hat«, bemerkte Schwester Fidelma ruhig. Nach einer einladenden Geste seinerseits hatte sie vor ihm Platz genommen und sich damit strikt an die Hofetikette gehalten. Hätte sie zum Abschluss ihrer langen Ausbildung sogar den Grad eines ollamh erlangt, dann hätte sie selbst in Gegenwart des Hochkönigs Platz nehmen dürfen, ohne dessen Aufforderung abzuwarten. Der oberste ollamh von Irland, der dem Gericht des Hochkönigs vorstand, durfte sogar im Großen Rat als Erster das Wort ergreifen. Nie zuvor hatte Fidelma vor einem Hochkönig gesessen, und sie überlegte fieberhaft, ob sie ihm gegenüber alle Anstandsregeln beherrschte.

»Bezweifelst du das etwa?«, brummte Sechnussach verdrießlich. »Die Tatsachen, die mir Abt Colmán mitgeteilt hat, sind doch eindeutig. Wenn Ailill das Schwert nicht gestohlen hat, wer dann sonst?«

»Bevor ich mich weiter dazu äußere, möchte ich dir einige Fragen stellen, Sechnussach von Tara.«

Er hob, ihre Frage bewilligend, eine Hand.

»Wem käme es zugute, wenn man dich daran hinderte, das Amt des Hochkönigs anzutreten?«

Sechnussach grinste gequält. »Ailill natürlich. Denn er ist vom Großen Rat als tánaiste bestätigt.«

Wenn der Große Rat einen Hochkönig wählte, wurde gleichzeitig auch ein tánaiste oder Stellvertreter bestellt, ein Erbprinz, der das Amt übernahm, sollte der Hochkönig längere Zeit erkranken. Wurde der Hochkönig gar ermordet oder verstarb er plötzlich, dann bestätigte der Große Rat den tánaiste als nächsten Hochkönig. Auf diese Weise gab es in den fünf Königreichen stets einen obersten regierenden Fürsten. Nach dem altehrwürdigen Gesetz der Brehons wurde in Irland immer dem Geeignetsten die Königswürde verliehen. Ein Erbrecht wie bei den Angelsachsen oder Franken gab es nicht, demzufolge ausnahmslos der Erstgeborene eines Königs oder Fürsten die Nachfolge antrat.

»Und sonst niemand? Andere Bewerber gibt es nicht?«

»Andere Bewerber gibt es durchaus. Cernach, zum Beispiel, der Sohn meines Oheims Diarmuid. Und Ailills leibliche Brüder Conall und Colcu. Von den Streitigkeiten zwischen den südlichen und den nördlichen Uí Néill hast du gewiss gehört. Ich gehöre zu den südlichen Uí Néill. Von den nördlichen Uí Néill würden sich viele freuen, falls ich abgesetzt werde.«

»Doch niemand hätte in dem Fall so sichere Aussichten gewählt zu werden wie Ailill?«, fragte Schwester Fidelma nachdrücklich.

»Niemand.«

Sie erhob sich, ohne weiter darauf einzugehen. »Das wäre erst einmal alles, Sechnussach«, bedeutete sie ihm.

Den Hochkönig erstaunte es ziemlich, dass sie die Befragung so rasch beendete. »Verlässt du mich etwa ohne Hoffnung, dass es dir gelingt, das heilige Schwert bis morgen aufzufinden?«

Sie spürte eine ängstliche Bitte in seinen Worten. »Hoffnung muss man immer haben, Sechnussach. Wenn ich das Rätsel nicht bis morgen Mittag gelöst habe, dann dürften uns die nachfolgenden Ereignisse an die Lösung heranführen.«

»Du meinst, es besteht wenig Aussicht, größere Zwistigkeiten zu vermeiden?«

»Ich weiß es nicht«, gestand ihm Fidelma offenherzig.

Sie verließ den Audienzraum und ging einen Korridor entlang, als eine helle Stimme sie leise beim Namen rief. In einer dunklen Türöffnung nahm sie die Gestalt eines Mädchens wahr.

»Komm doch bitte einen Moment herein, Schwester.«

Fidelma folgte der Einladung. Schwere Türbehänge wurden beiseitegeschoben, und sie trat in eine strahlend erleuchtete Kemenate.

Ein junges, dunkelhaariges Mädchen in einem aufwendig geschneiderten blauen, mit Edelsteinen besetzten Gewand hatte sie in den Raum geleitet und zog die Behänge zu.

»Ich bin Ornait, die Schwester Sechnussachs«, wurde Fidelma eröffnet.

Sie neigte das Haupt vor der Schwester des Hochkönigs. »Ich stehe dir zu Diensten, Ornait.«

»Ich habe eben hinter den Wandteppichen gelauscht«, erklärte die junge Frau und wurde rot. »Ich habe gehört, was du zu meinem Bruder gesagt hast. Du glaubst nicht, dass Ailill das heilige Schwert gestohlen hat, stimmt’s?«

Fidelma schaute dem Mädchen in die flehenden Augen und lächelte sanft.

»Und du möchtest das schon gar nicht glauben?«, fragte sie mit leichtem Nachdruck.

Ornait senkte den Blick, und ihre Wangen färbten sich noch stärker. »Ich weiß, das kann er nicht getan haben, er nicht.« Sie ergriff Fidelmas Hand. »Wenn jemand beweisen kann, dass er keine Schuld trägt an dieser Entweihung des Heiligtums, dann bist nur du es.«

»Du weißt also, dass ich Anwältin bei den höchsten Gerichten bin?« Der inständige Glaube des Mädchens an ihre Fähigkeiten war Fidelma fast peinlich.

»Ich habe von einer Glaubensschwester aus deinem Orden in Kildare gehört, welchen Ruf du genießt.«

»Und in der Nacht, als Ailill in der Kapelle verhaftet wurde, da war er auf dem Wege zu dir, nicht wahr? Mir gegenüber das nicht zuzugeben war töricht von ihm.«

Aufmüpfig hob Ornait das kleine Kinn. »Wir lieben einander!«

»Aber ihr haltet es geheim, verheimlicht es sogar deinem Bruder?«

»Das soll so bleiben bis nach der Amtseinführung meines Bruders als Hochkönig. Danach dürfte er Ailill freundlicher gesonnen sein. Gegenwärtig vergibt er ihm nicht, dass er sich vor dem Großen Rat gegen ihn gestellt hat. Wir werden es ihm sagen, nachdem alles vorüber ist.«

»Und du bist sicher, dass Ailill deinem Bruder nicht grollt? Ein derartiger Groll könnte ihn doch veranlasst haben, das heilige Schwert zu verbergen und damit Sechnussach in Verruf zu bringen.«

»Ailill mag in vielem mit meinem Bruder nicht einer Meinung sein, aber er achtet die Entscheidung des Großen Rats, die sich auf die Brehon-Gesetze stützt und die deshalb geheiligt und bindend ist«, erwiderte Ornait mit Überzeugung. »Und mit dieser Auffassung steht er nicht allein. Auch mein Vetter Cernach Mac Diarmuid glaubt, dass ihm ein größeres Recht als Sechnussach zukommt, Hochkönig zu werden. Ihm missfällt außerordentlich, dass mein Bruder die Reformen ablehnt, die von Rom empfohlen werden. Doch es dauert noch einen Monat, bis Cernach das Alter der Wahl erreicht, und erst dann könnte er dem Gesetz nach meinem Bruder das Amt des Hochkönigs streitig machen. Weil Cernach also noch zu jung ist, sich selbst um die Königswürde zu bewerben, hat er Ailills Anspruch unterstützt. Bei der Bewerbung um das Königsamt zu unterliegen ist kein Verbrechen. Und wenn der Große Rat seine Entscheidung getroffen hat, ist das bindend für alle und kann nicht mehr angefochten werden. Nein, und tausendmal nein! Ailill würde so etwas niemals tun.«

»Nun, Schwester?« Der Abt betrachtete Fidelma aus zusammengekniffenen Augen.

»Zur Zeit habe ich noch nichts zu berichten, nur eine Frage möchte ich noch stellen.«

Sie hatte Abt Colmán in seinem Studierzimmer in der Abtei aufgesucht, die sich hinter dem Palas von Tara auf dem Burggelände befand. Der Abt saß an einem Tisch und hatte eine reichgeschmückte Handschrift vor sich. Er sah, dass ihr Blick als Erstes auf das Buch fiel und lächelte wohlgefällig.

»Das ist das Evangelium des Johannes, unsere Brüder in Clonmacnoise haben es geschrieben. Ein herrliches Werk, es soll unseren Brüdern auf der heiligen Insel des Colmcille überreicht werden.«

Schwester Fidelma schaute nur kurz auf die prachtvoll gestalteten Seiten der Handschrift. Die Schreiber und Buchmaler hatten wundervolle Arbeit geleistet, doch sie mochte mit ihren Gedanken nicht dabei verweilen. So fragte sie nach kurzer Pause: »Wenn im Königreich ernsthafte Kämpfe ausbrächen und man Ailill infolgedessen zum Hochkönig machte, würde er dann von den althergebrachten Grundsätzen abweichen, die Sechnussach vertritt?«

Die Frage überraschte den Abt, er ließ den Unterkiefer sinken und schaute verunsichert drein, fasste sich aber rasch und überlegte einen Moment. »Ich denke, das könnte ich mit ja beantworten.«

»Würde Ailill in einem solchen Falle auf Äbte und Bischöfe Druck ausüben, die Kirche zu reformieren?«

Colmán kratzte sich hinterm Ohr. »Es ist kein Geheimnis, dass Ailill eine Annäherung an die Kirche Roms befürwortet, denn er hält die erforderlichen Reformen für gerechtfertigt. In den Stämmen der Uí Néill gibt es nicht wenige, die ebenso denken. Cernach Mac Diarmuid zum Beispiel. Er setzt sich unter den Laien in besonderem Maße für derartige Reformen ein. Ein Heißsporn mag er ja sein, aber er hat ziemlichen Einfluss. Er ist ein Jüngling, der dem Thron von Tara nahesteht, wird jedoch erst in einem Monat volljährig und darf dann den ihm zustehenden Platz in den Ratsversammlungen der fünf Königreiche einnehmen.«

»Sechnussach aber hält nichts von diesen Wandlungen und würde an den traditionellen Riten und der Liturgie unserer Kirche festhalten?«

»Zweifelsohne.«

»Und du, als einer von der pro-römischen Gruppierung, würdest du Ailills Vorgehen gutheißen?«

Der Abt war empört und wurde rot.

»Das würde ich. Meine Haltung habe ich nie verborgen. Doch gleichzeitig betone ich unmissverständlich, dass ich die Gesetze achte. Dem Hochkönig, der nach diesen Gesetzen gewählt wurde, halte ich die Treue. Als Anwältin bei Gericht der Brehons hast du ein besonderes Vorrecht, doch darf ich dich daran erinnern, dass ich der Abt von Tara bin und damit auch Vater und Vorgesetzter deines Ordens.«

Schwester Fidelma neigte ergeben das Haupt.

»Ich versuche lediglich, Fakten zusammenzutragen, Abt Colmán. Und ich stelle meine Fragen als eine dálaigh beim Obersten Gericht, nicht als Glaubensschwester der Abtei Kildare.«

»Gut, dann biete ich dir so einen Fakt: Ich habe Ailill Flann Esa beschuldigt. Hätte ich gebilligt, was er getan hat, um Sechnussach zu stürzen, nur weil Ailill vorhatte, die Kirche in Irland mit der von Rom in Übereinstimmung zu bringen, dann wäre ich doch nicht bereit gewesen, derart rasch auf Ailill als den Schuldigen zu zeigen. Ich hätte die Wächter leicht überreden können, dass jemand anderes die Tat vollbracht hat.«

»Das hättest du tun können«, bestätigte ihm Fidelma. »Wenn Ailill sich aber an dem Heiligtum vergangen hat, hast du davon keinen Nutzen.«

»Genauso ist es«, brummte der Abt. »Und ich bleibe dabei, Ailill ist der Schuldige.«

»So scheint es zu sein.«

Fidelma war im Begriff zu gehen, blieb stehen und blickte zurück. »Übrigens, da ist noch eine Kleinigkeit, über die ich mir Klarheit verschaffen möchte. Wie hat es sich ergeben, dass du ausgerechnet zu dem besagten Zeitpunkt in der Kapelle erschienen bist?«

Der Abt runzelte die Stirn. »Ich hatte meinen Psalter in der Sakristei vergessen«, erwiderte er gereizt, »und den wollte ich mir holen.«

»Wäre der dort nicht auch bis zum Morgen sicher verwahrt gewesen? Allein deshalb hat es dich nachts in der Kälte in die Kapelle getrieben?«

»Es war mir dringlich, eine Stelle im Text nachzuschlagen; allerdings musste ich nicht durch die kalte Nacht gehen …«

»Nicht? Wie konntest du denn sonst in die Kapelle gelangen?«

Der Abt stöhnte ungehalten. »Es gibt einen unterirdischen Gang, der von der Abtei in die Sakristei führt.«

Fidelma war wie vom Donner gerührt. Siedend heiß ging ihr auf, wie sehr sie sich zum Narren gemacht hatte. Dieser Umstand hätte ihr längst ins Auge springen müssen. »Bitte zeige mir diesen Gang.«

»Ich werde einen der Brüder rufen, der kann ihn dir zeigen. Ich bin mit den Vorbereitungen für die Amtseinführung beschäftigt.«

Abt Colmán streckte die Hand nach einer Silberglocke aus, die auf dem Tisch stand, und klingelte.

Fast unmittelbar darauf kam ein Mann mit einem Mondgesicht herein. Er trug die braune Kutte des Ordens der Abtei und hielt die Arme in den weiten Ärmeln des Habits verborgen. Sein Atem roch so stark nach Knoblauch, dass Fidelma schon von weitem der scharfe Geruch in die Nase stieg.

»Das ist Bruder Rogallach«, sagte der Abt und wies mit der Hand auf ihn. »Rogallach, ich möchte, dass du Schwester Fidelma den Gang zur Kapelle zeigst.« Er blickte wieder zu Fidelma hin und hob fragend die Augenbrauen. »Es sei denn, es liegt dir noch etwas anderes am Herzen …?«

»Nein, danke, nichts weiter«, erwiderte sie ruhig. »Gegenwärtig jedenfalls nicht.«

In einem der Gänge der Abtei blieb Bruder Rogallach stehen, nahm eine Kerze und zündete sie an. Dann zog er einen Wandbehang zur Seite, der eine Öffnung verdeckt hatte. Steinstufen führten nach unten.

»Gelangt man nur von hier in den unterirdischen Gang zur Kapelle?«, fragte Schwester Fidelma.

Bruder Rogallach nickte. »Ja, nur von hier.« Diese junge Frau verunsicherte ihn, überall in der Abtei wurde über ihren Rang getuschelt und weswegen sie hier war.

»Wer alles kennt diesen Zugang?«, hakte sie nach.

»Eigentlich jeder in der Abtei. Wir nutzen ihn bei schlechtem Wetter, um trockenen Fußes zum Gottesdienst zu gelangen.« Der Mönch öffnete den Mund zu einem treuherzigen Lächeln, wobei seine schadhaften, schwärzlichen Zähne sichtbar wurden.

»Wissen auch Leute davon, die nicht in der Abtei leben?«

»Das ist überhaupt kein Geheimnis, Schwester. Jeder, der eine Weile in Tara gewesen ist, kennt ihn.«

»Demnach hat auch Ailill gewusst, dass so ein Gang existiert?«

»Selbstverständlich.« Bruder Rogallach bekräftigte das mit einer Handbewegung.

»Dann geh voran, Bruder Rogallach«, forderte ihn Fidelma auf und war froh, dass der Mönch vor ihr ging und sie seinem widerlichen Mundgeruch nicht unmittelbar ausgesetzt war.

Der Bruder mit dem Mondgesicht stieg die Stufen hinab und lief vorneweg. Es roch muffig, doch der mit Steinplatten ausgelegte Pfad war trocken. Der durch das Gestein geschlagene Stollen wand sich mehrfach und hatte an den Seiten etliche Ausbuchtungen; in manchen standen Möbelstücke. An der ersten Nische blieb Fidelma stehen und bat Rogallach, sie mit der Kerze auszuleuchten. Das Verfahren setzte sie an jeder der folgenden Grotten fort.

»Die Nischen sind tief genug als Versteck für eine Person, erst recht, um darin ein Schwert zu verbergen«, überlegte sie laut. »Ist auch hier nach dem Schwert gesucht worden?«

Der Klosterbruder nickte eifrig und trat näher an Schwester Fidelma heran, die unwillkürlich vor seinem Atem einen Schritt zurückwich. »Natürlich, ich war mit in dem Suchtrupp. Nachdem die Kapelle abgesucht worden war, bot sich ja der Gang hier als nächstes mögliches Versteck an.«

Trotzdem ließ Fidelma den Mönch an jeder Grotte anhalten, und im Schein seiner Kerze lugte sie in jeden Winkel. Bei einer Ausbuchtung stutzte sie und griff nach einem Fetzen Stoff, der an einer vorstehenden Holzkante hängengeblieben war. Der Stoff war auffallend gefärbt und stammte gewiss nicht aus dem nüchternen braunen Habit der Klosterleute, schien eher ein Stück aus einem prächtig gewebten Umhang zu sein. Tuch dieser Art konnte nur jemand tragen, der reich und mächtig war.

Es dauerte eine Weile, bis sie den Gang abgeschritten hatten und ein paar Stufen zu einer Wandverkleidung hochgestiegen waren, hinter der sich die Sakristei befand. Von dort lief Fidelma sofort durch die Kapelle zum Portal. Irgendetwas hatte ihr schon die ganze Zeit keine Ruhe gelassen. Nun, da sie wusste, es gibt einen unterirdischen Zugang zur Kapelle, ging ihr auf, was sie stutzig gemacht hatte.

»Die Kapellentür wird immer von innen verriegelt, nicht wahr?«

»Ja«, erwiderte Rogallach.

»Wenn du also trotzdem in die Kapelle hineinwolltest, was würdest du da machen?«

Wieder lächelte Rogallach und gab einen unsichtbaren Schwaden Knoblauchgeruch von sich. »Na ganz einfach, ich würde den unterirdischen Gang benutzen.«

»Ja klar, wenn du wüsstest, dass es ihn gibt«, stimmte ihm Fidelma zu.

»Nur jemand, der fremd in Tara ist wie du, hätte davon keine Ahnung gehabt.«

»Wenn also jemand versucht, von außen in die Kapelle einzudringen, dann kann das nur jemand sein, der den verborgenen Zugang nicht kennt.«

Rogallach bestätigte das mit nachdrücklichem Kopfnicken.

Fidelma stand am Portal und betrachtete eingehend den Riegel und seine Befestigung am Türflügel. Ihr fiel auf, dass das Metallband verbogen und verbeult war. Dort war das Holz gesplittert, denn man hatte mit heftigen Schlägen die Haltebügel herausgetrieben. Ein zufriedenes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie sich klarmachte, wie der Einbrecher vorgegangen war. Sie wandte sich zu Rogallach um. »Schick doch bitte den Wachmann Erc zu mir.«

Sechnussach, der Hochkönig, starrte Schwester Fidelma argwöhnisch an. »Ich erfahre soeben, du hättest angeordnet, dass Abt Colmán, Ailill Flann Esa, meine Schwester Ornait und Cernach Mac Diarmuid hier erscheinen sollen. Was berechtigt dich dazu?«

Mit sittsam gefalteten Händen stand Fidelma vor Sechnussach. »Dieses Recht steht mir als Anwältin am Hohen Gericht zu, außerdem nehme ich mir das Recht, weil ich nun darlegen kann, wie der Diebstahl deines Amtsschwerts bewerkstelligt wurde.«

Erregt beugte sich Sechnussach in seinem Sessel vor. »Du hast herausbekommen, wo Ailill es verborgen hat?«

»Ich war geradezu blind, denn ich hätte die Lösung des Rätsels längst finden können«, antwortete Fidelma.

»Wo also liegt das Schwert?«

»Alles zu seiner Zeit«, erwiderte Schwester Fidelma kühl. »Zunächst benötige ich noch eine Antwort von dir. Ich habe Cernach vorgeladen, den Sohn deines Oheims Diarmuid, der gemeinsam mit deinem Vater als Hochkönig regiert hat.«

»Was hat denn Cernach mit der ganzen Sache zu tun?«

»Es heißt, dass Cernach ein höchst energischer Verfechter der Reformen ist, wie sie die Kirche von Rom wünscht.«

Sechnussach runzelte verunsichert die Stirn. »Er hat mir oft Vorhaltungen gemacht, dass ich meine Ansichten ändern und diejenigen Äbte und Bischöfe in Irland unterstützen müsste, die sich für die von Rom ausgehende Kirchenzucht einsetzen. Aber richtig erwachsen ist er noch nicht. Erst in einem Monat wird er volljährig, und erst dann steht ihm ein Sitz in der Ratsversammlung zu. Seine Stimme hat noch kein Gewicht, wenngleich er bereits einen gewissen Einfluss auf die jungen Angehörigen unseres Hofes hat.«

Schwester Fidelma nickte. »Das stimmt mit dem überein, was ich bereits erfahren habe, doch ich benötigte deine Bestätigung. Die Wachtposten könnten jetzt Ailill hereinführen und die anderen Vorgeladenen. Dann werde ich darlegen, was ich herausgefunden habe.«

Schweigend stand sie vor dem Hochkönig, während Ailill Flann Esa unter strenger Bewachung hereingebracht wurde. Ihm folgte Abt Colmán. Die verängstigt wirkende Ornait kam herein und blickte mit erkennbarer Besorgnis auf ihren Liebhaber. Schließlich erschien ein dunkelhaariger junger Mann, allem Anschein nach Cernach Mac Diarmuid, der sich wunderte, was er hier sollte.

In einem Halbkreis standen sie vor dem in seinem Sessel thronenden Hochkönig. Sechnussach schaute Schwester Fidelma an und neigte den Kopf zum Zeichen, dass sie beginnen durfte.

»Ich will zusammenfassen, worin wir uns alle einig sind«, nahm sie das Wort. »Das heilige Schwert der Könige von Tara aus dem Stamm der Uí Néill wurde aus der Kapelle des heiligen Patrick gestohlen. Auch hinsichtlich des wahrscheinlichen Motivs herrscht Einigkeit. Es wurde gestohlen, um zu verhindern, dass Sechnussach morgen zum Hochkönig erhoben wird … oder um seinen Ruf in den Augen des Volkes zu schädigen, dann würden Unruhen zwischen den fünf Königreichen ausbrechen, die dazu führen könnten, dass Sechnussach gestürzt wird und ein anderer den Thron besteigt.«

Sie bedachte Sechnussach mit einem flüchtigen Lächeln. »Stimmen dem alle zu?«

»Das steht doch außer Frage«, rief Abt Colmán verärgert dazwischen. »In diesen finsteren Zeiten bedarf es nur eines so unheilvollen Omens wie des Verlusts des heiligen Schwerts, und schon herrschen Chaos und Gesetzlosigkeit in den fünf Königreichen Irlands. Das habe ich aber von Anfang an gesagt.«

»Und wer hätte den Nutzen von Chaos und Gesetzlosigkeit, wenn infolgedessen Sechnussach gestürzt würde?«, fragte Fidelma, fuhr aber fort, ehe noch jemand antworten konnte. »Das scheint offensichtlich. Sechnussach ist eingeschworen, die Traditionen unserer Königreiche und unserer Kirche hochzuhalten. Rom beansprucht die Oberhoheit über alle Landeskirchen, doch gegen diesen Anspruch verwahren sich sowohl die Kirchen Irlands, Britanniens und Armoricas als auch die Kirchen im Osten. Rom will unsere Liturgie umgestalten und die Berechnungen, nach denen wir das Cáisc-Fest begehen zur Erinnerung an den Tod unseres Herrn in Jerusalem. Unter uns gibt es etliche, selbst Äbte und Bischöfe, die die Bestrebungen Roms befürworten, die unsere Riten und Bräuche aufgeben wollen zugunsten einer Vereinigung mit der römischen Kirche. Auch die wir hier versammelt sind sprechen wir nicht alle mit einer Stimme. Nicht wahr, Ailill Flann Esa?«

Ailills Miene verfinsterte sich, und er brummte: »Ich habe dir doch erklärt, dass ich aus meinen Ansichten keinen Hehl mache.«

»Somit stimmen wir alle darin überein, dass es ein inneres Motiv für den Diebstahl des Schwerts gibt. Nämlich Untergraben des Ansehens des Hochkönigs und Ersetzung desselben durch jemand, der die bislang üblichen Bräuche ablehnt und sich voll und ganz hinter die Reformen Roms stellt.«

Alle schwiegen und lauschten gespannt.

»So viel zu dem offensichtlichen Motiv«, fuhr Schwester Fidelma fort. »Doch wenden wir uns den Tatumständen des Diebstahls zu. Kurz nach Mitternacht gehen zwei Wachleute an der Tür der Kapelle vorbei und sehen, dass die Tür geschlossen ist. Als sie zwanzig Minuten später wieder an der Tür vorbeikommen, bemerken sie, die Tür steht offen, der Riegel wurde gewaltsam aufgebrochen. Sie gehen in die Kapelle hinein und erblicken Ailill, der in die leere Truhe starrt, in der das Schwert verwahrt wird. Zu ihnen gesellt sich der Abt. Er ist aus der Sakristei gekommen, in die er durch den unterirdischen Gang gelangt war, der zwischen Abtei und Kapelle besteht. Er beschuldigt Ailill, das Schwert gestohlen und versteckt zu haben. In der Kapelle wird das Schwert nicht gefunden. Wenn Ailill es gestohlen hatte, wie hat er es derart schnell und geschickt verbergen können? Selbst die zehn Minuten, die ihm die Wächter zubilligen, hätten dazu nicht ausgereicht. Das ist die Frage, die sich mir bald stellte.«

Fidelma unterbrach ihre Darlegungen und schaute Ornait, die Schwester des Hochkönigs, an.

»Wie Ailill Flann Esa es schildert, ging er zufällig an der Kapelle vorbei, sah das geöffnete Portal und bemerkte auch, dass es jemand aufgebrochen hatte. Aus purer Neugier trat er ein und erblickte die leere Truhe.«

»Das wissen wir längst. So und nicht anders hat Ailill uns die Geschichte erzählt«, rief Sechnussach dazwischen. »Hast du dem etwas Neues hinzuzufügen?«

Schwester Fidelma ließ sich durch den aufgeregten Hochkönig nicht aus der Fassung bringen. »Nur eine Ergänzung möchte ich anfügen. Ailill ging zu der Nachtstunde an der Kapelle vorbei, weil er auf dem Wege zu Ornait war.«

Ornait wurde rot. Sechnussach blieb vor Überraschung der Mund offen; aufgebracht drehte er sich zu seiner Schwester.

»Tut mir leid, Ornait, dass ich dein Geheimnis nun doch nicht hüten kann. Aber die Wahrheit muss heraus, es steht zu viel auf dem Spiel.«

Trotzig schob Ornait das Kinn vor und starrte ihren Bruder an.

»Was hast du dazu zu sagen, Ornait? Warum wollte dich Ailill mitten in der Nacht besuchen?«, verlangte der Hochkönig zu wissen.

Das Mädchen warf den Kopf zurück. »Ich liebe Ailill, und er liebt mich. Wir hatten vor, es dir zu gestehen, wollten aber damit bis nach deiner Amtseinführung warten, in der Hoffnung, du würdest uns hinfort gnädiger gesonnen sein.«

Fidelma hob die Hand, als Sechnussach zu einer wütenden Entgegnung ansetzte. »Sich darüber zu verständigen ist nachher Zeit genug. Bleiben wir jetzt bei der Sache. Nehmen wir an, Ailill spricht die Wahrheit, dann ist Folgendes in Betracht zu ziehen: Jemand muss von Ailills Verabredung mit Ornait gewusst und in der Kapelle gewartet haben. Ich selbst bin zum ersten Mal in Tara und hatte daher keine Ahnung, dass man in die Kapelle auch durch einen Geheimgang gelangt. Allerdings hätte ich mich sogleich fragen müssen, wenn die Kapellentür nachts von innen verriegelt wird, wie konnte der Diakon die Kapelle verlassen, nachdem er das Portal gesichert hatte? Ich hätte mir denken können, dass es noch einen weiteren Zugang gibt.«

»Selbstverständlich weiß das ein jeder in Tara«, bekräftigte Sechnussach.

»O ja«, entgegnete Fidelma und lächelte, »vermutlich hat man sich gedacht, ich würde irgendwann von selbst dahinter kommen.«

»Aber der wesentliche Punkt ist doch, dass die Türverriegelung gewaltsam aufgebrochen wurde«, mischte sich Abt Colmán gereizt ein.

»Richtig. Nur nicht von außen«, erwiderte Schwester Fidelma. »Wiederum muss ich gestehen, ich hatte meine Gedanken nicht recht beisammen, sonst hätte ich es sofort erkannt. Bricht man eine verriegelte Tür auf, dann wird die Eisenkrampe, hinter die der Riegel greift, aus dem Türpfosten gerissen. Bei der Kapellentür aber wurde der Riegel aus seinen Halterungen auf den Türbeschlägen getrieben, sodass das Holz splitterte.«

Einen Augenblick lang schaute sie in die Gesichter, die sie verständnislos anstarrten.

»Was da vor sich gegangen ist, war eigentlich ganz einfach. Der Täter hatte die Kapelle durch den unterirdischen Gang betreten, hatte sich den Schlüssel gegriffen, den Altartisch beiseitegeschoben und die Truhe geöffnet. Das Schwert wurde herausgenommen und in ein Versteck geschafft. Dann war der Schuldige zurückgekommen und hatte den Schauplatz nach seinen Vorstellungen hergerichtet. Er hatte sich vergewissert, dass die Wächter außer Hörweite waren, hatte die Tür geöffnet und dann einen Stein gepackt und damit auf den Riegel eingedroschen. Anstatt die Krampe aus dem Türpfosten zu schlagen, wurde der Riegel auf dem Türblatt lädiert. Diese Spur war derart deutlich, dass ich sie zunächst übersah. Ich hatte nur den verbogenen Riegel im Blick.«

Ornait lächelte unter Tränen. »Ich wusste doch, Ailill kann den Frevel nicht begangen haben. Der wirklich Schuldige hat alles so eingerichtet, dass Ailill die Tat angelastet wird. Deinen Ruf, schwierigste Rätsel lösen zu können, hast du dir zu Recht erworben, Schwester Fidelma.«

Die so Gelobte hatte dafür nur ein Schmunzeln übrig. »Es bedurfte keiner besonderen Begabung, um aus den Umständen zu schließen, dass Ailill Flann Esa das Schwert nicht so wie angenommen gestohlen haben konnte.«

Der bislang Beschuldigte fuhr Schwester Fidelma an: »Wer ist denn nun der Täter?«

Sie überhörte seine Frage. »Wem hätte die Tat nutzen können? Abt Colmán ist ein eifriger Verfechter Roms. Er hätte seine Absichten durchsetzen können, wenn Sechnussach beseitigt würde. Und Abt Colmán war zur rechten Zeit an der richtigen Stelle. Er hätte die Gelegenheit gehabt, die Tat zu vollbringen.«

»Das ist ja ungeheuerlich!«, brauste der Abt auf. »Mich ungerechterweise zu beschuldigen! Ich bin dein Vorgesetzter, Fidelma von Kildare. Ich bin der Abt von Tara und …«

Fidelma krauste die Lippen. »Du brauchst mich nicht an deine Stellung in der Kirche zu erinnern, Abt Colmán«, erwiderte sie ruhig. »Ich darf dich aber daran erinnern, dass ich hier als Anwalt des hohen Gerichts der Brehons spreche und dass du selbst mich gerade deswegen hierhergerufen hast.«

Der Abt wurde rot. Einen Moment später brachte er beherrscht heraus: »Dass ich die Absichten Roms billige, habe ich nie verheimlicht, jetzt aber zu vermuten, ich hätte mich zu so einer Handlungsweise hergegeben …«

Schwester Fidelma hob die Hand und gebot seinem Redefluss Einhalt.

»Immerhin wäre Ailill Colmáns natürlicher Verbündeter. Falls Colmán das Schwert entwendet hat, warum sollte er dann Ailill beschuldigen und damit vielleicht alle diskreditieren, die für die Sache Roms eintreten? Eigentlich hätte er doch alles ihm Mögliche tun müssen, Ailill beizustehen, damit der als tánaiste, als Thronfolger, sofort Anspruch auf den Herrschersitz geltend machen kann, sollten Unruhen ausbrechen, weil Sechnussach das heilige Schwert nicht vorweisen kann.«

»Was bringst du da vor?«, fragte Sechnussach, der Mühe hatte, Fidelmas Beweisführung zu folgen.

Sie blickte ihn mit ihren grünen Augen unverwandt an und erklärte ohne jede Hast: »In diesem Gespinst politischer Intrigen gibt es noch einen anderen Faktor, nämlich Cernach Mac Diarmuid. Sein Name wurde mir mehrfach genannt, und stets wurde betont, er sei ein glühender Anhänger Roms.«

Der junge Mann, der bislang unbeteiligt dagestanden und nur die Stirn gerunzelt hatte, schreckte auf. Eine Hand tastete an seine Seite, als suche er eine Waffe. Doch niemandem, ausgenommen die Leibwache des Hochkönigs, war es in Tara gestattet, Waffen zu tragen.

»Was willst du damit sagen?«

»Cernach wollte auf den Thron von Tara gelangen. Als Sohn eines der gemeinsam herrschenden Hochkönige meinte er, dass ihm das zustünde. Außerdem würde er am meisten davon profitieren, wenn sowohl Sechnussach als auch Ailill in Verruf kämen.«

»Verdammt …!« Wütend machte Cernach einen Schritt auf Fidelma zu. Einer der Krieger packte derb den Arm des jungen Burschen. Der suchte den Griff abzuschütteln, gab aber schließlich Ruhe.

Schwester Fidelma rief einem der Krieger zu: »Ist Erc, der Wachmann, draußen?«

Der Krieger ging zur Tür und brüllte etwas. Ein untersetzter Waffenträger kam herein. Er hielt einen in Tuch gewickelten Gegenstand in den Händen, warf Fidelma einen Blick zu und nickte.

Sie wandte sich wieder an den Hochkönig. »Sechnussach, ich habe deinen Krieger Erc beauftragt, Cernachs Kammer zu durchsuchen.«

Cernach wurde kreidebleich und riss entsetzt die Augen auf.

»Was hast du dort gefunden, Erc?«, fragte ihn Fidelma in aller Ruhe.

Der Krieger ging auf den Hochkönig zu, schlug das Tuch zurück und bot den bislang verborgenen Gegenstand mit ausgestreckten Armen dar. Es war ein Schwert mit üppigen Gold- und Silberbeschlägen. Sein Griff war überreich geschmückt mit Einlagen aus farbigen Edelsteinen.

»Der ›Caladchalog‹!«, keuchte Sechnussach. »Unser Amtsschwert!«

»Der reinste Schwindel ist das! Nichts als Schwindel!«, schrie Cernach. »Untergeschoben hat man mir das! Sie hat das dort hineinmanövriert.« Dabei wies er anklagend mit dem Finger auf Schwester Fidelma.

Die jedoch ignorierte ihn. »Wo hast du das edle Stück gefunden, Erc?«

Der stämmige Bursche fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. So vor dem Hochkönigs zu stehen, fühlte er sich unbehaglich. »Es lag in Tuch gewickelt unter dem Bett von Cernach, dem Sohn Diarmuids«, antwortete er knapp.

Aller Augen richteten sich auf den zitternden Jüngling.

»Hattest du Mühe, es zu finden?«, erkundigte sich Fidelma.

Der beklommene Krieger brachte ein Lächeln zustande. »Keineswegs. Das war geradezu ein Kinderspiel.«

»… war geradezu ein Kinderspiel«, wiederholte Fidelma mit Nachdruck.

»Wie konntest du so etwas tun, Cernach Mac Diarmuid?«, donnerte Sechnussach. »Wie konntest du so eine Schurkentat begehen?«

»Es war nicht Cernach«, vernahmen die Anwesenden Fidelmas ruhige, klare Stimme und wandten sich ihr erstaunt zu.

»Wer war es dann, wenn nicht Cernach?«, fragte nun vollends verwirrt der Hochkönig.

»Die Kunst, Schlüsse zu ziehen, ist eine Geheimwissenschaft, vergleichsweise so vertrackt wie die Mysterien unserer Altvorderen«, erklärte Fidelma und holte tief Atem. »Im vorliegenden Fall merkte ich, dass ich es wie nie zuvor mit jemandem zu tun hatte, der in ungewöhnlichen Windungen dachte und rücksichtslos auf sein Ziel zusteuerte. Und das bestand darin, den Thron des Hochkönigs zu erobern.«

Sie machte eine Pause, schaute sich im Audienzsaal um und sah dann Sechnussach voll an. »Von Anfang hatte mich eine Frage beschäftigt. Warum wurde gerade ich nach Tara gerufen, um diesen Fall zu klären? Meine bescheidenen Verdienste in der Rechtskunde sind kaum außerhalb der Mauern der Abtei Kildare bekannt. In Tara, am Sitz der Hochkönige, gibt es viele, die im Rechtswesen erfahrener sind, gibt es fähigere dálaigh bei den Gerichten der Brehons, ja selbst berühmte Brehons. Abt Colmán hat eingeräumt, dass ihm jemand von mir erzählt hat, denn zuvor war ich ihm unbekannt. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich auf unlautere Weise benutzt wurde. Aber warum? Zu welchem Zweck? Von wem? Es schien so offensichtlich, dass Ailill unschuldig war. Doch warum war es so offensichtlich?«

Ailill schreckte auf, kniff die Augen zusammen und starrte Fidelma an. Ohne auf die gespannte Stimmung im Saal zu achten, fuhr sie fort: »Abt Colmán hat mich hierher gerufen. Für ihn stand viel auf dem Spiel, wie wir bereits erörtert haben. Auch hätte er die Gelegenheit gehabt, die Tat zu vollbringen.«

»Das ist nicht wahr!«, schrie der Abt erbost.

Besänftigend blickte Schwester Fidelma den Geistlichen an, dem Zornesröte ins Gesicht stieg.

»Beruhige dich, Colmán. Ich habe bereits dargelegt, dass du es nicht warst.«

»Das Schwert wurde ja auch in Cernachs Kammer gefunden«, rief Sechnussach dazwischen. »Demnach muss er der Schuldige sein!«

»Ich wurde mehrfach darauf hingewiesen, Cernach sei ein eifriger Verfechter der römischen Reformen. Einmal wurde er mir sogar als jugendlicher Heißsporn beschrieben. Wiederholt legte man mir nahe, das Tatmotiv bestünde darin, Sechnussach, den Bewahrer des Hergebrachten, durch jemanden zu ersetzen, der für die Reformen stand. Der wahre Schuldige hat das Schwert so in Cernachs Kammer versteckt, dass es leicht zu finden war. Man gab sich alle erdenkliche Mühe, meinen Verdacht auf Cernach zu lenken. Aber weshalb auf Cernach? Er war ja nicht einmal volljährig, was hätte er dabei gewinnen können?«

Es herrschte Totenstille, während alle auf ihre Beweisführung warteten.

»Abt Colmán berichtete mir, Cernach sei ein Befürworter der römischen Bestrebungen. Das tat auch Ailill, und das tat auch Ornait. Sie sprach sogar davon, dass Cernach Ansprüche auf den Thron erhob, obwohl er sie wegen seines Alters noch nicht geltend machen konnte. Ornait erzählte mir außerdem, dass er in Monatsfrist das Alter der Wahl erreichen würde.«

Unvermutet drehte sich Fidelma zur Schwester des Hochkönigs um. »Ornait war zudem die Einzige, die von meinem Ruf bei der Aufklärung geheimnisvoller Umstände wusste. Sie sprach mit dem Abt und veranlasste ihn, nach mir zu schicken. War dem nicht so?«

Kurz wandte sie sich nach Abt Colmán um, der völlig überrumpelt nickte.

Ornait war blass geworden. »Willst du etwa behaupten, ich hätte das Schwert gestohlen?«, flüsterte sie eiskalt.

»Das ist ja lachhaft«, brach es aus Sechnussach heraus. »Ornait ist schließlich meine Schwester.«

»Dessenungeachtet sind Ailill und Ornait die Schuldigen«, erwiderte Fidelma mit fester Stimme.

»Aber du hast doch eben erst gesagt, Ailill kann das Verbrechen nicht begangen haben«, stammelte Sechnussach, der nichts begriff.

»Nein. Ich habe lediglich dargelegt, dass die Beweise derart beschaffen waren, dass ich glauben musste, Ailill sei unschuldig, weil er unmöglich so vorgegangen sein konnte, wie es alle vermuteten. Doch wenn Dinge derart offen zutage liegen, sollte man Vorsicht walten lassen.«

»Und wieso soll sich Ornait an dem Diebstahl beteiligt haben?«, verlangte der Hochkönig zu wissen.

»Ornait hat den Plan ersonnen. Die ganze abgefeimte Sache hat sie sich ausgedacht. Ailill und sie selbst haben die Tat begangen, und niemand sonst.«

»Das musst du uns erklären!«

»Ailill und Ornait sind in jener Nacht wie üblich durch den unterirdischen Gang in die Kapelle gelangt und haben sich sofort ans Werk gemacht. Ornait nahm das Schwert an sich, während Ailill den Riegel aufbrach und so den falschen Verdacht in Szene setzte. Sie bauten darauf, dass die beiden Wachtposten den Einbruch bemerken würden, und Ailill erwartete sie wie geplant. Doch wie stets bei einem sorgsam ausgetüftelten Plan kommt etwas Unerwartetes dazwischen. Ornait war auf dem Rückweg durch den Gang, da nahte sich der Abt. Er hatte seinen Psalter in der Sakristei gelassen und brauchte ihn dringend. Sie drückte sich in eine der Nischen und wartete, bis er vorbei war. Beim Verlassen der Nische blieb sie mit ihrem Gewand an einem Vorsprung hängen.«

Fidelma hielt einen Fetzen aus farbigem Tuch hoch.

»Der Rest der Geschichte ging dann wie gewollt vor sich. Ailill wurde eingesperrt. Danach wurde der zweite Teil des Vorhabens in Angriff genommen. Ornait hatte von einer Schwester aus meinem Ordenshaus in Kildare erfahren, dass ich die Gabe besitze, seltsame Rätsel zu lösen. Bei aller Bescheidenheit muss ich leider sagen, Ornait hatte ihren Plan völlig auf meine Person abgestellt. Als das Schwert nicht aufzufinden war, gelang es ihr, Abt Colmán zu überreden, nach mir zu schicken, damit ich das rätselhafte Verschwinden des Schwerts aufkläre. Colmán hatte von mir nie zuvor gehört und erfuhr von meiner Existenz erst, als ihm Ornait meinen Namen einflüsterte. Das hat er gerade erst bestätigt.«

Der Abt nickte nochmals heftig, während er sich mühte, ihrem Gedankengang zu folgen.

»Als ich hier eintraf, ließen mich die ersonnenen Beweise zunächst glauben, Ailill sei unschuldig. So war es ja auch bezweckt. Dazu wurde mein Verdacht auf Cernach Mac Diarmuid gelenkt, der als Sündenbock auserkoren war. In seiner Kammer fand sich, nur notdürftig versteckt, das heilige Schwert. Das schien mir alles zu durchsichtig und erweckte meinen Argwohn. Sowohl Ailill als auch Ornait führten immer wieder Cernachs Namen im Munde. Dann entdeckte ich den Tuchfetzen im Durchgang und wurde stutzig.«

»Aber wenn es nur darum ging, mich in Verruf zu bringen, weil ich das Schwert nicht vorweisen konnte, warum dann ein so ausgeklügeltes Komplott? Man hätte doch nur das Schwert stehlen und es irgendwo verstecken können, wo es nicht so leicht zu finden war«, bemerkte Sechnussach.

»Das hat auch mir die meisten Kopfschmerzen bereitet. Erst allmählich begriff ich, Ornait und Ailill wollten ganz sichergehen, dass du nicht gekrönt wirst. Der Verlust des Schwertes würde die Menschen beunruhigen, und es würde Streit ausbrechen zwischen den Stämmen. Aber allgemeine Gesetzlosigkeit war nicht ihr Ziel, sie wollten lediglich deinen sofortigen Sturz. Sie wollten sichergehen, dass der Große Rat seinen Beschluss widerrufen und Ailill noch während der Krönungsfeierlichkeiten sofort als neuen Hochkönig einsetzen würde.«

»Wie hätte ihnen das gelingen können?«, fragte Abt Colmán. »Der Große Rat hatte doch längst seine Entscheidung getroffen.«

»Eine Entscheidung, die vor der Amtseinsetzung jederzeit widerrufen werden kann. Wenn man Bedenken schürte hinsichtlich Sechnussachs Fähigkeit, dem Volk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ließe sich der Große Rat dazu bewegen, einen anderen zu wählen. Dazu brauchte man dem Großen Rat nur deutlich zu machen, dass Sechnussach jemand grundlos eines Verbrechens bezichtigte, der sein Mitbewerber um das Königsamt war. Man hätte außerdem geltend machen können, dass Sechnussach aus persönlicher Feindschaft handelte, weil er Ornaits Liebesverhältnis zu Ailill missbilligte. Ich sollte Teil dieses Plans sein, Ornaits Bruder zu verstoßen und statt seiner Ailill auf den Thron zu bringen. Aus keinem anderen Grund wurde ich nach Tara gerufen, als Ailills Unschuld und Cernachs Schuld zu beweisen. Zweifel an Sechnussachs Gerechtigkeitssinn wären ein Makel gewesen, der ihn ungeeignet erscheinen lassen würde, Hochkönig zu werden. Wie heißt es im Gesetz über die Königswahl? Sieben Bedingungen muss ein rechtmäßiger König erfüllen. Sein Urteilsvermögen muss fest gegründet und gerecht und über jeden Zweifel erhaben sein. Sobald sich erwies, dass Sechnussachs Anordnung, Ailill einzukerkern, zu Unrecht bestand, würde man Ailill, der ohnehin der tánaiste war, zum Hochkönig ausrufen und mit ihm Ornait als seine Königin.«

Sechnussach blickte finster auf seine Schwester, aus deren bitterbösen Zügen er die Wahrheit ablesen konnte. Hätten Fidelmas Darlegungen noch eines Beweises bedurft, so stand er in dem vom Hass verzerrten Gesicht des Mädchens und in der Miene Ailills, mit der er seine Niederlage eingestand.

»Und all das wurde unternommen, um sich des Throns zu bemächtigen? Aus keinem anderen Motiv als dem des Gelüsts nach Macht?«, fragte der Hochkönig ungläubig. »Sie haben das nicht getan, um die Kirche nach den Vorstellungen Roms umzugestalten?«

»Es ging ihnen nicht um Rom, es ging ihnen nur um die Macht«, pflichtete Fidelma ihm bei. »Um zu Macht zu gelangen, sind die meisten Menschen zu allem bereit.«


MORD IM TIEFSCHLAF

<p>MORD IM TIEFSCHLAF</p>

»Keine Frage, Bruder Fergal hat dieses Verbrechen begangen«, sagte der Brehon im Brustton der Überzeugung. »Er hat eindeutig das Mädchen ermordet.«

Der oberste Richter der Eóghanacht von Cashel war ein untersetzter Mann. In seinem runden, finsteren Gesicht verrieten klare, scharfe Augen einen hellen Kopf. Hinter dem bedächtigen, beinahe pingeligen Benehmen verbarg sich ein wacher, präziser Verstand. Er war ein Mann, der, wie es sein Beruf verlangte, das Geschehene sorgfältig betrachtete und Tatsachen gegeneinander abwägte, ehe er eine Entscheidung traf. Und er ließ sich von niemandem zum Narren halten.

Mit funkelnden grünen Augen stand Schwester Fidelma vor dem Brehon und hatte die Hände demütig gefaltet. Ihr Ordensgewand und die Haube, unter der vorwitzige rote Haarsträhnen hervorlugten, konnten ihre Jugend und Schönheit kaum verbergen. Der Brehon schätzte sie auf etwa Mitte zwanzig. An ihrer Haltung fiel ihm eine unterdrückte Erregung auf.

»Die Äbtissin hat mir versichert, dass Bruder Fergal genauso wenig fähig ist, einen Menschen zu töten, wie ein Kaninchen fliegen kann.«

Der Brehon der Eóghanacht von Cashel seufzte. Er gab sich gar nicht erst Mühe, seine Verärgerung über den Widerspruch der jungen Frau zu verhehlen.

»Trotzdem, Schwester, sind die Beweise offenkundig. Man hat Fergal in seiner Hütte gefunden, die er sich an den Hängen des Cnoc-gorm gebaut hat. Er schlief. Neben ihm lag der Leichnam von Barrdub. Man hatte das Mädchen erstochen. An Fergals Händen und auf seiner Kleidung klebte Blut. Als man ihn weckte, behauptete er, nichts von alldem zu wissen. Das ist eine sehr schwache Verteidigung.«

Schwester Fidelma neigte den Kopf, als wollte sie die Logik in der Aussage des Brehon anerkennen.

»Wie kam es dazu, dass man Barrdubs Leichnam fand?«

»Ihr Bruder Congal war in großer Sorge. Das Mädchen hatte sich in Bruder Fergal verliebt. Er ist ja auch ein hübscher junger Mann, das muss man zugeben. In jener Nacht verließ, laut Congals Aussage, seine Schwester das Haus und kehrte nicht wieder zurück. Am frühen Morgen kam Congal zu mir und bat mich, ihn zu Fergals Hütte zu begleiten, um die beiden zur Rede zu stellen. Barrdub hat das Alter der Wahl noch nicht erreicht, verstehst du, und Congal ist ihr gesetzlicher Vormund, weil sie keine anderen Verwandten mehr haben. Wir beide fanden Fergal und die Leiche des Mädchens, wie ich es beschrieben habe.«

Schwester Fidelma presste die Lippen aufeinander. Diese Beweise waren wahrhaftig belastend.

»Die Verhandlung findet morgen Mittag statt«, fuhr der Brehon fort. »Bruder Fergal muss sich vor dem Gesetz verantworten, denn über die Rechtsprechung der Brehons ist niemand erhaben, weder Priester noch Druiden.«

Schwester Fidelma lächelte schwach.

»Dank dem heiligen Patrick sind nun schon zwei Jahrhunderte verronnen, seit die Druiden die Lehren des Heilands dieser Welt angenommen haben.«

Der Brehon erwiderte ihr Lächeln.

»Und doch sagt man, dass viele, die in den Bergen oder in abgelegenen Burgen leben, noch dem alten Glauben anhängen. Dass es unzählige Menschen gibt, die sich durch die Lehre Christi nicht von der Verehrung des Dagda und der alten Götter Irlands haben abbringen lassen. Auch in unserer Gegend haben wir so einen. Erca, der Einsiedler, haust am Cnoc-gorm und schwört auf die alten Riten.«

Schwester Fidelma zuckte gleichgültig mit den Achseln.

»Ich bin nicht zum Missionieren hergekommen.«

Der Brehon musterte sie eingehend.

»Was ist dann in dieser Angelegenheit deine Rolle, Schwester? Vertrittst du die Abtei, die, wenn ich es recht verstehe, nun Bruder Fergals Familie ist? Vergiss nicht, das Gesetz fordert, dass die Familie für das Sühnegeld einstehen muss, nachdem das Gericht sein Urteil gefällt hat.«

»Ich kenne das Gesetz, Brehon der Eóghanacht«, erwiderte Schwester Fidelma. »Die Äbtissin hat mich in meiner Eigenschaft als dálaigh hierhergeschickt. Ich soll als Anwältin Bruder Fergal vor Gericht vertreten.«

Der Brehon zog leicht überrascht eine Augenbraue hoch. Als die junge Frau zu ihm gekommen war, hatte er sie einfach für ein Mitglied von Bruder Fergals Gemeinschaft gehalten. Er glaubte, man hätte sie geschickt, weil man herausfinden wollte, warum man ihn verhaftet und des Mordes angeklagt hatte.

»Das Gesetz verlangt von allen Anwälten die entsprechende Qualifikation, damit sie eine Sache vor dem Dál vertreten können.«

Schwester Fidelma richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Inzwischen war sie leicht verärgert über den herablassenden Ton und die arroganten Unterstellungen des Mannes.

»Ich besitze die notwendigen Abschlüsse. Ich habe bei dem großen Brehon Morann von Tara Jurisprudenz studiert.«

Wieder einmal konnte der Brehon seine Verwunderung kaum verbergen. Dass dieses junge Ding, das da vor ihm stand, ein Studium der Rechte von Éireann absolviert haben sollte, war in seinen Augen höchst erstaunlich. Gerade wollte er den Mund aufmachen, als die junge Frau seiner Frage zuvorkam, indem sie in die Falten ihres Gewandes griff und ihm ein beschriebenes Pergament überreichte. Der Brehon überflog es mit staunend aufgerissenen Augen, zögerte noch ein wenig und gab es ihr zurück. Nun war sein Blick respektvoll, seine Stimme gar ein wenig ehrfürchtig.

»Da steht, dass du eine anerkannte anruth bist.«

Ehe man den Rang einer anruth erreichen konnte, musste man zwischen sieben und neun Jahren an einer Kloster- oder Bardenschule studiert haben. Als anruth war man nur eine Stufe unter dem höchsten Rang, dem eines ollamh oder Professors, der den gleichen Stand wie ein König besaß. Als anruth musste man umfassendes Wissen über Lyrik, Literatur, Recht und Medizin besitzen, mit großer Autorität über alle Dinge reden und schreiben und wortgewandt debattieren können.

»Ich war acht Jahre bei Brehon Morann«, entgegnete Fidelma.

»Dein Recht, vor Gericht als Anwältin aufzutreten, wird hier anerkannt, Schwester Fidelma.«

Die junge Nonne lächelte.

»In diesem Fall möchte ich mich auf mein Recht berufen, mit dem Angeklagten und dann mit den Zeugen zu sprechen.«

»Nun gut. Aber es kann vor Gericht nur einen Spruch geben. Die Beweise sind zu belastend, als dass man behaupten könnte, irgendjemand außer Bruder Fergal könnte Barrdubs Mörder sein.«

Wie der Brehon gesagt hatte, war Bruder Fergal ein gutaussehender junger Mann von kaum mehr als fünf- oder sechsundzwanzig Jahren. Auf seinem blassen Gesicht spiegelte sich Verwirrung wider. Die braunen Augen waren weit aufgerissen, das rötliche Haar zerzaust. Er sah aus wie jemand, den man aus dem Schlaf aufgeschreckt hat und der sich nun in einer Welt wiederfand, die er nicht mehr erkannte. Er erhob sich unbeholfen, als Schwester Fidelma eintrat, und hüstelte nervös.

Der stämmige Gefängniswärter schloss die Tür hinter ihr, blieb aber draußen stehen.

»Gottes Gnade mit dir, Bruder Fergal«, grüßte sie ihn.

»Und Gottes und Mariens Gnade mit dir, Schwester«, antwortete der junge Mönch wie automatisch. Seine Stimme klang ein wenig atemlos und keuchend.

»Ich bin Fidelma, und man hat mich von der Abtei geschickt, damit ich dich verteidige.«

Ein bitterer Zug zeigte sich auf dem Gesicht des jungen Mannes.

»Was soll das schon Gutes bringen? Der Brehon hat sich sein Urteil bereits gebildet und hält mich für schuldig.«

»Und bist du es?«

Fidelma setzte sich auf einen Schemel, der außer einem groben Strohsack das einzige Möbelstück in der Zelle war. Sie schaute zu dem jungen Mönch auf.

»Bei der heiligen Muttergottes, ich bin unschuldig!« Der Ausruf war wütend und verzweifelt zugleich. Der junge Mann unterstrich seine Antwort mit einem Hustenanfall.

»Besser, du setzt dich, Bruder«, sagte Fidelma fürsorglich. »Bei der Kälte hier ist es kein Wunder, dass du hustest.«

Der junge Mönch zuckte gleichgültig die Achseln.

»Ich leide nun schon einige Jahre an Asthma, Schwester. Ich lindere die Krankheit, indem ich den Rauch von brennenden Blättern des stramóiniam inhaliere oder Kräutertee trinke, ehe ich mich zur Ruhe begebe. Aber leider wird mir dieser Luxus hier versagt.«

»Ich werde mit dem Brehon darüber sprechen«, versicherte ihm Schwester Fidelma. »Er ist kein uneinsichtiger Mann. Vielleicht können wir einige Blätter und Fruchtkapseln des stramóiniam finden und dir schicken lassen.«

»Ich wäre sehr dankbar dafür.«

Schwester Fidelma erinnerte den jungen Mann nun daran, dass sie noch immer auf seine Version der Geschichte wartete.

Zögernd hockte er sich auf seinen Strohsack und hustete wieder.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Die Äbtissin hat mich vor vier Wochen zu den Eóghanacht von Cashel geschickt, damit ich dort predige und mich um sie kümmere. Ich habe mir eine verlassene Zelle am Hang des blauen Berges, des Cnoc-gorm, wieder aufgebaut. Eine Weile lang ging alles gut. Ich habe in diesem Teil von Éireann zweihundert Jahre nach der Bekehrung unseres Volkes durch den heiligen Patrick tatsächlich noch Menschen vorgefunden, deren Herzen und Seelen nicht für die Sache Christi gewonnen werden konnten. Das hat mich mit großer Traurigkeit erfüllt …«

»Ich habe mir sagen lassen, dass es hier jemanden gibt, der noch dem alten Druidenglauben anhängt«, ergänzte Fidelma ermunternd, als der junge Mann zögerte und in Gedanken versunken schien.

»Der Einsiedler Erca? Ja, er lebt auch am Cnoc-gorm. Er hasst alle Christen.«

»Wirklich?«, fragte Fidelma nachdenklich. »Aber sag mir, was kannst du mir von den Ereignissen der Mordnacht berichten?«

Bruder Fergal verzog das Gesicht.

»Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich in der Abenddämmerung in meine Klause zurückkehrte. Ich war erschöpft, denn ich war an diesem Tag sechzehn Meilen gelaufen, hatte den Hirten in den Bergen das Wort Christi gebracht. Ich hatte Schmerzen in der Brust, also machte ich mir meinen Kräutertee warm und trank ihn. Er hat mir gutgetan, denn ich schlief tief und fest. Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, war der Brehon, der über mir stand, und Congal war bei ihm. Congal schrie, ich hätte seine Schwester ermordet. Dann sah ich neben mir den blutverschmierten Leichnam Barrdubs.«

Er begann wieder zu husten. Fidelma betrachtete aufmerksam sein Gesicht. Es lag kein Arg darin.

»Das ist alles?«, drängte sie ihn, als er wieder Atem geschöpft hatte.

»Du hast mich gefragt, was ich von den Ereignissen der Mordnacht berichten kann. Das ist alles.«

Fidelma biss sich auf die Lippe. Die Geschichte klang nicht sonderlich plausibel.

»Du bist nicht gestört worden? Du hast nichts gehört? Du bist eingeschlafen und hast nichts mitbekommen, bis der Brehon und Congal dich weckten und du das Blut an deinen Kleidern und den Leichnam des toten Mädchens in deiner Hütte sahst?«

Der junge Mann stöhnte leise und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Sonst weiß ich nichts«, beharrte er. »Es klingt absurd, aber es ist die Wahrheit.«

»Gibst du zu, dass du Barrdub kanntest?«

»Natürlich. In der Zeit, die ich hier verbracht habe, lernte ich alle Mitglieder des Clans der Eóghanacht kennen.«

»Und was ist mit Barrdub? Wie gut kanntest du sie?«

»Sie kam regelmäßig zum Gottesdienst, und ein- oder zweimal kam sie und half mir, als ich meine Hütte wieder aufbaute. Aber das haben auch viele andere aus dem Dorf gemacht.«

»Du hattest keine besondere Beziehung zu Barrdub?«

In der keltischen Kirche konnten Priester, Mönche und Nonnen heiraten, vorausgesetzt, dass die Ehe von einem Bischof oder der Gemeinde ihrer Abtei gesegnet wurde.

»Ich hatte keine Beziehung zu Barrdub, außer dass ich der Hirte dieser Herde war. Außerdem hat das Mädchen das Alter der Wahl noch nicht erreicht.«

»Du weißt, dass Congal behauptet, Barrdub sei in dich verliebt gewesen und du hättest sie ermutigt? Die Anklage wird argumentieren, sie sei in jener Nacht zu dir gekommen, du hättest sie aus irgendeinem Grund zurückgewiesen, und als sie dann nicht gehen wollte, hättest du sie umgebracht. Man wird vorbringen, ihre Liebe sei dir peinlich gewesen.«

Der junge Mönch war empört.

»Aber das habe ich nicht getan! Ich kannte das Mädchen nur flüchtig, und zwischen uns ist nichts vorgefallen. Nun …, nun, das Mädchen ist außerdem verlobt, soviel ich weiß, mit jemandem aus dem Dorf. Sein Name fällt mir im Augenblick nicht ein. Ich versichere dir, dass zwischen dem Mädchen und mir nichts war.«

Fidelma nickte bedächtig und stand auf.

»Fein, Bruder Fergal. Wenn du mir sonst nichts zu sagen hast …?«

Der junge Mann schaute mit großen, flehenden Augen zu ihr auf.

»Was wird nun aus mir werden?«

»Ich übernehme deine Verteidigung«, erklärte sie ihm. »Aber bisher habe ich nicht viel, was ich vorbringen kann.«

»Dann wird man mich für schuldig befinden?«

»Du kennst die Gesetze des Landes. Wenn man dich des Mordes für schuldig befindet, musst du ihrem nächsten Verwandten den Brautpreis für das Mädchen zahlen. Barrdub war wohl, wie ich gehört habe, eine Freie, die Tochter eines Mitglieds der Clan-Versammlung. Die Strafe ist auf fünfundvierzig Milchkühe plus vier Milchkühe als Gebühr an den Brehon festgelegt.«

»Aber ich besitze keine Reichtümer. Ich habe alles aufgegeben, als ich mich entschloss, in den Dienst des Herren einzutreten, und mein Armutsgelübde ablegte.«

»Du weißt sicherlich auch, dass deine Familie für die Strafe zuständig ist.«

»Aber meine einzige Familie ist die Abtei, unser Orden von Brüdern und Schwestern in Christus.«

Fidelma blickte ihn an.

»Sicherlich. Die Äbtissin muss entscheiden, ob unser Orden deine Strafe bezahlt. Bei der wichtigeren Anhörung, bei der es um deine unsterbliche Seele geht, wird sie dem Gericht vorsitzen. Solltest du des Mordes an Barrdub schuldig gesprochen werden, dann musst du nicht nur vor dem Zivilgericht deine Wiedergutmachung leisten, sondern auch vor Gott büßen.«

»Was ist, wenn die Äbtissin sich weigert, die Strafe zu zahlen?«, fragte Fergal, und sein Atem ging schwer.

»Es wäre sehr ungewöhnlich, das zu verweigern«, versicherte ihm Fidelma. »Unter außergewöhnlichen Umständen könnte sie das tun. Die Äbtissin hat das Recht, dich zu verstoßen, wenn deine Tat so frevelhaft war. Du kannst aus der Klostergemeinschaft ausgeschlossen werden. In diesem Fall kann dich der Brehon der Familie des Opfers übergeben. Die darf dann mit dir verfahren, wie sie will – dich als Sklaven halten oder auf irgendeine ihr angemessen scheinende Art bestrafen. So bestimmt es das Gesetz. Aber so weit wird es nicht kommen. Die Äbtissin will nicht glauben, dass du dieses Mädchen getötet hast.«

»Bei Gott, ich bin unschuldig«, schluchzte der junge Mann.

Fidelma ging mit dem Brehon zu der geschützten Nische an der Flanke des Cnoc-gorm, wo Fergal sich die alte Hütte wieder aufgebaut hatte. Die Klause war ohne Mörtel aus Feldsteinen zusammengefügt.

»Hier hast du Bruder Fergal und das tote Mädchen gefunden?«, fragte Fidelma, als sie vor der Tür stehen blieben.

»Ja«, antwortete der Brehon. »Allerdings wurde der Leichnam des Mädchens inzwischen fortgebracht. Ich verstehe nicht, wozu es gut sein soll, dass du dir die Hütte ansiehst.«

Fidelma lächelte einfach nur, duckte sich unter dem Türsturz und trat ein.

Der Innenraum war klein und dunkel; er ähnelte der Zelle, in der sie gerade mit Fergal gesprochen hatte, außer dass es hier trocken und in der Gefängniszelle feucht war. Fidelma sah ein Holzbett, einen Tisch mit Stuhl, ein Kruzifix und einige andere Gegenstände. Sie schnupperte und bemerkte einen bittersüßen Geruch, der von der kleinen Feuerstelle ausging. Es roch nach verbrannten Blättern des Krautes stramóiniam.

Der Brehon war hinter ihr eingetreten.

»Wurde außer dem Leichnam des Mädchens und Bruder Fergal noch etwas von hier entfernt?«, fragte Fidelma, während ihr Auge auf ein Holzschälchen fiel, das auf dem Tisch stand.

»Wie du siehst, wurde nichts angerührt. Bruder Fergal lag im Bett da drüben, das Mädchen beim Kamin. Wir haben nur die Leiche und Bruder Fergal mitgenommen. Sonst nichts, da uns nichts wichtig erschien.«

»Keine anderen Gegenstände?«

»Keine.«

Fidelma trat zum Tisch, nahm das Schälchen hoch und roch daran. Es war noch ein wenig Flüssigkeit darin, und sie tauchte den Finger hinein, hielt ihn sich unter die Nase und führte ihn an die Lippen. Sie verzog das Gesicht.

»Wie erklärst du dir als Brehon die Tatsache, dass Bruder Fergal, wenn er schuldig ist, Barrdub ermordet haben muss, dann ins Bett gegangen ist, ihre Leiche hier liegen ließ und friedlich bis zum nächsten Morgen schlief? Jemand, der einen Mord begangen hat, würde doch sicherlich erst alles Mögliche unternehmen, um die Leiche zu verbergen und alle Spuren des Verbrechens zu beseitigen, falls jemand käme und es entdeckte?«

Der rundgesichtige Brehon nickte und lächelte.

»Darauf bin ich auch schon gekommen, Schwester Fidelma. Aber ich bin ein einfacher Richter. Ich habe mich mit dem zu beschäftigen, was augenfällig ist, mich um die Indizien zu kümmern. In meiner Ausbildung hat man mir nicht beigebracht, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, warum ein Mann sich so verhält, wie er es tut. Ich interessiere mich nur dafür, ob er sich so verhalten hat.«

Fidelma seufzte, stellte das Schälchen wieder ab und blickte sich noch einmal um, ehe sie die Klause verließ.

Draußen bemerkte sie einen dunklen Fleck an einem der vertikalen Steinpfeiler, die die Tür einrahmten. Er war ein wenig über Schulterhöhe.

»Barrdubs Blut, nehme ich an?«

»Das ist vielleicht dorthin gelangt, als meine Leute die Leiche heraustrugen«, stellte der Brehon gleichgültig fest.

Fidelma betrachtete den Fleck eine Weile, ehe sie sich umwandte, um sich auch die Umgebung der Hütte genauer anzuschauen. Zu beiden Seiten wurde des Gebäude von Baumreihen geschützt, die sich im Wind bogen, der über die Bergflanke peitschte. Ringsum wuchs dichtes Farngestrüpp. Der Hauptpfad von der Hütte zum Dorf hinunter war schmal und ausgetreten. Ein weiterer, noch schmalerer Pfad ging hinter dem Gebäude weiter den Berg hinauf, während ein dritter sich nach rechts an der Bergflanke entlangschlängelte. Alle wurden sichtlich häufiger, als nur gelegentlich benutzt.

»Wo führen sie hin?«

Der Brehon war ein wenig überrascht über diese Frage.

»Auf dem Pfad den Berg hinauf kommt man zur Hütte des Einsiedlers Erca. Der am Hang entlang ist einer von den vielen Wegen, die einen überall hinführen können. Man gelangt so auch ins Dorf.«

»Ich möchte Erca gern sehen«, sagte Fidelma.

Der Brehon wollte etwas erwidern, zuckte dann aber nur mit den Achseln.

Erca war genau so, wie Fidelma ihn sich vorgestellt hatte: ein dünner, schmutziger Mann, der in ein fadenscheiniges Gewand gekleidet war. Sein Haar war zerzaust und verfilzt, und er hatte Glubschaugen. Kaum näherten sie sich seinem rauchenden Feuer, ließ er Beleidigungen auf sie herabregnen.

»Verdammte Christen!«, keifte er. »Geht mir aus den Augen mit eurem ausländischen Gott! Was fällt euch ein, diesen Boden zu entheiligen, der Dagda, dem Vater aller Götter, geweiht ist?«

Der Brehon verzog wütend das Gesicht, aber Fidelma lächelte und ging unverdrossen weiter auf den Einsiedler zu.

»Friede mit dir, Bruder.«

»Ich bin nicht dein Bruder!«, knurrte der Mann.

»Erca, wir sind alle Brüder und Schwestern unter dem einen Gott, der über uns allen ist, bei welchem Namen wir ihn auch immer anrufen. Ich will dir nichts Böses.«

»Nichts Böses, ja? Ach, würden sich doch alle Götter der Dé Danaan aus dem sidhe erheben und alle Anhänger des fremden Gottes aus unserem Land vertreiben, wie sie es seinerzeit in den Zeiten der großen Nebel mit den bösen Formorii gemacht haben.«

»Du hasst also die Christen?«

»Ich hasse die Christen.«

»Du hasst Bruder Fergal?«

»Dieses Land kann meinem Hass auf alle Christen keine Grenzen setzen.«

»Du würdest Bruder Fergal Böses antun, wenn du könntest?«

Der Mann schnipste seine Finger in ihre Richtung.

»So viel halte ich von Bruder Fergal und seinesgleichen!«

Fidelma schien ungerührt. Sie deutete mit dem Kopf auf den Kochtopf, der über dem rauchenden Feuer stand.

»Du kochst Kräuter. Du weißt sicher alles über die Kräuter, die hier wachsen.«

Erca grinste verächtlich.

»Ich bin auf die althergebrachte Art erzogen worden. Als euer wahnsinniger Patrick unsere Priester vom Hill of Slane vertrieb und unsere Leute zwang, sich seinem Christus zuzuwenden, konnte er unser Wissen nicht zerstören.«

»Ich sehe dort drüben einen Haufen hellbrauner Wurzeln. Von welchem Kraut stammen die?«

Erca schaute sie eine Weile verwundert an.

»Das ist lus mór na coille.«

»Ah, Tollkirsche«, sagte Fidelma. »Und diese Blätter mit den hellen Spitzen gleich daneben?«

»Das sind die Blätter des muing, des Blutschierlings.«

»Und die wachsen beide hier am Berg?«

Erca bestätigte ihr das mit einer ungeduldigen Bewegung.

»Dann sei der Friede mit dir, Bruder Erca«, beendete Schwester Fidelma das Gespräch unvermittelt. Sie machte auf dem Absatz kehrt und eilte den Berg hinunter. Erca blieb verdutzt zurück. Der erstaunte Brehon trottete hinter ihr her.

»Kein Friede mit dir, verdammte Christin!«, erschallte Ercas Ruf hinter ihnen, sobald sich der Einsiedler von seiner Verwunderung erholt hatte. »Kein Friede, ehe nicht alle Anhänger dieses fremden Gottes aus Éireann vertrieben sind!«

Fidelma schwieg, während sie den Hang hinunter zurück zu Fergals Hütte gingen. Dort schlüpfte sie rasch in die Klause und kam wenig später mit dem Holzschälchen zurück.

»Das werde ich vor Gericht benötigen. Würdest du es für mich aufbewahren?«

»Was hast du vor, Schwester?«, fragte der Brehon mit gerunzelter Stirn, als er das Schälchen entgegennahm und sie zum Dorf weitergingen. »Einen Augenblick lang glaubte ich, du wärest zu dem Schluss gelangt, dass Erca irgendwie mit der Sache zu tun hat.«

Fidelma lächelte, beantwortete die Frage aber nicht.

»Ich würde nun gern Barrdubs Bruder sehen. Wie hieß er doch gleich? Congal?«

Sie trafen Barrdubs Bruder in einer armseligen Hütte aus morschem Holz, die am Flussufer stand. Bevor sie eintraten, hatte der Brehon Fidelma erzählt: »Congals Vater führte einst das Gasthaus der Eóghanacht von Cashel. Er war ein allseits geehrter und geachteter Mann und zudem Sprecher der Clan-Versammlung. Congal ist ganz anders. Er war immer schon ein Träumer. Als sein Vater starb, verprasste er, was sein Eigentum hätte sein können, sodass er und seine Schwester schließlich gezwungen waren, in dieser Hütte zu leben. Er stand ohne eigene Viehherde da und musste sich als Arbeiter bei anderen Mitgliedern des Clans verdingen.«

Congal war ein dunkler, mürrischer Mann mit unergründlichen grauen Augen und wütend wie die See an einem stürmischen Wintertag.

»Wenn du gekommen bist, um den Mörder meiner Schwester zu verteidigen, beantworte ich keine einzige Frage!«, teilte er Fidelma kämpferisch mit. Seine dünnen, blutleeren Lippen waren fest zusammengekniffen.

Der Brehon seufzte verärgert.

»Congal, du wirst dich dem Gesetz fügen. Es ist das Recht einer dálaigh, dir Fragen zu stellen, und es ist deine Pflicht, sie wahrheitsgemäß zu beantworten.«

Schwester Fidelma forderte den Mann mit einer Handbewegung auf, sich hinzusetzen, aber er blieb stehen.

»Hast du schon einmal Bruder Fergal sein stramóiniam gebracht?«, begann sie ihre Befragung.

Congal blinzelte verwundert.

»Nein«, erwiderte er. »Fergal hat seine Arznei gegen das Asthma bei Iland, dem Kräuterheiler, gekauft.«

»Gut. Nun, ich habe gehört, wie du die Leiche deiner Schwester gefunden hast. Ehe du den Bericht des Brehon über diese Entdeckung bestätigst, möchte ich, dass du mir sagst, warum du deine Schwester in Bruder Fergals Hütte gesucht hast, als du sie vermisstest?«

Congals Gesicht verdunkelte sich.

»Weil Barrdub in ihn vernarrt war. Er hatte sie verzaubert, und er hat sie ausgenutzt.«

»Verzaubert? Wieso sagst du das?«

Congals Stimme klang aufgebracht.

»Ich kannte doch meine Schwester, oder nicht? Seit Fergal hier im Dorf ist, hat Barrdub ihn mit Kuhaugen angeschaut. Ständig erfand sie irgendwelche Ausflüchte, um ihn zu besuchen oder ihm beim Aufbau seiner Hütte zu helfen. Es war widerlich.«

»Warum denn widerlich?«, warf der Brehon ein, den die Sache plötzlich interessierte. »Wenn sie Fergal haben wollte und er sie, dann hätte doch nichts dagegen gesprochen, außer dass sie deine Zustimmung brauchte oder warten musste, bis sie das Alter der Wahl erreicht hatte. Du weißt so gut wie ich, dass alle Diener Christi das Recht haben, den Partner ihrer Wahl zu heiraten, bis hinauf zu den Äbten oder Äbtissinnen.«

»Es war so widerlich, weil sie mit Rimid verlobt war«, beharrte Congal.

»Und doch«, sagte der Brehon vorsichtig, »warst du mit Rimid als Ehemann für Barrdub auch nicht einverstanden, ehe Fergal hier eintraf.«

Congal errötete.

»Was hattest du gegen Rimid einzuwenden?«, fragte Fidelma dazwischen.

»Er …«

»Er konnte nicht den vollen Brautpreis aufbringen«, erwiderte der Brehon, ehe Congal zu antworten vermochte. »Das stimmt doch?«

»Das Gesetz über den Brautpreis ist so alt wie Éireann. Niemand heiratet, ohne der Familie der Braut eine Entschädigung zu zahlen.«

»Bist du Barrdubs einziger Angehöriger?«, fragte Fidelma.

»Sie hat mir den Haushalt geführt. Wäre sie fortgegangen, hätte ich niemanden mehr gehabt. Es ist nur recht und billig, dass man mir nach unserem uralten Recht da eine Entschädigung gezahlt hätte.«

»Wahrscheinlich hast du den gleichen Einwand gegen ihre Verbindung mit Fergal vorgebracht? Als Mönch konnte er ja gleichfalls keinen Brautpreis bezahlen.«

Congal erwiderte mürrisch: »Davon war nie die Rede. Er wollte sie doch gar nicht heiraten. Er hat meine Schwester ausgenutzt, und als sie zu ihm ging und von Ehe faselte, hat er sie umgebracht.«

»Das ist noch nicht bewiesen«, erwiderte Fidelma. »Wer sonst wusste von dem Verhältnis zwischen deiner Schwester und Fergal?«

»Niemand«, sagte Congal rasch. »Meine Schwester hat es mir nur sehr widerwillig eingestanden.«

»Du hast es also für dich behalten? Bist du sicher, dass sonst niemand davon wusste? Was ist mit Rimid?«

Congal zögerte, hielt die Augen auf den Boden gerichtet.

»Ja«, murmelte er zögernd. »Rimid wusste davon.«

»Dann möchte ich als Nächsten Rimid sprechen«, erklärte Fidelma dem Brehon. Sie wandte sich um und wollte gerade gehen, hielt dann inne, um einige Blumen- und Kräuterbündel anzuschauen, die zum Trocknen an der Wand neben dem Kamin hingen.

»Was für ein Kraut ist das?«

Congal schaute sie eine Weile nachdenklich an.

»Ich verstehe nichts von derlei Dingen. Barrdub hat all unsere Kräuter für die Küche gesammelt.«

Draußen warf der Brehon Fidelma einen langen, fragenden Blick zu.

»Du interessierst dich sehr für Kräuter«, meinte er.

Fidelma nickte. »Wusstest du, dass Bruder Fergal an Asthma leidet und dass er die Angewohnheit hat, jeden Abend den Rauch von brennenden Blättern des Krauts stramóiniam zu inhalieren oder einen Tee aus ähnlichen Kräutern zu trinken, um besser atmen zu können?«

Der Brehon zuckte die Achseln. »Manche Leuten leiden an dieser Krankheit«, gestand er ihr zu, war aber trotzdem verwundert über ihre Anmerkung. »Ist das wichtig?«

»Wo kann ich Rimid finden?«

»Er könnte um diese Zeit noch bei der Arbeit sein.« Der Brehon seufzte.

Fidelma zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ich hatte den Eindruck, dass Rimid nicht arbeitet, da mir doch Congal erklärt hat, dass er nicht in der Lage war, den Brautpreis zu bezahlen.«

Der Brehon lächelte über das ganze Gesicht.

»Es passte Congal nicht, dass Rimid nicht die volle Summe zahlen konnte. Rimid ist nicht reich, aber er ist ein freier Mann, und im Gegensatz zu Congal darf er in der Clan-Versammlung sitzen.«

»Und Congal nicht? Ist der so arm?«

»Du hast es ja mit eigenen Augen gesehen. Er hat seine Armut selbst verschuldet. Dauernd hat er große Pläne, aber er verwirklicht sie nie. Er träumt immer davon, wie er sich auf wunderbare Weise Respekt verschaffen und im Clan aufsteigen könnte, doch es gelingt ihm nie. Oft muss er sich auf die Großzügigkeit des Clans verlassen, um überhaupt genug zu beißen zu haben. Das macht ihn bitter.«

»Und Barrdub? War sie auch verbittert?«

»Nein. Sie hoffte, der Armut ihres Bruders durch eine Heirat zu entkommen.«

»Sie muss enttäuscht gewesen sein, als Congal sich gegen die Eheschließung mit Rimid aussprach.«

»Das stimmt. Ich dachte, sie würde vielleicht warten, bis sie das Alter der Wahl erreicht hätte und als erwachsene Frau in allem ihre eigene Wahl treffen durfte. Dann, so hoffte ich, würde sie Rimid heiraten. Sobald sie volljährig wäre, konnte Congal auf keinen Fall mehr einen Brautpreis verlangen. Rimid hoffte wohl auf diese Zeit. Er war sehr traurig, als er mitbekam, dass sich Barrdub nun Bruder Fergal an den Hals warf.«

»Ach wirklich?«, sagte Fidelma nachdenklich. »Nun, dann wollen wir einmal mit Rimid sprechen. Du sagst, er könnte noch bei der Arbeit sein? Wo ist das?«

Der Brehon seufzte.

»Er könnte in der Hütte von Iland, dem Kräuterheiler, sein.«

Fidelma zögerte und starrte den Brehon erstaunt an.

»Ist Rimid auch ein Kräuterheiler?«

Der Brehon schüttelte den Kopf.

»Nein, nein. Er ist kein Heiler. Er ist beim Kräuterheiler angestellt und sammelt jeden Tag draußen die Kräuter und Blumen, die der für seine Arzneien braucht.«

Auf Rimids Zügen spiegelte sich bitterer Hass. Sein Gesicht war gerötet; offensichtlich war er ein aufbrausender junger Mann, der kaum das Alter der Wahl erreicht hatte.

»Ja, ich habe Barrdub geliebt, ich habe sie geliebt, und sie hat mich betrogen. Ich hätte sie für mich zurückgewinnen können, wenn nicht dieser Fergal gewesen wäre. Ich bringe ihn um.«

Der Brehon schnaufte verächtlich.

»Dazu hast du nicht das Recht, Rimid. Das Gesetz verhängt die Strafe und fordert die Wiedergutmachung.«

»Und doch würde ich nicht zögern, ihn wie einen Wurm totzutreten, sollte ich ihm auf der Straße begegnen.«

»Dein Hass ist groß, Rimid, denn du hast das Gefühl, dass er dir Barrdub gestohlen hat«, warf Fidelma ein. »Das ist verständlich. Hast du auch Barrdub gehasst?«

Rimids Augen weiteten sich.

»Gehasst? Nein! Ich habe sie geliebt!«

»Und dennoch sagst du, sie hätte dich betrogen, deine Liebe wegen Bruder Fergal verschmäht. Du musst doch wütend auf sie gewesen sein … wütend genug …«

Fidelma beendete den Satz absichtlich nicht.

Rimid blinzelte.

»Niemals! Ich hätte ihr nie etwas angetan!«

»Trotz deines Hasses? Hasst du auch Congal?«

»Warum sollte ich Congal hassen?« Rimid schien verwirrt.

»Aber er hat dir doch Barrdub verweigert, hat dein Angebot eines Brautgeldes abgelehnt, weil er es nicht für ausreichend hielt.«

Rimid zuckte die Achseln.

»Ich mag Congal nicht, das stimmt. Aber es blieben doch nur noch sechs Monate, bis Barrdub das Alter der Wahl erreicht hätte, und sie hat mir versprochen, dass sie mich dann auch ohne die Zustimmung ihres Bruders heiraten würde.«

»Wusste Congal das?«

Rimid schaute sie gleichgültig an. »Das ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich hat Barrdub es ihm gesagt.«

»Wie hat er das aufgenommen?«

»Da konnte er nichts machen … Aber dann kam Bruder Fergal.«

»Aber Fergal hatte doch gar kein Brautgeld zu bieten. Er gehört einem Orden an und hat ein Armutsgelübde abgelegt.«

»Congal sagt, dass es nicht um eine Heirat ging. Fergal hat Barrdub einfach verzaubert und mit ihren Gefühlen gespielt, bis sie ihm lästig wurde.«

»Verzaubert?« Fidelma sah ihn ungläubig an. »Eine interessante Wortwahl, Rimid.«

»Es stimmt aber.«

»Hast du Barrdub wegen dieser Beziehung zur Rede gestellt?«

Rimid zögerte und schüttelte den Kopf.

»Ich war blind. Ich wusste nicht, was hinter meinem Rücken vorging, bis zu dem Tag vor dem Mord.«

»Wie hast du davon erfahren?«

»Congal hat es mir erzählt. Ich habe ihn an jenem Abend auf der Straße getroffen, und er sah sehr wütend aus. Barrdub hatte es ihm gerade gesagt.«

»Und wann hast du von ihrem Tod gehört?«

»Ich wollte am Morgen danach zu Fergals Hütte gehen, um die Sache mit ihm auszufechten, als ich den Brehon und Congal auf dem Pfad traf. Die haben mir von Barrdubs Tod erzählt. Zwei Männer trugen ihre Leiche auf einer Bahre, und Fergal hatte man wegen des Verbrechens festgenommen.«

Fidelma schaute rasch zum Brehon, der diese Aussage mit einem Nicken bestätigte.

»Wie lange sammelst du schon Kräuter, Rimid?«, fragte Fidelma plötzlich.

»Seit meinen Kindertagen«, erwiderte er, ein wenig verwirrt über diese abrupte Wendung des Gesprächs.

»Hast du oder hat Iland, der Kräuterheiler, Bruder Fergal Kräuter verkauft?«

»Ich nicht, aber ich wusste, dass Iland ihm welche verkaufte. Ich sammle Kräuter für Iland. Fergal litt an Kurzatmigkeit, die er mit Kräutern linderte.«

»Ist das allgemein bekannt?«

»Viele wissen es«, antwortete Rimid.

»Auch Barrdub?«

»Ja. Sie hat es einmal erwähnt, als wir im Gottesdienst waren.«

»Und Congal, wusste der davon?«

Rimid zuckte die Achseln. »Viele wussten es. Ich kann nicht genau sagen, wer und wer nicht.«

Fidelma hielt ein wenig inne und lächelte dann.

»Das war alles.« Sie wandte sich dem Brehon zu. »Ich bin nun bereit, morgen vor dem Gericht zu Fergals Verteidigung zu sprechen.«

Die meisten Mitglieder des Clan der Eóghanacht von Cashel waren in der großen Halle des Stammesfürsten versammelt. Der Stammesfürst Eóghan hatte zur Rechten des Brehon Platz genommen, der zu Gericht sitzen würde. Das Gesetz und auch das Gebot der Höflichkeit verlangten von ihm, sich mit dem Stammesfürsten des Clans zu besprechen, ehe er das Urteil fällte.

Bruder Fergal stand vor dem Brehon und dem Stammesfürsten, und neben ihm sollte ein untersetzter und muskelbepackter Clan-Angehöriger für Ruhe und Ordnung sorgen. Fergal wurde zu einer kleinen, taillenhohen hölzernen Schranke geführt. Von hier aus mussten alle sprechen, die vor dem Gericht angeklagt waren.

Rechts davon befand sich eine Plattform, die man für den Vertreter der Anklage, den dálaigh, einen dünnen Mann mit scharfen Gesichtszügen, errichtet hatte. Linker Hand saß auf einer ähnlichen Plattform Schwester Fidelma. Sie hatte die Hände züchtig im Schoß gefaltet, aber ihre flinken grünen Augen verpassten nichts. Man hatte die Zeugen aufgerufen, und die große Halle war überfüllt mit Männern und Frauen aus dem Clan, denn im Dorf konnte sich niemand erinnern, dass je zuvor schon einmal ein Mönch des Mordes angeklagt gewesen war.

Der Brehon bat um Ruhe und fragte Bruder Fergal, ob er Schwester Fidelma als seine Anwältin annahm, denn nach dem Gesetz hatte Fergal das Recht, sich selbst zu verteidigen. Der Bruder schüttelte den Kopf und bedeutete damit Schwester Fidelma, sie solle für ihn sprechen.

Dann trug der Ankläger seine Sicht des Falls vor, so wie es der Brehon Schwester Fidelma bereits mitgeteilt hatte.

Erwartungsvolles Murmeln ging durch den Raum, als schließlich Schwester Fidelma aufstand und sich an den Brehon wandte.

»Bruder Fergal ist dieses Verbrechens nicht schuldig«, begann sie mit lauter, bezwingender Stimme.

Schweigen herrschte unter den Zuhörern.

»Stellst du die Beweise in Frage?«, wollte der Brehon wissen, der nun leise lächelte. »Erinnere dich, ich bin mit Congal zum Tatort gegangen und habe Barrdubs Leiche gefunden, die in Bruder Fergals Hütte lag, während Fergal in seinem Bett schlief. Ich sah das Blut an seinen Kleidern.«

»Das bezweifle ich nicht«, versicherte ihm Fidelma. »Aber das allein ist noch kein Beweis dafür, dass er der Mörder ist. Die Ereignisse, wie sie die Anklage beschrieben hat, will ich nicht bestreiten, nur die Art, wie sie ausgelegt wurden.«

Von der Zeugenbank protestierte Rimid wütend.

»Fergal ist der Mörder! Sie will nur einen von ihren Leuten schützen!«

Der Brehon bedeutete ihm mit einer Geste, er solle schweigen.

»Fahre mit deiner Verteidigung fort, Schwester Fidelma.«

»Bruder Fergal leidet an Asthma. Es ist bekannt, dass er Kräuterarzneien nimmt, um seine Krankheit zu lindern. Das wussten mehrere Leute. In jener Nacht kehrte er erschöpft in seine Hütte zurück. Gewöhnlich zündet er ein Feuer aus den Blättern des stramóiniam an und inhaliert den Rauch, ehe er sich schlafen legt. Aber manchmal, wenn er zu müde ist, trinkt er auch einen Tee aus ähnlichen Kräutern.«

Bruder Fergal starrte sie an.

»Fergal, hast du an jenem Abend inhaliert oder den Kräutertee getrunken?«

»Ich war zu erschöpft, um noch lange aufzubleiben und die Inhalation vorzubereiten. Ich halte immer einen Kessel mit einem Tee aus den Kräutern bereit. Also habe ich den nur aufgewärmt und eine Schale voll getrunken.«

»Und du kannst dich an nichts erinnern, bis zum Morgen?«

»An gar nichts, bis mich der Brehon und Congal aufweckten«, antwortete der Mönch.

»Du hast tief und fest geschlafen. Tust du das immer?«

Bruder Fergal zögerte und zog die Stirn in Falten, als hätte er darüber noch nie nachgedacht.

»Es ist ungewöhnlich. Oft bekomme ich schlecht Luft, sodass ich in den frühen Morgenstunden aufwache und zur Linderung mehr Tee trinken muss.«

»Aha. Du hast ungewöhnlich fest geschlafen. So fest, dass jemand in deine Hütte eintreten konnte, ohne dass du es merktest. Wie es der Brehon und Congal ja auch taten. Man musste dich wachrütteln, sonst hättest du nicht mitbekommen, dass die beiden da waren.«

Es war mäuschenstill im Gerichtssaal; der Brehon schaute Fidelma neugierig an.

»Was willst du damit andeuten, Schwester Fidelma?«

»Ich will gar nichts andeuten. Ich lege Beweise vor. Ich habe in deinem Beisein ein Holzschälchen aus Bruder Fergals Hütte mitgenommen und es dir als Beweis übergeben.«

Der Brehon nickte und wies auf das Schälchen, das vor ihm stand.

»Das stimmt. Hier ist es.«

»Ist dies die Schale, aus der du getrunken hast, Fergal?«

Der Mönch untersuchte sie und nickte.

»Das ist meine. Hier ist mein Name in die Oberfläche eingeritzt. Ja, aus dieser Schale habe ich getrunken.«

»Es ist immer noch ein wenig Flüssigkeit in der Schale. Das ist kein Tee aus stromóiniam

»Was dann?«, wollte der Brehon wissen.

»Wenn es dem Gericht beliebt, können wir Iland, den Kräuterheiler, herbeirufen, damit er die Flüssigkeit untersucht und uns seine Meinung sagt. Aber dem Gericht ist bekannt, dass ich eine anruth bin und also auch eine qualifizierte Kräuterkundige.«

»Das Gericht akzeptiert dein Wissen, Schwester Fidelma«, erwiderte der Brehon ungeduldig.

Fidelma neigte demütig den Kopf.

»Die Schale enthält die Reste eines Tees, der aus lus mór na coille und etwas muing zubereitet wurde.«

»Für alle, die nicht mit Kräutern vertraut sind, erkläre bitte, was das für Kräuter sind«, bat sie der Brehon.

»Gewiss. Das lus mór na coille, das wir auch Tollkirsche nennen, ist ein starkes Beruhigungsmittel, das schläfrig macht, während muing, der gefleckte Schierling, in großen Mengen genossen, zu Lähmungen führen kann. Jeder Kräuterkundige wird dir dies bestätigen. Als Bruder Fergal diesen Tee trank, wurde er in Wirklichkeit betäubt. Er schlief wie ein Toter und bemerkte nichts, was um ihn herum vor sich ging. Er kann von Glück sagen, dass man ihn überhaupt wieder aufwecken konnte. Es ist nämlich durchaus möglich, dass derjenige, der ihm diesen Trank bereitete, gar nicht wollte, dass er je wieder aufwachte. Man hätte Bruder Fergal einfach tot aufgefunden und neben ihm Barrdub. Daraus hätte man geschlossen, dass er sie getötet und dann reuig Gift genommen hatte.«

Sie hielt inne, weil ihre Worte Aufruhr im Saal hervorgerufen hatten. Bruder Fergal schaute sie mit erschrockenem, bleichem Gesicht an.

Der Brehon bat um Ruhe und wandte sich dann an Fidelma.

»Willst du damit sagen, dass Barrdub in Fergals Hütte getötet wurde, während er schlief?«

»Nein. Ich will sagen, dass die Person, die Fergal betäubt hat, Barrdub anderswo ermordet hat und ihre Leiche anschließend in die Hütte schaffte. Dann schmierte die Person Blut auf Fergals Hände und Kleidung, während er wie betäubt schlief. Darauf ging der Mörder wieder fort. Ihm unterliefen jedoch einige Fehler. Er ließ ein verräterisches Beweisstück zurück, nämlich die Schale, in der noch Reste des starken Schlaftrunks waren. Und als er Barrdubs Leiche in die Hütte trug, streifte er versehentlich den Türpfosten und verursachte einen Blutfleck.«

»Ich erinnere mich, dass du mir diesen Fleck gezeigt hast«, warf der Brehon dazwischen. »Ich habe dich darauf hingewiesen, dass er wahrscheinlich entstanden ist, als wir die Leiche forttrugen.«

»Nein, das kann nicht sein. Der Fleck war in Schulterhöhe. Als ihr die Leiche hinausgeschafft habt, wie du mir berichtet hast, lag sie auf einer Bahre, die zwei Männer trugen.«

Der Brehon nickte.

»Mit einer Leiche darauf lässt sich eine Bahre allerhöchstens in Taillenhöhe tragen. Aber der Fleck war in Schulterhöhe. Deswegen wurde er nicht verursacht, als man die Leiche aus der Hütte fortschaffte, sondern als man sie dort hineintrug. Der Mörder war allein und musste sie auch allein tragen. Wahrscheinlich hatte er sie sich auf die Schulter gelegt, denn auf diese Weise ist es am leichtesten. So entstand der Fleck in Schulterhöhe.«

»Das ist nachvollziehbar«, gab der Brehon zu. »Aber nicht völlig überzeugend.«

»Dann möchte ich dem Gericht Folgendes zu bedenken geben. Du sagst, Bruder Fergal hätte Barrdub in wütendem Wahn erstochen. Danach, sagst du, sei er erschöpft gewesen, zu erschöpft, um die Leiche aus der Klause zu tragen und die Tat zu verschleiern. Er hätte sich auf sein Bett gelegt und dort tief und fest bis zum nächsten Morgen geschlafen.«

»So behauptet es die Anklage.«

»Wo ist dann die Mordwaffe?«

»Waaas?«, fragte der Brehon gedehnt, und Zweifel trat in seine Augen.

»Du hast keine Waffe erwähnt, kein Messer, mit dem Barrdub erstochen wurde. Wenn du es nicht mitgenommen hast, als du Fergal an jenem Morgen fandest, dann hätte es noch vor Ort sein müssen. Ich habe die Klause durchsucht. Ich habe kein Messer gefunden.«

Der Brehon biss sich auf die Unterlippe.

»Es stimmt, es wurde keine Mordwaffe gefunden.«

»Und doch muss es eine geben.«

»Fergal hätte sie versteckt haben können«, warf der Brehon ein, dem klar wurde, dass es ein Fehler war, nicht schon vorher die Suche nach der Tatwaffe angeordnet zu haben.

»Warum? Warum die Waffe verstecken, wenn Fergal zu erschöpft war, die Leiche zu verbergen?«

»Damit magst du recht haben. Und doch, wenn Fergal Barrdub nicht ermordet hat, wer dann?« Die Augen des Brehon leuchteten auf. »Ah, also deswegen hast du dich für die Kräuter des Einsiedlers Erca interessiert! Behauptest du, er hätte es getan? Glaubst du, dass er Fergal damit schaden wollte? Wir alle wissen, dass er die Christen hasst.«

Fidelma schüttelte energisch den Kopf.

»Erca hasst alle Christen, aber er ist nicht der Täter. Er hat einfach nur meinen Verdacht bestätigt, dass man die Kräuter mit starker betäubender Wirkung, die ich in der Schale festgestellt hatte, in der näheren Umgebung sammeln kann. Dieser Mord wurde aus einem viel persönlicheren Motiv begangen, als es der Hass auf alle Christen ist.«

Sie drehte sich herum und sah in Rimids bleiches Gesicht. Seine Lippen bebten.

»Sie versucht, die Schuld mir zuzuschieben!«, rief er.

Auch der Brehon schaute voller Misstrauen auf Rimid. Er fragte: »Hast du Fergal nicht gehasst? Das hast du uns doch gestern eingestanden.«

»Ich war es nicht. Ich liebte Barrdub … ich …« Rimid sprang auf und begann sich einen Weg aus dem Gerichtssaal zu bahnen.

»Haltet ihn!«, rief der Brehon. Sofort stürzten sich zwei Männer aus dem Clan auf den Fliehenden.

Aber Fidelma wandte sich kopfschüttelnd dem Brehon zu.

»Nein, lasst ihn gehen. Er war es nicht.«

Der Brehon sah sie fragend an. Rimid, der zwischen den beiden Männern stand, hörte auf, sich zu wehren.

»Wer denn dann?«, erkundigte sich der Brehon unwillig.

»Barrdub wurde von Congal ermordet.«

Ein Aufschrei ging durch die Menge.

»Eine Lüge! Die Schlampe lügt!« Congal war aufgesprungen. Er war leichenblass, die Hände hatte er zu Fäusten geballt.

»Congal hat seine eigene Schwester ermordet?« Der Brehon wollte es nicht glauben. »Aber warum?«

»Aus einem der ältesten Gründe. Aus Habgier.«

»Aber Barrdub hat doch keinen Besitz. Was konnte er da mit seiner Tat gewinnen?«

Schwester Fidelma seufzte traurig.

»Congal hatte wenig Geld. Sein Vater war im Clan ein geachteter Mann. Wenn alles gutgegangen wäre, hätte Congal das auch sein können. Aber bei Congal geht nie alles gut. Er ist launisch und unzuverlässig. Er träumt gern vor sich hin und macht hochfahrende Pläne, die stets scheitern. Schließlich sah er sich gezwungen, mit seiner Schwester in einer armseligen Hütte aus Holz und Lehm zu wohnen und sich bei seinen Nachbarn, denen es besser ging als ihm, als Taglöhner zu verdingen. All das ist im Dorf bekannt. Du, Brehon, hast es mir auch erzählt.

Rimid und Barrdub liebten einander. Rimid verfügt über keine großen Reichtümer. Wie die meisten von uns ist er es zufrieden, wenn das, was er verdient, für den Lebensunterhalt reicht. Als er Congal um die Erlaubnis bat, Barrdub, die noch nicht das Alter der Wahl erreicht hatte, heiraten zu dürfen, verweigerte ihm dieser seine Zustimmung. Warum? Weil Congal sich nicht um das Glück seiner Schwester scherte. Ihm lag nur am Reichtum. Er verlangte den vollen Brautpreis, der der Tochter eines freien Gastwirts im Clan zusteht, obwohl er und seine Schwester schon längst nicht mehr diese gehobene Stellung innerhalb der Gemeinschaft innehatten.«

»Und doch stand ihm das von Rechts wegen zu«, wandte der Brehon ein.

»Es war sein Recht, das stimmt. Aber manchmal können Rechte auch eine Form von Ungerechtigkeit sein«, meinte Fidelma.

»Fahre fort.«

»Rimid war nicht in der Lage, den vollen Brautpreis zu zahlen. Barrdub war wütend auf ihren Bruder und machte ihm klar, sobald sie alt genug wäre und alles frei und selbständig entscheiden durfte, würde sie ohnehin zu Rimid gehen. Und dann würde ihr Bruder überhaupt nichts vom Brautpreis bekommen.«

Schwester Fidelma hielt einen Augenblick inne.

»Congal hatte sich ausgemalt, die einzige Möglichkeit, seine Armut zu lindern und im Clan zu Würden zu gelangen, wäre, in den Besitz der zwanzig Milchkühe zu kommen, die der zukünftige Ehemann von Barrdub als vollen Brautpreis zahlen müsste. Dann kam ihm eine neue Idee. Eine hervorragende Idee. Warum sollte er sich mit zwanzig Milchkühen zufriedengeben? Falls seine Schwester ermordet würde, dann müsste der Mörder oder die Familie des Mörders ihm eine Entschädigung zahlen, und diese Entschädigung würde laut Gesetz mindestens fünfundvierzig Milchkühe betragen. Das wäre eine Grundlage für eine anständige Herde, und damit würde er sich im Clan wirklich Respekt verschaffen. Aber er musste natürlich dafür sorgen, dass die Person, der das Verbrechen zur Last gelegt wurde, in der Lage war, eine solche Summe zu zahlen.

Dann tauchte Bruder Fergal auf. Ein Mönch ist zwar nicht reich, aber das Gesetz verweist stets auf die Familie einer Person, wenn diese nicht in der Lage ist, der Familie des Opfers die entsprechende Buße zu zahlen. Es ist allgemein bekannt, dass bei Ordensleuten das Kloster an die Stelle der Familie tritt. Falls ein Mitglied eines Ordens eines Verbrechens für schuldig befunden wird, erwartet man vom Kloster, dass es das Sühnegeld aufbringt. Congal überlegte sich, dass sich der Orden sehr wohl die fünfundvierzig Milchkühe leisten konnte, die seine Entschädigung sein würden. Damit war das Schicksal der unglückseligen Barrdub besiegelt.

Congal wusste von Fergals Krankheit und kannte auch die Arznei dagegen. Er bereitete seine Kräutermischung vor, kippte Fergals üblichen Tee fort und ersetzte ihn durch den Schlaftrunk. Er überlegte sich, dass Fergal wohl den Inhalt seines Kessels nicht untersuchen würde, ehe er sich den Tee aufwärmte. Dann ging Congal zu Rimid und erzählte ihm, Barrdub sei in Fergal vernarrt, sie seien ineinander verliebt. Schließlich machte er sich auf die Suche nach Barrdub, und den Rest wissen wir.

Er tötete sie, trug sie in Fergals Hütte, sobald der Mönch tief und fest schlief, ließ sie dort zurück, nachdem er Fergals Hände und Kleidung mit ihrem Blut beschmiert hatte. Seine beiden größten Fehler bestanden darin, dass er keine Mordwaffe am Tatort hinterließ und dass er die Spuren seines Kräutertrunks in Fergals Trinkschale nicht beseitigte.«

Sie wandte sich Congal zu, der mit kreidebleichem Gesicht und zuckendem Mund vor ihr stand.

»Da steht der Mörder! Er hat seine leibliche Schwester für eine Herde Kühe umgebracht!«

Mit einem schrillen Schrei zog Congal ein Messer und wollte sich auf Schwester Fidelma stürzen. Entsetzt wichen links und rechts die Menschen vor ihm zurück.

Kurz bevor er Fidelma erreichte, fing ihn eine dunkle Männergestalt ab und schlug ihm mitten ins Gesicht. Es war Rimid. Congal sackte bewusstlos zu Boden. Als Rimid sich auf ihn stürzen wollte, legte ihm Schwester Fidelma ihre schmale Hand auf die Schulter.

»Rache ist keine Gerechtigkeit, Rimid. Wenn wir für jedes an uns begangene Übel Rache fordern wollten, würden wir uns nur größerer Vergehen schuldig machen. Lass das Gericht Recht über ihn sprechen.«

Rimid zögerte.

»Er hat keine Mittel, um an die, denen er Schlimmes angetan hat, den Sühnepreis zu zahlen«, protestierte er.

Fidelma lächelte leise.

»Er hat eine Seele, Rimid. Er hat versucht, einem Mitglied des Klosters Unrecht anzutun. Das Kloster wird eine Entschädigung fordern. Das wird seine unsterbliche Seele sein, die er Gott überantworten muss.«

»Du wirst ihn töten lassen? Zu Gott ins Jenseits schicken?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gott wird ihn zu sich holen, wenn seine Zeit gekommen ist. Nein, er wird im Kloster dienen müssen und so für seine Tat Buße tun.«

Nachdem man Bruder Fergal freigesprochen hatte und Congal bis zum Gerichtstag in Gewahrsam genommen worden war, ging Fidelma mit dem Brehon zum Ausgang der großen Halle.

»Wie ist dein Verdacht auf Congal gefallen?«, fragte der Brehon.

»Wer einmal lügt, der lügt wieder.«

»Bei welcher Lüge hast du ihn ertappt?«

»Er behauptete, nichts von Kräutern zu verstehen, aber er wusste sofort, wofür stramóiniam benutzt wird, und ihm war bekannt, dass Bruder Fergal es regelmäßig einnahm. Der Rest war eine Mischung aus einfachen logischen Schlüssen und Bluff. Aber es wäre wahrscheinlich schwierig gewesen, ihn zu überführen, wenn er mich nicht angegriffen hätte.«

»Du bist eine hervorragende Anwältin, Schwester Fidelma«, sagte der Brehon.

»Es ist keine große Kunst, ein kluges und ausgefeiltes Argument vorzubringen. Eine größere Gabe ist es, die Wahrheit zu erkennen und zu verstehen.« Sie hielt an der Tür inne und lächelte den Richter an. »Friede mit dir, Brehon der Eóghanacht von Cashel.« Dann war sie fort und schritt über die staubige Straße auf ihr fernes Kloster zu.


GOTTES WILLE GESCHEHE

<p>GOTTES WILLE GESCHEHE</p>

Schaukelnd machte das Boot an den Granitfelsen fest, die als Anlegestelle dienten, und Fidelma sah, dass sie bereits ein Empfangskomitee erwartete. Es bestand aus einem einzigen Mann: sehr jung, höchstens einundzwanzig Sommer, auf dessen frischem, jugendlichem Gesicht sie schon von weitem einen für sie befremdlichen Unmut und merkwürdige Entschlossenheit erkannte.

Der Bootsmann hielt das schwankende Gefährt fest und bedeutete ihr auszusteigen. Fidelma griff nach der Strickleiter und hangelte sich behende an der Kaimauer hoch. Niemand hätte hinter dem sittsamen Auftreten und dem Habit einer Nonne eine solch mädchenhafte Wendigkeit erwartet. Auch der Mann am Ufer hatte mit einer anderen Erscheinung gerechnet. Ihm war mitgeteilt worden, dass man eine dálaigh, eine Anwältin am Gerichtshof der Brehons, auf die Insel schicken würde. Erstaunt beobachtete er ihre nicht ungefährliche Kletterei, ihre hochgewachsene anmutige Figur, die keck unter der Kopfbedeckung hervordrängenden roten Haarsträhnen, musterte das hübsche Gesicht mit den strahlend grünen Augen. Was er da sah, entsprach nicht seiner Vorstellung von einer Nonne, geschweige denn von einem ehrwürdigen Mitglied der Richterschaft Irlands.

»Schwester Fidelma? Hattest du eine gute Überfahrt?« Er sprach langsam, in gesetztem Ton, nicht unbedingt freundlich, aber doch »korrekt«. Wenn danach gefragt, hätte es Fidelma mit »höflich, aber kühl« abgetan. Ihr eben noch ernstes Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Lächeln, was den jungen Mann leicht durcheinanderbrachte. Es passte so gar nicht zu ihrem Status. Es war spitzbübisch frech. Statt einer Antwort auf seine Frage wies sie hinter sich auf die sich brechenden Wogen.

Die Überfahrt zur Insel in dem hässlichen Spätherbstwetter hatte ihr kein Vergnügen bereitet. Schmutzig graue Wellen mit gelblichweißen Schaumkronen waren ihre Begleiter gewesen. Ein kalter und stürmischer Wind hatte sie auf die Felsnase zu getrieben, die wie eine einsame Erhebung in den sich wild gebärdenden Atlantik hineinragte und einst durch die Kraft der Wassermassen vom Festland abgetrennt worden war. Je näher sie der Insel gekommen waren, desto mehr glich das Massiv einem Hahnenkamm. Wie Menschen auf dem ungastlich wirkenden nackten Felsen leben und ihr Auskommen finden konnten, war ihr unverständlich.

Unterwegs hatte ihr der Bootsmann erzählt, dass die Insel nur einhundertundsechzig Bewohner zählte und dass es durchaus Winter geben konnte, in denen sie monatelang abgeschnitten war, weil nicht einmal ein sachkundig gerudertes Boot dort anlanden konnte. Die Inselbevölkerung wäre eine in sich gekehrte, verschworene Gemeinschaft, meist Fischer, und so lange man zurückdenken könnte, hätte es nie einen Todesfall gegeben, der irgendwelche Verdachtsmomente hätte aufkommen lassen.

Damit schien es nun vorbei.

Der junge Mann krauste die Stirn, als er keine Antwort erhielt, und nahm einen erneuten Anlauf.

»Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, dich wegen dieses Vorfalls zu bemühen, Schwester Fidelma. Der Fall ist eindeutig. Es gab keinen Grund, dir die Beschwernisse der Reise hierher zuzumuten.«

Sie schenkte ihm ein verbindliches Lächeln. Verständlich, dass er verärgert war. Sie war für ihn eine Fremde, die sich in seinen Zuständigkeitsbereich einmischte.

»Bist du der bó-aire der Insel?«, fragte sie. Selbstbewusst reckte er die Brust. »Der bin ich«, betonte er nicht ohne Stolz. Der bó-aire war der Friedensrichter eines Gerichtsbezirks, ein Mann ohne Landbesitz, dessen Wohlstand nach der Zahl der Kühe, die er besaß, gemessen wurde, weshalb man ihn auch den »Kuhwirt« nannte. In kleinen Ansiedlungen, wie auf den der Küste vorgelagerten Inseln, war ein bó-aire meist auch der Gemeindevorsteher, der seinerseits den Stammesfürsten auf dem Festland unterstand.

»Ich stattete gerade Fathan von den Corco Dhuibhne einen Besuch ab, als ihn die Nachricht von dem Todesfall hier erreichte«, teilte ihm Fidelma sachlich mit.

Fathan war der Stammesfürst, der über all die kleinen Inseln regierte. Die Nennung seines Namens ließ den jungen bó-aire aufhorchen.

»Fathan bat mich, dich aufzusuchen und dich bei der Klärung des Todesfalls zu unterstützen.« Sie fand, eine solche Formulierung war der Sache dienlicher, und vorenthielt dem überheblichen jungen Richter die Worte, die Fathan ihr gegenüber gebraucht hatte. Fathan war bekannt, dass der bó-aire neu auf dem Posten war, und er wusste vor allem, dass der vorliegende Fall des Urteils einer erfahrenen Person bedurfte. »Ich verfüge über Sachkenntnis in Ermittlungen bei undurchsichtigen Begleitumständen von Todesfällen«, setzte sie hinzu.

»In dem vorliegenden Fall gibt es nichts Undurchsichtiges«, erwiderte er gereizt. »Die Frau ist einfach ausgerutscht und den Felsen hinabgestürzt. An der Stelle ist er dreihundert Fuß hoch. Sie hatte keine Überlebenschance.«

»Du bist dir sicher, es war ein Unfall?«

Sie standen immer noch an der Anlegestelle. Der Wind peitschte die salzige Gischt hoch. Trotz des dicken, wollenen Umhangs, in den sie sich für die Überfahrt von An Chúis auf dem Festland zur Insel gehüllt hatte, spürte sie die Nässe.

»Gibt es nicht irgendwo ein Plätzchen, wo wir geschützter sind? Wo wir die Dinge in Ruhe besprechen können?« Sie stellte die zweite Frage, ehe er die erste beantworten konnte. Der tadelnde Hinweis blieb nicht unbemerkt.

»Mein bothán ist nur ein Stückchen den Weg hinauf, Schwester. Lass uns dahin gehen.« Er drehte sich um und stapfte voran.

Ein oder zwei Inselbewohner, denen sie begegneten, nahmen Notiz von ihnen und maßen Schwester Fidelma mit neugierigen Blicken. Nicht lange, und die ganze Insel würde von ihrem Besuch wissen, dachte sie bei sich. Im Sommer mochte so ein Inselleben durchaus romantisch sein, aber selbst den verbrachte sie lieber auf dem Festland, fernab von dem ständig heulenden Wind und der tosenden See.

In der gemütlichen Hütte aus grauem Stein sorgte ein glimmendes Torffeuer für ein wenig Wärme, aber feucht war es dennoch. Eine junge Frau, die zum Haushalt des bró-aire gehörte, brachte ein irdenes Gefäß mit Met, der mit einer in dem Feuer glühend gewordenen Eisenstange heiß gemacht worden war. Das Getränk verbreitete in Fidelmas Körper eine wohlige Wärme und ließ sie wieder aufleben.

»Wie heißt du?«, fragte sie und schlürfte den heißen Met.

»Fogartach.« Es klang etwas steif, denn der junge Mann fühlte sich ermahnt, weil er sich nicht vorgestellt hatte, wie es sich gehört hätte.

Schwester Fidelma fand, es sei an der Zeit, ihrem Gastgeber klarzumachen, mit wem er es zu tun hatte, und ihm sein großspuriges Gebaren abzugewöhnen.

»Welchen Abschluss hast du eigentlich in deiner Stellung als Friedensrichter?«

»Ich habe vier Jahre in Daingean Chúi studiert«, erklärte er mit stolz erhobenem Kopf. »Ich habe den Abschluss eines dos. Das Bretha Nemed, das Gesetz über die Vorrechte des Adels und der gelehrten Stände ist mir geläufig wie jedes andere.«

Schwester Fidelma musste lächeln und hielt mit der Auskunft über ihren Bildungsgrad nicht zurück.

»Ich habe den Rang eines anruth, habe acht Jahre bei Brehon Morann von Tara studiert«, bekannte sie in aller Ruhe.

Er errötete, offensichtlich peinlich berührt, sich mit seinem Studium gebrüstet zu haben. Im Vergleich zu der Ausbildung, über die sie verfügte – der Rang eines anruth stand nur eine Stufe unter den in den fünf Königreichen überhaupt möglichen –, konnte er nur wenig vorweisen. Die Fronten waren geklärt. Mit nur einem Satz hatte sie ihn darauf hingewiesen, wer hier weisungsbefugt war.

»Klarer kann die Sache gar nicht sein«, kam er schmollend auf den Anlass ihres Besuches zurück. »Es war ein Unfall. Die Frau ist ausgerutscht und vom Felsen gestürzt.«

»Dann dürfte die Klärung der Umstände nicht viel Zeit kosten«, erwiderte Fidelma und strahlte ihn an.

»Klärung der Umstände? Ich habe meinen Bericht bereits fertig.« Beleidigt zeigte er auf seine Unterlagen.

»Nichts ist Fathan von den Corco Dhuibhne wichtiger, als dass der Fall eindeutig geklärt ist, Fogartach«, betonte Fidelma. »Weißt du eigentlich, um wen es sich bei der Toten handelte?«

»Sie war wie du eine Nonne.«

»Eine Nonne? Nicht nur das, Fogartach. Sie war Cuimne, die Schwester des Hochkönigs.«

Er runzelte die Stirn. »Dass sie Cuimne hieß, wusste ich, auch dass sie sich mit einer gewissen Würde gab. Dass sie mit dem Hochkönig verwandt war, entzog sich meiner Kenntnis.«

»Dir war nicht bekannt, dass sie Äbtissin Cuimne von Ard Macha war, die persönliche Gesandte des mächtigsten Kirchenmannes in Éireann?«

Beschämt schüttelte der junge Schiedsmann, hochrot geworden, den Kopf.

»Dann ist dir jetzt hoffentlich klar, dass dem Stammesfürsten der Corco Dhuibhne sehr daran gelegen ist, dass es bei der Feststellung der Todesursache keine Ungereimtheiten gibt. Äbtissin Cuimne war eine gewichtige Persönlichkeit, deren Tod weitreichende Folgen sowohl in Tara als auch in Ard Macha nach sich ziehen kann.«

Krampfhaft bemüht, sich zu rechtfertigen, nagte er an den Lippen. »Auf unserer kleinen, sturmgepeitschten Insel zählen Herkunft und Stellung wenig«, erklärte er mürrisch.

»Umso mehr zählt beides für Fathan, denn er ist dem König von Cashel Rechenschaft schuldig, und der wiederum hat sich gegenüber dem Hochkönig und dem Erzbischof von Ard Macha zu verantworten. Aus diesem Grund hat mich Fathan hierher geschickt.« Sie glaubte, ihn nicht länger mit der Wahrheit verschonen zu dürfen, und hielt inne, um ihm Gelegenheit zu geben, das soeben Gehörte verarbeiten zu können. »Gut, lege mir bitte dar, was im Einzelnen du zu dem Vorfall sagen kannst«, verlangte sie dann.

Wohl war ihm nicht bei ihrer Aufforderung, doch fügte er sich und begann: »Die Frau …, hm, Äbtissin Cuimne, kam vor vier Tagen auf die Insel. Sie wohnte in unserem bruighean, dem Gasthaus, das Bé Bail führt. Das ist die Frau von Súilleabháin, dem Habichtsauge, einem Fischer von hier. Bé Bail ist für alles, was mit der Gastwirtschaft zusammenhängt, zuständig. Nicht, dass es viel zu tun gibt, nur wenige Menschen zieht es hierher.«

»Was hat Äbtissin Cuimne hier gewollt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Darüber hat sie nichts gesagt. Ich wusste ja nicht mal, dass sie Äbtissin war, hielt sie einfach für eine fromme Schwester, die bei uns eine Weile mit sich allein sein wollte. Du weißt doch am besten, wie es einem als Mitglied einer Gemeinschaft gehen kann. Manch einer sucht ein abgeschiedenes Plätzchen zur Meditation. Was sonst hätte sie hierher verschlagen sollen?«

»Ja, was sonst?«, wiederholte Fidelma seinen Gedanken und bat ihn fortzufahren.

»Sie äußerte gegenüber Bé Bail, sie würde abreisen, und das sollte gestern sein. Ciardhas Boot wurde um die Mittagszeit aus An Chúis erwartet. Nach dem Frühstück packte sie ihre Tasche und wollte sich noch eine Weile auf der Insel umsehen. Als sie bis Mittag nicht zurück war, Ciardhas Boot aber bereits wieder abgefahren war, benachrichtigte mich Bé Bail, man müsste nach dem Rechten schauen. Verlaufen kann sich hier kaum jemand, dafür ist die Insel nicht groß genug. Nach dem Mittag kam dann Buachella angelaufen …«

»Wer ist Buachella?«

»Ein junger Bursche, der Sohn von einem der Inselbewohner.«

»Bitte, fahr fort.«

»Der Junge hatte die Leiche der Äbtissin Cuimne unterhalb der Aill Tuatha entdeckt, das sind die Klippen an der Nordseite der Insel. Ich trommelte ein paar Männer zusammen und auch den Apotheker …«

»Den Apotheker? Ihr habt einen Apotheker hier auf der Insel?« Fidelma staunte.

»Corcrain. Er war früher Leibarzt bei den Eóghanacht von Locha Léin. Nach dem Tod seiner Frau verspürte er das Bedürfnis, sich auf die Insel hier zurückzuziehen. Das war vor einem Jahr. Jetzt gehört er zu unserer Gemeinde und steht mit seiner ärztlichen Kunst den Inselbewohnern zur Seite.«

»Ein paar Männer von der Insel, der Apotheker und du, ihr seid also dem jungen Burschen Buachalla gefolgt?«

»Ja, und haben die Leiche der Äbtissin am Fuße der Klippen gefunden.«

»Wie seid ihr da hinunter gekommen?«

»Das war nicht weiter schwierig. Es gibt unter den Klippen dort einen steinigen Uferrand. Ein leicht gangbarer Pfad führt nach unten. Er geht vielleicht eine halbe Meile abwärts bis zu der Felsengruppe, von der sie abstürzte. Just an der Absturzstelle aber ragen die Klippen besonders steil auf, und direkt darunter haben wir den Leichnam gefunden.«

»Hat Corcrain sie untersucht?«

»Selbstverständlich. Sie war tot. Wir haben sie zurück zu seiner Hütte getragen, wo er sie eingehender untersuchte. Er fand …«

»Ich werde nachher ohnehin mit dem Apotheker sprechen«, unterbrach sie ihn. »Er kann mir selbst erzählen, was er festgestellt hat. Eins hätte ich noch gern gewusst: Habt ihr euch das Umfeld genauer angesehen?«

»Wieso das?«, meinte er leicht irritiert.

Schwester Fidelma stöhnte innerlich auf.

»Als ihr den Leichnam gefunden hattet, was dann?«

»An dem, was geschehen war, gab es keine Zweifel. Äbtissin Cuimne war am Rand der Klippen entlanggewandert, gestrauchelt und hinabgestürzt. Habe ja gesagt, dreihundert Fuß in die Tiefe an der Stelle.«

»Und ihr habt weder oben noch unten die unmittelbare Umgebung einer sorgfältigen Prüfung unterzogen?«

»Ach, du meinst ihre Habseligkeiten?«, ging er mit einem schwachen Lächeln auf sie ein. »Das Wenige, was sie mit sich führte, hatte sie bei Bé Bail im Gasthaus gelassen. Ihr Gepäck bestand ohnehin nur aus einem kleinen Ranzen. Du wirst ja wissen, dass Nonnen nur wenig bei sich haben, wenn sie auf Reisen gehen. Wir hatten also keinen Grund, weitere Umschau zu halten. Im Übrigen ist sie bereits bestattet worden.«

Bei so viel Unbedarftheit, gepaart mit Überheblichkeit, verschlug es Fidelma nahezu die Sprache.

»Wo finde ich Corcrain, den Apotheker?«, fragte sie lediglich.

»Ich bring dich hin«, bot der bó-aire an und stand auf.

»Du brauchst mir nur die Richtung zu zeigen. Man kann sich hier ja nicht verlaufen«, fügte sie noch sarkastisch hinzu.

Er konnte nicht verhehlen, dass ihn ihre Bemerkung ärgerte. Mit diebischem Vergnügen nahm es Fidelma zur Kenntnis. Inselbewohner hielten beharrlich an alten Vorstellungen fest, und sie argwöhnte auch in seinem Fall, dass sein Auftreten etwas mit der Überheblichkeit gegenüber Frauen zu tun hatte.

Corcrains Hütte stand nur zweihundert Yard weiter weg. Sie war eine der geräumigen Steinbauten, die sich wie die Perlen eines Rosenkranzes auf der hügligen Insel aneinanderreihten. Die Hänge erhoben sich unmittelbar vom Ufer und schienen bis an die kammartigen Felswände zu reichen, die das Rückgrat der Insel bildeten und den bebauten Flächen natürlichen Schutz vor den heftigen Nordwinden boten.

Der Apotheker war an die sechzig, ein wettergebräunter Mann, der trotz seines leichten Körperbaus Energie ausstrahlte. Seine grauen Augen funkelten freundlich. »Du bist also die Brehon, die in aller Munde ist?«, begrüßte er sie mit einem arglosen Lächeln.

Fidelma erwiderte seine warmherzige Art.

»Eine Brehon bin ich nicht, nur Anwältin am Gerichtshof der Brehons. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen. Äbtissin Cuimne war nicht nur schlechthin Nonne. Sie war Schwester des Hochkönigs und Gesandte des Erzbischofs von Ard Macha. Das erklärt, warum Fathan, Stammesfürst der Corco Dhuibhne, sichergehen möchte, dass bei der Klärung des Vorfalls alles seine Richtigkeit hat. Der Bericht, der nach Tara und Ard Macha geschickt wird, muss makellos sein, andernfalls gibt er den Angehörigen und Mitschwestern der Äbtissin Anlass zu allen möglichen Vorstellungen und Erwägungen. Du verstehst gewiss, was ich meine.«

Corcrain nickte, wenngleich ihn ihre Ausführungen überraschten.

»Bist du gelernter Apotheker?«

»Ich war Apotheker und Leibarzt bei den Königen von Locha Léin.« Die Antwort kam sachlich und ohne jeden Anflug von Einbildung oder Eitelkeit.

»Was war die Todesursache der Äbtissin?«

»Schwer zu sagen bei der Vielzahl von Brüchen und Verletzungen, die bei einem Sturz aus dreihundert Fuß Höhe auf Felsgestein unvermeidlich sind.«

»Einzusehen. Sie ist deiner Meinung nach ausgerutscht und vom Felsrand gestürzt?«

»Sie ist vom Felsrand gestürzt«, präzisierte er.

Seine Wortwahl machte sie stutzig. »Wie soll ich das verstehen?«

»Ich bin kein Hellseher, Schwester. Ich kann nicht sagen, ob sie ausgerutscht ist, auch nicht, weshalb sie das Gleichgewicht verloren hat. Ich kann nur sagen, dass ihre Verletzungen bei einem Sturz aus solch einer Höhe kein Wunder waren.«

Fidelma sah dem Mann aufmerksam ins Gesicht. Hier war jemand, der seinen Beruf verstand und sich davor hütete, Auslegungen und Tatsachen zu vermischen.

»Und sonst gibt es nichts weiter Bemerkenswertes?«

Er rang mit sich und wich ihrem Blick aus.

»Es war mein Wunsch und Wille, mich auf eine ruhige Insel zurückzuziehen. Nach dem Tod meiner Frau habe ich meine Stellung als Arzt am Hof der Eóghanacht aufgegeben und bin hierhergekommen, wo ich in einer kleinen ländlichen Gemeinschaft leben und vergessen wollte, was draußen in der Welt geschieht.«

Fidelma wartete geduldig.

»Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, bis man mich hier akzeptiert hat. Ich möchte keinerlei Feindseligkeit mit den Inselbewohnern heraufbeschwören.«

»Und doch hast du kein gutes Gefühl bei dem Gedanken an Äbtissin Cuimne und wie sie zu Tode gekommen ist. Es gibt da etwas, das dir keine Ruhe lässt. Hast du mit dem bó-aire darüber gesprochen?«

»Mit Fogartach? Gott bewahre! Er ist einer von den Hiesigen. Außerdem ist mir dieses ›Etwas‹, wie du es nennst, erst aufgegangen, als sie den Leichnam hierherbrachten und ich eine eingehende Untersuchung vornahm.«

»Und was war dieses ›Etwas‹?«

»Genau genommen waren es zwei Auffälligkeiten, doch etwas Schlüssiges lässt sich weder von der einen noch der anderen ableiten.« Er schien seine Gedanken sortieren zu müssen, und Fidelma ließ ihm Zeit. »Fest umklammert in der rechten Hand hielt die Tote ein Stück von einer silbernen Kette. Das war das eine.«

»Kette?«

»Ja, eine schmale Kette aus Silber.« Er wandte sich um, griff nach einem kleinen Holzkästchen und öffnete es.

Was Fidelma zu sehen bekam, war ein Stückchen Kette, nicht länger als zwei Zoll, das von irgendwoher abgerissen war. Sie nahm es in die Hand und betrachtete es genauer. Irgendwelche Zeichen eines Kunsthandwerkers waren nicht ins Silber eingraviert. Es war die mittelmäßige Arbeit eines Einheimischen, der von seinem Handwerk nicht übermäßig viel verstand.

»Trug Äbtissin Cuimne weiteren Schmuck dieser Art? Von welcher Beschaffenheit war zum Beispiel ihr Kruzifix?«

»Ihr Kruzifix, das ich übrigens dem bó-aire übergeben habe, war viel edler, war aus Gold und Elfenbein. Ich könnte mir vorstellen, es ist im Auftrag von Edelleuten angefertigt worden.«

»Du würdest aber meinen, dass sie im Sturz ein abgerissenes Stück einer nicht sonderlich wertvollen Silberkette umklammert hielt?«

»Ja, das steht für mich fest.«

»Du sprachst von zwei Auffälligkeiten. Worin bestand die zweite?«

Es zuckte um seine Mundwinkel; er rang deutlich mit sich, ob und wie er es Schwester Fidelma sagen sollte.

»Bei einem Sturz wie dem ihren erwartet man Prellungen, Quetschungen …«

»Die Folgen von Stürzen dieser Art sind mir nicht unbekannt«, unterbrach ihn Fidelma, um ihn an weiteren Aufzählungen zu hindern.

»Nun ja, als ich den Leichnam untersuchte, fand ich ein paar Prellungen an den Schultern und am Hals, das heißt mehr am Nacken. Die Schwellungen waren alle von gleicher Art und Stärke, gänzlich anders, als sie ein Aufprall auf Felsen hervorrufen würde.«

»Worauf würdest du dann ihre Ursache zurückführen?«

»Es sah aus, als hätte jemand die Äbtissin vor ihrem Sturz mit starkem Griff von hinten gepackt gehabt.«

»Und wie deutest du das?«, fragte Fidelma erschrocken.

»Gar nicht. Das kommt mir nicht zu. Ich kann nicht sagen, wie die Druckstellen am Nacken und an den Schultern zustande gekommen sind. Ich kann nur berichten, was ich sehe. Möglicherweise stehen sie auch nicht im Widerspruch zu ihren sonstigen Verletzungen, aber ich habe da meine Zweifel.«

Fidelma steckte das abgerissene Stück Silberkette in ihren Lederbeutel, den sie an der Hüfte trug.

»Belassen wir es dabei, Corcrain. Hast du deinen Bericht für den bó-aire schon fertig?«

»Als ich erfuhr, dass ein Brehon vom Festland kommen würde, hielt ich es für besser, damit zu warten und erst mit ihm zu sprechen … oder, wie sich herausstellt, mit ihr.«

Sie äußerte sich nicht zu seiner hastigen Verbesserung, sondern bat ihn: »Ich würde gern die Stelle sehen, von der Äbtissin Cuimne hinabgestürzt ist.«

»Das ist nicht weit. Ich bring dich dorthin.«

Er griff nach einem Wanderstock aus Schwarzdorn und warf dann einen besorgten Blick auf Fidelmas Sandalen.

»Hast du nichts Derberes an Schuhwerk? Der Morast unterwegs dürfte den leichten Dingern wenig bekommen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Du hast eine gängige Schuhgröße«, stellte der Apotheker fest. Er ging zu einer Truhe und holte ein Paar klobige Schuhe aus ungegerbtem Leder mit einer dicken Sohle hervor, Schuhe von der Art, wie sie die Inselbewohner trugen. »Hier, zieh die an und erspar deinen zierlichen Schuhchen die Unwägbarkeiten der Insel.«

Schon wenige Minuten später stapfte Fidelma etwas unbeholfen, aber doch trockenen Fußes hinter Corcrain durch das Gelände.

»Hattest du Äbtissin Cuimne auch schon mal vor ihrem tödlichen Unfall zu Gesicht bekommen?«, fragte Fidelma und keuchte ein wenig, als sie versuchte, hügelan mit dem Tempo ihres Anführers Schritt zu halten.

»Die Insel ist klein, da geht man sich kaum aus dem Wege. Ja, ich habe sie gesehen und auch mehrmals mit ihr gesprochen.«

»Weißt du, was sie hierhergeführt hat? Der bó-aire hat nicht einmal gewusst, dass sie eine Äbtissin war, und hat sie für eine einfache Nonne gehalten, die auf der einsamen Insel hier fernab von allem Treiben Zuflucht gesucht hat, um in aller Ruhe meditieren zu können.«

»Den Eindruck hatte ich nicht. Im Gegenteil, sie hat mir erzählt, dass sie in einer bestimmten Angelegenheit, die etwas mit der Insel zu tun habe, Nachforschungen betreibe. Einmal hat sie was Merkwürdiges gesagt …« Er krauste die Stirn und musste in seiner Erinnerung graben. »Das hatte was mit dem Bischof von An Chúis zu tun. Sie hoffte, eine Wette zu gewinnen, die sie mit Bischof Artagán abgeschlossen hatte.«

Fidelma machte große Augen vor Verwunderung.

»Eine Wette? Hat sie sich näher darüber ausgelassen?«

»Ich glaube, es hatte etwas mit ihren Nachforschungen hier zu tun.«

»Aber was sie herauszufinden suchte, weißt du nicht?«

Er schüttelte den Kopf.

»Sie war nicht gerade mitteilsam, eher zurückhaltend. Ich kann mir gut vorstellen, dass der bó-aire nicht mitbekommen hat, wer sie wirklich war. Auch ich habe es nicht gewusst, wenngleich ich mir denken konnte, dass sie keine einfache Nonne war.«

»Nachforschungen?«, grübelte Fidelma.

Er nickte. »Wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, was es hier zu forschen gäbe.«

»War sie bestrebt, mit irgendjemand auf der Insel in Kontakt zu kommen?«

Der Apotheker überlegte. »Mit Congal, zum Beispiel.«

»Congal? Wer ist das?«

»Ein Fischer von Beruf. Aber er ist außerdem der ortskundige seanchafí, der Geschichtenerzähler der Insel, der alles über ihre Vergangenheit weiß.«

»Sonst noch jemand?«

»Sie hat auch Pater Patrick aufgesucht.«

»Wen?«

»Pater Patrick, unseren Priester hier.«

Sie waren am Rand der Klippen angelangt. Fidelma musste allen Mut zusammennehmen – so dicht am Rande eines urwüchsigen, sturmgepeitschten Abgrunds zu stehen war ihr zuwider.

»Genau unter dem Klippenrand hier haben wir sie gefunden«, erklärte Corcrain und wies auf die Stelle.

»Woher kannst du das so genau sagen?«

»Der vorstehende Felsbrocken dort ist ein markanter Punkt.« Er zeigte mit der Spitze seines Wanderstabs auf eine Felsnase.

Fidelma bückte sich und suchte eingehend den Boden in der unmittelbaren Umgebung ab.

»Wonach hältst du Ausschau?«

»Könnte ja sein, das restliche Stück Kette liegt hier irgendwo. Ich weiß selbst nicht so recht.«

Sie hielt inne, denn ihr Blick fiel auf einen Flecken, wo der Stechginster umgeknickt und das Gras niedergetreten war. Auch deutliche Abdrücke von Schuhen konnte sie in dem weichen, matschigen Boden erkennen, die trotz des Nieselregens noch nicht verwischt waren. Einzelheiten ließen sich nicht auf Anhieb ausmachen, doch so viel war klar, hier hatte mehr als einer gestanden.

»Du bist sicher, dass es diese Stelle war, von der sie hinuntergestürzt ist?«

Er nickte.

In Fidelmas Gesicht arbeitete es. Aus dem, was sie vor sich sah, konnte man schließen, dass es nicht nur eine Person war, die zwei Yard von dem Fleck, an dem sie jetzt stand, den Pfad verlassen hatte und hier am äußersten Klippenrand stehen geblieben war. Daraus wiederum ergab sich ein anderer, weit wichtigerer Punkt: Wenn Äbtissin Cuimne dem Trampelpfad gefolgt war, der, wie gesagt, keine zwei Yard weiter verlief, konnte man sich schwerlich vorstellen, dass sie rein zufällig ausgerechnet an dieser Stelle abgestürzt sein sollte. Wenn sie hier den Halt verloren hatte, dann nur, weil sie bewusst vom Weg abgewichen, über Stechginster oder anderes Gestrüpp gestolpert und folglich gestürzt war. Sollte es aber kein Unglücksfall gewesen sein, was konnte sich sonst abgespielt haben?

Was den Klippenrand betraf, so ließ Fidelma noch ein anderer Gedanke keine Ruhe. Nur wollte sie sich nicht zu weit vorwagen, um selbst drüberzuschauen, denn sie schreckte vor freien Höhen ohne Geländer zurück.

»Kommt man hier irgendwie anders herunter?«, fragte sie Corcrain.

»Da müsste man schon eine Bergziege sein. Nein, es wäre viel zu gefährlich. Nicht dass ich damit sagen will, es wäre völlig unmöglich, hinunterzugelangen. Wer ein guter Kletterer ist und Erfahrung mit solchen unzugänglichen Stellen hat, könnte den Versuch wagen. Auf der Vorderseite des Abhangs gibt es etliche Höhlengebilde; vor einiger Zeit waren schon mal Leute vom Festland hier und wollten sie erforschen.«

»Von hier aus?«

»Nein. Etwa dreihundert Yard weiter vorn. Aber der bó-aire hat es nicht zugelassen, weil er meinte, es wäre zu gefährlich. Das war vergangenes Jahr.«

Fidelma streifte ihren wollenen Umhang von den Schultern, der sie vor dem feuchtkalten Niederschlag aus den grauen Wolken schützen sollte, und breitete ihn vor sich zum Klippenrand hin aus. Dann ließ sie sich auf die Knie nieder, streckte sich aus dieser Position bäuchlings hin und robbte vor an den Rand, um vorsichtig hinunterzuspähen. Es war, wie der Apotheker gesagt hatte, nur ein geübter Kletterer oder eine Bergziege würden von dieser Stelle einen Abstieg gewagt haben. Ein Schauder überkam sie, als sie auf den felsigen Ufergrund dreihundert Fuß unter sich starrte.

Sie stand wieder auf, strich den Umhang glatt und fragte Corcrain: »Wo finde ich diesen Congal?«

Congal war ein großer Mann. Er hatte einen Teller mit einer riesigen Portion Fisch und einem gekochten Entenei vor sich. Obwohl er am Tisch saß und speiste, steckte er in seiner Fischerkluft; er hielt es nicht für nötig, die Sachen abzulegen, wenn er seinen bothán betrat. Sein massiger Körperbau wurde durch diese Ausstaffierung zusätzlich betont. Seine schwieligen Hände glichen Pranken.

»Eine traurige Geschichte«, stimmte er Schwester Fidelma zu, die ihm gegenüber an dem sauber gescheuerten Tisch aus Kiefernholz saß. Sie tat sich an einer Schale süßen Mets gütlich, die er ihr als Geste der Gastfreundschaft angeboten hatte. »Die Frau hatte noch eine gute Lebensspanne vor sich, aber wenn man sich nicht mit dem felsigen Grund auskennt, sollte man dort besser nicht spazierengehen.«

»Soviel ich weiß, betrieb sie hier irgendwelche Nachforschungen.«

Er runzelte die Stirn.

»Nachforschungen?«

»Sie soll auch mit dir mehrfach gesprochen haben.«

»Kein Wunder, dass sie das tat. Bin schließlich der seanchafí hier. Kenne sämtliche Legenden und Geschichten der Insel«, erklärte er nicht ohne Stolz. Kein Inselbewohner, der sich nicht stolz und selbstbewusst gab, fand Fidelma. Sie hatten ja auch sonst nichts, also verwiesen sie auf das wenige, dessen sie sich rühmen konnten.

»Geschichten aus alten Zeiten? Zeigte sie dafür eine Vorliebe?«

»Ich würde sagen, ja.«

»Ging es ihr dabei um ein besonderes Thema oder eine besondere Geschichte?«

Unschlüssig wiegte er den Oberkörper hin und her.

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Was wollte sie hören?«

»Och, einfach Geschichten aus vergangenen Zeiten, als die Druiden von Iarmuma auf die Priester Christi Jagd machten und sie töteten. Und das ist ja schon ewig her, trug sich zu, noch bevor der heilige Patrick an unsere Ufer kam.«

»Und du hast ihr ein paar Geschichten erzählt?«

Er nickte. »In den heidnischen Zeiten fanden viele Priester Christi auf dieser Insel eine Zuflucht. Als die Mannen des Königs von Iarmuma die Kirchen und Gemeinden niederbrannten, flohen sie hierher.«

Die Auskunft half Schwester Fidelma nicht weiter. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Äbtissin Cuimne auf diese Art Geschichten aus gewesen war. Als Gesandte des Erzbischofs oblag ihr, wie Fidelma wusste, die Verantwortung für eine einheitliche Gottesdienstordnung in Irland.

»Keine Legende, die sie besonders gern hörte?«, versuchte es Fidelma noch einmal.

»Keine.«

Betonte Congal seine Antwort zu entschieden? Wie immer, wenn sie das Gefühl hatte, irgendetwas stimmte nicht, oder wenn jemand mit der vollen Wahrheit hinterm Berg gehalten hatte, spürte Schwester Fidelma ein unangenehmes Kribbeln im Nacken.

Bei ihrer Rückkehr in die Hütte des bó-aire nahm sie sich den Lederranzen vor, der die persönliche Habe der Äbtissin enthielt. Dabei kamen natürlich auch ganz intime Dinge zum Vorschein. Sie ließen Rückschlüsse auf eine Frau zu, die durchaus eitel gewesen war. Es fanden sich einige Kosmetika, ein Krüglein mit Parfüm, ihr Rosenkranz und schließlich ihr Kruzifix – eine großartige Arbeit aus Elfenbein und Gold, die mehr auf Rang und Würde als Schwester des Hochkönigs hinwies als auf ihre Rolle als demütige Nonne. Die Perlen am Rosenkranz waren aus Elfenbein. Auch Kleidungsstücke gehörten zum Inhalt des Ranzens, einem Lederbeutel, wie ihn Mönche und Nonnen unterwegs auf Reisen und Wallfahrten über der Schulter trugen.

Sorgsam ging Schwester Fidelma alle Gegenstände ein zweites Mal durch, erst dann begriff sie, was sie beunruhigte.

»Bist du sicher, Fogartach, dass das hier wirklich alles ist, was Äbtissin Cuimne auf ihrer Reise mithatte?«

Der junge Schiedsmann bestätigte das mit heftigem Kopfnicken, und das gab Fidelma zu denken. Wenn sich die Äbtissin auf der Insel aufgehalten hatte, um irgendwelche Nachforschungen zu betreiben, dann musste sie doch etwas bei sich gehabt haben, um sich Notizen zu machen. Wo, zum Beispiel, war das kleine Missale, das die meisten Nonnen in gehobener Stellung bei sich führten? Vor über hundert Jahren, als irische Mönchen und Nonnen als Missionare in alle Welt auszogen, mussten sie die liturgischen und religiösen Traktate mit auf den Weg nehmen. Das machte es notwendig, Schriften dieser Art so klein zu halten, das man sie in eigens dafür vorgesehenen Lederranzen, den sogenannten tiag liubhar, unterbringen konnte. Mönche, die als Kopisten solcher Bücher tätig waren, begannen folglich, Abschriften in kleinerem Format anzufertigen. Bis auf den heutigen Tag hatten fast alle des Lesens und Schreibens kundigen Mitglieder der Kirche ähnliche Büchlein bei sich. Schwer vorstellbar, dass die Äbtissin nicht einmal ein Messbuch mitgehabt haben sollte.

Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Tischplatte. Wenn sich die Antwort auf das Rätsel nicht auf der Insel finden ließ, dann vielleicht in der Wette mit Artagán, dem Bischof von An Chúis auf dem Festland. Rasch fasste sie einen Entschluss und teilte Fogartach, der sie erwartungsvoll beobachtet hatte, mit: »Ich brauche ein Boot, das mich sofort aufs Festland nach An Chúis schafft.«

Der junge Mann starrte sie überrascht an.

»Bist du hier fertig, Schwester?«

»Das nicht. Aber ich muss so schnell wie möglich mit einer bestimmten Person in An Chúis sprechen. Das Boot muss dort auf mich warten, so dass ich noch am Nachmittag hierher zurückkehren kann.«

Erstaunt erhob sich Bischof Artagán, als Schwester Fidelma in der Abtei von An Chúis sein Arbeitszimmer betrat, nachdem ein Mitglied seines Ordens sie in aller Form angekündigt hatte. Er hatte hier seinen Sitz und lenkte und leitete von dieser Stelle aus die Priesterschaft der Corco Dhuibhne.

»Ich muss dir einige Fragen stellen, Bischof«, verkündete sie, kaum dass die Vorstellungszeremonien erledigt waren.

»Als dálaigh im Rechtswesen steht dir das zu, also frage«, erklärte der Bischof, ein Mann mit schlaffem, ein wenig nervös wirkendem Gesicht, dessen Alter schwer zu schätzen war. Er hatte ihr einen Sitz am wärmenden Feuer angeboten und seine Gastfreundschaft mit heißem Met bewiesen.

»Äbtissin Cuimne …«, begann sie.

»Ich habe die traurige Nachricht vernommen«, unterbrach er sie. »Sie ist zu Tode gestürzt.«

»Richtig. Doch bevor sie auf die Insel reiste, weilte sie hier in der Abtei, nicht wahr?«

»Sie blieb zwei Nächte, wartete auf ruhige See, um zur Insel zu gelangen«, bestätigte er.

»Die Insel liegt in deinem Zuständigkeitsbereich?«

»Ja.«

»Was trieb die Äbtissin auf die Insel? Man spricht davon, sie hätte mit dir eine Wette abgeschlossen über etwas, was sie auf der Insel ausfindig machen würde.«

Müde verzog Artagán das Gesicht.

»Es war eine sinnlose Jagd, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Ich war mit meiner Wette auf der sicheren Seite.«

»Vielleicht kannst du mir das näher erklären«, verlangte Fidelma, die seine Antwort verdutzte.

»Äbtissin Cuimne war eine starke Persönlichkeit. Das war nicht weiter verwunderlich, schließlich ist sie … war sie die Schwester des Hochkönigs. Sie verfügte über mannigfaltige Talente. Nicht umsonst hat der Erzbischof von Armagh sie als seine persönliche Gesandte ernannt. Als solche sollte sie in den Klöstern und Kirchen von Éireann einheitliche Regeln für die Feier der heiligen Messe durchsetzen. Ich bin ihr nur zwei Mal begegnet. Einmal auf der Synode zu Cashel und dann jetzt, als sie hier blieb, bevor sie auf die Insel übersetzte. Sie vertrat Ansichten, die es einem schwermachten, mit ihr darüber zu debattieren.«

»Wie meinst du das?«

»Hast du schon mal von der Legende vom Reliquiar des heiligen Palladius gehört?«

»Erzähl«, forderte sie ihn auf und überspielte so ihre Verwirrung.

»Wie du weißt, war vor zweieinhalb Jahrhunderten die christliche Gemeinde in Éireann sehr klein und vergrößerte sich nach dem Willen Gottes, als die Menschen sich dem Wort Christi zuwandten. Damals hatten sie zahlenmäßig so zugenommen, dass sie Vertreter in die heilige Stadt Rom schickten, um Papst Coelestin, den ersten des Namens, der auf dem Thron von Peter, dem Jünger Christi, saß, zu bitten, ihnen einen Bischof zu senden. Sie wollten jemand haben, der sie unterweisen würde, wie man den Vorstellungen des Lebendigen Gottes richtig folgen könnte. Coelestin ernannte einen Mann namens Palladius als den ersten Bischof für die Iren, die sich zu Christus bekannten.«

Artagán machte eine Pause, ehe er fortfuhr.

»Es gibt zwei Versionen der Geschichte. In der ersten heißt es, Palladius wäre auf dem Weg nach Éireann in Gallien erkrankt und dort gestorben. In der zweiten erreichte Palladius unsere Ufer und unterwies auch die Iren, wurde dann aber von einem erzürnten Druiden, der in den Diensten des Königs von Iarmuma stand, hinterrücks ermordet.«

»Beide Versionen sind mir bekannt«, meinte Schwester Fidelma. »Nach Palladius’ Tod wurde der heilige Patrick, der damals in Gallien studierte, zum Bischof in Irland ernannt und kehrte somit in das Land zurück, in dem man ihn einst als Geisel festgehalten hatte.«

»Du hast vollkommen recht«, stimmte ihr Artagán zu. »In den Jahren nach Palladius’ Tod entstand dann eine Legende: Die sterblichen Überreste des Heiligen kamen in ein Reliquiar, in ein Kästchen mit einem dachähnlichen Deckel von etwa sechs Zoll Länge, vier Zoll Breite und zwei Zoll Höhe. Solche Reliquiare sind meist aus Holz, oft Eibe, innen mit Blei ausgekleidet und außen vergoldet und reich verziert mit einer Kupferlegierung, Blattgold, Bernstein und Glasperlen. Wunderschön gefertigte Stücke.«

Schwester Fidelma nickte, wenngleich eher ungeduldig. In den großen Abteien von Éireann hatte sie mehr als genug solcher kostbaren Arbeiten gesehen.

»Der Legende nach wurden ursprünglich die sterblichen Überreste von Palladius in Cashel aufbewahrt, dem Sitz der Eóghanacht-Könige von Munster. Vor etwa zweihundert Jahren kam es dann zu einer Wiederbelebung der Glaubensauffassungen der Druiden in Iarmuma. Der König von Iarmuma griff die alte Religion auf, und es begann eine unbarmherzige Verfolgung der christlichen Gemeinden. Cashel wurde gestürmt, doch die Reliquie wurde aufs Land in Sicherheit gebracht. Man schickte sie von Ort zu Ort, bis die sterblichen Überreste unseres ersten Bischofs schließlich auf die Inseln geschafft wurden, um sie vor dem wütenden Treiben zu bewahren. Dort verschwanden sie dann.«

»Erzähl weiter«, drängte ihn Fidelma, als er schwieg.

»Überleg mal selbst. Was für ein Aufsehen würde es erregen, wenn wir nach all den Jahren die sterblichen Überreste des ersten Bischofs von Éireann entdeckten! Der Ort, an dem sie angeblich ruhen, würde zu einem einzigartigen Wallfahrtsort werden, man würde eine prächtige Abtei dort errichten, die die Menschen aus aller Welt anziehen würde …«

»Willst du damit sagen, Äbtissin Cuimne hätte sich zur Insel aufgemacht, um das Reliquiar des Palladius zu suchen?«

Bischof Artagán nickte.

»Sie berichtete mir, dass sie in der berühmten Bibliothek von Ard Macha auf alte Manuskripte gestoßen sei, aus denen hervorging, man hätte seinerzeit die Reliquie auf einer der dem Festland der Corco Dhuibhne vorgelagerten Inseln in Sicherheit gebracht. Die Manuskripte wollte sie mir nicht zeigen. Angeblich enthielten sie Hinweise auf diesen Ort. In einer alten Handschrift sei die Rede davon gewesen, dass während der Verfolgungen unter dem König von Iarmuma Priester auf die Inseln geflohen wären, nur meine ich, wir wüssten davon, wenn die heilige Reliquie dort gelandet wäre«, schloss er seine Ausführungen abschätzig.

»Du konntest dich also nicht der Auffassung von Äbtissin Cuimne anschließen, dass sich die Reliquie auf der Insel befindet?«, fragte Fidelma.

»Das konnte ich nicht, nein. Ich habe mich selbst eingehender mit der Geschichtsperiode beschäftigt. Palladius starb in Gallien. Das steht fest, die meisten Berichte sagen es so und nicht anders.«

»Bist du deshalb der Meinung, die Äbtissin sei auf eine sinnlose Jagd gegangen?«

»Ja. Die sterblichen Überreste des Palladius haben das Wüten der Zeit unmöglich überdauert. Wenn doch, dann wären sie in Gallien zu finden, nicht hier. Ich konnte die Äbtissin nicht von ihrer Auffassung abbringen. Ich hab dir ja gesagt, sie war hartnäckig, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.« Er krauste die Stirn. »Was aber hat all das mit deinen Erkundungen zu ihrem Tod zu tun?«

Schwester Fidelma erhob sich mit einem verbindlichen Lächeln.

»Ich wollte mich nur vergewissern, was sie bezweckte, als sie auf die Insel ging.«

Die ganze Zeit während der schwankenden Rückfahrt auf rauer See hockte Schwester Fidelma im Boot und dachte angestrengt nach. Aus dem, was sie gerade erfahren hatte, ergab sich doch ganz logisch, dass Äbtissin Cuimne mit Congal, dem seanchafí, über das Reliquiar des Palladius gesprochen haben musste. Warum hatte der Fischer darüber geschwiegen? Was versuchte er zu verbergen? Sie beschloss, sich zunächst nicht weiter mit Congal zu beschäftigen, sondern unmittelbar nach ihrer Rückkehr mit dem Priester der Insel, mit Pater Patrick zu sprechen.

Pater Patrick war ein alter Mann, mindestens Mitte, wenn nicht Ende der achtzig. Ein kleines Häuflein Mensch, das die stürmischen Winde auf der Insel leicht hinwegfegen konnten. Pergamentähnliche Haut umspannte die Knochen, auf denen kaum noch Fleisch war, und seine hager hervorstechenden Knöchel. Spärliche Strähnen weißen Haares umgaben seinen Kopf. Unter den tief hängenden Brauen blickten Fidelma blasse Augen von schwer zu deutender Farbgebung an.

Pater Patrick saß in einem an das Feuer gerückten Lehnstuhl; der gebrechliche Körper war in einen dicken wollenen Umhang gehüllt, der an dem dürren Hals mit einer Brosche zusammengehalten wurde. Und doch hatte Fidelma das Gefühl, es trotz Alter und Gebrechlichkeit mit einer starken und dynamischen Persönlichkeit zu tun zu haben.

»Erzähl mir über das Reliquiar des Palladius«, eröffnete sie ohne weitere Vorbereitung das Gespräch. Es war ein Schuss ins Ungewisse, aber er traf.

Das Gesicht von Pater Patrick blieb unbeweglich, nur die Augen blitzten einen Moment überrascht auf. Fidelma entging die ungewollte Regung nicht.

»Was weißt du von der alten Legende?«

Die kratzige Stimme war so gleichförmig, dass Fidelma ihre Schwierigkeiten hatte, eine innere Anteilnahme herauszuhören, und doch schwang da etwas mit. Was war es?

»Ist es wirklich eine Legende, Pater?«

»Es gibt viele alte Legenden hier, meine Tochter.«

»Mag sein, aber Äbtissin Cuimne hielt diese eine für wahr. Dem Bischof der Corco Dhuibhne hatte sie gesagt, sie würde das Reliquiar ausfindig machen und die Insel nicht eher verlassen.«

»Und nun ist sie tot«, stellte der alte Priester nicht ohne einen Anflug von Trauer fest. »Möge sie in Frieden ruhen.«

Fidelma wartete, doch er äußerte sich nicht weiter.

»Das mit der Reliquie …«, nahm Fidelma den Faden wieder auf.

»Dem Gerede der Leute nach zu urteilen, ist es nur eine Legende, und das wird es auch bleiben.«

»Sie ist also nicht auf der Insel?«

»Kein Inselbewohner hat sie jemals gesehen.«

Sie schürzte die Lippen im Bemühen, ihre Verärgerung hinunterzuschlucken. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, Pater Patrick führte sie an der Nase herum. Aufgeben durfte sie nicht.

»Äbtissin Cuimne hat dich wiederholt aufgesucht, um sich mit dir zu unterhalten. Worüber habt ihr gesprochen?«

»Über Sagen, Lieder, Feste der Leute hier.«

»Über die Reliquie?«

»Über die Legende von der Reliquie«, verbesserte er sie nach kurzem Nachdenken.

»Sie glaubte, dass die Reliquie sich hier auf der Insel befände, nicht wahr?«

»Das glaubte sie, ja.«

»Aber dem ist in Wahrheit nicht so?«

»Du kannst jeden Inselbewohner hier fragen, ob er sie je gesehen hat oder etwas von ihrem Verbleib weiß.«

Ungeduldig stöhnte sie auf. Ein weiteres Mal war er ihrer Frage ausgewichen. Er würde einen guten Richter abgeben, geschickt wie er sich in Rede und Gegenrede gab.

»Nun gut. Vielen Dank, dass du mir deine Zeit geopfert hast, Pater.«

Sie war im Begriff, die Klause des Priesters zu verlassen, als sie auf der Schwelle Corcrain, dem Apotheker in die Arme lief.

»Wie krank ist Pater Patrick?«, fragte sie ihn ohne Umschweife.

»Pater Patrick ist alt und gebrechlich«, erwiderte der Apotheker. »Ich fürchte, er wird das Frühjahr nicht mehr erleben. Zweimal hatte er schon Probleme mit dem Herzen, und es wird ständig schwächer.«

»Wie schwach?«

»Zweimal wollte es schon nicht mehr mitmachen, ein drittes Mal dürfte es das Ende bedeuten.«

»Der Bischof würde doch aber einen so alten Mann wie ihn ohne weiteres von seinen Pflichten entbinden. Dann könnte er die letzten Tage in Ruhe auf dem Festland in angenehmer Umgebung in einem Kloster verbringen.«

»Natürlich wäre das möglich. Nur müsste es jemandem gelingen, Pater Patrick davon zu überzeugen, sich von der Insel zu trennen. Vor sechzig Jahren ist er als junger Mann hierhergekommen und hat die Insel seither nie verlassen. Er ist ein alter Dickschädel. Er betrachtet die Insel als sein ihm verliehenes Lehen. Für jeden einzelnen Inselbewohner fühlt er sich persönlich verantwortlich.«

Bei Schwester Fidelmas zweitem Besuch bei Congal begegnete ihr der seanchafí mit Argwohn.

»Was genau wollte Äbtissin Cuimne über die Reliquie des Palladius wissen?« Die Frage traf ihn unvorbereitet, und er sperrte den Mund auf. »Sie wusste, dass sie sich auf der Insel befand, nicht wahr?«, fuhr Fidelma unbeirrt fort und ließ ihm kaum Gelegenheit, tiefer nachzudenken.

Er presste die Lippen zusammen.

»Sie glaubte es jedenfalls«, erwiderte er schließlich.

»Warum ein Geheimnis daraus machen?«

»Geheimnis?«

»Wenn die Reliquie auf der Insel ist, warum hält man das so geheim?«

Verunsichert rutschte der Bär von Mann hin und her. »Hast du mit Pater Patrick gesprochen?«, fragte er mürrisch.

»Ja.«

Ihre Antwort machte ihn nicht gerade glücklich. Er zögerte von neuem und gab sich dann einen Ruck.

»Wenn Pater Patrick mit dir gesprochen hat, weißt du ja Bescheid.«

Dass sie von Pater Patrick praktisch nichts erfahren hatte, behielt sie für sich.

»Weshalb macht man aus der Tatsache, dass sich die Reliquie auf der Insel befindet, ein Geheimnis?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Weil es die Reliquie des Palladius ist. Es geht um die Gebeine des ersten Bischofs, der den Iren ernannt wurde, die an Christus glaubten, es geht um die sterblichen Überreste des Heiligen, der uns aus der Dunkelheit ins Licht der Christenheit führte. Sag doch selbst, Schwester Fidelma, was würde passieren, wenn allgemein bekannt werden würde, dass sich seine sterblichen Überreste hier auf dieser Insel befinden? Stell dir mal die Heerscharen von Pilgern vor, die herbeiströmen würden, oder die großen Bauten, die hier entstehen würden und alles, was damit zusammenhängt. Nicht lange, und Menschen aus aller Welt kämen her und würden uns unseren Frieden nehmen. Ehe wir uns versehen, würde unsere kleine Gemeinschaft hinweggeschwemmt oder zerstreut werden. Es ist besser, wenn niemand etwas davon erfährt. Selbst ich habe das Heiligtum nie gesehen und weiß auch nicht, wo es verborgen ist. Nur Pater Patrick …«

Congal schaute Schwester Fidelma an und deutete den überraschten Ausdruck in ihrem Gesicht auf seine Weise.

»Hat dir Pater Patrick gesagt …? Was genau hat er dir gesagt?«, wollte er wissen und beobachtete sie argwöhnisch.

An der Tür klopfe es heftig, und ehe Congal darauf reagieren konnte, steckte schon der junge bó-aire den Kopf hinein. Er war sichtlich erregt.

»Ah, Schwester, da bist du ja. Corcrain, der Apotheker, bittet dich, sogleich zu Pater Patrick zu kommen. Es steht schlecht um ihn, aber er wünscht dich zu sprechen.«

Corcrain erwartete sie an Pater Patricks Tür.

»Ich fürchte, er macht es nicht mehr lange. Kurz nachdem du gegangen warst, erlitt er den dritten Herzanfall, mit dem man rechnen musste. Er verlangt nach dir, will dich ohne Beisein eines anderen sehen. Ich warte draußen, falls ich gebraucht werde.«

Der alte Mann lag im Bett, die Haut auf dem matten Gesicht zeigte einen bläulichen Schimmer. Die Lider flackerten unstet, und wieder diese farblosen, blassen Augen.

»Du weißt es, meine Tochter, nicht wahr?«

Sie beschloss, bei der Wahrheit zu bleiben.

»Ich ahne es«, verbesserte sie.

»Wie auch immer, ich muss mit Gott meinen Frieden schließen. Besser, du weißt die Wahrheit, als dass ich dahinscheide und die Erinnerung an mich von einem Verdacht beschattet wird.«

Er machte ein lange Pause.

»Die Reliquie ist hier. Priester, die vor über zweihundertfünfzig Jahren vor König Iarmumas Kriegern flohen, brachten sie hierher und versteckten sie in einer Höhle. Seit Generationen weiß nur der jeweilige Priester der Insel um das Geheimnis und auch, um welche Höhle es sich handelt, und gibt sein Wissen schließlich an seinen Nachfolger weiter. Zuweilen geschah es, dass die Insel ohne Priester war, dann wurde ein Inselbewohner ins Vertrauen gezogen. So war gewährleistet, dass das sorgsam gehütete Geheimnis von Generation zu Generation überliefert wurde. Ich kam vor sechzig Jahren als junger Priester hierher und wurde von meinem Vorgänger, dessen Amt ich übernehmen sollte, eingeweiht.«

Wieder musste er eine Pause machen, um mehrfach tief Atem zu schöpfen.

»Dann tauchte Äbtissin Cuimne auf. Eine äußerst kluge Frau. Sie war auf Beweismaterial gestoßen. Sie ging zu Congal, um mit Hilfe der Legenden mehr zu erfahren; er kennt eine Menge, nur wo die Reliquie liegt, weiß er nicht. Er hat versucht, sie von weiteren Nachforschungen abzuhalten und ihr das meiste vorenthalten, was fast einer Lüge gleichkam. Dann suchte sie mich auf. Zu meinem Entsetzen hatte sie ein Stück Pergament mit verschiedenen Notizen, geschrieben von keinem geringeren als dem heiligen Patrick. Als Palladius starb, hatte der Papst ihn zu dessen Nachfolger ernannt und als Bischof zu den Iren geschickt. Das Pergament enthielt eine Landkarte mit eingezeichneten Hinweisen, die für einen Uneingeweihten nutzlos waren, aber für einen, der wusste, was er suchte, Aufschluss gaben über das Wo und Wohin.

Äbtissin Cuimne hatte von allerlei Legenden gehört, fand in der berühmten Bibliothek von Ard Macha in einer alten Handschrift des heiligen Patrick das Schriftstück und reimte sich die Dinge klug zusammen.«

»Und du hast versucht, sie von weiteren Nachforschungen abzuhalten?«

»Ich habe alles daran gesetzt, sie davon zu überzeugen, dass Legenden nicht unbedingt auf Wahrheit beruhen. Aber sie ließ sich nicht beirren.«

»Und dann?«

»Dann sprach ich mit ihr ganz offen. Ich beschwor sie, der Insel die Folgen zu ersparen, die eine Verlautbarung der Nachricht, dass hier das Reliquiar verborgen ist, nach sich ziehen würde. Ich wies sie auf die drohenden Gefahren für die Gemeinde hin. Ich wusste, was da auf uns zukommen würde. Du hast selbst Vorstellungskraft genug, Schwester Fidelma. Überleg mal, was bei einer Verbreitung einer solchen Nachricht aus dieser friedlichen kleinen Insel werden würde, aus dieser mit sich zufriedenen kleinen Gemeinde.«

»Könnte man das Reliquiar nicht von der Insel schaffen? Zum Beispiel nach Cashel oder sogar nach Ard Macha?«

»Damit würde die Insel des heiligen Schutzes verlustig gehen, den sie als Ruhestätte für die geheiligten Gebeine genießt. Nein. Die Reliquie wurde aus gutem Grund hierhergebracht, und hier muss sie auch bleiben.«

Die letzten Sätze hatte der alte Priester mit aller Entschiedenheit gesprochen. Es hatte ihn Kraft gekostet, und er schwieg eine Weile.

»Ich habe ihr auszumalen versucht, was für ein Unglück das wäre«, nahm er wieder das Wort. »Wir haben doch oft genug gesehen, wie es anderen Gemeinden ergangen ist, wenn bei ihnen unerwartet Reliquien ans Tageslicht befördert wurden oder man irgendwelche Wunder gesehen haben wollte. Riesige Abteien wurden gebaut und Schreine errichtet. Kleine Gemeinschaften gingen zugrunde. Kleine fromme Wallfahrtsorte wurden über Nacht zu auf Gewinn bedachten Unternehmen. Zerstörung sondergleichen. Alles Dinge, die unser Heiland verabscheute. War er es doch, der die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel verjagte! Wie würde er da erst heute gegen die vorgehen, die seine Lehre nutzen, um schnöden Gewinn daraus zu schlagen? Nein, eine solche Zukunft möge unserer Insel erspart bleiben. Das würde unseren Lebenswandel und unser ganzes Denken und Fühlen zunichte machen.«

Erneut hatte sich seine Stimme zu voller Kraft aufgeschwungen.

»Was hast du getan, als die Äbtissin deine Vorhaltungen missachtete?«, fragte Schwester Fidelma und blieb ruhig.

»Anfangs hoffte ich noch, sie würde die Zeichen nicht richtig deuten können, die den Weg zum Fundort wiesen. Doch sie konnte es. Es war an dem Morgen des Tages, an dem sie abreisen wollte …«

Er brach ab, verzog das Gesicht vor Schmerz und rang nach Luft. Fidelma wollte schon den Apotheker rufen, aber er wehrte ab. Sie wartete geduldig, bis er schließlich weitersprach.

»Rein zufällig sah ich Äbtissin Cuimne auf dem Pfad, der nach Aill Tuatha, der Nordklippe, führt. Ich folgte ihr und hoffte im Stillen, sie hätte nicht ein bestimmtes Ziel im Auge. Aber sie wusste, wohin sie wollte.«

»Ist dort die Reliquie verborgen? In einer der Höhlen an der Felswand Aill Tuatha?«

Er nickte ergeben.

»Die Äbtissin begann hinunterzuklettern. Sie hatte es sich leicht vorgestellt. Ich versuchte, sie zurückzuhalten, warnte sie vor den Gefahren.«

Wieder schwieg er. Die wässrigen Augen verrieten tiefe innere Bewegung.

»Bald werde ich vor meinem Gott stehen. Auf der Insel gibt es keinen anderen Priester. Ich muss meinen Frieden mit dir schließen, meine Tochter. Was ich jetzt sage, ist das, was ich zu bekennen habe. Verstehst du?«

Zwei Seelen kämpften in ihrer Brust. Sie musste sich entscheiden zwischen ihrer Rolle als Anwältin beim Gericht der Brehons und der als Mitglied eines religiösen Ordens, womit sie zur Wahrung des Beichtgeheimnisses verpflichtet war.

»Ich verstehe, Pater.« Sie nickte ihm beruhigend zu. »Was also geschah?«

»Die Äbtissin machte sich an den Abstieg zum Höhleneingang. Ich warnte sie laut, wenn es denn schon sein müsste, so wäre äußerste Vorsicht geboten. Ich wagte mich an den Klippenrand vor und beugte mich hinunter, just in dem Moment, als sie den Halt verlor. Sie streckte die Hand nach oben und bekam mein Kruzifix zu fassen, das ich an einer silbernen Kette um den Hals trug. Die Kette hielt dem Gewicht nicht stand. Ich griff nach ihr, konnte sie auch einen Moment an Schultern und Nacken packen. Doch ich bin alt, und mir fehlt es an Kraft. Sie entglitt meinen Händen und stürzte in die Tiefe.«

Erschöpft von dem vielen Sprechen, rang er nach Atem. Fidelma beobachtete ihn angespannt und wagte dennoch, ihn zum Weiterreden zu drängen.

»Und was geschah dann?«

»Ich lugte hinunter und sah, sie war tot. Ich kniete nieder und betete in dem Bestreben, sie von ihren Sünden freizusprechen, von denen Verwegenheit und Hochmut die einzigen waren, die ich hätte nennen können. Dann kam mir ein Gedanke, der immer stärker wurde und mich tröstete. Wir sind alle in Gottes Hand. Was, wenn Er eingegriffen hatte? Er hätte die Äbtissin durchaus retten können. Stattdessen war es vielleicht Sein Wille gewesen, dass Er es geschehen ließ und das Reliquiar wie durch ein Wunder unentdeckt blieb. Ein Tod, um ein größeres Übel, die Vernichtung unserer Gemeinde, zu vermeiden. Die Vorstellung ist mir Trost gewesen. Ich nahm mein Kruzifix auf, an dem einige Glieder der Kette fehlten, kehrte zu dem Pfad zurück und zwang mich, hinunter ans Ufer zu gehen und nach ihr zu schauen. Ich fand ihr Missale und darin das Pergament mit den Aufzeichnungen des heiligen Patrick, die ihr ein Anhaltspunkt gewesen waren. Ich nahm beides an mich und kehrte hierher zurück. Es war töricht von mir, ich hätte das Messbuch an Ort und Stelle lassen und nur den Pergamentstreifen daraus entwenden sollen. Ein geübtes Auge würde sich zu Recht wundern, weshalb sie kein Messbuch bei sich hatte. Aber ich war zu erschöpft, um mir darüber Gedanken zu machen, und mein Gesundheitszustand war nicht der beste. Für mich war entscheidend: Die Reliquie war sicher …, so glaubte ich jedenfalls.«

Verständlich, dass Schwester Fidelma einen tiefen und sorgenvollen Seufzer von sich gab, ehe sie die Frage wagte:

»Was hast du mit dem Pergament getan?«

»Gott möge mir vergeben, denn obwohl es die Schriftzüge des heiligen Patrick trug, habe ich es vernichtet, in meinem Herdfeuer verbrannt.«

»Und was ist mit dem Missale?«

»Es liegt dort auf dem Tisch. Vielleicht schickst du es ihren Angehörigen.«

»Hast du sonst noch etwas zu sagen?«

»Nein, das ist alles, meine Tochter. Nur lässt mir mein Gewissen keine Ruhe. Darf ich mir anmaßen, zu glauben, Gott würde einen Mord verfügen … selbst für einen geheiligten Zweck? Die Sünde, dass ich es unterlassen habe, den bó-aire über das wahre Geschehen ins Bild zu setzen, wiegt schwer. Aber für mich war entscheidend, das Geheimnis der Reliquie zu wahren. Ich fühle den Tod nahen. Irgendjemandem musste ich das Geheimnis anvertrauen. Vielleicht hat es Gott so gewollt, dass du, die du nichts mit dieser Insel zu tun hast, die Wahrheit erfährst, zumal du sie zum Teil schon wusstest. Wie heißt es doch in dem alten lateinischen Hexameter? Quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando?«

Schwester Fidelma schenkte ihm ein warmes Lächeln.

»Wer ist der Verbrecher? Worin besteht das Verbrechen? Wo wurde es begangen? Mit welchen Mitteln? Warum? Auf welche Art und Weise? Wann?«

»Genau so, meine Tochter. Auf all das hast du jetzt eine Antwort. Du hast Congal oder auch mich eines dunklen Verbrechens verdächtigt. Es gab kein Verbrechen. Wenn es als ein solches angesehen wird, dann geschah es durch ein Wunder. Mir blieb nur die Wahl, dir alles wahrheitsgemäß zu erzählen und das Schicksal der Insel und seiner Bewohner in deine Hände zu legen, meine Tochter. Bist du dir dessen bewusst, was das bedeutet?«

Schwester Fidelma nickte langsam.

»Ja, Pater.«

»Dann habe ich hinter mich gebracht, was ich längst hätte tun sollen.«

Draußen vor der Klause des Priesters hatten sich Inselbewohner versammelt. Sie alle starrten Schwester Fidelma an, die einen neugierig, die anderen feindselig. Auch Corcrain schaute sie fragend an, aber sie ließ ihn mit seiner Ungewissheit allein. Ihr ging es darum, zuallererst Congal ausfindig zu machen und ihm von der Höhle an der Steilküste von Aill Tuatha zu berichten. Das Wissen um das, was es mit ihr auf sich hatte, lag in seiner Verantwortung, damit wollte sie sich nicht belasten.

Die Möwen schwebten über die Anlegestelle aus grauem Granitgestein, schrien und stießen im Sturzflug nieder. Manchmal schien es, als hielten die stürmischen Winde sie gefangen und hinderten sie am Weiterfliegen, aber schon im nächsten Moment schlugen sie mit den Schwingen und stiegen erneut auf und nieder. Die See war kabbelig. Trotz des feuchtgrauen Nebels konnte Fidelma Ciardhas Boot ausmachen, das sich durch die Wellen kämpfte und den Hafen der Insel ansteuerte. Bekümmert stellte sie fest, dass ihre Rückfahrt nach An Chúis nicht gerade gemütlich werden würde.

Mit dem Boot erwartete man einen jungen Priester, der die Nachfolge von Pater Patrick auf der Insel antreten sollte. Der alte Mann war in einen friedlichen Schlaf gefallen und wenige Stunden, nachdem Fidelma ihn verlassen hatte, aus dem Leben gegangen.

Für Fidelma war es eine schwierige Entscheidung gewesen. Sie war in die Hütte des bó-aire zurückgekehrt und hatte im Lichte dessen, was sie inzwischen erfahren hatte, die ganze Nacht über dessen Bericht gebrütet.

Jetzt stand sie und erwartete die Ankunft des Bootes, das sie wieder von der Insel bringen sollte, neben ihr der nervös dreinschauende junge Schiedsmann.

Das Boot hatte sein Ziel erreicht. Taue wurden geworfen und festgezurrt, und die wenigen Fahrgäste begannen, sich die Strickleiter hochzuhangeln. Als Erster erschien ein junger Mann mit klaren, fast noch jungenhaften Gesichtszügen. Er bewegte sich in seinem Habit, als trüge er ein neu erworbenes Symbol zur Schau. Congal und Corcrain waren zugegen und nahmen ihn in Empfang.

Schwester Fidelma betrachtete ihn kopfschüttelnd. Der Neuankömmling machte den Eindruck, als wüsste er noch nicht, wie man mit einem Rasiermesser umgeht, und sollte doch schon hundertundsechzig Seelen ein Vater sein. Sie wandte sich dem Friedensrichter neben ihr zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Vielen Dank für deine Hilfe und Gastfreundschaft, Fogartach. Ich werde dem Obersten Brehon und auch Fathan von den Corco Dhuibhne Bericht erstatten. Wenn das erledigt ist, werde ich mit Freuden meine unterbrochene Reise fortsetzen und zur Abtei von Kildare zurückkehren.«

Der junge Mann hielt ihre Hand etwas länger fest als schicklich und suchte ihren Blick.

»Und mein Bericht, Schwester?«

Sie drehte sich um und begann den Abstieg. Auf der obersten Leitersprosse blieb sie kurz stehen. Zwar war er ein eingebildeter Bursche, aber sie durfte nicht weiter mit ihm Katz und Maus spielen.

»Es ist, wie du gesagt hast, Fogartach, der Fall liegt eindeutig. Äbtissin Cuimne ist gestrauchelt und zu Tode gestürzt. Ein tragischer Unfall.«

Das Gesicht des bó-aire entspannte sich. Zum ersten Mal zeigte er ein Lächeln, und er hob die Hand zum Gruß.

»Ich hab durch dich manches hinzugelernt, anruth am Gerichtshof der Brehons«, rief er ihr etwas steif zu. »Gott möge dich auf deiner Reise schützen, auf dass du wohlbehalten dein Ziel erreichst!«

Schwester Fidelma lächelte zurück und hob gleichfalls die Hand. »Jedes erreichte Ziel ist nur das Tor zum nächsten, Fogartach«, rief sie, lachte verschmitzt, stieg die Leiter hinab und sprang ins Heck des sanft schaukelnden Bootes.


EIN LOBGESANG FÜR WULFSTAN

<p>EIN LOBGESANG FÜR WULFSTAN</p>

Abt Laisran strahlte. Er war ein kleiner, rundlicher Mann mit roten Wangen, und sein Gesicht sah immer fröhlich aus. Denn er war mit der seltenen Gabe des Humors und der Vorstellung geboren, die Welt sei ihren Bewohnern zur Freude geschaffen. Sein Lächeln kam aus tiefstem Inneren. Und wenn er lachte, schien die Erde zu beben.

»Wie schön, dich wiederzusehen, Fidelma!«, dröhnte Laisrans Stimme. Man hörte, dass dies keine leeren Worte waren, sondern dass er sich ehrlich über ihre Begegnung freute.

Schwester Fidelma reagierte mit einem beinahe spitzbübischen Grinsen, das nicht recht zu ihrer Ordenstracht und ihrem Rang passen wollte. Wer die junge Frau näher betrachtete und das rote Haar sah, das unter ihrer Haube hervorquoll, wer das Lachen, das ständig in ihren grünen Augen aufblitzte, und die natürliche Fröhlichkeit auf ihrem frischen, hübschen Gesicht bemerkte, dem konnte sich tatsächlich die Frage aufdrängen, warum eine so attraktive junge Frau sich für das Leben einer Nonne entschieden hatte. Ihre hoch aufgeschossene, wohlproportionierte Figur schien ein Verlangen nach einem weit aktiveren Leben auszudrücken, als es in einem Kloster möglich war.

»Es tut auch mir gut, dich wiederzusehen, Laisran. Es ist mir immer ein Vergnügen, nach Durrow zu kommen.«

Abt Laisran streckte beide Arme aus und umfasste Fidelmas Hand zum Gruß, denn sie waren alte Freunde. Laisran kannte Fidelma, seit sie das Alter der Wahl erreicht hatte. Er war es gewesen, der sie dazu überredet hatte, das Studium der Rechte beim Brehon Morann von Tara aufzunehmen. Mehr noch, er hatte sie auch davon überzeugt, ihre Studien so lange fortzuführen, bis sie ihren Abschluss als anruth gemacht hatte. Und es war auch Laisran gewesen, der ihr geraten hatte, sich der Gemeinschaft der Brigid in Kildare anzuschließen, nachdem man sie als dálaigh zugelassen hatte. In alten Zeiten, ehe das Licht Christi die Ufer von Éireann erreichte, waren alle Menschen, die hohe Ämter bekleideten, Druiden gewesen. Nachdem die Macht von den Druiden auf die Priester und Ordensgemeinschaften Christi übergegangen war, schlossen sich die Angehörigen der gehobenen Berufe den neuen heiligen Orden an, genau wie es in alten Zeiten Brauch gewesen war.

»Bleibst du lange bei uns?«, fragte Laisran.

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Ich bin unterwegs zum Schrein des heiligen Patrick in Ard Macha.«

»Nun, du musst auf jeden Fall bei uns übernachten und heute mit uns zu Abend essen. Ich habe so lange keine angeregte Unterhaltung mehr geführt.«

Fidelma lächelte vergnügt.

»Du bist der Abt eines der berühmtesten Klöster der Gelehrsamkeit in ganz Irland. Professoren aller möglichen Disziplinen wohnen hier, dazu noch Studenten aus allen vier Himmelsrichtungen. Wie kann es dir da an angeregter Unterhaltung fehlen?«

Laisran lachte glucksend.

»Diese Professoren neigen dazu, einem Vorlesungen zu halten, da ergibt sich kaum mal ein Dialog. Wie öde solche Monologe sein können! Manchmal entdecke ich mehr Intelligenz bei unseren Studenten.«

Das große Kloster lag auf einer von Eichen bewachsenen Ebene, und die Bäume hatten ihm den Namen Durrow gegeben. Es war kaum ein Jahrhundert alt, aber schon jetzt hatte sich sein Ruhm als Universität unter vielen Völkern Europas verbreitet. Aus unzähligen Ländern kamen die Studenten in hellen Scharen auf die Insel der Gelehrten mitten im Sumpf von Aillin. Der heilige Colmcille hatte seinerzeit eine Ordensgemeinschaft in Durrow gegründet, ehe der Hochkönig ihn ins Exil schickte und er die Ufer von Éireann verließ, um auf der Insel Iona im Lande Dál Riada seine berühmtere Gemeinschaft aufzubauen.

Schwester Fidelma schritt neben dem Abt durch die langen Gewölbegänge des Klosters zu seinen Gemächern. Ordensbrüder und Laien huschten leise hierhin und dorthin über die Flure. Sie hatten die Köpfe gesenkt und waren ganz auf ihre jeweiligen Vorlesungen oder Gebete konzentriert. In Durrow hatte man vier Fakultäten eingerichtet: Theologie, Medizin, Recht und Freie Künste.

Es war heller Morgen, die Zeit zwischen dem ersten Angelusläuten und dem Ruf des mittäglichen Angelus. Fidelma war bereits vor dem Morgengrauen aufgestanden und die fünfzehn Meilen nach Durrow geritten. Als Repräsentantin des Gerichts der Brehons genoss sie das Privileg, ein Pferd zu besitzen.

Ein Mönch mit ernstem Gesicht lief ihnen über den Weg, blieb kurz stehen und neigte den Kopf. Es war ein dünner, schwarzäugiger Mann mit dunkler Haut, dem der finstere Blick so sehr zur Gewohnheit geworden war wie Abt Laisran das Lächeln. Laisran erwiderte seinen Gruß mit einer seltsamen kleinen Handbewegung, die den Mann eher zu verscheuchen als willkommen zu heißen schien, und der Mönch verschwand rasch in einem Seitenzimmer.

»Das war Bruder Finan, unser Professor der Jurisprudenz«, erklärte Laisran beinahe entschuldigend. »Er ist ein guter Mensch, aber völlig humorlos. Ich denke oft, dass er seinen Beruf verfehlt hat und vielleicht sein Leben besser mit Wehklagen an der Totenbahre verbracht hätte.«

Er lächelte ihr schelmisch zu.

»Finan von Durrow genießt bei den Brehons großes Ansehen«, erwiderte Fidelma betont sachlich. In Laisrans Gesellschaft fiel es ihr immer schwer, ernst zu bleiben.

»Ach«, seufzte Laisran, »wie viel heller wäre unsere Welt, wenn du hierher kämest, um zu unterrichten, Fidelma. Finan lehrt das Gesetz buchstabengetreu, während du unseren Studenten erklären könntest, dass das Recht die Weisen führt und von Toren befolgt wird, dass aber die Gerechtigkeit manchmal weit über das Gesetz hinausgeht.«

Schwester Fidelma biss sich auf die Unterlippe.

»Manchmal ergeben sich moralische Probleme, die sich nur jenseits des Gesetzes lösen lassen«, stimmte sie ihm zu. »Ich habe schon zwischen Gesetz und Gerechtigkeit entscheiden müssen.«

»Genau. Wenn Finans Studenten unser Haus verlassen, besitzen sie ein fundiertes Wissen über die Gesetze, haben aber oft nur geringe Vorstellungen von Gerechtigkeit. Vielleicht ziehst du mein Angebot doch noch in Erwägung?«

Schwester Fidelma zögerte.

»Vielleicht«, erwiderte sie vorsichtig.

Laisran lächelte und nickte.

»Sieh dich um, Fidelma. Unser Ruhm als Ort der Gelehrsamkeit ist sogar bis nach Rom vorgedrungen. Weißt du, dass unter unseren Studenten nicht weniger als achtzehn Sprachen gesprochen werden? Wir verlegen uns auf Latein und manchmal auf Griechisch als unsere lingua franca. Und unsere Studierenden sind nicht nur Kinder der Gael. Wir beherbergen hier auch einen jungen fränkischen Prinzen, Dagobert, und sein Gefolge. Dazu noch die angelsächsischen Prinzen Wulfstan, Eadred und Raedwald. Eine ganze Reihe Angelsachsen. Da wäre zunächst noch Talorgen, ein Prinz von Rheged im Land der Britannier …«

»Ich habe gehört, dass die Angelsachsen gegen Rheged Krieg führen, dass sie versuchen, sein Land an sich zu reißen, um ihre eigenen Gebiete zu erweitern«, meinte Fidelma. »Das wird wohl die Beziehungen zwischen den Studenten nicht gerade einfach machen.«

»Ah, das stimmt. Unsere irischen Mönche in Northumbria versuchen, die Angelsachsen zu einem Leben im Sinne Christi, einem Leben der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit zu erziehen, aber sie sind und bleiben nun einmal ein grimmiges Kriegervolk, das nur auf Eroberung, Plündern und Land aus ist. Elmet fiel, als ich noch ein Kind war. Wo früher einmal die Britannier von Elmet lebten, sind nun angelsächsische Bauern und angelsächsische Gefolgsleute angesiedelt.«

Sie blieben vor Laisrans Zimmertür stehen. Der Abt schloss sie auf und bat Fidelma herein.

Fidelma runzelte die Stirn. »Zwischen den Britannier und den Angelsachsen hat es in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten ständig nur Krieg gegeben. Da ist es doch sicherlich schwierig, wenn Britannier und Angelsachsen im gleichen Hörsaal sitzen?«

Sie betraten Laisrans offiziellen Empfangsraum. Von hier aus lenkte er die Geschäfte dieses großen Klosters. Er bat Fidelma, sich an ein glimmendes Torffeuer zu setzen, schenkte am Tisch aus einem Tonkrug Wein in zwei Becher, reichte ihr den einen und hob den anderen, um ihr zuzutrinken.

»Agimus tibi gratias, omnipotens Deus – wir sagen Dir Dank, allmächtiger Gott«, sprach er feierlich, aber immer noch mit einem Funken Humor in den Augen.

»Amen«, antwortete Schwester Fidelma, führte ihren Becher an die Lippen und kostete den würzigen Rotwein aus Gallien.

Abt Laisran ließ sich auf einem Stuhl nieder und streckte die Beine zum Feuer.

»Ob es schwierig ist, die Britannier und Angelsachsen in Schach zu halten?«, sagte er nach einer Weile nachdenklich. Schwester Fidelma hatte beinahe schon vergessen, dass sie danach gefragt hatte. »Aber ja. Es gab bereits einige Prügeleien zwischen den Kampfhähnen. Bisher konnten wir ernstliche Verletzungen dadurch vermeiden, dass wir auf unserem geheiligten Boden keine Waffen dulden.«

»Warum schickt ihr dann nicht eine der beiden Gruppen in ein anderes Zentrum der Gelehrsamkeit?«

Laisran schnaubte verächtlich.

»Das hat ausgerechnet Finan auch schon vorgeschlagen. Es wäre eine ordentliche, praktische und logische Lösung des Problems. Die Frage ist nur … Wen sollen wir wegschicken? Sowohl die Britannier als auch die Angelsachsen weigern sich zu gehen, und jede Gruppe verlangt, wenn überhaupt jemand Durrow verlässt, sollen es die anderen sein.«

»Da habt ihr allerdings ein Problem«, meinte Fidelma.

»Ja. Beide Gruppen sind jähzornig und nachtragend, vergessen kaum je eine ihnen zugefügte Beleidigung, ob sie nun wirklich oder nur eingebildet war. Ein junger angelsächsischer Prinz, Wulfstan, ist besonders arrogant. Sein Gefolge besteht aus siebzehn Männern. Er kommt aus dem Land der südlichen Angelsachsen, einem der kleineren angelsächsischen Königreiche. Doch wenn man ihn reden hört, könnte man meinen, dass sein Königreich das größte der Welt ist. Er ist gewaltig mit der Sünde des Stolzes geschlagen. Nach seinem ersten Zwist mit den Britanniern verlangte er, man solle ihm ein Zimmer geben, dessen vergittertes Fenster gegen Eindringlinge gesichert ist und dessen Tür sich von innen verriegeln lässt.«

»Ein seltsames Ansinnen in einem Haus Gottes«, stimmte ihm Schwester Fidelma zu.

»Das habe ich ihm auch gesagt. Aber er erwiderte mir, er fürchte um sein Leben. Und wirklich war sein Verhalten so ängstlich, schien mir seine Furcht so echt, dass ich beschloss, seine Sorge zu lindern und ihm ein solches Zimmer zu überlassen. Er bewohnt nun einen Raum mit einem Gitter vor dem Fenster, in dem wir früher einmal Übeltäter eingesperrt haben. Unser Zimmermann hat die Tür so verändert, dass sie sich von innen verriegeln lässt. Wulfstan ist ein seltsamer junger Mann. Er geht nirgendwohin ohne seine Leibwache, die aus fünf Männern besteht. Nach der Vesper zieht er sich in sein Zimmer zurück, lässt es aber zuvor von seiner Leibgarde durchsuchen. Erst dann begibt er sich selbst hinein und verriegelt sofort die Tür. Bis zum Angelusläuten am nächsten Morgen bleibt er dort.«

Schwester Fidelma spitzte nachdenklich die Lippen und schüttelte verwundert den Kopf.

»Wahrhaftig, man würde meinen, dass er sehr bedrückt und ängstlich ist. Hast du mit den Britanniern gesprochen?«

»Das habe ich sehr wohl getan. Talorgen zum Beispiel gibt offen zu, dass für ihn alle Angelsachsen Blutsfeinde sind, dass er sich aber nicht so sehr vergessen würde, in einem Haus Gottes angelsächsisches Blut zu vergießen. Ganz im Gegenteil, der junge Britannier verwies nachdrücklich darauf, sein Volk sei schon vor Jahrhunderten zum Christentum übergetreten und habe im Gegensatz zu den Angelsachsen noch nie auf geheiligtem Boden Krieg geführt. Er erinnerte mich daran, dass noch vor kaum einem halben Jahrhundert der angelsächsische Krieger Aethelfrith von Northumbria Selyf map Cynan von Powys in einer Schlacht bei einem Ort namens Caer Legion besiegt hat, dann aber seinen Sieg entweiht hat, indem er tausend britannische Mönche aus Bangor-is-Coed niedermetzelte. Er behauptete, die Angelsachsen seien kaum in Gedanken Christen, noch viel weniger in Worten und Werken.«

»Mit anderen Worten …?«, wollte Fidelma dem Abt auf die Sprünge helfen, während Laisran eine Pause machte, um einen Schluck Wein zu trinken.

»Mit anderen Worten: Talorgen würde keinem Angelsachsen ein Haar krümmen, der auf dem geheiligten Boden eines christlichen Hauses Schutz genießt, aber er hat auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht zögern würde, Wulfstan außerhalb dieser Mauern zu erschlagen.«

»So viel zum Thema christliche Nächstenliebe und Vergebung.« Fidelma seufzte.

Laisran verzog schmerzlich das Gesicht. »Man darf nicht vergessen, dass den Britanniern in den letzten Jahrhunderten von den Angelsachsen Schlimmes angetan wurde. Schließlich sind die Angelsachsen in ihr Land eingefallen und haben den größten Teil davon erobert. Irland musste ganze Heerscharen von Flüchtlingen aufnehmen, die vor den angelsächsischen Eroberern ihres Reiches flohen.«

Fidelma lächelte traurig. »Entdecke ich in deinen Worten eine gewisse Zustimmung zu Talorgens Einstellung?«

Laisran grinste.

»Wenn du mich als Christen fragst, dann nein, nein, natürlich nicht. Wenn du mich als Mann eines Volkes fragst, das einmal mit unseren Vettern, den Britanniern, einen gemeinsamen Ursprung, einen gemeinsamen Glauben und ein gemeinsames Gesetz geteilt hat, dann muss ich dir sagen, dass ich insgeheim Talorgens Zorn nachempfinden kann.«

Plötzlich hämmerte jemand an die Tür des Arbeitszimmers, so laut und unvermittelt, dass Laisran und Fidelma zusammenzuckten. Ehe der Abt noch Zeit hatte, etwas zu rufen, flog die Tür auf, und ein Mönch mittleren Alters kam atemlos und mit hochrotem Kopf ins Zimmer gestürzt.

Mit bebenden Schultern und fliegendem Atem blieb er nach wenigen Schritten stehen.

Laisran erhob sich. Auf seiner Stirn zeigte sich eine für ihn ungewöhnliche Zornesfalte.

»Was hat das zu bedeuten, Bruder Ultan? Hast du den Verstand verloren?«

Der Mann schüttelte mit weit aufgerissenen Augen den Kopf. Er schnappte nach Luft, versuchte wieder zu Atem zu kommen.

»Gott schütze uns vor allem Bösen«, keuchte er schließlich. »Es ist ein Mord geschehen.«

Laisran erschrak.

»Ein Mord, sagst du?«

»Wulfstan, der Angelsachse, Bruder Abt! Er wurde in seiner Kammer erstochen.«

Laisran erbleichte und warf Schwester Fidelma einen erschrockenen Blick zu. Dann wandte er sich mit ernster Miene wieder Bruder Ultan zu.

»Fasse dich, Bruder«, sagte er freundlich, »und erzähle mir langsam und sorgfältig, was geschehen ist.«

Bruder Ultan schluckte nervös und versuchte, seine Gedanken zu sammeln.

»Eadred, Wulfstans Gefährte, kam am späten Morgen zu mir. Er war sehr besorgt. Wulfstan hatte nicht am Morgengebet teilgenommen und auch im Unterricht gefehlt. Niemand hatte ihn gesehen, seit er sich gestern Abend nach der Vesper in sein Zimmer zurückgezogen hatte. Darauf war Eadred zu seinem Zimmer gegangen und hatte die Tür verschlossen gefunden. Auf sein Rufen erhielt er keine Antwort. Also kam er zu mir, da ich der Verwalter hier bin. Ich begleitete ihn zu Wulfstans Zimmer. Und ganz richtig, die Tür war verschlossen und von innen verriegelt.«

Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Nachdem ich mehrmals angeklopft hatte, brach ich mit Eadreds und seines Vetters Hilfe die Tür auf. Das dauerte eine Weile, und ich musste erst noch zwei Brüder zu Hilfe rufen, denn die Tür war von innen gesichert. In der Kammer …« Er biss sich auf die Unterlippe und erblasste bei der Erinnerung.

»Sprich weiter«, gebot ihm Laisran.

»In der Kammer befand sich der Leichnam Wulfstans. Er lag hinten auf seinem Bett. Er trug ein Nachthemd, das mit verkrustetem Blut besudelt war, und hatte an der Brust und am Bauch mehrere Wunden. Man hatte offenbar mehrmals auf ihn eingestochen.«

»Was dann?«

Inzwischen hatte sich Bruder Ultan wieder besser in der Gewalt. Er zuckte nur mit den Achseln.

»Ich weiß es nicht. Ich habe die beiden Brüder als Wachen vor dem Zimmer zurückgelassen. Und Eadred habe ich angewiesen, in sein Zimmer zurückzugehen und niemandem ein Wort zu verraten, ehe ich nach ihm schicke. Dann bin ich sofort zu dir geeilt, um dir Bericht zu erstatten, Bruder Abt.«

»Wulfstan ermordet?«, flüsterte Laisran und dachte sogleich an die Folgen. »Gnade uns Gott, wahrhaftig. Das Land der südlichen Angelsachsen mag ein kleines Königreich sein, aber man hält dort gegen alle Fremden fest zusammen. Es könnte durchaus zu einem Krieg zwischen den Angelsachsen und Éireann kommen.«

Schwester Fidelma beugte sich vor und schaute den Verwalter fragend an.

»Bruder Ultan, hast du nicht gesagt, dass die Kammertür von innen verschlossen war?«

Bruder Ultan sah verärgert zu ihr hin und wandte sich wieder Abt Laisran zu. Offenbar wollte er ihre Bemerkung übergehen.

»Schwester Fidelma ist eine dálaigh am Gericht der Brehons, Bruder«, sagte Laisran.

Die Augen des Mönches weiteten sich, und er blickte Schwester Fidelma nun mit mehr Respekt an.

»Ja, die Tür zu Wulfstans Kammer war von innen verriegelt.«

»Und das Fenster ist vergittert?«

Ultan schien zu ahnen, worauf sie hinauswollte.

»Niemand hätte durchs Fenster hinein- oder hinausklettern können, Schwester«, erwiderte er langsam und schluckte schwer, als er begriff, was er da sagte.

»Und doch kann niemand zur Tür hinausgegangen sein?«, drängte Schwester Fidelma erbarmungslos weiter.

Ultan schüttelte den Kopf.

»Bist du sicher, dass sich Wulfstan nicht selbst etwas angetan hat?«

»Nein!«, erwiderte Ultan entschieden und bekreuzigte sich hastig.

»Wie kann aber jemand in die Kammer eingedrungen sein, Wulfstan erstochen und die Kammer wieder verlassen und die Tür von innen verriegelt haben?«

»Gott steh uns bei, Schwester!«, rief Ultan aus. »Wer das getan hat, der kann zaubern! Der ist ein böser Geist, der durch Mauern gehen kann.«

Abt Laisran blieb unsicher am Ende des Flures stehen, in dem Wulfstans Kammer lag. Zwei Klosterbrüder hatten dort Posten bezogen, die allen neugierigen Mönchen und Studenten den Zugang verwehrten. Obwohl Bruder Ultan versucht hatte, die Angelegenheit geheim zu halten, wurde in den Kreuzgängen bereits von Wulfstans Tod getuschelt. Laisran drehte sich zu Schwester Fidelma um, die ihm gefolgt war und ruhig und gefasst dastand, die Hände bescheiden in den Falten ihres Ordensgewandes verborgen.

»Bist du sicher, dass du diese Aufgabe übernehmen möchtest, Schwester?«

Schwester Fidelma rümpfte die Nase.

»Bin ich nicht Anwältin am Gericht der Brehons? Wer sonst außer mir sollte diese Untersuchung leiten, Laisran?«

»Aber die Art, wie er zu Tode kam …«

Sie verzog das Gesicht und unterbrach ihn: »Ich habe bereits viele Tote gesehen, und die wenigsten von ihnen waren friedlich entschlafen. Für diese Aufgabe wurde ich ausgebildet.«

Laisran seufzte und bedeutete den beiden Brüdern mit einer Handbewegung, zur Seite zu treten.

»Dies ist Schwester Fidelma, eine dálaigh am Gericht der Brehons, die in meinem Auftrag Wulfstans Tod untersucht. Seht zu, dass ihr jede mögliche Hilfe zuteil wird.«

Laisran zögerte, zog dann beinahe ratlos die Schultern hoch, machte kehrt und entfernte sich.

Die beiden Mönche traten respektvoll zur Seite. Schwester Fidelma blieb an der Tür von Wulfstans Kammer stehen.

Die Kammer war eine von vielen, die im Erdgeschoss des Klosters von einem aus grauem Granit gemauerten Flur abgingen. Die Tür, die nun beschädigt in den Angeln hing, war dick – beinahe zwei Zoll – und mit schweren Eisenbändern beschlagen. Im Gegensatz zu den meisten Türen, die Fidelma kannte, hatte sie an der Außenseite keinen Eisengriff. Fidelma hielt inne und sah sich das Holz genau an, das Spuren von Ultans Versuchen aufwies, gewaltsam in die Kammer einzudringen.

Dann trat sie auf die Schwelle und ließ die Augen durch den Raum schweifen.

Hinten stand ein Bett, auf dem ein Leichnam mit ausgebreiteten Armen lag, die starren Augen zur Decke gerichtet, wie gefroren im letzten schmerzlichen Blick, ehe der Tod eingetreten war. Er war mit einem weißen, blutbefleckten Hemd bekleidet. Diese Verletzungen hatte sich der Mann gewiss nicht selbst beigebracht, das erkannte Fidelma sofort. Sie sah einen kleinen Holzstuhl mit einem Kleiderhaufen. Auf einem Tischchen mit einer Öllampe lagen einige Schreibgerätschaften. Sonst war nicht viel in diesem Raum zu finden.

Licht drang in die düstere Kammer nur durch ein kleines Fenster, das etwa zwei Meter über Bodenhöhe lag und mit einem eisernen Gitter gesichert war, durch das man einen Arm bis zur Schulter schieben konnte, aber sicher nicht weiter. Alle vier Wände der Kammer waren aus Steinblöcken gemauert, und der Boden war mit großen Granitplatten gefliest. Die Decke bestand aus schweren, dunklen Eichenbalken. Obwohl es bereits auf Mittag zuging, war es im Raum zu schummrig, um weitere Einzelheiten zu erkennen.

»Bringt mir eine helle Lampe, Brüder«, rief Fidelma den beiden Mönchen auf dem Gang zu.

»Es steht schon eine Lampe im Zimmer, Schwester«, erwiderte einer der beiden. Schwester Fidelma unterdrückte mit Mühe eine ärgerliche Reaktion.

»Ich möchte nicht, dass in diesem Zimmer irgendetwas verändert wird, ehe ich nicht alles sorgfältig untersucht habe. Jetzt geht mir eine Lampe holen.«

Sie wartete reglos, bis einer der Brüder davoneilte und mit einer Öllampe zurückkehrte.

»Zünde sie an«, forderte ihn Fidelma auf.

Der Mönch tat, worum sie ihn gebeten hatte.

Flüchtig dankend nahm ihm Fidelma die Lampe aus der Hand.

»Wartet draußen und lasst niemanden herein, bis ich es euch sage.«

Mit der Lampe in der Hand schritt sie in die seltsame Todeskammer hinein.

Man hatte Wulfstan mit einem Messer oder Schwert die Kehle durchgeschnitten. Auf der Brust waren in der Herzgegend einige große Stichwunden zu sehen. Das Nachthemd war von der Waffe zerrissen worden und mit Blut besudelt, ebenso wie das Laken rings um die Leiche.

Auf dem Boden neben dem Bett lag ein blutbeflecktes Stück Stoff. Das Blut war schon eingetrocknet. Fidelma hob den Stofffetzen auf und betrachtete ihn. Es handelte sich um ein Stück feines Leinen, auf das ein lateinischer Spruch gestickt war. Fidelma untersuchte die Blutflecken. Es schien, als hätte Wulfstans Mörder dieses Tuch aus der Tasche gezogen, die Mordwaffe daran abgewischt und es dann aus Versehen neben der Leiche auf dem Boden vergessen. Schwester Fidelma ließ das Tuch in der Tasche verschwinden, die in den Falten ihres Ordensgewandes verborgen war.

Als Nächstes schaute sie sich das Fenster an. Obwohl es zu hoch war, als dass sie hätte heranreichen können, schien das Gitter doch recht sicher zu sein. Dann richtete sie den Blick auf die schweren Holzbohlen und Balken, aus denen die Decke bestand. Der Raum war hoch, mehr als elf Fuß vom Boden bis zur Decke. Auch der Boden schien massiv zu sein.

Plötzlich fiel ihr Blick neben dem Bett auf ein Häufchen Asche. Sie hockte sich hin und bemühte sich, die Asche nicht mit ihrem Atem zu verstreuen. Es schienen die Überreste eines kleinen Stück Papiers oder eines Pergaments zu sein; sie waren jedoch bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Nun nahm sich Fidelma die Tür vor. Man verriegelte sie, indem man zwei Balken auf beiden Seiten in eiserne, nach oben offene Halterungen legte. Die ersten Halterungen befanden sich etwa drei Fuß über der Unterkante der Tür, die zweiten etwa in fünf Fuß Höhe. Eine der eisernen Halterungen war aus dem Türrahmen gerissen, wahrscheinlich, als Ultan die Tür aufgebrochen hatte. Die unteren waren jedoch noch an Ort und Stelle, und es sah auch nicht so aus, als sei der zweite Balken beschädigt. Er lag gleich hinter der Tür. Beide Balken wirkten recht massiv. Bei beiden waren die Enden mit Seil umwickelt, damit, wie ihr schien, das Holz nicht an den eisernen Halterungen entlangscheuerte, in denen der Balken ruhte. An einem der Balken war das Seil beidseitig abgewickelt, schwarz und am Ende aufgefasert.

Hier gab es allerdings ein Problem zu lösen. Es sei denn, der Besitzer des Taschentuchs konnte ihr eine Antwort liefern.

Fidelma ging zur Tür zurück. Plötzlich glitt sie aus. Sie konnte sich gerade noch fangen. Gleich hinter der Tür entdeckte sie einen kleinen, dunklen Talgfleck. Fidelmas scharfe Augen bemerkten sofort einen ähnlichen Fleck auf der anderen Seite der Tür. Sie beugte sich hinab, um sie zu untersuchen. Da fielen ihr zwei Nägel im Türrahmen auf, einer rechts und einer links von der Tür. An jedem der Nägel hing ein Stück Seil, das ebenfalls geschwärzt und am Ende ausgefranst war.

Schwester Fidelma presste die Lippen aufeinander, stand eine Weile ruhig da und starrte auf die Tür, ehe sie sich umwandte und die Todeskammer verließ.

In Abt Laisrans Zimmer setzte sich Schwester Fidelma an den langen Tisch. Sie hatte mit dem Abt vereinbart, dass sie jeden befragen dürfte, von dem sie glaubte, er könnte ihr bei der Lösung des Problems behilflich sein. Laisran hatte ihr angeboten, bei den Befragungen anwesend zu sein, doch das hatte sie nicht für notwendig erachtet. Der Abt hatte sich in ein Nebenzimmer zurückgezogen, ihr aber eine Glocke gegeben, mit der sie ihn jederzeit herbeirufen konnte, falls sie seine Hilfe brauchte.

Bruder Ultan wurde dazu abgestellt, diejenigen herbeizuholen, die sie befragen wollte. Er wurde unverzüglich losgeschickt, um Wulfstans Gefährten Eadred, den zweiten angelsächsischen Prinzen, herbeizuschaffen, der Ultan zusammen mit seinem Vetter Raedwald geholfen hatte, die Tür von Wulfstans Kammer aufzubrechen.

Eadred war ein hochmütiger Jüngling mit flachsblondem Haar und kalten, ausdruckslosen blauen Augen. Seine Gesichtszüge waren in einer Mischung aus Verachtung und Langeweile erstarrt. Er trat ins Zimmer, und seine Augen verengten sich, als er Schwester Fidelmas ansichtig wurde. Ein großer, muskulöser Mann Ende zwanzig begleitete Eadred. Obwohl er keine Waffen trug, benahm er sich, als sei er der Leibwächter des Prinzen.

»Bist du Eadred?«, fragte Fidelma den jungen Mann.

Der sah sie nur finster an.

»Ich beantworte keine von einer Frau gestellte Frage.« Seine Stimme war so schroff und sein Akzent so kehlig, dass sein gestelztes Irisch sehr barsch klang.

Schwester Fidelma seufzte. Sie hatte schon gehört, dass die Angelsachsen überaus arrogant sein konnten und ihre Frauen eher wie Besitztümer als wie Menschen behandelten.

»Ich untersuche den Tod von Wulfstan, einem deiner Landsleute. Also muss ich darauf bestehen, dass meine Fragen beantwortet werden«, erwiderte sie mit fester Stimme.

Eadred ignorierte sie einfach.

»Lady.« Nun sprach der muskulöse Angelsachse. Sein Irisch war wesentlich besser als das seines Prinzen. »Ich bin Raedwald, Than von Staeningum, Vetter des Thans von Andredswald. Prinzen unseres Volkes reden nur mit Frauen, die von königlichem Geblüt und ihnen also gleichrangig sind.«

»Ich danke dir für deine Höflichkeit und die Erklärung eurer Sitten, Raedwald. Eadred, deinem Vetter, scheint es dagegen am Wissen über die Gesetze und Gebräuche des Landes zu mangeln, in dem er zur Zeit zu Gast ist.«

Sie übersah das zornige Stirnrunzeln Eadreds, griff nach der kleinen Silberglocke auf dem Tisch und läutete. Abt Laisran tauchte aus dem Nebenzimmer auf.

»Wie du mir angedeutet hast, Bruder Abt, scheinen die Angelsachsen tatsächlich zu glauben, dass sie über die Gesetze dieses Landes erhaben sind. Vielleicht werden sie aus deinem Munde eine Erklärung akzeptieren.«

Laisran nickte und wandte sich an die beiden jungen Männer. Er erklärte ihnen unumwunden, welchen Rang Fidelma in der Rechtsprechung innehatte, und betonte, dass selbst der Hochkönig von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit Notiz nehmen musste. Eadred blickte noch immer finster drein, neigte aber mit einer steifen Bewegung das Haupt, als Laisran ihm mitteilte, auch er sei nach den Gesetzen des Landes dazu verpflichtet, Fidelmas Fragen zu beantworten. Raedwald schien das als selbstverständlich hinzunehmen.

»Da dein Landsmann dich als eine Person von königlichem Rang einschätzt, werde ich mich herablassen, deine Fragen zu beantworten«, verkündete Eadred, trat vor und setzte sich hin, ohne auf Fidelmas Erlaubnis zu warten. Raedwald blieb stehen.

Fidelma wechselte einen Blick mit Laisran, der mit den Achseln zuckte. »Die Sitten der Angelsachsen sind nicht unsere Sitten, Schwester Fidelma«, erklärte er entschuldigend. »Ich bitte dich, ihre Neigung zu ungehobeltem Benehmen zu übersehen.«

Eadreds Gesicht überzog sich mit Zornesröte.

»Ich bin ein Prinz aus dem königlichen Geblüt der südlichen Angelsachsen, stamme in direkter Blutsverwandtschaft über meinen Vorfahren Aelle vom großen Gott Wodan ab!«

Raedwald, der still und mit verschränkten Armen hinter ihm stand, schaute unglücklich drein, wollte etwas sagen, schwieg dann aber.

Abt Laisran bekreuzigte sich entsetzt. Schwester Fidelma starrte den jungen Mann nur belustigt an.

»Also bist du noch kein wirklicher Christ, der nur an den einen wahren Gott glaubt?«

Eadred biss sich auf die Unterlippe.

»Alle Königshäuser der Angelsachsen führen ihre Abstammung auf Wodan zurück, ganz gleich, ob sie ihn als Gott, Mann oder Kriegsheld verehrten«, rechtfertigte er sich.

»Dann erzähle mir etwas über dich. Ich habe gehört, dass du ein Vetter von Wulfstan bist? Wenn du es schwierig findest, dich in unserer Sprache auszudrücken, kannst du gern Latein oder Griechisch sprechen. Ich bin in beiden Sprachen bestens bewandert.«

»Ich aber nicht«, bellte Eadred. »Ich spreche wegen meiner Studien hier eure Sprache, aber ich beherrsche keine andere fließend, wenn ich auch ein wenig Latein kann.«

Schwester Fidelma verbarg ihre Überraschung und forderte ihn mit einer Geste auf, fortzufahren. Die meisten irischen Prinzen und Stammesfürsten, die sie kannte, sprachen außer ihrer eigenen noch mehrere Sprachen fließend, vor allem Latein und Griechisch.

»Nun gut. Wulfstan war dein Vetter, nicht wahr?«

»Wulfstans Vater, Cissa, der König der südlichen Angelsachsen, war der Bruder meines Vaters Cymen. Ich bin Than von Andredswald, wie mein Vater vor mir.«

»Erzähle mir, wie Wulfstan und du hierher nach Durrow gekommen seid.«

Eadred schnaubte verächtlich.

»Vor einigen Jahren kam einer aus eurem Volk, ein Mann namens Diciul, in unser Land und begann von seinem Gott zu predigen, einem Gott ohne Namen, der einen Sohn namens Christus hatte. Cissa, der König, bekehrte sich zu diesem neuen Gott und wandte sich von Wodan ab.

Dem Mann aus Éireann wurde gestattet, in unserem Land eine Ordensgemeinschaft und ein Kloster in Bosas Ham zu gründen. Viele gingen dorthin und lauschten seinen Lehren. Cissa beschloss, dass Wulfstan, der Thronerbe des Königreiches, zur weiteren Erziehung nach Éireann reisen sollte.«

Schwester Fidelma nickte und überlegte, ob es wohl an seiner mangelhaften Beherrschung des Irischen lag, dass es sich so anhörte, als missbillige der junge Mann Cissas Bekehrung zum Christentum.

»Dann ist Wulfstan der tánist in eurem Land?«

Abt Laisran mischte sich lächelnd ein.

»Die Angelsachsen haben ein anderes Rechtssystem als wir, Schwester Fidelma«, unterbrach er sie. »Bei ihnen erbt der älteste Sohn alles. Es gibt keine Wahl des Nachfolgers durch die derbhfine wie bei uns.«

»Ich verstehe.« Fidelma nickte. »Fahre fort, Eadred. Cissa beschloss also, Wulfstan hierherzuschicken.«

Der junge Mann verzog säuerlich das Gesicht.

»Mir wurde befohlen, ihn zu begleiten und mit ihm zu studieren. Wir kamen zusammen mit unserem Vetter Raedwald, dem Than von Staeningum, und zehn Freien und fünf Sklaven, die für unser Wohl sorgen sollen. Nun sind wir bereits seit sechs Monden hier.«

»Und nicht gerade unsere hellsten Studenten«, murmelte Laisran.

»Das mag ja sein«, bellte Eadred. »Wir haben nicht darum gebeten, herkommen zu dürfen, sondern wurden von Cissa herbeordert. Es freut mich, dass wir nun endlich aufbrechen und den Leichnam meines Verwandten in unser Land mit zurücknehmen dürfen.«

»Sagt dir die lateinische Inschrift cave quid dicis etwas?«

Eadred rümpfte die Nase.

»Es ist das Motto des jungen fränkischen Prinzen Dagobert.«

Schwester Fidelma schaute den Burschen nachdenklich an, ehe sie sich wieder Raedwald zuwandte. Dessen Gesicht war gerötet, und er schaute verwirrt drein.

»Und du, Raedwald? Weißt du, was das heißt?«

»Leider kann ich kein Latein, Lady«, murmelte er.

»Ach so? Wann hast du Wulfstan zum letzten Mal gesehen?«

»Nach der Vesper.«

»Was ist da genau geschehen?«

»Wie üblich haben Eadred und ich Wulfstan zur Nachtruhe zu seiner Kammer begleitet, zusammen mit zwei von unseren Freien und zwei Sklaven. Wir haben wie immer das Zimmer durchsucht, und dann ist Wulfstan hineingegangen und hat uns fortgeschickt.«

Eadred nickte zustimmend und fuhr fort: »Ich habe mich danach auf dem Gang noch ein Weile mit Raedwald unterhalten. Wir haben beide gehört, wie Wulfstan die Holzbalken vorschob. Dann bin ich auf mein Zimmer gegangen.«

Wieder schaute Schwester Fidelma zu Raedwald hin.

»Du kannst das bestätigen, Raedwald?«

Erneut lief Eadreds krebsrot an.

»Du zweifelst an meinem Wort?« Seine Stimme klang schrill.

»Diese Untersuchung wird nach unseren Gesetzen durchgeführt, Eadred«, entgegnete ihm Fidelma verärgert.

Raedwald sah verlegen aus.

»Ich kann bestätigen, was Eadred gesagt hat, Lady«, antwortete er. »Der Than von Andredswald spricht die Wahrheit. Sobald wir gehört hatten, wie die Balken vorgelegt wurden, wussten wir, dass Prinz Wulfstan sein Zimmer für die Nacht verriegelt hatte. Also zogen wir uns beide in unsere Kammern zurück.«

Schwester Fidelma nickte nachdenklich.

»Du kannst auch bestätigen, Eadred, dass Wulfstan Angst hatte, man würde ihn angreifen? Warum war das so?«

Eadred schniefte.

»Es sind zu viele welisc hier, und einer von ihnen hat ihm verschiedentlich gedroht … dieser Barbar Talorgen!«

»Welisc? Wer sind die?«, fragte Schwester Fidelma.

Laisran lächelte müde.

»Die Angelsachsen nennen alle Britannier welisc. Das heißt so viel wie Fremde.«

»Ich verstehe. Also war Wulfstan sicher in seinem Zimmer verbarrikadiert, als ihr fortgingt? Ihr scheint ja nicht so viel Angst vor den Britanniern zu haben wie euer Vetter. Woran liegt das?«

Eadred lachte höhnisch.

»Ich wäre ja wohl nicht Than von Andredswald, wenn ich mich eines Rudels feiger welisc nicht zu erwehren wüsste. Nein, ich fürchte mich weder vor den Sprösslingen der Barbaren noch vor ihren Vätern.«

»Und der Rest deines angelsächsischen Gefolges? Fürchteten die die Britannier?«

»Es tut nichts zu Sache, ob die anderen sie fürchteten. Sie stehen unter meinem Befehl und tun, was ich sage.«

Schwester Fidelma seufzte. Es war wohl nicht so einfach, in einem angelsächsischen Land zu leben, wenn man kein König oder Than war, überlegte sie.

»Wann hast du bemerkt, dass Wulfstan fehlte?«, erkundigte sie sich.

»Bei den Gebeten nach der ersten Glocke …«

»Er meint das Angelus«, erklärte Laisran.

»Er ist nicht zum Gebet erschienen. Ich dachte, er hätte vielleicht verschlafen, und habe mich also in meinen Unterricht begeben.«

»Was für ein Unterricht war das?«

»Die Klasse des Frettchengesichts Finan über die Gesetze, die den Umgang zwischen Königreichen regeln.«

»Sprich weiter.«

»In der Morgenpause habe ich bemerkt, dass Wulfstan immer noch nicht aufgetaucht war, und bin zu seiner Kammer gegangen. Die Tür war verschlossen, was bedeutete, dass er noch drin sein musste. Ich hämmerte an die Tür. Keine Antwort. Dann habe ich Bruder Ultan geholt, den Hausbesorger …«

»Den Verwalter unserer Ordensgemeinschaft«, verbesserte ihn Laisran ruhig.

»Wir haben Raedwald geholt und sind zusammen zu Wulfstans Zimmer gegangen. Doch Ultan musste noch zwei Brüder herbeizitieren, die uns halfen, die Tür aufzubrechen. Wulfstan war ermordet worden. Nach dem Täter muss man ja wohl nicht lange suchen.«

»Wer könnte das sein?«, erkundigte sich Schwester Fidelma.

»Nun, das ist doch wohl klar! Der welisc Talorgen, der sich Prinz von Rheged schimpft. Er hat Wulfstan schon oft bedroht. Und es ist ja allgemein bekannt, dass die welisc auch zaubern können.«

»Was meinst du damit?«, fragte Fidelma mit scharfer Stimme.

»Nun, man hat Wulfstan in seiner Kammer ermordet, obwohl das Fenster vergittert und die Tür verschlossen und von innen verriegelt war. Wer außer einem welisc wäre in der Lage, seine Gestalt zu ändern und eine solche Untat zu begehen?«

Schwester Fidelma konnte ihr spöttisches Lächeln gerade noch verbergen.

»Eadred, ich denke, du hast noch viel zu lernen, denn du scheinst noch im Aberglauben deiner alten Religion befangen zu sein.«

Eadred sprang auf und fuhr mit der Hand dorthin, wo wohl sonst ein Messer am Gürtel hing.

»Ich bin der Than von Andredswald! Ich habe es zugelassen, dass ich von einer Frau befragt werde, weil es in eurem Land so Brauch ist. Aber ich lasse mich von keiner Frau beleidigen!«

»Es tut mir leid, wenn du glaubst, dass ich dich beleidigt habe«, erwiderte Schwester Fidelma mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen. »Du kannst jetzt gehen.«

In Eadreds Gesicht zuckte es wütend; Laisran erhob sich und öffnete ihm die Tür.

Der junge angelsächsische Prinz drehte sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Raum. Raedwald zögerte einen Augenblick, machte eine beinahe entschuldigende Geste und folgte ihm.

»Habe ich dir nicht gesagt, dass diese Angelsachsen seltsame, hochmütige Leute sind, Fidelma?« Laisran lächelte beinahe traurig.

Schwester Fidelma schüttelte den Kopf.

»Es gibt bei ihnen wahrscheinlich Gute und Schlechte wie in allen Völkern. Raedwald scheint mehr von der Höflichkeit eines Prinzen zu besitzen als sein Vetter Eadred.«

»Nun, nach Eadred und seinem Gefolge zu urteilen, haben wir wohl die Schlechten erwischt. Was Raedwald betrifft, so ist er zwar ein Than und älter als Wulfstan und Eadred, aber sehr ruhig und lässt sich einfach von den beiden herumkommandieren. Er ist eher ein Diener als ein Herr. Ich habe mir sagen lassen, das liegt daran, dass seine Vettern beide in einem engeren Verwandtschaftsverhältnis zum König stehen als er.« Laisran hielt inne und warf ihr einen neugierigen Blick zu. »Warum hast du sie nach dem lateinischen Motto gefragt – cave quid dicis

»Diesen Satz fand ich auf ein Stück Leinen gestickt, mit dem das Messer abgewischt wurde, dem Wulfstan zum Opfer fiel. Vielleicht hat der Mörder das Tuch verloren, vielleicht hat es Wulfstan gehört?«

Laisran schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, Eadred hatte recht. Das Motto kann nämlich auch bedeuten: ›Hüte deine Zunge‹. Es ist das Motto des fränkischen Prinzen Dagobert. Ich habe den jungen Mann erst kürzlich darauf hingewiesen, wie drohend sein Wahlspruch klingt.«

Schwester Fidelma rekelte sich und blickte ihn nachdenklich an. »Das ist schlecht für Dagobert, den Franken. Jetzt wird er des Mordes verdächtigt.«

»Nicht unbedingt. Jeder hätte das Tuch nehmen und dort fallen lassen können, und es gibt wahrhaftig viele, die die arroganten Angelsachsen hassen. Ich habe sogar gehört, wie es Finan einmal herausrutschte, er würde sie am liebsten alle miteinander ersäufen!«

Fidelma zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Willst du damit sagen, dass wir Professor Finan auch zu den Verdächtigen zählen müssen?«

Plötzlich lachte Abt Laisran wieder.

»Oh, allein der Gedanke, dass Finan seine Gestalt ändert, um in einen verschlossenen Raum zu gelangen, dort einen Mord begeht und wieder herauskommt, ohne die Riegel zu entfernen, ist wirklich amüsant, aber kaum einer ernsthaften Erwägung wert.«

Schwester Fidelma schaute Laisran immer noch nachdenklich an.

»Du glaubst also, dass der Mörder tatsächlich zaubern kann?«

Laisrans rundliches Gesicht verfinsterte sich, und er bekreuzigte sich hastig.

»Gott schütze mich vor allem Bösen, Fidelma, aber gibt es eine andere Erklärung? Wir stammen beide aus einer Kultur, die eine Veränderung der Gestalt für völlig normal hält. Geh unter deine Leute, und dann sagen sie dir, dass die Druiden noch immer existieren und genau diese Fähigkeit besitzen. Wurde nicht Diarmuids Ziehbruder in einen Eber verwandelt, und ward nicht Caer, die Geliebte des Aengus Og, verflucht, jedes zweite Jahr ihre Gestalt zu ändern?«

»Das sind uralte Legenden, Laisran«, mahnte ihn Schwester Fidelma. »Wir leben in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt. Und denjenigen, der Wulfstan getötet hat, finden wir unter den Menschen dieser Gemeinschaft. Ehe ich jedoch Dagobert befrage, möchte ich mir noch einmal Wulfstans Zimmer ansehen.«

Abt Laisran zupfte sich an der Unterlippe. Er wirkte ein bisschen verwirrt.

»Das verstehe ich nicht, Schwester Fidelma. Jeder in unserer Gemeinschaft hier in Durrow hatte einen Grund, Wulfstan zu töten, und jeder ist verdächtig. Willst du das damit sagen? Dann ist zwar jeder verdächtig, aber gleichzeitig kann auch niemand die Tat begangen haben, denn sie liegt jenseits menschlicher Möglichkeiten.«

»Nun, das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Schwester Fidelma dem Abt mit Bestimmtheit, während sie vor ihm her schritt. Sie blieb an der geöffneten Tür zu dem Raum stehen, der einmal Wulfstans Kammer gewesen war.

Man hatte Wulfstans Leichnam inzwischen in die Kapelle des Hl. Benignus geschafft. Dort traf man Vorbereitungen dafür, den Sarkophag an die Küste zu bringen, von wo Eadred und sein Gefolge ihn über das Meer zum Land der südlichen Angelsachsen begleiten würden, das an der Südküste Britanniens lag.

Wieder starrte Schwester Fidelma auf den grauen Steinfußboden, schritt über die großen Granitplatten, prüfte jede mit dem Fuß. Dann schaute sie zur Decke hinauf. Und schließlich wandte sie den Blick zu dem Gitter vor dem Fenster.

»Hilf mir«, verlangte sie plötzlich.

Abt Laisran sah sie überrascht an, als sie den Tisch zum Fenster zu schieben begann.

Schnell half er ihr bei ihren Bemühungen. Er lächelte ein wenig verlegen.

»Wenn meine Novizen ihren Abt sehen könnten, wie er Möbel rückt …«, hub er an.

»Dann würden sie merken, dass ihr Abt auch nur ein Mensch ist«, vollendete Fidelma lächelnd den Satz.

Sie schoben den Tisch unter das vergitterte Fenster, und zu Abt Laisrans Verwunderung kletterte Schwester Fidelma behende hinauf. Der Tisch war etwa drei Fuß hoch, und weil Schwester Fidelma groß war, konnte sie nun leicht die Gitterstäbe des Fensters erreichen, dessen Unterkante etwa acht Fuß über dem Boden lag. Sie packte nacheinander jede der zolldicken Eisenstangen mit beiden Händen und prüfte sie sorgfältig.

Enttäuscht ließ sie die Schultern hängen. Sie ergriff den hilfreich ausgestreckten Arm Laisrans und kletterte langsam wieder vom Tisch herunter.

»Ich dachte, die Gitterstangen wären vielleicht lose gewesen.«

»Ein guter Gedanke«, versuchte Laisran sie aufzumuntern.

»Komm, zeig mir das Stockwerk über diesem«, bat Schwester Fidelma ihn unvermittelt.

Mit einem Seufzer hastete Laisran hinter ihr her, als sie mit raschen Schritten davoneilte.

Auch das obere Stockwerk erwies sich als Enttäuschung. Über Wolfstans Kammer befand sich der Fußboden des Dormitoriums für die Novizen der Ordensgemeinschaft. Sorgfältig nahm Fidelma die Dielen in Augenschein, um festzustellen, ob man vielleicht eine hochgehoben hatte, um sich in das Zimmer darunter herabzulassen. Doch es war viele Jahre lang hier nichts angerührt worden. Auch hätte ein solches Vorgehen die Mitwirkung aller im Dormitorium erfordert.

»Sag mir, Laisran, was liegt unter Wulfstans Kammer?«, fragte Fidelma nun.

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen, Fidelma«, vertraute der Abt ihr an. »Darunter ist nichts als feste Erde. Es gibt keinen Keller, keinen Tunnelgang. Die Steinplatten wurden unmittelbar auf dem Erdboden verlegt. Es kann also niemand in die Kammer gelangt sein, indem er eine davon entfernte. Außerdem« – und hier lächelte er ironisch –, »was hätte wohl unser guter Wulfstan während des Aufruhrs gemacht, den es doch verursacht hätte, wenn jemand Deckenbohlen oder Fußbodenplatten oder Gitterstäbe am Fenster entfernt hätte?«

Schwester Fidelma lächelte zurück.

»Der Weg zur Wahrheit ist gepflastert mit dem Erwägen und Verwerfen aller Möglichkeiten, ganz gleich, wie unwahrscheinlich sie einem vorkommen, Laisran.«

»Die Wahrheit«, erwiderte der Abt besorgt, »ist, dass es unmöglich war, dass eine Menschenhand Wulfstan niederstreckte, während er allein in seiner verriegelten Kammer schlief.«

»Nun, darin kann ich dir zustimmen.«

Abt Laisran schaute sie verdutzt an.

»Ich dachte, du hättest gesagt, dass keine Zauberei im Spiel war. Meinst du, dass er nicht von Menschenhand getötet wurde?«

»Nein«, antwortete Schwester Fidelma mit einem Grinsen. »Ich meine, dass er nicht allein in seiner Kammer war. Es ist eine logische Folgerung: Wulfstan wurde erstochen. Wulfstan war in seiner Schlafkammer. Also war er nicht allein in seiner Schlafkammer, als er ermordet wurde.«

»Aber …«

»Wir haben ausgeschlossen, dass unser Mörder durch das Fenster gekommen sein kann. Bist du damit einverstanden?«

Laisran runzelte die Stirn, versuchte verzweifelt, ihrer Logik zu folgen.

»Wir haben die Möglichkeit ausgeschlossen, dass unser Mörder durch die Decke in die Kammer eingedrungen sein könnte.«

»Einverstanden.«

»Wir haben festgestellt, dass es für den Mörder unmöglich gewesen ist, durch den Steinfußboden in die Kammer zu gelangen.«

Abt Laisran nickte heftig.

»Dann bleibt nur noch eine Methode, hinein und wieder hinaus zu gelangen.«

»Ich verstehe nicht …«, setzte er an.

»Durch die Tür. Durch die Tür ist unser Mörder in die Kammer gekommen, und durch die Tür hat er sie auch wieder verlassen.«

»Unmöglich!« Laisran schüttelte den Kopf. »Die Tür war doch von innen verriegelt.«

»Trotzdem ist es so gewesen. Wer immer die Tat begangen hat, hoffte, uns würde diese seltsame Tatsache derart verwirren, dass wir das Motiv aus dem Auge verlieren. Denn er wünschte sich, dass wir zunächst an das Offensichtliche denken würden: den Hass zwischen Wulfstan und den Britanniern. Vorstellungen von Zauberei, bösen Geistern, der Gedanke, dass Wulfstan nicht von Menschenhand getötet wurde, all das sollte unsere Meinung beeinflussen. So hätte es jedenfalls unser Mörder gern gehabt.«

»Dann weißt du, wer es war?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Ich habe noch nicht alle Verdächtigen befragt. Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, mit dem fränkischen Prinzen Dagobert zu sprechen.«

Dagobert war ein junger Mann, den man aus dem Land der Franken nach Durrow gebracht hatte, als er noch ein Kind war. Es wurde behauptet, er sei der Erbe des fränkischen Reiches, dass aber sein Vater abgesetzt worden wäre und der junge Prinz ins Exil nach Irland geschafft wurde, bis die Zeit für seine Rückkehr reif sei. Er war groß und dunkel und sah recht gut aus. Er sprach Irisch beinahe so fließend wie ein irischer Prinz. Laisran hatte Schwester Fidelma warnend mitgeteilt, der Prinz hätte gute Verbindungen und sei mit einer Prinzessin vom Königshof von Cashel verlobt. Es würde nicht ohne Folgen bleiben, wenn Dagobert nicht bis zum Letzten getreu dem Gesetz der Brehons behandelt würde.

»Du weißt, warum du hier bist?«, begann Schwester Fidelma.

»Das weiß ich«, erwiderte der junge Mann lächelnd. »Wulfstan, der angelsächsische Schweinehund, ist ermordet worden. Außer der Bande von Angelsachsen, die dem jungen Kerl folgte, tragen alle Studenten in Durrow ein erfreutes Lächeln auf dem Gesicht. Verwundert dich das, Schwester Fidelma?«

»Vielleicht nicht. Man sagt mir, dass du Streit mit ihm hattest?«

Dagobert nickte.

»Worüber?«

»Er war ein arrogantes Schwein. Er hat meine Ahnen beleidigt. Also habe ich ihm eins auf die Nase gegeben.«

»War das nicht schwierig? Er hatte doch eine Leibwache. Man hat mir auch erzählt, dass Raedwald nie weit entfernt war, und der ist ein kräftiger Kerl.«

Dagobert lachte glucksend.

»Raedwald wusste, wann er seinen Prinzen verteidigen musste und wann nicht. Er war, diplomatisch geschickt, aus dem Zimmer gegangen, als die Streiterei anfing. Es fehlt ihm nicht an Humor, diesem Raedwald von den südlichen Angelsachsen. Wulfstan hat ihn behandelt wie den Dreck unter seinen Füßen, obwohl er auch ein Than ist und ein Blutsverwandter.«

Schwester Fidelma griff in die Tasche, zog das blutbefleckte, bestickte Leinentuch heraus und legte es auf den Tisch.

»Erkennst du das?«

Dagobert hob das Tuch auf und drehte es mit verwundertem Gesicht in den Händen.

»Es ist ganz gewiss meines. Hier ist mein Wahlspruch. Aber die Blutflecken?«

»Es lag neben Wulfstans Leiche. Ich habe es dort gefunden. Man hat es offensichtlich dazu benutzt, die Mordwaffe abzuwischen.«

Dagobert erbleichte.

»Ich habe Wulfstan nicht umgebracht. Er war ein Schwein, aber er hatte nur eine gehörige Tracht Prügel nötig, damit er einmal bessere Manieren lernte.«

»Wie kommt dann dieses Tuch in seine Schlafkammer?«

»Ich … ich habe es jemandem geliehen.«

»Wem?«

Dagobert kaute auf der Unterlippe und zuckte die Achseln.

»Wenn du nicht dieses Verbrechens beschuldigt werden willst, Dagobert, musst du es mir sagen«, beharrte Fidelma.

»Vor zwei Tagen habe ich Talorgen, dem Prinzen von Rheged, das Taschentuch geliehen.«

Finan verneigte sich vor Schwester Fidelma.

»Dein Ruf als Anwältin am Gerichtshof der Brehons eilt dir voraus, Schwester«, grüßte sie der dunkle, hagere Mann. »Es erreichten uns bereits Gerüchte aus Tara, dass du einmal ein Komplott aufgedeckt hast, mit dem man den Hochkönig stürzen wollte.«

Fidelma bat Finan mit einer Handbewegung, sich zu setzen.

»Manchmal übertreiben die Leute ein bisschen, weil sie sich gern Helden und Heldinnen aufbauen, die sie verehren können. Du bist hier Professor der Jurisprudenz?«

»Das stimmt. Ich habe eine Ausbildung von sechs Jahren bis zum sai durchlaufen und bin nun Professor.«

Den Abschluss sai erreichte man nach sechs Jahren Studien. Er lag eine Stufe unter dem des anruth, den Fidelma erworben hatte.

»Und du hast Wulfstan unterrichtet?«

»Wir haben alle unser Kreuz zu tragen, genau wie Christus. Mein Kreuz war es, dass ich die angelsächsischen Thans unterrichten musste.«

»Doch nicht alle Angelsachsen?«

Finan schüttelte den Kopf.

»Nein, nur die drei Thans, denn sie weigerten sich, im Unterricht mit Bauern zusammenzusitzen. Nur auf ausdrücklichen Befehl von Abt Laisran kamen sie mit den anderen Studenten in den Hörsaal. Sie waren nicht gerade demütig vor dem Altar Christi. Im Gegenteil, ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie heimlich über Christus spotteten und weiterhin ihren befremdlichen Gott Wodan verehrten.«

»Du magst die Angelsachsen nicht?«

»Ich hasse sie!«

Die Entschiedenheit in Finans Stimme ließ Fidelma aufhorchen.

»Ist Hass nicht ein Gefühl, das einem Klosterbruder fremd sein sollte, besonders einem, der den Titel sai trägt?«

»Meine Schwester und mein Bruder nahmen das Ordensgewand und entschlossen sich, einem Ruf zu folgen, das Wort Christi im Land der östlichen Angelsachsen zu predigen. Vor einigen Jahren begegnete ich einem der Missionare, der mit dieser Gruppe aufgebrochen war. Sie hatten das Land erreicht und versuchten, dort das Wort des Herrn zu predigen. Die heidnischen Angelsachsen hatten sie jedoch gesteinigt, und nur zwei aus der Gruppe entgingen dem Tode. Unter denjenigen, die das Märtyrerschicksal erlitten, waren meine Schwester und mein Bruder. Seither hasse ich alle Angelsachsen.«

Schwester Fidelma schaute in Finans dunkle Augen.

»Hast du Wulfstan umgebracht?«

Finan erwiderte ihren Blick unerschüttert.

»Ich hätte es zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort tun können. Genügend Hass habe ich in mir. Aber nein, Schwester Fidelma, ich habe ihn nicht getötet. Weder besitze ich die Fähigkeit, in einen verriegelten Raum einzudringen, noch ihn wieder zu verlassen, als sei niemand darin gewesen.«

Fidelma nickte bedächtig.

»Du kannst gehen, Finan.«

Der Rechtsprofessor erhob sich zögerlich. Er hielt inne und bemerkte nachdenklich: »Niemand hier im Kloster mochte Wulfstan und Eadred. Viele heißblütige junge Männer haben sie zum Zweikampf herausgefordert, seit sie hier aufgetaucht sind. Dagobert, der Franke, zum Beispiel. Allein die Tatsache, dass derlei Herausforderungen auf heiligem Grund verboten sind, hat bisher ein Blutvergießen verhindert.«

Fidelma nickte noch einmal.

»Stimmt es, dass die Angelsachsen morgen abreisen?«, fragte Finan.

Sie hob den Kopf und schaute ihn an.

»Sie kehren mit dem Leichnam Wulfstans in ihr Land zurück«, bestätigte sie ihm.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf Finans Gesicht.

»Ich kann nicht behaupten, darüber betrübt zu sein, selbst wenn einer von ihnen sein Leben lassen musste, bis es so weit kam. Ich hatte gehofft, sie hätten Durrow bereits gestern verlassen.«

»Warum hätten sie fortgehen sollen?«, fragte Fidelma.

»Gestern Nachmittag ist irgendein angelsächsischer Bote hier im Kloster eingetroffen und suchte Wulfstan und Eadred. Ich hatte schon gehofft, dass man sie in ihr Heimatland zurückbeorderte. Wie auch immer, Gott sei gepriesen, dass sie nun verschwinden.«

Fidelma erwiderte ärgerlich: »Darf ich dich an eines erinnern, Finan: Wenn wir den Täter nicht finden, ist nicht nur diese Stätte der Gelehrsamkeit, dann sind alle fünf Königreiche von Éireann in Gefahr, denn die Angelsachsen werden sicherlich Vergeltung für den Tod ihres Prinzen üben wollen.«

Talorgen von Rheged war ein junger Mann von mittlerer Statur mit einem frischen Gesicht und sandbraunem Haar. Er trug einen dünnen Schnurrbart, aber seine Wangen und sein Kinn waren glattrasiert.

»Ja. Es ist kein Geheimnis, dass ich Wulfstan und Eadred zum Zweikampf herausgefordert habe.« Er sprach Irisch zwar mit Akzent, aber fließend, und er schien gefasst, als er sich auf den Stuhl setzte, auf den Schwester Fidelma gedeutet hatte.

»Warum?«

Talorgen grinste spitzbübisch.

»Ich habe mir sagen lassen, dass du Eadred bereits befragt hast. Von seinem Benehmen kannst du auf Wulfstans Arroganz schließen. Es ist nicht schwer, sich von denen provozieren zu lassen, selbst wenn sie keine Angelsachsen wären.«

»Du liebst die Angelsachsen nicht?«

»Sie sind nicht liebenswert.«

»Du bist ein Prinz von Rheged, und es wird berichtet, dass die Angelsachsen dein Land immer wieder angreifen.«

Talorgen nickte mit verkniffenem Mund. »Oswy nennt sich zwar christlicher König von Northumbria, doch trotzdem schickt er seine barbarischen Horden gegen die Königreiche der Britannier aus. Seit Generationen kämpfen nun die Bewohner meines Landes gegen die Angelsachsen, denn deren Hunger nach Land und Macht ist unersättlich. Owain, mein Vater, hat mich hierhergeschickt, aber ich wäre jetzt, so wahr Christus auferstanden ist, lieber an seiner Seite und schwänge mein Schwert gegen die angelsächsischen Feinde. Meine Klinge sollte das Blut der Feinde meines Stammes trinken.«

Schwester Fidelma betrachtete neugierig den jungen Mann, der mit hochrotem Kopf vor ihr saß.

»Hat deine Klinge denn schon das Blut der Feinde deines Stammes getrunken?«

Talorgen zuckte ungeduldig die Achseln, zögerte, doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge. Er lachte leise.

»Du fragst, ob ich Wulfstan ermordet habe? Das habe ich nicht getan. Ich schwöre es beim lebendigen Gott! Aber lass es dir gesagt sein, Schwester Fidelma, das liegt nicht daran, dass ich es nicht wollte. Wahrhaftig, manchmal ist der christliche Glaube ein gestrenger Zuchtmeister. Wulfstan und sein Vetter Eadred waren so widerwärtig, dass ich kaum glauben kann, dass irgendjemand in dieser Gemeinschaft Wulfstan eine Träne nachweint.«

Fidelma zog das blutbefleckte Taschentuch hervor und legte es auf den Tisch.

»Dies wurde neben Wulfstans Leichnam gefunden. Man hat damit das Blut von der Mordwaffe abgewischt. Es gehört Dagobert.«

»Du meinst, Dagobert …?« Die Augen des Prinzen von Rheged weiteten sich, als er vom Taschentuch zu Schwester Fidelma schaute.

»Dagobert sagte mir, er hätte dir dieses Tuch vor zwei Tagen geliehen.«

Talorgen untersuchte das Taschentuch sorgfältig und nickte dann bedächtig.

»Er hat recht. Es ist das gleiche Tuch. Ich kann es an der Stickerei erkennen.«

»Wie ist es dann in Wulfstans Kammer gekommen?«

Talorgen zuckte die Achseln.

»Das weiß ich nicht. Ich erinnere mich, dass ich es gestern Morgen noch in meiner Kammer hatte. Dann bemerkte ich, dass es weg war, und dachte, Dagobert hätte es sich geholt.«

Schwester Fidelma schaute Talorgen einen Augenblick lang unverwandt an.

»Ich schwöre es, Schwester«, sagte der Prinz von Rheged ernst. »Außerhalb dieser Mauern hätte ich Wulfstan ohne Zögern umgebracht, aber hier auf diesem Gelände habe ich ihn nicht getötet.«

»Du bist aufrichtig, Talorgen.«

Der junge Mann hob die Schultern.

»Ich stamme aus dem Haus des Urien von Rheged, dessen Lob unser großer Barde Taliesin sang. Urien war der Goldene König des Nordens, der hinterlistig von einem Verräter niedergemetzelt wurde. Wir in unserem Hause sind unparteiisch, gerecht und aufrichtig. Wir glauben an die Ehrlichkeit. Wir treten unseren Feinden im hellen Licht des Tages auf dem Schlachtfeld entgegen, nicht bei Nacht in den finsteren Ecken irgendeiner Bettkammer.«

»Du sagtest, dass viele in dieser Gemeinschaft etwas gegen Wulfstan hatten? Dachtest du da an jemand Besonderen?«

Talorgen spitzte die Lippen.

»Unser Lehrer Finan hat oft gesagt, dass er die Angelsachsen hasst.«

Schwester Fidelma nickte.

»Ich habe schon mit Finan gesprochen.«

»Wie du bereits weißt, hat Dagobert sich vor zwei Tagen abends im Refektorium mit Wulfstan gestritten und ihm die Nase blutig geschlagen. Dann waren da noch Riderch von Dumnonia, Fergna von Midhe und …« Schwester Fidelma gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt.

»Ich denke, du hast den Beweis erbracht, Talorgen: Jeder in Durrow ist verdächtig.«

Schwester Fidelma fand Raedwald im Stall, wo er Vorbereitungen für die Rückreise in seine Heimat traf.

»Eine Frage möchte ich dir noch allein stellen, Raedwald. Muss ich dich an meine Autorität erinnern?«

Der angelsächsische Krieger schüttelte den Kopf.

»Ich habe viel über euer Gesetz und eure Gebräuche gelernt, seit ich in eurem Land bin, Schwester. Ich bin nicht wie Eadred.«

»Und du hast unsere Sprache einigermaßen fließend sprechen gelernt«, sagte Fidelma. »Sprichst besser und verstehst mehr als dein Vetter.«

»Es steht mir nicht zu, den Thronfolger des Königreichs der südlichen Angelsachsen zu kritisieren.«

»Aber ich glaube, du mochtest deinen Vetter Wulfstan nicht?«

Raedwald blinzelte überrascht ob ihrer unverblümten Frage und zuckte dann die Achseln.

»Ich bin nur ein Than im Hause Cissas, es steht mir nicht an, meinen neuen König zu mögen oder nicht zu mögen.«

»Warum hast du gestern Nacht nicht vor Wulfstans Kammer Wache gehalten?«

»Das habe ich nie getan. Sobald Wulfstan die Tür von innen verriegelt hatte, war er gut geschützt. Du hast die Kammer gesehen, die er sich von Abt Laisran erbeten hat. Sobald er sich drinnen verbarrikadiert hatte, gab es scheinbar keinerlei Gefahr mehr für ihn. Ich schlief in der Kammer nebenan und war immer bereit, falls er mich zu Hilfe rufen würde.«

»Aber er hat nicht um Hilfe gerufen?«

»Sein Mörder hat ihm gleich zuerst die Kehle durchgeschnitten. So viel war an seiner Leiche klar zu erkennen.«

»Es ist auch klar, dass er den Mörder freiwillig in seine Kammer gelassen hat. Deswegen muss er ihn gekannt und ihm vertraut haben.«

Raedwalds Augen verengten sich.

Fidelma sprach weiter.

»Sag mir, der Bote, der gestern aus eurem Land hier eintraf, welche Botschaft brachte er Wulfstan?«

Raedwald schüttelte den Kopf.

»Diese Botschaft war nur für Wulfstan bestimmt.«

»Ist der Bote noch hier?«

»Ja.«

»Dann möchte ich ihn gern befragen.«

»Du kannst ihn gern befragen, aber er wird dir nicht antworten.« Raedwald lächelte grimmig.

Schwester Fidelma presste verärgert die Lippen zusammen.

»Noch so ein angelsächsischer Brauch? Nicht einmal die Boten wollen mit Frauen sprechen?«

»Ja, ein angelsächsischer Brauch. Aber dies ist ein Brauch der Könige. Einem königlichen Boten wird die Zunge herausgeschnitten, damit er niemals den Feinden mündlich die Botschaft verraten kann, die ihm von den Königen und Prinzen anvertraut wurde.«

Mit einer Handbewegung bat Abt Laisran alle, die er auf Schwester Fidelmas Geheiß in seinem Studierzimmer versammelt hatte, sich einen Sitzplatz zu suchen. Auf ihren Mienen hatte sich, je nach ihrer Persönlichkeit, beim Betreten des Raumes entweder Neugier oder Trotz widergespiegelt, als sie Schwester Fidelma vor dem Kamin mit dem hohen Sims stehen sahen. Sie war in Gedanken versunken, hatte die Hände fromm vor sich gefaltet, schien sie nicht zu bemerken, während sie sich hinsetzten. Bruder Ultan, der Verwalter des Klosters, stellte sich vor die Tür, die Hände im Ordensgewand verborgen.

Abt Laisran warf Fidelma einen besorgten Blick zu und setzte sich dann ebenfalls.

»Warum sind wir hier?«, fragte Talorgen barsch.

Fidelma hob den Kopf und schaute ihm in die Augen.

»Ihr seid hier, um zu erfahren, wie und durch wessen Hand Wulfstan gestorben ist«, erwiderte sie in scharfem Ton.

Nach einer kurzen Pause bemerkte Eadred mit höhnischem Lächeln: »Wie mein Blutsverwandter Wulfstan gestorben ist, wissen wir bereits, Frau. Durch die Zauberei eines Barbaren. Wer dieser Barbar ist, lässt sich leicht folgern. Es war einer von den Wilden, den welisc, nämlich Talorgen.«

Talorgen sprang auf und ballte die Fäuste.

»Wiederhole diese Anschuldigung außerhalb der Klostermauern, und dann pariere ich dein Schwert mit dem meinen, du angelsächsische Memme!«

Dagobert erhob sich und fuhr dazwischen, als Eadred von seinem Stuhl aufspringen und sich auf Talorgen stürzen wollte.

»Schluss jetzt!« Die sonst so freundlichen Züge Laisrans verzerrten sich vor Wut. Seine Stimme schnitt wie ein Peitschenhieb durch die Luft.

Die Studenten der kirchlichen Schule von Durrow schienen zu erstarren. Dann fiel Eadred mit einem Lächeln auf seinen Stuhl zurück, das eher Hohn als Belustigung ausdrückte. Dagobert zupfte Talorgen am Ärmel, und der Prinz von Rheged seufzte und setzte sich wieder hin. Der fränkische Prinz tat es ihm gleich.

Abt Laisran grollte wie ein wütender Bär.

»Schwester Fidelma ist Anwältin am Gerichtshof der Brehons in Éireann. Was auch immer die Bräuche in eurem Land sein mögen, in unserem Land besitzt sie jedenfalls die höchste Rechtsgewalt, und die berechtigt sie, diese Untersuchung durchzuführen. Sie hat die volle Unterstützung durch die Gesetze dieses Königreiches. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

Es herrschte Schweigen.

»Ich fahre fort«, sagte Fidelma ruhig. »Und doch ist das, was Eadred gesagt hat, zum Teil wahr.«

Eadred starrte sie an, und Verwirrung umschattete seine Augen.

»O ja«, meinte Fidelma lächelnd. »Zumindest einer von euch weiß, wie Wulfstan gestorben ist und wer dafür verantwortlich ist.«

Sie legte eine kleine Pause ein und ließ die Worte ihre Wirkung tun.

»Lasst mich zunächst erklären, wie er gestorben ist.«

»Er wurde in seinem Bett erstochen«, sagte Finan, der Rechtsprofessor.

»Das ist richtig«, stimmte ihm Fidelma zu, »aber es geschah ohne die Hilfe von Zauberei.«

»Wie sonst konnte ein Mörder in einen verriegelten Raum gelangen und ihn wieder verlassen, obwohl er noch immer von innen verriegelt war?«, wollte Eadred wissen. »Wie, außer durch Zauberei?«

»Der Mörder wollte, dass wir es für Zauberei hielten. Er hat sich einen sehr komplizierten Plan ausgedacht, um uns zu verwirren und die Schuld jemand anderem zuzuschieben. Der Plan war so komplex, dass er verschiedene Ebenen hatte. Eine der Ebenen war schlicht und einfach, dass er uns verwirren und verängstigen wollte, weil wir dachten, der Mord sei von einer übernatürlichen Kraft begangen worden. Die andere war, einen Hinweis auf einen offensichtlichen Verdächtigen zu hinterlassen, und die dritte war, eine andere Person zu bezichtigen.«

»Nun«, meinte Laisran, »im Augenblick durchschaue ich nicht einmal die erste Absicht.«

Schwester Fidelma warf dem rundlichen Abt ein flüchtiges Lächeln zu.

»Die hebe ich mir für später auf. Wir wollen zunächst die Todesart betrachten.«

Nun hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller.

»Der Mörder betrat den Raum durch die Tür. Wulfstan hat seinen Mörder selbst in die Schlafkammer eingelassen.«

Der ungewöhnlich schweigsame Dagobert holte laut und vernehmlich Luft.

Ungerührt sprach Fidelma weiter.

»Wulfstan kannte seinen Mörder. Ja, er hegte keinerlei Verdacht, fürchtete diesen Mann nicht.«

Abt Laisran betrachtete sie mit vor Erstaunen offenem Mund.

»Wulfstan ließ den Mörder in die Kammer«, fuhr sie fort. »Der Mörder schlug zu. Er tötete Wulfstan und ließ den Leichnam auf dem Bett zurück. Es ging alles blitzschnell. Um Zweifel und Verdacht zu verbreiten, wischte der Übeltäter sein Messer an einem Leinentuch ab, von dem er irrtümlich annahm, dass es Talorgen, dem Prinzen von Rheged, gehörte. Wie ich schon sagte, falls es uns gelingen würde, die Scharade der Zauberei zu durchblicken, wollte der Täter den Mord Talorgen anlasten. Er bemerkte nur nicht, dass auf diesem Tuch deutlich sichtbar Dagoberts Wahlspruch zu lesen stand. Es war ein lateinischer Spruch: ›Hüte deine Zunge!«

Sie legte eine Pause ein, in der die Zuhörer diese Neuigkeit verdauen konnten.

»Wie hat nun aber der Täter die Bettkammer wieder verlassen und es geschafft, die Tür von innen zu verriegeln?«, fragte Dagobert.

»Die Tür wird mit Hilfe von zwei Holzbalken verriegelt. Normalerweise werden die in eiserne Halterungen eingehängt, die am Türrahmen befestigt sind. Als ich mir den ersten Balken ansah, bemerkte ich, dass an beiden Enden Seil darum gewickelt war, um das Holz zu schützen, wenn es in die Halterungen geschoben wird. Das Seltsame war, dass am anderen Balken an beiden Seiten vier Fuß Seil lose hingen. An den Enden war das Seil ausgefranst und verkohlt.«

Sie wiederholte diesen Satz noch einmal.

»Seltsam. Dann fiel mir auf, dass über der Tür eine Stange befestigt ist, an der gegen die Zugluft ein schwerer Wollvorhang hängt. Ich konnte natürlich nicht feststellen, ob der Vorhang zur Tatzeit zugezogen war oder nicht. Denn sobald wir gewaltsam in den Raum eingedrungen waren, hatte die Bewegung der Tür nach innen den Vorhang möglicherweise zur Seite geschoben.«

Eadred machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Wohin soll diese Erklärung führen?«

»Geduld, ich sage es euch gleich. Des Weiteren entdeckte ich zu beiden Seiten der Tür je einen kleinen Talgfleck. Als ich mich hinunterbückte, um diese Flecken genauer zu betrachten, sah ich zwei Nägel, die etwa drei Zoll über dem Boden in den Türrahmen geschlagen waren. Zwei kurze Enden Seil hingen noch an diesen Nägeln, und auch hier waren die Enden ausgefranst und verkohlt. Da begriff ich, wie der Mörder aus dem Zimmer geflohen war und trotzdem einen der Balken in die Verriegelung gebracht hatte.«

»Einen?«, fragte Abt Laisran. Er hatte sich weit vorgelehnt und schaute sie mit gespannter Miene an.

Fidelma nickte.

»Es war nur ein Balken nötig, um die Tür von innen zu verriegeln. Der erste Balken, drei Fuß von der Unterkante der Tür entfernt, war nicht eingelegt worden. Es waren keinerlei Kerben auf ihm zu sehen, und das Seil an den Enden war unversehrt. Auch waren die zugehörigen Halterungen nicht aus dem Türrahmen gerissen. Daraus musste ich schließen, dass dieser Balken nicht in den Halterungen gesteckt hatte. Nur der zweite Balken, der oben an der Tür, hatte in der Halterung gesteckt.«

»Weiter«, drängte Laisran sie, als sie wieder eine Pause einlegte.

»Der Mörder hatte alles gut vorbereitet. Nachdem er Wulfstan getötet hatte, wickelte er das Seil ein Stück von den Enden des Balkens ab und führte es über die Vorhangstange über der Tür. Dann schlug er zwei Nägel ein – oder er hatte sie schon am Tag, als die Kammer offen war, eingeschlagen. Nun zog er den Holzbalken bis zur Vorhangstange hoch. Er sicherte ihn, indem er die Enden des Seils an den unten eingeschlagenen Nägeln festband. Diese Konstruktion erlaubte es ihm, die Kammer zu verlassen.«

Laisran wedelte ungeduldig mit der Hand.

»Ja, aber wie konnte er dann das Seil so führen, dass der Balken in die Halterung herabgelassen wurde?«

»Ganz einfach. Er nahm zwei Talgkerzen und stellte je eine beim Hinausgehen unter ein Stück Seil. Dann nahm er ein Stück Papier und brachte es mit Hilfe seiner Zunderbüchse zum Brennen – die Asche des Papiers habe ich auf dem Boden der Kammer gefunden, wo er sie hatte fallen lassen. Mit dem Papier zündete er die beiden Kerzen rechts und links der Tür unter der Schnur an. Nun ging er rasch. Sobald die Schnur durchgeschmort war, gab sie den Balken frei, der ordentlich in die nach oben offene eiserne Halterung fiel. Er musste ja, wie ihr euch erinnert, nur zwei Fuß tief fallen. Die Kerzen brannten weiter herunter, bis sie nur noch Fettflecken waren, beinahe nicht zu sehen, wenn ich nicht auf einem ausgeglitten wäre. Doch das Ergebnis war, dass wir vor einem Rätsel standen. Ein von innen verriegelter Raum mit einer Leiche. Zauberei? Nein. Die Planung eines listigen Hirns.«

»Was geschah dann?«, erkundigte sich Talorgen und unterbrach so das atemlose Schweigen.

»Der Mörder verließ die Kammer, wie ich beschrieben habe. Er wollte die Illusion eines geheimnisvollen Geschehens erwecken, denn die Person, der er das Verbrechen anlasten wollte, war jemand, von dem er annahm, seine Landsleute würden ihn für einen Barbaren und Zauberer halten. Wie ich schon angedeutet habe, wollte er den Verdacht auf dich lenken, Talorgen. Er verließ die Kammer und redete draußen vor Wulfstans Zimmer noch eine Weile mit jemandem. Dann hörte er, wie der Balken in die Halterung fiel. Das war auch sein Alibi, denn es war ja klar, dass die beiden vernommen hatten, wie Wulfstan, der noch lebte, den Balken vorlegte, um die Tür zu verriegeln.«

Raedwald legte die Stirn in Falten, als machte es ihm Mühe, ihren Argumenten zu folgen.

»Du hast die Tat hervorragend rekonstruiert«, sagte er langsam. »Aber es beruht alles nur auf Annahmen. Und es bleibt nur eine Annahme, bis du den Mörder nennst und uns sein Motiv verrätst.«

Schwester Fidelma lächelte milde.

»Nun gut. Dazu wollte ich gerade kommen.«

Sie drehte sich um und ließ ihre Augen über die fragend zu ihr aufgerichteten Gesichter schweifen. Dann blieb ihr Blick an den hochmütigen Zügen des Than von Andredswald hängen.

Eadred deutete das als Anschuldigung und war mit wutverzerrtem Gesicht aufgesprungen, ehe sie noch ein Wort gesagt hatte.

Rasch kam Ultan, der Verwalter, quer durch den Raum geschritten und baute sich schützend vor Schwester Fidelma auf, für den Fall, dass Eadred sich von den Gefühlen, die sich deutlich auf seinem Gesicht abzeichneten, hinreißen lassen sollte.

»Du hast uns noch nichts zum Motiv gesagt«, meinte Dagobert, der Franke, ruhig. »Warum sollte der Than von Andredswald seinen Vetter und Prinzen ermorden?«

Schwester Fidelmas Blick war immer noch auf den arroganten Angelsachsen gerichtet.

»Ich habe doch gar nicht gesagt, dass der Than von Andredswald der Mörder ist«, stellte sie leise fest. »Was das Motiv angeht, so liegt es in den Gesetzen der angelsächsischen Gesellschaft begründet, die, Gott sei’s gedankt, nicht die unseren sind.«

Abt Laisran sah sie fragend an.

»Erkläre dich näher, Fidelma. Das verstehe ich nicht.«

»Ein angelsächsischer Prinz erbt die Königswürde durch das Recht des Primogenitur. Das heißt, der älteste Sohn erbt alles.«

Dagobert nickte ungeduldig.

»Das ist auch in unserer fränkischen Thronfolge so. Aber wieso könnte das ein Motiv für den Mord an Wulfstan sein?«

»Vor zwei Tagen traf hier ein Bote aus dem Königreich der südlichen Angelsachsen ein. Seine Botschaft war für Wulfstan bestimmt. Ich habe herausgefunden, wie diese Botschaft lautete.«

»Wie hast du das angestellt?«, wollte Raedwald wissen. »Königlichen Boten wird die Zunge herausgeschnitten, damit sie derlei Geheimnisse nicht verraten können.«

Fidelma grinste.

»Das hast du mir schon gesagt. Zum Glück hat der arme Mann schreiben gelernt, und zwar von Diciul, dem Missionar aus Éireann, der das Christentum und die Gelehrsamkeit in euer Land gebracht hatte.«

»Und wie lautete die Botschaft?«, fragte Laisran.

»Wulfstans Vater ist gestorben, der Gelben Pest zum Opfer gefallen. Wulfstan war nun König der südlichen Angelsachsen und wurde dringend nach Hause gerufen.«

Sie schaute Raedwald an.

Der nickte stumm.

»So viel hast du mir bereits verraten, als ich dich verhörte, Raedwald«, fuhr Fidelma fort. »Als ich dich fragte, ob du Wulfstan liebtest, sagtest du mir, es stehe dir nicht an, deinen neuen König zu mögen oder nicht zu mögen. Ein Versprecher, aber er machte mich auf ein mögliches Motiv aufmerksam.«

Raedwald schwieg.

»In einem derart barbarischen System der Thronfolge, wo die Reihenfolge der Geburt das einzige Kriterium für den Anspruch auf ein Erbe oder ein Königreich ist, gibt es keinen Schutz. In Éireann wie bei unseren Vettern, den Britanniern, muss ein Stammesfürst oder König nicht nur königlichen Geblüts sein, er muss auch von der derbhfine seiner Familie erwählt werden. Ohne einen solchen Schutz ist völlig klar, dass nur der Tod des Vorgängers alle Hindernisse für einen Thronanwärter aus dem Weg räumt.«

Raedwald spitzte die Lippen und sagte leise: »Das stimmt.«

»Und nun, da Wulfstan tot ist, wird Eadred ihm auf dem Thron nachfolgen?«

»Ja.«

Eadreds Gesicht war puterrot.

»Ich habe Wulfstan nicht umgebracht!«

Schwester Fidelma sah ihm tief in die Augen.

»Ich glaube dir, denn der Mörder ist Raedwald«, sagte sie ruhig.

Von Panik ergriffen, wollte Raedwald flüchten, doch Finan packte ihn fest am Arm. Dagobert und Ultan, der Verwalter, sprangen vor und halfen ihm, Raedwald festzuhalten, der sich heftig wehrte. Sobald man den Than von Staeningum überwältigt hatte, sprach Schwester Fidelma weiter: »Ich habe gesagt, dass der Mörder klug und listenreich ist. Und doch hat sich Raedwald bei seinem Versuch, uns auf die falsche Fährte zu leiten, übernommen und so den Verdacht auf sich gelenkt. Er wollte, dass wir Talorgen das Verbrechen zur Last legten, doch es unterlief ihm ein Fehler, weil er dachte, das Taschentuch gehöre Talorgen. Es trug aber Dagoberts lateinischen Wahlspruch. Raedwald kann kein Latein, deshalb bemerkte er das nicht. Aus diesem Grund ist Eadred nun von jedem Verdacht frei, denn er versteht zumindest so viel Latein, dass er Dagoberts Wahlspruch erkennen konnte.«

Sie sah Eadred an.

»Wenn du auch ermordet worden wärst, dann wäre Raedwald der nächste Thronanwärter gewesen, nicht wahr?«

Eadred nickte.

»Aber …«

»Raedwald hatte vor, dich als Täter zu bezichtigen und dann zu zeigen, dass du Talorgen die Schuld zuschieben wolltest. Entweder wärst du nach unserem Gesetz wegen Mord vor Gericht gekommen oder, wenn das alles nichts genutzt hätte … Nun, ich wage zu bezweifeln, dass du das Land der südlichen Angelsachsen sicher wieder erreicht hättest. Vielleicht wärst du bei der Überfahrt über Bord gegangen. Wie auch immer, Wulfstan und du, ihr wärt beide aus der Thronfolge ausgeschieden, und dann wäre der Weg frei gewesen für Raedwald.«

Eadred schüttelte verwundert den Kopf. In seiner Stimme schwang zögerliche Bewunderung mit, als er sagte: »Niemals hätte ich vermutet, dass eine Frau einen solch scharfen Verstand besitzen könnte, um die List dieses Verrats so aufzudecken, wie du es gemacht hast. Ich werde nun dein Amt mit neuen Augen sehen.«

An Abt Laisran gerichtet, sagte er: »Ich und meine Männer, wir werden jetzt abreisen, denn wir müssen in mein Land zurückkehren. Mit deiner Erlaubnis, Abt, nehme ich Raedwald als meinen Gefangenen mit. Er wird nach unseren Gesetzen vor Gericht gestellt werden, und seine Strafe wird nach unserem Recht festgelegt.«

Abt Laisran nickte nur.

Eadred ging auf die Tür zu. Dabei fiel sein Blick auf Talorgen von Rheged.

»Nun, welisc, es scheint, als schuldete ich dir Abbitte dafür, dass ich dich zu Unrecht des Mordes an Wulfstan bezichtigt habe. Hiermit entschuldige ich mich.«

Talorgen erhob sich langsam und versuchte, die Überraschung auf seinem Gesicht zu verbergen.

»Deine Entschuldigung ist angenommen, Angelsachse.«

Eadred zögerte einen Augenblick und sagte: »Ungeachtet der Entschuldigung kann doch zwischen uns niemals Friede herrschen, welisc!«

Talorgen rümpfte verächtlich die Nase.

»Ein solcher Friede kommt an dem Tag, an dem du und deine angelsächsischen Horden von den Ufern Britanniens in See stechen, um für immer in das Land zurückzukehren, aus dem ihr gekommen seid!«

Eadred erstarrte, fuhr mit der Hand zum Gürtel, hielt dann inne und lächelte beinahe.

»Gut gesprochen, welisc. Es wird also niemals Frieden geben!«

Mit großen Schritten verließ er den Raum, gefolgt von Ultan und Dagobert, die Raedwald hinter ihm her abführten.

Talorgen lächelte Schwester Fidelma kurz zu und sagte: »Wahrhaftig, unter den Brehons von Irland sind weise Richterinnen.«

Dann war auch er fort. Finan, der Rechtsprofessor, zögerte einen Augenblick.

»Wahrlich, jetzt weiß ich, warum dein Ruf so großartig ist, Fidelma von Kildare.«

Schwester Fidelma seufzte leise, als er gegangen war.

»Nun, Fidelma«, sagte Abt Laisran mit zufriedenem Lächeln, während er nach dem Weinkrug griff. »Es scheint, dass ich dir auf deiner Pilgerfahrt zum Schrein des heiligen Patrick von Ard Macha einige Abwechslung geboten habe.«

Schwester Fidelma ging auf den ironischen Ton des rundlichen Abtes ein.

»Abwechslung, das schon. Aber ich wäre wahrhaftig lieber einem angenehmeren Zeitvertreib nachgegangen.«


DER FALSCHE APOSTEL

<p>DER FALSCHE APOSTEL</p>

Die schwarze Lumme mit den leuchtend orangefarbenen Beinen und den klagenden Warnrufen stieß herab und schoss über das Fischerboot. Sie war ein einsamer Wanderer inmitten eines Schwarms kleiner, wendiger Sturmschwalben mit schwärzlichem Gefieder und weißem Bürzel und großer dunkel gefärbter Kormorane; sie alle kreisten, tauchten, flatterten und hoben sich gegen den sanftblauen Maihimmel ab.

Schwester Fidelma saß entspannt im Heck des Boots und ließ den Tanggeruch des hoch sprühenden Salzwassers sacht ihre Sinne streicheln. Ihr gegenüber saßen die beiden Ruderer, die sich rhythmisch vor- und zurückbeugten. Dank ihrer gleichmäßigen Schläge glitt das leichte, mit Tierhäuten bespannte Flechtwerkboot sanft über die Wellen der weiten Bucht, die sich verräterisch ruhig gab. Selten verhielten sich die raubgierigen Wogen des hungrigen Atlantik so friedlich wie jetzt, denn oftmals waren die Inseln, zwischen denen das Boot sich seinen Weg bahnte, für Wochen, ja Monate vom Festland abgeschnitten.

Sie hatten von der felsigen, kärglich begrünten Küste abgelegt, um den breiten Meeresarm an der Südwestküste Irlands, der Roaringwater Bay hieß, zu überqueren. Es war das Gebiet mit den sagenumwobenen »Hundert Inseln«, die wie von der Hand eines Riesen ins Meer geschleuderte Erdklumpen und Felsbrocken das Bild prägten. Der Tag war mild, das Wasser träge, die Sonne wärmte bereits und beschien eine Szenerie friedvoller Schönheit. Während die Ruderer das Gefährt durch die zahlreichen Inselchen lenkten, tauchten neugierige Seehunde auf, schauten kurz auf die Eindringlinge in ihre Wasserwelt und schossen davon.

Schwester Fidelma war nicht allein unterwegs. Eine Novizin begleitete sie. Das junge, verängstigte Mädchen kauerte neben ihr auf dem Heckbrett des Fischerboots. Fidelma hatte sich verpflichtet gefühlt, die Novizin auf der Fahrt zur Abtei Sankt Ciaran von Saigher unter ihre Fittiche zu nehmen. Die Abtei war auf der Insel Chléire, dem weit draußen gelegenen Vorposten der Inselgruppe, errichtet worden. Es hatte sich rein zufällig ergeben, denn Fidelmas eigentliches Vorhaben bestand darin, Briefe von Ultan, dem Erzbischof von Armagh, an den Abt von Chléire und auch an den Prior von Inis Chloichreán zu überbringen. Auf dem letztgenannten, von den anderen Inseln abgesonderten Felseneiland war eine winzige Klostersiedlung entstanden.

Der Schlagmann, den sein Leben an der rauen Küste hatte vor der Zeit altern lassen, machte eine Pause und verzog die Lippen zu einem freundlichen Grinsen, bei dem sein lückenhaftes Gebiss sichtbar wurde. Bewundernd schaute er mit seinen tiefliegenden, meergrünen Augen in dem braunen, wie Leder gegerbten Gesicht auf die schlanke und ranke junge Frau mit dem roten Haar. Selten hatte er eine Klosterschwester gesehen, die sich mit so fraulicher Sicherheit hielt wie diese, und schon gar keine, die so selbstverständlich die Führung übernahm.

»Dort drüben zu unserer Rechten liegt Inis Chloichreán, Schwester.« Er wies mit seiner knotigen Hand in die Richtung, merkte aber sofort, dass die Insel zu ihrer Linken lag, weil er ihr gegenüber saß. »Bis dorthin brauchen wir eine Viertelstunde. Möchtest du, dass wir da an Land gehen, oder willst du, dass wir zuerst Chléire anlaufen?«

»Auf Chloichreán halte ich mich nicht lange auf«, erwiderte Fidelma. »Legen wir zuerst dort an, wenn es ohnehin auf unserem Weg liegt.«

Der Ruderer brummte sein Einverständnis und nickte seinem Partner zu. Wie auf ein geheimes Kommando tauchten sie gleichzeitig ihre Ruder ein, und das Boot flog über die Wellen auf die Insel zu. Deren felsige Oberfläche war bergig. Von See aus gewann man den Eindruck, die Ufer bestünden nur aus unzugänglichen Klippen. Lichtnelken und Geißblatt, die sich auf Vorsprüngen hielten, verliehen dem grauen Granit Farbtupfer.

Lorcán, der Schlagmann, manövrierte das Boot geschickt durch die vor der Küste aufragenden Felsnadeln. Gischt zischte und gurgelte um die Granitzacken, an denen sich kleine, aber gefährliche Strudel bildeten. Bedenklich tanzte das leichte Gefährt hin und her. Doch dem erfahrenen Ruderer gelang es, sich auf einem Zickzackkurs zu einer winzigen geschützten Bucht durchzuschlagen, die einen Naturhafen bildete.

Fidelma bewunderte sein Geschick. »Nur jemand, der sich hier auskennt, kann so eine Stelle ansteuern.«

Lorcán quittierte ihr Lob mit zufriedenem Lachen. »Ich bin einer von den wenigen, die genau wissen, wo man bei dieser Insel anlanden kann.«

»Unter den frommen Brüdern der Abtei muss es echte Seeleute geben, sonst könnten sie hier schwerlich bestehen.«

»Abtei ist ein zu großartiger Name für Selbachs Ansiedlung«, ließ sich der zweite Ruderer vernehmen, der bislang geschwiegen hatte.

»Da muss ich Maenach recht geben«, bestätigte Lorcán. »Abt Selbach ist vor zwei Jahren mit zwölf Brüdern hierhergekommen; seine Apostel hat er sie genannt. Ganz junge Burschen sind das, der jüngste ist vierzehn und der älteste kaum neunzehn. Sie haben diese Insel gewählt, weil sie so unzugänglich ist und es nur wenige zuwege bringen, da zu landen. So ein Flechtwerkboot haben sie zwar, aber das benutzen sie nie. Es ist nur für den dringendsten Notfall da. Vier- oder fünfmal im Jahr rudere ich hierher und bringe ihnen vom Festland, was sie brauchen.«

»Dann haben wir also eine Einsiedelei vor uns«, meinte Fidelma. In Irland gab es viele Glaubensbrüder, die es vorzogen, als Eremiten zu leben oder mit einigen Gleichgesinnten an einem abgelegenen Ort ein Gemeinwesen zu gründen, in dem sie zusammen lebten und sich in weltferner Einsamkeit in die Geheimnisse des Glaubens versenkten. Fidelma hatte kein rechtes Zutrauen zu den Eremiten und ihren in sich gekehrten Gemeinden. Ihr behagte es nicht, Gott dienen zu wollen, indem man sich von Seiner größten Schöpfung abwandte – der Gemeinschaft von Männern und Frauen.

»Eine Einsiedelei ist das wirklich«, stimmte ihr Maenach düster zu. »Die Insel ist ja nicht groß. An sich müsste einer der Brüder unsere Ankunft gesehen haben, doch keiner ist da, uns zu begrüßen.«

Lorcán hatte das Boot mit einem Seil an einem Felsen befestigt und half nun Fidelma beim Aussteigen, während Maenach mit seinem Gewicht das Schwanken ausglich.

»Wir steigen lieber alle aus«, sagte Fidelma und meinte mehr ihre verängstigte Novizin, Schwester Sárnat. Das Mädchen, es konnte keine sechzehn sein, krabbelte ihr brav hinterher und hielt sich dicht bei ihr wie ein Küken bei der Glucke.

Maenach verließ als Letzter das Boot und streckte und reckte sich wohlig, sobald er festen Boden unter den Füßen hatte.

Vor ihnen waren Stufen in den granitenen Abhang geschlagen, die zu einem engen Durchlass oben auf der Klippe führten. »Du musst nur da hinaufsteigen, Schwester, und schon stehst du in Selbachs Ansiedlung«, bedeutete ihr Lorcán. »Wir warten hier auf dich.«

Fidelma nickte und fragte Schwester Sárnat: »Willst du hier unten bleiben oder kommst du mit?«

Die Kleine zitterte, als stünde sie im kalten Wind, und jammerte kläglich. »Ich komme mit.«

Eigentlich war sie kein Kind mehr, wirkte aber wie eine Zehnjährige, die sich vor allem fürchtete und sich an den erstbesten Erwachsenen klammerte, damit er sie vor möglichen Schreckgespensten schützte. Irgendetwas an dem Mädchen fesselte Fidelma. Sie wunderte sich, was sie bewogen haben mochte, sich in ein Kloster zu begeben, so jung und unerfahren, wie sie war.

»Also gut, dann klettern wir hoch.« Vom Ufer rief Lorcán ihnen nach: »Bleib nicht so lange, Schwester. Der Wind nimmt zu, und ehe es dunkel wird, haben wir Sturm. Je früher wir Chléire erreichen, desto eher sind wir im schützenden Hafen.«

»Wir sind gleich wieder da«, versicherte ihm Fidelma und begann mit dem Aufstieg. Sárnat blieb ihr auf den Fersen.

»Woher will der wissen, dass ein Sturm aufzieht?«, fragte sie keuchend, während sie Fidelma hinterherkraxelte. »Wir haben doch herrliches Wetter.«

»Ein Seemann weiß das eben. Vom Himmel lassen sich manche Anzeichen ablesen. Hast du gestern Abend den Mond betrachtet?«

»Der war strahlend hell«, sagte Sárnat verwundert.

»Hättest du genau hingeschaut, dann hättest du bemerkt, er hatte einen rötlichen Schimmer. Die Luft stand still und war ziemlich trocken. Da kann man fast sicher sein, dass stürmische Winde aus West heranziehen.«

Fidelma blieb stehen und zeigte auf verschiedene Pflanzen. »Hier hast du noch weitere Anzeichen. Siehst du den Klee? Schau mal, wie die Stängel angeschwollen sind, und daneben der Löwenzahn, die Blüten ziehen sich zusammen und schließen sich. Daraus lässt sich folgern, es wird bald regnen.«

»Woher weißt du so was alles?«

»Man muss nur mit offnen Augen durch die Welt gehen und auf die Alten hören, die haben Erfahrung gesammelt und kennen sich aus im Wissen unserer Vorfahren.«

Mittlerweile hatten sie die Klippe erklommen und blickten von oben auf eine Senke in der Inselmitte. Dort wuchsen ein paar verkrüppelte Bäume, und zwischen riesigen Felsbrocken hatte man etliche Steinhütten aufgeschichtet, die wie Bienenkörbe aussahen, auch ein kleines Bethaus.

»Das also ist Abt Selbachs Gemeinde«, wunderte sich Fidelma, runzelte die Stirn und schaute sich um. Nichts regte sich, von Leben keine Spur. »Hallo, ist da wer?«, rief sie laut.

Die einzige Antwort, die sie erhielt, war der verärgerte Chor aufgestörter Seevögel. Alke erhoben sich von ihren Nistplätzen, ihr Gefieder schwarz und weiß oder dunkelbraun, die Schnäbel leuchtend gefärbt und zwischen den Zehen Schwimmhäute. Schwarze Lummen, Möwen und Sturmschwalben folgten ihnen und flatterten als schimpfender Schwarm umher.

Fidelma war verunsichert. Irgendwer musste sie doch gehört haben, aber keine menschliche Stimme erwiderte ihren Ruf. Langsam ging sie den mit Gras überwachsenen Pfad zur Senke hinunter, in der die Steinhütten standen. Sárnat trottete neben ihr her.

Vor den Bauten blieb Fidelma stehen und rief noch einmal, und wieder erhielt sie keine Antwort.

Sie gingen um eines der Häuser und befanden sich auf einem viereckigen Platz. Schwester Sárnat schrie auf.

In der Mitte des Vierecks stand ein verkümmerter Baum, etwa zwölf Fuß hoch, gebeugt und verkrüppelt von den kalten Atlantikwinden. An den dünnen Stamm war ein Mensch gefesselt, um die Handgelenke geschlungene und um einen Ast gebundene Lederriemen ließen ihn nicht zu Boden sinken. Obwohl der Mann mit dem Gesicht zum Baumstamm hing, war sofort zu erkennen, er war tot.

Vor Angst und Schrecken zitternd, stand Schwester Sárnat neben Fidelma. Die aber kümmerte sich jetzt nicht um das Mädchen, sie machte ein paar Schritte auf den Leichnam zu und betrachtete ihn eingehend. Die blutbefleckten Gewänder waren eindeutig das Habit eines Geistlichen. Der Kopf war vorn kahlgeschoren bis zu einer Linie von einem Ohr zum anderen, das Haar am Hinterkopf lang. Das war die Tonsur der irischen Kirche, die airbacc giunnae, ein Brauch, der von den Druiden stammte. Der Tote war etwa sechzig Jahre alt, ein schmächtiger Mann mit kantigen Zügen, fahler Haut und zusammengepressten Lippen. Um den Hals hing an einem Lederband ein Kruzifix von einigem Wert, ein sorgsam gearbeitetes Silberkreuz. Die streifenartig zerschlissene Rückseite des Habits war voller Blut, darunter zerfetztes Fleisch. Der Rücken wies mehrere kleine Stichwunden auf, und an den vielen aufgeplatzten Striemen war zu erkennen, dass man den Mann mit einer Geißel ausgepeitscht hatte, bevor er starb.

An den Baum war ein Stück Holz genagelt. Darauf war auf Griechisch geschrieben: »Der Gottlose ist wie ein Wetter, das vorübergehet, und nicht mehr ist …« Die Worte kamen Fidelma vertraut vor, und ihr fiel ein, sie waren aus den »Sprüchen Salomos«. Ganz offensichtlich hatte man das Opfer geschlagen und getötet, während es an den Baum gebunden war.

Das Wehklagen ihrer Begleiterin lenkte sie ab. Sie fuhr herum, mühte sich aber, ihren Unmut zu zügeln. »Sárnat, geh zurück zum Rand der Klippe und hole Lorcán her.« Das Mädchen zögerte, doch sie befah »Nun geh schon, beeil dich!« Sárnat drehte sich um und huschte davon.

Fidelma trat näher an den hängenden Leichnam heran im Bestreben, weitere Aufschlüsse zu entdecken. Aber mehr als die Tatsache, dass der Mann schon älter und, so viel sich von dem kunstvollen Kruzifix herleiten ließ, ein Geistlicher von Rang war, konnte sie nicht ergründen. Sie ging hinüber zu dem kleinen aus Trockenmauern errichteten Bethaus, das höchstens einem halben Dutzend Andächtiger Platz bot. Es bildete den Mittelpunkt der sechs steinernen Zellen, die wohl die Unterkünfte der Gemeinde waren.

Bei einem ersten Hineinschauen in den düsteren Bau glaubte sie ein Bündel Lumpen auf dem kleinen Altar zu erkennen. Doch sobald sich ihre Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten, begriff sie, dass dort der Leichnam eines jungen Mönchs lag. Es war ein Junge, der noch nicht zum Mann herangewachsen war. Seine Kutte war nass, das glatte braune Haar an den Schläfen angetrocknet. Die Gesichtszüge hatten nichts von der Gelöstheit im Tode an sich, sondern waren verkrampft, als ob der Junge unter großen Schmerzen gestorben war. Als sie ihn sich näher ansehen wollte, stolperte sie über etwas anderes Weiches.

Ein weiterer Geistlicher lag mit dem Gesicht nach unten und mit ausgebreiteten Armen wie ein um Gnade Flehender, der sich vor dem Altar niedergeworfen hatte. Sein Haar war dunkel. Er trug das Habit eines Klosterbruders und war deutlich älter als der Jüngling.

Fidelma kniete sich hin, suchte mit zwei Fingern den Puls an seinem Hals. Der war zwar schwach, aber spürbar, nur fühlte sich der Körper unnatürlich kalt an. Sie beugte sich tiefer, drehte vorsichtig den Kopf zur Seite. Der Mann war etwa vierzig. Seine Züge wirkten friedvoll und sogar schön, wie Fidelma fand. An der breiten Stirn hatte er eine Wunde, das Blut war bereits geronnen.

Sie rüttelte den Mann an der Schulter, doch konnte sie ihn nicht aus der Bewusstlosigkeit holen. Sie erhob sich, zwang sich, ruhig zu bleiben, und eilte von Zelle zu Zelle. Überall bot sich ihr das gleiche Bild, eine jede war menschenleer.

Lorcán kam den Pfad vom Durchlass am Klippenrand entlanggehastet. »Ich habe das Mädchen unten bei Maenach gelassen«, keuchte er. »Die ist völlig durcheinander. Ein Toter ist hier, hat sie gesagt.« Erregt blickte er sich um, doch von seiner Stelle konnte er den Baum mit dem verschandelten Leichnam nicht sehen.

»Wo sind die alle?«

»Einer zumindest lebt noch«, sagte Fidelma, ohne auf seine Frage einzugehen. »Um den müssen wir uns sofort kümmern.«

Sie führte Lorcán zum Bethaus. Dem verschlug es den Atem, als er den Jungen sah, und er beugte das Knie. »Den kenne ich. Das ist Sacán von Inis Beag. Ich selber habe ihn in die Bruderschaft hier gebracht, das ist noch keine sechs Monate her.«

Fidelma wies auf den Mann, der auf dem Boden lag. »Kennst du auch ihn?«

»Oh, ihr Heiligen, steht uns bei!«, rief der Seemann, als er genauer hingesehen hatte. »Das ist Bruder Spelán.«

Fidelma schürzte die Lippen. »Bruder Spelán?«, wiederholte sie unnützerweise.

Lorcán nickte. »Er ist der dominus von Abt Selbach, der Haushälter der Bruderschaft. Wer hat so etwas getan? Wo mögen die anderen alle sein?«

»Die Fragen versuchen wir später zu beantworten. Jetzt müssen wir ihn erst einmal an eine günstigere Stelle schaffen und ihn wieder zum Bewusstsein bringen. Dem Jungen – Sacán sagst du, heißt er – können wir wohl nicht mehr helfen.«

»Maenach versteht einiges von der Heilkunde der Ärzte. Lass mich ihn rufen, Schwester, der kann uns helfen, Spelán zu versorgen.«

»Das dauert viel zu lange.«

»Im Gegenteil, nur einen Augenblick«, versicherte ihr Lorcán und zog eine Schneckenmuschel aus dem Lederbeutel an seiner Seite. Er ging zur Türöffnung und blies lange und kräftig hinein. Aufgeschreckte Vogelschwärme waren eine erste Antwort darauf. Lorcán wartete kurz und wandte sich dann lächelnd Fidelma zu. »Maenach und die junge Schwester sind schon oben auf der Klippe, gleich sind sie hier.«

»Dann hilf mir, diesen Bruder in eine Zelle nebenan zu schaffen, damit wir ihn besser betten können als hier auf dem nackten Boden«, forderte Fidelma ihn auf.

Beim Niederknien, um den Mann anzuheben, bemerkte sie einen kleinen Holzbecher, der neben dem Bewusstlosen lag. Sie ergriff ihn und steckte ihn in ihr marsupium, die geräumige Tasche, die sie am Gürtel trug. Man würde ihn später untersuchen können.

Beide trugen sie Bruder Spelán, der reichlich schwer war, in die nächste Zelle und legten ihn auf ein hölzernes Bettgestell.

Maenach kam mit Schwester Sárnat herbeigestürzt, die sich an seinen Ärmel klammerte. Lorcán wies auf den bewusstlosen Geistlichen. »Kannst du den wiederbeleben?«, fragte er.

Maenach beugte sich über den Mann, prüfte die Augenlider und fühlte den Puls. »Der liegt im Koma, wie im tiefen Schlaf.« Dann sah er sich die Wunde an. »Merkwürdig, dass er derart bewusstlos ist von dem Schlag, mit dem ihm diese Wunde beigebracht wurde. Die Wunde ist nur oberflächlich. Er atmet regelmäßig, ich bin sicher, der kommt nach einer Weile zu sich.«

»Dann tu, was du kannst, Maenach«, sagte Fidelma. »Schwester Sárnat, geh ihm zur Hand«, trug sie der blassen, zitternden Novizin auf, die noch immer unschlüssig draußen stand.

Sie nahm den Seemann Lorcán am Arm, führte ihn auf den Viereckplatz und wies auf die an den Baum gebundene Gestalt. Er ging einen Schritt darauf zu, und schieres Entsetzen malte sich auf seinem Gesicht. »Gütiger Gott, schau auf uns herab!«, sagte er langsam und beugte das Knie. »Nun gibt es schon zwei Tote in Selbachs Bruderschaft.«

»Kennst du den Mann?«, fragte Fidelma.

»Ob ich ihn kenne?« Lorcán klang ungehalten. »Natürlich. Das ist Abt Selbach!«

»Abt Selbach?«

Fidelma blieb der Mund offen stehen. Noch einmal betrachtete sie den Leichnam des Abts. Dann schaute sie sich in der menschenleeren Landschaft um. »Hast du nicht gesagt, Selbach hatte zwölf Brüder in seiner Gemeinde?«

Lorcán war sich nicht ganz sicher, was sie suchte. »Ja, das schon. Aber die Insel scheint verlassen«, murmelte er mehr zu sich selbst. »Hier waltet ein schreckliches Geheimnis.«

»Dem müssen wir auf den Grund gehen«, erwiderte Fidelma zuversichtlich.

»Eher müssen wir zurück aufs Festland«, begehrte Lorcán auf. »Zurück nach Dún na Séad und den Ó hEidersceoil von den Geschehnissen in Kenntnis setzen.« Der Stammesfürst des Gebiets musste seiner Meinung nach sofort unterrichtet werden.

Fidelma hob die Hand und gebot ihm Einhalt, denn er wollte schon zur Steinhütte, in der sie Bruder Spelán gelassen hatten.

»Warte, Lorcán. Ich bin eine dálaigh, Anwältin nach den Gesetzen des Fenechus, und habe den Grad eines anruth. Es ist meine Aufgabe, hier zu bleiben und herauszufinden, wie Abt Selbach und Sacán zu Tode gekommen sind und warum Bruder Spelán verletzt wurde. Außerdem müssen wir erkunden, wohin der Rest der Bruderschaft verschwunden ist.«

Lorcán starrte die entschlossene Klosterschwester bestürzt an. »Leicht könnte uns dasselbe Unheil treffen«, wehrte er sich. »Was für ein unheimliches Mysterium ist hier am Wirken? Eine Bruderschaft verschwindet, ihr Abt wird wie ein gewöhnlicher Verbrecher an einen Baum gefesselt und umgebracht, ein junger Bursche getötet, der dominus überfallen und bewusstlos geschlagen!«

»Ein Mysterium von Menschenhand, wenn du schon von einem Mysterium reden willst«, erwiderte Fidelma gereizt. »Als Anwältin an den Gerichten der fünf Königreiche Irlands fordere ich dich auf, mir Beistand zu leisten. Mir geben die Gesetze des Fenechus das Recht dazu und die Vollmacht, die mir der Oberste Richter erteilt hat. Ich denke, du wirst mir das Recht nicht streitig machen wollen?«

Sprachlos schaute Lorcán die Nonne an und schüttelte dann langsam den Kopf. »Zweifelsohne ist es dein Recht, Schwester. Doch bedenke, Abt Selbach ist noch nicht lange tot. Was, wenn seine Mörder hier irgendwo in einem Versteck uns auflauern?«

Fidelma überhörte die Frage, nicht aber seine Feststellung bezüglich des Leichnams. »Wie kommst du darauf, dass er noch nicht lange tot ist?«

Ungeduldig zuckte der Seemann mit den Achseln. »Der Körper ist erkaltet, aber nicht steif. Auch haben sich die Leichenfledderer noch nicht über ihn hergemacht.« Er wedelte mit den Händen und wies auf die über ihnen kreisenden Vögel.

Im Schwarm der Seevögel machte Fidelma Mantelmöwen mit schwarzen Rücken und riesigen Schwingen aus, die gierigsten Aasfresser weit und breit. Auch Aaskrähen mit metallisch glänzendem schwarzem Gefieder hatten sich eingefunden. Es war die Jahreszeit, in der diese rau krächzenden Räuber ihre Gelege auf den Klippenspitzen ausbrüteten und in der die Jungvögel von ihren Eltern gefüttert wurden. Sie nährten sich von den Eiern anderer Vögel, von kleinen Säugetieren, aber auch von verwesenden Kadavern. Fidelma konnte sich gut vorstellen, wie die ruhelos kreisenden Möwen und Krähen sich über kurz oder lang auf die Leiche stürzen würden. Noch deutete nichts darauf hin, dass sie ihr Werk begonnen hatten.

»Du bist ein scharfsinniger Beobachter, Lorcán. Vermutlich wird auch Bruder Spelán noch nicht lange bewusstlos sein. Fallen dir weitere Besonderheiten an der Leiche des Abts auf?«

Der Bootsmann zog die Brauen zusammen, schaute genau hin und schüttelte den Kopf. »Man hat Selbach ausgepeitscht und dreimal in den Rücken gestochen. Wahrscheinlich mit einem Messer. Der Stoß ging zwischen den Rippen schräg nach oben. Der Abt muss sofort tot gewesen sein. Ein seltsames Ritual, erst straft man den Mann derart ab, und dann ermordet man ihn. Ich verstehe das nicht.«

»Präg dir alle Einzelheiten genau ein«, forderte ihn Fidelma auf. »Ich benötige dich vielleicht später als Zeugen. Wir sollten den Leichnam abnehmen und ins Bethaus schaffen, damit die Vögel nicht herankönnen.«

Lorcán ergriff sein scharfes Seemannsmesser, durchtrennte die Riemen und zerrte die Leiche ins Bethaus, wie Fidelma vorgeschlagen hatte.

Dann nahm sie sich die Zeit, den Leichnam des Jungen genauer zu untersuchen.

»Er muss eine ganze Weile im Meer getrieben haben. Sehr lange freilich nicht, ein paar Stunden vielleicht«, stellte sie fest. »Ich sehe keine Verletzungen, die zum Tod geführt haben könnten, keine Stichwunden, auch keine Einwirkung stumpfer Gewalt.« Sie drehte den Jungen herum und hätte fast aufgeschrien.

»Aber gegeißelt hat man ihn. Sieh dir das an, Lorcán!«

Die Kutte war aufgerissen, der Rücken darunter voller alter Narben und neuer Schwielen, die von Peitschenhieben herrührten.

»Die Familie des Jungen auf Inis Beag kenne ich gut«, flüsterte er. »Der Junge war so fröhlich, folgsam und fleißig. Sein Körper war makellos, als ich ihn herbrachte.«

Fidelma tastete die feuchte Kleidung ab, das Salzwasser trocknete bereits und hinterließ weiße Ränder und Flecken. Als sie mit den Fingern über die Gebetsschnur fuhr, die das Habit zusammenhielt, stutzte sie. Ein kleiner Metallhaken war an dem Gürtel befestigt, an dem eine Lederscheide mit einem kurzen Messer hing, wie es alle Brüder in ländlichen Klostergemeinden bei sich trugen. Sie gebrauchten es beim Essen und als Werkzeug bei ihren täglichen Verrichtungen. An dem Haken war ein Fetzen Wollstoff hängengeblieben. Vorsichtig nahm sie ihn ab und hielt ihn hoch.

»Was ist das, Schwester?«, fragte Lorcán.

»Weiß ich nicht. Der Fetzen hat sich am Haken verfangen.«

Sie verglich ihn mit dem Stoff, aus dem die Kutte des Jungen gemacht war. »Von hier stammt er nicht«, und damit steckte sie ihn in ihr marsupium. Traurig und voller Mitleid schaute sie noch einmal auf den jungen Toten und bedeckte ihn. »Komm, sehen wir, was es sonst noch zu entdecken gibt.«

»Was soll es hier noch geben? Wir können ohnehin nichts weiter tun. Ein Sturm naht, und wenn der uns erwischt, müssen wir hierbleiben, bis alles vorüber ist.«

»Dass ein Sturm aufzieht, weiß ich«, erwiderte sie ungerührt. »Aber in einer Sache müssen wir noch Klarheit gewinnen. Von den zwölf Brüdern, die du außer Selbach erwähnt hast, haben wir bisher nur zwei gesehen, Spelán und Sacán. Wir müssen die Insel absuchen und herausbekommen, ob sie sich irgendwo vor uns verbergen.«

Lorcán kaute nervös an den Lippen. »Und wenn es Piraten waren, die das hier angerichtet haben? Es gehen Geschichten um über angelsächsische Räuber, die mit ihren Langbooten herüberkommen und Dörfer an der Küste überfallen und ausplündern.«

»Möglich wäre das schon«, stimmte ihm Fidelma zu. »Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht.«

»Wieso nicht?«, fragte Lorcán aufgebracht. »Seit Jahren unternehmen die Angelsachsen Raubzüge entlang der Küsten von Gallien, Britannien und Irland, plündern und morden …«

»Du siehst das ganz richtig«, erwiderte Fidelma und wies auf die verlassenen, aber unversehrten Steinhütten. »Sie plündern und brandschatzen, treiben das Vieh weg und verschleppen die Bewohner in die Sklaverei.«

Lorcán begriff schnell, worauf sie hinauswollte. Nirgendwo war etwas zerstört, so weit das Auge reichte, keinerlei Anzeichen mutwilliger Verwüstung. Auf dem Hang hinter dem Bethaus rupften drei oder vier Ziegen am Heidekraut, und eine fette Sau grunzte wohlig inmitten ihrer Ferkel. Auch fiel ihm das Silberkruzifix am Hals des toten Abts ein. Geraubt worden war nichts. Es war offensichtlich, Piraten hatten hier nicht gewütet und eine wehrlose Gemeinschaft überfallen. Und das gab ihm weitere Rätsel auf.

»Komm mit, Lorcán, wir schauen mal in die Zellen der Brüder«, schlug ihm Fidelma vor.

In den Türsturz der nächsten Hütte waren Worte geschnitzt.

Ora et labora. Bete und arbeite. Eine lobenswerte Ermahnung, dachte Fidelma und blieb darunter stehen. Die Zelle war bis auf wenige schlichte Gegenstände fast kahl. Den Fußboden aus gestampftem Lehm bedeckte Schilfrohr, es gab zwei hölzerne Bettgestelle, einen Wandschrank und an Haken hingen tiag leabhair, Büchertaschen aus Leder, in denen kleine Evangelienhandschriften steckten. Die Wand schmückte ein kunstvoll geschnitztes Holzkreuz, und an einer anderen lasen sie:

Animi indices sunt oculi.

Den Geist offenbaren die Augen.

Fidelma hielt das für einen merkwürdigen Wahlspruch, um eine christliche Gemeinschaft zum Glauben zu ermahnen. Dann fiel ihr neben einer Bettstatt ein Stück Pergament auf. Darauf stand ein Vers aus den Psalmen. »Zerbrich den Arm des Gottlosen und suche das Böse, so wird man sein gottlos Wesen nimmer finden …« Es überlief sie kalt, die Verkündigung eines liebevollen Gottes war das nicht. Als sie sich weiter umsah, bemerkte sie eine Truhe am Bettende mit einer griechischen Inschrift auf dem Deckel.

Pathémata mathémata. Leiden sind Lebenslehren.

Sie bückte sich und öffnete den Kasten. Der Inhalt setzte sie in Erstaunen: Geißeln, Peitschen und Rohrstöcke. In die Innenseite des Deckels waren Wörter eingeritzt, die einen Vers in reinstem Irisch ergaben:

»Gott, gib mir eine Wand aus Tränen, dahinter meine Sünden zu verstecken, wenn keine Tränen fallen, muss ich unerlöst verrecken.«

Immer noch sehr betroffen, fragte sie Lorcán: »Weißt du, wer diese Zelle bewohnt hat?«

»Gewiß«, hieß es sofort. »Selbach hat sie mit seinem dominus Spelán geteilt.«

»Was für ein Mensch war Selbach? War er jemand, der auf Zucht und Ordnung drang, einer, dem es gefiel, harte Strafen auszuteilen? Herrschte ein strenges Regiment in dieser Bruderschaft?«

Lorcán zuckte die Achseln. »Dazu kann ich nichts sagen. Ich kenne die Bruderschaft zu wenig.«

»Allenthalben finden sich Hinweise auf Schmerzen und Strafen.« Wieder lief es ihr kalt den Rücken herunter. »Ich begreife das einfach nicht.«

Sie ging zu einem Regal, auf dem verschiedene Steingutbehälter und Flaschen standen, roch daran, stippte mit angefeuchteter Fingerspitze in die Töpfe und kostete vorsichtig von den Mixturen. Als Nächstes holte sie aus ihrem marsupium den hölzernen Becher hervor, den sie im Bethaus aufgelesen hatte. Er musste erst vor kurzem benutzt worden sein, denn er war innen noch feucht. Sie roch daran. Eine merkwürdige Mischung stechender Gerüche stieg ihr in die Nase. Ein weiteres Mal ging sie die Töpfe und Gefäße mit den Kräutern durch und erkannte getrocknete Blüten des Rotklees, zerstoßene Blätter der Rosskastanie und der Königskerze.

Derweil trat Lorcán ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Spelán hat hier seine Apotheke. Bei einer meiner Fahrten hierher hatte ich mir die Hand verletzt. Er hat mir einen Umschlag aus Kräutern gemacht, und das hat geholfen.«

Fidelma schnaufte unzufrieden und begab sich zu den anderen Zellen, um sie gründlicher in Augenschein zu nehmen. In einer oder zweien sah es aus, als hätte man persönliche Sachen und Kleidungsstücke in aller Hast zusammengerafft, doch nichts deutete darauf hin, dass Fremde die Bruderschaft überfallen und ausgeraubt hätten.

Ziemlich ratlos verließ Fidelma die Hütten, dicht hinter ihr Lorcán, der mit sorgenvoller Miene immer wieder zum Himmel blickte. Fidelma spürte, dass er sich wegen des heraufziehenden Unwetters Sorgen machte, doch die Klärung der mysteriösen Vorgänge erlaubte keinen Aufschub. Man hatte den Abt der Bruderschaft getötet und einen jungen Klosterbruder, hatte den dominus bewusstlos geschlagen und hatte zehn weitere Angehörige der Gemeinde verschwinden lassen.

»Hast du nicht erwähnt, dass die Brüder ein eigenes Boot haben?«, fragte sie unvermittelt. »Ich habe es nicht gesehen, als wir an Land gegangen sind.«

»Konntest du auch nicht. Sie haben ihr Boot hinter der Landspitze an eine geschützte Stelle gebracht. Da ist ein kurzes, steiniges Strandstück, von dem aus man das Boot ins Wasser lassen kann.«

»Zeig mir, wo das ist«, beharrte Fidelma. »Wir müssen sowieso warten, bis Spelán wieder bei sich ist und wir von ihm erfahren, was sich hier abgespielt hat.«

Widerstrebend und immer wieder besorgt zum Himmel schauend, ging Lorcán den schmalen Weg zum Durchlass an den Klippen hinauf. Unterhalb des höchsten Punkts führte er Fidelma auf einem Trampelpfad über den großen Felsbuckel abwärts, der sich vor die Landebucht schob.

Oben auf der Kuppe, von der sich der Pfad zwischen den Granitblöcken hinunterschlängelte, beschlich Fidelma ein ungutes Gefühl. Über den ans Ufer brandenden Wogen zogen schwarze Vögel ihre Kreise, als lockte sie etwas unten am Strand.

Es waren Mantelmöwen. Vor denen musste man sich in Acht nehmen, denn sie waren furchtlose Räuber, die sich selbst auf größere Beutetiere stürzten, wenngleich sie auch mit Aas vorliebnahmen. Offensichtlich hatten sie unten am Wassersaum etwas gefunden. Selbst die Krähen hielten gebührenden Abstand von ihren Artgenossen. Einige Paare kreisten über dem Schwarm und warteten auf ihre Chance.

Fidelma presste die Lippen zusammen und folgte Lorcán zwischen den Felsbrocken nach unten. Überall saßen brütende Vögel auf ihren Nestern. Mai war der Monat, in dem die Möwen mit den schwarzen Rücken wie viele andere Vögel ihre Eier legten. Auf so felsigen Inseln wie Inis Chloichreán fanden sie ideale Nistplätze. Lorcán ließ sich von dem wütenden Zischen und Kreischen der Altvögel nicht abschrecken, während sie durch die Brutkolonie kletterten, doch Fidelma war reichlich mulmig zumute.

»Hier haben die Brüder ihr Boot aufgebockt«, erklärte ihr der Seemann, als sie eine große Felsplatte erreichten, die sich etwa zwölf Fuß oberhalb der Kieselbucht befand. Sie blieben stehen und blickten suchend umher. Da waren nur die Holzböcke, auf denen das Boot sonst lagerte, doch der Nachen war verschwunden.

»Das Boot hat immer hier gelegen, Kiel oben, um es vor der Witterung zu schützen«, meinte Lorcán verblüfft.

Nur hörte ihn Fidelma kaum in dem Gezänk der Vögel, die sich unten auf dem Uferstreifen stritten, der an die zehn Fuß breit und keine dreißig Fuß lang war. Als sie begriff, was sich dort abspielte, entfuhr ihr ein Schrei. Ein Dutzend großer Möwen hackten nach einander und suchten sich zu verdrängen. Im Umkreis saßen andere Vögel wie interessierte Zuschauer, darunter auch einige Aaskrähen, die ihre Gelegenheit abwarteten. Alle scharten sich um einen dunklen Fleck auf den Kieselsteinen. Fidelma ahnte, was es war. »Los, komm!«, rief sie und kletterte hinunter, so rasch sie konnte. Sie nahm große Kieselsteine auf und warf sie in das Getümmel. Die Vögel flogen auf, kreischten wütend und flatterten drohend mit den großen Schwingen. Lorcán kam ihr zu Hilfe und schleuderte gleichfalls große Brocken. Bald hatten sie die Vögel von ihrer Beute vertrieben, auch wenn sie in der Nähe blieben. Sie schwärmten hoch über ihnen oder ließen sich auf Felsvorsprüngen nieder und schauten mit ihren Knopfaugen nach unten. Entschlossen lief Fidelma über Kies und Schotter und erreichte den Unglücksort. Der Tote, der auf dem Rücken lag, war ein junger Mönch mit blondem Haar. Von seinem Habit waren nur noch zerschlissene, blutgetränkte Wollfetzen übrig geblieben.

Fidelma musste heftig schlucken. Die Möwen waren wohl bereits eine gute Stunde zugange gewesen. Die Wangen waren aufgehackt und blutig, ein Auge fehlte. Ein Teil des Schädels war zerschmettert, bildete nur noch einen Brei von Blut und Knochen. Das konnte nicht das Werk der Vögel sein, so viel war sicher.

»Kennst du ihn, Lorcán?« flüsterte Fidelma.

Der Ruderer kam näher, nicht ohne die Möwen aus dem Auge zu lassen. Die waren zurückgewichen, äugten aber bösartig nach den Zweibeinern, die es gewagt hatten, sie von ihrem unheiligen Mahl zu verscheuchen. Lorcán beugte sich hinab und verzog bei dem Anblick, der sich ihm bot, das Gesicht.

»Ich habe ihn hier in der Bruderschaft gesehen. Seinen Namen weiß ich leider nicht. Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun, Schwester. Das ist nun der dritte Tote in dieser Brudergemeinde.«

Fidelma antwortete nicht. Sie nahm allen Mut zusammen und kniete sich neben den Leichnam. Am Gürtel hing noch die crumena, die Lederbörse. Sie zwang sich, nicht auf das entstellte Gesicht und das eine verbliebene, anklagende Auge zu blicken. Sie steckte die Hand in die Börse, die war leer. Unschlüssig schüttelte sie den Kopf. »Hilf mir, den Toten umzudrehen«, forderte sie Lorcán auf. Der fragte nicht lange und griff zu.

Die Kutte hatten die Vögel schon zerfetzt. Fidelma musste den Stoff nicht weiter auseinanderziehen. Man sah viele vernarbte Stellen, doch etliche Wunden waren noch ganz frisch und blutig. Kreuz und quer liefen die Striemen über den ganzen Rücken.

»Was hältst du davon, Lorcán?«

Der Seemann schob die Unterlippe vor und hob traurig die Schultern. »Der Junge ist ausgepeitscht worden, was sonst. Nicht nur einmal, sondern regelmäßig, immer wieder.«

Den Eindruck hatte Fidelma auch. »Merke es dir gut, Lorcán. Du musst es vor Gericht bezeugen.« Sie stand auf und trieb mit ein paar Steinwürfen die großen Möwen zurück, die sich wieder näherten. Mit wütendem Gekrächze verflüchtigten sie sich.

»Wie groß war das Boot, das die Gemeinschaft hatte?«, fragte sie unvermittelt.

Lorcán verstand, worauf ihre Frage zielte. »Es war groß genug, um alle verbliebenen Brüder aufzunehmen. Die werden längst weg sein. Treiben vermutlich zwischen den Inseln oder haben vielleicht sogar schon das Festland erreicht.« Er sah sie an. »Ob sie freiwillig gegangen sind, oder hat man sie gezwungen? Wer hat das hier verbrochen?«

Mit einer Handbewegung gab ihm Fidelma zu verstehen, die Leiche wieder so zu drehen, wie sie sie vorgefunden hatten, und starrte auf den zertrümmerten Schädel. »Das ist gezielt geschehen, mit einem gewaltigen Hieb. Den jungen Mönch hat man ermordet und dann einfach liegenlassen.«

Verstört schüttelte Lorcán den Kopf. »Unendlich viel Böses hat sich hier getan, Schwester.«

»Da stimme ich dir voll und ganz zu«, erwiderte Fidelma. »Komm, lass uns Steine zu einem Hügelgrab über seinen Leichnam schichten, damit die Möwen ihn nicht weiter zerfleischen können – wer immer er auch war. In die Siedlung zurückschaffen können wir ihn nicht.«

Nachdem sie den Toten so bestattet hatten, kehrten sie zum Viereckplatz der Ansiedlung zurück. Maenach war froh, dass sie zurück waren. »Bruder Spelán kommt zu sich. Die junge Schwester kümmert sich um ihn.«

»Vielleicht bringt er uns der Klärung der grässlichen Vorgänge hier etwas näher«, meinte Fidelma hoffnungsvoll.

In der Steinhütte lehnte der Bruder halb aufgerichtet gegen ein Kissen. Er sah noch benommen aus, blinzelte immer wieder und suchte Fidelmas Gestalt mit seinen dunklen Augen zu erfassen. Sie winkte Schwester Sárnat zur Seite und setzte sich auf die Kante der anderen Bettstatt.

»Ich hab ihm nur Wasser gegeben«, sagte das Mädchen eilfertig, als erwartete sie ein Lob. »Der Seemann da«, sie zeigte auf Maenach, der mit Lorcán im Türrahmen stand, »hat die Wunde gesäubert und verbunden.«

Fidelma lächelte den Verwundeten aufmunternd an. »Du bist Bruder Spelán, nicht wahr?«

Der Mann schloss kurz die Augen. »Ich bin Spelán. Wer bist du, und was machst du hier?« Seine Stimme klang schwach.

»Ich bin Fidelma von Kildare. Ich bin gekommen, um Abt Selbach ein Schreiben von Bischof Ultan von Armagh zu überbringen.«

Verständnislos starrte er sie an. »Ein Schreiben von Ultan?«

»Ja. Deshalb haben wir hier festgemacht. Was ist passiert? Wer hat dich auf den Kopf geschlagen?«

Stöhnend griff sich Spelán mit der Hand an die Stirn. »Allmählich kommt alles wieder.« Seine Stimme wurde fester und energischer. »Der Abt ist tot, Schwester. Fahre zurück nach Dún na Sád und bestehe darauf, dass man einen Brehon hierher entsendet, denn auf der Insel ist ein scheußliches Verbrechen begangen worden.«

»Ich werde mich der Sache selbst annehmen, Spelán«, bedeutete ihm Fidelma entschieden.

»Du?« Der Verletzte starrte sie verwirrt an. »Du hast mich nicht verstanden. Was wir brauchen, ist ein Brehon.«

»Ich bin eine dálaigh beim hohen Gericht und habe den Grad eines anruth erworben.«

Spelán riss die Augen auf, denn er wusste, dass der Titel eines anruth die junge Nonne berechtigte, mit Königen zu Gericht zu sitzen, ja selbst mit dem Hochkönig.

»Erzähl uns, was hier vor sich gegangen ist«, redete ihm Fidelma zu.

Spelán blickte sich nach Schwester Sárnat um und winkte ihr, ihm den Becher mit Wasser zu reichen. Er nahm einige kräftige Schlucke daraus. »Böses hatte sich hier eingeschlichen, Schwester. Unheil war heimlich am Werke. Von mir unbemerkt, griff es um sich, bis es ausbrach und uns alle verschlang.«

Fidelma wartete geduldig.

Spelán schien seine Gedanken ordnen zu wollen und holte Luft. »Ich beginne am besten damit, wie alles anfing.«

»Das ist immer ein guter Auftakt für eine Geschichte«, bestätigte Fidelma ernst.

»Vor zwei Jahren begegnete ich Selbach, der mich dafür gewann, mit ihm eine Gemeinschaft zu gründen, die sich in Weltabgeschiedenheit der meditativen Betrachtung der Werke des Schöpfers widmete. Ich war Apotheker in einer Abtei auf dem Festland, fürwahr einem Ort der Sünde – Hochmut, Völlerei und andere Laster gediehen dort schamlos. In Selbach glaubte ich einen Seelenverwandten gefunden zu haben, der meine Ansichten teilte. Eine Weile zogen wir umher, bis wir schließlich elf junge Buschen beisammen hatten, die bereit waren, mit uns nach unseren Vorstellungen zu leben.«

»Warum nur so junge Leute?«, fragte Fidelma.

Spelán blinzelte. »Wir brauchten die Jungen, damit unsere Gemeinschaft aufblühen konnte, denn in der Jugend liegt die Kraft, mit allen Widrigkeiten fertig zu werden, die einen hier erwarteten.«

»Sprich weiter«, drängte ihn Fidelma, als der Mann eine Pause machte.

»Mit dem Segen Ultans von Armagh und der Erlaubnis des Stammesfürsten, des Ó hEidersceoil, ließen wir uns auf dieser abgeschiedenen Insel nieder.«

Wieder unterbrach er sich und trank Wasser.

»Und wie war das mit dem Bösen, das unter euch um sich griff?«

»Dazu komme ich gleich. Manche Asketen des Glaubens sind der Meinung, dass körperlicher Schmerz, wie ihn selbst der Sohn des Lebendigen Gottes erleiden musste, dass Schmerz, wie ihn die Kasteiung des Fleisches verursacht, der Weg zur Erlösung des Menschen ist, ein Weg zu seiner Errettung. Abtötung des Fleisches und Pein werden als Pfade betrachtet, die zum Seelenheil führen.«

»Derart irregeleitete Narren soll es auch unter uns geben«, äußerte sich Fidelma abfällig.

»Keine Narren, Schwester, Narren sind das nicht«, begehrte er auf. »Viele unserer Heiligen waren zutiefst von der Wirksamkeit der Kasteiung überzeugt. Sie glaubten allen Ernstes, dass sie die Leiden Christi nachempfinden müssten, wollten sie ins ewige Paradies gelangen. Noch heute gibt es viele, die sich Dornenkronen aufs Haupt drücken, die sich geißeln, Nägel durch die Hände treiben oder ihre Körperseiten aufschlitzen, auf dass sie der Leiden Christi teilhaftig werden. Nein, du urteilst da zu streng, Schwester. Das sind keine Narren, eher Visionäre, vielleicht fehlgeleitet in der Wahl ihrer Mittel.«

»Also gut. Wir wollen der Sache jetzt nicht weiter nachgehen, Spelán. Was hat das aber mit dem zu tun, das sich hier zugetragen hat?«

»Versteh mich nicht falsch, Schwester«, erwiderte er zerknirscht. »Ich bin kein Anwalt der gortaigid, derjenigen, die sich selber Schmerz zufügen. Ich verurteile sie genauso wie du. Aber ich verstehe ihr Verlangen, Schmerz zu ertragen, als ein aufrichtiges Verlangen, die Leiden des Messias nachzuempfinden, mit denen er die Menschheit erlöst hat. Narren möchte ich sie deshalb nicht nennen. Lass mich jedoch fortfahren. Anfangs waren wir eine glückliche Gemeinschaft. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass einer unter uns meinte, Schmerz sei der rechte Weg zum Seelenheil.«

»Es gab also einen gortaigid unter euch?«

Der dominus bestätigte das nickend. »Ich lasse mal die Einzelheiten beiseite, sondern sage geradeheraus, dass es niemand anderer war als der ehrwürdige Abt Selbach. Nur war er nicht einer von denen, die einfach sich selber peinigen und demütigen. Er überzeugte die jugendlichen Brüder, die wir um uns versammelt hatten, sich der Geißel und der Peitsche zu unterwerfen, um seine Begierde zu befriedigen, anderen Schmerz und Qual zuzufügen, damit diejenigen, wie er ihnen einredete, der großen Leiden Christi teilhaftig werden könnten. In aller Heimlichkeit vollzog er diese Scheußlichkeiten und beschwor seine Opfer, darüber strengstes Stillschweigen zu bewahren, sonst sei ihre unsterbliche Seele unrettbar verloren.«

Fidelma hörte ihm mit leichtem Grauen zu und fragte: »Und wann ist das ans Tageslicht gekommen?«

Er biss sich einen Moment auf die Unterlippe. »Wann genau? Erst heute Morgen. Ich habe nichts davon gewusst. Das schwöre ich. Heute in der Frühe wurde der Leichnam unseres jüngsten Novizen, Sacán, entdeckt. Er war erst vierzehn Jahre alt. Die Brüder hatten ihn gefunden, und es stellte sich heraus, Selbach hatte ihn an eine abgelegene Stelle am äußersten Ende der Insel geführt und gestern Nacht die rituelle Auspeitschung an dem Jungen vorgenommen. Dabei hatte er mit der Geißel so heftig zugeschlagen, dass der Junge vor Schmerz und Schock auf der Stelle starb.«

Fidelmas Miene wurde eisig. »Wie ist es möglich, dass du als der dominus dieser Gemeinde erst heute früh gewahr wurdest, was der Abt hier trieb?«

»Selbach war sehr verschlagen«, erwiderte Spelán ohne Zögern. »Jedes Mal mussten die jungen Brüder schwören, niemandem etwas von den rituellen Kasteiungen zu verraten. Jedes Mal ging er dazu mit einem der Brüder ans andere Ende der Insel. Ein Leichentuch des Schweigens lag über der Gemeinschaft. Nur ich lebte in völliger Ahnungslosigkeit.«

»Weiter, bitte!«

»Selbach hatte versucht, seine Schandtat zu vertuschen, indem er den Leichnam des armen Jungen vergangene Nacht über die Klippen warf, doch die Flut hat ihn ans Land geschwemmt. Und das gerade an einer Stelle, an der zwei der Brüder auf Fischfang gehen wollten für unser täglich Brot.«

Er schwieg und verlangte wieder nach Wasser.

Hinter ihr bestätigte Lorcán sachlich: »Stimmt, die Flut, die vom Festland anrollt, konnte die Leiche vor sich her und dann auf den Kieselstrand schieben.«

»Ich schlief und wurde durch den Lärm wach. Als ich aus meiner Zelle trat, hatte sich die Wut der Brüder bereits entladen. Sie hatten Selbach gepackt und an den Baum gebunden. Einer der Brüder peitschte ihn mit seiner eigenen Geißel, so dass sie tief ins Fleisch schnitt …«

Der dominus hielt inne, wie um Atem zu schöpfen.

»Hast du versucht, ihnen Einhalt zu gebieten?«, fragte Fidelma.

»Natürlich habe ich das versucht«, entgegnete Spelán aufgebracht. »Ich habe gebrüllt und ihnen Vorhaltungen gemacht, wie auch Snagaide, ein anderer junger Bruder, sie könnten nicht das Gesetz in die eigene Hand nehmen, um Selbach zu bestrafen. Sie müssten mit ihren Anschuldigungen nach Dún na Séad gehen und den Fall vor den Richter der Ó hEidersceoil bringen. Doch die jungen Burschen waren so wütend, dass sie nicht auf uns hörten. Sie packten Snagaide und mich und hielten uns fest. Was wir sagten, war ihnen egal, sie prügelten weiter auf Selbach ein und waren wie von allen guten Geistern verlassen. Ehe ich mich versah, hatte schon jemand sein Messer Selbach in den Rücken gejagt. Wer es war, konnte ich nicht sehen.

Ich schrie ihnen zu, ihr habt nicht nur ein Verbrechen begangen, sondern obendrein einen Kirchenfrevel. Ich beschwor sie, sich mir und Bruder Snagaide zu ergeben, und versprach, sie nach Dún na Séad zu begleiten, wo sie sich vor Gericht verantworten müssten, doch ich würde sie verteidigen.«

Spelán befühlte die Wunde an seiner Schläfe und verzog das Gesicht vor Schmerz.

»Sie stritten untereinander, doch dann schwang sich Bruder Forgach zum Wortführer auf. Er sagte, sie dürften nicht dafür bestraft werden, was in den Augen Gottes richtig und gerecht sei. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es sei Selbach recht geschehen, dass er gestorben sei als Vergeltung für den Tod von Bruder Sacán. Er verlangte von mir, ich solle einen Eid schwören, niemandem etwas von den Vorgängen auf der Insel zu verraten und die Todesfälle als reine Unfälle zu erklären. Wenn ich das nicht täte, würden sie das Boot nehmen und sich einen Ort suchen, an dem sie in Frieden und Freiheit leben könnten. Mich und Snagaide würden sie auf der Insel zurücklassen, bis Lorcán oder ein anderer Bootführer vom Festland herüberkäme.«

»Und was ist dann geschehen?«, drängte Fidelma den dominus zum Weiterreden.

»Dann? Wie du dir denken kannst, so einen Eid konnte ich nicht leisten. Ich versuchte, sie zur Vernunft zu bringen, doch ihre Wut kochte wieder hoch, vielleicht mehr aus Furcht vor den Folgen ihres Tuns als aus Empörung. Dann hat mir einer von ihnen einen Schlag auf den Kopf versetzt. Ich kam erst wieder zu mir, als die junge Schwester und der Seemann sich über mich beugten.«

Fidelma schwieg eine Weile.

»Sag mir noch, was ist aus deinem Mitstreiter, dem Bruder Snagaide, geworden?«

Spelán runzelte die Stirn und schaute von einem zum anderen, als hoffte er, den Bruder irgendwo in der Zelle zu finden.

»Snagaide? Ich weiß es nicht. Da war so viel Lärm und Geschrei. Dann wurde mir schwarz vor Augen, und ich spürte nichts mehr.«

»War Bruder Snagaide auch einer von den jungen?«

»Außer mir und Selbach waren alle anderen Brüder noch Jünglinge.«

»War er blond?«

Zu ihrer Verwunderung schüttelte Spelán den Kopf. Demnach war der Tote am Strand ein anderer Mönch, nicht Snagaide.

»Nein«, bekräftigte der Verwalter der Bruderschaft, »er hatte schwarzes Haar.«

»Eins beschäftigt mich immer noch, Spelán. Diese Insel ist klein, und eure Gemeinschaft war klein. Zwei Jahre lang habt ihr dicht nebeneinander gelebt. Und doch sagst du, du hättest nie etwas von den sadistischen Neigungen des Abts gemerkt. Jede Nacht hat er einen Jungen aus eurer Gemeinde ans andere Ende der Insel gebracht und ihn dort gequält und ausgepeitscht. Und du hast wirklich nichts davon erfahren? Das finde ich sehr seltsam.«

Spelán hob die Schultern. »Seltsam ist das schon, Schwester, und doch ist es die Wahrheit. Unsere Gemeinschaft bestand aus ganz jungen Leuten. Selbach hatte sie alle in der Hand. Sie glaubten ihm, dass Schmerz erleiden sie dem ewigen Heil näher bringt. Da sie auf das heilige Kreuz schworen, nie über die Kasteiungen zu sprechen, die der Abt an ihnen vollzog, schwiegen sie darüber. Wahrscheinlich haben sie sogar gedacht, ich billige die Züchtigung. Ach, diese armen Jungen, sie haben schweigend gelitten, bis zum Tod des sanftmütigen kleinen Sacán … Ach, der arme, arme Junge.«

Dem dominus traten Tränen in die Augen.

Schwester Sárnat beugte sich vor und reichte ihm den Becher mit Wasser.

Ohne ein Wort stand Fidelma auf und verließ die Steinhütte.

Lorcán folgte ihr auf den Viereckplatz, auf dem sie nachdenklich stehen blieb.

»Eine schreckliche Geschichte, das muss ich schon sagen«, meinte er und blickte wieder zum Himmel. »Dem Bruder geht’s jetzt besser, und sobald du es für richtig hältst, können wir ablegen.«

Fidelma überhörte das. Sie hatte die Hände vor sich gefaltet und schaute zu Boden, wohl ohne etwas zu sehen.

»Schwester?«, mahnte sie Lorcán.

Sie hob den Kopf und merkte, dass sie nicht allein war. »Entschuldige, hast du eben etwas gesagt?«

Der Bootsführer zuckte die Achseln. »Nur, das wir uns bald auf den Weg machen sollten. Wir müssen den armen Bruder möglichst rasch nach Chléire schaffen.«

Fidelma atmete hörbar aus. »Ich glaube, der arme Bruder …«, aber sie redete nicht weiter. »Ich glaube, hier waltet ein Geheimnis, hinter das wir noch kommen müssen.«

Lorcán schaute sie ungläubig an. »Und die Erklärung, die uns Bruder Spelán gegeben hat …?«

Vollkommen ruhig erwiderte Fidelma seinen Blick. »Ich muss noch eine Weile umhergehen und die Sache überdenken.«

Der Bootsmann rang verzweifelt die Hände. »Aber, Schwester, begreif doch. Da zieht ein Wetter herauf.«

»Wenn der Sturm losbricht, bleiben wir eben hier, bis er vorüber ist.« Und als Lorcán dagegen aufbegehren wollte, schnitt sie ihm das Wort ab: »Ich sage das als dálaigh mit Gerichtsvollmacht, und du wirst dich meiner Anordnung fügen.«

Lorcán biss sich auf die Lippen, hob widerspruchslos die Schultern und wandte sich um.

Fidelma ging den Pfad hinter der Ansiedlung zwischen den Felsblöcken entlang zu dem entlegeneren Teil der Insel. Abt Selbach hatte seine Opfer auf diesen Pfad geführt, so wie Spelán es schilderte. Was ihr der Verwalter der Gemeinschaft enthüllt hatte, widerte sie an, wenngleich sie eine solche Erklärung fast erwartet hatte, nachdem sie die zerfleischten Rücken der beiden jungen Brüder gesehen hatte. Sie empfand Abscheu gegenüber den Asketen, die sich selbst als gortaigid bezeichneten, als Gläubige, die ihr Seelenheil suchten, indem sie sich und anderen Schmerz zufügten. Äbte und Bischöfe verdammten sie, und meist wurden sie in weitab gelegene Gemeinschaften ähnlicher Fanatiker vertrieben.

Hier hatte es den Anschein, dass ein schlechter Mensch seinen Willen einer Gruppe Jugendlicher aufgezwungen hatte, die kaum dem Kindesalter entwachsen waren und sich in ein Klosterleben einfügen wollten. Sie hatten es nicht besser gekannt, als sich seinem Willen zu unterwerfen, bis einer von ihnen starb. Jetzt waren diese Jünglinge von der Insel geflohen, waren verstört, hatten vermutlich den Glauben an die Botschaft Jesu verloren, die Liebe und Frieden verheißt.

Zwar wurden die religiösen Eiferer vielerorts abgelehnt, doch wusste sie, dass in manchen Abteien und Klöstern Äbte und Äbtissinen ein strenges Regiment führten und auf unzählige Gebetsübungen, Kasteiungen und Fastentage drangen. Ihr war bekannt, dass Erc, der Bischof von Slane, sommers wie winters seine frommen Anhänger an kalte Bergbäche führte und sie zwang, viermal am Tag in die eisigen Wasser zu tauchen und zu beten und Psalmen zu sprechen. Und das war der Schirmherr des heiligen Brendan von Clonfert. Der Asket Mac Tulchan ließ Flöhe sich auf seinem Leib nähren und kratzte sich nie, um so seine Qualen zu vergrößern. Und hatte nicht Finnian von Clonard sich vorsätzlich von einem sterbenden Kind mit einer grassierenden Seuche angesteckt, nur um Erlösung durch selbstauferlegte Qualen zu erlangen?

Abtötung des Fleisches und Schmerz ertragen. Ultan von Armagh gehörte zur Gruppe derer, die denen, die sich masochistischen Quälereien hingaben, Mäßigung predigten, den Asketen, die fanatisch ihren Körper quälten, die ihr Seelenheil erzwingen wollten durch unnatürliche Bedürfnislosigkeit, Überanstrengung oder körperliche Leiden.

Sie unterbrach ihre Wanderung, setzte sich auf einen Felsblock, faltete die Hände im Schoß und grübelte, welche Anhaltspunkte sich ihr boten. Es schien eindeutig – alles, was Spelán vorbrachte, passte zueinander. Nur warum spürte sie, da war etwas falsch? Sie öffnete ihr marsupium und zog den Fetzen Stoff heraus, der an dem Gürtelhaken des jungen Sacán hängengeblieben war. Dass er aus irgendeinem Kleidungsstück herausgerissen war, lag auf der Hand, nur stammte er nicht von der Kutte des kleinen Mönchs. Und dann war da der hölzerne Becher, den sie im Bethaus aufgelesen hatte. Mittlerweile war er ausgetrocknet, doch zuvor musste jemand daraus ein Kräutergebräu getrunken haben.

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung zwischen den Felsen wahr. Sie drehte sich flugs um und blickte einen Moment in die dunklen Augen eines verschreckten Jungen, der die Kapuze seines Habits über den Kopf gezogen hatte. Im Nu war er zwischen den Felssäulen verschwunden.

»Halt!«, rief Fidelma, sprang auf und stopfte hastig Becher und Tuchfetzen in ihr marsupium. »Bleib stehen, Bruder, ich tue dir nichts!«

Doch der junge Mönch rannte davon, und seine Spur verlor sich auf dem felsigen Grund. Verärgert entfuhr ihr ein Fluch. Sie wollte ihm hinterherjagen, aber da hörte sie ihren Namen. Schwester Sárnat kam angekeucht. »Bruder Spelán und Lorcán schicken mich. Lorcán bittet dich inständig, zurückzukommen, ein Sturm zieht herauf.«

Fidelma hatte eine sarkastische Bemerkung über Lorcáns Befürchtungen auf der Zunge, doch Sárnat sprach bereits weiter. »Bruder Spelán ist auch dafür, dass wir die Insel sofort verlassen und die Geschehnisse dem Abt von Chléire melden. Der Bruder ist wiederhergestellt und nimmt die Dinge in die Hand. Ihm fiel ein, dass du ja hergekommen bist, um Abt Selbach ein Schreiben von Ultan zu überbringen. Da Selbach aber tot und er der dominus ist, erwartet er, dass du ihm das Schreiben gibst. Es könnte darin etwas stehen, das noch zu bedenken oder zu erledigen ist, bevor wir die Insel verlassen.«

Fidelma vergaß, dass sie dem Jüngling hinterher wollte, und starrte Sárnat an. Die Novizin wartete schüchtern und wusste nicht, weshalb Fidelma sie so durchdringend anschaute. »Schwester …«, begann sie zaghaft.

Unvermittelt ließ sich Fidelma auf den nächsten Stein fallen. »War ich ein Narr«, murmelte sie, griff in ihr marsupium und zog die Briefe heraus. Den an den Abt von Chléire schob sie zurück, aber Ultans Schreiben an Selbach riss sie vor den erstaunten Augen von Schwester Sárnat auf. Sie überflog den Brief, und grimmiges Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Geh schon vor, Schwester«, sagte sie, stand auf und stopfte den Brief in ihre Tasche. »Geh zurück zu Bruder Spelán. Sag ihm und Lorcán, ich komme gleich nach. Ich nehme an, wir können ablegen, noch ehe der Sturm losbricht.«

Sárnat war nun vollends verunsichert. »Mach ich, Schwester. Aber warum kommst du nicht gleich mit?«

Fidelma lächelte. »Ich muss vorher noch mit jemandem reden.«

Wenig später trat Fidelma in die Steinhütte, in der Spelán auf dem Bett saß. Lorcán und Maenach standen lässig neben ihm. Schwester Sárnat saß an der Wand auf einer Bank. Lorcán atmete erleichtert auf, als er Fidelma sah.

»Bist du jetzt so weit, Schwester? Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.«

»Ein paar Augenblicke noch, Lorcán«, sagte sie und lächelte gelöst.

Spelán erhob sich von der Bettstatt. »Wir sollten unverzüglich ablegen, Schwester. Ich habe dem Abt von Chléire viel zu berichten. Außerdem …«

»Du hast dir ein Loch in dein Habit gerissen. Wie ist das passiert, Spelán?«

Fidelma stellte die Frage mit unschuldigem Augenaufschlag. Doch innerlich zitterte sie, ob ihr ins Dunkel abgeschossener Pfeil wirklich traf. Spelán schaute sie verblüfft an und blickte dann auf seine Kleidung. Es war deutlich, den Riss hatte er bislang nicht bemerkt. Jetzt erst sah er das ausgefranste Loch in seinem rechten Ärmel. Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. »War mir noch gar nicht aufgefallen.«

Fidelma nahm den Tuchfetzen aus ihrem marsupium und legte ihn auf den Tisch.

»Was meinst du, Lorcán, passt der Flicken hier in den Riss?«

Der Seemann zog die Brauen zusammen, nahm den Stoff und hielt ihn gegen Speláns Ärmel. »Passt genau, Schwester«, bestätigte er ungerührt.

»Erinnerst du dich, wo ich ihn gefunden habe?«

»Doch. Er war am Gürtel vom kleinen Sacán festgehakt.«

Aus Speláns Gesicht wich alle Farbe. »Der Ärmel muss sich da verfangen haben, als ich den Leichnam vom Strand trug …«

»Du hast den Leichnam vom Strand getragen?«, fragte Fidelma mit Nachdruck. »Hast du uns nicht erzählt, junge Brüder hätten ihn beim Angeln gefunden und hergebracht? Und das wäre schon geschehen, bevor du aufgewacht bist. Auch hätten sie Selbach bereits an den Baum gefesselt.«

Speláns Lippen arbeiteten, ohne dass sich Worte formten.

»Ich werde dir sagen, was sich auf dieser Insel abgespielt hat«, erklärte Fidelma. »Ja, es stimmt, hier hat es einen gortaigid gegeben. Jemand, der Freude bei der Abtötung des Fleisches und bei auferlegten Qualen empfand, aber nicht wegen der frommen Vorstellung, damit Gewinn für das Seelenheil zu erwerben …, sondern lediglich wegen persönlicher Gelüste. Wo hätte er seinen abscheulichen Sadismus besser befriedigen können als in einer Einsiedelei von jungen Gläubigen? Nur dort konnte er sie knechten und sie kasteien, indem er ihnen einredete, dass sie allein durch das Ertragen von Schmerzen zu seelischer Läuterung und geistlicher Vollkommenheit gelangen könnten.«

Spelán bedachte sie mit bitterbösen Blicken.

»In einigen wesentlichen Dingen ist die Schilderung zutreffend, die du uns gegeben hast, Spelán. Die Jünglinge hatten sich verschworen, Stillschweigen zu bewahren. Ihr Folterknecht nahm jeweils einen von ihnen, von den jüngsten und verletzlichsten, ans entlegene Ende der Insel und vollzog an ihnen die Züchtigung, dabei ihnen immer versichernd, das sei der einzige Weg zu ewigem himmlischem Ruhm. Doch eines Tages wurde einer von den Jungen, der kleine Sacán, so heftig gegeißelt, dass er unter seinen Händen starb. In plötzlichem Erschrecken wollte der Folterer seine Schandtat ungeschehen machen und warf die Leiche über die Klippen. Dabei riss sich der Mann am Gürtelhaken des Jungen ein Stück Stoff aus seinem Habit. Am nächsten Morgen wurde der Leichnam angeschwemmt.«

»Das ist völliger Unsinn. Selbach war es, der …«

»Selbach war es, der zu ahnen begann, dass er in seiner Gemeinde einen gortaigid hatte.

»All das sind reine Vermutungen«, wehrte sich Spelán wütend, doch Furcht schimmerte in seinen dunklen Augen.

»Nicht ganz«, entgegnete Fidelma kühl. »Du bist sehr gescheit vorgegangen, Spelán. Als Sacáns Leiche entdeckt wurde, standen alle, die ihn am Strand gefunden hatten, um ihn herum. Sie konnten nicht ahnen, dass ihr Abt Selbach, ein im Grunde seines Wesens gütiger Mann, seit kurzem begriffen hatte, was in seiner Gemeinde vor sich ging, und das gewiss nicht guthieß. Du hast selbst gesagt, die Verschwiegenheit unter den jungen Brüdern war derart, dass jeder annahm, du würdest mit Selbachs Billigung handeln. Alle glaubten, dass die Abtötung des Fleisches eine schweigend zu duldende Regel ihrer Gemeinschaft wäre. Doch angesichts ihres toten Bruders entschlossen sie sich auf der Stelle, von der Insel zu fliehen. Die acht brachten das Flechtwerkboot zu Wasser und ruderten davon; das Einzige, was sie im Sinn hatten, war, von dem Ort fortzukommen, den sie für verflucht hielten.«

Lorcán, der fassungslos Fidelmas Erklärungen vernommen hatte, pfiff leise vor sich hin. »Wo mögen die jetzt sein?«

»Schwer zu sagen. Wenn sie vernünftig sind, könnten sie nach Chléire gerudert sein oder gleich nach Dún na Séad und dort geschildert haben, was hier vorgefallen ist. Aber vielleicht haben sie auch gedacht, ihr Wort hat kein Gewicht gegen das des Abts und des dominus der Gemeinschaft hier. Denn diese Unschuldigen glauben immer noch, dass Sich-Kasteien zu den Regeln des Neuen Glaubens gehört.«

»Darf ich daran erinnern, dass ich von eben diesen Unschuldigen bewusstlos geschlagen wurde?«, höhnte Spelán.

Maenach nickte heftig. »Wirklich, Schwester, so war das doch. Wie erklärst du dir das?«

»Einen Moment. Lass mich erst klarstellen, was hier noch geschah. Die acht jungen Brüder verließen die Insel, weil sie glaubten, alle anderen standen hinter der Regel, sich demütigen und quälen lassen zu müssen. Bruder Fogach aber stieß auf den Leichnam, trug ihn ins Bethaus und weckte dich, Spelán.«

»Was sollte ihn dazu bewogen haben?«

»Bruder Fogach war nicht dein Feind, genauso wenig wie Bruder Snagaide. Du hattest dir die beiden als Gehilfen erwählt, sie hatten dir sogar zur Seite gestanden bei den körperlichen Züchtigungen. Unerfahrene junge Burschen waren das eben und leichtgläubig genug, anzunehmen, dass deine Weisungen Befehle des Glaubens und das Wort Gottes waren. Doch ihre Mitbrüder zu geißeln war eine Sache, sie zu ermorden eine andere.«

»Das zu beweisen dürfte dir schwerfallen«, frohlockte Spelán.

»Schon möglich. Bis dahin waren Fogach und Snagaide bereit, dir beizustehen. Dir aber wurde klar, dass dir die Zeit davonlief. Wenn die Geflohenen Bericht erstatteten, dann würde ein Beauftragter der Kirche, ein Anwalt, auf die Insel entsandt werden. Du musstest deine Verteidigung vorbereiten. Da kam dir ein hinterhältiger Plan. Es war früh am Tage. Selbach schlief noch. Du hast Snagaide und Fogach davon überzeugt, dass Selbach der Schuldige sei, wie du auch ihren Mitbrüdern eingeredet hast, dass Selbach die Kasteiungen guthieß. Du hast ihnen vorgetäuscht, Selbach – nicht du – habe in der vergangenen Nacht Sacán ausgepeitscht, und daher müsste er jetzt ebenso gegeißelt werden. Gemeinsam habt ihr Selbach aus dem Schlaf gerissen, ihn auf den Platz geschleppt und an den Baum gebunden. Du wusstest genau, wie du vorgehen wolltest, daher hast du zunächst den alten Mann erbarmungslos bis aufs Blut geschlagen.

Der schrie in seiner Pein und hat deinen Gehilfen die Wahrheit zugerufen. Entsetzt mussten sie anhören, wie man sie irregeleitet hatte. Du hast ihre empörten Gesichter gesehen und den Abt erstochen, um ihn am Weiterreden zu hindern. Sein Leben wäre ohnehin verwirkt gewesen. Denn Teil deines Plans war ja, alle Beweise und Zeugen zu beseitigen, um dann zu behaupten, du wärst nur das willige Werkzeug Selbachs gewesen.

Snagaide und Fogach rannten davon. Du musstest sie zum Schweigen bringen. Es gelang dir, Fogach zu fassen und ihm mit einem Stein den Schädel zu zertrümmern. Doch als du dich nach Snagaide umdrehtest, sahst du, dass ein Boot sich näherte, Lorcáns Boot nämlich. Du aber hast gedacht, da käme schon jemand aufgrund des Berichts der acht Brüder.

Man weiß, dass du ein erfahrener Apotheker bist. Du bist also in deine Zelle geeilt, hast dir einen Kräutertrunk gemischt, ein starkes Schlafmittel, das dich binnen kurzem bewusstlos machen würde. Dann hast du einen Stein aufgenommen und dir damit heftig gegen die Schläfe geschlagen, sodass eine übel aussehende Wunde entstand.

Aber Maenach, der einiges von der Heilkunst versteht, hat uns gleich gesagt, dass du seiner Erfahrung nach von so einem Hieb nicht hättest bewusstlos sein können. In Wirklichkeit war es so: Nachdem du dir die Wunde beigebracht hattest, hast du dein Mittel getrunken und dich im Bethaus hingestreckt, wo ich dich fand. Du warst nicht bewusstlos vom Schlag gegen den Kopf, sondern hast nur tief geschlafen nach dem Genuss deines Tranks. Die Geschichte, die du uns auftischen wolltest, hattest du dir längst zurechtgelegt. Dein Wort würde gegen das der jämmerlichen, verängstigten Jungen stehen.«

Langsam griff Fidelma nach dem Becher und stellte ihn auf den Tisch.

»Dieser Becher lag neben dir im Bethaus. Er riecht noch nach Kräutern wie Königskerze und Rotklee, aus denen sich ein starker Schlaftrunk herstellen lässt. In deiner Zelle hast du vielerlei Kräuter dieser Art in den Töpfen.«

»Das ist noch lange kein Beweis für deine lächerliche Geschichte«, beharrte Spelán.

»Das wird sich bald zeigen. Abt Selbach hatte nicht nur Verdacht geschöpft, dass da ein gortaigid sein Unwesen in seiner Gemeinde trieb, sondern hatte auch an Ultan von Armagh geschrieben und ihm seine Verdachtsgründe dargelegt.«

Sie nahm das Schreiben Ultans von Armagh zur Hand.

Spelán kniff die Augen zusammen. Auf seiner Stirn bildeten sich zum ersten Mal, seit sie begonnen hatte, seinen Schwindel aufzudecken, winzige Schweißperlen. Sie wedelte mit dem Brief vor seinem Gesicht und spannte ihn auf die Folter.

»Als ich erfuhr, dass du begierig warst, des Briefes habhaft zu werden, begriff ich, dass das der Beweis war, den ich suchte, den ich eigentlich nur übersehen hatte. Das Schreiben ist sehr aufschlussreich, bestätigt es doch all die Befürchtungen, die Selbach deinetwegen hegte.«

Spelán war kreidebleich geworden. Entsetzt starrte er auf den Brief, als sie ihn auf den Tisch legte. »Selbach hat mich bei Ultan angeschwärzt?«

Fidelma wies auf das Pergament. »Du kannst es selber lesen.«

Mit einem wütenden Aufschrei, der alle im Raum erstarren ließ, sprang Spelán, die Arme vorgestreckt, auf Fidelma zu. Er hatte kaum den ersten Schritt getan, da verharrte er auf der Stelle, als würde ihm die Hand eines Riesen Einhalt gebieten. Überrascht stand er einen Moment da, die Augäpfel traten aus den Höhlen, und er glitt ohne ein weiteres Wort zu Boden.

Da erst sahen alle den Griff eines Messers, das in Speláns Brust steckte, und das Blut, das sein Habit färbte.

In die Tür schob sich ein Schatten. Ein junger, dunkelhaariger Bursche in der Kutte der Klosterbrüder kam zögernd herein. Lorcán, der sich als Erster wieder besonnen hatte, kniete schon neben Spelán und fühlte den Puls, schaute dann hoch und schüttelte den Kopf.

Fidelma wandte sich zu dem Jungen, der an allen Gliedern zitterte, und legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm.

»Ich konnte nicht anders«, murmelte er, »ich musste es tun.«

»Ich verstehe dich«, tröstete sie ihn.

»Jetzt ist mir alles gleich. Ihr könnt mich bestrafen.« Der junge Bruder richtete sich auf.

»Mit den Gewissensbissen, die du ertragen hast, bist du genug gestraft, Bruder Snagaide. Diese da«, sie wies auf Lorcán, Maenach und Sárnat, »sind Zeugen von Speláns Vorhaben, mit dem er seine Schuld gestanden hat. Dein Fall wird vor dem Brehon in Chléire verhandelt werden, und ich werde deine Anwältin sein. Heißt es doch in dem uralten Gesetz, jeder, der sich über das Gesetz stellt, verliert den Schutz des Gesetzes. Du hast jemanden getötet, der das Gesetz übertreten hat, und daher ist diese Tat gerechtfertigt nach dem Gesetzeswerk des Fenechus.«

Sie zog den Jungen mit nach draußen. Er war nicht einmal so alt wie die weltunerfahrene Schwester Sárnat. Was tat man nur diesen jungen Menschen an? Sollte es ihr eines Tages vergönnt sein, dem obersten Rat der Richter Irlands ein Gesetz vorzulegen, würde es darin heißen, niemand unter fünfundzwanzig darf dazu gedrängt werden, sein Leben im Kloster zu verbringen. Die Jungen sollten erst erwachsen werden, sich des Lebens freuen und etwas von der Welt verstehen, bevor sie sich auf Inseln oder in Klöstern von ihr abwandten. Nur unter solchen von der Welt abgeschirmten und in Furcht vor den Glaubensoberen gehaltenen Unschuldslämmern konnte ein Unhold wie Spelán sein Werk betreiben. Begütigend legte sie dem jungen Mönch, der herzzerreißend zu schluchzen begann, ihren Arm um die Schultern.

»Komm, Lorcán«, rief sie, »jetzt hinunter zum Boot und auf nach Inis Chléire, ehe uns dein Sturm packt.«

Schwester Sárnat kam aus der Zelle gerannt und hielt den Brief hoch, den Fidelma auf den Tisch gelegt hatte.

»Schwester …«, japste sie und konnte kaum reden. »Dieses Schreiben hier von Ultan an Selbach … Da steht überhaupt nichts drin von Spelán. Selbach hat Spelán gar nicht verdächtigt. Er hat gedacht, der Trieb, sich zu kasteien, sei nur so unter den jungen Brüdern entstanden.«

Fidelma war nicht sonderlich überrascht. »Selbach hat es nicht übers Herz gebracht, seinen engsten Mitstreiter zu verdächtigen. Dass Spelán den genauen Inhalt des Briefes nicht kannte, war doch gut, oder?«


GIFT IM ABENDMAHLSKELCH

<p>GIFT IM ABENDMAHLSKELCH</p>

Auf ihrer Pilgerfahrt in die Ewige Stadt Rom Zeugin von einem Mord zu werden, hatte Schwester Fidelma am wenigsten erwartet. Er geschah in einer ruhigen, kleinen, in einer Seitenstraße gelegenen Kirche.

Jeder Bürger Roms nahm es als selbstverständlich, dass ein verständiger barbarus bei seinem ersten Besuch von der Größe und dem Ausmaß der Stadt gehörig beeindruckt war. Schwester Fidelma entsprach diesen Vorstellungen. Dabei war sie weder eine Hellenin noch eine Römerin, und der Ausdruck Barbarin war der reinste Hohn, wollte man ihn auf die junge Nonne aus Irland anwenden. Ihr Latein war vollendeter als das der meisten Römer, und ihre Kenntnisse der klassischen Schriftsteller waren umfassender als die vieler Gelehrter. Sie hatte ihre Bildung in den besten Hohen Schulen Irlands erhalten, die in ganz Europa so berühmt waren, dass allein in Durrow die Söhne und Töchter von Königen und Fürsten aus nicht weniger als achtzehn Ländern studierten. In Irland ausgebildet zu werden war eine Auszeichnung, auf die sogar die Sprösslinge der angelsächsischen Könige stolz waren.

Fidelma war nach Rom gekommen, um die Regula coenabialis Cill Dara, die Regel der Abtei der heiligen Brigid von Kildare, dem Heiligen Vater im Lateran-Palast zu überreichen, auf dass er ihr seine Genehmigung und seinen Segen erteile. Seit etlichen Tagen wartete sie nun darauf, von einem Amtsträger des päpstlichen Haushalts empfangen zu werden. Um sich die Zeit zu vertreiben, besuchte sie wie Tausende anderer Pilger, die in die Stadt strömten, die antiken Monumente und Grabmäler.

Von der xenodochia, in der sie untergebracht war, der kleinen Herberge für fremdländische Pilger neben der Kapelle der heiligen Praxedis, lief sie jeden Morgen hügelabwärts zum Lateran-Palast, um zu erfahren, ob man sie heute empfangen würde. Die Tage gingen dahin, ohne dass ihr eine Nachricht zukam, und langsam wurde sie ungehalten. Doch sie fasste sich in Geduld, denn es wimmelte von Menschen aus den verschiedensten Ländern, von manchen hatte sie nicht einmal gewusst, dass es sie gab. Sie alle drängten zum Palast und ersuchten um Audienz. So verließ sie Tag um Tag leicht enttäuscht den päpstlichen Hof und machte sich auf, eine weitere Sehenswürdigkeit zu erkunden.

An diesem Morgen hatte sie sich vorgenommen, die kleine, dem heiligen Hippolytus gewidmete ecclesia aufzusuchen, die nur ein paar Schritte von ihrer Herberge entfernt war. Sie tat es, weil sich dort das Grabmal des Hippolytus befand. Ihr Mentor, Abt Laisran von Durrow, bewunderte die Schriften dieses frühen Kirchenvaters, und sie selbst hatte sich durch den Text seiner Philosophoumena quälen müssen, um mit Laisran über die darin enthaltene Widerlegung der gnostischen Lehren zur Gotteserkenntnis zu debattieren. Sie wusste, dass Laisran es ihr hoch anrechnen würde, wenn sie ihm berichten konnte, am Grabmal des Hippolytus gestanden zu haben.

Während Fidelma sich hinten in der winzigen Kirche, die nicht mehr als zwei oder drei Dutzend Gläubige fasste, einen Platz suchte, wurde eine Messe gefeiert. Es waren nur sechs bis sieben Leute anwesend, die mit gesenktem Kopf dastanden und dem Priester lauschten, der die altehrwürdigen Worte psalmodierte.

Angelegentlich betrachtete sie die Kirchgänger. Die Baudenkmale, die Geräusche, die Menschen Roms – alles war ihr neu und nahm ihre Aufmerksamkeit gefangen. Ein junges Mädchen in der kleinen Schar der Betenden fiel ihr zuerst auf. Sie konnte nur ihr Profil sehen, soweit eine Haube das zuließ, die züchtig ihr wohlgeformtes Haupt verhüllte. Es war ein zartes, fein modelliertes, anziehendes Antlitz, das Fidelma in seiner scheuen Schönheit gefiel. Neben ihr stand ein junger Mann im Habit eines Mönchs. Auch auf sein Gesicht hatte sie keinen freien Blick, gewann aber den Eindruck, dass er gutaussehend war und irgendwie eine Ähnlichkeit mit den Zügen des Mädchens aufwies. Des weiteren war da ein schlanker, wettergebräunter junger Bursche. In seiner seemännischen Ausstaffierung erinnerte sie ihn an die Seeleute in Gallien. Sehr glücklich war er nicht, wie seine finstere Miene verriet. Hinter den dreien stand ein untersetzter Herr, angetan in den reichen Gewändern eines höheren Geistlichen. Fidelma waren genügend Äbte und Bischöfe begegnet, so dass sie ihm durchaus einen solchen Rang zubilligte. In einer anderen Ecke stand ein beleibter, dunkelhäutiger Andächtiger. Er wirkte erregt, war gut gekleidet und vermutlich ein wohlhabender Kaufherr. Hinten im Kirchenschiff bemerkte sie das letzte Mitglied dieser Gläubigenschar, einen jungen Mann im Dienstkleid der custodes von Rom, der Hüter von Gesetz und Ordnung. Er war dunkelhaarig und recht hübsch, hatte aber etwas Hochmütiges an sich, das zu seinem militärischen Beruf passte.

Vorne schwang der Diakon eine kleine Glocke, und der zelebrierende Priester hob den Kelch mit dem Wein. »Dies ist der Kelch meines Blutes!«, intonierte er und wandte sich dem Diakon zu, der die Silberschale mit der geweihten Hostie hochhielt.

Die kleine Gemeinde begab sich zum Altar und stellte sich vor dem Priester auf. Als erster erhielt der hübsche junge Mönch die Hostie, legte sie sich in den Mund, verneigte sich vor dem Priester, der den Kelch in Händen hielt, und empfing dann den Wein. Er ging beiseite, und seine junge Begleiterin trat vor, um das Sakrament zu empfangen.

Noch hatte sich der Mönch nicht ganz der Gemeinde zugewandt, da veränderten sich seine Züge, er begann zu husten und zu würgen, der Mund stand ihm offen, die Zunge hing heraus. Mit einer Hand fuhr er sich an die Kehle, das schmerzverzerrte, gerötete Gesicht lief blau an. Die Augen waren aufgerissen und starrten ins Leere. Laute kamen aus seiner Kehle, die Fidelma an das Quieken eines Schweins erinnerten, das abgestochen wird. Vor den entsetzten Blicken der Versammelten sank der junge Mann zu Boden, strampelte noch einige Augenblicke, schlug um sich und blieb reglos liegen.

Es war totenstill, niemand rührte sich. Dann zerriss ein schriller Schrei der jungen Frau die Luft. Sie warf sich über den Gestürzten, kniete dann neben ihm nieder, weinte und kreischte in einer seltsamen Sprache, die bei ihrem Geschluchze gänzlich unverständlich war.

Da niemand in der Lage schien, sich zu rühren, eilte Fidelma nach vorn. »Lass keinen weder den Wein noch das Brot berühren«, warnte sie den Priester, der den Kelch noch in Händen hielt. »Der Mann ist vergiftet worden.«

Sie spürte mehr, als dass sie es sah, wie sich alle Anwesenden ihr zuwandten und sie teils verwirrt, teils überrascht ansahen.

»Wer gibt dir das Recht, hier Anordnungen zu treffen? Wer bist du, Schwester?«, fuhr sie eine grobe Stimme an. Es war der hochmütige custos, der sich nach vorn drängte.

Mit blitzenden Augen schaute sie den argwöhnischen Ordnungshüter an. »Ich habe hier keine Amtsgewalt, wenn du das meinst. Ich bin eine Fremde in dieser Stadt. Doch in meinem Land bin ich eine dálaigh, Anwältin bei den hohen Gerichten, und die Anzeichen eines schnell wirkenden Gifts erkenne ich auf den ersten Blick.«

»Da haben wir es, du selbst gibst zu, du hast hier nichts zu sagen«, schnauzte der custos, der mit seiner Wichtigtuerei seinen Dienstrang herauskehren wollte. »Ich aber …«

»Die Schwester hat vollkommen recht, custos«, unterbrach ihn eine Stimme, die ruhig und gedämpft, doch gebieterisch klang. Der untersetzte Herr hatte sich eingemischt und brachte damit den jungen Wächter aus der Fassung.

»Ich habe hier Amtsgewalt«, erklärte der geistliche Herr Fidelma. »Ich bin Abt Miseno, und diese ecclesia gehört zu meinem Sprengel.«

Seine weiteren Worte galten dem zelebrierenden Priester und dem Diakon. »Tut, was die Schwester sagt, Pater Cornelius. Stellt Wein und Brot beiseite und achtet darauf, dass sie von niemandem angerührt werden.«

Der Priester folgte der Aufforderung augenblicklich, und auch der Diakon setzte den Hostienteller sorgsam auf dem Altar ab.

Abt Miseno schaute auf das schluchzende Mädchen. »Wer war dieser Mann, meine Tochter?«, erkundigte er sich mitfühlend, beugte sich hinunter und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Sie hob das tränenüberströmte Gesicht. »Ist er …?«

Miseno bückte sich noch tiefer und tastete nach der Halsschlagader des Mannes. Eigentlich erübrigte sich das. Ein einziger Blick auf das verkrampfte, erstarrte Gesicht genügte, um festzustellen, dass dem jungen Mönch nicht mehr zu helfen war. Vielleicht wollte er dem Mädchen mit seiner Geste auch nur die Gewissheit geben, dass das Schicksal unabwendbar war. Der Abt schüttelte den Kopf. »Er ist tot, meine Tochter«, bestätigte er. »Wer war er?«

Das Mädchen weinte hemmungslos und war nicht in der Lage zu antworten.

»Er hieß Docco und stammte aus Pouancé in Gallien«, antwortete für sie der junge Seemann, der mit dem Klosterbruder und dem Mädchen vorn gestanden hatte.

»Und wer bist du?«, fragte Abt Miseno.

»Ich heiße Enodoc. Ich war Doccos Freund und komme auch aus Gallien. Das Mädchen ist Egeria, Doccos Schwester.«

Abt Miseno stand kurz mit gesenktem Kopf da und überlegte. Dann schaute er auf und bat Schwester Fidelma: »Würdest du einen Augenblick mitkommen, Schwester?«

Er ging voran in eine Ecke der Kirche, wo die anderen sie nicht hören konnten. Fidelma folgte ihm gespannt.

»Ich habe in Bobbio studiert, das vor fünfzig Jahren von Columban und seinen irischen Gelehrten gegründet wurde«, eröffnete er ihr mit gedämpfter Stimme. »Dort habe ich viel über dein Land gelernt, auch über euer Rechtssystem und mit welchen Aufgaben eine dálaigh betraut wird. Bist du wirklich auf dem Gebiet bewandert?«

»Ich bin Anwältin und befugt, an den Gerichten meines Landes zu wirken«, erklärte Fidelma schlicht, ohne sich in den Vordergrund zu spielen, und fragte sich, worauf er hinauswollte.

»Dein Latein ist bemerkenswert.«

Fidelma wartete geduldig.

»Ganz offensichtlich wurde dieser Mönch vergiftet«, fuhr Miseno nach kurzem Überlegen fort. »War es ein Missgeschick, oder wurde er absichtlich getötet? Ich denke, wir sind gehalten, das so schnell wie möglich herauszufinden. Wenn sich die Kunde von diesem Vorfall verbreitet, bedarf es keiner großen Phantasie, sich auszumalen, wie er ausgelegt werden würde. Es könnte sogar die Gläubigen abhalten, fürderhin das heilige Sakrament zu empfangen. Ich wäre dir dankbar, Schwester, wenn du mit deinen Kenntnissen den Dingen hier auf den Grund gingest, noch ehe wir der Obrigkeit Meldung erstatten müssen.«

»Das dürfte dem jungen custos wenig gefallen«, meinte Fidelma und wies flüchtig auf den ungeduldig wartenden Wächter. »Er ist gewiss der Ansicht, diese Aufgabe stünde ihm zu.«

»Er hat hier keine Befugnisse. Die habe ich. Entsprichst du meiner Bitte?«

»Ich will gern alle hier befragen, doch kann ich nicht versprechen, ob das zu einem Ergebnis führt«, erwiderte Fidelma.

Der Abt machte eine unglückliche Miene und hob hilflos die Hände. »Der Schuldige muss jemand in der kleinen Schar hier sein. Du bist geübt, dergleichen zu ergründen. Wirst du es versuchen …?«

»Also gut. Nur gehöre ich auch zu der kleinen Schar. Woher willst du wissen, dass ich schuldlos bin?«

Abt Miseno war verblüfft, doch dann überzog ein breites Lächeln sein Gesicht. »Du bist ja erst gegen Ende des Gottesdienstes hereingekommen und hast ganz hinten gestanden. Wie hättest du Gift in Brot oder Wein tun können, während beides vor aller Augen auf dem Altartisch stand?«

»Das stimmt natürlich. Doch wie sieht es mit den anderen aus? Waren alle während der ganzen Messe hier?«

»Doch, ich denke schon.«

»Du selbst auch?«

Der rundliche Abt lächelte gezwungen. »Du darfst mich zu deinen Tatverdächtigen zählen, bis du genügend Erkenntnisse hast, die das Gegenteil bezeugen.«

»Also gut. Zuallererst müssen wir wissen, wie das Gift verabreicht wurde.«

»Ich werde unseren Stadtwächter ermahnen, dir mit Respekt zu begegnen und deinen Anweisungen zu folgen.«

Sie gingen zu der Gruppe hinüber, die beklommen um den toten Gallier herum stand. Seine wehklagende Schwester hielt noch immer die Arme um seinen Kopf geschlungen.

Der Abt räusperte sich. »Ich habe die Ordensschwester gebeten, wegen dieses Todesfalls eine Befragung durchzuführen«, begann er. »Sie ist hervorragend geeignet dafür. Ich vertraue darauf, dass ihr sie alle«, er ließ seinen Blick auf dem hochmütigen Stadtwächter ruhen, »dabei unterstützt. Sie hat meinen Segen und meine kirchliche Vollmacht.«

Alle schwiegen, und manche blickten ratlos zu ihr hin.

Fidelma trat vor. »Ich möchte, dass ihr euch alle an die Plätze begebt, an denen ihr gestanden habt, bevor das hier geschah.« Teilnahmsvoll lächelte sie dem jungen Mädchen zu. »Du musst das nicht, wenn du es nicht möchtest, doch für deinen Bruder kannst du nichts Besseres tun, als wahrheitsgemäß die Fragen zu beantworten, die ich dir stellen werde.«

Enodoc beugte sich zu ihr herab, um ihr hochzuhelfen und sie sanft vom Leichnam ihres Bruders zu lösen. Dann geleitete er sie an ihren Platz. Zögerlich kamen alle Mitglieder der Gemeinde Fidelmas Aufforderung nach.

Sie ging zum Altartisch, nahm eine Hostie von der Silberplatte und schnüffelte argwöhnisch daran. Vorsichtig untersuchte sie auch die übrigen Bröckchen, doch die schienen ganz in Ordnung. Danach roch sie an dem Kelch mit dem Abendmahlswein, konnte aber den merkwürdigen Geruch nicht recht zuordnen. Er wirkte bitter, und allein schon die Ausdünstung spürte sie in der Kehle, sie hatte Mühe, Luft zu holen, und musste heftig husten.

»Wie ich mir dachte, der Wein ist vergiftet«, ließ sie alle wissen. »Welcher Art das Gift ist, kann ich nicht sagen, doch allein seine Dünste sprechen für sich. Seine unmittelbare Wirkung habt ihr alle erlebt, ich muss euch nicht zur Vorsicht mahnen.«

Sie winkte dem jungen Stadtwächter. »Nimm zwei Schemel und stelle sie« – sie blickte umher und fand eine abgeschirmte Ecke im Kirchlein – »… und stelle sie dort hin. Dann bezieh bitte Posten an der Tür und lass niemand hinein oder heraus, bis ich dich rufe.«

Der junge Krieger wollte schon aufbrausen und schaute zum Abt. Doch der machte nur eine knappe Bewegung mit der Hand, und der Bursche fügte sich.

»Zuerst möchte ich mit dir reden, Diakon«, sagte Fidelma und ging zu den Schemeln. Sie setzten sich, und Fidelma hatte Gelegenheit, den Diakon näher in Augenschein zu nehmen. Er war kaum zwanzig Jahre alt, hatte dunkles Haar und ein unschönes Gesicht. Die Augen standen eng beieinander, darüber wölbten sich buschige Brauen. Er war schlecht rasiert, und die Haut unter den Bartstoppeln schimmerte unangenehm blau.

»Wie heißt du?«

»Tullius.«

»Wie lange versiehst du schon dein Amt hier?«

»Seit sechs Monaten.«

»Als Diakon gehört es zu deinen Obliegenheiten, Wein und Brot für die Segnung bereitzustellen. So ist es doch, nicht wahr?«

»Ja.«

»Hast du das auch heute getan?«

»Ja.«

»Reden wir über den Wein.«

Der Diakon schien verunsichert. »Wie meinst du das?«

»Sprich über den Wein im Kelch. Wo kam der her, wie wurde er eingefüllt, war er zu irgendeinem Zeitpunkt unbeaufsichtigt?«

»Der Wein wird in der Stadt gekauft. Wir haben immer einen Vorrat von einigen Amphoren in den Gewölben unter der ecclesia. Heute früh bin ich nach unten gegangen und habe einen Krug gefüllt. Ich habe gezählt, wie viele Gläubige gekommen waren, und habe die entsprechende Menge Wein in den Kelch gegossen. Das wird immer so gemacht. Mit dem Brot verfahren wir genauso. Wenn Brot und Wein gesegnet sind und die Transsubstantiation erfolgt ist, darf keine der Hostien und erst recht kein Tropfen des Blutes Christi vergeudet werden. Alles muss bis aufs Letzte aufgebraucht werden.«

In den Kirchen Irlands galt das Empfangen von Brot und Wein lediglich als eine symbolische Geste in Erinnerung an Christus. Rom jedoch hatte damit begonnen, die Ansicht zu verfechten, dass bei der Segnung die irdische Materie sich buchstäblich in Fleisch und Blut Christi verwandele. Fidelmas skeptisches Lächeln war nicht als Geringschätzung gegenüber der neuen Lehre zu verstehen, sondern galt mehr der Vorstellung, wie der vergiftete Wein als das leibliche Blut des Heilands begriffen werden könnte. Wer, fragte sie sich, würde es jetzt noch auf sich nehmen, davon zu trinken?

»Du hast also den Wein aus dem Krug in den Kelch gefüllt, nachdem du dich vergewissert hattest, wie viele Leute die Messe besuchen?«

»Ja, so war das.«

»Wo ist der Krug jetzt?«

»In der Sakristei.«

»Gehen wir dort hin. Ich möchte ihn sehen.«

Der Diakon stand auf und führte sie durch eine Tür hinter dem Altar in einen Nebenraum der ecclesia. Dort wurden die Kultgeräte und die Messgewänder des Priesters aufbewahrt. Fidelma schaute sich in der schmalen Kammer um, sie war nicht mehr als sechs Fuß breit und zwölf Fuß lang. Gleich neben der Tür, die sich zum Kirchenschiff öffnete, gab es einen Zugang zu den Steinstufen hinunter in die düstere Krypta. Am anderen Ende der Sakristei befand sich eine dritte Tür mit einem kleinen rautenförmigen Fenster in der Mitte, das einen Blick nach draußen erlaubte. An Wandhaken hingen mehrere Kleidungsstücke, auf Regalen standen Heiligenfiguren und etliche Bücher. Ferner gab es eine Bank mit einigen Brotlaiben und dem Weinkrug. Fidelma beugte sich über den Krug und schnupperte. Nichts von einem ätzenden Geruch. Sie tauchte den Zeigefinger in den Wein, roch und leckte vorsichtig daran. Kein Anzeichen eines bitteren Geschmacks. So viel stand fest, das Gift konnte erst in den Wein gelangt sein, nachdem er in den Kelch gegossen worden war.

»Ist der Kelch, der heute benutzt wurde, der Kelch, der bei jeder Messe benutzt wird?«

Der Diakon nickte.

»Und der Kelch hat hier in der Sakristei gestanden, während du den Wein aus dem Gewölbe geholt hast?«

»Ja. Auf meinem Weg zur Kirche habe ich wie immer das Brot gekauft und da abgelegt, um es in kleine Scheiben zu schneiden. Dann bin ich in die Krypta gestiegen, hab den Wein in den Krug gefüllt und ihn neben den Kelch gestellt. Abt Miseno kam herein und ging, soweit ich mich erinnere, ohne sich aufzuhalten durch die Sakristei in den Kirchenraum zur Gemeinde. Wie ich feststellte, waren nur wenige zum Gottesdienst gekommen, und entsprechend wenig Wein goss ich in den Kelch.«

Fidelma überlegte. »Abt Miseno ist hier zur Kirche durchgegangen, noch bevor du den Wein in den Kelch gegossen hattest?«

»Ja.«

»Und wie du sagst, hast du die Sakristei überhaupt nicht verlassen, nachdem du den Krug mit dem Wein hochgebracht und den Kelch gefüllt hattest?«

»Während ich noch in der Tür stand und überschlug, wie groß die Gemeinde war, erschien Pater Cornelius in der Sakristei. Er ist eigentlich gleich nach dem Abt gekommen.«

»Pater Cornelius ist der Priester, der die Messe zelebrierte?«

»Ja. Er kleidete sich für den Gottesdienst an, und ich habe den Wein in den Kelch gefüllt. Dann bin ich wieder zur Tür gegangen und habe nachgesehen, ob noch mehr Kirchgänger eingetroffen waren.«

»In dem Augenblick standest du aber mit dem Rücken zum Kelch. Er war also nicht ständig in deinem Blickfeld.«

»Aber es war doch sonst niemand in der Sakristei außer …«

»Außer Pater Cornelius?«

Der Diakon biss sich auf die Lippen und nickte mürrisch.

»Lass es mich ganz klarstellen: Pater Cornelius legte die Messgewänder an, und du standest an der Tür und hast beobachtet, wer in die Kirche kam.«

»Ja. Ich erinnere mich, ich habe ihm gesteckt, dass Abt Miseno zum Gottesdienst dageblieben ist.«

»Ihm gesteckt, wieso?«, hakte Fidelma bei dem Wort sofort ein.

»Dem Abt untersteht diese ecclesia wie auch einige andere in der Umgebung. Er und Pater Cornelius sind jedoch … Wie soll ich sagen? … Sie stimmen in ihren Ansichten nicht überein. Abt Miseno ist bemüht, Pater Cornelius aus dieser Kirche zu drängen. Das ist kein Geheimnis.«

»Weißt du, warum?«

»Darüber zu reden kommt mir nicht zu. Richte die Frage lieber an Abt Miseno und Pater Cornelius.«

»Auch gut. Wie ging es weiter?«

»Pater Cornelius war verärgert. Ich glaube sogar, er war ziemlich wütend. Jedenfalls schob er mich zur Seite und ging geradenwegs auf Abt Miseno zu. Sie redeten miteinander, und soweit ich sehen konnte, verlief ihr Gespräch nicht eben freundschaftlich. Die für den Gottesdienst festgelegte Stunde kam heran, und ich läutete die Glocke wie auch sonst immer. Pater Cornelius begab sich zum Altar und begann mit der Messfeier.«

Fidelma beugte sich vor und wiederholte eindringlich: »Du sagst, du hast den Wein in den Kelch gegossen, während Pater Cornelius die Messgewänder anlegte. Dann bist du zur Tür gegangen und hast mit dem Rücken zum Kelch gestanden. War das so?«

»Ja. Ich glaube schon.«

»Du glaubst? Bist du dir nicht sicher?«

»Tja …« Der Diakon zuckte die Achseln. »Beschwören kann ich das nicht. Vielleicht habe ich auch den Kelch gefüllt, als er die Sakristei schon verlassen hatte.«

»Also nicht vorher?«

»Ich bin mir nicht sicher. Der Vorfall hat mich so erschüttert, dass ich ein bisschen durcheinander bin, was den genauen Ablauf der Dinge betrifft.«

»Du bist dir aber sicher, dass nichts im Kelch war, als du den Wein hineingegossen hast?«

»Der Kelch war völlig rein«, sagte der Diakon mit fester Stimme.

»Da war nichts an den Wänden, auch keine klare Flüssigkeit am Boden, die du beim Eingießen möglicherweise übersehen hast?«

»Bestimmt nicht. Der Kelch war rein und trocken.«

»Wie kannst du dessen so sicher sein, wenn du zugibst, du bist verwirrt hinsichtlich anderer Dinge?«

»Jeder Diakon, der mit dem Amt betraut ist, befolgt ein bestimmtes Ritual. Er nimmt ein weißes Leinentuch und wischt damit das Innere des Kelchs gründlich aus. Dann erst wird der Wein eingegossen.«

Fidelma kam so nicht weiter. Man hatte den Wein vergiftet. Er war im Kelch vergiftet worden und nicht vorher. Nach Aussage des Diakons war der Kelch nur in dem Moment nicht in seinem Blickfeld, als Pater Cornelius die Sakristei betrat. Das wäre die einzige Gelegenheit gewesen, Gift in den Kelch zu tun. Doch der Diakon war sich nicht sicher, wann genau er den Wein eingegossen hatte, ob schon bevor der Priester in die Sakristei gekommen war oder erst, als er sie verlassen hatte.

»Was war deine nächste Aufgabe?«

»Die Messe sollte beginnen. Ich nahm die Schale mit dem Brot und trug sie zum Altar. Dann holte ich den Kelch …«

Fidelmas Augen funkelten erregt. »Der Kelch stand also noch hier, während du das Brot auf den Altartisch gestellt hast?«

Der Diakon winkte ab. »Das waren doch nur wenige Sekunden, und ich hatte die Tür zwischen Altar und Sakristei offen gelassen.«

»Dennoch, für kurze Zeit war das Gefäß unbeaufsichtigt. Während dessen hätte jemand durch die Außentür kommen, den Wein vergiften und wieder verschwinden können, ehe du zurück warst.«

»Möglich wäre das gewesen«, gab der Diakon zu. »Aber derjenige hätte verdammt schnell sein müssen.«

»Als Nächstes hast du den Wein zum Altar gebracht, nicht wahr?«

»Ja. Dann begann die Messe. Der Kelch stand während des ganzen Gottesdienstes für jeden sichtbar dort, bis Pater Cornelius ihn segnete und der gallische Mönch vortrat, um die Kommunion zu empfangen.«

»Gut, das genügt erst einmal.«

Fidelma ging voran in den Kirchenraum, wo die kleine Gemeinde sie schweigend erwartete. Sie spürte misstrauische und feindselige Blicke. Sie entließ den Diakon und winkte dem Priester, sich zu ihr zu setzen.

»Du bist Pater Cornelius, nehme ich an?«

»Der bin ich.« Der Priester sah angegriffen und sichtlich niedergeschlagen aus.

»Wie lange bist du hier schon der Gemeindepfarrer?«

»Seit drei Jahren.«

»Hast du eine Vorstellung, wie das Gift in den Wein für das Abendmahl geraten ist?«

»Nein, überhaupt nicht. Für meine Begriffe ist es völlig unmöglich.«

»Unmöglich?«

»Es ist völlig unmöglich, dass es jemand wagt, den Frevel zu begehen, die Eucharistie zu schänden.«

Fidelma atmete tief durch. »Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es geschehen ist. Wenn einer entschlossen ist, einen Mord zu begehen, dann ist eine kirchenschänderische Handlung eine Geringfügigkeit, verglichen mit dem Verstoß gegen ein von Gott erlassenes Gebot«, bemerkte sie trocken. »Als Tullius, der Diakon, den Wein aus der Sakristei brachte, hat er ihn auf den Altar gestellt?«

»Ja.«

»Er stand also vor aller Augen dort, und niemand näherte sich ihm, bis du den Kelch gesegnet und erhoben hast und dem ersten Kommunikanten das Sakrament ausgeteilt hast?«

»Niemand ist dem Kelch nahe gekommen«, bestätigte der Geistliche.

»Hast du gewusst, wer der erste Kommunikant sein würde?«

Pater Cornelius krauste die Stirn. »Ich bin kein Prophet. Die Gläubigen kommen, um das Sakrament zu empfangen, wie und wann sie wollen. In welcher Reihenfolge sie das tun, ist völlig zufällig.«

»Worin bestehen deine Meinungsverschiedenheiten mit Abt Miseno?«

Der Pater blinzelte verdutzt. »Was meinst du damit?«, fragte er mit einer Stimme, die Unbehagen verriet.

»Mein Latein ist doch wohl verständlich genug«, erwiderte Fidelma seelenruhig.

Pater Cornelius zögerte ein wenig und erklärte dann achselzuckend: »Abt Miseno möchte mein Amt jemand anderem übertragen.«

»Und warum?«

»Ich kann mich mit den Lehren des Augustinus von Hippo nicht einverstanden erklären, dass alles vorherbestimmt ist. Das ist jetzt eine Doktrin unserer Kirche geworden. Ich glaube, Männer und Frauen müssen die grundlegenden Schritte zu ihrem Seelenheil selbst tun, durch eigenes Bemühen. Wenn die Menschen nicht selbst verantwortlich sind für ihre guten oder bösen Taten, dann gibt es doch nichts, das sie daran hindert, sich zügellos der Sünde anheimzugeben. Wenn man so argumentiert, wie Augustinus es getan hat, dass es völlig gleichgültig ist, was wir im Leben tun, weil Gott alles vorherbestimmt hat und bereits entschieden ist, ob unser Lohn Himmel oder Hölle ist, dann gefährdet das doch unser gesamtes moralisches Gesetz. Wegen seiner Meinung nach ketzerischen Ansichten möchte mich der Abt von dieser Kirchenstelle entfernen.«

Es war ein mit Inbrunst vorgebrachtes Bekenntnis. »Würdest du dich als Anhänger des Pelagius bezeichnen?«, fragte Fidelma.«

Pater Cornelius blieb sich treu. »Pelagius hat einen moralischen Grundsatz verkündet. Männer und Frauen haben die Wahl, Gutes zu tun oder Böses. Nichts ist vorherbestimmt. Entscheidend ist, wie wir unser Leben gestalten, nur das entscheidet, ob unser Lohn Himmel oder Hölle ist.«

»Doch Papst Innocentius hat Pelagius zum Ketzer erklärt«, warf Fidelma ein.

»Und der nächste Papst Zosimus hat ihn in Schutz genommen.«

»Um später seine Entscheidung zu widerrufen«, meinte Fidelma milde lächelnd. »Doch mir ist das gleich. In den Lehren der Kirche meines Landes hat Pelagius seinen festen Platz, denn er war unseres Blutes und unseres Glaubens. Für uns ist jetzt von Belang, dass sich Abt Miseno auf die Lehren des Augustinus von Hippo beruft. Das hast du doch gesagt, nicht wahr?«

»Ja. Und er will mir diese Stelle hier entziehen, weil ich nicht so denke wie er.«

»Hat der Abt die Befugnis, als Pfarrer dieser Kirche einzusetzen, wen er für geeignet hält?«

»Ja, die hat er.«

»Vermutlich hat er auch die Befugnis, dich ohne Begründung zu entlassen?«

»Nicht ohne triftigen Grund. Er muss seine Entscheidung dem Bischof gegenüber rechtfertigen.«

»Ah ja, so ist das hier. In Rom stehen die Bischöfe über den Äbten. In Irland ist das anders. Ist das Bekenntnis zu Pelagius, der als Ketzer gilt – ob zu Recht oder nicht, sei dahingestellt –, Grund genug, dir die Gemeinde hier zu entziehen?«

»Ich predige weder die Lehren des Pelagius noch die des Augustinus. Beide beschäftigen lediglich mein Gewissen. Den Pflichten, die ich meiner Gemeinde gegenüber habe, bin ich stets nachgekommen, niemand hat meine seelsorgerischen Bemühungen beanstandet.«

»Du hast also dem Abt keinen Anlass geboten, dich zu entlassen?

»Nein, keinen.«

»Dennoch drängt Abt Miseno darauf, dass du dein Amt hier aufgibst?«

»Ja, so ist es.«

»Und du widersetzt dich dem?«

»Das tue ich, ja.«

»Hast du den Gallier gekannt, der gestorben ist?«

Wieder wunderte sich Cornelius über den raschen Wechsel ihrer Fragestellungen.

»Ich habe ihn hier mehrere Male gesehen.«

»Mehrere Male?«

»Ihn und seine Schwester. Ich nehme an, sie sind Pilger und haben Unterkunft in der xenodochia ganz in der Nähe gefunden. Sie haben hier jeden Tag die Messe besucht.«

»Und der andere Gallier, der sich so hingebungsvoll um das Mädchen bemüht?«

»Den habe ich gestern zum ersten Mal gesehen. Wahrscheinlich ist er eben erst in Rom eingetroffen.«

»Hm.«

»Schwester, ich stehe vor einem mir unbegreiflichen Rätsel. Warum sollte jemand den Wein vergiftet haben? Das hätte doch den Tod aller heute in der Kirche zum Abendmahl Versammelten nach sich ziehen können?«

Fidelma sah ihn nachdenklich an. »Glaubst du, es war beabsichtigt, dass alle, die am Abendmahl teilnahmen, von dem Wein tranken?«

»Was denn sonst? Es war damit zu rechnen, dass jeder Besucher der Messe herantreten und Brot und Wein empfangen würde, wie es der Brauch ist.«

»Aber dazu ist es nicht gekommen. Das Gift war derart beschaffen, dass mit Sicherheit nur der Erste, der davon trank, sterben würde, und sein Tod würde allen anderen eine Warnung sein, nicht davon zu trinken. Und genau das ist geschehen.«

»Wenn der Wein nur für den Gallier bestimmt war, wie konnte derjenige, der den Wein vergiftet hat, wissen, dass er als Erster vortreten und das Abendmahl empfangen würde?«

»Gut geschlussfolgert. Wenn der Gallier hier zum Gottesdienst kam, hat er da jedes Mal die Kommunion erhalten?«

»Ja.«

»Hat er immer am selben Fleck in der Kirche gestanden?«

»Ich glaube, ja, das war so.«

»Wann ist er jeweils vorgetreten, um Wein und Brot zu empfangen?«

Cornelius zog die Augenbrauen hoch und überlegte. »Er war stets der Erste. Nach ihm kam seine Schwester. Sie standen immer an derselben Stelle vor dem Altar.«

»Hmhm. Eins noch, bist du durch die Sakristei in die Kirche gegangen?«

»Ja.«

»War Diakon Tullius schon vor dir da?«

»Ja. Er stand an der Tür und verschaffte sich den Überblick, wie viele Gläubige kamen.«

»Hatte er den Wein bereits in den Kelch gegossen?«

»Das weiß ich nicht«, gestand Pater Cornelius. »Tullius machte mich darauf aufmerksam, dass Miseno in der Kirche geblieben war, und ich bin sofort auf ihn zugegangen. Ich glaube, als ich die Sakristei verließ, hatte Tullius den Krug in der Hand.«

Nachdenklich rieb sich Fidelma das Kinn. »Das wäre erst einmal alles, Pater. Sag bitte Abt Miseno, er möchte zu mir kommen.«

Der Abt kam, lächelte und setzte sich. »Nun, wie steht es? Bist du schon einen Schritt weiter?«

Fidelma überging sein Lächeln und fragte unvermittelt: »Wie ich höre, möchtest du Pater Cornelius aus seinem Amt entfernen?«

Abt Miseno verzog das Gesicht und musste erst mit sich selbst zu Rate gehen. »Ich hätte die Befugnis dazu. Doch was hat das mit dem vorliegenden Fall zu tun?«

Anstatt ihm zu antworten, erkundigte sich Fidelma: »Hat Pater Cornelius bei der Erfüllung seiner Pflichten versagt?«

»Ich bin nicht zufrieden mit ihm.«

»Ah so. Die Gründe, weswegen du ihn seines Amtes entheben willst, haben also nichts mit seinen theologischen Ansichten zu tun?«

Der Abt kniff die Augen zusammen. »Du bist eine geschickt vorgehende Ermittlerin, Fidelma von Kildare.«

»Du hast selbst gesagt, du hättest gelernt, wie eine dálaigh, eine Anwältin bei den Gerichten meines Landes, vorgeht. Es ist meine Aufgabe, Fragen zu stellen und aus den Antworten Schlüsse zu ziehen. Deshalb frage ich noch einmal, hat eine mögliche Amtsenthebung von Cornelius etwas mit seinen religiösen Auffassungen zu tun?«

»Ich verhalte mich in solchen Dingen wahrhaftig unvoreingenommen«, erwiderte der Abt. »Cornelius wird dir das natürlich anders darstellen.«

»Welchen Grund hast du also, ihn zu entlassen?«

»Cornelius ist seit drei Jahren hier. Ich glaube nicht, dass er seine kirchlichen Aufgaben mit gebührendem Eifer erfüllt. Es gibt Gerüchte, dass er eine Geliebte hat und dass er sich über mehr als eine Doktrin der Kirche hinwegsetzt. Sein Diakon, eine treue, zuverlässige Seele, hält die Gemeinde trotz des Verhaltens von Pater Cornelius beisammen. Und nun hat Christus Höchstselbst dargetan, dass Cornelius der Priesterschaft unwürdig ist.«

»Wie denn das?«, entfuhr es Fidelma, die Abt Misenos Logik nicht folgen konnte.

»Das Gift im Abendmahlswein bezeugt es.«

»Beschuldigst du Pater Cornelius, der Giftmischer zu sein?« Sie war erstaunt über eine derart unverhohlene Anschuldigung.

»Nein, das nicht. Aber wenn er ein dem Glauben treu ergebener Priester wäre, dann hätte die Transsubstantiation stattgefunden und der Wein wäre nicht länger vergiftet gewesen. Obwohl er Gift enthielt, hätte er sich in Christi Blut verwandelt, denn die Konsekration hätte ihn gereinigt.«

Dieser Gedankengang verwirrte Fidelma vollends. »Dann hätte sich ja tatsächlich ein Wunder ereignet.«

Abt Miseno war verstimmt. »Ist nicht die Transsubstantiation ein Wunder, das sich Tag für Tag in allen Kirchen der Christenheit vollzieht?«

»Ich bin kein Theologe. Mich hat man gelehrt, diese Wandlung sei ein symbolischer Vorgang, kein realer.«

»Dann bist du schlecht unterrichtet worden. Brot und Wein wandeln sich wahrhaftig in Blut und Leib Unseres Heilands, wenn sie von einem treu ergebenen Priester reinen Herzens gesegnet werden.«

»Fürwahr, das ist Glaubenssache«, bemerkte Fidelma zurückhaltend. Sie wies auf den fülligen, prächtig gekleideten Mann, der sich abseits hielt. »Sag bitte dem Kirchenbesucher dort, er möchte zu mir kommen.«

Der Abt zögerte. »Weitere Fragen hast du nicht?«

»Im Augenblick nicht.«

Der Abt erhob sich und brummelte ungehalten, weil man ihn so sang- und klanglos verabschiedete. Doch ging er zu dem stattlichen Herrn und wechselte ein paar Worte mit ihm. Der stand auf und begab sich ohne jede Eile zu ihr.

»Ich habe mit dem Vorfall überhaupt nichts zu tun«, tat er ungefragt kund.

»Wirklich nicht?« Fidelma schaute dem Mann ins runde Gesicht. »Dein Name ist …?«

»Talos. Ich bin Kaufmann und seit vielen Jahren Mitglied dieser Gemeinde.«

»Dann bist du genau der Richtige, um meine Fragen zu beantworten«, versicherte ihm Fidelma.

»Wie kommst du darauf?«

»Kennst du Pater Cornelius?«

»Ja. Ich habe den Gottesdienst stets hier besucht, schon lange, bevor er Pfarrer der Gemeinde wurde.«

»Ist er ein guter Priester?«

Der griechische Handelsherr stutzte. »Ich denke, du befragst uns wegen des Gifts im Wein.«

Fidelma lächelte ihn gewinnend an. »Dennoch, tu mir den Gefallen und sag, ist er ein guter Priester?«

»Ja.«

»Weißt du, ob Beschwerden gegen ihn vorliegen? Ob er sich in irgendeiner Weise verhält, wie es sich für sein Amt nicht geziemt?«

Unangenehm berührt schaute Talos auf seine Fußspitzen. Fidelmas Augen blitzten wachsam.

»Mir persönlich ist dergleichen nie aufgefallen.«

»Aber vielleicht sind Gerüchte im Umlauf?«

»Tullius hat mir erzählt, es gäbe Beanstandungen. Von meiner Seite jedenfalls nicht, ich bin der Ansicht, Pater Cornelius ist ein gewissenhafter Priester.«

»Tullius meint, Leute beschweren sich? Hat er auch selbst etwas an Cornelius auszusetzen?«

»Nein, Derartiges habe ich nicht bemerkt. Aber ich denke mal, es ist seine Aufgabe, dem Abt Beschwerden zu hinterbringen, sowie ihm welche zu Ohren kommen. Auch er muss sein Amt gewissenhaft versehen. Er hat schließlich allen Grund dazu.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Tullius ist zum Priester ausgebildet worden, übermorgen soll seine Ordination stattfinden«, erklärte Talos unumwunden. »Er ist hier aufgewachsen und stammt aus kleinen Verhältnissen. Doch er hat es geschafft, sich hochzuarbeiten. Leider haben ihm die Götter der Liebe einen üblen Streich gespielt.«

»Was willst du damit sagen?«

Talos schaute sie belustigt an und lächelte selbstgefällig. »Man kennt sich doch aus im Leben.«

»Du meinst, er zieht den Umgang mit seinem eigenen Geschlecht vor?«

»Genauso ist es.« Voller Missbehagen streifte sein Blick den jungen custos am anderen Ende des Kirchenraums.

Sie ging mit einem Achselzucken darüber hinweg. Im Rechtsverständnis der Brehons gab es keine Gesetze gegen Homosexualität.

»Wird ihm eine eigene Gemeinde zugesprochen, wenn er ordiniert ist?«, fragte sie weiter.

»In solchen Dingen kenne ich mich nicht aus. Ich vermute es aber. Nur kann diese Kirche keine zwei Pfarrer unterhalten. Du siehst selbst, wie klein sie ist, und die Gemeindemitglieder kennen sich fast alle.«

»Vergiss nicht die Gallier, die sind Fremde.«

»Stimmt. Der tote Mönch und seine Schwester wohnten in einer Herberge schräg gegenüber, sie haben die ganze Woche über den Gottesdienst regelmäßig besucht. Der andere Gallier war bisher nur einmal hier. Die einzig völlig Fremde bei der Messe heute warst du.«

»Das Gespräch mit dir war sehr aufschlussreich, Talos. Würdest du Enodoc, den Gallier, zu mir bitten?«

Talos stand rasch auf und entledigte sich seiner Aufgabe im Vorübergehen.

Der Gallier war um das Mädchen bemüht. Er hatte sich zu ihr gebeugt und streichelte der im Kummer Versunkenen den Arm. Sie schluchzte nicht mehr und hatte den Kopf erschöpft auf die Brust sinken lassen.

»Über die Stellung der Anwälte nach den Gesetzen der Brehons weiß ich Bescheid«, erklärte der junge Mann als Erstes offenherzig und setzte sich. »Wir in Gallien und ihr in Irland blicken auf gemeinsame Vorfahren zurück und haben eine ähnliche Rechtsauffassung.«

Fidelma ging auf seinen lockeren Ton nicht ein. »Ich möchte etwas über dich erfahren«, forderte sie ihn kühl auf.

»Ich heiße …«

»Wie du heißt, weiß ich. Auch, woher du kommst. Erzähl mir lieber, was dich nach Rom geführt hat.«

Der junge Mann lächelte weiterhin fröhlich und freundlich.

»Ich bin Kapitän eines Handelsschiffs. Wir sind aus dem Hafen der Veneter in Armorica hierhergesegelt. Ich halte mich als Handelsmann in Rom auf.«

»Und Docco, den Mönch, hast du gekannt?«

»Wir stammen aus demselben Dorf.«

»Und mit dem Mädchen Egeria bist du verlobt?«

Enodoc zuckte leicht und runzelte die Stirn. »Was bringt dich dazu, diese Frage zu stellen?«

»So, wie du dich um sie bemühst, benimmt sich nur ein besorgter Liebhaber, kein Fremder und auch nicht ein bloßer Freund.«

»Du bist eine aufmerksame Beobachterin, Schwester.«

»Stimmt es, oder stimmt es nicht?«

»Ich möchte sie heiraten.«

»Und wer hindert dich daran?«

Wieder zog er die Brauen zusammen. »Woraus schließt du, dass mich jemand daran hindert?«

»Aus der Art, wie zurückhaltend du deine Sätze formulierst.«

»Also gut. Es stimmt, ich habe Egeria heiraten wollen. Es stimmt auch, dass Docco, der das Familienoberhaupt ist, nicht wollte, dass sie mich heiratet. Wir sind im selben Dorf aufgewachsen, doch wir sind uns nicht länger freundlich gesinnt.«

»Dennoch bist du hier in Rom und stehst mit Docco und Egeria vor ein und demselben Altar«, merkte Fidelma an.

»Ich habe nicht gewusst, dass die beiden in Rom sind. Zufällig habe ich sie vor ein paar Tagen getroffen, und da habe ich gedacht, bevor ich mein Schiff besteige und nach Gallien zurücksegele, sollte ich das Gespräch mit Docco suchen, vielleicht komme ich diesmal meinem Ziel etwas näher.«

»Und vor allem deshalb bist du hier in der Kirche?«

Enodoc hob die Schultern. »Eigentlich schon. Ich liege ja in der Nähe vor Anker.«

»Entschuldige bitte, aber Ostia, Roms nächstgelegener Hafen, ist ein ziemliches Stück von hier entfernt. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du als Kapitän deines Schiffs nach Ostia gekommen bist, dort zufällig gehört hast, Docco und Egeria seien in Rom, und dass du dich daraufhin auf den langen Weg gemacht hast, um sie hier zu treffen?«

»Nein, ganz so war es nicht. Ich hatte in Rom Geschäfte abzuwickeln und ließ mein Schiff in Ostia. Ich musste mit einem Kaufherrn über eine Ladung verhandeln, die ich mitnehmen sollte. Dass ich auf Egeria und Docco durch Zufall gestoßen bin, ist die reine Wahrheit.«

»Ich habe gehört, du bist heute nicht zum ersten Mal in dieser ecclesia

»Das ist richtig, ich war auch schon gestern hier. Ich hatte gänzlich unerwartet Egeria und Docco gesehen und bin ihnen hierher gefolgt.«

»Ein merkwürdiger Zufall.«

»Zufälle ereignen sich häufiger, als wir es wahrhaben wollen. Wir haben gestern gemeinsam am Gottesdienst teilgenommen.«

»Hattest du Erfolg mit deinem Anliegen?«

Enodoc zögerte. »Nein, Docco war gegen meine Heirat mit Egeria wie eh und je.«

»Und doch hattest du es darauf angelegt, den beiden heute wieder zu begegnen.«

»Ich muss heute zurück nach Ostia, da wollte ich noch einmal versuchen, Docco umzustimmen. Ich liebe Egeria.«

»Und liebt sie dich?«

»Das wirst du sie selber fragen müssen.«

»Das habe ich auch vor. Wo hast du sie heute früh getroffen? Bist du mit ihnen zusammen zur Kirche gegangen, oder seid ihr getrennt gekommen?«

»Zuerst hatte ich mit meinem Geschäftspartner zu tun, dann habe ich sie in ihrer Herberge gesucht. Sie waren schon unterwegs zur Kirche, und da bin ich ihnen nachgegangen.«

»Wann bist du hier angekommen?«

»Kurz bevor der Gottesdienst begann.«

»Und du bist geradenwegs hereingekommen und hast dich zu ihnen gesetzt?«

»Ja.«

»Na schön. Bitte Egeria, zu mir zu kommen.«

Recht niedergeschlagen stand Enodoc auf und ging hinüber zu dem Mädchen. Er sprach mit ihr, erhielt aber keine Antwort. Sachte schob er eine Hand unter ihren Arm, zog sie langsam hoch und geleitete sie zu Fidelma. Sie wehrte sich nicht, war aber deutlich benommen.

»Danke«, sagte Fidelma und reichte dem Mädchen die Hand. »Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist; du hast einen schmerzlichen Verlust erlitten. Und doch muss ich dir ein paar Fragen stellen. Bitte, setz dich.« Sie schaute zu Enodoc hoch. »Du kannst uns jetzt allein lassen.«

Nur ungern kehrte der gallische Seemann in das Kirchenschiff zurück.

Das Mädchen hockte sich auf den Schemel und hielt den Kopf gesenkt.

»Du heißt Egeria, nicht wahr?«

Das Mädchen nickte.

»Ich heiße Fidelma und muss dir ein paar Fragen stellen«, wiederholte sie. »Wir müssen herausbekommen, wer die schreckliche Tat begangen hat.«

Mit tränenverschleierten Augen blickte das Mädchen zu Fidelma auf.

»Docco wird mir dadurch nicht wiedergegeben. Aber ich will dir antworten, so gut ich kann.«

»Du hast deinen Bruder sehr gern gehabt, nehme ich an?«

»Er war mein Ein und Alles. Wir beide waren Waisenkinder.«

»Und er hat dich immer beschützt?«

»Ich bin … war jünger als er, und er hat mich aufgezogen. Unsere Eltern wurden bei einem Raubzug der Franken getötet, und seitdem war er das Oberhaupt der Familie.«

»Weshalb seid ihr nach Rom gereist?«

»Es war eine Pilgerfahrt, die wir uns schon lange vorgenommen hatten.«

»Hast du erwartet, Enodoc hier zu begegnen?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Liebst du Enodoc?«

Egeria schaute sie an, schwieg einige Augenblicke und schüttelte erneut langsam den Kopf.

»Enodoc ist aus unserem Dorf. Als Kinder waren wir gute Freunde. Als Freund gefiel er mir, aber mehr war da nicht. Dann ist er zur See gefahren, wurde Kapitän eines Handelsschiffs. Ich sehe ihn nur sehr selten. Doch wenn, dann meint er jedes Mal, ich gehöre zu ihm.«

»Er beteuert, dich zu lieben.«

»Ich weiß. Er hat es mir des Öftern gesagt.«

»Aber du liebst ihn nicht?«

»Nein.«

»Hast du ihm das auseinandergesetzt? Ihn deutlich darauf hingewiesen?«

»Mehrfach schon. Aber er ist ein sturer Kopf und redet sich ein, nur Docco sei gegen ihn. Docco sei derjenige, der meine Entschlüsse für mich fasst.«

»Du meinst also, er bildet sich ein, Docco sei das Hindernis, das eurer Heirat entgegensteht?«

Das Mädchen nickte, und dabei wurden ihre Augen größer. »Du denkst doch nicht etwa …?«

»Ich stelle nur Fragen, Egeria. Wann bist du Enodoc heute begegnet?«

»Als er zum Gottesdienst kam.«

»Da warst du und dein Bruder bereits in der Kirche, vermute ich?«

Sie bestätigte es nickend.

»Und ihr hattet wie immer in der ersten Reihe Platz genommen?«

»Ja.«

»Hat sich dein Bruder stets ganz vorn hingesetzt?«

Egeria schluchzte und wischte sich eine Träne ab. »Er wollte immer als Erster das Abendmahl empfangen und hat sich daher immer in die Nähe des Priesters gesetzt. Das hatte er sich zur Gewohnheit gemacht, auch zu Hause schon.«

»An welcher Stelle in der Messe hat sich Enodoc zu euch gesellt?«

»Wenige Augenblicke nach Beginn der Andacht. Ich hatte schon gehofft, er hätte sich mit der Situation abgefunden, aber dann kam er doch, atemlos und erregt, als wäre er in großer Eile. Fast glaubte ich, der Priester, Pater Cornelius, würde ihn rügen, denn er hielt im Staffelgebet inne, als sich Enodoc setzte.«

»Warum sollte er ihn rügen? Ich bin selber zu spät gekommen, und Pater Cornelius hat deshalb nicht die Messfeier unterbrochen.«

»Weil Enodoc von hinter dem Altar hereinkam, den Raum vor dem Priester überquerte und sich zu uns begab.«

Das verschlug Fidelma geradezu die Sprache. »Meinst du im Ernst, Enodoc hat die Kirche durch die Sakristei betreten?«

Egeria zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, woher. Jedenfalls ist er durch die Tür da gekommen.« Sie wandte sich um und zeigte auf die Tür zur Sakristei.

Fidelma schwieg eine Weile. »Du kannst auf deinen Platz zurückgehen, Egeria. Bitte schick Enodoc zu mir her. Es wird nicht lange dauern.«

Enodoc gab sich aufgeräumt wie zuvor.

»Mit deinen Auskünften bist du sehr sparsam gewesen«, begann Fidelma das Gespräch.

Der junge Mann runzelte die Stirn. »In welcher Hinsicht?«

»Docco war nicht der Einzige, der deiner Heirat mit Egeria im Wege stand.«

»Wer denn sonst noch?«

»Egeria selbst.«

»Das hat sie dir erzählt?« Er wurde rot.

»Ja.«

»Das meint sie nicht im Ernst. Sie sagt das zwar, aber sie ist nur das Sprachrohr von Docco. Das wird sich jetzt ändern.«

»Glaubst du das wirklich?«

»Sie ist völlig durcheinander. Wenn sie zur Ruhe kommt, wird sie sich auf ihre wahren Gefühle besinnen.« Seine Stimme klang selbstsicher.

»Na, vielleicht. Du hast nicht erwähnt, dass du die ecclesia durch die Sakristei betreten hast.«

»Du hast mich nicht danach gefragt. Ist das so wichtig?«

»Weshalb hast du diesen ungewöhnlichen Weg gewählt?«

»Da steckt nichts Geheimnisvolles dahinter. Ich habe dir gesagt, dass ich morgens einen Kaufherrn aufgesucht hatte. Nachdem ich alles mit ihm besprochen hatte, bin ich in die Kirche geeilt. Ich war noch auf der anderen Seite des Bauwerks, da hörte ich schon die Glocke, die den Beginn der Messe einläutet. Um das ganze Gebäude herumzugehen hätte ziemlich lange gedauert, denn eine Mauer versperrt die Straße und zwingt zu einem gehörigen Umweg. Ich habe den Eingang zur Sakristei gesehen und bin da hinein.«

»Du bist zuvor nur ein einziges Mal in dieser Kirche gewesen. Du musst dich genau umgeschaut und ein gutes Gedächtnis haben.«

»Ein besonders gutes Gedächtnis braucht man eigentlich nicht, wenn man sich an etwas erinnert, was nur einen Tag zurückliegt.«

»Wer war in der Sakristei, als du hineinkamst?«

»Niemand.«

»Und was hast du dort gemacht?«

»Nichts weiter. Ich bin einfach durchgegangen, wollte ja nur in die Kirche.«

»Ist dir in der Sakristei der Kelch aufgefallen?«

Enodoc schüttelte den Kopf, riss aber die Augen auf, als er begriff, worauf die Frage abzielte. Er presste die Lippen zusammen, schwieg einen Moment, und Zornesröte stieg ihm ins gebräunte Gesicht, doch er beherrschte sich.

»Ich bin sicher, dass der Kelch bereits auf dem Altar stand, denn als ich hereinkam, sprach der Priester schon die ersten Gebete.«

Fidelma betrachtete ihn nachdenklich. »Du kannst auf deinen Platz gehen.«

Sie überlegte kurz, was sie bislang erfahren hatte, stand auf und ging hinüber zum Portal, an dem der junge custos Wache hielt. Der empfing sie mit argwöhnischem Blick.

»Wie heißt du?«, lautete ihre erste Frage.

»Terentius.«

»Besuchst du oft die Messe in dieser Kirche?«

»Ich wohne nicht weit von hier, und als Angehöriger der custodes ist es meine Aufgabe, in dieser Gegend darauf zu achten, dass die öffentliche Ordnung nicht gestört wird.«

»Wie lange schon versiehst du diesen Dienst?«

»Zwei Jahre sind das jetzt.«

»Du kennst also Pater Cornelius, seit du hier bist?«

»Ja, natürlich.«

»Was hältst du von ihm?«

Der Stadtwächter gab sich gelassen. »Als Priester hat er seine Fehler. Warum fragst du danach?«

»Und wie steht es mit Tullius? Du kennst ihn doch, nicht wahr?«

Der junge Mann wurde rot. »Tullius ist in dieser Gegend aufgewachsen. Ich kenne ihn ziemlich gut. Er ist sehr gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten und wird bald zum Priester geweiht.« Der custos sagte es mit einem gewissen Stolz.

»Wie ich gehört habe, stammt Tullius aus ärmlichen Verhältnissen. Man hat mir auch zu verstehen gegeben, seine Leute ständen nicht im besten Ruf und sie seien der Stadtwache ein Ärgernis.«

»Tullius hat seit langem ein kühles Verhältnis zu seiner Sippe. Abt Miseno ist das wohlbekannt.«

»War die Messe schon im Gange, als du ankamst?«

»Sie hatte gerade begonnen. Ich war der Letzte, der die Kirche betrat … Abgesehen von dir natürlich.«

»Der Seemann aus Gallien … war der auch schon in der Kirche?«

Der Wächter überlegte. »Nein. Er ist gleich nach mir gekommen, aber durch die Sakristei.«

»Du hast das Hauptportal benutzt?«

»Selbstverständlich.«

»Kannst du zeitlich einordnen, wie viel später du nach allen anderen die Kirche betreten hast?«

»Wenige Minuten danach. Als ich die Straße herunterkam, sah ich Abt Miseno draußen. Er war in einem Wortwechsel mit Pater Cornelius. Beide standen vor der Tür zur Sakristei. Der Abt ging als Erster hinein und nach kurzem Verweilen auch Pater Cornelius.«

»Weißt du, worüber sie sich stritten?«

Der junge Soldat schüttelte den Kopf.

»Gut, du bist also in die Kirche hinein. Wie genau war das mit dem Gallier?«

»Der kam nur wenige Augenblicke später. Pater Cornelius hatte gerade mit der Andacht begonnen. Du selbst bist als Letzte hineingehuscht, da war die Messe schon halb vorbei.«

»Danke, das wär’s erst mal.«

Fidelma dachte scharf nach. Langsam schritt sie auf Abt Miseno zu, der sie schon ungeduldig erwartete.

»Wir können uns nicht länger mit der Sache aufhalten, Schwester Fidelma. Ich dachte immer, ihr Anwälte bei den Gerichten der Brehons seid dafür berühmt, den Dingen rasch auf den Grund zu gehen. Wenn du nicht bald beweisen kannst, wer den fremdländischen Mönch getötet hat, ist der gute Ruf zunichte.«

Mit dem Anflug eines Lächelns entgegnete Fidelma: »Hast du mich so rasch mit der Ermittlung beauftragt, weil du den guten Ruf der Brehons auf die Probe stellen wolltest?«

Abt Miseno war nicht zum Spaßen aufgelegt. »Willst du mir etwa unterschieben …?«

Doch Fidelma wehrte mit der Hand ab. »Vertun wir nicht die Zeit mit Spiegelfechtereien. Worüber hast du draußen vor der Sakristei mit Pater Cornelius gestritten?«

Miseno biss fast hörbar die Zähne zusammen. »Ich habe von ihm verlangt, dass er seinen Rücktritt einreicht.«

»Und er hat sich geweigert, stimmt’s?«

»Jawohl.«

»Du bist durch die Sakristei in die Kirche gegangen? Ist Pater Cornelius dir gefolgt?«

»Ja. Er legte seine Messgewänder an und ist aus der Sakristei geradewegs auf mich zugeeilt und wollte unsere Auseinandersetzung fortführen. Ich hatte ihm draußen eröffnet, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, ihn seines Amtes zu entheben. Glücklicherweise läutete da Tullius zum Beginn des Gottesdienstes.«

»Alles in deiner Macht Stehende?«

Miseno kniff die Augen zusammen. »Was soll die Frage?«

»Wie weit wolltest du gehen, um ihn zum Aufgeben zu zwingen?«

»Darauf zu antworten ist unter meiner Würde.«

»Schweigen ist auch eine Antwort. Woran liegt es, dass du gegen Pater Cornelius derart eingenommen bist?«

»Ein Priester, der gegen die Grundlehren der …«

»Cornelius meint, du tadelst ihn, weil dir missfällt, dass er den Lehren des Pelagius zugetan ist. Das sind übrigens viele von uns. Du jedoch behauptest, es seien rein persönliche Dinge, deretwegen er nicht würdig ist, hier als Pfarrer zu wirken.«

»Wieso richtest du dein Augenmerk auf Pater Cornelius?«, wollte Miseno wissen. »Deine Aufgabe ist, herauszufinden, wer den Mönch aus Gallien vergiftet hat. Du solltest nach den Motiven für diesen Mord forschen.«

»Beantworte meine Frage, Abt Miseno. Vor ein paar Jahren hast du Cornelius in dem Amt als Gemeindepfarrer hier bestätigt.«

Miseno zuckte die Achseln. »Vor drei Jahren hielt ich ihn für einen gewissenhaften Priester und für die Aufgabe geeignet. Das will ich durchaus zugeben. Während der letzten Monate sind mir Berichte zugetragen worden, die mich beunruhigen.«

»Woher kommen diese Berichte?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Es wäre ein Vertrauensbruch«, erwiderte er ungehalten.

»Stammen diese Berichte alle aus einer einzigen Quelle?«

Der Gesichtsausdruck des Abts genügte, um den Gedanken zu bestätigen.

Fidelma zog die Mundwinkel hoch. »Ich fürchte, du hast sie alle von Tullius, dem Diakon.«

Miseno trat von einem Fuß auf den anderen, sagte aber nichts.

»Auch gut. Da du meine Vermutung nicht zurückweist, fasse ich das als Bejahung auf.«

»Also, meinetwegen. Ich weiß es von Tullius. Als Diakon hat er ohnehin die Pflicht, mir zu melden, wenn etwas nicht in Ordnung war.«

»Und deine Pflicht ist, dich zu vergewissern, ob Mitteilungen, die dir von Tullius zugehen, begründet sind oder nicht«, bemerkte Fidelma. »Hast du das getan?«

Abt Miseno zog eine Braue hoch. »Mich vergewissern?«

»Ich darf doch wohl annehmen, du hast Tullius nicht einfach aufs Wort geglaubt.«

»Warum hätte ich ihm nicht glauben sollen? Tullius wird in Kürze die Priesterweihe empfangen, und das unter meiner Obhut. Er genießt mein volles Vertrauen.«

»Du vertraust blindlings jemandem, der die Ordination anstrebt? Ein Anwärter auf das Priesteramt würde nicht lügen, meinst du?«

»So ist es. Nie und nimmer würde er lügen.«

»Aber ein Priester, der bereits geweiht ist, würde lügen? Deshalb konntest du Cornelius keinen Glauben schenken? Steckt in dieser Betrachtungsweise nicht ein Widerspruch?«

»So habe ich das nicht gemeint«, verteidigte sich Miseno heftig.

»Aber genau so stellt es sich mir dar. Du hältst Tullius für glaubwürdig, Cornelius hingegen nicht.«

»Cornelius befleckt die Würde der Priesterschaft, weil er sich eine Geliebte hält.«

»Talos hat eine Andeutung gemacht, dass Tullius zu männlichen Liebhabern neigt. Du hast durchblicken lassen, dir sei das bekannt. Daraus ergibt sich, dass du nicht nur dem Wort eines Diakons mehr Glauben schenkst als dem Wort eines Priesters, sondern auch, dass du einen Mann verdammst, weil er sich eine Geliebte oder Mätresse hält, während du einen jungen Mann unter deine Fittiche nimmst, von dem es heißt, er habe einen männlichen Liebhaber. Wieso ist der eine in deinen Augen verdammenswert, der andere aber lobenswert?«

Abt Miseno knirschte mit den Zähnen. »Ich bin nicht der Liebhaber von Tullius, falls du mir das unterstellst. Tullius ist mein Schutzbefohlener. Er ist mein Protegé.«

»Ziehst du deine Aussage zurück, dass Tullius einen Liebhaber seines Geschlechts hat?«

»Du hast mit dem jungen custos gesprochen.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Gibst du zu, dass du in deinen Entscheidungen nicht vorurteilsfrei bist?«

»Willst du damit sagen, Tullius hat mich belogen? Welche Beweise hast du dafür?«

»Genauso viele wie du dafür hast, dass er die Wahrheit sagt.«

»Warum sollte er mich belügen?«

»Du wirst ihm die Priesterweihen erteilen. Wahrscheinlich schwebt dir vor, dass er Cornelius auf dieser Pfarrstelle ersetzt?«

Die Miene des Abts verriet, dass sie mit ihrer Vermutung recht hatte. »Was hat das mit dem Tod des Galliers zu tun?«

»Alles hat damit zu tun«, versicherte ihm Fidelma.

Sie wandte sich um und forderte die kleine Gemeinde auf, sich vor dem Altar zu versammeln.

»Ich bin nun in der Lage, euch zu erklären, warum Docco, ein Besucher dieses Landes und dieser Stadt, starb«, verkündete sie kühl und sachlich.

Mit erwartungsvollen Gesichtern kamen sie heran und drängten sich um sie.

»Schwester Fidelma!«, rief Egeria. »Wir wissen doch, dass nur einer unter uns meinen Bruder lieber tot als lebendig sehen wollte. Für alle anderen war er ein Fremder.«

Enodoc wurde kreidebleich. »Das ist nicht wahr. Niemals würde ich jemandem etwas zuleide tun …«

»Das glaube ich dir nicht!«, schrie Egeria. »Du allein hattest Grund, ihn zu töten, wer denn sonst!«

»Wie aber, wenn Docco einfach nur deshalb gestorben ist, weil er der Erste war, der das Abendmahl empfangen wollte?«, unterbrach sie Fidelma.

Gespannte Stille griff um sich. »Fahre fort«, drängte sie der Abt in eisigem Tonfall.

»Docco war nicht als Opfer ausgewählt. Jeder von uns hätte das Opfer sein können. Hinter dem Verbrechen stand die Absicht, Pater Cornelius in Verruf zu bringen.«

Abt Misenos Augen funkelten Fidelma böse an. »Diese Anschuldigung musst du uns begründen …«

»Dazu bin ich bereit. Eine Bemerkung, die der Abt machte, brachte mich auf das wirkliche Motiv für diese schreckliche Tat. Er sagte, wäre Pater Cornelius ein der Kirche treu ergebener Priester gewesen, dann hätte das Gift unwirksam werden müssen, weil sich bei der Segnung der Wein in das Blut Christi verwandele. Das Tatmotiv bestand also darin, vorzuführen, dass Pater Cornelius unwürdig sei, das Priesteramt auszuüben.«

Pater Cornelius schaute sie überwältigt an.

Fidelma fuhr fort: »Seit einiger Zeit trug Diakon Tullius dem Abt Geschichten über das Fehlverhalten von Cornelius zu, die dieser mit aller Entschiedenheit zurückweist. Doch Abt Miseno glaubte sie vorbehaltlos. Tullius ist sein Schützling und kann in seinen Augen nichts Unrechtes tun. Außerdem beabsichtigte Miseno, den Diakon zu ordinieren, und als Priester würde er eine eigene ecclesia benötigen. Was bot sich da besser an als diese Kirche … Vorausgesetzt, man hatte Cornelius seines Amts enthoben. Doch Cornelius wehrte sich. Eine Anschuldigung wegen würdelosen Betragens und Fehltritts hätte vor dem zuständigen Bischof begründet werden müssen.«

»Wen klagst du nun an?«, rief Cornelius dazwischen. »Miseno oder Tullius?«

»Keinen von beiden.«

Ihre Erwiderung traf auf verständnislose Blicke.

»Wen dann?«

»Terentius, den Stadtwächter!«

Der junge Bursche trat einen Schritt zurück und zog sein kurzes Amtsschwert. »Das geht nun wirklich zu weit, du Barbarin!«, schrie er wütend. »Ich bin ein Römer. Dir wird hier niemand glauben.«

Tullius’ verzweifelter Ausbruch kam unerwartet. »Was hast du getan, Terentius?«, rief er mit sich überschlagender Fistelstimme. »Ich habe dich mehr geliebt als mein Leben, und du hast alles zunichte gemacht.«

Er rannte auf ihn zu, als wollte er ihn umarmen, verharrte aber plötzlich regungslos. Unversehens war er in das Schwert gelaufen, das der custos abwehrend vor sich hielt. Ein gurgelnder Schrei entrang sich seiner Brust, Blut spritzte aus seinem Mund, und er fiel nach vorn. Enodoc griff zu und entriss dem Wächter das Schwert. Der wehrte sich nicht, stand steif da und starrte auf den Leichnam seines Freundes.

»Nur für dich, Tullius, habe ich das getan!«, jammerte er, sank auf die Knie und griff nach der Hand des Toten. »Für dich, nur für dich!«

Kurze Zeit später saßen Fidelma, Pater Cornelius und Abt Miseno beisammen.

»Ich war mir nicht sicher, ob Tullius und Terentius das gemeinsam geplant hatten oder ob sogar du, Abt Miseno, in den Plan mit einbezogen warst«, sagte sie.

Miseno schaute gequält drein. »Ich mag ja ein Narr sein, Schwester, und falsche Entscheidungen treffen, aber ein Mörder bin ich nicht.«

»Wie bist du dahintergekommen, dass Terentius der Mörder war?«, fragte Pater Cornelius. »Das begreife ich nicht.«

»Da war zunächst das Motiv. Die Vermutung, Docco sei mit Vorbedacht umgebracht worden, ließ sich schnell widerlegen. Dafür gab es zu viele Unwägbarkeiten: Man war von zu vielen Zufällen abhängig und konnte nicht sicher sein, dass der Gallier das erste und beabsichtigte Opfer wurde. Ich musste also nach einem anderen Motiv suchen, und so verborgen war das gar nicht. Ich habe ja erläutert, dass die Auslegung, die Abt Miseno dem Mysterium der Transsubstantiation gab, mir ein Fingerzeig war. Das Motiv bestand darin, dich, Pater Cornelius, in Verruf zu bringen. Wem hätte das genutzt? Offenbar Tullius, dem Diakon.«

»Und dennoch hast du Tullius für unschuldig gehalten.«

»Wäre er daran beteiligt gewesen, hätte er sich ein besseres Alibi zurechtgelegt, denn anfänglich schien es ja, dass nur er die Gelegenheit gehabt hätte, den Wein zu vergiften. Dann erfuhr ich, dass Tullius einen Liebhaber hatte. Da wurde mir klar, das Terentius, der custos, der Täter sein musste.«

»Was hat dich so sicher gemacht?«

»Terentius war der Einzige, der die Gelegenheit hatte, das Gift in den Kelch zu tun. Er sagte mir, er hätte die Kirche durchs Hauptportal betreten, kurz bevor der Seemann aus Gallien durch die Sakristei in die Kirche kam. Zum anderen erzählte er jedoch, er wäre die Straße entlanggekommen und hätte gesehen, wie ihr beide euch draußen auf dem Pfad vor der Sakristei gestritten habt.«

»Stimmt, wir haben uns wirklich gestritten«, bestätigte Miseno.

»Das will ich glauben. Aber die Sakristei, vor der ihr standet, hat ihren Zugang von einem Pfad auf der anderen Seite der Kirche, wie ich von Enodoc erfuhr. Man muss einen ziemlichen Umweg machen, um ans Hauptportal zu gelangen. Für den blieb Enodoc keine Zeit, und deswegen ist er durch die Sakristei in die Kirche gestürmt.«

»Dem kann ich nun gar nicht folgen.«

»Wenn Terentius euch beide beim Wortwechsel gesehen hat, und das war auf dem Pfad vor der Sakristei, dann war er folglich auf der anderen Seite der Kirche. Was hatte er da zu suchen? Warum ist er nicht wie Enodoc durch die Sakristei gegangen, wo doch die Messe gleich beginnen sollte? Schließlich hatte er sich mit Tullius oft genug dort getroffen.

Er hat euch miteinander streiten sehen, hat abgewartet, bis ihr hineingegangen wart, hat durchs Fenster der Sakristeitür beobachtet, was drinnen vorging, und als Tullius das Brot in die Kirche brachte, schlüpfte er hinein, tat das Gift in den Wein und verschwand. Danach eilte er um die Kirche herum, betrat das Gebäude durch das Portal und hatte sich so ein Alibi verschafft.«

»Und er hat die schreckliche Tat aus keinem anderen Grund begangen als dem, Tullius zu helfen, hier Pfarrer zu werden?«, fragte Miseno verwundert.

»Ja. Er hatte gedacht, es wäre unerheblich, wen das Gift tötete, es käme nur darauf an, dass du glaubtest, Cornelius könnte nicht länger Priester sein, weil die Transsubstantiation sich nicht ereignet habe. Das würde sicherstellen, dass die Stelle Tullius zufiel. Der Plan wäre beinahe gelungen. Liebe lässt die Menschen unsinnige Dinge tun, Miseno. Heißt es nicht bei Publilius Syrus: amare et sapere vix deo conceditur? Selbst einem Gott fällt es schwer, jemand zu lieben und dennoch weise zu bleiben.«

Miseno nickte. »Amantes sunt amentes«, stimmte er ihr zu. »Liebende sind von Sinnen.«

Fidelma wiegte betrübt den Kopf. »Es war ein beklagenswerter und unnötiger Tod. Wesentlich aber scheint mir eins, Abt Miseno: Wir sollten daraus lernen, einen symbolisch gemeinten Vorgang nicht als wahre Begebenheit zu deuten.«

»Da gehen unsere theologischen Ansichten wohl auseinander, Fidelma«, seufzte der Abt. »Aber unser Glaube ist weitherzig genug, um auch unterschiedliche Auffassungen miteinander zu vereinen. Wenn das nicht so wäre, würden wir eines Tages des Glaubens verlustig gehen.«

»Sol lucet omnibus«, entgegnete Fidelma leise, wenn auch mit leisem Spott. »Die Sonne scheint für jedermann.«


BEFLECKTER HEILIGENSCHEIN

<p>BEFLECKTER HEILIGENSCHEIN</p>

Pater Allán schaute unwillig auf, weil er bei seinen Gebeten gestört wurde, als Schwester Fidelma unangemeldet die Tür seiner Zelle öffnete.

»Man sagt mir, ihr bräuchtet dringend eine Anwältin«, erklärte sie ohne Umschweife.

Als er sich erhob und hastig das Knie vor dem Kruzifix an der Wand beugte, vor dem er gebetet hatte, bemerkte sie, dass sein Gesicht von Sorgenfalten durchzogen war. Er musterte die junge Nonne, die im Türrahmen wartete. Der Überraschung auf seinen Zügen nach zu urteilen, hatte er wohl jemand anderes erwartet. Schwester Fidelma war groß, und unter ihrer Haube quollen widerspenstige rote Haarsträhnen hervor. Ihre schlanke, kraftvolle Gestalt ließ auf unbändige Lebensfreude schließen, die die Ordenstracht kaum verbergen konnte.

»Bist du die dálaigh, die man mir angekündigt hat?« In Pater Alláns Stimme schwang Ungläubigkeit mit.

»Ich bin Fidelma von Kildare, Anwältin bei Gericht«, bestätigte sie ihm. »Ich habe mein Studium mit dem Rang eines anruth abgeschlossen.«

Der Vater Superior schluckte schwer, dann fielen ihm seine guten Manieren wieder ein, und er streckte die Hand aus, um die junge Nonne hereinzubitten.

»Willkommen, Schwester. Willkommen in unserer Gemeinschaft des Glaubens und Friedens …«

Fidelma unterbrach ihn mit einer knappen Handbewegung.

»So friedlich ist es hier offenbar nun auch wieder nicht, habe ich gehört …«, meinte sie trocken. Der Abt von Lios Mór Mochuda hat mir mitgeteilt, dass in diesen Mauern ein Mord begangen wurde und du eine dálaigh brauchst. Ich bin so schnell gekommen, wie ich nur konnte.«

»Nicht in diesen Mauern, um genau zu sein«, erwiderte Pater Allán. »Komm mit in unseren Garten. Dann will ich versuchen, dir die Angelegenheit zu erklären.«

Er führte sie ein wenig von den winzigen grauen Klostergebäuden weg, die hoch auf einem Felsvorsprung standen, der über einem Wald aufragte und neben dem sich ein Fluss durch das Tal schlängelte. Die kleine Ordensgemeinschaft hatte einen atemberaubenden Ausblick über das Grün auf die in blauem Dunst liegenden Berge.

Hinter einem aus Feldsteinen errichteten Oratorium befand sich ein kleiner, von einer Mauer umgebener Garten. Ein junger Mönch war in der hinteren Ecke eifrig damit beschäftigt, den Boden zu hacken. Pater Allán geleitete Fidelma zur Mauer und ließ sich darauf nieder. So waren sie außer Hörweite des jungen Mannes. Es war Mittagszeit, und die Sonne schien ihnen warm und angenehm auf die Haut. Fidelma setzte sich neben ihn auf die Mauer.

»Nun …?«, forderte sie ihn auf.

»Hier ist in der Tat ein Mord geschehen, Fidelma von Kildare«, bestätigte Pater Allán in sorgenschwerem Ton.

»Wer wurde getötet, wann und wie?«

Pater Allán wartete einen Augenblick, als müsse er seine Gedanken sammeln, ehe er sprach.

»Bruder Moenach wurde ermordet. Vielleicht hast du schon von ihm gehört?«

»Wir sind hier viele Meilen von Kildare entfernt«, bemerkte Fidelma. »Warum hätte ich schon von diesem Bruder Moenach gehört haben sollen?«

»Er war ein so heiligmäßiger junger Mann.« Pater Allán seufzte. »Ja, wahrhaftig. Er zählte zwar erst achtzehn Lenze, aber er war durchdrungen von Weisheit, Poesie und Gesang. Sein Wesen war so heiter und ruhig, dass er sicherlich vom Lebendigen Gott gesegnet war. Seine Nächstenliebe und seine freundliche Natur waren ebenso berühmt wie seine musikalischen Fähigkeiten. Äbte und Stammesfürsten, sogar der König von Cashel, alle haben sich seiner musikalischen Begabung bedient, um Trost für ihre betrübten Gemüter zu finden.«

Fidelma schaute Pater Allán skeptisch an, während er die Tugenden Moenachs so begeistert pries.

»Bruder Moenach, ein achtzehnjähriger Mönch, wurde also umgebracht?«, fasste sie zusammen.

Der Vater Superior der Klostersiedlung nickte.

»Wann?«

»Es geschah vor einer Woche.«

Fidelma seufzte. Das bedeutete, dass es für sie nur noch wenige Anhaltspunkte gab. Und zweifellos hatte man Bruder Moenach schon vor Tagen in allen Ehren begraben. Doch sie hatte dem Abt von Lios Mór Mochuda versprochen, in dem Fall zu ermitteln. Die winzige Klostersiedlung unterstand nämlich seiner kirchlichen Rechtsprechung.

»Wie ist das Verbrechen geschehen?«

»Eine Frau aus dem Dorf, sie heißt Muirenn, hat ihn umgebracht. Wir haben sie eingesperrt, damit sie vor die Stammesfürsten geführt und auf dem schnellsten Wege …«

»Nicht ehe sie vor dem hiesigen Brehon ordentlich angehört wurde«, unterbrach ihn Fidelma. »Aber ich habe nach dem Wie gefragt, nicht nach dem Wer.«

Pater Allán runzelte die Stirn.

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Schildere mir bitte den Hergang der Tat.«

»Eines Abends kam Bruder Aedo angerannt und suchte mich. Es war kurz vor der Vesper, wenn ich mich recht erinnere. Er brachte gerade Gemüse vom Dorf durch den Wald zum Kloster, als er bemerkte, dass sich zwischen den Bäumen etwas bewegte. Neugierig geworden, ging er der Sache nach. Zu seinem Entsetzen fand er dabei auf einer Lichtung die Leiche von Moenach. Daneben kniete eine alte Frau aus dem Dorf, Muirenn. Sie hielt einen Stein in der Hand. Daran klebte Blut, wie auch am Kopf von Moenach Blut war. Bruder Aedo rannte erschrocken fort und kam schnurstracks zu mir, um mir von dieser schrecklichen Angelegenheit zu berichten …«

»Rannte fort? Hast du nicht gesagt, dass Muirenn eine alte Frau ist? Was hat ihm denn da solche Angst eingejagt?«

Der Vater Superior fragte sich, ob Fidelma das sarkastisch meinte, war sich aber nicht sicher.

»Muirenn hat Aedo so bitterböse angeschaut, dass er um sein Leben fürchtete«, erklärte Pater Allán. »Wenn sie Moenach töten konnte, dann war doch auch Aedo in Gefahr.«

»Im Augenblick nehmt ihr hier also nur an, dass Muirenn die Täterin ist. Was geschah dann? Nachdem Aedo dir Bericht erstattet hatte?«

»Einige von uns gingen zu der Lichtung, wo er die Leiche gefunden hatte. Moenach lag noch immer da. Man hatte ihm von hinten den Schädel eingeschlagen. Neben ihm entdeckten wir einen blutbefleckten Stein, den Muirenn offensichtlich dort hatte fallen lassen. Wir jagten ihr hinterher und spürten sie auf, in ihrer Hütte im Dorf versteckt …«

»Versteckt? Warum hätte sie in ihr Dorf und ihre Hütte zurückkehren sollen? Sie wusste doch, dass man sie gesehen und erkannt hatte. Da wäre ihre Hütte wohl der letzte Ort, zu dem sie geeilt wäre. Und wie hatte sie sich verborgen? Hatte sie sich irgendwo in der Hütte verkrochen?«

Mit einem leisen, ärgerlichen Seufzer schüttelte Pater Allán den Kopf.

»Ich behaupte nicht, dass ich weiß, wie sie denkt. Jedenfalls haben wir sie in ihrer Hütte vorgefunden. Sie saß dort am Herd. Wir haben sie eingesperrt, damit du sie vor ihrer Anhörung durch den Brehon befragen kannst.«

»Dann hat sie sich wohl kaum ›versteckt, nach allem, was du mir erzählst«, meinte Fidelma ein wenig verächtlich. »Hat sie die Tat gestanden und einen Grund genannt, warum sie Moenach umgebracht hat?«

Der Vater Superior schniefte abfällig.

»Sie behauptet, überhaupt nichts von dem Mord zu wissen, obwohl wir einen Augenzeugen haben.«

»Einen Augenzeugen?« Fidelmas Stimme hatte eine gewisse Schärfe. »Wer ist denn euer Augenzeuge?«

Pater Allán litt sichtlich, so als hätte er es mit einem ein wenig begriffsstutzigen Schüler zu tun. »Nun, Bruder Aedo natürlich.«

»Aber du hast mir doch eben gesagt, dass er nur gesehen hat, dass die alte Frau neben Moenach kniete und einen blutigen Stein in der Hand hielt. Also war er nicht Augenzeuge des eigentlichen Mordes.«

Pater Allán machte den Mund auf und wollte schon protestieren, bemerkte dann aber das wütende Funkeln in Fidelmas Augen … Waren sie grün oder hellblau? … Und er schwieg. Wenn Fidelma zornig war, schien aus ihren Augen ein seltsam eisiges Feuer zu sprühen.

»Ich behaupte ja nicht, ein Rechtsgelehrter zu sein«, erwiderte er trotzig. »Mit solchen Feinheiten kann ich mich nicht abgeben.«

»Der Gesetzestext des Berrad Airechta sagt klar und deutlich, dass jemand nur über das Zeugnis ablegen kann, was er oder sie gesehen oder gehört hat. Alles, was nicht vor den Augen eines Zeugen geschehen ist, kann nicht in Betracht gezogen werden. Auch Hörensagen darf nicht als Beweis vorgebracht werden.«

»Aber es war doch offensichtlich …«, begann Pater Allán.

»Ich bin hier, um mich mit Gesetzen und nicht mit Vermutungen zu befassen«, sagte Fidelma schroff. »Und als dálaigh würde ich dir raten, deine Worte sorgfältiger abzuwägen. Erzähle mir mehr von diesem … diesem angeblich beinahe heiligen Jüngling.«

Pater Allán fiel sehr wohl der leicht sarkastische Ton ihrer Stimme auf. Er zögerte kurz, fragte sich, ob er sie für ihren Spott tadeln sollte, entschloss sich aber, darüber hinwegzugehen.

»Er war der Sohn eines Stammesfürsten der Uí Figente. Er besaß eine seltene musikalische Begabung, spielte die cruit, als würde ein Engel die Harfe spielen. Seine Gedichte waren lieblich und rein. Mit gerade sieben Jahren wurde er unserer Obhut anvertraut. Letztes Jahr erreichte er das Alter der Wahl und entschied sich, als Mitglied unserer Gemeinschaft bei uns zu bleiben.«

»Er hatte also einen Ruf als Musiker?«

»Er wurde zu den Festen der Stammesfürsten und Äbte im Umkreis von vielen Meilen eingeladen«, erwiderte Pater Allán.

»Aber was für ein Mensch war er?«

»Ein angenehmer junger Mann. Freundlich, klug, rücksichtsvoll zu seinen Brüdern und zu allen, die ihn kennenlernten. Er hat sich immer alle erdenkliche Mühe gegeben, seinen Vorgesetzten zu Gefallen zu sein und ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Ganz besonders liebte er Tiere und …«

»Er war also anscheinend über jegliche menschliche Schwäche erhaben?«

Pater Allán nahm diese Frage sehr ernst und schüttelte den Kopf. Fidelma erhob sich. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wirkte ein wenig gezwungen. Pater Allán war so von der Erinnerung an die engelgleiche Erscheinung seines Schülers erfüllt, dass er ihr nun kaum noch weiter von Nutzen sein würde.

»Ich möchte jetzt mit Muirenn, der alten Frau, sprechen«, sagte sie. »Danach würde ich gern Bruder Aedo sehen.«

Nach einigem Zögern hievte sich der Vater Superior von der Mauer und bedeutete Fidelma, ihm zu einem der Gebäude der Klostersiedlung zu folgen.

Dort saß Muirenn in der Ecke einer Zelle auf der Kante der Pritsche, die man ihr zum Schlafen gegeben hatte. Sie schaute trotzig auf, als Fidelma eintrat. Sie war eine kleine, drahtige Frau mit wütenden dunklen Augen. Sie hatte das Kinn vorgereckt; ihr zerzaustes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Eine Greisin war sie noch lange nicht.

»Ich bin Fidelma, eine dálaigh am Gerichtshof«, verkündete Fidelma, als sie in den Raum trat. Sie hatte Pater Allán gebeten, sie mit der Gefangenen allein zu lassen.

Muirenn schnaubte verächtlich.

»Du bist gekommen, um mich für etwas zu bestrafen, das ich nicht getan habe«, knurrte sie, und in ihrer Stimme schwang Wut, nicht Furcht mit.

»Ich bin gekommen, um die Wahrheit zu ermitteln«, berichtigte Fidelma sie.

»Ihr jämmerlichen Ordensleute habt doch schon längst entschieden, was die Wahrheit ist. Du solltest dahin zurückkehren, wo du hergekommen bist, wenn du nur Alláns Vorurteile bestätigen willst.«

Fidelma setzte sich hin.

»Erzähle mir, was vorgefallen ist«, forderte sie die Frau auf. »Du bist aus dem Dorf unterhalb des Klosters?«

»Gott verfluche den Tag, an dem die Klosterbrüder hier zu bauen angefangen haben!«, murmelte die Frau.

»Ich habe erfahren, du bist Witwe? Du hast keine Kinder und hilfst dem Kräuterheiler im Dorf. Stimmt das?«

»Ja.«

»Dann erzähle mir, was vorgefallen ist.«

»Ich war im Wald und habe Pflanzen für Arzneien gesammelt. Da habe ich in der Nähe einen Schrei gehört. Ich bin sofort hingelaufen, um zu sehen, was ich tun konnte. Auf einer kleinen Lichtung lag ein junger Mönch mit dem Gesicht zum Boden. Auf der anderen Seite der Lichtung raschelte das Gebüsch, weil jemand davonlief. Ich dachte, ich könnte dem Jungen helfen. Ich kniete nieder und musste jedoch feststellen, dass es dafür schon zu spät war. Man hatte ihm den Schädel eingeschlagen. Ihm war nicht mehr zu helfen. Ohne zu überlegen, hob ich den Stein auf, der neben seinem Kopf lag. Er war mit Blut befleckt.

Da vernahm ich hinter mir einen Aufschrei. Ich drehte mich um und sah am Rand der Lichtung einen anderen Mönch stehen. Er starrte zu mir hin. Ich rappelte mich auf und rannte voller Schrecken nach Hause in meine Hütte.«

Fidelma zog fragend eine Augenbraue in die Höhe.

»Warum bist du erschrocken und weggerannt, als du den Mönch dort stehen sahst? Es wäre doch sicherlich besser gewesen, ihn um Hilfe zu bitten?«

Muirenn grummelte wütend.

»Ich bin davongelaufen, weil ich dachte, der Mörder sei zurückgekehrt.«

»Wie bist du darauf gekommen?«, fragte Fidelma. »Es war doch ein Mönch aus der Ordensgemeinschaft.«

»Genau. Als ich auf die Lichtung kam, sah ich, wie jemand durch die Büsche davonlief. Ich konnte einen Blick auf seinen Rücken erhaschen. Er trug eine braune Kutte. Moenach ist von einem Mitbruder aus seiner Gemeinschaft umgebracht worden. Ich habe ihn nicht getötet.«

Draußen vor der Zelle schaute Pater Allán Fidelma erwartungsvoll an.

»Möchtest du immer noch Bruder Aedo sprechen, oder hast du deine Untersuchung abgeschlossen?«

Hörte sie da einen gewissen Eifer aus seiner Stimme heraus? Er schien geradezu versessen darauf, dass sie einfach seine Vermutung bestätigte, Muirenn sei die Mörderin. Fidelma schürzte die Lippen und starrte ihn einen Augenblick lang an, ehe sie antwortete.

»Ich habe meine Untersuchung eben erst begonnen«, erwiderte sie leise. »Sag mir, wie viele Brüder leben in dieser Gemeinschaft?«

»Was hat das denn damit zu tun, dass …« Pater Allán biss sich auf die Zunge, als er sah, dass das zornige Feuer in ihren Augen wieder aufblitzte. »Insgesamt sind wir zehn Brüder.«

»Hatte Bruder Moenach Gefährten, Freunde, die ihm besonders nahestanden?«

»Wir sind alle Gefährten.« Der Vater Superior schniefte. »Gefährten im Dienste Christi.«

»War er bei allen in der Gemeinschaft wohlgelitten?«, fragte sie noch einmal.

»Natürlich«, erwiderte Pater Allán schroff. »Und warum auch nicht?«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer.

»Hat man seine Zelle schon ausgeräumt?« Sie versuchte es auf eine andere Weise.

»Ich denke schon. Das müsste Bruder Ninnedo wissen. Er kümmert sich hier um den Garten.« Der Vater Superior deutete auf einen blonden jungen Mönch, der an der anderen Seite des Wiesenhangs einen Busch beschnitt. »Komm, ich werde …«

Fidelma hob abwehrend die Hand.

»Ich sehe ihn. Mach dir keine Mühe, Vater Superior. Ich spreche mit ihm. Ich komme zu dir zurück, wenn ich hier fertig bin. Lass bitte Bruder Aedo wissen, dass ich mit ihm reden möchte, nachdem ich mit Bruder Ninnedo gesprochen habe.«

Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und ging auf den jungen Mann zu, der eifrig über seine Arbeit gebeugt war.

»Bruder Ninnedo?«

Der Mönch blickte auf. Er wirkte verlegen. Seine Augen huschten zu Pater Allán, dessen Gestalt sich hinter Fidelma rasch entfernte.

»Ich bin eine dál …«, begann Fidelma sich vorzustellen.

Ehe sie noch mit ihrer Erklärung fertig war, unterbrach sie der junge Mann.

»Du bist eine dálaigh, ich weiß. Wir erwarten dich schon seit einigen Tagen.«

»Gut. Und weißt du, warum ich hier bin?«

Der junge Mann nickte schlicht.

»Ich höre, dass du dir mit Bruder Moenach eine Zelle geteilt hast. Dann nehme ich an, dass du ihn gut kanntest?«

Fidelma war überrascht, als sie auf dem Gesicht des jungen Mönchs unverhohlenen Abscheu wahrnahm.

»Allerdings kannte ich ihn ziemlich gut.«

»Aber du mochtest ihn nicht?«, fragte sie schnell.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Ninnedo vorsichtig.

»Das war auch nicht nötig. Warum hast du ihn nicht gemocht? Wenn man Pater Allán Glauben schenkt, war Bruder Moenach doch geradezu ein Heiliger.«

Ninnedo lachte bitter auf.

»Ich mochte ihn nicht, weil er ein übler Bursche war und nicht zur Arbeit im Weinberg des Herren taugte. Pater Allán konnte er vielleicht täuschen. Viele Leute vermochte er zu narren, die so selbstzufrieden sind, dass sie gar nicht merken, wenn ein widerlicher Speichellecker ihrer Eitelkeit mit voller Absicht schmeichelt. Doch Bruder Fogartach und ich, wir mussten die Zelle mit ihm teilen. Wir kannten seine üblen Machenschaften.«

Fidelma hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt. Die Wut des jungen Mannes erstaunte sie ein wenig.

»Wie lange kanntest du ihn?«

»Wir sind zusammen als Pflegekinder hierhergekommen, Schwester. Das ist lange her.«

»Und du hast ihn immer gehasst?«

»Beinahe.«

»Dann sag mir doch, worin sich seine Bosheit ausdrückte? Du beschuldigst ihn, ein widerlicher Speichellecker gewesen zu sein. Nun, das sind wir alle in gewisser Weise, wenn wir denen schmeicheln, die über uns zu bestimmen haben. Das würde ich kaum Bosheit nennen.«

Ninnedo kaute auf seiner Unterlippe herum und überlegte einen Augenblick, ehe er weitersprach.

»Pater Allán behauptet, dass Moenach ein Heiliger war. Es würde mir nicht gut anstehen, wenn ich aufrichtig rede.«

»Jetzt sprichst du aber nicht mit Pater Allán, sondern mit einer dálaigh der Gerichtshöfe. Sag mir die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, und du wirst belohnt.«

Ninnedo wand sich verlegen.

»Nun gut, Schwester. Moenach war ein Lügner, ein Dieb und ein Lüstling.«

Fidelma sah ihn fragend an.

»Wenn das stimmt, wie konnte er derlei Laster vor Pater Allán verbergen?«

»Er sah aus wie ein Engel und konnte hervorragend Süßholz raspeln, wenn es sein musste. Oft sehen die Menschen nur die äußere Gestalt. Und er konnte wundersam süße Musik machen. Er vermochte die Leute zu täuschen. Aber ab und zu blitzte sein wahres Wesen hinter dieser Unschuldsmaske hervor. Er war ein Bösewicht.«

»Kannst du dafür Beweise erbringen? Hörensagen ist nach dem Gesetz vor Gericht nicht zugelassen.«

»Beweise? Er stahl alles, wonach ihm der Sinn stand. Er hat mich und Bruder Nath bestohlen. In unserer Gemeinschaft lebte bis vor wenigen Monaten ein Bruder namens Follamon. Moenach hatte sein begehrliches Auge auf einen mit Edelsteinen besetzten Becher geworfen, der Pater Allán gehörte. Er vermochte seine Begierde nicht zu zügeln und stahl ihn. Pater Allán begann eine gründliche Suche nach dem verschwundenen Becher. Moenach wurde klar, dass man ihm diesen Diebstahl nicht würde durchgehen lassen. Also schob er den Becher Bruder Follamon unter. Er verbarg ihn in dessen Bett, sodass man ihn dort fand und dem anderen die Schuld gab.«

»Was geschah dann?«

»Pater Allán ließ Follamon aus der Gemeinschaft ausstoßen.«

»Warum wurde denn Moenachs Tat dem Pater nicht gemeldet? Wenn du es wusstest und Bruder Nath es wusste, warum hat euch Pater Allán dann nicht geglaubt?«

Wieder lachte Ninnedo. Aber sein Lachen klang bitter.

»Dir ist nicht klar, wie tief der Glaube an Moenach in den Gedanken des guten Paters verwurzelt war. Nath erzählte es ihm, denn Nath wusste, was geschehen war. Da beschuldigte Pater Allán ihn einfach, nur neidisch zu sein, und drohte sogar, er würde auch ihn aus der Gemeinschaft ausstoßen.«

»Aber Moenach konnte doch seine Stellung nicht nur halten, weil Pater Allán für ihn voreingenommen war? Es müssen doch auch andere der gleichen Meinung wie der Pater gewesen sein?«

Ninnedo schniefte verächtlich.

»O ja. Moenach hat einige Brüder an der Nase herumgeführt. Diesen Narren Aedo zum Beispiel.«

»Aedo, der die Leiche entdeckte, als Muirenn neben ihr kniete?«

»Genau der. Er war so erschüttert und vom Schmerz gebeugt, dass er, nachdem er hier angekommen war und uns die Nachricht gebracht hatte, mehrere Tage im Bett bleiben musste.«

»Ach ja? Aedo hat also Pater Allán und die anderen Brüder nicht auf der Suche nach Muirenn begleitet?«

»Nein.«

»Hat Moenach außer einigen Klosterbrüdern noch andere Menschen getäuscht?«

»Er hatte den gleichen Einfluss bei einigen Stammesfürsten und sogar Äbten in der Gegend.«

»Aber du und Nath, ihr hieltet ihn für einen Bösewicht?«

»Wir kannten seine Machenschaften, Schwester. Ja, es schien ihm sogar Vergnügen zu bereiten, dass wir darum wussten, wie er den Vater Superior täuschte. Er forderte uns manchmal heraus, wir sollten ihn doch anschwärzen. Er wusste ja genau, dass uns niemand Glauben schenken würde.«

»Hast du denn Bruder Nath nicht gegen Pater Allán den Rücken gestärkt?«

»Das hat ihm überhaupt nichts genützt«, meinte Ninnedo verächtlich.

Man hörte in der Ferne eine Glocke läuten.

»Ich muss gehen«, sagte Ninnedo und entfernte sich rasch.

Einen Augenblick lang schaute Fidelma ihm nachdenklich hinterher. Dann machte sie sich auf die Suche nach Pater Allán.

»Du hast mir nicht erzählt, dass nicht alle hier Moenach mochten.«

Der Vater Superior starrte sie wütend an.

»Wer hat ihn denn nicht leiden können?«, wollte er wissen. »Ninnedo, nehme ich an?«

»Ich spreche auch von Bruder Nath.«

»Nath!« Pater Allán blieb vor Staunen der Mund offen stehen. »Also hat Ninnedo dir von dieser Angelegenheit erzählt?«

Fidelma antwortete nicht.

»Schwester Fidelma, du weißt so gut wie ich, dass wir trotz unserer Gelübde und trotz unseres Lebens im Dienst des Lebendigen Gottes nicht plötzlich übermenschliche Kräfte entwickeln, dass wir nicht unfehlbar werden.«

»Was soll das heißen?«

»Dass ich natürlich von den Anschuldigungen weiß, die Nath und Ninnedo erheben. Ich kenne die beiden seit vielen Jahren, seit sie zusammen mit Moenach als Zöglinge hierhergekommen sind. Sie sind zusammen aufgewachsen, aber so wie manchmal Männer eine unergründliche Abneigung gegeneinander entwickeln, so geschieht das auch bei Jungen. Mir war immer klar, wie neidisch sie auf Moenach waren und wie sehr sie ihn hassten.«

»Ja? Und was hieltest du für den Grund?«

»Wer weiß? Wenn ein Junge so begabt und engelrein ist wie Moenach, dann hat er viele Feinde.«

»Und bist du dir sicher, dass die Anschuldigungen der beiden jeglicher Grundlage entbehrten?«

»Ich kenne Moenach seit seinem siebten Lebensjahr. Er war über jeden Vorwurf erhaben.«

»Obwohl du vorhin zugegeben hast, dass keiner von uns unfehlbar ist?« Fidelma konnte sich diese sarkastische Bemerkung nicht verkneifen.

Doch Pater Allán ging ihr nicht auf den Leim.

»Moenach war ein ganz besonderer Mensch. Es hat mich sehr geschmerzt, mit anzusehen, wie eifersüchtig Nath auf ihn war.«

»Ich möchte mit Bruder Nath sprechen.«

Pater Allán machte eine verlegene Geste.

»Aber er …, er hat sich aus dem Staub gemacht. Hat Ninnedo das nicht erwähnt?«

Fidelma schaute ihn einen Augenblick lang unverwandt an.

»Nath ist verschwunden?«

»Ja. Die ganze letzte Woche hat ihn niemand gesehen.«

Fidelma atmete tief durch, um nicht wütend loszubrüllen.

»Du sagst also, dass Bruder Nath vor einer Woche verschwunden ist? Vor einer Woche wurde Bruder Moenach ermordet. Warum habe ich nicht früher davon erfahren?«

Pater Allán wurde bleich.

»Aber Muirenn hat doch Moenach erschlagen. Warum solltest du dich da für einen widerborstigen jungen Mann interessieren, der sich aus der Gemeinschaft fortgeschlichen hat?«

»Wieso habe ich nichts davon erfahren?«, beharrte Fidelma. »Hat man Nachforschungen angestellt, was mit Nath geschehen ist?«

Pater Allán zuckte hilflos die Achseln.

»Er hat sein Gelübde gebrochen und ist weggelaufen. Mehr nicht.«

»Lass bitte Bruder Ninnedo unverzüglich herkommen.«

Pater Allán blinzelte, zögerte und machte sich dann auf den Weg.

Mit mürrischer Miene näherte sich Ninnedo Schwester Fidelma. Ihm folgte Pater Allán, der ihn ängstlich beobachtete.

»Ich will die ganze Wahrheit hören, Ninnedo«, sagte Fidelma. »Und zwar sofort.«

»Ich habe die Wahrheit gesprochen.«

»Und doch hast du mir nicht erzählt, dass dein Freund Nath seit dem Tag verschwunden ist, an dem Moenach ermordet wurde.«

Ninnedo erbleichte, machte aber weiterhin ein mürrisches Gesicht.

»Beschuldigst du jetzt ihn, Moenach umgebracht zu haben und dann fortgelaufen zu sein?«, murmelte er. »Alle sagen doch, dass Muirenn Moenach ermordet hat.«

»Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden. Weißt du, wo Nath ist?«

Ninnedo starrte sie an. Er schlug als Erster die Augen nieder und schüttelte den Kopf.

»Sprich mit Ainder, der Tochter von Illad«, flüsterte er.

»Wer ist Ainder?«, wollte Fidelma wissen.

Pater Allán trat verlegen von einem Bein aufs andere.

»Ainder ist ein junges Mädchen aus dem Dorf, das für unsere Gemeinschaft die Wäsche macht. Sie lebt bei ihrem Vater Illand, unserem Obergärtner.«

Fidelma wandte ihren Blick wieder zu Bruder Ninnedo.

»Warum sollte ich mit Ainder sprechen?«

»Es steht mir nicht zu, vorwegzunehmen, was sie vielleicht zu dir sagt«, erwiderte der junge Mann beherzt, in einem schwachen Versuch, Fidelmas Stil nachzuahmen.

Fidelma blickte in Ninnedos mürrisches Gesicht und seufzte.

»Und wo finde ich Ainder?«

»Die Hütte von Illand steht am Fuße des Berges«, mischte sich der Vater Superior ein. »Dort findest du sie, Schwester Fidelma.«

Sie beschloss, Bruder Aedo zu bitten, sie zu begleiten und ihr unterwegs die Stelle zu zeigen, wo Moenach ermordet wurde. Sie wollte sich von ihm auch seine Geschichte vom Fund der Leiche bestätigen lassen.

Aedo war ein schlichter, argloser junger Mann, der seinem Bericht nichts hinzuzufügen hatte. Er erzählte ihr, er sei bei seiner Rückkehr ins Kloster so verstört gewesen, dass er nur noch dem Vater Superior Bericht erstatten konnte, dann sei er von seinen Gefühlen überwältigt worden und erkrankt. Pater Allán und drei andere Brüder waren sofort aufgebrochen, um Moenach zu suchen und die Verfolgung von Muirenn aufzunehmen.

Fidelma sah sich auf der kleinen Lichtung um. Sie erwartete nicht, hier etwas zu entdecken, das ihr irgendwie helfen könnte. Trotzdem war es nützlich, sich den Tatort einzuprägen. Ohne Bruder Aedo hätte sie die Stelle kaum finden können, denn in dem großen Waldstück gab es viele ähnliche kleine Lichtungen. Sie bat Aedo, zum Kloster zurückzukehren, und setzte ihren Weg bergab fort.

Wie Pater Allán ihr gesagt hatte, stand am Fuß des Bergs eine kleine Hütte. Auf einer Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen befestigt war, hingen frisch gewaschene Mönchsgewänder. Ein älterer, untersetzter Mann pflückte Äpfel. Er schaute Fidelma misstrauisch entgegen.

»Ist hier das Heim von Ainder, der Tochter des Illand?«

»Ich bin Illand«, erwiderte der Mann. »Meine Tochter ist im Haus.«

»Ich bin Fidelma von Kildare und möchte mit ihr sprechen.«

Der Mann zögerte, ehe er mit einer Handbewegung auf die Hütte deutete.

»Sei uns willkommen, Schwester Fidelma. Meiner Tochter geht es nicht gut …«

»Aber doch gut genug, um die Schwester zu empfangen …«, ertönte von drinnen eine leise Sopranstimme.

In der Tür der Hütte erschien ein junges Mädchen, blond und schlank und kaum mehr als vierzehn Jahre alt.

»Bitte, Vater«, beharrte das Mädchen, ehe Illand noch etwas einwenden konnte. »Ich bin erwachsen und kann meine eigenen Entscheidungen treffen.«

Illand zuckte vielsagend die Achseln.

»Ich habe noch zu tun«, murmelte er griesgrämig, nahm den Korb mit den Äpfeln und entfernte sich.

Das Mädchen wandte sich bleich, aber mit entschlossenem Blick Fidelma zu.

»Du musst die dálaigh sein, auf die Pater Allán gewartet hat«, sagte sie. »Warum kommst du zu mir?«

»Ich höre, dass du die Wäscherin des Klosters bist«, erwiderte Fidelma. »Lebst du hier mit Mutter und Vater?«

Ein Schatten legte sich auf die Züge des Mädchens.

»Meine Mutter ist schon viele Jahre im Reich der Wahrheit«, antwortete sie und benutzte die beschönigende irische Wendung, die bedeutete, dass ihre Mutter tot war.

»Das tut mir leid.«

»Kein Grund zur Trauer«, meinte das Mädchen.

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um, ging in die Hütte hinein und bedeutete Fidelma, ihr zu folgen. Die Schwester setzte sich auf den Stuhl, den ihr Ainder mit einer Handbewegung zuwies. Das junge Mädchen nahm ihr gegenüber Platz und musterte sie eingehend.

»Ich freue mich, dass du eine Frau bist, und eine junge Frau noch dazu.«

Fidelma zog überrascht die Augenbrauen hoch.

»Warum das?«

»Ich glaube, du bist hergekommen, um mich über Nath zu befragen.«

»Was weißt du über Bruder Nath?«

»Er möchte mich heiraten.«

Fidelma blinzelte und seufzte.

»Ich verstehe.« Nach dem Gesetz des Fénechus konnten Ordensleute heiraten und taten das auch. »Nath ist also in dich verliebt?«

»Ja, das ist er.«

Eine kleine Betonung ließ Fidelma ein verborgenes »aber« vermuten.

»Aber dein Vater ist dagegen?«, riet Fidelma.

»O nein!« Die Worte sprudelten rasch hervor. »Er weiß nichts davon.«

»Weißt du, dass Nath verschwunden ist?«

Ainder nickte mit niedergeschlagenen Augen.

»Du weißt, dass Bruder Moenach ermordet wurde und Bruder Nath am gleichen Tag verschwunden ist? Die Sache sieht schlecht für ihn aus.«

Ainder schien verwirrt.

»Aber hat nicht die alte Frau, Muirenn, Moenach umgebracht?«, fragte sie.

»Das herauszufinden, bin ich gekommen. Was weißt du über Naths Verschwinden?«

Das Mädchen zögerte und stieß dann einen tiefen Seufzer aus.

»Nath hatte Angst, nachdem Moenach ermordet worden war. Weißt du, niemand glaubte uns, wie bösartig Moenach wirklich war. Mit seinen Lügen hat er sogar erreicht, dass Bruder Follamon aus dem Orden ausgestoßen wurde.«

»Wieso weißt du davon?«

»Ich bin hier aufgewachsen, im Schatten von Pater Alláns Kloster. Mein Vater kümmert sich dort um den Garten, und seit dem Tod meiner Mutter bin ich die Wäscherin der Gemeinschaft. Follamon, Ninnedo und Moenach kamen zusammen als Zöglinge ins Kloster. Als sie letztes Jahr das Alter der Wahl erreichten und ihre eigenen Entscheidungen treffen durften, beschlossen sie alle drei, in der Gemeinschaft von Pater Allán zu bleiben. Sie kannten einander gut. Follamon, Nath und Ninnedo wurden Freunde.«

»Aber Moenach nicht?«

Das Mädchen schauderte.

»Nein!« Ihre Stimme klang sehr entschieden. Zu entschieden.

»Warum mochtest du Moenach nicht?«

Ainder hob die Augen zu Fidelma. Ihre Wangen waren hochrot. Dann senkte sie den Blick und formulierte ganz besonders sorgfältig: »Ich will dir die Wahrheit nicht verschweigen, Schwester. Am Tag, bevor Moenach umgebracht wurde, hat er mich angegriffen.«

Fidelma schrak zusammen.

»Er hat dich angegriffen?«

»Er hat mich vergewaltigt.«

Fidelma bemerkte, dass sie das Wort forcor benutzte, das eine brutale Vergewaltigung bezeichnete, einen gewaltsamen Überfall, der nach dem Gesetz von sleth unterschieden wurde, dem Begriff für alle anderen Formen sexueller Beziehungen mit einer Frau gegen deren Willen.

»Erkläre mir die Umstände, Ainder. Und lass dich warnen, dass dies eine sehr ernste Anschuldigung ist.«

Ainders Gesicht verhärtete sich.

»Für mich ist es auch eine ernste Sache, denn wer wird nun meinen Brautpreis zahlen?«

Den Brautpreis, der zwischen der Braut und ihrem Vormund, gewöhnlich ihrem Vater, aufgeteilt wurde, zahlte gewöhnlich der Ehemann. Dieser Preis war an die Jungfräulichkeit der Braut gebunden. Falls sie keine Jungfrau mehr war, waren die Folgen Erniedrigung und finanzieller Verlust.

»Nun gut, jetzt erzähle mir, was geschehen ist«, forderte Fidelma sie auf.

»Ich trug an jenem Tag einen Korb mit Wäsche zum Kloster hinauf. Dabei überraschte mich Moenach. Er hasste mich, weil er wusste, dass Nath mich liebt. Erst hat er mich beleidigt, dann zu Boden geschlagen und vergewaltigt. Danach … sagte er, niemand würde mir glauben, wenn ich davon erzählte, denn es sei in der Gemeinschaft wohlbekannt, dass ihm Äbte und Könige ihr Vertrauen schenkten.«

»Hat er dich wirklich überfallen?«, erkundigte sich Fidelma. »Dir ist doch der Unterschied zwischen forcor und sleth klar?«

»Moenach war stark. Ich konnte mich gegen ihn nicht wehren. Er hat mich tatsächlich überwältigt.«

»Und du hast Nath davon erzählt?«

Das Mädchen hielt einen Augenblick lang inne, musterte Fidelmas Gesicht unter den Augenlidern hervor und nickte dann schnell.

»Ah ja. Und Nath war natürlich wütend?«

»Ich habe ihn nie zuvor so zornig gesehen.«

»Wann war das? Wie lange vor dem Mord an Moenach?«

»Er hat Moenach nicht getötet.«

Fidelma lächelte dünn.

»Ich habe keine solche Anschuldigung ausgesprochen. Aber warum beharrst du so sehr darauf?«

»Er würde so etwas nicht tun. Es ist nicht Naths Art.«

»Es ist in der Natur der meisten Menschen, wenn sie nur das richtige Motiv haben. Also beantworte bitte meine Frage: Wie lange vor dem Mord an Moenach hast du Nath von dem Überfall erzählt?«

»Am gleichen Nachmittag, als Moenach getötet wurde. Kaum eine Stunde vorher.«

»Wann hast du von Moenachs Tod gehört?«, erkundigte sich Fidelma.

»Nun …« Das Mädchen verzog das Gesicht. »Das war, als Pater Allán und einige andere aus dem Kloster kamen, um Muirenn zu suchen. Pater Allán sagte, man hätte sie mit der Tatwaffe in der Hand erwischt.«

»Hast du danach Nath noch einmal gesehen?«

Ainder schien zu zögern, ehe sie antwortete. Also wiederholte Fidelma ihre Frage noch einmal mit großem Nachdruck.

»Am gleichen Abend«, erwiderte das Mädchen widerwillig. »Er kam zu mir und hatte große Angst. Er hatte die Nachricht gehört und fürchtete um seine Sicherheit.«

»Er muss doch gewusst haben, dass man Muirenn verdächtigte. Warum ist er also weggelaufen?«

»Weil er glaubte, man würde ihn beschuldigen. Es war allgemein bekannt, dass er Moenach nicht mochte. Und Nath glaubte, dass man ihn des Mordes bezichtigen würde, sobald jemand erfuhr, dass Moenach mich überfallen hatte.«

Fidelma schaute das Mädchen traurig an.

»Sicherlich. Sowohl Nath als auch Muirenn sind nun der Tat verdächtig. Deswegen möchte ich dich fragen, warum du mir die Geschichte so bereitwillig erzählt hast, Ainder, wenn doch jetzt die Sache für Nath so schlimm aussieht?«

Das Mädchen schaute sie verletzt an.

»Ich habe sie erzählt, weil es die Wahrheit ist. Bringt man uns nicht bei, dass die Wahrheit über allen anderen Dingen steht? Nath kann nicht für immer in seinem Versteck bleiben. Ich kann keinen Gesetzlosen heiraten, der sich ständig in Moor und Heide und finsteren Schlupflöchern verbergen muss. Ich habe Nath viele Male gedrängt, er solle sich stellen und darauf vertrauen, dass die Wahrheit sein Schild ist.«

Fidelma lehnte sich zurück und betrachtete das Mädchen nachdenklich.

»Dir ist klar, wie schlimm Naths Lage ist, wenn er nicht zurückkommt und sich von mir befragen lässt?«

»Ja. Ich glaube, dass er das machen sollte und dass die Wahrheit ihn befreien wird.«

»Wenn das so ist, verrätst du mir dann, wo sich Nath versteckt hält?«

Das Mädchen senkte die Augen. Lange Zeit sagte sie nichts. Dann seufzte sie, als hätte sie einen Entschluss gefasst.

»Darf ich Nath zu dir bringen?«

»Wie er zu mir gelangt, ist mir einerlei«, erwiderte Fidelma. »Solange er nur vor mir erscheint.«

»Dann bringe ich ihn in der Abenddämmerung zur Hütte von Muirenn.«

Fidelma erwartete nicht, dass Bruder Nath an diesem Abend wirklich kommen würde. Irgendwie traute sie Ainder nicht. Sie war bereits eine halbe Stunde in Muirenns Hütte, als sie Ainder leise rufen hörte.

Fidelma saß auf einem Stuhl neben der grauen Asche des erloschenen Torffeuers, da erschien Ainders Gestalt im Türrahmen.

Fidelma stand auf und zündete eine Kerze an.

Erst da bemerkte sie den blassen jungen Mann im Ordensgewand, der nervös hinter dem Mädchen stand.

»Du bist also Nath?«, fragte sie.

Ainder zog den jungen Mann an der Hand hinter sich her in die Hütte und schloss rasch die Tür.

»Ich habe ihm gesagt, dass er sich vor dir nicht zu fürchten braucht, Schwester Fidelma, wenn er nur die Wahrheit spricht.«

Fidelma musterte den jungen Mönch. Er hatte ein frisches Gesicht und zerzauste Haare. Er wirkte leicht verwirrt, als sei er in Ereignisse hineingeraten, über die er keinerlei Gewalt mehr hatte. Ein mütterliches Gefühl regte sich in Fidelma, denn der junge Mann hatte den verlorenen Blick eines kleinen Jungen, der sich allein im dunklen Wald verirrt hat. Sie schüttelte den Kopf, um dieses Gefühl zu vertreiben.

Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich hinzusetzen.

»Erzähle mir deine Geschichte, Nath«, forderte sie ihn auf und nahm ihrerseits Platz.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, antwortete der Junge ruhig. »Ich liebe Ainder und möchte sie heiraten. Moenach war schon immer mein Feind, meiner und der meiner Mitbrüder. Er war bereits als Kind ein Tyrann, und er blieb auch als junger Mann einer. Nichts machte ihm mehr Freude, als uns Böses zuzufügen. Doch wie jeder echte Tyrann wusste er sich auch bei seinen Vorgesetzten einzuschmeicheln. Pater Allán wollte nichts Schlechtes über ihn hören. Moenach brachte es fertig, dass Bruder Follamon aus dem Orden …«

»Davon weiß ich. Ich habe schon mit Bruder Ninnedo gesprochen.«

»Dann weißt du, wie Moenach wirklich war?«, fragte Nath.

»Ich weiß nur, was man mir berichtet hat. Als Ainder zu dir kam und erzählte, was ihr widerfahren war, wurdest du da sehr zornig?«

Nath senkte den Kopf und seufzte.

»Ich bin immer noch wütend. Ich bedaure Moenachs Tod nicht. Man hat uns gelehrt, die zu lieben, die unsere Feinde sind, die uns Böses zufügen. Ich bringe das nicht fertig. Ich begrüße diese letzte Strafe, die über Moenach verhängt wurde. Mein Herz frohlockt darüber. Allerdings sagt mir mein Verstand, dass dies nicht das Gesetz und nicht der Weg des Lebendigen Gottes ist.«

»Hast du Moenach getötet?«

»Nein!«, stieß er krächzend hervor.

»Warum bist du dann weggelaufen? Man hatte doch Muirenn eingesperrt, und alle anderen in der Gemeinschaft hielten sie für die Schuldige. Warum hast du durch die Flucht den Verdacht auf dich gelenkt?«

Nath schaute sie verdutzt an.

»Viele haben nicht an Muirenns Schuld geglaubt und dachten, Pater Allán wollte sie nur als Sündenbock benutzen, um Moenachs guten Ruf zu wahren.«

»Aber wenn sie wussten, dass Muirenn unschuldig war, dann müssen sie doch auch gewusst haben, dass jemand anderer der Täter war. Indem du wegliefst, hast du ihnen einen Verdächtigen geliefert.«

Nath schüttelte den Kopf. »Wenn man sicher ist, dass eine Person unmöglich einen Mord begangen haben kann, so heißt das doch noch lange nicht, dass man den Täter kennt.«

»Das stimmt«, gab Fidelma zu. »Du zum Beispiel wusstest, dass Muirenn keine Schuld traf. Du behauptest, dass auch du unschuldig bist. Warum sollte ich dir mehr glauben als Muirenn?«

»Pater Allán hat gesagt … Ich dachte, es wäre das Beste, bis ich vor einen Brehon geladen würde.«

»Was hat Pater Allán gesagt?«, fragte Fidelma mit scharfer Stimme.

Nath zögerte.

»Als mir Ainder erzählt hatte, was Moenach ihr angetan hatte, bin ich sofort zu Pater Allán gegangen. Wie immer hat er mir nicht geglaubt. Er wurde schrecklich wütend, und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich beruhigt hatte. Er wollte einfach nicht zulassen, dass man etwas gegen seinen Liebling sagte. Er schickte mich fort und befahl mir, nie wieder ein Wort über diese Sache zu verlieren. Als ich später erfuhr, dass Moenach tot war, fürchtete ich, Pater Allán würde mich bezichtigen.«

»Also weiß Pater Allán, dass Ainder Moenach beschuldigte, sie vergewaltigt zu haben?«, überlegte Fidelma laut. »Und du, Nath, du bist Hals über Kopf weggerannt und hast dich versteckt, obwohl du dir darüber im Klaren gewesen sein musst, dass deine Flucht den Verdacht auf dich lenken würde?«

»Aber da war doch kein Verdacht«, fuhr Ainder dazwischen. »Alle glaubten, dass Muirenn die Tat begangen hatte.«

Fidelma nickte nachdenklich.

»Das verblüfft mich ja so. Auf Bruder Aedos Wort hin hat Pater Allán Muirenn bis zu meiner Ankunft eingesperrt. Du sagst, dass viele sie nicht für schuldig hielten, aber trotzdem war die gesamte Gemeinschaft anscheinend mit dieser Lösung zufrieden. Ich kann immer noch nicht recht begreifen, warum du, Nath, da du das doch alles wusstest, nicht ins Kloster zurückgekehrt bist und dort wie die anderen auf mich gewartet hast? Warum hast du die Aufmerksamkeit auf dich gelenkt? … Es sei denn, du hättest etwas zu verbergen?«

Nath schaute sie verständnislos an, Ainder aufgeregt und trotzig.

»Die Wahrheit, Nath!«, bellte Fidelma, als beide schwiegen. »Ich bin nicht länger bereit, eure Spielchen mitzumachen.«

Der junge Mann zog hilflos die Schultern hoch.

»Wir hielten es für das Beste …«

Fidelma schaute zu Ainder. Die hatte die Lippen fest geschlossen und starrte zu Boden. Plötzlich kam Fidelma ein Gedanke.

»Ainder hat dir geraten, dich zu verstecken?« Sie stellte diese Frage mit scharfer Stimme und ohne Vorwarnung.

Nath zuckte zusammen, hob den Kopf und sah Ainder an.

»Guck mich an, Nath!«, rief Fidelma. »Sag mir die Wahrheit, und du hast nichts zu befürchten.«

Der junge Mönch ließ den Kopf hängen.

»Ja, Ainder hat mir geraten, es sei das Beste.«

»Warum?«

»Ainder kam angelaufen und sagte mir, dass Moenach ermordet worden war. Als ich ihr erzählte, dass ich Pater Allán bereits von der Vergewaltigung berichtet hatte, fürchtete sie, man würde das genauso wenig glauben wie die Sache mit dem gestohlenen Becher. Sie hatte Angst, man würde mich nun des Mordes an Moenach verdächtigen. Deshalb sagte sie, ich solle mich lieber verstecken, bis die ganze Aufregung sich gelegt hatte oder ein Brehon einträfe, der meinen Fall mit Nachsicht betrachtete.«

»Das war sehr dumm von dir. Falls man Muirenn für schuldig befunden hätte, hätte das schwer auf deinem Gewissen gelastet.«

»Das hätte ich nicht zugelassen. Ich wäre zurückgekommen«, protestierte Nath.

»Zurückgekommen? Und womit hättest du deine Abwesenheit entschuldigt? Wärst du freiwillig zurückgekommen, um mit Muirenn zu tauschen? Das kann ich kaum glauben.«

»Ob du es glaubst oder nicht, ich hätte es getan.« Der junge Klosterbruder blickte sie trotzig an.

»Das war ein überaus dummer Ratschlag, den du Nath gegeben hast«, sagte Fidelma nun vorwurfsvoll zu Ainder.

Das Mädchen schaute ihr halsstarrig ins Gesicht.

»Ich hielt es damals für das Beste«, erwiderte sie.

»Das glaube ich dir gern«, erwiderte Fidelma nachdenklich.

Sie stand auf und trat zur Tür.

»Ich gehe jetzt ins Kloster und spreche mit Pater Allán. Du solltest zur Gemeinschaft zurückkehren, Nath. Du hast mir die Wahrheit gesagt.«

Pater Allán erhob sich unbeholfen, als Schwester Fidelma eintrat.

»Sagst du mir, warum du Moenach umgebracht hast, oder soll ich es dir erklären?«, fragte sie mit einer Schroffheit, die ihn erstarren ließ. Ihre Stimme war kalt und teilnahmslos.

Pater Allán blinzelte und schaute sie mit offenem Mund an. Ehe er noch etwas erwidern konnte, fügte Fidelma streng hinzu: »Ich weiß, dass du es warst. Es würde uns allen viel Zeit sparen, wenn wir auf falsche Unschuldsbeteuerungen verzichten könnten. Ich habe Verdacht geschöpft, als ich erfuhr, dass Bruder Aedo, nachdem er hier mit der Todesnachricht eingetroffen war, so verstört war, dass er dich nicht zu der Lichtung führen konnte. Trotzdem hast du ohne Hilfe sofort den Weg zu dem Ort gefunden, wo Moenachs Leiche lag, obwohl es im Wald viele ähnliche Lichtungen gibt. Selbst wenn Aedo dir die beste Wegbeschreibung der Welt gegeben hätte, hättest du zumindest ein bisschen danach suchen müssen.«

Die unterschiedlichsten Empfindungen huschten über das Gesicht des Vater Superior. Als er merkte, dass Schwester Fidelma sich nicht erweichen lassen würde, setzte er sich hin und breitete hilflos die Hände aus.

»Ich habe Moenach geliebt!«

»Hass ist oft die Kehrseite der Liebe«, bemerkte Fidelma.

Der Vater Superior ließ den Kopf hängen.

»Ich habe Moenach von Kindesbeinen an erzogen. Ich war vor dem Gesetz sein Ziehvater. Er hatte alles, was sich ein junger Mann nur wünschen konnte: gutes Aussehen, eine wunderbare Begabung und eine Art, mit der er jeden seinem Willen gefügig machen konnte, mit der er alle so täuschen konnte, dass sie an seine Güte und Frömmigkeit glaubten …«

»Nicht alle«, warf Fidelma ein.

»Ich weiß, ich weiß.« Pater Allán seufzte. »Ich hätte schon vor langer Zeit auf die anderen Mönche hören sollen. Ich hätte auf sie hören sollen. Aber ich hatte meine Vorurteile und verschloss meine Ohren vor der Wahrheit.«

»Was hat deine Meinung geändert?«

»Lange versuchte ich, mir selbst über Moenach etwas vorzumachen. Dann kam Nath mit der schrecklichen Neuigkeit darüber, was Moenach Ainder angetan hatte. Ich konnte das Böse, das zu einer solchen Tat geführt hatte, nicht fortbestehen lassen. Wenn er in diesem Alter zu so etwas fähig war, was würde er in Zukunft noch alles an Schlechtem tun?«

»Was geschah dann?«

»Ich schickte Nath fort, gab vor, ihm nicht zu glauben. Ich wusste, dass Moenach ins Dorf gegangen war. Also hastete ich sofort hinter ihm her den Pfad durch den Wald entlang und wartete auf der Lichtung auf ihn. Der Rest war leicht. Er hegte keinerlei Verdacht. Ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf etwas, das auf der Erde lag, und während er sich hinunterbeugte, um es näher zu betrachten, hob ich einen Stein auf und schlug ihn – immer und immer wieder, bis er …«

»Dann kam Muirenn zufällig hinzu …?«

»Ich hörte, wie sich auf dem Pfad jemand näherte. Ich lief fort, so schnell ich konnte.«

»Und die arme Muirenn sah nur irgendeinen Mönch, der davonrannte. Und du ließest es zu, dass man sie für die Mörderin hielt.«

»Das wollte ich nicht. Ich habe seither Höllenqualen gelitten.«

»Und doch hast du geschwiegen, als Bruder Aedo behauptete, sie sei die Mörderin. Und du hast noch mehr Schuld auf dich geladen, indem du sie eingesperrt und um einen Brehon gebeten hast, der über sie zu Gericht sitzen sollte.«

»Ich bin auch nur ein Mensch«, rief Pater Allán aus. »Ich bin nicht erhaben über die Sünde, falls denn der Drang nach Selbsterhaltung überhaupt eine Sünde ist.«

Fidelma spitzte nachdenklich die Lippen und schaute ihn an. »Dein Versuch, den Verdacht auf Unschuldige zu lenken, und dann mit anzusehen, wie diese Unschuldigen litten, das ist eine Sünde.«

»Aber ich habe nichts Böses getan. Ich habe die Welt von dem Bösen befreit, das ich einmal in der irrtümlichen Ansicht genährt hatte, es sei das Gute.« Pater Allán hatte die Fassung wiedergewonnen. Seine Züge zeigten Selbstgerechtigkeit, ja geradezu Stolz. »Ich war überzeugt, Muirenn würde ihre Unschuld schon beweisen können. Wenn sie sich als unschuldig erwies, würde der Verdacht nicht unbedingt auf mich fallen. Jemand hatte Nath den unklugen Rat gegeben, sich zu verstecken. Ihm würde man die Tat anlasten. Jeder wusste, wie sehr er Moenach hasste.«

Fidelma hatte plötzlich das Gefühl, dass irgendetwas an dieser Lösung des Falls nicht recht zusammenpasste. Ein Puzzelteil war noch nicht am richtigen Platz. Sie war davon überzeugt, dass Pater Allán Moenach erschlagen hatte. Weshalb hatte er, der bisher weder Bruder Nath geschweige denn jemand anderem abgenommen hatte, was sie über Moenach erzählten, plötzlich Nath geglaubt, als er wegen der Vergewaltigung zu ihm kam, und seinen Schützling unmittelbar danach umgebracht? Irgendetwas stimmte hier nicht.

Plötzlich trat ein spitzbübisches Lächeln auf Fidelmas Gesicht.

Eine Stunde später stand sie wieder vor Illands Hütte.

Ainder begrüßte sie.

»Ich werde dich nicht lange aufhalten, Ainder«, sagte Fidelma. »Ich möchte nur etwas klarstellen. Du hast mir gesagt, dass Nath dich liebt?«

Ainder nickte und sah sie neugierig an.

»Aber du hast seine Liebe nicht erwidert«, fuhr Fidelma leise fort. »Du hast ihn nie geliebt. Du hast ihn nur benutzt.«

Ainder warf Fidelma einen wütenden Blick zu. Sie sah den Augen der Nonne an, dass sie alles wusste.

»Pater Allán steht unter Arrest, denn man verdächtigt ihn des Mordes an Moenach. Muirenn ist wieder frei, und Nath ist ebenfalls unschuldig. Sein einziges Vergehen war, dass er sich leicht hinters Licht führen ließ.«

Eine ganze Weile sagte Ainder nichts. Dann vermochte sie nicht länger zu schweigen.

»Nath ist schwach, hat keinerlei Begabung. Allán ist der Sohn eines Stammesfürsten, hat einen guten Ruf und eine gute Stellung im Leben. Ich, wir …«

Plötzlich begriff sie, was sie soeben zugegeben hatte. Sie ließ die Schultern hängen und fragte mit einer Kleinmädchenstimme: »Was geschieht nun mit mir?«

Fidelma verspürte keinerlei Mitgefühl mit dieser Kindfrau. Sie liebte Pater Allán offenbar genauso wenig, wie sie Nath geliebt hatte. Sie wollte ihn nur benutzen, um ihre Stellung in der Welt zu verbessern. Pater Allán dagegen war ganz vernarrt in das Mädchen. So sehr, dass er, nachdem er von der Vergewaltigung gehört und dies von ihr bestätigt bekommen hatte, Moenach aufgelauert und ihn umgebracht hatte. Die Wut, mit der er auf Naths Bericht reagiert hatte, war keine Wut, sondern Eifersucht gewesen.

Dann hatten sich Pater Allán und Ainder verschworen, die Tat zwei Unschuldigen anzuhängen. Muirenn hätte wahrscheinlich ihre Unschuld beweisen können. Aber Nath hatten sie zu einem Verhalten überredet, das ihn verdächtig machte. Sie hatten seine naive Zuneigung zu Ainder ausgenutzt und den verliebten jungen Mann zynisch betrogen.

»Du wirst der Mittäterschaft am Mord an Moenach angeklagt werden«, sagte Schwester Fidelma.

»Aber ich bin doch nur …«

»Ein junges Mädchen?«, ergänzte Fidelma trocken. »Nein. Wie du schon einmal gesagt hast, bist du erwachsen und kannst deine eigenen Entscheidungen treffen. Vor dem Gesetz giltst du als verantwortlich. Du wirst vor Gericht gestellt.«

Fidelma blickte in das hassverzerrte Gesicht des Mädchens. Sie dachte an den verliebten Bruder Nath und den liebeskranken Pater Allán. Gar is gráin – Liebe oder Hass, diese Wörter hatten im Irischen die gleiche Wurzel. Wie hatte doch der große Dichter Dallán Forgaill geschrieben? Liebe und Hass sind aus dem gleichen Ei geschlüpft.


SCHMÄHLICHER TOD EINES PFERDES

<p>SCHMÄHLICHER TOD EINES PFERDES</p>

»Das beste Heilmittel für alle Übel der Menschheit ist ein Pferderennen. Es nimmt den Leuten die Streitlust und Habgier. Ohne Pferderennen wäre die Welt um ein Vieles grausamer.«

Der das sagte, war Abt Laisran von Durrow, ein kleiner, rundlicher Mann mit gerötetem Gesicht, der übersprudelte vor Humor und Lebenslust. Wo er ging und stand, strahlte er Fröhlichkeit aus; er war mit der seltenen Gabe gesegnet, stets die positive Seite der Dinge zu sehen. Für ihn war die Welt geschaffen, um ihren Bewohnern Freude zu bereiten.

Schwester Fidelma von Kildare, die neben ihm ging, hatte für seine philosophische Feststellung ein spitzbübisches Grinsen, das ihr als Mitglied der frommen Schwesternschaft von Kildare eigentlich nicht anstand.

»Ich könnte mir vorstellen, dass Erzbischof Ultan deiner Betrachtungsweise wenig abgewinnt, erwiderte sie und unternahm einen schwachen Versuch, sich vorwitzig hervordrängende rote Haarsträhnen zurückzuschieben.

Um den Mund des Abts zuckte es amüsiert, als er seinen einstigen Schützling ansah. Er war es gewesen, der seinerzeit Fidelma zum Studium der Rechtswissenschaft unter dem weithin gerühmten Brehon Morann von Tara gedrängt hatte. Auch später, als sie es bis zum Rang eines anruth gebracht hatte, war sie seinem Rat gefolgt und ins Kloster der heiligen Brigid eingetreten.

»Dafür würde Bischof Bressal mit mir übereinstimmen«, sagte er vergnügt. »Er hat zwei Pferde, die er regelmäßig ins Rennen schickt, und er hat auch nichts dagegen, dass man Wetten auf sie abschließt.«

Fidelma war bekannt, dass Bressal, Bischof am Hof von Fáelán der Uí Dúnlainge, dem König von Laighin, ein glühender Verfechter des Pferdesports war. Im Grunde genommen gab es nur wenige in den fünf Königreichen von Éireann, die das nicht waren. Selbst das alte Wort für ein bekanntes Fest in Éireann, aenach, bedeutete »Wettstreit der Pferde«; da strömten die Menschen zusammen, debattierten über gewichtige Dinge, ließen ihre Pferde rennen, schlossen Wetten auf sie ab, schmausten, freuten sich ihres Lebens und feierten nach Herzenslust. Erst in jüngster Zeit hatte der Erzbischof und Primas Ultan von Armagh begonnen, die beliebten Volksfeste als dem Glauben abträglich zu verurteilen, sie als Gotteslästerung und heidnische Verderbtheit hinzustellen. Er erreichte mit seinen Anprangerungen nicht viel; die meisten, selbst sein eigener Klerus, setzten sich darüber hinweg. Die alten Sitten und Bräuche waren zu tief in den Menschen verwurzelt, als dass die Vorurteile eines einzigen Mannes sie hätten ändern, geschweige denn ausmerzen können.

Auch Abt Laisran und Schwester Fidelma rührten seine Vorhaltungen wenig, mischten sie sich doch unter die Menge, die zum Aenach Lifé, dem jährlichen Fest strebte, das auf der großen Ebene abgehalten wurde. Seit alten Zeiten, seit dem Hochkönig Conaire Mór, hieß die Rennbahn Curragh Lifé, so benannt nach dem mächtigen Fluss, der sich in unmittelbarer Nähe vorbei an den Wällen der Hügelfestung Dún Aillin seinen Weg bahnte. Die Legende wollte es, dass schon die heilige Brigid, die Begründerin des Ordens in dem nahen Kildare, dem auch Fidelma angehörte, ihre Pferde auf ebendieser Ebene ins Rennen geschickt hatte. Jetzt war der Curragh die in allen fünf Königreichen beliebteste Rennstrecke, und zum Aenach Lifé strömten die Menschen aus allen Ecken Irlands. Jedes Jahr war der König von Laighin höchstpersönlich anwesend, eröffnete das Fest und hatte auch selbst die unbestritten besten Rösser aus den königlichen Stallungen im Einsatz.

Fidelma wehrte einen jungen Burschen ab, der ihr heiße Pfannkuchen aufschwatzen wollte, und sah ihren um beträchtliche Jahre älteren Begleiter schmunzelnd an.

»Hast du Bischof Bressal heute schon gesehen?«

»Er soll hier gewesen sein, aber selbst gesehen habe ich ihn nicht. Er schickt heute sein Lieblingspferd Ochain ins Rennen. Seinen Jockey Murchad hingegen habe ich bereits zu Gesicht bekommen. Er schließt hohe Wetten ab, er würde mit Ochain gewinnen. Wie der Bischof ist auch er von sich und seinem Pferd überzeugt.«

Fidelma überlegte und schürzte die Lippen.

»Ochain. Von einem Ross mit dem Namen habe ich schon mal gehört. Wie kann man ein Pferd nur ›der Stöhnende‹ nennen?«

»Angeblich gibt Ochain, wenn er spürt, er ist am Gewinnen, einen stöhnenden Laut von sich. Pferde sind kluge Wesen.«

»Oft klüger als Menschen«, stimmte ihm Fidelma zu.

»Unter uns gesagt, bestimmt klüger als der gute Bischof«, spöttelte Laisran. »Er prahlt öffentlich damit herum, er würde heute das Rennen gegen Fáeláns Pferd gewinnen, und das entzückt den König nicht gerade. Es hat sich bereits herumgesprochen, dass der König über das angeberische Getue des Bischofs reichlich verärgert ist.«

»Fáelán lässt heute eins seiner Pferde laufen?«

»Sein bestes sogar. Damit steht, ehrlich gesagt, der Ausgang schon fest. Im Sattel sitzt Illan, des Königs bester Reiter, und wenn der Aonbharr zwischen seinen Schenkeln hat, kommt keiner in Laighin an ihn ran … Auch nicht ein Murchad auf Ochain. Nebenbei gesagt, wird es Bischof Bressal wenig freuen, dass ausgerechnet Illan das Pferd des Königs reitet.«

»Wieso das?«

»Früher hat Illan Bressals Pferde auf die Rennen vorbereitet und sie bei Wettkämpfen auch geritten. Dann hat der König von Laighin ihm mehr Geld geboten und ihn so für die Arbeit mit Aonbharr abgeworben.«

Aonbharr, das Pferd des Königs, war auch Fidelma ein Begriff. Es war unglaublich schnell, und der König hatte es nach dem sagenumwobenen Pferd des alten Gottes der Meere, Manánnan Mac Lir, benannt, einem wundersamen Ross, das über Land und Wasser fliegen konnte, ohne an Tempo zu verlieren. »Ich habe vergangenes Jahr das Pferderennen auf dem Curragh gesehen, da konnte keins der anderen Tiere mit ihm mithalten. Da muss Bressals Pferd schon enorm gut sein, oder seine Prahlerei wird ihn teuer zu stehen kommen.«

»Du warst das Jahr über auf Reisen und nicht hier, Fidelma, und weißt vielleicht nicht, dass der König und der Bischof mehr oder weniger in Fehde liegen. In den vergangenen zwölf Monaten hat Bressal viermal bei Rennen Pferde gegen des Königs bestes Ross und seinen Jockey in die Bahn geschickt und ist jedes Mal geschlagen worden. Natürlich ist das eine Schmach für ihn, und nun ist er wie besessen. Er fühlt sich von seinem früheren Dresseur und Rennreiter veralbert und ist nur noch darauf aus, das Pferd des Königs und vor allen Dingen Illan zu schlagen. Alle Welt macht sich schon über ihn lustig.« Der Abt wies mit einer Armbewegung auf die dichtgedrängte Menge. »Ich fürchte, ein gut Teil der Leute hier ist nur gekommen, um mit anzusehen, wie Bressal abermals gedemütigt wird, wenn Aonbharr spielend gewinnt.«

»Hab ich nicht gesagt, Pferde hätten mehr Verstand als Menschen?«, meinte Fidelma kopfschüttelnd. »Warum muss eine Lustbarkeit in Feindseligkeit enden?«

Unversehens blieb Laisran stehen und schaute in eine bestimmte Richtung. Ein junger Mann, von der Kleidung her zur Leibgarde des Königs von Laighin gehörend, kämpfte sich durch die Menschenmassen und hielt deutlich auf den Abt und Schwester Fidelma zu. Sichtlich erregt blieb er vor ihnen stehen.

»Ich bitte um Verzeihung, Abt Laisran«, begann er und wandte sich sofort Fidelma zu. »Bist du Schwester Fidelma von Kildare?«

Bestätigend neigte sie den Kopf.

»Würdest du bitte sogleich mit mir kommen, Schwester?«

»Worum geht es?«

»Es geschieht auf ausdrücklichen Wunsch des Königs.« Besorgt schaute sich der junge Mann um und senkte seine Stimme, damit die Umstehenden nicht hören konnten, was er sagte.

»Illan, des Königs ersten Rennreiter, hat man … tot aufgefunden. Aonbharr, des Königs Pferd, ist am Verenden. Der König glaubt, da habe jemand die Hand im Spiel und hat Bischof Bressal festgenommen.«

Mit finsterem Gesicht saß Fáelán vom Stamm der Uí Dúnlainge, König von Laighin, in seinem Zelt. Ohne Umschweife hatte man Fidelma und Laisran zu der beeindruckenden Gruppe von Zelten geführt, die eigens für den König, die Stammesfürsten und die dazugehörigen Damen entlang der Rennbahn aufgestellt worden waren. Es war durchaus üblich, dass ganze Familien während der neun Tage andauernden Festivitäten auf dem Gelände ihr Lager aufschlugen. Hinter den Zelten der Adligen standen die der Dresseure, Reiter und anderer Gefolgsleute, sowie weitere Zelte, die als Ställe für deren Pferde dienten.

Fáelán war ein Mann, der auf die vierzig zuging. Das schwarze Haar und die buschigen Augenbrauen ließen ihn ohnehin düster erscheinen, doch wenn er unfreundlich dreinblickte, hatte er etwas bösartig Gespenstisches an sich, und manch einer zitterte in seiner Nähe.

Nicht so Abt Laisran, der Fidelma begleitet hatte. Unbeeindruckt stand er lächelnd vor dem König, die Hände in den Falten seines Habits verborgen. Er kannte Fáelán gut und wusste, dass sich hinter dessen unnahbarem Äußeren ein anständiger und ehrenhafter Mann verbarg. Neben Fáelán saß die Königin, die schöne Muadnat mit dem glatten Haar, eine große und sinnliche Erscheinung, Geschichten ihrer Liebschaften waren in aller Munde. Sie war festlich gewandet, trug einen mit Juwelen besetzten Gürtel, an dem eine Dolchscheide hing, wie es für Frauen des Adels üblich war. Nur fiel Fidelma auf, dass der dazugehörige kleine Dolch nicht darin steckte. Die Königin wirkte niedergeschlagen, als hätte sie gerade geweint.

Hinter dem Königspaar stand Fáeláns Neffe Énna, der tánaiste, sein Thronnachfolger, und neben ihm dessen Frau Dagháin. Beide waren Mitte zwanzig. Énna war ein gutaussehender, wenn auch mürrisch wirkender Mann, seine Partnerin auf den ersten Blick eine eher unscheinbare Person. Im Gegensatz zur Königin ließ ihre durchaus modische Kleidung die nötige Sorgfalt vermissen. Fidelma bemerkte sofort, dass ihr Gewand befleckt und unordentlich war. Selbst der mit Juwelen besetzte Gürtel und die Dolchscheide machten keinen gepflegten Eindruck, und der zeremonielle Dolch wollte auch nicht so recht in seine Hülle passen. Die Frau hatte Mühe, ein gewisses Unbehagen zu überspielen.

Fidelma stand mit gefalteten Händen vor dem König und wartete geduldig.

»Ich brauche einen Brehon, Schwester«, begann Fáelán. »Ich habe von Énna« – er deutete mit dem Kopf zu seinem tánaiste – »erfahren, dass du mit Abt Laisran hier an der Rennbahn bist.«

Sie schaute ihn aufmerksam an.

»Weißt du schon, was geschehen ist?«, fiel Énna seinem König ins Wort, den dessen vorwitzige Art störte. Noch ehe Fidelma auf Énnas Frage antworten konnte, fuhr Fáelán fort: »Mein bester Rennreiter wurde ermordet, auch hat es jemand darauf angelegt, mein bestes Pferd zu töten. Vom Tierarzt höre ich, es liegt im Sterben und wird die nächsten Stunden nicht überleben.«

»Dein Leibwächter hat es mir gesagt«, erwiderte Fidelma. »Auch weiß ich, dass man Bischof Bressal festgenommen hat.«

»Es geschah auf mein Geheiß«, bestätigte der König. »Wenn einer aus der Gräueltat Gewinn ziehen kann, dann er. Du musst nämlich Folgendes wissen …«

»Ich habe von euren Streitigkeiten wegen der Pferderennen gehört.« Sie winkte ab. »Nur warum verlangst du nach mir? Du hast doch deinen eigenen Brehon.«

Fast unmerklich zuckte Fáelán ob ihrer formlosen Art zusammen und erklärte dann: »Er ist heute nicht anwesend. Es bedarf aber eines Brehons, weil nur er darüber befinden kann, ob es gerechtfertigt ist, den Bischof in Haft zu nehmen und vor Gericht zu stellen. Und da es sich in diesem Fall um einen hohen geistlichen Würdenträger handelt, ist es ein glücklicher Zufall, dass ich mit deiner Person eine dálaigh habe, die gleichzeitig Mitglied eines frommen Ordens ist.«

»Lass mich also die Fakten hören. Wer hat die Leiche deines Rennreiters entdeckt?«

»Ich.«

Die Antwort kam von Dagháin. Fidelma wandte sich ihr zu und hatte so die Möglichkeit, sie etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Sie war blond, hatte eigentlich nichts Besonderes an sich, und auch ihre Gesichtszüge sprühten nicht gerade vor Lebhaftigkeit. Mit ihren grauen und kalten Augen sah sie Fidelma unerschütterlich an.

»Erzähl den Hergang der Geschichte.«

Dagháin vergewisserte sich mit einem fragenden Blick beim König, und als der ihr billigend zunickte, schaute sie wieder Fidelma an.

»Es ist eine Stunde her. Ich war gerade angekommen, wegen der Rennen. Ich bin in Illans Zelt gegangen und fand ihn dort auf der Erde liegen. Er war tot. Dann bin ich zu meinem Mann gelaufen, der beim König war, und habe ihnen berichtet, was ich gesehen hatte.«

Ihre Stimme war sachlich und ohne Arg.

»Vielleicht könnten wir das noch einmal ausführlicher durchgehen«, ermunterte Fidelma sie freundlich. »Du warst gerade angekommen, woher?«

»Meine Frau und ich haben auf der Festung Dún Ailinn übernachtet«, antwortete Énna an ihrer statt. »Hierher gekommen bin ich heute früh, um mich mit Fáelán zu treffen.«

Fidelma nickte.

»Was führte dich unmittelbar in Illans Zelt, dass du nicht erst Ausschau nach deinem Mann gehalten hast?«

Errötete Dagháin ein wenig? Geriet sie ins Zögern?

»Ganz einfach, ich wollte nach Aonbharr, dem Pferd, sehen. Es ist in den Stallungen meines Mannes großgeworden und ging erst später an den König. Ich sah sofort, dass dem Tier etwas fehlte, und eilte zu Illan, um ihm das zu sagen.«

»Und da hast du ihn tot vorgefunden?«

»Ja. Ich war furchtbar erschrocken. Ich wusste mir keinen Rat und rannte hierher.«

»Bist du in der Eile gestürzt?«

»Ja«, gab sie überrascht zu.

»Könnte das erklären, warum deine Kleidung etwas in Unordnung geraten ist?« Es war mehr eine rhetorische Frage, doch die Frau nickte, erleichtert, einer Antwort enthoben zu sein.

»Hast du an Illan etwas erkennen können, das auf die Todesursache hindeutet? Wie lag er da?«

Dagháin überlegte. »Auf dem Rücken. An seiner Kleidung war Blut, mehr habe ich nicht gesehen. Ich wollte nur gleich meinen Mann holen.«

Ein Schluchzen schreckte Fidelma auf. Es kam von Muadnat, der Gattin des Königs. Mit einem Spitzentüchlein tupfte sie sich die Augen ab.

»Du musst schon entschuldigen«, griff der König sogleich ein. »Meine Frau nimmt sich jedwede Form von Gewalt sehr zu Herzen, und Illan gehörte zu unserem Hausstand. Hättest du etwas dagegen, wenn sie sich zurückzieht? Über die Vorgänge kann sie ohnehin keine Auskunft geben und folglich zu deinen Ermittlungen nichts beitragen.«

Fidelma bekundete ihr Einverständnis und nickte der Königin zu. Mit einem verkrampften Lächeln erhob sich Muadnat und verließ mit ihrer Kammerzofe das Zelt.

Jetzt galt Fidelmas Aufmerksamkeit Énna.

»Du hast gehört, was bisher gesagt wurde. Bist du damit einverstanden?«

»Es war, wie es meine Frau geschildert hat«, bestätigte er. »Sie kam reichlich aufgelöst in unser Zelt, wo ich im Gespräch mit Fáelán war, und berichtete uns genau das, was sie dir eben erzählt hat.«

»Und was hast du daraufhin getan?«

»Ich rief ein paar Wachmänner zusammen und ging zu Illans Zelt. Er lag tot auf der Erde, genau wie Dagháin es berichtet hat.«

»Er lag auf dem Rücken?«

»Auf dem Rücken, ja.«

»Fahr fort. Was geschah dann? Bist du der Todesursache nachgegangen?«

»So genau nicht. Allem Anschein nach hatte man ihm unterhalb der Brust einen Stich versetzt. Ich ließ einen Wachtposten bei ihm und ging mit einem zweiten zu dem Zelt, das als Stall diente, um nach Aonbharr zu schauen. Es war, wie Dagháin gesagt hatte. Das Pferd war in einem jammervollen Zustand. Es stand mit gespreizten Beinen da, der Kopf hing zwischen den Schultern, und es hatte Schaum vorm Maul. Ich verstehe genügend von Pferden und sah sofort, dass es offenbar vergiftet worden war. Ich rief Cellach, den Pferdedoktor, er sollte sein Bestmögliches tun, um dem Tier zu helfen. Ich selbst lief zurück zu Fáelán und setzte ihn von allem in Kenntnis.«

Ihre nächste Frage galt dem König.

»Bist auch du, Fáelán vom Stamm der Uí Dúnlainge, der Meinung, dass das bisher Gesagte die Vorgänge genau erfasst?«

»Dem, was Dagháin und Énna berichtet haben, kann ich nur voll und ganz zustimmen.«

»Wie ging es weiter? An welchem Punkt des Geschehens glaubtest du Bressal, deinen eigenen Bischof, als Täter sehen zu müssen?«

Fáelán lachte lauthals los.

»Das stand für mich von Anfang an fest. Das ganze Jahr über ist der Bischof geradezu besessen von dem Gedanken, mein Pferd Aonbharr zu schlagen. Er hat mächtig herumgeprahlt, ist hohe Wetten eingegangen und hat sich erheblich verschuldet. Für das Hauptrennen von heute wollte er mit einem bestimmten Pferd gegen Illan antreten. Ochain, so heißt sein Ross, ist ein gutes Rennpferd, aber gegen Aonbharr hätte es keine Chance gehabt. Man konnte bereits sehen, das Bressal es nicht ertragen würde, gegen mich zu verlieren. Wenn Illan und Aonbharr für das Rennen ausfallen, wird Ochain gewinnen. So einfach ist das. Zudem hat Bressal einen gewaltigen Zorn auf Illan, der früher mal sein Rennreiter war.«

»Als Verdacht ist das nachzuvollziehen, Fáelán.« Fidelma lächelte milde. »Aber für eine Schuldzuweisung und Festnahme braucht es Beweise. Wenn du nur aufgrund deiner Verdachtsmomente gehandelt hast, würde ich dir dringend raten, Bressal auf der Stelle freizulassen, ehe er sich auf Recht und Gesetz beruft und gegen dich vorgeht.«

»Da ist aber noch etwas«, sagte Énna in aller Ruhe und gab einem Krieger der Leibgarde, der am Zelteingang stand, einen Wink. Der Mann ging hinaus und rief jemand. Kurz darauf betrat ein großer, einfach gekleideter Mann mit einem gewaltigen Bart das Zelt und verneigte sich vor dem König und seinem tánaiste.

»Sage der Gerichtsanwältin hier, wie du heißt und was du machst«, forderte ihn Énna auf.

»Ich heiße Angaire und arbeite beim Bischof als Stallknecht.«

Fidelma hob eine Augenbraue, zeigte sonst aber keinerlei Verwunderung.

»Ein Mitglied von Bressals Kloster bist du nicht«, stellte sie sachlich fest.

»Nein, Schwester. Der Bischof hat mich wegen meiner Erfahrung im Umgang mit Pferden eingestellt. Ich reite sein Pferd Ochain zu. Mönch bin ich nicht.« Sein Auftreten war freundlich und selbstsicher.

»Erzähl Schwester Fidelma, was du uns berichtet hast«, verlangte Énna.

»Na ja, Bressal hat oft damit geprahlt, dass Ochain bei dem heutigen Rennen Aonbharr schlagen würde, und hat hohe Wetten auf den Ausgang des Rennens abgeschlossen.«

»Nun komm schon zur Hauptsache«, drängte Fáelán.

»Also heute Morgen machte ich Ochain fertig für …«

»Solltest du ihn heute reiten?«, unterbrach ihn Fidelma. »Ich dachte …«

Angaire schüttelte den Kopf.

»Bressals Rennreiter ist Murchad. Ich trainiere Ochain nur.«

Fidelma bedeutete ihm fortzufahren.

»Ich sagte Bressal, nachdem ich Aonbharr gestern im Probelauf hatte rennen sehen, dass es meiner Meinung nach für Ochain schwer werden würde, ihn auf der Zielgeraden zu überholen. Bressal geriet außer sich. Nie habe ich ihn so wütend gesehen. Er wollte kein Wort von mir hören, und ich ging. Eine halbe Stunde später kam ich an Illans Zelt vorbei …«

»Woher wusstest du, dass es das Zelt von Illan war?«, wollte Fidelma wissen.

»Jeder Rennreiter hat außen am Zelt ein kleines Banner stecken mit dem Zeichen des Besitzers des Pferdes, das er reitet. Bei großen Volksfesten wie diesen hier ist es üblich, die Wappen der Besitzer zu zeigen.«

»Das stimmt«, bekräftigte Fáelán.

»Ich kam also an dem Zelt vorbei und hörte drinnen erregte Stimmen. Die von Bressal erkannte ich sofort. Bei der anderen denke ich mal, es war die von Illan.«

»Und was hast du gemacht?«

Angaire zuckte mit den Schultern. »Es ging mich nichts an. Ich ging weiter zu Murchads Zelt und gab ihm ein paar Ratschläge, was er beim Rennen alles beachten sollte, wenngleich mir klar war, dass er gegen Illan kaum etwas würde ausrichten können.«

»Und dann?«

»Ich verließ Murchads Zelt und sah …«

»Wie viel später war das?«

Angaire blinzelte bei der Unterbrechung. »Zehn Minuten vielleicht. So genau kann ich mich nicht erinnern. Lange haben Murchad und ich jedenfalls nicht gesprochen.«

»Also was hast du gesehen?«

»Ich sah Bressal vorbeilaufen. Auf der Wange hatte er einen roten Striemen, und er war sichtlich aufgebracht. Er hat mich nicht gesehen. Außerdem hielt er unter seinem Umhang etwas verborgen.«

»Kannst du dich etwas genauer zu dem ›etwas‹ äußern?«

»Vielleicht so etwas wie ein langes, schmales Messer.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Fidelma und runzelte die Stirn. »Beschreibe, was genau du gesehen hast.«

»In der einen Hand hatte er etwas Langes und Schmales, verdeckt von seinem Umhang, länger als neun Zoll war es nicht, wie breit, kann ich nicht sagen.«

»Du kannst also nicht beschwören, dass es ein Messer war?« Fidelma wurde scharf. »Ich bin nicht hier, um mir irgendwelche Vermutungen anzuhören, ich brauche Tatsachen. Also weiter.«

Einen kurzen Moment sah er sie betroffen an, zuckte dann mit den Achseln und fuhr fort: »Ich ging meiner Arbeit nach und hörte plötzlich einen Wachmann sagen, man hätte Illan tot in seinem Zelt aufgefunden. Ich hielt es für meine Pflicht, dem Wachtposten von dem zu berichten, was ich wusste.«

»Der Wachtposten kam dann zu mir«, ergänzte Énna, »und später bin ich die Geschichte mit Angaire noch mal durchgegangen.«

»Und ich habe daraufhin Bressal festnehmen lassen.« Fáelán glaubte den Erläuterungen damit einen Schlusspunkt zu setzen.

»Was hat Bressal zu den Anschuldigungen gesagt?«, fragte Fidelma.

»Er hat jede Äußerung verweigert und darauf bestanden, einen Brehon zu sehen«, erwiderte der König. »Als ich von Énna erfuhr, dass du auf der Festwiese bist, habe ich nach dir schicken lassen. Du weißt jetzt genauso viel wie wir. Ich denke, ich habe rechtens gehandelt, den Bischof wegen eines anstehenden Verfahrens in Arrest zu halten. Willst du jetzt mit ihm reden?«

Zu aller Verwunderung schüttelte sie den Kopf.

»Ich möchte erst den Leichnam sehen. Hat man einen Arzt hinzugezogen?«

»Nein. Schließlich ist Illan tot.«

»Dann lass bitte einen kommen. Ich möchte die Leiche untersucht wissen. Während das geschieht, schau ich nach Aonbharr und werde mit dem Pferdedoktor sprechen. Wie hieß er doch gleich?«

»Cellach«, gab ihr der König Bescheid. »Er kümmert sich um alle meine Pferde.«

»Gut. Vielleicht kann mich dein Leibwächter begleiten und zu dem Tier bringen.« Sie wandte sich Abt Laisran zu, der sich die ganze Zeit abseits gehalten hatte. »Würdest du mit mir kommen, Laisran? Ich brauche deinen Rat.«

Unterwegs, als der Krieger ihnen voranging, eröffnete sie Laisran, was sie bewegte: »Ich wollte mit dir sprechen. Mir ist aufgefallen, dass Königin Muadnat von Illans Tod offensichtlich sehr betroffen ist.«

»Deine Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, Fidelma. Ich, zum Beispiel, hatte auch nicht bemerkt, dass Dagháins Kleidung in Unordnung geraten war, erst, als du es erwähntest. Ja, Muadnat hatte ganz deutlich geweint. Illans Tod muss ihr sehr nahegehen.«

»Das hab ich ja selbst schon festgestellt. Aber du weißt mehr von dem, was man sich über das Treiben am Hof erzählt. Es muss doch einen Grund geben, dass sie der Tod derart berührt.«

»Muadnat ist eine hübsche Frau, und dem Hörensagen nach ist sie in ihren fleischlichen Gelüsten unersättlich. Mehr sage ich lieber nicht, denn Fáelán ist ein duldsamer Herrscher.«

»Weshalb sprichst du so in Rätseln, Laisran?«, fragte sie.

»Verzeih. Ich dachte, Illans Ruf als Frauenheld sei dir nicht unbekannt. Illan war nur einer von vielen Liebhabern, die sich in der Gefolgschaft der Königin die Ehre gaben.«

Als Fidelma und Laisran das Zelt betraten, in dem Aonbharr untergebracht war, lag das Pferd auf der Seite, jeder Atemstoß war ein quälendes Röcheln. Es rang mit dem Tod. Etliche Männer standen um das Tier herum, unter ihnen auch Cellach, der Tierarzt.

Der hagere Mann mit dem vom Wetter gegerbten Gesicht blickte die Schwester mit großen grauen und traurigen Augen an. Er litt deutlich mit dem Tier mit.

»Aonbharr stirbt«, gab er auf Fidelmas Frage zur Antwort.

»Kannst du bestätigen, dass man ihn vergiftet hat?«

»Ja«, erwiderte er bitter. »Mit einer Mischung aus Eisenhut, zerstampften Efeublättern und Alraune. So viel habe ich feststellen können, Schwester.«

Sie sah ihn verwundert an, und er bemerkte, dass sie seiner Aussage nicht recht traute.

»Das zu erkennen bedurfte keiner Zauberei, Schwester.«

Sanft berührte er das Maul des Pferdes und öffnete es einfühlsam. Der fahle Gaumen war mit Blut und Speichel besprenkelt. Inmitten des Schleims waren noch Futterreste zu erkennen.

»Du siehst da noch die Reste der Giftmischung. Es ist eindeutig, jemand hat das Tier mit dem tödlichen Zeug gefüttert.«

»Wie lange kann das her sein?«

»Nicht lange. Vielleicht eine Stunde oder auch weniger. Ein paar Handvoll davon sind von sofortiger Wirkung.«

Fidelma legte dem Pferd die Hand auf die Nüstern und streichelte es sanft. Unter Anstrengung machte es die großen braunen Augen auf, sah sie an und atmete mit lautem Stöhnen aus.

»Hat man ihm noch auf andere Weise etwas angetan?«, fragte sie.

»Nein, Schwester.«

»Wäre es denkbar, dass Aonbharr rein zufällig von allein die giftigen Pflanzen gefressen hat?«, gab Laisran zu überlegen.

»Wenn er doch hier im Stall angebunden war? Das ist schwer vorstellbar, Abt«, wehrte Cellach ab. »Auch im Freien verhalten sich Pferde klug und mit Vorsicht. Sie haben einen Spürsinn für Dinge, die ihnen schaden könnten. Abgesehen davon gibt es hier in der Gegend weder Alraune noch Eisenhut. Und wie sollte es Efeublätter kleinstoßen? Nein, das ist vorsätzlich von Menschenhand geschehen.«

»Besteht für das Tier noch Hoffnung?«, fragte Fidelma bewegt.

Cellach schüttelte den Kopf. »Länger als bis Mittag quält es sich nicht mehr.«

Sie ging auf den Zeltausgang zu. »Wir müssen wohl oder übel zu Illan und seinen Leichnam betrachten.«

»Bist du Schwester Fidelma?«, fragte eine Stimme gereizt.

Bei ihrem Eintreten richtete sich eine Nonne auf, die über den auf dem Erdboden liegenden Leichnam gebeugt gewesen war. Es war eine stämmige Frau mit großen Händen und grob geschnittenem Gesicht. Nachdem Schwester Fidelma ihre Frage bestätigt hatte, fuhr sie fort: »Ich bin Schwester Eblenn, die Apothekerin in der Gemeinschaft der heiligen Darerca.«

»Hast du die Leiche schon untersucht?«

Schwester Eblenn verneigte sich flüchtig vor Laisran, der hinter Fidelma erschien, und erwiderte: »Ja. Erstochen. Mitten ins Herz.«

Fidelma wechselte einen Blick mit dem Abt.

»Hast du das Messer gefunden?«

»Die Wunde stammt nicht von einem Messer«, erklärte Eblenn entschieden.

Vergeblich wartete Fidelma auf eine ergänzende Bemerkung und fragte schließlich ungehalten: »Wovon dann?«

Die Apothekerin zeigte auf den Tisch. Da lag ein zerbrochener Pfeil. Es war die vordere Hälfte eines Pfeils; ungefähr neun Zoll Schaftlänge und die Spitze. An der Bruchstelle war der Schaft gesplittert.

Fidelma nahm das Stück in die Hand und betrachtete es näher. Es war blutverschmiert; man konnte schlussfolgern, dass Schwester Eblenn es aus der Wunde gezogen hatte.

»Willst du damit sagen, man hätte Illan mit dem Pfeil hier ins Herz gestochen?«, mischte sich Abt Laisran ein. »Erstochen, hast du gesagt, nicht mit dem Pfeil erschossen?«

Schmollend verzog sie den Mund und sah ihn verdrossen an. »Du hast es doch gehört.«

»Bisher hast du überhaupt nichts erklärt«, wies Fidelma sie zurecht. »Berichte, was genau du festgestellt hast, und halte dich an die Tatsachen.«

Eblenn war es nicht gewohnt, dass man sie befragte. Sie setzte bei anderen das Wissen um die Dinge voraus und verstand es nicht, sich klar und eindeutig auszudrücken. Gerügt zu werden war ihr fremd.

»Der Tote erfuhr einen Stich ins Herz.« Sie sprach langsam und deutlich, ohne innere Anteilnahme, wie ein Kind, das gelangweilt – nach Offensichtlichem befragt – die verlangte Erklärung abgibt. »Der Stich erfolgte mit dem Pfeil hier. Der Täter hat mit dem Pfeil unterhalb des Rippenbogens zugestoßen, genau am Brustbein vorbei, hat mit der nötigen Kraft die Pfeilspitze nach oben und ins Herz getrieben. Der Tod erfolgte unmittelbar. Geblutet hat es so gut wie gar nicht.«

»Aus welchen Erwägungen heraus sprichst du nicht davon, dass der Pfeil abgeschossen wurde?«, fragte Abt Laisran erneut.

»Bei dem Einstichwinkel, wie er sich uns darbietet, hätte der Bogenschütze fünf Fuß entfernt und mindestens fünf Fuß tiefer als das Opfer stehen müssen, um in einem Winkel von fünfundvierzig Grad schräg nach oben schießen zu können. Außerdem ist der Pfeil entzweigebrochen. Ich vermute, der Schaft hat der Kraft, mit der zugestoßen wurde, und der festen Umklammerung durch die Hand des Angreifers nicht standhalten können.«

»Demnach hast du die Pfeilspitze regelrecht herausschneiden müssen?«

Kopfschüttelnd widerlegte sie die Vermutung.

»Die Pfeilspitze ist Teil des Schafts, das Holz vorne lediglich zugespitzt. Ich musste nichts herausschneiden, brauchte den Pfeil nur herauszuziehen. So, wie er hineinging, ging er auch wieder heraus. Es war ganz leicht.«

Im Stillen war Fidelma leicht verzweifelt.

»Schon als du herkamst, um den Leichnam zu untersuchen, war der Pfeil entzwei? Die eine Hälfte steckte im Körper, die andere … Wo war die eigentlich?«

Schwester Eblenn schreckte auf und schaute sich um, als würde ihr das helfen, die Antwort zu finden.

»Das weiß ich nicht; sie müsste hier irgendwo liegen.«

An Fidelma zerrte die Ungeduld. Aus Schwester Eblenn etwas herauszukriegen war wie Forellenangeln. Man musste die Angel aufs Geratewohl auswerfen. Sinnend betrachtete sie die Pfeilspitze. Wie aus der Ferne hörte sie Eblenn etwas sagen.

»Was?«

»Ich muss zurück in mein Apothekerzelt. Der eine Diebstahl heute früh hat mir gereicht, und man weiß ja, Gelegenheit macht Diebe.«

Im Nu war Fidelma hellwach. »Was hat man aus deinem Zelt entwendet?«

»Ach, nur ein paar Kräuter. Aber auch die kosten Geld.«

»Die paar Kräuter – waren das Alraune, Eisenhut und zerstoßener Efeu?«

»Oh, du hast wohl mit Lady Dagháin gesprochen?«

Fidelma stutzte. »Was hat Lady Dagháin damit zu tun?«

»Nichts. Sie kam nur gerade an meinem Zelt vorbei, als ich den Diebstahl entdeckt hatte. Ich bat sie, ihren Mann in Kenntnis zu setzen, der als tánaiste für die königlichen Wachen verantwortlich ist.«

»Wann genau war das?«

»Zur Frühstückszeit. Heute Morgen. Zuvor hatte Königin Muadnat bei mir hereingeschaut, sie wünschte Balsam gegen Kopfschmerz. Kurze Zeit darauf merkte ich, dass die Kräuter fehlten. Als ich dann zum Frühstück gehen wollte, sah ich Lady Dagháin und sagte es ihr.«

Damit verließ sie Schwester Eblenn. Laisran, dem immer noch seine Verwirrung anzumerken war, stellte zufrieden fest: »Wenigstens wissen wir jetzt, woher der Täter das Gift hatte.«

Fidelma nickte geistesabwesend. Sie ging auf die Knie, begann, die Leiche näher zu untersuchen und winkte dann Laisran zu sich heran.

»Schau dir mal die Wunde an, Laisran. Ich habe den Eindruck, Schwester Eblenn mangelt es an Gründlichkeit.«

Nachdem Laisran die Wunde eingehend beäugt hatte, kam auch er zu der Erkenntnis: »Von einer Pfeilspitze stammt die nicht. Sie ist mehr wie ein klaffender Schlitz, könnte eher von einem Messer mit breiter Klinge stammen.«

»Genau der Meinung bin ich auch.«

Sorgsam suchte sie den Erdboden ab, fing bei dem Leichnam an und zog immer größere Kreise. Aber bis auf eine cena aus Leder, einen Beutel mittlerer Größe, fand sie nichts. Sie legte ihn auf den Tisch. Was sie zu finden gehofft hatte, konnte sie nirgends entdecken. Unverrichteter Dinge stand sie wieder auf. Sie nahm das abgesplitterte Pfeilstück, drehte es ratlos hin und her und steckte es in ihr marsupium, die Gürteltasche, die sie stets bei sich trug.

Schließlich warf sie einen letzten Blick auf Illan. Laisran hatte recht – er war ein hübscher junger Mann gewesen. Doch sein Antlitz war ein wenig zu schön, als dass es sie gereizt hätte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie selbstgefällig und von sich überzeugt er sich zu Lebzeiten gegeben hatte.

Mit einem Hüsteln machte Abt Laisran auf sich aufmerksam.

»Hast du schon irgendwelche Vorstellungen?«

Sie lächelte ihren alten Mentor an. »Jedenfalls keine, die Sinn machen.«

»Während du mit dem Leichnam beschäftigt warst, habe ich mir den kleinen Beutel, den du in der Zeltecke gefunden hast, etwas näher angesehen. Du solltest auch mal hineinschauen.«

Stirnrunzelnd folgte sie seinem Rat und beförderte eine Kräutermischung ans Tageslicht. Argwöhnisch schnupperte sie daran.

»Ist das wirklich, was ich vermute?«, fragte sie Laisran mit großen Augen.

»Ja. Alraune, Eisenhut und Efeublätter. Nicht nur das, auf der cena ist auch ein kleines Zeichen, aber ein anderes, als ich auf der Apothekertasche von Schwester Eblenn gesehen habe.«

Beinahe hätte Fidelma gepfiffen, aber sie beließ es bei der Lippenbewegung.

»Das gibt uns ein neues Rätsel auf, Laisran. Wir müssen herausfinden, zu wem das Wappen gehört.«

Völlig unerwartet betrat Énna das Zelt.

»Ah, da bist du ja, Schwester. Hast du hier genug gesehen?«

»Was zu sehen war, habe ich gesehen«, erwiderte sie.

Sie wies auf den Leichnam. »Ein trauriges Ende für einen, der so jung und talentiert war.«

»Manch ein Ehemann ist da anderer Meinung, Schwester«, meinte er hämisch.

»Denkst du an die Königin?« Laisran erwehrte sich nicht eines Lächelns.

Peinlich berührt zuckte Énna zusammen. Von Muadnats Affären wussten viele, aber niemand am Hof verlor ein Wort darüber.

»Du wirst jetzt gewiss Bischof Bressal aufsuchen?«, wandte er sich an Fidelma. »Er ist schon etwas ungehalten, dass du nicht als Erstes zu ihm gegangen bist.«

Fidelma hielt sich mit einer Entgegnung zurück.

»Bevor wir das tun, brauche ich deine Hilfe Énna«, sagte sie stattdessen. »Als tánaiste kennst du dich doch sicher mit Wappen und Stammeszeichen aus.«

Er machte eine zustimmende Geste.

»Was für ein Zeichen ist das hier?« Sie hielt ihm den Beutel hin, den sie gefunden hatten.

»Das sind die Insignien aus dem Hause des Bischofs Bressal«, erwiderte Énna ohne Zögern.

Fidelma presste die Lippen zusammen, während Laisran einen erschrockenen Laut von sich gab.

»Ich will den guten Bischof nicht länger als nötig warten lassen«, sagte Fidelma fast ein wenig ironisch. »Gehen wir zu ihm.« »Erzähl, wie sich dir die Dinge darstellen«, forderte Fidelma den Bischof des Königs von Laighin auf und nahm vor dem erregten Mann Platz. Bressal war groß und beleibt, von starkem Knochenbau und hatte im Gegensatz dazu ein blasses, fast kindliches Gesicht, dazu den Ansatz einer Glatze. Was ihr gleich als Erstes auffiel, war der rote Striemen auf seiner linken Wange.

Missbilligend sah er sein junges Gegenüber an, um dann aufzublicken und Abt Laisran zuzunicken, der gleichfalls das Zelt betreten hatte und mit verschränkten Armen am Eingang stehen geblieben war. Als vierte Person stand noch ein groß gewachsener Krieger im Raum, der zu Bressals Hausstand gehörte, denn Rang und Amt des Bischofs berechtigten ihn zu einer Leibwache.

»Du hast dich ohne Erlaubnis in meiner Gegenwart gesetzt, Schwester«, tadelte er Fidelma.

In aller Ruhe sah sie ihm ins Gesicht und erklärte ungerührt: »Mich zu setzen ist mir ohne ausdrückliche Aufforderung in der Gegenwart jedes Kleinkönigs gestattet. Ich bin eine dálaigh, Anwältin beim Gericht, und habe den Grad eines anruth erworben. Mit anderen Worten, selbst in der Gegenwart des Hochkönigs darf ich mit seiner Erlaubnis sitzen. Ich bin …«

Verärgert winkte er ab. Mit den Regeln von Vorrechten der Brehons in ihren Rangabstufungen war er vertraut.

»Kommen wir zur Sache, anruth. Wieso sehe ich dich erst jetzt? Je früher man mich anhört, desto rascher hat meine unerhörte Festnahme ein Ende.«

Nachdenklich sah sie ihn an. Was war das nur für ein hochmütiger Mann! An den Geschichten, die sie über ihn und sein eitles Vorhaben gehört hatte, beim Pferderennen unbedingt gegen das Pferd des Königs siegen zu wollen, musste etwas dran sein.

»Wenn dir an einer zügigen Klärung der Vorfälle gelegen ist, dann beantworte bitte meine Fragen und lass deine beiseite. Im vorliegenden Fall …«

»Der ist doch klar!«, polterte der Bischof los. »Fáelán versucht mir für eine Sache die Schuld zuzuschieben, mit der ich nichts zu tun habe. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Wahrscheinlich hat er das alles selbst gemacht, um mich in ein schlechtes Licht zu setzen, weil er wusste, dass mein Pferd seins schlagen würde.«

Fidelma zog die Augenbrauen hoch.

»Mit Gegenanschuldigungen kommt man besser erst, wenn man seine Unschuld bewiesen hat. Ich hätte gern gewusst, wo überall du dich heute Morgen aufgehalten hast.«

Er wollte sich weiter mit ihr anlegen, ließ sich dann aber doch herab, ihr zu antworten.

»Ich bin in Begleitung meines Leibwächters Sílán« – er wies mit einer Kopfbewegung auf den Krieger – »zur Rennstrecke gegangen. Wir wollten nach meinem Pferd Ochain sehen.«

»Wer hatte Ochain dort hingebracht?«

»Angaire, der mit dem Pferd arbeitet, und Murchad, mein Rennreiter.«

»Und wann genau wart ihr unterwegs? Ich meine, wie lange, bevor man Illans Leiche entdeckte.«

»Wann man die Leiche entdeckt hat, weiß ich nicht, aber ich muss etwa eine Stunde zurück gewesen sein, als Fáelán, dieser Dreckskerl, mich hat verhaften lassen.«

»Bist du außer Angaire und Murchad noch anderen begegnet?«

»Da waren jede Menge Leute an der Rennstrecke. Der eine oder andere wird mich auch gesehen haben, aber wer im Einzelnen dort war, das kann ich nicht sagen.«

»Mir geht es mehr darum, ob du dich mit irgendjemand unterhalten hast, vielleicht auch mit jemand Bestimmtem … mit Illan, zum Beispiel.«

Er starrte sie an. Dann schüttelte er den Kopf. Sie sah ihm an, dass er nicht die Wahrheit sagte. Seine Augen verrieten ihn.

»Du hast also heute Morgen nicht mit Illan gesprochen?«, drängte sie.

»Ich hab es doch eben gesagt.«

»Denk noch einmal nach, Bressal. Bist du nicht zu seinem Zelt gegangen, weil du mit ihm sprechen wolltest?«

Er starrte sie abermals an. Schuldbewusstsein machte sich auf seinem Gesicht breit.

»Ein Knecht Gottes sollte nicht lügen, Bressal«, mahnte Laisran vom Zelteingang her. »Ein Bischof schon gar nicht.«

»Ich habe Illan nicht getötet«, erklärte er widerborstig.

»Wie hast du dir die frische Wunde auf der linken Wange zugezogen?«, fragte Fidelma plötzlich.

Wie im Reflex hob Bressal die Hand und tastete nach dem Striemen im Gesicht.

»Ich …« Er kam nicht weiter, ihm fiel keine brauchbare Antwort ein. Er sackte zusammen, wurde förmlich kleiner auf seinem Stuhl und gab sich geschlagen.

»In der Not ist die Wahrheit die beste Zuflucht«, empfahl ihm Fidelma ungerührt.

»Es stimmt, ich bin zu Illans Zelt gegangen und geriet in Streit mit ihm. Dabei hat er mir eine versetzt«, gab er mürrisch zu.

»Und du hast zurückgeschlagen?«

»Heißt es nicht bei Lukas: ›Wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den anderen auch dar‹?«, wehrte er sich.

»Nicht immer hält man sich an das, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Muss ich es so verstehen, dass du – ein Mann nicht arm im Geiste – es Illan nicht mit gleicher Münze heimgezahlt hast, als er dich schlug?«

»Illan lebte, als ich ihn verließ«, murmelte er.

»Aber handgreiflich bist du geworden?«

»Natürlich! Der Hund hat es gewagt, mich, einen Fürsten und Bischof von Laighin, anzurühren!«

Fidelmas Seufzer war unüberhörbar.

»Und weswegen ist er gewalttätig geworden?«

»Ich … ich habe ihn erzürnt.«

»Hatte euer Streit etwas damit zu tun, dass er früher mal dein Rennreiter war, dann aber aus deinen Diensten ausgeschieden ist, um für Fáelán zu reiten?«

»Du scheinst eine Menge zu wissen, Schwester Fidelma«, sagte er aufs höchste erstaunt.

»In welchem Zustand hast du Illan verlassen?«

»Ich hatte ihm einen Kinnhaken versetzt, und er fiel in Ohnmacht. Unser Gespräch war damit zu Ende, und ich ging. Getötet habe ich ihn nicht.«

»Wie kam es zu dem Streit?«

Beschämt senkte Bressal den Kopf, aber da er sich nun einmal für eine wahrheitsgemäße Schilderung entschieden hatte, blieb er seinem Vorsatz treu.

»Ich bin zu ihm gegangen, weil ich ihn mit Geld überreden wollte, von dem Rennen Abstand zu nehmen und sich wieder in meine Dienste zu begeben.«

»Hat irgendjemand davon gewusst, dass du ihn bestechen wolltest?«

»Ja, Angaire.«

»Dein Stallknecht, der mit deinem Pferd arbeitet?« Fidelma überlegte fieberhaft.

»Ich hatte Angaire gesagt, dass ich mit der Art und Weise, wie er Ochain zuritt, nicht sehr glücklich wäre. Ich habe ihm auch gesagt, wenn ich Illan dazu bewegen könnte, zu mir zurückzukommen, könne er sich nach einer anderen Arbeit umsehen. In allen diesjährigen Rennen hat mir Angaire nicht einen Sieg beschert.«

Fidelma wandte sich dem schweigend dastehenden Krieger zu.

»Wie viel von dem eben Dargelegten kannst du bestätigen, Sílán?«

Verblüfft starrte sie der Mann an und schaute dann zu Bressal, als brauche er sein Einverständnis, sprechen zu dürfen.

»Erzähl ihnen, was sich heute früh zugetragen hat«, befahl ihm Bressal unwirsch.

Steif bezog Sílán Position vor Fidelma, Blick geradeaus, und fing mit monotoner Stimme an zu reden.

»Ich bin an der Rennbahn kurz nach …«

»Bist du schon lange Leibwächter des Bischofs?«, unterbrach ihn Fidelma. Sie hatte etwas gegen einstudierte Reden, und wenn sie das Gefühl hatte, man wollte ihr eine vorsetzen, ging sie gern mit einer Frage dazwischen, um den Vortragenden aus dem Konzept zu bringen.

»Ja, Schwester. Seit einem Jahr.«

»Fahr fort.«

»Kurz nach der Morgendämmerung bin ich zur Rennbahn gekommen, um beim Zeltaufbau des Bischofs zu helfen.«

»Hast du da bereits Illan gesehen?«

»Selbstverständlich. Es waren schon viele da. Der Bischof, auch Angaire, Murchad, Illan, selbst Fáelán und die Königin und der tánaiste …«

Er sprach mit ihr, aber sie sah ihn nicht an. Ihr Blick haftete auf dem Köcher, den er an der Seite trug. Ein Pfeil schien kürzer als die anderen. Das mit den Federn besetzte Ende war zwischen den anderen etwas tiefer in den Köcher gesunken.

»Kipp mal deinen Köcher aus!«, forderte sie ihn unvermittelt auf.

»Was soll ich?«

Er schaute sie fassungslos an. Selbst Bressal schien zu glauben, sie sei verrückt geworden.

»Kipp die Pfeile aus deinem Köcher und lege sie hier auf den Tisch vor mir«, wies sie ihn an.

Mit gekrauster Stirn tat er, wie geheißen.

Zielgerichtet griff Fidelma nach einem Pfeil und hatte sein abgesplittertes hinteres Ende von etwa sechs Zoll Länge in der Hand. Sie wusste, dass sie nach der dazugehörigen vorderen Hälfte nicht zu suchen brauchte.

Stillschweigend verfolgten die anderen, wie sie das entsprechende vordere Ende mit der Pfeilspitze aus ihrem marsupium zog. Unter ihren gebannten Blicken fügte sie die beiden Hälften zusammen. Sie passten haargenau zueinander.

»Ich fürchte, du bist in einer dummen Lage, Sílán«, sagte Fidelma bedächtig. »Die Spitze deines Pfeils steckte in der Wunde, an der Illan starb.«

»Ich hab es nicht getan!«, rief der Krieger verzweifelt.

»Ist es einer deiner Pfeile oder nicht?«, fragte sie und hielt die beiden Hälften in die Höhe.

»Worauf willst du hinaus?«, rief Bressal dazwischen.

Neugierig trat Laisran näher. »Das Zeichen am Schaft stimmt mit deinen anderen Pfeilen überein.«

Sílán nickte. »Ja, es muss einer meiner Pfeile sein. Ein jeder wird dir sagen, dass er das Kennzeichen des Bischofs trägt.«

»Laisran, lege bitte den Beutel, den wir in Illans Zelt gefunden haben, auf den Tisch«, forderte Fidelma jetzt den Abt auf. Dann deutete sie auf das Wappen.

»Und wie ist es mit diesem Zeichen hier? Es gleicht dem auf dem Pfeilschaft.«

»Na und?«, meinte Bressal achselzuckend. »Alle Mitglieder meines Hausstands tragen meine Hausmarke. Beutel wie der hier dienen als Satteltaschen, jeder, der in meinen Stallungen arbeitet, hat Zugriff zu ihnen.«

»Würde es dich sehr erstaunen, wenn du erfährst, dass der hier giftige Kräuter enthält, und zwar genau die, mit denen Aonbharr vergiftet wurde?«

Sílán und Bressal schwiegen.

»Es könnte leicht heißen, dass Sílán auf Anweisung von Bischof Bressal, seinem Herrn, Illan getötet und Aonbharr vergiftet hat«, überlegte sie laut.

»Ich habe es nicht getan!«

»Und ich habe ihn niemals angewiesen, so etwas zu tun«, rief Bressal kreidebleich und außer sich.

»Wenn du gestehst, du hättest die Tat auf Anordnung von Bressal begangen, würde man mit dir weniger hart ins Gericht gehen«, redete Fidelma dem Krieger zu.

Doch Sílán blieb bei seiner Aussage.

»Ich habe nie eine solche Anweisung erhalten und habe es nicht getan.«

Nun wandte sich Fidelma Bressal zu.

»Zunächst sind es nur Indizienbeweise, Bischof. Sei es, wie es sei, sie sprechen dennoch gegen dich. Der Pfeil und der Beutel mit der giftigen Kräutermischung sind Beweisstücke, die sich schwer widerlegen lassen.«

Ihre Worte machten ihn betroffen.

»Hast du Illan aus eigenem Antrieb umgebracht?«, fragte er Sílán barsch.

Der schüttelte heftig den Kopf und sah Fidelma flehend an. Sie spürte, dass er unschuldig war. Die Beweise, die gegen ihn und den Bischof vorlagen, ließen ihn hilflos dastehen.

»Ich kann mir das alles nicht erklären«, war das Einzige, was er hervorbrachte.

»Hast du heute Morgen deinen Köcher mit den Pfeilen die ganze Zeit bei dir getragen?«, gab Fidelma ihm zu überlegen.

Er dachte eine Weile nach. »Nicht den ganzen Morgen. Die meiste Zeit über hatte ich Köcher und Bogen im Zelt des Bischofs gelassen, weil ich alle möglichen Gänge zu erledigen hatte.«

»Was für Gänge, zum Beispiel?«

»Ich sollte zum Beispiel sehen, wo Murchad ist. Ich fand ihn in der Nähe von Illans Zelt, wo er gerade mit Angaire sprach; das war, als Lady Dagháin aus Illans Zelt gestürzt kam, sie war ganz blass und rannte zu ihrem Zelt. Ich weiß noch, dass Angaire eine unfeine und anzügliche Bemerkung machte. Ich ließ ihn stehen und kam mit Murchad hierher.«

»Der Köcher mit den Pfeilen war also hier im Zelt, während du auf des Bischofs Geheiß unterwegs warst, um ihm seinen Rennreiter zu holen?«, fasste Fidelma seine Schilderung zusammen. »Und der Bischof war allein hier im Zelt?«

Ihre Bemerkung brachte Bressal auf, und er wurde zornesrot.

»Wenn du jetzt behauptest, ich hätte einen Pfeil genommen und wäre losgegangen, um Illan zu töten …«, fing er erregt an.

»Immerhin warst du zu der Zeit allein hier im Zelt, oder?«

»Nicht die ganze Zeit. Síláns Waffen lagen die überwiegende Zeit hier, und wir waren beide mal drin, mal draußen. Auch Besucher kamen und gingen. Selbst Fáelán und Muadnat, seine Frau, haben vorbeigeschaut.«

Das überraschte Fidelma. »Was hat ihn hierhergeführt, wenn ihr doch bittere Rivalen wart?«

»Fáelán wollte mit Aonbharr angeben, das war alles.«

»Kam er vor oder nach deinem Streit mit Illan?«

»Davor.«

»Und er war in Begleitung von Muadnat?«

»Ja. Und dann kam Énna.«

»Und was wollte der?«

»Mich bitten, Ochain aus dem Rennen zu nehmen; die Feindseligkeiten zwischen mir und dem König wären dem Ruf des Königreichs nicht dienlich. Aber das stand außer Frage. Auch waren Angaire und Murchad hier.«

»Lady Dagháin, Énnas Frau, gehörte die ebenfalls zu deinen Besuchern?«

Der Bischof schüttelte den Kopf. »Wie auch immer, wenn es dir darum geht, ob es möglich gewesen wäre, dass jemand einen Pfeil genommen und Illan getötet hat, dann kann ich nur sagen, Gelegenheit dazu hatten mehr als einer.«

»Und wie erklärst du den Beutel mit den Giftkräutern?«

»Dazu kann ich nur sagen, dass mein Wappen darauf ist, alles andere entzieht sich meiner Kenntnis.«

Fidelma lächelte schwach und bat Laisran: »Lass uns gehen.«

Dass sie Anstalten machte, das Zelt zu verlassen, erboste Bressal, und er rief ihr hinterher: »Was gedenkst du jetzt zu tun?«

Sie war schon am Zeltausgang, drehte sich aber noch einmal zu ihm um. »Ich gedenke meine Nachforschungen abzuschließen, Bressal«, sprach’s und verschwand, gefolgt von dem leicht verwirrten Laisran.

Draußen hatte Fáelán mehrere Krieger aus seiner Leibgarde zur Bewachung des Gefangenen aufgestellt.

»Viel übrig hast du für den guten Bischof nicht«, meinte Laisran.

Sie lachte schelmisch. »Er ist ja auch nicht gerade ein liebenswerter Mensch.«

»Und das Beweismaterial spricht gegen ihn. Der Fall ist damit wohl schlüssig.« Er hatte seinen Schritt beschleunigt und ging jetzt neben ihr.

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Wenn Bressal oder Sílán als Mordwerkzeug den Pfeil benutzt hätten, dann hätten sie die verräterische Hälfte davon nicht für jedermann so offensichtlich bei sich behalten.«

»Irgendwo ergibt es aber doch einen Sinn. Der eine wie der andere könnte Illan mit dem Pfeil umgebracht haben. Dann ging dem Täter auf, dass die Hausmarke auf dem Schaft ihn hätte verraten können, er brach das hintere Ende ab, nahm es an sich und entfernte es damit vom Tatort.«

»Und ließ den Beutel mit dem Wappen und den giftigen Kräutern gut sichtbar in Illans Zelt? Nein, mein guter Mentor«, widersprach sie mit nachsichtigem Lächeln, »wenn der Mörder so klug gedacht hätte, wie du glaubst, dann hätte er den Pfeil leicht vernichten können. Es gibt genug Feuerstellen, wo man ihn mühelos hätte verbrennen können. Warum das Pfeilende so augenfällig in den Köcher zurückstecken? Auch hätte er den Beutel verschwinden lassen. Vor allen Dingen aber hast du eine Tatsache außer Acht gelassen, die ganz offensichtlich auch Bressal und Sílán übersehen haben, und das wiederum belegt ihre Unschuld.«

Verständnislos sah Laisran sie an.

»Jetzt musst du mir auf die Sprünge helfen.«

»Wir haben doch gemeinsam festgestellt, dass der Pfeil erst in die Wunde gesteckt wurde, als Illan bereits tot war. Eine Irreführung also. Illan wurde mit einem Dolch erstochen und nicht mit dem Pfeil getötet.«

Laisran schlug sich mit der Hand vor den Kopf. Bei dem Kreuzverhör von Bressal und Sílán, das er erregt mitverfolgt hatte, war ihm der entscheidende Punkt glatt entfallen.

»Glaubst du, da ist eine Verschwörung im Gange, um Bressal als schuldig erscheinen zu lassen?«

»Ja, der Auffassung bin ich.«

Wie vom Donner gerührt, blieb er stehen.

»Wer aber …? Du glaubst doch nicht etwa, der König …? Dass Fáelán in Sorge geraten war, sein Pferd könnte nicht gegen das von Bressal gewinnen, und er einen so verteufelten Plan ausgeheckt hat?«

»An deiner Hypothese ist etwas dran, aber noch bleibt einiges zu tun, ehe wir mit ihr arbeiten können«, entgegnete sie zurückhaltend.

Énna stand plötzlich vor ihnen.

»Warst du bei Bressal, Schwester?«, fragte er anstelle einer Begrüßung.

Sie nickte.

»Und, hat er sich schuldig bekannt?«

Sie schaute ihn nachdenklich an.

»Wieso? Hältst du ihn für schuldig?«

»Was heißt, für schuldig halten? Das steht doch außer Zweifel.«

»Nach unseren Gesetzen muss jemandem, wenn er nicht von sich aus seine Schuld bekennt, eine Missetat nachgewiesen werden. Bressal weist jede Schuld von sich. Im Ergebnis meiner Ermittlungen müsste ich ihn des Verbrechens überführen können.«

»Das dürfte nicht weiter schwierig sein.«

»Das sagst du.« Er spürte ihren spöttischen Unterton, wohl war ihm dabei nicht. »Ich hätte gern, dass sich alle, die von der Sache betroffen sind, in Fáeláns Zelt einfinden: Bressal, Sílán, Angaire, Murchad, Fáelán und Muadnat, du und Dagháin. Ich werde dort das Ergebnis meiner Nachforschungen darlegen.«

Énna eilte davon, und Fidelma wandte sich Laisran zu.

»Geh schon zu Fáeláns Zelt und warte dort auf mich. Ich bin gleich da.« Und auf seinen fragenden Blick fügte sie hinzu: »Ich muss mich noch einer Sache vergewissern, damit alles Hand und Fuß hat.«

Sie waren ihrer Aufforderung gefolgt und hatten sich im Zelt von Fáelán, dem König von Laighin, versammelt.

»Es ist eine höchst merkwürdige Geschichte, die sich hier abgespielt hat«, begann sie, nachdem der König ihr das Wort erteilt hatte. »Was anfangs offenkundig schien, wurde immer rätselhafter und undurchsichtiger. Bis eben noch.« Sie verzog ihr Gesicht zu einem breiten Lächeln.

»Und was hat sich ergeben?«, drängte Fáelán.

»Jetzt fügen sich alle Mosaiksteinchen zu einem Ganzen. Zunächst ist natürlich das Beweismaterial gegen Bressal erdrückend.«

»Es ist nicht wahr. Ich bin nicht schuldig«, ereiferte sich Bressal.

Mit erhobener Hand gebot ihm Fidelma Schweigen.

»Ich habe nicht gesagt, dass du schuldig bist, sondern nur, dass die Beweislage gegen dich erdrückend war. Träfe dich wirklich die Schuld oder hätte Sílán die Tat in deinem Auftrag begangen, dann hättest du gewusst, dass Illan nicht mit einem Pfeil, sondern mit einem Dolch erstochen wurde. Allein der tatsächliche Mörder und die Person, die den Pfeil in die Wunde gesteckt hat, konnten das wissen. Mit dem in dem Toten steckenden Pfeil wollte man die Wahrheit vertuschen und die Fährte zu Bressal hin lenken. Man hatte gehofft, ich würde den Pfeil für das Mordwerkzeug halten und die offensichtliche, aber falsche Schlussfolgerung ziehen.«

Erleichtert seufzte Bressal auf. Auch Sílán hinter ihm gab sich entspannter.

»Als Erstes ging ich dem Tatmotiv näher auf den Grund, das für alle klar schien«, führte Fidelma aus. »Ein jeder glaubte, Illan und auch Aonbharr, das Pferd, seien umgebracht worden, damit sie für das heutige Rennen von vornherein ausscheiden. Wer hätte aus der Situation einen Gewinn ziehen können? Bressal natürlich, denn sein Pferd Ochain mit Murchad, seinem Jockey, waren außer Illan und Aonbharr die einzigen ernstzunehmenden Teilnehmer. Wenn Bressal nun aber keine Schuld trifft, wer kommt dann als Täter in Frage? Wer sonst zöge aus dem Mord einen Nutzen? Murchad vielleicht, der eine hohe Wette auf seinen Sieg gesetzt hatte? Laisran hatte schon heute am frühen Morgen gesehen, wie Murchad – von sich überzeugt – einen hohen Wetteinsatz riskierte.«

»Das ist nicht gesetzeswidrig!«, rief Murchad hochrot vor Wut. Fidelma schenkte ihm keine Beachtung und fuhr fort:

»Murchad war es offensichtlich auch nicht, er hatte kein Tatmotiv. Er hätte im Falle eines Sieges den Wettgewinn einfach eingesammelt; es ging ihm ohnehin mehr ums Geld als um den sportlichen Ehrgeiz. Hätte er Illan ermordet und Aonbharr vergiftet und auch die Spur fälschlich auf Bressal gelenkt, wäre Bressal verhaftet, und Pferd und Reiter wären aus dem Rennen genommen worden. Murchad hätte damit seinen Wetteinsatz selbst verspielt.«

Murchad begleitete ihre Ausführungen mit bedächtigem Kopfnicken. Fidelma fuhr munter fort.

»Wer käme weiter in Frage? Angaire, der täglichen Umgang mit Bressals Pferd hatte? Bressal war mit seiner Arbeit nicht zufrieden und hatte ihm erst heute früh gesagt, dass er sich von ihm trennen wollte. Er hatte ihm nicht verschwiegen, dass er Illan aufgesucht hatte, um ihn zu überreden, in seine Dienste zurückzukehren und für ihn statt für Fáelán zu reiten. Angaire hätte also eher einen Beweggrund gehabt als Murchad.«

Angaire trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Fidelma jedoch sprach unbeirrt weiter.

»Halten wir an der Vorstellung fest, dass es bei allem immer um das Rennen ging, dann kommt nur noch eine Person in Frage, die etwas davon gehabt haben könnte, Bressal zum Täter zu stempeln.«

Ihr Blick fiel auf Fáelán, den König. Der sah sie erstaunt an, und im gleichen Moment ging seine Verwunderung in Empörung über. Doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Warte. Die Sache ist viel komplizierter. Außerdem wussten alle, dass Aonbharr mit Leichtigkeit Ochain hinter sich lassen würde. Um seinen Sieg musstest du dir keine Sorgen machen, also hattest du kein Motiv.«

Sie machte eine Pause und schaute in die erwartungsvollen Gesichter.

»Es schälte sich heraus, dass Illans Ermordung nichts mit Rivalitäten auf der Rennstrecke zu tun hatte. Das Verbrechen wurde aus einem anderen Grund begangen. Aber war es der gleiche wie für die Vergiftung von Aonbharr?«

Im Zelt herrschte gespanntes Schweigen, alle hingen an ihren Lippen.

»Das Tatmotiv für Illans Tod ist ein altbekanntes, so alt wie die Menschheitsgeschichte. Unerwiderte Liebe. Illan war jung und schön und sein Ruf unter Frauen derart, dass er viele Geliebte hatte. Er pflückte sie wie andere Blumen, behielt sie, so lange das Liebesverhältnis frisch war, und warf sie dann achtlos weg. Ich sehe das doch richtig, oder nicht?«

Fáelán war blass geworden und sah verstohlen zu Muadnat. »Das ist kein Verbrechen, Fidelma. In unserer Gesellschaft haben noch immer viele eine zweite Frau, einen zweiten Mann, Liebhaber oder Geliebte.«

»Das stimmt. Aber eine der Blumen, die Illan sich auserwählt hatte, wollte sich nicht einfach wegwerfen lassen. Sie ging heute Morgen in sein Zelt und stritt mit ihm. Und als er sie verschmähte und ihr sagte, er wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben, packte sie die Wut, und sie erstach ihn. Mit einem raschen Dolchstoß unterhalb des Rippenbogens war alles erledigt.«

»Wenn es sich so zugetragen hat, wie du sagst«, erklärte Énna ruhig, »warum dann der ganze Umstand, um Bressal die Schuld in die Schuhe zu schieben? Warum noch Aonbharr vergiften? Die Gesetzgebung bei uns übt Nachsicht gegenüber denen, die Straftaten aus Liebe begehen.«

»Das gilt aber nur, wenn eine Frau unter den angedeuteten Umständen dem Opfer eine nicht tödliche Verletzung beigebracht hat, nur dann wäre sie nicht haftbar. Wenn es zu unbeherrschten Handlungen aufgrund leidenschaftlicher Erregung kommt, zeigt das Gesetz Milde. Führt die Handlung jedoch zum Tod, muss sie Sühnegeld für den Getöteten zahlen. Von jeder anderen Form der Bestrafung würde man absehen.«

»Weshalb sollte dann, wenn es tatsächlich an dem ist, die Frau ihre Tat verheimlichen wollen? Verheimlichung zieht doch nur eine größere Bestrafung nach sich.« Wieder war es Énna, der die Frage stellte.

»Weil zwei unterschiedliche Täter am Werk waren, und die Tat des einen den anderen verlockte, sie für seine eigenen Absichten zu nutzen.«

»Es fällt mir schwer, dir zu folgen. Wer hat nun Illan getötet?«, wollte Fáelán wissen und blickte mit zwiespältigen Gefühlen zu seiner Frau. »Nach deinen Worten war es eine Frau. Ihr Versuch, die Tat zu verbergen, würde ohne Rücksicht auf ihren Rang und Namen dazu führen, dass man sie im Falle des Schuldbeweises in einem Boot auf dem Meer aussetzen und sie mit nur einem Paddel und ein wenig Nahrung ihrem Schicksal überlassen würde. Schwester Fidelma«, fragte er schließlich mit gebrochener Stimme, »ist es Muadnat, von der du sprichst?«

Seine Frau erstarrte, während Fidelma sich mit einer Antwort zurückhielt. Stattdessen holte sie aus ihrem marsupium einen Gürtel hervor, an dem ein mit Edelsteinen besetztes Futteral hing. Darin steckte ein kleiner Dolch. Sie zog den Dolch heraus und reichte ihn Muadnat.

»Ist das dein Dolch?«, fragte sie.

»Ja, es ist meiner«, erwiderte Muadnat finster.

Entsetzt hielt Fáelán den Atem an, seine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.

»Dann …?«, hub er fassungslos an, doch Fidelma schüttelte den Kopf.

»Nein. Dagháin hat Illan getötet.«

Die Offenbarung löste in der Runde lautes Erschrecken aus, und alle Blicke gingen zu Énnas Frau, der das Blut in die Wangen schoss. Einen Moment saß sie wie betäubt da, ehe sie sich langsam, fast traumwandlerisch erhob. Suchend schaute sie um sich, und dann brach es aus ihr heraus: »Lügnerin! Verräterin!«

Fidelma nahm den Ausbruch befriedigt zur Kenntnis.

Dagháin wurde heftiger, tobte und fluchte auf eine Art und Weise, die jeden der Anwesenden von ihrer Schuld überzeugte. Énna war auf seinem Stuhl zusammengesackt, unfähig, ins Geschehen einzugreifen.

Nachdem Dagháin in Gewahrsam gebracht worden war, überfielen die anderen Fidelma mit Fragen. Nur mit Mühe konnte sie sich Gehör verschaffen.

»Bereits am frühen Morgen hatte man Dagháin zur Rennbahn kommen sehen. Schwester Eblenn, die Apothekerin, hatte mit ihr gesprochen, kurz nachdem sie bestohlen worden war, ziemlich bald nach dem Frühstück. Folglich hatte Dagháin gelogen, als sie behauptete, heute Morgen später zur Rennstrecke gekommen zu sein. Ihr Lügen erregte meinen Verdacht. Der Verdacht erhärtete sich, als ich feststellte, dass nicht der Pfeil das Mordwerkzeug war, sondern die Wunde von einem Dolch stammte. Als ich das erste Mal vor Fáelán trat, trug Muadnat zwar die übliche Dolchscheide, aber die war leer.«

»Das verstehe ich nicht. Was du eben beschrieben hast, würde doch den Verdacht auf Muadnat richten.«

»Ich gebe zu, dass ich das auch eine Weile gedacht habe. Aber ich traute meiner Beobachtungsgabe: der Dolch, den ich in Dagháins Gürtelgehänge gesehen hatte, passte nicht recht hinein, er war zu klein. Das verlangte eine Erklärung. Ich kam dahinter, dass sie irgendwann den Dolch von Muadnat gegriffen haben musste. Habe ich recht?«

Muadnat sprach leise. »Sie wollte zur Beruhigung ihrer Nerven einen Apfel und bat mich, ihr meinen Dolch zu leihen, sie hätte ihren irgendwo verlegt. Ich habe vorhin erst bemerkt, dass sie ihn mir nicht zurückgegeben hatte.«

»Bei ihrer Schilderung, in welchem Zustand sie Illan gefunden hat«, fuhr Fidelma fort, »hieß es, sie sei geradewegs zu Énna gerannt, um ihm von dem eben Erlebten zu berichten. Andere haben jedoch beobachtet, dass sie von seinem Zelt direkt zu dem ihrigen gelaufen ist. Ich habe vorhin erst ihr Zelt durchsucht. Ich hatte Glück, denn sie hatte ihren Gürtel mit dem Futteral achtlos abgeworfen. Mein Verdacht, dass der Dolch nicht ihrer, sondern der von Muadnat war, bestätigte sich.«

»Wo war dann aber Dagháins Dolch?«, fragte Laisran gespannt.

»Ich habe ihn da gefunden, wo ich ihn vermutete: in Angaires Satteltasche; an der Klinge haftete noch Illans Blut.«

Mit einem jähen Aufschrei sprang Angaire zum Zelteingang, wurde aber von einem Krieger aus des Königs Leibgarde mit gezogenem Schwert zum Stehen gebracht. Ohne den Zwischenfall zu beachten, sprach Fidelma weiter.

»Angaire hat nicht Illan getötet, wohl aber Aonbharr vergiftet und dann versucht, Bressal als Verursacher beider Schandtaten hinzustellen, indem er den Pfeil und den Beutel als Beweismaterial an Ort und Stelle gelassen hat. Mit seiner Handlungsweise hat er die Spur von Illans wahrem Mörder verwischt. Er wusste, dass Bressal sich von ihm trennen wollte. Darüber habe ich bereits gesprochen. Bressal hatte es ihm in aller Deutlichkeit gesagt. Auch wenn Illan es abgelehnt hatte, wieder in Bressals Dienste zu treten, so waren Angaires Tage als Betreuer seines Rennpferdes doch gezählt.

Nach meinem Empfinden schwebte Angaire bereits vor, wie er Bressal Schaden zufügen würde. Ich glaube, seine ursprüngliche Absicht war, Ochain zu vergiften, und deshalb entwendete er früh am Morgen giftige Kräuter aus Schwester Eblenns Zelt. Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Er hörte zufällig den Streit zwischen Bressal und Illan, ohne dass er sich zu dem Zeitpunkt die Dinge im Einzelnen schon zurechtgelegt hatte.

Der Gedanke reifte wohl erst, als er wenig später mit Murchad und Sílán zusammenstand und sah, wie Dagháin aus Illans Zelt hastete. Ihr Kleid war in Unordnung, auch fehlte der zu ihrer Aufmachung gehörende Dolch. Sie strebte ihrem eigenen Zelt zu. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ er eine anzügliche Bemerkung fallen. Sílán und Murchad gingen. In dem Moment, vielleicht auch schon kurz zuvor, blitzte in ihm der Gedanke auf, er könnte mit seiner unbedachten Bemerkung gar nicht so falsch gelegen haben, was wenn … Und warum fehlte der Dolch?

Er ging in Illans Zelt und sah Dagháins Dolch in dessen Brust stecken. Sein ungutes Gefühl hatte ihn nicht getrogen. Er zog die Mordwaffe heraus, und ein bisher vager Gedanke nahm Gestalt an. Hier bot sich ihm die Gelegenheit, mit Bressal abzurechnen und sich einen einträglichen Posten in Dagháins Diensten zu sichern. Er eilte zu ihrem Zelt, zeigte ihr den Dolch und benutzte ihn als Druckmittel gegen sie. Er überredete sie, noch eine Weile zu warten, ehe sie zu ihrem Mann ging, dem sie dann die Geschichte erzählen sollte, die sie auch uns vorgegaukelt hat. Sie hätte Illan in seinem Zelt aufgesucht, weil ihr aufgefallen war, dass mit Aonbharr etwas nicht stimmte. Diese Auskunft war eine Zutat von Angaire, sie war eine glaubhafte Erklärung und zugleich ein wesentliches Teilstück seines verbrecherischen Vorhabens.

Von Dagháin lief er zu Bressals Zelt, entwendete aus Síláns Köcher einen Pfeil, brach ihn in zwei Teile und steckte das hintere Ende wieder zurück. Mit dem vorderen Ende und seinem Beutel, der die giftige Kräutermischung enthielt, lief er zurück und machte sich ans Werk. Eine beträchtliche Menge des giftigen Zeugs verfütterte er an Aonbharr. Danach begab er sich in Illans Zelt, bohrte die Pfeilspitze in die offene Wunde und ließ den Beutel mit den restlichen Kräutern gut sichtbar liegen. Die irreführende Spur war gelegt.

Wie ihr seht, haben wir es mit zwei ursprünglich voneinander unabhängigen Tätern zu tun, die sich zu einem großen Verbrechen zusammentaten. Wer von den beiden hat nun die größere Schuld auf sich geladen? Dagháin, eine bemitleidenswerte, abgewiesene Frau, oder Angaire, ein untergeordneter, aber rachsüchtiger Mann, der mit seiner Boshaftigkeit beinahe ein noch größeres Unheil heraufbeschworen hätte? Eins will ich dir nicht vorenthalten, Fáelán. Wenn es so weit ist, dass Dagháins Fall vor Gericht verhandelt wird, möchte ich sie als Anwältin vertreten.«

»Wie bist du darauf gekommen, Dagháin mit Illan in Verbindung zu bringen?«, wollte Fáelán wissen.

»Énna selbst hat in einer wie nebensächlich hingeworfenen Bemerkung verlauten lassen, dass seine Frau ein Verhältnis mit Illan gehabt hätte. Du wusstest doch von ihrer Liebschaft, Énna, nicht wahr?«

Der auf seinem Stuhl Zusammengesunkene blickte mit rotumränderten Augen auf. Bekümmert nickte er.

»Ich wusste davon, ja. Aber dass sie so vernarrt in ihn war und zu solchen Mitteln greifen würde, als er sie von sich wies, hätte ich nie gedacht«, flüsterte er. »Fáelán, ich bin eines tánaiste nicht würdig, ich trete zurück.«

»Darüber reden wir später miteinander«, erklärte der König von Laighan mit sichtlichem Unbehagen und darauf bedacht, an Muadnat, seiner Frau, vorbeizusehen. »Ich kann mich in deine Situation hineinversetzen. Zweifelsohne gibt es mehrere Opfer in diesem schrecklichen Drama. Und doch will mir nicht in den Kopf, warum Dagháin so etwas tun konnte. Sie war die Frau eines tánaiste, des rechtmäßigen Anwärters auf den Thron von Laighin, Illan hingegen nichts weiter als ein Rennreiter. Nur weil er sie wegen einer neuen Liebschaft von sich stieß, ließ sie sich zu so einer Tat hinreißen?«

Die Frage war an Fidelma gerichtet.

»Die Gefühle eines Menschen ergründen zu wollen ist alles andere als einfach, Fáelán«, erwiderte sie. »Aber wenn wir nach den Opfern in dieser Geschichte fragen, dann sollten wir in erster Linie an Aonbharr denken. Das arme Tier erlitt einen schmählichen Tod, weil es für menschliche Vergehen herhalten musste.«

Draußen ertönte eine Fanfare.

Mit einem Stoßseufzer riss sich Fáelán zusammen.

»Das ist das Signal für mich, das Rennen des heutigen Nachmittags zu eröffnen … Mit dem Herzen bin ich nicht dabei.«

Er erhob sich und bot wie gewohnt seiner Frau den Arm. Zögernd und ohne ihn anzuschauen, nahm sie ihn an. Das Verhältnis von König und Königin wieder ins rechte Lot zu bringen würde einiges kosten, dachte Fidelma für sich. Fáelán wandte sich um und rief seinem Bischof zu: »Ob du uns nicht besser begleitest, Bressal? Komm und bleib bei mir, wenn ich das Fest eröffne. Die Leute sollen sehen, dass wir zusammenstehen und keine Feindschaft gegeneinander hegen. Wenn schon unsere Pferde beim Rennen nicht mitmachen, sollten wir beide wenigstens den Menschen Einigkeit demonstrieren, zumindest heute.«

Bressal brauchte ein Weilchen, ehe er der Aufforderung nachgab.

»Gott sei gedankt, dass wir so weise Brehons wie dich haben, Fidelma«, sagte Fáelán als Letztes. »Die Anwaltskosten, die ich dir schuldig bin, schicke ich nach Kildare.«

Als sie das Zelt verlassen hatten, erhob sich auch Énna langsam. Niedergeschlagen blickte er Fidelma und Laisran an.

»Ich wusste, dass sie eine Liebschaft hatte. Stets hätte ich zu ihr gestanden, selbst mein Amt hergegeben, so wie ich auch jetzt bereit bin, es zu tun. Hätte sie sich mir anvertraut und die Wahrheit bekannt, nie im Leben hätte ich mich von ihr scheiden lassen oder sie zurückgewiesen. Ich bleibe auch weiterhin an ihrer Seite.«

Schweigend sahen ihm Fidelma und Laisran nach, wie er das Zelt verließ.

»Es ist eine traurige Welt, in der wir leben«, stellte Fidelma nachdenklich fest.

Dann gingen auch sie und bahnten sich einen Weg durch die lärmende, sorglose Menge, die zur Rennstrecke strömte. Mit einem verhaltenen Lächeln schaute Fidelma ihren alten Lehrmeister an.

»Es ist, wie du gesagt hast, Laisran – ein Pferderennen ist das beste Heilmittel für alle Übel der Menschheit. Es nimmt den Leuten ihre Streitlust und Habgier.«

Schmunzelnd sah er in ihr schelmisches Gesicht, war aber klug genug, auf eine Erwiderung zu verzichten.


VOR DEM ZELT DES HOLOFERNES

<p>VOR DEM ZELT DES HOLOFERNES</p>

Schwester Fidelma hielt ihre Stute an und schaute hinunter in das breite Tal. Der vor ihr liegende Weg schmiegte sich um die Flanke des Bergs, und ein blassblauer Fluss schlängelte sich durch das Grün der Clanländereien der Uí Dróna. In der Ferne erkannte sie die grauen Granitmauern der Burg, des Stammessitzes, der ihr Ziel war. Über ihr verschwitztes Gesicht glitt ein Lächeln freudiger Erwartung. Seit ihrem Aufbruch vom Kloster Durrow waren vier Tage vergangen. Sie war ermüdet und fühlte sich in den vom Reisestaub bedeckten Sachen nicht wohl. Doch es waren nicht nur ein Bad, saubere Kleidung und das Ausruhen nach dem langen Ritt, worauf sie sich freute. Vor allem beglückte sie der Gedanke, Liadin wiederzusehen.

Fidelma war als einzige Tochter zwischen älteren Brüdern großgeworden, und Liadin, ihre Freundin aus Kindheitstagen, war ihr gewissermaßen eine Schwester gewesen. Beide verband eine innige Beziehung. Gemeinsam waren sie bis zum Alter der Wahl aufgewachsen, dem Jahr, in dem sie das Gesetz zu mündigen Frauen erklärte. Damals war Fidelma die anamchara, die Seelenfreundin Liadins geworden, ihre geistliche Vertraute und Ratgeberin, wie es in Irland entsprechend dem Neuen Glauben üblich war.

In ihrer Tasche steckte eine dringende Nachricht von Liadin, die sie vor einer Woche in Durrow erhalten hatte. »Komm sofort! Ich bin in großer Not. Liadin«, hieß es da. Jetzt, kurz vor dem Ende ihrer Reise, sah Fidelma erregt der Wiederbegegnung entgegen, fürchtete sich aber zugleich davor.

Seit Jahren hatten sie einander nicht mehr gesehen. Ihre Wege hatten sich getrennt: Fidelma war nach Tara gegangen, um ihre Studien fortzusetzen, während Liadin geheiratet hatte.

Fidelma erinnerte sich, dass ihre Freundin der Heirat mit Zittern und Zagen entgegengesehen hatte. Liadins Vater, ein Kleinkönig von Cashel, drängte sie aus politischen Erwägungen in eine arrangierte Ehe. Liadin wäre viel lieber Lehrerin geworden. Sie verfügte über gute Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen und auch in anderen Fächern. Und nun sollte sie einen fremdländischen Stammesfürsten heiraten. Es war ein Gallier namens Scoriath vom Stamme der Fir Morc, den seine Stammesgenossen ins Exil nach Irland getrieben hatten. Dort hatten ihm die Uí Dróna im Königreich Lagin Zuflucht gewährt, und er wurde sogar zum Hauptmann der Leibgarde ernannt. Der Stammesfürst der Uí Dróna hatte Liadins Vater davon überzeugt, dass es politische und finanzielle Vorteile brächte, seine Tochter mit einem Krieger aus Gallien zu verheiraten.

Damals hatte sich Fidelma sehr gesorgt um ihre unglückliche Seelenfreundin. Während die in eine Zwangsheirat einwilligen musste, ging Fidelma ihrem Studium der Rechtsvorschriften nach und wurde schließlich sogar als dálaigh, Anwältin bei den Gerichten in Irland, zugelassen.

Nach der Heirat hatte Fidelma ihre Freundin nur noch einmal getroffen, und da schwebte sie im siebenten Himmel, denn entgegen aller Erwartungen hatte sie ihren Mann lieben gelernt. Fidelma hatte nicht schlecht gestaunt über die Verwandlung ihrer Jugendgefährtin. Den überschwänglichen Schilderungen zufolge musste Fidelma annehmen, Liadin und Scoriath wären buchstäblich ineinander verschlungen wie ein Weinstock, der sich um einen Baum rankt. Fidelma hatte sichüber die Maßen gefreut und erst recht über die bald danach erfolgte Geburt ihres Sohnes. Dann hatten sie einander wieder aus den Augen verloren.

Das Kind müsste jetzt drei Jahre alt sein, überlegte Fidelma, als sie ihr Ross zur Stammesfestung der Uí Dróna lenkte. Was für ein Unheil mochte Liadin zugestoßen sein, dass sie ihr nun so eine Nachricht sandte?

Fidelma war längst aufgefallen, dass ein Mann sie beobachtete. Sie hatte den Vorsprung des Berges umrundet und ritt achtsam talwärts auf die düstere Festung zu. Er stand lässig mit untergeschlagenen Armen am Tor des rath und änderte auch bei ihrem Näherkommen seine Haltung nicht. Sie brachte ihr Pferd zum Stehen.

»Was suchst du hier?«, schnauzte er grob.

Fidelma schaute gereizt auf ihn herab. »Ist das die Stammesfestung der Uí Dróna?«

Der Mann bestätigte es mit einem Kopfnicken.

»Dann begehre ich Einlass.«

»Was führt dich her?«

»Das ist meine Sache.« Ihre Stimme war ruhig, aber entschieden.

»Ich bin Conn, tánaiste der Uí Dróna. Es ist meines Amtes, zu erfahren, weshalb du Einlass begehrst«, erwiderte er keineswegs zurückhaltend.

Die Reiterin blieb unbeeindruckt. »Ich bin gekommen, um Liadin zu besuchen. Ich bin Fidelma von Kildare.«

Sie nahm wahr, wie sich die Miene des Mannes für einen Augenblick änderte. Dabei hatte sie das seltsame Gefühl, er schien erleichtert, doch die Regung schwand, ehe sie sich dessen noch sicher sein konnte. Der tánaiste streckte sich.

»Ich bedauere, Schwester. Liadin wird eben jetzt, während wir miteinander sprechen, von Brehon Rathend vernommen.«

Überraschung malte sich auf Fidelmas Zügen. »Sie wird vernommen? Willst du damit sagen, sie muss sich in einem Gerichtsverfahren vor dem Brehon verantworten?«

Der tánaiste zögerte. »In gewisser Weise schon. Sie beteuert ihre Unschuld.«

»Ihre Unschuld? Welcher Straftat bezichtigt man sie?«

»Liadin ist angeklagt, ihren Mann Scoriath vom Stamme der Fir Morc und ihren Sohn ermordet zu haben.«

Brehon Rathend war schlank und dürr, mit bleicher, wie blutleer wirkender Haut. Der Richter hatte tiefliegende Augen mit Tränensäcken; das gab ihm das Aussehen eines Menschen, der zu wenig Schlaf fand. Die scharfen Gesichtszüge ließen darauf schließen, dass er kaum Sinn für Humor hatte. Insgesamt machte er einen kränklichen und missmutigen Eindruck.

»Woher nimmst du dir die Freiheit, diesen Prozess zu unterbrechen, Schwester?«, fragte er mürrisch, kaum dass er den Raum betrat, in den man Fidelma geführt hatte. Sie hätte den Rang einer dálaigh, erklärte sie ihm und verlangte zu wissen: »Wird Liadin von den Uí Dróna von einem Anwalt vertreten?«

»Nein«, entgegnete er. »Sie lehnt eine Verteidigung ab.«

»Dann werde ich sie in diesem Verfahren verteidigen. Ich fordere eine Vertagung der Anhörung um vierundzwanzig Stunden, um mich mit meiner Mandantin zu beraten …«

Rathend war unentschlossen. »Das dürfte schwierig sein. Woher willst du überhaupt wissen, ob sie dich als Anwältin möchte?«

Herausfordernd sah Fidelma den Brehon an. Rathend war bemüht, ihrem Blick standzuhalten, senkte dann aber den Kopf.

»Selbst wenn sie dich als Anwältin annimmt – ich gebe zu bedenken, dass man zur Eröffnung des Verfahrens und der Verlesung der Anklage bereits versammelt ist«, erklärte er lahm.

»Der Zweck eines Gerichtsverfahrens ist, Gerechtigkeit walten zu lassen, nicht eine Zuschauerschar zu befriedigen. Das Gesetz gestattet den Aufschub einer Anhörung.«

Die fahlen Wangen des Richters verfärbten sich leicht. Er setzte zu einer Erwiderung an, als die Tür aufgerissen wurde und eine junge Frau hereinkam. Trotz ihrer Adlernase und blässlichen Hautfarbe war sie eine gutaussehende Erscheinung. Ihre dunklen Augen blitzten lebhaft, und das schwarze Haar gab ihr etwas Fremdländisches. Offensichtlich war sie eine Frau von Rang und Namen.

»Was hat diese Unterbrechung des Verfahrens zu bedeuten, Rathend?« Sie erspähte Fidelma und schöpfte Verdacht. »Wer ist das da?«

»Schwester Fidelma ist Anwältin und gekommen, um Liadin in dem Prozess zu verteidigen«, erklärte Rathend unterwürfig.

Unmut trieb der Frau die Röte ins Gesicht. »Da kommst du leider zu spät, Schwester.«

Gelassen ließ Fidelma ihren Blick über die hochmütigen Züge der Streitsüchtigen gleiten.

»Und du bist …«, fragte sie leise und erinnerte Rathend daran, dass er die Etikette verletzt hatte, woraufhin die Frau erst recht rot wurde.

»Das ist Irnan, die Stammesfürstin der Uí Dróna«, beeilte sich der Richter zu sagen. »Du befindest dich in ihrem rath

Um Fidelmas Mundwinkel spielte ein Lächeln, sie neigte das Haupt, mehr als Würdigung des Rangs ihres Gegenübers denn aus Ehrerbietung.

»Ob ich nun zu spät oder zu früh gekommen bin, Irnan, Stammesfürstin der Uí Dróna, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass ich jetzt hier bin und dazu beitragen werde, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird.« Sie wandte sich wieder Rathend zu. »Um mich auf Liadins Verteidigung einzustellen, muss ich die Möglichkeit haben, sie anzuhören. Deshalb benötige ich einen Aufschub der Eröffnung des Verfahrens um vierundzwanzig Stunden.«

»Verteidigung?« Klang da blanker Hohn in Irnans Zwischenruf? »Wie kann man dieses Weib verteidigen?«

Fidelma würdigte sie kaum eines Blickes. »Ich werde dem Gericht mitteilen, dass ich die Verteidigung übernehme, sobald ich mit Liadin habe sprechen können.«

»Der Fall ist doch völlig klar«, warf Irnan hin. »Liadin hat ihren Mann ermordet und dann noch ihren Sohn.«

»Was für einen Grund sollte sie dafür gehabt haben?«, fragte Fidelma unbeirrt.

»Sie lebten in einer arrangierten Ehe. Vielleicht hat Liadin Scoriath gehasst? Wer weiß?«, giftete die Stammesfürstin.

»Das kann als Grund kaum gelten. Sie hätte Zuflucht zum Gesetz nehmen und sich scheiden lassen können. Und warum soll sie das Kind ermordet haben? Welche Mutter tötet schon ihr eigenes Kind? Und warum mordet sie erst nach dreieinhalb Jahren im Aufbegehren gegen eine Zwangsehe, wie du es nennst?«

Irnans Augen funkelten wütend. Der Ton, in dem sie Fidelma antwortete, war der Ton einer Herrscherin, die keinen Widerspruch duldete. »Nicht ich stehe hier vor Gericht, Schwester. Bilde dir nicht ein, dass ich deine Fragen beantworte.«

»Jemand wird sie aber beantworten müssen«, erklärte Fidelma ruhig und erkundigte sich bei dem Richter: »Wirst du also die Vertagung genehmigen?«

Rathend schien sich bei Irnan vergewissern zu wollen, ehe er antwortete. Aus dem Augenwinkel sah Fidelma, dass die Fürstin die Achseln zuckte. Mit einem Seufzer nickte er zustimmend.

»Gut, Schwester. Du hast vierundzwanzig Stunden, dann tritt das Gericht zusammen. Ich warne dich, die Anklage lautet auf fingal, Ermordung nächster Angehöriger. Sie ist in diesem Falle derart schwerwiegend, dass es nicht auf eine Wiedergutmachung in Form des üblichen Sühnegelds hinauslaufen kann. Wenn Liadin schuldig gesprochen wird, dann wird man sie, weil sie ein so grässliches Verbrechen begangen hat, in einem offenen Boot auf hoher See ohne Ruder, Segel, Nahrung oder Wasser aussetzen. Sollte sie überleben und nach Gottes Willen irgendwo an Land geworfen werden, dann kann jeder, der sie findet, über ihr Leben oder ihren Tod bestimmen. Das ist der in den Gesetzen vorgeschriebene Urteilsspruch.«

Schwester Fidelma kannte die Strafe sehr wohl, die für kapitale Mordfälle vorgesehen war. »Doch nur, wenn sie schuldig gesprochen wird«, wiederholte sie verhalten.

Irnan lachte schallend auf. »Was mit Sicherheit der Fall sein dürfte«, höhnte sie und stürmte hinaus. Verunsichert und bekümmert schaute ihr der Richter hinterher.

Die beiden Frauen lösten sich aus ihrer Umarmung. Besorgt schaute Fidelma ihre Freundin an. Liadin war schmächtiger als Fidelma, hatte dichtes kastanienbraunes Haar und bleiche Haut. Ihre dunkelbraunen Augen wirkten von weitem fast schwarz. Sie sah angestrengt aus und hatte Ringe unter den Augen; ihr Gesicht war fast blutleer und von scharfen Falten gezeichnet.

»Fidelma! Gelobt seien alle Heiligen, dass du endlich gekommen bist. Ich hatte schon jede Hoffnung aufgegeben. Glaub mir, ich habe weder Scoriath noch meinen Sohn Cunobel umgebracht.«

»Das brauchst du mir nicht zu versichern«, erwiderte Fidelma rasch. »Ich habe erreicht, dass dein Prozess um vierundzwanzig Stunden vertagt wird. Erzähl mir alles, was du weißt, damit ich mir zurechtlegen kann, wie ich dich am besten verteidige.«

Liadin schluchzte still vor sich hin. »Seit ich die schreckliche Kunde von Scoriaths Tod erhalten habe, kann ich überhaupt nicht mehr klar denken. Wie betäubt bin ich von dem Schock und kann es nicht fassen, dass man mich jetzt anklagt. Ich habe geglaubt, ich würde aufwachen und von all dem … von …« Ihre Stimme versagte, und Fidelma drückte ihrer Freundin mitfühlend die Hand.

»Ich will es übernehmen, für dich zu denken. Erzähl mir einfach, was sich ereignet hat.«

Liadin wischte sich die Tränen ab und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich schöpfe wieder Hoffnung. Doch viel kann ich dir nicht berichten.«

»Bei unserem letzten Beisammensein hattest du mir vorgeschwärmt, wie glücklich du mit Scoriath warst. Hatte sich seither etwas verändert?«

Liadin schüttelte energisch den Kopf. »Wir lebten glücklich und zufrieden und hatten ein prächtiges Kind.«

»War Scoriath bis zuletzt Hauptmann der Leibwache der Stammesfürstin?«

»Ja. Auch als Irnan vor einem Monat ihrem Vater Drón als Anführer des Clans folgte, blieb Scoriath ihr Hauptmann. Doch er trug sich mit dem Gedanken, das Kriegshandwerk ganz und gar aufzugeben und sich nur noch der Bewirtschaftung seines Grund und Bodens zu widmen.«

Fidelma schürzte die Lippen. Sie musste daran denken, wie gehässig sich Irnan über Liadin geäußert hatte.

»Hat er sich mit jemand in einflussreicher Stellung nicht vertragen? Wie stand er sich mit dem tánaiste? Gab es Spannungen zwischen ihm und dem gewählten Thronfolger?«

»Conn? Nein, da war keinerlei Zwietracht zwischen den beiden.«

»Kommen wir auf den Tod von Scoriath und deinem Sohn zu sprechen.« Trösten würde sie ihre Freundin später können.

»Es geschah vor einer Woche. Ich war gerade nicht hier.«

»Das musst du mir erklären. Wenn du nicht hier warst, wie kann man dich beschuldigen, die Morde begangen zu haben? Fang bitte ganz vorn an.«

Liadin hob hilflos die Arme. »Am Tag, als das passierte, hatte ich Scoriath und unser Kind allein gelassen und war zu einer erkrankten Verwandten, meiner Tante Flidais, geritten. Doch so schlimm, wie erwartet, stand es mit ihr nicht. Ich traf sie schon fast genesen an, es war nur eine Erkältung gewesen. So konnte ich bald wieder zurückreiten und erreichte die Festung etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang. In dem Moment, da ich unsere Wohnstatt betreten wollte, kam Conn herausgestürzt und packte mich derb an.«

»Er packte dich derb an? Warum?«

»Ich habe nur noch eine verschwommene Vorstellung von allem. Er brüllte los, Scoriath und mein Sohn seien erschlagen. Ich war fassungslos. Er muss mich auch sofort beschuldigt haben.«

»Ohne jeden Grund?«

»Er hatte ein blutiges Messer und blutbefleckte Kleidungsstücke von mir gefunden, angeblich in meiner Ankleidekammer verborgen. Scoriath und mein Sohn hätten in unseren Räumen gelegen – beide erstochen.«

»Du hast natürlich sofort seine Anschuldigung zurückgewiesen?«

Liadin nickte heftig. »Der Gedanke, eine Mutter würde ihr eigenes Kind abschlachten, ist doch völlig abwegig!«

»Dergleichen ist leider schon vorgekommen, Liadin. Wir müssen die Dinge so sachlich wie möglich betrachten. Haben sie noch andere Beweise gegen dich vorgebracht?«

Liadin überlegte einen Moment. »Eine Bedienstete hat gegen mich ausgesagt. Die Magd Branar behauptet, sie sei Zeugin gewesen, wie Scoriath und ich uns an dem Tag heftig gestritten hätten.«

»Zeugin sei sie gewesen? Wäre das vorstellbar?«

»Natürlich nicht. Ich hatte Branar den ganzen Vormittag über nicht gesehen.«

»Dann lügt sie also? Wie kann sie aber behaupten, sie hätte euren Streit miterlebt?«

»Sie sagt, sie hätte so etwas gehört«, berichtigte sich Liadin sofort. »Sie wäre an unserer Schlafkammer vorbeigekommen und hätte gehört, dass wir uns erbittert zankten, habe es jedoch für ratsam gehalten, nicht stehen zu bleiben. Ich habe das bestritten, doch niemand will mir glauben.«

»Wer hatte dir die Nachricht gebracht, dass deine Tante erkrankt wäre?«

»Ein Mönch vom Kloster des heiligen Moling, das hier in der Nähe ist. Der Bruder heißt Suathar.«

»Hat dich jemand gesehen, wie du den rath verlassen hast, als du zu deiner Tante aufgebrochen bist?«

»Viele Leute waren zugange. Es war ja Mittag, als ich losritt.«

»Also war es doch bekannt, dass du die Festung verlassen hattest.«

»Das ist anzunehmen.«

»Und wer hat dich gesehen, als du abends zurückkamst?«

»Conn natürlich, der hat mich ja gleich derb gepackt.«

Fidelma runzelte die Stirn. »Mir geht es um die Toreinfahrt. Er hat dich hereinkommen sehen und dich dann später gegriffen?«

Verwirrt schüttelte Liadin den Kopf. »Nein. Er hat mich in dem Augenblick gesehen, als er mich an der Tür zu unseren Gemächern festhielt.«

»Demnach hat niemand dich wirklich gesehen, als du heimkamst? Es wäre für andere durchaus vorstellbar, dass du früher zurückgekehrt bist. Du warst mit dem Pferd unterwegs. Was sagen die Stallburschen?«

Liadin sah gequält und geängstigt aus. »Ich begreife, worauf du hinaus willst. Im Stall war niemand. Ich habe mein Pferd allein abgesattelt. Tut mir leid, aber es war niemand da, der gesehen haben könnte, wie ich zurückkam.«

»Aber deine Tante, die könnte bezeugen, wann du sie verlassen hast?«

»Meine Tante ist bereits hier und hat das bezeugt, doch Rathend sagt, das tut wenig zur Sache. Keiner stellt in Abrede, dass ich meine Tante besucht habe und noch an dem Abend heimgekehrt bin. Es heißt jedoch, ich hätte schon früher zurückgekommen sein können, wäre sofort zu Scoriath geeilt, hätte erst ihn und danach mein Kind ermordet, hätte mich dann im Dunkeln davongeschlichen und schließlich eine spätere Heimkehr vorgetäuscht, in der Hoffnung, man würde während meiner Abwesenheit die Leichen gefunden haben.«

Nachdenklich nagte Fidelma an ihrer Unterlippe. »Wie es aussieht, ist Branar die Hauptzeugin der Anklage. Sie liefert uns ein Motiv, nämlich dass deine Beziehungen mit Scoriath nicht so herzlich waren, wie du sie darstellst. Wenn es keinen Streit zwischen dir und Scoriath gegeben hat, dann ist Branar einem Irrtum erlegen oder sie lügt. Hat jemand Scoriath nach eurem angeblichen Streit gesehen?«

»O ja«, rief Liadin sofort. »Unser Sohn Cunobel war den ganzen Nachmittag in Branars Obhut, denn ich war unterwegs, und Scoriath hat Irnan zur Ratsversammlung des Clans begleitet. Die Versammlung löste sich bei Sonnenuntergang auf. Doch wie sollen das Messer und die blutbesudelten Kleider in meine Kammer gekommen sein?«

»Beweismaterial solcher Art lässt sich leicht fingieren, aber im vermeintlichen Ablauf des Geschehens, da sehe ich einen Widerspruch. Schwer vorstellbar, dass du derartige Beweise in deiner Kammer liegenlässt, dich im Dunkel der Nacht wieder davonschleichst und dir so ein Alibi zu verschaffen glaubst.«

Liadin versuchte die Logik der Beweisführung zu begreifen, nickte und lächelte flüchtig. »So habe ich das noch nicht gesehen.«

»Da hast du es«, sagte Fidelma aufmunternd. »Die gegen dich vorgebrachten Beweise sind nicht folgerichtig. Und alles sind nur Indizien, keine handfesten Tatsachen. Hat jemand Gründe angeführt, weshalb du deinen Mann und dein Kind umbringen wolltest?«

»Richter Rathend ist der Auffassung, ich hätte es in einer unbeherrschten Aufwallung der Gefühle, in einem Eifersuchtsanfall getan.«

Fidelma schaute ihre Freundin durchdringend an. »Hattest du Anlass, eifersüchtig zu sein?«, fragte sie leise.

Liadin schoss die Röte in die Wangen und trotzig hob sie das Kinn. »Auf Scoriath? Niemals!«

»Hatte er Feinde? Als Hauptmann der Leibwache und als Fremder in diesem Land war ihm manch einer gewiss nicht wohlgesinnt. Weißt du, ob ihm jemand besonders grollte?«

Liadin zog die Brauen zusammen und dachte nach. »Ich wüsste niemand, den ich beim Namen nennen könnte. Mir ist nur aufgefallen, dass Scoriath seit ein paar Wochen verstimmt war. Er wollte mir aber nicht sagen, was ihn quälte. Eine Sache, die er vorbrachte, klang allerdings seltsam. Wir redeten darüber, dass er mit dem Gedanken spielte, sein Kommando über Irnans Leibwache aufzugeben. Wie ich ja schon erwähnte, wollte er nicht länger Krieger sein und fortan nur noch seine Felder bestellen. Aber irgendetwas beschäftigte ihn, er wirkte geradezu niedergeschlagen. Und mitten in einer Unterhaltung sagte er plötzlich: ›Ich will Landmann werden, es sei denn, die Jüdin will uns unseren Frieden nehmen.‹«

Fidelma stutzte. »Die Jüdin? Wen meinte er damit?«

Liadin zuckte die Achseln. »Ich habe keine Ahnung. Soviel ich weiß, gibt es im ganzen Königreich keine Jüdin.«

»Du hast ihn bestimmt gebeten, dir zu erklären, was er damit meinte.«

»Er hat das mit einem Lachen abgetan, es wäre nur ein dummer Scherz gewesen.«

»Kannst du wiederholen, was genau und wie er es gesagt hat?«

Das tat Liadin, doch davon wurde Fidelma nicht klüger. Grübelnd stand sie auf, lächelte aber ihre mutlose Freundin zuversichtlich an und sagte: »Irgendetwas an der ganzen Geschichte erscheint mir rätselhaft, Liadin. Es ist wie ein Wanzenstich, ich weiß nur noch nicht, wo ich kratzen soll. Macht nichts, ich werde weitere Nachforschungen anstellen. Sorg dich nicht. Alles wird gut.«

Leicht befangen stand Conn, der tánaiste der Uí Dróna, vor Schwester Fidelma. Der blonde und gutaussehende Mann verlagerte hin und wieder sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und versuchte möglichst gleichgültig dreinzuschauen.

An einem Nebentisch saß Brehon Rathend, der, wie das Gesetz es vorschrieb, bei der Befragung von Zeugen zugegen sein musste. Für die Unterredung des Anwalts mit dem Angeklagten galt das nicht. Er war lediglich Beobachter, durfte keine Fragen stellen oder sonstwie eingreifen, es sei denn, die dálaigh hielt sich nicht an die Regeln, die für Vernehmungen vor dem eigentlichen Gerichtstag festgelegt waren.

»Schildere mir die Ereignisse, die dazu führten, dass du Liadin verhaftet hast.«

Der junge Krieger räusperte sich und sprach tonlos, als sagte er etwas auswendig Gelerntes her: »Ich fand die Waffe, mit der Scoriath getötet wurde, in der Schlafkammer von …«

»Lass nicht den Anfang aus«, unterbrach ihn Fidelma unwirsch. »Wann hast du Scoriath zum letzten Mal gesehen? Lebendig gesehen, meine ich.«

Conn dachte einen Augenblick nach. »Am Abend des Tages, an dem er umkam. Anlässlich des Festes des heiligen Mochta, der ein Jünger Patricks war, hatten wir nachmittags eine Clan-Versammlung. Scoriath, ich und einige andere Krieger gehörten zum Gefolge unserer Stammesfürstin Irnan in der Beratungshalle. Eine Stunde vor Sonnenuntergang gingen alle Mitglieder des Rats auseinander, sodass jeder noch sein Heim erreichen konnte, ehe es dunkel wurde.«

»Und das war das letzte Mal, dass du Scoriath lebend gesehen hast?«

»Ja, Schwester. Ein jeder begab sich nach Hause. Später kam ein Bote von Irnan zu mir und sagte, er sei auf der Suche nach Scoriath. Die Stammesfürstin wollte ihn sprechen. Der Bote berichtete weiterhin, beim Hauptmann hätte niemand geöffnet.« Conn machte eine Pause, zog die Brauen zusammen und rieb sich die Stirn, als würde das seinem Gedächtnis nachhelfen. »Das kam mir merkwürdig vor, ich wusste ja, dass Scoriath ein Kind hatte, und wenn er nicht zu Hause war, so hätten doch seine Frau und sein Kind oder die Magd da sein müssen.«

Wieder schwieg er und schien von Fidelma eine Bestätigung seiner Überlegung zu erwarten. Doch die bedeutete ihm nur, weiterzureden.

»Ich bin also mit dem Boten zum Haus gegangen. Auf unser Klopfen hat niemand geantwortet, da habe ich aufgemacht und bin hineingegangen. Ich weiß nicht, was das war, irgendwie kam es mir unheimlich vor. In der Schlafkammer brannte eine kleine Öllampe; durch einen Spalt in der Tür konnte ich das Licht sehen. Ich ging hin und stieß die Tür auf.« Er beugte flüchtig das Knie. »Da sah ich Scoriath auf dem Boden liegen, mit dem Gesicht nach unten. Aus einer schrecklichen Wunde an seinem Hals floss Blut.«

»Floss Blut?«, unterbrach ihn Fidelma.

Conn nickte. »Offenbar war er noch nicht lange tot. Ich habe ihn leicht zur Seite gedreht, und da sah ich, dass man ihm die Kehle durchgeschnitten hatte. An der Tür zur kleinen Nebenkammer lag der Leichnam von Scoriaths Jungen, Cunobel. Auch er war tot, hatte mehrere Stichwunden in der Brust. Blutspritzer waren überall.«

Der tánaiste schluckte erregt, ehe er fortfuhr: »Die Tür zur Nebenkammer, in der sonst der Knabe schlief, war angelehnt. Scoriaths Frau nutzte den Raum auch als ihr Ankleidezimmer. Eine Blutspur führte dorthin. Ich folgte ihr, und sie lenkte mich zu einer Truhe. In der Truhe lag ein Messer, an dem Blut klebte, und ein blutbeflecktes Kleid, das Liadin gehörte.«

Er schwieg so lange, dass Fidelma ihn mahnte: »Und wie weiter?«

»Ich habe den Boten zu Irnan zurückgeschickt, er sollte ihr berichten, was wir entdeckt hatten. Für mich gab es nicht den geringsten Zweifel, dass Liadin dieses Blutbad angerichtet hatte.«

»Warum?«

Der junge Mann blinzelte. »Warum?«, wiederholte er, von ihrer Frage überrascht. »Weil ich das Messer und das Gewand gefunden hatte. Sie waren in einer Truhe in Liadins Kammer versteckt. Das Kleid gehörte Liadin, sie hat es oft getragen.«

»›Versteckt‹ ist in diesem Fall wohl kaum das richtige Wort, Conn«, bemerkte Fidelma. »Eine Blutspur hat dich zur Truhe geführt.«

Er tat ihren Hinweis mit einem Achselzucken ab.

»In ihrer panischen Angst, die Beweise für ihre Schuld zu verbergen, hat sie die Bluttropfen wahrscheinlich nicht bemerkt.«

»Könnte sein. Doch das ist bloße Vermutung. Angenommen, du hättest diese Tat begangen, wärst du dann in deine Kammer geeilt, um Waffe und blutbesudeltes Gewand zu verstecken? Auch ohne Blutspur würde man doch später die besagte Kammer absuchen.«

Das verwirrte Conn. »Da hast du schon recht, Schwester. Aber die Einzige, die den Mord begangen haben kann, ist Liadin, und dafür gibt es einen guten Grund.«

Fragend zog Fidelma die Augenbrauen hoch. »Nämlich?«

»Scoriath war ein Krieger. Er war kräftig und in allen Kampfkünsten geübt. Und doch hat er dem Mörder den Rücken zugewandt und es geschehen lassen, dass er ihm von hinten um den Hals greift und ihm die Kehle aufschlitzt. Der Einschnitt begann links am Hals, und dann hat man die Klinge über die Kehle nach rechts gezogen. Nur jemand, dem Scoriath voll vertraute, konnte so dicht hinter ihm stehen und die Tat vollbringen. Wer aber sonst genoss sein ganzes Vertrauen, wenn nicht die Frau, mit der er zusammenlebte?«

Einige Minuten saß Fidelma still und überlegte. »Hätte ihm die Verwundung nicht auch ein Linkshänder beibringen können, der Scoriath gegenüberstand?«

Wieder blinzelte Conn. Offensichtlich war das eine Angewohnheit, die andeutete, dass er nachdachte. »Aber Liadin ist Rechtshänderin.«

»Gut, lassen wir das«, sagte Fidelma mehr zu sich.

Conn ging achtlos über ihren Einwurf hinweg. »Wenn der Mörder vor Scoriath gestanden hätte, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Angriff abzuwehren.«

Das musste ihm Fidelma stillschweigend zubilligen. »Fahre mit deinem Bericht fort, Conn. Du sagst, du hast den Boten zu Irnan geschickt. Was geschah dann?«

»Ich stand noch da und prägte mir die Szene ein, da hörte ich draußen vorm Haus ein Geräusch. Ich ging zur Tür, riss sie auf und ertappte Liadin, wie sie sich ins Gebäude stehlen wollte, wahrscheinlich um sich Messer und Kleid aus ihrer Kammer zu holen.«

»Das ist wieder eine reine Vermutung deinerseits«, rügte ihn Fidelma.

»Sei’s drum«, meinte Conn ungerührt. »Jedenfalls stand Liadin vor der Tür, und ich habe sie festgenommen. Gleich darauf kam Irnan mit Rathend, dem Brehon. Liadin wurde in Gewahrsam gebracht. Mehr habe ich nicht zu berichten.«

»Hast du Scoriath gut gekannt?«

»Gut eigentlich nicht, bis auf die Tatsache, dass er Hauptmann der Leibwache war.

»Warst du eifersüchtig auf ihn?«

Die Frage traf Conn unvermittelt und schien ihn zu verunsichern.

»Eifersüchtig?«

»Scoriath war ein Fremder hier«, setzte ihm Fidelma auseinander. »Ein Gallier. Und doch hatte er unter den Uí Dróna ein hohes Amt inne. Hat es dich nicht gewurmt, dass ein Fremdling ein solches Ansehen genoss?«

»Er war ein guter Mann, ein prächtiger Kämpfer. Es kommt mir nicht zu, Entscheidungen in Frage zu stellen, die von den Ratgebern des Königs oder von meinem Stammesfürsten getroffen werden. Für mich galt, er war ein tüchtiger Krieger. Und was das hohe Amt angeht … Ich selber bin doch der erwählte Nachfolger des Stammesfürsten, welchen Grund sollte ich gehabt haben, auf ihn eifersüchtig zu sein?«

»Und welche Beziehung hattest du zu Liadin?«

Überzog seine Wangen eine leichte Röte?

»Überhaupt keine«, knurrte er kurz angebunden. »Sie war Scoriaths Ehefrau.«

»Eine gute Ehefrau, soviel du weißt?«

»Ich denke schon.«

»Auch eine gute Mutter?«

»In derlei Dingen kenne ich mich nicht aus. Ich bin unverheiratet.«

»Wenn sie Scoriath ermordet hat, wie du vermeinst, wundert es dich dann nicht, dass sie auch ihr eigenes Kind … einen drei Jahre alten Jungen umgebracht hat?«

Conn blieb stur. »Ich kann nur aussagen, was ich weiß.«

»Hat Scoriath dir gegenüber jemals eine Jüdin erwähnt?«

Auch jetzt war Conn von dem jähen Wechsel der Fragestellung wie vor den Kopf geschlagen. »Nie. Ich habe nie gehört, dass eine Frau von dieser Religion hier in unserer Gegend lebt. Freilich spricht man darüber, dass viele jüdische Händler den Hafen von Síl Maíluidir an unserer Südküste anlaufen. Irnan kann dir vielleicht eine Antwort geben, sie hat einige Jugendjahre dort verbracht.«

Die Magd Branar war ein grobknochiges Mädchen mit frischer Gesichtsfarbe und großen, unschuldig dreinschauenden blauen Augen. Jung, wie sie war, wusste sie nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Das Alter der Wahl hatte sie höchstens vor einem oder zwei Jahren erreicht. Schwester Fidelma lächelte ihr aufmunternd zu und bot ihr eine Sitzgelegenheit an. Richter Rathend, der dem Gespräch beiwohnte, war leicht verärgert, denn Fidelma hatte Branars Mutter nicht gestattet, während der Vernehmung der Tochter dabei zu sein, und hatte sie in ein Nebengelass verwiesen. Rathend war der Ansicht, Fidelma hätte mehr Mitgefühl für das junge Mädchen aufbringen müssen, das in Begleitung ihrer Mutter gekommen war. Branar war aufgeregt und eingeschüchtert.

»Wie lange dienst du schon Liadin und Scoriath als Magd?«, begann Fidelma die Befragung.

»Noch kein ganzes Jahr, Schwester.« Unruhig wackelte das Mädchen mit dem Kopf. Ihr ängstlicher Blick wanderte von Fidelma zu der steinernen Miene des Brehon und zurück zu Fidelma.

»Ein Jahr, sagst du. Arbeitest du gern für sie?«

»O ja, sie haben mich immer gut behandelt.«

»Und deine Arbeit macht dir Spaß?«

»O ja.«

»Hattest du manchmal Schwierigkeiten mit Liadin oder mit Scoriath? Haben sie niemals mit dir gezankt?«

»Nein. Ich war stets froh und zufrieden.«

»War Liadin eine liebevolle Ehefrau und Mutter?«

»O ja.«

Fidelma versuchte, anders an sie heranzukommen. »Ist dir etwas über eine Jüdin bekannt? Hat Scoriath mit einer solchen Frau zu tun gehabt?«

Erstmals zeigte Rathend eine Regung. Überrascht zog er eine Braue hoch und musterte Fidelma, hielt sich aber zurück.

»Eine Jüdin? Nie.«

»Was geschah an dem Tag, als Scoriath getötet wurde?«

Die Magd schwieg beklommen, dann hellte sich ihr Gesicht auf. »Du meinst den Streit, den ich gehört habe? Ich bin an dem Morgen wie immer in das Haus gegangen, um bei Liadin und Scoriath sauberzumachen. Sie waren in der Schlafkammer, und die Tür war geschlossen; sie schrien einander an und zankten sich fürchterlich.«

»Worum ging es? Was haben sie gesagt?«

»Das konnte ich nicht verstehen. Die Tür war ja zu.«

»Aber du hast ihre Stimmen ganz klar erkannt und gehört, dass sie sich heftig stritten, richtig?«

»Ja. Sie haben laut miteinander geredet und waren sehr wütend.«

Fidelma blickte dem Dienstmädchen ins treuherzige Gesicht. »Du hast Liadins Stimme nur durch die geschlossene Tür gehört, bist dir aber ganz sicher, sie nicht mit einer anderen zu verwechseln?«

Branar nickte eifrig.

»Na schön. Was meinst du, hast du dich an meine Stimme so gewöhnt, dass du sie ohne weiteres erkennen würdest?«

Sie zögerte verunsichert, bestätigte es dann aber mit Kopfnicken.

»Und du würdest auch die Stimme deiner Mutter erkennen?«

Das Mädchen lachte auf, weil ihr die Frage derart dumm vorkam.

Schwester Fidelma stand auf. »Ich gehe jetzt in den Nebenraum, werde die Tür zumachen und dort drinnen ganz laut reden. Wollen mal sehen, ob du verstehst, was ich sage.«

Rathend holte hörbar Luft. Nach seinem Empfinden ging Fidelma reichlich theatralisch vor.

Die Anwältin begab sich in den Nebenraum und schloss die Tür hinter sich. Branars Mutter stand sofort ehrerbietig auf und erkundigte sich ängstlich: »Ist die Befragung schon vorbei, Schwester?«

Freundlich erklärte ihr Fidelma, was sie vorhatte. »Ich möchte, dass du, so laut du nur kannst, ein paar Sätze sprichst. Sag einfach, was dir gerade einfällt. Ich will nur etwas ausprobieren.«

Die Frau starrte Fidelma an, als wäre die nicht richtig im Kopf, doch als die dálaigh ihr auffordernd zunickte, begann sie mit kräftiger Stimme zu reden. Es war eine Mischung aus sinnvollen Sätzen und unverständlichem Kauderwelsch. Schließlich gab Fidelma ihr ein Zeichen zu schweigen, öffnete die Tür und rief Branar, die sich verunsichert erhob.

»Nun, was hast du gehört?«

»Ich habe dich ganz laut reden hören, Schwester, nur konnte ich nicht alles verstehen, was du gesagt hast.«

Fidelma strahlte übers ganze Gesicht. »Aber du hast meine Stimme gehört?«

»O ja.«

»Klar und deutlich meine Stimme?«

»O ja.«

Fidelma wandte sich um und stieß die Tür weiter auf. Branars Mutter schlurfte näher und war nicht weniger verblüfft als ihre Tochter.

»Die Stimme, die du gehört hast, war die Stimme deiner Mutter, Branar. Bist du immer noch bereit, zu schwören, dass es Liadin war, die sich mit Scoriath hinter der geschlossenen Tür stritt?«

Die Räumlichkeiten, die Liadin und Scoriath bewohnt hatten, lagen neben den Stallungen, nicht weit vom Haupttor der Festung entfernt. Die Wohnung bestand aus drei Kammern: einem Wohnraum, einer Schlafkammer und einem davon abgehenden Gelass, in dem ihr kleiner Sohn sein Bett hatte und in dem Liadin ihre Gewänder aufbewahrte. Die Räume wirkten jetzt kalt und unwirtlich, obwohl sie genügend Gegenstände enthielten, die einst ein Gefühl der Behaglichkeit verbreiteten. Vielleicht lag es daran, dass auf der Herdstelle kein Feuer brannte und der düstere Tag alles noch kälter erscheinen ließ.

Rathend durchquerte den Raum, in dem Mahlzeiten gekocht und gegessen wurden; über der toten Asche hing ein eiserner Kessel an einem Haken.

»Hier wurde Scoriath ermordet«, erklärte Rathend und betrat die geräumige Schlafkammer.

Die Granitblöcke der Wände waren mit Wandbehängen verkleidet. Es gab keine Fenster, der Raum war dunkel. Rathend bückte sich und entzündete eine Talgkerze. Im Lichtschein war eine breite, mit Schnitzwerk verzierte Bettstatt zu erkennen, auf der in einem wüsten Durcheinander Laken und Decken lagen. Sie wiesen Flecken getrockneten Bluts auf.

»Scoriath hat hier gelegen. Das Kind haben wir da an der Tür zur Nebenkammer gefunden«, erläuterte Rathend.

Fidelma bemerkte die dunkle Spur auf dem Fußboden, die zum überwölbten Durchgang in das kleinere Gelass führte. Neben der Schwelle war ein etwas größerer Blutfleck. Sie folgte Rathend in den Nebenraum. Im Schein der Kerze, die er hochhielt, sah sie, dass die Blutspur bis zu einer großen Holztruhe führte, wie Conn es geschildert hatte. Ihr fielen größere Fußspuren in dem getrockneten Blut auf; offenbar hatte Conn sie bei der Durchsuchung des Tatorts hinterlassen und damit die eigentlichen Spuren des Mörders überdeckt.

»Das ist die Truhe, in der Liadins blutbeflecktes Kleid und das Messer gefunden wurden«, bedeutete ihr der Brehon. »Neben der Truhe steht das Kinderbettchen. Dort sind keine Blutflecken, sodass wir schließen können, der Junge wurde da erstochen, wo wir ihn fanden.«

Fidelma erwiderte nichts, ging zur größeren Schlafkammer zurück und sah sich darin um.

»Suchst du etwas Bestimmtes, Schwester?«

»Ich weiß es selber nicht … Doch da!« Sie wies auf eine Buchtasche, die an der Wand hing. Sie nahm sie herunter und zog einen Codex heraus. Der Ledereinband war künstlerisch verziert, aber leider durch dunkle Schmierflecken verdorben.

Ehrfürchtig legte sie den Band auf einen Tisch und winkte Rathend, die Kerze höher zu halten.

»Herrlich«, sagte sie beim Aufschlagen der ersten Seite. »Das ist eine Abschrift der Hexapla des Origenes. Was haben Scoriath oder Liadin ausgerechnet damit gewollt?«

Dem Brehon dauerte das alles schon zu lange. »Ich kenne kein Gesetz, das den Besitz von Büchern verbietet.«

»Dennoch ist es ungewöhnlich, gerade dieses Werk hier zu finden.« Fidelma ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und blätterte Seite um Seite um. Es war eine Sammlung hebräischer religiöser Texte, die Origenes, Haupt der Christenschule von Alexandria, vor drei Jahrhunderten zusammengestellt hatte. Er hatte in nebeneinander stehenden Spalten den Text in Hebräisch, Griechisch und auch Latein angeordnet.

Bei einem Blatt stutzte Fidelma. Dort begann ein Kapitel mit der Überschrift Apokrypto, und jemand hatte einen Abschnitt darin angestrichen. Fidelma besann sich auf ihre Griechisch-Kenntnisse. Das Wort bedeutete »verborgene Texte«. Sie las den Abschnitt und runzelte die Stirn. Die Geschichte handelte von dem assyrischen König Nebukadnezar, der sein Heer gegen die Israeliten sandte. Das Heer stand unter dem Oberbefehl des unbesiegbaren Feldherrn Holofernes. Als die Assyrer die israelische Stadt Bethulia belagerten, ging eine jüdische Frau namens Judith ins Lager der Assyrer und wurde vor Holofernes gebracht. Sie verführte ihn, und als er später, sinnlos betrunken, schlief, hieb sie ihm den Kopf ab und kehrte damit zurück zu ihrem Volk. Die Belagerten nahmen das als ein Zeichen ihres Gottes, schöpften neuen Mut, stürzten sich auf die Feinde und schlugen sie in die Flucht.

Fidelma konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Diese Geschichte hätten auch die alten irischen Barden erzählen können. Damals glaubte man, die Seele wohnt im Kopf des Menschen, und daher war es ein besonderes Zeichen der Hochachtung, dem besiegten Feind den Kopf abzuschlagen. Während sie den hebräischen Text mit der Fassung in Griechisch und Latein verglich, verschlug es ihr fast den Atem, denn ihr ging auf, dass der Name Judith ja nichts anderes als »Jüdin« bedeutete.

Warum war gerade diese Stelle angestrichen worden? Was hatte Scoriath damit gemeint, als er Liadin gestand, er möchte das Kriegshandwerk aufgeben und Landmann werden, falls ihm die »Jüdin« das nicht verwehrte? Scoriath war ein Fremdländischer und zudem gewissermaßen der Feldhauptmann seiner Krieger wie Holofernes. Auch war sein Kopf fast abgetrennt worden. Hatte das etwas zu bedeuten, absonderlich, wie es war?

Nachdenklich schob sie die Handschrift in die Schutztasche zurück. Der Richter, der ihr zugeschaut hatte, konnte sich keinen Reim darauf machen. »Hast du nun alles gesehen, was du sehen wolltest?«

Fidelma blickte auf und verkündete: »Ich wünsche den Sippenkundigen der Uí Dróna zu sprechen.«

»Jetzt auch noch die Stammesfürstin! Willst du sie allen Ernstes befragen? Was hat sie mit der ganzen Sache zu tun?«

Erst eine Stunde war vergangen, und Rathend und Fidelma saßen in der großen Halle der Festung.

»Das herauszufinden ist nun einmal meine Sache«, erwiderte Fidelma. »Ich bin befugt, Irnan zur Vernehmung vorzuladen. Oder streitest du das ab?«

»Es steht dir frei, ja.« Nur zögerlich räumte Rathend es ein. »Ich kann nur hoffen, du weißt, worauf du dich da einlässt, Fidelma von Kildare.«

Irnan erschien, nachdem die beiden sie eine Weile, unbehaglich schweigend, erwartet hatten. Kaum stand die Stammesfürstin in der Tür, da sprang Richter Rathend schon auf.

»Warum lädt man mich vor, Rathend?«, fragte Irnan gereizt und überging Fidelma absichtlich. Doch es war die Anwältin, die ihr antwortete.

»Seit wann war Scoriath dein Liebhaber, Irnan?«

Selbst wenn nur eine Nadel zu Boden gefallen wäre, man hätte es gehört. Die Frau mit dem dunklen Teint wurde bleich und presste die Lippen zusammen. Der Schreck saß tief.

Fassungslos starrte Rathend Fidelma an und traute seinen Ohren nicht.

Einen Augenblick später schien Irnan alle Kraft zu verlassen. Sie sank auf einen Sessel. In ihren Blicken, die sich unverwandt auf Fidelma richteten, mischten sich Verwirrung und Furcht. Da sie schwieg, redete Fidelma weiter.

»Vor deiner Geburt hat sich dein Vater Drón, wie ich erfahren habe, im Hafen von Síl Maíluidir aufgehalten. Er wollte einige Kaufleute des Clans ermutigen, dort Handel zu treiben. Auch mit einem Kaufherrn aus Phönizien, der eine schöne Tochter hatte, wurde er handelseinig. Drón heiratete sie, und sie hatten ein Kind. Das warst du. Deine Mutter hieß Judith – die Jüdin. Sie ist nur wenige Monate nach deiner Geburt gestorben. Nach ihrem Tod nahm dich dein Vater hierher mit, und hier bist du aufgewachsen.«

»Daraus mache ich kein Geheimnis«, erwiderte Irnan bissig. »Gewiss hat dir Moluan, der Genealoge, davon erzählt.«

»Wann hat Scoriath dir gestanden, dass er dich nicht mehr liebt, dir seinen Befehlsstab zurückgeben und als einfacher Landmann leben will?«

Sie hatte sich bereits wieder in der Hand und lachte kurz auf. »Du weißt längst nicht alles, du kluge dálaigh beim hohen Gericht. Scoriath hat mich immer geliebt und hat mir das noch an dem Tag versichert, als seine Frau ihn aus Eifersucht ermordete.«

Dass Irnan sich so unverblümt äußerte, überraschte Fidelma.

»Scoriath hat mich geliebt, aber er war ein Ehrenmann«, sagte Irnan schneidend. »Er wollte Liadin nicht verletzen und schon gar nicht seinen kleinen Sohn, deshalb wollte er sich von seiner Frau nicht scheiden lassen. Er wollte sich nicht von ihnen trennen.«

»Damit war für dich ein Motiv gegeben, ihn zu töten«, stellte Fidelma fest.

»Ich habe Scoriath geliebt. Nie hätte ich ihm ein Leid angetan.«

»Willst du uns glauben machen, dass du dich mit der Situation abgefunden hattest?«

»Gleich an dem Tag, an dem Scoriath zu uns kam, haben wir uns ineinander verliebt. Mein Vater, der damals Stammesfürst war, merkte das bald. Scoriath hat er zwar als Krieger geschätzt, doch sollte ich mit einem wohlhabenden irischen Fürsten verheiratet werden. Nach meinem Dafürhalten lag ihm vor allem deshalb daran, weil ich die Tochter meiner fremdländischen Mutter bin und er meine fremde Herkunft vor den Leuten verbergen wollte. Er zwang Scoriath in eine arrangierte Ehe mit Liadin. Doch geliebt hat er sie nie.«

Irnan hielt inne und blickte gedankenverloren ins Feuer, ehe sie mit ihren dunklen Augen Fidelma erneut ins ernste Gesicht sah. »Als mein Vater starb, wurde ich die Anführerin der Uí Dróna und durfte nach meinem eigenen, freien Willen handeln. Ich drängte Scoriath, sich von Liadin zu trennen und ihr und dem Kind eine ansehnliche Abfindung zu geben. Er konnte sich dazu nicht durchringen, es ging ihm gegen seine Ehre. Er wollte Liadin nicht weh tun. Und so blieb es bei unserem Liebesverhältnis.

Dann erfuhr ich, auf welche Weise Scoriath und sein Sohn zu Tode gekommen waren. Wer es getan hatte, war ganz offensichtlich. Liadin muss hinter unser Verhältnis gekommen sein und hat ihn in einem Eifersuchtsanfall getötet.«

Schwester Fidelma schaute Irnan nachdenklich an. »Vielleicht ist die Schuldfrage doch nicht ganz so offensichtlich. Wir haben nur deine Erklärung, wie Scoriaths Gemütsverfassung war. Genauso gut hättest du Scoriath ermorden können, weil er deine Liebe zurückwies.«

Irnan sah ihr streitsüchtig in die Augen. »Ich lüge nicht. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.« Sie stand auf. »Bist du mit deiner Befragung fertig?«

»Erst einmal, ja.«

Ohne Rathend oder Fidelma noch eines Blickes zu würdigen, wandte sich die Stammesfürstin um und rauschte davon.

Fidelma war mit sich unzufrieden. Irgendetwas beunruhigte sie, doch konnte sie es nicht recht einordnen.

Rathend wollte gerade etwas sagen, da öffnete sich die Tür zur Halle, und ein schüchterner Bursche trat herein. Er trug die braune, grob gewebte Kutte eines Mönchs.

»Ist Brehon Rathend hier?«, fragte er unsicher, und da er Fidelma erblickte, murmelte er rasch: »Bene vobis, Schwester.«

»Ich bin Rathend«, sagte der Richter. »Weshalb wünschst du mich zu sprechen?«

»Ich bin Suathar aus dem Kloster des heiligen Moling. Ich möchte einen Band abholen, den wir Scoriath ausgeliehen haben. Doch man hat mich an dich verwiesen. Bevor ich das Buch in Empfang nehmen kann, bedarf es deiner Einwilligung, hieß es.«

Fidelma griff rasch ein. »Hat Scoriath die Abschrift der Hexapla des Origenes aus eurer Klosterbibliothek entliehen?«

»Ja, vor einer Woche«, bestätigte der junge Bursche.

»Ist Scoriath selbst in die Bibliothek gekommen, um sich die Handschrift auszuleihen?«

Suathar wunderte sich über die Frage und schüttelte den Kopf.

»Nein. Er hat in einem Brief darum gebeten, ihm den Band zu bringen, sobald jemand im rath der Uí Dróna zu tun hat. Vor sechs Tagen führte mich mein Weg hierher, weil die Tante von Lady Liadin erkrankt war und deren Pflege brauchte. Bei der Gelegenheit habe ich die Handschrift Liadin übergeben.«

Rathend händigte dem Mönch die Buchtasche aus.

»Überprüfe erst, ob alles in Ordnung ist«, riet Fidelma dem jungen Mann, der sich schon bedankte.

Der Mönch zögerte kurz und nahm dann den in Leder gebundenen Band heraus, wendete ihn hin und her und öffnete ihn.

»Gibt es vielleicht eine Markierung bei der Geschichte des Holofernes?«, erkundigte sich Fidelma.

»Ja«, stellte er fest, »aber als ich die Handschrift brachte, war die noch nicht da. Außerdem«, fast traute er sich nicht, es zu sagen, »waren da auch nicht diese dunklen, bräunlichen Flecken auf dem Einband. Die sehen aus wie der Abdruck einer Handfläche.«

Fidelma holte tief Luft und schalt sich wegen ihrer Blindheit. Sie nahm den Band, betrachtete ihn und legte die Hand zum Größenvergleich auf den Abdruck. »War ich ein Narr!«, sagte sie zu sich selbst, fing sich aber gleich wieder. »Suathar, wird dieses Werk des Origenes oft ausgeliehen, ist es sehr gefragt?«

»Sehr gefragt eigentlich nicht. Du weißt ja selbst, Schwester, wir christlichen Gläubigen haben kaum noch ein Interesse daran, denn der große Origenes hat da hebräische Texte zusammengetragen, die fragwürdiger Natur sind. Wir nennen diese Geschichten jetzt die ›Apokryphen‹ nach der griechischen Bezeichnung.«

Fidelma hob die Hand, um seinem Redefluss Einhalt zu gebieten. »Stimmt. Findet sich die Geschichte von Judith und Holofernes sonst noch irgendwo?«

»Nicht dass ich wüsste, Schwester.«

»Hat Lady Liadin die Bibliothek eures Klosters schon einmal besucht?«

Suathar verzog den Mund und dachte nach.

»Doch ja. Das ist allerdings ein paar Wochen her.«

Mit ernster Miene wandte sich Fidelma dem Richter zu. »Ich habe meine Nachforschungen abgeschlossen. Ich muss nur noch einmal Liadin aufsuchen. Die Verhandlung kann morgen stattfinden.«

»Dann wird deine Verteidigung für Lady Liadin wohl auf ein ›Nicht schuldig‹ hinauslaufen?«, fragte Rathend.

Fidelma schüttelte den Kopf und teilte dem Brehon, der bei ihren Worten zusammenzuckte, mit: »Nein, ich werde auf ›schuldig‹ plädieren. Liadin ist sehr raffiniert zu Werke gegangen, aber nicht raffiniert genug.«

Bevor Schwester Fidelma in Liadins kleine Zelle trat, hatte sie Conn, der jetzt die Leibwache befehligte, gebeten, sie zu begleiten und vor der Tür zu warten, falls sie ihn benötigte.

Hoffnungsvoll blickte ihr Liadin entgegen, während sie sich erhob, doch Fidelma blieb in der Tür stehen und verschränkte die Arme.

»Ich werde dich verteidigen, Liadin«, begann sie in kühlem Ton, »doch nur, um mildernde Umstände für deine Schuld zu erwirken. Es ist nicht leicht für mich, erkennen zu müssen, dass du gedachtest, mich zu missbrauchen und in diesen verwerflichen Plan einzubeziehen.«

Nur langsam begriff Liadin, was Fidelma gesagt hatte. Sie wollte sich zur Wehr setzen, doch ihre Anwältin unterbrach sie sofort.

»Ich weiß, wie du vorgegangen bist. Mit einer Reihe falscher Fährten wolltest du meinen Verdacht auf Irnan lenken und hast dabei mit meiner intellektuellen Eitelkeit gerechnet. Darüber hinaus hast du auf meine menschliche Schwäche vertraut, denn du hast darauf gebaut, dass unsere so viele Jahre währende Freundschaft nicht zu erschüttern wäre und ich überzeugt sein würde, dass du nie zu so einer Tat imstande wärst.«

Liadins Gesicht wirkte plötzlich wie versteinert. Sie ließ sich auf die Bettstatt fallen.

»Du hast erfahren, dass Scoriath dich nie wirklich geliebt hat«, fuhr Fidelma erbarmungslos fort. »Du kamst dahinter, dass er ein Verhältnis mit Irnan hatte. Das Verbrechen war von langer Hand vorbereitet. Wenn du ihn nicht haben konntest, so sollte auch Irnan ihn nicht haben. Du hast einen hinterhältigen Plan ausgeheckt und zu einer doppelten List gegriffen. Ich sollte dich verteidigen, gleichzeitig aber durch die falsch gelegte Fährte Irnan verdächtigen.«

»Nie hätte ich so etwas bewerkstelligen können«, begehrte die Gefangene auf.

»Dir war Irnans Abstammung nicht verborgen geblieben, und das brachte dich auf die Geschichte mit Holofernes. Im Griechischen warst du immer gut, und da verfielst du darauf, einen Köder auszulegen, auf den ich anspringen würde. Bei einem Besuch in der Bibliothek des Klosters Moling hast du die Geschichte in der Hexapla des Origenes überprüft. Als du die Zeit für gekommen hieltest, hast du in Scoriaths Namen die Anforderung geschickt, Suathar möchte dir den Band bringen, der mir den nächsten Hinweis liefern sollte. Deshalb hast du in unserem Gespräch fallenlassen, dass Scoriath sich vor einer fürchtete, die einfach die ›Jüdin‹ genannt wurde.«

Fidelma machte eine Pause. Traurig und bekümmert schaute sie ihre Freundin an.

»Die Buchtasche mit der Handschrift hast du in der Schlafkammer aufgehängt. Dann geschah etwas Unerwartetes. Branar hörte zufällig deinen Streit mit Scoriath mit. Deine Pläne durchkreuzte das nicht, denn ich war ja deiner Ansicht nach fest von deiner Unschuld überzeugt. Ich griff zu einer harmlosen List, die Branars Aussage unglaubwürdig erscheinen ließ. Und ich war sogar stolz darauf. Bei der Anwendung einer List ist Vorsicht jedoch geboten, umso mehr, wenn man von einer vorgefassten Meinung ausgeht. Es kann schlimme Folgen haben.

Du bist zu deiner Tante geritten und später ungesehen zurückgekommen. In euren Räumlichkeiten hast du Scoriath angetroffen. Der hatte keinen Grund, dir zu misstrauen, und du hast ihn von hinten angefallen. Vielleicht ist dir dann eingekommen, dass du wegen eures Streits am Morgen vergessen hattest, den Hauptbeweis bereitzulegen, der mich auf die falsche Spur bringen sollte. Du hattest nicht daran gedacht, den Abschnitt über Judith und Holofernes zu kennzeichnen. Das hast du in aller Eile nachgeholt. Zwar war danach der Einband mit Blutflecken verdorben, doch das hatte niemand bemerkt.

Dann hast du dich in den Stallungen versteckt und gewartet, bis Conn die Leiche entdeckt. Du bist wieder aufgetaucht und hast vorgegeben, du seist gerade von deiner Tante zurückgekehrt. Du wusstest, dass man dich beschuldigen würde, hattest mich bereits kommen lassen und die irreführende Fährte gelegt. Eins hat mich allerdings mehrfach beschäftigt, du musst mich schon vor dem geplanten Mord benachrichtigt haben, damit ich zur rechten Zeit eintreffen konnte.«

»Das ist nicht wahr«, jammerte Liadin. »Selbst wenn ich Scoriath aus Eifersucht getötet hätte, in deiner Beweiskette da ist ein Fehler, und du weißt genau, welchen ich meine.«

Fidelma hielt dem Blick ihrer Freundin stand. Blitzte in deren Augen ein leichter Triumph auf?

»Nämlich welchen?«

»Du weißt ganz genau, dass ich nicht fähig wäre, meinen eigenen Sohn zu töten. Und weil du deiner inneren Stimme traust, wirst du mit allen dir zur Verfügung stehenden Mitteln für mich eintreten und mich von diesem Verbrechen freisprechen.«

»Da magst du recht haben«, gestand Fidelma ihr zu. »Ich weiß, du könntest dein Kind nicht töten.«

Fidelma vernahm ein Geräusch draußen vor der Zelle, behielt aber Liadin mit ihrem siegessicheren Blick im Auge.

»Komm rein, Conn«, rief sie, ohne den Kopf zu wenden, »und antworte mir: Warum musstest du Liadins kleinen Sohn ermorden?«

Der blonde, junge tánaiste trat mit gezogenem Schwert in die Zelle. »Aus demselben Grund, aus dem ich dich jetzt töten muss«, erwiderte er eiskalt. »Im Wesentlichen war alles so ausgedacht, wie du es geschildert hast, doch mit einem geringfügigen Unterschied. Der führende Kopf war ich. Liadin und ich liebten uns.«

Liadin hatte leise zu schluchzen begonnen, da nun die Wahrheit an den Tag kam.

»Ich wollte von Scoriath frei sein und mit Conn zusammenleben. Ich wusste, in eine Scheidung würde er nie einwilligen, das wäre gegen seine Ehrauffassung gewesen. Ich sah keinen anderen Ausweg. Ich musste dich glauben machen, er hätte ein Verhältnis mit Irnan …«

Spöttisch hob Fidelma eine Braue. »Du kannst mir nicht erzählen, du hättest nicht gewusst, dass Scoriath und Irnan in Wahrheit ein Liebesverhältnis hatten.«

Ihre verschreckte Miene bestätigte Fidelma, dass sie tatsächlich ahnungslos war.

»Du willst auch nicht gewusst haben, dass Scoriath sich hätte scheiden lassen, wenn du ihn einfach vor die Frage gestellt hättest? Oder, dass er nur bei dir geblieben ist, weil er das dir und seinem Sohn gegenüber für seine Pflicht hielt?«

Liadin war vor Entsetzen wie erstarrt. »Aber Conn … Conn hat gesagt … O mein Gott!«, stammelte sie. »Hätte ich das bloß gewusst … Dann hätte all das Furchtbare nicht geschehen müssen. Conn und ich hätten beieinander sein können, ohne Schuld auf uns zu laden.«

»Ganz so wäre das nicht gekommen, nicht wahr, Conn, tánaiste der Uí Dróna?«

Mit mürrischem und trotzigem Gesicht verharrte der junge Mann auf seinem Fleck.

»Du musst einsehen, dass Conn dich nur für seine Pläne benutzt hat, Liadin«, eröffnete Fidelma ihrer Freundin. »Er hat dich überredet, den Mordanschlag so zu planen, dass Irnan mit in Verdacht geriet. Ich sollte deiner falschen Fährte folgen und aufzeigen, dass auch Irnan tatverdächtig war, irgendwie also Mitschuld trägt an Scoriaths Tod. Dann wäre sie gezwungen gewesen, als Stammesführerin zurückzutreten. Ein Stammesfürst muss ohne Fehl und Tadel sein, er darf nicht unter dem Verdacht stehen, Unrechtmäßiges getan zu haben. Wer hätte davon einen Nutzen gehabt? Niemand anderes als der tánaiste – der gewählte Nachfolger!«

Ungläubig schaute Liadin auf Conn. »Weise das zurück!«, schrie sie. »Sag, dass das nicht wahr ist!«

Conn zuckte hochmütig die Achseln. »Warum nur um Liebe buhlen, wenn man sogar die Macht ergreifen kann? Wir hatten unser Vorgehen so geplant, wie du geschlussfolgert hast, Fidelma von Kildare. Bis auf eines. Ich habe auch Scoriath erschlagen. Und als der Junge in die Kammer stolperte und mich sah, musste ich ihn töten, wie ich jetzt dich töten muss …«

Conn holte mit dem Schwert aus. Fidelma zuckte zusammen und schloss die Augen. Sie hörte Liadin aufkreischen. Der Hieb blieb aus. Sie öffnete die Augen und sah, wie Liadin sich an Conns Schwertarm klammerte. Rathend und zwei Krieger drängten in die Zelle, entwaffneten Conn und schleppten den sich Wehrenden fort.

Haltlos schluchzend brach Liadin auf dem Bett zusammen.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung schaute Rathend Fidelma an. »Also hast du doch recht gehabt, Fidelma von Kildare. Was hat dich nur so sicher gemacht?«

»So sicher bin ich keineswegs gewesen, doch mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Ich war überzeugt, Liadin konnte nicht ihren eigenen Sohn umgebracht haben. Wiederum stand das gegen die Erkenntnis, dass sie mir eine Reihe ausgefallener falscher Fährten gelegt hatte. Sie konnte damit rechnen, dass diese versteckten Hinweise meinem Ehrgeiz schmeicheln würden, Geheimnisse lüften zu können. Es schälte sich heraus, dass Liadin einen Mitverschwörer hatte, und bei dem war ein Tatmotiv zu erkennen. Ich begann, Conn zu verdächtigen, als er mir so bereitwillig den Hinweis auf Irnan und die Jüdin bot.

Liadin ist wirklich zu bedauern. Auch als sie wusste, dass Conn ihr Kind erschlagen hatte, hielt sie aus Liebe zu ihm an dem Plan fest. Schlimm, wie sich auch hier die Redensart bewahrheitet: Liebe macht blind.«

Mitfühlend schaute sie auf ihre Freundin.

»Erst als ich begriff, dass die Breite des Handabdrucks auf dem Bucheinband auf die Hand eines Mannes verwies, wurden mir Zusammenhänge klar. Conn ist für den Mord verantwortlich zu machen. Er musste sich vergewissern, dass Liadin den Hinweis an der richtigen Stelle angebracht hatte. Er tat es und hinterließ den Handabdruck. Mich hatten sie in ihren Plan mit einbezogen, ich sollte der falschen Fährte folgen. Ich traf erst ziemlich spät ein, und Conn erwartete mich bereits am Tor. Mich wunderte, weshalb er erleichtert schien, als ich kam.«

Rathend fiel es schwer, die gesamte Niedertracht des Verbrechens zu erfassen. »Conn hat also seine Partnerin zur Mittäterschaft überredet, indem er sie glauben ließ, alles geschehe aus Liebe zu ihr? Und in Wirklichkeit hatte er die ganze Zeit nichts anderes im Sinn, als nach der Macht zu greifen.«

»Liadin ist schuldig, aber die größere Schuld trägt Conn. Er hat mit ihren Gefühlen gespielt wie ein Fiedler auf seinem Instrument. Ach, Liadin, Liadin!« Betrübt schüttelte Fidelma den Kopf. »Da glaubt man, dass man jemand wirklich gut kennt, doch in den tiefsten Winkel des Herzens kann man selbst beim besten Freund nicht schauen.«

»Immerhin hat sie dein Leben gerettet. Und das dürfte als mildernder Umstand gelten, wenn sie vor Gericht steht.«

»Wäre Scoriath nur ehrlich mit ihr umgegangen«, sagte Fidelma. »Hätte er ihr gestanden, dass er ein Verhältnis mit Irnan hat, und ihr gesagt, dass er eine Scheidung wünschte, dann wäre sie nicht in dieses schreckliche Komplott verstrickt worden.«

»Man könnte fast meinen, Scoriath hat sich sein Schicksal selbst zu verdanken«, äußerte Rathend.

»Wahrscheinlich war er zu feige, sich seine Gefühle einzugestehen und sich selbst treu zu bleiben«, stimmte ihm Fidelma betroffen zu. Sie ließen die schluchzende Liadin allein zurück. »Männer sind oft so. Deus vult!«

»Alles steht in Gottes Hand«, bekräftigte Rathend pathetisch.


ANGSTSCHREI AUS DER GRUFT

<p>ANGSTSCHREI AUS DER GRUFT</p>

Es war am Abend vor Allerheiligen. Tressach, ein Krieger der Garde vom königlichen Palast in Tara, wo Sechnasach, der Hochkönig von Irland, residierte, war unglücklich. Ausgerechnet an diesem Abend hatte er den meist gehassten Dienst: Er hatte auf dem Teil des Palastgeländes Wache zu halten, wo ganze Generationen von Hochkönigen begraben lagen. Gedenktafeln aus Granit mit Inschriften gaben Auskunft darüber, welche Monarchen unter den Hügeln ruhten; oft genug hatte man sie mitsamt ihren Streitwagen und ihrer Rüstung bestattet, dazu mit Grabbeigaben, die sie auf ihrer Reise in die Anderswelt begleiten sollten.

Tressach fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Musste ihn dieser Dienst auch gerade in der gefürchtetsten aller Nächte treffen! Von alters her hatte der Abend vor Allerheiligen besondere Bedeutung. Noch heute wurde er von vielen unter dem alten Namen Samhain-Fest begangen, obwohl die fünf Königreiche längst den neuen Glauben der Christenheit angenommen hatten. Nach der Tradition aus vergangenen Zeiten war Samhain die Nacht des Jahres, in der den Lebenden das Reich der Anderswelt erschien, in der die Seelen der Toten das Diesseits betreten und sich an jedem, der ihnen zu Lebzeiten Unrecht getan hatte, rächen durften. Die Vorstellung war in den Menschen tief verwurzelt, selbst der Neue Glauben hatte nichts dagegen ausrichten können. Die Christen hatten einen Ausweg ersonnen, indem sie zwei unterschiedliche Feiern eingeführt hatten, um so das alte Fest mit einzubeziehen. Zu Allerheiligen wurde der Heiligen gedacht, der bekannten und der weniger bekannten, und der darauffolgende Tag Allerseelen war dem Gedenken an die Seelen der in Christo Verstorbenen vorbehalten.

Tressach hatte den von einer Mauer abgeschirmten Bezirk mit den Gräbern vor sich, der weitab von den Palastgebäuden lag. Ihn fröstelte in der kalten Abendluft. Der Herbst verabschiedete sich zusehends, und der Winter schickte seine Vorboten, weiße Finger eines schleichenden Bodenfrostes, der von den heiligen Hügeln im Königsgau Meath kam.

Tressach blieb stehen und tastete mit den Augen die Wegstrecke zwischen den düsteren Grabhügeln und ihren Portalen aus Granitgestein ab. Man hatte ihr den Namen »Allee der großen Könige« gegeben, denn hier hatten die berühmtesten der früheren Herrscher ihre letzte Ruhestätte gefunden. Hier befand sich das prunkvolle Grab von Ollamh Fodhla, dem vierzigsten König, der die Gesetze Irlands gesammelt und einen féis, einen Konvent, begründet hatte, der alle drei Jahre zum Samhain-Fest in Tara zusammentrat. Dann trafen sich Richter, Anwälte und Stammesbeauftragte, debattierten über Gesetze und überarbeiteten sie. Just in diesem Jahr kam es wieder zu einer solchen Begegnung, und Tressach wusste, dass bereits viele Richter und Anwälte in Tara eingetroffen waren. Ihre Beratungen sollten am nächsten Morgen beginnen.

Eine andere bemerkenswerte Grabstätte war die von Macha Mong Ruadh, Macha mit dem Fuchshaar, der sechsundsiebzigsten Monarchin und einzigen Frau, die über Irland regiert hatte. Dahinter reihten sich die Gräber von Conaire dem Großen, von Tuathal dem Rechtmäßigen, von Art dem Einzigen, von Conn der hundert Schlachten und von Fergus Schwarzzahn. Würde ihn jemand befragen, hätte Tressach ihm die Namen aller dort Ruhenden der Reihe nach herunterbeten können. So war es eben, selbst mächtige Herrscher sanken ins Grab.

Weshalb aber ein Krieger seine Zeit damit verschwenden sollte, diese Ruhestätte der Toten abzulaufen und zu bewachen, hatte er nie verstanden. Welche Notwendigkeit gab es, einen so trostlosen Ort wie diesen zu bewachen, noch dazu in der finstersten aller Herbstnächte? Er wünschte sich sehnlichst von hier weg … egal, wohin.

Wenigstens hatte er eine kleine Laterne, aber den rechten Trost spendete ihm ihr Licht auch nicht. Er begann, die dunkle Gräberreihe abzulaufen und beschleunigte seinen Schritt. Je schneller er sich seiner Aufgabe entledigt hatte, desto besser. Mit gutem Gewissen würde er seinem Vorgesetzten berichten können, dass in der Anlage alles in Ordnung war. Der Gedanke an einen Krug mit cuirm, einem starken Met, machte die Sache etwas erträglicher.

Er bog um eine Ecke und blieb an einer der Ehrenreihen gewissenhaft stehen, um sich etwas sorgsamer umzuschauen. An Stellen, von denen aus sich ein günstiger Überblick ergab, hielt er es für richtig, seinen Pflichten ausführlicher nachzukommen. Das schuldete er seinem Hauptmann und seinem Stolz als Krieger. Er leuchtete die Umgebung mit seiner Laterne ab und erspähte ein frisch ausgehobenes Grab. Nur keine Schwäche zeigen! Er wusste, dass Garbh, der Friedhofswärter, zu dessen Pflichten die Pflege der Ruhestätten und das Anlegen neuer Gräber gehörte, in den letzten zwei Tagen hier geschaufelt hatte. Noch waren die Arbeiten nicht beendet, und das Grab war leer, aber trotzdem fühlte sich Tressach wie magisch davon angezogen und starrte in das gähnende schwarze Loch mit der ringsherum frisch aufgehäuften schwarzen Erde. Seine Phantasie spielte verrückt, Angstvorstellungen aus seiner Kindheit schnürten ihm die Kehle zu. Jeden Augenblick konnte sich da unten etwas Schreckliches auftun. Er beugte das Knie und riss sich beherzt los.

Am Ende der Reihe mit den Gräbern aus der etwas jüngeren Zeit erhob sich ein Hügel, ein wenig abseits von den anderen. Es handelte sich um eine uralte Grabstätte, eine sogenannte dumma. Umringt war sie von Säulen aus Granit mit eingemeißelten Schriftzeichen in Ogham, der alten irischen Schrift, die mit der Einführung des Neuen Glaubens dem Lateinischen hatte weichen müssen. Im Dunkeln ließ sich nichts weiter erkennen, doch Tressach wusste auch so, dass dieses Grab reicher geschmückt war als die anderen. Unter dem Sturz aus einem Granitblock befanden sich schwere Eichentüren, mit Kupfer und Bronze beschlagen und mit Eisenbändern verstärkt. Die Täfelungen waren mit Gold- und Silberarbeiten besetzt.

Es war eins der ältesten Gräber in Tara. Wollte man den Chronisten Glauben schenken, so war es um die tausendfünfhundert Jahre alt und die letzte Ruhestätte von Tigernmas, dem sechsundzwanzigsten Hochkönig. Er war als »Herr des Todes« in die Geschichte eingegangen; von allen Königen aus alten Zeiten hatte er die meisten Kriege geführt und allein in einem Jahr neununddreißig Schlachten gewonnen. Während seiner Herrschaft, so berichteten die Geschichtenerzähler, wurden in Irland die ersten Gold- und Silberminen entdeckt und Schürfungen begonnen. Tigernmas wurde ein reicher und mächtiger König. Er verfügte, dass die Menschen Kleidung mit unterschiedlichen Farben zu tragen hatten, an denen ihre Clanzugehörigkeit und ihr Rang in der Gemeinschaft zu erkennen waren.

Unter all den Gräbern, an denen Tressach an diesem ohnehin unheimlichen Abend vorbei musste, war es das von Tigernmas, vor dem er sich am meisten fürchtete. Die Chronisten wussten zu berichten, dass Tigernmas sich von den alten Göttern abgewendet hatte, um ein Idol zu verehren, dessen Kult mit Blutvergießen und Rachetaten einherging. Anlässlich des Samhain-Festes ließ er auf der Ebene Magh Slecht Menschenopfer darbringen. Daraufhin ereilte ihn ein grausames Schicksal. Tigernmas und all seine Gefolgsleute starben an einer seltsamen Krankheit; seinen Leichnam brachte man nach Tara zurück, um ihn neben den anderen Königen zu bestatten.

Tressach war mit der Geschichte nur allzu gut vertraut und hätte etwas darum gegeben, wenn er sie zu dieser Stunde aus seinen Gedanken hätte verbannen können. Mit der einen Hand hielt er den Griff seines Schwertes fest umklammert, mit der anderen die Laterne etwas höher. Es beruhigte ihn. Er war im Begriff, an der Grabstätte des Tigernmas vorbeizuhasten, als ihn ein Schrei lähmte. Beine und Arme wollten ihm nicht länger gehorchen. Es war ein gedämpfter Schrei, ein erstickter Schmerzensschrei.

Unmittelbar darauf rief eine gequälte Stimme: »Zu Hilfe! Gott, erbarme dich!«

Tressach brach der kalte Schweiß aus. Er war außerstande, sich zu bewegen oder einen Laut hervorzubringen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt und ausgetrocknet.

Nur das eine war ihm klar – der Schrei war aus der seit Jahrhunderten versiegelten Gruft des Tigernmas gekommen.

Abt Colmán, der geistliche Ratgeber der Großen Versammlung der Stammesfürsten der fünf Königreiche Irlands, ein untersetzter Mann mit rötlichem Gesicht und Mitte fünfzig, erhob sich, um die junge Nonne zu begrüßen, die soeben sein Zimmer betreten hatte. Sie war eine große Frau mit graugrünen Augen, und selbst ihr Schleier konnte das rote Haar nicht bändigen.

»Es tut immer wieder gut, dich hier in Tara zu sehen, Schwester Fidelma! Nur beglückst du uns allzu selten mit deinem Besuch.« Mit ausgestreckten Händen ging er auf sie zu.

»Dominus tecum«, erwiderte sie ernst und ließ mit dieser Anrede nicht das Protokoll außer Acht. Der schmunzelnde Abt wehrte kopfschüttelnd ab, ergriff warmherzig ihre Hände und führte sie zu einem Stuhl am Feuer. Sie waren alte Freunde, doch war eine lange Zeit verstrichen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

»Ich hatte mich schon besorgt gefragt, ob wir dich zu unserer Versammlung hier würden begrüßen dürfen. Alle anderen Richter und Anwälte sind bereits eingetroffen.«

Mit einem schelmischen Lächeln sah ihn Schwester Fidelma, die zum Kloster der Heiligen Brigid von Kildare gehörte, an.

»Von einem Konvent wie diesem fernzubleiben, hätte ich mir nicht verzeihen können. Dafür stehen zu viele strittige Punkte zur Debatte, wegen denen ich mich mit dem Obersten Richter anlegen möchte.«

Ihre Antwort stimmte den Abt heiter, und freudig erkundigte er sich, ob ihr ein Becher gewärmter, aus Gallien eingeführter Wein genehm wäre. Sie war dem nicht abgeneigt, und so langte er nach einer Amphore aus Ton, goss daraus roten Wein in einen Krug, nahm einen glühend heißen Schürharken aus dem Feuer und tauchte ihn in die Flüssigkeit. Dann schenkte er ihr ein entsprechendes Maß in einen silbernen Becher.

Der Abend war kühl, und Fidelma sprach gern dem wärmenden Getränk zu.

»Ist es wirklich schon drei Jahre her, seit du zuletzt in Tara warst?« Der Abt mochte es kaum glauben. Kopfschüttelnd nahm er ihr gegenüber Platz.

»Es erscheint auch mir wie eine Ewigkeit«, stimmte sie ihm zu.

»Der König spricht immer noch voller Anerkennung von dir und wird dir nie vergessen, wie du das Rätsel um sein gestohlenes Schwert gelöst hast.«

»Ah ja, Sechnasach. Ist er wohlauf? Und des Königs Familie, wie geht es der?«

»Es gibt keinen Grund zur Klage. Deo gratias«, fügte er fromm hinzu. »Aber wie ich höre, ist dir in der Zwischenzeit allerlei widerfahren.«

Ein heftiges Klopfen an der Tür hinderte ihn am Weitersprechen. Entschuldigend sah er Fidelma an und forderte den Störenfried auf, einzutreten.

Es bedurfte keines Kennerblicks – der im Türrahmen wartende Krieger war total verstört. Obwohl er einen Schafspelz anhatte, bebte er am ganzen Körper, als fröre er erbärmlich, und das Gesicht war aschfahl. Seine Lippen zitterten, und die dunklen Augen hasteten unstet vom Abt zu der jungen Nonne und wieder zurück zum Abt.

»Nun los schon, Mann«, fuhr ihn Colmán ungehalten an, »heraus mit der Sprache. Worum geht es?«

»Ehrwürdiger Abt.« Mehr brachte er nicht heraus, und selbst die zwei Worte waren kaum zu verstehen.

Colmán wurde ungeduldig. »Nun rede endlich, Mann!«

»Ich bin Tressach von der Leibgarde des Königs. Irél, mein Befehlshaber, schickt mich, ich soll dich holen. Da ist etwas passiert …« Er verstummte.

»Etwas passiert? Was ist passiert?«

»Bei den Grabstätten der Hochkönige. Irél bittet dich, sofort zu kommen.«

»Warum? Was ist geschehen?« Colmán verspürte wenig Lust, die Wärme spendende Behaglichkeit von Feuer und Wein gegen die Kälte draußen einzutauschen. Aber er war geistlicher Ratgeber am königlichen Hof, jedes Vorkommnis, das das geistliche Leben in Tara betraf – bis hin zur Aufsicht über den Friedhof – fiel in seinen Verantwortungsbereich.

Fidelma nippte derweil an ihrem Wein, beobachtete aber aus einem Augenwinkel heraus den Krieger und sein aufgeregtes Gebaren. Der Mann hatte völlig die Fassung verloren, und die schroffe Art des Abts half ihm wenig, sie wiederzugewinnen. Sie stellte ihren Trinkbecher auf dem Tisch ab und lächelte ihm aufmunternd zu.

»Erzähl, was geschehen ist, und dann sehen wir gemeinsam, was wir tun können.«

Der Krieger machte eine hilflose Armbewegung, antwortete aber. »Ich hatte Wache. Bei den Grabstätten, genau gesagt. Ausgerechnet heute Abend, und ich dort allein. Aus dem Grab von Tigernmas kam plötzlich ein Schrei …«

»Aus dem Grab?«, vergewisserte sich Fidelma.

»Aus der Gruft, Schwester.« Der Krieger unterstrich seine Behauptung mit einem kurzen Beugen des Knies. »Ich hörte eine Stimme, die ganz deutlich Gott um Hilfe anrief. Ich war halbtot vor Angst. Gegen Feinde aus Fleisch und Blut kann ich mich zur Wehr setzen, aber nicht gegen umherirrende, gequälte Seelen von Toten.«

»Na, na«, verwahrte sich Colmán gegen die Vorstellung. »Vielleicht treibt da nur einer seinen Schabernack. Ich weiß sehr wohl, was für eine Nacht wir heute haben.«

Fidelma hingegen sah dem Gesicht des Mannes an, dass ihm keineswegs spaßig zumute war.

»Sprich weiter«, ermunterte sie ihn. »Was hast du daraufhin unternommen?«

»Unternommen? Ich bin gelaufen, was ich konnte. Ich bin zu Irél, meinem Befehlshaber, gerannt, um ihm zu berichten. Er ist mit einem anderen Krieger und mir zurück zur Grabstätte gegangen. Und was soll ich sagen, Schwester? Die Stimme war wieder da. Etwas schwächer zwar, aber wie zuvor rief sie um Hilfe. Irél und der andere Krieger haben es auch gehört.«

Colmán wollte ihm immer noch nicht glauben.

»Und was erwartet Irél nun von mir? Soll ich mich an den Ort begeben und für die Seelen der Toten beten?«

»Das nicht. Irél ist nicht einer von denen, die an umherirrende Geister glauben. Aber mein Hauptmann bittet um Erlaubnis, das Grab öffnen zu dürfen. Er glaubt, jemand steckt da drinnen und ist verletzt.«

Entsetzt schaute der Abt ihn an.

»Das Grab ist doch aber seit tausendfünfhundert Jahren nicht mehr geöffnet worden. Wie soll da jemand hineingeraten sein?«

»Genau das hat ihm Garbh auch gesagt.«

»Wer ist Garbh?«, fragte Fidelma.

»Der Friedhofswärter. Irél hat ihn rufen lassen und von ihm verlangt, er solle die Gruft öffnen.«

»Und hat Garbh das getan?«, forschte der Abt gereizt.

»Nein. Er hat sich geweigert, er ist nur bereit, es auf höheres Geheiß zu tun. Deshalb hat mich mein Hauptmann hergeschickt, er braucht deine Erlaubnis.«

»Da hat er recht. Das ist eine schwerwiegende Angelegenheit«, murmelte Colmán. »Gräber zu öffnen, das ist eine Entscheidung, die kein Soldat, auch nicht der Befehlshaber der königlichen Leibgarde, fällen kann.« Er erhob sich und schaute Fidelma an. »Wenn du mich bitte entschuldigst, Schwester …«

Doch auch Fidelma stand auf.

»Ich denke, ich sollte dich begleiten«, sagte sie ruhig. »Wenn aus einer versiegelten Gruft eine Stimme ertönt, dann muss auch jemand dort hineingekommen sein … oder aber, Gott behüte, es ist tatsächlich ein Geist, der nach uns ruft.«

Als sie an der Grabstätte ankamen, fanden sie dort den ernst dreinblickenden Befehlshaber der königlichen Leibgarde zusammen mit einem weiteren Krieger vor. Noch ein dritter Mann stand bei ihnen, stämmig, muskulös, in Lederjacke und Hosen, wie Arbeiter sie trugen. Er sah nicht nur kampfeslustig aus, sondern hatte sich offensichtlich auch mit dem Hauptmann angelegt. Als er sie bemerkte, war er sichtlich erleichtert und begrüßte zuerst den Abt.

»Ich bin froh, ehrwürdiger Abt Colmán, dass du gekommen bist. Der Mann hier verlangt von mir, das Grab aufzubrechen. Das zu tun ist Frevel, und ich habe mich geweigert, es sei denn, ein Kirchenmann mit Rang und Namen gebietet es mir.«

Irél trat einen Schritt vor, grüßte in aller Form und fragte ohne Umschweife: »Hat dir Tressach berichtet, was vorgefallen ist?«

Spöttisch schaute ihn der Abt an, als nähme er die Sache nicht sehr ernst, und fragte mit sarkastischem Unterton: »Könnten wir die Stimme bitte mal hören?« Dabei hielt er die Hand ans Ohr wie zum Lauschen.

»Seit ich Garbh habe holen lassen, haben wir nichts mehr gehört«, erklärte Irél und bemühte sich, seinen Ärger hinunterzuschlucken. »Ich habe die ganze Zeit Garbh dazu bewegen wollen, das Grab zu öffnen. Jede Minute zählt, vielleicht liegt dort jemand im Sterben.«

Garbh gab einen Lacher von sich.

»Man braucht sich doch nur die Türen anzugucken. Fünfzehnhundert Jahre sind die schon verschlossen. Wenn da einer gestorben ist, dann vor über einem Jahrtausend.«

»Als Friedhofswärter hat Garbh völlig richtig gehandelt, wenn er sich deiner Aufforderung verweigerte«, bestätigte Colmán. »Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dir eine solche Erlaubnis erteilen darf.«

Das war der Moment, in dem sich Fidelma zu Wort meldete.

»Wenn das so ist, dann fälle ich die Entscheidung. Meiner Meinung nach sollten wir die Gruft unverzüglich öffnen.«

Mit einer heftigen Bewegung drehte sich Colmán zu ihr um und fragte besorgt: »Meinst du das ernst?«

»Wenn ein erfahrener Befehlshaber der Garde und ein Krieger die Sache ernst nehmen, sollte das Grund genug sein, ihnen zu glauben, dass sie etwas gehört haben. Sehen wir doch einfach nach, ob dem so ist.«

Überrascht blickte Irél die junge Nonne an, während Garbh nur höhnisch grinste. Colmán fügte sich seufzend und bedeutete Garbh, mit der Graböffnung zu beginnen.

»Schwester Fidelma ist eine dálaigh, Anwältin bei Gericht, und das im Range eines anruth«, erklärte er den Umstehenden und rechtfertigte damit seine Entscheidung. »Sie hat Verfügungsgewalt.«

Fast unmerklich zuckte es um Garbhs Augen. Es war die einzige Regung, die er zeigte, als er vernahm, dass die junge Nonne den zweithöchsten Grad erlangt hatte, den es im Rechtswesen des Landes überhaupt gab. Irél war sichtlich erleichtert, weil endlich eine Entscheidung getroffen worden war.

Grabh brauchte einige Zeit, bis er die alten Verriegelungen aufgeschlagen hatte und die Tür aufschieben konnte.

Sie drängten nach vorn, und einem wie dem anderen entfuhren Entsetzenslaute.

Unmittelbar an der Tür lag die Leiche eines Mannes.

Dass es kein Leichnam aus früheren Zeiten war, sahen sie sofort. Der Tod war erst vor kurzem eingetreten. In seinem Rücken steckte ein Stab aus Holz, mit dem man ihn offensichtlich erschossen oder erstochen hatte. Er sah wie der Schaft eines Pfeils aus, aber ohne die Schwungfedern am Ende. Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten mit ausgestreckten Armen, als hätte er versucht, die Tür von innen zu öffnen. Die Fingernägel waren abgebrochen, und an den Fingern, mit denen er in seiner Verzweiflung an der Tür herumgekratzt hatte, klebte Blut. Und erst sein Gesicht! Die Augen angstgeweitet, als wäre ihm eine finstere Macht erschienen.

Tressach zitterte heftig. »Gott habe Erbarmen mit uns!«

Grabh rieb sich verstört das Kinn.

»Die Grabstätte war nach allen Regeln der Kunst verriegelt«, murmelte er. »Ihr alle habt die Siegel an der Tür gesehen. Versiegelt seit fünfzehnhundert Jahren.«

»Und doch steckte der Mann hier drinnen und versuchte, ins Freie zu gelangen«, stellte Fidelma sachlich fest. »Offensichtlich kämpfte er mit dem Tod, als Irél veranlassen wollte, die Gruft zu öffnen. Was Tressach und Irél gehört haben, waren seine Todesschreie.«

Irél sah sie an, und als sie sich beherzt einen Schritt vorwagte, warnte er: »Das ist schwerlich der richtige Anblick für eine fromme Schwester.«

»Ich bin eine dálaigh«, erinnerte sie ihn. »Ich übernehme die Untersuchung des Falls.«

Fragend schaute Irél zum Abt, der aber nickte leicht. Daraufhin gab er den Weg frei und ließ Fidelma die Grabstätte betreten. Sie verlangte nach Laternen, die ihr den Innenraum erleuchten sollten.

Eine gewisse Neugierde trieb sie voran. Sie kannte all die Geschichten über Tigernmas, den unrühmlichen König, der seine Druiden hatte töten lassen und sich der Verehrung eines mächtigen Idols verschrieben hatte. Generationen von Kindern hatte man mit Schauermärchen verängstigt, die Seele des bösen Königs würde aus der Anderswelt aufsteigen und sie mitnehmen, wenn sie nicht den Eltern gehorchten. Und nun stand sie an der Tür zu seinem Grab, die unberührt geblieben war, seit man seinen Leichnam vor langen Zeiten hier bestattet hatte. Einladend war der Ort nicht. Die Luft war muffig, feucht, es roch nach verrotteter Erde und verwesten Pflanzen.

Das Erste, was ihr auffiel, war, dass es sich bei dem Leichnam um einen Mann mittleren Alters handelte, rundlich von der Statur her, mit weißem Haar. Sie untersuchte die aufgeschürften und blutigen Hände und stellte fest, dass Finger und Handflächen eher weich und geschmeidig waren und nicht von handwerklicher Arbeit zeugten. Auch ein näheres Betrachten der Kleidung ergab, dass sie, abgesehen vom Staub und Schmutz, die von der Grabstätte herrührten, und abgesehen von den Blutflecken um seine Wunde, gepflegt war, wie es sich für jemand höheren Ranges geziemte. Schmuck trug der Mann jedoch nicht, auch keinerlei Zeichen seines Amtes, und die Lederbörse, die er am Gürtel hatte, war bis auf ein paar Münzen leer.

Erst nach all diesen Überprüfungen wendete sie ihre Aufmerksamkeit dem Gesicht zu. Sie versuchte, sich die schreckverzerrte Grimasse wegzudenken. Doch schon im nächsten Moment zog sie die Stirn in Falten, bat darum, man möge eine Laterne näher halten, und überlegte krampfhaft, wo sie das Gesicht schon mal gesehen hatte. Von irgendwoher kannte sie es.

»Abt Colmán, schau doch mal her«, rief sie. »Ich habe das Gefühl, ich kenne den Mann.«

Nur zögernd kam der Abt ihrer Aufforderung nach und beugte sich neben ihr nieder.

»Gott verdamm mich«, stieß er entsetzt aus und merkte nicht, was ihm da herausgerutscht war. »Es ist Fiacc, der Oberste Brehon von Ardgal.«

Fidelma stimmte ihm mit bitterem Nicken zu. Sie hatte sich also nicht geirrt. Der Oberste Richter des Clans von Ardgal war einer der landesweit anerkannten Brehons.

»Er wollte gewiss an der Ratsversammlung teilnehmen«, brachte Colmán erschüttert hervor.

Fidelma erhob sich und klopfte den Staub von ihrem Habit. »Weit wichtiger ist, dass wir herausfinden, was er ausgerechnet hier suchte«, meinte sie. »Wie gelangt ein anerkannter Richter in eine Grabstätte, die über Generationen hinweg nie geöffnet wurde, und wird dort erstochen?«

»Hexerei!« Die Antwort kam mit tonloser Stimme von Tressach.

Irél strafte seinen Untergebenen mit einem sarkastischen Blick. »Lehrt uns nicht Patrick, dass es so etwas wie Hexerei nicht gibt?«, tadelte er und meinte dann zu Fidelma: »Die Sache muss sich doch irgendwie erklären lassen, Schwester.«

Sie schmunzelte über seine selbstverständliche Art, sie mit einzubeziehen.

»Für alles, was geschieht, gibt es eine Erklärung«, bestätigte sie und warf dabei einen Blick in das Innere der Grabstätte. »Sie zu finden ist jedoch nicht immer leicht.« Sie wandte sich an Colmán. »Würdest du bitte den Vorsitzenden des Konvents fragen gehen, ob Fiacc schon sein Quartier bezogen hatte und ob er als Redner vorgesehen war?«

Der Abt ließ sich nicht lange bitten und eilte davon.

Fidelmas Aufmerksamkeit galt erneut der Leiche. Die Todesursache war offenkundig. Der pfeilähnliche Holzstab steckte im Rücken des Toten unterhalb des Schulterblattes.

»Die dümmste Stelle, wenn man jemand erstechen will«, brummelte Irél abfällig. »Jemand in den Rücken stechen«, fügte er hinzu, als er Fidelmas fragenden Blick sah. »Von hinten kann man sich nie sicher sein, ob man sein Opfer wirklich getötet hat. Zu viele Knochen versperren den Weg zu lebenswichtigen Organen, an jedem einzelnen kann die Waffe abprallen. Man sollte immer von vorn unterhalb des Rippenbogens zustechen und dann leicht nach oben.« Man hörte den Krieger sprechen.

»Deiner Meinung nach hat die Person, die den Todesstoß ausgeführt hat, vom Töten nichts verstanden?«, fragte Fidelma mit bitterem Hohn.

Er überlegte. »Das würde ich nicht unbedingt sagen. Der Stab wurde leicht seitlich angesetzt und dann mit jäher Wucht in die Herzgegend getrieben. Der Mörder wusste, was er tat. Er wollte auf Anhieb das Herz durchbohren. Trotzdem hat sein Opfer noch eine Weile gelebt, sonst hätten wir ja nicht seine Schreie gehört und den Leichnam entdeckt.«

»Deine Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, Irél. Aber sag mir eins, weshalb ordnest du den Mord einem Mann zu?«

»Das ist doch ganz logisch. Schau dir mal an, wie tief sich das Holz ins Fleisch gegraben hat. Dazu braucht man Kraft.«

Dem war nichts entgegenzusetzen. Fidelma betrachtete jetzt den Holzschaft etwas genauer. Er war aus Espe, etwa achtzehn Zoll lang, auch waren Schriftzeichen in Ogham eingeritzt. Sie ließ die Finger über die Lettern gleiten, das noch leicht klebrige Mark war zu spüren. Die eingeritzten Wörter hießen so viel wie »Mögen die Götter uns behüten«. Damit war klar, was für ein Stab das war, nämlich ein Maß, mit dem man Leichen und Gräber vermessen konnte, ein sogenannter . Der Messstab galt als ein Unheil bringendes Werkzeug, aus freien Stücken würde ihn niemand anfassen.

Selbst Fidelma musste sich gut zureden, ehe sie ihn anpackte und aus dem Leichnam zog. Auf den ersten Blick erkannte sie, dass es sich um keinen allgemein üblichen handelte. An dem Ende, das im Körper gesteckt hatte, war herumgeschnitzt worden, sodass sich vorn eine Spitze ergab. Sie wischte das Blut an der Kleidung des Toten ab. Jetzt war deutlich zu erkennen, dass man die Spitze im Feuer erhärtet hatte.

Zutiefst erschrocken sah Tressach ihr zu, wie sie den Holzstab in den Händen hin und her drehte. »So etwas anzufassen bringt Unglück, Schwester«, sagte er vorwurfsvoll. »Und erst recht, wenn es der ist, mit dem das Grab für Tigernmas ausgemessen wurde.«

Fidelma beachtete ihn nicht. Sie stand auf und begann, sich in der Grabstätte genauer umzusehen.

Es handelte sich um eine oval geformte Kammer, die man in einen Erdhügel eingelassen hatte; ihr Boden war mit Steinen ausgelegt, während die Wände aus Granitblöcken bestanden. Sie waren so angeordnet, dass das Dach eine bogenförmige Struktur hatte. Die gesamte Grabstätte war etwa fünfzehn Fuß lang und gute zwölf Fuß breit. Die offenstehenden Türen empfand Fidelma als Erleichterung, weil die frische und kühle Abendluft, die von draußen hereinkam, ein wenig den übelriechenden Mief überdeckte.

Nach den sterblichen Überresten von Tigernmas brauchte man nicht zu suchen. Am hinteren Ende der Grabstätte stand mittig und aufrecht ein verrostetes Eisengestell. Da drin lagen die kläglichen Reste eines Skeletts, auch ein paar Stofffetzen, eine Gürtelspange aus Metall, ein verrostetes Schwert. Früher hatte man die Stammesfürsten und großen Herrscher in aufrechter Haltung bestattet, das Gesicht dem Feind zugewendet und mit dem Schwert in der Hand. Der Kastenrahmen aus Eisen war vermutlich dafür gedacht, den Leichnam in der Grabkammer aufrecht stehend zu halten. Man glaubte, dass so der Nimbus des Toten die Lebenden beschützen würde. Der auf der Erde liegende Schädel starrte mit seinen Augenhöhlen gespenstisch auf den toten Fiacc. Sein boshaftes Grinsen hatte eine gewisse Schadenfreude. Fidelma ging mit sich ins Gericht, derart unfreundliche Bilder hätten sich ihr nicht aufdrängen dürfen.

An einer Seite der Grabstätte befanden sich die spärlichen Reste eines Streitwagens. Man hatte dem König sein über alles geliebtes Gefährt beigegeben, damit es ihm die Reise in die Anderswelt erleichterte. Daneben lagen und standen Krüge und Töpfe, die ursprünglich des Königs Lieblingsspeisen und Getränke enthalten hatten, sowie große Gefäße aus Bronze und Kupfer, Zeugen uralten Kunsthandwerks.

Fidelma tastete sich weiter vor und stieß mit dem Fuß an etwas. Sie bückte sich und hob ein kleines, wenngleich schweres Metallstück auf. Im Schein von Iréls Laterne unterzog sie es einer gewissenhaften Prüfung und stellte fest, dass sie Silber in der Hand hielt. Sorgfältig legte sie es auf die Erde zurück und entdeckte dabei etliche herumliegende Broschen, Halbedelsteine in Gold gefasst. Auch das war erklärlich, denn es war Sitte gewesen, einem großen Stammesfürsten einen Teil seiner Kostbarkeiten mit ins Grab zu geben, damit er auf seiner Reise in die Anderswelt nicht mittellos dastand. Nachdenklich überprüfte sie die verbleibenden Flächen der Grabstätte.

Das Laternenlicht zeigte ihr eine kleine Blutspur, die an dem Eisenkasten mit dem Skelett anfing und bis zu Fiaccs Leichnam an den Eingangstoren führte. Auf dem Fußboden waren Kratzspuren zu erkennen.

Irél, der neben ihr stand, sprach aus, was sie dachte.

»Man hat ihn offensichtlich erstochen, als er an dem Eisengestell stand, und dann hat er es noch geschafft, sich bis zu den Türen zu schleppen.«

»Das sehe ich auch so«, sagte sie nur.

Draußen am Eingang wartete Garbh, der Friedhofswärter, zusammen mit Tressach und dem anderen Krieger. Alle drei verfolgten gespannt ihr Tun.

»Da wir von dem Offensichtlichen sprechen, wundert es dich nicht auch, dass auf der Erde hier kaum Staub und Schmutz sind?«, fragte sie Irél. »Fast könnte man glauben, jemand hätte hier gerade gefegt.«

Verblüfft starrte er sie an. Scherzte sie oder war es ihr ernst? Doch sie war schon weitergegangen, den Blick aufmerksam auf den Boden gerichtet und auf eine der Steinplatten. Sie zeigte auf Schleifspuren.

»Komm mal mit deiner Laterne etwas näher. Wie deutest du das hier?«

Er zuckte mit den Achseln. »Könnte von den Seilen herrühren, mit denen die Steine eingelassen wurden.«

»Das ist gut möglich. Ist dir sonst noch etwas Merkwürdiges an der Grabstätte aufgefallen?«

Flüchtig schaute sich Irél noch einmal um und schüttelte dann den Kopf.

»Tigernmas, der später im Ruf eines Bösewichts stand, gilt aber auch als der König, der als Erster dafür gesorgt hat, dass Gold und Silber geschürft und geschmolzen wurde und dass in unserem Land große Kunstwerke geschaffen wurden«, sagte sie.

»Ich habe davon gehört, ja«, erwiderte Irél.

»Und es war guter Brauch bei uns, Grabbeigaben beizufügen, unter anderem auch Symbole von Reichtum und Macht.«

»Das ist nichts Neues«, meinte Irél und ärgerte sich ein wenig, dass Fidelma nicht auf dringlichere Dinge zu sprechen kam.

»Ich habe nur ein paar goldene Broschen und einen Silberbarren gesehen, und die liegen hier so, als ob man sie in aller Eile hingeworfen hätte. Wo sind die Reichtümer und Wertsachen, die man in einem Grab wie diesem erwartet? Was das angeht, ist es gähnend leer.«

Irél sah beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen Fidelmas Feststellung und dem Mord an Fiacc, und für die Sitten und Bräuche der Vorfahren hatte er herzlich wenig übrig.

»Ist das so wichtig?«

»Vielleicht doch.«

Fidelma ging noch einmal zu dem Leichnam und warf einen letzten prüfenden Blick auf ihn. Draußen entstand Bewegung, Colmán war zurück.

»Es steht fest, dass Fiacc morgen am Konvent teilnehmen sollte«, berichtete er. »Nach Auskunft des Vorsitzenden sind Fiacc und seine Frau schon vor ein paar Tagen in Tara eingetroffen. Aber da gab es noch ein Problem, der Vorsitzende sagt nämlich, Fiacc war zum Obersten Richter zu einer Anhörung geladen, um sich wegen Anschuldigungen zu erklären. Sollten sich die Anschuldigungen als berechtigt erweisen, würde er nicht länger das Amt eines Richters ausüben dürfen.«

»Eine außergewöhnliche Anhörung?« Fidelma war bislang nichts von Ungereimtheiten in diesem Zusammenhang zu Ohren gekommen. Sie riss sich von der Grabstätte los und widmete sich Colmán.

»Weiß der Mann Genaueres, was gegen Fiacc vorliegt?«

»Nur, dass es etwas mit Amtsvergehen zu tun hat. Die Einzelheiten sind allein dem Obersten Richter bekannt.«

»Hat man Étromma vom Tod ihres Mannes in Kenntnis gesetzt?«

»Ja, das habe ich getan.«

»Dann gehe ich am besten gleich zu ihr.«

»Muss das sein? Sie wird mit sich zu tun haben. Wäre es morgen früh nicht besser?«

»Wenn ich das Rätsel lösen soll, muss ich sie jetzt sehen.«

»Wie du meinst …« Er machte eine hilflose Geste mit den Händen und fügte sich. Dann wies er auf die Grabstätte. »Wäre es nicht angebracht …«

Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn Garbh fiel ihm ins Wort. »Sollten wir nicht den Leichnam des Mannes da rausschaffen, damit ich die Grabstätte wieder verschließen kann?«

»Im Augenblick noch nicht«, befand Fidelma. »Stell einen Wachtposten davor auf, Irél. Alles bleibt so, wie es ist, bis ich etwas anderes anordne. Ich denke, ich habe das Rätsel noch vor Mitternacht gelöst. Dann kann die Gruft verschlossen werden.«

Sie wandte sich zum Gehen und schritt langsam und in Gedanken versunken durch die Gräberreihen der Hochkönige. Sie blieb einen Moment stehen, um auf Abt Colmán zu warten, der Irél noch letzte Anweisungen gab. Ein Frösteln überkam sie, als sie merkte, dass sie das gähnende Loch des frisch ausgehobenen Grabs vor sich hatte. Aber da kam auch schon Colmán angekeucht, und gemeinsam strebten sie den Lichtern der Palastbauten zu.

Für die Frau eines Richters in den Fünfzigern war Étromma mit ihren höchstens achtzehn Jahren unwahrscheinlich jung. Kerzengerade und gefasst saß sie da und schien nicht im mindesten bekümmert oder verzweifelt. Mit kalten blauen Augen sah sie Fidelma feindselig an. Die Lippen waren zu einem dünnen Strich aufeinandergepresst. In einem Mundwinkel zuckte es etwas, das war aber auch alles an Regung in ihrem Gesicht.

»Ich war im Begriff, mich von Fiacc scheiden zu lassen. Alles deutete darauf hin, dass man ihm untersagen würde, weiterhin als Richter tätig zu sein, und er hatte kein Geld«, erklärte sie ungerührt auf eine Frage, die Fidelma ihr gestellt hatte.

»Was das eine mit dem anderen zu tun hat, will mir nicht recht in den Kopf«, merkte Letztere an. Fidelma saß ihr gegenüber, während Colmán mit zwiespältigen Gefühlen in der Nähe des Feuers stehen geblieben war.

»Ich habe nicht die Absicht, mein Leben in Armut zu verbringen. Wir hatten uns darauf verständigt. Fiacc war ein alter Mann. Ich habe ihn nur geheiratet, damit er mich versorgt. Er wusste das.«

»Und Liebe spielte gar keine Rolle?«, fragte Fidelma vorsichtig. »Hast du nichts für ihn empfunden?«

Zum ersten Mal zeigte sie so etwas wie ein Lächeln, verzog zumindest den Mund. »Was heißt Liebe? Was bringt das? Bürgt Liebe für Wohlstand?«

Fidelma seufzte kaum merklich.

»Warum drohte Fiacc der Entzug seiner Berechtigung, den Beruf als Richter auszuüben?«

»Im letzten Jahr hat er eine Reihe falscher Urteile gefällt. Wie du weißt, war er Richter des Stammes der Ardgal. Nach den vielen Fehlurteilen vertrauten ihm die Leute nicht mehr. Die fortlaufende Zahlung der Entschädigungssummen hatte ihn mittellos gemacht.«

Für jeden Fall, den ein Richter vor Gericht verhandelte, musste er fünf séds – das entsprach fünf Unzen Silber – als Sicherheit hinterlegen für ein mögliches Fehlurteil. Fühlte sich ein Angeklagter falsch behandelt, konnte er sich an höhere Richter wenden, und die mussten – mindestens zu dritt – die Sachlage prüfen. Kamen sie zu der Auffassung, dass ein Fehlurteil vorlag, wurde die Sicherheitssumme einbehalten, und der betroffene Richter hatte eine weitere Entschädigung von einem cumal zu zahlen, was dem Wert von drei séds in Silber entsprach. Selbstverständlich waren diese Regelungen Fidelma bekannt.

»Wie viele Fehlurteile hatte denn dein Mann im Laufe des Jahres getroffen, dass er mittellos dastand?«

»Meines Wissens waren es elf.«

Das übertraf Fidelmas Erwartungen. Achtundachtzig Silberséds, mit denen man an die dreißig Milchkühe erstehen konnte, waren eine erschreckende Summe, um sie innerhalb eines Jahres abzuzahlen. Kein Wunder, wenn davon die Rede war, Fiacc seines Amtes zu entheben.

»Der Oberste Richter hatte ihn zur Vernehmung geladen. Er sollte Rede und Antwort stehen, weil er sich wegen der Abzahlung verschuldet hatte, und sollte erklären, wie er seine Arbeit als Richter sah.«

»Heißt das, er hatte sich Geld geliehen, um zahlungsfähig zu sein?«

»Eben deshalb wollte ich mich von ihm scheiden lassen.«

Einen Richter, der so in Not geraten war, dass er zu Geldverleihern ging, würde man mit Fug und Recht seines Amtes verweisen müssen, es sei denn, er konnte triftige Gründe für sein Verhalten vorbringen. Schwerlich nachzuvollziehen, wie sich Fiacc da hatte herausretten wollen. In Fidelma arbeitete es.

»Ich kann mir vorstellen, wie sehr deinen Mann die Lage, in die er sich gebracht hatte, bedrückte.«

»Bedrückte? Dass ich nicht lache! Bedrückt war er weiß Gott nicht. Zumindest zuletzt nicht.«

»Nicht bedrückt?« Fidelma ließ nicht locker.

»Er wollte mich von der Scheidung abhalten, behauptete, es wäre nur ein zeitweiliges Problem, bettelarm wäre er nicht. Er gaukelte mir vor, er hätte Geld in Aussicht, und dann wäre er reich genug, um auch ohne Arbeit leben zu können, falls man ihn nicht mehr als Richter haben wolle.«

»Hat er gesagt, woher das Geld kommen würde? Wie dachte er denn, die Schulden abzuzahlen, woher das Geld zu nehmen, um den Rest seines Lebens gut und bequem verbringen zu können?«

»Er hat nichts weiter dazu gesagt. Es war mir auch egal. Entweder er hat gelogen oder er war einfach närrisch. Wie er mit der Geschichte klarkam, war seine Sache. Er wusste, ich würde ihn verlassen, wenn er mich belog, er sein Richteramt hergeben musste und ohne jeden Pfennig dastand. So einfach war das. Ich war nicht gewillt, unter solchen Bedingungen bei ihm zu bleiben.«

Fidelma war darauf bedacht, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr die kalte, berechnende Art der jungen Frau missfiel.

»Es machte dich kein bisschen neugierig, wie dein Mann plötzlich zu Geld kommen wollte?«

»Für mich stand fest, dass das sowieso nicht klappen würde. Er war ein Lügner.«

»Ab wann zeigte er sich so zuversichtlich, bald genug Geld zu haben, um seine Schulden zu bezahlen?«

Die junge Frau überlegte.

»Das mit der Prahlerei, er würde die Sache in den Griff kriegen, ging vor ein, zwei Tagen los. Doch, erst gestern Morgen war’s.«

»Du meinst, bis gestern Morgen war er sich da nicht so sicher?«

»Ich würde sagen, ja.«

»Wann seid ihr beide hier in Tara angekommen?«

»Vor vier Tagen.«

»Und die ganze Zeit war Fiacc mit sich und seinen Gedanken beschäftigt? Erst gestern Morgen schlug plötzlich seine Stimmung um?«

»Jedenfalls kam es mir so vor.«

»Hat er sich hier mit anderen getroffen?«

Étromma zuckte mit den Achseln. »Er war bei vielen bekannt. Aber mit wem er Umgang hatte, kann ich nicht sagen.«

»Mir geht es einfach darum, ob es irgendeinen Menschen hier in Tara gab, mit dem er die Zeit verbrachte. Jemand, den man als einen engen Freund oder Vertrauten bezeichnen könnte.«

»Nicht, dass ich wüsste. Er war ein Einzelgänger. Ich glaube nicht, dass er sich mit irgendjemand hier getroffen hat. Er ist mehr für sich geblieben. Ich weiß nur, dass es ihn immer wieder zu den Grabmalen der Hochkönige zog und er dort spazieren ging. Ich dachte schon, er würde altersschwach und rührselig. Aber, wie gesagt, als er gestern zurückkam, grinste er wie ein Kater, der einen Napf Sahne geschleckt hat, und beteuerte, alles würde gut werden. Mir war klar, dass er log, umstimmen konnte er mich nicht.«

Unversehens stand Fidelma auf.

»Mein Mitgefühl brauche ich dir nicht auszusprechen, Étromma«, erklärte sie mit Nachdruck. »Du erwartest es ohnehin nicht. Es geht dir vorrangig ums Geld. Als Fiacc starb, war er noch dein Ehemann. Er wurde ermordet. Ich glaube, ich weiß, wer der Mörder ist, und sollte er der Tat überführt werden, dann steht dir wahrscheinlich eine Entschädigung in Höhe von drei séds in Silber zu. Ein Vermögen ist das nicht, aber es dürfte reichen, um dich nicht in Armut fallen zu lassen, und zweifelsohne wirst du bald jemand finden, der dich ernährt und unterhält.«

Bekümmert trottete Abt Colmán hinter Fidelma durch die Gänge des Palastes zu seinem Gemach. »Du bist sehr hart mit ihr umgegangen, Schwester. Sie ist eben erst Witwe geworden und achtzehn Jahre jung.«

Sie nahm seine Bemerkung ungerührt hin.

»Ich habe mich absichtlich so verhalten. Sie hat nichts für Fiacc empfunden, hat ihn nur als Geldquelle benutzt. Ohne Gewissensbisse folgt sie dem Grundsatz lucri bonus est odor ex re qualibet

»Ist das nicht Juvenal, aus seinen Satiren? ›Süß ist der Geruch des Geldes, egal, woher es kommt.‹«

Heiter nickte sie ihm zu.

»Bestell Irél, Tressach und Garbh auf dein Zimmer. Ich bin so weit, ich glaube, ich hab des Rätsels Lösung.«

Nur wenig später drängten die drei Männer gespannt herein. Fidelma hatte vor dem Feuer auf einem Stuhl Platz genommen, während Colmán neben ihr stand, die Hände auf dem Rücken.

Aufmerksam sah sie einen nach dem anderen an, ehe sie sich Tressach, dem Krieger, zuwandte.

»Wie lange stehst du schon hier in Tara im Dienst, Tressach?«

»Drei Jahre, Schwester.«

»Und seit wann ist auch die Überwachung der Grabmäler der Hochkönige Teil deiner Pflichten?«

»Seit einem Jahr.«

»Und du, Irél? Du bist der Befehlshaber der Leibgarde in Tara. Seit wann tust du hier Dienst?«

»Ich habe vor zehn Jahren meinen Dienst bei den Hochkönigen angetreten. Damals war noch Conall Cáel der Hochkönig. Befehlshaber bin ich seit einem Jahr.«

Ernst ruhte ihr Blick auf beiden, dann schüttelte sie verständnislos den Kopf.

»Seit wann ist Sechnusach Hochkönig?«

Irél krauste die Stirn, er begriff den Sinn ihrer Frage nicht. Machte sie sich über ihn lustig? Sie verzog doch aber keine Miene!

»Seit wann? Das weißt du nur allzu gut. Jeder weiß das. Vor drei Jahren raffte die Gelbe Pest innerhalb einer Woche die beiden Hochkönige Diarmuid und Blathmac dahin. Nach ihnen wurde Sechnasach Hochkönig.«

»Vor drei Jahren war das?«

Auch Colmán wunderte sich, wie sie das vergessen haben konnte. »Du musst das doch wissen, Fidelma. Du warst doch damals selbst in Tara.«

Sie beachtete seinen Einwurf nicht und stellte Irél unbeirrt weitere Fragen.

»Wie steht es um den Hochkönig? Ist er bei guter Gesundheit?«

»Meines Wissens, ja, Gott sei es gedankt«, erwiderte Irél, nun schon leicht gereizt.

»Und seine Familie?«, fuhr Fidelma erbarmungslos fort. »Ist auch sie wohlauf?«

»O ja, der Hochkönig ist glücklich und zufrieden.«

»Bei deiner Ankunft hier habe ich dir doch davon berichtet«, warf Colmán verdrossen ein und fürchtete schon, Fidelma leide an Gedächtnisschwund.

»Was für einen Grund gibt es dann, hinter der Grabstätte von Tigernmas ein neues Grab auszuheben?«

Sie hatte die Frage so leise gestellt, dass ein, zwei Augenblicke vergingen, ehe alle den Sinn ihrer Worte begriffen hatten. Fidelmas wache, grüne Augen ruhten auf dem Friedhofswärter.

Garbh machte den Mund auf und stammelte etwas, verstummte aber gleich wieder und senkte den Kopf.

»Haltet ihn«, wies sie die anderen ruhig an. »Er ist wegen vorsätzlichen Mordes und Grabschändung festzunehmen.«

Vollends überrascht folgten Irél und Tressach ihrer Anordnung und nahmen den Friedhofswärter in ihre Mitte.

Fidelma erhob sich und sah Garbh voller Trauer an. »In den vergangenen drei Jahren ist weder ein Hochkönig noch ein Mitglied seiner Sippe verstorben. Sechnusach ist jung und erfreut sich bester Gesundheit. Warum also musste bei den Grabmälern der Hochkönige ein neues Grab ausgehoben werden? Könntest du uns das erklären, Garbh, oder soll ich es für dich tun?«

Garbh schwieg.

»Du hast ein Grab ausgehoben, um einen Durchgang zu Tigernmas’ Grabstätte zu schaffen, nicht wahr?«

»Was sollte einen veranlassen, in eine alte Grabstätte einzudringen?«, fragte Colmán, den es verdross, das ihn der Anblick des frisch ausgehobenen Grabes nicht selbst stutzig gemacht hatte.

»Das Vorhaben, sie auszurauben«, erwiderte Fidelma. »Wo sind all das Gold, Silber und die Juwelen geblieben, die man mit Sicherheit Tigernmas beigegeben hat? Ein einziger Silberbarren und ein paar verstreute Edelsteine lagen in der Grabkammer auf der Erde herum. Tigernmas’ Leben war von vielen Legenden umwoben. Aber man weiß auch, dass er über einen reichen Königshof geherrscht hat. Gewiss haben ihm unsere Vorfahren, wie es Sitte und Brauch war, reiche Grabgaben auf die Reise in die Anderswelt mitgegeben.«

Beschämt blickte Irél drein. Fidelma hatte ihn bei der gemeinsamen Besichtigung darauf hingewiesen, aber er hatte sich nichts weiter dabei gedacht.

»Trotzdem bleibt vieles ungeklärt«, meinte er. »Wie ist, zum Beispiel, Fiacc, dieser Richter, da hineingelangt? War er dahintergekommen, was Garbh vorhatte, und wollte ihn überführen?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Das Grab auszurauben war in erster Linie Fiaccs Idee. Er war mit einer raffgierigen jungen Frau verheiratet. Obendrein hatte er in der Rechtsprechung etliche Fehler gemacht und war durch die Zahlung von Entschädigungsgeldern mittellos geworden. Er hatte sich hoch verschuldet und brauchte dringend Geld. Und zwar brauchte er es noch vor seiner Vernehmung morgen beim Obersten Richter. Geld, um seine Schulden zu begleichen und seine junge Frau bei Laune zu halten. So war er auf den Gedanken gekommen, Tigernmas’ Grab auszurauben, denn den Chronisten zufolge würden sich dort wahre Reichtümer befinden. Aber wie sollte er das allein anstellen?«

»Hast du eine Erklärung?«, wollte Colmán wissen.

»Nach seiner Ankunft in Tara hat er sich ein oder zwei Tage ausgiebig auf dem Friedhof umgetan. Dabei reifte in ihm die Erkenntnis, dass es nur eine Möglichkeit gab, sich Zugang zu der Grabkammer zu verschaffen, ohne Aufsehen zu erregen. Für sein Vorhaben musste er Garbh mit einbeziehen, er brauchte seine Hilfe. Als der die Sache durchschaute und merkte, wie einfach sie zu bewerkstelligen war, wuchs in ihm die Gier. Dem Reiz des Geldes kann selten jemand widerstehen.

Garbh ist ständig auf dem Friedhof, wo er mit der Instandhaltung der Gräber beschäftigt ist. Auch hatte er die Aufgabe, Gräber auszuheben, wenn ein Hochkönig oder ein Mitglied seiner Familie gestorben ist. Es fand also niemand etwas Besonderes dabei, als er sich daran machte, in der Nähe der Grabstätte von Tigernmas herumzuschaufeln. Keiner kam auf den Gedanken, ihn danach zu fragen, wieso er ein Grab aushob. Jedermann nahm es als selbstverständlich hin, schließlich gehörte es zu seinem Tagewerk.

Heute Abend nun verschafften sich Garbh und Fiacc Zugang zu Tigernmas’ Grabstätte. Wenn ihr euch das neu ausgehobene Grab näher anschaut, das Garbh morgen wieder zuzuschaufeln gedachte, werdet ihr Spuren eines kurzen Tunnelgangs finden. Er endet unter der Grabkammer, unter einer der Granitplatten. Das ist die mit den Schleifspuren, Irél, die du sachkundig auf Seile bei ihrem Wiedereinsetzen zurückgeführt hast. Der Plan von Garbh und Fiacc sah vor, die Grabbeilagen zu entwenden und den Zugang wieder zu verschließen, sodass niemand merken würde, dass jemand die heilige Stätte betreten hatte. In der Eile, möglichst alles mitgehen zu lassen, hatten sie einige wenige Dinge leider übersehen. Ein Silberbarren und ein paar Edelsteine blieben zurück, mehr aber auch nicht.«

»Und wie ist Fiacc zu Tode gekommen?«, forschte Irél, der versuchte, den Verlauf der Geschichte zu erfassen.

»Vielleicht hat ihn der Fluch des Tigernmas niedergestreckt«, mutmaßte Tressach angsterfüllt.

»Fiacc starb, weil Garbh für sich entschieden hatte, den Schatz, zu dem er so unverhofft kam, nicht mit einem anderen zu teilen. Als er begriffen hatte, wie vergleichsweise mühelos man zu Reichtum gelangen konnte, wollte er alles für sich. Er musste nur den richtigen Moment abpassen. Er und Fiacc nahmen die Beute an sich und verwischten die Spuren. Als Richter hatte Fiacc alles peinlich genau durchdacht. Unvorhergesehene Ereignisse könnten ja mal dazu führen, dass man das Grab öffnete, also war es in seinen Augen erforderlich, den Staub, den sie aufgewirbelt hatten, wegzufegen, um keinerlei Spuren zu hinterlassen.«

Irél stöhnte auf. Auch darauf hatte ihn Fidelma hingewiesen, und er hatte ihre Bemerkung als unwichtig abgetan. »Weshalb Fiacc sterben musste, wissen wir jetzt. Aber wie ist er umgebracht worden?«

»Nachdem die Beute herausgeschafft und die Spuren getilgt worden waren, nahm Garbh den , den Messstock für Gräber, und stach ihn mit Gewalt Fiacc in den Rücken. Im Glauben, ihn getötet zu haben, verließ er die Grabkammer, verschloss den Zugang und begab sich zurück in das von ihm geschaufelte Grab, füllte vielleicht auch den Tunnel gleich auf. Das werden wir später noch sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Raubgut in seiner Hütte oder irgendwo in deren Nähe versteckt hat.«

Unruhig trat Garbh von einem Fuß auf den anderen, und Fidelma deutete das als Zeichen dafür, dass sie mit ihrer Vermutung recht hatte.

»Ja, Irél, du dürftest den Grabschatz in oder bei Garbhs Hütte finden.«

»Fiacc war doch aber nicht auf der Stelle tot«, gab Tressach zu bedenken. »Garbh hat ihn verwundet liegenlassen und ihn eingesperrt.«

»Damit hat Garbh nicht gerechnet. Er glaubte, Fiacc getötet zu haben. Fiacc war schwer verletzt und verlor das Bewusstsein. Er lag im Sterben, kam aber noch einmal zu sich und begriff, dass er in der Gruft eingeschlossen war. Mit Schrecken ging ihm auf, dass er bei lebendigem Leibe begraben war. Angsterfüllt schrie er los, und das hast du im Vorbeigehen gehört, Tressach. Dann hat er sich bis zu den Türen geschleppt, immer noch schreiend. Dass Tressach ihn gehört hatte, konnte er nicht wissen, verzweifelt kratzte er mit den bloßen Händen an den Türen herum, bis der Tod eintrat.«

»Ich habe ihn nicht töten wollen. Es geschah im Streit«, sagte Garbh langsam und gab damit seine Schuld zu. Bislang hatte er geschwiegen. »Fiacc wollte den größeren Teil des Schatzes für sich haben und mir nur etwas abgeben. Als ich auf die mir zustehende Hälfte bestand, fiel er über mich her. Er griff sich das alte Grabmaß und schlug zu. Ich setzte mich zur Wehr, und in dem Kampf hat es ihn erwischt. Ein Mord war das nicht. Dafür kann man mich nicht bestrafen.«

»O nein, Garbh«, widersprach Fidelma. »Du hast von Anfang an vorgehabt, Fiacc zu töten. Als Fiacc dir sein Vorhaben erklärt hatte, stand für dich fest, du würdest den gesamten Grabschatz an dich bringen. Solange du ihn brauchtest, um in die Gruft vorzudringen und die Grabbeigaben herauszuholen, hast du ihn als Helfershelfer benutzt. Du hattest dir fest vorgenommen, du würdest ihn töten und im Grabmal zurücklassen, in der Hoffnung, niemand würde es jemals wieder öffnen. Zwei Fehler sind dir zum Verhängnis geworden: du hast dich nicht vergewissert, ob er wirklich tot ist, und dazu kommt deine Eigenliebe.«

»Dass es mein Vorsatz war, Fiacc zu töten, kannst du nicht beweisen!«, schrie Garbh. »Hätte ich das wirklich gewollt, würde ich eine Waffe bei mir gehabt haben. Fiacc ist aber durch ein altes Grabmaß zu Tode gekommen, das dort herumlag. Selbst Irél wird dir das bestätigen.«

Zögernd nickte Irél. »Das könnte stimmen, Schwester. Es war ein , der ihm im Rücken steckte. Du hast es selbst gesehen. Und die eingeritzten Zeichen waren in Ogham. Ich kann die alte Schrift lesen. ›Mögen die Götter uns behüten‹ stand da. Dass es die Götter hieß und nicht Gott, deutet auf das alte heidnische Grab. Der Stab muss folglich dort gelegen haben.«

»Du irrst. Das Grabmaß hat Garbh selbst angefertigt.« Sie zeigte auf den Tisch. Sie hatte den , den sie aus der Gruft mitgenommen hatte, dort hingelegt. »Mit diesem wurde nicht das Grab des Tigernmas vermessen. Schau genau hin. Das Holz ist frisch. Die eingekerbten Schriftzeichen sind neu. Sieh dir die Schnittstellen an, und du wirst noch Spuren von dem Saft erkennen, der aus dem Mark austritt und gerade erst trocknet. Das Schnitzwerk ist noch keine vierundzwanzig Stunden alt.«

Colmán hatte nach dem Stock gelangt, nicht ohne das Knie zu beugen, um keinen Schaden zu nehmen, wenn er ein Unglück bringendes Werkzeug in Händen hielt, und betrachtete es näher.

»Das Espenholz ist noch frisch und voller Saft«, bestätigte er.

»Garbh hat auch die Spitze vorn angebrannt, um sie härter zu machen. So konnte er wie mit einem Dolch zustoßen. Erst dann verführte ihn seine Eigenliebe, noch etwas in Ogham hineinzuschnitzen. Ihm war aufgefallen, wie genau Fiacc alle Einzelheiten geplant hatte, und wollte dem noch eins draufsetzen. Sollte es einmal dazu kommen, dass man das Grab öffnete, würde man Fiacc mit einem alten heidnischen im Herzen finden. Garbh wollte besonders klug sein und hat sich damit selber hineingeritten. Dass der frisch geschnitzt ist, war leicht zu erkennen, und beweist, dass es sich um einen vorsätzlichen Mord handelt. Garbh hat die Mordwaffe angefertigt, noch ehe er die Grabstätte betrat. Es gab keinen unvorhergesehenen Streit.«

Garbh schwieg. Das Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen.

»Du kannst ihn jetzt abführen«, sagte Fidelma abschließend zu Irél. »Auch kannst du veranlassen, dass das Grab wieder geschlossen wird, aber erst, nachdem die Grabbeigaben zurückgelegt worden sind.« Und mit einem schelmischen Schmunzeln fügte sie hinzu: »Es würde uns schlecht bekommen, ausgerechnet in der heutigen Nacht den Geist des Tigernmas herauszufordern, weil wir uns an seinem Gold und Silber vergehen, oder?«

Abt Colmán schenkte noch etwas angewärmten Wein ein und reichte Fidelma den Becher. »Fürwahr, eine traurige Geschichte.« Er seufzte. »Ein habgieriger Totengräber und ein verderbter Richter. Wie lässt sich solche Schlechtigkeit der Menschen erklären?«

»Du vergisst in deiner Aufzählung Étromma«, meinte Fidelma. »Sie war der Auslöser allen Übels. Ihretwegen brauchte Fiacc so dringend Geld, und ihretwegen kam die ganze Geschichte ins Rollen. Auf ihre fehlende Liebe, ihren Eigennutz und vor allen Dingen auf ihre Raffgier ist diese menschliche Tragödie zurückzuführen. Wie heißt es doch in der Heiligen Schrift im ersten Brief an Timotheus – radix omnium malorum est cupiditas

»Die Wurzel aller Übel ist die Gier«, übersetzte Abt Colmán und neigte zustimmend das Haupt.


GIFT IM VERSÖHNUNGSTRUNK

<p>GIFT IM VERSÖHNUNGSTRUNK</p>

Man hatte das Mahl in kühler Höflichkeit eingenommen. Unter den Speisenden herrschte eine frostige und angespannte Stimmung. Es waren sieben an der Zahl, die Nechtan, der Stammesfürst der Múscraige, zu Tisch geladen hatte. Schwester Fidelma, die als Letzte den Saal betreten hatte, war die Unglückszahl auf den ersten Blick aufgefallen. Sie hatte sich etwas verspätet, weil sie nicht auf den Genuss eines heißen Bades vor dem Essen hatte verzichten wollen. Man hatte an einem runden Tisch Platz genommen; zusammen mit Nechtan waren sie acht, auch keine gute Zahl, wie Fidelma mit Unbehagen fand. Natürlich schalt sie sich insgeheim, abergläubischen Gedanken nachzuhängen, führte es aber auf den Umstand zurück, dass über allen eine gedrückte Stimmung lag.

Alle, wie sie da saßen, hatten Grund, Nechtan zu hassen.

Schwester Fidelma gehörte nicht zu denen, die leichtfertig mit Urteilen umgingen, denn als Anwältin bei den Gerichten der fünf Königreiche und auch als Nonne wählte sie wertende Begriffe mit Bedacht und hütete sich vor Fehleinschätzungen. Trotzdem fiel ihr für die Empfindung, die einem bei Nechtans Anblick überkam, kein passenderes Wort ein als »widerwärtig«.

Gleich den anderen Gästen hatte auch Fidelma guten Grund, den Anführer des Stammes der Múscraige nicht ausstehen zu können. Weshalb aber hatte sie dann die Einladung zu dem absonderlichen Festmahl angenommen? Weshalb war auch keiner der anderen Gäste einer solchen Zusammenkunft ferngeblieben?

Sie konnte die Frage nur für die eigene Person beantworten. Wäre sie nicht zufällig in Nechtans Stammesgebiet unterwegs gewesen, um sich einer Aufgabe bei den Sliabh Luachra zu entledigen, wohin sie der dortige Stammesfürst gerufen hatte, hätte sie die Einladung abgelehnt. Sie sollte über einen Diebstahl befinden; da sie das Rechtswesen studiert und den Grad eines anruth erlangt hatte, den zweithöchsten in der Gesetzeskunde möglichen, besaß sie sogar die Befugnis, Rechtsstreitigkeiten als Richterin zu entscheiden. In diesem Falle hatte sich herausgestellt, dass Daolgar, Fürst der Sliabh Luachra, der ebenfalls seine Gründe hatte, Nechtan zu grollen, auch zu dem Essen geladen war, und so waren sie überein gekommen, gemeinsam zu Nechtans Burg zu ziehen.

Es gab aber noch etwas, das Fidelma bewogen hatte, der Einladung halbherzig Folge zu leisten, und das war die Sprache, in der sie verfasst war. In schmeichlerischen Worten bat Nechtan um Entschuldigung für die Schmach, die er ihr einst angetan hatte. Ihn reue sein Fehlverhalten, und da er erfahren hätte, dass sie ohnehin durch seine Lande reiste, würde er die Gelegenheit nutzen wollen, sie zu sich zu laden gleich anderen, denen er Unrecht zugefügt hätte. Sie alle wolle er um sich scharen, gemeinsam mit ihnen speisen und sie vor aller Ohren um Verzeihung bitten. Wortwahl und Formulierungen hatten sie betört, zudem wäre die Zurückweisung eines Feindes, der um Vergebung ersuchte, gegen die Lehren Christi gewesen. Hatte nicht der Apostel Lukas berichtet, was Christus seine Jünger lehrte: »Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen; segnet die, so euch verfluchen; bittet für die, so euch beleidigen. Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete auch den anderen dar …«

Wie wäre es um ihren Glauben bestellt, wenn sie sich nicht an das oberste Gebot hielt, das vorschrieb, einem jeden, der ihr Leid zugefügt hatte, zu vergeben?

Wie sie nun unter den Gästen saß, musste sie feststellen, dass sie nicht die Einzige war, die Groll gegen den Gastgeber hegte. Zwar hatte sie sich als Christin gemüht, Nechtans Verlangen nach Vergebung nachzukommen, aber den Blicken der um die Festtafel Versammelten, ihrer gestelzten und gezwungenen Unterhaltung, der eisigen Kälte, die in der Luft hing, war zu entnehmen, dass keiner von ihnen von dem Wunsch beseelt war, Nechtan großmütig zu verzeihen. Im Innern der Herzen schwelten andere Gedanken.

Das Mahl näherte sich dem Ende, und Nechtan erhob sich. Er war ein Mann in mittleren Jahren. Auf den ersten Blick hätte man ihn fast für einen fröhlichen und freundlichen Menschen halten können. Von der Statur her war er klein und rundlich, die Haut war rosig wie die eines Kindes, nur die Hängebacken störten ein wenig. Das lange, silbrig glänzende Haar trug er sorgfältig zurückgekämmt. Die Lippen waren schmal und von rötlich frischer Farbe. Die insgesamt angenehmen Züge ließen nichts von dem grausamen Gemüt vermuten, mit dem er seine Untergebenen beherrschte. Nur wenn man ihm in die stechend blauen Augen sah, bekam man die unerbittliche Härte des Mannes zu spüren. Es waren fahle, tote Augen, die Augen eines gefühllosen Menschen.

Nechtan bedeutete dem einzigen Bediensteten, der im Saal stand und den Gästen Wein eingeschenkt hatte, seinen Becher aus dem Krug auf dem Beistelltisch aufzufüllen. Der junge Mann kam der Anweisung nach und erklärte: »Der Wein geht zur Neige. Soll ich den Krug wieder füllen lassen?« Nechtan verneinte mit einem Kopfschütteln, entließ den Burschen mit einer raschen Handbewegung und sah sich mit seinen Gästen allein. Für die anderen kaum wahrnehmbar seufzte Fidelma gequält. Der Verlauf des Festmahls war schon peinlich genug gewesen, eine Rede von Nechtan konnte es nur noch schlimmer machen.

»Liebe Freunde«, begann er geradezu leutselig und blickte ohne innere Anteilnahme in die Runde. »Ich denke doch, ich darf euch so nennen. Seit langem hege ich den Wunsch, mit euch zusammenzukommen und jeden Einzelnen von euch um Verzeihung zu bitten wegen des Unrechts, das ich einem jeden angetan habe.«

Erwartungsvoll schaute er sich um, stieß aber auf eisiges Schweigen. Fidelma war die Einzige, die den Kopf ein wenig hob, um seinem leeren Blick zu begegnen. Alle anderen starrten auf die vor ihnen stehenden Teller.

»Ich bin euch heute Abend gewissermaßen ausgeliefert«, fuhr er fort und gab sich, als bemerkte er nicht die Ablehnung, die ihm entgegenschlug. »Ich habe mich an euch allen vergangen.«

Er wandte sich an den älteren, schweigenden und nervös wirkenden Mann zu seiner Linken, der die ganze Zeit an seinen Fingernägeln knabberte, eine Angewohnheit, die Fidelma widerlich fand. Unter den gehobenen Schichten galten wohlgeformte Hände mit schmalen Fingern als schön. Fingernägel wurden fein säuberlich rund geschnitten, und die meisten Frauen färbten sie auch leuchtend rot. Auf einen Mann in besserer Stellung mit ungepflegten Fingernägeln schaute man geringschätzig herab. Fidelma wusste, dass er Nechtans Leibarzt war, umso mehr nahm sie Anstoß an seinen unsauberen, vernachlässigten Händen.

Nechtan versuchte es mit einem Lächeln, es war eher eine Verzerrung der Lachmuskeln als der Ausdruck irgendwelcher Gefühle.

»Ich habe dir Unrecht getan, Gerróc, mein Arzt. Ich habe dich ständig um deine Bezahlung betrogen und dennoch deine Dienste in Anspruch genommen.«

Der Alte rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und meinte achselzuckend: »Du bist mein Stammesfürst.«

Nechtan verzog – fast ein wenig amüsiert ob der Antwort – das Gesicht und sprach nun die etwas füllige, aber immer noch gutaussehende Frau mittleren Alters an, die neben Gerróc saß. Sie war außer Fidelma die einzige Frau in der Runde.

»Du warst meine erste Frau, Ess. Ich habe mich von dir scheiden lassen, dich der Untreue bezichtigt und dich aus dem Haus gejagt. Dabei ging es mir nur darum, in den Armen einer jüngeren und hübscheren Frau zu liegen, in die ich mich verliebt hatte. Meine Anklage lautete auf Ehebruch, und damit habe ich dich zu Unrecht um deine Mitgift und deinen Erbanspruch betrogen. Insofern habe ich dich auch vor unserem Volk in Verruf gebracht.«

Ess saß mit steinerner Miene da, nur ein gelegentliches Augenblinzeln verriet, dass sie seine Worte wahrgenommen hatte.

»Neben dir sitzt mein Sohn, unser Sohn Dathó«, fuhr Nechtan fort. »Indem ich deiner Mutter Unrecht getan habe, habe ich auch dir Schaden zugefügt, Dathó. Ich habe dir deinen rechtmäßigen Platz in unserem Stamm der Múscraige verwehrt.«

Dathó war ein schlanker junger Mann von etwa zwanzig Jahren mit ernstem Gesicht. Hasserfüllt blitzten seine Augen Nechtan an; er hatte die Augen seiner Mutter und nicht die grauen kalten Augen seines Vaters. Schon öffnete er den Mund, dem Vater harsche Worte entgegenzuschleudern, aber seine Mutter legte ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn zurück, sodass er nur verächtlich schniefte und herausfordernd das Kinn reckte, aber schwieg. Die beiden ließen erkennen, dass Nechtan weder von seinem Sohn noch von seiner ersten Frau Vergebung erwarten durfte.

Trotzdem schien Nechtan ungerührt ob ihrer Reaktionen, fast hatte es den Anschein, als würde er sie mit einer gewissen Befriedigung hinnehmen.

Einer der Gäste – er saß gegenüber Ess, und Fidelma kannte ihn als einen jungen Künstler namens Cuill – erhob sich, ging um den Tisch herum zum Weinkrug, der hinter Nechtan stand, füllte sich seinen Becher, leerte die Karaffe und kehrte zu seinem Platz zurück. Nechtan schenkte dem keine Beachtung, und auch Fidelma nahm es nur unbewusst wahr. Beharrlich ruhte ihr Blick auf Nechtan, und ihre lebhaften grünen Augen wichen seinen kalten nicht einen Augenblick lang aus. Nur die Hand bewegte sie ab und an, wenn sie versuchte, das widerspenstige rote Haar unter den Schleier zurückzuschieben.

»Und nun zu dir, Fidelma von Cashel, Schwester unseres Königs Colgú.« Er streckte die Arme aus, wie um seine Reue zu unterstreichen. »Als du im Gefolge des großen Brehon Morann, des obersten Richters der fünf Königreiche, hierherkamst, warst du eine junge Novizin. Ich war von deiner Jugend und Schönheit berauscht; welcher Mann wäre das nicht gewesen? Jedwede Gesetze der Gastfreundschaft missachtend, suchte ich dich nachts in deiner Kammer auf und wollte dich verführen.«

Empört warf sie den Kopf hoch; Röte schoss ihr in die Wangen bei dem Gedanken an das, was geschehen war.

»Verführen?« Eiskalt durchschnitt ihre Stimme den Raum. Der Begriff, den Nechtan benutzt hatte, war der Rechtssprache entlehnt, und sleth bedeutete versuchter Geschlechtsverkehr mit Hilfe von List. »Dein vergeblicher Versuch war wohl mehr ein forcor

Nechtan zuckte zusammen, und für einen kurzen Moment verzerrte sich sein Gesicht zu einer erzürnten Maske, nahm aber sogleich wieder den blassen, friedfertigen Ausdruck an. Forcor hieß so viel wie brutale Vergewaltigung und kam einem Gewaltverbrechen gleich. Hätte Fidelma sich nicht schon damals, jung wie sie war, im troid-sciathagid, der überlieferten Kampfkunst ohne Waffen, ausgezeichnet, wäre aus Nechtans unerbetener Zudringlichkeit leicht eine Vergewaltigung geworden. Nechtan hatte bei seinem nächtlichen Besuch bei Fidelma ein paar heftige blaue Flecken und dicke Beulen davongetragen und drei Tage das Bett hüten müssen. Jetzt neigte er das Haupt und gab sich zerknirscht.

»Es war falsch, gute Schwester«, sagte er, »ich kann lediglich mein Verhalten eingestehen und dich um Verzeihung bitten.«

Der Lehren ihres Glaubens eingedenk, kämpfte Fidelma einen inneren Kampf, konnte es aber nicht über sich bringen, auch nur das geringste Zeichen einer Vergebung erkennen zu lassen. Sie schwieg und starrte Nechtan mit unverhohlener Empörung an. In ihr festigte sich der Verdacht, dass Nechtan an diesem Abend ein böses Spiel mit ihnen trieb. Aber weshalb und mit welchem Ziel?

Hinter seiner Maske schien er sich still und heimlich zu amüsieren; mehr als ein verärgertes Schweigen hatte er wohl sowieso nicht von ihr erwartet.

Er hielt einen Augenblick inne, bevor er sich dem lebenslustigen, rothaarigen Mann zuwandte, der links neben ihr saß. Fidelma wusste, dass Daolgar von ungezügeltem Temperament war, ein Mensch, der mehr zum Handeln als zum Nachdenken neigte. Er konnte rasch beleidigt sein, aber ebenso gut auch rasch vergeben. Sie kannte ihn als warmherzig und großzügig.

»Daolgar, Stammesfürst der Sliabh Luachra und mein guter Nachbar«, sprach ihn Nechtan an, aber der ironische Unterton war nicht zu überhören. »Ich habe dir Unrecht zugefügt, indem ich die jungen Männer meines Clans immer wieder angestachelt habe, in dein Gebiet einzufallen und deine Leute zu schinden, um unsere eigenen Ländereien zu erweitern und eure Viehherden zu stehlen.«

Daolgar schnaubte wie ein Tier, laut und ärgerlich. Sein muskulöser Körper lauerte sprungbereit.

»Dass du das, was mein Volk hat ertragen müssen, zugibst, ist ein Schritt in die richtige Richtung zu einer möglichen Aussöhnung, Nechtan. Persönliche Feindschaft sollte einem Waffenstillstand zwischen uns nicht im Wege stehen. Ich dringe aber darauf, dass solch ein Waffenstillstand von einem unparteiischen Brehon überwacht wird. Darüber hinaus verlange ich im Namen meiner Leute Schadenersatz für das verlorene Vieh, für die Toten im Kampfgetümmel …«

»Das soll alles geschehen«, schnitt ihm Nechtan das Wort ab, beachtete ihn nicht weiter und lenkte seine Aufmerksamkeit auf den jungen Mann, der sich Wein nachgeschenkt hatte und inzwischen wieder auf seinem Platz war.

»Und nun zu dir, Cuill. Auch dir habe ich schweres Leid zugefügt, denn dein ganzer Clan weiß, dass ich deine Frau verführt und sie hierhergebracht habe, um gemeinsam mit mir unter einem Dach zu leben, und das vor aller Augen und zur Schande deiner Familie.«

Der hübsche junge Mann saß steif auf der anderen Seite von Daolgar. Er war bemüht, Fassung zu bewahren, doch sein Gesicht war rot, teils aus Beschämung, teils weil er dem Wein reichlich zusprach. Er genoss den Ruf eines vielversprechenden Talents in der angewandten Kunst und war bei Stammesfürsten, Bischöfen und Äbten gleichermaßen gefragt, um Kunstwerke von unvergänglicher Schönheit zu schaffen.

»Sie hat sich verführen lassen«, erwiderte er mürrisch. »Verwerflich an der Sache war, dass man die Sache vor mir geheim gehalten hat. Als sie ging und auch die Kinder im Stich ließ, um bei dir zu wohnen, war für mich der Schlussstrich gezogen. Schlimm, wenn einer so vernarrt ist.«

»Vernarrtheit nennst du das, nicht Liebe?«, herrschte ihn Nechtan an. »Weshalb gestehst du dir nicht ein, dass sie mich liebt?«

»Sie hat sich von einer dummen Leidenschaft hinreißen lassen und jedes vernünftige Urteilsvermögen verloren. Nein, Liebe kann ich das nicht nennen. Für mich ist und bleibt es Vernarrtheit.«

»Du liebst sie immer noch, obwohl sie längst mit mir lebt.« Nechtan grinste spöttisch. »Keine Sorge. Heute Nacht noch, und du hast sie wieder. Ich glaube, mein … Vernarrtsein … in sie hat ein Ende.«

Dass Cuill seinen Zorn nur mühsam beherrschte, schien ihm Spaß zu machen. Krampfhaft hielt sich der junge Mann an seinem Stuhl fest, die Knöchel an den Händen waren weiß. Doch schon war Nechtan der Sache überdrüssig und nahm sich den letzten seiner Gäste vor, den schlanken, dunkelhaarigen Krieger zu seiner Rechten.

»Zu guter Letzt du, Marbán.«

Marbán war der tánaiste, sein rechtmäßiger Nachfolger als Stammesfürst.

»Du hast mir kein Unrecht zugefügt«, stieß der verdrossen, aber entschieden hervor.

Bekümmert schaute ihn Nechtan an. »O doch. Du bist mein tánaiste, mein rechtmäßiger Thronnachfolger. Wenn ich nicht mehr bin, übernimmst du die Herrschaft an meiner statt.«

»Das ist noch lange hin«, entgegnete Marbán. »Und Unrecht ist nicht geschehen.«

»Ich weiß es besser. Vor zehn Jahren, als wir beide vor die Ratsversammlung traten, damit man entscheide, wer von uns Stammesfürst und wer tánaiste sein sollte, begünstigten die Mitglieder dich. Die Wahl wäre eindeutig zu deinen Gunsten ausgefallen. Ich kam noch vor dem Zusammentreten des Rates dahinter und habe nicht unerhebliche Bestechungsgelder gezahlt, damit man mich wählte. So wurde das Amt mir zugesprochen, und fälschlicherweise rücktest du auf den zweiten Platz. Zehn Jahre lang hast du an meiner Seite gedient, obwohl in Wahrheit du hättest herrschen müssen.«

Marbán wurde blass, ließ aber keinerlei Überraschung erkennen. Offensichtlich hatte er seit langem mit dem Wissen um Nechtans Betrug gelebt. Nur schwer konnte er seinen Zorn verbergen, hatte sich aber in Gewalt.

Fidelma fand, das Maß war voll. Sie fühlte sich verpflichtet einzuschreiten und unterbrach das betretene Schweigen mit einem Räuspern. Alle Blicke wandten sich ihr zu, und sie begann in ruhigem, aber bestimmtem Ton: »Du hast uns zu dir gebeten, Nechtan, Fürst der Múscraige, damit wir dir die Kränkungen, die du einem jeden von uns zugefügt hast, verzeihen. Allerdings kannst du nur bei einigen der von dir begangenen verwerflichen Taten auf das bauen, was uns Christus gelehrt hat, und mit Vergebung rechnen. Als dálaigh, als Anwältin bei den Gerichten unseres Landes, muss ich dich darauf aufmerksam machen, dass nicht all deine Missetaten, die du hier eingestanden hast, so einfach verjährt sind. Du hast zugegeben, dass deine Wahl zum Anführer der Múscraige auf unrechtem Weg erfolgt ist. Du hast uns weiterhin eröffnet, dass du dich in dieser Rolle zu Handlungen hast hinreißen lassen, die keineswegs dem Gedeihen deines Volkes dienlich waren, wie zum Beispiel Raub von Viehherden, die auf den Weiden der Sliabh Luachra grasten. Das allein ist eine Straftat, deretwegen du vor den Stammesrat und die Räte meines Bruders Colgú, König von Cashel, gehörst, die über dein weiteres Verbleiben als Stammesfürst befinden müssten …«

Nechtan hob die Hand und gebot ihrem Redefluss Einhalt.

»Rechtsprechung hat dir immer am Herzen gelegen, Fidelma. Auch tust du gut daran, mich auf die rechtliche Seite meines Handelns zu verweisen. Ich beuge mich deinem Wissen. Aber bevor du die ganzen Verästelungen bis ins Letzte darlegst, möchte ich noch einmal betonen, dass es mir hauptsächlich darum ging, meine Missetaten zu bekennen. Komme, was da wolle, ich hatte das Bedürfnis, die Dinge einzugestehen. Und so erhebe ich meinen Becher und trinke auf euer aller Wohl, auf jeden Einzelnen von euch, denn ich stehe bei euch allen in der Schuld. Danach mögen Recht und Gesetz ihren Lauf nehmen; dem, was dann befunden wird, werde ich mich widerspruchslos fügen.« Er ergriff seinen Becher und nickte allen zu. »Auf euer Wohl. Einen Schluck in aller Reue. Viel Spaß, wenn ihr über mich richtet.«

Niemand sagte etwas. Schwester Fidelma zog nur zynisch eine Augenbraue in die Höhe. Es war ein armseliges Schauspiel, dem sie beiwohnten.

Der Stammesfürst schlürfte und schluckte laut. Im nächsten Moment fiel ihm der Becher aus der Hand, die blassen Augen wurden groß und starr, mit offenem Mund rang er keuchend nach Luft, und mit einer Hand griff er sich an die Kehle. Ein heftiges Zucken ging durch den Körper, er kippte nach hinten über, warf dabei den Stuhl um und stürzte zu Boden.

Das Festmahl endete in Totenstille.

Gerróc, der Leibarzt des Stammesfürsten, zeigte als Erster Geistesgegenwart. Er kniete bei Nechtan nieder, doch um dessen Tod festzustellen, bedurfte es nicht eines Arztes. Die verzerrten Gesichtszüge, der leblose Blick, die verrenkten Glieder sprachen für sich.

Daolgar, der neben Fidelma saß, seufzte erleichtert auf. »Gott übt eben doch Gerechtigkeit«, bemerkte er ungerührt. »Wenn es jemanden gab, bei dessen Übergang in die Anderswelt man nachhelfen musste, dann war es dieser Mann.« Er warf Fidelma einen raschen Blick zu und zuckte die Achseln, als er ihr tadelndes Gesicht sah. »Du musst schon entschuldigen, wenn ich aus meinem Herzen keine Mördergrube mache, Schwester. Mit der Lehre, Vergebung zu üben, habe ich meine Schwierigkeiten. Ich finde, es hängt von der Art der Sünden und von dem Verursacher ab.«

Er hatte mit seiner Bemerkung Fidelma kurz abgelenkt, doch jetzt sah sie, dass der junge Dathó erregt mit seiner Mutter Ess flüsterte, die den Kopf schüttelte. Ihre Hand umschloss irgendeinen kleinen Gegenstand in der Tasche.

Der Arzt hatte sich wieder erhoben und sah argwöhnisch zu Daolgar hinüber. »Was wolltest du mit dem Nachhelfen in die Anderswelt sagen, Daolgar?«, forschte er und war bemüht, seine innere Erregung zu unterdrücken.

Daolgar winkte gleichgültig ab. »Es war nur so eine Redewendung, Doktor. Gott hat Nechtan auf seine Weise gestraft. Herzversagen oder so was. Das reichte zum Nachhelfen. Ob Nechtan ein solches Los verdiente oder nicht, bleibt dahingestellt – aber keinen an diesem Tisch wird es empören. Er hat uns allen Leid zugefügt.«

Gerróc wiegte bedächtig den Kopf. »Nicht Gott hat es gefallen, ihn zu strafen«, erwiderte er langsam. »Niemand von euch sollte den Wein anrühren.«

Aller Blicke waren verständnislos auf den Arzt gerichtet.

»Der Becher war vergiftet«, antwortete er auf ihre unausgesprochene Frage. »Nechtan wurde ermordet.«

Fidelma stand auf und ging zu dem Toten. Die geöffneten Lippen hatten eine blaue Färbung angenommen, dahinter schimmerten Gaumen und Zähne weiß. Ein Blick auf die schmerzverzerrten Züge des einst pausbäckigen Gesichts genügte ihr, um zu erkennen, dass der kurze Todeskampf auf Fremdeinwirkung zurückzuführen war. Sie nahm den auf der Erde liegenden Becher zur Hand. Auf seinem Grund war noch eine Spur Wein. Sie stippte mit dem Finger hinein und schnüffelte argwöhnisch an ihm. Sie empfand einen bitter-süßlichen Geruch, konnte ihn aber nicht einordnen und sah den Arzt fragend an.

»Gift, sagst du?« Die Frage erübrigte sich. Er nickte.

Sie richtete sich auf und schaute in die bestürzte Tischrunde. Ausnahmslos wirkte die Gästeschar verstört, aber Trauer oder Empörung über den Tod des Stammesfürsten war in keinem der Gesichter zu lesen. Niemand hatte es auf dem Platz gehalten, alle standen ratlos umher.

Wieder ergriff Fidelma das Wort: »Wie es mir als Anwältin zukommt, übernehme ich es, unsere Zusammenkunft zu leiten. Ein Verbrechen ist begangen worden. Jeder in diesem Raum hätte ein Motiv gehabt, Nechtan zu töten.«

»Das betrifft auch dich«, erklärte Dathó. »Ich verwahre mich dagegen, von jemandem befragt zu werden, der selbst der Täter sein könnte. Woher wollen wir wissen, dass nicht du das Gift in den Becher getan hast?«

Überrascht und mit hochgezogenen Augenbrauen, nahm Fidelma die Anschuldigung des jungen Mannes zur Kenntnis, konnte sich aber nach kurzer Überlegung der Logik seines Arguments nicht entziehen.

»Du hast mit deiner Bemerkung recht, Dathó. Auch ich hätte ein Motiv gehabt. Und solange wir nicht herausgefunden haben, wie das Gift in den Becher kam, kann ich nicht beweisen, dass ich es nicht war. Das gilt für jeden von uns hier. Wir haben über eine Stunde gemeinsam an diesem Tisch gesessen, konnten einander gut sehen, haben den gleichen Wein getrunken. Es dürfte uns also gelingen, festzustellen, wie Nechtan vergiftet wurde.«

Marbán nickte zustimmend. »Der Meinung bin ich auch. Wir sollten auf Fidelma hören. Stammesfürst der Múscraige bin ich jetzt, und als solcher sage ich, wir sollten Fidelma beauftragen, die Sache zu klären.«

»Stammesfürst bist du nur, wenn erwiesen ist, dass nicht du es warst, der Nechtan getötet hat«, warf Daolgar lässig hin. »Schließlich hast du unmittelbar neben ihm gesessen. Du hattest nicht nur ein Motiv, sondern auch die Gelegenheit.«

»Bis der Rat es nicht anders entscheidet, bin ich Stammesfürst«, wies ihn Marbán ärgerlich zurecht. »Und ich sage weiterhin, dass Schwester Fidelma, solange der Rat es nicht anders verfügt, in meinem Auftrag handelt. Wir sollten jetzt alle unsere Plätze wieder einnehmen und Fidelma schalten und walten lassen.«

»Da mache ich nicht mit«, wehrte sich Dathó. »Angenommen, sie ist die Schuldige, dann ist es ein Leichtes für sie, einem von uns die Schuld zuzuschieben.«

»Weshalb überhaupt jemandem die Schuld zuweisen? Nechtan hat es doch verdient, zu sterben!« Der unduldsame Zwischenruf kam von Ess, der früheren Frau des toten Stammesfürsten. »Nechtan hat den Tod verdient«, wiederholte sie nachdrücklich. »Tausendmal und mehr hat er den Tod verdient. Niemand anders hier dürfte ihn fröhlicheren Herzens in die Anderswelt gesandt sehen als ich. Hätte ich die Tat begangen, würde ich es ohne weiteres eingestehen. Wer immer es war, dem Täter kann man schwerlich etwas zur Last legen. Er hat die Welt von einem Schädling befreit, von einem Untier, das vielen Leid und Qual bereitet hat. Alle, wie wir hier sitzen, sollten bezeugen, dass kein Verbrechen geschah – einfach eine gerechte Strafe. Wer die Tat begangen hat, soll sich erklären, und er erfährt unsere Unterstützung.«

Verhalten lauernde Blicke wanderten von einem zum anderen. Niemand schien Ess widersprechen zu wollen, aber ebenso schien niemand bereit, die Tat zuzugeben.

Fidelma erwog die Sachlage unter dem rechtlichen Aspekt. »Nach dem Gesetz müssten wir alle Beweise für die Schändlichkeiten, die Nechtan begangen hat, erbringen. Dann würde der Schuldige nur den Ehrenpreis für Nechtan an seine Familie zahlen müssen und ansonsten ungeschoren davonkommen. Es wäre eine Summe von vierzehn cumal …«

Sie hatte ihren Satz nicht zu Ende sprechen können, als sie Dathós bitteres Auflachen unterbrach.

»Und was, wenn einer von uns gar nicht über eine Herde von zweiundvierzig Milchkühen verfügt? Wird die Entschädigung nicht gezahlt, sieht das Gesetz andere Strafen für den Schuldigen vor.«

Marbán grinste von einem Ohr bis zum anderen und erklärte gönnerhaft: »Ich stelle gern den Ehrenpreis zur Verfügung, das ist mir die Sache wert.« Der sonst so wortkarge Krieger erwies sich plötzlich als äußerst entschlussfreudig.

Jetzt beugte sich Cuill, der junge Künstler, vor, der bisher geschwiegen hatte. »Wer also die Tat begangen hat, sollte sich jetzt bekennen, und wir alle werden ihn entlasten. Ich bin der gleichen Meinung wie Ess – Nechtan war ein Schandkerl und hat den Tod verdient.«

Erneut wanderten stumm die Blicke von einem zum anderen, und ein jeder wartete, dass einer von ihnen sich zur Tat bekannte.

»Also, wie steht’s?«, fragte Daolgar nach einer Weile ungeduldig. »Nun los, der Schuldige soll sich endlich zu erkennen geben, damit wir die Sache hier hinter uns bringen und den Unheilsort verlassen können.«

Keiner sagte etwas. Wieder war es Fidelma, die dem Schweigen ein Ende bereitete.

»Wenn niemand die Tat zugeben will …«

»Es wäre für uns alle besser, wenn es schnell geschähe«, fiel ihr Marbán ins Wort. »Egal, wer es war, mein Angebot steht. Ich bin bereit, die Entschädigung in voller Höhe zu tragen.«

Fidelma beobachtete Ess, die mit zusammengekniffenen Lippen dasaß und mit der Hand nach einer Ausbuchtung an ihrem Oberschenkel tastete. Die schlanken Finger umspannten einen merkwürdig geformten Gegenstand in ihrer Tasche. Ess war im Begriff, etwas zu sagen, aber Dathó, ihr Sohn, kam ihr zuvor.

»Also gut«, begann er schroff, »ich will die Tat gestehen. Ich habe Nechtan, meinen Vater getötet. Ich hatte mehr Grund als ihr alle, ihn zu hassen.«

Laut aufstöhnend hielt Ess den Atem an und blickte völlig überrascht zu ihrem Sohn. Die anderen am Tisch lehnten sich entspannt zurück und schienen erleichtert ob des Bekenntnisses. Fidelma hingegen schaute dem jungen Mann ernst ins Gesicht.

»Wie hast du ihm das Gift in den Becher getan?«, fragte sie.

Er runzelte verwirrt die Stirn.

»Das spielt doch keine Rolle. Ich gestehe die Tat, das reicht.«

»Ein Geständnis bedarf des Beweises«, beharrte Fidelma. »Schildere uns, wie du es gemacht hast.«

Gleichgültig zuckte er mit den Schultern.

»Ich habe das Gift eben in seinen Weinbecher getan.«

»Welche Art von Gift?«

Er blinzelte, zögerte einen Augenblick.

»Nun sprich schon«, forderte ihn Fidelma ärgerlich auf.

»Was tut das zur Sache? Schierling war’s.«

Fidelmas Augen richteten sich auf Ess. Die hatte während seines Geständnisses bleich und verkrampft ihren Sohn angestarrt.

»Ist in dem Fläschchen da Schierling, das du in deiner Hüfttasche trägst, Ess?«

Die Frage kam unerwartet. Impulsiv griff Ess zur Tasche und ergab sich in ihr Schicksal.

»Warum sollte ich es leugnen? Woher hast du gewusst, dass ich ein Gefäß mit Schierling bei mir trage?«

»Halte ein!«, rief Dathó. »Das verhält sich anders. Nachdem ich die Tat begangen hatte, habe ich sie gebeten, das Fläschchen zu verstecken. Es hat nichts mit ihr zu tun …«

Mit einer Handbewegung brachte Fidelma ihn zum Schweigen.

»Lass es mich sehen.«

Ess zog ein kleines Glasfläschchen aus ihrer Tasche und legte es auf den Tisch. Fidelma nahm es, entfernte den Stöpsel und schnupperte vorsichtig daran.

»Es ist Schierling, ja. Aber dem Fläschchen wurde nichts entnommen.«

»Meine Mutter hat es nicht getan!«, ereiferte sich Dathó. »Ich war es! Ich gebe es zu! Die Schuld trifft mich!«

Betrübt sah ihn Fidelma an und schüttelte den Kopf.

»Setz dich, Dathó. Weil deine Mutter ein Fläschchen Schierling bei sich hatte und du glaubst, sie hat deinen Vater getötet, möchtest du die Schuld auf dich nehmen. Stimmt’s?«

Aus Dathós Gesicht war die Farbe gewichen; kraftlos sank er auf seinen Stuhl.

»Deine Treue zu ihr ehrt dich. Aber ich glaube nicht, dass deine Mutter die Mörderin war. Zudem ist das Gläschen ja auch noch ganz voll.«

Hilflos starrte Ess sie an, und Fidelma versuchte, sie mit einem verschmitzten Lächeln aufzurichten.

»Ich kann mir gut vorstellen, dass du heute Abend mit dem Vorsatz hier erschienen bist, deinen früheren Mann aus Rache zu vergiften. Dathó hatte mitbekommen, dass du das Fläschchen bei dir hattest, welches du, nachdem Nechtan tot war, zu verbergen suchtest. Ich habe gesehen, wie ihr beide deswegen tuscheltet. Dabei hattest du gar keine Gelegenheit gehabt, Schierling in Nechtans Becher zu tun. Außerdem wurde Nechtan nicht mit Schierling vergiftet.« Überraschend für alle drehte sie sich zum Arzt. »Ich habe doch recht, Gerróc, oder?«

Der Alte schreckte auf, schaute sie an und bestätigte: »Schierling, auch bei einer starken Dosis, wirkt nicht sofort. Das Gift hier war weit stärker als Schierling.« Er wies auf den Becher. »Du hast gewiss die kleinen Kristalle auf dem Boden bemerkt, Schwester. Es ist Realgar, das sogenannte Höhlenpulver. Künstler benutzen es für ihre Arbeiten als Farbstoff, aber wenn man es einnimmt, reagiert es wie ein schnell wirkendes Gift.«

Fidelma nickte befriedigt, man mochte meinen, er bestätigte lediglich, was sie schon wusste. Sie blickte in die gespannten Gesichter, ihr Hauptaugenmerk aber galt Cuill, dem jungen Künstler. Der war kreidebleich geworden und in sich zusammengesunken.

»Ich habe ihn gehasst«, stammelte er, »aber ich würde nie jemand umbringen. Ich halte es mit den Ehrbegriffen unserer Vorfahren, das Leben ist heilig, egal wie böse es sich darstellt.«

»Aber dieses Gift benutzen Künstler, wie du einer bist, für ihre Arbeit«, unterstrich Marbán. »Wer außer dir und Gerróc wusste das? Weshalb gibst du es nicht zu, wenn du ihn getötet hast? Haben wir nicht beteuert, dass wir für die begangene Tat gegenseitig einstehen? Ich habe doch deutlich gesagt, dass ich für den Täter die Zahlung des Ehrenpreises übernehme.«

»Bei welcher Gelegenheit hätte ich das Gift in Nechtans Becher tun können?«, setzte sich Cuill zur Wehr. »So gesehen, hättest auch du es getan haben können.«

Fidelma schritt ein; fortgesetzte gegenseitige Schuldzuweisungen brachten sie nicht weiter.

»Cuill hat die entscheidende Frage berührt«, sagte sie ruhig, aber doch mit Autorität, dass wieder Ruhe herrschte. »Am besten, ihr setzt euch.«

Langsam, wenn auch widerwillig, folgten sie ihrem Geheiß. Fidelma blieb da stehen, wo Nechtan gesessen hatte.

»Lasst uns noch einmal die Tatsachen durchgehen«, begann sie. »Das Gift war im Weinbecher. Daraus könnte man schlussfolgern, dass es im Wein war. Der Wein war in dem Krug dort.« Sie zeigte auf den Beistelltisch, auf dem der Bedienstete den Weinkrug abgestellt hatte. »Marbán, ruf doch bitte den Diener herein, denn schließlich hatte er Nechtans Becher gefüllt.«

Marbán rief ihn. Es war ein junger, dunkelhaariger, verunsichert wirkender Mann namens Ciar. Als er begriff, was geschehen war, war er vollends verwirrt und kaum mehr ansprechbar.

»Du hast heute Abend den Wein ausgeschenkt, stimmt’s?«, fragte Fidelma.

Ciar nickte. »Ihr habt es doch alle gesehen.«

»Woher stammte der Wein? War es ein besonderer Wein?«

»Nein. Er wurde vor einer Woche von einem Kaufmann aus Gallien erworben.«

»Hat Nechtan von dem gleichen Wein getrunken, der seinen Gästen serviert wurde?«

»Ja. Alle haben den gleichen Wein getrunken.«

»Auch aus dem gleichen Krug?«

»Ja. Allen wurde Wein aus ein und demselben Krug eingeschenkt. Als Letztem schenkte ich Nechtan aus dem Krug nach, und als ich seinen Becher gefüllt hatte, merkte ich, dass der Krug fast leer war. Ich fragte Nechtan, ob ich ihn auffüllen sollte, aber er schickte mich weg.«

»Das stimmt, Fidelma«, ließ sich Marbán vernehmen, »wir alle haben zugeschaut.«

»Nechtan war aber nicht der Letzte, der Wein aus dem Krug getrunken hat«, erwiderte Fidelma, »das war Cuill.«

Daolgar entfuhr ein kurzer Aufschrei, mit einem Redeschwall fiel er über Cuill her.

»Fidelma hat recht. Ciar hat Nechtans Becher nachgefüllt und den Raum verlassen. Und während Nechtan mit Dathó sprach, bist du aufgestanden, um Nechtan herumgegangen und hast dir aus dem Krug nachgeschenkt. Unser aller Aufmerksamkeit war bei dem, was Nechtan zu sagen hatte. Niemand wäre es aufgefallen, wenn du die Giftkristalle in Nechtans Becher hättest gleiten lassen. Du hattest nicht nur ein Tatmotiv, sondern auch Mittel und Möglichkeit.«

»Das ist eine Lüge!«, rief Cuill erregt.

Doch Marbán ergänzte eifrig Daolgars Worte.

»Wir haben gehört, dass das Gift von Künstlern auch als Farbstoff benutzt wird. Ist Cuill ein Künstler oder nicht? Außerdem hasste er Nechtan, weil der ihm seine Frau abspenstig gemacht hatte. Das erklärt doch alles.«

»Die Beweisführung ist nicht ganz stichhaltig«, griff Fidelma ein.

»Nämlich?«, wollte Dathó wissen.

»Als Nechtan seine merkwürdige Rede hielt, in der er um Entschuldigung bat, habe ich ihn sehr genau beobachtet. Dabei habe ich durchaus mitbekommen, dass Cuill hinter ihm vorbeiging, ohne sich im Geringsten an Nechtans Becher zu schaffen zu machen. Er hat sich lediglich den restlichen Wein aus dem Krug eingegossen, den er dann auch trank, und hat damit ganz nebenbei den Beweis erbracht, dass sich das Gift in Nechtans Becher und nicht im Wein befand.«

Misstrauisch sah Marbán sie an; er schien nicht überzeugt.

»Reich mir den Krug und einen neuen Becher«, verlangte sie.

Es geschah. Sie goss sich den Bodensatz aus dem Krug in den Becher, betrachtete ihn prüfend, stippte den Finger hinein und leckte ihn vorsichtig ab. Selbstgefällig lächelte sie in die Runde.

»Ich habe es ja gesagt, der Wein ist nicht vergiftet«, wiederholte sie. »Das Gift war in dem Becher.«

»Wie aber ist es da hineingekommen?«, rätselte Gerróc.

Fidelma wandte sich dem Bediensteten zu. »Ich glaube, wir brauchen dich nicht weiter, Ciar. Du kannst gehen, aber warte bitte draußen. Es könnte sein, dass wir dich später noch einmal rufen. Von dem, was du hier gesehen und gehört hast, bitte zu keinem ein Wort. Verstanden?«

»Ja, Schwester.« Er zögerte. »Aber wie soll ich mich gegenüber Brehon Olcán verhalten? Er ist vorhin gerade angekommen. Soll ich auch ihm nichts sagen?«

»Wer ist dieser Richter?«, fragte Fidelma stirnrunzelnd.

»Olcán ist ein Freund von Nechtan, ein hoher Richter in unserem Stamm«, erklärte ihr Marbán. »Sollten wir ihn nicht hinzuziehen? Schließlich hat er das Recht, die Angelegenheit hier mit zu beurteilen.«

»War er für heute Abend eingeladen?« Sie stellte die Frage mit zusammengekniffenen Augen.

»Erst, als das Mahl schon begonnen hatte«, lautete die Auskunft, und sie kam von Ciar. »Nechtan beauftragte mich, einen Boten zu Olcán zu schicken. Der sollte den Richter bitten, herzukommen.«

Fidelma überlegte rasch. »Er soll draußen warten. Über das, was hier geschehen ist, darf er nicht eher etwas erfahren, als bis ich es sage.«

Ciar ging, und sie widmete sich wieder den ausharrenden Gästen.

»Wir sind uns jetzt also darüber im Klaren, dass das Gift nicht im Wein, sondern im Becher war. Damit engt sich der Kreis der Täter ein.«

»Was willst du damit sagen?«, drängte Daolgar von Sliabh Luachra.

»Nicht mehr und nicht weniger, als dass das Gift in den Becher geraten sein muss, nachdem Nechtan den ersten Becher geleert und Ciar ihm nachgeschenkt hatte. Das Gift ist erst in den wieder aufgefüllten Becher gelangt.«

Daolgar lachte höhnisch los. »Dann habe ich die Lösung. Es gibt nur zwei aus dieser Runde, die das Gift in Nechtans Becher hätten tun können.«

»Dann nenne sie«, forderte Fidelma ihn auf.

»Entweder Marbán oder Gerróc. Sie haben links und rechts von Nechtan gesessen. Leichte Sache, Gift in einen Becher zu tun, der dicht vor einem steht, während wir anderen gebannt auf Nechtan blickten und lauschten, was er sagte.«

Marbán war rot vor Empörung geworden, aber der alte Arzt schien am meisten betroffen. »Ich kann beweisen, dass ich es nicht war«, erklärte er mit erstickter Stimme.

»Du kannst es beweisen?«, fragte Fidelma verwundert.

»Ja, ja. Du hast gesagt, wir alle hätten Gründe gehabt, ihn zu hassen, und das heißt, dass wir ihn alle lieber tot als lebendig gesehen hätten. Damit hätte auch jeder von uns ein Tatmotiv gehabt.«

»Richtig.«

»Ich als Einziger von euch allen habe gewusst, dass es sich erübrigte, Nechtan umzubringen.«

Fidelma brauchte eine Weile, ehe sie die nächste Frage stellte. »Inwiefern erübrigte es sich, Gerróc?«

»Weshalb sollte man einen Menschen töten, der so gut wie im Sterben lag?«

Lautstarkes Erstaunen ging durch den Raum. Erst, als es abebbte, konnte Fidelma nachhaken: »Der so gut wie im Sterben lag?«

»Ich war Nechtans Arzt. Es ist wahr, ich habe ihn gehasst. Er hat mich um meinen Lohn gebracht, aber als Arzt habe ich hier trotzdem mein Auskommen gehabt. Ich habe mich nicht beklagt. Meine Jahre sind gezählt. Ich war nicht gewillt, meine Sicherheit aufs Spiel zu setzen, indem ich meinen Stammesfürsten sträflicher Handlungen bezichtigte. Es ist einen Monat her, da packten Nechtan grässliche Kopfschmerzen. Ein- oder zweimal waren sie so arg, dass ich ihn ans Bett fesseln musste. Ich untersuchte ihn und entdeckte eine Schwellung am Hinterkopf. Es war ein bösartiges Gewächs, schon innerhalb einer Woche war es viel größer geworden. Wenn ihr mir nicht glaubt, könnt ihr euch selbst davon überzeugen. Die Geschwulst ist hinter dem linken Ohr, leicht zu erkennen.«

Fidelma beugte sich über den Stammesfürsten und besah sich widerwillig die Schwellung hinter dem Ohr.

»Die Schwellung ist unverkennbar«, bestätigte sie.

Marbán versuchte, den alten Arzt zu einer logischen Schlussfolgerung zu bewegen. »Worauf willst du hinaus, Gerróc?«

»Vor wenigen Tagen musste ich Nechtan eröffnen, dass er vermutlich den nächsten Neumond nicht mehr erleben würde. Sein Tod war unvermeidlich. Das Gewächs vergrößerte sich und verursachte ihm zunehmende Pein. Ich wusste, seine Tage waren gezählt. Warum also hätte ich ihn ermorden sollen? Gott hatte bereits befunden, wann und wie ihn der Tod ereilen würde.«

Nahezu bösartig frohlockte Daolgar: »Dann bleibst nur noch du, tánaiste der Múscraige. Dass dein Stammesfürst dem Tod nahe war, konntest du nicht wissen, und du hattest sowohl ein Tatmotiv als auch die Gelegenheit.«

Marbán war aufgesprungen; die Hand griff an den Gürtel, wo sonst sein Schwert hing. Aber er befand sich in einer Festhalle, und das Gesetz verlangte, bei einem Festmahl durften keine Waffen getragen werden.

»Für diese Anschuldigung wirst du dich rechtfertigen müssen, Stammesfürst der Sliabh Luachra!«, donnerte er.

Cuill hingegen unterstützte Daolgars Gedankengang.

»Du warst mit deinem neuen Reichtum als Stammesfürst etwas zu schnell zur Hand, den Ehrenpreis zu zahlen, wenn sich einer von uns als Täter stellt. Damit hättest du dir ein Problem vom Halse geschafft. Ohne Fehl und Tadel wärst du aus der Sache hervorgegangen. Man hätte dich als Stammesfürst bestätigt. Sollte man dich jedoch für schuldig befinden, Nechtan getötet zu haben, wirst du sofort jedweden Amtes enthoben. Kein Wunder, dass du so eilfertig mir die Schuld zuschieben wolltest.«

Mit finsterer Miene stand Marbán vor ihnen. In ihren Augen war er der zu Verurteilende. Erregtes Gemurmel breitete sich aus. Fidelma hatte ihre liebe Not, wieder Ruhe zu schaffen.

»Lassen wir den unnützen Streit. Marbán hat Nechtan nicht getötet.«

Überraschtes Schweigen.

»Wer war es dann?«, fragte Dathó verärgert. »Du treibst mit uns ein Katz-und-Maus-Spiel, Schwester. Wenn dir schon alles klar ist, dann nenne uns den Täter.«

»Jeder an diesem Tisch weiß, dass Nechtan ein bösartiger, eigenwilliger Mensch war, der dem Leben nichts Gutes abgewinnen konnte. Ebenso wie wir unseren Grund hatten, ihn zu hassen, hasste auch er jeden, mit dem er es zu tun hatte.«

»Trotzdem, wer hat ihn umgebracht?«, wiederholte nun Daolgar die alle bedrängende Frage.

»Er hat selbst Hand an sich gelegt«, eröffnete sie ihnen.

Betroffen und ungläubig blickten sie alle an.

»Ich hatte schon etwas länger den Verdacht«, fuhr Fidelma fort, »aber ich konnte ihn nicht erhärten. Gerróc eben hat mir das Rätsel entschlüsselt.«

»Das musst du uns erklären, Schwester, ich kann dir nicht folgen«, verlangte Marbán mürrisch.

»Ich habe ja schon darauf verwiesen, dass so, wie wir Nechtan hassten, er auch uns hasste. Als er erfuhr, dass sein Tod nahte, entschloss er sich zu einem weiteren großen Racheakt an all denen, die er am wenigsten ausstehen konnte. Ein rasches Hinübergleiten in die Anderswelt war ihm lieber als das qualvolle Ende, das ihm Gerróc ausgemalt hatte. Wenn es eines tapferen Mannes bedarf, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, dann muss man ihm zugestehen, dass er diese Tapferkeit besaß. Er entschied sich für ein rasch wirkendes Gift, Realgar, und genoss die Schadenfreude, dass es eine Substanz war, die Cuill, der Mann seiner gegenwärtigen Geliebten, bei seiner Arbeit benutzte.

Dann verfiel er auf die Idee, uns alle zu einem letzten Gastmahl einzuladen. Er setzte auf unsere Neugierde und Eigenliebe und erklärte, er wolle sich vor allen dafür entschuldigen, dass er uns so übel mitgespielt habe. Er hatte alles sorgfältig durchdacht. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, breitete er seine Schandtaten in allen Einzelheiten aus. Dabei ging es ihm weniger darum, um Verzeihung zu bitten, vielmehr wollte er absichern, dass jeder von jedem wusste, dass alle, wie wir da saßen, guten Grund hatten, ihn zu verabscheuen und lieber tot als lebendig zu sehen. Er bereitete den Nährboden für gegenseitiges Misstrauen. Er rühmte sich eher seiner Missetaten, als dass er sich bei uns dafür entschuldigte. Er rühmte sich und warnte zugleich.«

Ess stimmte ihr zu. »Ich empfand seine letzten Worte als merkwürdig, aber im Nachhinein ergeben sie einen Sinn.«

»Das sehe ich auch so«, meinte Fidelma.

»Wie waren die Worte noch mal?«, fragte Daolgar.

»Er sagte: ›Und so erhebe ich meinen Becher und trinke auf euer aller Wohl, auf jeden Einzelnen von euch, denn ich stehe bei euch allen in der Schuld. Danach mögen Recht und Gesetz ihren Lauf nehmen; dem, was dann befunden wird, werde ich mich widerspruchslos fügen. … Auf euer Wohl … Viel Spaß, wenn ihr über mich richtet.‹« Wortwörtlich hatte Fidelma Nechtans Worte wiedergegeben.

»Wie eine Entschuldigung klingt das nicht«, gab Marbán zu. »Aber was bezweckte er?«

»Jetzt ist es mir klar«, antwortete ihm Ess. »Siehst du immer noch nicht, wie bösartig dieser Mann war? Er wollte, dass jeder von uns in Verdacht geriet, ihn ermordet zu haben. Er spielte seine Niedertracht bis zuletzt gegen uns aus.«

»Aber wie er das zu erreichen gedachte, sehe ich immer noch nicht«, bekannte Gerróc, völlig verwirrt.

»Im Wissen um seinen Tod, der ihn in wenigen Tagen oder Wochen ereilen würde, bestimmte er selbst seine Lebensfrist«, erläuterte Fidelma geduldig. »Ess hat recht, er war ein bösartiger, niederträchtiger Mensch. Er lud uns zum Mahl und war entschlossen, sich an dessen Ende zu vergiften. Zu Beginn des Essens befahl er seinem Bediensteten Ciar, Brehon Olcán, seinen Richter, holen zu lassen. Er rechnete damit, dass Olcán uns im Aufruhr der Gemüter vorfinden würde, dass er Zeuge werden würde, wie wir uns gegenseitig die Schuld zuwiesen. Er hoffte weiterhin, Olcán würde daraus die falsche Schlussfolgerung ziehen und glauben, dass einer von uns, wenn nicht gar alle, in seine Ermordung verstrickt waren. Er beging Selbstmord, in der Hoffnung, wir würden des Mordes an ihm bezichtigt werden. Noch während er zu uns sprach, tat er unauffällig das Gift in seinen Becher.«

Fidelma hatte verbitterte Gesichter vor sich. Sie selbst lächelte mühsam. »Ich denke, wir können jetzt Brehon Olcán hereinbitten und ihm alles darlegen.«

Sie schritt zur Tür, blieb aber noch einmal stehen, wandte sich um und sagte abschließend: »Ich habe viele Verbrechen erlebt. Manche geschahen aus Bosheit, andere aus Verzweiflung. Aber solch eine Durchtriebenheit und Niedertracht, wie sie in Nechtan, dem einstigen Stammesfürsten der Múscraige, lauerten, sind mir bislang nicht vorgekommen.«

Am folgenden Morgen brach Fidelma nach Cashel auf. Wie immer war sie zu Pferde. Unterhalb des Burggeländes von Nechtan stieß sie an einer Kreuzung auf Gerróc, den alten Arzt.

»Wohin des Wegs, Gerróc?«, grüßte sie ihn freundlich.

»Zum Kloster von Imleach«, erwiderte der Alte ernst. »Ich will beichten und für den Rest meiner Tage dort Zuflucht suchen.«

Sie sann kurz nach und gab dann die etwas rätselhafte Antwort: »Ich würde bei der Beichte nicht alles preisgeben.«

Der Alte runzelte die Stirn. »Du weißt?«

»Ich kann ein Geschwür von einem Gewächs unterscheiden.«

Er seufzte leicht.

»Anfangs wollte ich Nechtan nur einen Schrecken einjagen. Er sollte sich ruhig ein paar Wochen quälen, ehe ich den Furunkel aufschnitt oder ehe er von allein aufbrach. Geschwüre hinter dem Ohr können äußerst schmerzhaft sein. Er glaubte mir, als ich vorgab, es wäre ein Gewächs und er hätte nicht mehr lange zu leben. Wozu er in seiner Boshaftigkeit fähig wäre, habe ich nicht geahnt, und schon gar nicht, dass er Selbstmord begehen würde, um uns alle ins Verderben zu stürzen.«

Sie schaute ihm in das verhärmte Gesicht. »Nun hat er selbst Blut an den Händen.«

»Aber gegen das Gesetz kann ich nicht an. Ich muss Beichte ablegen.«

»Es gibt Fälle, da der Gerechtigkeit der Vorrang gebührt«, meinte sie heiter. »Nechtan hat Gerechtigkeit erfahren. Vergiss das Gesetz, Gerróc. Gott sei mit dir, möge Er deinen Lebensabend in Frieden begleiten.«

Sie hob die Hand, als wollte sie ihm den Segen erteilen, wendete das Pferd und setzte ihren Weg fort.


DIE SICH AN UNS VERSÜNDIGEN

<p>DIE SICH AN UNS VERSÜNDIGEN</p>

»Für mich ist die Angelegenheit klar. Ich kann nicht verstehen, weshalb der Abt dich extra hergeschickt hat.«

Pater Febal war gereizt und offensichtlich verstimmt über die Anwesenheit der Anwältin in seiner kleinen Kirche, besonders da es sich bei ihr um die hübsche, rothaarige Nonne handelte, die ihm in der engen Sakristei gegenübersaß. Im Gegensatz zu ihrer entspannten Haltung strahlte sein Verhalten Rastlosigkeit und Misstrauen aus. Er war ein kleiner Mann, der trotz beinahe leichenhaft blasser Gesichtszüge dunkel wirkte. Der Ansatz seines Bartes, obwohl rasiert, bildete einen blauen Schatten auf seinem Kinn und seinen Wangen, und sein Haar war so schwarz wie das Gefieder eines Raben. Seine Augen waren tiefliegend, aber dunkel und stechend. Als er seiner Gereiztheit Ausdruck verlieh, zeigte sein ganzer Körper seinen Ärger.

»Vielleicht liegt es daran, dass die Angelegenheit für den Abt so unklar ist, wie sie dir klar erscheint«, antwortete Schwester Fidelma in unschuldigem Tonfall. Das aggressive Verhalten des Priesters beeindruckte sie nicht.

Pater Febal runzelte die Stirn. Mit verengten Augen studierte er ihre Gesichtszüge, als suche er nach irgendeiner versteckten Botschaft. Doch Fidelmas Gesicht blieb eine Maske ungerührter Aufrichtigkeit. Er presste verärgert die Lippen zusammen.

»Dann kannst du zum Abt zurückkehren und ihm berichten, dass es keinen Grund zur Beunruhigung für ihn gibt.«

Fidelma lächelte. In der Haltung ihrer Schultern deutete sich ein Achselzucken an.

»Der Abt nimmt seine Stellung als Vater seiner Herde sehr ernst. Er wird mehr über dieses Unglück wissen wollen, bevor er überzeugt ist, dass er sich nicht beunruhigen muss. Da die Angelegenheit für dich so klar ist, kannst du sie mir vielleicht erklären?«

Pater Febal blickte die Nonne an. Zum ersten Mal bemerkte er einen Unterton kalter Entschlossenheit in ihrer sanften Stimme.

Er war sich bewusst, dass Fidelma nicht nur eine einfache Nonne war, sondern eine anerkannte Anwältin an den Gerichtshöfen der Brehons der fünf Königreiche. Er wusste außerdem, dass sie die jüngere Schwester des Königs Colgú von Cashel selbst war. Anderenfalls hätte er der jungen Frau vielleicht schroffer geantwortet. Er zögerte einige Augenblicke und zuckte dann gleichgültig mit den Schultern.

»Die Tatsachen liegen deutlich zutage. Mein Gehilfe, Pater Ibor, ein junger und arbeitsscheuer Mann, verschwand vorgestern. Ich wusste schon seit einiger Zeit, dass ihm etwas Sorgen bereitete, etwas, das ihn von seinen priesterlichen Pflichten ablenkte. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er hat sich geweigert, sich von mir leiten zu lassen. Ich kam an diesem Morgen in die Kirche und sah, dass unser goldenes Altarkruzifix und der silberne Kelch, mit dem wir beim Abendmahl den Wein ausgeben, verschwunden waren. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass auch Pater Ibor aus unserer kleinen Gemeinde verschwunden war, bedurfte es keines besonderen Spürsinns, um die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. Er hatte offensichtlich die heiligen Gegenstände gestohlen und war geflohen.«

Schwester Fidelma nickte langsam.

»Nachdem du zu diesem Schluss gekommen warst, was hast du als Nächstes getan?«

»Ich habe sofort die Suche nach Pater Ibor organisiert. Unserer kleinen Kirche hier dienen Bruder Finnlug und Bruder Adag. Sie habe ich um Hilfe gebeten. Bevor Bruder Finnlug in den Orden eingetreten ist, war er oberster Jäger des Lords von Maine, ein hervorragender Fährtensucher und Jäger. Wir nahmen Ibors Spur auf und folgten ihr in die nah gelegenen Wälder. Wir waren noch nicht weit in den Wald vorgedrungen, als wir seine Leiche fanden. Er hing am Ast eines Baumes, die Kordel seiner Kutte als Schlinge um den Hals.«

Schwester Fidelma war nachdenklich geworden.

»Und wie hast du das gedeutet?«, fragte sie leise.

Pater Febal war verwirrt.

»Wie hätte ich es schon deuten sollen?«, wollte er wissen.

Fidelmas Miene veränderte sich nicht.

»Du hast mir gesagt, du glaubtest, dass Pater Ibor das Kruzifix und den Kelch gestohlen und sich davongemacht hätte.«

»Das ist wahr.«

»Dann sagtest du, dass ihr ihn, an einem Baum hängend, gefunden habt.«

»Wieder richtig.«

»Nachdem er die wertvollen Gegenstände gestohlen hatte und davongelaufen war, weshalb sollte er sich erhängen? Diese Vorgehensweise erscheint mir etwas unlogisch.«

Pater Febal versuchte nicht einmal, sein höhnisches Lächeln zu verbergen.

»Das sollte für dich ebenso offensichtlich sein wie für mich.«

»Ich würde gerne hören, was du gedacht hast.« Fidelma ließ sich von seinem verächtlichen Tonfall nicht provozieren.

Pater Febal lächelte dünn.

»Nun, Pater Ibor wurde von Reue überwältigt. Da er wusste, dass wir ihn stellen würden, und erkannte, wie abscheulich sein Verbrechen gegen die Kirche war, gab er sich der Verzweiflung hin und vollstreckte seine eigene Strafe. Er erhängte sich. Seine Furcht, wir könnten ihn noch lebend vorfinden, war so groß, dass er sich auch noch selbst mit dem Messer ins Herz stach, während er schon in der Schlinge erstickte.«

»Das muss heftig geblutet haben. War viel Blut auf der Erde?«

»Soweit ich mich erinnere, nicht.« In der Stimme des Priesters schwang Widerwillen mit, so als meinte er, die Nonne sei über Gebühr an den blutigen Einzelheiten interessiert. »Wie auch immer, das Messer war ihm aus der Hand geglitten und lag auf der Erde unter der Leiche.«

Fidelma sagte lange Zeit nichts. Sie sah den Priester weiterhin nachdenklich an. Pater Febal starrte trotzig zurück und wandte dann als Erster den Blick ab.

»War Pater Ibor ein so schwacher junger Mann?«, überlegte Fidelma leise.

»Natürlich. Was sonst außer Schwäche sollte ihn so handeln lassen?«, fragte der Priester.

»So? Ihr habt also sowohl das Kruzifix als auch den Kelch bei ihm wiedergefunden?«

Pater Febal zögerte einen Moment lang. Er machte mit einer Hand eine verneinende Geste.

Fidelmas Augen weiteten sich, und sie beugte sich vor.

»Soll das heißen, ihr habt die vermissten Gegenstände nicht wiedergefunden?« fragte sie scharf.

»Nein«, gab der Priester zu.

»Dann ist die Angelegenheit überhaupt nicht klar«, stellte sie grimmig fest. »Bestimmt erwartest du nicht vom Abt, dass er beruhigt ist, wenn diese Gegenstände nicht wiedergefunden wurden. Wie kannst du so sicher sein, dass Pater Ibor sie gestohlen hat?«

Fidelma hoffte auf eine Erklärung, doch es kam keine.

»Dann solltest du mir vielleicht besser sagen, wie du zu der Annahme gelangst, die Angelegenheit sei klar!« Ihr Tonfall war schneidend. »Wenn ich dem Abt erläutern soll, warum sie klar ist, muss ich mir auch selbst darüber im Klaren sein. Wenn Pater Ibor dachte, man würde ihn auf jeden Fall ergreifen und er sich deshalb selbst zum Tode verurteilte, was tat er dann mit den Gegenständen, die er gestohlen hatte?«

»Es gibt eine logische Antwort«, murmelte Pater Febal ohne Überzeugung.

»Welche?«

»Nachdem er sich erhängt hatte, kam zufällig irgendein streunender Dieb vorbei und nahm sie an sich, bevor wir eintrafen.«

»Und dafür gibt es einen Beweis?«

Der Priester schüttelte widerwillig den Kopf.

»Du vermutest das also nur?« In Fidelmas Stimme war nun ein Hauch von Spott.

»Welche andere Erklärung gibt es?«, wollte Pater Febal verärgert wissen.

Fidelma sah ihn voller Verachtung an.

»Willst du, dass ich dies dem Abt berichte und ihm sage, dass er sich nicht zu sorgen braucht? Dass ein wertvolles Kruzifix und ein Kelch aus einer seiner Kirchen gestohlen wurden und ein Priester erhängt aufgefunden wurde, aber es keinen Grund zur Sorge gibt?«

Pater Febals Miene verfinsterte sich.

»Ich bin überzeugt, dass Pater Ibor die Gegenstände gestohlen und sich in einem Anflug von Reue das Leben genommen hat. Ich bin überzeugt, dass jemand die Gegenstände gestohlen hat, nachdem Ibor Selbstmord begangen hatte.«

»Aber ich bin es nicht«, antwortete Fidelma beißend. »Schicke Bruder Finnlug zu mir.«

Pater Febal war bei ihrem befehlenden Tonfall automatisch aufgestanden. Nun zögerte er in der Tür der Sakristei.

»Ich bin es nicht gewohnt …«, begann er.

»Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich warten lässt.« Fidelmas Stimme war eisig, als sie ihn unterbrach. Sie wandte den Kopf ab und entließ ihn so. Pater Febal blinzelte und schlug dann wütend die Tür hinter sich zu.

Bruder Finnlug war ein drahtig aussehender Mann; sein sehniger Körper, gebräunt von Sonne und Wind, zeugte davon, dass er jemand war, der es eher gewohnt war, bei jedem Wetter im Freien zu sein, als in den Kreuzgängen einer Abtei Schutz zu suchen. Fidelma begrüßte ihn, als er die Sakristei betrat.

»Ich bin Fidelma von …«

Bruder Finnlug unterbrach sie mit einem schnellen, freundlichen Lächeln und sagte: »Ich weiß sehr gut, wer du bist, Lady. Ich habe dich und deinen Bruder, König Colgú, viele Male während der Jagdgesellschaften meines Herrn, des Lords von Maine, gesehen.«

»Dann weißt du, dass ich auch Anwältin bei Gericht bin und es deine Pflicht ist, mir die Wahrheit zu sagen?«

»Das weiß ich. Du bist hier, um den tragischen Tod Pater Ibors zu untersuchen.« Bruder Finnlug war direkt und freundlich im Vergleich zu seinem Oberen.

»Weshalb nennst du seinen Tod tragisch?«

»Ist nicht jeder Tod tragisch?«

»Hast du Pater Ibor gut gekannt?«

Der ehemalige Jäger schüttelte den Kopf.

»Ich wusste nur wenig über ihn. Er war ein junger Mann, vor kurzem zum Priester geweiht und sehr unsicher. Er war erst ungefähr einen Monat hier.«

»Ich verstehe. War er das neueste Mitglied der Gemeinde? Wie lange ist beispielsweise Pater Febal schon hier?«

»Pater Febal ist hier seit sieben Jahren Priester. Ich kam vor einem Jahr hierher, und Bruder Adag ist seit etwas über einem Jahr hier.«

»Ich vermute, die Mitglieder eurer kleinen Gemeinde verstanden sich gut miteinander?«

Bruder Finnlug antwortete nicht.

»Ich meine, ich vermute, es gab keine Unstimmigkeiten zwischen euch vieren?«, erläuterte Fidelma.

Finnlugs Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck, den Fidelma nicht deuten konnte.

»Um ehrlich zu sein, Pater Febal legt Wert darauf, zu betonen, dass er einen höheren Rang hat als wir. Ich glaube, er stammt aus einer Adelsfamilie, das hat er nie vergessen.«

»Wird ihm diese Einstellung verübelt?«

»Nicht von mir. Ich habe beim Lord von Maine gedient. Ich bin es gewohnt, Befehle zu empfangen und sie auszuführen. Ich kenne meinen Platz.«

War da ein etwas bitterer Unterton?, fragte sich Fidelma.

»Wenn ich mich recht erinnere, war der Lord von Maine ein großzügiger Mann, der gut für diejenigen sorgte, die ihm dienten. Es muss ein harter Schlag für dich gewesen sein, einen solchen Herrn zu verlassen und ein religiöses Leben zu beginnen?«

»Geistlicher Lohn ist oft wertvoller als weltlicher«, entgegnete Finnlug. »Doch wie ich schon sagte, ich bin es gewohnt, zu dienen. Das Gleiche könnte man von Bruder Adag behaupten, der einst Diener eines anderen Edelmannes war. Aber er ist auch ein ziemlich schlichter Mensch.« Der Mönch tippte sich an die Stirn. »Man sagt, solche Leute sind von Gott gesegnet.«

»Verstand sich Pater Ibor gut mit Pater Febal?«

»Ach, keine Ahnung. Er war ein stiller junger Mann. Blieb für sich allein. Ich glaube nicht, dass er Pater Febal mochte. Ich habe Missgunst in seinen Augen gesehen.«

»Warum sollte er missgünstig sein? Pater Febal war der Ranghöchste in eurer Gemeinde. Pater Ibor hätte seine Autorität anerkennen sollen, ohne sie zu hinterfragen.«

Der Mönch zuckte mit den Schultern.

»Ich hatte den Eindruck, dass er Pater Febals Autorität feindselig gegenüberstand.«

»Warum, denkst du, hat er das Kruzifix und den Kelch aus der Kirche gestohlen?«, fragte Fidelma mit schneidender Stimme.

Bruder Finnlugs Miene veränderte sich nicht.

Er breitete nur die Arme aus.

»Wer vermag zu wissen, was einen Menschen zu solch einer Handlung treibt? Wer kennt die tiefsten Geheimnisse seines Herzens?«

»Um das herauszufinden, bin ich hier«, antwortete Fidelma trocken. »Sicher hast du eine ungefähre Vorstellung? Oder wenigstens eine Vermutung?«

»Was meint Pater Febal?«

»Spielt es eine Rolle, was er meint?«

»Ich hätte gedacht, dass er Pater Ibor näherstand als Bruder Adag oder ich.«

»Ihm näherstand? Du hast doch gesagt, es hätte Feindseligkeiten zwischen ihnen gegeben.«

»Ich habe nicht behauptet, dass sie Freunde waren. Aber sie waren beide Priester. Sie waren von ähnlicher Herkunft, im Gegensatz zu Adag und mir. Als Brüder dieser Gemeinde sind wir eher Diener der Kirche als Gleichgestellte von Pater Febal und Pater Ibor.«

»Ich verstehe.« Fidelma schaute ihn nachdenklich an. »Ich bin sicher, der Abt wird bekümmert sein, wenn er erfährt, dass eure Gemeinde auf diese Art geleitet wird. Wir alle sind Diener Gottes und stehen alle vereint unter seiner Macht.«

»Das ist nicht so ganz die Glaubensrichtung, die Pater Febal vertritt.« Nun war die Bitterkeit in seiner Stimme nicht mehr zu überhören.

»Du weißt also nicht, weshalb Ibor das Kruzifix und den Kelch gestohlen haben könnte?«

»Es waren sehr wertvolle Gegenstände. Der Erlös würde sie für immer reich machen.«

»Sie?«

»Wer auch immer die Sachen gestohlen hat, meine ich.«

»Du zweifelst also daran, dass Pater Ibor der Dieb war?«

»Du bist scharfsinnig, Schwester. Ich habe leider nicht so eine präzise Ausdrucksweise wie du.«

»Warum, glaubst du, hat Pater Ibor sich erhängt, nachdem er mit den wertvollen Gegenständen geflohen war?«

»Um seiner Gefangennahme zu entgehen?«

»Du antwortest in Form einer Frage. Meinst du damit, dass du dir auch hierin nicht sicher bist?«

Bruder Finnlug zuckte mit den Schultern.

»Das ist nicht so einfach. Ich kann nicht verstehen, weshalb ein Priester sich überhaupt das Leben nehmen sollte. Sicherlich würde kein Priester eine solche Sünde begehen?«

»Willst du damit sagen, du bist dir nicht sicher, dass Pater Ibor sich das Leben nahm?«

Bruder Finnlug erschrak. »Habe ich das behauptet?«

»Du hast es angedeutet. Erzähle mir, mit deinen eigenen Worten, was in den letzten zwei Tagen geschehen ist. Gab es irgendwelche Spannungen zwischen Ibor und Febal oder jemand anderem?«

Bruder Finnlug starrte sie einen Moment lang an.

»Ich hörte Pater Ibor am Abend vor seinem Verschwinden mit jemandem streiten.«

Fidelma lehnte sich ermutigend vor.

»Streiten? Mit Pater Febal?«

»Ich bin nicht sicher. Ich kam an seiner Zelle vorbei und hörte ihn mit erhobener Stimme sprechen. Die andere Stimme war leise und gedämpft. Es war, als hätte Pater Ibor die Beherrschung verloren, aber die Person, mit der er stritt, die Ruhe behielte.«

»Du hast keine Vermutung, wer diese andere Person gewesen sein könnte?«

»Keine.«

»Und du hast nichts über den Gegenstand ihres Streites gehört?«

»Ich habe nur hin und wieder ein paar Worte verstanden.«

»Und welche Worte waren das?«

»Nichts, was einen Sinn ergäbe. Ibor sagte: ›Es ist der einzige Weg.‹ Dann hielt er inne, und nachdem die andere Person etwas gesagt hatte, antwortete er: ›Nein, nein, nein. Wenn es schon enden muss, will ich doch nicht derjenige sein, der es beendet.‹ Das war alles, was ich gehört habe.«

Fidelma schwieg, während sie über die Angelegenheit nachdachte.

»Hast du irgendetwas aus diesen Worten herausgelesen, besonders im Licht dessen, was danach geschah?«

Bruder Finnlug schüttelte den Kopf.

Plötzlich öffnete sich die Tür der Sakristei, und Pater Febal stand auf der Schwelle, einen seltsam zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Er sah aus wie jemand, der gerade eine erfreuliche Nachricht erhalten hatte.

»Wir haben den Dieb gefunden, der Pater Ibor das Kruzifix und den Kelch abgenommen hat«, verkündete er.

Bruder Finnlug sprang schnell auf die Füße. Seine Augen zuckten von Pater Febal zu Schwester Fidelma. Fidelma sah etwas in seinem Gesicht, konnte es aber nicht deuten. War es Furcht?

»Bring den Dieb herein«, wies sie ruhig an, ohne aufzustehen.

Pater Febal schüttelte den Kopf.

»Das ist unmöglich.«

»Unmöglich?«, fragte Fidelma mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.

»Der Dieb ist tot.«

»Das solltest du besser erklären«, forderte Fidelma ihn auf. »Und zwar genau. Hat dieser Dieb einen Namen?«

Pater Febal nickte.

»Ihr Name war Téite.«

Bruder Finnlug holte scharf Luft.

»Du kanntest sie also, Bruder Finnlug?« Fidelma wandte ihm fragend den Kopf zu.

»Wir alle kannten sie«, antwortete Pater Febal kurz.

»Wer war sie?«

»Ein junges Mädchen, das nicht weit von unserer Gemeinde entfernt im Wald lebte. Sie war Näherin. Sie nähte unsere Kleidung und wusch sie für uns.«

»Wo wurde sie gefunden, und wie wurde sie als die Diebin erkannt?«

»Ihre Hütte steht nicht weit von der Stelle, an der wir Pater Ibor entdeckten«, erklärte der Priester. »Wie Bruder Adag mir sagte, hatte sie Kleidungsstücke von der Gemeinde abgeholt, und als sie heute Morgen nicht, wie abgesprochen, mit ihnen zurückkehrte, ging Bruder Adag zu ihrer Hütte und fand sie …«

Fidelma hob eine Hand und gebot ihm zu schweigen.

»Schicke Bruder Adag herein, damit er mir die Geschichte mit seinen eigenen Worten erzählen kann. Es gebührt sich, dass ich diese Sache aus erster Hand höre. Du und Bruder Finnlug, ihr könnt draußen warten.«

Pater Febal wirkte unangenehm berührt.

»Ich denke, ich sollte dich besser warnen, Schwester.«

»Warnen?« Fidelma hob schnell den Kopf und starrte den Priester an.

»Bruder Adag ist von etwas einfacher Natur. In vielerlei Hinsicht ist sein Geist nicht zu dem eines Erwachsenen gereift. In unserer Gemeinde ist es seine Aufgabe, einfache körperliche Arbeiten zu verrichten. Er … wie soll ich es erklären? … Er hat den Geist eines Kindes.«

»Es könnte erfrischend sein, mit jemandem zu sprechen, der ein Kind geblieben ist und nicht das gekünstelte Benehmen eines Erwachsenen entwickelt hat«, meinte Fidelma mit dünnem Lächeln. »Bring ihn her.«

Bruder Adag war ein gutaussehender junger Mann, aber offensichtlich einer, der es gewohnt war, Befehle entgegenzunehmen anstatt selbst zu denken. Seine Augen waren rund, und in ihnen schien ein Ausdruck von ewiger Unschuld, von harmloser Naivität zu liegen. Seine Hände waren schwielig und zeigten, dass er auch ein Mann war, der an körperliche Arbeit gewöhnt war.

»Mir wurde gesagt, du hättest die Leiche von Téite in ihrer Hütte gefunden?«

Bruder Adag zog die Brauen zusammen, als dächte er ernsthaft über ihre Frage nach, bevor er antwortete: »Ja, Schwester. Als sie am Mittag nicht mit den Kleidern, die sie gestern mitgenommen hatte und heute wiederbringen wollte, hier ankam, schickte mich Pater Febal, um sie zu holen. Ich ging zu ihrer Hütte, und sie lag ausgestreckt auf dem Fußboden. An ihrer Kleidung war Blut. Es war mehrmals auf sie eingestochen worden.«

»Ach? Pater Febal hat dich also zu ihrer Hütte geschickt?«

Der Junge nickte langsam.

»Wie alt war Téite? Kanntest du sie?«

»Jeder kannte sie, Schwester. Sie war achtzehn Jahre und drei Monate alt.«

»Du bist sehr genau.« Fidelma lächelte über seine sorgfältige Ausdrucksweise. Er schien über jedes Wort nachzudenken, bevor er es aussprach.

»Téite hat mir ihr Alter gesagt, und weil du danach gefragt hast, habe ich es dir gesagt.«

»War sie hübsch?«

Der Junge errötete ein wenig. Er schlug die Augen nieder.

»Sehr hübsch, Schwester.«

»Du mochtest sie?«, bohrte Fidelma nach.

Der junge Mann schien verstört. »Nein, nein, ich mochte sie nicht«, protestierte er. Sein Gesicht war hochrot.

»Warum denn nicht?«

»Das ist die Regel des Paters.«

»Pater Febals Regel?«

Bruder Adag ließ den Kopf hängen und antwortete nicht.

»Regel oder nicht; du mochtest sie trotzdem. Du kannst es mir ruhig sagen.«

»Sie war nett zu mir. Sie hat sich nicht über mich lustig gemacht wie die anderen.«

»Was hat dich denn davon überzeugt, dass sie das Kruzifix und den Kelch von Pater Ibor gestohlen hat?«

»Der Kelch lag doch neben ihr in der Hütte.«

Fidelma verbarg ihre Überraschung.

»Nur der Kelch?« Sie schluckte schwer. »Warum sollte jemand in ihre Hütte einbrechen, sie töten und einen so wertvollen Gegenstand neben ihrer Leiche zurücklassen?«

Bruder Adag verstand offensichtlich nicht, worauf sie hinauswollte. Er schwieg.

»Was hast du getan, nachdem du die Leiche gefunden hattest?«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort.

»Also, ich kam hierher, um es Pater Febal zu sagen.«

»Und den Kelch hast du dagelassen?«

Bruder Adag rümpfte abschätzig die Nase.

»Ich bin doch nicht blöd. Nein, ich habe ihn mitgebracht. Pater Febal hat die letzten zwei Tage lang danach gesucht. Ich habe ihn Pater Febal zurückgebracht. Ich habe sogar nach dem Kruzifix gesucht, aber ich konnte es dort nicht finden.«

»Das ist alles, Adag. Schicke Pater Febal zu mir herein«, wies Fidelma den Jungen an.

Schon im nächsten Moment trat der Priester ein und setzte sich, ohne auf eine Aufforderung zu warten, Fidelma gegenüber.

»Eine traurige Geschichte«, murmelte er. »Aber zumindest sollte die Angelegenheit nun zu deiner Zufriedenheit aufgeklärt sein. Du kannst zurückkehren und dem Abt berichten.«

»Wie gut kanntest du Téite?«, fragte Fidelma, ohne auf seine Äußerung einzugehen.

Pater Febal zog einen Augenblick lang die Brauen hoch und seufzte dann.

»Ich habe sie gekannt, seit sie ein kleines Mädchen war. Ich habe ihrer Mutter die Sterbesakramente erteilt. Téite hatte damals kaum das Alter der Wahl erreicht. Sie war jedoch geschickt mit der Nadel und daher gut in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Meines Wissens nach hat sie seit ungefähr vier Jahren dort im Wald gelebt und oft Kleider für die Gemeinde geflickt oder angefertigt.«

»Kannte Pater Ibor sie?«

Febal zögerte und machte dann eine wegwerfende Geste.

»Er war ein junger Mann. Junge Männer fühlen sich oft zu jungen Frauen hingezogen.«

Fidelma sah den Priester neugierig an.

»Pater Ibor fühlte sich also zu dem Mädchen hingezogen?«, fragte sie betont.

»Er war öfter mit ihr zusammen, als es mir angebracht erschien. Es war ein Anlass für mich, ihn zurechtzuweisen.«

»Ihn zurechtweisen? Das klingt ernst.«

»Ich war der Meinung, dass er seine Pflichten vernachlässigte, um mit dem Mädchen zusammen zu sein.«

»Heißt das, Pater Ibor hatte eine Beziehung mit diesem Mädchen?«

»Ich kann so etwas nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass sie in den letzten paar Wochen oft zusammen waren, eigentlich waren sie das, seit er in unserer kleinen Gemeinde ist. Ich war der Ansicht, dass er seine Pflichten seiner Gemeinde gegenüber missachtete. Das ist alles.«

»Hat er dir deine Ermahnung übelgenommen?«

»Ich habe wirklich keine Ahnung, ob er mir meinen Tadel übelgenommen hat oder nicht. Das war nicht mein Problem. Mir ging es darum, ihm bewusst zu machen, was in dieser Gemeinde von ihm erwartet wurde.«

»Du hattest mit ihm keinen Streit darüber?«

»Streit? Ich bin … Ich war sein Vorgesetzter, und als ich ihm meine Sorge mitgeteilt hatte, hätte dies die Sache beenden sollen.«

»Offensichtlich hat es sie nicht beendet«, bemerkte Fidelma.

Pater Febal warf ihr einen ärgerlichen Blick zu.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, dass die Sache nicht beendet war«, stellte Fidelma kalt fest. »Oder legst du diese Ereignisse anders aus?«

Pater Febal zögerte.

»Du hast recht. Du deutest an, die beiden hätten sich verschworen, das Kruzifix und den Kelch aus der Kirche zu stehlen. Nachdem Pater Ibor das getan hatte, wurde er von Reue überwältigt und brachte sich um …« Die Augen des Priesters weiteten sich plötzlich. »Nachdem er zuvor das Mädchen getötet hatte«, fügte er hinzu.

Fidelma strich sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über die Nase.

»Das ist eine Erklärung«, gab sie zu. »Aber keine, die ich für besonders gut halte.«

»Warum nicht?«, wollte der Priester wissen.

»Die Hypothese wäre die, dass der junge Priester so sehr in das Mädchen verliebt war, dass sie beschlossen, gemeinsam fortzulaufen und die wertvollen Gegenstände zu stehlen, um sich so gegen Armut und Entbehrung abzusichern. Wir müssten außerdem schlussfolgern, dass der junge Priester von Reueüberwältigt wird, nachdem er die Hütte des Mädchens erreicht hat. Er gerät mit dem Mädchen in Streit und ersticht es. Dann, nachdem er den kostbaren Kelch neben der Leiche zurückgelassen, das Kruzifix aber seltsamerweise versteckt hat, geht er in den Wald und beschließt, als er schon eine Strecke Wegs zurückgelegt hat, in seiner Verzweiflung, sich zu erhängen. Und während er bereits am Baum hängt, während er erstickt, ist er außerdem noch in der Lage, ein Messer hervorzuholen und sich ins Herz zu stechen.«

»Und was stimmt nicht daran?«

Fidelma lächelte dünn.

»Lass uns noch einmal Bruder Adag hereinholen. Du kannst bleiben, Pater Febal.«

Der arglose junge Mönch stand da und schaute mit ungekünstelter Unschuld von Fidelma zu Pater Febal.

»Mir wurde gesagt, du hättest Téite gesehen, als sie gestern hierherkam?«

Der Junge dachte nach.

»Ja. Es ist meine Aufgabe, die Kleider zusammenzusuchen, die gewaschen oder geflickt werden müssen, und ein Bündel für Téite vorzubereiten.«

»Und das hast du gestern Morgen getan?«

»Ja.«

»Téite hat sie abgeholt? Waren es Kleider, die ausgebessert werden mussten?«

»Und zwei Kutten, die gewaschen werden mussten. Pater Febal und Bruder Finnlug hatten sie mir gegeben … Sie waren bei der Suche nach Pater Ibor zerrissen, und eine war mit Blut beschmiert.«

»Nur um ganz sicher zu sein«, unterbrach ihn Fidelma, »Téite holte die Kleider gestern Morgen ab?«

Bruder Adag sah zu Pater Febal hinüber, schlug die Augen nieder und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Ja, gestern Morgen.«

»Du bist also sicher, dass sie sie abholte, nachdem die Suche nach Pater Ibor stattgefunden hatte?«

»Ja. Pater Ibor wurde am Tag vorher gefunden.«

»Denk genau nach!«, rief Pater Febal gereizt. »Denk noch mal nach!«

Der junge Mönch errötete und zuckte hilflos mit den Schultern.

Pater Febal rümpfte verärgert die Nase.

»Da hast du es, Schwester. Du siehst, dass man dem Erinnerungsvermögen dieses Dummkopfs wenig Vertrauen schenken kann. Die Kleider müssen abgeholt worden sein, bevor wir Pater Ibor gefunden haben.«

Der junge Mönch fuhr herum. Einen Moment lang glaubte Fidelma, dass er sich auf Pater Febal stürzen würde, denn er hob beide Hände, zu Fäusten geballt. Aber er drückte sie nur in abwehrender Haltung fest an seine Brust. Sein Gesicht war rot, und seine Augen blitzten vor Wut.

»Ich bin vielleicht dumm, aber wenigstens mir hat Téite etwas bedeutet!« Er schluchzte beinahe.

Pater Febal wich unbewusst einen Schritt zurück.

»Und wem hat Téite nichts bedeutet?«, fragte Fidelma sanft. »Pater Ibor?«

»Natürlich hat sie ihm nichts bedeutet. Aber er hat ihr etwas bedeutet. Sie hat ihn geliebt. Nicht wie …« Der Junge brach plötzlich ab.

»Ich würde die Torheit des Jungen nicht beachten, Schwester«, warf Pater Febal ungerührt ein. »Wir alle wissen, was geschehen ist.«

»Tun wir das? Wenn wir schon davon sprechen, wer sich von diesem jungen Mädchen angezogen fühlte, gehörte Bruder Finnlug auch dazu?«

»Finnlug?« Bruder Adag verzog abschätzig das Gesicht. »Er hat nichts für Frauen übrig.«

Pater Febal sah gequält aus. »Bruder Finnlug hat viele Fehler. Frauen gehören nicht dazu.«

»Fehler?«, drängte Fidelma interessiert. »Was hat er denn für Fehler?«

»Ach, wenn er nur die Gabe der Spiritualität besäße, wir wären entschädigt. Er ist lediglich durch seine Fähigkeit, zu jagen und Speisen für unseren Tisch herbeizuschaffen, von Nutzen für uns. Er ist für das religiöse Leben nicht geeignet. Ich glaube, wir haben jetzt genug gesagt. Lasst uns diese unglückliche Angelegenheit abschließen, bevor noch Dinge ausgesprochen werden, die wir später bereuen müssten.«

»Wir werden die Angelegenheit erst abschließen, wenn wir die Wahrheit herausgefunden haben«, antwortete Fidelma standhaft. »Die Wahrheit sollte man niemals bereuen.« Sie fragte Bruder Adag: »Ich weiß, du mochtest Téite. Aber nun ist sie tot, sie ist ermordet worden. Pater Febals Regel gilt jetzt nicht mehr. Du schuldest es deinen Gefühlen für sie, uns die Wahrheit zu sagen.«

Der Junge streckte das Kinn vor.

»Ich sage die Wahrheit.«

»Natürlich tust du das. Du sagst, dass Pater Ibor Téite nicht mochte?«

»Er liebte sie nicht so wie ich.«

»Und was hat Téite für Ibor empfunden?«

»Sie war von Pater Ibors Schläue geblendet. Sie dachte, sie liebte ihn. Ich habe die beiden gehört. Er sagte, sie solle aufhören, ihn zu … belästigen, das war das Wort … aufhören, ihn zu belästigen. Sie dachte, sie liebte ihn, so wie Pater Febal dachte, er liebte sie.«

Der Priester stand ärgerlich auf.

»Was redest du da, Junge?«, polterte er. »Du bist verrückt!«

»Du kannst nicht leugnen, dass du ihr gesagt hast, du liebtest sie«, antwortete Bruder Adag, von dem Aufbrausen des Priesters nicht eingeschüchtert. »Ich habe dich mit ihr streiten hören, am Tag vor Pater Ibors Tod.«

Pater Febals Augen wurden schmal. »Ach, jetzt bist du nicht so dumm, dass du Zeiten und Orte und Ereignisse vergisst. Dem Jungen kann man nicht vertrauen, Schwester. Ich würde seine Aussage nicht beachten.«

»Ich habe Téite geliebt, und man kann mir vertrauen!«, rief Bruder Adag.

»Ich habe sie nicht geliebt …«, beharrte Pater Febal. »Ich liebe niemanden.«

»Ein Priester sollte seine ganze Herde lieben.« Fidelma lächelte tadelnd.

»Ich meine die zügellose Liebe zu Frauen. Ich habe mich lediglich um Téite gekümmert, nachdem ihre Mutter gestorben war. Ohne mich hätte sie nicht überlebt.«

»Aber du dachtest vielleicht, dass sie dir etwas schuldete?«

Pater Febal sah sie fragend an.

»Wir sind nicht hier, um über Téite zu sprechen, sondern über Pater Ibors Verbrechen.«

»Sein Verbrechen? Nein, ich glaube, wir sind hier, um über ein Unrecht zu sprechen, das ihm angetan wurde, nicht eines, das er verübt hat.«

Pater Febal wurde blass.

»Was meinst du?«

»Téite wurde ermordet. Aber sie wurde nicht von Pater Ibor ermordet. Und sie hat auch nicht das Kruzifix oder den Kelch gestohlen, selbst wenn der Letztere bequemerweise neben ihrer Leiche gefunden wurde.«

»Wie kommst du darauf?«

»Schicke nach Bruder Finnlug. Dann können wir alle über die Lösung dieser Angelegenheit sprechen.«

Sie saßen ihr in der kleinen Sakristei gegenüber: Pater Febal, Bruder Finnlug und Bruder Adag. Ihre Gesichter drückten Neugierde aus.

»Die Menschen benehmen sich schon seltsam«, fing Fidelma an. »Selbst in den besten Zeiten kann ihr Verhalten merkwürdig sein. Aber ich bezweifle, dass sie sich auf die Weise verhalten würden, die mir hier präsentiert wird.«

Sie lächelte, während sie einen nach dem anderen anblickte.

»Was ist deine Lösung dieses Rätsels?«, fragte der Priester höhnisch.

»Jedenfalls nicht eine Lösung, bei der das Mordopfer lebendig und gesund herumläuft, nachdem sich der Mörder erhängt hat.«

Pater Febal blinzelte. »Adag muss sich irren.«

»Nein. Pater Ibor, das Kruzifix und der Kelch verschwanden vorgestern? Du schlugst sofort Alarm. Bruder Finnlug verfolgte Ibor in den Wald und ihr fandet ihn, an einem Baum hängend. Stimmt das nicht?«

»Es stimmt durchaus.«

»Hätte er Téite getötet, bevor er sich erhängte, wie jetzt behauptet wird, dann hätte sie nicht gestern hierherkommen können, um Kleider zum Waschen und Ausbessern abzuholen.«

»Warum lässt du die Möglichkeit außer Acht, dass Adag sich im Tag irren könnte?«

»Weil er Téite zwei Kutten gab, die auf der Suche nach Ibor zerrissen und mit Blut beschmiert wurden. Du und Finnlug habt sie getragen, als ihr Pater Ibor, am Baum hängend, fandet. Zweifelsohne wird man sie in ihrer Hütte entdecken, um dies zu beweisen.«

Fidelma machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: »Muss ich annehmen, dass niemand daran gedacht hat, dem Mädchen zu sagen, dass man Ibor gerade erhängt aufgefunden hatte? Immerhin liebte sie ihn.«

»Ich habe das Mädchen nicht gesehen«, sagte Pater Febal schnell. »Bruder Adag hat sie gesehen.«

»Und Bruder Adag gibt zu, dass er Téite geliebt hat«, fügte Bruder Finnlug zynisch hinzu.

Der junge Mann hob trotzig den Kopf. »Ich leugne es nicht. Aber sie hat meine Liebe nicht erwidert, sie liebte Ibor, der sie abgewiesen hat.«

»Und das hat dich wütend gemacht?«, fragte Fidelma.

»Ja. Sehr wütend!«, antwortete Bruder Adag heftig.

Bruder Finnlug warf Adag einen misstrauischen Blick zu.

»Wütend genug, um sie beide zu töten?«, flüsterte er.

»Nein«, antwortete Fidelma, noch bevor Bruder Adag es abstreiten konnte. »Ibor und Téite wurden nicht im Zorn getötet, sondern mit Vorbedacht. Nicht wahr, Bruder Finnlug?«

Bruder Finnlug fuhr zu ihr herum, seine Augen waren plötzlich ausdruckslos.

»Woher soll ich das wissen, Schwester Fidelma?«

»Weil du sie beide getötet hast«, sagte Fidelma ruhig.

»Das ist Unsinn! Warum sollte ich das tun?«, rief der Mönch, nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte.

»Weil du, als du das Kruzifix und den Kelch aus der Kirche gestohlen hast, von Pater Ibor ertappt wurdest. Du musstest ihn töten. Du erstachst ihn und brachtest die Leiche anschließend in den Wald, wo du einen Selbstmord durch Erhängen vortäuschtest. Dann wurde dir klar, dass man die Stichwunde entdecken würde, deshalb ließest du das Messer bei der Leiche liegen. Als ob jemand, der an einem Strick am Baum hängt, in der Lage wäre, ein Messer hervorzuholen und sich selbst ins Herz zu stechen. Und wie ist der arme Mann überhaupt an den Ast herangekommen, an dem er sich angeblich erhängt hat? Keiner von euch hat mir von einem Hilfsmittel berichtet, mit dem er hinaufgeklettert sein könnte. Denkt nur daran, wie mühsam das gewesen wäre. Die Leiche wurde von jemand anderem dort aufgehängt.«

Sie blickte Pater Febal an, der in Gedanken versunken war. Er schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass auch er keine Erklärung parat hatte.

Fidelma richtete den Blick wieder auf Bruder Finnlug.

»Du hast einen raffinierten Plan ausgeheckt, um alle über das wahre Geschehen zu täuschen.«

Die Spannung in der Sakristei war geradezu greifbar.

»Du bist verrückt«, murmelte Bruder Finnlug.

Fidelma lächelte. »Du warst Jäger im Dienste des Lords von Maine. Wir haben bereits darüber gesprochen, wie großzügig er zu denen war, die ihm dienten. Ihnen fehlte es an nichts, nicht einmal, wenn die Ernte schlecht war. Als ich dich fragte, aus welchem Grund du einen solch vorteilhaften Dienstherrn verlassen hast, sagtest du, es sei aufgrund deiner Überzeugung geschehen. Bleibst du dabei? Dass du das weltliche Leben zugunsten eines geistlichen aufgabst?«

Pater Febal sah Bruder Finnlug verwirrt an. Der schwieg.

»Du hast mir auch, vielleicht unabsichtlich, deine Verbitterung über die Ordnung in dieser Gemeinde verraten. Wenn du ein geistliches Leben wolltest, dann sicher nicht so eines, nicht wahr?«

Pater Febal mischte sich leise ein: »Die Wahrheit ist, dass Finnlug vom Lord von Maine wegen Diebstahls entlassen wurde. Wir haben ihn hier aufgenommen.«

»Was beweist das schon?«, fragte Finnlug heftig.

»Ich versuche gar nicht, etwas zu beweisen. Ich werde dir sagen, was du getan hast. Ursprünglich hattest du gehofft, mit dem Diebstahl davonzukommen. Das Motiv war einfach, wie du mir selbst gesagt hast: Der Verkauf der wertvollen Gegenstände hätte dich ein Leben lang reich gemacht. Das hätte deinen Groll darüber beschwichtigt, dass andere Macht und Reichtümer besitzen, du aber nicht. Wie ich schon gesagt habe, Ibor ertappte dich und du erstachst ihn und brachtest seine Leiche in den Wald. Als du zurückkehrtest, stelltest du fest, dass du sein Blut an deiner Kutte hattest.

Der Diebstahl wurde nun entdeckt, und Pater Febal bat dich um Hilfe. Das Blut an deiner Kutte fiel keinem auf. Vielleicht hast du dir einen Umhang übergeworfen, um es zu verbergen. Du führtest Pater Febal zu Pater Ibors Leiche. Alles lief genau so ab, wie du es geplant hattest. Pater Ibor wurde des Diebstahls beschuldigt. Pater Febal musste glauben, dass sich Pater Ibor in einem Anflug von Reue selbst getötet hatte. Sogar die Herkunft der Stichwunde wurde erklärt. Die Tatsache, dass nur wenig Blut auf der Erde war, erweckte keinen Verdacht. Du konntest inzwischen vorgeben, dass die Blutflecke auf deiner Kutte von der Suche nach Ibor stammten. Vielleicht hast du, Finnlug, den Gedanken ins Spiel gebracht, dass das Kruzifix und der Kelch nach Ibors Tod von einem zufällig vorbeikommenden Dieb gestohlen wurden.

Am nächsten Tag kam Téite ahnungslos hierher, um die Kleider zum Waschen und Ausbessern abzuholen. Adag hatte sie wie immer zusammengesucht, unter ihnen auch deine Kutte, die mit den Blutflecken. Du hattest nicht vorgehabt, dass das Mädchen sie erhalten sollte. Du eiltest zu ihrer Hütte, um sicherzustellen, dass sie keinen Verdacht geschöpft hatte. Vielleicht fasstest du deinen Plan schon, bevor du zu ihr gingst? Du brachtest sie um und legtest den Kelch neben ihre Leiche. Das Kruzifix war schließlich wertvoll genug, dir Reichtum und Besitz zu verschaffen. Es war bekannt, dass Ibor und Téite irgendeine Art von Beziehung hatten. Jeder würde das Schlimmste vermuten. Du musstest nur noch zurückkehren und abwarten, bis du die Gemeinde verlassen könntest, ohne Verdacht zu erwecken.«

Bruder Finnlugs Gesicht war kreidebleich.

»Du kannst das nicht beweisen«, murmelte er ohne Überzeugung.

»Muss ich es beweisen? Sollen wir das Kruzifix suchen gehen? Wirst du uns sagen, wo es ist … oder soll ich es sagen?« Sie stand entschlossen auf, als wollte sie den Raum verlassen.

Bruder Finnlug stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Schon gut, schon gut. Es ist wahr. Du weißt, dass es in meiner Zelle versteckt ist. Es war eine Gelegenheit, zu entkommen … etwas Wohlstand, ein gutes Leben zu haben.«

Pater Febal ging langsam mit Fidelma zum Tor der zur Gemeinde gehörenden Gebäudegruppe.

»Woher wusstest du, wo Bruder Finnlug das Kruzifix versteckt hatte?«, fragte er.

Schwester Fidelma warf einen raschen Blick auf den ernst aussehenden Priester, und ein schnelles, verschmitztes Lächeln huschte über ihre Züge.

»Ich wusste es nicht«, gestand sie.

Pater Febal runzelte die Stirn.

»Wie wusstest du dann …? Wie wusstest du, dass Finnlug der Schuldige war und was er getan hatte?«, fragte er erstaunt.

»Mein Instinkt hat es mir gesagt. Natürlich war es eine Schlussfolgerung auf Grundlage der Tatsachen, die mir bekannt waren. Aber ich glaube, wenn Bruder Finnlug von mir verlangt hätte, meine Anschuldigung zu beweisen, wäre ich bei einer Gerichtsverhandlung unter Einhaltung der Vorschriften nicht dazu in der Lage gewesen. Es ist manchmal wichtiger, dass die schuldige Person denkt, du wüsstest etwas, und glaubt, dass du es beweisen kannst, als dass du es tatsächlich beweisen kannst. Ohne Bruder Finnlugs Geständnis hätte ich diese Angelegenheit am Ende womöglich gar nicht aufklären können.«

Pater Febal starrte sie noch immer entgeistert an, als sie zum Abschied die Hand hob und über die Straße in Richtung Cashel davonschritt.


HEILIGES BLUT

<p>HEILIGES BLUT</p>

»Schwester Fidelma! Wie kommst du denn hierher?«

Äbtissin Ballgel stand am Tor der Abtei von Nivelles und starrte ungläubig auf die staubige Gestalt der jungen Nonne.

»Ich bin auf dem Rückweg nach Kildare, Ballgel«, antwortete die große, schlanke Frau. Ein breites Begrüßungslächeln lag auf dem von der Reise gezeichneten Gesicht. »Ich war eine Weile in Rom, und wo sonst sollte ich mich hinwenden, wenn ich auf dem Weg zur Küste durch das Land der Franken komme?«

Zur Überraschung der beiden älteren Nonnen, die die Äbtissin offenbar begleiteten, fielen Ballgel und Schwester Fidelma einander mit unverhohlener Freude in die Arme.

»Es ist lange her«, meinte die Äbtissin.

»Wahrhaftig, lange her. Ich habe dich nicht gesehen, seit du aus Kildare weggegangen bist und die Küsten von Éireann hinter dir gelassen hast, um hierherzukommen. Und jetzt sagt man mir, du seist die Äbtissin.«

»Ja, die Gemeinschaft hat mir bei der Wahl diese Ehre zukommen lassen.«

Schwester Fidelma bemerkte, dass die beiden Nonnen, die bei der Äbtissin standen, ungeduldig von einem Fuß auf den anderen traten. Überrascht nahm sie ihre bitterernsten, ängstlichen Gesichter wahr. Äbtissin Ballgel sah, dass Fidelmas Blick zu ihren Begleiterinnen gehuscht war. Die drei Nonnen hatten gerade die Abtei verlassen wollen, als Fidelma ihnen begegnet war.

»Du hast leider einen sehr schlechten Augenblick für deine Ankunft gewählt, Fidelma. Wir sind unterwegs zum Wald von Seneffe, ein kleines Stück Wegs von hier. Du bist nicht dort vorbeigekommen, oder?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin von Namur aus über die Berge gekommen. Bis dort bin ich mit dem Schiff auf dem Fluss gereist.«

»Ah!« Die Äbtissin wirkte ernst, rang sich aber ein Lächeln ab. »Geh hinein und sei unser Gast, Fidelma. Ich hoffe, dass ich vor dem Abend wieder zurück bin. Dann können wir uns unterhalten und gegenseitig unsere Neuigkeiten erzählen.«

Fidelma hob fragend die Brauen. Die Stimme und das Gebaren der Äbtissin verrieten ihr, dass ihr etwas auf der Seele lag.

»Was ist los?«, fragte sie. »Dich quält doch etwas.«

Ballgel verzog das Gesicht.

»Du hattest schon immer ein scharfes Auge, Fidelma. Mich hat gerade die Nachricht erreicht, dass eine unserer Schwestern im Wald von Seneffe ermordet aufgefunden wurde, und ein anderes Mitglied unserer Gemeinschaft wird vermisst. Wir eilen gerade zum Fundort, um festzustellen, ob das alles stimmt. Geh also und ruhe dich von den Strapazen der Reise aus. Ich geselle mich später zu dir.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Mutter Äbtissin«, sagte sie leise, »es ist wirklich lange her, und vielleicht hast du es vergessen. Ich habe acht Jahre lang bei Brehon Morann Recht studiert. Ich verfüge über eine gewisse Begabung, Rätsel zu lösen und Geheimnisse aufzuklären. Lass mich mitkommen. Ich will dir alles Talent, was ich besitzen mag, zur Verfügung stellen, um dieser Sache auf den Grund zu gehen.«

Fidelma und Ballgel waren zusammen Novizinnen im Kloster von Kildare gewesen.

»Ich erinnere mich sehr wohl an deine Begabung, Fidelma. Ich habe deinen Namen in der Zwischenzeit häufig gehört, denn oft beherbergen wir hier Reisende aus Éireann. Du kannst gern mitkommen«, sagte Ballgel erleichtert.

»Und du kannst mir unterwegs erläutern, was vorgefallen ist«, meinte Fidelma und stellte ihre Reisetasche innerhalb der Klostermauern ab, ehe sie sich den drei Frauen anschloss.

Sie machten sich auf den Weg. Fidelma und Ballgel gingen Seite an Seite, und die beiden anderen Nonnen folgten ihnen.

»Wer ist denn ermordet worden?«, begann Fidelma.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass heute Morgen Schwester Cessair und Schwester Della zur Abtei von Fosse aufgebrochen sind. Heute ist der siebzehnte März. Deswegen trugen sie die Phiole mit dem Heiligen Blut der Seligen Gertrude zu den Brüdern von Fosse, damit sie dort wie jedes Jahr gesegnet würde und …«

Fidelma legte leicht die Hand auf den Arm ihrer Freundin.

»Nicht so schnell, Ballgel. Vergiss nicht, ich bin fremd hier.«

»Dann will ich ganz am Anfang beginnen«, sagte die Äbtissin. »Vor fünfundzwanzig Jahren starb der Herrscher dieses Landes, Pippin der Ältere von Landen. Seine Witwe Itta entschied sich, ihr Leben in einem Orden zu beschließen, und kam mit ihrer Tochter Gertrude hierher nach Nivelles. Sie ließen unsere Abtei errichten. Als Itta starb, wurde die Selige Gertrude unsere Äbtissin.

Etwa zu dieser Zeit kamen zwei Brüder aus Éireann, Foillan und Ultan, hier auf ihren Wanderungen vorüber und predigten das Wort Gottes. Sie beschlossen, sich in der Nähe anzusiedeln. Gertrude schenkte ihnen einige Meilen von hier entfernt Ländereien in Fosse, jenseits des Waldes von Seneffe. Foillan und Ultan versammelten zahlreiche irische Ordensleute um sich, und manche kamen auch in unsere Abtei. Es heißt, der heilige Foillan hätte der heiligen Gertrude prophezeit, weil sie die irischen Missionare so sehr liebte und förderte, würde sie an dem Tage sterben, an dem auch der heilige Patrick verschieden ist. Und es geschah, wie er es vorhergesagt hatte, auf den Tag genau vor sieben Jahren.«

Äbtissin Ballgel schwieg eine Weile, bis Fidelma sie fragte: »Also hatte sich Foillan als Prophet erwiesen?«

»Er lebte nicht lange genug, um seine Vorhersage erfüllt zu sehen. Er starb nämlich vier Jahre vor seiner geliebten Gertrude. Er und drei Gefährten waren unterwegs von der Abtei Fosse durch den Wald, dem wir uns gerade nähern – den Wald von Seneffe –, als sie von Räubern überfallen und ermordet wurden. Ihre Leichen waren so gut im Wald versteckt, dass man sie erst nach drei Monaten zufällig entdeckte. Foillans Bruder Ultan wurde Abt.

Als dann die heilige Gertrude gestorben war, kamen die beiden Abteien überein, dass man, da sie ja die Wohltäterin beider Häuser war, eine Phiole mit ihrem Blut, das man ihr nach ihrem Tode abgenommen hatte, hinter dem Hochaltar unserer Abtei aufbewahren würde. Doch jedes Jahr sollte diese Phiole an ihrem Todestag zur Abtei von Fosse gebracht und dort in einem Gottesdienst vom Abt gesegnet werden. Dies war die Aufgabe, die Schwester Cessair und Schwester Della heute Morgen erfüllen sollten.«

»Wie hast du davon erfahren, dass eine Schwester im Wald ermordet wurde?«

»Als der Mittag gekommen war, der Zeitpunkt des Gottesdienstes in Fosse, und dort die Schwestern aus unserer Gemeinschaft mit dem Heiligen Blut noch nicht eingetroffen waren, machte sich Bruder Sinsear auf, um festzustellen, was sie aufgehalten hatte. Er fand die Leiche einer der Schwestern am Wegesrand. Er eilte sofort her, um uns davon zu benachrichtigen, und kehrte dann unverzüglich um und alarmierte die Gemeinschaft in Fosse.«

»Aber weißt du, welche der beiden Schwestern getötet wurde?«

Die Äbtissin schüttelte den Kopf.

»Bruder Sinsear war zu aufgeregt, um uns das zu sagen. Er überbrachte nur der Pförtnerin die Nachricht und machte sich sogleich wieder auf den Rückweg.«

Inzwischen waren sie in den hochaufragenden, finsteren Wald von Seneffe eingetreten. Der Weg führte meist geradeaus, schlängelte sich jedoch manchmal um Felsbrocken herum und an Bächen entlang, bis man diese über eine Furt durchqueren konnte. Die dichten Bäume sperrten die Nachmittagssonne beinahe aus, und die Luft ringsum war kühl. Fidelma dachte, dass dieser Weg einen idealen Hinterhalt für Räuber bot. Es verwunderte sie nicht, dass hier schon Menschen zu Tode gekommen waren.

Obwohl die irischen Ordensleute unbewaffnet in die Welt zogen, um ihren Glauben zu predigen, hatten doch die meisten von ihnen die Kunst des troid-sciathagid, des Verteidigungskampfes, gelernt. Dies war eine Methode der Selbstverteidigung ohne Waffen. Selten fielen derart ausgebildete Ordensleute herumstreunenden Banden von Dieben und Räubern zum Opfer. Die Namen der beiden Schwestern deuteten darauf hin, dass sie Irinnen waren und also zumindest Grundkenntnisse in dieser Kunst besitzen mussten. Es war nämlich üblich, dieses Wissen zu erwerben, ehe man das Heilige Wort von den Küsten der Insel Éireann in fremde Länder trug.

Die kleine Gruppe schritt schweigend und rasch den Pfad entlang. Die Nonnen blickten sich des Öfteren ängstlich um, ob irgendwo eine Gefahr lauerte.

»Ist dies nicht ein gefährlicher Weg für junge Schwestern?«, erkundigte sich Fidelma nach einer Weile.

»Nicht gefährlicher als andere«, erwiderte ihre Freundin. »Lass die Geschichte von Foillans Tod deine Meinung nicht beeinflussen. Das ist zehn Jahr her, und die Räuber wurden inzwischen aus diesem Landstrich vertrieben. Es hat seither keine weiteren Zwischenfälle mehr gegeben.«

»Bis heute«, bemerkte Fidelma finster.

»Bis heute«, seufzte Ballgel.

Wenig später erblickten sie eine Gruppe von vier oder fünf Mönchen. Sie hatten einen Karren mitgebracht, vor den ein Esel gespannt war. Sie standen um eine knorrige Eiche herum, deren Äste mit den welken Blättern so niedrig hingen, dass man beinahe hinaufreichen und die untersten Zweige packen konnte. Dadurch war es an dieser Stelle noch finsterer.

Ein großer Mann von kräftiger Gesichtsfarbe, der ein goldenes Kreuz um den Hals trug und sichtlich eine Respektsperson war, erblickte Äbtissin Ballgel und kam auf sie zugeeilt.

»Ich grüße dich, Mutter Äbtissin. Eine schlimme Sache, eine gotteslästerliche Sache.« Er sprach Latein, aber Fidelma konnte seinen fränkischen Zungenschlag ausmachen.

»Abt Heribert von Fosse«, flüsterte Ballgel ihr gerade noch außer Hörweite zu.

»Wo ist der Leichnam?« Ballgel kam gleich zur Sache, sprach ebenfalls Latein.

Abt Heribert schaute betreten drein.

»Ich möchte euch erst auf den Anblick vorbereiten«, hub er an.

»Ich habe schon Tote gesehen«, erwiderte Äbtissin Ballgel ruhig.

Er deutete auf die vom Weg abgewandte Seite des Eichenstammes.

Ballgel ging zu der Stelle, zu der seine Hand sie gewiesen hatte, dicht gefolgt von Fidelma.

Man hatte eine Frau an den Eichenstamm gebunden, sodass sie vom Weg aus nicht zu sehen war. Es wirkte beinahe wie die Parodie einer Kreuzigung. Überall war Blut. Fidelma verzog angewidert das Gesicht. Jemand hatte der Frau, die ein Ordensgewand trug, systematisch das Gesicht verstümmelt.

»Löst sie vom Baum!«, rief Äbtissin Ballgel mit scharfer Stimme. »Sofort! Lasst das arme Mädchen nicht noch länger da hängen!« Mit finsterer Miene traten zwei der Mönche vor.

»Wer ist es?«, fragte Fidelma. »Erkennst du sie?«

»O ja. Wir haben nur eine Schwester, deren Haar so golden leuchtet. Es ist die junge Schwester Cessair. Gott sei ihrer Seele gnädig.« Sie beugte das Knie.

Fidelma schürzte nachdenklich die Lippen. Sie sah zu, wie zwei Mönche die Tote vom Baum lösten und auf den Karren legen wollten.

»Wartet noch!«, rief sie. Sie wandte sich der Äbtissin zu und fragte: »Ich möchte mir den Leichnam genauer ansehen, und zwar allein.«

Überrascht schaute Ballgel sie an.

»Wozu das denn?«

»Dies sind überaus merkwürdige Umstände. Es könnte sein, dass sie … brutal behandelt wurde.«

Ballgel fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn, bis sie endlich begriff, was Fidelma meinte.

Sie befahl den Mönchen, die Leiche vor dem Karren auf die Erde zu legen, und bat dann Abt Heribert, sich mit seinen Männern in respektvollem Abstand zurückzuziehen.

Fidelma kniete sich neben die Tote. Dabei bemerkte sie, dass der Boden unter der Eiche recht feucht, ja morastig war. Der Karren und die vielen Füße der Menschen, die hier gegangen waren, hatten ihn aufgewühlt. Fidelmas Blick fiel auf zwei Fußabdrücke, die weitaus tiefer eingegraben waren als die anderen, sodass sich sogar Wasserlachen darin gebildet hatten. Sie ignorierte den Schlamm und beugte sich über den Leichnam. Der Äbtissin bedeutete sie, sie solle näher treten.

»Wenn du bitte meine Untersuchung beobachten und bezeugen würdest, Ballgel«, rief sie ihr über die Schulter hinweg zu. »Du siehst, dass das Gesicht der Schwester mit einem Messer übel zugerichtet wurde. Die Haut wurde absichtlich mit einer scharfen Klinge gezeichnet, entstellt, als hätte man es darauf abgesehen, das Gesicht des Mädchens zu zerstören.«

Ballgel zwang sich hinzuschauen und nickte, konnte aber ein qualvolles Stöhnen nicht unterdrücken.

Fidelma beugte sich tiefer herab. Dann hielt sie einen Augenblick inne, denn sie hatte gesehen, was sie sehen wollte. Nun wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem kleinen ledernen marsupium zu, das am Gürtel der toten Schwester hing. Es war nicht mit einem dünnen Lederriemen zugeschnürt, wie das solche Beutel sonst waren, und es war leer.

Fidelma erhob sich. Als Nächstes ging sie zu dem Baum, von dem man den Leichnam abgenommen hatte, und begann sich umzusehen. Mit einem triumphierenden Aufschrei beugte sie sich zur Erde und hob ein zerrissenes Stück Papier auf. Anstelle von Buchstaben waren darauf einige seltsame kurze Linien. Fidelma runzelte die Stirn und verstaute das Papier in ihrem eigenen marsupium.

Ihr scharfes Auge erspähte einen runden Stein auf dem Boden. Er war blutverschmiert, und Hautfetzen und Haare klebten daran.

»Was ist das?«, wollte Äbtissin Ballgel wissen.

»Das ist die Waffe, mit der Cessair getötet wurde«, erklärte Fidelma. »Ihr Tod wurde dadurch verursacht, dass ihr der Schädel eingeschlagen wurde, nicht durch die Klinge des Messers, das ihr Gesicht zerstörte. Zumindest war dies kein Überfall von Räubern.«

»Wie kannst du so sicher sein?«

»Wir haben festgestellt, dass das Mädchen nicht missbraucht wurde. Und doch war dieser Überfall auf die Schwester durch Hass motiviert.«

Ballgel starrte ihre Freundin verwundert an.

»Wieso sagst du das?«

»Halten wir erst einmal fest, dass es kein Raubüberfall war. Ein Dieb will etwas stehlen. Es stimmt, dass einige Diebe sich so weit vergessen haben, dass sie Ordensschwestern missbraucht haben. Hier wurde jedoch nichts gestohlen. Das Kruzifix der Schwester hängt noch um ihren Hals. Es war kein sexueller Übergriff. Was bleibt als Motiv übrig, das jemanden dazu treiben könnte, einer Frau den Schädel einzuschlagen, sie an einen Baum zu binden und ihr das Gesicht zu zerschneiden? Da bleibt doch gewiss nur Hass?«

»Das Heilige Blut der Seligen Gertrude ist nicht mehr in ihrem marsupium«, erwähnte Ballgel. »Ich habe überall nach der Phiole gesucht. Die ist wertvoll. Aber vor allem: wo ist Schwester Della?«

Fidelma holte tief Luft.

»Für euch ist vielleicht das Heilige Blut wertvoll, ja. Aber für einen Dieb nicht. Es hätte keinen Zweck, es zu stehlen, denn wie sollte man es zu Geld machen?«

»Brauchen Diebe und Räuber denn einen Zweck?«

»Alle Menschen brauchen einen Zweck. Selbst die, die wir für verrückt halten, folgen einer Logik, die vielleicht nicht die unsere ist, sondern eine, die ihren eigenen, selbst erdachten Regeln folgt. Sobald man einmal die Logik begriffen hat, ist es ganz leicht, sie nachzuvollziehen.«

»Und was ist mit Schwester Della?«

Fidelma nickte. »Das ist das eigentliche Geheimnis. Wenn wir sie finden, entdecken wir vielleicht auch die fehlende Phiole. Hat man schon nach ihr gesucht?« Diese Frage stellte sie dem Abt.

Abt Heribert schaute Fidelma mit säuerlicher Miene an.

»Noch nicht. Und wer bist du?«

»Schwester Fidelma ist Anwältin an unseren Gerichtshöfen«, erklärte Äbtissin Ballgel eilig, nachdem sie den spöttischen Ausdruck auf dem Gesicht des Abts wahrgenommen hatte.

»Haben Frauen in eurem Land wirklich einen solch hohen Stand?«, erkundigte er sich erstaunt.

»Ist das so seltsam?«, fragte Fidelma ärgerlich zurück. »Jedenfalls verschwenden wir kostbare Zeit. Wir müssen Schwester Della finden, denn sie ist vielleicht in Gefahr. Wenn Schwester Cessair nicht beraubt und nicht vergewaltigt wurde, dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass sie aus einem privaten Motiv getötet wurde. Ihr zerschnittenes Gesicht lässt auf eine Boshaftigkeit schließen, die mir kalte Schauer über den Rücken jagt. Wer hätte so wütend auf sie sein können, dass er versuchen würde, ihre Schönheit zu zerstören? Es ist, als hätte sie ein eifersüchtiger Liebhaber überfallen. Denn es ist ja bekannt, dass Hass und Liebe nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind.«

Fidelma bemerkte, wie sich die Augen des Abtes plötzlich ein wenig weiteten. Sie sah, wie er Ballgel einen raschen Blick zuwarf und dann die Augen senkte.

»Warum hat die Erwähnung eines Liebhabers eine besondere Bedeutung für dich?«, fragte sie ihn.

Äbtissin Ballgel antwortete an seiner Stelle.

»Schwester Cessair hatte eine … eine Beziehung«, sagte sie leise.

»Widerwärtig war das!«, grunzte Abt Heribert.

»Eine seltsame Wortwahl.« Fidelmas Augen verengten sich. »Widerwärtig in welcher Weise?«

»Abt Heribert ist fest vom Zölibat überzeugt«, erklärte Ballgel.

»Aber das Prinzip des Zölibats ist doch in der Kirche keineswegs allgemein anerkannt«, warf Fidelma ein. »Es gibt viele gemischte Häuser, in denen Mönche und Nonnen zusammenleben und ihre Kinder zum Dienst im Weinberg Gottes heranziehen. Was ist daran widerwärtig?«

»Paulus von Tarsus hat sich unmissverständlich für das Zölibat ausgesprochen, und viele andere Kirchenväter haben es ihm gleichgetan. Auch unter uns sind heute einige, die darauf beharren, dass wir nur durch das Zölibat die Kraft besitzen, den Glauben zu verkündigen.«

»Ich bin nicht hier, um theologische Debatten zu führen, Heribert. Willst du mir sagen, dass Cessair in einen Ordensbruder aus deiner Abtei verliebt war?«

»Gott möge ihm vergeben.« Heribert senkte fromm das Haupt.

»Nur ihm?« Schwang da Sarkasmus in Fidelmas Stimme mit? »Sicherlich ist doch Gottes Vergebung allgemein? Wer war dieser Mönch?«

»Bruder Cano«, antwortete Ballgel. »Er ist ein junger Mönch, der erst vor einigen Wochen aus Éireann angekommen ist. Es hat den Anschein, dass er und Schwester Cessair einander kennenlernten und sich sofort zueinander hingezogen fühlten.«

»Und diese Beziehung wurde nicht gern gesehen?«

»Mir war die Sache gleichgültig«, erwiderte Ballgel hastig. »Unsere Kultur verbietet derlei Beziehungen nicht, wie du ja schon erwähnt hast. Auch Kildare, wo wir studiert haben, war ein gemischtes Haus.«

»Abt Heribert dagegen stand der Sache nicht gleichgültig gegenüber.« Fidelma blickte den hochaufgeschossenen fränkischen Prälaten an.

»Natürlich war mir das nicht gleichgültig. Meine Abtei in Fosse ist nur für Mönche vorgesehen. Ich befolge mit aller Strenge die Regeln des Zölibats, und ich erwarte das Gleiche auch von den Männern in meiner Gemeinschaft. Ich habe Bruder Cano mehrmals ermahnt, er möge diese widerwärtige Beziehung beenden. Äbtissin Ballgel kannte meine Ansichten. Es überrascht mich nicht, dass diese junge Frau mit ihren losen Sitten einen bitteren Preis zahlen musste.«

Fidelma zog erstaunt eine Augenbraue hoch.

»Das ist eine sehr interessante Aussage. Siehst du diese Angelegenheit nicht ein wenig zu ernst, Vater Abt?«

Heribert schaute sie misstrauisch an.

»Was meinst du damit?«

»Ich habe lediglich eine Beobachtung gemacht. Stört es dich, dass ich dich auf deine leidenschaftlichen Tiraden hinweise, mit denen du die unglückselige Schwester verunglimpfst?«

»Ich glaube an die Lehren des Paulus von Tarsus.«

»Und doch sind sie keineswegs Kirchengesetz. Auch der Heilige Vater spricht sich nicht gegen diejenigen aus, die das Zölibat ablehnen. Wir haben es hier nicht einmal mit einer Glaubensregel zu tun.«

»Noch nicht. Doch die Zahl derer, die wie wir an die Trennung von Männern und Frauen und an die Regeln des Zölibats glauben, wächst ständig. Eines Tages muss auch der Heilige Vater dieser Entwicklung Rechnung tragen. Er hat bereits angedeutet, dass das Zölibat sehr wohl der beste Weg in die Zukunft sein …«

»Bis das geschieht, ist es kein Gesetz. Nun gut, ich kenne jetzt deinen Standpunkt. Doch wir haben hier einen Mord aufzuklären. Wo ist Bruder Cano?«

Abt Heribert zuckte mit den Achseln.

»Bruder Sinsear hat mir gesagt, dass Bruder Cano das Kloster heute Morgen verlassen hat und dass man ihn gesehen hat, wie er diesen Pfad einschlug. Vielleicht wollte er sich mit Schwester Cessair treffen?«

Äbtissin Ballgel stöhnte leise auf.

»Wenn Cano sich mit Schwester Cessair treffen wollte … wenn er ihr so etwas antun konnte … dann müssen wir sofort Schwester Della finden.«

Fidelma lächelte ihr aufmunternd zu.

»Niemand hat bisher gesagt, dass Cano der Täter ist«, bemerkte sie ruhig. »Es scheint jedoch, dass wir außer einer vermissten Schwester auch noch einen vermissten Bruder suchen müssen. Vielleicht finden wir den einen mit der anderen. Wo ist Bruder Sinsear?«

Ein Mönch, der in der Nähe stand, hüstelte nervös und trat zögerlich einen Schritt auf Fidelma zu. Es war ein blasser junger Mann, kaum dem Jünglingsalter entwachsen. Sein Gesicht war angespannt, und starke Empfindungen schienen ihn zu überwältigen.

»Ich bin Sinsear.«

Fidelma blickte in sein gerötetes, ängstliches Gesicht.

»Du scheinst erregt zu sein, Bruder.«

»Ich arbeite mit Bruder Cano in den Gärten unseres Klosters, Schwester. Ich bin sein Freund. Ich wusste, dass er ein …« Er schaute nervös zu seinem Abt hin. »… eine Leidenschaft für Schwester Cessair hegte.«

»Eine Leidenschaft? Du musst nicht um die Sache herumreden, Bruder. War er in sie verliebt?«

»Ich wusste nur, dass sie sich regelmäßig hier im Wald trafen, weil der Vater Abt ihre Beziehung missbilligte.«

Abt Heribert warf ihm einen aufgebrachten Blick zu, aber Fidelma hinderte ihn mit einer Handbewegung am Sprechen.

»Rede weiter, Bruder Sinsear. Was sagtest du?«

»Sie hatten einen besonderen Treffpunkt auf einer Lichtung nicht weit von hier. Eine Holzfällerhütte. Unter den gegebenen Umständen, denke ich, sollte man sich diese Hütte ansehen.«

»Du hättest früher den Mund aufmachen sollen, Bruder«, bellte Abt Heribert. »Cano kann inzwischen bereits geflohen sein. Ich halte es für sinnlos, ihn in dieser Hütte zu suchen.«

»Du gehst bereits davon aus, dass er der Täter ist, Heribert«, wies ihn Fidelma zurecht. »Ich glaube, wir sollten uns zu dieser Hütte begeben. Kennst du den Weg dorthin, Bruder Sinsear?«

»Ich denke schon. Ein kleiner Pfad biegt etwa hundert Schritte von hier vom Weg ab.« Er deutete in Richtung Fosse, weg von der Eiche, wo man Cessair gefunden hatte.

»Wie tief in den Wald hinein?«

»Nicht mal eine viertel Meile.«

»Dann geh du voran. Vater Abt, du kannst die anderen Brüder deiner Gemeinschaft bitten, die Schwestern und Cessairs Leichnam zurück zur Abtei von Nivelles zu geleiten.«

Erst wollte Heribert Einwände machen, dann tat er aber, wie sie ihm geheißen hatte.

Bruder Sinsear schaute mit seinen hellen Augen zu Fidelma.

»Kann Cano wirklich so eine schreckliche Tat begangen haben? O Gott, solche Anmut und Schönheit derart zu misshandeln! Warum hat sie ihre Liebe nicht einem geschenkt, der diese wunderbaren Gaben zu schätzen …«

Abt Heribert unterbrach ihn.

»Wir wollen uns beeilen, Bruder Sinsear. Ich denke jedoch, es wird reine Zeitverschwendung sein. Falls Cano sie ermordet hat, versteckt er sich nicht in einer Hütte im Wald, sondern hat diese Gegend längst verlassen.«

»Du hast vergessen, dass auch Schwester Della vermisst wird«, erwiderte Fidelma ihm scharf. »Und wir sollten nicht den Fehler machen, von Canos Schuld auszugehen.«

»Ja, ja«, bellte Heribert. »Wie du willst.«

Bruder Sinsear ging voraus. Sie folgten ihm auf einem ausgetretenen Pfad durch den großen Wald.

Bald erreichten sie eine Lichtung, eine hübsche Wiese, durch die sich ein kleiner Bach schlängelte. Dort stand eine primitive Holzhütte. Die Tür war verschlossen. Keinerlei Lebenszeichen war auszumachen.

Fidelma hob die Hand und gebot ihnen allen, einen Augenblick am Rand der Lichtung stehen zu bleiben. Dann näherten sie sich der Hütte. Das Erste, was Fidelma bemerkte, war ein Blutfleck am Türrahmen. Es waren auch einige Handabdrücke auf der Tür, als hätte sie jemand mit blutigen Händen geöffnet. Auf einem Stück Holz neben der Tür war ebenfalls Blut zu sehen.

Von drinnen hörten sie Schluchzen.

»Bruder Cano!«, rief Sinsear plötzlich. »Der Abt und ich sind hier.«

Schweigen. Unvermittelt brach das Schluchzen ab.

»Sinsear?«, antwortete eine zögerliche Männerstimme. »Gott sei Dank! Ich brauche Hilfe.«

Nun war ein anderes Geräusch zu vernehmen. Der Schrei einer Frau, der klang, als würde er beinahe sofort erstickt.

Fidelma schaute ihre Gefährten an.

»Wartet! Ich gehe als Erste hinein.« Sie rief laut: »Bruder Cano? Ich bin Fidelma von Cashel. Ich bin hier, um dir zu helfen. Ich komme jetzt herein.«

Keine Antwort.

Langsam lehnte sich Fidelma vor, legte ihre Hand neben den blutigen Abdruck und drückte gegen die Tür. Sie ging leicht auf.

In der hinteren Ecke der Hütte sah sie einen jungen Mann im Ordensgewand auf dem Boden knien. Sein Haar war zerzaust, seine Augen waren rot unterlaufen, die Wangen feucht, als hätte er geweint. Er hielt ein blutbeflecktes Tuch in den Händen. Vor ihm lag ein Mädchen auf dem Boden. Ihre Augen waren geöffnet, und sie schien bei Bewusstsein zu sein. Ihre Kleider waren blutüberströmt.

Fidelma hörte hinter sich ein Geräusch und fuhr herum. Abt Heribert und die anderen versuchten, sich hinter ihr in die Hütte zu drängeln.

»Bleibt draußen!«, befahl sie schroff. Ihre Stimme hatte eine solche Kraft, dass die anderen wie angewurzelt stehen blieben. »Ich spreche erst mit Cano und Schwester Della.«

Fidelma trat einen Schritt weiter in die Hütte hinein.

»Ich bin Schwester Fidelma«, wiederholte sie. »Darf ich mich um Schwester Della kümmern?«

»Natürlich.« Der junge Mann schien verwirrt.

Fidelma kniete sich neben ihn. Er hatte versucht, Dellas Wunde am Hinterkopf zu säubern.

»Bleib still liegen«, sagte sie, während sie sich die Wunde der jungen Nonne ansah. Genau wie Schwester Cessair hatte man auch Schwester Della auf den Kopf geschlagen. Doch war bei ihr der Knochen nicht zertrümmert, sondern es war nur eine starke Schwellung zu sehen.

»Muss ich sterben, Schwester?« Die Stimme des Mädchens klang schwach.

»Nein. Wir bringen dich bald zur Abtei zurück, wo man sich um dich kümmern wird. Was kannst du mir über den Überfall auf Schwester Cessair und dich erzählen?«

»Ziemlich wenig.«

»Wenig kann unter diesen Umständen schon sehr viel sein«, ermutigte sie Fidelma.

»Leider ist das Wenige geradezu nichts. Schwester Cessair und ich waren mit der Phiole mit dem Heiligen Blut der heiligen Gertrude auf dem Weg zur Abtei von Fosse. Wir gingen durch den Wald. Ich weiß noch …« Sie stöhnte auf. »Ich habe aber niemanden hinter uns gehört, denn wir haben uns unterhalten und …« Sie fuhr sich mit der Hand an die Stirn und stöhnte auf. »Dann schlug mir jemand auf den Kopf, und danach kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis ich wieder zu mir kam. Ich lag mit einem furchtbaren Schmerz im Schädel auf dem Weg. Ich dachte, ich wäre allein. Ich schaute mich um, und dann, dann sah ich Cessair …«

Sie schluchzte herzzerreißend.

»Und weiter?«, fragte Fidelma leise.

»Ich konnte nichts mehr für sie tun, nur Hilfe holen. Ich lief hierher und …«

»Du liefst hierher?«, unterbrach Fidelma sie rasch. »Warum zu dieser Holzfällerhütte? Warum nicht zur Abtei von Fosse oder zurück nach Nivelles?«

»Ich wusste, dass Cano hier sein würde.« Wieder stöhnte das Mädchen.

»Sie wusste, dass ich mich mit Cessair verabredet hatte. Wir wollten uns hier auf ihrem Weg von Nivelles nach Fosse treffen«, unterbrach Cano sie trotzig. »Ich schäme mich deswegen nicht.«

Fidelma ignorierte seinen Einwurf und sagte zu dem Mädchen: »Ruh dich ein wenig aus. Es dauert nicht mehr lange, und dann bringen wir dich in Sicherheit und kümmern uns um deine Wunde.«

Nun erst wandte sie sich Cano zu.

»Du hast also hier auf Cessair gewartet?«

»Cessair und ich, wir haben uns geliebt. Wir haben uns oft hier getroffen, weil Abt Heribert so sehr gegen unsere Verbindung war.«

»Erzähl mir davon.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin vor etwa einem Monat nach Fosse gekommen, um mich der Gemeinschaft anzuschließen. Es sind zwar einige irische Ordensleute hier und in Nivelles, aber es ist ein seltsames Land. Sie legen hier viel mehr Wert auf das Zölibat als wir in Éireann. Sie haben nicht so viele gemischte Häuser wie wir. Abt Heribert ist ein fanatischer Anhänger des Zölibats – obwohl es in der Kirche keine solche Vorschrift gibt. Ich glaube, ich wäre schon längst wieder von hier weg, wenn ich Cessair nicht kennengelernt hätte.«

»Wann war das?«

»Gleich in der Woche nach meiner Ankunft. Bruder Sinsear hat mich mit ihr bekannt gemacht, als wir Gemüse von Fosse nach Nivelles brachten.«

»Bruder Sinsear hat euch einander vorgestellt?«

»Ja. Als Gärtner brachte er regelmäßig Gemüse von einer Abtei zur anderen. Er kennt viele von den Nonnen in Nivelles.«

»Hatte Cessair irgendwelche Feinde, von denen du weißt?«

»Nur Abt Heribert, nachdem er unsere Beziehung entdeckt hatte.« Canos Stimme klang bitter. Von der Tür her hörte Fidelma Heriberts wütendes Knurren.

»Warum seid ihr nicht von hier weggegangen und habt euch einem gemischten Haus angeschlossen?«

»Das hatten wir vor, aber Äbtissin Ballgel hat Cessair davon abgeraten.«

Fidelma sah ihn fragend an.

»Warum sollte sie etwas dagegen haben?«

Cano zuckte die Achseln.

»Sie hat Cessair sehr … fürsorglich behandelt. Sie hielt sie noch für zu jung.«

»Fürsorglicher als ihre anderen Schützlinge?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir verzweifelt waren und deshalb wegwollten.«

Fidelma wartete eine Weile. Dann sagte sie unvermittelt: »Hast du Cessair umgebracht?«

Der junge Mönch hob sein tränennasses Gesicht zu Fidelma und schaute sie gequält an.

»Wie kannst du eine solche Frage stellen?«

»Weil ich eine dálaigh bin, eine Anwältin«, erwiderte Fidelma. »Es ist meine Pflicht, diese Frage zu stellen.«

»Ich habe es nicht getan.«

»Dann sage mir, was heute Morgen geschehen ist.«

»Ich wusste, dass Cessair und Della die Phiole zur alljährlichen Segnung nach Fosse bringen würden. Also haben wir uns hier verabredet.«

»Das hätte doch aber sicher die Ankunft der Phiole in Fosse verzögert? Der Gottesdienst war am Mittag.«

»Cessair wollte Della überreden, die Phiole allein nach Fosse zu tragen, während sie hier bei mir blieb. Wir wollten uns nur kurz sehen, um ein paar Abmachungen zu treffen. Dann wäre Cessair Della gefolgt und hätte vorgegeben, ihr sei unterwegs ein Riemen an der Sandale gerissen oder so was.«

»Was für Abmachungen wolltet ihr denn treffen?«

»Wie wir von hier verschwinden würden. Vielleicht nach Irland zurück.«

»Ich verstehe. Du bist also in der Hütte angekommen …«

»Und ich habe gewartet. Ich dachte, Cessair hätte sich verspätet. Ich wollte gerade zum Hauptweg hinuntergehen, um nach ihr Ausschau zu halten, als Della in die Hütte getaumelt kam. Sie war geradezu hysterisch. Sie vermochte mir noch zu erzählen, was geschehen war, ehe sie in Ohnmacht fiel. Ich konnte sie doch nicht allein lassen. Ich habe ununterbrochen versucht, sie wieder zum Bewusstsein zu bringen. Sie ist erst vor wenigen Augenblicken wieder zu sich gekommen.«

»Würdest du das so bestätigen?«, fragte Fidelma Della.

Das Mädchen hatte sich auf einen Ellbogen gestützt. Sie sah immer noch bleich und verstört aus.

»Soweit ich kann. Ich erinnere mich nicht mehr an viel.«

»Nun gut. Wir sollten dich jetzt in eine der Abteien schaffen.« Sie schaute zu Cano, der nervös die Hände rang. Dann erkundigte sie sich plötzlich: »Hast du die Phiole mit dem Blut, Schwester Della? Mit dem Heiligen Blut der heiligen Gertrude?«

Della schüttelte den Kopf.

»Cessair hatte sie in ihrem marsupium

»Ich verstehe«, erwiderte Fidelma nachdenklich und winkte die anderen zu sich.

»Wir tragen Schwester Della nach Fosse«, sagte sie zu ihnen. »Ich möchte ihr noch einige Fragen stellen, aber erst sollten wir dafür sorgen, dass ihre Wunde ordentlich verbunden wird.«

Die Kirche und das Kloster von Fosse waren nicht so grandios wie einige andere Abteien, die Fidelma auf ihren Reisen gesehen hatten. Diese Abtei war ja auch erst zwanzig Jahre alt. Sie war kaum mehr als eine Ansammlung von Holzhäusern um eine große, rechteckige Holzkirche.

Schwester Della wurde unverzüglich ins Infirmarium gebracht, während der Abt die Äbtissin und Fidelma ins Refektorium führte, damit sie sich stärken konnten. Bruder Sinsear und Bruder Cano wurden in ihre Zellen beordert, wo sie die Befehle des Abtes erwarten sollten.

Äbtissin Ballgel war die Erste, die das peinliche Schweigen brach. Sie hatte Fidelma schon früher bei der Arbeit beobachtet, als sie noch beide in der Abtei von Kildare lebten.

»Nun, Fidelma, hast du bereits eine Vorstellung, wie diese schreckliche Geschichte geschehen ist? Und wo ist das Heilige Blut von Gertrude?«

»Wir wollen einmal zusammenfassen, was wir wissen. Bestimmte Dinge können wir ausschließen. Erstens, dass die Tat von Räubern begangen wurde. Ich habe bereits den wichtigsten Grund dafür genannt: die Schnitte in Cessairs Gesicht. Die zeugen allein von Hass. Zweitens haben wir Dellas Aussage, dass sie mit Cessair durch den Wald ging und dass sie nichts gehört hat, ehe ihr von hinten auf den Kopf geschlagen wurde.«

»Du meinst, wenn sich Räuber an sie herangeschlichen hätten, hätte sie das mitbekommen?«

»Genau. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass man so vollkommen unbemerkt hinter jemandem herlaufen kann, der durch einen Wald geht.«

Äbtissin Ballgel runzelte die Stirn.

»Du behauptest, dass Schwester Della lügt?«

»Nicht unbedingt. Aber sieh es einmal so: Stell dir einen Pfad im Wald vor, mit welken Blättern, Zweigen und so weiter. Ein Tier kann sich vielleicht leise über einen solchen Teppich bewegen, aber ein Mensch? Konnte ein Mann oder eine Frau unhörbar hinter den beiden herschleichen und sie dann überfallen, ehe sie sich’s versahen?«

»Dann müssen wir das Mädchen weiter befragen«, bellte Heribert, »und sie zu einem Geständnis zwingen.«

Fidelma blickte ihn missbilligend an.

»Was sollte sie denn gestehen?«

»Nun, dass sie das andere Mädchen getötet hat«, erwiderte Heribert.

Fidelma seufzte tief.

»Es gibt eine andere, sehr viel plausiblere Erklärung, warum Schwester Della nicht gehört hat, wie sich ihr Angreifer anschlich.«

Der Abt war rot angelaufen vor Ärger.

»Was für ein Spiel spielst du hier? Erst behauptest du dies, dann etwas anderes. Ich kann dir nicht folgen.«

Äbtissin Ballgel mischte sich ein, denn sie sah, wie Fidelmas Gesichtsmuskeln sich anspannten und ihre Augen die Farbe wechselten.

»Fidelma ist Anwältin, sie versteht etwas von solchen Dingen. Ich schlage vor, wir geben ihr die Gelegenheit, ihren Gedankengang weiter vorzutragen.«

Der Abt ließ sich, höhnisch grinsend, auf seinem Stuhl zurückfallen.

»Dann sprich weiter.«

»Ehe ich wieder zu meinen beiden ersten Argumenten zurückkehre, wollen wir noch eine andere Sache bedenken. Die Brutalität des Angriffs auf Schwester Cessair, dass der Täter ihr das Gesicht zerschnitt und Schwester Della nicht. Dass Della nur den Schlag auf den Kopf abbekam, der sie bewusstlos werden ließ. All das bedeutet, dass Cessair das Ziel dieses Überfalls war. Jemand muss einen tiefen Groll gegen sie gehegt haben.«

»Das klingt logisch, Fidelma«, stimmte ihr die Äbtissin zu.

»Dann müssen wir überlegen, wer Cessair so gehasst hat.«

Fidelma hielt inne und gab der Äbtissin und dem Abt Gelegenheit, ihren Vorschlag zu überdenken.

»Nun, da können wir beinahe alle ausschließen.« Die Äbtissin lächelte leise.

»Wieso?«

»Bruder Cano war ihr Liebhaber. Schwester Della war ihre beste Freundin im Kloster. Cessair hatte keine Feinde … außer …«

Plötzlich zögerte sie.

»Außer?«, ermunterte Fidelma sie vorsichtig.

Die Äbtissin schlug die Augen nieder.

Nun brauste Abt Heribert wütend auf.

»Außer mir, meinst du?« Er sprang auf. »Was willst du damit sagen? Denkst du, ich hätte Cessair gehasst, nur weil ich die Lehre des Zölibats vertrete? Weil ich den Männern in meiner Gemeinschaft jegliche Beziehung zu Frauen verbiete? Weil ich die Äbtissin dringend gebeten habe, Schwester Cessair zu untersagen, sich mit Bruder Cano zu treffen, wie ich ihm verboten hatte, sich mit ihr zu treffen? Soll das dazu dienen, mir einen Mord in die Schuhe zu schieben?«

»Hast du sie getötet?«

Fidelma sprach diese Frage so leise aus, dass es lange schien, als hätte der Abt sie nicht gehört.

»Wie kannst du es wagen!«

»Ich wage es, weil ich muss«, antwortete Fidelma ruhig. »Behalte dein Geschrei für dich, Abt. Wir sind hier, um die Wahrheit herauszufinden, nicht um deine Eitelkeit zu pflegen.«

Heribert lief zornesrot an. Er war sprachlos vor Wut.

Äbtissin Ballgel lehnte sich zu ihm hinüber.

»Abt Heribert, wir sind intelligente Menschen, die versuchen, ein Problem zu lösen. Weder Stolz noch Selbstachtung sollten diesen Vorgang behindern, denn wir suchen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.«

Abt Heribert blinzelte.

»Ich verbitte mir, hier angeklagt zu werden …«

»Ich habe dich nicht angeklagt, Heribert«, erwiderte Fidelma. »Du hast es in deinem Stolz nur so empfunden. Aber da du nun einmal selbst das Thema angesprochen hast, sage ich dir frei heraus, dass du Cessair sicherlich nicht mochtest.«

Er starrte sie an und zuckte mit den Achseln.

»Das habe ich ja deutlich genug gezeigt. Nein. Ich empfand eine große Abneigung gegen sie, weil sie Bruder Cano vom rechten Weg abgebracht hat. Mehr noch, sie hat alle jungen Männer in meiner Gemeinschaft vom Pfad der Tugend gelockt. Ich habe sogar gesehen, dass sich Mönche wie Bruder Sinsear in ihrer Gegenwart wie verliebte Tölpel benahmen.«

»Mein Mentor, der Brehon Morann von Tara, pflegte zu sagen: Im Alter fällt es einem immer leichter, ein Mönch zu sein.« Fidelma seufzte.

Äbtissin Ballgel verkniff sich ein Lächeln.

»Jedenfalls«, fuhr Fidelma fort, »hast du erwartet, dass die Schwestern Cessair und Della um die Mittagszeit in Fosse ankommen würden, habe ich mir sagen lassen?«

»Das stimmt nicht ganz. Ich erwartete zwei Schwestern aus der Gemeinschaft von Äbtissin Ballgel, wusste aber nicht, wer das sein würde. Hätte ich geahnt, dass eine von ihnen Schwester Cessair ist …«

»Was hättest du dann gemacht?«

»Ich hätte sie daran gehindert, hierherzukommen und Bruder Cano weiter den Kopf zu verdrehen und ihn zu verführen.«

»Ach, Cano ist verführt worden?«, fragte Fidelma. »Ich dachte, er wäre in Cessair verliebt?«

Der Abt wand sich verlegen.

»Frauen sind die Versuchung, die Heilige vom Pfad der Gnade abbringt.«

Er senkte die Augen, denn er sah, wie in Fidelma Zorn aufstieg. Doch die hatte inzwischen eingesehen, dass es unmöglich sein würde, seine frauenfeindlichen Vorurteile zu überwinden, und beschlossen, die Bemerkung zu ignorieren.

»Ballgel, warum hast du Cessair und Della ausgewählt, die Phiole mit dem Blut heute Morgen zum Gottesdienst zu bringen?«

»Wieso?«

»Jemand wusste, dass Cessair auf diesem Pfad durch den Wald kommen würde.«

Die Augen den Äbtissin weiteten sich.

»Gestern Abend kam Schwester Della zu mir und bat mich, sie die Phiole zum Segnungsgottesdienst bringen zu lassen. Sie fragte mich auch, ob sie ihre Begleitperson selbst aussuchen dürfte.«

»Und du wusstest nicht, dass sie Cessair auswählen würde?«

»Nun«, erwiderte die Äbtissin lächelnd, »ich nahm an, dass sie das tun würde. Die beiden waren unzertrennlich.«

»Dir war klar, dass sie Cessair als Begleitung durch den Wald von Seneffe wählen würde, obwohl der Abt Cessair entschieden missbilligte? Ist das nicht ein wenig seltsam?«

»Überhaupt nicht. Da bin ich wie du, Fidelma. Ich weigere mich, mir vorschreiben zu lassen, wen ich hierhin oder dorthin schicken darf.«

Abt Heribert kniff seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. Er war offensichtlich höchst verärgert, sagte aber kein Wort.

»Also war Schwester Della die einzige Person, die wusste, dass Cessair sie begleiten würde, außer dir, Ballgel?«

Äbtissin Ballgel schaute ihre Freundin vorsichtig an.

»Du wirst dich erinnern, Fidelma«, sagte sie leise, »dass du in Nivelles ankamst, als uns Bruder Sinsear gerade die Schreckensnachricht überbracht hatte.«

Fidelma lächelte mitfühlend.

»Daran erinnere ich mich. Und du musst mir durchaus nicht beweisen, dass du keine Zeit gehabt hättest, die Tat zu begehen. Außerdem würde es einer Äbtissin schwerfallen, sich lange genug vom Kloster zu entfernen. Ich nehme auch an, dass du kein Motiv hattest?«

Ehe Ballgel antworten konnte, fuhr Abt Heribert dazwischen.

»Genauso würde es einem Abt schwerfallen, sich lange genug von seinem Kloster zu entfernen«, bemerkte er knapp.

»Das hatte ich nicht vergessen, Heribert«, erwiderte Fidelma ernst. »Aber sag uns, nur der Form halber, wo du um die Mittagszeit warst?«

Abt Heribert zuckte die Achseln.

»Nun gut, ich spiele dieses Spiel bis zum bitteren Ende mit«, erwiderte er und seufzte. »Heute, am Jahrestag des Todes der heiligen Gertrude, läuten wir am Mittag das Angelus, und danach halten wir einen Gedenkgottesdienst, nicht nur für Gertrude, sondern auch in Erinnerung an den heiligen Foillan, dem sie gestattet hat, unsere Abtei zu errichten. Die Phiole mit dem Heiligen Blut wird kurz vor dem Läuten des Angelus gebracht.

Zehn Minuten vor Mittag stand ich mit einigen Brüdern da und erwartete die Ankunft der beiden Schwestern, die gewöhnlich die Phiole von Nivelles zu uns bringen. Ich wusste nicht, welche Schwestern das sein würden. Als die Mittagsstunde kam und die Glocke geläutet wurde, überlegte ich, dass uns nichts anderes übrigbleiben würde, als den Gottesdienst auch ohne die Phiole zu halten.«

»Hast du niemanden ausgeschickt, der nach den Schwestern ausschauen sollte?«

»Man sagte mir, dass Bruder Sinsear bereits aufgebrochen war, um die Schwestern durch den Wald zu geleiten. Also war das nicht notwendig.«

»Ich verstehe. Sprich weiter.«

»Nun, wir haben den Gottesdienst gefeiert, und als er vorüber war, waren weder die Schwestern noch Bruder Sinsear aufgetaucht.«

»Bruder Sinsear war geradewegs nach Nivelles gekommen, um uns zu benachrichtigen«, erklärte Ballgel.

»Es dauerte eine ganze Weile, ehe er zu uns zurückkehrte«, stimmte ihr Heribert zu, »und auch uns die Schreckenskunde überbrachte. Wir machten uns unverzüglich auf den Weg in den Wald. Wir waren kaum dort angelangt, als ihr kamt.«

»Aha. Lässt du bitte Bruder Sinsear holen?«

Wenige Augenblicke später gesellte sich der junge Mönch zu ihnen. Er versuchte, seine rastlosen Hände unter Kontrolle zu bekommen, indem er sie auf dem Rücken hielt.

»Das ist eine schreckliche Angelegenheit«, hub er an und brach das Schweigen.

»Ich verstehe, dass du sehr verstört bist«, sagte Fidelma lächelnd. »Schließlich ist dein guter Freund in Gefahr. Der Finger des Verdachts ist auf ihn gerichtet.«

»Bruder Cano mag jähzornig sein, aber er würde nie … niemals …«

»Er ist jährzornig?«, unterbrach in Fidelma.

Bruder Sinsear ließ den Kopf hängen.

»Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich meinte …«

»Es stimmt«, meldete sich Abt Heribert zu Wort. »Ich habe ihn bereits des Öfteren wegen seines stürmischen Temperaments zurechtweisen müssen.«

»Nun, von dir, Bruder Sinsear, möchte ich nur, dass du uns ganz genau berichtest, was heute Mittag vorgefallen ist. So wie ich es sehe, bist du aufgebrochen, um dich auf die Suche nach den beiden Schwestern zu machen, die die Phiole mit dem Heiligen Blut bringen sollten? Wann war das?«

»Einige Zeit vor Mittag, glaube ich. Ja, es war eine halbe Stunde vor dem Angelusläuten. Das war nämlich die Zeit, zu der die Phiole in der Abtei sein sollte.«

»Hat man dir aufgetragen, dies zu tun?«

Bruder Sinsear schüttelte den Kopf.

»Nein. Aber wie ich Cessair kannte … Nun, ich wusste, dass sie sich nicht gerade beeilen würde.«

Es herrschte kurz Schweigen.

»Du wusstest, dass eine der beiden Schwestern Cessair sein würde?«, drängte ihn Fidelma. »Wie konntest du das wissen?«

»Bruder Cano hat es mir gesagt. Wir hatten kaum Geheimnisse voreinander. Er brach zu der Holzfällerhütte auf, wo er und Schwester Cessair sich gewöhnlich trafen. Mir war klar, dass dies die Ankunft der Phiole in der Abtei verzögern würde. Deswegen machte ich mich rechtzeitig auf, um ihnen entgegenzugehen und sie zur Eile anzutreiben. Leider kam ich zu spät.«

»Du fandest Cessair tot vor?«

»Ja. Sie war an den Baum gebunden, so wie du sie gefunden hast.«

»Und Schwester Della?«

»Es war nirgends etwas von ihr zu sehen. Also rannte ich schnurstracks nach Nivelles, um Äbtissin Ballgel zu alarmieren.«

»Warum hast du das gemacht?«, fragte Fidelma.

»Wieso?«

»Es gab doch noch andere Möglichkeiten. Warum bist du nicht nach Fosse zurückgelaufen, zu Abt Heribert?«

»Weil es von dort näher nach Nivelles als nach Fosse ist«, antwortete Sinsear. »Ich hielt es für angebracht, die Nachricht erst nach Nivelles zu bringen und dann nach Fosse zurückzukehren und dort Alarm zu schlagen.«

»Bist du mit Cano seit seiner Ankunft in Fosse befreundet?«

»Er wurde mir als Helfer im Garten zugeordnet, und wir wurden Freunde.«

»Cessair kanntest du jedoch bereits, ehe Cano kam?«

»Ich habe Cessair und Della und viele andere Schwestern aus Nivelles kennengelernt. Es gibt viele Verbindungen zwischen den Abteien. Du musst wissen, dass es meine Aufgabe ist, einmal in der Woche Obst und Gemüse nach Nivelles zu bringen.«

»Bruder Sinsear hat völlig recht«, unterbrach ihn Heribert. »Mitglieder unserer Gemeinschaft gehen oft nach Nivelles, um dort beim Bau, bei der harten Arbeit auf den Feldern und bei der Ernte zu helfen. Bruder Sinsear hat erst gestern Nachmittag Lebensmittel nach Nivelles gebracht. Ah, und hat dich nicht Bruder Cano begleitet?«

Bruder Sinsear errötete und nickte zögernd.

Fidelma schürzte nachdenklich die Lippen.

»Ich muss Schwester Della noch etwas fragen. Bitte wartet hier auf mich.«

Schwester Della im Infirmarium war zwar immer noch blass und schwach, aber es ging ihr sichtlich besser.

»Schwester Della«, begann Fidelma ohne Umschweife, »ich muss dir noch eine weitere Frage stellen. Warum hast du gebeten, man möge dich heute die Phiole mit dem Heiligen Blut nach Fosse tragen lassen?«

»Schwester Cessair wollte das gern.«

»Cessair also? Dann war es nicht deine Idee?«

»Nein. Und, ehrlich gesagt, es war auch nicht ihre. Sie wusste, dass es Ärger mit dem Abt geben würde, der sie nicht mochte, und war gar nicht erpicht auf diesen Gang. Aber Bruder Cano hatte sie gebeten zu kommen …«

»Wie hatte er das gemacht? Hatte er sie nicht erst gestern gesehen?«

»Nein. Er hat ihr eine Botschaft geschickt. Es gehen immer Leute zwischen den Abteien hin und her. Also hat er Cessair einen Brief geschickt und sie gebeten, vor der Mittagsstunde zu der Hütte zu kommen, damit sie kurz miteinander über ihre Zukunft sprechen könnten.«

»Warst du einverstanden mit diesen Treffen mit Cano?«

»Ich war doch Cessairs Freundin. Und ich weiß, dass einen die Liebe zu unendlich vielen Dummheiten verleiten kann. Ich dachte, du wolltest nur eine Frage stellen?«

»Das stimmt. Ist das der Brief?« Fidelma zog das Stück zerrissenes Papier aus ihrem marsupium.

Schwester Della schaute es an und zuckte die Achseln.

»Ich kann die Ogham-Schrift nicht lesen«, sagte sie. »Aber ich glaube, das ist ein Stück von dem Brief. Cano und Cessair haben die uralte irische Schrift benutzt, um sich geheime Nachrichten zu schreiben.«

Fidelma ging ins Refektorium zurück. »Ich glaube, ich habe die Lösung des Rätsels gefunden«, verkündete sie, sobald sie es betrat. Äbtissin Ballgel und Abt Heribert wandten ihr erstaunte Blicke zu.

»Wer ist also der Schuldige?«, wollte Heribert wissen.

»Lasst bitte Bruder Cano kommen. Du bleibst, Bruder Sinsear.«

»Bruder Cano«, begann Fidelma, nachdem der junge Mann eingetreten war, »deine Zukunft sieht düster aus.«

»Meine Zukunft ist leer«, berichtigte er sie. »Ohne Cessair ist mein Leben nichts als abgrundtiefer Schmerz.«

»Warum hast du Cessair gebeten, sich heute mit dir zu treffen?«

»Das habe ich dir doch bereits gesagt. Um zu besprechen, wie wir zusammen weggehen und ein gemischtes Haus finden könnten, wo wir leben und arbeiten und, so Gott will, unsere Kinder in Seinem Dienst erziehen könnten.«

»Wessen Idee war dieses Treffen?«

»Meine.«

»Ich dachte, vielleicht hätte dir das jemand anderer als Lösung für eure Probleme vorgeschlagen«, meinte Fidelma leise.

»Es ist doch völlig bedeutungslos, wer den Vorschlag gemacht hat«, entgegnete Cano. »Das war jedenfalls der Anlass unserer Verabredung.«

»Nein, es ist sehr wohl von Bedeutung. War es nicht Bruder Sinsear, der meinte, ihr solltet besser von hier weggehen?«

»Vielleicht. Sinsear ist mein Freund. Er sah, dass wir hier keine Zukunft hatten.«

»Du bist gestern Abend mit Bruder Sinsear nach Nivelles gegangen, um Gemüse dorthin zu bringen. Warum hast du da nicht mit Cessair gesprochen?«

»Wir kamen während des Abendgottesdienstes an, und da wir keinen Vorwand hatten, länger in Nivelles zu bleiben, schrieb ich Cessair ein Briefchen in Ogham, in dem ich das Treffen vorschlug. Ich wusste, dass sie die alte irische Schrift lesen kann, also habe ich ihr den Zettel geschrieben und ihn bei der Pförtnerin hinterlassen.«

»Ja, jetzt passt alles zusammen.« Fidelma seufzte. Sie wandte sich nun an den anderen jungen Klosterbruder. »Sinsear, würdest du bitte Äbtissin Ballgel die Phiole mit dem Heiligen Blut aus deinem marsupium reichen? Die Äbtissin ist außerordentlich besorgt darum, seit sie erfahren hat, dass es nicht mehr in Cessairs marsupium war.«

Bruder Sinsear fuhr zusammen und wurde bleich. Wie im Traum fasste er in den Beutel, der an seinem Gürtel hing, und übergab die Phiole.

»Ich fand sie am Boden … Ich wollte sie dir schon früher geben …«

Fidelma schüttelte traurig den Kopf.

»Eine der schrecklichsten Leidenschaften ist Liebe, die in Hass umgeschlagen ist, weil sie zurückgewiesen wurde. Ein Liebender, der das Objekt seiner Zuneigung mit einem Rivalen sieht, kann sich manchmal in den Teufel in Menschengestalt verwandeln.«

Bruder Cano schaute sie verwundert an.

»Cessair hat mich nicht zurückgewiesen«, rief er. »Ich sage es dir noch einmal, ich habe sie nicht umgebracht. Wir haben geplant, zusammen von hier fortzugehen.«

»Ich habe Sinsear gemeint«, erwiderte Fidelma. »Sinsears Liebe ist in Hass umgeschlagen, in eine Wut, die das Mädchen verletzen und verstümmeln wollte.«

Sinsear starrte sie mit offenem Mund an.

»Sinsear war schon lange in Cessair verliebt. Da er noch sehr jung war und seine Gefühle nicht ausdrücken konnte, verehrte er sie aus der Ferne, träumte von dem Tag, an dem er den Mut aufbringen würde, ihr seine Liebe zu gestehen. Dann kam Cano. Zuerst waren die beiden gute Freunde. Eines Tages stellte Sinsear Cano seiner Angebeteten vor. O Schreck! Cano und Cessair verliebten sich ineinander. Tag für Tag musste Sinsear ihre Leidenschaft mit ansehen. Seine Eifersucht steigerte sich so sehr, er war so erzürnt darüber, dass ihn, wie er die Dinge sah, Cessair verschmäht hatte, dass er darüber den Verstand verlor. Er wollte sich mit einer Gewalt an Cessair rächen, wie sie nicht einmal die Hölle kennt.«

Sinsears Gesicht war völlig ausdruckslos geworden.

»Er schlug Cano vor, er sollte sich mit Cessair in der Hütte treffen, um die gemeinsame Flucht aus ihren Klöstern vorzubereiten. Dann verließ er Fosse so rechtzeitig, dass er in die alte Eiche klettern und sich in ihren niedrigen Zweigen verbergen konnte, um dort auf Cessair und ihre Begleiterin zu warten. Deswegen hat Schwester Della nicht gehört, wie sich jemand von hinten anschlich. Sinsear sprang herunter. Ich habe die Fußabdrücke an der Stelle gesehen, wo er gelandet ist. Er betäubte Della mit einem Schlag auf den Hinterkopf, ehe sie es sich versah. Habe ich recht?«

Sinsear antwortete nicht.

»Vielleicht hat er dann Cessair seine Liebe gestanden? Vielleicht hat er sie angefleht, mit ihm wegzulaufen. Hat sie mit Angst und Schrecken darauf reagiert? Hat sie ihn ausgelacht? Wie hat sie diesen verstörten Möchtegern-Liebhaber behandelt? Wir wissen nur, was das Endergebnis war. Er schlug sie mehrmals auf den Kopf. Dann beschloss er, sie in einem grausamen Ritual, das uns seine Unreife beweist, für die Schönheit zu bestrafen, mit der sie ihn betört hatte, indem er ihr das Gesicht zerschnitt. Ob er sie davor an den Baum gebunden hat, werden wir erst erfahren, wenn er es uns sagt. Aber ich hege keinerlei Zweifel, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.

Irgendetwas muss ihn dazu bewogen haben, die Phiole mit dem Heiligen Blut mitzunehmen. Da gewann offenbar seine religiöse Erziehung die Oberhand. Denn anstatt die Phiole in Cessairs Beutel zu lassen, steckte er sie zur Sicherheit in seinen eigenen. Obwohl mir klar war, dass das Fehlen der Phiole für die Tat keinerlei Bedeutung hatte, konnte ich mir bisher keinen Reim darauf machen, warum sie verschwunden war.

Vielleicht bemerkte Sinsear dann, dass Schwester Della wieder zu sich kam. Er machte kehrt und rannte nach Nivelles, um Alarm zu schlagen. Er glaubte, Schwester Della würde vielleicht nach Fosse gehen, um dort Hilfe zu holen, und deswegen entschied er sich für Nivelles.«

Abt Heribert blickte Sinsear mit erschrockenen Augen an und sah auf den unbeweglichen Gesichtszügen des jungen Mönchs bestätigt, dass Fidelma die Wahrheit sprach.

»Wie ist dein Verdacht überhaupt auf Sinsear gefallen?«, fragte er.

»Ich kann dir viele Gründe dafür nennen. Man muss nur die Ereignisse noch einmal der Reihe nach überdenken. Seinem eigenen Wort nach ging Sinsear in den Wald, um Cessair und Della zu suchen. Er fand Cessair tot und an einen Baum gebunden. Er behauptet, er hätte diese Stelle erst erreicht, nachdem Della bereits verschwunden war. Aber wie konnte er die an den Baum gebundene Cessair sehen, die sich doch, von seiner Laufrichtung aus betrachtet, auf der dem Weg abgewandten Seite befand? Selbst wenn man annimmt, dass er vielleicht etwas gesehen haben mag, das ihm verdächtig erschien, dass er zu verstört war, um auf die Idee zu kommen, sie vom Baum herunterzuschneiden und herauszufinden, ob er sie wieder zum Leben erwecken könnte, warum ist er dann nach Nivelles gerannt?«

»Um Hilfe zu holen. Wie er dir bereits sagte, liegt Nivelles näher an dieser Stelle als Fosse. Es war nur logisch.«

»Aber es gab doch noch einen viel näher gelegenen Ort, wo er hätte um Hilfe rufen können«, erklärte Fidelma. »Warum ist er nicht dahin gerannt? Er wusste, dass Bruder Cano nur wenige hundert Schritte entfernt in der Hütte wartete. Wäre er unschuldig, dann wäre er zu Cano geeilt und hätte den zu Hilfe gerufen.«

Ein Aufschrei ließ sie alle erstarren.

Sinsear hatte ein Messer gezückt und stürzte sich, zusammenhanglose Wortfetzen murmelnd, auf Bruder Cano.

Cano verteidigte sich mit einem Schlag auf das Kinn des jungen Mönchs, der diesen zu Boden streckte.

»Nun kannst du ihn nach den Gesetzen bestrafen, die hier herrschen«, erklärte Fidelma Abt Heribert. Sie wandte sich der Äbtissin zu. »Und wir, Ballgel, werden die arme Schwester Della zurück nach Nivelles geleiten. Wir haben vieles zu besprechen …« Sie hielt inne und schaute traurig zu Bruder Cano, der ruhig dasaß, den Kopf in den Händen vergraben.

»Schon in der Antike war man sich dieses Gefühls bewusst, das dem Wahnsinn gleichen kann. Die Aegra amans – die Krankheit der Liebenden – kann die Menschen vollkommen um den Verstand bringen, kann die reifsten von ihnen völlig verwirren. Bei jungen und unreifen Menschen vermag die Liebe Seele und Verstand zu zerstören.«


DAS GEHEIMNIS DER MADONNA

<p>DAS GEHEIMNIS DER MADONNA</p>

Der Wind pfiff erbarmungslos, und das Heulen der Wölfe jagte ihr Schauer über den Rücken. Sie waren in unmittelbarer Nähe, diese fürchterlichen Jäger der Nacht. Sehen konnte Schwester Fidelma sie nicht, denn das Schneetreiben nahm ihr jede Sicht. Die wirbelnden, eiskalten winzigen Flocken kamen in dichten Schwaden geflogen. Dahinter verschwand die Landschaft, kaum eine Armlänge konnte sie vor sich ausmachen.

Wäre es nicht so dringend gewesen, nach Cashel zu gelangen, dem Sitz der Könige von Muman, hätte sie nie den Ritt nach Norden unterhalb der dräuenden Gipfel der Berge von Comeraigh unternommen. Sie beugte sich im Sattel vor, um dem Unwetter standzuhalten. Dass sie auf einem Pferd unterwegs war, verdankte sie ihrem Rang als dálaigh bei den Gerichten der fünf Könige Irlands. Einer einfachen Nonne hätte kein Reittier zugestanden, aber Fidelma war keine einfache Nonne. Sie war die Tochter des verstorbenen Königs von Cashel, wirkte als Anwältin bei den Gerichtshöfen, die nach den Gesetzen des Fenechus Recht sprachen, und hatte sogar den Titel eines anruth erworben, die zweithöchste Auszeichnung eines Gelehrten. Unaufhörlich trieb ihr der Wind den Schnee ins Gesicht, der sich in den roten Haarsträhnen festsetzte, die unter ihrem cubhal, ihrem Schleier, hervordrängten und sie gegen die bleiche Stirn drückten. Konnte sich die Windrichtung nicht ändern, wenigstens für ein paar Minuten? Den Wind im Rücken zu haben wäre erträglicher gewesen. Doch der Sturm blies unablässig aus Nord.

Das bedrohliche Geheul der Wölfe kam näher. Bildete sie es sich nur ein, oder ritt sie dem Rudel auf dem einsamen Weg durch die Berge entgegen? Sie zitterte und schalt sich, dass sie die Nacht nicht im letzten Wirtshaus verbracht und milderes Wetter abgewartet hatte. Doch der Schneesturm hatte gerade begonnen, und es konnte Tage dauern, bis er sich legte. So viel Zeit aber blieb ihr nicht. Die Nachricht, die sie von ihrem Bruder Colgú erhalten hatte, war beunruhigend und drängend. Die Mutter lag im Sterben. Grund genug für Fidelma, bei so unbarmherzigem Wetter auf gefährlichem Pfad durch die im Schnee versinkende Bergwelt zu reiten.

Ihre Wangen waren eiskalt, die Hände steif und klamm, tapfer trotzte sie den vom Wind getriebenen Schneeschauern. Obwohl sie sich den schweren wollenen Umhang umgeschlungen hatte, klapperte sie mit den Zähnen und fror erbärmlich. Unversehens ragte eine dunkle Gestalt im Schneetreiben vor ihr auf. Das Herz schlug ihr bis zum Halse, ihr Pferd scheute und wäre fast gestürzt. Doch sie konnte sich halten, das Ross zügeln und erlöst aufatmen. Wenige Schritte vor ihr stand ein majestätischer Hirsch, beäugte sie, wandte sich mit einem Ruck um und verschwand im hoch aufstiebenden Flockenwirbel.

Sie ritt weiter und merkte bald, dass sie auf den Kamm einer Anhöhe geraten war, denn der Sturm drohte sie vom Pferd zu werfen. Auch ihr Tier senkte den Kopf und stemmte sich mit den Hufen gegen den Boden, um dem eisigen Ansturm besser standhalten zu können.

Fidelma schaute blinzelnd in der vor ihr verschwimmenden Landschaft umher. Sie glaubte, ein Licht erblickt zu haben. Oder war es nur Einbildung? Wieder und wieder blinzelte sie, trieb ihr Pferd voran, mühte sich, die Richtung nicht zu verlieren. Unbewusst zog sie ihren Überwurf noch dichter um Schultern und Hals.

Doch! Sie hatte richtig gesehen. Da war ein Licht!

Sie hielt an, glitt vom Pferd und schlang die Zügel locker um den Arm. Der Schnee war knietief, darin vorwärtszukommen war fast unmöglich. Aber sie konnte mit dem Ross nicht blindlings durch die Schneewehen reiten, sie musste sich erst selbst überzeugen, ob sie noch festen Boden unter den Füßen hatte. Binnen kurzem geriet sie an einen hohen Pfahl. Sie hob den Kopf, versuchte, in dem Schneegestöber etwas zu erkennen. Und siehe da, über ihrem Kopf schwankte eine Sturmlaterne im Wind.

Wo genau sie sich befand, enthüllten ihr die wirbelnden Flocken nicht. Doch sie war sich sicher, dass die Laterne das übliche Zeichen eines bruidhen, eines Gasthofs, war, denn es gab ein Gesetz, das alle Gastwirte verpflichtete, nachts oder bei Wetterunbilden eine Laterne als Wegweiser anzuzünden.

Sie entschied sich auf gut Glück für eine Richtung, in die sie weiter durch den tiefen Pappschnee stapfen wollte. Dann ließ der Wind für einen Moment nach, und sie konnte die dunklen Umrisse eines Gebäudes ausmachen. Erneut toste der Sturm los, sie zog den Kopf ein und wankte auf das Haus zu. Mehr durch Zufall als durch irgendeinen Fingerzeig geriet sie an die Querstange zum Anbinden der Pferde, knotete die Zügel fest und tastete sich an der kalten Steinwand zur Tür.

Das Schild über dem Eingang konnte sie nicht entziffern. Mit Befremden nahm sie einen an der Tür hängenden, fast völlig eingeschneiten Kranz trockener Gräser und Kräuter wahr. Sie griff nach der eisernern Klinke, drückte sie herunter und rüttelte daran, doch die Tür gab nicht nach. Unmutig krauste sie die Stirn. Dem Gesetz nach war jeder brugh-fer, jeder Gastwirt, verpflichtet, seine Tür zum Gasthaus Tag und Nacht und bei jedem Wetter geöffnet zu halten.

Wieder ließ der Sturm etwas nach, und sein Heulen schwächte sich zu einem leisen Stöhnen ab. Erbost hämmerte Fidelma mit der geballten Faust an die Tür. Ertönte von drinnen ein Aufjammern, oder war es nur das Wimmern des um die Ecken streichenden Luftzugs?

Jede andere Antwort blieb aus. Abermals trommelte sie gegen die Tür, nun schon richtig wütend. Dann vernahm sie ein Geräusch, hörte Schritte, und eine krächzende Männerstimme rief: »Gott und seine Heiligen, stellt euch zwischen uns und allem, das von Übel ist! Hebe dich hinweg, verfluchter Geist!«

Fidelma stand wie vom Donner gerührt, fasste sich rasch und rief, so laut sie konnte: »Mach auf, Gastwirt! Öffne einer Anwältin der Gerichtshöfe, öffne einer Schwester aus der Abtei Kildare! Im Namen der Barmherzigkeit, öffne einer, die bei dem Unwetter nicht weiterkann!«

Einen Augenblick blieb alles still. Dann glaubte sie Stimmen zu hören, die sich heftig stritten. Noch einmal pochte sie mit aller Kraft.

Schließlich wurden Riegel zurückgezogen, und die Tür ging auf. Ein Schwall warmer Luft umfing Fidelma, sie drängte sich hinein und schüttelte den Schnee von ihrem wollenen Umhang.

»Was ist das für ein Gasthaus, das die Gesetze der Brehons missachtet?«, fuhr sie den Mann an, der die Holztür hinter ihr schloss.

Er war groß und dürr, mittleren Alters, an den Schläfen bereits ergraut und sah aschfahl aus. Bekleidet war er nur dürftig, er hielt sich gebückt. Doch nicht deshalb sah ihn Fidelma erstaunt an. Sein entsetzter Gesichtsausdruck fesselte sie. Das war kein plötzliches Erschrecken. Kummer und Leid hatten tiefe Spuren in sein leichenblasses Antlitz gegraben.

»Ich habe mein Pferd draußen angebunden. Das arme Vieh erfriert, wenn sich niemand darum kümmert«, sagte Fidelma knapp, als der Mann ihr eine Antwort schuldig blieb und sie nur sprachlos anstarrte.

»Wer bist du?«, ertönte jetzt hinter ihr die schrille Stimme einer Frau.

Fidelma drehte sich um und sah sich einer Frau gegenüber, deren Züge einstmals hübsch gewesen waren, doch zunehmendes Alter hatte das Gesicht aufgeschwemmt und von Falten durchfurcht. Ihre Augen waren schwarz und hatten keine erkennbaren Pupillen. Fidelma gewann den Eindruck, in einem furchtbaren Moment ihres Lebens war der Frau das Blut erstarrt und nie wieder in Fluss geraten. Sie hielt ein langes, kunstvoll gearbeitetes Kruzifix vor sich, als wollte sie damit Unheil abwehren.

Mann und Frau nahmen sich nichts in ihrer Art.

»Sag schon, was für eine bist du?«

Mühsam beherrscht erwiderte Fidelma: »Wenn ihr die Wirte dieses Gasthauses seid, dann hat euch zu reichen, dass ich eine ermüdete Reisende bin, die durch die Berge hier zieht und die der Schneesturm zwingt, Unterkunft zu suchen.«

Die Frau ließ sich durch ihren herablassenden Ton nicht einschüchtern. »Das zu wissen reicht uns nicht«, entgegnete sie standhaft. »Sag, ob du uns Unheil bringst oder Segen!«

Fidelma stutzte. »Ich suche Schutz vor dem Sturm, das ist mein einziges Begehr. Ich bin Fidelma von Kildare«, erklärte sie, nach wie vor verärgert. »Außerdem bin ich eine dálaigh bei den Gerichten im Range eines anruth, und ich bin die Schwester von Colgú, dem Thronanwärter dieses Königreichs.«

Sich derart großsprecherisch vorzustellen, zeigte, wie ungehalten Fidelma war, denn üblicherweise verriet sie über sich selbst so wenig, wie irgend möglich. Auch verschwieg sie im Allgemeinen, dass ihr Bruder Colgú Thronanwärter im Königtum von Cashel war. Jetzt aber meinte sie, sich deutlich zu erkennen geben zu müssen, um die beiden hier aus ihrer merkwürdigen Haltung zu locken.

Während sie sprach, legte sie den schweren Umhang ab, so dass ihr Habit sichtbar wurde. Die Frau bemerkte sogleich das kostbare Kruzifix, das Fidelma an einer Kette um den Hals trug, und die eben noch kalten Augen zeigten, dass ihr Gemüt sich beruhigte.

Sie ließ ihr Kreuz sinken und neigte kurz den Kopf. »Verzeih, Schwester! Ich heiße Monchae und bin die Ehefrau von Belach, dem Gastwirt.«

Der Wirt stand immer noch unschlüssig an der Tür. »Soll ich das Pferd versorgen?«, fragte er, mit sich uneins.

»Wenn du nicht willst, dass es erfriert, solltest du es tun«, warf Fidelma hin und ging auf das offene Feuer zu, in dem Torfsoden glühten und anheimelnde Wärme verbreiteten. Aus dem Augenwinkel sah sie noch, dass Belach kurz zögerte, sich dann eine Decke überwarf und ein Schwert griff, das hinter der Tür lehnte. So bewaffnet, ging er hinaus in den Sturm.

Darüber wunderte sich Fidelma nun wirklich. Noch nie hatte sie gesehen, dass ein Stallknecht zum Schwert griff, ehe er ein Pferd in den Stall brachte.

Monchae schob den eisernen Haltearm, an dem ein offener Kessel hing, über die Torfglut.

»Wo bin ich hier eigentlich? Wie heißt der Ort?«, fragte Fidelma, während sie sich auf einem Stuhl niederließ und die Beine vor dem wärmenden Feuer ausstreckte. Die aus Balken bestehende Decke der Stube war niedrig. Der Raum wirkte gemütlich, doch bis auf eine hohe Statuette der Madonna mit Kind gab es keinerlei Schmuckgegenstände. Die Madonna war bunt bemalt und schien aus einer Art Gips oder Alabaster gefertigt zu sein. Ihren Ehrenplatz hatte sie am Ende des langen Tisches, an dem wahrscheinlich die Gäste bewirtet wurden.

»Das hier ist Brugh-na-Bhelach. Du bist geradenwegs von der Flanke des Berges heruntergekommen; wir nennen ihn Fionns Sitz. Keine Meile von hier fließt der Tua. Im Winter kommen hier selten Wanderer vorbei. Wohin zieht es dich?«

»Ich muss nach Norden, nach Cashel.«

Monchae füllte einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit aus dem Kessel und reichte ihn ihrem Gast. Fidelma schloss die froststeifen Finger um den Becher, konnte aber nicht gleich die Wärme spüren, die von dem heißen Getränk ausging. Es roch gut, der Dampf stieg ihr in die Nase. Vorsichtig nippte sie, und ihr Geschmackssinn bestätigte, was ihr der Geruchssinn schon verraten hatte.

Sie schaute zu der Frau auf, die neben ihr stand. »Warum war die Tür eures Gasthauses zugesperrt, Monchae? Warum musste ich bitten und betteln, eingelassen zu werden? Das Gesetz über Herbergen und Wirtshäuser kennt ihr doch gewiss.«

Monchae presste die Lippen zusammen. »Wirst du uns bei dem bó-aire anzeigen?«

Das war der für die Gegend zuständige Friedensrichter.

»Lieber möchte ich erfahren, warum ihr euch so eingeigelt habt. In der Kälte könnte ja jemand umkommen, bevor ihr ihn einlasst.«

Ratlos nagte die Frau an den Lippen.

Noch ehe sie antworten konnte, flog die Tür auf, eisiger Wind schoss herein, und Schneeflocken wirbelten umher. Nur kurz blieb Belach im Türrahmen stehen, auf seinem bleichen Gesicht malte sich das nackte Entsetzen. Er stöhnte auf, kam herein und schloss die Tür hinter sich. Das Schwert hielt er immer noch wie eine Waffe vor sich. Dann schob er geschwind alle Riegel vor. Verwundert verfolgte Fidelma sein Tun.

Monchae war erstarrt und hielt sich die Wangen. Belach wandte sich ihnen zu, seine Lippen zitterten.

»Ich hab ihn gehört!«, brachte er heraus, und dabei wanderten die Augen zwischen seiner Frau und Fidelma hin und her. »Ich hab ihn gehört!«

»Oh, Maria, Muttergottes, beschütz uns!«, jammerte die Frau und schwankte, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Fidelma streng.

Belach sah sie flehend an und antwortete kläglich: »Ich war in der Scheune, hab deinem Pferd Streu hingeschüttet, Schwester, und habe ihn gehört.«

»Wen hast du gehört?«, rief Fidelma und suchte ihre Ungeduld zu bezähmen.

»Den Geist von Mugrán«, ächzte Monchae und fing an zu schluchzen. »Steh uns bei, Schwester. Um Christi willen! Steh uns bei!«

Fidelma erhob sich, nahm die Frau sacht am Arm und führte sie dichter ans Feuer. Sie spürte, dass Belach zu erregt und nicht in der Lage war, seiner Frau beizustehen. Sie griff sich einen Krug, vergewisserte sich, dass corma darin war, ein aus Gerste gebrauter Schnaps, und goss etwas davon in einen Becher. Den reichte sie der Frau und redete ihr gut zu, einen Schluck zu trinken.

»Erzähl mir, was das alles auf sich hat. Sonst kann ich euch überhaupt nicht helfen.«

Monchae schaute Belach an, wie um seine Erlaubnis einzuholen, und bedächtig nickte er zustimmend. »Erzähl ihr alles von Anfang an«, murmelte er.

Aufmunternd lächelte Fidelma sie an. »Eine Geschichte von Anfang an zu erzählen ist immer das Beste«, scherzte sie. Aber der Gastwirtsfrau stand der Sinn nicht nach Fröhlichkeit.

Fidelma setzte sich vor sie hin und schaute ihr erwartungsvoll ins Gesicht. Nicht lange, und Monchae fing an zu erzählen, stockend zunächst, dann aber immer flüssiger.

»Ich war ein ganz junges Ding, als ich hierherkam. Als Braut des Gastwirts kam ich, das war damals ein Mann namens Mugrán. Belach ist mein zweiter Mann, musst du wissen«, fügte sie rasch hinzu.

Da Fidelma darauf nichts erwiderte, fuhr sie fort. »Mugrán war ein guter Kerl. Aber manchmal hatte er so seltsame Anwandlungen. Musik konnte er wunderbar machen, spielte ausgezeichnet auf dem Dudelsack. In dem Raum hier hat er oft die Leute unterhalten, von weit und breit kamen die, um ihn zu hören. Aber ein unruhiger Geist war er immer. Ich merkte bald, dass ich die ganze Arbeit hatte mit der Wirtschaft, während er seinen Träumereien nachhing. Mugráns jüngerer Bruder Cano hat mir oft geholfen, stand aber stark unter dem Einfluss seines Bruders.

Sechs Jahre ist es her, da entzündete unser Stammesfürst das crois-tara, das flammende Kreuz, und schickte seine Reiter von Dorf zu Dorf. Jeder Clan sollte eine Schar Kämpfer ins Aufgebot des Cathal Cú cen Máthair von Cashel entsenden. Der wollte in die Schlacht gegen Guaire von Connacht ziehen. Eines Morgens eröffnete mir Mugrán, dass er und Cano sich der Schar der Krieger anschließen würden. Als ich dagegen aufbegehrte, hat er mich beruhigt. Um meine Sicherheit müsste ich nicht bangen. Er hätte im Gasthaus eine Erbschaft hinterlegt, die mich vor Armut schützen würde. Wenn ihm was zustoßen sollte, würde es mir an nichts fehlen. Sprach’s, stand auf und zog mit Cano los.«

Ihrer Stimme war anzumerken, wie sehr sie das selbst jetzt noch erbitterte.

»Die Zeit schlich dahin. Der Sommer kam und ging, und ich mühte mich, den Gasthof zu halten. Als der Schnee des Winters wegtaute, besuchte mich ein Bote. Der erzählte mir, an den Ufern des Loch Derg hätte eine große Schlacht stattgefunden, und mein Mann wäre dort erschlagen worden. Zum Zeichen brachte er mir sein blutbeflecktes Überhemd. Es hieß, Cano hätte Seite an Seite mit ihm gefochten und sei ebenfalls dort gefallen. Ich bekam auch seinen blutbeschmierten Umhang.«

Sie schwieg und schluchzte aufgewühlt.

»Ich will nicht behaupten, dass ich um ihn getrauert habe. Nein, betrauert habe ich meinen Ehemann Mugrán nicht. Wir haben ja kaum zusammengelebt. Er hatte immer neue Einfälle und verrückte Pläne und ist denen nachgejagt. Ich konnte sein Herz ebenso wenig an mich binden, wie ich der Hauskatze beibringen kann, mir zu Willen zu sein. Aber der Gasthof gehörte jetzt mir, nicht nur als Erbe, sondern auch, weil ich ihn mir erarbeitet hatte, während er seinen Phantastereien nachhing. Nach der Todesnachricht hat mir der Friedensrichter bestätigt, der Gasthof gehört mir, denn mein Mann läge tot an den Ufern des weit entfernten Sees. Ich habe unablässig weitergerackert, um hier alles am Laufen zu halten. Und das war schwer genug, denn Gäste kommen nur selten auf diesem abgelegenen Weg vorbei.«

»Und was ist aus dem Erbe geworden, das Mugrán im Gasthof hinterlassen hat und das dich vor Not und Armut bewahren sollte?«, fragte Fidelma, der die Geschichte naheging.

Die Frau lachte kurz auf. »Ich habe gesucht und gesucht, aber nichts gefunden. Das war wohl auch nur einer von Mugráns Träumen, eines von seinen verrückten Hirngespinsten. Wahrscheinlich hat er das nur gesagt, damit ich nicht jammerte, weil er sich auf und davon machte.«

»Und wie ist es dir danach ergangen?«, drängte Fidelma sie, weiterzuerzählen.

»Ein Jahr verging, und dann habe ich Belach getroffen.« Sie nickte ihrem Mann zu. »Belach und ich haben uns sofort ineinander verliebt. Nicht so, wie ein Hund seine Schafe liebt, sondern mehr, wie ein Lachs nicht von seinem Bergbach lassen kann. Wir haben geheiratet und seither immer miteinander gearbeitet. Und ich habe darauf bestanden, das wir das Gasthaus nach ihm benennen: Brugh-na-Bhelach. Hier leben zu können ist schwierig genug, aber wir haben es geschafft, unser Auskommen zu finden.«

Belach war hinzugetreten und hatte Monchaes Hand in seine genommen. Fidelma deutete es als Zeichen, dass die beiden sich noch immer liebten nach all den Jahren, die sie gemeinsam verbracht hatten.

»Fünf Jahre lang waren wir glücklich«, bestätigte Belach. »Und selbst wenn die bösen Geister uns jetzt überwältigen, diese fünf Jahre können sie uns nicht stehlen.«

»Böse Geister? Was meint ihr damit?«, fragte Fidelma stirnrunzelnd.

»Vor sieben Tagen hat das angefangen«, sagte Monchae langsam. »Ich hab gerade unsere Schweine gefüttert, da war mir, als hörte ich Musik oben vom Berg. Ich hab gelauscht. Und wirklich, da klang ein Dudelsack hoch oben in der Luft. Mich überlief es kalt. Die Melodie hab ich noch im Ohr, die hat Mugrán oft gespielt.

Ich lief ins Haus und hab Belach gesucht. Er hatte die Musik nicht gehört. Wir gingen nach draußen und lauschten, doch da war nur der Wind, der über die Berge fegte und Vorbote eines nahenden Sturms ist.

Am nächsten Tag um die Mittagszeit hörte ich ein dumpfes Geräusch vor der Haustür. Ich dachte, das ist ein Reisender, der die Klinke nicht niederdrücken kann, und öffnete. Doch da war niemand … so schien es, und erschrak erst, wie ich nach unten schaute. Auf der Schwelle lag ein toter Rabe. Wie der zu Tode gekommen war, ließ sich nicht feststellen, war vielleicht gegen die Tür geflogen und hatte das nicht überlebt.«

Fidelma lehnte sich zurück und schürzte die Lippen. Solche Geschichten waren für sie nicht neu. Musik von fern, ein toter Rabe vor der Tür. Das waren Anzeichen des Todes, wie alle Landbewohner der fünf Königreiche glaubten. Ein unheimliches Gefühl überkam sie, obwohl ihr Verstand es besser wusste.

»Seither haben wir die Dudelsackmelodie mehrfach gehört«, nahm jetzt Belach das Wort. »Auch ich habe sie gehört.«

»Und von woher kommt diese Musik?«

Belach machte eine ausladende Bewegung mit der Hand und wies auf die Berge draußen. »Immer von hoch oben, von oben in der Luft. Ist überall um uns rum.«

»Das ist die Totenklage.« Monchae stöhnte. »Ein Fluch liegt auf uns.«

Den Gedanken wehrte Fidelma verächtlich ab. »Es gibt keinen Fluch, es sei denn, es ist eine Strafe, die Gott verhängt.«

»Steh uns bei, Schwester«, flüsterte Monchae. »Ich fürchte, Mugrán ist gekommen und will unsere Seelen holen … Aus Rache, weil ich Belach liebe und nicht ihn.«

»Wie kommst du darauf?«, meinte Fidelma leicht spöttisch.

»Ich habe ihn gehört. Ich habe seine Stimme gehört, aus der Anderswelt hat er gestöhnt: ›Ich bin allein! So allein!‹, hat er gerufen. ›Komm zu mir, Monchae!‹ Ah, oft und oft habe ich es gehört, diese Geisterklage!«

Fidelma sah der Frau an, dass es ihr völlig ernst damit war.

»Du hast das wirklich gehört? Wann und wo war das?«

»Vor drei Tagen in der Scheune. Ich hab die Ziegen gemolken, wir machen Käse aus der Milch. Da habe ich Mugrán flüstern gehört. Ich schwöre, das war seine Stimme. Überall um mich herum war die Stimme.«

»Hast du gesucht, woher die kam?«

»Suchen? Nach einem Geist?« Monchae klang aufgebracht. »Gerannt bin ich, was ich konnte, ins Haus hinein, hab mich an mein Kruzifix geklammert.«

»Gesucht habe ich«, versicherte Belach gelassen. »Hab alles abgesucht, denn wie du, Schwester, suche ich Erklärungen erst in dieser Welt, bevor ich die Anderswelt in Betracht ziehe. Weder in der Scheune noch im Gasthaus habe ich jemand gefunden, von dem diese Laute kommen konnten. Doch ich hatte so meine Zweifel, genau wie du, Schwester. Ich habe unseren Esel genommen und bin hinunter ins Tal geritten zum Gehöft von Dallán. Das ist der Stammesfürst, der mit Mugrán zum Loch Derg gezogen war. Er hat Stein und Bein geschworen, Mugrán ist seit sechs Jahren tot. Er hat den Leichnam selbst gesehen. Was sonst hätte ich noch machen können?«

Fidelma nickte nachdenklich.

»Also, Monchae, nur du hast Mugrán reden gehört?«

»Nein!«, rief Belach überraschend dazwischen. »Bei Patrick und allen Aposteln, ich hab die Stimme auch gehört.«

»Und was hat diese Stimme zu dir gesagt?«

»Sie hat gesagt: ›Hüte dich, Belach. Du stehst in den Schuhen eines Toten, aber ohne den Segen seines Geistes.‹ Das und nichts anderes hat sie gesagt.«

»Und wo hast du das gehört?«

»Wie Monchae in der Scheune, da hat die Stimme zu mir gesprochen.«

»Na schön. Ihr habt einen toten Raben gesehen, habt einen Dudelsack von weitem spielen gehört und habt eine Stimme vernommen, von der ihr meint, es sei die von Mugrán. Und doch muss es eine vernünftige Erklärung dafür geben.«

»Erklärung?«, fuhr Monchae auf. »Dann erklär mir doch bitte Folgendes, Schwester. Gestern Nacht hab ich die Musik wieder gehört. Ich bin davon aufgewacht. Der Schneesturm hatte sich gelegt, der Himmel war klar, und der Mond schien. Bei dem Schnee war es hell wie am Tage. Da hörte ich die Musik von neuem.

Ich nahm allen Mut zusammen und bin ans Fenster gegangen, habe die Fensterladen aufgestoßen. Von da sieht man einen Hügel, keine hundert Schritte entfernt, einen kleinen schneebedeckten Hügel. Da stand ein Mann drauf, hielt einen Dudelsack in den Händen und spielte ein Klagelied. Dann hat er eine Pause gemacht, hat mich angeschaut und gerufen: ›Ich bin so allein, Monchae. Bald hole ich dich. Dich und Belach.‹ Danach hat er sich umgedreht und …«

Sie schluchzte auf und sank Belach in die Arme.

Fidelma schaute sie ratlos an. »War das eine Gestalt aus Fleisch und Blut?«

Angsterfüllt blickte sie zu Fidelma hin. »Das ist es ja. Der Körper schimmerte richtig.«

»Schimmerte?«

»Da war so ein seltsames Leuchten drum herum, es leuchtete wie eine geisterhafte Flamme. Ganz bestimmt war das ein Dämon aus der Anderswelt.«

Fidelma wandte sich Belach zu. »Hast du diese Erscheinung auch erblickt?«, fragte sie ihn und wartete fast darauf, dass er es bejahte.

»Nein. Ich habe Monchae aufschreien gehört, und davon wurde ich wach. Sie hat mir erzählt, was sie eben erlebt hatte, und da bin ich in der Nacht gleich hinausgegangen zu dem Hügel. Hatte gehofft, Spuren zu finden, dass da ein Mensch gestanden hatte. Doch gefunden habe ich nichts.«

»Keinerlei Anzeichen im Schnee, dass da jemand gewesen war?«

»Ich sage dir ja, nichts von einer menschlichen Spur war da. Der Schnee war frisch gefallen. Bloß etwas war merkwürdig …«

»Was war merkwürdig?«

»Auf dem Schnee lag ein seltsames Leuchten, es glitzerte irgendwie unheimlich.«

»Aber Fußabdrücke oder sonstige Spuren hast du nicht gesehen?«

»Nein.«

Die Frau schluchzte vor sich hin. »Das alles ist wahr, Schwester, ist wirklich wahr. Der Geist von Mugrán wird uns bald holen. Unsere Tage auf Erden sind gezählt.«

Fidelma schloss die Augen und dachte eine Weile angestrengt nach. »Nur der Lebendige Gott entscheidet, welche Lebensspanne dir zugemessen ist«, sagte sie halb geistesabwesend.

Beklommen standen die Wirtsleute da und betrachteten Fidelma, die sich in der Wärme des Feuers räkelte. Schließlich meinte sie: »Da ich nun einmal hier bin, brauche ich was zu essen und ein Bett für die Nacht.«

Zustimmend neigte Belach das Haupt. »Das sollst du haben, Schwester. Sei uns willkommen. Aber ob du so gut bist und ein Gebet vor Unserer Lieben Frau sprichst? Damit dieser grässliche Spuk aufhört. Sie ist die gebenedeite Mutter unseres Herrn Jesus und fordert gewiss nicht unseren baldigen Tod.«

Fidelma machte eine ungeduldige Handbewegung. »Ich würde nicht gleich alle Übel der Welt der Heiligen Familie aufbürden«, meinte sie tadelnd. Doch als sie ihre verängstigten Mienen sah, fügte sie sich dem Gottverständnis der beiden. »Ich werde für euch zu Unserer Lieben Frau beten. Aber jetzt bringt mir was zu essen.«

Irgendetwas ließ Fidelma aufwachen. Ihr Herz schlug rascher, ihr Körper war angespannt. Das Geräusch hätte auch zu ihrem Traum gehören können. Ein schwerer Gegenstand war herabgefallen. Reglos lag sie da und überlegte, was es gewesen sein könnte. Offensichtlich hatte der Sturm nachgelassen. Hinter den Fensterladen der kleinen Kammer, die ihr Monchae zum Schlafen zugewiesen hatte, war es still, geradezu unheimlich still sogar. Sie rührte sich nicht, lauschte angestrengt.

Dann knarrte es. In den alten Balken des Gasthofs knarrte und knackte es ohnehin ständig. Hatte sie wirklich nur geträumt? Sie wollte sich auf die Seite legen, da hörte sie wieder ein Geräusch, konnte sich aber nicht erklären, was es war. Und jetzt noch einmal, ein dumpfer Aufschlag.

Sie zwang sich, das warme Bett zu verlassen, und zitterte in der Kälte; Mitternacht musste längst vorbei sein. Sie langte nach ihrem schweren Umhang und legte ihn sich um die Schultern. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür, öffnete sie, so leise es eben ging, und horchte. Das Geräusch war von unten gekommen.

Sie wusste, dass außer ihr, Monchae und Belach niemand im Gasthof war. Die Wirtsleute hatten sich in ihre Schlafstube am oberen Treppenabsatz zur Ruhe begeben. Sie blickte nach oben, die Tür dort war zu.

Auf leisen Sohlen wie eine Katze tappte sie zur Treppe und starrte nach unten. Sonderbare Laute ließen sie erstarren. Es klang, als ob etwas Weiches und doch Schweres über die Dielen geschleift wurde. Von der Treppe konnte sie in den Gastraum sehen, wo die Glut des ausgehenden Feuers flackernde Schatten an die Wände warf. Fidelma biss in der Kälte die Zähne zusammen. Wenn sie doch nur eine Kerze hätte! Langsam stieg sie die Stufen hinunter und trat dabei auf ein loses Brett, das laut knackte. In der Stille der Nacht hallte das wie ein Donnerschlag.

Daraufhin schlurfte und scharrte etwas im Raum unten und veranlasste sie, beherzt die letzten Stufen zu nehmen. »Ist da wer?«, rief sie in die Düsternis. »In Christi Namen, gib dich zu erkennen!« Dabei pochte ihr Herz wild, und sie hatte Mühe, ihre Stimme gebieterisch klingen zu lassen.

Von weiter weg kam ein dumpfer Ton, dann herrschte völlige Stille. Sie sah sich in der großen Gaststube um, verfolgte die rötlichen, über die Wände huschenden Schatten. Etwas Genaues auszumachen war unmöglich.

Doch … da war wieder ein Geräusch hinter ihr.

Sie fuhr herum. Auf der Treppe stand Belach, und seine Frau schaute ihm ängstlich über die Schulter.

»Hast du es auch gehört?«, flüsterte er.

»Ich habe es gehört.«

»Gütiger Gott, schau herab auf uns«, seufzte der Mann.

Fidelma schniefte unbeherrscht. »Zünd eine Kerze an, Belach. Wir müssen alles absuchen.«

Der Wirt zuckte die Achseln. »Hat gar keinen Zweck, Schwester. Jede Nacht haben wir die Geräusche gehört, haben gesucht noch und noch. Gefunden haben wir nichts.«

»Ist ja auch nicht zu erwarten, dass ein Gespenst greifbare Spuren hinterlässt«, unterstützte ihn seine Frau.

»Doch Geräusche kann es machen, wie?«, knurrte Fidelma. »Nur etwas, das körperlich vorhanden ist, kann Geräusche verursachen. Los, sorge für Licht.«

Widerstrebend zündete Belach eine Lampe an. Der Wirt und seine Frau blieben an der Treppe stehen und schauten zu, wie Fidelma in jeden Winkel leuchtete. Sie war noch nicht weit gekommen, als Monchae losschrie und zu Boden fiel. Im Nu eilte Fidelma zu ihr. Ihr Mann tätschelte ihr die Hand, im Bemühen, sie damit zur Besinnung zu bringen.

»Sie ist ohnmächtig geworden«, murmelte er sinnloserweise.

»Hol Wasser!«, wies ihn Fidelma an. Dann spritzte sie ihr Wasser auf die Stirn und befeuchtete ihre Lippen. Monchae blinzelte und schlug die Augen auf.

»Was war mit dir? Was hat dich so erschreckt?«

Monchae starrte sie an, war leichenblass und zitterte am ganzen Leib.

»Die Sackpfeife!«, stammelte sie. »Sein Dudelsack!«

»Ich habe keinen Dudelsack gehört«, erwiderte Fidelma.

»Nein. Mugráns Sackpfeife … da auf dem Tisch!«

Belach blieb es überlassen, seiner Frau aufzuhelfen, denn Fidelma ging sofort hinüber, hielt die Kerze hoch, und da lag tatsächlich ein Dudelsack. Ein ganz gewöhnliches Instrument. Fidelma hatte schon viel bessere, mit mehr Kunstfertigkeit hergestellte gesehen.

»Was wolltest du mir dazu sagen?«, fragte sie die völlig verstörte Frau, die Belach stützte.

»Das ist die Sackpfeife von Mugrán. Die hatte er mitgenommen, als er loszog in die Schlacht. Es ist wahr, sein Geist ist zurückgekehrt. Oh, ihr Heiligen, beschützt uns!«

Verzweifelt klammerte sie sich an ihren Mann.

Fidelma nahm den Dudelsack in die Hand. Der war von der Art, die cetharchóire genannt wurde, weil er in vier Tonarten gestimmt war. Er hatte eine Spielpfeife, zwei kürzere Rohrblatt-Bordunpfeifen und einen langen Bordun. Eine einfache Sackpfeife, wie sie in fast jedem Haushalt in Irland zu finden war. Fidelma presste die Lippen zusammen und überlegte. Als sie zu Bett gingen, hatte kein Dudelsack auf dem Tisch gelegen.

»Woher nimmst du die Gewissheit, dass es der Dudelsack von Mugrán ist?«, fragte sie.

»Ich kenne ihn genau«, behauptete Monchae mit Nachdruck. »Weshalb kannst du mit Sicherheit sagen, welches Kleidungsstück dir gehört oder welches dein Messer ist? Weil du weißt, wie es gewebt ist, weil du seine Flecken oder Scharten kennst.«

Sie begann hysterisch zu heulen und zu schluchzen.

Fidelma riet Belach, seine Frau ins Bett zu bringen.

»Nimm dich in Acht, Schwester«, grummelte er und ging mit Monchae los. »Gewiss sind hier finstere Mächte am Werk.«

Fidelma lächelte unmerklich. »Ich vertrete eine stärkere Macht, Belach. Nichts geschieht auf Erden, ohne dass Er es will.«

Als sie fort waren, betrachtete sie noch eine Weile die Sackpfeife, konnte das Rätsel aber nicht lösen. Sie ließ das Instrument auf dem Tisch liegen und stieg die Treppe zu ihrer Schlafkammer hoch. Dankbar spürte sie, dass ihr Bett noch warm war, denn erst jetzt wurde ihr bewusst, wie kalt ihr Hände und Füße geworden waren.

Lange lag sie wach und grübelte über die rätselhaften Vorgänge nach, deren Zeuge sie in diesem abgelegenen Flecken in den Bergen wurde, und fragte sich, ob nicht doch übernatürliche Kräfte im Spiel waren. Fidelma gestand sich ein, dass es Mächte der Finsternis gab. Es wäre ja närrisch, an Gott zu glauben und gleichzeitig leugnen zu wollen, dass es auch den Teufel gab. Wenn das Gute existierte, dann zweifellos auch das Böse. Nur hatte Erfahrung sie gelehrt, dass stets Menschen die Urheber des Bösen waren.

Darüber war sie eingeschlafen. Es war noch dunkel, als sie erschrocken hochfuhr. Sie brauchte einige Augenblicke, ehe sie begriff, was sie ein zweites Mal in der Nacht weckte. In weiter Ferne spielte ein Dudelsack. Es klang lieblich und sanft. Das einschläfernde súan-traige war es, das schöne, wehmütige Wiegenlied. »Codail re suanán saine …« – »Schlafe sanft und in himmlischer Ruh.«

Fidelma kannte es gut, in ihrer Kindheit war ihr oft die liebliche, einlullende Melodie vorgesungen worden. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und schwang sich aus dem Bett. Die Musik war kein Traum. Sie kam irgendwo von draußen. Vorsichtig öffnete sie einen Spalt die Fensterladen.

Wie ein weißer Teppich lag der Schnee auf den Hügeln und Bergen der Umgebung. Am Himmel türmten sich schwere grauweiße Schneewolken. Dennoch war die Nacht hell, man konnte meilenweit sehen. Der Mond hatte einen Hof aus Eiskristallen, die Luft war eisig, es war märchenhaft still. Ihr warmer Atem stieg in die Luft und löste sich gleich wieder in nichts auf.

Sie erstarrte, ihr Herz begann wie wild zu hämmern, als wollte ein verrückter Trommler die Toten erwecken. Auf dem kleinen runden Hügel vor dem Gasthof stand einsam und allein eine Gestalt mit einem Dudelsack und spielte das Wiegenlied, von dem sie aufgewacht war. Ein merkwürdiges Leuchten, das den Spielenden umgab, fesselte sie und flößte ihr zugleich Furcht ein. Es war wie ein schimmernder Glanz, und kleine Sterne funkelten im Widerschein des Schnees.

Reglos stand Fidelma da und sah gebannt hinaus. Die Melodie verlor sich, die Erscheinung wandte den Kopf zum Gasthof und gab ein Wehgeschrei von sich. »Ich bin allein! Bin so allein, Monchae! Weshalb hast du mich verlassen? Ich bin so einsam! Bald komme ich und hole dich!«

Wahrscheinlich waren es die zu Herzen gehenden Rufe, die Fidelma aus der Starre lösten. Sie griff sich ihre Schuhe und ihren Umhang und hastete die Treppe hinunter in die düstere Gaststube. Von oben rief ihr Belach nach. »Geh nicht hinaus, Schwester! Da steht der Böse. Das ist der Schatten von Mugrán!«

Fidelma ließ sich nicht abhalten. Sie zog die Türriegel zurück und stürzte hinaus in die frostige Nacht, stapfte durch den tiefen Schnee und spürte die Nässe und Kälte an ihren nackten Beinen. Bevor sie noch den Hügel erreichte, war sie sich darüber im Klaren, dass die unheimliche Gestalt nicht mehr da sein würde. Dennoch stieg sie hinauf. Sie fand niemand vor, der nächtliche Dudelsackspieler war spurlos verschwunden. Mit festem Griff zog sie den Umhang enger um die Schultern. Sie zitterte, doch das lag an der Kälte der Nacht, nicht etwa daran, dass sie sich vor dem Gespenst fürchtete.

Sie holte tief Luft und suchte nach Fußspuren, entdeckte aber keine. Bei genauerem Hinsehen merkte sie dann, so unberührt wie sonst überall wirkte der Schnee auf dem Hügel nicht. Die Oberfläche war aufgeraut, wie vom Sturm aufgewühlt. Auch ein merkwürdiges Funkeln fiel ihr auf. Sie nahm eine Handvoll Schnee, er glitzerte, zeigte ein merkwürdiges Glimmen.

Unschlüssig wandte sie sich um und ging in ihren Fußstapfen zurück. Belach erwartete sie aufgeregt mit dem Schwert in der Hand an der Tür.

»Wenn das ein Geist ist, wirst du damit wenig gegen ihn ausrichten können«, bemerkte sie spöttisch und grinste ihn an.

Belach schwieg, verschloss aber die Tür und verriegelte sie, sobald Fidelma im Gastraum war. Wortlos stellte er das Schwert in die Ecke, während sie zur Feuerstelle ging, um sich aufzuwärmen.

Monchae stand auf der untersten Treppenstufe, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und stöhnte leise. Fidelma holte den Krug mit corma, goß sich davon ein und nahm einen kräftigen Schluck. Dann füllte sie einen anderen Holzbecher und reichte ihn der Frau.

»Hast du das gehört? Hast du es gesehen?«, jammerte die Wirtin.

Fidelma nickte nur. Belach nagte an den Lippen. »Das ist der Geist von Mugrán. Unser Schicksal ist besiegelt.«

»Unsinn!«, entrüstete sich Fidelma.

»Und wie erklärst du dir das da?« Belach wies auf den Tisch. Der war leer. Dabei hatte der Dudelsack dort gelegen, als sie wieder ins Bett gegangen war.

»Bis die Sonne aufgeht, dürfte es noch zwei Stunden dauern«, meinte Fidelma bedächtig. »Ich möchte, dass ihr euch beide in eure Schlafstube zurückzieht. Mit dem hier unten muss ich allein fertig werden. Was ihr auch hört, ich möchte, dass ihr solange oben bleibt, bis ich euch rufe.«

Belach starrte sie an, seine Züge waren bleich und angstverzerrt. »Du willst dich doch nicht auf einen Kampf mit dieser verderblichen Macht einlassen?«

»Doch, das will ich«, sagte sie mit allem Nachdruck.

Er schüttelte bekümmert den Kopf und half seiner Frau die Treppe hinauf. Fidelma blieb im Dunkeln zurück und überlegte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, egal, was sich in diesem einsamen Gasthaus zusammenbraute, es würde über kurz oder lang zum Ausbruch kommen. Vielleicht sogar noch vor Sonnenaufgang. Von zwingender Logik war das nicht, doch Fidelma hatte längst die Erfahrung gemacht, dass es unklug war, seinem Instinkt zu misstrauen.

Sie tastete sich zum anderen Ende der Gaststube bis zu einem Alkoven. Das Einzige, das dort stand, war eine breite Holzbank. Sie ließ sich darauf nieder, hüllte sich in ihren Umhang und wartete. Worauf, wusste sie nicht. Aber sie war davon überzeugt, nicht lange warten zu müssen, bis sich wieder etwas ereignete.

Sie sollte recht behalten. Schon bald hörte sie abermals die Töne der Sackpfeife. Diesmal war es nicht das sanfte Wiegenlied, sondern eine Trauerweise, die herzzerreißende Klage des gol-traige, voller Schmerz, Wehmut und Verlangen.

Fidelma neigte den Kopf, suchte zu ergründen, aus welcher Richtung die Töne kamen. Von draußen offenbar nicht, es klang eher wie ein Echo drinnen im Haus, drang durch die Dielen, durch die Wände, hallte wider von den Dachbalken.

Es überlief sie kalt. Noch konnte sie sich nicht entschließen, die Quelle zu suchen, betete aber, Monchae und Belach würden sich an ihre Weisung halten und in ihrer Kammer bleiben.

Sie wartete, bis das Lied zu Ende war. Jetzt herrschte Stille in dem alten Haus. Dann hörte sie etwas, hörte das Geräusch, von dem sie das erste Mal wach geworden war – ein leises Schlurfen. Sie beugte sich vor, hatte Mühe, im Dunkeln etwas zu erkennen. Aus dem Fußboden schien eine Gestalt zu wachsen; langsam schob sie sich am anderen Ende des Raums hoch.

Ihr stockte der Atem. Die Gestalt richtete sich zu voller Größe auf, trug etwas unter dem Arm, augenscheinlich den Dudelsack, und ging, merkwürdig hinkend, auf den Tisch zu. Immer wenn das Licht der auf dem Herd glühenden Torfsoden den Umhang der Erscheinung streifte, glitzerte es, als ob Myriaden winziger Fünkchen tanzten.

Fidelma stand auf. »Schluss mit dem Verwirrspiel«, rief sie energisch.

Das Wesen ließ den Dudelsack fallen und fuhr herum, suchte zu erfassen, wer da sprach, und holte erschrocken tief Luft. »Bist du das, Monchae?«, zischte es höhnisch.

Und ehe sich Fidelma versah, flog die Gestalt quer durch den Gastraum auf sie zu. Im flackernden Schein des Herdfeuers nahm sie das Aufblitzen einer erhobenen Klinge wahr, umklammerte instinktiv mit beiden Händen den ausholenden Arm und stemmte sich gegen den Angreifer, um die Wucht seines Körpers abzufangen.

Der grunzte wütend, als sein Überraschungsangriff fehlschlug. Der Zusammenstoß ihrer Leiber warf Fidelma zurück in den Alkoven und gegen die Holzbank. Sie stöhnte auf vor Schmerz. Ihr Gegner hatte ihren Griff abschütteln können und hob erneut das Messer.

»Du hättest besser fliehen sollen, Monchae, solange die Gelegenheit war«, knurrte eine Männerstimme. »Weder dir noch deinem Alten wollte ich etwas antun. Wollte euch nur aus dem Gasthof vertreiben. Aber jetzt musst du sterben!«

Fidelma sprang zur Seite, suchte fieberhaft nach einer Waffe, nach etwas, womit sie sich verteidigen konnte. Ihre Hände bekamen einen Gegenstand zu fassen. Undeutlich erkannte sie die Alabasterfigur der Madonna mit Kind. Sie schwang die Figur wie eine Keule, traf den Unhold seitlich am Kopf und war nicht wenig erstaunt, mit welchem Schwung ihr das gelang. Wie nicht anders von einer Gipsstatuette zu erwarten zersprang die Alabasterfigur in Stücke. Aber ihr Aufprall war so heftig, dass sie ihn in der Hand und im Arm spürte. Dazu klatschte es widerlich, als würde etwas Hartes auf Fleisch treffen.

Ihr Gegner röchelte seltsam und stürzte zu Boden. Sie hörte noch, wie etwas auf die Dielen glitt, – es war sein Messer, das ihm aus der Hand fiel.

Laut rief sie nach oben: »Ihr könnt herunterkommen! Euren Geist habe ich erledigt!« Dann tappte sie im Dunkeln umher, bis sie eine Kerze fand und sie anzündete.

Ihr Widersacher lag mit ausgestreckten Armen auf der Seite. Es war ein junger Mann. Entsetzt zuckte sie zusammen beim Anblick der tiefen Wunde an seiner Schläfe. Sie fühlte nach dem Puls, der war jedoch nicht mehr zu spüren.

Verwirrt schaute sie um sich. Ein bloßer Hieb mit einer Gipsfigur konnte doch niemanden töten! Überall lagen Gipsstücke herum. Mitten darunter sah sie eine in Sacktuch eingenähte Rolle. Sie war etwa einen Fuß lang und hatte einen Durchmesser von einem Zoll. Fidelma bückte sich und hob sie auf. Sie war ziemlich schwer. Mit einem Seufzer legte sie den Fund zurück.

Monchae und Belach kamen die Treppe herabgeschlichen.

»Belach, hast du eine Laterne?«, fragte Fidelma und richtete sich auf.

»Ja, was gibt es?«

»Zünde sie bitte an. Ich glaube, wir haben des Rätsels Lösung.« Sie war zu der Stelle gegangen, an der die Gestalt aus dem Boden aufgetaucht war, und stand vor einer Luke. Stufen führten hinunter in einen unterirdischen Gang.

Belach kam mit der Lampe. »Was ist geschehen?«, fragte er.

»Euer Geist war einfach nur ein Mann.«

Monchae stöhnte auf. »Mugrán etwa? Ist der doch nicht am Loch Derg gefallen?«

Fidelma lehnte sich an die Tischkante und schüttelte den Kopf. Sie nahm den Dudelsack in die Hand, den der unheimliche Besucher auf den Tisch geworfen hatte.

»Nein, es war wohl eher jemand, der ihm ähnelte und dessen Stimme dir so ähnlich klang wie die von Mugrán. Schau dir sein Gesicht an, Monchae. Vielleicht erkennst du ihn ja?«

Ihr Aufschrei bestätigte Fidelma, dass ihre Vermutung stimmte.

»Das ist Cano, Mugráns Bruder«, stellte Monchae fassungslos fest.

»Aber warum? Wie ist das möglich?«

»Das ist eine traurige, aber offenbar ganz einfache Geschichte. Cano ist nicht erschlagen worden am Loch Derg, wie man euch berichtet hat. Vielleicht war er nur schwer verwundet und ist schließlich zurückgekehrt. Ich vermute, er hinkte nicht, als er in die Schlacht zog.«

»Nein, ganz und gar nicht«, bestätigte die Wirtin.

»Mugrán war tot. Da hat er Mugráns Dudelsack an sich genommen. Warum es so lange dauerte, bis er hier auftauchte, werden wir nie erfahren. Vielleicht brauchte er bislang kein Geld, oder der Einfall ist ihm eben erst jetzt gekommen …«

»Ich versteh das alles nicht«, sagte Monchae und sank auf einen Stuhl neben dem Tisch.

»Cano hat sich erinnert, dass Mugrán Geld hinterlassen hat. Ziemlich viel sogar hatte er zusammengespart. Mugrán hatte dir versichert, falls er sterben sollte, würdest du keine Not leiden, es sei genug Geld im Gasthof. Das war doch so, nicht wahr?«

Monchae nickte. »Aber habe ich dir nicht erzählt, dass ich das für ein Hirngespinst von Mugrán hielt? Wir haben jeden Winkel im Gasthof abgesucht und haben nie etwas gefunden. Hat uns auch nicht weiter gekratzt, Belach und ich kommen mit dem aus, was wir haben.«

»Cano muss sich von dem Gedanken haben leiten lassen, dass ihr den Schatz seines Bruders nicht gefunden habt, und das hat ihn darauf gebracht, selbst danach zu suchen.«

»Aber so einen Schatz gibt es gar nicht«, kam Belach seiner Frau zu Hilfe.

»O doch, es gibt ihn«, beharrte Fidelma. »Und Cano wusste das. Er wusste nur nicht, wo. Er brauchte Zeit, um danach zu suchen. Also musstet ihr vom Gasthof, damit er in Ruhe überall herumstöbern konnte. Da kam ihm die Idee, euch zu vertreiben, indem er sich als Geist seines Bruders ausgab. Er hatte dessen Dudelsack und konnte die gleichen Lieder spielen, die sein Bruder gespielt hatte. Seinem Aussehen und seiner Stimme nach konntet ihr ihn für denjenigen halten, den ihr von früher kanntet. Natürlich ist er auf Abstand geblieben und hat sich nur von ferne mit gedämpfter Stimme hören lassen. Und so hat er angefangen, euch in Angst und Schrecken zu versetzen.«

»Und wie ist das mit dem Schimmern am ganzen Körper?«, wollte Belach wissen. »Wie hat er das zustande gebracht?«

»Es gibt so ein gelbes, lehmartiges Zeug, dem dieses seltsame Leuchten anhaftet«, erklärte ihm Fidelma. »Man kann es von den Wänden in den Höhlen westlich von hier abkratzen. Mearnáil heißt es, eine Art Phosphor. Und das glimmt im Dunkeln. Sieh dir Canos Umhang an, er hat ihn mit dem gelblichen Lehm beschmiert.«

»Aber Fußspuren hat er keine hinterlassen«, rätselte Belach. »Nicht ein Fußabdruck war im Schnee.«

»Trotzdem gibt es Spuren, die ihn verraten. Er hat einen Zweig von einem Busch gerissen, ist dann rückwärts vom Hügel gegangen und hat seine Fußspuren verwischt. Damit kann man zwar die eigenen Fußstapfen unkenntlich machen, aber an der Schneeoberfläche bleiben die Wischspuren sichtbar. Diesen Trick lernen Krieger, um ihre Spuren vor den Feinden zu verbergen.«

»Hat er all die Nächte in der Kälte draußen verbracht? Wie hat er das ausgehalten?«, fragte sich Monchae. Als praktisch denkende Hausfrau drängte sich ihr sofort eine solche Überlegung auf.

»Er war nicht immer draußen. Er hat im Gasthof geschlafen, oder zumindest im Stall. Mehrfach hat er versucht, im Gasthaus nach dem Schatz zu forschen. Deshalb hat es mitunter gebumst, und ihr seid von seltsamen Geräuschen wach geworden. Aber er hatte begriffen, gründlich konnte er nur zu Werke gehen, wenn er euch vergraulte.«

»Da hat er mit uns hier im Gasthof gehaust?« Belach war fassungslos.

Fidelma wies auf die offene Falltür in den Dielen hin. »Anscheinend hat er mehr geheime Gänge im Gasthof gekannt als ihr beide. War ja kein Wunder, wenn er hier aufgewachsen ist.«

Alle schwiegen. Schließlich meinte Monchae kleinlaut: »Und das alles, obwohl es gar keinen versteckten Schatz gab. Der arme Cano. Ein richtig schlechter Kerl war er eigentlich nicht. Musstest du ihn wirklich umbringen, Schwester?«

Fidelma sah betrübt drein. »Unser aller Leben liegt in Gottes Hand«, sagte sie schicksalsergeben. »Er hat mich mit dem Messer bedroht, ich musste mich wehren. In meiner Not hab ich die Statuette Unserer Lieben Frau gegriffen und damit nach ihm geschlagen. Die hat ihn an der Schläfe getroffen und ist dabei zerbrochen.«

»Die war doch nur aus Alabaster und hätte ihn nicht erschlagen können.«

»Erschlagen hat ihn das, was in ihr steckte. Nämlich das, wonach er die ganze Zeit suchte. Es liegt dort auf dem Boden.«

»Was mag das sein?«, flüsterte Monach. Ihr Mann bückte sich und griff beherzt nach dem runden Gegenstand in Sacktuch.

»Eine Rolle Münzen. Mugráns Schatz. Der hat Cano wie eine Eisenstange getroffen und ihn erschlagen. All die Jahre hat Unsere Liebe Frau den Schatz gehütet und zu guter Letzt dem den Tod gebracht, der nicht der rechtmäßige Erbe des Schatzes war.«

Durch die Fensterläden kroch das Licht des neuen Tages. »Es wird schon hell. Ich muss mein Fasten brechen und mich auf den Weg nach Cashel machen«, erklärte Fidelma. »Für euren bó-aire lasse ich ein Schreiben hier, in dem ich ihm darlege, was vorgefallen ist. Ich muss unverzüglich nach Cashel. Wenn er mich braucht, findet er mich dort.«

Versonnen blickte Monchae auf die Trümmer der Statuette. »Ich werde mir ein neues Standbild Unserer Lieben Frau anfertigen lassen«, sagte sie leise.

»Das kannst du dir nun auch leisten«, erwiderte Fidelma in vollem Ernst.