MariaÀngels Anglada

Die Violine von Auschwitz



Im Gedenken an die Opfer



Die Autorin ist dem Geigenbauer Ramon Pinto i Comas zu Dank verpflichtet.



Bei den Texten zu Anfang der Kapitel handelt


es sich um authentische Dokumente.


Vgl. Reimund Schnabel, Macht ohne Moral


Eine Dokumentation über die SS, Röderberg


Verlag, Frankfurt am Main, 1957.


I

<p><strong>I</strong></p>

Ghettowache 6.


Litzmannstadt, 1. Dezember 1941



Betrifft: Schußwaffengebrauch.


Am 1. Dezember 1941 in der Zeit von 14.00 Uhr bis 16.00 befand ich mich auf Posten 4 in der Hohensteinerstraße. Um 15.00 Uhr sah ich, wie eine Jüdin auf den Zaun des Ghettos kletterte, den Kopf durch den Ghettozaun steckte und den Versuch machte, von einem vorüberfahrenden Wagen Rüben zu stehlen. Ich machte von meiner Schußwaffe Gebrauch. Die Jüdin wurde durch zwei Schüsse tödlich getroffen.


Art der Schußwaffe: Karabiner 98.

Verschossene Munition: 2 Patronen


gez. Naumann


Wachtm. d. Sch. P. d. Res.


1. Komp. Bl.- Batt. Ghetto.


Dezember 1991


Immer wenn ich ein Konzert gegeben habe, fällt es mir schwer, nachts einzuschlafen. So als ließe ich ein Tonband laufen, das sich pausenlos wiederholt, kehrt es dann ständig in mein Gedächtnis zurück. Jenes Konzert,es das am zweihundertsten Todestag Mozarts stattgefunden hatte, war zudem etwas Besonderes gewesen. Wir hatten in Krakau, einer Stadt herausragender Musiker, in einem für Konzerte adaptierten Saal der prächtigen Tuchhallen gespielt. Das kalte Wetter hatte uns daran gehindert, ausgiebig durch die Stadt zu spazieren, die reich an Kunstwerken ist. Nur zu Mittag, als die Sonne den Nebel vertrieb, war ich eine Weile über den Rynek Glowny geschlendert, bevor ich ins Hotel zurückkehrte.

Im ersten Teil des Konzerts war Virgili Stancu, der Pianist unseres Trios, auf den Vorschlag der polnischen Veranstalter eingegangen und hatte, obwohl der Abend Mozart gewidmet war, Chopins Préludes vorgetragen – kunstvoll wie immer. Im zweiten Teil hatten er und ich die Sonate in b-Moll gespielt, die Mozart einst für Regina Strinasacchi, eine von ihm äußerst bewunderte Geigerin, komponiert hatte. Wir waren auch noch geblieben, um das Orchester zu hören, das die Konzertante Symphonie KV 364 makellos interpretierte, alle klanglichen Ebenen herausarbeitete und hinter dem heiteren, klaren Geflecht der Phrasierungen die dramatische Tiefe durchscheinen ließ.

Vor allem der Klang der ersten Geige hatte meine Aufmerksamkeit erweckt. Die Konzertmeisterin, eine ältere Frau, spielte sie mit äußerst reiner Intonation und, wie mir schien, mit echter, verhaltener Leidenschaft.

Ihre Augen waren traurig, wenn sie nicht spielte.

Es war spät geworden, ich sehnte mich nach Elektra, und es kam mir so vor, als hätte ich noch immer den Klang dieser Geige im Ohr. Er war nicht besonders tragend, wohl aber samtig weich und voll. Gewiss handelte es sich nicht um ein von den großen Meistern aus Cremona gebautes Instrument, vielleicht aber, so vermutete ich, um eine Geige der alten polnischen Schule. Sollte etwa eine Mateusz Dobrucki aus Krakau all die Zerstörungen überlebt haben? Ihre rötliche Farbe war mir allerdings dunkler, nicht so transparent vorgekommen. Sie konnte jedoch auch eine Tiroler Arbeit sein oder von einem Mitglied der Mittenwalder Geigenbauerfamilie Klotz stammen.

»Nein, du siehst doch, dass es keine Klotz ist.« Sie hatte es lächelnd gesagt, aber ihr Lächeln hatte keine Fröhlichkeit ausgestrahlt. Das war am Tag nach dem Konzert gewesen. In der Nacht zuvor hatte ich beschlossen, die Geigerin persönlich nach der Herkunft des Instruments zu fragen, und mich dann, um nicht mehr weitergrübeln zu müssen, in die Lektüre eines dieser großartigen Krimis von Eric Ambler vertieft, die mir stets einen friedlichen und tiefen Schlaf verschaffen.

Wir trafen uns in der Musikhochschule der Stadt – hier nennt man sie nicht Konservatorium -, wohin ich eingeladen worden war. Zunächst bewunderte ich im weitläufigen Foyer die Ölporträts berühmter polnischer Musiker, von den ältesten bis hin zu meinem Kollegen Wienasky, und hielt dann in einem kleineren Hörsaal eine Unterrichtsstunde, eine sogenannte Meisterklasse, ab.

Danach legte mir die Frau die Geige in die Hände, ihre Geige. Ich probierte sie aus: Die Saiten gehorchten mir, wie ich es von ihnen verlangte, wie geschmeidiger Ton in den Fingern, die ihn modellieren. Es war ein kleines Wunder.

»Du würdest dich wohl kaum von ihr trennen wollen, oder?«

»Um nichts in der Welt!«, antwortete sie. »Und wenn ich vor Hunger sterben müsste. Sie ist das Einzige, was mir von meiner Familie geblieben ist. Diese Geige hat mein Onkel Daniel gebaut – nach den Maßen einer Stradivari. Niemals würde ich sie gegen eine andere tauschen.«

»Dann verstehe ich, dass du sehr an ihr hängst.«

»Oh, nein, das kannst du nicht verstehen. Dazu müsstest du die ganze Geschichte kennen.«

Ein Schatten tiefer Traurigkeit umwölkte ihre hellen Augen und verstärkte die Falten in ihrem schönen Gesicht. Ihre Hand strich wirkungslos über das blonde, von Silberfäden durchzogene Haar.

Wir mussten unser Gespräch unterbrechen, weil ich zugesagt hatte, im Festsaal dem Konzert der Streicher aus den Abschlussklassen beizuwohnen, die das Intermezzo von Penderecki, dem langjährigen Rektor dieser Schule, aufzuführen gedachten. Im Anschluss daran gab es eine kleine Feier, die meine Kollegin aber eher zu langweilen schien.

»Bist du die Feier nicht leid?«, fragte sie mich schon sehr bald. Ich war es nicht, doch die Geigerin hatte meine Neugierde und mein Interesse geweckt.

»Es macht mir nichts aus zu gehen«, sagte ich. »Meiner Verpflichtung bin ich schon nachgekommen. Wenn du willst, begleite ich dich nach Hause.«

Sie wohnte in der Nähe der Musikhochschule, und wir trotzten zu Fuß dem kalten Wetter jenes schon wieder in Nebel gehüllten Spätnachmittags. Sie lud mich auf eine Tasse heißen Tee zu sich ein. Ihre Wohnung war klein, schlicht – das Leben war hart in Polen. Ich kam nicht mehr auf die Geige zu sprechen, wollte sie zerstreuen, sie auf andere Gedanken bringen. Kurz sprach sie von ihrem Sohn, zeigte mir ein Foto und erzählte, dass er nach Israel gegangen war. Sie aber wollte nicht fort.

»Was soll ich denn dort machen? Er ist Diamantenschleifer und hat einen guten Arbeitsplatz; inzwischen gibt es doch so viele Musiker in Israel, vor allem viele Russen, sie könnten hundert Orchester gründen! Aber er kommt zum Rosch ha-Schana und zum Passah-Fest auf Besuch.«

Schließlich begannen wir über Musik zu sprechen und diskutierten, während wir die Aufnahme der Konzertanten Symphonie hörten, einige Interpretationsprobleme. Und am Ende – so ergeht es mir immer – musizierten wir selbst, denn sie war auch eine gute Pianistin, und das Klavier nahm praktisch die Hälfte des Raumes ein, der zugleich als Ess-, Wohn- und Musikzimmer diente. Das Musizieren brachte uns einander näher, als es stundenlange Gespräche vermocht hätten, und ich fühlte mich ihr freundschaftlich verbunden. Für einen kurzen Moment glaubte ich – vielleicht war es auch nur Einbildung -, in ihren Augen und auf ihren glühenden Wangen einen Funken, einen Hauch von Begehren zu entdecken, aber womöglich galt er nur der Musik. Mein Gott, dachte ich, sie ist doch viel älter als ich!

Wir spielten in perfekter Übereinstimmung die Sonate zu Ende. Sie kam mir verändert vor, fröhlich gar, und sie strahlte noch mehr, als sie das Telefon auflegte, das genau zu dem Zeitpunkt geläutet hatte, wo sie den Klavierdeckel schloss und mir glücklich die Hände drückte. Obwohl sie mir keine Erklärung schuldig war, erzählte sie mir, dass es ihr Freund gewesen sei.

»Er ist kein Musiker«, fügte sie hinzu, »er ist Industrietechniker und arbeitet in Nowa Huta. Wir haben nicht oft die Gelegenheit, etwas miteinander zu unternehmen.«

Mittlerweile war es Nacht geworden, und es war an der Zeit, ins Hotel zurückzukehren, wo Gerda und Virgili Stancu auf mich warteten. Wir verabschiedeten uns schweren Herzens und verabredeten uns für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Abendessen zu viert in dem Hotel, in dem wir untergebracht waren. Ich wollte nicht, dass Regina irgendwelche Ausgaben hatte, denn obwohl sie eine hervorragende Berufsmusikerin war, wusste ich, wie schwierig es für sie sein musste, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wollte ihr noch nichts verraten, bevor ich nicht mit meinen beiden Kollegen gesprochen hatte, aber ich dachte, es wäre eine schöne Idee, sie nach Holland einzuladen und ein Konzert mit ihr zu planen. Ich rechnete fest mit dem Einverständnis der beiden anderen, mir gegenüber hatten sie nämlich alle mit großer Bewunderung über Reginas Vortragsweise gesprochen.

Am darauffolgenden Tag wollte ich sie nach dem Abendessen nach Hause begleiten, doch sie meinte, das wäre nicht nötig, es würde sonst nur zu spät für mich werden. Sie willigte aber ein, sich von mir ein Taxi rufen und den Betrag für die Fahrt dem Chauffeur im Voraus begleichen zu lassen. Wir verabschiedeten uns mit einer festen und freundschaftlichen Umarmung, und ich dachte ein bisschen wehmütig daran, wie weich sich ihr Körper anfühlte und wie begehrenswert er vor einigen Jahren wohl gewesen sein musste.

Während des gesamten Abendessens hatte sie sich mehr mit Gerda, der Cellistin, als mit mir unterhalten. Die beiden waren sogar gemeinsam für geraume Zeit im Zimmer meiner Kollegin verschwunden. Als sie schließlich zurückkehrten, sah ich, dass Regina sich umgezogen hatte: Sie trug nun eines von Gerdas Konzertkleidern, ein dunkelblaues mit Spitze, das ihr sehr gut stand. Sie mussten aber auch das eine oder andere Geheimnis ausgetauscht haben.

Ich hatte mich nicht geirrt.

»Regina war von deinen Interpretationsvorschlägen sehr begeistert«, sagte Gerda am nächsten Tag zu mir. »Und auch von deinem Unterricht für die Schüler der Abschlussklassen. Du hast großen Eindruck auf sie gemacht.«

»Also, um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass es für die Schüler wichtig gewesen ist. Du hast doch gehört, wie sie spielen.«

»Aber du hast ihnen neue Perspektiven eröffnet, deine Sichtweise und deine Schule sind anders; Regina hat sich vor allem für die Kadenz interessiert.«

Sie machte eine Pause und wechselte das Thema:

»Hat sie dir eigentlich nichts von ihrem Leben erzählt?«

»Nein, ich habe sie auch nicht nach Einzelheiten gefragt, ich wollte nicht indiskret sein. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sie diese Dinge traurig stimmen. Als sie mir berichtete, die Geige wäre von ihrem Onkel Daniel gebaut worden, hörte ich sie ganz leise hinzufügen: ›Gesegnet sei sein Andenken‹.«

»Ja«, bekräftigte Gerda, »die Erinnerung muss schmerzlich für sie sein. Fast alle der Ihren sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Ihre Mutter und ihre Großmutter starben im Krakauer Ghetto, ihr Vater und der ältere Bruder wurden von den Nazis in Auschwitz ermordet. Sie muss damals noch sehr jung gewesen sein. Wie sie wohl überleben konnte? Wahrscheinlich hat ihr die Musik geholfen, die unendlich vielen Schatten zu überwinden. Diese Aufzeichnungen hier gab sie mir für dich. Sie hat viele Zeugnisse von damals zusammengetragen und meinte, du hättest dich für ihre Geige interessiert und könntest so einen Teil ihrer Geschichte rekonstruieren.«

»Hast du sie gelesen?«

»Sie haben mich die halbe Nacht wach gehalten! Aber nun gehören sie dir. Sie hat sie mir für dich gegeben.«

Ich war sehr glücklich über diesen Freundschaftsbeweis. Zudem hatten wir Regina überreden können, uns zu besuchen und bei einigen Konzerten mitzuwirken, sobald alles organisiert wäre. Gerda, die immer ihren Kopf durchsetzt, nahm sich dieser Aufgabe an, und so wurde schon bald vereinbart, ihr bei einem unserer Auftritte den Violinpart in dem Erzherzog Rudolph gewidmeten Trio von Beethoven zu übergeben. Ich würde ihr mit Vergnügen meinen Part überlassen. Mit den weiteren Einzelheiten der Tournee wollten wir unseren Agenten, den Bruder der Cellistin, betrauen. Regina war bislang nur selten aus ihrem Land herausgekommen; ein Auslandsaufenthalt würde ihr gewiss neue Impulse geben. Drei Wochen, hatte sie zu uns gesagt, länger nicht, denn sonst würde sicherlich jemand versuchen, ihr den Lehrstuhl streitig zu machen.

Unsere Tournee näherte sich allmählich ihrem Ende; es stand noch ein letztes Konzert in Warschau auf dem Programm, dann würden wir getrennte Wege gehen: Gerda und Virgili würden nach Amsterdam fahren, ich zurück nach Paris in mein Studio, wo ich für die Aufnahme einer CD erwartet wurde. Auf dem Warschauer Flughafen saßen wir wegen des Nebels mehr als zwei Stunden fest. Ich nutzte die Zeit, um Reginas Aufzeichnungen zu lesen, die sie in holpriges Englisch übersetzt hatte. Nach den ersten paar Seiten dachte ich: Du musst sie Àngels geben, es wird sie brennend interessieren, doch bald vergaß ich alles und konzentrierte mich ganz auf die Notizen der Geigerin, in denen immer wieder ein Name auftauchte, der mir bekannt vorkam. Meine Kollegen mussten mich darauf aufmerksam machen, dass mein Flug schon aufgerufen worden war; ich hatte es nicht einmal gehört, so vertieft war ich in die Geschichte der Geige meiner Freundin, in diese Geschichte, die ich niemals mehr werde vergessen können.


II

<p><strong>II</strong></p>

UND ICH KOMME AN EINEN ORT,


WO ALLES LICHT ERLOSCHEN IST.







Dante, Göttliche Komödie, Die Hölle − IV, 151


Formblatt für Arrest- und Prügelstrafen 1942


Arrest:

Stufe I (mittel):

Bis zu 3 Tagen. Helle Zelle. Holzpritsche. Verpflegung: Wasser und Brot; jeden 4. Tag volle Verpflegung.


Stufe II (verschärft):

Bis zu 42 Tagen. Dunkle Zelle.

Holzpritsche. Verpflegung wie bei Stufe I.


Stufe III (streng):

Bis zu 3 Tagen. Dunkle Zelle. Ohne Gelegenheit zum Liegen und Sitzen.

Verpflegung: wie bei den anderen Stufen.


Körperliche Züchtigung:


Anzahl der Schläge: 5, 10, 15, 20, 25


Vorschriften:

Zuvor Untersuchung durch den Arzt! Schläge mit einer einrutigen Lederpeitsche kurz hintereinander verabfolgen, dabei Schläge zählen; Entkleiden und Entblössung gewisser Körperteile streng untersagt. Der zu bestrafende darf nicht angeschnallt werden, sondern hat frei auf einer Bank zu liegen. Es darf nur auf das Gesäss und die Oberschenkel geschlagen werden.


Stempe


SS-WIRTSCHAFTS-VERWALTUNGSHAUPTAMT (WVHA)



Rentabilitätsberechnung der SS


über Ausnützung der Häftlinge in den


Konzentrationslagern



Täglicher Verleihlohn


durchschnittlich RM 6,-


abzüglich Ernährung RM -,60


durchschnittl. Lebensdauer


9 Mt. = 270 × RM 5,30 = RM 1431,-


abzüglich Bekl. Amort. RM -,10

Als Daniel aus der Arrestzelle kam – oder besser gesagt, als er herausgeholt wurde -, noch schwächer als zuvor, obwohl er nur vier Tage dort verbracht hatte, war er versucht, seinen inneren Antrieb zu verwünschen, der ihn hier in der Hölle hatte am Leben bleiben lassen. Dass es vier Tage gewesen waren, wusste er, weil er jeden Abend mit dem Fingernagel eine kleine Kerbe geritzt hatte, um das Zeitgefühl nicht zu verlieren.

Irgendwelche Erklärungen gab es nie, und man hielt sich hier auch nicht an Vorschriften. Sein Vergehen, und das seines Kameraden von der benachbarten Pritsche, war es gewesen, unglücklicherweise an einem jener dunklen und eisigen Morgen verschlafen und die Baracke nicht rechtzeitig verlassen zu haben. Sein ganzer Körper schmerzte noch von den Peitschenhieben, die er vor dem Arrest erhalten hatte, und von der harten Holzpritsche, die viel zu kurz für ihn war: absichtlich, davon war er überzeugt. Dabei befand er sich im Vergleich zu den anderen Häftlingen gewissermaßen in einer privilegierten Lage. Denn immerhin erwartete man ihn zur Arbeit im Haus des Lagerkommandanten zurück. Schwer zu sagen, wie lange seine Bestrafung sonst gedauert hätte.

Er hauchte auf seine steif gefrorenen Finger; seit vielen Monaten hatte er das Schacharit, das alte, in der Kindheit erlernte Morgengebet, vergessen. Nach dem Appell, der ihn noch mehr hatte frösteln lassen, machte er sich an die Arbeit und dachte daran, dass es mittags wenigstens eine warme Mahlzeit geben würde, eine wässrige Rübensuppe. Die Arrestzellen befanden sich neben dem Appellplatz, dem höchstgelegenen Ort dieser Hölle, wo man sie auch antreten ließ, um Exekutionen beizuwohnen.

Das Dreiflüsselager, eines der relativ kleinen Lager, erstreckte sich in dichten Nebel gehüllt zu seinen Füßen; es kam ihm mit seinen unheilvollen und schattenhaften Bauten unendlich groß vor. Die Dächer der Baracken waren weiß vom Schnee oder Raureif – er wusste es nicht genau. Dennoch wollte Sauckel, der Kommandant, dieser sadistische und raffinierte Hüne, Gladiolen und Kamelien pflanzen, und so hatte Daniel zusammen mit ein paar Mithäftlingen einen Wintergarten gezimmert. Das brachte ihnen manchmal ein zusätzliches Essen ein.

Glücklicherweise, dachte er, haben sie mir keine weitere Bestrafung auferlegt, wie etwa eine Tracht Prügel als Denkzettel bei der Entlassung; dennoch: Man konnte sich nie irgendeiner Sache sicher sein, denn in den etwas abseits gelegenen Lagern wurden die geltenden Vorschriften nicht strikt befolgt. Da er genau vier Tage zuvor beim Vollzug von Züchtigungen hatte anwesend sein müssen, wusste er Bescheid und hatte es daher vorgezogen, sich lieber selbst auf die Bank zu legen und Oberkörper und Gesäß zu entblößen, noch bevor sie ihn dazu hatten nötigen können.

Er hatte sich an die Bank geklammert und nichts weiter als die Zahl jedes einzelnen der fünfundzwanzig Peitschenhiebe herausgeschrien. Und weil er sich trotz der Schmerzen, die sie ihm zufügten, nicht verzählt hatte, begannen sie ihn nicht noch einmal zu schlagen, womit sie sich sonst häufig Vergnügen verschafften.

Bis zu jenem Tag war er von den »offiziellen« Peitschenhieben verschont geblieben – wenn auch nicht von den üblichen Schlägen und Tritten. Der Arzt mit den stahlgrauen, kalten Augen hatte nach einer nur oberflächlichen Untersuchung nicht gezögert, seine Genehmigung für die körperliche Züchtigung der beiden Barackenkameraden auf das Formular zu setzen. Soweit Daniel wusste, hatte er noch nie einen Antrag abgelehnt. Ihm schauderte vor dem Blick dieses Arztes, dessen Augen ihm ständig gefolgt waren – wer konnte schon sagen, ob er ihn nicht bereits für künftige Qualen bestimmt hatte.

Die älteren Häftlinge sprachen immer wieder von einer noch schlimmeren Hölle, von Reisen ohne Wiederkehr zu anderen Lagern mit furchteinflößenden Namen. Sie berichteten jedoch auch von einer Art kleinem Paradies, einer Fabrik, in der eine zusätzliche Essensration ausgeteilt und niemand misshandelt wurde. Daniel wollte aber weder verzagen noch träumen: Die Arbeit erforderte Konzentration, und heute fiel sie ihm besonders schwer. In der Zelle war die Brotration noch winziger ausgefallen als draußen, gerade groß genug zum Überleben. Während er sich seiner Arbeit so gut er konnte widmete, ohne sich auszuruhen und sogar froh, dass man ihn nicht in den Steinbruch geschickt hatte, dachte er an die Eingebung, die ihm – zumindest für unbestimmte Zeit – das Leben gerettet hatte.

»Beruf?«

Nicht jeder hatte das Glück, diese dem Anschein nach harmlose Frage auch nur gestellt zu bekommen. Diejenigen, die von vornherein für den Tod bestimmt waren, standen bereits in einer anderen Reihe: viele Kinder, Greise, ältere Frauen und Kranke.

Er antwortete rasch: »Tischler, Möbeltischler.« Es war eine Halbwahrheit. Diese Antwort war hinter seiner blassen Stirn entstanden, erst später dachte er bei sich, dass es ihm vorgekommen war, als habe sie ihm jemand diktiert. In der Zeit der Verfolgung glich das Leben, unerbittlicher denn je, einem Balanceakt auf einem Seil, und die Juden waren – wie unzählige andere – unerfahrene, gebrandmarkte Seiltänzer. Er kannte diejenigen, die über das Schicksal seines Volkes bestimmten, nur zu gut: Es war jene Sorte von Mördern, Mitglieder der Waffen-SS, mit makellosen Uniformen verkleidete Monster, wenn sie nicht mit Blut besudelt waren, sorgfältig frisierte, oft kultivierte Männer, die wahrscheinlich ihre Hunde liebten, gern Musik hörten und sicherlich eine Familie hatten. Von diesen verdammten feingliedrigen Händen, von diesen ruhigen oder fanatischen Augen hing an einem seidenen Faden das Leben – oder vielmehr ein Trugbild des Lebens. Für diese Gojim, dachte er in dem Moment, als er die Frage hörte, gilt das alte Gebot »Du sollst nicht töten« nicht. Seine Mutter hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, irgendeine Frage gestellt zu bekommen, sie war sehr früh im Ghetto gestorben. Der jüdische Arzt hatte in seiner Machtlosigkeit von Tuberkulose gesprochen, doch Daniel dachte immer: aus Hunger und Traurigkeit, sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen.

Welche Arbeit hätte ein Geigenbauer in der Hölle verrichten können? Tischler schien in jenem Augenblick selbst dem Adjutanten, der beifällig mit dem Kopf nickte, als er die Eintragung machte, eine gute Antwort zu sein; die konnte man immer brauchen. Doch jetzt, Monate später, die ihm wie Jahre vorkamen, und nach all dem Leid, zweifelte Daniel daran. Wenigstens hatten sie ihn relativ bald aus der »hellen« Zelle herausgeholt – man wusste nie, wie lange es dauerte, obwohl sie stets von Vorschriften sprachen -, und er konnte wieder das Tageslicht sehen. Drinnen hatte er sich, da das Fenster winzig war, in fast völliger Dunkelheit befunden.

Er genoss, das war ihm bewusst, gegenüber vielen Mithäftlingen einen gewissen Vortei Er arbeitete mittlerweile unter Dach, denn mit dem Wintergarten waren sie schon sehr weit, und er war dazu angehalten worden, ein Flaschenregal für den Weinkeller anzufertigen. Aus Gesprächsfetzen hatte er sich zurechtgelegt, dass weitere Arbeiten im Haus vorgesehen waren. Vielleicht würde er das Glück haben, diese zugeteilt zu bekommen.

Ich bin nur deshalb eingeschlafen, dachte er, weil ich nicht genug esse und das durch Schlaf versuche wettzumachen.

Sie mussten im Dunkeln aufstehen, um halb sechs, und um Viertel vor sieben zu arbeiten beginnen. Die anderen Häftlinge machten um zwölf eine halbe Stunde Pause, und diejenigen, die im Haus und in den Nebengebäuden des Kommandanten arbeiteten, kamen an den Tagen, an denen sie ihre Arbeit nach seinem unberechenbaren, fordernden Willen ausgeführt hatten, sogar in den Genuss von einer ganzen Stunde Ruhepause. Nachmittags ging die Arbeit bis halb sieben: genau bis zur Ausgabe des mageren Abendessens; darauf folgten der elendslange Appell und die Nacht – ohne Hoffnung auf eine gütigere Morgendämmerung.

Sonntagmorgens wollte Sauckel jedoch keinen Lärm hören, da er samstags entweder spät in der Nacht zurückkam oder aber eine seiner kleinen Orgien im Haus feierte. Und um ihn nicht aufzuwecken, durften die Sklaven wesentlich später beginnen. Diese kleinen Vorteile, immer mit der Angst verbunden, sie könnten irgendwann vorbei sein, waren die einzigen Hoffnungsschimmer, an die Daniel sich klammern konnte; er wollte nicht darüber hinaus nachdenken, sich nicht an viel erinnern, selbst die schmerzhaften Stiche nicht wahrhaben, die manchmal seinen Körper zusammenkrampfen ließen; sich nicht nach Eva sehnen, die vielleicht schon tot war, mit der er jetzt verheiratet wäre, wäre nicht Krieg. Bloß nicht an ihre Umarmungen der letzten Zeit denken, an ihre warmen Lippen, als die ersten Wochen des steifen Umgangs miteinander vorüber waren, nachdem der Vermittler sie einander gemäß dem Brauch der Gemeinde vorgestellt hatte.

Heute fühlte er sich so schwach, dass es ihm wie aus einem anderen Leben, wie von einer anderen Person zu stammen schien, jemals Begierde, jemals Lust empfunden zu haben. Bloß eine gewisse Wut hielt ihn noch auf den Beinen, denn er wollte diesen Hyänen, den Befehlshabern und Kapos nicht das Spektakel seiner Ohnmacht gönnen. Gegen seinen Willen schweiften seine Gedanken ab zu den ersten Wochen seiner Internierung im Dreiflüsselager, als er eines Abends noch einen flüchtigen Kontakt mit irgendeiner Lagerinsassin gehabt hatte, verborgen hinter einem Verschlag. Bald darauf allerdings hatten sie Männer und Frauen durch einen elektrischen Zaun getrennt, bei dessen Errichtung sie selber hatten mithelfen müssen. Doch angesichts seiner schwindenden Kräfte war es ihm inzwischen gleichgültig.

Hunger plagte ihn. Er war jung und wollte leben. Das Mittagessen würde den Hunger bloß täuschen.Vielleicht würde ihm die Köchin heimlich ein paar Reste zustecken, manchmal wagte sie es, wenn Er sich nach dem Essen zum Lesen zurückzog. Fünf Stunden Arbeit mit nichts als einem wässrigen Kaffee-Ersatz und einem Stück Brot im Magen ließen ihn beinahe zusammenbrechen.

Als sie gerade aus der Diele hinausgehen wollten, rollten plötzlich, von lautem Gelächter begleitet, drei goldene Äpfel zu Boden – eine Sinnestäuschung? Seine Kameraden und er krochen auf allen vieren, um sie zu erhaschen, während sich der Kommandant damit vergnügte, sie mit den Füßen wegzuschießen. Daniel fühlte sich keineswegs in seinem Stolz verletzt, als er sich bückte, um einen Apfel zu erwischen. Die Schande lag bei demjenigen, der sich über seinen Hunger lustig machte. Ein riesiger schwarzer Stiefel bedrohte seine Hand, zog sich aber schließlich zurück, um die Frucht noch weiter wegzustoßen, doch es gelang Daniel, sie an sich zu reißen. Man nahm ihn nicht fest, man hetzte auch nicht die Hunde auf ihn, als er in den Apfel hineinbiss, denn Er war eindeutig in guter Laune aufgestanden. Der Grund dafür wurde klar, als eine Frauenstimme von oben nach ihm rief. Offensichtlich hatte die schöne Prostituierte seinen Wünschen entsprochen, und man würde ihn und die anderen nun vielleicht zwei oder drei Tage schonen.Vielleicht.

Der Nachmittag zog sich in die Länge, trotz der Erinnerung an den Apfel.

Nach den Tagen, die er im Arrest verbracht hatte, kam ihm selbst seine Pritsche in der Baracke weich vor. Und er empfand die Anwesenheit der Kameraden, die mehr oder weniger genauso verlaust und schmutzig waren wie er, als vertraut und tröstlich.

Diesmal weckte man ihn. Er durfte nicht noch einmal verschlafen! Denn sonst hätte ihn niemand mehr vor der gefürchteten Züchtigung schützen können, und der Blick des Arztes Rascher hatte nichts Gutes verheißen. Obwohl ihn die Schläge noch schmerzten, hatte er die Nacht durchschlafen können und war, vielleicht weil er nicht allein war, auch von keinen Alpträumen geplagt worden. Der Schreiber ihrer Baracke hatte ihn, als er ihn weckte, aus einer anderen Welt zurückgeholt. Im Traum war er in seiner säuberlich geordneten Werkstatt gewesen und hatte inmitten der ihm wohl bekannten und geliebten Gerüche der Hölzer, Leime und Lacke an einer Bratsche gearbeitet – was für ein Unterschied zu dem Mief in der Baracke. Im oberen Stockwerk hatte seine Mutter beim Vorbereiten des Mittagessens vor sich hingeträllert, das ebenfalls einen köstlichen Duft verströmte. Lauter beglückende Sinneseindrücke waren ihm vergönnt gewesen: Die Sonne vergoldete die Hölzer und entlockte ihnen ein Schimmern wie das der Abenddämmerung; warme rötliche Farben wie altes Gold, seltsamerweise auch Blautöne, und kontrastierend glänzte der kalte Stahl seiner Werkzeugsammlung. Die noch unbearbeiteten, für künftige Instrumente zugeschnittenen Stücke ließen ihre Maserungen aufleuchten, sie dufteten, und zwischen ihnen strich Luft hindurch, die sie mit der Zeit langsam trocknen ließ. Er hatte schon von seinem Vater gelernt, nie ein Holz zu verwenden, das nicht mindestens fünf Jahre vorher geschlagen worden war. Das Holz einer kräftigen Bergfichte oder eines Spitzahorns, von Bäumen, in denen Vögel genistet hatten. In denen der Wind gesungen hatte, wie es später der Bogen tun sollte. Im Traum hatte jedes Teil und jedes Werkzeug wie ein Schmuckstück geglänzt, und sie waren tatsächlich die bescheidenen Kleinode seiner Handwerkskunst. Im Traum war er an einem der heikelsten Schritte seiner Tätigkeit angelangt: Es galt, der Bratsche die Seele einzusetzen, jenes kleine Fichtenholzstückchen mit feiner, dichter Maserung, das er nun senkrecht, ganz gerade und genau unter dem rechten Füßchen des Stegs anbringen wollte. Doch was geschah? Ihm schwitzten die Hände, der Stimmstock blieb nicht an der richtigen Stelle, entglitt ihm zu früh! Die Seele war ihm zu kurz geraten, war unbrauchbar. Er musste von Neuem beginnen. Doch da sank die Bratsche tiefer und tiefer …

In diesem Augenblick des Traums war er wach gerüttelt worden. Die Bratsche war ohne Seele geblieben. Das schien ihm ein schlechtes Omen zu sein.

Man brauchte aber nicht im Traum oder in der Ferne ein schlechtes Vorzeichen zu suchen. Er hatte es vor sich, direkt vor Augen. Das schlechte Omen war ganz einfach die Morgendämmerung. Das Anbrechen eines neuen Tages in der Gehenna, im Dreiflüsselager.

Ein düsterer Morgen, Vorbote eines grauen, diesigen Tages, eine alte Bettdecke auf der trostlosen, schäbigen Lagerstatt. Kein Alptraum, dachte er, konnte schlimmer sein als die Grausamkeit, die sie umgab und durchdrang, so unvermeidlich wie die Luft, die sie atmeten. Sie waren ihr ausgeliefert, schutzlos wie Säuglinge. Es schien ihm, als seien sie von allen – auch von Jahwe – verlassen worden, als seien sie den Händen eines Hasses preisgegeben, der für ihn unbegreiflich war. Er hatte seinen Vater von früheren Vertreibungen und Pogromen sprechen hören, zu Zeiten der Großväter; seine Kindheit jedoch war in Geborgenheit verlaufen, und sie hatten seine Bar-Mizwa ebenso wie die seines Bruders mit einem fröhlichen Fest begangen. Erst als sein Vater krank wurde und schließlich starb, war jener Frieden zerstört worden. Vielleicht hatte der Sturm sie deshalb auf so unerwartete Weise überrascht; Daniel hatte, vertieft in seine geliebte Arbeit, die bedrohlichen Zeichen, die immer schwärzer werdenden Wolken nicht wahrgenommen, so als würden sie die Seinen nicht betreffen. Er hatte sich zu Beginn der Tyrannei den gelben Davidstern angeheftet, ohne auf den Gedanken zu kommen, damit das Brandmal des Todes zu tragen, gezeichnet zu sein wie die Bäume für den Axthieb, und er war nicht wirklich in die neue und brutale Realität erwacht – bis zu jenem Schreckenstag, an dem sie seine Werkstatt plünderten. Ganz in der Nähe stand die alte Synagoge in Flammen, stets hatte er sich dort in den Falten des langen Tallits seines Vaters geborgen gefühlt, an dessen Seite er oft an den Feiertagen hingegangen war. Seit damals, dachte er nun, bedeutete jeder Tag einen Schritt, der sie mehr und mehr in den schlammigen Wassern versinken ließ, die sie schließlich alle verschlingen würden.

Der zweite Arbeitstag nach seiner Rückkehr aus der Zelle erschien ihm länger als der erste, aber er wusste nicht recht, warum. Er fühlte, wie sich in seinem Herzen Mutlosigkeit ausbreitete, ein Fatalismus, der in Verzweiflung münden würde. Er kannte diese Anzeichen: Oft genug hatte er mitangesehen, wie Lagerkameraden krank wurden und sich dem Tod auslieferten; nun lagen sie auf einem der umliegenden Hügel begraben. Er war allerdings noch jung, und so versuchte er sich Mut zu machen, eine Zeit lang würde er kämpfen. Todmüde kam er in der Baracke an, er hatte keine Lust zu reden, dachte nur daran, sich hinzulegen. Nach ihm kehrten erschöpft die Kameraden zurück, die draußen und im Steinbruch geschuftet hatten.

An diesem Abend gab es aber eine Überraschung, einen zarten Hoffnungsschimmer. Neue Zwangsarbeiter waren angekommen, um die Abgänge zu ersetzen. Einer der Neuankömmlinge, dem sie die Pritsche neben ihm zuwiesen, war ein Mechaniker aus seiner Straße, ein guter Bekannter. Daniel erblickte in seinen Augen das Erstaunen und den Schmerz, ihn so mager, so abgezehrt zu sehen. Sie umarmten sich unter Tränen; körperliche Schwäche lässt die Tränen leichter fließen. Bald jedoch empfand der Geigenbauer zum ersten Mal im Dreiflüsselager ein Gefühl der Freude. Eva war am Leben, berichtete sein Nachbar, und es ging ihr den Umständen entsprechend gut. Er hatte sie gesehen, als er in der Fabrik für Militäruniformen, die Tisch leitete, etwas repariert hatte – in dem Paradies, von dem im Lager hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Ja, Eva aß jeden Tag kräftige Scheiben Brot, die der Industrielle in seiner ungewöhnlichen Güte aus eigener Tasche für die Arbeiter kaufen ließ. Oft glänzte auf dem Brot sogar ein Hauch Margarine … oder Butter!

Sie sprachen leise in der dunklen Nacht. Sein Bekannter erzählte ihm Einzelheiten und achtete darauf, ihn nicht zu sehr zu verletzen. Eva war vorher in einem anderen, gefürchteten Lager gewesen; er wusste nicht, was sie dort erlitten hatte, aber sie hatte überlebt, und nun befand sie sich nicht weit von hier.

»Wenn ich bloß fliehen und sie sehen könnte …«

»Vergiss es!«, warnte ihn Freund. »Das wäre dein sicherer Tod.«

Er war Augenzeuge gewesen, als viele seiner Kameraden wegen echter oder angeblicher Fluchtversuche auf der Stelle erschossen wurden.

»Sie drücken schnell ab, diese Schweine, und der Kommandant persönlich tötet die Häftlinge, ohne mit der Wimper zu zucken.«

Ein Kamerad brummte: »Lasst mich doch endlich schlafen!«

»Morgen berichte ich dir mehr, wenn wir dann noch am Leben sind.«

Das kurze Gespräch hatte Daniel hellwach gemacht. Und obwohl er kein Träumer war, stellte er sich seine Eva vor, wie sie an der Nähmaschine saß, wie sie mit ihren zierlichen Händen den Stoff durchzog und mit den schönen Beinen unermüdlich das Pedal trat. Mehr noch gefiel ihm jedoch, sich ihre üppigen Lippen auszumalen, nicht aber die seinen küssend, sondern die cremige Butter vom Brot schleckend, von diesen dicken Scheiben, die, so dachte er, sie am Leben erhalten und ein wenig Glanz in ihre dunkel schimmernden Augen zurückbringen würden. Er gönnte es ihr von Herzen. Diese Vorstellung nahm ihm die Mutlosigkeit, und den ganzen nächsten Tag arbeitete er von Neuem mit einem Funken Lebenslust.

Der Nachmittag war elendig lang. Der Abend unendlich. Ungeduldig erwartete er die Nacht, begierig, mehr Nachrichten von seinem Bekannten zu erfahren.

Sie sprachen diesmal noch leiser und tauschten Neuigkeiten über ihre beiden Familien aus – ein langer Nekrolog.

»Regina, deine kleine Nichte, ist in Sicherheit!«

Ein deutscher Offizier, berichtete er ihm, der später erwischt und an die russische Front geschickt worden war, hatte viele Kinder in Wäschekörben versteckt aus dem Ghetto geschafft; soweit er wusste, lebte das Mädchen nun im Haus eines Musikers, eines ehemaligen Kunden von Daniel, ein Nichtjude, ein Sudetendeutscher, ein Goi, der das Herz am rechten Fleck hatte.

»Ich kenne Rudi, natürlich«, erklärte Daniel. »Er ist mit einer entfernten Cousine von mir verheiratet.«

»Sie leben jetzt außerhalb von Krakau, im Haus des Großvaters«, sagte Freund, »sie geben sie als Nichte aus, und alle haben sie arische Papiere.«

Vielleicht, ziemlich sicher, würde sie durchkommen. Als Nichte eines Ariers hatte die Kleine von drei Jahren die besten Voraussetzungen, dem Tod zu entrinnen, wenn sie bei ihren jetzigen Zieheltern nach der Unterernährung im Ghetto wieder zu Kräften kam. Mein Gott, wie sehr er sich das wünschte!

Draußen hörte man den Regen. Alles würde im Schlamm versinken, es würde aber nicht mehr so kalt sein, dachte er und schlief mit dem metallischen Prasseln des Regens auf dem dünnen Blechdach der Baracke ein.


III

<p><strong>III</strong></p>

SIE SASSEN IN FINSTERNIS


GEBUNDEN IN


ELEND UND EISEN.







Psalm 107


Ablehnung Raschers, eine »nordisch« aussehende Gefangene zu Versuchen zu benützen, 1943


Zu den vom Reichsführer=SS mit animalischer Wärme befohlenen Aufwärmungsversuchen nach erfolgter Unterkühlung wurden mir aus dem Frauen=KL Ravensbrück vier Frauen zugewiesen. Eine der zugewiesenen Frauen zeigte einwandfrei nordische Rassenmerkmale: blondes Haar, blaue Augen, entsprechende Kopfform und Körperbau, 21¾ Jahre. Ich stellte an dieses Mädchen die Frage, wieso es sich ins Bordell gemeldet habe. Ich bekam die Antwort: »Um aus dem KL herauszukommen, denn es wurde uns versprochen, daß alle diejenigen, die sich für ein halbes Jahr Bordell verpflichteten, dafür aus dem KL entlassen werden.« Auf meine Einwendung, daß es doch eine ungeheure Schmach sei, sich freiwillig als Bordellmädchen zu melden, wurde mir mitgeteilt: »Immer noch besser ein halbes Jahr Bordell als ein halbes Jahr KL.« Es folgte dann die Aufzählung einer Reihe seltsamster Zustände aus dem Lager R. Die geschilderten Zustände wurden zum größten Teil von den drei anderen Bordellmädchen und der aus Ravensbrück mitgekommenen Aufseherin bestätigt. Es widerstrebt meinem rassischen Empfinden, ein Mädchen, das dem Äußeren nach rein nordisch ist und durch einen entsprechenden Arbeitseinsatz vielleicht auf den rechten Weg geführt werden könnte, als Bordellmädchen rassisch minderwertigen KL-Elementen zu überlassen. Aus diesem Grunde lehne ich die Verwendung dieses Mädchens für meine Versuchszwecke ab und machte entsprechende Meldung an den Kommandanten des Lagers und an den Adjutanten Reichsführer=SS.


Dr. S. Rascher


Seine Arbeit im Wintergarten war fertig, und die Regale standen bereit, gefüllt zu werden. Nun würden die Gärtner kommen, um die Launen des Kommandanten zufriedenzustellen.

In der folgenden Nacht schlief Daniel sehr wenig, es plagte ihn, nicht zu wissen, was sie mit ihm vorhaben konnten. Vielleicht würde er in die Tischlerwerkstatt zurückkehren, aus der sie ihn aufgrund seiner sorgfältigen Arbeit geholt hatten, um im Haus zu arbeiten; doch es konnte auch geschehen, dass sie ihm einen härteren Arbeitsplatz zuwiesen, je nach Bedarf und nach Sauckels Ermessen. Er hatte Gesprächsfetzen mitbekommen, in denen von weiteren Projekten die Rede war; aber wer wusste schon, ob Er ihren Anblick beim Haus nicht bereits satt hatte! Er wollte ihre Arbeit genau prüfen, und soweit sie es verstanden hatten, würde er sie, sollte er zufrieden sein, nicht in den Steinbruch schicken.

Am nächsten Tag geschah zunächst nichts Außergewöhnliches, alle vier wurden in die Werkstatt zurückbeordert. Stets war es besser, unauffällig zu bleiben, und von Vorteil, wenn niemand deine Nummer schrie. Im Pavillon wurde ein Fest gefeiert, das hatten sie mitbekommen, weil sie drei Mithäftlinge, die Musiker waren und die sie gut kannten, geduscht und sauber gekleidet dorthin gehen sahen. Am Nachmittag betrat Doktor Rascher mit einem Kollegen, den sie nie zuvor gesehen hatten, die Werkstatt. Sie arbeiteten weiter, grußlos und ohne den Blick zu heben, so wie es der Vorschrift entsprach. Die Besucher schwiegen ebenfalls und beschränkten sich darauf, den Männern beim Hobeln, Sägen und Verleimen zuzusehen. Daniel machte es sehr nervös, er hatte den Eindruck, dass sie nur ihn musterten, und so schrammte er sich die Hand auf, doch kein Schrei entfuhr seiner Kehle. Es hätte gerade noch gefehlt, dass ich mir meine Hände verstümmele, dachte er und zwang sich, mit gesenkten, auf seine Aufgabe gehefteten Augen weiterzuarbeiten. Trotz der Kälte nässten Schweißtropfen seine kurzgeschorenen Haare über der Stirn. Die Ärzte befreiten sie schließlich wortlos von ihrer bedrückenden Anwesenheit.

Sicherlich waren sie auf dem Weg ins Haus des Kommandanten, er hatte sie wohl zur Feier mit kammermusikalischer Umrahmung eingeladen. Das Monster liebte gute Musik und guten Wein, spielte selbst manchmal Geige, und das gar nicht übel, die Musiker sagten, er hätte eine gute Intonation, wenn auch sein Spiel kühl klang. Das Fest schien sich in die Länge zu ziehen, es war anzunehmen, dass hübsche Mädchen daran teilnahmen.

Am Abend, als Daniel gerade damit beschäftigt war, einen Fensterrahmen fertig abzuschleifen, spürte er plötzlich eine schwere Hand auf seiner Schulter:

»Marsch, ins Haus des Sturmbannführers!«

Besorgt eilte er, so schnell er konnte, dorthin. Was mochte dieser von ihm wollen? Offenbar nur eine Kleinigkeit, denn ein Adjutant zeigte ihm mürrisch einen geringfügigen Schaden an einer der Türen, den er ohne Schwierigkeiten reparierte. Aus der Ferne hörte er die großartige Musik des Trios. Und plötzlich alarmierende Schreie des Kommandanten. Was für eine unerwartete Anwandlung von Mut brachte ihn dazu, den Salon zu betreten? Das viele Licht, der Geruch nach gutem Essen, die Furcht und der Tabakqualm verursachten ihm Schwindelgefühle. Er stockte einen Augenblick, dann erfasste er rasch die Lage: die Geige, das schreckensbleiche Gesicht Bronislaws, ein Musiker, den er sehr gut kannte und der früher ein angesehener junger Solist gewesen war, Sauckels drohend erhobener Zeigefinger, die schadenfrohe Grimasse Raschers. Dennoch wich er nicht zurück. Nein, er würde ihnen kein grausames Vergnügen gönnen. Er stand stramm, salutierte und sagte mit dünner Stimme:

»Es ist nicht seine Schuld. Die Geige hat einen Riss in der Decke. Ich kann sie reparieren.«

Der Kommandant blickte ihn verblüfft an, schien aber über die Möglichkeit erfreut, dass das Instrument wieder hergerichtet werden könne. Ein Gast, den er nie zuvor gesehen hatte, fragte ihn mit gütigem Blick:

»Du kannst das also in Ordnung bringen, sagst du? Dann hat er nicht schrill gespielt, um unsere Ohren zu beleidigen.«

Daniel nahm die Geige aus den Händen des eingeschüchterten Bronislaw, so als würde er nach einer Rose greifen, zeigte dem Gast den kleinen Riss und vergaß dabei ganz, dass er sich im Haus des Feindes befand. Er sprach über seinen Beruf auf Jiddisch mit einem Selbstbewusstsein, das ihm über lange Zeit, seit sie ihn zu einem gefangenen Untermenschen gemacht hatten, abhandengekommen war. Dann wich er ein paar Schritte zurück. Das Gespräch zwischen dem Gast mit den gütigen Augen, dem Kommandanten und Rascher verlief nun leise und zu schnell und lebhaft für ihn. Der andere Arzt und die Mädchen sagten nichts. Er hatte die dunkle Ahnung, dass es in diesem angeregten Gedankenaustausch um ihn und den beschimpften Musiker ging. Eines der Mädchen füllte die feinen Kristallgläser mit Wein, und schließlich rief Sauckel einen Adjutanten herbei, sprach mit ihm, während er auf Daniel deutete, und kritzelte ein paar Worte auf ein Stück Papier. Er will sich nicht dazu herablassen, mit mir zu reden, dachte der Geigenbauer, aber er hat bereits eine Entscheidung getroffen und wird mich gewiss wieder bestrafen.

Der SS-Mann packte ihn rücksichtslos, öffnete die Tür, und Daniel stieg die Stufen hinunter, noch bevor er von ihm hinuntergestoßen werden konnte. Wieder ertönten heitere Stimmen und Gelächter; die Musiker waren noch nicht herausgekommen. Er hatte aber mit einem verstohlenen Blick bemerkt, dass der Gesichtsausdruck des gefürchteten Arztes Enttäuschung verriet, und wertete dies als gutes Zeichen.

»Du hast einen schweren Fehler begangen, Dreckskerl«, sagte der SS-Mann, als sie unten angelangt waren. »Hast den Salon betreten und mit dem Herrn Sturmbannführer gesprochen, ohne um Erlaubnis zu fragen.«

Er machte eine Pause, so als wollte er Daniel Zeit geben, den Ernst seiner Lage zu erfassen: »Du hast es nur seiner Milde zu verdanken, dass man dich nicht bestraft, allerdings unter einer Bedingung: Du musst ihm morgen früh die reparierte Geige abliefern.«

Erst jetzt bemerkte Daniel, dass der SS-Mann das Instrument mitgenommen hatte.

»Und wie soll ich das machen?«

»Schweig und hör mir zu, blöder Hund! Ab in die Werkstatt, du hast die ganze Nacht Zeit, daran zu arbeiten. Wenn du sie morgen nicht fertig hast, und zwar zu seiner Zufriedenheit, verschärfter Arrest mit Peitschenhieben vorher und nachher. Du fällst nämlich schon zum zweiten Mal auf.«

Er schnaufte, als ob ihn diese lange Erklärung angestrengt hätte – Worte waren nicht üblich, die Strafen hagelten normalerweise ohne großes Wenn und Aber. Gut, dachte Daniel, als er sah, dass er ihn geradewegs zur Werkstatt brachte, ich werde durchhalten und trotz des quälenden Hungers auf das Abendessen verzichten müssen. Er hatte noch von frühmorgens ein Stückchen Brotrinde in der Tasche versteckt – das tat er manchmal, um den Nachmittag besser überbrücken zu können. Der SS-Mann trug noch immer die Geige in der Hand und zeigte das Papier einem schweigsamen und übelgelaunten Aufseher, dessen Laune noch schlechter wurde, als er kommentarlos die Notiz las. Man schaffte ihn hinein, übergab ihm die Geige, und einmal drinnen, nur mehr zu zweit, setzte sich der Aufseher über das Verbot hinweg, zündete sich eine Zigarette an und blies Daniel den Rauch ins Gesicht. Als dieser husten musste, war der Aufseher endlich zufrieden, setzte sich auf einen Stuhl und überwachte gelangweilt die Arbeit des Geigenbauers. Bald hörte er zu rauchen auf und nickte ein.

Der Zigarettenstummel lag auf dem Boden, aber Daniel wagte es nicht, sich danach zu bücken. Nichts war zu hören, nur das Schnarchen des Kapos, eines jener oft so grausamen Mithäftlinge mit grünem Winkel auf der Kleidung, und vereinzelte nächtliche Vogelschreie, die aus der Ferne, vom großen Fluss herüberkamen – von draußen, wo Bäume wuchsen und es auch andere Farben gab als Grau und Weiß. Er kannte den ursprünglichen Namen des großen Flusses. Ein Barackenkamerad, ein als Sozialist inhaftierter Professor aus Krakau, der einem schlimmeren Los entgangen war, weil er in den Listen als Bäcker geführt wurde – er war der Sohn eines Bäckers und verstand es, Teig zu kneten und in den Ofen zu schieben -, hatte ihm jedoch einen ungewöhnlicheren Namen gegeben: Acheron.

Er konzentrierte sich wieder auf die Geige. Nein, er war nicht zu optimistisch gewesen, er hatte die Situation richtig eingeschätzt: Der Riss war nicht tief, die Ränder ließen sich mit ein wenig Druck zusammenfügen, sie waren nicht ausgesplittert, gepriesen sei Jahwe. Dann sah er sich um, ob ihm irgendeiner der kleinen Keile, die sie bei der Tischlerarbeit verwendeten, nützlich sein konnte. Glücklicherweise hielten sie die Werkzeuge immer in Ordnung. Er fand zwei maßgerechte, glatte Stücke, die er nicht abschleifen musste. Knochenleim gab es keinen, wohl aber ziemlich guten Fischleim, den sie für die Feinarbeiten im Pavillon des Tyrannen zurückbehalten hatten. Er zündete den kleinen Kocher an, erhitzte den Leim vorsichtig und achtete darauf, dass er nicht zu dick wurde.

Er war wieder er selbst, keine Nummer, keine Zielscheibe des Spotts: Er war Daniel, von Beruf Geigenbauer. Eine Zeit lang dachte er an nichts, nur an seine Arbeit, die sein ganzer Stolz war. Er hatte sogar den Hunger vergessen, und seine Augen glänzten vor Anspannung und Hingabe. Mit geschickten Fingern bestrich er vorsichtig nach und nach den Rand des Risses auf beiden Seiten und massierte den Leim mit kreisenden Bewegungen in die Decke ein. Er prüfte das Ergebnis mit dem Blick eines Kenners – er war ja sozusagen mit Geigen aufgewachsen – und befand es für gut. Die Maserung des Holzes fügte sich ineinander, der kleine Riss würde sich tadellos verschließen. Für eine gewisse Zeit jedenfalls. Er suchte nach den Zwingen, setzte zwei Keile darunter, achtete darauf, dass sie nicht festklebten, und schraubte sie dann mit dem richtigen Druck an. Er wischte sich den Schweiß ab und dachte nach.

Abermals betrachtete er sein Werk: Ein wenig Leim war auf die Decke geflossen; er durfte nicht riskieren, dass er eintrocknete. Also erhitzte er Wasser, tauchte einen feinen Pinsel ein und reinigte jene Stelle der Decke mit aller Sorgfalt. Jetzt musste er nur noch abwarten. Diese heikle Arbeit hatte ihm ziemlich viel Zeit gekostet, und er wusste, dass der Leim nun mindestens vier Stunden benötigte, um ausreichend zu trocknen, vor allem bei dieser feuchten Witterung.

Der Kapo schlief. Daniel wagte es nicht, ihn zu wecken, aus Furcht, Prügel abzubekommen, gerade jetzt, wo der Beneidenswerte gut eingehüllt in seinem Wollmantel ruhte. Er durfte ihn nicht aufwecken oder gar daran denken, die Werkstatt zu verlassen, sonst wäre seine schemenhafte Gestalt mit Sicherheit Zielscheibe für das Maschinengewehr eines Wachpostens. Um sich angesichts der schlechten Nacht, die ihm bevorstand, zu trösten, dachte er für einen kurzen Moment: Ich werde die Geige bewachen, damit ihr nichts passiert, denn es steht für mich zu viel auf dem Spiel!

Als ihn abermals großer Hunger zu quälen begann, bemerkte er, dass dem Aufseher ein Stück Apfel auf den Boden gefallen war. Geräuschlos rieb er es mit einem Tuch sauber und verschlang es gierig. Er nahm sich vor zu schlafen oder sich wenigstens auszuruhen; er wärmte sich die Hände an dem Kocher, bevor er ihn ausmachte, und legte sich dann auf den Boden, an eine Stelle, wo ihn die Hobelspäne ein bisschen schützten. Er versuchte zu schlafen, wurde aber immer wieder wach. Es regnete nicht, die Nacht war kalt und einsam, seine Träume unruhig; mit geringer Überzeugung murmelte er ein Gebet und bat den schweigenden Gott darum, dass seine Arbeit gutgeheißen werden möge. Er wachte früh auf und setzte sich, um nicht mehr einzunicken, auf einen Holzstoß, denn er wollte weder zum Appell zu spät kommen noch auf das Frühstück verzichten müssen. Heute war er nicht mit dem Duschen an der Reihe, also wusch er sich mit ein wenig Wasser aus der Schüssel und trat, sobald die Sirene schrillte, ins Freie.

Als er wieder in die Tischlerei zurückkehrte, zeigte er dem Tagesaufseher das Papier vom Vorabend, doch dieser musste schon Anweisungen erhalten haben.

»An die Arbeit, rasch«, herrschte er ihn an, schlug ihn aber nicht. »Ich gebe dir Bescheid, wann du dich beim Sturmbannführer einfinden sollst.«

Daniel machte sich an die Arbeit, doch von Zeit zu Zeit wanderte sein Blick heimlich zu seiner Geige hinüber. Als der Kapo auf die Uhr sah und ihm befahl, sie zum Kommandanten zu bringen, vermischte sich seine Freude mit Angst.

Mit dem Papier ließen sie ihn hinein. Diesmal ließ Er sich dazu herab, ihn direkt anzusprechen, wobei er ihn mit nur einem einzigen Satz zu degradieren wusste: »Ja, der kleine Tischler.«

Er streichelte seinen Hund, und Daniel richtete sich unwillkürlich auf. Eigentlich war er groß, aber der andere überragte ihn um ein gutes Stück. Außerdem gingen die Häftlinge stets gebückt. Während Sauckel das Instrument prüfte, ließ er ihn schier endlose Sekunden im Ungewissen.

Daniel schien Er schlechter Laune zu sein, Falten durchfurchten seine Stirn; vielleicht war er verkatert. Dem Anschein nach maß er der Geige keinen besonderen Wert bei, aber schließlich setzte er den Bogen auf die Saiten und spielte ein paar Takte. Seine Miene hellte sich auf, und er sagte lächelnd: »Ist in Ordnung. Du kannst in die Werkstatt zurückgehen, aber weh dir, wenn du dich dort auf die faule Haut legst! Ich behalte die Geige einstweilen. Hau ab!«

Er wandte sich an einen Adjutanten, sprach aber absichtlich ziemlich laut, damit der Geigenbauer ihn hören konnte, und mit grausamer Genugtuung sagte er: »Ich habe den Geiger für seine Nachlässigkeit bestraft. Wir werden ihm das Instrument zurückgeben, wenn er aus der Zelle herauskommt. Was machst du noch hier? Verschwinde!«

Das ließ sich Daniel nicht zweimal sagen. Er lief so schnell hinaus, dass er beinahe gestürzt wäre. Sein Mut der Verzweiflung hatte also dem großartigen Musiker die Strafe nicht erspart. Kein einziges Wort hatte er hervorgebracht, als er vor dem Kommandanten gestanden hatte, der schon seinen Hund auf ihn hetzen wollte. Niedergeschlagen kehrte er zu seiner Tischlerbank zurück, wo es ihm nie an Arbeit mangelte. Er war so vermessen gewesen – und in Grausamkeiten noch nicht erfahren genug – zu glauben, das Monster würde sich mit der Reparatur der Geige seines Leib-Musikers Bronislaw zufriedengeben, dass er diesen nicht für einen Zwischenfall bestrafen würde, an dem er keinerlei Schuld trug. Er wusste doch nur zu genau, dass im Dreiflüsselager keine Logik herrschte und noch viel weniger Gnade.

Um sich nicht seiner Kraftlosigkeit hinzugeben, ausgelaugt und todmüde wie er war, versuchte er an die dicken Scheiben Brot mit Butter zu denken, die Eva zu essen bekam. Aber sofort nahm er den vorherigen Gedanken wieder auf; er hätte seine Angst überwinden und den Kommandanten darauf aufmerksam machen müssen, dass die Reparatur provisorisch war und vermutlich eine weitere, gründlichere notwendig sei: das Instrument aufmachen, von innen die Decke mit geeigneten, dünnen Holzleisten verstärken. Es war ihm jedoch nicht möglich gewesen, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen, sein Mut hatte sich am Vortag erschöpft, Schlingen aus Eis und Furcht hatten seine Lippen verschlossen. Was würde geschehen, sollte der Riss wieder auftreten? Was würde dann mit ihm und dem Musiker passieren? Diese eine Frage ging ihm den ganzen Tag, die gesamte Arbeitszeit von elfeinhalb Stunden durch den Kopf und hörte nicht auf, ihn zu quälen.

Bei der mittäglichen Suppenausgabe sprach er mit seinem Bekannten, dem Mechaniker, der erleichtert aussah. Da Daniel die Nacht über fortgeblieben war, hatten die Kameraden befürchtet, man hätte ihn wieder in die Zelle gebracht. Er hingegen hatte, während er versunken an der Geige gearbeitet hatte, gar nicht an die anderen gedacht. Nicht, dass er vergessen hätte, wo er sich befand, aber er hatte es im hintersten Winkel seines Gehirns verstaut: alles, die Schläge, den Schlamm, den Raureif, den feuchten Nebel, den Schatten des Galgens, die Schreie und die Demütigungen. All das war erst wieder an die Oberfläche zurückgekehrt, als er Sauckels Worte »Ich habe den Geiger bestraft …« gehört hatte. Und mit ihnen waren auch Daniels Erinnerungen plötzlich wieder da gewesen, so als zappelten sie wie ein gefräßiger Fisch an einem tödlichen Angelhaken.

Wenigstens hatten sie Bronislaw nicht gezüchtigt, zumindest nicht öffentlich: Sie mussten nicht antreten, aber möglicherweise war er unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Keller geschlagen worden, wie es des Öfteren geschah. Wenn man selbst Bronislaw auf solche Weise misshandelt hatte, würden sie früher oder später alle einmal dran glauben müssen.

Es war besser, nicht weiterzugrübeln, sondern sich auf hoffnungsvollere Aussichten zu konzentrieren: Sie werden mich bald wieder zu Arbeiten ins Haus abkommandieren. Ich habe gehört, dass das Schwein noch ein weiteres Regal will. Vielleicht wird mir die Köchin irgendwelche Essensreste zustecken. Jedenfalls ist morgen Donnerstag, der einzige Tag, an dem es statt der wässrigen Rübensuppe Pellkartoffeln gibt. Unter Umständen erwische ich eine große …

Wie ein zu langer Mantel, der langsam über den Boden schleift, vergingen die Stunden dieses Tages, der ihm, weil er in der Nacht kaum geschlafen hatte, unendlich vorkam, länger als jeder andere, abgesehen von den vieren, die er wie ein geprügelter Hund im Arrest verbracht hatte. Am Abend wurde in der ganzen Baracke getuschelt. Der Mechaniker wusste wieder Neues zu berichten. Aber Daniel wollte es weder hören noch wissen, denn er fiel fast um vor Müdigkeit und las in den Augen der Kameraden, dass es schlechte Nachrichten waren. Er war sich sicher, er würde danach kein Auge mehr zutun können, und er spürte auch, dass er krank werden würde, reif für die »Krankenstation«, für die halb im Verborgenen stattfindenden Transporte, für das Todeslager, wenn er nicht schlief.

Morgen, sagte er sich, morgen.

Das undeutliche Gemurmel um ihn herum wiegte ihn in den Schlaf. Es gab nichts – außer der Zeit, außer dem Lebensfluss -, das nicht warten konnte. Er befand sich im Traum in einer riesigen, kalten, verqualmten Wartehalle. Endlos lange Züge fuhren an den Bahnsteigen vorbei, man sah sie nur zur Hälfte durch die Fensterscheiben, Güterzüge, Viehwaggons, und sie hielten nicht an. Dann gingen die Türen auf, Bekannte Daniels wurden auf den Bahnsteig getrieben, er aber verharrte reglos auf der gusseisernen Bank. Von der Decke des Wartesaals hingen Kadaver, hingen Geigen. Ein Zug blieb stehen, ein Bahnhofsvorsteher mit Militärmütze, der den gleichen Blick hatte wie der Gast mit den gütigen Augen, schob ihn jedoch zur Seite:

»Du nicht«, sagte er. »Das ist nicht dein Zug. Du musst die Geige fertigbauen.«

Ein Aufseher kam näher und schwang die Peitsche. Daniel wollte fliehen, hob ein Bein, aber er konnte nicht laufen, er öffnete den Mund, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Als er ihn noch weiter aufriss, löste sich ein Schrei.

»Ruhig, ich bin ja da, du hast nur geträumt.«

»Es war richtig von dir« – Freund aß seine Morgenration Brot und sprach mit vollem Mund -, »dass du gestern Abend die Nachrichten nicht hören wolltest. Du warst zutiefst erschöpft, und sie hätten dir nur den Schlaf geraubt.«

»Jetzt geht es mir aber besser, du kannst sie mir also erzählen.«

An diesem frühen Morgen ging der Appell rasch vorbei, denn es gab keine Zwischenfälle; es war viertel sieben. Also setzten sich beide in der Dunkelheit auf einen Stein, damit der Geigenbauer die grausamen Tatsachen erfahren konnte. Er war bloß durch einen merkwürdigen Zufall davongekommen, vielleicht weil Gott es so wollte, vielleicht wegen seiner dickköpfigen Entschlossenheit, die Geige zu reparieren. Rascher hatte sicherlich deshalb ein so enttäuschtes Gesicht gemacht, denn der Handwerker wäre für ihn, wegen seiner Jugend und seiner noch nicht völlig ruinierten Gesundheit, eine gute Beute gewesen. Vier junge Männer hatten sie für die Versuche dieses Scheusals weggeschafft, und einer von ihnen war aus seiner Baracke.

»Du hast gestern nicht einmal bemerkt, dass einer von uns fehlt.«

»Und was haben sie mit ihnen vor?«

Der Kamerad hatte, da er in der Reparaturwerkstatt des Fahrzeugparks arbeitete, Informationen aus verlässlicher Quelle; bei der Arbeit kam ihm allerhand zu Ohren, und der Fahrer eines Obersturmführers hatte einem anderen ohne Umschweife von den Versuchen Raschers erzählt.

Zum Glück habe ich mich hingesetzt, dachte Daniel angesichts des Grauens, das ihm die Glieder hochkroch wie eine Schlange aus dem Morast. Durfte das wahr sein? War denn so eine Schandtat möglich? Während er den Stimmriss verleimt und die Holzmaserungen der Geige genau aufeinandergepresst hatte – mutmaßte er und musste sich den Mund zuhalten, um sich nicht zu übergeben, um nicht in Beschimpfungen auszubrechen -, tauchten diese Dreckskerle die abtransportierten Häftlinge in eine mit eiskaltem Wasser gefüllte Badewanne.

»Bis vier Grad«, präzisierte Freund, »sie gehen sehr methodisch vor. Sie lassen sie darin, bis sie das Bewusstsein verlieren.«

»Und warum tun sie das, aus welchem Grund?« »Die Schweine sagen, sie wollen die Untersuchungsergebnisse für die Rettung deutscher Fallschirmjäger anwenden, die aus dem Baltischen Meer geborgen werden, aber ich glaube das ebenso wenig wie irgendein anderer Häftling in der Werkstatt … Nicht einmal die Schweinehunde selbst glauben das. Ich bin sicher, sie tun es einfach nur, um zu quälen, diese verdammten Scheißkerle. Es bereitet ihnen Lust, Menschen zu foltern, das kannst du mir glauben.«

»Und erfrieren die dann nicht?«

»Einige schon, aber sie sagen, das sei ein zu vernachlässigender Prozentsatz. Und weißt du, wie sie sie wiederbeleben? Sie legen sie zwischen zwei nackte Frauen, Huren oder Lagerinsassinnen, damit diese sie wieder aufwärmen. Die Drecksäcke nennen das ›Aufwärmungsversuche mit animalischer Wärme‹. Sie schauen, ob sie wieder zu sich kommen, beobachten alles und messen die Körpertemperatur. Erst dann breiten sie eine Decke über die drei aus, diese elenden Saukerle. Ein Kamerad, der vorher in einem anderen Lager war, hat mir erzählt, wie die Schweine darüber geredet und gelacht haben. Verrecken sollen sie doch endlich – alle! Aber los, gehen wir, es ist höchste Zeit. Komm schon, steh auf, he, reiß dich zusammen!«

Ihren Kameraden sahen sie nicht wieder.

Nie mehr.


IV

<p><strong>IV</strong></p>

WER WAGT ES ZU LACHEN


IN DEN BLÜHENDEN TÄLERN?


ZÜGELT DIE FEURIGEN PFERDE!


· · ·


AUF DEN STUFEN DES SCHWEIGENS


TÖNEN RUFE DER MUTTER HERAUF,


UND DAS GOLDENE TIER


DER MORGENRÖTE VERLANGT


NACH DEM ZUCKER


IHRER KNOCHEN.


SIE JEDOCH VERHARREN


DORT UNTEN.







Agustí Bartra, L‘arbre de foc


Bericht über Sicherungsmaßnahmen im Konzentrationslager Auschwitz, 1944


Das Lager III umfaßt alle in Oberschlesien bestehenden Außenlager bei Industriebetrieben, die räumlich weit von einander entfernt liegen. Diese Arbeitslager sind ebenfalls mit der üblichen Drahtsicherung umgeben und haben gleichfalls Postentürme.


-----------


Für die Außenlager des Lagers III stehen 650 Wachmannschaften außerdem zur Verfügung.


Im A=Falle wird als weitere Sicherung der äußere Ring gebildet, der von der Wehrmacht besetzt wird. In den äußeren Ring ist auch das Arbeitslager bei der I.G. Farbenindustrie AG mit zur Zeit 7000 Häftlingen und das gesamte Werk der I.G. Farbenindustrie AG, in dem außer unseren Häftlingen rund 15 000 Menschen beschäftigt werden, einbezogen.


Am Vortag hatte er die zwei Teile, aus denen die Decke bestehen würde, gut verleimt. Die Maserungen des schönen ungarischen Fichtenholzes fügten sich makellos ineinander. Daniel hatte die Ränder vorsichtig erhitzt, damit der Leim in alle Poren eindringen konnte. Jetzt war einer der Arbeitsschritte an der Reihe, der ihm, obwohl er zu den schwierigsten zählte, am besten gefie nämlich die Vorgabe der exakten Form, die das Instrument erhalten sollte. Er hatte eine klare Vorstellung davon, wie der Corpus auszusehen habe, und er vertraute darauf, dass ihm seine langjährige Erfahrung dabei helfen würde, diese – allen Hindernissen zum Trotz – umzusetzen.

Bevor er damit begann, die Hölzer zu bearbeiten, roch er an ihnen. Nach einer guten Weile fühlte er sich erschöpft, konnte aber zufrieden auf das Ergebnis blicken. Die Linienführung war genau, und trotz seines schwachen Zustands zitterten seine Hände nicht, als sie die Schablone nachzeichneten: Die Umrisse waren sauber, präzis. Vermutlich hatte er allerdings mehr Zeit als nötig dafür aufgewendet. Schließlich griff er nach der Laubsäge, legte das Stück so auf die Werkbank, dass es nur zum Teil auflag, murmelte fast instinktiv ein Gebet und begann zu sägen. Für Anfänger stellte es im Allgemeinen eine große Schwierigkeit dar, die kleine Säge genau anzusetzen, ohne die vorgezeichnete Linie zu berühren, einen Millimeter auszusparen, den es danach abzuschleifen galt, damit die Ränder so glatt wurden wie die eines mit der Schneidemaschine geschnittenen Papiers. Für Daniel war es nicht schwierig. Er dachte an nichts anderes mehr als an diese exakt geschwungene Linie, jene schöne Form, die dem Torso einer Frau glich. Seine gesamte Energie, alle Kraft, die ihm noch blieb, konzentrierte sich auf seine rechte Hand – er fand seine ursprüngliche Geschicklichkeit wieder.

Die erste Hälfte war geschafft; seine Kraftlosigkeit hatte ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Er wischte ihn sorgfältig ab, damit er nicht seinen Blick verschleierte. Der zweite Arbeitsgang ging ihm leichter von der Hand, und als die Umrisse des Holzes mehr und mehr dem Modell glichen und der idealen Form entsprachen, die er im Kopf hatte, durchströmte ihn gar ein Gefühl von körperlichem Wohlbehagen, das er schon seit Monaten nicht mehr empfunden hatte. Hände können sich erinnern, davon war er überzeugt, und auch die Musiker, die ihm Geigen oder Celli zur Reparatur anvertraut oder ihn mit dem Bau eines neuen Instruments beauftragt hatten, sprachen immer wieder davon. Er hatte es genossen, sich mit ihnen zu unterhalten und Einzelheiten aus ihrem Künstlerberuf zu erfahren. Auch seine Geigenbauerfinger erinnerten sich, wie sie die heiklen Arbeiten, die seine Kunst erforderte, ausführen mussten.

Nein, diesmal schreckte er nicht aus dem Schlaf hoch, und man rüttelte ihn auch nicht aus einem Traum wach. Er widmete sich tatsächlich jeden Morgen dem Bau der Geige. Erst wenn die Sirene die Essensausgabe ankündigte, die Zimmerleute und Tischler hastig ihre Arbeit niederlegten und er plötzlich das stechende Hungergefühl im Magen verspürte, wurde ihm bewusst, dass er sich nicht in seiner eigenen Werkstatt befand. Er baute die Geige im Lager, im Auftrag des Kommandanten.

Nachmittags wurden die lagerinternen Werkstätten geschlossen, nur jene der Fahrzeugreparatur nicht: Alle Häftlinge, die noch kräftig genug waren, wurden zur Arbeit in den Rüstungsfabriken abgezogen, um Flugzeugteile und Panzerzubehör anzufertigen; ständig gab es Bombardements der Alliierten, weshalb ein Teil der Häftlinge an der Errichtung unterirdischer Stollen für eine neue Waffenfabrik schuften musste. Daniel schickte man in eine Zweigstelle der I.G. Farben, eine von vielen Fabriken, die die Arbeitskraft der Sklaven ausbeuteten. Sein Bekannter, der Mechaniker, konnte hingegen den ganzen Tag in der Werkstatt bleiben; er war bei den Befehlshabern und Chauffeuren wegen seiner außerordentlichen Geschicklichkeit und Umsicht recht beliebt.

Als Daniel seinen Arbeitskollegen folgte und die Baracke verließ, hatte er wie immer denselben Eindruck: Sobald er aus der Werkstatt trat, wo er das Gefühl zu leben wiedergefunden hatte, schien es ihm, als würde er sich bei vollem Bewusstsein in einen grenzenlosen Alptraum begeben, in die schlüpfrigen Fangarme eines Ungeheuers. Statt ihn nachts heimzusuchen, begann der Alptraum nun schon mittags, das schwache seelische Gleichgewicht löste sich schlagartig auf, wieder und wieder schnürte ein Knoten seine Brust zusammen, und »seine Geige« kam ihm so absurd vor wie ein Rosenstrauch in einem Schweinestall. Eine Geige im Dreiflüsselager, eine Geige, um zu überleben.Vielleicht.

Er hatte sich nach und nach daran gewöhnt, sich kaum über irgendwelche unerwarteten Vorkommnisse zu wundern, denn sie waren fast immer abscheulich. Alles konnte geschehen: dass sie in der Baracke noch enger zusammenrücken mussten, weil für weitere Häftlinge noch ein paar Pritschen hineingezwängt wurden, dass man ihnen wegen angeblich schlechter Arbeitsleistung am Vortag das Mittagessen strich oder dass man ihnen zusätzlich zur Rübensuppe eine rohe Möhre gab, auf Anordnung des neuen Lagerarztes – Rascher war nämlich befördert worden. Dass man sie, meist dienstags oder freitags früh am Morgen, auf dem gleichen Appellplatz, dort, wo Daniel ausgepeitscht worden war, antreten und strammstehen ließ, um steif vor Kälte und Entsetzen der Hinrichtung eines »subversiven Häftlings« beizuwohnen, eines als Kommunisten oder Spion angeklagten Mithäftlings.

Obwohl er sich mittlerweile an all diese permanenten Widersprüchlichkeiten gewöhnt hatte, überraschte es ihn, als er eines Tages den Befehl erhielt, eine Geige zu bauen – so vollkommen wie eine Stradivari, hatte der Untersturmführer betont. Und noch mehr hatte es ihn gewundert, als man ihm eine Menge Werkzeug, Hölzer und weiteres Material zur Verfügung stellte, damit er auswählen konnte, was er davon benötigte. Er vermutete, dass es sich um beschlagnahmtes Gut aus der Werkstatt eines jüdischen Geigenbauers handelte, eines deutschen vielleicht, wahrscheinlich schon tot, ermordet. Aus seiner eigenen Krakauer Werkstatt jedenfalls konnte er kein Stück wiedererkennen.

Es hatte sich, wie man ihm übermittelte, um einen direkten Befehl des Sturmbannführers gehandelt, doch war ihm, als er es unter strenger Einhaltung der Vorschriften gewagt hatte, das Wort an den Adjutanten zu richten, die Erlaubnis verweigert worden, irgendwelche Fragen zu stellen: Nachdem er salutiert und strammgestanden hatte, sagte er Folgendes:

»Nummer 389 bittet respektvoll um Erlaubnis, eine Frage stellen zu dürfen.«

»Abgelehnt.«

Immerhin wurde die harsche Weigerung nicht von Schlägen begleitet. Der ausgestreckte Arm wies nur auf den Eingang zur Tischlerei, und Daniel begab sich unverzüglich dort hinein. Ein Teil der Tischlerei würde ihm nun als Werkstatt zur Verfügung stehen.

Er arbeitete stets schweigend. Aus nächster Nähe wurde er vom ukrainischen Kapo beaufsichtigt. Irgendetwas zu fragen riskierte er nicht, er vermied es sogar, sich selbst weitere Fragen zu stellen oder über seine Arbeit mit den Kameraden zu sprechen, um sich nicht unbeliebt zu machen. Den Kommandanten hatte er in der Werkstatt noch nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht konnte er zu einem späteren Zeitpunkt herausfinden, was genau sie von ihm erwarteten.

In den ersten Tagen war die Arbeit schleppend vorangegangen, weil er zunächst das beschlagnahmte Material, das mit Holzspänen vermischt war, ordnen und aussortieren musste. Und wohl auch, weil er an seine eigenen Hohleisen, Hobel und Raspeln von früher gewöhnt war, die sich der Form seiner Hände angepasst hatten, als wären sie mit ihnen zusammengewachsen. Er dachte an all jene Werkzeuge, die in der Werkstatt im Erdgeschoss seines Hauses so sauber vor sich hingeglänzt hatten. Wo war die Ruhe geblieben, die verlässliche Ordnung seiner Werkstatt, die an der Decke aufgehängten Geigen, die vertraute Umgebung, die Stimme seiner Mutter, die oben bei der Hausarbeit vor sich hinträllerte – die Mutter, die an Tuberkulose und Hunger im Ghetto gestorben war?

Er hatte nicht einmal in Erfahrung bringen können, wie viel Zeit sie ihm zugestanden, um die Geige fertigzustellen, ohne dass er eine Strafe befürchten musste. An den Vormittagen ließen sie ihn wenigstens weitgehend in Ruhe. Der Aufseher schlug ihn nicht mehr, Rascher war nicht zurückgekehrt, eine weitere Internierung in der Zelle war ihm erspart geblieben. Eines Morgens jedoch konnte er einer erneuten Züchtigung nicht entgehen. Sie galt allen in seiner Baracke, da zwei versteckte Äpfel gefunden worden waren. Danach hatte man sie aber wieder an die Arbeit geschickt.Von nun an widmete er sich mit mehr Zuversicht seiner Tätigkeit, und sein Tag schien wie mit der Klinge eines Schwertes in zwei Teile gespalten. Morgens, wenn der Appell ohne wesentlichen »Zwischenfall« vorübergegangen war, wenn die Hunde keinen Häftling wegen einer unschuldigen, für sie verdächtigen Bewegung ins Bein gebissen hatten, wenn es nur die lauten Beschimpfungen hagelte, die an der Tagesordnung waren, fiel es ihm nicht schwer, sich gleich in die Arbeit zu vertiefen und all den Hass und Nebel, der sie umgab, in den hintersten Winkel seines Gehirns zu drängen. Manchmal kam ihm ein Bruchstück einer Melodie oder ein Fragment der alten Gebete in den Sinn, für gewöhnlich verborgen in den unergründlichen Tiefen seiner Erinnerungen, doch die Worte erstarben bald auf seinen Lippen: Jewarechecha Adonai …

Ja, heute Morgen ist es mir gelungen, dachte er, als er sich für die mittägliche Suppe anstellte, trotz der schmerzenden Stiche im Magen beinahe glücklich zu sein – zumindest für die Zeit, in der ich die Decke der Geige vorbereitet habe. Wie bei fast allen Lagerinsassen rief der Hunger zu dieser Stunde Erinnerungen und Phantasien wach, die mit den Mahlzeiten vergangener Zeiten zusammenhingen. Wenn Daniel länger als üblich warten musste, hatte er stets das Bild eines schön gedeckten Tisches mit leckerem, koscheren Essen vor Augen, das seine Mutter so gut zuzubereiten verstand. Oder gar das Nachtmahl an den zwei Osterfeiertagen mit den Verwandten, Onkeln und Cousins, der Korb mit der Terrine Charoset, die bitteren Kräuter, die er jetzt köstlich gefunden hätte, das ungesäuerte Brot, die hartgekochten Eier, das strahlend weiße Seidentuch mit den blauen Streifen, das sie zudeckte … Was hätte er bloß heute dafür gegeben, ein hartes Ei zu essen oder ein wenig Lammfleisch! Er dachte an den Geschmack der Mazze und an die Freude, das versteckte Stück Brot zu entdecken, das dem Finder unter den Kindern eine Belohnung einbrachte. Er wollte nicht an die Lieder denken und auch nicht an die drei Trinksprüche. Er wäre schon mit ein paar Löffeln voll Tscholent zufrieden gewesen, jener aus Reis, Bohnen und Fleisch bestehende Eintopf, der eine ganze Nacht lang im Ofen der Gemeinde köchelte und den er als Junge des Öfteren holen gegangen war …

Unbarmherzig lösten sich diese Bilder angesichts der kargen Suppe auf, die es täglich gab, außer donnerstags, wenn die Kartoffeln seinen Magen etwas mehr füllten. Er wusste: Der Nachmittag würde kommen, und die fünf oder sechs Stunden Arbeit in der Fabrik, mit nichts weiter als einer wässrigen Suppe im Magen, würden ihn wie jeden Abend an den Rand der Erschöpfung, in eine dumpfe Hoffnungslosigkeit treiben; oft hatte er das Gefühl, nicht mehr die nötige Kraft aufbringen zu können, um am nächsten Tag aufzustehen. So glich sein Tag jenen Gesichtern, die einen Unfall erlitten hatten, die eine Seite war beinahe unversehrt und schön, verbrannt und voller Narben die andere.

Er konnte sich jedoch nicht immer den ganzen Vormittag dem Bau der Geige widmen: Manchmal brachten sie ihm auch ein Instrument zur Reparatur, denn die Feinde hatten in jenem Lager, wie in anderen auch, so seltsam es scheinen mochte, ein Orchester zusammengestellt.

Zunächst war es für ihn sehr zeitaufwendig gewesen, sorgfältig alles Material auszuwählen, das er benötigte; man hatte ihm nämlich am ersten Tag ausdrücklich befohlen, die Dinge, die er nicht brauchen würde, auszusortieren. Vermutlich wollen sie den Rest verkaufen, dachte er. So achtete er darauf, dass ihm, sollte er etwas verderben oder für künftige Reparaturen brauchen, genügend Stücke und Hölzer übrig blieben. Er fand einige bereits zugeschnittene, edle Fichten- und Ahornhölzer vor und ein paar Ebenholzwirbel. Er behielt auch zwei Bögen zurück – den einen, um ihn herzurichten, der andere war offensichtlich funkelnagelneu -, ebenso einige umsponnene Saiten und Leisten aus Maulbeerund Ebenholz. Außerdem bewahrte er eine Anzahl schon zurechtgeschnittener Holzstreifen für die Zargen auf und das gesamte Werkzeug, das vorhanden war, man konnte nie zu viel davon haben. Auch drei schon vorgefertigte Stimmstöcke behielt er; besser es blieb einer übrig, sie würden ihm Arbeit ersparen. Das Ordnen der Tiegel mit Leim, Grundierung, Lacken und Granulaten hatte ihm viel Mühe bereitet, doch nun waren sie feinsäuberlich aufgereiht und mit leserlichen Schildern versehen. Er hatte letztlich nur auf wenig Material verzichtet, aber zum Glück machte man ihm daraus keinen Vorwurf. Seiner Einschätzung nach musste all das Zubehör aus der Werkstatt eines hervorragenden Geigenbauers stammen.

An dem Tag, als er die Decke der Geige vorbereitete, um sie nachher abzuschleifen, fiel es ihm schwer, sich auf die viel eintönigere Arbeit in der Fabrik zu konzentrieren; sein Instrument begann ihn zu fesseln, das war ihm bislang noch bei jedem Instrument so ergangen. Aber er durfte nicht geistesabwesend sein, sonst lief er Gefahr, sich zu verletzen, und er musste sich dem vorgegebenen Rhythmus anpassen, nicht schneller, nicht langsamer sein als die anderen seiner Abteilung. Zwar hatte der Kapo, auch ein Häftling aus der Ukraine, nicht den Ruf, besonders grausam zu sein, was allerdings die Arbeitsleistung betraf, so achtete er mit aller Strenge auf die erforderliche Quote.

Ab und zu erschienen das Monster oder ein anderes Mitglied des Führungsstabs auch persönlich, und für gewöhnlich gingen diese Besuche schlecht aus; eines Nachmittags wurde sogar ein angeblicher Saboteur mit dem Tode bestraft. Daniel war überzeugt, dass einer der Mithäftlinge jenen mürrischen Schlosser denunziert hatte. Warum sonst wären sie direkt, ohne zu zögern, auf ihn zugegangen? Das Aufsehen einer öffentlichen Hinrichtung wurde jedoch – vielleicht auch, um den Denunzianten nicht bloßzustellen – vermieden. Der Kommandant hatte den Mann angeschnauzt und einen Befehl zu seinen beiden Begleitern herübergerufen, die den Häftling daraufhin unverzüglich hinauszerrten. Sie sahen ihn nie wieder.

In anderen Fällen, wenn sie ihr Pensum nicht erfüllen konnten, schaffte man sie eine halbe Stunde früher zu ihren Arbeitsstätten, und das Mittagessen wurde gestrichen. Also arbeitete er tüchtig den ganzen Nachmittag, stets darauf bedacht, sich die Hände nicht aufzuschrammen, und er zwang sich dazu, bis zum Abend nicht an seine über alles geliebte Geige zu denken.

Am nächsten Morgen bemerkte er zum ersten Mal – die ganze Zeit über war er so vertieft in seine Arbeit gewesen -, dass die Tage schon länger wurden und es nicht mehr so kalt und dunkel war, wenn sie zum Appell antreten mussten. Inzwischen enthüllte die Helle sogar schon zu Beginn eines neuen Tages die empörenden Zeichen ihrer langen Sklaverei: Er sah die abgezehrten Gesichter in den Reihen, die violetten Schatten unter den Augen, die abgetragene Kleidung mit den aufgenähten Winkeln in den verschiedenen berüchtigten Farben, vor allem die gelben, sah die Spuren der Schläge und die Narben in einigen Gesichtern. Hatte er das Zeitgefühl verloren? Tage wie Jahre und Monate wie Tage, alles verschwamm zu einem einzigen Nebelband.

Außerhalb des Lagers jedoch, außerhalb jener Insel in einem monströsen Archipel, war die Zeit nicht stehengeblieben. Er spürte einen Hauch lauer Luft, eine wohltuende Liebkosung im Reich des Hasses. In seine Gasse von früher, in Krakau, würden bald die Schwalben zurückkehren. Der Frühling, sagte er sich, würde mehr denn je erblühen. Er wird über den Körpern tausender Toter erblühen.

Das war kein tröstlicher Gedanke, aber dennoch nicht zu verleugnen. Er fand den Kaffee bitterer, die Scheibe Brot winziger und kärglicher, als hätte ihr diese Überlegung das Gewicht genommen. Ein paar Minuten lang betrachtete er den Himmel – er hatte es sich schon abgewöhnt, da er stets voller Wolken oder in Nebel gehüllt war – und entdeckte erstmals große blaue Stellen. Plötzlich verspürte er einen heftigen Stockschlag auf dem Rücken, er war im Strom der Arbeiter auf dem Weg zu den verschiedenen Werkstätten einfach stehen geblieben. Ja, dachte er erneut, während er einen Aufschrei unterdrückte, der Frühling naht. Er wird auf der mit unseren Toten gedüngten Erde erblühen.

Noch mit diesem Gedanken beschäftigt und mit schmerzendem Rücken betrat er die Werkstatt; nun nahm er sich zusammen und fing sofort damit an, ein letztes Mal die Kanten der Decke zu glätten. Er roch am Holz, nahm das Modell, das er schon vorbereitet hatte, und begann ganz selbstvergessen und mit der feinfühligen Kunstfertigkeit eines Dichters das Innere der Decke mit dem kleinen Hohleisen abzunehmen. Der Schlag, der Gedanke an den Tod, die Aussicht auf die endlosen Stunden in der Fabrik, alles verschwand, als wäre der Geruch des Holzes ein Wind, der sämtliche schwarzen bedrohlichen Wolken vertreibt.

Der Aufseher frühstückte; er konnte sich also gefahrlos eine kleine Pause gönnen. Danach legte er sich die kleinen Wölbungshobel in den drei verschiedenen Größen bereit, die er brauchen würde, um die richtige Stärke der Decke zu erreichen. Nach reiflicher Überlegung war er zu dem Entschluss gekommen, die Decke in der Mitte bei viereinhalb Millimetern zu belassen. Normalerweise veranschlagte er fünf, doch es war ihm befohlen worden, ein Instrument nach den Maßen einer Stradivari anzufertigen; also würde er die Ränder auf drei Millimeter abschleifen. Unter seinen Arbeitsbedingungen wollte er es nicht riskieren, die Decke noch dünner zu machen. Der Klang würde trotzdem voll sein, ganz nach der alten Schule von Mateusz Dobrucki, der ebenso wie er selbst aus Krakau stammte. Geigen und Bratschen, deren Decken zu dick waren, konnte er nicht ausstehen, denn sie klangen in seinen Ohren dumpf. Das Hohleisen glitt sicher über das Holz, stets gegen den Verlauf der Holzfasern, so wie es ihm sein Vater – Friede sei mit ihm – beigebracht hatte. Kein längerer Span splitterte ab, das durfte ihm auch nicht passieren. Er arbeitete schließlich seit seinem vierzehnten Lebensjahr in diesem Beruf!

Die Tage wurden mit jedem Morgen heller, und an der Arbeit gemessen, die er bereits verrichtet hatte, rechnete er sich aus, dass der Mittag nicht mehr fern war. Er hielt einen Augenblick inne, dann nahm er noch einmal Maß und freute sich über seine Genauigkeit. Er war schon bei sechs Millimetern angelangt. Jetzt musste er mit dem kleineren Hobel beginnen, der ihm die Arbeit sehr erleichtern würde und mit dem er bei der Rohbearbeitung der Wölbung noch nie Probleme gehabt hatte.

Da plötzlich wurde die Tür aufgerissen, er drehte sich jedoch nicht um. Wer auch immer die Inspektoren oder Besucher sein mochten, sie mussten ihn arbeitend antreffen. Um ihn herum gingen die Hobelgeräusche weiter, er roch die Späne, hörte den einen oder anderen Hammerschlag in seiner Nähe.

Ohne es zu wollen, ließ er plötzlich seinen Hobel sinken. Er blickte nicht auf, das war auch gar nicht nötig; denn inmitten der üblichen Geräusche, die ihn in der Werkstatt umgaben, hatte er zwei Stimmen wiedererkannt, die sich durch das Entsetzen, das sie einflößten, unverwechselbar in sein Gehör eingeprägt hatten, so wie ein glühendes Eisen die Haut brandmarkt. Die kräftigere, tiefere Stimme war die Sauckels. Die andere jene Raschers. Herr, lass mich nicht wie versteinert dastehen, lass mich nicht alles verderben.

Es schien ihm, als könnten alle sein Herz schlagen hören, doch er bewahrte einen kühlen Kopf. Noch waren sie nicht bis zu dem etwas abseits gelegenen Winkel der Werkstatt vorgedrungen, in dem er arbeitete. Er legte die Geigendecke vorsichtig auf den Tisch, an dem er die Feinarbeiten ausführte, ging zur Tischlerbank und nahm das Ahornholz zur Hand, das er schon zugeschnitten hatte, um den Hals anzufertigen. Er warf einen anerkennenden Blick auf die schön geflammten, von oben nach unten verlaufenden Maserungen und begann, eine Seite mit dem Hobel zu glätten. Das, so hatte er im Bruchteil einer Sekunde gedacht, beherrsche ich beinahe im Schlaf, also werde ich es auch schaffen, wenn Rascher seinen kalten Blick auf mich richtet. Die gleichmäßige Bewegung des Hobels ließ ihn ruhiger werden; da standen sie schon vor ihm.

»Was macht die Geige?«

Mit Erstaunen bemerkte er, dass die Stimme des Kommandanten ohne Spur von Spott oder Hohn war. Er schien mit der üblichen Neugierde eines Kunden zu fragen. Also antwortete er, ohne zu zaudern:

»Alles in Ordnung, keine Probleme.«

Er sprach und unterbrach dabei seine Arbeit nicht. Schließlich wusste man nie, wie sie reagierten. Manchmal hatten sie ihn geschlagen, weil er nicht strammgestanden hatte, wenn sie ihn ansprachen, ein andermal deshalb, weil er es getan und nicht weitergearbeitet hatte. Doch diesmal wurde er von Schlägen verschont. Während er weiterhobelte, sah er aus dem Augenwinkel, dass sie immer noch vor ihm standen. Neugierig beobachteten sie, wie er den Winkel und das Lineal nahm und die Maße exakt überprüfte. Sie betrachteten offensichtlich zufrieden die nunmehr glatte, schön gemaserte Oberfläche des Holzes. Wann würden sie endlich wieder verschwinden, diese Dreckskerle? Da er flink arbeitete, musste er nun das Modell für den Halsstock zur Hand nehmen und die Form nachzeichnen: den Querschnitt, die Rundung am unteren Ende, all das musste er mit dem Spitzeisen markieren und schließlich die elegante Krümmung der Schnecke skizzieren. Es fiel ihm schwer, diese Arbeit unter dem prüfenden Blick dieser vier Augen auszuführen, die auf seine noch immer sicheren Hände geheftet waren. Ihm fehlte die nötige Ruhe dazu. Endlich hörte er, wie sie sich entfernten, und seinen Körper durchströmte ein Gefühl großer Erleichterung, wie wenn das Fieber einen Kranken verlässt. Als die unerträgliche Spannung von ihm wich, ließ er den Halsstock auf die Bank sinken und wischte sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn.

Während der zwei Schritte zum Arbeitstisch wurde ihm bewusst, wie viel Angst er ausgestanden hatte – ihm schlotterten die Knie, und als er sich mit der Zunge über die Lippen fuhr, bemerkte er, dass sie ebenso trocken waren wie seine Kehle. Er stützte sich einen Augenblick am Tisch ab und atmete tief durch; er wollte nicht um Erlaubnis bitten, austreten zu dürfen, womöglich wäre er sonst nur wieder dem Besucherpaar begegnet. Ihre Inspektion war ihm so lang vorgekommen, dass er damit rechnete, nun bald die Sirene zu hören. Er musste weiterarbeiten, um nicht die Aufmerksamkeit des Kapos auf sich zu ziehen, weil er zu lange – ein paar Minuten – ausruhte.

Die Inspektion hat zumindest keine schlimmen Folgen nach sich gezogen, dachte er, niemand aus meiner Werkstatt ist geschlagen oder bestraft worden; dieser Gedanke half ihm, sich zu beruhigen. Er nahm, nun merklich gefasster, die Messuhr und das kleine Millimeterband zur Hand, um die Stärke der Deckenwölbung zu überprüfen und danach mit dem kleineren Wölbungshobel weiterzuarbeiten. Zum Glück hatte ihm sein Vater – gesegnet sei sein Andenken – das Handwerk so gut beigebracht. Zufrieden betrachtete er das Ergebnis seiner Arbeit an diesem so ereignisreichen Tag. Morgen würde er mit winzigen Holzstreifen, dünn wie die Spitze eines Fingernagels, die beiden Hälften verstärken, die Innenseite mit Sandpapier abschleifen und darauf achten, dass die Ränder abgerundet blieben.

Er strich mit der Hand über die sanft gewölbte Innenseite der Decke. Auf seinen Tastsinn vertraute er ebenso wie auf die Messuhr, und er hatte nie geglaubt, dass irgendein Werkzeug genauer sein könnte als seine Finger. Er musste allerdings besorgt feststellen, dass sie ihre Feinheit durch die Arbeit in der Fabrik eingebüßt hatten und neuerdings Schwielen aufwiesen, die ihn beunruhigten.

Dennoch ließ er sich nicht entmutigen, und das Heulen der Sirene überraschte ihn dabei, wie er die beiden Teile der Decke streichelte, so wie er Eva liebkost hatte, bereits voller Verzweiflung, als es zu ersten Überfällen auf das Ghetto gekommen war.

Die Inspektion war nicht in allen Werkstätten so glimpflich verlaufen, das wurde ihm sofort klar, als er zwei Kapos mit einem Häftling sah, die einem Befehlshaber folgten; sie sperrten ihn in eine der dunklen Zellen, und rundum herrschte seltsames, nur von ängstlichem Gemurmel durchsetztes Schweigen. Wie Jäger, die Fallen mit Vogelleim auslegen, konnten auch die Helden dieser Jagd auf keinen Fall ohne irgendeine Beute zurückkehren.


V

<p><strong>V</strong></p>

UNSEREN MUSIKERN HAT MAN


DIE HÄNDE ABGEHACKT,


UNSEREN SÄNGERN DIE MÜNDER


MIT EISEN VERSCHLOSSEN.


DIE SÜSSKLINGENDE GEIGE


LIEGT AUF DER ERDE EINER


UNBEWEGLICHEN


WIEGE GLEICH,


SIE HÄTTEN DAS NEUGEBORENE


WIEGEN SOLLEN -


DOCH SIE TÖTETEN ES,


NOCH BEVOR ES ZUR WELT KAM.







Jannis Ritsos, Missatgers


Aufstellung über die von den Lagern Lublin und Auschwitz abgegebene Bekleidung usw. (Fragment)


1. Reichswirtschaftsministerium


 Männer=Altbekleidung


ohne Wäsche97 000 GarniturenFrauen=Altbekleidung


ohne Wäsche76 000 GarniturenFrauen=Seidenwäsche89 000 Garnituren



 insgesamt: 34 WaggonsLumpen400 Waggons2 700 000 kgBettfedern130 Waggons270 000 kgFrauenhaare1 Waggon3000 kgAltmaterial5 Waggons19 000 kginsgesamt: 2 992 000 kginsgesamt: 536 Waggons570 Waggons



Ein neuer Kapo, der bestechlicher war als der vorherige, verschaffte ihm unter der Hand eine Tube mit Creme, die hoffentlich seine Hände wieder geschmeidig machen würde. Als Gegenleistung bot er ihm Zigaretten an, die er eine nach der anderen von Freund erhalten und aufgespart hatte, der sie wiederum regelmäßig von den Chauffeuren in der Werkstatt zugesteckt bekam. Seit dem letzten Besuch Raschers und des Kommandanten waren inzwischen knapp zwei Wochen vergangen, und an diesem Tag, der nur zögerlich zur Neige ging, hatte eine Reihenuntersuchung der Häftlinge stattgefunden.Vielleicht aufgrund irgendwelcher Verordnungen, oder aber es handelte sich um eine Anweisung von höherer Stelle, vom Arzt mit den kalten Augen. Die Befehlshaber verschiedener Dienstgrade, die Schweine, wie Freund sie immer nannte, hatten die Reihenuntersuchung als »Frühjahrsputz« bezeichnet, vermutlich weil ihnen der Winter schon einen Teil der Arbeit abgenommen hatte.

Daniel lag mit sorgfältig eingecremten Händen auf seiner Pritsche und dachte, dass er sich glücklich schätzen konnte, die Reihenuntersuchung heil überstanden zu haben, denn diesmal hatten sie sich nicht auf einen flüchtigen Blick beschränkt, wie vor den körperlichen Züchtigungen. Immerhin, da das Lager klein war, hatten sie alles an einem Tag erledigt. Splitternackt war er gewogen, abgehört, rücksichtslos abgetastet und – wie alle anderen auch – angewiesen worden, Kniebeugen zu machen; schließlich hatte man ihn für arbeitsfähig befunden, nicht reif für den Schlachthof, für das Todeslager mit den schwarzen Rauchwolken. Die »Gesunden« hatten sie früher als sonst in die Baracken geschickt.

Daniel lag in dieser Nacht noch lange wach, während seine Kameraden schliefen oder so taten als ob, um nicht reden zu müssen, um nicht über die grauenvolle Selektion nachzudenken, und so hörte er ganz deutlich das Motorengeräusch der viel zu früh zurückkommenden Lastwagen. Sie können sie in kein anderes Lager geschafft haben, dachte er, für eine Fahrt nach Auschwitz-Birkenau und zurück hätten sie mehr Zeit benötigt. Die Kameraden mussten schon tot und begraben sein, nackt und ohne Totenhemd, ohne letzten Abschied, auf irgendeiner Waldlichtung verscharrt, hier ganz in der Nähe des Dreiflüsselagers. Die erstickten, verzweifelten Schreie, die am Abend durch die dünnen Holzwände gedrungen waren, bewiesen, dass nur wenige die empörende Lüge, sie würden in ein Krankenhaus gebracht, geschluckt hatten, obwohl man ihnen erlaubt hatte, sich wieder anzukleiden. Er wollte das Totengebet für sie sprechen, doch er vermochte es nicht, denn angesichts der Kinder, die in den Tod geschickt wurden, erschien ihm die ganze Welt wie zu Eis erstarrt. Er rüttelte seinen Nachbarn an den Schultern:

»He, hast du das Motorengeräusch gehört? Das waren doch die Lastwagen, oder?«

»Ja, das waren sie«, bestätigte dieser hellwach, er hatte gar nicht geschlafen. »Weit gefahren sind sie jedenfalls nicht«, fuhr er fort. »Die haben sie auch nicht erschossen, die Dreckskerle, diese Mörder! Ich hatte schon vorher einen Verdacht, wie sie es machen würden, weil wir zwei Saurer-Lastwagen mit kaputten Bremsen bei uns zur Reparatur hatten. Verdammt seien sie alle und ich genauso, weil mich diese Scheißverbrecher dazu gezwungen haben, bei der Reparatur zu helfen.«

Unterdrücktes Schluchzen schnitt ihm die Stimme ab. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Auch gab es keine Worte, die ihn hätten trösten können. Und so schwiegen sie beide. Das Gerücht über die Lastwagen des Todes, das im Lager umging, stimmte also, dieses Gemunkel, von dem niemand wusste, woher es stammte und wie es sich, einer Epidemie gleich, unter den Häftlingen hatte ausbreiten können. Diese Fahrzeuge gingen deshalb so oft kaputt, weil sie die Hauptstraße verließen und über holprige, morastige Wege fuhren, ohne ihre Fracht abzuladen, um Aufruhr und Fluchtversuche zu vermeiden. Im Wageninneren, in dieser tödlichen Falle, wurden die Kranken schnell geheilt, indem man sie die Abgase des Dieselmotors einatmen ließ, sobald der Fahrer, der danach mit einer doppelten Ration Schnaps belohnt wurde, den Hebel drückte; auch die Kinder wurden auf diese Weise schlagartig aus den trügerischen Fängen ihrer Ahnungslosigkeit befreit. Dieser Gedanke erfüllte Daniel mit solch unbändiger Wut, dass er sich am liebsten die Knöchel seiner geballten Fäuste blutig gebissen hätte, aber er konnte sich nicht einmal diese sinnlose Geste erlauben, wenn er überleben wollte.

Er hatte den Eindruck, soeben erst eingeschlafen zu sein, als die Sirene allen Schrecken zum Trotz einen neuen Tag ankündigte. Der Appell an diesem Morgen fiel kürzer aus als sonst, und einige zählten ihre Toten. Die Sonne löste schamlos die Nebelschwaden auf, der Wind schien die Namen der Ermordeten ins Nichts fortzutragen.

Aber nicht alle hatten sie vergessen; die unerbittliche, niemals stillstehende Organisation, die sie inhaftierte und dezimierte, hatte sie bereits verbucht, und die zweckmäßigen Befehle waren schon bei der Lagerleitung angelangt. Wie sie feststellten, gab es kein Stück Brot zu viel, und auch der sogenannte Kaffee war um kein bisschen stärker. Die Listen waren rasch ausgebessert worden, und nun wartete man auf die unglücklichen Neuzugänge, um in den Pritschenreihen, in den Werkstätten und beim Appell die Lücken wieder zu füllen. Die Anzahl der Neuankömmlinge, mit der sie rechneten, würde jedoch nicht eintreffen: Im Lager wusste man bereits, dass viele den Weg der Rebellion gewählt hatten, den Tod einer Deportation vorzogen und im Warschauer Ghetto Widerstand leisteten.

Freund ging leise fluchend in die Reparaturwerkstatt, wo er gewiss mehr denn je zu tun haben würde. Wie jeden Morgen galt es, die Arbeit mit einem Loch im Magen und nun auch noch mit einem schrecklich bitteren Nachgeschmack zu beginnen. Der Geigenbauer betrat niedergeschlagen die Werkstatt. Der älteste Kamerad, ein Tischler, der seit Tagen gehustet hatte, würde für immer fehlen. Weder der Anblick »seiner« Werkzeuge noch die bereits vollendeten Teile des Instruments konnten ihn von der Beklemmung befreien, die ihm die Brust zuschnürte. Die Arme schienen ihm schlaffer, seine Hände langsamer zu sein. Ich muss die Erinnerung an gestern abschütteln, dachte er, ich habe keine Zeit, an jene zu denken, die schon nicht mehr unter uns weilen, wenn ich mich nicht zu ihnen unter die Birken gesellen will. Nach und nach beruhigten ihn die gewohnten Handgriffe und der Duft der Hölzer ein wenig, und die drückenden Bande der Erinnerung schienen ihn nicht länger zu ersticken. Die dreißig Kniebeugen vom Vortag, eine an sich nicht außergewöhnliche Anstrengung, hatten an seinem geschwächten Körper Spuren hinterlassen; die Knie schmerzten noch, die Hände allerdings fühlten sich spürbar glatter an. Die plötzliche Kälte der letzten Tage und starker Wind aus Russland hatten die Haut ganz rissig gemacht. Durch die Creme war sie jedoch wieder geschmeidiger geworden, und das war äußerst wichtig für ihn. Er lebte nun mit einer sehr begründeten Hoffnung: Sie würden ihn sicher am Leben lassen, bis er die Geige fertiggebaut hatte. Mittlerweile wusste er, dass der Lagerkommandant Instrumente sammelte. Er würde ihn also nicht in den Steinbruch schicken, solange diese im Lager gefertigte Rarität nicht vollendet war, immerhin würde sie seiner Eitelkeit schmeicheln. Dennoch durfte er die Arbeit nicht in die Länge ziehen, sonst lief er Gefahr, wegen zu langsamen Vorwärtskommens oder gar Sabotage ausgepeitscht zu werden. Selbst der Mechaniker, auf den sie ungern verzichteten, hatte eine ganze Woche im Arrest verbracht, weil ihm ein Werkzeug kaputt gegangen war!

Er arbeitete daher in seinem gewohnten Tempo, versuchte den gleichen Rhythmus wie zu glücklichen Zeiten in seiner Werkstatt in Krakau zu finden. Wie durch ein Wunder hatte er bereits den Hals der Geige fertiggestellt, der wirklich gelungen war, und auch die Decke, an der er heute mit äußerster Sorgfalt den Bassbalken anbringen würde. Bis zum Mittag sollte er ihn angeleimt haben, da am Sonntagnachmittag die einzige Ruhepause der ganzen Woche anstand und er noch ein paar Kleidungsstücke waschen wollte. Er prüfte die Maserung des Fichtenholzstabes und setzte ihn derart auf, dass das Muster genau mit jenem der Decke übereinstimmte. Dann schob er ihn in seine richtige Position, damit er so lag, wie die tiefen Saiten später verlaufen sollten. Um sich zu vergewissern, dass sich der Bassbalken exakt der Deckenwölbung anpasste, prüfte er das Resultat im Gegenlicht. Nun wusste er genau, wie er den Fichtenholzstab anleimen und an welcher Stelle er ihn fester andrücken musste. Die mit Filz überzogenen Holzklemmen zum Einspannen des verleimten Stückes lagen bereit. Als er die fünf Klemmen angebracht hatte, gönnte er sich eine Pause, er musste warten, bis der Leim trocken war; den überschüssigen Klebstoff hatte er bereits weggetupft, und um mit etwas Neuem zu beginnen, war es schon zu spät. Der Aufseher, der in seinen ersten Wochen hier im Lager nicht mit Schlägen gespart hatte, ließ ihn inzwischen weitgehend in Ruhe und beschimpfte ihn nicht mehr. Er schien zufrieden mit diesem Häftling, der schweigend vor sich hin arbeitete, sogar nur selten die Erlaubnis einholte, zur Latrine gehen zu dürfen, keine Probleme machte und sich auch nicht heimlich mit den anderen Tischlern unterhielt. Dennoch war es ratsam, sich keine Blöße zu geben, und damit seine kurze Rast auf dem selbstgebastelten Hocker nicht auffiel, legte er die Hände sacht auf die Geigendecke, als müsste er sie zusammenhalten.

Er wollte sich nicht an die furchtbare Selektion vom Vortag erinnern und lenkte daher seine Gedanken – als wären auch sie fügsame Werkzeuge – zu Regina. Wie oft hatte er das kleine, blauäugige Mädchen in seinen damals noch kräftigen Armen gehalten, sie in die Luft geworfen und wieder aufgefangen, während sie vor Vergnügen quietschte. Es tröstete ihn, sie in Sicherheit zu wissen, obwohl er keinerlei Nachricht erhalten hatte, da jeder Versuch einer Kontaktaufnahme zu gefährlich gewesen wäre. Seine Cousine galt als Arierin und hatte zwei ältere Kinder; alle würden sich um die Kleine kümmern. Er dachte daran, dass der Großvater Bienen züchtete und einen Gemüsegarten bestellte, also würde es ihnen sicher nicht an Essen mangeln. Die tiefen dunklen Ringe, die der Hunger in ihr Gesichtchen gegraben hatte, waren bestimmt schon verschwunden.

Es war gut, nicht an die Toten zu denken, sondern an Regina und auch an Eva, die in Tischs Fabrik Zuflucht gefunden hatte. Es war auch gut, dass ihn seine Arbeit noch zu ermutigen vermochte, obwohl er spürte, wie seine Kräfte mit jedem Tag nachließen. Heute atmete er leichter, war dankbar für das bisschen Sonne, das durch die Fensteröffnung fiel, in die er als Ersatz für die fehlende Glasscheibe transparentes Papier geklebt hatte. Der Aufseher, der einige Meter entfernt von ihm saß, aß, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, eine Handvoll Nüsse, die er aufgetrieben hatte, um die Zeit bis zum Mittagessen zu überbrücken. Er knabberte sie geräuschvoll, so als wollte er ihnen den Mund wässrig machen, und Daniel neidete ihm diese Haselnüsse, gleichzeitig aber war er froh, weil sie alle dadurch ein paar Augenblicke Ruhe hatten.

Er konnte von Glück reden, dass der Tischler, der in nächster Nähe arbeitete, rechtzeitig zu ihm herüberkam und ihn unauffällig weckte. Bis zu diesem Vormittag war ihm das noch nie passiert. In der letzten Nacht hatte er jedoch nach der Rückkehr der Lastwagen kaum geschlafen und war nun aus Erschöpfung neben der Geige eingenickt, den Kopf vornüber auf dem Tisch. Offensichtlich hatte es sonst niemand bemerkt oder zumindest keiner beim Kapo denunziert, so wie es manchmal geschah, um Gutpunkte zu sammeln.

Ich darf auf gar keinen Fall mehr bei der Arbeit einschlafen, schärfte er sich ein. Seit ein paar Tagen wusste er durch Bronislaw, den Geiger, was auf dem Spiel stand. Dieser war, seitdem Daniel ihn vor dem Kommandanten in Schutz genommen hatte, als ob sie nicht beide gleich hilflos und ohnmächtig wären, sein Freund. Glücklicherweise war der Musiker trotz Arrest den Peitschenhieben und dem »Frühjahrsputz« entgangen. Und immer wenn der Kommandant nicht seine Dienste als Geiger im Trio oder im Orchester in Anspruch nahm, arbeitete er jetzt in der Küche. In der Nähe der Feinde nutzte er dann sein feines Gehör, um möglichst viele Gesprächsfetzen aufzuschnappen.

Beide verdankten seiner Meinung nach dem Gast mit den gütigen Augen ihr Leben, einem Freund von Tisch, Schindler, der ein sehr guter Goi war. Seine Fabrik lag allerdings weit von hier entfernt, und er war nicht noch einmal wiedergekommen. Der gefürchtete Rascher aber kam, obwohl er in ein anderes Lager versetzt worden war, regelmäßig zu Besuch. Er brüstete sich damit, dass ihn SS-Reichsführer Himmler persönlich, dieses große Schwein, zu seinen Aufwärmungsversuchen an unterkühlten Häftlingen beglückwünscht hatte.

»Gib dir beim Bau der Geige größte Mühe; ich weiß, du wirst dein Bestes geben! Ich denke, dass Sauckel an einer meisterhaften Arbeit interessiert ist, er sammelt schon sehr lange Instrumente. Wie viele davon er widerrechtlich in seinen Besitz gebracht hat, will ich mir gar nicht vorstellen! Was deine Geige betrifft, so hat er jedenfalls mit dem teuflischen Rascher um eine Kiste Burgunderwein gewettet.«

»Hast du das wirklich richtig verstanden?«

»Nicht in allen Einzelheiten, weil wir ihnen nicht zu nahe kommen dürfen, aber ich habe gehört, dass der Arzt dem Tyrannen eine Kiste Burgunder schuldet, wenn du die Geige rechtzeitig fertigbaust und sie dazu noch gut klingt – die Frist, die sie dir dafür geben, ist mir leider unbekannt.« Daraufhin schwieg er und fuhr erst nach einer Weile zurückhaltend und widerstrebend fort:

»Rascher, der Mörder, mag aber keinen Wein. Er trinkt lieber Bier.«

»Was willst du damit sagen?«

Bronislaw war sich nicht sicher, hatte aber aufgrund der aufgeschnappten Gesprächsfetzen eine Vermutung. Er sträubte sich verzweifelt, damit herauszurücken. Der verbrecherische Arzt hatte es nämlich nicht auf Dinge abgesehen, sondern auf Personen, auf Körper, soviel war klar. Es stand zu befürchten, dass sein Preis, sollte er die Wette gewinnen, der Geigenbauer selbst war. Eine Kiste Wein gegen die Auslieferung Daniels an das Lager, in dem Rascher jetzt »tätig« war. Aus der Sicht der Schweine ein hoher Preis für einen Untermenschen.


VI

<p><strong>VI</strong></p>

DAS LEID GLEICHT EINEM


WEITEN RAUM:


ICH VERMAG MICH NICHT


ZU ERINNERN,


WIE ES BEGANN ODER


OB AUCH NUR EIN EINZIGER TAG


FREI VON IHM WAR.







Emily Dickinson


Schreiben an Himmler wegen Verwendung des Zahngolds verstorbener Häftlinge, 1942

SS=Wirtschafts=Verwaltungshauptamt


Tgb. Nr. 892/42 geh.


An den Reichsführer=SS


Berlin


Reichsführer!

Das von verstorbenen Schutzhäftlingen stammende Zahn=Bruchgold wird auf Ihren Befehl an das Sanitätsamt abgeliefert. Dort wird es für Zahnbehandlungszwecke unserer Männer verwendet.

SS=Oberführer Blaschke verfügt bereits über einen Bestand von über 50 kg Gold, das ist der voraussichtliche Edelmetallbedarf für die nächsten 5 Jahre.

Ich bitte um Bestätigung, daß das künftig aus den normalen Abgängen der KL anfallende Zahn=Bruchgold an die Reichsbank gegen Anerkennung abgeliefert werden darf.

Heil Hitler!


I.V.


Frank


SS=Brigadeführer und Generalmajor der


Waffen=SS



Aussage Otto Ambros

vor dem Nürnberger Militärgericht im IG=Farben=Prozeß (Fragment)


Das Furchtbarste war die Mißhandlung der Häftlinge durch die Kapos. Sie gingen mit den Häftlingen unmenschlich um. Mir ist in Auschwitz von Walther Dürrfeld bzw. Oberingenieur Faust berichtet worden, daß Häftlinge auf der Flucht erschossen worden sind.


Ich wußte, daß die Häftlinge selber keine Bezahlung erhielten. Es wurde etwa 1943 von der IG ein Prämiensystem für Häftlinge eingeführt, den Häftlingen eine Möglichkeit zu geben, in der Kantine Zusätzliches zu kaufen und gleichzeitig, um die Leistung der Häftlinge zu erhöhen.


Gesamtbezahlung für die Häftlinge in 2½ Jahren, die an die SS geleistet wurde, betrug über 20 Millionen Mark.

Für einige Augenblicke verschlug es Daniel die Sprache, er war wie gelähmt, versuchte den Sinn der Worte zu begreifen, die der Musiker stockend und widerwillig hervorgebracht hatte. Er schluckte Speichel wie jemand, der eine bittere Medizin einnehmen muss, und stieß schließlich hervor: »Lebend werden die mich nicht dorthin bringen!«

Ihm entfuhr ein Schrei, und einige Mithäftlinge drehten sich um, doch bevor er zu einem weiteren ansetzen konnte, der sogleich die Aufmerksamkeit des Kapos auf sich gezogen hätte, hielt ihm der Geiger den Mund zu, schloss ihn in die Arme und ließ ihn den Kopf im Stoff seiner zerschlissenen Häftlingskleidung vergraben. Der junge Mann hat in den letzten Monaten Unbegreifliches ertragen müssen, dachte Bronislaw, und nur ein viel heftigerer Aufschrei, ein hemmungsloses Brüllen hätte ihm wohl Erleichterung verschafft. Doch die verzweifelte Klage durfte nicht nach draußen dringen. Deshalb war es gut, dass die Beklemmung in den Armen des Freundes allmählich verebbte, abgeschirmt von verächtlichen Blicken oder solchen, die nur wieder neue Beklommenheit hervorgerufen hätten.

Nach einer Weile, die ihnen beiden lang vorgekommen war, löste sich Daniel mit Mühe aus der festen Umarmung; seine Tränen waren getrocknet, und der Freund redete sanft auf ihn ein, während sie auf und ab gingen, damit ihm die Bewegung half, sich zu beruhigen.

»Glaub mir, sie werden dich bestimmt nicht in das andere Lager abtransportieren, momentan können sie hier in den Fabriken einfach auf niemanden verzichten. Die Dinge stehen langsam schlecht für die elenden Mörder. Du wirst es schaffen, das weißt du. Der Solobratschist meines früheren Orchesters, der mal ein Kunde von dir gewesen war, hat mir von deiner außergewöhnlichen Handwerkskunst erzählt.«

Bronislaw sprach aus Überzeugung, und allmählich wich die Furcht von Daniel. Er klammerte sich an diese Worte, wollte ihnen Glauben schenken, sie waren das Einzige, woran er sich noch festhalten konnte.

»Deine Geige wird den schönsten Klang haben, den man sich nur vorstellen kann, und ich werde mein Bestes geben, wenn ich sie spiele! Es muss und es wird uns gelingen.«

Die Stimme des Freundes verscheuchte sein Entsetzen, sie war Balsam für die Seele. Nun konnten sie einigermaßen ruhig und sachlich miteinander reden. Daniel betonte, dass er keinerlei Bedenken hätte, was die Qualität seiner Arbeit betraf. Das Problem, darüber waren sie sich einig, war die ungewisse Frist.

Doch daran würde niemand etwas ändern können oder wollen; der Musiker durfte keine Fragen stellen und unter gar keinen Umständen den Verdacht erwecken, dass er über die demütigende Wette Bescheid wusste. Die Folgen würden sonst verheerend sein, und dafür war er – das musste er sich eingestehen – nicht mutig genug.

Soweit es im Reich des Schreckens möglich war, stand jedoch eine Sache für ihn so gut wie fest: Bis die Violine fertiggestellt war, würden sie den Geigenbauer im Dreiflüsselager am Leben lassen, ihn weder nach Auschwitz noch nach Plaszow deportieren, ihn jeden Vormittag an die Arbeit schicken. Vielen war nicht einmal dieses bisschen vergönnt. Sie vereinbarten, mit niemandem darüber zu sprechen; nicht mit dem Mechaniker, der zwar ein guter Bekannter war, aber sehr geschwätzig, und auch nicht mit den anderen beiden Musikern. Bronislaw riet Daniel, sich nicht zu beeilen, selbst wenn ihm das schwerfallen sollte; denn es wäre ungleich schlimmer, wenn er sich an den Händen verletzte oder das Instrument verdarb: Sollte nämlich die Geige irgendeinen Mangel aufweisen und nicht den erwünschten Klang haben, würden sie beide verloren sein. Bronislaw war überzeugt davon, dass der Kommandant – sollte alles gut ausgehen, so wie sie es hofften – Daniel keinesfalls dem Arzt ausliefern würde, schließlich gab es viele andere Lager, unzählige andere mögliche Opfer; und letztendlich war er es, der in seinem Lager das Sagen hatte.

»Er bekleidet einen höheren Dienstgrad als Rascher«, fuhr der Musiker fort, »das ist mir aufgefallen, als sie voreinander salutierten, und der Kommandant verabscheut jegliche Einmischung in seinen Autoritätsbereich.« Es gab aber auch noch einen weiteren Faktor, der Daniel zu überzeugen vermochte: Der Arzt verstand nicht das Geringste von Geigen, Sauckel hingegen schon. Und dieser war gewiss schlau genug, keine unglaubwürdige Frist zu setzen, um sich den Erhalt der Kiste Burgunderwein zu sichern. Davon konnte man ausgehen.

»Und du? Kannst du es dir eigentlich einrichten zu üben?«

»Nicht wirklich, weil ich den ganzen Tag in der Küche arbeite: Schau dir bloß meine Hände an! Warm haben sie es dort wenigstens, aber der Gedanke an den Sommer macht mir jetzt schon Angst.«

Dennoch nutzten er und seine zwei Partner stets die knappe Zeit zum Üben, die ihnen nach der abendlichen Essensausgabe blieb, bevor man sie in ihre schäbige Unterkunft schaffte. Es war nicht viel Zeit, »aber wir geben uns größte Mühe, und so bleiben wenigstens die Finger beweglich.« Und er fügte abschließend hinzu: »Heute haben wir gerade mal eine halbe Stunde, ich muss deswegen jetzt auch los.« Er ging schweren Herzens fort, und Daniel sah ihm nach, wie er sich mit langsamen, schwankenden Schritten entfernte; er blickte ihm gerührt und dankbar hinterher, bis er in der Baracke verschwunden war. Wie sehr war er von ihm verstanden und getröstet worden!

Ihnen war ausreichend Zeit geblieben, sich zu unterhalten und die Angelegenheit ein ums andere Mal durchzugehen, denn seit Frühlingsbeginn waren die Abende länger, und man schickte sie erst um neun in die Baracken. Den Geigenbauer hatte das Gespräch beruhigt, und so schlief er nun mit der Hoffnung und der Entschlossenheit ein, die Geige fertigzubauen. Deshalb erschrak er auch nicht, als ihn zwei oder drei Tage später ein ihm unbekannter Kapo aus der Werkstatt holte. Er vermutete, man würde ihn zum Haus des Kommandanten bringen. Während er die Werkzeuge niederlegte, fasste er den Entschluss, Sauckel zu fragen, wie viel Zeit man ihm zugestand, um das Instrument fertigzustellen. Ich werde die Frage so vorbringen, dachte er, dass er keinen Verdacht schöpfen kann, so als ginge ich davon aus, er benötige die Geige für ein Konzert.

Sie hatten allerdings etwas anderes mit ihm im Sinn: »Schnell, ab in die Schneiderei!«, befahl man ihm, und da er so verblüfft war, dass er sich nicht von der Stelle rührte, wurden die Worte »schnell, schnell!« von einem heftigen Stoß begleitet.

Er folgte dem Kapo und fühlte, wie Verzweiflung in ihm aufstieg. Wenn sie ihm die Zeit verkürzten, die er für die Geige brauchte, würde er es nicht schaffen, sie rechtzeitig zu vollenden. Was hatten sie bloß mit ihm vor, was sollte er in der Schneiderei? Er konnte weder bügeln noch gut genug nähen: Sie konnten ihn lediglich dazu einteilen, die Kleidungsstücke der Toten zu waschen, die immer wieder verwendet wurden.

Seit vielen Monaten hatte er keine kräftige und gutaussehende Frau mehr zu Gesicht bekommen, ihn faszinierte daher der Körper der Aufseherin, die mit einem Gummiknüppel in der Hand, der vollkommen überflüssig war, die blassen, abgemagerten Frauen und Mädchen überwachte, während diese einen Berg bereits sauberer Wäsche sortierten und bügelten. Mit einem Blick stellte er fest, dass auch Kinderkleidung darunter war – von den wenigen Kindern, die vor der Selektion im kleinen Lager überlebt hatten. Auf einem anderen Stapel befand sich zerschlissene Wäsche, die nicht mehr zu flicken war und sicherlich zur Papierherstellung dienen würde. Alles wurde verwertet, das wusste Daniel. Den »Gesunden« hatten sie nicht in den Mund geschaut, die Kranken jedoch – das hatte er mit eigenen Augen gesehen – wurden von einem Zahnarzt untersucht, auf dessen Tisch Pinsel und Farbe standen. Nach dem Tag des »Reinemachens« war ihnen klar, dass der Pinselstrich mit Ölfarbe auf dem nackten Körper diejenigen kennzeichnete, die Goldzähne hatten.

Er war aber nicht zum Wäschewaschen abkommandiert worden. Zusammen mit drei weiteren Häftlingen brachte man ihn zu einem Schneider, einem geschickten kleinen Mann, der Maß nahm, sie recht gut erhaltene Kleidung anprobieren ließ und zum Aufseher sagte, sie sollten in ein paar Tagen wiederkommen, um sie nochmals zu probieren und dann mitzunehmen. Diese Vorgehensweise war ihnen unverständlich, obwohl sie neue Kleidung bitter nötig hatten. Ihre war so alt und fadenscheinig, dass sie die Kälte des letzten Winters kaum abzuhalten vermocht hatte – Lungenentzündungen hatten unter den Häftlingen gewütet. Warum man ihnen jetzt anständige Kleidung zuteilen wollte, war ihnen ein Rätsel. Sie sprachen darüber, als sie die »Schneiderei« verließen, konnten sich allerdings keinen Reim darauf machen. Einer von ihnen stellte die Vermutung an, man würde sie vielleicht in ein kälteres Lager im Norden deportieren, er hatte bemerkt, dass die Jacken dick und gut gefüttert waren, aber diese Theorie schien ihnen allen absurd. Wann hatten sich die Schweine jemals um ihre Gesundheit Gedanken gemacht?

Daniel zerbrach sich nicht weiter den Kopf und kehrte mit dem anderen Tischler, der ebenfalls in die Schneiderbaracke geschickt worden war, an seine Arbeit zurück.

Am nächsten Tag erschien ein Untersturmführer, der als besonders grausam verschrien war, in Begleitung eines SS-Mädchens, und es wurde ihnen befohlen, sich Schuhe und die neuen Kleider anzuziehen. Die beiden waren frühmorgens überraschend in die Werkstatt gekommen – es war noch nicht einmal richtig hell -, hatten hier und da etwas zurechtgerückt und befahlen nun den neu eingekleideten Häftlingen zu gehorchen, ohne Fragen zu stellen. Eine der Anordnungen war allerdings sehr schwierig zu befolgen: Sie sollten, kaum waren sie zurechtgemacht und ihre Gesichter geschminkt, so tun, als würden sie in Freiheit arbeiten: »Jetzt lächeln«, sagte der SS-Mann, »sonst seht ihr die Kartoffeln von unten wachsen.«

Das war eine gängige Ausdrucksweise, um auf die Toten anzuspielen. Zweifellos brauchten sie Fotos für ihre Propaganda, schließlich hatten sie schon einige Male Filme gedreht, die die Sachlage verfälschten – frei nach dem Motto: Die Lagerinsassen arbeiten glücklich und zufrieden oder Jedem die Arbeit, die ihm Spaß macht. Daniel fühlte Zorn in sich aufsteigen, und er spürte, wie sein Gesicht unter der Schminke rot anlief. Der SS-Mann grinste und schwang den Knüppel. Damit dieser nicht auf sie niedersauste, rangen sich die beiden Häftlinge ein Lächeln ab, soweit sich ihre geöffneten Lippen und ihre vor Schrecken weit aufgerissenen Augen als solches bezeichnen ließen. Die junge Frau porträtierte sie in verschiedensten Posen, und sie entgingen den Schlägen um den Preis der Selbsterniedrigung – welch doppelte Bitterkeit!

»Ausziehen«, hieß es dann, und die Fotografin und der Mann lachten, während sie auf die abgemagerten Körper deuteten.

Schweigend streiften sie sich die alten Kleider wieder über. Sie waren der Strafe entgangen, doch hatten sie zur Belohnung nicht einmal ein wärmendes Kleidungsstück behalten dürfen. In den alten Fetzen und mit den Holzschuhen an den Füßen kehrte Daniel an seinen Arbeitsplatz zurück. Es fiel ihm schwer, seine Hände zitterten noch vor Aufregung; die erlittene Demütigung, das erzwungene Lächeln, das er den Feinden dargeboten hatte, quälten ihn. Er wusste nicht, wie lange er noch in der Lage sein würde, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, obwohl er jung war und sein Lebenswille noch nicht verwelkt. Zu seinem großen Erstaunen reichte ihm der Aufseher den Rest seines Biers. Also waren die beiden auch ihm verhasst gewesen und die Komödie mit den Fotos ihm ebenso nahegegangen. Daniel trank gierig und bedankte sich; dann presste er seine Hände zwei- oder dreimal kräftig zusammen und bekam schließlich das Zittern in den Griff.

Seine Gedanken kehrten zur Geige zurück. In den letzten Tagen hatte er den Boden und den Zargenkranz fertiggestellt, und nun begann er, mit einem kleinen Hammer auf die winzigen Keile zu klopfen, die den Boden am Modell befestigten. Da er umsichtigerweise bloß zwei Tropfen Knochenleim aufgetragen hatte, konnte er ihn nach kurzer Zeit ohne Schwierigkeit lösen. Das entschädigte ihn für die schrecklichen Fotoaufnahmen; er atmete tief durch, war zufrieden, diese vollendete Form in Händen zu halten. Er hatte sich auf keinerlei Experimente eingelassen, die Außenmaße entsprachen exakt der Norm, die er auswendig wusste; er überprüfte sie nochmals: 335 Millimeter lang, die Brüste (wie er zu sagen pflegte) 165, die Taille 115, die Schenkel 205. Er streichelte das geliebte Instrument, diese Geige, die ihn vielleicht retten würde, sobald er die Handgriffe, die noch fehlten, ausgeführt hatte: das Einlassen der Flödel, der Wirbelkasten, die letzten Arbeiten am Hals, das Einsetzen des Stimmstocks … Viele kleine Schritte, und am Ende, bevor er die Teile zusammenfügte, die Auswahl des geeigneten Lacks. Noch war er allerdings weit von diesem Punkt entfernt.

Als die Sirene schrillte, bedauerte er es, dass ihm keine Zeit mehr blieb, die Verstärkungen der Zargen anzufertigen oder mit dem Polieren zu beginnen. Er konnte es jedoch nicht riskieren, die Mahlzeit auszulassen, und durfte auf keinen Fall durch sein Verhalten Aufmerksamkeit erregen, vielleicht neidete ihm schon der eine oder andere Mithäftling die zwei Schluck Bier, das konnte doch sein! Um sich Mut zu machen, dachte er an Freund und an Bronislaw, der sicherlich den ganzen Vormittag damit zugebracht hatte, Rüben zu schneiden und Töpfe zu reinigen, mit seinen goldenen Händen, die die Saiten zum Klingen brachten, mit seinen Fingern, die eines Tages am Griffbrett dieser im Lager gebauten Geige entlanggleiten würden. Er dachte an den Künstler, nicht an den Kommandanten, der das gar nicht verdiente. Bei diesen Gedanken fand er die Suppe besser als sonst, und er ertrug gelassen die Scherze, die die Kameraden über seine Schminke machten, er selbst hatte sie schon längst wieder vergessen. Am Abend würde er Zeit haben, sie abzuwaschen, heute war er mit dem Duschen an der Reihe, jetzt aber musste er sich um sein Essen kümmern. Wie so oft zu dieser Stunde kamen ihm die Mahlzeiten in den Sinn, die seine Mutter zubereitet hatte; mit der Zeit überlagerte die Erinnerung an seine Mutter das verschwimmende Bild Evas. Die Mutter und die kleine Regina. Er dachte an den Geruch, der ihm manchmal schon auf der Treppe verraten hatte, was es zu essen gab: Fleischbrühe mit Nudeln, dicke Gemüsesuppe oder Teigwaren mit gehackten Nüssen auf einem stets schön gedeckten Tisch, und daneben, immer wenn es Fleisch gab, der »Käsetisch«. Das alles lag lang zurück, vor den im Ghetto verbrachten Wochen und Monaten. Und jetzt bekamen sie Rüben und nochmals Rüben, Rübensuppe und fertig!

Er fühlte eine vertraute, freundschaftliche Hand auf seiner Schulter: Der Professor, nun Bäcker, steckte ihm heimlich eine kräftige Scheibe Brot zu, die er in der Backstube abgezweigt hatte. Das war gefährlich, sie konnten ihn dafür züchtigen oder sogar töten, aber manchmal ging er das Risiko ein und verteilte dann die Brotstücke gerecht unter den Barackenkameraden, um Neid zu vermeiden. Daniel konnte sich schon nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt an der Reihe gewesen war. Diese kleinen Verschwörungen inmitten des Elends wärmten die Seele. Der Professor hatte Glück, in der Bäckerei zu arbeiten, aber er verdiente es auch, da er nie seine Freunde vergaß.

Durch die zusätzliche Ration Brot gestärkt stellte sich Daniel in die Reihe, die sich unter strenger Aufsicht zur Fabrik begab; niemandem entging die Ankunft des Lastwagens mit seiner unglückseligen Fracht.

Als ein Kamerad sich nach den Neuankömmlingen umdrehte, traf ihn ein Faustschlag, der ihn ins Wanken brachte. Trotzdem ging er rasch weiter, damit kein weiterer folgte. Hoffentlich tritt er nicht aus der Reihe, dachte Daniel, die bringen ihn sonst ohne viel Aufheben um, wie neulich Dénes.

Es kam ihm vor, als befände er sich seit einer Ewigkeit im Lager, gleichzeitig schien ihm seine Ankunft erst ein paar Tage zurückzuliegen. Das sprachlose Erstarren, die Schreie »Raus!«, die niedersausenden Schläge, das demütigende Ritual. Die langen Stunden, die sie im Stehen, nackt bei Eiseskälte, damit zubrachten zu warten, um für die elende, perverse Prozedur an die Reihe zu kommen; dann das schonungslose Rasieren an Gesicht und Körper, das von den gefürchteten Mithäftlingen mit den grünen Winkeln vorgenommen wurde, die unauslöschliche Tätowierung, das Kurzscheren der Haare, das Besprühen mit Desinfektionsmitteln, als wären sie Pflanzen, die Angst, in die Duschen zu gehen, denn es könnte schließlich auch tödliches Gas ausströmen und nicht Wasser, das zwar eisig, aber unschädlich war, wenn man es nicht zu lange über den Körper laufen ließ. Manchmal machten sich die Kapos allerdings den Spaß, sie erst aus den Duschräumen zu lassen, wenn sie schon vor Kälte zitterten. Die Schläge, wenn man den Befehlen nicht unverzüglich Folge leistete oder zu langsam marschierte, die Schreie und das Weinen derer, die noch Frauen oder Kinder hatten, die ihnen entrissen worden waren. Die trotzigen Augen des Zigeuners, der die Reihe wechselte und sich an die Seite seines alten Vaters und seines kleinen Sohnes stellte, um mit ihnen gemeinsam in den Tod zu gehen.

Während Daniel unbeirrt weitermarschierte, um nicht ebenfalls Schläge abzubekommen, erinnerte er sich wieder daran, wie man ihn und alle anderen Neuankömmlinge beim Verlassen des vollgepferchten Lastwagens mit Beschimpfungen überschüttet hatte, wobei das stets wiederholte »Blöde Hunde!« noch am harmlosesten war. Wie am ersten Tag wusste er instinktiv, dass es keine Antwort auf so viel Leid gab, auf dieses nimmer endende Jom Kippur – Fasten und Buße -, das sich mit Heftigkeit über ihnen allen entlud.

Schon seit Stunden dachte er in erster Linie an seine Geige, und seit geraumer Zeit kreisten seine Gedanken nur noch um die Möglichkeit zu überleben. Am Tag des »Frühjahrsputzes« war er zu sehr mit den Auswirkungen beschäftigt gewesen, die ihn betrafen, als dass er wirklich Mitleid mit den zum Tode Verurteilten empfunden hätte. Doch jetzt, als er plötzlich wieder die wüsten Beschimpfungen hörte, die den Neuzugängen galten, bemerkte er erstaunt, dass sein Herz noch nicht taub war für andere, dass er echtes Mitgefühl empfand, das wie eine zarte Pflanze in ihm aufkeimte, die nur auf gutem Boden und nicht auf Brachland gedeihen kann. Trotz des Lächelns, das ihm am Morgen abverlangt worden war, trotz des Spotts, der Monate des Hungers und der Kälte, der Blutergüsse von den Schlägen, trotz der Drohungen, und obwohl er sich darauf eingestellt hatte, kaum mehr Entsetzen zu verspüren, die Schreie zu unterdrücken, wenn man ihn züchtigte, seine Gedanken nicht schweifen zu lassen, war sein Herz lebendig geblieben. Er konnte in den Augen des jungen Mannes, der neben ihm marschierte, eine ähnliche Regung erkennen; diesen politischen Häftling hatte soeben ein brutaler Faustschlag mitten ins Gesicht getroffen, und jetzt drückte Daniel ihm schweigend die Hand, teilte mit ihm durch diese Geste den heimlichen, zaghaften Stolz, sich nicht zu Untermenschen machen zu lassen; denn das waren die anderen.

Nun, wo der Aufseher weiter vorn war, fasste er den Mut, ihn zu trösten: »Schmerzt es sehr?«

»Es geht.«

Er dachte, dass er sich zu wenig um den Jungen gekümmert hatte, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der junge Bursche – im Lager kam einem alles zu Ohren – war von den Seinen abgeschnitten, durfte mit ihnen keine Verbindung aufnehmen, geschweige denn Pakete erhalten, obgleich er weder Jude noch Zigeuner war: Sie hatten ihn mit anderen Leidensgenossen unter Strafverschärfung interniert, die von den Schweinen als »Nacht-und-Nebel-Aktion« bezeichnet worden war, ein Name, der ihre perverse Erfindungsgabe bewies, wenn es galt, schöne Worte für eine infame Methode zu benützen, die die Häftlinge in absoluter Ungewissheit ließ. Nicht einmal die Eltern des Jungen wussten, wo er sich derzeit befand. Besaß denn niemand mehr eine Spur von Gewissen? Nein, denn sie wollten unter keinen Umständen auf die billigen Arbeitskräfte verzichten, die ihnen gutes Geld einbrachten.

Die Vorarbeiter der Fabrik in der abgelegenen Zweigstelle der mächtigen IG Farben kündigten ihnen per Lautsprecher eine Viertelstunde Pause an, man würde sie gruppenweise aufrufen, auch eine Geldprämie sollten sie erhalten, mit der sie in der Kantine etwas zu essen kaufen konnten. Ein Raunen erfüllte die Halle, wie die Wellen eines stark aufgewühlten Meeres, ein einziges dumpfes Stöhnen, das nur mit Mühe von den Schreien der Aufseher erstickt werden konnte: »Ruhe!«

Schließlich übertönten die Maschinen die menschlichen Stimmen; Daniels junger Kamerad weinte über seiner Arbeit. Als sie an der Reihe waren, in die Kantine zu gehen, gab es nicht mehr viel Auswahl. Der Junge und der Geigenbauer, der über seinem Hunger alles vergaß, aßen jeder ein Würstchen und tranken ein Glas Milch. Ihre Kehlen waren so ausgedörrt, dass sie die Milch geräuschvoll hinunterstürzten und sich danach die Lippen leckten, gierig wie ein Säugling an der Mutterbrust. Und als Daniel den letzten Tropfen getrunken hatte, dachte er, dass er jedes Gramm an zusätzlicher Nahrung nutzen musste, wenn er genügend Kraft haben wollte, um die Geige fertigzubauen.


VII

<p><strong>VII</strong></p>

EINMAL, GOTT, WURDE ICH


IN DER NACHT


NICHT HEIMGESUCHT UND


MUSSTE NICHT JÄHLINGS


EINEN MIR UNBEKANNTEN WEG


BESCHREITEN.







Josep Carner, Der Prophet



Der Geiger begann allein das langsame, rhythmische Thema der Melodie; der Bogen strich sicher über die Saiten, und bald stimmte das Cello begleitend ein. Er hatte lange darüber nachgedacht, welches Stück er auswählen sollte, und schließlich hatte er sich für die Variationen über das Follia-Thema von Arcangelo Corelli in der Version von Hubert Léonard entschieden, die er auswendig kannte; allerdings wurde die zweite Stimme statt vom Klavier oder Cembalo vom Cello übernommen. Ihr Zusammenspiel war harmonisch, und es war genau richtig gewesen, ein Werk zu wählen, das vor allem den strahlenden Klang der Geige zur Geltung brachte, aber keine riskanten virtuosen Stellen aufwies. Die Musik entfaltete sich, der kleine Part mit Doppelgriffen und Trillern glitt flüssig und heiter dahin, bis das Thema wieder mit solcher Schönheit einsetzte, dass die Zuhörer gebannt und schweigend lauschten.

Die Begleitung verstummte: Ein Violinsolo bildete den Abschluss, und die Geige klang weich und voll. Der Musiker hatte die Augen geschlossen, ließ die letzten Töne ausschwingen. Nun – dachte er unvermittelt – würde der Applaus einsetzen, der sein ständiger Begleiter gewesen war, seit er mit zwölf sein erstes Konzert gegeben hatte. Inzwischen war er sechsundzwanzig.

Er öffnete die Augen, kam zu sich, und sogleich war ihm wieder bewusst, wo er sich befand; dennoch befremdete ihn der spärliche Beifall. Der Kommandant klatschte ein paarmal in die Hände, und die beiden Musiker verbeugten sich vor dem Schwein.

»Ihr habt gut gespielt« – Bronislaw atmete befreit auf, als er das hörte -, »und die Geige klingt tadellos.«

Seine Erleichterung war umso größer, weil er wusste, dass das Instrument nicht genügend lang hatte trocknen können. Der Kommandant blickte ironisch lächelnd und zufrieden zu Rascher und sagte:

»Ihr beide und der Geigenbauer« – diesmal sagte er nicht: der kleine Tischler – »werdet bis auf weiteres nicht in den Steinbruch geschickt.« Dann drehte er sich zu dem halben Dutzend Gästen um:

»Meine Herren, die Musiker haben sich wirklich ein Trinkgeld verdient.«

Daraufhin wandte er sich an seinen Adjutanten, der ihm eine Münze reichte. Jetzt wird er sie mir geben, dachte Bronislaw, aber das geschah nicht. Der Cellist hatte seinen Instrumentenkoffer offen gelassen, und der Kommandant warf das Geldstück hinein, wie bei einem Straßenmusikanten; die Gäste, unter ihnen ein Mädchen in SS-Uniform, folgten seinem Beispiel, und der Cellist bückte sich hastig, um die Münzen mit der verhassten Prägung einzusammeln. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er schon an das Essen dachte, das er dafür vielleicht bekommen würde. Bronislaw jedoch würde sich heute nicht bücken, wenn sie ihn nicht dazu zwangen, nicht jetzt, nachdem er mit seiner ganzen Seele gespielt hatte, nachdem er musiziert hatte wie der leibhaftige Corelli selbst, um Daniels Leben zu verteidigen; mit vor Wut verschleierten Augen dachte er, während er das wunderschöne Instrument an sich drückte: Ich werde mich nicht vor ihnen bücken, für einige Augenblicke bin ich ein Prinz.

»Was machst du da? Her mit der Geige!« Er hatte sich geradezu an das Instrument geklammert! Widerwillig, mit glühenden Wangen und mit brennender Wut in seinem Inneren legte er die geliebte Geige und den Bogen in die Hände des Schweins, der sie den anderen zeigte und sich dabei brüstete, als hätte er sie selbst gebaut. Bronislaw hatte beobachtet, dass einer der Anwesenden keine Münze in den Cellokoffer geworfen hatte und ihn wohlwollend ansah; das Gesicht kam ihm bekannt vor, und er bemerkte, dass der Mann eine Wehrmachtsund keine SS-Uniform trug. Wahrscheinlich war er ein bekannter Musiker, den man kürzlich einberufen hatte. Er ging auf den Geiger zu und drückte ihm unverhohlen eine Banknote in die Hand.

»Jetzt verschwindet hier! Raus!«, schrie Sauckel plötzlich und wandte sich ab. Offensichtlich wollte er sich nun endlich die Speisen schmecken lassen, die man unter den glänzenden Deckeln auf dem mit Blumen geschmückten und mit weißen Servietten gedeckten Tisch erahnen konnte, als ob zwischen dem Rot der Weinflasche und den Gläsern für den gekühlten Champagner, der wohl später serviert werden würde, das Lager und der Krieg überhaupt nicht existierten. Sie verließen den Saal, sein Kamerad mit seinem Instrument, er hingegen der Geige beraubt. Draußen mussten sie wie jedes Mal die Konzertkleidung wieder ausziehen, so war es Vorschrift.

Bronislaw sagte zum Cellisten: »Wir teilen das Geld unter uns dreien auf«, und er faltete den Schein auseinander, um zu sehen, wie viel er wert war. Darin eingewickelt befand sich ein winziges, zusammengefaltetes Stück Papier, das er vor seinem Kameraden und vor allen anderen geheim hielt, indem er es aufaß. Denn darauf standen die unglaublichen Worte, leuchtend, als wären sie mit Goldfarbe eingraviert: Ich hole dich hier raus.



Der Geiger setzte den Bogen noch zweimal entschlossen und doch weich auf die Saiten. Er hatte dieses Stück seit langer Zeit nicht mehr gespielt, aber der Vortrag war von Anfang an gelungen, die Melodie schwebte ergreifend durch den Raum, die Intonation war perfekt, wie er selbst als Erster bemerkte.

Während der letzten Takte hatte er die Augen geschlossen, er musste die Partitur nicht sehen, um das Stück mit Präzision zu Ende spielen zu können. Er hielt einen Augenblick inne und ließ dann das Thema ausklingen. Seine Gedanken schweiften von der Musik ab, und er fragte sich, ob der Kommandant wohl zufrieden sein würde, ob er Daniels Leben und das seine hatte retten können. Stürmischer Applaus befreite ihn von der bitteren Vision. Mein Gott, was war mit ihm los? Ein Klavier und nicht das Cello begleitete ihn, er und sein Partner verbeugten sich auf der Bühne, eine Blumenpracht umgab sie. Nimmer endender Applaus ertönte, das Publikum erhob sich begeistert, der Pianist deutete ihm, weiter nach vorne zu gehen, um sich nochmals zu verneigen. Ein hübsches Mädchen überreichte beiden eine flammendrote Rose, bedankte sich charmant, und Bronislaw erhielt außerdem einen Stamm Orchideen.

Alles erschien wie ein Traum, obwohl er sich vermeintlich sicher bewegte, lächelte und sich so verhielt, wie man es von einem Virtuosen erwartet. Er signierte einige Konzertprogramme für Musikliebhaber, die ihn darum baten, und später nahm er am Smörgås teil, zu dem er geladen worden war, bevor er endlich in sein stilles Haus zurückkehren konnte. Er wollte aber nicht gleich zu Bett gehen, denn er war sich sicher, wieder von dem alten Alptraum heimgesucht zu werden.

»Ich werde noch ein bisschen lesen«, sagte er zu Ingrid, die wusste, wie ihm zumute war.

Der Raum war durch die Heizung gut temperiert, doch Ingrid hatte zusätzlich Feuer im Kamin gemacht. Er setzte sich direkt davor, wie er es gerne tat, und schenkte sich ein Glas kühlen, leichten Weißwein ein; für eine Weile schloss er die Augen, bevor er in dem Buch blätterte, das er vor einigen Tagen angefangen hatte zu lesen.Vielleicht würde es ihn ja auch heute von seinen Erinnerungen ablenken, die so hartnäckig waren. Diesmal war er selbst schuld daran gewesen, denn er hätte die Follia von Corelli nicht spielen sollen, dieses Stück, das er all die Jahre nicht hatte interpretieren wollen und das ihn zwangsläufig ins Lager zurückkehren ließ. Jetzt, in der Ruhe seines Hauses, nach so langer in relativem Frieden verbrachter Zeit, war er erstmals dazu in der Lage, sich ohne Schrecken an die Vergangenheit zu erinnern, jetzt, wo sein Haar bereits weiß war.

Was mochte wohl aus seinen Leidensgenossen geworden sein? Er hatte nie über jene Zeit sprechen wollen, und bei vielen Kameraden erinnerte er sich nicht einmal mehr daran, wie sie aussahen, aber Daniel, diesen außergewöhnlichen Geigenbauer, sah er noch genau vor sich, als ob der Schein des Kaminfeuers seine Gesichtszüge erhellte. Diese wachen Augen, die der Hunger nicht völlig zum Erlöschen hatte bringen können und die alle Regungen seines Geistes widergespiegelt hatten: den Mut, die Furcht, den Zorn und die Verzweiflung, als er erfahren musste, dass sie ihn als Einsatz gegen eine Kiste französischen Wein ausgespielt hatten. Auch seine schlanken, ein wenig rissigen, so geschickten Hände sah er deutlich vor sich und die unauslöschliche Tätowierung, die auch er selbst trug. Die Hände, die ihm zum Abschied nachgewinkt hatten, als er, vom Schicksal begünstigt, zusammen mit einem alten Häftling und acht kränklichen Frauen das Lager verlassen konnte: Das war der Anteil gewesen, den das Dreiflüsselager zum Handel beigetragen hatte; ja, der Graf Bernadotte hatte sie zusammen mit vielen weiteren Häftlingen aus anderen Todeslagern gegen Lastwagen eingetauscht. Er war davon überzeugt, dass er dank des Wehrmachtoffiziers, der ihm den Geldschein zugesteckt hatte, auf der glückseligen Liste gestanden hatte. Mein Gott, was war das für eine Reise gewesen … Hart, unendlich lang, über verwüstete Felder, mit glühender Hoffnung im Herzen. Unbändige Freude und gleichzeitig ein bedrückendes Schuldgefühl hatten ihn eingenommen, als er an die Kameraden zurückdachte, vor allem an seine Triopartner und mehr noch an Daniel, der weiterhin den Schweinen ausgeliefert war.

Heute konnte er sich nicht mehr auf die Lektüre konzentrieren. Er machte leise ein wenig Musik an, doch auch sie vermochte ihn nicht zu zerstreuen. Morgen würde er auf andere Gedanken kommen, denn am Abend wollten sie in ihr Wochenendhaus fahren, das am Ufer eines von Birken gesäumten Sees lag, über den Enten und Schwäne glitten. Niemals mehr wollte er Schweden, das Land, das ihnen Zuflucht gewährt hatte, verlassen. Niemals. Seine Gefangenschaft war nicht ohne Spuren geblieben: Er hatte eine ununterdrückbare, irrationale Angst vor Reisen und davor, aus diesem Land fortzugehen. Aus diesem Grund hatte er auch bald auf Konzerttourneen verzichtet, sie bescherten ihm Alpträume, er war höchstens für den einen oder anderen Auftritt in die Nachbarländer gereist, nach Dänemark oder Norwegen, die Heimat von Sibelius, wo er sich sicher fühlte. Sobald er seine Papiere in Ordnung gebracht und die schwedische Staatsbürgerschaft erlangt hatte, hatte er einen Lehrstuhl am Konservatorium angenommen. Seine seltenen Konzerte fanden höchste Anerkennung, und bald kamen Geiger aus aller Welt, um die Kunst des Fingersatzes und der klassischen Kadenz von ihm zu erlernen.

Nein, sagte er sich jetzt, er würde die Follia nie wieder vortragen. Er hatte sie erstmals und mit ganzer Seele vor dem gehassten Tyrannen auf der Geige gespielt, die sein Freund unter größter Anstrengung gebaut hatte. Es kam ihm so vor, als ob seitdem noch nicht viel Zeit vergangen war. Sie hatten beide den Gedanken nicht ertragen können, das wunderschöne Instrument dem Kommandanten zu überlassen, sie hatten sogar Pläne geschmiedet, es auszutauschen. Am Tag nach der Aufführung hatte Bronislaw nicht gewusst, wie er Daniel beruhigen, seine Zweifel noch einmal zerstreuen sollte, denn man hatte ihnen nur gesagt, dass sie »bis auf weiteres« an ihrem Arbeitsplatz bleiben würden. Kein einziges Wort war von den verhassten Lippen über das künftige Schicksal des Geigenbauers zu hören gewesen. Hatte er die Geige rechtzeitig abgeliefert? Sie glaubten es zwar, aber sie wussten es nicht, und diese Ungewissheit war für Daniel schwer zu ertragen gewesen.

Einige Tage nach der Einweihung des Instruments erzählte ihm der Geigenbauer eines Abends, dass Sauckel ihn am Tag zuvor gegen Mittag aus der Tischlerei hatte holen lassen; er schilderte in allen Einzelheiten, wie man ihn zum Haus des Kommandanten gebracht und ihm dieser – das war in der Tat ungewöhnlich – zur Geige gratuliert hatte. Wie er, Daniel, vor ihm strammstand, während sein Herz heftig schlug und er darauf wartete, endlich von der Ungewissheit erlöst zu werden und den Händen Raschers entkommen zu sein. Da hörte er den Nachsatz:

»Ich habe beschlossen, dich zu belohnen, obwohl du nur deine Pflicht erfüllt hast.«

Mit Mühe brachte Daniel ein »Vielen Dank« über die Lippen. Doch was dann folgte, entsprach nicht im Geringsten seiner Erwartung; der Kommandant wandte sich an seinen Adjutanten und sagte:

»Bringt ihn in die Küche und gebt ihm etwas zu essen. Schnell, die Fabrik ruft.«

Die Enttäuschung hatte ihm beinahe den Hunger genommen, aber einmal in der Küche angelangt, verschlang er dennoch das Fleisch und Gemüse, das ihm die Köchin vorsetzte. Den ganzen Nachmittag – so berichtete er Bronislaw – war er bei der Arbeit den Gedanken nicht losgeworden, das Schwein würde ein Spiel mit ihm treiben, in der Annahme, dass der Musiker und er über die Wette Bescheid wussten und nun auf deren Ausgang warteten. Der Geiger sollte sogleich alle weiteren Einzelheiten erfahren.

Am Tag nach der warmen Mahlzeit holte ein Kapo Daniel und einen noch jüngeren Tischler aus der Werkstatt:

»Mitkommen!«

Sie legten ihre Werkzeuge nieder und hatten Mühe, ihm zu folgen, da er im Gegensatz zu ihnen richtige Schuhe trug und sich deshalb ohne Beeinträchtigung bewegte.

»Schnell, schnell!« Er wandte den Kopf und drängte sie zur Eile.

»Marsch, ihr Faulpelze! Wir werden im Haus des Sturmbannführers erwartet, ein Lieferwagen ist abzuladen.«

Er bereut es schon, mich beglückwünscht zu haben, dachte der Geigenbauer, und nun soll ich die Mahlzeit abgelten, indem er mich Kisten abladen lässt und mir so zeigt, dass ich durch den Bau der Geige keinerlei Privilegien habe. Nicht zum ersten Mal unterbrachen ihn derartige Befehle bei der Arbeit. Er wunderte sich allerdings, dass Sauckel mit dem Hund an seiner Seite auf dem Treppenabsatz vor dem schon zum Teil bepflanzten Wintergarten stand und das Treiben überwachte. Doch bald verstand er, warum, es waren nämlich neue Pflanzen eingetroffen. Also gingen sie zum Lieferwagen, und Daniel lud, den Anweisungen folgend, drei große Rosenstöcke ab, einen nach dem anderen. Ihr Gewicht ließ ihn in die Knie gehen; er war es nicht gewöhnt, solche Lasten zu tragen, und es strengte ihn sehr an. Als er zum dritten Mal mit einem schweren Blumentopf die Treppe hinaufstieg, mit diesen Holzschuhen an den Füßen, schwankte er, und beim Hinuntergehen wurde ihm so schwindlig, dass er stehen bleiben musste, um Luft zu holen. Der Adjutant schlug ihn mit dem Knüppel – wenigstens nicht sehr fest.

»Gut so, Markus.« Das Monster lächelte zustimmend: »Lass sie bloß nicht faul werden, die Arbeit ist noch nicht getan.«

Daniel nahm die wenige ihm noch verbliebene Kraft zusammen und kroch in das Innere des Lieferwagens, um die ganz hinten liegende, sperrige Kiste hervorzuholen, während sein Kamerad den letzten Pflanzentrog ablud. Als er sie aufhob, erstarrte er. Seine Augen lasen die großen roten Buchstaben, und er hörte das Klirren der Flaschen. Es war in der Tat eine KISTE BURGUNDER. Ihm wurde schwarz vor Augen, und er fiel der Länge nach zu Boden.



Wir haben gewonnen.«

»Du bist es, der gewonnen hat.«

Sie konnten sich erst am Abend treffen; und nun saßen sie auf einer Steinbank, umarmten sich und lachten und weinten ohne Scham. Nein, dachte Bronislaw, nicht der Scheißkerl hatte die Wette gewonnen, sondern Daniel, wenn auch, wie er mit Sorge feststellte, um den Preis der absoluten Erschöpfung. Die weiteren Einzelheiten, die der Geiger geduldig und aufmerksam anhörte, während er seinen Arm um die schmale Schulter seines Freundes legte, waren eigentlich nicht mehr so wichtig. Er erfuhr, wie Daniel immer noch benommen und schwach wieder zu Bewusstsein gekommen war, nachdem sie ihm kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet hatten, wie er, noch immer am Boden liegend, das Lachen des Kommandanten und seines Adjutanten gehört hatte, wie sie schließlich seinem Mithäftling erlaubt hatten, nachdem die restlichen Kisten abgeladen waren, ihm aufzuhelfen und ihn in die Krankenstation zu begleiten, damit man die Platzwunde auf der Stirn versorgte, wobei er sich auf den Arm seines Kameraden hatte stützen müssen.

»Lass ihn verarzten, am Nachmittag soll er wieder an die Arbeit, dieser Schwächling.«

Doch diese hämischen Worte machten Daniel nichts mehr aus. Er hatte gewonnen, er hatte die Geige, seine Daniel Cracoviensis rechtzeitig fertiggebaut. Seit Rascher fort war, herrschte in der Krankenbaracke ein angenehmeres Klima, und es gab Anweisungen, die Häftlinge mit »heilbaren« Krankheiten entsprechend zu behandeln. Und der jüdische Arzt, der unter Aufsicht des deutschen Stabsarztes arbeitete, tat sein Bestes. Während er die Wunde desinfizierte und versorgte, flüsterte Danie

»Ich habe gewonnen! Ich brauche das Zyankali nicht mehr, das du mir gegeben hast.«

Den schweigsamen und hilfsbereiten Arzt hatten sie als Einzigen in das Geheimnis eingeweiht. An dem Tag, als Daniels Geige endlich vollendet war, hatte ihn der Geigenbauer unter dem Vorwand einer selbst zugefügten Wunde am Handrücken aufgesucht, und der Arzt war bereit gewesen, ihm eine Giftkapsel zu überlassen. Nun drückte der Arzt Daniel die Hand und steckte ihm eine Vitamintablette zu: »Du hast sie dringend nötig.«

Er hatte das Gift nicht schlucken müssen. Sie würden ihn nicht an einen Ort bringen, der schlimmer war als der Tod, ihn nicht den Kälte-Versuchen und auch nicht den stählernen Augen Raschers ausliefern, die sämtliche Qualen des Todeskampfes auszuforschen trachteten.


»Es war wohl ganz schön knapp mit der vereinbarten Frist«, sagte Bronislaw. »Deshalb haben sie mich auch ein paar Tage von der Küchenarbeit freigestellt und befahlen mir, dir in der Werkstatt zur Hand zu gehen.«

Er hatte ihm nicht wirklich helfen können, abgesehen vom Zureichen der Werkzeuge und bei den Versuchen, den richtigen Lack zu finden, oder beim Zerstoßen des Aloepulvers im Mörser; aber Daniel hatte stets betont, dass ihm schon seine bloße Anwesenheit Mut machte. Sie durften bei der Arbeit in der Tischlerei über nichts sprechen, außer der Geige. Den Großteil der Arbeiten am Instrument hatte der Geigenbauer selbst übernommen, der Musiker war bloß sein Gehilfe gewesen, hatte den feinen Pinsel in den mit Alkohol gefüllten Topf getaucht, ihn mit einem Lappen gereinigt, wann immer Daniel ihn darum bat, oder Wasser erhitzt, um den Leim abzutupfen, kleine Handgriffe, die ihn mit Befriedigung erfüllten.

Er hatte auf die Auswahl des Geigenbauers vertraut, als es darum ging, sich für einen Lack auf Ölbasis zu entscheiden, dessen Zutaten es auf einer winzigen Waage abzuwiegen galt, die Daniel zuvor vermengt hatte: Aloe, Sandarak, venezianisches Terpentin, die färbende Substanz – eine auf kleiner Flamme hergestellte Mischung, die er langsam auf das dünne Tuch goss, das ihm als Filter diente. Während Daniel den verschiedenen Teilen des Instruments noch den letzten Schliff gab, hatten sie so gemeinsam unendlich viele Proben vorgenommen! Davon zeugten später all die Fichten- und Ahornhölzer, die sie beide, sobald sie trocken waren, prüften und leicht an ihnen schabten, bis ihnen durch die Erfahrung des Geigenbauers, und nicht die des Musikers, die Auswahl der geeigneten, von winzigen Details abhängigen Mischung gelungen war, von deren genauer Zusammensetzung Bronislaw nichts verstand. Zuletzt hatte er ihm geholfen, die Saiten aufzuziehen, und ihren Klang ausprobiert.

Er sah seinen Freund an und stellte fest, dass dieser, nachdem die Euphorie vorüber war, müder wirkte als sonst: »Lass dich bitte jetzt nicht gehen!« Es war höchste Zeit, dass er sich ausruhte, denn er hatte dunkle Ringe unter den Augen und war extrem blass. Bronislaw würde versuchen, ihm ein paar Essensreste aus der Küche mitzubringen, obwohl sie jetzt streng beaufsichtigt wurden.

An diesem Abend verabschiedeten sie sich trotz allem zufrieden, und Daniel würde hoffentlich die Nacht durchschlafen können, nachdem ihn die Angst wegen der ungewissen Frist nicht länger quälte und er sich wenigstens sicher sein konnte, nicht Raschers eiskalten Fesseln ausgeliefert zu werden.

Es lag kein Nebel, und die Spitze eines kleinen Sterns blinkte.


VIII

<p><strong>VIII</strong></p>

SO WIE IN DEN WÄLDERN,


RAFFT DIE ERSTE KÄLTE


DES HERBSTES


DIE BLÄTTER HINWEG.







Vergil Äneas,VI – 309



Die Flammen waren erloschen, nur ein wenig Asche war übrig geblieben. Er mochte sie nicht, die Asche der Toten. Er verteilte sie mit dem Schürhaken, und winzige Funken sprühten. Nun, da Ingrid schlief, goss er sich ein Glas kühlen Rheinwein ein. Das Mittagessen zu seinen Ehren, die Verleihung der Ehrenauszeichnung der Stadt, alles war perfekt gewesen. Er hatte bemerkt, dass einige nicht gekommen waren, der eine oder andere kranke Kollege oder Neider, dachte er. Blumen, Festreden, Medaillen … Alles Asche außer der Musik.

Was war das nur für eine großartige Überraschung gewesen! Ingrid und die Freunde hatten ihn nichts ahnen lassen, er war nach wie vor bis ins Innerste gerührt und wollte noch ein wenig in Ruhe daran denken, bevor er zu Bett ging; in der Stille des Hauses, die nur manchmal ein Vogelschrei durchbrach, umgeben vom sanften Plätschern des Sees, das wie eine mit Dämpfer gespielte Geige klang, würde er am nächsten Tag sicher lange schlafen können. Ingrid hatte sich nach dem Bankett bald verabschiedet: »Meine Tochter wird dich heimbringen; ich fahre voraus, um das Haus zu heizen.«

Ein paar Freunde und der Operndirektor hatten ihn umringt und ihn erst am späten Nachmittag gehen lassen. Er war müde gewesen, doch nach der Autofahrt, die er genutzt hatte, die Augen zu schließen, fühlte er sich wieder frisch.

Als er sie aufschlug, glitzerten die Wellen des Sees, das Haus war hell erleuchtet, und er wurde bei seinem Eintreten mit Applaus von einem kleinen Kreis von Musikern begrüßt. Auch ein sehr bekanntes Trio war zugegen: Gerda,Virgili und Climent. An Letzteren konnte er sich erinnern, Climent hatte in ganz jungen Jahren als Schüler einen seiner Kadenz- und Improvisationskurse besucht. Auch die Direktorin des Konservatoriums war gekommen, und eine Frau mit hellen Augen, die er nicht kannte, die ihn aber vage an jemanden erinnerte. Man hatte ihn sofort zu dem für ihn vorgesehenen Platz beim Kamin geführt, gleich neben Climent und Ingrid, die den Finger an ihre Lippen führte.

Dann begann es. Er konnte sich noch an jede Note erinnern, er hätte es auch jetzt sofort zur Gänze zu singen vermocht. In der Nacht zuvor hatte er darüber nachgedacht, wie wenige Komponisten es gab, die heutzutage die Geigen zum Klingen brachten. Die meisten maßen der Melodie und jener alten Verbundenheit zwischen Musikern und Geigenbauern kaum mehr Bedeutung bei. Diese drei aber verstanden es – mein Gott, der erste Satz war ihm unter dem Eindruck der Überraschung und Neuheit wie im Flug vergangen; doch als die Geige den zweiten Satz solo begann und er jeden Ton in sich aufsog und festhielt, tauchte in seinen Gedanken schlagartig die Frage auf, wo er diese Klänge schon einmal gehört hatte … Nein, das Stück war ihm unbekannt, es handelte sich um ein noch unaufgeführtes Werk Climents. Und plötzlich durchfuhr es ihn wie ein Blitz: Diese Unbekannte spielte auf Daniels Geige, auf der Geige aus dem Lager. Ja, das wusste er mit einem Mal ganz genau.

Nach der gelungenen Interpretation des Trio de Mytilene war das Mädchen – so bezeichnete er alle Frauen, die noch nicht alt waren – auf ihn zugegangen:

»Sehen Sie sich die Geige an, erkennen Sie sie wieder? Ich bin Regina, Daniels Tochter.«

Regina streichelte erst die Geige, legte sie dann in seine Hände, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und sagte: »Ich habe das Gefühl, dich schon lange zu kennen.« Er betrachtete das Instrument von oben bis unten genau, berührte es; es war eindeutig die Geige seines Freundes, die nun von den Händen des Mädchens zum Klingen gebracht worden war. Er runzelte die Stirn:

»Die Tochter? Er hat mir nur von einer Nichte erzählt.«

Die anderen Freunde standen etwas abseits, und er sah, wie Ingrid sie in sein Arbeitszimmer führte.

»Ich wollte meine Erinnerungen an damals aus dem Gedächtnis streichen«, sagte er zu Regina, »doch es ist mir nie gelungen.«

Dann brach die Frage aus ihm hervor, die ihn so oft gequält hatte:

»Hat Daniel überlebt?«

Beide unterhielten sich – ohne groß darüber nachzudenken – nicht auf Jiddisch, das die Frau nie gelernt hatte, sondern auf Polnisch. Der Geigenbauer hatte überlebt, erzählte Regina sanft, doch war er sehr jung gestorben, als sie erst siebzehn war. Und sie war tatsächlich seine Tochter, denn er und Eva hatten sie nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus adoptiert. Sie hatte damals schon Geige gespielt, fügte sie hinzu, weil Rudi, ein Verwandter und ebenfalls Musiker, ihr bereits mit fünf Jahren die Grundkenntnisse beigebracht hatte.

Er war glücklich, die Tochter Daniels jetzt im hohen Alter kennenzulernen. Sie war gewiss nie aus Polen hinausgekommen, und er hatte niemals dorthin zurückkehren wollen … Er hatte alle Bindungen, die wenigen, die ihm die Vernichtung gelassen hatte, abgebrochen.

»Das kann ich gut verstehen«, sagte das Mädchen, als er es ihr erklärte, »Eva wollte auch nie über diese Zeit sprechen; sie war immer unterwegs, trank ein bisschen zu viel, ließ nie Erinnerungen aufkommen. Mit zwölf Jahren habe ich von meinem Vater erfahren, dass sie in Auschwitz auf unmenschliche Weise sterilisiert worden war und noch immer häufig an Unterleibsschmerzen litt.« Daniel hingegen hatte Regina, im Gegensatz zu seiner Frau, wieder und wieder an seinen Erinnerungen teilhaben lassen, vielleicht weil seine Schatten dort stets von einem Hoffnungsschimmer begleitet gewesen waren: Es war ihm gelungen, die Geige fertigzubauen.

Mit der Stimme des Mädchens erzählt, schmerzten Bronislaw die alten Wunden nicht mehr. Als Daniel nach der Befreiung aus dem Lager ins Krankenhaus gebracht worden war, konnten die Ärzte – wie ihr Daniel berichtet hatte – nicht fassen, dass er es geschafft hatte zu überleben. Auch danach hatte es monatelang schlecht um ihn gestanden, er hatte lange zwischen Leben und Tod geschwebt, als stünde er an einer Wegscheide. Die anderen beiden Musiker, Bronislaws Partner, waren bereits im ersten Winter nach der Abfahrt des Schwedischen Transports gestorben. Eines Tages jedoch war der Wendepunkt gekommen, und Daniel hatte sich für das Leben entschieden. Er hatte Regina von dem Besuch seines alten Kameraden, des Mechanikers, in allen Einzelheiten erzählt, es war, als ob sie selbst dabei gewesen wäre:

»Sein Kamerad ist im Krankenhaus aufgetaucht, hat sich an Vaters Bett gesetzt und ihm triumphierend die Geige gezeigt: Es ist deine, hatte er gesagt, ich habe sie für dich zurückgekauft.«

Freund, der bald darauf in die Vereinigten Staaten emigrierte, hatte sie tatsächlich bei der Versteigerung der Besitztümer des Exkommandanten erworben, kurz nachdem das Schwein verurteilt und gehängt worden war. Rascher, der Schlächter, hatte sich das Leben genommen, bevor sie ihn an den Galgen bringen konnten. Es war die Geige und keine andere, Daniel musste die Buchstaben nicht lesen, um sicher zu sein, denn er hatte die exakte Form im Kopf, genauso wie an jenem Tag, als er begonnen hatte, das Material auszuwählen, um sie inmitten von Schrecken und Elend zu bauen. Ausgehungert, manchmal wie gelähmt von Schlägen, voll Zorn und Schmerz, hatte er im Grunde seines Herzens immer die Hoffnung gehabt – versicherte er seiner Tochter -, dass sein Instrument nicht für immer im Besitz des Feindes bleiben würde. Eines nicht mehr allzu fernen Tages würde jemand es ihm wegnehmen, und die Geige würde weiterleben, selbst wenn er nicht überlebte. »Weißt du«, hatte er zu Regina gesagt, »als Freund sie mir gebracht hat, hörte ich wieder den Satz: Beruf?

Geigenbauer.«



Die Funken in der Asche waren erloschen, aber ein wenig Wärme blieb noch. Wer konnte schon sagen, ob Regina und er sich je wiedersehen würden? Regina würde in ihr Land zurückkehren, und er war ihr so dankbar dafür, dass sie ihm Daniel und vielleicht sogar den Frieden zurückgegeben hatte.Wie sehr hatte es ihn immer gequält, dass er Daniel im Lager hatte zurücklassen müssen, dass er keine Möglichkeit gehabt hatte, auch nur irgendetwas dagegen zu tun … Die Hand, die ihm Adieu gewunken hatte, glich einer Flamme, die seine Brust verbrannte.

Morgen würde er den Violinpart des Trio de Mytilene spielen; Climent hatte ihm die Partitur geschenkt, in diesem Augenblick hätte er sie jedoch, wenn er wollte, auswendig spielen können. Heute Nacht würde der Alptraum nicht mehr wiederkehren, der ihn immer wieder ins Dreiflüsselager zurückversetzt hatte.

Nein, Daniel, es stimmt nicht, dass die Musik Bestien zu zähmen vermag, letztlich ist aber alles Gesang.