Poul Anderson

Entwicklungshilfe


Poul Anderson

Entwicklungshilfe

<p>Poul Anderson</p> <p>Entwicklungshilfe</p>

Ins Deutsche übertragen von Eduard Lukschandl

The Helping Hand von Poul Anderson, 1951 by Street & Smith Publ. Inc

Printed in Germany 1968.


Nach einem sanften Glockenton ertönte die mechanische Stimme des Robo-Empfangschefs: „Seine Exzellenz Valka Vahino, Sonderbotschafter der Liga von Cundaloa für den Planetenbund von Sol.“

Als er eintrat, erhoben sich die Erdmenschen höflich.

Trotz der großen Schwerkraft und der trockenen, kühlen Luft auf Terra bewegte Valka Vahino sich mit der geschmeidigen Grazie seiner Rasse, von deren Anmut die meisten Anwesenden erneut ergriffen waren.

Diese Rasse war geistig und physisch so humanoid, daß man sie als menschlich bezeichnen konnte. Die Unterschiede verliehen ihr einen gewissen Reiz, einen Hauch von Fremdartigkeit, der sie im Grunde nicht wirklich fremd erscheinen ließ.

Ralph Dalton ließ seine Augen über den Gesandten schweifen. Valka Vahino war ein typischer Vertreter seiner Rasse: ein humanoider Zweibeiner mit einem Gesicht, das sich nur durch die Schönheit der fein geschnittenen Züge, die hoch angesetzten Backenknochen und die großen, dunklen Augen von dem eines Terraners unterschied. Er war ein wenig kleiner und etwas schlanker als die Erdmenschen, und seine Bewegungen waren lautlos katzenhaft.

Von seiner hohen Stirn an wallte langes blauglänzendes Haar bis zu den schlanken Schultern herab, das einen scharfen Kontrast zu der goldenen Hautfarbe bildete. Bekleidet war er mit der uralten, zeremoniellen Tracht von Luai auf Cundaloa: einer silberglänzenden Tunika, einem purpurnen Umhang, auf dem glitzernde Metallstückchen wie Sterne funkelten, und golddurchwirkten Stiefeln aus weichem Leder. In einer seiner schlanken, sechsfingrigen Hände, hielt er den kunstvoll geschnitzten Stab seines Amtes, das einzige Kreditiv, das ihm von seinem Planeten mitgegeben worden war.

Er verbeugte sich mit einer fließenden Bewegung, die nichts von Unterwürfigkeit in sich barg, und sagte in ausgezeichnetem Terranisch, in dem noch etwas von dem rhythmischen, singenden Akzent seiner Muttersprache mitschwang: „Friede über euren Häusern! Das Hohe Haus von Cundaloa sendet seinen Brüdern von Sol Grüße und Glückwünsche. Sein unwürdiges Mitglied Vahino spricht in Freundschaft an seiner Stelle.“

Einige der Erdmenschen waren etwas verwirrt. Es klingt auch ein wenig merkwürdig in der Übersetzung, dachte Dalton. Aber die Sprache von Cundaloa ist eine der schönsten in der Galaxis.

Er versuchte, seine Erwiderung ebenso formell klingen zu lassen. „Grüße und Willkommen. Der Planetenbund von Sol empfängt den Repräsentanten der Liga von Cundaloa in aller Freundschaft. Ralph Dalton, Premierminister des Bundes, spricht für das Volk des Systems von Sol.“

Dann stellte er die Minister, technischen Berater und Militärs vor. Es war ein wichtiges Treffen, und die mächtigsten und einflußreichsten Menschen des Sonnensystems hatten sich dazu versammelt.

Er endete: „Dies hier ist ein zwangloses, einleitendes Gespräch über die wirtschaftlichen Vorschläge, die unlängst Ihrer Regie — dem Hohen Haus von Cundaloa — unterbreitet wurden. Es besitzt keine Rechtsgültigkeit, wird aber vom Fernsehen übertragen, und ich glaube, daß sich die Solare Versammlung nach solchen und ähnlichen Gesprächen richten wird.“

„Ich verstehe. Das ist eine gute Idee.“ Vahino wartete, bis die anderen sich gesetzt hatten, ehe er Platz nahm.

* * *

Es entstand eine Pause, während der alle oftmals auf die Uhr an der Wand blickten. Vahino war pünktlich zur festgesetzten Zeit eingetroffen, aber Skorrogan von Skontar ließ auf sich warten. Taktlos, dachte Dal ton. Aber die Manieren der Skontarier waren ja nie besser gewesen. Kein Vergleich mit der sanften Rücksichtnahme der Cundaloaner, die aber keineswegs Schwäche andeutete.

Gespräche nach der Art: „Wie gefällt es Ihnen hier?“ wurden begonnen. Es stellte sich heraus, daß Vahino in den letzten zehn Jahren das Sonnensystem ziemlich oft besucht hatte, was auch nicht weiter überraschte, wenn man bedachte, daß die wirtschaftlichen Bande zwischen seinem Planeten und dem Bund immer enger wurden. An den terranischen Universitäten studierten viele junge Cundaloaner, und vor dem Krieg nahm der Strom der Touristen von Sol nach Avaiki ständig zu. Wahrscheinlich würde dies nun bald wieder der Fall sein, besonders, wenn die Verwüstungen beseitigt waren, und… „O ja“, lächelte Vahino. „Es ist der Ehrgeiz aller jungen Anamai… Männer auf Cundaloa, wenn auch nur zu einem Besuch, auf die Erde zu kommen. Es ist nicht nur reine Schmeichelei, wenn ich sage, daß die Bewunderung für euch und eure Errungenschaften grenzenlos ist.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte Dalton.

„Eure Kultur, eure Kunst und Musik, all dies hat eine große Zahl von Anhängern in unserem Sonnensystem. Zum Beispiel lernen viele Menschen, und nicht bloß Schüler, Luaianisch nur deshalb, um das Dvanagoa-Epai im Original lesen zu können. Cundaloanische Sänger, ob im Konzerthaus oder im Nachtlokal, ernten mehr Applaus als alle anderen.“ Er lächelte. „Eure jungen Männer haben einige Schwierigkeiten, sich unsere Kolleginnen vom Hals zu halten, und eure wenigen jungen Frauen hier können sich der vielen Einladungen kaum erwehren. Ich nehme an, daß nur deswegen so wenige Heiraten stattgefunden haben, weil es keine Nachkommen geben kann.“

„Doch ganz im Ernst“, beharrte Vahino, „wir zu Hause haben erkannt, daß eure Zivilisation in der ganzen bekannten Galaxis tonangebend ist. Das liegt nicht nur daran, daß die solare Zivilisation technisch am weitesten fortgeschritten ist, obwohl dies damit natürlich viel zu tun hat, denn ihr kamt mit euren Raumschiffen, der Atomenergie und der Medizin und allem anderen zu uns, doch können wir dies auch lernen und danach mit euch weitermachen, sondern es liegt an solchen Taten wie — nun, eurem gegenwärtigen Hilfsangebot. Lichtjahre entfernte, ruinierte Welten wieder aufzubauen, eure Kraft und euer Geld in unseren Planeten zu stecken, wo wir doch nur so wenig als Gegenleistung bieten können, das ist es, was euch zur führenden Rasse der Galaxis macht.“

„Wie ihr wohl wißt, haben wir auch selbstsüchtige Beweggründe dafür“, entgegnete Dalton ein wenig unbehaglich. „Sogar sehr viele. Natürlich ist es auch einfach Menschlichkeit. Wir könnten nicht uns so ähnliche Rassen Not leiden lassen, wenn das Sonnensystem und seine Kolonien mehr Reichtum besitzen, als sie damit anzufangen wissen. Aber unsere blutige Geschichte hat uns gelehrt, daß solche Programme, wie der Plan zur Wirtschaftshilfe, sich auch zum Wohle des Helfers auswirken. Wenn wir Cundaloa und Skontar wieder aufgebaut, ihre Produktion angekurbelt, die rückständige Industrie modernisiert und unsere Wissenschaft gelehrt haben, dann können sie auch mit uns Handel treiben. Und unsere Wirtschaft ist nach all den Jahrhunderten in erster Linie immer noch auf dem Handel aufgebaut. Dann werden wir sie auch zu eng aneinander gebunden haben, als daß eine Wiederholung des Krieges möglich wäre. Sie werden unsere Verbündeten gegen einige der wirklich fremdartigen und bedrohlichen Kulturen in der Galaxis sein, gegen Planeten, Systeme und Reiche, gegen die wir uns einst vielleicht einmal behaupten müssen.“

„Das Höchste Wesen möge uns davor bewahren“, sagte Vahino ernst. „Wir haben genug vom Krieg.“

Wieder ertönte die Glocke, und der Robot verkündete in klarem, mechanischem Ton: „Seine Exzellenz Skorrogan Valthaks Sohn, Herzog von Kraakahaym, Sonderbotschafter des Reiches von Skontar für den Planetenbund von Sol.“

Abermals standen sie auf, diesmal etwas langsamer, und Dalton sah Mißbilligung auf mehreren Gesichtern, die bei dem Eintritt des Neuankömmlings einem unverbindlichen Ausdruck wich. Es war nicht zu leugnen, daß die Skontarier momentan im Sonnensystem nicht sehr beliebt waren, und zum Teil war es ihre eigene Schuld. Doch zum größten Teil konnten sie nichts dafür.

Der vorherrschende Eindruck war der, daß Skontar die Schuld an dem Krieg mit Cundaloa zuzuschreiben war, was einfach nicht stimmte. Es war ein Unglück, daß die Sonnen Skang und Avaiki zusammen mit einem dritten Begleiter, den die Menschen nach dem Kapitän der ersten Expedition zu jenem System Allan nannten, ein System bildeten. Und die Planeten von Allan waren unbewohnt.

Als Skontar und Cundaloa mit der terrestrischen Technologie in Kontakt kamen, wurden die beiden Planeten und danach die beiden Systeme zu rivalisierenden Staaten, die auf die neuen, grünen Planeten von Allan begehrliche Blicke richteten. Beide besaßen dort Kolonien, und auf anfängliche Zusammenstöße folgte der schreckliche, fünfjährige Krieg, der beide Systeme verwüstet und mit terrestrischer Vermittlung geendet hatte. Es war einfach ein Konflikt zwischen rivalisierenden, imperialistischen Staaten gewesen, wie er vor dem Großen Frieden und der Bildung des Planetenbundes in der menschlichen Geschichte immer wieder vorgekommen war. Der Friedensvertrag war so gerecht wie möglich, und beide Systeme waren erschöpft.

Nun würden sie Frieden halten, besonders da beide auf die solare Hilfe beim Wiederaufbau hofften.

Dennoch — die meisten Menschen mochten die Cundaloaner. Daraus ergab sich zwangsläufig, daß sie gegen die Skontarier eine Abneigung hegten, und sie für den Streit verantwortlich machten. Aber auch vor dem Krieg waren sie nicht sehr beliebt gewesen. Ihr Hang zur Isolation, ihr Festhalten an überholten Traditionen, ihre rauhe Sprache, ihr überhebliches Verhalten, und sogar ihr Aussehen sprach gegen sie.

Dalton war es schwergefallen, die Solare Versammlung zu überreden, auch Skontar zu den Gesprächen über die Wirtschaftshilfe einzuladen. Zuletzt war es ihm gelungen.

Nicht nur, daß die Bodenschätze von Skang, insbesondere seine Minerale, für den Wiederaufbau wertvoll wären, könnte auch die Freundschaft eines potentiell mächtigen und bisher neutralen Reiches gewonnen werden.

Bisher war das Hilfsprogramm nicht mehr als ein Vorschlag. Letztlich konnte nur die Solare Versammlung ein Gesetz herausgeben, wem auf welche Weise und in welchem Ausmaß geholfen werden solle, und dann müßte das Gesetz in die Friedensbestimmungen zwischen den betroffenen Planeten aufgenommen werden. Dieses einleitende, unverbindliche Treffen hier stellte erst den ersten Schritt dar, war aber entscheidend.

* * *

Dalton verneigte sich förmlich, als der Skontarier eintrat.

Der Gesandte erwiderte den Gruß, indem er mit dem Schaft seines riesigen Speers gegen den Boden stampfte, die archaische Waffe an die Wand lehnte, und seinen Strahler mit dem Griff voran darbot. Daltoo ergriff ihn behutsam und legte ihn auf das Pult. „Grüße und Willkommen“, begann er, da Skorrogan nichts sagte. „Der Planetenbund…“

„Danke!“ Die Stimme, ein heiserer Baß, klang irgendwie metallisch und stark akzentuiert. „Der Valtam des Reiches von Skontar sendet Grüße dem Premierminister von Sol durch Skorrogan Valthaks Sohn, den Herzog von Kraakahaym.“

Seine Anwesenheit schien den Raum mit einer Bedrohung zu erfüllen. Obwohl sie auf einer Welt mit höherer Schwerkraft und niedrigerer Temperatur lebten, waren die Skontarier eine Rasse von Riesen, die über zwei Meter groß und so breit waren, daß sie gedrungen wirkten. Man konnte sie als humanoid bezeichnen, weil sie säugende Zweibeiner waren, aber darüber hinaus fand sich nicht viel Ähnlichkeit. Unter einer breiten, niedrigen Stirn und drohend vorspringenden Augenwülsten starrten die Augen Skorrogans wild und golden, die Augen eines Falken. Sein Gesicht war mit einer stumpfen Schnauze versehen, deren mächtigen Kiefer mit Reißzähnen ausgestattet waren, während die runden Ohren hoch zu beiden Seiten des massiven Schädels ansetzten. Seinen muskulösen Körper bedeckte ein kurzer, brauner Pelz bis ans Ende des langen, ruhelosen, Schwanzes, und eine rötliche Mähne umflammte Kopf und Hals. Trotz der für ihn tropischen Temperatur trug er die Felle und Pelze, wie sie bei ihm zu Hause für solche Anlässe üblich waren, und der beißende Gestank seines Schweißes umgab ihn.

„Sie haben sich verspätet“, bemerkte einer der Minister mit dünner Höflichkeit. „Ich hoffe, daß Sie nicht durch irgendwelche Schwierigkeiten aufgehalten wurden.“

„Nein. Ich unterschätzte die Zeit, die ich zum Herkommen benötigte“, antwortete Skorrogan. „Entschuldigen Sie das bitte.“ Es schien ihm überhaupt nicht leid zu tun, und er ließ seinen riesigen Körper in den nächsten Sessel fallen und öffnete seine Aktentasche. „Gehen wir nun zum Geschäft über, meine Herren?“

„Nun — gut.“ Dalton setzte sich ans obere Ende des Konferenztisches. „Obwohl wir uns bei diesem einleitenden Gespräch nicht allzusehr mit Fakten und Zahlen abgeben wollen; wir wollen einfach nur allgemeine Ziele und die grundsätzliche Politik festlegen.“

„Natürlich werden Sie einen vollständigen Bericht über die in den Systemen Avaiki und Skang sowie in den Allanschen Kolonien vorhandenen Bodenschätze wünschen“, sagte Vahino mit sanfter Stimme. „Die Landwirtschaft von Cundaloa, die Bergwerke von Skorrogan werden bereits jetzt viel beitragen können, während letztlich natürlich wirtschaftliche Selbständigkeit erreicht werden soll.“

„Es ist auch eine Frage der Erziehung“, warf Dalton ein.

„Wir werden viele Experten, technische Berater und Lehrer schicken…“

„Natürlich wird sich auch die Frage der militärischen Verhältnisse erheben“, begann der Oberbefehlshaber.

„Skontar hat eigene Armee“, erwiderte Skorrodan.

„Noch nicht darüber gesprochen werden braucht.“

„Vielleicht nicht“, stimmte der Finanzminister sanft zu.

Er zog eine Zigarette hervor und zündete sie an.

„Bitte!“ Einen Augenblick lang schwoll Skorrogans Stimme zu dem Brüllen eines Stieres an. „Nicht rauchen.

Sie wissen, Skontarier allergisch gegen Tabak.“

„Tut mir leid!“ Der Finanzminister drückte die Zigarette aus. Seine Hand zitterte ein wenig, und er starrte den Abgesandten an. Es bestand fast kein Grund zur Aufregung, denn die Klimaanlage hätte den Rauch sofort abgesogen.

Und außerdem — man schrie einen Minister nicht an. Insbesondere dann, wenn man um Hilfe gekommen war.

„Auch andere Systeme werden davon betroffen sein“, warf Dalton hastig ein und versuchte verzweifelt, das Unbehagen und die Spannung zu übergehen. „Nicht nur die Kolonien von Sol. Ich kann mir vorstellen, daß eure beiden Rassen sich über das Dreifachsystem hinaus ausbreiten werden, und die durch eine solche Kolonisation verfügbar werdenden Bodenschätze…“

„Wir werden es tun müssen“, unterbrach Skorrogan bitter, „nachdem Vertrag uns vierten Planeten geraubt hat… Macht nichts. Bitte zu entschuldigen. Ist schlimm genug, zu sitzen an einem Tisch mit Feind, ohne daran erinnert zu werden, vor wie kurzer Zeit er Feind war.“

Diesmal lastete das Schweigen längere Zeit im Raum.

Dalton erkannte fast physisch schmerzhaft, daß Skorrogan sich in eine nicht wiedergutzumachende Lage hineinmanövriert hatte. Selbst wenn ihm plötzlich zu Bewußtsein kommen sollte, was er angerichtet hatte, und versuchte, die Situation zu retten — und wer hat schon von einem skontarischen Edelmann gehört, der sich für etwas entschuldigt hätte — so war es doch zu spät. Zu viele Millionen hatten auf ihren Bildschirmen seine unverzeihliche Arroganz miterlebt, zu viele bedeutende Männer, die Führer von Sol, saßen mit ihm im selben Raum, sahen in seine verächtlich blickenden Augen und rochen den scharfen Gestank seines unmenschlichen Schweißes.

Für Skontar würde es keine Hilfe geben.

* * *

Bei Sonnenuntergang türmten sich Wolken über der dunklen Linie der Klippen, die im Osten von Geyrhaym lagen, und ein feiner, kühler Wind blies — vom Winter wispernd — ins Tal herab. Er trug die ersten Schneeflocken, die über den sich verdunkelnden, purpurnen Himmel wirbelten.

Noch vor Mitternacht würde es einen Blizzard geben.

Das Raumschiff senkte sich aus der Dunkelheit herab und setzte auf seinem Landeplatz auf. Jenseits des kleinen Raumhafens lag die alte Stadt Geyrhaym, in Dämmerung gehüllt, gegen den Wind zusammengedrängt. Aus den alten, mit Spitzdächern versehenen Häusern glühte rötlicher Feuerschein, doch die gewundenen, mit Kopfsteinpflaster bedeckten Straßen glichen leeren Schluchten, die den Hügel hinaufführten, auf dessen Rücken die große Burg der Barone kauerte. Der Valtam hatte sie zu seiner eigenen Verwendung bestimmt, und nun war Geyrhaym die Hauptstadt des Reiches, denn das stolze Skirnor und das prächtige Thruvang waren radioaktive Krater, und wilde Tiere heulten in den verkohlten Ruinen des alten Palastes.

Skorrogan Valthaks Sohn schauderte zusammen, als er aus der Schleuse trat und die Rampe hinunterschritt. Skontar war ein kalter Planet. Sogar für sein eigenes Volk erschien er kalt. Er wickelte sich enger in seinen Pelzumhang.

Sie warteten am unteren Ende der Rampe, die Großhäuptlinge von Skontar. Unter seinem unbeteiligt scheinenden Äußeren zogen sich Skorrogans Bauchmuskeln zusammen. In der schweigsamen, finsteren Gruppe der Männer konnte der Tod auf ihn warten — sicher aber Ungnade, und er konnte sich nicht verteidigen.

Der Valtam selbst stand da, während seine weiße Mähne im bitterkalten Wind wehte. Seine goldenen Augen schienen in der Dämmerung zu leuchten, hart und wild, und mit glimmendem Haß dahinter. Sein ältester Sohn und rechtmäßige Erbe, Thordin, stand neben ihm. Das letzte Sonnenlicht glühte rot auf seiner Speerspitze; es schien wie Blut gegen den Himmel zu tropfen. Dann warteten noch andere mächtige Männer von Skang auf ihn, die Herzöge der Provinzen von Skontar und den anderen Planeten. Hinter ihnen stand eine Reihe der Reichswache, deren Helme und Harnische in der Dämmerung verborgen waren und dennoch vor Haß und Verachtung von innen her zu strahlen schienen.

Skorrogan schritt auf den Valtam zu, schlug zum Gruß den Schaft seines Speeres gegen den Erdboden und neigte den Kopf im vorgeschriebenen Winkel. Mit Ausnahme des wimmernden Windes blieb alles still. Schnee trieb über das Feld.

Endlich sprach der Valtam ohne den zeremoniellen Gruß. Es war wie ein vorsätzlicher Schlag ins Gesicht: „Du bist also wieder zurück.“

„Ja, Herr!“ Skorrogan versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen. Es war sehr schwierig. Er hatte keine Furcht vor dem Tod, aber es war grausam schwer, die Last seines Versagens zu tragen. „Wie du weißt, muß ich leider den Fehlschlag meiner Mission melden.“

„Tatsächlich. Wir befinden uns im Besitz von Fernsehempfängern“, bemerkte der Valtam eisig.

„Herr, das Volk von Sol gewährt Cundaloa praktisch unbegrenzte Hilfe. Aber man weigerte sich, Skontar auf irgendeine Weise zu unterstützen. Keine Kredite, keine technischen Berater — nichts. Und wir können nur mit geringem Handel und überhaupt keinen Besuchern rechnen.“

„Ich weiß“, sagte Thordin. „Und du wurdest um ihre Hilfe gesandt.“

„Ich habe es versucht, Herr.“ Skorrogans Stimme war ohne jeden Ausdruck. Er mußte etwas sagen — doch möge ich für immer verdammt sein, wenn ich um Gnade flehe!

„Aber die Solarier haben ein ungerechtfertigtes Vorurteil gegen uns, was teilweise auf ihre rein gefühlsmäßige Zuneigung für Cundaloa und teilweise darauf zurückzuführen ist, daß wir uns in so vielen Dingen von ihnen unterscheiden.“

„Das stimmt“, erwiderte der Valtam kalt. „Aber früher war es nicht so ausgeprägt. Die Mingonier haben zum Beispiel aus den Händen der Solarier viel Gutes empfangen, obwohl sie noch viel weniger menschlich sind als wir. Sie erhielten dieselbe Hilfe, wie sie Cundaloa teilhaftig werden wird, und die auch wir empfangen hätten.

Wir wünschen nichts außer gute Beziehungen mit der größten Macht der Galaxis. Wir hätten mehr als das haben können. Aus Berichten aus erster Hand kenne ich die Stimmung, in der sich der Bund befand. Sie waren bereit, uns zu helfen, wenn wir nur die geringste Bereitschaft zur Zusammenarbeit gezeigt hätten. Wir hätten wieder aufbauen können und noch mehr als nur das…“ Seine Stimme wurde von dem schneidenden Wind verweht.

Nach einem kurzen Moment fuhr er fort, und die Wut, die in seiner Stimme schwang, schien ein eigenes Leben zu besitzen. „Ich habe dich als meinen persönlichen Abgesandten geschickt, um die großzügig dargebotene Hilfe zu erhalten. Dich, dem ich vertraute, von dem ich annahm, daß ihm unser grausames Schicksal bewußt war — bah!“ Er spie aus. „Und du hast nichts Besseres zu tun, als beleidigend, arrogant und grob zu sein. Du, auf dem alle Augen von Sol ruhten, machtest dich zur Verkörperung all dessen, was die Menschen an uns schlecht finden. Kein Wunder, daß unser Ansuchen abgelehnt wurde! Du kannst von Glück reden, daß Sol uns nicht den Krieg erklärte!“

„Vielleicht ist es noch nicht zu spät“, meinte Thordin.

„Wir könnten einen anderen schicken…“

„Nein.“ Der Valtam hob sein Haupt mit dem angeborenen, eisernen Stolz seiner Rasse, dem Hochmut einer Kultur, in deren ganzen Geschichte die Ehre mehr bedeutete als das Leben. „Skorrogan ging als unser bevollmächtigter Vertreter. Wenn wir ihn verleugneten, uns für sein schlechtes Benehmen entschuldigten! — vor der Galaxis kröchen — nein! Das ist es nicht wert. Wir müssen einfach ohne Sol auskommen.“

* * *

Der Schnee fiel nun dichter, und die Wolken bedeckten den Himmel. Einige wenige Sterne blinkten dazwischen hervor, aber es war kalt, bitter kalt.

„Welcher Preis, den wir für die Ehre zu zahlen haben!“

seufzte Thordin müde. „Unser Volk hungert, und Sol würde uns Nahrungsmittel schicken. Es hat nur Fetzen anzuziehen, und Sol könnte es bekleiden. Unsere Fabriken sind verwüstet und verlassen, unsere jungen Männer wachsen in Unkenntnis der galaktischen Zivilisation und Technologie heran, und Sol würde uns Maschinen und Ingenieure schicken, uns beim Wiederaufbau helfen. Wir bekämen Lehrer und könnten wieder groß werden… Zu spät, zu spät!“ Verwirrt und verletzt suchten seine Augen das Dunkel zu durchdringen. Skorrogan war sein Freund gewesen.

„Aber warum hast du es getan? Warum?“

„Ich tat mein Bestes“, antwortete Skorrogan steif.

„Wenn ich dafür nicht geeignet bin, hättet ihr mich nicht schicken sollen.“

„Aber du warst es“, entgegnete der Valtam. „Du warst unser bester Diplomat. Deine Verschlagenheit, dein Verständnis für extraskontarische Psychologie, deine Persönlichkeit, all das war unschätzbar für unsere Auslandsbeziehungen. Und dann, bei dieser einfachen und äußerst wichtigen Mission… Nie wieder!“ Seine Stimme schwoll zu einem Schrei gegen den aufkommenden Sturm. „Nie wieder will ich dir vertrauen. Skontar wird von deinem Versagen erfahren.“

„Herr…“ Skorrogans Stimme bebte plötzlich. „Herr, ich habe Worte von dir empfangen, die ein Duell auf Leben und Tod erfordern. Hast du noch mehr zu sagen, so tu es!

Oder laß mich gehen!“

„Ich kann dir deine ererbten Titel und deinen Besitz nicht nehmen“, sagte der Valtam. „Aber deine Stellung in der Reichsregierung hast du verloren, und du darfst weder den Hof betreten noch ein öffentliches Amt bekleiden. Außerdem glaube ich nicht, daß dir viele Freunde die Treue halten werden.“

„Vielleicht nicht“, erwiderte Skorrogan. „Ich tat, was ich tat, und selbst wenn ich es erklären könnte, nach all den Beleidigungen würde ich es nicht tun. Aber wenn du mich wegen der Zukunft Skontars um Rat fragst…“

„Das tue ich nicht“, unterbrach der Valtam. „Du hast bereits genug Schaden angerichtet.“

„… dann bedenke drei Dinge.“ Skorrogan hob seinen Speer und wies auf die entfernt glitzernden Sterne. „Erstens jene Sonnen da draußen. Zweitens bestimmte neue wissenschaftliche und technologische Errungenschaften hier zu Hause, wie zum Beispiel Dyrins Arbeit über Semantik. Und drittens, sieh dich um! Schau dir die Häuser an, die deine Väter bauten, betrachte die Kleider, die du trägst und höre auf die Sprache, die du sprichst! Und dann komm in etwa fünfzig Jahren zurück und bitte mich um Verzeihung!“

Er schlug seinen Mantel um sich, grüßte den Valtam und ging mit großen Schritten über das Feld in die Stadt. Mit Unverständnis und Bitterkeit in den Augen blickten sie ihm nach.

In der Stadt herrschte der Hunger. Er konnte ihn fast hinter den dunklen Mauern spüren, den Hunger der verzweifelten, zerlumpten Leute, die vor ihren Feuern hockten und sich fragten, ob sie wohl den Winter überstehen würden.

Einen Augenblick lang gedachte er derer, die sterben würden, wagte aber nicht, den Gedanken weiter zu verfolgen.

Er hörte jemanden singen und verhielt seinen Schritt.

Ein fahrender Sänger, der sich von Stadt zu Stadt bettelte, kam die Straße herunter, während ihn sein zerlumpter Umhang wunderlich umflatterte. Mit dürren Fingern zupfte er seine Harfe, und seine Stimme erhob sich zu einer alten Ballade, die all die rauh klingende Musik, den großartigen, ehernen Klang der alten Sprache von Naarhaym auf Skontar zum Ausdruck brachte. Einen Augenblick lang empfand Skorrogan seltsames Vergnügen daran, einige Zeilen in Gedanken ins Terrestrische zu übersetzen:

Wild wecken fliegende Vögel die Toten des Winters für die Wege der Meere. Liebste, sie locken, singen von Siegen, Ruhm für den Ritter. Leb wohl, Geliebte!

Es ging nicht. Das lag nicht nur daran, daß der metallische Rhythmus und die harten, bellenden Silben verlorengingen, sowie der verschlungene Stabreim — es ergab auf Terrestrisch einfach keinen Sinn. Es fehlten die gemeinsamen Grundbegriffe. Wie konnte man zum Beispiel ein Wort wie Vorkansraavin als Ritter wiedergeben und hoffen, mehr als einen verstümmelten Teil der Bedeutung zu vermitteln?

Die geistige Einstellung war einfach zu verschieden.

Und darin lag vielleicht seine Antwort an die Großhäuptlinge. Aber sie würden sie nicht anerkennen. Sie konnten es nicht. Und er war allein, und der Winter war wieder im Anzug.

* * *

Valka Vahino saß in seinem Garten und badete seine bloße Haut im Sonnenlicht. In diesen Tagen hatte er nicht oft Gelegenheit zu einem Aliacavi — wie war nur das alte terrestrische Wort dafür? Siesta? Nein, das war falsch. Ein ruhender Cundaloaner schlief nicht am Nachmittag. Er saß oder lag im Freien, während die Sonne bis in seine Knochen drang, oder ein warmer Regen ihn berieselte, und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Die Solarier nannten es Tagträumen, aber das war es nicht, sondern — nun, sie hatten kein richtiges Wort dafür. Psychische Erholung war ein unbeholfener Ausdruck, und die Solarier verstanden nie.

Manchmal erschien es Vahino, als habe er nie gerastet, seit einer Ewigkeit von Jahren nicht. Die dringlichen Pflichten des Krieges und dann seine hektischen Reisen nach Sol — und seither, in den vergangenen drei Jahren war er vom Hohen Haus zum höchsten Verbindungsoffizier ernannt worden, weil man annahm, daß er die Solarier besser als jeder andere in der Liga verstand.

Vielleicht stimmte das. Er hatte viel Zeit zusammen mit ihnen verbracht, und er mochte sie als Rasse und als Individuen. Aber — bei allen Geistern, wie sie arbeiteten! Wie sie sich hetzten! Als seien ihnen Dämonen auf den Fersen.

Nun, es gab keinen anderen Weg des Wiederaufbaus, die alten, hinfälligen Methoden zu reformieren und sich mit den Gedanken an den Reichtum vertraut zu machen, der auf sie wartete. Jetzt aber beruhigte es ihn außerordentlich, in seinem Garten zu liegen, während große, goldene Blumen rings um ihn im Wind nickten und die Sommerluft mit ihrem einschläfernden Geruch erfüllten, hie und da ein honigsuchendes Insekt vorübersummte und ein neues Gedicht in seinem Kopf entstand.

Die Solarier schienen Schwierigkeiten zu haben, eine ganze Rasse von Dichtern zu verstehen, wo selbst der dümmste Cundaloaner sich in die Sonne legen und Gedichte machen konnte — nun, jede Rasse hat ihre besonderen Eigenschaften. Wer konnte sich mit dem technischen Genie messen, das die Menschen ihr eigen nannten?

Die gewaltig sich emporschwingenden, singenden Zeilen donnerten in seinem Kopf. Er betrachtete sie von allen Seiten, polierte an ihnen und formte jede Silbe, ehe er sie mit wachsender Freude zu einem Ganzen webte. Es würde gut werden! Man würde sich daran erinnern und es noch nach einem Jahrhundert singen, und man würde Valka Vahino nicht vergessen. Vielleicht feierte man ihn sogar als einen Meister der Versschmiedekunst — Alia Amaui cauian-riho, valana, valana, vro!

„Entschuldigen Sie, Herr.“ Die leblose, metallische Stimme bohrte sich in sein Gehirn. Er fühlte, wie das zarte Gewebe seines Gedichtes zerriß und in Dunkelheit und Vergessen gewirbelt wurde. Einen Augenblick lang spürte er nichts als den Schmerz seines Verlustes, und er erkannte dumpf, daß die Unterbrechung etwas zerstört hatte, was er nie wieder ganz würde erschaffen können.

„Entschuldigen Sie, Herr, aber Mr. Lombard möchte Sie sehen.“

Es war ein Schallstrahl des Robo-Empfangschefs, den Lombard selbst Vahino gegeben hatte. Der Cundaloaner erkannte wohl, daß das glänzende Metallgerät nicht zwischen das geschnitzte Holz und die alten Wandteppiche seines Hauses paßte, aber er hatte den Spender nicht beleidigen wollen — außerdem war das Ding nützlich.

Lombard, Chef der solaren Wiederaufbaukommission, der wichtigste Mensch im System von Avaiki — Vahino wußte die Höflichkeit des Mannes zu schätzen, der ihn aufsuchte, anstatt ihn rufen zu lassen. Bloß — warum mußte er gerade in diesem Augenblick kommen?

„Sag Mr. Lombard, daß ich in einer Minute fertig bin!“

Vahino betrat durch den Hintereingang das Haus und zog sich an. Dann ging er ins Vorzimmer. Zur Bequemlichkeit der Terraner, die nicht gern auf einer geflochtenen Matte hockten, hatte er einige Sessel aufstellen lassen.

Lombard erhob sich, als Vahino eintrat.

* * *

Der Mensch war klein und gedrungen, mit einem dichten Büschel grauer Haare über einem zerfurchten Gesicht. Er hatte sich vom Arbeiter zum Ingenieur und weiter zum höchsten Bevollmächtigten von Sol auf Cundaloa emporgearbeitet, und die Zeichen dieses Kampfes fanden sich noch an ihm. Er ging an Arbeit mit einem fast persönlichen Ungestüm heran und konnte härter sein als Edelstahl. Aber meistens war er angenehm. Er besaß erstaunlich viele Interessen und ein großes Wissen und hatte für das Avaikisystem Wunder vollbracht.

„Friede über deinem Haus, Bruder“, grüßte Vahino.

„Wie geht’s“, antwortete der Solarier. Als sein Gastgeber nach Dienern rufen wollte, fuhr er hastig fort: „Bitte, nichts von eurer rituellen Gastfreundlichkeit! Ich schätze sie, aber wir haben einfach keine Zeit, uns zu einer Mahlzeit niederzulassen und drei Stunden über kulturelle Angelegenheiten zu unterhalten, bevor wir zur Sache kommen.

Ich wünschte — hm, Sie sind ein Eingeborener hier und ich nicht; daher möchte ich, daß Sie persönlich durchsickern lassen — taktvoll natürlich —, daß dies eingestellt wird.“

„Aber — das ist einer unserer ältesten Bräuche…“

„Das ist es ja gerade! Alt, überholt, fortschrittsfeindlich.

Ich möchte nicht geringschätzig wirken, Mr. Vahino. leb wollte, wir Solarier hätten einige Bräuche, die so bezaubernd sind wie eure. Aber — nicht während der Arbeitszeit.

Bitte!“

„Gut — ich wage zu sagen, daß du recht hast. Es paßt nicht in eine moderne, industrielle Zivilisation. Und eine solche versuchen wir ja aufzubauen.“ Vahino nahm Platz und bot seinem Gast eine Zigarette an. Rauchen war eines der charakteristischen Laster von Sol, vielleicht das anstekkendste, sicher aber das am leichtesten zu verteidigende.

Vahino zündete seine mit dem Vergnügen des Anfängers an.

„Richtig! Genau! Und deswegen kam ich auch zu Ihnen, Mr. Vahino. Ich bringe keine besonderen Klagen, aber es hat sich ein ganzer Berg kleinerer Schwierigkeiten angehäuft, mit denen ihr Cundaloaner selbst fertig werden könnt, es sind eure Angelegenheiten, in die wir uns nicht mischen wollen. Aber ihr müßt einige Veränderungen durchführen, sonst können wir euch nicht helfen.“

Vahino vermutete in etwa, was nun kommen würde. Er hatte es schon seit einiger Zeit erwartet und konnte nichts dagegen tun. Aber er sog noch einmal an der Zigarette, blies den Rauch langsam von sich und hob höflich fragend die Augenbrauen. Dann erinnerte er sich daran, daß die Solarier nicht gewöhnt waren, Mimik als Teil der Sprache anzusehen, und sagte laut: „Bitte, sprich frei heraus. Ich weiß, daß du mich nicht beleidigen willst.“

„Gut.“ Lombard beugte sich vor und knetete nervös seine abgearbeiteten Hände. „Es ist eine Tatsache, daß eure ganze Kultur, eure Psychologie nicht in eine moderne Zivilisation paßt. Man kann sie zwar verändern, aber die Veränderungen müssen umwälzend sein. Ihr könnt es tun: Gesetze erlassen, Propagandafeldzüge starten, das Erziehungssystem reformieren und so weiter. Aber es muß getan werden.

Diese Siesta zum Beispiel. In diesem Augenblick dreht sich in dieser Zeitzone des Planeten kaum ein Rad, kaum eine Maschine wird betreut, kaum ein Mensch arbeitet. Sie liegen alle in der Sonne, machen Gedichte, summen Lieder oder träumen einfach. Eine ganze Zivilisation muß aufgebaut werden, Vahino! Da warten Pflanzungen, Bergwerke, Fabriken, Städte darauf, errichtet zu werden — das alles kann man nicht mit vier Stunden Arbeit pro Tag schaffen.“

„Nein. Aber vielleicht besitzen wir nicht die Energie deiner Rasse.“

„Ihr müßt es eben lernen, es muß ja nicht gleich in Schwerarbeit ausarten. Das Endziel der Mechanisierung eurer Kultur ist, euch von physischer Arbeit und der Ungewißheit der Abhängigkeit von der Scholle zu befreien.

Und eine mechanische Zivilisation kann nicht mit so vielen alten Ansichten, Ritualen, Bräuchen und Traditionen vollgestopft sein, wie es die eure ist. Dafür gibt es keine Zeit.

Das Leben ist zu kurz. Ihr seid noch immer wie die Skontarier, die ihre dummen Speere mit sich schleppen, nachdem sie längst schon ihre praktische Bedeutung verloren haben.“

„Tradition macht erst das Leben aus — ist die Bedeutung des Lebens…“

„Die Maschinenkultur hat ihre eigenen Traditionen. Ihr werdet es erfahren. Sie hat ihre eigene Bedeutung, und ich glaube, es ist die Bedeutung der Zukunft. Wenn ihr darauf besteht, an euren überholten Gewohnheiten festzuhalten, werdet ihr nie die Geschichte einholen. Euer Währungssystem, zum Beispiel…“

„Es ist praktisch.“

„Auf seine Weise; aber wie könnt ihr mit Sol Handel treiben, wenn eure Kredite auf Silber beruhen, während sich die Sol auf eine abstrakte, statistische Größe beziehen?

Für Handelszwecke werdet ihr euer System anpassen müssen — daher könnt ihr es gleich auch daheim ändern. Genauso müßt ihr das metrische System einführen, wenn ihr unsere Maschinen verwenden und euch unseren Wissenschaftlern verständlich machen wollt. Weiter werdet ihr — ach, einfach alles einführen müssen!

Dann eure Gesellschaft! — Kein Wunder, daß ihr nicht einmal die Planeten eures eigenen Systems besiedelt habt, wenn jeder darauf besteht, an seinem Geburtsort begraben zu werden. Es ist eine nette Gefühlsduselei, aber auch nicht mehr, und ihr werdet euch davon trennen müssen, wenn ihr die Sterne erreichen wollt.

Sogar eure Religion — entschuldigen Sie — aber Sie müssen erkennen, daß sie viele Elemente enthält, deren Unwahrheit die moderne Wissenschaft bewiesen hat.“

„Ich bin Agnostiker“, warf Vahino ruhig ein. „Aber die Religion von Mauiroa bedeutet vielen Leuten sehr viel.“

„Wenn das Hohe Haus uns einige Missionare schicken läßt, können wir sie zum Beispiel zum Neopantheismus bekehren, der meiner Ansicht nach sehr persönliche Befriedigung bietet und sicherlich mehr wissenschaftlich fundiert ist als eure Mythologie. Wenn Ihr Volk schon einen Glauben haben muß, dann darf er nicht mit den Tatsachen in Konflikt geraten, die die Erfahrungen in einer modernen Technologie mit sich bringen.“

„Vielleicht. Und ich nehme an, daß unser Familiensystem zu komplex und starr für eine moderne, industrielle Gesellschaftsform ist — ja, ja — es steckt mehr dahinter als nur eine einfache Umstellung auf Maschinen.“

„Sicher. Damit muß eine vollständige Umwälzung auf geistigem Gebiet Hand in Hand gehen.“ Dann fügte Lombard sanft hinzu: „Es wird ja nicht alles auf einmal geschehen. Gleich nachdem euch Allan verließ, habt ihr bereits Raumschiffe und Atomkraftwerke gebaut. Ich möchte nur vorschlagen, den Prozeß ein wenig zu beschleunigen.“

„Und die Sprache…“

„Nun, ohne Chauvinismus frönen zu wollen, glaube ich, daß allen Cundaloanern Solarisch gelehrt werden sollte.

Irgendwann in ihrem Leben werden sie es gebrauchen können. Eure Wissenschaftler und Techniker brauchen die Sprache ohnedies in ihrem Beruf. Die Sprachen von Laui und Muara und all die anderen sind schön, aber sie eignen sich nicht für wissenschaftliche Begriffsbildungen. Allein schon die Agglutination… Ehrlich, eure philosophischen Bücher kommen mir wie Kauderwelsch vor. Schön, aber fast sinnlos. Eurer Sprache mangelt es an — Präzision.“

„Aracles und Vranamaui wurden immer für Meister des kristallklaren Gedankens gehalten“, entgegnete Vahino müde. „Und ich gestehe, daß ich euren Kant und Russell und sogar Korzybski nicht verstehe, aber mir mangelt es ja auch an Training in dieser Richtung. Ohne Zweifel hast du recht. Die jüngere Generation wird sicher mit dir einer Meinung sein. Ich werde mit dem Hohen Haus sprechen, und vielleicht gelingt es mir, etwas zu veranlassen. Doch auf jeden Fall wirst du nicht viele Jahre zu warten brauchen. Alle unseren jungen Männer streben danach, es euch recht zu machen.

Das ist der Weg zum Erfolg.“

„Das stimmt“, bekräftigte Lombard und fuhr sanft fort: „Manchmal wünsche ich, daß Erfolg nicht mit einem so hohen Preis bezahlt werden muß. Aber Sie brauchen sich nur Skontar anzusehen, um zu erkennen, wie notwendig es ist.“

„Wieso — sie haben in den vergangenen drei Jahren Wunder vollbracht. Nach der großen Hungersnot haben sie sich erholt, bauen ganz allein wieder auf und haben sogar Erkundungsschiffe zu den Sternen geschickt, die nach Kolonien suchen.“ Vahino lächelte verzerrt. „Ich liebe unsere ehemaligen Feinde nicht, muß sie aber bewundern.“

„Sie sind mutig“, gab Lombard zu. „Aber was nützt Mut allein? Sie mühen sich mit einer Menge veralteter Dinge ab. Bereits jetzt ist die Gesamtproduktion von Cundaloa dreimal so groß wie die ihre. Ihre interstellare Kolonisation ist nichts als ein schwacher Versuch einiger weniger hundert Leute. Skontar bleibt zwar am Leben, wird aber immer nur eine Macht zehnter Größe bleiben. Bald wird es ein Satellitenstaat Cundaloas werden. Dies liegt nicht daran, daß es ihnen an den Möglichkeiten fehlt — im Gegenteil.

Aber sie haben uns unser Hilfsangebot praktisch vor die Füße geworfen und sich vor dem Einfluß der galaktischen Zivilisation isoliert. Ja, sie versuchen sogar, wissenschaftliche Theorien zu entwickeln und anzuwenden, die wir seit hundert Jahren kennen, und kommen dabei so weit vom richtigen Weg ab, daß man darüber lachen müßte, wäre es nicht so bemitleidenswert. Ihre Sprache ist so wie die eure einfach für wissenschaftliche Gedanken nicht geeignet, und sie schleppen zuviel traditionellen Ballast mit sich herum.

Ich habe einige Raumschiffe gesehen, die sie selbst entworfen haben, anstatt solare Modelle nachzubauen, und sie sind einfach lächerlich. Dutzende verschiedener Versuche, die richtige Form zu finden, die wir seit langem verwenden. Kugeln, Ellipsoide, Würfel — ich habe sogar gehört, daß jemand glaubt, ein Tetraederschiff bauen zu können!“

„Es wäre eine Möglichkeit“, überlegte Vahino. „Die Riemannsche Geometrie, auf der der interstellare Antrieb basiert, würde…“

„Nein, nein! Das hat man schon auf der Erde ausprobiert und gefunden, daß es nicht funktioniert. Nur ein verschrobener Mensch — und in der Isolation müssen die Wissenschaftler von Skontar ja verschroben werden — hielte das für möglich.

Wir Menschen haben bloß Glück gehabt, das ist alles.

Sogar wir konnten auf eine lange Geschichte zurückblikken, als endlich eine Kultur mit einer Geisteshaltung entstand, die für eine wissenschaftliche Zivilisation Voraussetzung ist. Zuvor gab es fast keinen technologischen Fortschritt; danach aber erreichten wir die Sterne. Andere Rassen können es uns gleichtun, aber zuerst müssen sie eine geeignete Zivilisation und eine geeignete Geisteshaltung annehmen — und ohne unsere Hilfe ist es nicht wahrscheinlich, daß Skontar oder irgendein anderer Planet diese Errungenschaften vor Ablauf vieler Jahrhunderte erreicht.“

„Da fällt mir ein…“ Lombard kramte in einer Tasche.

„Ich habe hier eine Zeitschrift von einer der skontarischen philosophischen Gesellschaften. Eine gewisse Verbindung besteht ja noch zwischen uns; es existiert von keiner der beiden Seiten eine offizielle Sperre — Sol hat Skontar einfach als unbelehrbar aufgegeben. Wie dem auch sei“ — er zog ein Magazin hervor —, „sie haben da einen Philosophen, Dyrin, der eine neue Arbeit über Semantik veröffentlicht und damit viel Aufsehen erregt hat. Sie können doch Skontarisch, nicht?“

„Ja“, antwortete Vahino. „Ich war während des Krieges bei der Abwehr. Lassen Sie sehen…“ Er blätterte in der Zeitschrift, bis er den Artikel fand, und begann, laut zu übersetzen: „Die früheren Berichte des Schreibers zeigen, daß das Prinzip des Nicht-Elementarismus an sich nicht universell ist, sondern gewissen psychomatischen Vorbehalten unterworfen sein muß, die sich aus der Betrachtung des Broganar-Feldes — das ist ein Wort, das ich nicht verstehe — ergeben, das sich an elektronische Wellenkerne anschließt und…“

„Was ist das für ein Geschwätz?“ explodierte Lombard.

„Ich weiß nicht“, antwortete Vahino ratlos. „Der skontarische Geist ist mir so fremd wie Ihnen.“

„Unsinn“, stellte Lombard fest, „mit einer ordentlichen Portion des alten, skontarischen Zur-Hölle-mit-dir-Dogmatismus vermengt.“ Er warf das Magazin in die kleine, bronzene Feuerschale, wo es bald von den Flammen ergriffen wurde. „Völliger Blödsinn, wie jeder mit nur den geringsten Kenntnissen von allgemeiner Semantik oder sogar bloß mit einem Funken Hausverstand sehen kann.“ Er lächelte verzerrt und ein wenig traurig und schüttelte den Kopf. „Eine Rasse von Verrückten!“

* * *

„Ich möchte, daß du morgen einige Stunden für mich Zeit hast“, sagte Skorrogan.

„Das läßt sich schon einrichten.“ Thordin XI. Valtam des Reiches von Skontar, nickte, dessen Mähne bereits recht schütter geworden war. „Obwohl es mir nächste Woche besser paßte.“

„Morgen — bitte!“

Man konnte die Dringlichkeit in der Stimme nicht überhören. „Na, schön“, stimmte Thordin zu. „Aber was ist los?“

„Ich möchte mit dir einen kleinen Abstecher nach Cundaloa machen.“

„Warum ausgerechnet dorthin und unbedingt morgen?“

„Ich werde es dir sagen — morgen.“ Skorrogan neigte sein Haupt, das von einer zwar noch dichten, aber schneeweißen Mähne umrahmt war, und schaltete seinen Bildschirm ab. Thordin lächelte etwas verwirrt. Skorrogan war auf manche Weise ein eigenartiger Kauz. Aber — nun — wir alten Männer müssen zusammenhalten, denn eine neue Generation sitzt uns auf den Fersen, und dahinter wartet schon wieder eine andere.

Es bestand kein Zweifel, daß die dreißig Jahre, in denen Skorrogan geächtet worden war, ihn verändert hatten. Aber wenigstens konnten sie ihn nicht verbittern. Als der langsame Aufstieg Skontars so deutlich erkennbar war, daß man seinen Fehler vergessen konnte, war er vom Kreis seiner Freunde langsam wieder aufgenommen worden. Er lebte noch immer viel allein, war aber nicht länger geächtet, wenn er wohinkam. Besonders Thordin hatte entdeckt, daß ihre alte Freundschaft wieder so schön sein konnte wie zuvor, und er suchte oft die Burg von Kraakahaym oder Skorrogan den Palast auf. Er hatte dem alten Adeligen sogar wieder seine Stellung im Hohen Rat angeboten, was ihm aber abgeschlagen wurde. Weitere zehn — oder waren es zwanzig — Jahre vergingen, während der Skorrogan nur seine ererbten Pflichten als Herzog ausübte, bis er jetzt auf einmal so etwas wie eine Gunst erbat. Ja, ich werde morgen seinem Wunsch entsprechen. Zum Teufel mit der Arbeit! Auch Monarchen verdienen Urlaub.

Thordin erhob sich von seinem Sessel und hinkte an das große Fenster. Die endokrinen Behandlungen wirkten Wunder gegen seinen Rheumatismus, aber ihre Wirkung war noch nicht vollkommen. Er schauderte ein wenig, als er in das Schneetreiben im Tal blickte. Der Winter stand wieder einmal vor der Tür.

Die Geologen behaupteten, daß Skontar einer neuen Eiszeit entgegensähe, aber so weit würde es nicht kommen. In einem weiteren Jahrzehnt würden die Klimaingenieure ihre Techniken vervollkommnet haben und imstande sein, die Gletscher in den Norden zurückzutreiben. Doch jetzt war es kalt und weiß draußen, und der Wind heulte bitter um die Türme des Palastes.

Auf der südlichen Halbkugel war jetzt Sommer, die Felder grünten, und Rauch stieg aus den Häusern in den warmen, blauen Himmel. Unter wessen Leitung war das wissenschaftliche Team gestanden? — Ach ja, es war Aesgayr Haastings Sohn. Seine Arbeit über Ackerbau und Genetik hatte es einer Gruppe von Kleinbauern ermöglicht, für die neue, wissenschaftliche Zivilisation genug Nahrungsmittel zu erzeugen. Das alte Freisassentum, das Rückgrat Skontars während seiner ganzen Geschichte, war nicht ausgestorben.

Andere Dinge hatten sich natürlich verändert. Thordin lächelte mühsam, als er sich überlegte, wie sehr sich das Valtamat in den letzten fünfzig Jahren gewandelt hatte.

Dyrins Arbeiten über allgemeine Semantik, die für alle Wissenschaften von fundamentaler Bedeutung waren, hatten zu den neuen psychosymbologischen Techniken des Regierens geführt. Skontar war nur noch, dem Namen nach ein Reich. Er hatte das Paradoxon eines liberalen Staates durch eine nichtgewählte, wirksame Regierung ersetzt, was zum Besten des Planeten diente, und worauf auch die vergangene, skontarische Geschichte mühsam hingearbeitet hatte. Aber die neue Wissenschaft beschleunigte den Prozeß und komprimierte Jahrhunderte der Entwicklung in zwei kurze Generationen. Es schien eigenartig, daß, obwohl die physikalischen und biologischen Wissenschaften sich fast unglaubhaft rasch entwickelt hatten, die Künste, Musik und Literatur kaum einer Wandlung unterworfen waren, daß Handarbeit überlebt hatte, und das alte Hochnaarhaym immer noch gesprochen wurde.

Nun, so war es eben. Thordin begab sich zu seinem Tisch zurück. Die Arbeit rief. Da war die Sache mit der Kolonie auf Aesriks Planeten. — Man konnte nicht erwarten, daß mehrere hundert blühende interstellare Kolonien klaglos zu regieren seien. Aber es hatte nichts zu bedeuten.

Das Reich war sicher. Und es wuchs.

Sie hatten einen weiten Weg zurückgelegt seit den Tagen der Verzweiflung, des Hungers, der Krankheit und der Zerstörung vor fünfzig Jahren. Einen langen Weg — Thordin fragte sich, ob selbst er den Fortschritt richtig erkannte.

Er nahm den Mikroleser zur Hand und begann zu lesen.

Mit Hilfe seines geistigen Trainings arrierte er den Stoff.

Zwar beherrschte er die neuen Techniken nicht so gut wie die Männer der jüngeren Generation, die von Geburt an daran gewöhnt waren, aber das Arrieren war eine wunderbare Hilfe, die Integration in seinem Unterbewußtsein durchzuführen und die Möglichkeiten erkennen zu lassen. Er fragte sich, wie er wohl die alten Zeiten des logischen Schließens auf rein bewußter Ebene überleben hatte können. Thordin kam knapp vor den Mauern der Burg von Kraakahaym aus der Raumfalte. Skorrogan hatte diese Stelle bestimmt, weil er die Aussicht liebte, die sich von dort aus bot. Sie war großartig, dachte der Valtam, aber schwindelerregend: Ein Katarakt zerklüfteter, grauer Klippen und windgepeitschter Wolken, der bis in das tief unten liegende, grüne Tal reichte. Über ihm ragten drohend die alten Zinnen auf, über denen krächzend die schwarzgeflügelten Kraakar schwebten, die dem Ort seinen Namen verliehen hatten. Der Wind tobte brüllend um ihn und trieb trockenen, weißen Schnee vor sich her.

Die Wachen hoben grüßend die Speere. Sonst waren sie waffenlos, und die Vortex-Kanonen auf den Wällen der Burg rosteten bereits. Im Herzen des Reiches, das nur noch von den Besitzungen Sols übertroffen wurde, bedurfte man keiner Waffen. Skorrogan stand wartend im Vorhof. Die fünfzig Jahre hatten nicht vermocht, seinen Rücken stark zu krümmen, oder die wilde, goldene Lebenskraft aus seinen Augen zu nehmen. Heute schien es Thordin jedoch, daß der Alte von einer angespannten, inneren Begierde erfüllt war, als sehe er dem Ende einer langen Reise entgegen. Skorrogan begrüßte ihn formell und forderte ihn auf, einzutreten. „Nicht jetzt, danke!“ wehrte Thordin ab. „Ich habe wirklich viel zu tun und möchte sofort abfliegen.“

Der Herzog murmelte die offizielle Redewendung des höflichen Bedauerns, aber es war offensichtlich, daß er es begrüßte, nicht eine Stunde in der Burg vertrödeln zu müssen.

„Dann komm bitte!“ sagte er. „Mein Kreuzer ist startbereit.“ Er befand sich hinter dem Gebäude auf einer Startrampe.

Es war ein schmuckes, kleines Robo-Schiff in Tetraederform. Sie traten ein und nahmen auf den Sitzen in der Mitte Platz.

„Willst du mir vielleicht jetzt sagen, warum du heute Cundaloa aufsuchen möchtest?“ fragte Thordin.

Skorrogan warf ihm einen Blick zu, in dem der alte Schmerz durchschimmerte. „Heute“, begann er langsam, „ist es genau fünfzig Jahre her, daß ich von Sol zurückgekehrt bin.“

„Ja…?“ Thordin war erstaunt und fühlte sich etwas unbehaglich. Es paßt gar nicht zu dem wortkargen Alten, die vergessene Sache wieder aufzuwärmen.

„Du wirst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern“, fuhr Skorrogan fort, „aber wenn du es aus deinem Unterbewußtsein vargen willst, wirst du wissen, daß ich damals sagte, man solle sich in fünfzig Jahren bei mir entschuldigen kommen.“

„Du willst dich also jetzt rechtfertigen.“ Thordin war nicht überrascht — es war typisch skontarische Psychologie — aber er fragte sich noch immer, was es zu entschuldigen gab.

„Das will ich. Damals konnte ich keine Erklärung abgeben, weil mir niemand geglaubt hätte; und außerdem war ich mir selbst nicht sicher.“ Skorrogan lächelte, und seine schlanken Hände bedienten die Kontrollen. „Jetzt bin ich es. Die Zeit gab mir recht, und ich will meine damals verlorene Ehre wiedererlangen, indem ich dir heute zeige, daß ich nicht wirklich versagt habe. Im Gegenteil, ich hatte Erfolg. Ich stieß die Solarier nämlich absichtlich vor den Kopf.“

Er drückte den Startknopf, und das Schiff überwand die Entfernung von einem halben Lichtjahr. Die große blaue Kugel Cundaloa rollte majestätisch, sanft leuchtend vor dem Hintergrund von Millionen strahlender Sterne.

Thordin saß reglos da und ließ die einfache und erschütternde Behauptung durch alle Ebenen seines Geistes dringen. Seine erste, emotionelle Reaktion war die ziemlich überraschende Erkenntnis, daß er etwas Ähnliches erwartet hatte. Tief im Inneren hatte er nie geglaubt, daß Skorrogan unfähig sein könne.

Dafür aber — nein, kein Verräter. Aber — was sonst? Was hatte er bezweckt? War er all diese Jahre nicht bei Verstand gewesen? Oder… „Du warst seit dem Krieg nicht oft auf Cundaloa, oder…?“ fragte Skorrogan.

„Nein, nur dreimal wegen dringlicher Geschäfte. Es ist ein blühendes System. Die Hilfe von Sol hat es wieder auf die Beine gestellt.“

„Blühend — ja, ja, das ist es.“ Einen Augenblick lang zuckte ein Lächeln um Skorrogans Mundwinkel, aber es war ein trauriges Lächeln; so als wollte, doch konnte er nicht weinen. „Ein geschäftiges, erfolgreiches, kleines System mit ganzen drei Kolonien unter den Sternen.“

Mit einer plötzlichen, zornigen Bewegung hieb er auf die Kurzstreckenkontrollen, und das Schiff gelangte durch eine Raumfalte auf die Oberfläche. Es landete in einer Ekke des großen Raumhafens bei Cundaloa City, und die Robots an der Rampe gingen daran, es zu sichern und einen Schutzschirm darum zu legen.

„Was nun?“ flüsterte Thordin. Plötzlich empfand er leichte Furcht; er wußte unbestimmt, daß ihm das, was er zu sehen bekommen, nicht gefallen würde. „Nur ein kleiner Spaziergang durch die Hauptstadt“, antwortete Skorrogan, „und vielleicht einige Abstecher in die Umgebung. Ich möchte, daß wir ganz inoffiziell und inkognito bleiben, denn das ist die einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit und den Alltag zu erleben, was viel wichtiger und aufschlußreicher ist, als statistisches und wirtschaftliches Material. Ich möchte dir zeigen, wovor ich Skontar bewahrt habe.“ Wieder lächelte er verzerrt. „Ich gab mein Leben für meinen Planeten, Thordin. Jedenfalls fünfzig Jahre davon — fünfzig Jahre der Einsamkeit und der Schande.“

* * *

Sie traten in den Lärm der großen Stahl- und Betonebene hinaus und begaben sich zum Ausgang, wo der Strom von Wesen der verschiedensten Rassen nie versiegte. Viele Menschen, die geschäftlich oder zum Vergnügen Avaiki besuchten, aber den Großteil der Menge machten natürlich die eingeborenen Cundaloaner aus. Manchmal fiel es nicht leicht, sie von den Menschen zu unterscheiden — die beiden Rassen glichen einander ja auch sehr —, und da die Cundaloaner solare Kleidung trugen… Von dem Stimmengewirr etwas verwirrt, schüttelte Thordin den Kopf. „Ich verstehe nichts“, rief er Skorrogan zu. „Ich kann Cundaloanisch, sowohl den Laui- wie auch den Muaradialekt, aber…“

„Natürlich nicht“, klärte ihn Skorrogan auf. „Die meisten sprechen auch Solarisch. Die Eingeborenensprachen sterben rasch aus.“

Ein untersetzter Solarier, in auffallende Farben gekleidet, brüllte einen unbewegt vor seinem Geschäft stehenden Ladenbesitzer an: „Hallo, du mir geben Souvenir, ha?“

„Pidgin-Solarisch.“ Skorrogan zog eine Grimasse.

„Ebenfalls im Aussterben, weil ja alle jungen Cundaloaner die Sprache von Grund auf lernen. Aber die Touristen sind unverbesserlich.“ Er blickte finster, und seine Hand zuckte zum Strahler.

Doch nein — die Zeiten hatten sich geändert. Man tötete niemanden mehr, nur weil er einem persönlich unsympathisch war, nicht einmal auf Skontar. Nicht mehr.

Der Tourist wandte sich um und stieß gegen ihn. „Oh, tut mir leid!“ rief er höflich aus. „Ich hätte aufpassen müssen.“

„Macht nichts.“ Skorrogan zuckte die Achseln.

Der Solarier fuhr in mühsam, mit starkem Akzent behafteten Hoch-Naarhaym fort: „Ich muß mich wirklich entschuldigen. Darf ich Sie auf einen Drink einladen?“

„Ich sagte, macht nichts.“ In Skorrogans Stimme schwang Grimm.

„Was für ein Planet! Rückständig wie — wie Pluto! Ich fliege von hier aus nach Skontar. Hoffe, Geschäftsverbindungen anzuknüpfen — ihr Skontarier versteht es, Geschäfte zu machen!“

Skorrogan knurrte und wandte sich ab, indem er Thordin mit sich zerrte. Der Rollsteig hatte sie bereits einen halben Block fortgetragen, als der Valtam fragte: „Wo sind deine Manieren geblieben? Er versuchte wirklich, zu uns höflich zu sein. Oder haßt du einfach alle Menschen?“

„Ich mag die meisten von ihnen“, antwortete Skorrogan.

„Aber nicht ihre Touristen. Das Schicksal sei gelobt, daß wir nicht viele bei uns auf Skontar zu Gesicht bekommen.

Ihre Ingenieure, Geschäftsleute und Studenten sind in Ordnung. Ich bin froh, daß zwischen Sol und Skang so enge Beziehungen bestehen, wodurch viele zu uns kommen.

Aber haltet die Touristen fern!“

„Warum?“

Skorrogan wies mit einer heftigen Handbewegung auf eine blitzende Neonreklame. „Deswegen!“ Er übersetzte den solarischen Text: Wohnt den alten Mauiroa-Zeremonien bei!

Farbenprächtig! Authentisch!

Die Magie des alten Cundaloa!

Im Tempel des höchsten Wesens Erschwingliche Preise „Die Religion von Mauiroa hatte einst eine Bedeutung“, sagte Skorrogan ruhig. „Sie war ein erhabenes Glaubensbekenntnis, auch wenn sie gewisse unwissenschaftliche Elemente enthielt. Aber die hätte man ausmerzen können — doch, zu spät. Die meisten Eingeborenen sind entweder Neopantheisten oder ohne Bekenntnis, und sie führen die alten Zeremonien für Geld vor. Als Show.“

Er schnitt eine Grimasse. „Cundaloa hat nicht all die malerischen Häuser, Gebräuche, Lieder und anderen kulturellen Dinge verloren, aber man ist sich dieser Eigenschaft bewußt geworden, was noch schlimmer ist.“

„Ich sehe nicht ganz ein, warum du so wütend bist“, wunderte sich Thordin. „Die Zeiten haben sich geändert.

Aber auch auf Skontar!“

„Nicht auf solche Weise. Sieh dich um, Mann! Du bist nie im System von Sol gewesen, aber du hast bestimmt Bilder von dort gesehen. Du erkennst sicher, daß dies eine typisch solare Stadt ist — vielleicht ein wenig zurückgeblieben, doch typisch. Du wirst keine Stadt im System von Avaiki finden, deren Wesen nicht — menschlich ist.

Hier wirst du nirgends mehr eine bedeutende Kunst, Literatur oder Musik finden — nur billige Imitationen solarer Produkte oder ein unnatürliches Festklammern an überholten Traditionen oder ein romantisches Nachahmen der Vergangenheit. Du wirst keine Wissenschaft finden, die im Grunde nicht solarisch wäre, keine Maschinen, die sich grundsätzlich von solaren unterscheiden, und von Jahr zu Jahr gibt es weniger Häuser, die man von menschlichen unterscheiden könnte. Die alte Gesellschaft ist tot; nur noch wenige Reste sind erhalten. Die Familienbande, die Grundlage der Eingeborenenkultur sind verschwunden, und die Ehen werden ebenso ernst genommen wie auf der Erde.

Die alte Bindung zum Land besteht nicht mehr, es gibt kaum noch Gemeinschaftsformen, weil die jungen Männer alle in die Städte strömen, in der Absicht, Millionen zu verdienen. Gekocht wird nach solarem Vorbild, und einheimische Gerichte sind nur noch in den teuersten Restaurants erhältlich.

Nirgends findet man mehr handgemachte Töpfe oder handgewebte Stoffe. Alle tragen, was die Fabriken herstellen. Wo sind die fahrenden Sänger, die die alten Lieder singen oder neue machen? Heute starrt man nur noch auf den Bildschirm. Die Philosophen der aracleischen oder vranamauischen Schule haben abgedroschenen Kommentaren über Aristoteles gegen Korzbyski oder über die Russellsche Wissenstheorie weichen müssen…“

* * *

Skorrogan verstummte langsam. Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Thordin leise: „Ich merke jetzt, worauf du hinauswillst. Cundaloa hat sich zu einem Abbild Sols entwickelt.“

„Genau. Das war unausbleiblich, sobald sie die Hilfe von Sol angenommen hatten. Sie mußten förmlich die solare Wissenschaft, Wirtschaft und letzten Endes die gesamte solare Kultur annehmen, denn sonst wäre es den Menschen nicht möglich gewesen, den Wiederaufbau zu übernehmen.

Und da diese Kultur offensichtlich erfolgreich war, wurde sie von Cundaloa eben angenommen. Jetzt ist es zu spät.

Sie können nicht mehr zurück. Ja, sie wollen nicht einmal mehr zurück.

Das ist früher auch schon vorgekommen. Ich habe die Geschichte von Sol studiert. Zu einer Zeit, in der die menschliche Rasse noch nicht einmal die anderen Planeten ihres Systems erreicht hatte, gab es in ihrer Heimat die verschiedensten Kulturen, die sich voneinander oft radikal unterschieden. Aber zuletzt wurde der sogenannte westliche Kulturkreis technologisch so überlegen, daß — nun, die anderen konnten daneben nicht bestehen. Um sich mit ihm messen zu können, mußten sie die westliche Auffassung annehmen. Und als der Westen ihnen bei der Entwicklung behilflich war, verwandelte er sie naturgemäß gänzlich.

Mit den allerbesten Absichten vernichtete der Westen alle anderen Lebensauffassungen.“

„Und du wolltest uns davor bewahren?“ fragte Thordin.

„In gewisser Weise verstehe ich dich. Doch muß ich mich fragen, ob der sentimentale Wert alter Einrichtungen dem einiger Millionen Toter und eines Jahrzehnts des Opfers und Leidens gleichkommt.“

„Aber es war mehr als bloß Gefühlsduselei!“ entgegnete Skorrogan aufgeregt. „Siehst du es denn nicht? Der Wissenschaft gehört die Zukunft. Um nur die geringste Bedeutung zu erlangen, mußten wir wissenschaftlich werden.

Aber war die solare Wissenschaft die einzige Möglichkeit?

Mußten wir Menschen zweiter Klasse werden, um zu überleben — oder konnten wir einen neuen Weg beschreiten, ungehindert von der überwältigenden Hilfsbereitschaft einer hochentwickelten, im Grunde jedoch fremdartigen Lebensart? Ich glaubte daran, daß wir es konnten. Ich glaubte, daß wir es mußten.

Denn keine nichtmenschliche Rasse wird jemals zu wirklich erfolgreichen Menschen werden. Die grundlegenden Psychologien, Stoffwechsel, Instinkte, Logiken, alles — die Unterschiede sind zu groß. Eine Rasse kann zwar in der Sprache einer anderen denken, aber niemals allzu gut. Du weißt, welche Schwierigkeiten beim Übersetzen von einer Sprache in die andere entstanden. Und jeder Gedanke hat die Form einer Sprache, und die Sprache reflektiert die grundlegenden Gedanken. Die exakteste, strengste und wohldurchdachteste Philosophie und Wissenschaft einer Rasse wird von einer anderen nie ganz verstanden werden, weil sie aus der gegebenen Umwelt etwas anders abstrahiert.

Ich wollte uns davor bewahren, von Sol geistig abhängig zu werden. Skang war zurückgeblieben. Er mußte seine Art ändern — aber weshalb zu etwas gänzlich Fremdem? Warum sollte man unser Volk nicht den eigenen Pfad der Entwicklung, aber beschleunigt, gehen lassen?“

Skorrogan zuckte die Achseln. „Das habe ich getan“, endete er ruhig. „Es war ein ungeheures Wagnis, aber wir haben gewonnen. Wir haben unsere Kultur gerettet. Sie gehört uns. Gezwungen, selbst wissenschaftlich zu werden, haben wir unseren eigenen Weg gefunden. Du kennst das Ergebnis. Dyrins Semantik wurde entwickelt — die Wissenschaftler von Sol hätten sie zu Tode gelacht. Wir entwickelten das Tetraederschiff, was menschliche Ingenieure für unmöglich gehalten hatten, und heute durchqueren wir die Galaxis, während ein altes Schiff von Sol zu Alpha Centauri fliegt. Wir machten uns die Raumfalten untertan, die Psychosymbologie unserer Rasse, die für andere keine Gültigkeit besitzt, das neue Agrarsystem, das uns die Freisassen erhielt, die das Rückgrat unserer Kultur bilden, einfach alles! In den fünfzig Jahren wurde Cundaloa revolutioniert, Skontar aber hat sich selbst revolutioniert. Das ist der Riesenunterschied.

Und daher haben wir uns unser ureigenes Wesen erhalten, die Kunst, das Handwerk, das Volkstum, Musik, Sprache, Literatur, Religion. Der Schwung unseres Erfolges hat uns nicht nur zu den Sternen getragen und uns zu einer der größten Mächte der Galaxis gemacht, sondern hat auch eine Renaissance unseres Wesens hervorgerufen, die jedem Goldenen Zeitalter der Geschichte gleichkommt.

Und all das, weil wir wir selbst geblieben sind.“

Er verfiel in Schweigen, und auch Thordin sagte eine Zeitlang nichts. Sie waren an einer ruhigeren Seitenstraße angelangt, in einem alten Viertel, wo noch Gebäude standen, die vor dem Kommen der Solarier errichtet worden waren, und wo man noch häufig Gewänder sah, die im Stil der Eingeborenen geschnitten waren. Eine Gruppe menschlicher Touristen hatte sich gerade um einen offenen Töpferladen geschart.

„Nun?“ fragte Skorrogan nach einer Weile.

„Ich weiß nicht recht.“ Thordin rieb sich die Augen. Er war etwas verwirrt. „Das ist alles so neu für mich. Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Ich muß erst darüber nachdenken.“

„Ich hatte fünfzig Jahre Zeit, darüber nachzudenken“, sagte Skorrogan rauh. „Ich glaube, daß dir schon einige Minuten zustehen.“

* * *

Sie schlenderten zu dem Laden. Inmitten seiner Waren, leuchtend bemalten Vasen, Schüsseln und Schalen, saß ein alter Cundaloaner. Eingeborenenarbeit. Eine Frau feilschte um einen der Gegenstände.

„Sieh dir das an!“ forderte Skorrogan Thordin auf. „Hast du jemals die alten Arbeiten gesehen? Das hier ist billiges Zeug, das zu Tausenden für die Touristen hergestellt wird.

Die Muster sind entstellt, die Ausführung schlampig. Früher einmal hatte jede dieser Linien und Schleifen eine Bedeutung.“

Ihr Blick fiel auf eine Vase, die neben dem alten Ladenbesitzer stand, und selbst der unnahbare Valtam sog bebend Luft in seine Lungen. Die Vase glühte. Sie schien fast Eigenleben zu besitzen. Jemand hatte all seine Liebe und Sehnsucht in die klaren Linien und glatten Kurven gelegt.

Vielleicht hat er sich dabei gedacht: Dies wird leben, wenn ich nicht mehr bin. Skorrogan stieß einen Pfiff aus. „Das ist eine echte, alte Vase“, sagte er. „Mindestens ein Jahrhundert alt — ein Museumsstück! Wie mag sie wohl in diesen Kramladen gekommen sein?“

Die Menschenmenge rückte vor den beiden riesigen Skontariern ein wenig zur Seite, und Skorrogan las mit einer eigenartigen inneren Belustigung ihren Gesichtsausdruck. Sie haben eine gewisse Scheu und Ehrfurcht vor uns. Sol haßt Skontar nicht mehr, man bewundert uns, schickt die jungen Leute zu uns, damit sie unsere Sprache und Wissenschaft erlernen. Wer aber schert sich noch um Cundaloa?

Die Frau folgte seinen Blicken und sah die herrliche Vase neben dem Alten. Sie wandte sich an ihn: „Wie viel?“

„Nicht verkaufe“, sagte der Cundaloaner. Seine Stimme war ein verstaubtes Flüstern, und er schlug seinen schäbigen Mantel enger um sich.

„Du verkaufst,“ Sie schenkte ihm ein künstliches strahlendes Lächeln. „Ich gebe dir viel Geld. Ich gebe dir zehn Kredite.“

„Nicht verkaufe.“

„Ich gebe dir hundert Kredite. Verkauf!“

„Gehört mir. In Familie seit alten Tagen. Nicht verkaufe.“

„Fünfhundert Kredite!“ Sie schwenkte das Geld vor seiner Nase.

Er drückte die Vase an seine schmächtige Brust und blickte mit dunklen, feuchten Augen auf, die sich mit den Tränen des Alters zu füllen begannen. „Nicht verkaufe.

Geh weg! Nicht ver-koamaui.“

„Komm!“ murmelte Thordin. Er ergriff Skorrogan beim Arm und zog ihn fort. „Gehen wir! Zurück nach Skontar!“

„So bald schon?“

„Ja! Ja! Du hattest recht, Skorrogan. Du hattest recht, und ich werde mich öffentlich entschuldigen, und du bist der größte Retter der Geschichte. Aber fahren wir nach Hause!“

Sie eilten die Straße hinunter. Thordin versuchte angestrengt, die Augen des alten Cundaloaners zu vergessen. Er fragte sich, ob es ihm jemals gelingen würde.