Isaac Asimov

Experiment mit dem Tod


1

Der Tod sitzt im Chemielabor, und Millionen von Menschen sitzen neben ihm und kümmern sich nicht darum. Sie vergessen, dass er da ist.

Louis Brade, Chemiker und Universitätslehrer in der Position eines assistierenden Professors, würde es jedoch in Zukunft nie wieder vergessen. Er saß zusammengesunken auf dem Stuhl im Durcheinander des Studentenlabors und war sich der Gegenwart des Todes deutlich bewusst. Er war sich ihrer jetzt, wo die Polizeibeamten gegangen und die Korridore menschenleer waren, sogar noch deutlicher bewusst. Jetzt, wo der physische Beweis der Sterblichkeit in Gestalt der Leiche von Ralph Neufeld aus dem Labor hinausgeschafft worden war. Aber der Tod war noch da. Unberührt. Ungerührt. Brade setzte die Brille ab und wischte die Gläser blank mit einem sauberen Taschentuch, das er stets nur zu diesem Zweck bei sich trug. Dann betrachtete er die Zwillingsspiegelbilder, die beide infolge der Krümmung des Glases in der Mitte auseinandergezogen waren, so dass sein hageres Gesicht voller wirkte und sein breiter, schmallippiger Mund noch breiter.

Keine sichtbaren Veränderungen? Haar noch so dunkel wie vor drei Stunden, Gesicht um die Augen herum etwas faltig (wie es sich für einen Zweiundvierzigjährigen gehört) - gar nicht zerfurchter als vor dieser Sache?

Man konnte nicht mit dem Tod so nahe in Berührung kommen, ohne irgendwie gezeichnet zu werden - oder doch?

Er setzte die Brille wieder auf und blickte sich noch mal im Labor um. Warum sollte er davon gezeichnet sein, dass er dem Tod einmal näher gekommen war als sonst? Er begegnete ihm schließlich jeden Tag, jeden Augenblick.

Er konnte ihn dort drüben lauern sehen, in einem halben Hundert Flaschen aus braunem Glas auf den Regalen. Jede Flasche war deutlich etikettiert, jede mit einer speziellen Art von feinen, reinen Kristallen angefüllt. Die meisten sahen wie Salz aus. Salz konnte natürlich töten. In der nötigen Menge eingenommen, bringt es einen Menschen um. Aber die meisten Kristalle in diesen Flaschen besorgten das noch viel rascher. Einige brauchten dazu, in der richtigen Dosierung, noch nicht einmal eine Minute.

Schnell, langsam, ob mit oder ohne Schmerzen - jede dieser Substanzen war ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen irdisches Elend, und nach ihrem Gebrauch war ein Rückfall ins Leben unmöglich.

Brade seufzte. Für die Gedankenlosen unter denen, die mit ihnen umgingen, mochten sie sehr wohl Salz sein. Man ließ sie auf Wiegepapier rieseln oder in Kolben, löste sie in Wasser auf, verschüttete oder spritzte sie auf Arbeitstische, fegte sie zusammen oder wischte sie mit einem Papiertuch auf.

Alle diese Tropfen oder Krümel Tod wurden beiseite gestrichen, um vielleicht einem Frühstücksbrot Platz zu machen. Oder ein Becherglas, das vor kurzem noch den großen Gleichmacher enthalten hatte, wurde danach für Orangensaft benutzt.

In den Regalen war Bleiacetat, auch Bleizucker genannt, weil es süß schmeckte, während es einen tötete. Da waren noch Bariumnitrat, Kupfersulfat, Natriumdichromat und Dutzende weiterer Substanzen, die alle tödliche Gifte waren.

Und Zyankali natürlich. Brade hatte gedacht, die Polizei werde das Glas beschlagnahmen, aber die Beamten betrachteten es nur aus der Entfernung und ließen es samt seinem guten halben Pfund Tod stehen. In den Schränken unter der Arbeitsplatte waren die Fünf-Liter Flaschen mit starken Säuren - darunter Schwefelsäure: ein Spritzer konnte den Unachtsamen das Augenlicht kosten und anstelle des Gesichts eine einzige Narbe hinterlassen. In einer Ecke standen Zylinder mit komprimiertem Gas, einige dreißig Zentimeter lang, andere fast so groß wie ein ausgewachsener Mann. Jede von ihnen konnte eine grässliche Explosion auslösen, wenn man ein paar einfache Vorsichtsmaßregeln außer acht ließ, oder in anderen Fällen einen heimtückischen Giftmord herbeiführen. Tod auf die gewaltsame oder auf die verstohlene Art, durch den Mund, durch die Nase, oder sogar Schritt für Schritt über die Jahre hinweg wie im Falle der Quecksilberkügelchen, die gewiss in Dielenritzen und verborgenen Winkeln böse aufleuchten, wenn der Staub, der sie bedeckte, entfernt wurde.

Der Tod war da, in vielfältiger Gestalt, und keinen störte es. Und dann stand einer von denen, die mit ihm zusammensaßen, plötzlich nicht mehr auf.

Brade war vor drei Stunden in das Studentenlabor gegangen. Seine Sauerstoff-Reaktion machte gute Fortschritte, und die neue Sauerstoffflasche, die er gerade angeschlossen hatte, ließ langsam ihr Gas in das Reaktionssystem hineinströmen. Die Versuchsanlage war bis zum nächsten Morgen versorgt; noch einer letzten kleinen Pflicht musste er nachkommen, und dann würde er nach Hause fahren, wo er um fünf Uhr mit Cap Anson verabredet war.

Wie er später erläuterte, schaute er, ehe er das Gebäude verließ, kurz noch bei den Studenten herein, die noch in ihren Labors arbeiteten. Und außerdem hatte er sich eine geringe Menge titrierter Zehntel - MolSalzsäure ausleihen wollen, und Ralph Neufeld hatte, wie allgemein bekannt war, die sorgfältigst standardisierten Reagenzien im ganzen Haus.

Ralph Neufeld lag mit dem Oberkörper auf der Specksteinplatte innerhalb des Abzugs, das Gesicht von der Tür abgewandt. Brade runzelte die Stirn. Für einen so gewissenhaften Studenten wie Neufeld war das eine höchst ungewöhnliche Pose. Wenn ein Chemiker das Experiment innerhalb eines Abzugs durchführte, ließ er das Fenster aus Sicherheitsglas zwischen sich und den gärenden Chemikalien herunter. Er sorgte dafür, dass die brennbaren Dämpfe innerhalb des Abzugs blieben und durch den Ventilator hinaufbefördert wurden. Dass das Fenster hochgeschoben war und der Experimentator mit dem Kopf auf dem einen Ellenbogen im Abzug lag, war auf jeden Fall ungewöhnlich.

Brade sagte: »Ralph!« und trat näher. Man hörte seine Schritte kaum auf dem Korkfußboden. Neufeld fühlte sich steif an, als er ihn mit der Hand berührte. Jäh beunruhigt, drehte Brade den Kopf des Studenten herum, so dass er das Gesicht sehen konnte. Das kurzgeschnittene blonde Haar lag wie üblich in dichten Wellen. Neufelds Augen starrten ihn unter halbgeschlossenen Lidern glasig an.

Was unterscheidet das Gesicht eines Toten so unmissverständlich von dem eines Betrunkenen oder Schlafenden?

Ralph war tot. Brade fasste nach Neufelds Handgelenk, das merklich abgekühlt war und keinen Pulsschlag aufwies, und seine Chemikernase nahm schwache Spuren eines Geruchs nach Mandeln wahr. Brade musste schlucken und rief die drei Häuser weiter gelegene medizinische Fakultät an. Er verlangte Dr. Shulter und bekam ihn auch an den Apparat. Es gelang ihm, mit fast normaler Stimme zu sprechen. Dann verständigte er die Polizei.

Als nächstes ließ er sich mit der Institutsleitung verbinden, aber es stellte sich heraus, dass Professor Littleby seit dem Mittagessen nicht wieder zurückgekommen war, und so sagte er Littlebys Sekretärin, was geschehen war, was er inzwischen veranlasst hatte; er wies sie an, den Vorfall vorläufig geheimzuhalten. Dann ging er in sein eigenes Labor und stellte den Sauerstoff ab. Er musste den Versuch unterbrechen. Im Augenblick gab es wichtigere Dinge. Er starrte leeren Blicks den Druckmesser der großen Sauerstoffflasche an und versuchte die ihm bekannten Tatsachen auf einen Nenner zu bringen. Doch das gelang ihm nicht, und als er sich wie in der Mitte eines großen, hohlen Schweigens vorkam, ging er wieder ins Studentenlabor zurück, schloss die Tür und setzte sich hin und wartete.

Dr. Ivan Shulter von der medizinischen Fakultät klopfte leise an die Tür, und Brade ließ ihn ein. Die Untersuchung dauerte nicht lange. »Er ist seit etwa zwei Stunden tot«, sagte Shulter. »Zyanid!«

Brade nickte. »Das hatte ich mir gedacht.«

Shulter strich sich das graue Haar aus der Stirn und wandte Brade ein Gesicht zu, das offensichtlich leicht schwitzte. Seine Haut glänzte. Er sagte: »Ja, das wird einigen Ärger geben. Es musste natürlich ausgerechnet dieser Bursche hier sein.« »Kennen Sie - kannten Sie ihn?« fragte Brade.

»Ja, flüchtig. Er holt sich Bücher bei uns aus der medizinischen Bibliothek und bringt sie dann nicht zurück. Ich musste zwei, drei Bibliothekarinnen hinter ihm herschicken, weil ich ein bestimmtes Buch brauchte, und zu einer war er so hässlich, dass ihr die Tränen kamen. Aber das ist wohl jetzt nicht wichtig.« Er ging wieder. Der Arzt, den die Polizei mitbrachte, stimmte mit Dr. Shulters Diagnose überein, machte sich ein paar Notizen und verschwand. Ein Fotograf nahm den Toten von drei verschiedenen Seiten auf, und dann wurde er in ein Tuch gehüllt und hinausgetragen.

Ein untersetzter Kriminalbeamter blieb zurück. Er stellte sich vor, indem er seinen Ausweis vorzeigte. »Jack Doheny.« Er hatte Hängebacken, und seine Stimme war ein rauher Bass. »Ralph Neufeld.« Er notierte sich den Namen und zeigte dann Brade, was er geschrieben hatte. »So richtig? Hm - irgendwelche Angehörige, mit denen wir uns in Verbindung setzen können?« Brade hob den Kopf und dachte nach. »Ja, seine Mutter. Im Sekretariat wird man ihre Adresse haben.«

»Wir werden uns erkundigen. Tja, und wie ist das jetzt passiert?« »Ich weiß es nicht. Ich habe ihn so gefunden.« »Hatte er Schwierigkeiten beim Studium?« »Nein, er war begabt. Denken Sie an Selbstmord?« »Selbstmörder benutzen manchmal Zyanid.« »Aber warum sollte er ein Experiment durchführen, wenn er sich nur das Leben nehmen wollte?«

Doheny sah sich misstrauisch im Labor um. »Das müssen Sie besser wissen als ich. Kann es ein Unfall, ein Versehen gewesen sein? Ich bin kein Chemiker.« Er machte mit der Hand eine Bewegung zu den Chemikalien hin.

»Theoretisch kann es natürlich ein Versehen gewesen sein«, sagte Brade. »Ralph war mit einer Reihe von Experimenten beschäftigt, bei denen er Natriumacetat in der Reaktionsmischung auflösen musste -« »Augenblick. Natrium - was?«

Brade buchstabierte das Wort, und Doheny notierte es ebenso sorgfältig. Brade fuhr fort: »Die Mischung wird auf dem Siedepunkt gehalten, und wenn das Acetat hinzugefügt worden ist, wird die Mischung in eine Säure verwandelt, so dass sich Essigsäure bildet.« »Ist Essigsäure giftig?«

»Nicht eigentlich. Sie ist im Essig enthalten. Sie verleiht ihm seinen besonderen Geruch. Die Sache ist jedoch die, dass Ralph Natriumzyanid verwandt haben muss - anstatt Natriumacetat.« »Wie ist das möglich? Sehen die gleich aus?«

»Überzeugen Sie sich selbst.« Brade holte die Flaschen mit Natriumzyanid und Natriumacetat von dem Regal herunter. Beide Flaschen waren aus braunem Glas, etwa zwanzig Zentimeter hoch, und beide waren auf die gleiche Weise etikettiert. Die Flasche mit Natriumzyanid hatte einen roten Zettel mit dem Wort GIFT. Brade schraubte die Plastikstöpsel beider Flaschen ab; Doheny sah vorsichtig hinein.

Er sagte: »Heißt das, dass diese Dinger immer so dicht nebeneinander auf dem Regal stehen?«

»Die Flaschen sind alphabetisch geordnet«, erwiderte Brade. »Halten Sie das Zyanid nicht unter Verschluss?«

»Nein.« Auf Brade lastete immer mehr das Bewusstsein, dass er sich seine Antworten überlegen musste, um nicht einen falschen Eindruck zu erwecken.

Doheny runzelte die Stirn. »Oh, da werden Sie aber Ärger kriegen. Wenn die Angehörigen des Jungen Ihnen wegen Fahrlässigkeit kommen, werden die Anwälte der Universität ins Schwitzen geraten.« Brade schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Von den Chemikalien, die Sie dort sehen, ist die Hälfte giftig. Chemiker wissen das. Sie sehen sich vor. Sie wissen, dass Ihre Pistole geladen ist, nicht wahr? Sie schießen sich damit ja auch keine Kugel in den Leib.« »Das mag für Chemiker gelten; aber der junge Mann hier war doch erst Student.« »Er war nicht erst Student. Ralph hatte vor vier Jahren sein erstes naturwissenschaftliches Examen gemacht - mit dem Abgang vom College. Und seitdem hat er sich auf sein Abschlussexamen und seinen Doktor vorbereitet. Er war durchaus dafür qualifiziert, ohne Überwachung zu arbeiten, völlig selbständig. Das gilt für alle unsere Doktoranden. Sie helfen sogar bei der Aufsicht in den Labors für die jüngeren Semester.« »Hat er hier ganz allein gearbeitet?«

»Nein, das nicht. Wir haben immer zwei Kandidaten für ein Labor. Zur Zeit teilt er sich das Labor mit Gregory Simpson.« »War der heute hier?« »Nein. Der Donnerstag ist Simpsons großer Vorlesungstag, da kommt er überhaupt nicht. Nicht in dieses Labor, zumindest.« »Dann war dieser Ralph Neufeld also ganz allein?« »Ja.»

»War er ein guter Student?«

»Er war sehr begabt, das sagte ich ja schon.«

»Wie konnte ihm das dann passieren? Ich meine, wenn er Zyanid genommen hat, hätte er doch merken müssen, dass der Essiggeruch fehlt, nicht wahr, und schleunigst den Kopf zurückziehen müssen?« Das Gesicht des Kriminalisten sah so rund und unschuldig aus wie zuvor, aber Brade zog die Brauen zusammen. Er sagte: »Wenn Natriumzyanid in eine Säure übergeht, bildet sich Wasserstoffzyanid. Das ist ein Gas von der Temperatur kochenden Wassers und strömt mit dem Dampf aus. Es ist äußerst giftig.«

Doheny sah Brade fragend an. »Das ist das Zeug, das sie im Westen in der Gaskammer verwenden, ja?«

»Ganz recht. Man verwandelt ein Zyanid in eine Säure, und dabei entsteht das Gas. Ralph hat zwar in einem Abzug mit einem eingebauten Ventilator gearbeitet, der die Dämpfe, die sich entwickeln, zum größten Teil nach oben reißt, aber auch so hätte er den Essiggeruch wahrnehmen können, wenn er vorhanden gewesen wäre. Diesmal hat er ihn nicht wahrgenommen, und da hat er sich wohl gedacht, dass da etwas nicht stimmt, wie Sie ganz richtig gesagt haben.« »Ja, ja.«

»Aber anstatt nun den Kopf zurückzuziehen und sich in Sicherheit zu bringen, war seine erste Reaktion wahrscheinlich die, dass er noch etwas näher gekommen ist, um sich zu vergewissern. Das könnte sein tödlicher Fehler gewesen sein.«

»Sie meinen, er hat sich gefragt, wo der Essiggeruch bleibt, hat sich vorgebeugt und eine richtige Ladung eingeatmet?« »Ja, so ungefähr. Er hatte den Kopf ziemlich weit im Abzug drin, als ich ihn fand.«

»Und aus war's mit ihm.« »Ja, wahrscheinlich.«

»Hm - ach, sagen Sie, darf ich hier rauchen - oder fliegt dann Ihre Bude in die Luft?«

»Im Augenblick besteht keine Gefahr.«

Doheny zündete sich eine Zigarre an - man sah ihm an, dass er lange auf diesen Augenblick gewartet hatte - und sagte: »Also fassen wir das noch einmal zusammen. Da ist ein junger Mann, der Natriumacetat verwenden will, aber dabei die falsche Flasche vom Regal greift - etwa so.«

Doheny nahm die Zyanidflasche vom Regal und hielt sie vorsichtig in der Hand. »Er trägt sie hier herüber und schüttet etwas davon heraus. Ja? Schüttet man das einfach so heraus?« »Nein, er hat sicher mit einem Spatel eine geringe Menge herausgenommen und sie in einem kleinen Behälter gewogen.« »Na schön. Also das tut er.« Er bewegte die Flasche hin und her und stellte sie auf die Arbeitsplatte neben den Abzug. Er starrte die Flasche an und dann Brade. »Und das wär's?«

»Ich nehme an - ja.«

»Und das stimmt mit der Situation überein, wie Sie sie beim Betreten des Labors angetroffen haben. Sie haben nichts entdeckt, was Ihnen merkwürdig vorkam, nein?«

Brade hatte den Eindruck, dass die Augen des Kriminalbeamten gespannt aufleuchteten, aber er schüttelte den Kopf und sagte: »Nein -Sie?«

Doheny zuckte die Achseln. Er kratzte sich das schon schütter gewordene Haar mit dem Zeigefinger und sagte: »Unfälle gibt's ja überall, und besonders an einem Ort wie diesem hier, wo man sie direkt herausfordert.« Er klappte das kleine Notizbuch zu und steckte es in seine innere Rocktasche.

Er sagte: »Sie sind doch immer hier erreichbar, falls noch die eine oder andere Frage geklärt werden muss?« »Ja, natürlich.«

»Na schön. Und wenn ich Ihnen als Außenstehender einen Rat geben darf - als Laie -, dann halten Sie das Zyanid unter Verschluss.« »Ich werde es mir überlegen«, erwiderte Brade diplomatisch. »Ach, noch etwas, Ralph hatte einen Schlüssel für dieses Labor. Könnten Sie mir den schenken, wenn Sie keine Verwendung dafür haben?« »Natürlich. Also passen Sie gut auf sich auf, Professor. Lesen Sie die Etiketten auf diesen Flaschen da genau. Verwechseln Sie sie nicht!« »Ich will's versuchen«, sagte Brade.

Und nun stand Brade wieder allein im Labor. Er dachte an seine Frau. Doris würde sich zweifellos Sorgen machen. Er hatte früh nach Hause kommen wollen, da er um fünf Uhr schon Cap Anson zu Besuch erwartete. (Du liebe Güte, der pünktliche Cap wird beleidigt sein, dachte Brade. Er wird das als persönlichen Affront betrachten, wo es ihm doch um sein Buchmanuskript geht. Aber was hätte ich tun sollen?) Brade sah auf seine Uhr. Fast sieben, und er konnte noch nicht weg. Er musste noch etwas erledigen.

Er schloss die schmutzigen Jalousien und knipste zu der Lampe am Arbeitstisch noch das Neon-Deckenlicht an. Die Kurse der Abendhochschule hatten noch nicht begonnen, und das Gebäude war praktisch leer. Die Gruppen von Studenten und anderen Personen, die sich beim Eintreffen der Polizei versammelt hatten, hatten sich aufgelöst, als die Beamten gegangen waren. Er war dankbar für die Ruhe.

Er musste rasch etwas erledigen; und dabei konnte er niemanden gebrauchen.

2

Es wurde ein langer Heimweg; die ungewohnte Dunkelheit ließ die Umgebung fremd und kalt erscheinen. Der Verkehr floss anders als sonst, und die vielfarbigen Lichtreflexe auf dem Fluss, die die Leuchtreklamen der Stadt in das Wasser warfen, ließen alles seltsam unwirklich erscheinen.

Unwirklich wie sein ganzes Leben, dachte Brade. Sein Leben, das nicht viel mehr war als eine einzige lange Flucht. Vier Jahre College mit staatlicher Unterstützung während der langsam abklingenden Depression.

Als die vier Jahre dann vorbei waren, hatte er trotz der schönen und bewegenden Abschiedsrede und der salbungsvollen Segenswünsche des Präsidenten den heiligen Hallen nicht den Rücken gekehrt, sondern lediglich den Platz gewechselt; er hatte das Versteck gewechselt. Schritt für Schritt ging es weiter: zuerst Master's Degree, dann Habilitation bei Cap Anson, daraufhin Anstellung an der Universität als wissenschaftlicher Assistent - und später dann als assistierender Professor.

Aber all das war nicht »das Leben«. (Er kurvte durch einen Verkehrskreisel mit der gedankenlosen Selbstverständlichkeit dessen, der schon so lange Auto fährt, dass sein Wagen den Weg nach Hause allein findet und schneller rollt, wenn er schon von weitem die Garage wittert.)

Eine Universität war etwa ebenso Teil des Lebens, wie ein Strudel Teil des Stroms war. Die Studenten bewegten sich im großen Strom; sie kamen von den entfernten Bächen und Flüsschen der Kindheit herangeschwommen, trieben vorbei und folgten der Strömung in ein Land, das Brade nie erforscht hatte. Er selbst aber blieb zurück im ewig gleichen Strudel.

Und unterdessen wurden die Studenten immer jünger. In den ersten Jahren seiner Assistentenzeit waren sie fast gleichaltrig gewesen, und er hatte die Würde seiner Position mit einem gewissen Unbehagen empfunden. Jetzt, nach siebzehn Jahren, brauchte er sich nicht mehr um Würde zu bemühen- sie war mit Falten in sein Gesicht geschrieben, mit Adern auf seine Handrücken. Die Studenten sprachen in respektvollem Ton mit ihm, und er war für sie nur der Professor. Das stand ihm, der langsam älter wurde, in der Welt fortwährender Jugend eben zu. Dennoch gab es auch in diesem Strudel des Universitätslebens wieder Dinge, denen bei all ihrem künstlichen und nach innen gekehrten Rang mehr oder weniger Bedeutung zugemessen war.

So gab es zum Beispiel eine magische Trennungslinie zwischen dem Rang des assistierenden Professors, den Brade seit elf Jahren einnahm, und dem des außerordentlichen Professors, den man ihm jetzt schon mindestens drei Jahre lang vorenthielt.

Sein Fuß drückte automatisch auf das Gaspedal, als die Ampel wieder grün wurde.

Ein »assistierender Professor« konnte jederzeit mit oder ohne Grund entlassen werden. Sein Vertrag brauchte nur nicht mehr erneuert zu werden. So einfach war das. Einem »außerordentlichen Professor« konnte nur aus ganz bestimmten Gründen gekündigt werden; solche Gründe gab es nicht viele. Er konnte sich für den Rest seines Lebens finanziell sicher fühlen. Jetzt aber, nachdem einem seiner Studenten das zugestoßen war, würde die Trennungslinie zurückweichen; von »Sicherheit« konnte schon gar keine Rede sein bei ihm. Er presste die Lippen zusammen und bog in seine Straße ein. Er konnte schon von weitem durch die Zweige der Platane im Vorgarten das Licht in seinem Haus erkennen.

Doris' Sorge würde natürlich nur seiner Beförderung gelten. Er stellte sich schon vor, wie er ihr versicherte, dass man ihn für das Geschehene nicht verantwortlich machen könnte. Wenn es doch nur wahr wäre, dachte er.

Doris kam ihm schon an der Tür entgegen. Sie hatte auf ihn gewartet. Ich hätte sie anrufen sollen, dachte er etwas schuldbewusst. Er kam zwar oft später, aber trotzdem...

Tatsache war, dass er versuchte (und zwar ganz bewusst), einer Aussprache mit ihr aus dem Weg zu gehen. Was sollte er nur jetzt sagen, verdammt noch mal?

Sich entschuldigen, dass er nicht angerufen hatte? Hektisch über unverfängliche Dinge reden? Nach Anson fragen? Es war wie damals, als sie in frostiger Stimmung von einem Institutsfest nach Hause gefahren waren, weil er etwas zu aufmerksam zu der Frau eines der Studenten gewesen war, die sich offenbar vorgenommen hatte, mit Grübchen und tiefem Ausschnitt die Chancen ihres Mannes zu verbessern. Damals hatte er, als sie das Haus betraten, in heller Verzweiflung ausgerufen: »Oh, verdammt, jetzt wollen wir erst mal einen Schluck trinken!«

Es hatte geklappt. Sie hatte kein Wort mehr darüber verloren. Weder an diesem Abend-noch am andern Morgen oder später. Ob er das auch jetzt wieder versuchen sollte?

Doch jede weitere Überlegung erübrigte sich, denn Doris trat zur Seite, um ihn hereinzulassen. Sie sagte: »Ich habe schon davon gehört. Wie entsetzlich!«

Sie war fast so groß wie er. Ihr Gesicht, das etwas dunkler getönt war als seins, zeigte jedoch noch nicht die feinen Falten um Augen und Mundwinkel, die bei ihm die mittleren Jahre ankündigten; ihre Haut war so glatt wie damals, als sie sich auf dem College kennengelernt hatten. Die Konturen waren nur ein wenig schärfer geworden; härter, straffer. Brade sah sie an. »Du hast davon gehört? Wieso? Sag bloß nicht, es wäre im Fernsehen gewesen.« Er kam sich idiotisch vor, noch während er das fragte.

Sie schloss die Tür und sagte: »Die Sekretärin hat angerufen.« »Jean Makris?«

»Ja. Sie hat mir gesagt, was passiert ist. Dass Ralph tot ist. Sie sagte, du würdest wahrscheinlich später kommen und wolltest sicher nichts essen. Sie schien sehr darum besorgt zu sein, dass du auch gut und verständnisvoll behandelt wirst. Hat ihr vielleicht jemand gesagt, dass das bei mir manchmal zu wünschen übrig lässt?« Brade überhörte ihre Ironie. »Lass gut sein, Doris. Sie ist nun mal so.« Er ließ sich im Wohnzimmer in einen Sessel fallen und warf den Mantel über die Armlehne, so dass ein Ärmel am Boden schleifte. Normalerweise war er fast übertrieben ordentlich (eine Angewohnheit, die er als notwendiges Übel bei der chemischen Forschungsarbeit ansah, die Doris aber seiner herrschsüchtigen Mutter zuschrieb). Er sagte: »Ist Ginny schon im Bett?« »Aber ja.« »Sie weiß es doch wohl noch nicht, oder?«

»Nein, noch nicht.« Sie nahm seinen Mantel und ging damit hinaus in den Flur, um ihn in den Schrank zu hängen. Ihre Stimme klang etwas dumpf, als sie rief: »Willst du denn?« »Will ich was?« »Etwas essen.«

»Nein. Ich darf gar nicht daran denken. Vorerst nicht, jedenfalls.« »Aber du trinkst doch sicher etwas.« Das sollte keine Frage sein. Und ausnahmsweise nahm Brade, der kein großer Trinker war, den Vorschlag dankbar an. (Plötzlich wünschte er, Ginny wäre nicht so ungewöhnlich früh zu Bett geschickt worden. Sie wenigstens hätte ihm die Illusion geben können, dass alles so war wie sonst.) Doris war zu dem eingebauten Wandschrank in der Essecke gegangen, wo sie ihren bescheidenen Getränkevorrat aufbewahrten. Brade beobachtete sie; er fragte sich, warum wohl so vieles im Leben verkehrt lief. Seit sie geheiratet hatten, wurde die Welt von der Atombombe bedroht. Während seiner Kindheit hatte ihn und seine Eltern die Depression bedroht. Hatte er sein ganzes Leben in einer Welt auf Abbruch zugebracht, ohne es zu merken, weil er gar nichts anderes kannte?

Doris verschwand in der Küche, um Eis und Soda zu holen; sie kam gleich darauf mit einem Drink in jeder Hand zurück. Sie setzte sich auf ein Sitzkissen dicht neben seinem Sessel und sah ihn mit ihren weit auseinanderstehenden braunen Augen an.

»Wie ist es denn eigentlich passiert?« fragte sie. »Ich weiß bis jetzt nur, dass es ein Unfall war.« Brade trank mit einem Zug das halbe Glas aus. Er musste husten, fühlte sich aber schon bedeutend wohler. »Offenbar hat er Natriumzyanid mit Natriumacetat verwechselt.« Er machte sich nicht die Mühe, es ihr näher zu erklären. Sie hatte schließlich lange genug mit ihm zusammengelebt, um einige chemische Fachausdrucke zu kennen.

»Oh!« sagte sie. Dann fuhr sie fort, und ihr Kinn hob sich dabei deutlich und scharf im Lampenlicht ab: »Das ist natürlich sehr traurig, Lou, aber dich trifft doch wohl nicht die geringste Schuld, oder?« Brade starrte in sein Glas. »Nein, natürlich nicht.« Dann fragte er: »Was hat denn Cap Anson gesagt? Ich nehme an, er war ärgerlich.« Doris machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich habe ihn überhaupt nicht gesehen. Er hat draußen mit Ginny gesprochen.« »Zu wütend, um hereinzukommen. Hm.«

Doris sagte: »Jetzt lass mal Cap aus dem Spiel. Was hat Professor Littleby dazu gesagt?«

»Gar nichts, Schatz. Er war nicht da.«

»Na ja, das wird nicht so bleiben. Wir sehen ihn spätestens Samstag abend.«

Brade legte seine Stirn in Falten und sah an ihr vorbei. »Du meinst also, wir sollten hingehen?«

»Natürlich gehen wir hin. So wie jedes Jahr. Mein Gott, Lou, das ist zwar eine sehr traurige Sache, aber wir können doch deshalb keine Trauer tragen, oder?« Sie gab einen ärgerlichen Laut von sich. »Dieser Junge hat doch allen nur Ungelegenheiten gebracht.« »Aber, Doris -«

»Das hat dir Otto Ranke ja gleich gesagt, als du Ralph angenommen hast.«

»Ich glaube nicht, dass Ranke so etwas vorausgesehen hat«, sagte Brade ruhig.

Ranke war derjenige gewesen, den sich Ralph Neufeld zuerst als Doktorvater ausgesucht hatte. Die Studenten wählten sich gewöhnlich unter den verschiedenen Mitgliedern der Fakultät den Professor, dessen Forschungsgebiet ihnen am interessantesten erschien. Oder der die meisten Stipendien zu vergeben hatte. Und Neufeld hatte Ranke gewählt.

Ranke aber war eine etwas unglückliche Wahl gewesen. Normalerweise hielt ein Professor zu seinem Studenten, wenn er ihn einmal angenommen hatte, selbst wenn er es hinterher bereute, sah er es doch als seine Pflicht an, ihn bis zur Promotion zu bringen, es sei denn, er versagte völlig.

Professor Otto Ranke fühlte sich an diese ungeschriebene Regel nicht gebunden. Wenn er einen Studenten nicht leiden konnte, jagte er ihn einfach davon.

Er war der Professor für physikalische Chemie; ein untersetzter, dicklicher Mann mit weißen Haarbüscheln um die Ohren herum und einer rosa Einöde dazwischen; er war reich an Ehren und Auszeichnungen. Außerdem war er aussichtsreicher Kandidat für einen späteren Nobelpreis.

Seine kurz angebundene und bissige Art, seine Schroffheit waren sprichwörtlich, aber Brade kam es oft so vor, als läge hinter seinem Hohn und seinen Wutanfällen immer eine gewisse Absicht. Es war natürlich einfach, das temperamentvolle Genie zu spielen, und diese Maske mochte sich besonders für diejenigen empfehlen, die insgeheim gewisse Zweifel an der eigenen Genialität hegten.

Jedenfalls hatte sich Neufeld, dessen mürrisches Wesen jedem ein

Ärgernis war, bereits nach einem Monat mit seinem mindestens ebenso schwierigen Professor entzweit. Sofort wandte er sich an Brade und sagte ihm, dass er zu ihm überwechseln wollte. Daraufhin hatte Brade bei Gelegenheit Ranke wegen des jungen Mannes angesprochen.

Ranke hatte ärgerlich geknurrt: »Dieser Junge ist einfach unmöglich. Es ist nicht mit ihm zu arbeiten. Überall gibt es Ärger mit ihm.«

Brade lächelte. »Mit Ihnen ist auch nicht gerade leicht arbeiten, Otto.«

»Das hat gar nichts mit mir zu tun«, sagte Ranke heftig. »Er hat sich sogar mit August Winfield geprügelt, richtig mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen.«

»Weshalb denn?«

»Wegen nichts und wieder nichts. Winfield hatte ein Becherglas benutzt, das Neufeld gerade erst gereinigt hatte. Ich habe noch nie Schwierigkeiten mit Winfield gehabt- er ist ein recht vielversprechender Junge. Und ich denke nicht daran, mir meine Arbeitsgruppe von einem Psychopathen durcheinanderbringen zu lassen. Wenn Sie ihn annehmen, Lou, wird er Ihnen nur Ärger machen.« Aber Brade hatte nicht auf ihn gehört. Zunächst hatte er Neufeld eine Zeitlang ein eigenes Labor zugewiesen, war ihm freundlich, aber zurückhaltend begegnet. Er hatte erst mal abgewartet. Er wusste sehr wohl, dass man über ihn redete, weil er diesen schwierigen Studenten übernommen hatte, vor dem sich die anderen Professoren drückten, und er war sogar ein wenig stolz darauf gewesen.

Zeitweise vergaß er tatsächlich fast, dass er sowieso nur die weniger guten bekam, weil er keine Stipendien zu vergeben hatte.

Trotzdem waren auch seine Studenten erstklassige Wissenschaftler geworden. So arbeitete Spencer James, Brades Musterbeispiel, heute für die Manning - Chemiewerke - und zwar in einer besseren Position als die meisten von Rankes ordentlichen, geschmeidigen Dressurpudeln. Nach einer langen Anlaufzeit hatte sich Neufeld gefangen und schien auf dem besten Weg zu sein, selbst ein Meisterschüler zu werden. In letzter Zeit hatte er verblüffende und erstaunliche Leistungen vollbracht, und wahrscheinlich wäre er schon in einem halben Jahr imstande gewesen, unter Brades Obhut eine beachtliche wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Aber der kurze Tagtraum, den Doris' Bemerkung ausgelöst hatte, zerrann in Sekundenschnelle. Es würde keine Dissertation geben.

Den Gedanken laut weiterspinnend, sagte Brade: »Eigentlich hätte ich allen Grund, Trauer zu tragen. Ralph Neufeld war ein mathematisches Genie - er war weit besser als ich. Wir hätten eine Arbeit für das Journal of Chemical Physics hinlegen können eine richtig schöne, hochmathematische Arbeit, dass Littleby der Kopf nur so geraucht hätte.«

»Lass sie doch von einem anderen schreiben«, sagte Doris prompt. »Ich könnte vielleicht den neuen Studenten, diesen Simpson dazu überreden, bei Ranke Kinetik zu belegen, aber ich bezweifle, dass er das schafft. Ganz abgesehen davon kann Simpson mit den letzten Strichen an einer fremden Arbeit keinen Doktor machen, und ich bin dafür verantwortlich, dass er ihn macht.« »Du bist aber auch für dich selbst verantwortlich, Lou. Und für deine Familie - vergiss das nicht.« Brade schwenkte den Rest der Flüssigkeit auf dem Boden seines Glases herum. Wie sollte er es ihr nur beibringen? Das scharrende Geräusch nackter Füße auf dem Teppich im oberen Stock lenkte ihn ab. Eine helle Mädchenstimme rief: »Pa! Bist du da? Papi?«

Doris ging entschlossen an die Treppe und rief etwas ärgerlich hinauf: »Virginia -«

Aber Brade schaltete sich ein. »Ich möchte mit ihr sprechen.« Doris antwortete: »Cap Anson hat ihr ein paar Kapitel für dich zum Lesen gegeben. Das ist alles, was sie dir sagen will.«

»Na ja, ich werde trotzdem mit ihr reden.« Er stieg die Treppe hinauf. »Was gibt's denn, Ginny?«

Er beugte sich hinab und nahm sie in die Arme. Sie würde bald zwölf Jahre alt werden.

Ginny sagte: »Ich dachte, ich hätte dich heimkommen hören, aber dann bist du nicht heraufgekommen, um mir gute Nacht zu sagen, und Mutter hat doch darauf bestanden, dass ich gleich nach dem Abendessen ins Bett ging. Da bin ich eben herausgekommen, um nachzusehen.«

»Ich bin froh, dass du das getan hast, Ginny.«

»Ich hab auch eine Nachricht für dich, Pa.« In wenigen Jahren würde sie so groß sein wie ihre Mutter, und schon jetzt hatte sie das gleiche dunkle Haar und die gleichen weit auseinanderstehenden braunen Augen. Aber ihre Haut war hell wie die ihres Vaters. Ginny sagte: »Cap Anson kam gerade, als ich draußen war -« »Punkt fünf Uhr.« (Brade konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er kannte die übertriebene Pünktlichkeit des alten Mannes und schämte sich bei dem Gedanken, dass er ihn versetzt hatte. Aber es war nicht seine Schuld gewesen; wirklich nicht.)

»Ja«, sagte Ginny, »er hat mir einen Umschlag gegeben und gesagt, ich soll ihn dir geben, wenn du heimkommst.« »Und er schien sehr ärgerlich zu sein, nicht?«

»Er hat so - ich weiß nicht, ganz steif gestanden. Und er hat auch nicht gelächelt oder so.«

»Hast du den Umschlag da?«

»Da ist er.« Sie rannte fort und kam gleich darauf mit einem dicken, großen Umschlag zurück. »Hier.«

»Ich danke dir, Ginny. Und jetzt gehst du besser wieder ins Bett. Und mach die Tür zu.«

»In Ordnung«, sagte Ginny und spielte an einem Bändchen herum, das ihr linkes Handgelenk zierte. »Habt ihr etwas zu besprechen, du und Mutti?«

»Wir möchten dich nicht stören, deshalb sollst du deine Tür zumachen.« Er richtete sich wieder auf und merkte, wie es leise in seinen Kniegelenken knackte. Mit Cap Ansons Manuskript unter dem Arm wollte er sich zurückziehen, aber Ginny starrte ihn mit aufmerksamen glänzenden Augen an. »Hast du Ärger an der Uni, Paps?« Brade wurde etwas verlegen. Hatte sie gelauscht? »Warum fragst du, Ginny?«

Sie war offensichtlich beunruhigt und aufgeregt. »Hat dich Professor Littleby hinausgeworfen?«

Brade hielt die Luft an. Dann sagte er scharf: »Das war wirklich eine dumme Frage. Und nun verschwindest du in deinem Zimmer! Niemand wirft deinen Vater hinaus. So, und jetzt ab mit dir!«

Ginny zog sich zurück. Ihre Tür ging zu, aber nicht ganz, und Brade ging schnell hin, um sie zuzuwerfen. »Und jetzt keinen Ton mehr, verstanden?«

Als er die Treppe wieder hinunterging, kochte er innerlich. Aber es hatte keinen Zweck, auf Ginny ärgerlich zu sein. Im Gegenteil - er hätte sie trösten und beruhigen müssen. Wenn sie die Unsicherheit ihrer Eltern gespürt hatte, wenn sie davon angesteckt worden war, dann hatten sie, die Eltern, die Schuld daran.

Das bestimmte ihn, Doris die Neuigkeiten nicht schonend beizubringen. Soll sie es doch erfahren, dachte er ärgerlich.

Er sah sie fest an und sagte: »Das Schlimme ist nur, Doris, dass Ralph Neufelds Tod kein Unfall war.«

Sie schien erschrocken. »Willst du damit sagen, dass er es absichtlich getan hat? Dass er sich das Leben genommen hat?« »Nein. Warum sollte er einen komplizierten Versuch vorbereiten, nur um sich das Leben zu nehmen? Nein - ein anderer hat ihn getötet. Er wurde ermordet.«

3

Doris Brade starrte ihren Mann an, dann lachte sie ärgerlich auf und sagte: »Du bist verrückt, Lou -« Sie brach mitten im Satz ab, und ihre Augen weiteten sich. »War denn die Polizei da? Hat sie das gesagt?« »Natürlich war die Polizei da. Es war ja kein natürlicher Tod. Aber gesagt haben sie es nicht. Sie glauben, es sei ein Unfall gewesen.« »Dann solltest du es doch lieber ihnen überlassen.« »Sie wissen noch nicht alles, Doris. Sie sind schließlich keine Chemiker.«

»Was hat das denn damit zu tun?«

Brade sah auf seine Fingerspitzen, dann beugte er sich zur Lampe hinüber und knipste das Licht aus: Sein Kopf begann zu schmerzen; das Licht störte ihn. Jetzt fiel nur noch ein sanfter Lichtschein von der Küche herein - das war viel angenehmer.

Er sagte: »Das Natriumacetat und das Natriumzyanid hätten in gleichen Flaschen gewesen sein können, so dass Ralph nach der falschen gegriffen hätte, ohne es zu merken. Das wäre möglich. Trotzdem hätte es ihm nachher auffallen müssen.« »Wieso?«

»Wenn du es ausprobieren würdest, wüsstest du gleich, was ich meine. Für den Beamten waren beide Chemikalien einfach weiße Kristalle, und das genügte ihm. Aber das ist eben doch nicht alles - nur habe ich ihn nicht gerade aufgefordert, sie näher zu untersuchen, weiß Gott nicht. Sie sind sich nämlich durchaus nicht gleich. Natriumacetat zieht zum Beispiel die Luftfeuchtigkeit stärker an, so dass sich die Kristalle leicht zusammenklumpen.

Ein Chemiker, der gewöhnt ist, das Acetat mit dem Spatel herauszunehmen, hätte sogar mit verbundenen Augen sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte.«

Doris saß ihm gegenüber auf der Couch; starr und irgendwie drohend im Dämmerlicht, und ihre Hände bildeten einen hellen Fleck auf dem dunklen Kleid. Sie sagte: »Hast du mit jemandem darüber gesprochen?« »Nein.«

»Das hätte mich nämlich nicht gewundert. Du hast so deine sonderbaren Momente, und diesmal bist du mehr als sonderbar. Du musst verrückt sein.« »Wieso das denn?«

»Na hör mal- Littleby hat dir so gut wie versprochen, dass du dieses Jahr deine feste Anstellung bekommst. Das hast du selbst gesagt.« »Ganz so habe ich das nicht gesagt, Doris. Er meinte nur, eine Wartezeit von elf Jahren sei lang genug. Wie ich den Laden kenne, kann das genauso gut geheißen haben, dass er meine Entlassung betreiben will-oder mich hinauswerfen, wie Ginny es nennt. Ich nehme an, du weißt, dass sie gedacht hat, ich sei hinausgeworfen worden.« Doris antwortete unbewegt: »Ich habe es gehört.« »Wie kommt sie denn überhaupt darauf?«

»Ich nehme an, weil sie uns über diese Angelegenheit sprechen gehört hat. Sie ist schließlich nicht taub, und sie ist auch alt genug, um zu verstehen, was sie hört.«

»Glaubst du, dass es richtig ist, ihr das Gefühl der Sicherheit zu nehmen?«

»Jedenfalls nicht schlimmer, als sie in dem Gefühl einer falschen Sicherheit zu wiegen. Aber du kommst vom Thema ab, Lou. Du musst zusehen, dass du eine feste Anstellung bekommst.« Brades Stimme bebte leicht, wurde aber nicht lauter, als er antwortete: »Es handelt sich um einen Mord, Doris.«

»Es handelt sich um deine Anstellung, Lou. Littleby bringt es fertig, den Umstand, dass einer deiner Studenten vergiftet wurde, als Ausrede zu benutzen, um deine Beförderung hinauszuzögern. Und wenn du nun auch noch herumläufst und von Mord redest und einen Skandal heraufbeschwörst, dann ist die Angelegenheit endgültig erledigt.« »Ich habe nicht die Absicht -«, begann Brade.

»Ich weiß, dass du vorhast, alles möglichst geheimzuhalten, aber dann fühlst du dich auf einmal verpflichtet, etwas ganz und gar Lächerliches zu tun - Pflicht gegenüber der Universität, gegenüber der Gesellschaft -, deine verdammte Pflicht gegenüber allen außer deiner Familie.« »Ich glaube, du hast dir das noch gar nicht richtig überlegt, Doris«, sagte Brade. Wenn ihm heute abend etwas zuwider war, dann war es eine Moralpredigt. »Wenn es in unserem Campus einen Mörder gibt, dann kann ich diesen Umstand nicht einfach ignorieren. Ein chemisches Labor ist so ziemlich der gefährlichste Ort, um einen Mörder frei herumlaufen zu lassen. Zyanid ist nur ein tödliches Gift - aber wenn es ihm in den Sinn kommt, zum zweitenmal zu töten, dann gibt es hundert, nein tausend andere Möglichkeiten. Man kann diese Gefahren unmöglich alle ausschalten - selbst wenn man gewarnt ist. Ist es auch meine Pflicht gegenüber meiner Familie, mich als mögliches Opfer zu exponieren?«

»Warum denn ausgerechnet du?«

»Warum nicht? Warum Ralph? Warum also nicht ich?«

»Ach, mach das Licht an!« Gleich darauf knipste sie es selbst mit einer ungeduldigen Handbewegung an. »Du kannst einen wirklich zur Verzweiflung bringen. Es war kein Mord. Dein idiotischer Student hat einfach Zyanid genommen, ohne den Irrtum zu bemerken. Das ist eine Tatsache, und Tatsachen kann man nicht durch Worte beseitigen. Er war zerstreut und hat es nicht gemerkt. Du hast leicht sagen, kein Chemiker würde Zyanid mit Acetat verwechseln, aber das setzt ja voraus, dass ein Chemiker ein Automat ist, eine Maschine. Du vergisst, dass er auch mal unaufmerksam sein kann, in Gedanken, müde, über etwas verärgert. Er kann unzählige Fehler machen; er kann sogar die unmöglichsten Fehler machen. Und das ist genau das, was Ralph getan hat.«

»Es gibt Beweise.« Brade sprach langsam und überlegt, damit sie ihn verstand. »Ralph war ein methodischer Mensch; er legte sich sein Material vorher zurecht, soweit das möglich war, damit er nicht ein Experiment unterbrechen musste, um etwas zu holen, was er nicht zur Hand hatte. Er war darin von peinlicher Sorgfalt. So hat er zum Beispiel in zehn Erlenmeyer-Kolben je eine Zweigramm-Portion Natriumacetat vorbereitet, und das reichte ihm für eine ganze Serie von Experimenten. Als der Mann von der Polizei weg war, sah ich in seinen Schubladenfächern nach und fand noch sieben Erlenmeyer Kolben. Ihr Inhalt sah aus wie Natriumacetat, aber ich habe ihn mit Silbernitratlösung getestet, auf das Aussehen kann man sich da gar nicht verlassen. Wenn Zyanid auch nur in winzigen Mengen vorhanden war, musste es einen weißen Niederschlag von Silberzyanid geben, sowie der erste Tropfen Nitratlösung darauffiel. Aber es bildete sich kein Niederschlag.

Dann fand ich den Kolben, den Ralph bei seinem letzten Experiment benutzt hatte. Er stand im Abzug gleich hinter seiner Versuchsanordnung. Er war nicht völlig entleert. Das brauchte er auch nicht zu sein, da es bei der hinzugefügten Acetatmenge nicht auf ein bestimmtes Verhältnis ankam. Jedenfalls hingen noch einige Kristalle im Kolben. Ich löste sie auf, fügte das Silbernitrat hinzu - und bekam meinen Niederschlag.

Das Pulver hätte natürlich gewöhnliches Kochsalz, Natriumchlorid oder auch ein verwandter Stoff sein können. Auch Silberchlorid zeigt sich als weißer Niederschlag, aber es löst sich nicht wieder von neuem auf, wenn man das Glas schüttelt. Silberzyanid löst sich aber in dem Fall auf, und dieser Niederschlag hier tat es. Es ist reiner Zufall, dass sich Doheny nicht kompetent fühlte.« »Doheny?« »Der Detektiv.« »Ach so. Ja, wenn du nichts dagegen hast, würdest du mir dann erklären, was diese ganze Geschichte von Erlenmeyer-Kolben und Silbernitrat zu bedeuten hat?«

»Liebling, das müsste dir aber doch jetzt klar sein. Ralph hat mit einer Serie von zehn Kolben angefangen, die er vorher alle gleichzeitig vorbereitet hatte. Zwei davon hat er benutzt; einen gestern, den anderen vorgestern. Dabei ist ihm nichts passiert. Der dritte war es, der ihn getötet hat. Die sieben, die ich noch vorfand, waren völlig harmlos. Wenn aber Ralph nun Natriumzyanid für Natriumacetat gehalten hätte -sagen wir mal, war er erregt, war mit den Nerven herunter, wusste nicht, was er tat -, dann hätte er in alle Kolben Zyanid gefüllt. Er kann nicht nur einen damit gefüllt haben und dann wie ein Schwachkopf zum Regal zurückgegangen sein und für die anderen Acetat genommen haben. Auch hätte er bestimmt nicht neun mit Acetat gefüllt - und den zehnten dann plötzlich aus Versehen mit Zyanid. Das ist ganz unmöglich.« Doris dachte stirnrunzelnd nach. »Er könnte mit Zyanid angefangen und dann seinen Irrtum bemerkt haben.«

»Dann hätte er diesen einen Kolben entleert und ausgespült.« »Vielleicht hat er in mehr als einen Zyanid getan, vielleicht in alle zehn - und hat dann beim Ausleeren den einen übersehen.« »Das würde zwei höchst unwahrscheinliche Irrtümer und Nachlässigkeiten voraussetzen. Er hätte zuerst Zyanid für Acetat gehalten und dann vergessen, einen mit Zyanid gefüllten Kolben zu leeren. Herrgott, mit Zyanid spielt man nicht so einfach herum; das tut auch ein Chemiker nicht, der das Zeug öfter benutzt. Ein Chemiker kann einfach nicht so zerstreut sein. Das gibt es einfach nicht. Und Ralph ist immer äußerst vorsichtig vorgegangen.«

Doris schwieg, und Brade hing eine Weile seinen trüben Gedanken nach. Es war beängstigend; besonders wenn man daran dachte, welche Konsequenzen eine anscheinend ganz harmlose Sache haben konnte. Und dennoch - das kam in der täglichen Routine des wissenschaftlichen Experiments immer wieder vor. Warum scheute er sich, das logische System, das er, ohne zu zögern, auf Formeln und Atome anwandte, im Falle von Menschen anzuwenden? Wegen der Art der Schlussfolgerung vielleicht? Brade fuhr fort: »Die Folgerung ist, dass jemand absichtlich das Acetat in einem der Kolben mit Zyanid vertauscht hat.« »Aber warum?« fragte Doris. »Um Ralph zu töten.« »Aber warum?« »Keine Ahnung. Ich weiß nichts über sein Privatleben; woher sollte ich also ein mögliches Motiv kennen? Ich habe über einundeinhalbes Jahr mit ihm zusammengearbeitet, und doch weiß ich so gut wie nichts über ihn.«

»Machst du dir auch noch deshalb Gewissensbisse? Was hat denn Cap Anson schon von dir gewusst, als du mit ihm zusammengearbeitet hast?«

Brade musste wider Willen lächeln. Solange er oder irgend jemand sonst sich erinnern konnte, wurde Professor Anson »Cap« genannt, ohne dass man gewusst hätte, warum.

In seinen Studenten sah er nur eine Art erweitertes Ich, zusätzliche Arme, Nebenhirne.

»Cap ist ein Sonderfall«, sagte Brade.

»Momentan wünschte ich, du wärst ihm etwas ähnlicher«, erwiderte Doris. »Du hast mir immer erzählt, seine stärkste Seite wäre seine Begabung, nie auch nur einen Schritt zu weit zu gehen. Du dagegen rennst den Tatsachen ja förmlich voraus. Deine ganze Theorie geht von der Annahme aus, dass Ralph alle zehn Kolben auf einmal mit dem Acetat gefüllt hat. Aber woher willst du das wissen? Selbst wenn er das sonst immer so gemacht hat - wie willst du wissen, dass es diesmal keine Ausnahme von der Regel war?

Natürlich kannst du sagen, er sei immer peinlich genau gewesen, Lou, sehr zuverlässig und so, und dass er immer alles so und nicht anders gemacht hat. Aber Menschen sind eben keine Maschinen. Selbst wenn er eine Reihe von Kolben in seinem Schrank stehen hatte, kann er aus einem uns unbekannten Grund beabsichtigt haben, noch einen weiteren Kolben zu füllen. Vielleicht hatte er einen umgestoßen oder zu Anfang einen zuwenig vorbereitet. Wenn er aber noch einen zusätzlichen Kolben nahm, nur einen einzigen, und ihn auch benutzte, dann kann er doch sehr wohl bei diesem einen das Acetat mit dem Zyanid verwechselt haben.«

Brade nickte müde. »Er kann, er könnte, er hat vielleicht. Alles ist möglich. Wenn wir uns aber die Mühe sparen, Möglichkeiten zu erfinden und uns an die größte Wahrscheinlichkeit halten, dann bleibt nur noch Mord übrig.«

Doris sprach leise und beherrscht: »Du wirst nichts dergleichen sagen, Lou. Es ist mir ganz gleich, ob es Mord war oder nicht. Ich will nicht, dass du einen Skandal heraufbeschwörst. Du wirst deine Anstellung nicht aufs Spiel setzen. Verstehst du mich?«

Plötzlich klingelte das Telefon. Doris saß dicht daneben und nahm den Hörer ab. Dann blickte sie zu ihm hoch und bedeckte die Muschel mit der Hand. »Professor Littleby.« Brade flüsterte erstaunt: »Was ist denn los?«

Sie schüttelte den Kopf und legte warnend den Finger an die Lippen. »Vorsicht!«

Brade nahm den Hörer. »Hallo, Professor Littleby?« Als er die Stimme hörte, sah er im Geist das Gesicht vor sich, deutlich und in allen Einzelheiten - die frische rötliche Farbe, noch rosiger wirkend durch das weiße Haar darüber, dieses breite, weiche Gesicht mit dem runden, fast knolligen Kinn und der ebenso runden und knolligen Nase, die porzellanblauen Augen. Der Direktor des Chemischen Instituts sagte: »Hallo, Brade. Eine schreckliche Geschichte. Ich habe gerade eben davon gehört.« »Ja, Sir, sehr trauriger Vorfall.«

»Ich weiß ja nicht viel über den Jungen. Aber ich glaube, ich kann mich erinnern, dass hier Bedenken wegen seiner Zulassung zur Doktorprüfung bestanden - doch das ist ja jetzt unwichtig. Allerdings spielt die Persönlichkeit eine recht große Rolle, und ich habe immer wieder festgestellt, dass charakterliche Mängel und Unfallhäufigkeit im Labor Hand in Hand gehen. Ein Psychiater hätte wahrscheinlich die phantastischsten Erklärungen dafür, aber mir genügt es, die Tatsachen zu konstatieren. Ach, könnten Sie übrigens morgen früh vor Beginn der Vorlesungen bei mir vorbeikommen?«

»Selbstverständlich, Sir. Darf ich fragen, worum es sich handelt?« »Ach, es ist nur wegen einiger Probleme im Zusammenhang mit dieser Geschichte. Sie fangen doch um neun an, ja?« »ja, Sir.«

»Dann kommen Sie am besten um halb neun zu mir. Und nehmen Sie's nicht zu schwer, Brade. Schreckliche Geschichte - schrecklich. Wirklich schrecklich...«, und damit legte er auf.

»Er will dich sehen?« fragte Doris. »Weshalb denn?«

»Damit wollte er nicht herausrücken.« Brade griff nach seinem Glas, das schon längst leer war. Er stellte es wieder weg. Er sagte: »Ich glaube, wir essen jetzt erst mal. Oder hast du schon?« »Nein«, erwiderte sie kurz.

Während sie den Salat aßen, herrschte Stille. Brade war dankbar dafür. Schließlich sagte Doris: »Ich möchte, dass du eins weißt, Lou -« »ja, Doris?«

»- ich werde nicht mehr länger warten. Du musst noch dieses Jahr deine Berufung bekommen. Wenn du das jetzt verpatzt, ist es endgültig aus. Ich habe wirklich lange gewartet, Lou, und Jahr für Jahr habe ich gebangt, wenn es Juni wurde, ob sie dir das Kärtchen geben würden, auf dem steht, dass sie dich für ein weiteres Jahr verpflichten. Einen solchen Juni wird es für mich nicht mehr geben.«

»Du glaubst doch nicht im Ernst, sie würden meinen Vertrag nicht erneuern?«

»Darüber möchte ich überhaupt nicht mehr nachdenken müssen. Ich will keine Eventualitäten mehr, ich will Gewissheit. Wenn du zum außerordentlichen Professor berufen wirst, dann geschieht die Verlängerung des Vertrages doch automatisch, nicht? Das bedeutet doch wohl die Berufung, dass das ganz automatisch geschieht, oder?« »Wenn kein besonderer Anlass vorliegt, ja.«

»Schön. Ich will, dass der Juni für mich seine Bedeutung verliert. Ich will, dass das )fiskalische Jahr< mir nichts mehr sagt. Ich will die Berufung.« »Dafür kann ich dir aber doch nicht garantieren, Doris«, sagte Brade sanft.

»Wenn du Littleby oder sonst jemandem gegenüber etwas von deinen komischen Ideen von wegen Mord und so verlauten lässt, kannst du mir ganz bestimmt das Gegenteil garantieren. Und wenn das geschieht, Lou - wenn das geschieht, dann -«, sie blinzelte heftig, so als wollte sie die Tränen zurückhalten, »oh, Lou, ich halte das nicht länger aus.« Brade wusste, wie ihr zumute war. Ihm ging es ja genauso. Die Jahre der Depression hatten ihnen beiden Mut und Zuversicht geraubt - Jahre, in denen sie mit ansehen mussten, wie ihre Eltern krank waren vor Sorge, in denen sie etwas erfuhren, ohne recht zu verstehen -Sie wollten die »Berufung«, um diese Erinnerung auszulöschen, aber was sollte er tun?

Langsam und sorgfältig trennte Brade ein Salatblatt mit der Gabel auseinander, halbierte es, halbierte die beiden Teile noch einmal. »Ich kann die Sache nicht einfach so auf sich beruhen lassen. Wenn es ein Mord war, dann wird es die Polizei mit der Zeit auch herausfinden.« »Dann lass die doch. Solange du nur nichts damit zu tun hast.« Brade antwortete: »Wie sollte ich denn nichts damit zu tun haben?« Dann stand er auf. »Ich mache mir noch einen Drink.« »ja.«

Unbeholfen mixte er das Getränk und sagte dann: »Hast du darüber nachgedacht, wer der Mörder sein könnte, Doris?« »Nein. Will ich auch nicht.«

»Doch, tu's mal.« Er sah sie über sein Glas hinweg an, und es tat ihm leid, dass er ihr auch das noch sagen musste, aber er wusste nicht, wie er es hätte umgehen sollen. »Der Mörder muss jemand sein, der etwas von Chemie versteht. Jemand, der noch nie in einem Labor gearbeitet hat, würde es nicht wagen, in ein Experiment hineinzupfuschen, um das tödliche Zyanid einzuschmuggeln. Das würde er sich nicht zutrauen. Er würde zu einem weniger komplizierten Mittel greifen.« »Willst du jetzt auch noch sagen, dass du glaubst, der Mörder arbeite im Chemischen Institut?« »Es ist gar nicht anders denkbar. Jemand muss sich Zugang zum Labor verschafft und das Acetat in einem der Kolben mit Zyanid vertauscht haben. Während Ralph im Labor war, kann es ja wohl kaum passiert sein. Zum einen war Ralph ein außerordentlich argwöhnischer Mensch, der es niemandem gestattet hätte, sich seinen Geräten zu nähern; das war ja auch die Ursache für seine Differenzen mit Ranke. Der Tausch muss also in Ralphs Abwesenheit stattgefunden haben. Sobald Ralph aber das Labor verließ, schloss er ab - sogar wenn er nur hinunter in die Bibliothek ging, um etwas nachzuschlagen. Ich habe ihn das oft tun sehen. Der Mörder muss also einen Schlüssel gehabt haben.« »Oh, diese Schlussfolgerungen«, sagte Doris. »Dass du ihn mehrmals dabei beobachtet hast, bedeutet doch noch nicht, dass er das ausnahmslos getan hat. Vielleicht hat er es manchmal vergessen. Und selbst wenn er es nie vergaß - Schlüssel sind ja nicht das einzige Mittel, um. Türen zu öffnen.«

»Mag sein, wenn du die etwas weit hergeholten Möglichkeiten in Betracht ziehst. Aber fasse doch lieber die nächstliegende Erklärung ins Auge. Du musst so vorgehen wie die Polizei. Es müsste jemand sein, der einen Schlüssel hat; jemand, der die Art von Ralphs Experimenten kennt, der weiß, wo er sein Acetat aufbewahrt und seine Kolben und so weiter. Außerdem wurde auch nur einer der Kolben vertauscht.« »Warum?« fragte Doris, die jetzt endlich zu begreifen begann. »Weil der Mörder Ralphs übertrieben genaue Art kannte. Er muss sich darauf verlassen haben, dass Ralph die Kolben von links nach rechts herausnehmen und je ein Experiment pro Tag durchführen würde. Das würde also bedeuten, dass er an einem Donnerstag an das Gift kommen würde-an einem Tag also, an dem er allein war, weil sein Kollege in der Vorlesung saß. Und es würde kein Zyanid übrigbleiben und andere in Gefahr bringen. Der Mörder war also mit den Verhältnissen bestens vertraut.« »Worauf zielst du ab, Lou?«

»Nur darauf, dass die Polizei zu denselben Schlüssen kommen und den Mann finden wird, auf den das alles zutrifft.« »Auf wen, also?«

»Wen! Warum glaubst du denn wohl, bin ich so sehr darauf bedacht gewesen, der Polizei gegenüber nichts von alledem zu erwähnen?« Brade nippte an seinem Glas und leerte es dann plötzlich mit einem Ruck. Dann sagte er heiser: »Auf mich, mein Schatz. Auf mich. Ich bin derjenige, auf den dies alles zutrifft. Ich bin der einzig mögliche Verdächtige.«

4

Die Fahrt zur Universität am nächsten Morgen erschien ihm länger als die Heimfahrt am Abend vorher. Er hatte zum Abschluss des Abends ein drittes und dann noch ein viertes Glas getrunken, aber der Alkohol hatte ihn nicht in bessere Stimmung versetzt.

Doris hatte ein ominöses Schweigen bewahrt und bis zum Schluss vor dem Fernsehapparat gesessen. Brade hatte Cap Ansons Text aus dem Umschlag genommen und versucht, ihn dem alten Mann zuliebe zu überfliegen, aber die Buchstaben tanzten ihm wie verrückt vor den Augen, und nachdem er den einleitenden Absatz fünfmal gelesen hatte, gab er es auf. Sie schliefen danach beide nicht gut. Morgens war Ginny recht bedrückt mit einem angespannten, verstörten Zug auf dem schmalen Gesicht in die Schule gegangen. Kinder, das hatte Brade längst erkannt, besaßen unsichtbare Antennen, die die unvorhersehbaren Stimmungen und Launen der Erwachsenen auffingen.

Die Versuchsarbeiten für seine Dissertation bei Cap waren noch nicht ganz abgeschlossen gewesen, als ihm eine Assistentenstelle an der Universität angeboten wurde. Das war ein Geschenk des Himmels. In seinen kühnsten Träumen hatte er das nicht zu hoffen gewagt. Der Reiz - und die Unsicherheit - eines Daseins in der Industrie behagten ihm nicht. Er war kein Ellenbogenmensch, er machte nicht einmal beim Rennen um staatliche Forschungsmittel mit. Er wollte nur die ruhige, gesicherte Position. Sicherheit, nicht Abenteuer - das war seine Devise. Zu diesem Zeitpunkt heiratete er Doris. Sie wollte dasselbe; finanzielle Sicherheit für das nächste Jahr. Sie verzichteten auf den Raketenstart, um sicher zu sein, nicht früher oder später einen Absturz zu erleben. Ein Fakultätsposten an einer altehrwürdigen Universität war nicht schlecht. Da konnte eine Wirtschaftskrise kommen, die Gehälter mochten vorübergehend gekürzt werden - Mitglieder der Fakultät überlebten allemal bis in ihre alten Tage. Und selbst wenn man sich zurückzog, führte man als Professor emeritus ein angenehmes Leben bei halbem Gehalt. Die Zeit ging vorüber, zwei Jahre, und er war assistierender Professor. Seine Forschungsarbeit bezog sich auf ausgefallene Themen - interessant, aber nichts Aufregendes. Es ging dabei still zu, denn er wählte seine Themen schon dementsprechend aus. Die Forschungsmittel gingen freilich immer dorthin, wo »etwas los war«, und deshalb kam er dabei zu kurz. Das gleiche galt für die erhoffte Beförderung zum außerordentlichen Professor.

Er konnte Doris' Einstellung zu diesem Problem begreifen. Siebzehn Jahre versah er jetzt sein Amt, und jedes Jahr kam der weiße Zettel – nicht der rosa, sondern der weiße Zettel -, der die Verlängerung des Anstellungsverhältnisses bedeutete. Für ein Jahr. Doris strebte natürlich eine unkündbare Position an. Brade versuchte ihr zu erklären, dass »unkündbar« auch nur ein Wort war. Dass es hieß, dass man nicht vor die Tür gesetzt werden konnte, außer wenn ein Grund vorlag und der Universitätssenat (der sich aus Kollegen zusammensetzte) sein Votum dafür abgab, dass aber einem Professor nicht unbedingt gekündigt werden musste. Man konnte ihn auch dazu überreden, von selbst seinen Abschied zu nehmen, und ihm, wenn er nicht reagierte, das Leben so unmöglich machen, dass er, ob unkündbar angestellt oder nicht, früher oder später hinausgeekelt wurde. Doch das alles überzeugte Doris nicht. Sie wusste nur, dass ihr Mann von einem Jahr zum anderen entlassen werden konnte. Ohne feste, unkündbare Anstellung war kein Kündigungsgrund und kein Votum des Senats erforderlich.

Sie hatte ständig eine wirtschaftliche Krise vor Augen und wollte Sicherheit.

Und ich will sie auch, dachte Brade düster.

Er bog in den Fakultätsparkplatz ein und suchte sich ein freies Rechteck. Er nahm, was er kriegen konnte. Die reservierten Parkflächen an der Rückwand des Chemischen Instituts waren außerordentlichen und ordentlichen Professoren vorbehalten. Gewöhnlich achtete er nicht darauf, aber heute wurde er sich bewusst, dass auch dies ein Aspekt war, der mit der magischen Trennungslinie zwischen dem assistierenden und dem außerordentlichen Professor zu tun hatte. Er ging die Holztreppe hinauf, die um das Gebäude herum zum Haupteingang des Instituts führte. Zwei Studenten auf einer der steinernen Bänke an dem mit Backsteinen gepflasterten Weg quer über den Rasen sahen zu ihm auf. Der eine flüsterte dem anderen etwas zu, und sie folgten ihm mit ihren Blicken.

Brade zog die Schultern hoch und ging weiter. Er hatte sich keine Morgenzeitung gekauft; sicher stand alles darin.

Aber machte ihn das zu einem Objekt der Neugierde, verdammt noch mal?

Er merkte, dass er viel zu schnell ging, und zwang sich zu einer langsameren Gangart, als er durch die breite Doppeltür schritt. Und indem er hier linksherum ging, begann der Tag für ihn unter ungünstigem Vorzeichen. Er hätte sich nach rechts wenden sollen, wo der Aufzug war, der ihn zum vierten Stock und zu seinem Arbeitszimmer gebracht hätte.

Aber er wandte sich nach links und öffnete eine Tür, auf der CHEMISCHES INSTITUT stand - und kam sich plötzlich wieder wie der Volksschüler vor, den ein strenger, zwei Meter großer Lehrer zum zweieinviertel Meter großen Rektor geschickt hatte. Er sah auf seine Uhr. Es war 8 Uhr 20, und er war zehn Minuten zu früh. Jean Makris fertigte einen Studenten ab; sie stand auf, als Brade sich gerade setzte.

»Er wird Sie sofort empfangen, Professor Brade«, sagte sie. »Er führt gerade ein Ferngespräch.«

»Schon gut«, sagte Brade. »Ich bin zu früh, ich weiß.«

Sie trat hinter dem Schreibtisch hervor und kam auf ihn zu. Brade unterdrückte den Impuls, ein Stück zurückzuweichen, denn er hatte bei solchen Gelegenheiten immer den Eindruck, sie wollte ihm die Krawatte geradeziehen.

Jean Makris hatte ein längliches Gesicht mit vorstehenden Zähnen und einem bekümmerten Ausdruck, der aber, davon war Brade überzeugt, nichts mit einem wirklichen Kummer zu tun hatte. Sie war tüchtig, verstand es geschickt, unangenehme Besucher abzuschütteln, erinnerte ihn, Brade, an Verabredungen und Termine und ersetzte ihm, so gut sie konnte, in ihren freien Augenblicken die Sekretärin, die die Universität ihm nicht zubilligen wollte.

Sie sagte in vertraulichem Ton: »Ich war ganz aufgeregt gestern, nachdem Sie mich angerufen hatten, Professor Brade. Für Sie muss das ja schlimm gewesen sein.« »Es war schon ein Schock, Miss Makris.«

Ihr Ton wurde noch vertraulicher. »Ich hoffe, Ihre Frau hat sich nicht gewundert, weil Sie später kamen. Ich habe es ihr zu erklären versucht.«

»Ja, vielen Dank, das war nett von Ihnen.«

»Ich dachte nur, wo Sie immer so pünktlich sind, denkt Ihre Frau vielleicht, na ja, Sie wissen - sie ist vielleicht beunruhigt und denkt, na ja -« Brade fragte sich einen verstörten Augenblick lang, ob Miss Makris damit meinte, seine Frau könnte ihn eines Seitensprungs verdächtigt haben. Er blickte sie entgeistert an.

Sie kam jedoch gleich auf ein anderes Thema zu sprechen. »Ich nehme an, die Sache geht Ihnen deshalb besonders nahe, weil er ja bei Ihnen seine Arbeit machen wollte.«

>Ja, das kann man wohl sagen.« »Nun, in diesem Zusammenhang -« Es summte leise auf Miss Makris' Schreibtisch, und sie sagte sofort: »Professor Littleby lässt Sie jetzt bitten - aber ich erzähle Ihnen das noch, wenn Sie herauskommen.« Sie nickte ihm vielsagend zu. Als Brade aufstand und auf die Tür zu Littlebys Büro zuging, sah er gerade noch, wie sie ihre Bluse zu rechtzupfte, die zweifellos so jungfräulich weiß war wie der unscheinbare Busen darunter. Professor Littleby legte den Hörer auf; er lächelte mechanisch. Es mag einmal eine Zeit gegeben haben, sagte sich Brade, als dieses Lächeln echt gewesen war, doch Menschen in hohen Verwaltungspositionen können sich nicht darauf verlassen, dass eine menschliche Motivierung bei allen passenden Gelegenheiten ein Lächeln auslöst. Sie müssen ganz sichergehen, also wird diese Mechanik eingebaut und geölt, bis das Lächeln unter Garantie über das Gesicht zuckt, wie wenig dem Lächler innerlich auch danach zumute ist.

Sein eigenes mechanisches Lächeln aufsetzend, sagte Brade: »Guten Morgen, Professor Littleby.«

Professor Littleby nickte, rieb sich das Ohr und sagte: »Schreckliche Sache, das. Ganz schreckliche Sache.«

Sein breites, rosigglänzend glattrasiertes Gesicht spiegelte den angemessenen Augenblick lang Besorgnis wider: Er trug natürlich ein Jackett, aber darunter noch eine Weste. Er war der einzige Angehörige der Fakultät, der zu allen Jahreszeiten eine Weste trug, ob aus Ehrerbietung vor seiner Verwaltungsposition oder aus Unkenntnis der Tatsache, dass Westen zur Zeit nicht modern waren, vermochte Brade nicht zu sagen.

Die Zeit war für Littleby in den letzten zwanzig Jahren stehengeblieben. Damals war sein Buch über Elektrochemie in der dritten Auflage das Standardwerk auf diesem Gebiet gewesen. Aber zu einer vierten Auflage war es nicht gekommen, und jetzt war das Buch vergriffen. Gelegentlich sprach Littleby von einer neuen Auflage, an der er zu arbeiten gedachte, wenn er die Zeit dazu fand, aber sogar er selbst glaubte nicht mehr recht daran.

Es tat auch nichts zur Sache. Das Buch hatte seinen Ruf begründet, und ein paar Patente, die mit dem Elektroplattieren von Chrom zu tun hatten, sicherten ihm ein bescheidenes, aber unabhängiges Einkommen und gewiss den Aufstieg zum Leiter des Chemischen Instituts, wenn der alte Bannermann gestorben war.

Brade nickte und pflichtete ihm darin bei, dass »das« eine schreckliche Sache war.

»Natürlich ist es irgendwie nicht überraschend«, sagte Littleby, »dass es gerade diesem Studenten passieren musste. Ein richtiger Außenseiter, wie ich Ihnen schon gestern bei unserem Telefongespräch sagte. Ich habe mir die Fakultätsberichte über ihn angesehen, und die sind durchweg nicht günstig, auch wenn Sie persönlich mehr von ihm zu halten schienen.«

»Er war in mancher Beziehung ein schwieriger Mensch«, sagte Brade, »aber er hatte auch seine guten Seiten.«

»Sicher«, erwiderte Littleby kalt. »Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich muss in erster Linie an die Universität, an unser Institut denken.«

Littleby schob die Papiere auf seinem Schreibtisch zurecht, und Brade beobachtete ihn aufmerksam.

»Es darf uns niemand nachsagen können«, fuhr Littleby fort, »dass die Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet wurden.« »Nein, natürlich nicht.«

»Wie ist es übrigens passiert? Es war Hydrogenzyanad, nicht wahr, aber wie ist es dazu gekommen, dass er das Zeug einatmete?«

Brade erläuterte die oberflächlichen Zusammenhänge.

Littleby sagte: »Nun, da sehen Sie es. Das System hätte nicht offen sein dürfen. An dem Gefäß hätte ein Rückflusskühler sein sollen. Dann hätte er seine törichte Nase nicht hineingehängt.«

Brade hatte Ralph mehr als einmal einen Rückflusskühler vorgeschlagen, erwähnte das aber jetzt nicht, weil es sonst so ausgesehen hätte, als verstecke er sich hinter einem Toten. So begnügte er sich mit der Feststellung: »Das hätte eine Spezialausrüstung erforderlich gemacht, und ich nehme an, Neufeld glaubte das Experiment besser unter Kontrolle halten zu können, wenn das Gefäß offen war. Ein Dampfverlust war nicht entscheidend, und er konnte Material auf weniger umständliche Weise hinzufügen.«

»Unsinn. Die Sache ist die, dass für die jungen Leute von heute die Sicherheit immer erst an letzter Stelle rangiert. Ich sage Ihnen, ich habe die Labors inspiziert, und ich war entsetzt, entsetzt darüber, was ich da alles gesehen habe. Ich habe gesehen, wie Lösungsmittel auf einer offenen Flamme gekocht wurden. Niemand scheint mehr einen Asbestring zu benutzen. Und die Abzüge sind in jämmerlichem Zustand. Ehrlich gesagt, ich hatte die Absicht, wegen dieses Problems eine Abteilungskonferenz einzuberufen, und dass ich es nicht vor diesem unglücklichen Ereignis jetzt getan habe, betrübt mich sehr.«

Brade rekelte sich unruhig in seinem Sessel. An den Sicherheitsvorkehrungen in den Studentenlabors war nichts auszusetzen. »Von einem Schnitt in den Finger oder einer Ätzwunde abgesehen, war das der erste Unfall in zehn Jahren.« »Genügt Ihnen denn einer nicht?«

Brade schwieg, und Littleby genoss seine in gewichtigem Ton vorgebrachte Erwiderung ein paar Augenblicke zu lange und fuhr dann fort: »Ich glaube, wir sollten einen Kurs über Sicherheitsbestimmungen einlegen; eine Reihe von Vorlesungen über die Ge- und Verbote im Labor, sozusagen. Wir können sie auf fünf Uhr nachmittags legen, und das Erscheinen wird für alle Studenten Pflicht sein, die irgendwelche Laborkurse besuchen. Was halten Sie davon?« »Wir können es einmal versuchen.« »Gut. Dann bitte ich Sie, Professor Brade, den Kurs zu organisieren, und ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn Sie auch Cap Anson dafür gewinnen könnten. Der alte Herr wird sich sicher freuen, wenn er wieder einmal aktiv bei uns mitmachen kann, und das wäre jetzt eine gute Gelegenheit.«

»Ja, Sir«, sagte Brade kalt. Ihm gefiel das gar nicht. Der Kurs schien als Strafe für ihn bestimmt zu sein, als ein Buß- und Reinigungsritual im danteschen Stil. Sein Student war leichtfertig gewesen, also musste er nun andere Studenten zwingen, weniger leichtfertig zu sein. Littleby sagte: »Eine Vorlesung wöchentlich, vielleicht, und ich würde noch diese Woche damit anfangen. Wenn die Presse -«Er räusperte sich. »Es kann nichts schaden, wenn wir sagen, wir hätten das schon seit einiger Zeit vorgehabt, als Teil unseres ständigen Sicherheitsprogramms. Und es würde durchaus der Wahrheit entsprechen, denn ich sagte Ihnen ja, das Problem liegt mir nicht erst seit heute auf der Seele. Ja.«

Er blickte plötzlich zur Wanduhr auf, die Viertel vor neun anzeigte. »Ihre Vorlesung beginnt um neun, nicht wahr, Professor Brade?« »Ja, ganz recht.«

»Fühlen Sie sich dazu denn überhaupt imstande? Ich könnte mir immerhin denken, dass diese Sache gestern Sie so sehr mitgenommen hat -«

»Nein, das hat sie nicht«, erwiderte Brade rasch. »Ich kann meine Vorlesung sehr wohl halten.«

»Schön, schön. Ach, um noch einmal auf meine kleine Gesellschaft morgen abend zu sprechen zu kommen - ich hoffe, Sie können kommen, Ihre Frau und Sie? Immerhin, wenn Sie in Anbetracht der Umstände das Gefühl haben sollten -«

Brade hatte Mühe, nicht in einen steifen Gesprächston zu verfallen. »Ich glaube, wir werden kommen. Wir freuen uns so sehr darauf, dass -« Und in einem Wirrwarr von unfertigen Sätzen gefangen, nickten beide sehr förmlich und lächelten sich mechanisch an mit einer Höflichkeit, aus der jede Liebenswürdigkeit geschwunden war.

Er will nicht, dass ich komme, dachte Brade. Ich bin vom Tod gezeichnet. Mache keine gute Reklame.

Wenn es nicht wegen Doris wäre, würden wir auch nicht kommen. Arme Doris. Hatte bis jetzt noch die Chance einer Beförderung bestanden, so sah es nun eher trostlos aus. In Littlebys kleinen Augen leuchtete keinerlei Großmut auf. Würde Doris sich damit abfinden können? Sie redete manchmal in verzweifeltem Ton, aber sie besaß verborgene Kräfte, auf die sie sicher auch jetzt zurückgreifen konnte. Ein ganz anderer Gedanke kam ihm, als er sich umwandte und ging, ein Gedanke, der mit Littlebys Bemerkung über die Fakultätsberichte zu tun hatte. Alle Angehörigen des Lehrkörpers beurteilten die Leistung eines Studenten nicht nur mit einer Buchstabenzensur, die veröffentlicht wurde, sondern berichteten auch, soweit es ihnen möglich war, über seinen Charakter und seine Persönlichkeit. Diese Berichte blieben geheim.

Sie waren natürlich den Fakultätsmitgliedern zugänglich, und Brade hatte die Berichte über Ralph flüchtig durchgelesen, ehe er ihn als Doktorand annahm. Aber es war auch nur ein flüchtiges Durchlesen gewesen. Er wusste damals, dass man auf Ralph nicht gut zu sprechen war; deshalb hatte er den Beurteilungen kein Gewicht beigemessen. Nun bekam die ganze Sache einen neuen Aspekt. Wer immer den jungen Mann getötet hatte, er musste ihn gehasst haben. Ranke konnte Neufeld nicht leiden, das war bekannt; und sogar Dr. Shulter von der medizinischen Fakultät, der ihn nur flüchtig kannte, war nicht von ihm angetan gewesen, und so ging es fast allen. Immerhin mochte sich in der Formulierung des einen oder anderen Berichts über ihn eine Stelle finden, die auf ein zusätzliches Element in den Gefühlsbeziehungen schließen ließ.

Auf jeden Fall konnte sich Brade mit großer Erleichterung sagen, dass er Ralph immer recht positiv beurteilt hatte. Er war so ziemlich das einzige Fakultätsmitglied, dessen Verhältnis zu Ralph frei von Abneigung war.

»Wie bitte?« Er fuhr zusammen, als sein Ohr endlich Laute registrierte. »Entschuldigen Sie, Miss Makris, ich habe leider nicht zugehört.« »Das hat man Ihnen angesehen«, sagte Jean Makris in spitzbübischem Ton. »Sie kamen völlig gedankenverloren aus dem Büro, und wenn ich Sie nicht am Arm gepackt hätte, wären Sie wahrscheinlich gegen die Tür gerannt.«

»Ja, ja. Aber jetzt bin ich wieder ganz da.«

»Professor Littleby war nicht-«, ihr Blick wanderte rasch zur Tür von Littlebys Büro, »- unangenehm oder so, nein?« »Nein, es war eine Routinebesprechung.«

»Schön. Nun, dann will ich es Ihnen schnell sagen, damit Sie beruhigt sind, wissen Sie, falls Sie sich wegen Ralph aufgeregt haben; ich meine, falls Ihnen sein Tod persönlich zu schaffen macht, ich meine -« Sie starrte ihn jetzt forschend an, das lange Gesicht ein wenig zur Seite geneigt, und ihre Stimme hatte etwas Lebhaftes, so als hätte sie dies einerseits schon lange sagen wollen, zögerte aber andererseits noch, den spannenden Augenblick durch eine zu schnelle Preisgabe der Pointe abzukürzen.

»Ich habe jetzt eine Vorlesung, Miss Makris«, sagte Brade. »Bitte, fassen Sie sich kurz.«

Ihr Gesicht war dem seinen auf einmal sehr nahe; ihre Augen leuchteten. »Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ralph nichts getaugt hat. Dass Sie sich seinen Tod nicht zu Herzen zu nehmen brauchen. Er hat Sie gehasst.«

5

Brade stürzte wortlos aus dem Vorzimmer und ging in automatisch schnellem Tempo die Treppe hinauf, um sein Büro aufzusuchen. Zwischen dem zweiten und dritten Stock fiel ihm seine Vorlesung wieder ein, und so machte er kehrt und eilte wieder hinunter. Als er das Halbrund des Hörsaals im ersten Stock betrat, war er etwas außer Atem. Die Studenten saßen auf ihren Plätzen.

Es war ein sehr großer Raum, und der altmodischste im ganzen altmodischen Institutsgebäude. Die Sitze stiegen nach hinten zu immer steiler an, so dass die beiden Gänge flache Stufen hatten. Die Sitze in den letzten Reihen zogen sich links und rechts nach vorn herum und bildeten eine Art Balkon.

Der Raum war insgesamt für 250 Personen eingerichtet, so dass er zumeist für Seminare benutzt wurde und für Prüfungen, bei denen man die Studenten relativ weit auseinander setzen konnte. Der Kursus in organischer Chemie für die ersten Semester umfasste jedoch nur vierundsechzig Studenten, die in ihrer Mehrzahl gewöhnlich in der Mitte vor dem Pult Platz nahmen und von dort nach allen Seiten ausfächerten. Es gab keine formelle Sitzordnung, so dass dieses spontane Ergebnis, wie sich Brade sagte, mathematisch als ein Fall von Diffusion betrachtet werden konnte.

Er hatte auch beobachtet, dass die weniger begabten Studenten im allgemeinen am weitesten hinten saßen. Wie kam das? Hofften sie, auf diese Weise nicht bemerkt zu werden? Erstrebten sie in unbewusster Bescheidenheit eine Trennung von ihren klügeren Kommilitonen? Fanden sie den Dozenten langweilig und aus der Ferne erträglicher als aus der Nähe?

Für Verhaltensforscher wäre das ein Thema für eine Untersuchung gewesen.

Natürlich unterschied sich heute die Sitzordnung deutlich von der anderer Tage. Es gab keine »Diffusion«. Die vierundsechzig Studenten hatten sich in einem dichten Knäuel vor dem Katheder versammelt, als hätte sie eine Riesenhand von hinten nach vorn zusammengedrückt. Louis Brade auf dem Kathederpodium rückte unwillkürlich an seiner Brille.

Sie wollen mich beobachten, dachte er. Sie wollen sehen, was ich für ein Gesicht mache, wo jetzt einer meiner Studenten gestorben ist. Oder war es nur die allgemeine Faszination des Todes? Er begann in dem nüchternen, gleichmäßigen Ton, den er immer bei solchen Gelegenheiten anschlug. »Wir kommen heute zu mehreren wichtigen chemischen Verbindungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass in ihren Molekülen ein Kohlenstoff und ein Sauerstoffatom enthalten sind, die durch eine doppelte Bindung miteinander verknüpft sind.«

Er zeichnete die Karbonylgruppe auf die Tafel.

Seine Stimme klang ihm völlig normal im Ohr. Ausnahmsweise einmal war er für seinen Vortragsstil dankbar, der bewusst jede persönliche Note in der Modulation ausschaltete.

Dieser Stil war genau das Gegenteil des Stils, den beispielsweise Merrill Foster bevorzugte, der andere Vertreter der organischen Chemie in der Fakultät (sieben Jahre auf seinem Posten jetzt, assistierender Professor wie Brade, intelligent, ehrgeizig - und ein Angeber). Foster hielt die Vorlesung über synthetische organische Chemie für die fortgeschrittenen Semester. Wenn Brade daran dachte, fiel ihm immer wieder der Tag ein, an dem Foster mit dieser Vorlesung beauftragt worden war - und die Art, wie Doris darauf reagiert hatte. Doris hatte nicht begreifen wollen, dass der Anfängerkurs der schwierigere und mit mehr Verantwortung belastet war. Die Vorlesung für Fortgeschrittene besuchten nur fünfzehn Studenten und keine vierundsechzig. Foster las dreimal wöchentlich, während Brade sich seinem Anfängerkurs fünfmal widmen musste. Aber für Doris bedeutete weniger Vorlesungen und weniger Hörer nicht weniger Verantwortung, sondern ein leichteres Leben. Und gleichzeitig sah sie es als die wichtigere Position an, als ob der Status eines Dozenten bestimmt würde durch den vergleichsweisen Status der jeweiligen Studenten. Brade versuchte Doris zu erklären, dass es gerade die älteren und erfahreneren Mitglieder des Lehrkörpers waren, die mit der Ausbildung der Anfänger beauftragt wurden. Mit älteren Semestern konnte jeder frischgebackene Doktorand umgehen. Und dazu missbilligte Brade die Art, wie Foster seine Vorlesungen gestaltete. Foster schlug einen geistreichen, bewusst saloppen Ton an, der manchen Studenten gefiel, aber auch der Disziplin abträglich war. Foster bezeichnete das im Verlauf einer Synthese bei Nebenreaktionen anfallende nutzlose Material als »Schmier« oder »Mist«. Er fügte nie einfach Pyridin hinzu, sondern gab einer Reaktion »einen Spritzer Pyridin«.

Noch schlimmer schien Brade, dass Foster in seinen Vorlesungen immer wieder abschätzige Bemerkungen über Studenten im allgemeinen und gewöhnlich auch über einen bestimmten Studenten im besonderen fallen ließ - vorzugsweise über einen, der sich zu Erwiderungen und zu einem Rededuell zwischen Dozentenpult und Hinterbank hinreißen ließ, einem Duell, welches das Dozentenpult jederzeit gewinnen konnte.

Brade fuhr fort: »Das Kohlenstoffatom der Karbonylgruppe hat, wie Sie sehen, zwei freie Wertigkeitsbindungen, die am einfachsten durch zwei Wasserstoffatome ausgefüllt werden. In diesem Falle erhalten wir Formaldehyd.«

Eigenartig, wie er dozieren und gleichzeitig beobachten konnte, wie sein Denken untergründig weiterarbeitete. Das erinnerte ihn an den alten Witz von dem alten Professor, der zu einem Kollegen sagte: »Gestern nacht habe ich geträumt, ich stehe vor meinen Studenten am Vorlesungspult. Ich wachte plötzlich auf, und da war's auch tatsächlich so!«

Ralph Neufeld hatte Fosters Kurs nur mit der Note C abgeschlossen. Brade hatte versucht, darüber mit ihm zu sprechen, war aber auf hartnäckiges Schweigen gestoßen. Ralph Neufeld hatte nur zu erkennen gegeben, dass er gegen Foster eine persönliche Abneigung gefasst hatte.

Brade glaubte damals zu wissen, was passiert war. Ralph war genau der Typ, der Foster zu seinen spitzen Bemerkungen veranlasste, der die Ironie des Dozenten nicht still über sich ergehen lassen konnte. Falls Foster ihn zur Zielscheibe seines Spotts gemacht hatte, hatte Ralph es ihm vielleicht mit noch bissigeren Worten heimgezahlt. Es war schwer zu entscheiden, welchen Einfluss ein persönlicher Antagonismus auf die Note gehabt hatte, aber Brade beschloss, sich Fosters Formulierungen in den Fakultätsberichten über Ralph noch einmal genau anzusehen.

Er dozierte weiter und schrieb langsam die Gleichung an die Tafel, welche die Umwandlung von Methylalkohol in Formaldehyd darstellte, und fügte ihr die Gleichung für die Umwandlung von Äthylalkohol in Acetaldehyd hinzu. Er beschrieb sodann die dazu erforderlichen Bedingungen. Dies würde später zwangsläufig zu einer Diskussion über den zum Teil ionischen Charakter der Karbonylgruppe und ihre Resonanzformen führen.

Aber warum hatte jemand Ralph töten wollen? Wenn Professor Ranke mit ihm nicht zufrieden war, konnte er ihn aus seiner Laborgruppe hinauswerfen, wie er es ja auch getan hatte, und damit hatte er seinem Zorn gewiss genügend Ausdruck verliehen. Wenn Professor Foster mit ihm nicht zufrieden war, bedeutete eine Note C in den Papieren der Studenten ebenfalls Rache genug.

Und wenn sie wirklich ein Tatmotiv hatten, wie hatten sie dann bei dem Mord nach dieser speziellen Methode vorgehen können? Sie wussten doch nicht genau, wie Ralph seine Versuche durchführte. Aber er, Brade, wusste davon.

Und er hatte gleichsam schon den ersten Zipfel eines Tatmotivs.

Er konnte dem Gedanken nicht länger ausweichen. Er sah wieder Jean Makris' längliches Gesicht vor sich, spürte wieder die Wärme ihres Atems an seinem Kinn, als sie ihm das eben gesagt hatte.

Und sie hatte Ralph gehasst. Dieser Hass war ihr aus allen Poren gedrungen.

Aber warum sollte sie Ralph gehasst haben? Es gibt natürlich hundert Gründe, aus denen jemand einen anderen, vor allem ein Mädchen einen jungen Mann, hassen kann. Aber welcher Grund kam hier in Frage? Und warum sollte Ralph ihn, Brade, gehasst haben, verdammt noch mal? Er hatte dem Jungen geholfen; er hatte sich seiner angenommen, als andere ihn verstoßen hatten. Einen Augenblick lang verspürte Brade die nicht unangenehme Gefühlswallung des Selbstmitleids. »Die Leichtigkeit, mit der sich Aldehyde mit Sauerstoff verbinden, bedeutet natürlich, dass sie ausgezeichnete Reduktionsmittel sind. Diese Tatsache ist von Nutzen sowohl bei der Charakterisierung der Aldehyde wie auch ganz allgemein bei der organischen Synthese. Die ist auch von hervorragender Bedeutung bei der Zuckeranalyse. Früher wurde letztere zum Beispiel zur Entdeckung von Zucker im Urin angewandt, um festzustellen, ob Diabetes vorliegt. Heute benutzt man statt dessen eine enzymatische Methode.«

Aber was nun auch der Grund gewesen sein mochte, Ralphs Hass war gefährlich. Wenn die Polizei von diesem Hass erfuhr, würde sie forschen und bohren und brachte dabei vielleicht wirklich etwas zutage, aus dem sich ein Tatmotiv für ihn, Brade, konstruieren ließ. Der Gegenstand des Hasses mochte Grund gewesen sein, den Hasser zu töten. Und wenn sowohl Gelegenheit wie Motiv auf ihn, Brade, deutete, dann war er in einer schwierigen Lage.

Das Mädchen konnte gelogen haben. Aber warum? »Abgesehen vom Formalin, das ja, wie ich sagte, nur eine Lösung von Formaldehyd in Wasser ist, lässt sich Formaldehyd noch auf eine andere Art leicht handhaben, und zwar in der Form von Paraformaldehyd, einem Polymer, das entsteht durch die Einwirkung von -« Seine Stimme blieb ruhig bis zum Schluss.

Vielleicht konnte er sich um so leichter beherrschen, als er mit seinen Studenten eine Art Duell ausfocht. Sie beobachteten ihn; sie warteten nur darauf, dass seine Stimme versagte, dass seine Gedanken vom Thema fortwanderten, dass er durch irgendein Zeichen zu erkennen gab, wie tief ihn die Ereignisse des Vortags erschüttert hatten. Sie warteten nur darauf, und Brade fühlte sich verpflichtet, ihnen den Gefallen nicht zu tun.

Endlich kam das Klingelzeichen, und Brade legte die Kreide aus der Hand. »Über die einzelnen Zusatzprodukte der Karbonylverbindungen sprechen wir dann am Montag«, sagte er und ging zur Tür. Er wartete diesmal nicht auf die unvermeidlichen fünf, sechs Studenten, die immer noch Fragen hatten. Das war ein weiteres Thema für einen Soziologen. Es waren praktisch immer dieselben Studenten, die zu ihm kamen. Einige wollten sich zweifellos einfach beliebt machen. Einige mochten sich dabei wichtig vorkommen. Wieder andere wollten ihn vielleicht ärgern und mit Fragen aufs Glatteis führen. Und ein paar schließlich (und ihretwegen nahm Brade die andern geduldig mit in Kauf) wollten wirklich etwas näher erklärt haben oder ihren Wissensdurst befriedigen.

Diesmal aber ließ er sie alle stehen und ging sofort hinaus - sein einziges Zugeständnis an den besonderen Charakter des Tages. Cap Anson wartete schon in seinem Arbeitszimmer und blätterte in seinem neuen Buch über heterozyklische Chemie, das Brade vor drei Tagen erhalten hatte. Es war der erste Band eines auf zehn Bände bemessenen Werkes.

Anson blickte auf, als Brade eintrat (früher war dies einmal Ansons Arbeitszimmer gewesen), und sein altes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

»Ah, Brade! Fein!« Anson setzte sich an eine Schmalseite des Konferenztischs. (An dem Tisch hatten zehn Personen Platz, und er wurde gelegentlich benutzt, wenn Brade für seine älteren Studenten ein formloses Seminar abhielt.) Anson breitete ein Bündel Manuskriptseiten aus und sah ihn erwartungsvoll an. »Haben Sie die revidierte Form des 5. Kapitels gelesen?«

Brade hätte vor Erleichterung fast gelacht. Es war Erleichterung, was er verspürte. Es war, als hätte sich in ihm mit einem leisen Knacks eine Feder entspannt. Da mochten Studenten sterben und Polizeibeamte Fragen stellen und alle andern ihn, Brade, ansehen, als könnten sie es mit dem Tod persönlich zu tun haben - Anson, der gute alte, stur seinen Gewohnheiten treu bleibende Cap Anson dachte nur an sein Buch. Brade sagte: »Es tut mir leid, Cap. Ich bin noch nicht dazu gekommen.« Der Schatten der Enttäuschung lag plötzlich schwer auf dem kleinen Mann. (Er war natürlich nur körperlich klein und ging noch immer sehr sorgfältig gekleidet, das Jackett ordentlich zugeknöpft. Seit einigen Jahren trug er einen Spazierstock bei sich, aber mit ihm berührte er gewiss nur dann den Boden, wenn niemand hinsah.) Er sagte: »Ich dachte, gestern abend -« »Ich weiß, ich hatte das Problem Berzelius mit Ihnen besprochen und die revidierte Fassung lesen wollen. Es tut mir leid, dass ich unsere Verabredung nicht einhalten konnte.« Es lag ihm auf der Zunge, hinzuzufügen, dass dies das erstemal war, dass ihm dies passierte, aber er unterließ es.

»Nun, lassen wir das, aber abends zu Hause hatten Sie doch sicher Zeit, einen Blick hineinzuwerfen.« Seine noch immer sehr lebhaften blauen Augen flehten ihn gleichsam an, als müsse er, Brade, wenn er es nur versuchte, sich daran erinnern, dass er das Kapitel doch gelesen hatte.

»Ich war gestern abend etwas durcheinander, Cap, Sie müssen schon entschuldigen. Ich lese es jetzt schnell zusammen mit Ihnen durch, wenn Sie wollen.«

»Nein.« Mit leicht bebenden Händen raffte Cap Anson seine Papiere zusammen. »Ich möchte, dass Sie es sich in Ruhe ansehen. Es ist ein wichtiges Kapitel. Ich behandele die organische Chemie in diesem Kapitel als eine moderne, systematische Wissenschaft, und der Übergang ist nicht einfach. Ich komme morgen früh bei Ihnen zu Hause vorbei.«

»Tja, morgen ist Samstag, und ich habe Doris versprochen, dass ich mit meiner Tochter in den Zoo gehe, wenn schönes Wetter ist. « Das schien Anson an etwas zu erinnern. Er sagte in etwas scharfem Ton: »Ihre Tochter hat Ihnen doch das Manuskript gegeben, das sie von mir bekommen hat, ja?« »Ja, natürlich.«

»Na, gut, wir sehen uns dann morgen früh.«

Er stand auf. Er ging nicht auf Brades Bemerkung über den geplanten Zoobesuch ein. Das war nicht seine Art, und Brade hatte es auch nicht anders erwartet. Anson schrieb an einem Buch, und da interessierte ihn sonst gar nichts.

Das Buch! Es war, als hätte Brade aus seinen eigenen Sorgen heraus ein neues Mitleidsvermögen entdeckt. Anson hatte sein tiefstes Mitgefühl. Er war ein bekannter, großer, vielgeehrter Mann gewesen -und er hatte zu lange gelebt.

Seine wirklich große Zeit, als er in der organischen Chemie unumstritten herrschte, als eine gegenteilige Bemerkung von ihm eine neue hoffnungsvolle Hypothese im Keim ersticken konnte, als die Vorträge, die er auf Tagungen hielt, ein gespannt lauschendes Publikum fanden -diese Zeit lag zwei Jahrzehnte zurück.

Als Brade seinen Doktor machte, war Anson schon ein Veteran, und die organische Chemie begann sich seinem Zugriff zu entziehen. Eine neue Zeit war heraufgedämmert. Das Chemielabor war elektronisch geworden. Brade musste sich eingestehen, dass er dagegen ankämpfte, aber es war nun einmal so. Aus Chemie waren Instrumentierung und Mathematik, Reaktionsmechanismen und Kinetik geworden. Die altmodische Chemie, die eine Kunst und eine Sache des Gefühls gewesen war, gab es nicht mehr.

Anson war allein mit seiner Kunst zurückgeblieben, und die Chemiker sprachen von ihm wie von einem großen Mann, der nicht mehr lebte. Nur dass man seltsamerweise eine kleine Gestalt, die an Anson in seinen späteren Jahren erinnerte, gelegentlich bei Chemikertagungen noch immer Hotelflure entlanggehen sehen konnte. Und so wandte sich Anson als Emeritus seinem großen Ruhestandsprojekt zu - einer abschließenden Geschichte der organischen Chemie, einer Beschreibung jener Zeit, als Giganten aus Luft, Wasser und Kohle Substanzen gebildet hatte, die es in der Natur nicht gab. Aber war das denn, fragte sich Brade plötzlich, etwas anderes als Flucht vor der Wirklichkeit? Vor der Wirklichkeit dessen, was die physikalische Chemie mit Ansons geliebten Reaktionen machte, ein Rückzug in jene Zeit, als Anson eine maßgebliche Persönlichkeit gewesen war? Cap Anson war schon an der Tür, als Brade einfiel, dass er etwas vergessen hatte. »Ach, übrigens, Cap -« Anson wandte sich um. »Ja?«

»Ich werde ab nächste Woche eine Reihe von Vorlesungen über die Sicherheitsmaßregeln im Labor halten, und es wäre fein, wenn Sie Zeit hätten und mir ein oder zwei Vorlesungen abnehmen könnten. Schließlich haben Sie von uns allen hier die längste Laborerfahrung.« Anson runzelte die Stirn. »Sicherheitsregeln im Labor? Ach so, ja - Ihr Student, Neufeld. Er hatte diesen tödlichen Unfall.« Brade dachte: Dann weiß er es also doch.

Laut sagte er: »Das ist einer der Gründe, weshalb wir uns zu diesem Kurs entschlossen haben, ja.«

Aber Ansons Gesicht hatte sich in jähem Zorn verzerrt, und er hob seinen Stock und ließ ihn dann auf die Tischplatte knallen, dass es krachte wie ein Pistolenschuss. »Ihr Student ist ums Leben gekommen, und Sie sind schuld daran, Brade! Sie sind schuld!«

6

Der Knall, aber noch mehr die mit aller Schärfe vorgebrachten Worte Ansons hatten Brade erstarren lassen. Er griff hinter sich nach seinem Stuhl, bekam ihn aber nicht zu fassen. Anson sagte etwas ruhiger: »Sie können die Verantwortung nicht leugnen, Brade.« Brade sagte: »Cap, ich - ich -«

»Sie waren sein Doktorvater. Was er auch im Labor tat, fiel in Ihren Verantwortungsbereich. Sie hätten wissen müssen, was für ein Mensch er war. Sie hätten genau wissen müssen, was er tat, was er dachte. Sie hätten ihn entweder zur Vernunft bringen oder hinauswerfen müssen, wie Ranke das getan hat.«

»Sie sprechen von moralischer Verantwortung.« Brade fühlte sich schwach und erleichtert, als wäre die moralische Verantwortung für den Tod des jungen Mannes gar nichts. Seine Hand fand endlich den Stuhl, und er setzte sich. »Aber Cap, ein Professor kann und muss sich um seine Studenten kümmern, aber das geht doch nur bis zu einer gewissen Grenze.«

»Und die haben Sie noch nicht erreicht. Aber ich mache nicht nur Ihnen einen Vorwurf. Es ist die ganze allgemeine Einstellung heute. Das Forschungsexperiment ist zu einem Spiel geworden. Der Doktortitel ist ein Trostpreis, den man dafür bekommt, dass man sich zwei Jahre lang in einem Labor herumgedrückt hat, während der Professor seine Zeit im Büro mit dem Ausfüllen von Anträgen für Forschungsgelder verbringt. Zu meiner Zeit musste man sich den Doktortitel verdienen. Der Student wurde nicht dafür bezahlt. Nichts mindert eine echte Leistung so herab, als wenn man sie für Geld vollbringt. Meine Studenten haben sich für ihren Doktor abgeschuftet; sie haben dafür gehungert, und ein paar haben ihn trotzdem nicht bekommen. Aber die es geschafft haben, die besitzen auch etwas, von dem sie wissen, dass sie es sich nicht hätten kaufen oder erschwindeln können. Man musste dafür bluten. Und das war es ihnen wert. Lesen Sie nur unsere Arbeiten von damals, lesen Sie sie nur.«

Brade sagte mit aufrichtigem Respekt: »Sie wissen, dass ich sie gelesen habe, Cap. Die meisten sind heute Klassiker.«

»Hm.« Anson ließ sich ein wenig besänftigen. »Und was glauben Sie, weshalb? Weil ich die Leute angetrieben habe. Ich war sonntags im Labor, wenn es sein musste - und sie waren auch da, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe die Nacht durchgearbeitet, wenn es sein musste, und sie haben es auch getan. Ich habe sie ständig im Auge behalten. Ich kannte jeden einzelnen ihrer Gedanken. Jeder Student hat mir einmal in der Woche ein Duplikat seiner Aufzeichnungen gebracht, und das sind wir dann Seite für Seite und Wort für Wort zusammen durchgegangen. Und jetzt sagen Sie mir, was Sie von Neufelds Duplikataufzeichnungen wissen.«

»Nicht genug«, murmelte Brade. Ihm war unbehaglich, Cap Anson vertrat zwar extreme Ansichten, aber manches von dem, was er gesagt hatte, war nur zu wahr. Schmerzhaft wahr. Anson hatte seinerzeit das Duplikat-Notizbuch an der Universität eingeführt, das aus weißen und gelben Doppelblättern bestand. Alle Messdaten, alle Einzelzeiten eines Experiments (im Idealfall alle Gedanken des experimentierenden Studenten) wurden eingetragen, und die gelben Duplikatseiten wurden mit dem Kohlepapier herausgetrennt und in regelmäßigen Abständen dem zuständigen Professor ausgehändigt.

Brade behielt, wie die meisten Lehrkräfte des chemischen Instituts, den Brauch bei, aber nicht mehr mit Ansons Strenge. Anson war schließlich ein Mann der Legende. Man erzählte sich Geschichten von ihm. Zum Teil waren es die gleichen Geschichten, die man sich von jedem exzentrischen Professor erzählte, aber einige mochten schon der Wahrheit entsprechen und illustrierten seine Leidenschaft für das Detail. Da war zum Beispiel die Geschichte von Weihnachten. Anson war einmal am Weihnachtstag heimlich durch die Labors gegangen und hatte die Arbeitsplätze seiner Studenten inspiziert. Nach den Weihnachtsferien präsentierte er den erstaunten und zerknirschten jungen Leuten eine Liste mit allen Chemikalien, die nicht alphabetisch eingeordnet waren, mit allen Flaschen, die Lösungen enthielten und nicht ordentlich verschlossen gewesen waren - gleichsam eine Aufzählung von Abweichungen von den strengen Maßstäben, die Anson für die Sicherheit und Sauberkeit im Labor aufstellte. Ausgeschmückt war das Ganze noch mit sarkastischen und höchst persönlichen Bemerkungen.

Einer der Studenten stahl die Liste, und als dann die darauf erwähnten Sünder schließlich nacheinander promovierten, wurde bei dem Festessen (unweigerlich organisiert von Anson) dem Betreffenden vorgelesen, was damals an seinem Verhalten auszusetzen gewesen war. Sogar Anson lächelte grimmig und setzte noch ein paar bissige Bemerkungen hinzu.

Und seine Studenten vergötterten ihn, und Brade war damals einer von ihnen gewesen.

Jetzt war wenig von dem alten Anson übrig; er war nach so vielen Jahren ein alter Mann, den alle mit Rücksicht auf seine Legende behutsam behandelten. Brade sagte: »Haben Sie Ralph gekannt?«

»Wie? Nein. Ich bin ihm auf dem Flur ein paar Mal begegnet. Für mich war er nichts weiter als einer dieser Physikochemiker, die in einem organischen Labor herumwursteln.«

»Wussten Sie, woran er arbeitete?«

»Ich weiß nur, dass es mit Kinetik zu tun hatte.«

Brade war enttäuscht. Er hatte plötzlich daran denken müssen, dass Anson sich noch immer mit den Studenten unterhielt, sich nach ihrer Arbeit erkundigte, Ratschläge gab. Er mochte auch mit Ralph gesprochen haben, mochte mehr über ihn wissen als er, Brade. Aber offensichtlich war es auch Cap Anson nicht gelungen, den Panzer der Unfreundlichkeit zu durchdringen, den Ralph um sich gelegt hatte. Doch das ganze Gespräch hatte ein wenig die Atmosphäre jener vergangenen Zeit heraufbeschworen, als man schließlich mit allen seinen Sorgen und Nöten zu Cap ging. Brade sagte: »Mir ist etwas Merkwürdiges zu Ohren gekommen, Cap. Das beunruhigt mich schon den ganzen Morgen. Man hat mir gesagt, Ralph Neufeld habe mich gehasst.«

Cap Anson setzte sich wieder, streckte sein etwas arthritisches Bein unter dem Tisch aus und legte seinen Stock behutsam auf die Tischplatte. Er sagte ganz ruhig: »Durchaus möglich.« »Dass er mich hasste? Aber warum?«

»Seinen Doktorvater zu hassen fällt nicht schwer. Er hat seinen Titel, man selbst hat ihn noch nicht. Er teilt einem die Forschungsaufgaben zu. Man selbst arbeitet daran. Man macht seine Experimente. Er zuckt die Achseln und schlägt neue vor. Man hat seine Theorien. Er durchlöchert sie. Ein Doktorvater - wenn er etwas taugt - ist der Alpdruck seiner Studenten. Wenn in einem Studenten auch nur ein bisschen Mumm steckt, hasst er seinen Professor, bis er später erkennt, was er dem Alpdruck alles verdankt.« Anson seufzte wehmütig. »Glauben Sie denn, meine Studenten hätten mich geliebt?«

»Das würde ich doch annehmen.«

»Irrtum. Im Rückblick bilden sie sich das vielleicht ein, aber damals haben sie mich nicht geliebt. Ich habe auch nicht Liebe verlangt. Sondern Arbeit. Und sie haben gearbeitet. Sie können sich nicht an Kinsky erinnern, das war vor Ihrer Zeit.«

»Ich weiß von Kinsky«, sagte Brade in behutsamem Ton. »Ich habe ihn sprechen hören.«

Oh, er kannte Kinsky. Von allen Studenten Ansons hatte es Kinsky am weitesten gebracht. Er gehörte jetzt zur Wisconsin Gruppe und war bekannt geworden durch seine Tetrazyklin Synthese. Anson verzerrte das Gesicht zu einem Lächeln. »Er war der beste, der absolut beste meiner Schüler.«

Er sprach gern von Kinsky. Brade erinnerte sich noch gut an ein Fakultätsessen, bei dem der forsche Foster gesagt hatte: »Na, Cap, macht Ihnen das nichts aus, dass Kinsky berühmter geworden ist als Sie?«

Foster, der gewöhnlich nicht viel trank, musste ein paar Cocktails gekippt haben, sonst hätte er das nicht so frech gesagt und nicht so albern grinsend dagestanden. Brade war zusammengezuckt und hatte Foster einen feindseligen Blick zugeworfen. Foster wollte den alten Mann ganz offensichtlich kränken.

Doch der alte Mann konnte es mit seinem Gegner aufnehmen. Einen halben Kopf kleiner als er, überragte er ihn durch seine innere Größe. Er sagte: »Foster, in zwei Fällen dürfte es kaum zu einer Eifersucht kommen. Ein Vater ist nicht eifersüchtig auf seinen Sohn, und ein Lehrer ist nicht eifersüchtig auf seinen Schüler. Wenn die Leute, die ich ausbilde, besser sind als ich, so haben sie vielleicht den besseren Lehrer gehabt. Alle ihre Leistungen strahlen auf mich zurück. Was ich als Chemiker tue, vermittelt der Menschheit die Leistungen eines einzelnen Menschen. Was ich als Lehrer vollbringe, vermittelt der Menschheit die Leistungen von vielen. Wenn ich etwas bedauere, so nicht, dass mich Kinsky übertroffen hat, sondern dass nicht jeder meiner Studenten mich übertroffen hat.«

Er hatte nicht lauter gesprochen als gewöhnlich, aber auf Fosters Bemerkung hin war es im Raum still geworden, so dass man Ansons Antwort deutlich hören konnte. Es wurde sogar ganz leise geklatscht, und zu Brades Befriedigung hatte Foster ein sehr belämmertes Gesicht gemacht.

Dachte Anson jetzt auch daran? Wahrscheinlich nicht. Anson sagte: »Glauben Sie, Kinsky hätte mich nicht gehasst? Es gab Zeiten, da hätte er mich umbringen können. Wir standen fast immer auf dem Kriegsfuß. Herrgott, Brade, ich wünschte, Sie hätten mich ein wenig mehr gehasst.«

»Ich habe Sie überhaupt nicht gehasst, Cap.«

»Ja, ich war inzwischen schon zu schlapp geworden, und deshalb sind wahrscheinlich auch neue Jungens so schlapp geworden. Ich hatte große Hoffnungen in Sie gesetzt.«

Das »hatte« traf Brade schmerzlich. Er hatte diese Hoffnungen jetzt also nicht mehr. Er würde nie von ihm, Brade, so sprechen, wie er von Kinsky sprach. Aber konnte ihn das überraschen? Was hatte er denn erwartet? Anson sagte ganz unvermittelt: »Kinsky wird uns übrigens besuchen. Hab ich Ihnen das schon gesagt?« »Nein.«

»Ich habe gestern einen Brief von ihm bekommen, aber gestern habe ich Sie ja wohl nicht gesehen, nein?« Anson zog den Brief aus der Tasche und funkelte Brade an.

Brade lächelte verlegen und griff nach dem Brief. Er war ganz kurz. Kinsky teilte nur mit, dass er geschäftlich in der Stadt zu tun hatte und hoffte, am nächsten Montag in der Universität sein zu können. Bei dieser Gelegenheit könne man dann auch über Ansons Buch sprechen, obwohl er, Kinsky, sicher sei, dass er Ansons Erfahrung und Wissen kaum noch etwas hinzufügen könne. Der Brief schloss mit den üblichen Grüßen und Wünschen. Brade sagte: »Das heißt also jetzt am Montag.« »Ganz recht. Und ich möchte, dass Sie ihn kennenlernen. Als Kommilitonen sozusagen.« Anson erhob sich ein wenig mühsam, steckte den Brief wieder ein und nahm seinen Stock in die Hand. »Ich sehe Sie dann morgen früh, Brade.«

»Ja, gut, Cap, aber vergessen Sie das nicht mit diesen Vorlesungen über die Sicherheitsbestimmungen.«

Als Anson gegangen war, machten Brade wieder die Gedanken zu schaffen. Cap Anson mochte vom Hass eines Studenten sprechen, als sei er ein Beweis für die Tüchtigkeit des Lehrers, aber das traf alles auf ihn nicht zu. Brade hatte Ralph nicht angetrieben; er hatte ihn eher vor den Folgen der Zurückhaltung durch Ranke gerettet. Er hatte Ralph geholfen; er hatte ihn behutsam behandelt, hatte seine Eigenheiten ignoriert und ihm freie Hand gelassen. Warum hätte Ralph ihn hassen sollen?

Oder log Jean Makris? Hatte sie sich vielleicht getäuscht? Wie ließ sich ihre Aussage nachprüfen? Wer kannte den eigenbrötlerischen, empfindlichen Ralph gut genug, um Jean Makris' Ansicht zu bestätigen oder zu widerlegen?

Brade wusste es nicht. Aber es gab doch Menschen, die schon durch die Arbeit mit ihm in Berührung gekommen waren. Seine Kommilitonen. Er sah auf die Uhr an der Wand. Noch nicht ganz elf. Er hatte vor dem Mittagessen nichts mehr zu erledigen. Jedenfalls nichts, was wichtiger gewesen wäre als dies jetzt.

Er ging den Flur entlang und warf einen Blick in Charles Emmetts Labor. Er war da, Roberta dagegen nicht. »Ach, Charlie, könnte ich Sie mal einen Augenblick sprechen?«

Emmett stellte seinen Scheidetrichter hin, und die beiden darin enthaltenen Flüssigkeiten trennten sich in einem Wirbel von Blasen. Er nahm den Glaspfropfen ab, um die Dämpfe abziehen zu lassen. Dann steckte er ihn wieder darauf. »Natürlich, Professor Brade«, sagte er.

Brade setzte sich auf den Drehsessel hinter seinem Schreibtisch, während sich Emmett einen gradlehnigen Stuhl vom Konferenztisch herbeizog.

Er sagte: »Schrecklich, was Ralph da passiert ist, Sir.« »Ja, allerdings. Auch für das Chemische Institut; für uns; für mich. Gerade deshalb wollte ich mit Ihnen sprechen.« Machte Emmett bei diesen Worten ein argwöhnisches Gesicht? Brade versuchte, ihn nicht zu scharf zu beobachten. Von seinen Studenten war Emmett am längsten bei ihm; er war in gewisser Hinsicht der am wenigsten begabte. Er war fleißig und gewissenhaft und hätte damit Ansons Beifall gefunden, aber ein brillanter Schüler war er gewiss nicht.

Er saß jetzt vor ihm auf seinem Stuhl, etwas untersetzt, mit rötlichem Haar und großen, breiten Händen an den sommersprossigen Armen. Er trug eine randlose Brille, die für sein Gesicht ein wenig zu klein war. Brade schätzte ihn wegen seines Gleichmuts. Manchmal sagte er sich, dass ein Student nicht unbedingt ein Genie sein musste, wenn er nur beim Scheitern eines Experiments nicht gleich von Verzweiflung gepackt wurde. Wenn Emmett ein Experiment nicht gelang, unternahm er ein anderes unter leicht veränderten Bedingungen. Den genialen Einfall hatte er vielleicht nicht, aber wahrscheinlich kam er letztlich auch ans Ziel. Und auf jeden Fall war Emmetts Ruhe im Vergleich zu der emotionellen Unausgeglichenheit des durchschnittlichen, unter innerer Spannung stehenden Studenten für Brade ein wahrer Trost. Brade sagte: »Ich fühle mich ein wenig schuldig, nach dieser Sache jetzt. Ich mache mir den Vorwurf- dass ich ihn nicht besser gekannt habe. Ich hätte ihm vielleicht noch mehr helfen können. Und das gilt natürlich auch für meine anderen Doktoranden. Für Sie. Ich müsste Sie besser kennenlernen.«

Emmett war etwas verlegen. »Ach, Professor Brade, ich kann mich nicht beklagen. Wir kommen gut miteinander aus.«

»Es freut mich, das zu hören. Aber ich mache mir dennoch Sorgen. Wir haben zum Beispiel seit fast einem Monat nicht mehr über Ihre Arbeiten gesprochen. Hat etwas nicht geklappt?« »Nein, Sir. Im nächsten Frühjahr bin ich soweit. Der historische Teil meiner Dissertation ist fertig, und die vorläufigen Versuchsergebnisse habe ich ermittelt. Ich brauche jetzt nur noch ein paar mehr Derivate.«

Brade nickte. Emmetts Thema hatte mit der Synthese gewisser Thiazolidone zu tun, die bis jetzt noch nicht nach den üblichen Methoden des Ringschlusses dargestellt worden waren. Eine solche Aufgabe hatte ihre Vor- und ihre Nachteile.

Zu einer derartigen Synthese brauchte der Student keine ausgefallenen mathematischen Kenntnisse und keine atemberaubenden Quantifikationen. Er brauchte nur Geduld und ein bisschen Glück. Andererseits kam es auf dieses bisschen Glück auch an. Manchmal ließ sich eine Synthese mit keiner der Methoden durchführen, die Student oder Professor zufällig einfielen. Oder man führte sie erfolgreich durch, um zu entdecken, dass einem ein anderer um ein paar Tage zuvorgekommen war. Im einen wie im anderen Falle war diese Dissertation wertlos, und man musste ein neues Thema stellen. So beiläufig wie möglich sagte Brade: »Dann werden Sie ja das Hassstadium bald hinter sich haben.« Emmett sah ihn verständnislos an. »Das was?«

»Cap Anson sagte mir gerade, dass ein Doktorand seinen Professor unweigerlich hassen muss.« »Ach, da hat er einen Witz gemacht. So redet er manchmal. Gott, ein Student regt sich mal über seinen Professor auf, aber das will nichts heißen.«

Brade wurde sich des ungezwungenen Tons bewusst, den Emmett ihm gegenüber anschlug. Bei ähnlichen Gelegenheiten war ihm das bisher gar nicht aufgefallen. Rankes Studenten machten immer den Eindruck, als stünden sie stramm, wenn sie mit ihm, Ranke, sprachen. (Nur, dachte Brade, was will ich eigentlich? Sollen sie vielleicht vor mir salutieren? Die Hacken zusammenschlagen?) Er sagte: »Und Ralph?«

Ein Schleier fiel über Emmetts Augen. »Wie meinen Sie, bitte?« »Was war mit Ralph, Charlie? Wie war er zu mir eingestellt?« »Tja.« Emmett räusperte sich lange. »Ich habe ihn nicht besonders gut gekannt. Keiner hat ihn gut gekannt. Er hat nie viel geredet.« »Aber er konnte mich nicht leiden, wie?«

Emmett dachte einen Augenblick nach. »Er konnte niemanden leiden. Na ja, jedenfalls -« Er machte Anstalten, aufzustehen. Brade hob die Hand. »Moment noch. Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Es ist zwar jetzt etwas zu spät dafür, aber es interessiert mich nun mal. Ich möchte das wissen. Er hat mich nicht gemocht, nicht wahr?« Sehr widerwillig antwortete Emmett: >Ja, wenn Sie so fragen, Professor - nein, wahrscheinlich hat er Sie nicht gemocht.« »Und warum nicht? Haben Sie eine Ahnung?« (Dass er einen Studenten über einen anderen ausfragte, hatte etwas Peinliches. Aber er musste es jetzt wissen.)

»Ja, eigentlich- eigentlich, weil er ein Idiot war.« Emmett machte plötzlich ein betroffenes Gesicht. »Entschuldigen Sie, das habe ich nicht sagen wollen.«

Brade erwiderte ein wenig gereizt: »Oh, wir wollen doch nicht abergläubisch sein wegen abfälliger Bemerkungen über einen Toten. Wenn über jemanden etwas Gutes zusagen ist, so soll man's ihm sagen, solange erlebt und sich darüber freuen kann. Ein Toter hat nichts mehr davon. Ich halte es für Unsinn, wenn immer verlangt wird: Lobt ihn, wenn er tot ist, aber keine Sekunde früher.«

»Na ja, er kam einmal abends zu uns, als wir so in einer kleinen Clique beisammen waren. Wir sprachen über unsere Professoren und so, Sie wissen ja.«

>ja, ich kann's mir vorstellen«, sagte Brade, der sich plötzlich ganz deutlich an seine eigene Studienzeit erinnern konnte. »Und da sagte jemand, Foster entwickelte sich zu einer Art Sklaventreiber, Sie wissen schon, und da schaltete sich auf einmal Neufeld ein und sagte, die andere Sorte sei viel schlimmer; die Sorte, die einen Studenten untergehen oder schwimmen lasse und sich nicht im geringsten darum kümmere. So wie Sie, sagte er.« Brade nickte. »Ich verstehe.« Hatte er-genau im Gegensatz zu Cap Ansons AuffassungRalphs Hass deshalb auf sich gezogen, weil er ihm zuviel Freiheit gelassen hatte?

»Aber ich muss Ihnen etwas sagen, Sir«, fuhr Emmett fort. »Ich glaube nicht, dass es eigentlich Hass war. Ich habe ihn manchmal im Seminar beobachtet, während Sie sprachen; da hat er Sie so merkwürdig angesehen, besonders in den letzten Monaten. Das war ganz komisch.« Er verstummte.

»Ja«, sagte Brade scharf, »ja?«

»Ich bin kein Psychologe, Professor Brade. Aber trotzdem - ich glaube nicht, dass er Sie hasste, so wie er sich benommen hat. Er sah ganz so aus, als hätte er Angst vor Ihnen. Richtige Angst!«

7

»Angst vor mir?« fragte Brade in heftigem Ton. »Aber warum denn, Charlie?«

»Ja, das weiß ich auch nicht, Professor.« Sie sahen sich an. Dann sagte Brade: »Sind Sie sicher, Charlie? Diese Sache lässt mir keine Ruhe, und ich muss es wissen. Gibt es einen Grund, weshalb er vor mir hätte Angst haben sollen?«

Brade verspürte ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Ralphs Tod und allem, was damit zusammenhing. Die Sache schien nur einen Sinn zu ergeben, wenn er selbst der Mörder gewesen wäre? Aber was für ein Motiv hätte er gehabt haben sollen?

Emmett wurde plötzlich ganz rot. »Ich sage das jetzt nicht gern - aber wenn Sie es wissen müssen, wenn Sie niemandem sagen, wer es Ihnen gesagt hat -« »Erzählen Sie schon.«

»Ich selbst weiß eigentlich nichts. Aber ich weiß, wer Ihnen weiterhelfen kann, wenn es überhaupt jemanden gibt.« »Wer?« »Roberta, Sir.«

»Roberta Goodhue?« fragte Brade verwirrt, obwohl er gar keine andere Roberta kannte als diese Studentin, die ebenfalls zum Kreis seiner Doktoranden zählte.

»Ja. Ich habe mich gar nicht dafür interessiert - ich meine, eigentlich weiß es niemand, aber da ich das Labor mit Roberta teile, merke ich ab und zu einmal was oder höre was, ohne es zu wollen.« Seine Verlegenheit hatte ein geradezu schmerzhaftes Stadium erreicht. »Sie -sie kannte ihn wohl ganz gut.« »Wie meinen Sie das?« Brade war ein wenig erschüttert. Wusste er denn gar nichts von seinen Studenten?

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Professor Brade. Ich will damit nur sagen, dass sie zusammen ausgegangen sind; so zwei-, dreimal. Ob mehr dahinter war, weiß ich nicht. Aber auch zwei, drei Verabredungen sind schon etwas. Ich meine, einem Mädchen, das man zum Essen einlädt, erzählt man sicher mehr als einer Gruppe von Kommilitonen in der Mensa, wenn Sie wissen, was ich meine.« »Ja, natürlich.« Brade nickte nachdenklich. »Ist Roberta heute da?« »Ich habe sie noch nicht gesehen, Professor.« »Ich nehme an, sie weiß, was passiert ist.«

»Ich denke schon. Ich habe gehört, dass Jean Makris sie angerufen hat.« Eine merkwürdige Andeutung eines Lächelns war über seine Lippen gehuscht, ehe Brade noch sicher sein konnte, dass er sich nicht getäuscht hatte.

»Na ja, ich danke Ihnen, Charlie. Das war nett, dass Sie mir in der Sache geholfen haben.«

»Oh, bitte sehr. Aber Sie sagen Roberta nichts, Sir, nicht wahr? Dass Sie das von mir haben, meine ich.« »Nein. Seien Sie unbesorgt.«

Er stand auf, um Emmett die Tür aufzumachen; da sah er einen Studenten, der draußen auf dem Gang herumschlich. Er musste noch einmal hinsehen, und dann erkannte er ihn: es war Gregory Simpson, sein neuester Student, der junge Mann, der mit Ralph Neufeld das Labor geteilt hatte.

»Wollten Sie mich sprechen, Greg?«

»Wenn Sie ein paar Minuten Zeit für mich haben, Professor Brade.« Simpson hatte eine Tenorstimme und helle Augenbrauen, die fast unsichtbar waren, so dass seine blassen Augen irgendwie nackt wirkten. Die runde Nase verlieh seinem Gesicht einen komischen, gutmütigen Ausdruck.

»ja, kommen Sie nur herein.«

Die zwei Studenten nickten sich kaum zu.

Simpson war ein fleißiger Student, aber kein markanter Typ. (Brade seufzte. Die markanten Typen gingen eben dorthin, wo die staatlichen Forschungsgelder flossen.)

Er sagte: »Nun, Greg, was haben Sie auf dem Herzen?« Simpson setzte sich auf den Stuhl, auf dem eben Emmett gesessen hatte. Er sagte, ein wenig unsicher: »Ich frage mich, wo ich bleiben soll, Professor Brade.« »Wieso? Sind Sie nicht in einem der Schlafsäle untergebracht?« »Nein, ich meine hier. In den Labors.«

»Oh.« Brade wusste nicht, worauf er hinauswollte. »Aber - was ist da?« »Na ja, das Labor. Ralph Neufeld ist tot - und -«

»Sie meinen, Sie können es jetzt nicht mehr benutzen.« »ja -« Brade sagte in scharfem Ton: »Diese Sache ist vorbei. Erledigt. Das Labor gehört Ihnen, Ihnen allein, bis ein neuer Student bestimmt wird, der es mit Ihnen teilt.«

Simpson blieb sitzen und machte nicht den Eindruck, als ob er seine Sorgen los wäre.

»Sind Sie damit nicht zufrieden, Greg?«

»Nein, eigentlich nicht, Professor. Ich hätte lieber ein anderes Labor, wenn das möglich wäre.«

»Halten Sie es etwa für - verhext?« »N - nein.«

»Fürchten Sie, Ralphs Geist kommt zurück und setzt Ihnen zu?« Brade bemühte sich, keinen zu sarkastischen Ton anzuschlagen, aber er hatte einen schweren Tag hinter sich und war mit den Nerven bald am Ende. Simpson rieb sich die unsichtbaren Augenbrauen. »Nein, nein. Ich wollte nur - ich dachte, wenn es möglich wäre, ein anderes Labor zu bekommen - wenn nicht, ist es auch gut.« Er war völlig zerknirscht. Brade bedauerte seine Heftigkeit. Der einzelne war schließlich nicht verantwortlich für seine irrationalen Ängste, die ihm eine irrationale Gesellschaft eingeimpft hatte, und wer konnte schon sagen, dass er frei davon war.

Er sagte: »Na schön, Greg, ich verstehe. Ich will Ihnen was sagen. Sie fangen mit Experimenten ja erst Ende des Semesters an; richten Sie sich bis dahin in Emmetts Labor ein. Dort brauchen Sie ja nur gelegentlich Ihre theoretischen Arbeiten zu erledigen, und Charlie wird Ihnen Platz machen, dass Sie Ihre Bücher und Sachen unterbringen können. Im nächsten Semester, wenn Sie mit Ihren Versuchen richtig anfangen, wird Charlie über seiner Dissertation sitzen, und dann können Sie seinen Platz einnehmen. Ihr derzeitiges Labor bekommt dann ein anderer, wenn es soweit ist.«

Simpsons Gesicht leuchtete auf. »Oh, danke, Professor Brade. Das ist fein, vielen Dank.«

Brade lächelte etwas verkrampft und sagte dann: »Aber warten Sie noch einen Augenblick!«

Simpson, der schon aufgestanden war, setzte sich wieder hin und machte ein beklommenes Gesicht. Brade hatte plötzlich daran denken müssen, dass Ralph unter den Studenten nicht der einzige war, der Zugang zu seinem Labor hatte. Simpson, der das Labor mit ihm teilte, hatte einen eigenen Schlüssel.

»Etwas ganz anderes jetzt, Greg - und ganz unter uns, ja? Im Institut hier sind kleinere Diebstähle vorgekommen.«

»Oh?« Der Student dämpfte die Stimme sofort zu einem Flüstern.

»Wir stellen da jetzt Nachforschungen an, und ich hätte gern gewusst, ob Sie das Gefühl haben, dass im Laufe der letzten Monate jemand in Ihrem Labor war, der dort nichts zu suchen hatte.« Simpson blickte vor sich hin und überlegte. Dann hob er den Kopf wieder und sah Brade direkt an. »Nein, Sir.«

»Haben Sie nichts bemerkt? Irgendein Gegenstand, der plötzlich woanders lag? Der nicht mehr da war?«

»Nein, Sir, ich habe nichts bemerkt.«

»Hat Ralph vielleicht etwas davon erwähnt?«

»O nein, Professor Brade.« Der junge Mann sagte das rasch und mit Nachdruck.

»Sind Sie sicher?«

»Ganz sicher. Ralph hat nie ein Wort mit mir gesprochen. Nie. Ich habe ein paar Mal >Guten Tag( gesagt, wenn ich ins Labor kam, aber er hat nie geantwortet, und da habe ich es auch gelassen. Ich hatte den Eindruck, dass er etwas gegen meine Anwesenheit hatte, wissen Sie, so als ob es sein Labor gewesen wäre und ich nicht das Recht gehabt hätte, mich dort aufzuhalten. Einmal kam ich nur in die Nähe seines Arbeitsplatzes, als er gerade die Daten eines Experiments notierte, und da klappte er sein Notizbuch zu und drehte sich zu mir herum, als wollte er mich gleich umbringen. Ich bin ihm daraufhin immer zwei Meter vom Leib geblieben. Womit ich nicht sagen will, dass er nicht nett gewesen wäre.«

»Ich verstehe. Jetzt, wo er tot ist.« »Verzeihung?«

»Sie müssen sich über dieses Verhalten doch geärgert haben.«

Simpson sagte bedächtig: »Ich habe ihn einfach ignoriert. Man hatte mich auch vor ihm gewarnt.«

»Gewarnt? Wieso?«

»Dass er gern einen Streit anfing und so.« »Hatten Sie einmal einen Streit mit ihm?« »Ich habe mich einfach von ihm ferngehalten.« »Sie sind zweiundzwanzig Jahre alt, nicht wahr?« Simpson sah ihn erstaunt an. »Ja, Sir.«

Brade nickte. »Na schön, Greg. Ihr Problem ist jetzt gelöst, ja?« »Ja, Professor Brade. Und nochmals vielen Dank.« Brade saß jetzt allein in seinem Büro und überlegte, was er weiter tun sollte. Simpson, dessen war er nun ganz sicher, kam nicht in Frage; er war noch ein harmloser Junge. Er schien eher sanftmütig und passiv veranlagt zu sein, der Typ, der einem Streit aus dem Weg zu gehen suchte, wie er es ja auch selbst gesagt hatte. Freilich, wer die offene Auseinandersetzung scheute, hatte auch keine Gelegenheit, Dampf abzulassen. Der Druck konnte sich steigern und eines Tages gewaltsam nach außen drängen. Du liebe Güte, wie sollte er dieses Rätsel lösen? Er war doch kein Detektiv. Er wusste wirklich nicht, was er tun sollte.

Er hob den Hörer ab und rief zu Hause an. Doris meldete sich mit ihrem neutralen »Hallo«. Es ließ keinen Schluss auf ihre seelische Verfassung zu.

»Hallo, Doris. Alles in Ordnung?«

»Natürlich. Und bei dir? Was hat Littleby gewollt?«

Er erzählte es ihr in wenigen Worten. Sie hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dann sagte sie: »Wie war er so ganz allgemein?« »Er schien nicht gerade erfreut zu sein.«

»Hat er angedeutet, dass es deine Schuld sei?«

»Nein, das nicht, aber der Todesfall ist natürlich keine Reklame für die Universität. Ralph war mein Student, und die Sache färbt deshalb auf mich ab. Diesen Eindruck hatte ich. Und ich glaube, er sähe es lieber, wenn wir morgen abend nicht bei ihm erscheinen.«

»Wir werden aber hingehen«, entgegnete Doris kategorisch. »Ja, ja, ich habe gesagt, wir würden kommen.«

Eine kurze Pause, dann fragte Doris: »Wie fühlst du dich?« »Etwas komisch. Ich bin eine Art Berühmtheit. Du hättest meine Studenten in der Vorlesung sehen sollen. Ich glaube, kein einziger hat richtig hingehört. Alle haben darauf gewartet, dass ich zusammenbreche oder eine Pistole ziehe und zu ballern anfange oder sonst etwas. Cap Anson war danach eine richtige Entspannung.« »Wieso? Was hat er denn gemacht?«

»Nichts, das ist es ja gerade. Er hat nach der Vorlesung auf mich gewartet und von seinem Buch angefangen. Das war das einzig Normale an diesem Tag heute.« Davon, dass Anson am nächsten Morgen kommen wollte, beschloss er nichts zu sagen, jedenfalls nicht am Telefon.

Doris sagte: »Na schön. Pass gut auf dich auf und spiel nicht den Detektiv, hörst du, Lou? Du weißt, was ich meine.« »Ich weiß, ja. Bis später.«

Er lächelte grimmig vor sich hin. Spiel nicht den Detektiv! Gott, wenn er nur gewusst hätte, wie man das macht!

Er hob den Hörer noch einmal ab und ließ sich mit Jean Makris verbinden.

»Jean Makris? Professor Brade.«

>Ja, Professor Brade? Kann ich etwas für Sie tun?«

»Können Sie mir Roberta Goodhues Telefonnummer sagen?« Er hatte sie irgendwo notiert, war aber jetzt nicht in der Stimmung, danach zu suchen.

Jean Makris' Stimme bekam einen lebhafteren Klang. »Selbstverständlich, Professor. Ist sie heute nicht im Hause?« »Ich glaube nicht.« »Na, ich hoffe nur, sie ist nicht krank.« Ihre Stimme tönte aber recht fröhlich dabei. »Soll ich für Sie anrufen?« »Nein, geben Sie mir nur die Nummer, bitte. Und - Miss Makris?« »Ja, Professor Brade?«

»Haben Sie Roberta angerufen und ihr von dem Unglück hierbei uns erzählt?«

»Ja, das habe ich. Hätte ich das nicht tun sollen? Ich dachte, man müsste es ihr sagen, wo sie doch auch zu Ihren Doktoranden gehört wie Ralph Neufeld, und - na ja -«

»Aha. Haben Sie auch Mr. Emmett und Mr. Simpson verständigt, die zwei anderen Doktoranden?«

Diesmal trat eine Pause ein, und als die Stimme der Sekretärin wieder zu hören war, klang sie ein wenig verlegen. »Nein, Professor Brade, das habe ich nicht. Sehen Sie -«

Aber Brade unterbrach sie. »Schon gut, nicht weiter wichtig. Geben Sie mir jetzt bitte Robertas Nummer.«

Er wählte die Nummer, und es läutete am andern Ende erst ein paar Mal, ehe der Hörer abgenommen wurde. »Ja?« meldete sich eine gedämpfte Stimme. »Roberta? Hier Professor Brade.«

»Oh, guten Tag, Professor. Sagen Sie nur nicht, heute morgen war ein Seminar, und ich habe es verschwitzt.«

»Nein, nichts dergleichen, Roberta. Ich wollte mich erkundigen, wie es Ihnen geht.«

»Oh.« Es trat eine Pause ein, und Brade malte sich aus, wie sie sich zusammennahm, damit man ihr nichts anmerkte. »Danke, es geht mir gut. Ich komme nachher zur Arbeit ins Labor.« »Fühlen Sie sich auch imstande dazu?« »Unbedingt.« »Na schön, Roberta, wenn es Ihnen nichts ausmacht, vielleicht -« Er hielt inne und sah auf die Uhr. Es war zwanzig vor zwölf, und er wollte sie nicht drängen, aber andererseits wohnte sie nur fünf Minuten von der Universität entfernt. »Vielleicht könnten Sie schon um zwölf hier sein?« Wieder eine Pause. >Ja, das geht.«

»Gut. Und wenn es Ihnen recht ist, lade ich Sie zum Lunch ein.« Wieder eine Pause, dann fragte sie ein wenig zögernd: »Möchten Sie etwas mit mir besprechen, Professor Brade?«

Brade hielt eine ausweichende Antwort für sinnlos. »Ja.« »Hat es mit meinem Thema zu tun?«

»Nein, es ist etwas Persönliches.« »Gut, ich komme, Professor.« »Fein.« Er legte auf.

Brade sah sich den Unterrichtsplan für den Nachmittag an. Die Laborübungen würden sich mit den Aldehyden und Ketonen beschäftigen. Ferner war die Präparation eines Silberspiegels vorgesehen - eines jener nutzlosen, aber spektakulären Experimente, die das Interesse der Studenten wachhielten - sowie die Darstellung eines Sulfitzusatzprodukts, was keine Mühe machte, abgesehen vom Ausspülen des Niederschlags. Dabei wurde Äther gebraucht, der natürlich höchst feuergefährlich war. Doch war bei allen Nachmittagsexperimenten keine offene Flamme erforderlich, und dass sie nicht rauchen durften, war den Studenten ja oft genug eingeschärft worden - sie wussten, dass sie bei Verstößen gegen die Sicherheitsregeln vom Kurs ausgeschlossen wurden. Trotzdem, es durfte heute zu keinem Zwischenfall kommen. Er nahm sich vor, Charlie Emmett noch einmal darauf hinzuweisen. Brade wünschte, er hätte dieses eine Mal nicht ins Labor zu gehen brauchen. Sein Erscheinen war nicht unbedingt erforderlich, aber er pflegte zumindest für eine gewisse Zeit anwesend zu sein. Zum einen mochten Fragen auftauchen, die die Laborassistenten nicht beantworten konnten, und zum andern förderte sein Erscheinen die studentische Moral. Ein Laborkurs wirkte immer etwas uninteressant und zweitrangig, wenn der vorlesende Professor ihm ostentativ fernblieb. Andererseits war Charlie Emmett durchaus in der Lage, die Experimente zu überwachen. Er arbeitete jetzt im zweiten Jahr hier, und wenn ihm Roberta am Chemikalientisch half, konnte eigentlich nichts passieren. Roberta Goodhue klopfte leise an die Tür, und Brade griff nach Hut und Mantel, als sie eintrat.

Er lächelte und sagte recht förmlich: »Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir in die Riverside Inn gingen? Wir nehmen meinen Wagen, dann sind Sie um eins wieder hier.«

»Ja, gut.« Es schien ihr gleichgültig zu sein. Sie war klein, und ihre leichte Pummeligkeit wurde noch durch den Schnitt ihres lachsfarbenen Mantels unterstrichen. Sie war ein dunkler Typ und wahrscheinlich, so dachte Brade, über ihren starken Haarwuchs gar nicht glücklich. Sie hatte den Anflug eines Schnurrbarts, und eine Reihe dünner Haare zog sich an der Wange hinunter.

Sie war nicht eigentlich hässlich, aber auch gewiss nicht hübsch. Er sagte: »Warten Sie bitte am Haupteingang auf mich. Ich will nur noch schnell Charlie sagen, dass er heute wegen offener Flammen besonders vorsichtig sein soll.«

Die Riverside Inn war gut besucht, aber sie bekamen noch einen Tisch in einer Nische mit Blick auf den Fluss und die daran entlangführende Autostrasse. Die unverdorbene Natur wich jedes Jahr weiter zurück. »Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen der Unglücksfall gestern nahegegangen ist.«

Sie hatten ihre Bestellungen aufgegeben, und Roberta saß da, zerbröckelte ihr Brötchen und starrte zu den auf vier Fahrspuren dahineilenden Autos hinaus. Sie sagte flüsternd: »Ja.« »Ich - habe den Eindruck, dass Sie mit Ralph - befreundet waren.« Roberta sah zu ihm auf, plötzlich standen ihre Augen voll Tränen. »Wir wollten heiraten, sobald er seinen Doktor gemacht hatte.«

8

Die Kellnerin kam und brachte Brade ein Kalbskotelett, Roberta Eiersalat und Kaffee für beide. Dadurch trat eine willkommene Pause ein, und Brade hatte Zeit, sich zu fassen.

Er sagte: »Das tut mir schrecklich leid. Ich hatte keine Ahnung, dass die Sache so stand. Sie hätten zu Hause bleiben sollen, ich habe das ja nicht gewusst.«

»Ist schon gut. Wahrscheinlich ist es besser so.« Sie schien sich zusammenzunehmen, um ihn fest ansehen zu können. »Wollen Sie über Ralph mit mir sprechen?«

Brade suchte nach Worten. »Ich möchte nicht, dass das jetzt pietätlos klingt, aber da ist die Frage, was aus seiner Arbeit wird. Andererseits, unter diesen Umständen -«

Sie runzelte die Stirn. »Wollen Sie damit weitermachen?« »Nein, darüber brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.«

Das war töricht gewesen, ein Mädchen hierherzuschleppen, um es über seinen Verlobten auszufragen, der noch keine vierundzwanzig Stunden tot war. Aber wie hätte er das wissen sollen! Roberta beobachtete ihn aufmerksam. »Sie haben ihn wohl nicht gemocht, nicht wahr?« Brade zuckte ein wenig zusammen. Hatte sie das seinem verstörten Gesicht angesehen? »Doch«, sagte er, »ich hatte eine recht hohe Meinung von ihm.«

»Ich danke Ihnen, dass Sie das sagen, aber ich glaube, Sie waren doch nicht sehr von ihm angetan. Ich weiß, dass nur ganz wenige Menschen ihn leiden konnten, und ich verstehe das durchaus.« Sie brockte wieder an ihrem Brötchen herum und hatte den Salat fast unberührt weggeschoben. »Er war ein merkwürdiger Mensch, fast immer in der Defensive. Man wurde nur langsam mit ihm warm, aber dann merkte man, dass er nett war. Empfindsam. Liebevoll.« Sie hielt inne. »Ich war gestern abend lange bei seiner Mutter. Arme Frau. Wie konnte das nur passieren? Ich kann es einfach nicht glauben, dass er so unachtsam gewesen sein soll.«

»Hatte er außer der Mutter noch Verwandte?« fragte Brade rasch. »Nein.« Sie sah ihn einen Augenblick lang an. »Sie wissen gar nichts von Ralph, Professor Brade, nicht wahr? Ich meine, über sein Privatleben.«

»Ich fürchte, nein, Roberta. Ich bin mir jetzt bewusst geworden, dass ich mich mehr und persönlicher um meine Studenten kümmern muss. Aber diese Unterhaltung muss Sie doch schmerzlich berühren.« »Von ihm zu sprechen, ist das einzige, was mir noch bleibt«, sagte Roberta. Sie blickte angestrengt vor sich auf ihren Teller, und ein paar Strähnen ihres widerspenstigen Haares, das etwas flüchtig zu einem Pferdeschwanz geschlungen war, fielen ihr in die Stirn. »Er war kein gebürtiger Amerikaner.« »Oh?«

Das hatte Brade immerhin gewusst.

»Seine Mutter und er waren die einzigen Überlebenden von - etwas sehr Unschönem. Er hat mir nie näher davon erzählt, aber das ist ja jetzt auch nicht wichtig. Sein Vater wurde erschossen, und er hatte noch eine ältere Schwester, die getötet wurde - irgendwie.

Er fürchtete sich vor der Welt. Das Leben war für ihn auch in Amerika nicht leicht. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache. Und ich nehme an, er fürchtete sich zu sehr, um jemals einem anderen Menschen wirklich vertrauen, ihm ohne Argwohn begegnen zu können. Das entwickelte sich zu einer gewohnheitsmäßigen Reaktion. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich glaube, ja, Roberta.«

»Und damit geriet er in einen Teufelskreis. Weil er sich nicht gelöst geben und die anderen akzeptieren konnte, konnten sie ihn nicht leiden und verletzten ihn. Und dann war er gezwungen, mit einem törichten Verhalten darauf zu antworten. Es fiel ihm schwer, mit einem anderen Studenten zusammenzuarbeiten; er glaubte immer, ihm würde etwas fortgenommen; so wie ihm seine Familie, seine Kindheit genommen worden war. Wenn er den Eindruck hatte, dass ein anderer Student eines der Bechergläser nahm, die er selbst gespült hatte, wurde er wild. Das war keine Reaktion der Vernunft, aber er konnte einfach nicht richtig reagieren, wenn so etwas passierte. Aber Professor Ranke hat nicht einmal den Versuch gemacht, ihn zu verstehen. Er hat ihn einfach hinausgeworfen. Für Ralph war das einfach eine Zurückweisung mehr, eine von vielen. Er zog sich daraufhin noch mehr in sich selbst zurück.« »So, dass er dann auch mich hasste, nicht wahr, Roberta?« Sie blickte ihn an, und ihre Stimme klang schärfer. »Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Oh, das war nur eine Vermutung.« »Jean Makris hat Ihnen das gesagt, nicht?«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Brade zurück, der etwas verwirrt war.

Robertas Nasenflügel bebten, und ihr Mund war zusammengekniffen. Dann holte sie tief Luft. »Es spielt ja keine Rolle mehr, Sie können es ruhig wissen. Ralph ist ein-, zweimal mit ihr ausgegangen, bevor - bevor wir uns näher kennenlernten. Es war weiter nichts. Aber das hat diese dumme Person nicht gemerkt.

Sie ließ und ließ ihm keine Ruhe, als es schon längst vorbei war. Und sie war rachsüchtig. Sie rief mich gestern abend an, und sie hat sich richtig gefreut, mir sagen zu können, dass er tot ist.« Sie sprach in mühsam beherrschtem Ton.

»Dann glauben Sie also nicht, dass Ralph Grund hatte, mich zu hassen?« fragte er.

»Nein. Ich habe ihn nie sagen hören, dass er Sie hasste. Natürlich, ganz am Anfang -«

»Ja?«

»Er war sehr unsicher wegen seines Forschungsthemas. Professor Ranke hatte ihn hinausgeworfen, und er kam sich als Versager vor. Deshalb wäre es denkbar, dass er zu Jean Makris etwas davon gesagt hat, wie er damals zu Ihnen stand. Ich nehme an, dass er das getan hat, denn sie rief ihn einmal an, als es zwischen ihnen schon aus war, und da hat sie offenbar durchblicken lassen, dass sie ihm Schwierigkeiten machen könnte, wenn sie Ihnen sagt, wie er über Sie denkt. Nun hat sie gewartet, bis er tot ist - aber selbst jetzt kann sie ihn nicht in Ruhe lassen.«

Sie schluckte und begann leise zu weinen.

Brade schob seinen Teller beiseite, trank seinen Kaffee aus und winkte der Kellnerin.

»Trinken Sie lieber noch Ihren Kaffee und machen Sie sich über Ralphs Verhältnis zu mir keine Sorgen. Wir kamen gut miteinander aus, und wenn er mich am Anfang nicht leiden konnte - nun, das haben Sie ja recht plausibel erklärt, und ich habe volles Verständnis dafür.« Er verspürte den Drang, ihr die Hand zu tätscheln, hielt sich aber zurück. Sie nippte an ihrem Kaffee, und die Kellnerin kam mit der Rechnung. Auf der Rückfahrt zur Universität fragte Brade: »Hat Ralph Ihnen einen Verlobungsring geschenkt, Roberta?«

Sie starrte mit schmerzvoller Konzentration voraus auf die Straße, ihr Blick ging aber offensichtlich ins Leere. »Nein, er konnte sich die Ausgabe nicht leisten. Seine Mutter ist arbeiten gegangen, damit er studieren konnte. Sie hatte diese europäische Einstellung, wissen Sie. Kein Opfer war zu groß, wenn sie aus ihrem Sohn einen Gelehrten machen konnte. Und was hat sie jetzt?«

»Hatten Sie schon einen Zeitpunkt für die Hochzeit in Aussicht genommen?« »Das Datum stand noch nicht fest. Aber wir wollten gleich nach seiner Promotion heiraten.«

»Wusste seine Mutter von diesen Plänen?«

»Sie wusste, dass wir befreundet waren. Und sie konnte mich gut leiden, glaube ich. Aber dass wir heiraten wollten, davon hatte er ihr wohl nichts gesagt. Ich könnte mir denken, dass sie nicht einverstanden gewesen wäre. Dass sie geglaubt hatte, mit seinem Doktortitel hätte er eine bessere Partie machen können. Europäische Mütter haben ihre eigenen Vorstellungen von dem Verkaufswert eines Doktortitels auf dem Heiratsmarkt.«

Sie fuhren durch das Tor auf das Gelände der Universität. Brade ließ sich während der Laborübungen sehen, aber nur kurz. Es verlief alles ruhig. Sogar Gerald Gorwin, der »unfallträchtige« Student, schien es vermieden zu haben, ein Stück Glas zu finden, an dem er sich in den Finger schneiden konnte. Er blickte höchst konzentriert auf sein Teströhrchen und freute sich, dass es von dem silbrigen Aldehydniederschlag glitzerte, der einen zylindrischen Spiegel daraus machte.

Dann verbrachte er einige Zeit im Sekretariat des Instituts mit der Durchsicht der Fakultätsberichte über Ralph Neufeld. Da er sich von Jean Makris beobachtet wusste, überflog er die Aufzeichnungen nur. Er fand aber ohnehin nichts von Bedeutung. Bedrückt ging er in sein Arbeitszimmer und begann, sich Aufzeichnungen für die geplanten Vorlesungen über die Sicherheitsbestimmungen zu machen. Es gab Theman, die ins Auge sprangen. Die ordnungsmäßige Benutzung des Abzugs, Methoden der Verdampfung feuergefährlicher Lösungsmittel, der richtige Umgang mit Gasflaschen, Wasserbäder, Drahtgeflechtuntersätze, das Biegen von Röhren.

Und wie stand es mit der Handhabung von Pipetten? Man befand sich da in einer Übergangsperiode. Zu Brades Zeit war eine Pipette etwas, das man in den Mund steckte, um damit eine Lösung bis zu einem bestimmten Strich anzusaugen. Es war eine unappetitliche und außerdem nicht ungefährliche Beschäftigung, da durch unvorsichtiges Saugen ein wenig von der Lösung in den Mund gelangen konnte, und die Lösung war meistens ätzend oder giftig. Es verging kein Semester, ohne dass nicht wenigstens ein Student seinen Mundvoll Natriumhydroxydlösung abbekam.

Heutzutage verwandte man in den Labors der älteren Studenten fast durchweg Gummiballons. Sie ersetzten bei den Pipetten das Ansaugen durch den Mund und hatten besondere Ventile, mit deren Hilfe sich der Saugprozess willkürlich abbrechen ließ. Das Dumme war nur, dass das Institut zögerte, die etwa hundert noch für die Labors der Anfänger benötigten Gummiballons anzuschaffen. Vielleicht ließen sich jetzt, wo es allgemein um die Sicherheit ging, die finanziellen Bedenken überwinden. Brade machte sich eine Notiz dazu. Und während er noch weiter überlegte, wanderten seine Gedanken davon, und er starrte auf einmal geradeaus vor sich hin, den Kugelschreiber in der Schwebe haltend.

Der so bemerkenswert abweisende Ralph hatte offenbar die Zuneigung zweier junger Damen errungen, zumindest in einem Masse, das heftige eifersüchtige Gefühle ausgelöst hatte. Eigenartig! Das wies der Suche nach dem Tatmotiv ganz neue Wege. Es genügte nicht mehr, nur den Ärger von Kommilitonen und Fakultätsmitgliedern auf einen jungen Mann mit scharfer Zunge und streitsüchtiger Veranlagung in Betracht zu ziehen und sich zu fragen, wie dieses Gefühl zu einem kaltblütigen Mord hatte führen können. Es galt jetzt auch enttäuschte Liebe als Motiv zu untersuchen, und aus enttäuschter Liebe hatte sich schon manche Gewalttat entwickelt. Wiederum eigenartig! Weder Jean Makris noch Roberta Goodhue konnte man als hübsch bezeichnen.

Das war töricht! Frauen jeden Aussehens heirateten, und Männer auch. Wenn nur Schönheitsideale ä la Hollywood zu Leidenschaft führten, würde die Menschheit bald aussterben.

Es spielte eben nicht nur das Aussehen eine Rolle. Freundliche, mitfühlende Art mochte einem jungen Mann mehr bedeuten als ein System von Kurven. Ein Gesicht, aus dessen Augen Wärme und Zuneigung sprach, mochte die Tatsache vergessen lassen, dass auf den Wangen Haare wuchsen. Warum nicht?

Und ein junger Mann wie Ralph, der die Welt hasste und fürchtete, mochte sich unwiderstehlich zu dem eher hässlichen Mädchen hingezogen fühlen.

Wie konnte er es wagen, um ein hübsches zu werben? Wie konnte er mit anderen Männern in Wettbewerb treten und eine neue Form der Zurückweisung riskieren, die ihn vielleicht noch tiefer traf als alles, was er vorher eingesteckt hatte? Würde er dieser Möglichkeit nicht aus dem Wege gehen, indem er sich einen Menschen suchte, der ihn mit Bestimmtheit akzeptierte? Würde er nicht, vielleicht ohne es eigentlich zu wollen, das Mädchen zu erringen trachten, das seinerseits nach Liebe hungerte und dankbar für jede Aufmerksamkeit war? Brade lächelte bitter vor sich hin. Der Zwang machte ihn nicht nur zum Detektiv, sondern auch noch zum Psychologen.

Und wenn so ein Mädchen um eines anderen ähnlich veranlagten Mädchens willen verschmäht wurde - entfesselte man da nicht alle Furien der Hölle?

Da hatte sie sich Hoffnungen gemacht, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, und nun machte ihr eine andere das alles zunichte!

Noch schmerzlicher musste es natürlich sein, wenn die andere auch nicht besser aussah als sie selbst; wenn sie sich nicht damit trösten konnte, dass sie gegen die andere ja sowieso keine Chance gehabt hätte.

Er hatte Jean Makris' Hass gespürt. Die Frage lautete: War dieser Hass so heftig gewesen, dass er zu einem Mord hätte führen können? Und wenn ja: Wäre sie geistig gerade zu diesem speziellen Verbrechen fähig gewesen? Traute sie sich soviel Chemieke vitaisse zu, um es zu riskieren, eine Chemikalie gegen eine andere auszutauschen? Wusste sie genug von Ralphs Versuchsanordnung, um dabei richtig zu Werke zu gehen? Er mochte mit ihr darüber gesprochen haben. Sie hatte vielleicht einen College Kurs in Chemie besucht. (Hatte sie überhaupt das College besucht? Das musste er feststellen.) Und wie stand es mit Roberta?

Der junge Mann hatte das eine Mädchen verlassen, vielleicht wollte er es mit dem anderen genauso machen. Und Roberta wusste besser mit Chemikalien Bescheid.

Konnte ein junger Mann, der der Welt so argwöhnisch gegenüberstand und in solchem Masse zum Verfolgungswahn neigte, auf die Dauer bei ein und demselben Mädchen bleiben, wie lieb und nett es auch zu ihm war? Musste es nicht früher oder später kleine Verstimmungen oder Missverständnisse geben, die sich mit der Zeit summierten und in seinem düsteren, einsamen Herzen den Hass nährten? Ralph hatte Roberta keinen Ring geschenkt. Er hatte niemandem von seinen Hochzeitsplänen erzählt. Charlie Emmett zum Beispiel hatte nichts davon gewusst. Offensichtlich hatte Ralph auch seiner Mutter nichts gesagt. Es gab keinen greifbaren Beweis dafür, dass er Roberta tatsächlich hatte heiraten wollen, nur seine Angaben gegenüber Roberta.

Wenn sie nun das Gefühl hatte, dass seine Liebe abkühlte oder nie mehr als lauwarm gewesen war? Wenn sie ihn nun drängte, wenn sie forderte, dass der Hochzeitstermin festgesetzt wurde, wenn sie einen Ring, eine öffentliche Ankündigung verlangte? Und wenn er sich dann drückte?

Oder wenn - das war doch möglich! - ein drittes Mädchen auftauchte? Roberta besaß genug Chemiekenntnisse, um ihn zu töten, und wenn sie es getan hatte, dann brauchte ihr jetziges Verhalten nicht gespielt zu sein. Ihr Kummer hatte verzweifelt aufrichtig gewirkt, aber sie konnte Ralph mit einem Teil ihrer Seele noch immer lieben, auch wenn sie ihn aus Rache getötet hatte. Sie mochte noch um ihr Opfer weinen und untröstlich sein.

Und sie kannte die Einzelheiten seiner Experimente, wusste besser darüber Bescheid als irgendein anderer. Besser wahrscheinlich, als selbst Emmett vermutet hatte. Doktoranden sprachen immer von ihren Versuchen, und wenn Ralph da anders war und sich aus pathologischem Argwohn zurückhielt, so gab er diese Verschlossenheit doch gewiss gegenüber dem einzigen Menschen auf, den er liebte und dem er Vertrauen schenkte.

Aber wie wollte er damit irgend etwas beweisen? Theorien waren schön und gut, er konnte ein Dutzend aufstellen. Theorien aufstellen war gewissermaßen sein Beruf. Aber in der Chemie wusste er, wie man eine Theorie nachprüfte. Auf dem Gebiet der Kriminalistik wusste er nicht, wie er sich dabei verhalten musste.

Er drehte sich mit seinen Überlegungen im Kreis und gab es auf. Er sah auf die Uhr. Kurz nach vier.

Vor etwa vierundzwanzig Stunden hatte er daran gedacht, nach Hause zu fahren, damit er zu seiner Fünf-Uhr-Verabredung mit Cap Anson zurechtkam. Er hätte sich dann das Manuskript angesehen, mit dem alten Mann einen Aperitif getrunken, ein, zwei Punkte mit ihm durchgesprochen und ihn wahrscheinlich zum Abendessen eingeladen. Aber dann war er in Ralphs Labor gegangen, weil er sich wie üblich verabschieden wollte (auch eine jener kleinen Gewohnheiten, die er von Cap Anson übernommen hatte) - und damit hatte alles angefangen. Jetzt dachte er wieder daran, nach Hause zu fahren, aber ohne jede Freude oder Erleichterung. Ansons Manuskript steckte noch immer ungelesen in seiner Mappe. Die Apparatur für den letzten Sauerstoffversuch in seinem Privatlabor war noch immer nicht abgebaut und verharzte langsam. Alles war ein Chaos.

Nun stand ein Wochenende bevor. Er blickte sich müde nach Dingen um, die er nützlicherweise mitnahm. Doris missbilligte seine Angewohnheit, Papiere, Zeitschriften und dergleichen mit nach Hause zu nehmen, aber es war nun einmal so, dass ein Fakultätsangehöriger, der seine Arbeit allein in der offiziellen Arbeitszeit erledigen musste, es einfach nicht schaffte.

Er seufzte. Er war absolut nicht in der Stimmung, Arbeiten von Studenten oder Versuchsaufzeichnungen mitzunehmen. Ansons Manuskript hatte er schon bei sich, und das musste er heute abend lesen. Morgen, am Samstag, würde Anson kommen, Ginny rechnete mit einem Besuch im Zoo, und am Abend gab Littleby seine kleine Gesellschaft. Und am Sonntag ruhte er sich am besten aus. Er hatte eine anstrengende Woche vor sich.

So nahm er außer dem Manuskript nichts mit. Er ließ die Mappe zuschnappen, warf den Mantel über den Arm und griff nach seinem Hut.

Er wandte sich der Tür zu und sah zu seiner Verblüffung eine verschwommene Silhouette durch den Milchglasausschnitt. Gleich darauf klopfte es.

Es war keiner seiner Studenten, auch niemand von seinen Kollegen. Im allgemeinen konnte er schon nach dem vagen Umriss sagen, wer es war.

Er öffnete ein wenig beunruhigt die Tür, und ein dickwangiger Mann trat ein, der breit lächelte und fröhlich sagte: »Hallo, Professor. Na, kennen Sie mich nicht mehr?«

Brade erkannte ihn sofort wieder. Es war der Kriminalbeamte von gestern abend. Jack Doheny.

9

Brade ließ seinen Hut fallen und bückte sich, um ihn aufzuheben. Er spürte, wie sich sein Gesicht rötete, aber Doheny lächelte ihn weiter an. Der Beamte kaute eifrig auf einem Kaugummi herum. »Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Doheny?« fragte Brade. »Nein - ich wollte etwas für Sie tun. « Doheny griff in seine innere Jackentasche und zog einen Schlüssel heraus. »Sie haben mich um diesen Schlüssel gebeten. Dachte, ich bringe ihn persönlich vorbei. Ralph Neufelds Laborschlüssel.«

»Oh.« Eine Welle der Erleichterung durchflutete Brade. Natürlich. Er hatte um den Schlüssel gebeten, und es war ganz natürlich, dass der Beamte ihn zurückbrachte. »Vielen Dank, Sir.«

»Der Junge hat außer seiner Mutter keine Angehörigen, wissen Sie.« Sein Blick wanderte kühl durch Brades Arbeitszimmer. Brade, der noch immer seinen Hut in der Hand hielt, stand da und wartete etwas ungeduldig darauf, dass Doheny die Tür freigab. Er sagte: »Ja, das habe ich inzwischen erfahren.«

»Ich bin gestern abend zu ihr gegangen, um sie zu verständigen. Das gehört leider auch zu meinem Job. Sie war ziemlich erschüttert. Hatte es schon vorher erfahren.« »Ach?«

»Ein Mädchen war bei ihr. Eine Ihrer Studentinnen.«

»Roberta Goodhue?« Sie hatte gesagt, dass sie bei Ralphs Mutter gewesen war. Von Doheny hatte sie aber nichts erwähnt.

»Ja. Die hatte es ihr erzählt. Ich fragte sie, wie sie es erfahren hatte. Sie sagte, jemand von der Universität hätte sie angerufen.« »Die Sekretärin der Institutsleitung. Ich hatte es ihr gesagt, und sie hatte geglaubt, Roberta benachrichtigen zu müssen. Roberta war mit dem jungen Mann befreundet.« »Ein schwerer Schlag für sie.« Doheny schüttelte den Kopf, machte aber noch keine Anstalten, den Weg freizugeben. »Ist das Ihr Zimmer, Professor?« »ja.«

»Sehr hübsch. Feinen Tisch haben Sie da. Könnte so was für meine Werkstatt im Souterrain gebrauchen. Sind Sie ein Do-ityourself-Mann?« »Nein, leider nicht.«

»Wie ich höre, ist das bei Professoren und so heutzutage groß im Schwange. Sie wissen, eigene Möbelfabrikation, Camping und so weiter.«

Brade nickte und versuchte seine Ungeduld zu verbergen. »Sagen Sie«, fragte Doheny, »halte ich Sie über Ihre Zeit hinaus auf? Gehen Sie sonst um diese Zeit?«

»Ich kann über meine Zeit frei verfügen. Manchmal bleibe ich bis Mitternacht, manchmal gehe ich schon mittags. Das kommt auf meinen Vorlesungsplan an und darauf, wie ich mich fühle.« »Tadellos«, sagte der Kriminalbeamte; man merkte, es war ihm ehrlich damit, »so müsste es bei jedem Job sein. Sind Sie gestern länger geblieben?« »Ich hatte es nicht vor. Ich hatte vielmehr vor, in ein paar Minuten zu gehen, da entdeckte ich die Leiche.«

»Und heute sieht es so aus, als würde ich Sie aufhalten. Aber das habe ich nicht vor.« Er trat endlich ohne besondere Eile zur Seite. »Schon gut«, sagte Brade steif. Er folgte Doheny hinaus auf den Flur und schloss sein Arbeitszimmer ab. Er steckte Neufelds Schlüssel erst mal an seinen Schlüsselring.

Doheny sah ihm dabei zu. »Das ist ein Hauptschlüssel, den Sie da am Ring haben, wie?«

Brade ärgerte sich über diese Frage. Er steckte die Schlüssel schnell weg. »Ich muss jederzeit in das Gebäude kommen können.« »Ja, klar. Passt er für alle Labors?«

»Für alle, die keine Spezialschlösser haben. Die meisten Fakultätsangehörigen dürften Hauptschlüssel besitzen.« »Ja, klar.« Doheny lächelte und nickte.

Brade führte während der Heimfahrt eine stumme Diskussion mit sich selbst. Da war Doheny also wiedergekommen. Der Anlass war ein durchaus plausibler gewesen. Er, Brade, hatte mit seinem Verlangen nach dem Schlüssel selbst dafür gesorgt. Und der Mann hatte durchaus normale Fragen gestellt, er hatte keine Feindseligkeit, keinen Argwohn gezeigt. Warum hätte er das auch tun sollen?

Und doch - warum hatte er wissen wollen, wann er nach Hause fuhr? Wozu das Interesse an dem Hauptschlüssel? Wieso war ihm der übrigens so schnell aufgefallen? Hatte er darauf besonders geachtet? Und warum sich unnütz Sorgen machen, hm? Brade zwang seine Gedanken in eine andere Bahn.

Das Abendessen verlief sehr ruhig. Ginny hatte inzwischen von dem Vorfall erfahren. (Die Nachrichten hatten ihn tatsächlich erwähnt, und Freundinnen hatten Doris angerufen, um mit ihr darüber zu sprechen. Und Ginny hatte dabei aufmerksam zugehört.)

Sie durfte natürlich nicht selbst darüber sprechen, und alle ihre Bemühungen in dieser Richtung wurden von beiden Eltern entschieden abgebogen. Die Aufregung hielt sie jedoch während des ganzen Abendessens gefangen und sorgte dafür, dass sie mit kräftigem Appetit aß.

Dies hatte seine guten Auswirkungen, da der Anblick der ausnahmsweise anstandslos essenden Tochter Doris in gute Laune versetzte, die ihrerseits zur Folge hatte, dass sich einige der Sorgen auflösten, die Brade bedrückten.

Die angenehme Stimmung hielt vor bis zum Nachtisch und der an Ginny ergehenden Aufforderung, ihr Betätigungsfeld nach oben zu verlegen und ihre Wochenendhausaufgaben zu machen, ein Bad zu nehmen und sich dann schlafen zu legen.

»Und ich möchte, dass um neun Uhr der Fernsehapparat ausgeschaltet wird, Virginia«, sagte Doris.

Ginny beugte sich über das Treppengeländer, und ihre dunklen Augen funkelten lebhaft. »He, Pa, vergiss nicht, dass wir morgen in den Zoo gehen.«

»Sprich deinen Vater nicht mit >he< an«, sagte Doris, »und das kommt ganz darauf an, wie du dich heute abend aufführst. Gibt's Ärger, geht's morgen nirgendwohin.«

»Ach, ich mach schon keinen Ärger. Wir gehen morgen, Pa, nicht wahr?«

Und Brade blieb nichts anderes übrig, als zuzusagen. »Wenn es nicht regnet«, fügte er hinzu.

»Eigentlich weiß ich noch gar nicht, ob ich morgen kann, Doris«, sagte Brade nachher.

»Was?« rief Doris aus der Küche, als sie gerade die Geschirrspülmaschine eingeschaltet hatte. Sie kam ins Wohnzimmer zurück. »Was hast du gesagt?«

»Ich sagte, ich weiß noch gar nicht, ob ich morgen in den Zoo gehen kann.«

»Warum nicht?«

»Cap Anson wird morgen vorbeikommen.«

Doris runzelte die Stirn und nahm die Schürze ab. »Wie kam es denn zu der Verabredung?«

»Ganz einfach. Er sagte, er kommt vorbei, und ich konnte nicht gut nein sagen.«

»Wieso nicht? Das ist doch leicht auszusprechen.«

»Ich konnte es nicht. Nicht Cap Anson gegenüber. Du weißt doch, wie er ist.«

»Ja, aber deshalb billige ich das noch lange nicht. Es ist sein Buch, nicht deins. Warum sollst du dich dafür abrackern?«

»Weil es ein interessantes Buch sein wird, wenn es fertig ist; ein wichtiges Buch. Ich bin sogar stolz darauf, dass ich ihm behilflich sein kann.«

»Nun, dann kommt er eben ein andermal.« »Ich habe ihn jetzt schon zweimal versetzt, Doris.« »Zweimal?« »Zuerst gestern abend. Ich war mit ihm um fünf Uhr verabredet, und du weißt, wie sehr er auf Pünktlichkeit achtet. Und ich war nicht da.« Doris zuckte die Achseln und begann in der Fernsehzeitung zu blättern. »Das war keine Tragödie. Er hat Virginia ja den Text gegeben.« »Ich weiß. Aber er war sicher sehr enttäuscht. Er betrachtet Unpünktlichkeit als einen persönlichen Affront.«

»Er machte einen ganz normalen Eindruck«, sagte Doris ungerührt. »Ich habe ihn durch die Fliegendrahttür beobachtet, wie er Ginny den Umschlag gab, und da sah er gar nicht verärgert aus oder so.« »Nun, er war gekränkt, ob man's ihm angemerkt hat oder nicht. Und dann war er heute morgen um zehn in meinem Arbeitszimmer, gleich nach meiner Vorlesung, und ich hatte den Text nicht gelesen, und da hat man ihm deutlich angesehen, dass er gekränkt war.« »Hältst du es nicht für etwas verständnislos von ihm, dass er erwartet, alles ginge so weiter wie früher, nachdem einer deiner Studenten einen tödlichen Unfall gehabt hat?«

»Natürlich ist es verständnislos von ihm, aber er ist ein alter Mann, und die Chemie ist sein Lebensinhalt. Was Ralph passiert ist, war ihm gleichgültig, und deshalb konnte ich nicht ablehnen, als er sagte, er kommt morgen früh vorbei.«

»Trotzdem wirst du Virginia mitnehmen müssen. Sie freut sich schon die ganze Woche darauf. Und sag nicht, ich soll mit ihr hingehen. Ich habe einen Berg Wäsche, mit dem ich wahrscheinlich sowieso nicht fertig werde.«

»Na schön«, sagte Brade, »ich rufe Cap heute abend noch an und sage ihm, er soll um neun kommen. Vor elf mit Ginny zum Zoo gehen, hat keinen Sinn, es ist wahrscheinlich noch viel zu kalt, und dann hätte ich zwei Stunden Zeit für Cap.«

Doris ging nicht direkt darauf ein. Sie wandte sich dem Fernsehapparat zu und sagte mit einem Seufzer: »Es ist eine lahme Show, und ich bin gar nicht in der Stimmung dazu, aber ich muss irgend etwas sehen.« »Was bringen denn die anderen Programme?«

»Oh - ein Korbballspiel und einen Erweckungsprediger. Und einen alten Film, den ich schon gesehen habe.«

Sie setzte sich mit einem Strickkörbchen in den Sessel und starrte abwesenden Blicks zum Bildschirm. Sie strickte nicht. Brade war überzeugt, dass sie auch das Programm nicht sah. »Gibt es etwas Neues mit Ralph?« fragte sie schließlich. Sie war offensichtlich über sich selbst verärgert, weil sie das Thema doch nicht hatte ignorieren können.

Brade blickte von Cap Ansons Manuskript auf. Er wäre in seinen Arbeitsraum im Souterrain hinuntergegangen, wenn er nicht Gesellschaft gebraucht hätte, auch wenn es nur die unglückliche, unzufriedene Doris war.

»Der Kriminalbeamte war wieder bei mir«, sagte er.

Sie sah sofort auf, die schönen Augen weit aufgerissen. »Was?« »Nur um mir den Laborschlüssel zurückzubringen; Ralphs Schlüssel; aber wie er sich in meinem Zimmer umgesehen hat, das hat mich nervös gemacht.«

»Hat er etwas gesagt?«

»Du meinst, über den Mord direkt? Nein.«

»Nun, dann denk doch nicht mehr daran. Lass die Sache ruhen.« »Auch wenn es Mord war?«

»Es ist nun mal passiert. Ein ziemlich unangenehmer junger Mann ist tot. Du machst ihn auch nicht mehr lebendig.«

»Die Sache ist keineswegs erledigt. Da ist ein Mädchen, das ihn offenbar geliebt hat und ihn heiraten wollte. Und da ist eine Mutter, die in ihrem Leben viel mitgemacht zu haben scheint und sich krummgelegt hat, damit er Chemiker werden konnte. Nein, die Sache ist noch gar nicht erledigt.«

»Ihnen nützt es aber auch nichts, wenn du in Teufels Küche gerätst.«

»Ich bin schon längst in Teufels Küche. Ich frage mich den ganzen Tag, wie ich wieder herauskomme.«

»Außer dir vermutet niemand, dass es Mord war.«

»Und wie lange wird das so bleiben? Heute hat mich jemand gefragt, wie Ralph nur Natriumzyanid für Natriumacetat halten konnte. Die Betreffende war noch ziemlich erschüttert, aber sie wird zu sich kommen und diese Frage dann noch mal stellen. Andere Chemiker bei uns könnten argwöhnisch werden. Jemand wird schließlich zur Polizei gehen. Wäre dir dieses Damoklesschwert über unseren Köpfen so angenehm?«

»Wer ist diese >sie<, von der du da sprichst?«

»Roberta Goodhue. Sie ist das Mädchen, das Ralph heiraten wollte.«

Verzweifelt, intuitiv sagte Doris sofort: »Vielleicht hat sie es getan. Vielleicht wollte er nichts mehr von ihr wissen.« »Genau daran habe ich auch gedacht«, erwiderte Brade. »Ich habe an viele Möglichkeiten gedacht.« Er legte das Manuskriptblatt, das er gerade in der Hand hielt, auf den Tisch. »Hör mal zu, Doris.«

»Ja?«

»Wir gehen das mal gemeinsam durch. Warum soll ich es allein mit mir herumtragen? Vielleicht fällt dir etwas auf, das mir entgangen ist. Herrgott, vielleicht siehst du einen Ausweg.« Doris neigte den Kopf über ihre unberührte Strickarbeit. »Na schön. Wenn du darüber reden musst, dann rede.«

»Ich dachte, ich könnte alles schriftlich machen. Das war mein erster Gedanke. Eine Liste aufstellen. System hineinbringen. Aber dann sagte ich mir: Was, wenn nun jemand den Zettel findet, die Schnitzel im Papierkorb oder Asche, und sich fragt, was ich da wohl verbrannt habe. Mit dieser Unsicherheit quäle ich mich jetzt herum. Es ist einfach -einfach unerträglich.«

Er fuhr fort: »Zunächst einmal - wenn wir von Mord ausgehen, müssen wir uns überlegen, wer es gewesen sein kann. Ich habe dir gestern abend gesagt, es müsste jemand gewesen sein, der chemische Kenntnisse besitzt und über Ralphs Experimente Bescheid wusste. Das macht mich zum Hauptverdächtigen, aber wenn wir mich einmal aus dem Spiel lassen, wer kommt dann in Frage? Es gibt jemanden, der Zugang zu Ralphs Labor hatte und auch Gelegenheit hatte, Ralph bei seiner Arbeit zu beobachten.« »Wer?«

»Gregory Simpson, Ralphs Laborpartner. Er sagt, Ralph hätte nie ein Wort mit ihm gesprochen, und vielleicht stimmt das, aber er konnte trotzdem Ralph bei der Arbeit beobachten. Er konnte sehen, wie Ralph Kolben mit Acetat vorbereitete und sie dann in seinem Schrank verwahrte.

Eine so gute Gelegenheit hatte sonst niemand, aber andere, Charlie Emmett oder irgendeiner der Studenten oder auch Cap Anson, wenn man so will, die dort in der Nähe zu tun hatten, hätten die gleiche Beobachtung machen können. Theoretisch ist es auch möglich, dass jemand in Ralphs Labor gegangen ist, als er nicht da war, und seine Notizbücher durchgelesen und dabei so viel erfahren hat, dass er den Mord planen konnte. Wie gesagt, das ist alles möglich, aber wenig wahrscheinlich. Was die Mordmethode angeht, gerate ich unbedingt in den stärksten Verdacht. An zweiter Stelle, aber mit großem Abstand, steht Simpson. Die anderen auf dem Flur kommen erst lange danach in Betracht. Alle übrigen scheiden praktisch aus.«

»Warum sagst du, Simpson komme erst mit großem Abstand?« fragte Doris. »Mir scheint, er hatte die gleichen Möglichkeiten wie du.«

»Er ist erst zweiundzwanzig, und er hat kein Tatmotiv.«

»Du kennst keines, aber du bist nicht allwissend. In deinem Fall gibt es

übrigens auch kein Motiv.«

»In diesem Zusammenhang gibt es noch etwas, das mir Sorgen macht. Jetzt, wo er tot ist und ich ein bisschen herumgefragt habe.« Doris zog sofort die Brauen zusammen. »Warum hast du herumgefragt, Lou? Das ist das Schlimmste, was du tun konntest.« »Ich war sehr vorsichtig. Und die Leute haben mir auch von selbst erzählt, ohne dass ich Fragen stellen musste. Jedenfalls - Ralph hat mich offenbar nicht gemocht oder gefürchtet - oder beides zusammen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher.«

»Warum sollte er dich nicht gemocht haben?«

»Er konnte, wie es scheint, kaum einen Menschen leiden. Ich weiß nicht, was er gegen mich hatte oder warum er sich vor mir hätte fürchten sollen. Das ist auch gleichgültig. Welches auch immer der Grund war, die Polizei könnte daraus ein Tatmotiv konstruieren. Sie könnte sagen, ich hätte sehr viel für den jungen Mann getan oder mir das zumindest eingebildet, und er hätte darauf mit Undankbarkeit reagiert. Also hätte ich ihn in einem Wutanfall umgebracht.« »Das ist doch verrückt.«

»Vielleicht glaubt die Polizei, ich bin verrückt. Ich habe bisweilen die Beherrschung verloren. Es ist bekannt, dass ich meine Studenten schon mal anbrülle, wenn sie sich ganz besonders dumm anstellen. Ich hätte Ralph ganz schön zusammengestaucht, wenn das mit dem Zyanid ein Unglücksfall gewesen - und er mit dem Leben davongekommen wäre. Man weiß, dass ich wütend werden kann.«

»Das kann jeder werden«, sagte Doris. »Es muss doch jemand mit einem besseren Motiv geben als dem, dass er ab und zu mal wütend wird.«

»Diese Person gibt es auch. Jean Makris.« »Ach! Wieso?« Brade erklärte es ihr.

»Da scheinst du ja an der Universität ein kleines Liebesnest zu haben«, sagte Doris.

Brade zuckte die Achseln. »Sieht so aus, wie? Jedenfalls - Jean Makris hatte ein Tatmotiv, aber ihr fehlen die elementaren Kenntnisse.« »Wieviel muss man schon wissen, um zwei Pulver zu vertauschen!« »Es ist nicht nur das Wissen, es ist auch das Selbstvertrauen. Ich könnte mir denken, dass sich ein chemischer Laie scheut, mit Zyanid umzugehen; dass er fürchtet, das Gift könnte ihm durch die Fingerspitzen dringen. Roberta dagegen besaß sowohl ein Motiv wie die nötigen Kenntnisse, wenn sie sich von Ralph verlassen fühlte. Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annahme, dass er sie verlassen wollte.

Natürlich mag es Motive geben, die wir nicht kennen, da hast du recht. Ranke hatte eine heftige Abneigung gegen Ralph. Die Frage ist nur: kann sie zu einem Mord geführt haben? War an diesem Streit zwischen ihm und Ralph mehr dran, als wir wissen? Foster hat ihm nur die Note C gegeben. War das etwas, wovon wir nichts erfahren haben?« Doris hatte zu stricken begonnen. Sie sagte: »Um das Tatmotiv würde ich mich an deiner Stelle nicht kümmern. Keiner hat ihn gemocht. Wenn du genau hinsiehst, wirst du bei vielen ein Motiv finden.« »Ja, aber auch eins, das zur Tat ausgereicht hätte? Du lieber Gott, wenn wir alle Leute umbrächten, die wir nicht leiden können, dann wäre die Erde aber bald entvölkert. Nein, so geringfügige Gründe dürfen wir nicht in Betracht ziehen.«

»Unsinn«, sagte Doris. »Du darfst Verdächtige nicht so leicht von der Liste streichen, sonst bist du zum Schluss der einzige, der noch übrigbleibt. Die meisten Morde werden wahrscheinlich aus geringfügigen Motiven begangen.« »Na ja.«

»Lou, ich weiß, was ich sage.« Sie zog an der Wolle und strickte jetzt sehr schnell. »Du hättest zu der Liste derjenigen, die Ralph Neufeld nicht leiden konnten, noch eine Person hinzufügen können; eine Person mit einer geringfügigen Abneigung gegen Ralph Neufeld wegen eines geringfügigen Vorfalls, die ihn dennoch deswegen mit Freuden hätte umbringen können.«

Brade sah sie entgeistert an. »Wer soll denn das sein?« Doris riss wild an der Wolle, die sich verfangen hatte. »Ich.«

10

Natürlich hätte Brade im ersten Augenblick am liebsten gelacht, aber er unterließ es und beschränkte sich auf ein ungläubiges, explosives »Du?«

Doris entgegnete sofort: »Lach nicht, ich meine es ernst.« »Ich lache nicht, und du kannst es unmöglich ernst meinen.« »Du erinnerst dich, dass Ralph an Weihnachten letztes Jahr hier war, ja?«

»Zusammen mit den anderen Studenten, ja«, sagte er. »Wir hatten sie ja alle eingeladen. Damals ging deine Vase kaputt.«

»So, daran erinnerst du dich noch? Dann weißt du vielleicht auch noch wie?«

Brade zuckte die Achseln. »Ralph hat sie zerbrochen.« Das war halb geraten, denn es war die Antwort, die in den Zusammenhang des Gesprächs passte.

Doris blickte ihn düster an, als übertrüge sie die Erinnerung an dieses schreckliche Ereignis auf ihn. »Es war die Art, wie er sie zerbrochen hat. Und es war meine eigene Vase. Ich hatte sie in meiner Keramikklasse selbst gemacht.«

»Ich weiß, Doris.«

»Es war der einzige hübsche Gegenstand, der mir damals gelungen ist. Die Form war genau richtig, und die Farben waren richtig glasiert, und sie war mein. Ich hatte sie nicht gekauft, ich hatte sie selbst gemacht.« Sie hatte wieder aufgehört zu stricken. »Und ich hatte sie ihnen gezeigt und davon erzählt. Ich hatte ihnen meine Initialen daran gezeigt.« »Ja, ich erinnere mich«, sagte Brade, der sich nicht recht getraute, seine Ungeduld zu zeigen. Diese Vase war fast ein Jahr im Hause gewesen; immer wenn Besuch kam, war die Rede auf sie gekommen. Doris hatte sich immer ein wenig geziert und sich über die leichte Asymmetrie der Vase lustig gemacht, aber sie war doch ungeheuer stolz auf ihr »Kunstwerk« gewesen, gerade weil sie zu den im Grunde nicht schöpferischen Menschen gehörte. »Ralph Neufeld stand neben diesem Tisch dort.« Sie deutete auf das Tischchen neben dem breiten Lehnsessel. Jetzt stand nichts mehr darauf, und Brade wurde sich bewusst, dass das Deuten eine Geste der Trauer war. »Er stand da, und sein Ellenbogen bewegte sich ein kleines bisschen, und hinunter fiel sie und ging in tausend Stücke.« Sie starrte auf die Stelle auf dem Fußboden. »Tagelang habe ich versucht, sie wieder zusammenzusetzen und zu leimen. Es ging nicht. Es waren einfach zu viele Stücke.«

Brade lächelte etwas steif. »Unglücksfälle passieren eben.« »Es war kein Unglücksfall, und es wird Zeit, dass du das erfährst. Ich habe nichts gesagt, weil ich dein Verhältnis zu ihm auf der Universität nicht belasten wollte. Aber jetzt ist er tot, und jetzt kann ich es sagen. Es war kein Versehen. Ich habe ihn zufällig die ganze Zeit beobachtet. Ich sah, wie sich sein Ellenbogen bewegte. Es gab keinen Grund für diese Bewegung. Er wollte nicht nach etwas greifen, und er war auch nicht durch etwas erschreckt worden. Sein Ellenbogen ging gerade so weit zurück, bis er an die Vase stieß.

Und er fuhr auch nicht zusammen. Alle anderen erschraken und schrien auf. Er nicht. Er wusste ja, was kam. Er sah sich nur ganz ruhig um und blickte dann hinunter zur Vase und trat zur Seite. Und er sagte nicht, dass es ihm leid tue, weder in dem Augenblick noch später. Er lächelte ein wenig; ja, er lächelte sogar, es hatte ihm Spaß gemacht, mir diesen Schmerz zuzufügen.«

Brade schüttelte den Kopf. »Du machst dir da jetzt was -« »Ich erzähle dir ganz genau, wie es geschehen ist.« Ihre Augen waren erregt, aber trocken. »Und das sage ich dir, Lou: für manche Leute mag das einfach eine zerbrochene Vase gewesen sein, aber für mich war es ein Grund zum Mord. Wenn ich ein Messer in der Hand gehabt hätte in diesem Augenblick, dann hätte ich ihn eiskalt erstochen.«

Brade versuchte mit ganz ruhiger Stimme zu sprechen. »Das hast du vielleicht geglaubt. Aber wenn du das Messer tatsächlich gehabt hättest, hättest du es nicht getan.«

»O doch. Mach dir nichts vor, Lou. Ich hätte es getan.«

»Es gab anderes, was du hättest tun können, Doris. Du hättest schreien, hättest ihn schlagen können. Aber das hast du nicht getan. Soviel ich mich erinnern kann, hast du dich zu gar nichts hinreißen lassen und bist die vollkommene Gastgeberin geblieben. Du hast dich von allen höflich verabschiedet, und erst nachher -«

»Ihm habe ich nicht auf Wiedersehen gesagt.«

»Schön, aber du hast nicht die Beherrschung verloren. Und da du nicht schreiend auf ihn losgegangen bist, wärst du sicher auch nicht mit dem Messer auf ihn losgegangen.«

»Schreien hätte doch keinen Sinn gehabt. Schreien wollte ich gar nicht. Ich will dir sagen, wie mir jetzt zumute ist. Als ich hörte, dass er tot ist, war ich froh. Ich machte mir Sorgen, weil sein Tod bedeutete, dass wir in die Sache verwickelt waren, aber das ist auch alles. Es ist jetzt fast ein Jahr her, aber ich habe es ihm nicht verziehen, und ich glaube noch immer, dass er den Tod verdient hat. Wer das fertigbringt, was er mir damals angetan hat, der hat wahrscheinlich schon vielen Menschen das Leben mit seiner Bosheit schwergemacht.«

»Schön und gut, Doris«, sagte Brade, der dieses Thema abschließen wollte. »Damit hast du aber weiter nichts bewiesen.« »Nein? Ich wollte dir zeigen, dass du keine Ahnung hast von Tatmotiven. Du weißt nicht, was den einen zum Mörder machen kann und den andern nicht. Warum solltest du das auch wissen? Es ist nicht dein Fach. Du würdest dich kranklachen, wenn ein Kriminalbeamter, und wäre es ein ganz schlauer, in deinem Labor erschiene und dir beibringen wollte, wie du deine Experimente durchführen musst. Warum glaubst du dann, du könntest den Detektiv spielen, nur weil du Chemiker bist? Du hast nicht die Ausbildung dazu und nicht die Erfahrung, und du bringst dich nur in Schwierigkeiten. Also hör auf. Hör auf.« Brade schwieg.

»Lass es einen Unfall gewesen sein, Lou«, fuhr Doris fort, »und wenn ihn jemand umgebracht hat, auch gut. Du bist nicht der liebe Gott. Das Strafen ist nicht deine Sache.«

Brade wandte sich ab. »Ich muss Cap anrufen«, murmelte er. Brade saß zwei lustlose Stunden über Ansons Manuskript. Dieser Abschnitt handelte von den früheren Jahren des Wirkens des schwedischen Chemikers J. J. Berzelius, der zu seiner Zeit der absolute Tyrann der Chemie war. Er leistete grundlegende Beiträge zu einem halben Dutzend Unterabteilungen der Wissenschaft, entdeckte mehrere Elemente, erfand den Terminus »Katalyse«, führte die noch heute gebräuchlichste Zeichensprache ein und so weiter. Er war Ansons großer Held, und Brade fragte sich beim Lesen, bis zu welchem Grade sich Anson unbewusst mit Berzelius identifizierte. Natürlich konnte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts niemand mehr eine solche Macht ausüben, wie Berzelius dies im neunzehnten Jahrhundert getan hatte. Die Wissenschaft war zu umfangreich geworden.

Und doch - auch Berzelius hatte noch seine Zeit zu Ende gehen sehen, ehe er starb. Er hatte die radikale Theorie von der organischen Chemie erfunden und hatte sie mit Inbrunst verfochten, bis sie sich angesichts der sich mehrenden sie widerlegenden Untersuchungsergebnisse gleichsam nur noch auf sein Wort stützen konnte. Die exakteren Vorstellungen von der organischen Chemie gewannen jedoch noch zu Berzelius' Lebzeiten an Raum und traten mit seinem Tod unbestritten ihren Siegeszug an.

Erkannte sich Anson auch darin wieder? Sah er sich als den letzten grossen Vertreter der »guten alten« Chemie, bevor die pragmatischen, kühlen Computer-Überwacher das Zepter in die Hand nahmen? Brade legte das Manuskript schließlich beiseite und fühlte sich sehr niedergeschlagen und erschöpft. Doris kam zu ihm herüber, um noch einige Haushaltsfragen zu besprechen-unter anderem ging es darum, dass der Milchmann am nächsten Morgen noch eine zusätzliche Flasche Milch lieferte. Dann vergewisserte sich Brade, dass alle Türen und Fenster verschlossen und die verschiedenen Haushaltsgeräte abgestellt waren. Dann ging er ins Schlafzimmer. Er konnte ohne weiteres einschlafen, aber es war ein unruhiger Schlaf voll wirrer Träume.

Dann starrte er auf einmal in sein Kissen hinein, und die Stille und die Dunkelheit sagten ihm, dass der Morgen noch weit entfernt war. Er hob den Kopf ein wenig- der kleine Leuchtzifferblattwecker auf dem Nachttisch zeigte auf zehn Minuten nach drei.

Er drehte das Kissen um und legte den Kopf behutsam auf die kühle Seite. Dann brachte er Arme und Beine in eine gelockerte, entspannte Lage und schloss langsam die Augen. Es nützte nichts. Er war wach.

Vor einem solchen Wachsein fürchtete er sich. Es kam gelegentlich vor, wenn ihn etwas beschäftigte, und in den letzten Jahren war es häufiger aufgetreten. Eine Geringfügigkeit, eine leicht unbequeme Schlafposition, ein leises Geräusch von draußen konnte ihn dann zwischen zwei und vier Uhr aufwecken. Und dann lag er wach im Bett, und seine Sorgen wuchsen und erschienen ihm riesengroß.

Manchmal konnte er dagegen ankämpfen; er wusste, wie blödsinnig dieses Wachliegen war. Er wusste, dass mit dem Morgen und der Sonnenhelle die schrecklichsten Ängste zusammenschrumpften und sich auflösten. Hin und wieder gelang es ihm, seine Gedanken bewusst der Anordnung eines Experiments oder der Gliederung einer Vorlesung zuzuwenden. Bisweilen nützte es auch etwas, wenn er mit einem Buch ins Badezimmer ging und las, bis er müde war.

Doch manchmal hatte er einfach nicht die Energie, sich zur Wehr zu setzen, und lag dann da, allen grauen Gedanken ausgeliefert. Doris lag in tiefem Schlaf. Das Laternenlicht, das durch die Spalten der Jalousie und den Vorhang hereinfiel, erhellte ihr Gesicht gerade so viel, dass es mehr als ein beliebiger Fleck im Zimmer war, aber noch keine erkennbaren Züge hatte.

Sie schlief immer auf der Seite, er dagegen auf dem Bauch, und er fragte sich, wie es wohl kam, dass jeder Mensch seine besondere Schlaflage hatte. Warum war eine bestimmte Lage dem einen angenehm, dem andern unbequem? War es eine Angewohnheit aus der frühen Kindheit oder bestand ein physischer Unterschied in der Verteilung der Blutgefässe und Nervenenden?

Eine Weile klammerte er sich an dieses Problem, versuchte sich Experimente auszumalen, Theorien aufzustellen, die ihn in Schlaf lullen sollten - so wie ein anderer Schafe zählte -, aber es entglitt ihm alles wieder.

Plötzlich fiel ihn ein Gedanke an: Ich frage mich, ob sie von der Vase träumt.

Die Vase und der Ellenbogen. Warum hätte Ralph das getan haben sollen? Wenn er absichtlich die Vase zerbrochen hatte, hatte er es dann getan, weil er wusste, dass sie Doris viel bedeutete und unersetzlich war? Wollte er ihr stellvertretend für ihn, Brade, einen Schmerz zufügen? War es ein Ausdruck von Ralphs Hass auf seinen Professor?

Wie lange war Ralph damals schon sein Doktorand? Es war Weihnachten letztes Jahr gewesen, und damals arbeitete Ralph seit etwa einem halben Jahr unter Brades Obhut. Doris kannte er nicht, er hatte sie nie zuvor gesehen. Sie konnte es nicht gewesen sein, die er treffen wollte.

Sie nicht, sondern ihn, Brade, hatte er damit treffen wollen. Ihn, Brade, den er gehasst hatte. Und Jean Makris hatte recht. Aber weshalb hatte Ralph ihn gehasst?

Aber weshalb hatte Ralph ihn gehasst?

Man sprach so ungeniert von Motiven, als handelte es sich da um leicht definierbare mathematische Kräfte, die entweder in dieser oder in jener Richtung wirkten, vorhersehbar waren und sich analysieren ließen.

So einfach war das aber nicht. Es war vielmehr so, wie Doris gesagt und zu beweisen versucht hatte. Motive waren dunkle, verborgene Kräfte und komplex dazu. Was für den einen ein Tatmotiv war, ließ den anderen kalt, geradeso wie der eine auf dem Bauch herrlich einschlafen konnte - und der andere nicht. Wie sollte er sich da zurechtfinden? Er konnte nicht einmal die einzelnen Beweggründe seiner Frau erkennen, die er Tag für Tag sah. Er erkannte ihr Streben nach Sicherheit und verstand einige der Handlungen, zu denen sie dadurch getrieben wurde. Aber der Zusammenhang zwischen einer zerbrochenen Vase und einer fast hemmungslosen Mordlust war ihm entgangen. Übrigens-was bestimmte ihn selbst zu seinen Handlungen? Was drehte in seinem Innern die Rädchen? Wenn die Polizei nun kam und sagte: Brade, Sie sind ein Mörder. Sie haben ein Tatmotiv - was dann? Wie konnte er sich dagegen verteidigen? Kannte er seine eigenen Motive? Wenn die Polizei nun sagte, er habe es wegen Doris' Vase getan? Wie konnte er da nein sagen? Doris hatte gesagt, sie hätte Ralph dafür umbringen können, und die Polizei würde sagen, sie habe ihn zur Tat angestiftet.

Um sieben, bevor der Wecker klingeln konnte, war er wieder wach. Er erinnerte sich, im Laufe der Nacht aufgewacht zu sein, wusste aber nicht mehr, welche Gedanken ihn beunruhigt hatten.

Nur dass es um die zerbrochene Vase gegangen war.

Er hatte von ihr geträumt; ein Traum, der jetzt im Augenblick des Aufwachens abgerissen war. Sie hatte wie damals auf dem Tisch gestanden, nur dass ganz dünne, feine Linien zeigten, wo die einzelnen Bruchstücke aneinander stießen, und Doris rief ihm zu, er solle sie nicht anfassen, der Leim sei noch nicht getrocknet. Nur dass die Linien zwischen den Bruchstücken rot waren-wie Blut. Und dann war er aufgewacht.

Erst unter der Dusche ging ihm die Vase aus dem Sinn.

Auf Brades Anruf vom Vorabend hin traf Cap Anson pünktlich um neun Uhr ein, und Brade, der schon gefrühstückt hatte, ließ ihn durch die Tür ein, die direkt in sein Arbeitszimmer im Souterrain führte.

Anson legte seinen Stock hin und nahm auf einem der beiden Stühle Platz. »Na, wie sind Sie mit dem alten Berzelius zurechtgekommen, Brade?«

Brade zwang sich zu einem Lächeln. »Sehr selbstbewusster Mann.« »Er hatte auch Grund dazu. Er wurde in den Freiherrenstand erhoben.« »Oh, ja?«

»Ich komme in einem späteren Kapitel darauf zu sprechen. Es war an seinem Hochzeitstag. Er heiratete gegen Ende seines Lebens eine Frau, die dreißig Jahre jünger war als er, und der König von Schweden machte ihn zum Freiherrn, das war sein Hochzeitsgeschenk. Ich behandle das ausführlich. Weshalb soll eine Geschichte der organischen Chemie nicht auch eine Geschichte der organischen Chemiker sein?«

Brade wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Anson hatte jedenfalls zwischen Chemie und Chemiker immer einen Strich gezogen und sein Privatleben nie Einfluss auf seine Arbeit nehmen lassen. Man wusste, dass es einmal eine Mrs. Anson gegeben hatte, dass sie jetzt tot war. Anson lebte allein und wurde von seiner Haushälterin versorgt. Man wusste, dass er eine verheiratete Tochter hatte, die irgendwo im Mittelwesten lebte und Kinder hatte. Er sprach nie von seinen Angehörigen. Auf Entfremdung deutete nichts hin. Er sprach nur einfach nicht von ihnen, weil sie nichts mit Chemie zu tun hatten.

Brade sagte: »Wo persönliche Dinge in einem Zusammenhang mit der Entwicklung der organischen Chemie stehen, sollten sie zur Sprache kommen. Zum Beispiel ist die Erhebung in den Freiherrenstand ein Ausdruck dafür, wie die damalige Gesellschaft Berzelius' Verdienste einschätzte. Die organische Chemie erwies sich als so wichtig für das tägliche Leben, dass es gerechtfertigt erschien, einen ihrer Vertreter zu adeln.«

Anson nickte langsam. »Ein gutes Argument. Vielen Dank. Jetzt habe ich einige Abschnitte über die Entdeckung des Selens gestrichen. Die ist natürlich, wie auch die ganze Sache mit der Lötrohranalyse, sehr interessant, gehört aber nicht zur organischen Chemie.« »Ganz richtig«, sagte Brade. »Das Buch wird ohnehin ziemlich umfangreich werden.«

»Na schön. Würden Sie sich jetzt einmal die Seite 82 ansehen. Ich bin noch nicht bis zur radikalen Theorie gekommen, aber das scheint mir die Stelle zu sein, wo sie hingehören müsste.« So machten sie weiter, die Köpfe zusammengesteckt, hoben Manuskriptblätter hoch, legten sie wieder hin, schoben sie zur Seite, holten sie wieder aus dem Stoss hervor, bis Doris' Stimme sie schließlich in die Alltagswelt zurückrief. »Lou, ich glaube, Virginia ist jetzt soweit.« Doris hatte, weil Anson da war, einen absichtlich sanften Ton angeschlagen. Brade blickte auf. »Gut, Doris. Ja, Cap, ich glaube, wir haben so ziemlich alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Wollen wir für heute Schluss machen?« »Haben Sie jetzt etwas vor?«

»Ja, ich gehe mit Ginny in den Zoo. Sie muss nächste Woche in Englisch irgendeinen Aufsatz schreiben, und da bekommt sie durch den Zoobesuch Stoff für ein Thema, sie hat ihren Spaß, und Doris ist uns ein paar Stunden los. Drei Fliegen mit einer Klappe.« Er lächelte kurz, stand auf, schob die Seiten des Kapitels zusammen und legte zum Beschweren die Heftmaschine darauf.

Anson sammelte seine Aufzeichnungen ein. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme? Es gibt noch mehr zu besprechen.« »Hm.« Brade zögerte. Er wusste nicht, wie er die so behutsam vorgetragene Bitte ablehnen sollte. »Es dürfte für Sie langweilig werden.«

Anson lächelte traurig. »In meinem Alter sind die meisten Dinge langweilig.« Er griff nach seinem Spazierstock.

Es war ein milder, sonniger, für die Jahreszeit sehr warmer Tag, fast ein Sommertag, aber ohne das sommerliche Besuchergedränge, und Brade dachte mit einer gewissen verbissenen Befriedigung daran, dass wenigstens in diesem Zusammentreffen etwas Positives zu erblicken war. Ginny inspizierte das Affenhaus, während er und Anson draußen auf einer Bank saßen.

Brade starrte abwesenden Blickes zu dem Goldadler in dem Käfig auf dem Pfahl inmitten eines kreisrunden Rosenbeets hin. In den kleinen gelben Augen des Vogels wohnte noch eine schläfrige Wildheit, und er fragte sich, wie lange das Tier wohl schon eingesperrt war und womit es, an irgendeinem kosmischen Maßstab von Schuld und Sühne gemessen, seine Gefangenschaft verdient hatte.

Anson hatte sich eine Tüte Popcorn gekauft und knabberte, den Stock quer über die Beine gelegt, mit offensichtlichem Vergnügen. Er sagte: »Ich habe gestern nachmittag mit Littleby gesprochen, Brade.« »Ja?«

»Er hat mir von den Vorlesungen über die Sicherheitsbestimmungen erzählt, die er im Auge hat. Der alte Schwindler glaubt natürlich inzwischen selbst daran, dass er sie die ganze Zeit schon geplant hatte.«

»Ja, ich weiß.« Diese Sache interessierte Brade kaum. »Und dann hat er mich nach Ihnen gefragt.«

Brade setzte sich unwillkürlich gerade auf. »Nach mir?« »Deshalb habe ich Sie ja hier herausgeschleppt. Fort von Ihrer Frau, verstehen Sie!« »Was hat er gesagt?«

»Er hat darum herumgeredet. Aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass Ihre Anstellung beim nächsten Termin nur noch um ein letztes Jahr verlängert wird. Sie werden ein Jahr Kündigungsfrist bekommen, um sich nach einer neuen Stelle umzusehen.«

11

Es war, als wäre die Temperatur plötzlich gefallen. Als wärmte die Sonne nicht mehr.

Cap Ansons Stimme kam von weit her, und der fröhliche Lärm der anderen Zoobesucher rückte in den Hintergrund. Brades erster Gedanke galt nicht dem Umstand, dass er sich ein neues Auskommen suchen musste, dass eine altgewohnte Lebensweise zu Ende ging - sein erster Gedanke galt Doris.

Sie hatte diesen Augenblick prophezeit. Solange er keine unkündbare Professur bekleidete, war er Littleby oder dem, der ihm als Leiter des Chemischen Instituts nachfolgen mochte, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert.

Brade hatte starrsinnig behauptet, dass man ihn nicht vor die Tür setzen würde. Seine Stellung in der Familie hing davon ab. Wie konnte er jetzt Doris gegenübertreten?

Es kam ihm nicht in den Sinn, dass Anson unrecht haben, dass er sich bei der Deutung von Littlebys Gebaren getäuscht haben könnte. Ansons Ansicht stimmte zu gut mit seiner, Brades, Interpretation von Littlebys Kühle am Morgen des Vortags überein.

»War das wegen M -« Er hielt inne - beinahe hätte er »Mord« gesagt. Er versuchte es noch einmal. »Wegen der Sache, die Ralph Neufeld passiert ist?«

Anson machte ein verwirrtes Gesicht. »Sie meinen Ralphs Unglücksfall?« »Ja.«

»Davon hat er nichts gesagt. Warum sollte da ein Zusammenhang bestehen?«

Brade zuckte die Achseln und blickte zur Seite.

»Es ist eine Frage der Forschungsergebnisse«, sagte Anson. »Sie veröffentlichen zuwenig.«

»Veröffentliche oder stirb«, erwiderte Brade grimmig. »Na, Sie kennen das doch, Brade. Eine ganz alte Geschichte. Der wissenschaftliche Ruf macht einen für die Universität interessant. Und dieser Ruf stützt sich auf die Beiträge, die man zur wissenschaftlichen Forschung leistet. Und die Beiträge werden an der Anzahl der Artikel und so weiter gemessen, die man veröffentlicht.« »Wenn ich also meine Forschungsergebnisse zusammenkratze«, meinte Brade, »wenn ich sie in kleinen Portionen dieser und jener Zeitschrift anbiete, wenn ich aus jeder Arbeit ein Dutzend Veröffentlichungen mache, dann wäre ich wohl ein großer Mann. Mir scheint, man kann den Ruf eines Mannes an der Anzahl der Scheibchen messen, in die er seine Forschungsergebnisse einteilt.«

»Brade, Brade.« Der alte Chemiker klopfte Brade mit seiner knotigen Hand beruhigend aufs Knie. »Streiten wir nicht über Qualität und Quantität. Die Dissertationen, die in den letzten zehn Jahren unter Ihrer Obhut entstanden, waren sorgfältig ausgearbeitete, aber kaum hervorragende Beiträge.« Er wiederholte: »Kaum hervorragende Beiträge.« Er musste fast kichern, so sehr gefiel ihm diese Formulierung.

»Ich hatte auch kaum hervorragende Studenten«, entgegnete Brade gereizt und schämte sich dieser Erwiderung sofort. Es nützte ihm nichts. Aber Anson sagte: »Das stimmt. Wessen Schuld ist das?« »Was soll ich denn tun? Um Forschungszuschüsse betteln, damit ich mir Studenten kaufen kann? Das tue ich nicht. Das steht für mich seit langem fest, Cap, dass ich nicht mit dem Hut in der Hand nach Washington pilgere mit irgendeinem Projekt, um Regierungsgelder herauszuschlagen. Ich passe meine Forschungen nicht der Mode an. Ich untersuche das, was mich interessiert, und damit basta. Wenn das einen öffentlichen Zuschuss wert ist, dann nehme ich ihn an, aber ohne Bedingungen. Wenn nicht, ist es mir auch recht.« Zorn klang in seinen Worten mit, während er sich vor sich selbst zu rechtfertigen suchte und im Geist wieder die Argumente hörte, die ihn einen Narren schalten, der Armut mit Tugend gleichsetzte und Wohlhabenheit für eine Sünde hielt. »Nun kommen Sie«, sagte Anson. »Sie wissen, was ich von diesem Zuschusswirbel halte, in dem wir uns befinden. Darauf will ich nicht hinaus. Aber warum sind Sie so erregt? Können Sie keine andere Stelle finden?« Er sah Brade mit festem, unbeweglichem Blick an. Brade hatte Mühe, ihm standzuhalten. Was sollte er sagen? Sollte er sagen, dass da eine negative Auswirkung vorlag - dass das Ausbleiben dieser Beförderung eben diese Beförderung in im mer weitere Fernen rückte -, dass man sich wegen dieses Ausbleibens bei jedem Vorschlag zu einer Beförderung die Frage stellte: Warum ist der Mann schon so lange nur assistierender Professor? Und die Beförderung wartete dann auf die Beantwortung dieser Frage. Und nach jedem Jahr ohne Beförderung werden die Fragen lauter vorgebracht und sind schwerer zu beantworten. Nach einer gewissen Zeit gibt es einfach keine Antwort mehr darauf.

Bei der Suche nach einer neuen Stelle würden die gleichen Fragen wiederauftauchen. Er war nicht zu alt, um sich nach einer neuen Position umzusehen, er war auch kein schlechter Chemiker - er war einfach zu lange in seiner derzeitigen Stellung verblieben. Brade malte sich die höflichen Unterhaltungen aus, wenn er bei den verschiedenen Universitäten vorsprach, das höfliche Händeschütteln, die höflichen Hinweise auf meine Forschungen und deine Forschungen, den höflichen Austausch von Veröffentlichungen.

Und all diese Höflichkeit würde einzig auf die Tatsache hinauslaufen, dass keiner so unhöflich war, die eine Frage zu stellen, auf die es ankam: Warum sind Sie schon so lange nur assistierender Professor, Professor Brade? Warum lässt Ihre Universität Sie lieber gehen, als dass sie Sie befördert?

Kann man da antworten: Sie befördern mich nicht, weil sie mich bis jetzt noch nicht befördert haben? Sie lassen mich gehen, weil sie es müde sind, mich nicht zu befördern?

Er versuchte noch immer Ansons Blick standzuhalten.

Anson sagte: »Ich könnte meinen Einfluss geltend machen, um Ihnen zu helfen.«

Welchen Einfluss denn, dachte Brade in hilfloser Bitterkeit. Oh, Cap, Cap, welchen Einfluss denn? Du hast einen gewissen Einfluss hier an der Universität, weil du ein lebendes Fossil bist, dem niemand etwas tun will. Aber wo sonst? Anderswo hält man nur den wirklichen Anson in Ehren, den wirklichen, jetzt toten Anson, der einmal bedeutende Beiträge zur organischen Chemie leistete. Der alte Mann, der sich jetzt Anson nennt, ist ein Hochstapler, der mit dem wirklichen Anson nur eine körperliche Verbindung über die Jahre hin hat; die Seele, der Einfluss -das ist alles längst vorbei.

»Aber wenn Sie lieber an der Universität bleiben wollen«, fuhr Anson fort, »dann tun Sie etwas, dass man Sie behält. Sie haben noch bis Juni Zeit, erst dann wird man Ihnen für das nächste Jahr kündigen.« »Tun Sie etwas«, wiederholte Brade. »Was soll ich denn tun?« Anson schlug mit seinem Stock auf den Weg, dass einzelne Kieselsteine hochspritzten. »Wollen Sie denn aufgeben? Sie müssen kämpfen, Mann. Sie sind doch nicht auf der Universität, um nur so dahinzuvegetieren. Die Wissenschaft ist ein Kampf.« Er ballte seine alte Faust.

Es gibt Kämpfe genug auf der Welt, bei denen man fürs Kämpfen ganz hübsch bezahlt werden kann. Ich bin nicht zum Kämpfen hier. Ginny kam aus dem Affenhaus gerannt. Die zwei schwarzen Zöpfe flogen hinter ihr her, und ihre flachen Schuhe knirschten über den Kies. »Papi, kann ich noch ins Reptilienhaus gehen?« Brade blickte auf - den Bruchteil einer Sekunde lang erkannte er seine eigene Tochter nicht. »Ja, natürlich«, sagte er. »Wo ist das denn?« »Gleich da drüben. Siehst du das Schild?«

»Sollen wir mitkommen, Ginny?« Er streckte den Arm nach ihr aus, verspürte auf einmal das heftige Verlangen, sie an sich zu drücken, aus diesem körperlichen Kontakt neue Kraft zu schöpfen. Aber Ginny, die nach dem Reptilienhaus geblickt und seine Geste nicht gesehen hatte, war schon wieder einen Schritt zurückgetreten und sagte: »Ich kann allein hingehen. Ich komme dann wieder hierher.«

Und sie hüpfte davon, elf Jahr alt und absolut selbstsicher. »Was soll aus Ralphs Arbeit werden?« fragte Brade.

»Aus den kinetischen Untersuchungen?« Anson machte ein missvergnügtes Gesicht und schüttelte heftig den Kopf. »Die werfen Sie am besten in den Mülleimer.«

»In den Mülleimer? Aber es könnten sich da ganz neue Möglichkeiten auf dem Gebiet der organischen Reaktionen eröffnen. Wenn es mir gelänge, die abschließenden Bestätigungen zu finden, die letzten Akzente zu setzen« (er redete sich auf einmal in ein neues Gefühl der Hoffnung hinein), »könnte ich eine Arbeit vorlegen, die gehöriges Aufsehen erregen würde.«

Aber Anson schien sich für diese Idee nicht begeistern zu können. Er sagte: »Was wollen Sie mit diesem unfertigen Material anfangen? Ein neuer Student kann doch mit nur ein paar abschließenden Bestätigungen keine Doktorarbeit machen.« »Das natürlich nicht.«

»Wollen Sie sich selbst dransetzen, Brade?«

Brade gab keine Antwort. Er schob mit dem Schuh Kies fort, so dass ein Streifen Erde hervorsah.

»Dazu bringen Sie nicht die Voraussetzungen mit, das weiß ich genau«, sagte Anson. »Wenn Sie zu mir gekommen wären, ehe Sie mit dieser Sache anfingen, hätte ich Ihnen davon abgeraten. Kein Professor sollte einem Studenten ein Thema geben, dem er nicht selbst gewachsen ist. Das war immer mein Grundsatz: genau zu wissen und zu verstehen, womit sich meine Studenten beschäftigen. Wäre einer von ihnen plötzlich verschwunden, hätte ich die Experimente jederzeit weiterführen können. In dieser Lage sind Sie nicht, wie ich vermute.« Brade errötete. Er hatte sich pflichtgemäß Duplikatsblätter angesehen, die Ralph ihm gegeben hatte, aber die darin angeführten Integrationen und Berechnungen konfigurationeller Entropie hatten sein Verständnis überstiegen.

»Ich könnte mir die Kenntnisse aneignen«, sagte er. »Ich bin nicht zu stolz, um noch dazuzulernen.«

»Es ist keine Frage des Stolzes. Sie haben einfach nicht die Zeit dazu. Ich will Ihnen einen Rat geben.« Anson legte Brade behutsam die Hand auf die Schulter, so dass Brade sich einen Augenblick lang deutlich bewusst war, dass sein Verhältnis zu diesem alten Mann dem seiner eigenen Studenten zu ihm, Brade, entsprach. »An Ihrer Stelle würde ich ein ganz neues Gebiet erschließen. Ich würde mir ein Gebiet suchen, das noch so neu, so dünn besetzt ist, dass man einfach aufsehenerregende Entdeckungen machen muss; ein Gebiet, das die Chemiker mit Forschungszuschüssen noch nicht mit Beschlag belegt haben. Sehen Sie mal den Adler da! «

Brade blickte verwirrt auf. Der Vogel hatte die Augen geschlossen, die Flügel angelegt. Der Schnabel ging langsam auf und zu, wie bei einem alten Mann, der im Schlaf vor sich hin murmelt. »Was ist mit ihm?« fragte Brade.

»Na ja, er ist ein Fleischfresser, zunächst einmal. Die Affen in dem Haus da drüben mögen auch Insekten fressen, aber sie leben hauptsächlich von Früchten und anderer pflanzlicher Nahrung. Und doch sind die vegetarischen Affen mit dem Fleischfresser Mensch verwandt, während es der Fleischfresser Adler nicht ist. Wie spiegelt sich das in der Chemie der drei Lebewesen wieder?« »Was soll das?« fragte Brade.

»Ich spreche von vergleichender Biochemie. Die chemischen Unterschiede zwischen den einzelnen Organismen. Die wenigen Leute, die sich damit befassen, verstehen kaum etwas von organischer Chemie. Sie, Brade, würden da Spezialkenntnisse mitbringen, mit deren Hilfe Sie es sehr weit bringen könnten, finde ich. Und ich könnte mir das sehr interessant vorstellen.« Er deutete auf das Reptilienhaus. »Welches sind, chemisch gesehen, die Anpassungsweisen des Verdauungsapparats der Pythonschlange, die ein ganzes Tier verschlingt, ohne es zu kauen, dann mehrere Tage damit verbringt, es zu verdauen, und vielleicht erst in Monaten wieder etwas zu sich nimmt?«

»Du liebe Güte, Cap«, sagte Brade. Er musste unwillkürlich lächeln. »Da wüsste ich ja nicht, wo ich anfangen sollte.«

»Das ist es ja gerade. Bahnen Sie sich Ihren eigenen Weg durch den Dschungel.«

»Nein, Cap. Nein. Das ist gar nicht mein Fall. Mit Tieren arbeiten - nein.«

Anson runzelte die Stirn. »Wenn Sie sich mit diesem Problem befassen, Brade, könnte ich Littleby sicher dazu bringen, dass er die Frage Ihrer weiteren Anstellung in günstigerem Licht sieht; er würde Ihnen zumindest eine Chance bei der Inangriffnahme eines neuen Projekts geben. Vielleicht würde er Sie daraufhin sogar zum außerordentlichen Professor machen. Ich halte das nicht für unmöglich.«

»Danke, Cap, aber selbst dann -«

»Haben Sie Angst davor, weil es ein neues Gebiet ist?«

»Nein, aber ich müsste doch daran interessiert sein, und ich glaube, im Augenblick gilt mein Interesse der Kinetik. Ich werde versuchen, Ralphs Untersuchungen zu Ende zu bringen. Ich werde es versuchen.«

Anson erhob sich. »Ich gehe jetzt, Brade. Sie machen einen Fehler.«

Brade sah der davongehenden Gestalt mit höchst gemischten Gefühlen nach.

Der Ärmste. Er war offensichtlich wütend. Er vergab noch immer Themen, teilte Forschungsgebiete zu. Natürlich hasste er die Kinetik und die Reaktionsmechanismen. Das waren ja die Wissenschaftsbereiche, deren Entwicklung ihn zum alten Eisen verdammt hatte. Vergleichende Biochemie?

Brade blickte zu dem Adler auf und dachte: Wie wär's? Er verspürte einen leisen Anreiz, doch der hing mit Cap Ansons Versprechen zusammen, sich für ihn einzusetzen. Und Brade wusste genau, dass Anson nicht den Einfluss besaß, Littleby im Ernstfall umzustimmen. Nur er selbst, Anson, glaubte noch an seinen Einfluss. Brade versuchte das leise Hoffnungsgefühl wieder einzufangen, das er Augenblicke zuvor empfunden hatte, aber es ließ sich nicht mehr bannen. Immerhin, wenn er Rankes Buch über Kinetik las, musste es ihm eigentlich – Aber er hatte das Buch oft genug in der Hand gehabt, um zu wissen, dass es ein schweres Stück Arbeit bedeutete; vielleicht überstieg es sogar seine Kräfte.

Er saß auf der Bank, wartete auf Ginny und kam sich sehr verlassen vor. Kurz vor vier Uhr kehrten sie nach Hause zurück. Doris hatte die Zeit dazu benutzt, überall staubzusaugen und aufzuräumen, so dass das Haus einen leicht unwirklichen Eindruck machte. Sie selbst befand sich in der Phase zunehmender Schlampigkeit, die ihren Abschluss erst kurz vor dem Aufbruch zu der Abendgesellschaft finden würde. »Klasse«, sagte Ginny, fünf abwechslungsreiche Stunden in einem einzigen Wort zusammenfassend. »Was hast du denn zu Mittag gegessen?«

Ginny zählte an ihren Fingern ab: »Hm - ich hatte zwei Würstchen, eine Eiscreme, eine Schachtel Crackers, eine Flasche Limonade, eine Tüte Erdnüsse, und - das ist alles.«

»Das ist alles.« Doris war entsetzt. »Wie ist dir denn jetzt?« Ginny zwinkerte. »Ich habe keinen Hunger«, gestand sie. »Hast du etwas gegessen?« fragte Doris ihren Mann. »Oh, mach dir meinetwegen keine Sorgen.«

»Warum nicht? Du siehst schlecht aus. Was ist denn passiert? Oder hast du auch Würstchen und Eiscreme und Erdnüsse und was weiß ich noch gegessen? Warum habt ihr nicht richtig zu Mittag gegessen? Zum Abendessen wird sie nicht mehr als ein Abführmittel bekommen.« »Sie kann das schon verkraften«, sagte Brade. »Kinder sind wie Strauße. Außerdem haben sie Anspruch auf einen verdorbenen Magen dann und wann.«

»Du bist wieder mal der große Philosoph«, erwiderte Doris trocken. »Aber du brauchst ja auch nicht notfalls nachts bei ihr am Bett zu sitzen. Jetzt rasier dich und sieh zu, dass deine braunen Schuhe mit den Plastiksohlen den richtigen Glanz bekommen. Ich habe dir deinen Anzug und dein Hemd schon herausgelegt, und um halb sechs fährst du los und holst Nadine, damit am Abend jemand bei Virginia ist. Hast du auch bestimmt etwas gegessen? Du siehst so käsig aus. Was war denn?« »Ich fürchte, ich habe Cap beleidigt.«

»Das ist aber auch schlimm«, sagte Doris, die Nase rümpfend. »Das ist es vielleicht wert, dass man sich den ganzen Tag verdirbt. Was war denn los?«

»Oh, er hat mir Ratschläge gegeben, was meine weiteren Forschungen betrifft«, antwortete Brade, den Zusammenhang vorsichtig formulierend, »und ich war nicht ganz seiner Meinung.«

»Nun, du bist nicht mehr sein Doktorand. Es wird Zeit, dass er das merkt.«

>Ja, da hast du recht.«

Doris setzte sich. Sie war im Unterkleid und hatte das Haar in Lockenwicklern eingerollt. Sie zündete sich eine Zigarette an und fragte dann: »Ist das alles?« »Wie meinst du das?« »Ist sonst nichts passiert?«

Brade zögerte nur einen Augenblick und sagte dann in entschiedenem Ton: »Sonst ist nichts passiert, und ich habe etwas gegen ein Kreuzverhör.«

»Du scheinst dir nicht viel aus der Gesellschaft heute abend zu machen.«

»Das habe ich noch nie getan, Doris, das weißt du doch. So ein Abend ist eine langweilige Notwendigkeit und nicht mehr.«

»Warum machst du nicht aus der Notwendigkeit eine Tugend und sprichst mit Littleby?«

»Worüber?«

»Worüber schon! Über deine Beförderung.«

Brade fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Doris, das geht nicht.

Erstens kann man auf so einer Gesellschaft nicht über administrative Dinge sprechen, und zweitens kann man über so etwas nicht sprechen.«

»Du meinst, du kannst darüber nicht sprechen.«

»Außerdem ist jetzt nicht der richtige Augenblick«, fügte Brade hinzu, »wo Ralph gerade ums Leben gekommen ist -«

Es klang wenig überzeugend.

»Gibt es da noch etwas, wovon du mir nichts erzählt hast?« fragte Doris.

Brade war verblüfft. »Nein, nichts.« »Bist du sicher?«

»Ja.«

Als ob das damit gar nichts zu tun hätte, sagte Doris: »Foster hat angerufen.«

»Foster?«

»Professor Merrill Foster, der die Vorlesung für die älteren Semester hält, die du halten solltest. Genügt das zur Identifizierung?«

»Schon gut, Doris, bitte. Ich bin nicht in der Stimmung für eine sarkastische Unterhaltung. Foster hat angerufen. Gut. Was wollte er denn?«

»Er wollte mit dir sprechen.« »Worüber denn?«

»Das hat er nicht gesagt. Er hätte offenbar lieber gleich mit dir gesprochen und wollte sich dann vergewissern, dass du heute abend bei Littleby erscheinst. Ich sagte, du würdest kommen.« . »Hm - was glaubst du, was er wollte?«

»Ich weiß es nicht, aber es hat sich recht aufgekratzt angehört. Seine Stimme hatte so diesen leicht erregten Klang. Aber wie ich Foster kenne, hat er schlechte Nachrichten für dich parat.«

12

Schlechte Nachrichten? Gab es dieser Tage überhaupt etwas anderes? Handelte es sich vielleicht um dieselben schlechten Nachrichten, die ihm Cap Anson schon gebracht hatte, nur bestätigt jetzt, auf Hochglanz poliert und zum Überreichen hübsch verpackt und verschnürt? Aber Brade ließ sich nichts anmerken. »Nun sieh nicht überall Katastrophen, Doris. Foster hat wahrscheinlich nur wieder eine anrüchige Geschichte gehört, die er loswerden will. Und jetzt habe ich gerade noch Zeit für ein Nickerchen.«

Er zog Hemd, Hose und Schuhe aus und legte sich hin, aber statt zu schlafen, steigerte er sich in eine zornige Stimmung hinein. Dass Littleby die Angelegenheit mit Cap Anson besprach, konnte er noch verstehen. Aber mit Foster darüber zu reden...

Er starrte zur Decke empor, als liefe dort der Film seiner Erinnerungen ab. Da war der Tag, an dem er Foster zum erstenmal gesehen hatte. Foster war damals noch ein ganz junger Mann Ende Zwanzig gewesen, der gerade von einer Universität im Mittleren Westen kam. Er war durch die Laboratorien geführt und den Fakultätsmitgliedern vorgestellt worden, und von Anfang an erweckte er den Eindruck von Größe, obwohl er körperlich gar nicht groß war. Er trug eine Art joviale Selbstsicherheit zur Schau und wusste genau, mit welchem Forschungsgebiet sich jeder einzelne beschäftigte, und konnte sich darüber unterhalten, ohne zu erkennen zu geben, dass er sich vorher eingehend informiert hatte, obwohl er genau das getan haben musste. Foster tat so, als gehöre ihm der jeweilige Boden, auf dem er gerade stand. Dieses Gebaren missfiel Brade, der unablässig gegen dieses Gefühl der Abneigung ankämpfte, auch nach Fosters relativ schnellem Aufstieg in eine Position, die der seinen innerhalb der Fakultät entsprach.

Doris hatte ihn von Anfang an nicht leiden können. »Er ist ungehobelt«, sagte sie, »und ich glaube, mit ihm ist nicht zu spaßen.« Ungehobelt war er tatsächlich. Er genoss seine zahlreichen schlüpfrigen Geschichten, die er allerdings, das musste man ihm lassen, auch sehr wirkungsvoll zu erzählen wusste. Er trug ständig ein spöttisch kokettes Wesen zur Schau. Beim Anblick von Sekretärinnen, Technikerinnen und Studentinnen verdrehte er gleichermaßen die Augen, und er hatte so eine Art, Frauen, die neben ihm standen, ganz beiläufig den Arm um die Schultern oder um die Taille zu legen.

Die Geste schien harmlos zu sein - zumindest hatte, soviel Brade wusste, noch nie eine Frau aufgeschrien, ihm auf die Finger geklopft oder sich bei Littleby beschwert. Und darüber wunderte sich Brade bisweilen. Besaß Foster einen animalischen Magnetismus, der nur auf Frauen wirkte?

Mit einem gewissen inneren Schmunzeln hatte er daher erfahren, dass Merrill Foster einen zweiten Vornamen hatte, unter dem er bei allen weiblichen Wesen im Institut bekannt war- »Handies« Foster. Warum musste Littleby die Angelegenheit mit ihm besprechen? Wenn man ihn, Brade, nicht mehr haben wollte, so hatte er doch zumindest verdient, dass man die Formen wahrte.

Er schloss die Augen. Wenn es tatsächlich dazu kam, wenn man ihm auf eine solche beschämende Weise kündigte, dann würde er schon auf seine Art zurückzuschlagen wissen. Es erschien ihm in diesem Augenblick ein leichtes, sich die nötigen Kenntnisse anzueignen, um Ralphs Experimente zum Abschluss zu bringen, sich eine andere Stelle zu suchen, seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen und die Chemie von seiner neuen Wirkungsstätte aus zu revolutionieren. Sollten sie dort an seinem Ruhm Anteil haben.

Er trieb auf der Grenzlinie zwischen Wachen und Schlafen, und Rachepläne verzerrten sich ins Phantastische, als Doris' Stimme alldem ein Ende machte: »Ich glaube, es ist Zeit, dass du dich anziehst.« Littleby wohnte in einem der älteren Vororte, die noch etwas auf sich hielten - hier achtete man darauf, dass keine Siedlungshäuser die vornehm-gepflegte Atmosphäre störten und die Grundsteuer in die Höhe trieben.

Littleby hatte sich vor jetzt etwa zehn Jahren in dieses gediegene Milieu eingekauft und war Besitzer eines Hauses geworden, das auf eine angenehme, wohnliche Weise alt war. Holztäfelung, breite Treppen und hohe Räume sprachen von einer Zeit, als Hauspersonal billig zu haben war und unnötige Arbeit das wahre Zeichen des Reichtums darstellte. Wo das Beharren auf den Gepflogenheiten früherer Tage unangebracht gewesen wäre, hatte man die moderne Technik zu Hilfe genommen -Küche und Badezimmer blitzten von Chromstahl und bunten Plättchen, und das geräumige Kellergeschoss hatte sich die Invasion von Waschmaschine, Trockenschleuder und anderem Zubehör der heutigen Reinlichkeit gefallen lassen müssen.

Mrs. Littleby begrüßte die Gäste gleich hinter der Haustür - in früheren Zeiten, vor dem Aussterben der Rasse der Dienstboten, hätte das zweifellos der Butler getan. Sie war eine Frau von kleiner Gestalt, ohne die gängigen Merkmale der Aristokratie. Ihr mausbraunes Haar, dem es sogar an der Energie fehlte, grau zu werden, war sorgfältig frisiert, sah aber nicht so aus. Ihre Augen schienen für eine Brille gemacht zu sein, aber sie trug keine, und ihr Kleid war so entsetzlich geschmacklos, dass es ihr beinahe schon wieder eine gewisse distinguierte Note verlieh. Sie war immer sehr liebenswürdig und aufmerksam zu ihren Gästen, vergaß nie ihre Namen, ihre Position und die Leistungen, durch die sie sich in der jüngsten Zeit hervorgetan hatten. Allein deshalb mochten sie alle. Sie sagte mit einem freundlichen Lächeln: »Professor Brade, wie schön, dass Sie kommen konnten. Und Mrs. Brade, was für ein reizendes Kleid Sie anhaben. Legen Sie doch bitte Hüte und Mäntel in der Garderobe ab. Professor Brade, ich war ja so erschüttert, als ich von dem schrecklichen Unfall Ihres Studenten hörte. Wie ich zu dem Professor sagte, der arme junge Mann ist ja erlöst, aber wie schlimm muss es für die sein, die ihm nahegestanden haben, und der Doktorvater ist doch in gewisser Hinsicht wie ein Familienangehöriger, denke ich immer. Ich hätte beinahe unsere kleine Gesellschaft verschoben, aber ich weiß, dass so viele sich darauf gefreut haben -« Brade murmelte höfliche Zustimmung, lächelnd und mit dem Kopf nickend, und bewegte sich langsam seitwärts weiter. Mrs. Littleby wechselte noch ein paar Worte mit Doris, dann musste sie ihre Aufmerksamkeit neuen Gästen zuwenden.

Als Brade aus der Garderobe heraustrat, hörte er auch schon Fosters Stimme. Das hatte sie so an sich. Ohne eigentlich lauter zu sein als andere Stimmen, hatte sie ein Timbre, das ihr einen besonders durchdringenden Klang verlieh.

Foster stand neben dem Tisch mit den Appetithappen und beäugte zwischen zwei Sätzen müßig und beiläufig die Horsd'oeuvres. Dann suchte er sich mit der Mühelosigkeit der langen Erfahrung einen schmackhaften Bissen aus und führte ihn zum Mund. Er hatte den Trick heraus, ihn im Mund verschwinden zu lassen, zu kauen und hinunterzuschlucken, ohne dass man den Eindruck hatte, er müsse im Gespräch innehalten.

Yardley und Gennaro, die beiden wissenschaftlichen Assistenten, waren sein unmittelbares Publikum, und das passte Foster zweifellos. Jüngeren gegenüber war es leichter, den Ton anzugeben.

Foster sagte gerade: »Der einzige andere mir bekannte Fall ist Wakefield, aus Südnebraska. Der heiratete tatsächlich ein Mädchen, das bei ihm studierte. Er hatte fünf, sechs Doktoranden, aber darunter war nur dieses eine Mädchen. Sehr hübsch, oben herum etwas spärlich entwickelt für meinen Geschmack, aber sonst durchaus in Ordnung. Ich habe da einen Sonderkursus mitgemacht, deshalb weiß ich das. Wakefield war Junggeselle, so um die Vierzig damals, durchaus kein alter Knacker oder so, er sah ganz gut aus, aber eben durch und durch Junggeselle. Verstehen Sie, so der Typ, der in seinen Fachzeitschriften nie einen Artikel über Funktion und Handhabung von Mädchen gesehen hat und deshalb glaubt, Mädchen seien einfach Jungen, die komische Kleider tragen.«

Er hielt inne mit der erfahrenen Miene dessen, der weiß, wann er mit einem Lacherfolg rechnen kann, und er wurde auch nicht enttäuscht. Er verzog das Gesicht nicht zu dem leisesten Lächeln, genoss aber den Beifall seines Auditoriums ganz offensichtlich, griff nach einem Cocktailglas und trank einen Schluck.

»Er musste aber doch ein paar Zeitschriften gelesen haben, keine Fachzeitschriften, nehme ich an, in denen etwas über Mädchen stand, oder es hatte ihn jemand aufgeklärt, denn eines schönen Tages lädt er alle Fakultätsangehörigen zu einer Cocktailparty ein und verkündet seine Verlobung, und seine hübsche Studentin steht errötend neben ihm und lächelt. Und dann haben sie geheiratet. Ich war zur Hochzeit eingeladen.«

»Wann war das, Merrill?« fragte Gennaro.

Foster angelte sich ein Krabbenb rötchen und schob nachdenklich die dicken Lippen vor. »Das war vor zehn Jahren. Soviel ich weiß, sind sie heute noch verheiratet. Aber«- er holte tief und gewichtig Luft- »für mich tut sich da ein Problem auf: Stellen Sie sich vor, Sie haben da eine Studentin, die Ihnen passabel erscheint, und Sie beschließen, alles hübsch legal zu machen, zu heiraten. Alles schön und gut, aber wie kommt es erst mal soweit? Bevor Sie ans Standesamt denken, fragen Sie sich vielleicht: Ist sie auch die Richtige für mich? Vielleicht ist sie's, vielleicht auch nicht. Wie finden Sie das heraus?« »Mir scheint«, sagte Yardley bedächtig (er war ein sehr gewissenhafter junger Mann mit einer etwas zögernden Sprechweise, der vielleicht gerade aus diesem Grund als Dozent nie großen Erfolg haben würde), »mir scheint, es gibt da viele Gelegenheiten. Sie sehen sich vielleicht bei Seminarübungen, und es wäre durchaus natürlich, wenn sie dann und wann zusammen essen gingen, um den Fortgang der Arbeit am Dissertationsthema zu besprechen.« »Ach, das meine ich nicht«, erwiderte Foster, verächtlich abwinkend. »Ich denke nicht an Zusammensein und Konversation machen. Mich interessiert: Wann fasst er sie einmal an? Wann küsst er sie und nimmt sie in die Arme? Denn Sie müssen überlegen ... « Er hielt inne, als sich ein schlankes, dunkelhaariges Persönchen näherte, noch sehr jung, sehr schüchtern wirkend. Ihre Stimme war ein Flüstern, und Fosters Stimme bekam auf einmal einen so weichen Klang, dass man glauben mochte, aus ihm spräche plötzlich ein ganz anderer Mensch. Er sagte: »Ja, Liebes«, nickte, und die junge Frau entfernte sich wieder. Brade kannte sie natürlich. Joan Foster, Merrills Frau, war ebenso zurückhaltend und vornehm, wie Foster ungehobelt und plump war, doch schien sie nie an seinem Gebaren Anstoß zu nehmen, und er passte sein Verhalten ihrer Gegenwart nur an, wenn er mit ihr direkt zu tun hatte.

Zum Donnerwetter, dachte Brade in plötzlicher Entrüstung, was treibt diesen Mann dazu, sich so unkultiviert aufzuführen, eine primitive Sprache zu sprechen, den Hanswurst zu spielen - wo doch jeder wusste, dass er im höchsten Masse gebildet und kultiviert und ein sehr begabter Chemiker war.

Den Faden wieder aufnehmend, fuhr Foster fort: »Also so ein Unternehmen verlangt eine gekonnte Flirtaufklärung. Was versteht davon aber schon ein unerfahrener armer Professor? Oder er stürzt sich Hals über Kopf-« Er drehte zufällig den Kopf gerade so weit zur Seite, dass er Brade entdeckte. Sein Blick hellte sich sofort auf. »Hallo, Lou, haben Sie zugehört?«

»Ich habe gehört, was Sie gesagt haben«, antwortete Brade einschränkend.

»Na schön, dann sagen Sie Ihre Meinung dazu. Sie sind der Fachmann.« Er zwinkerte den jungen Assistenten zu, die es bei einer Auseinandersetzung zwischen Professoren vermieden, auch nur durch ein Lächeln Partei zu ergreifen. »Beschreiben Sie einmal die Züge dieser speziellen Partie, die zu einem Schachmatt führen.« »Falls es sich bei dem Problem um das Wechselspiel zwischen einer Studentin und einem Professor handelt und Sie die erforderlichen Züge nicht aus Erfahrung kennen«, erwiderte Brade, »kann sich kein Mensch anmaßen, über den Ausgang der Partie etwas vorherzusagen.« Die Assistenten lachten freundlich, aber Foster bekam geradezu einen Lachanfall. Er schlug sich auf die Schenkel und schüttelte den Kopf hin und her. Er reagierte natürlich viel enthusiastischer als nötig, aber das war, wie sich Brade plötzlich bewusst wurde, einer seiner Tricks. Er lachte immer herzhaft über Witze, die auf seine Kosten gingen. Das sollte dokumentieren, dass er »hart im Nehmen« war. Vielleicht war das Lachen sogar echt.

Foster fasste sich wieder und sagte, plötzlich in einen vertraulichen Flüsterton verfallend: »Übrigens, Lou, kann ich Sie mal einen Augenblick sprechen?«

Aber Brade winkte grüßend zum andern Ende des Raumes hin, wo niemand stand. Er ging murmelnd weiter. »Bis später, Merrill. « Fosters Flüstern fiel in ein Vakuum.

Der Raum füllte sich langsam. Wenn sein Fassungsvermögen voll ausgeschöpft war, würde die Doppeltür zum großen Salon geöffnet werden; die üblichen zwei Kellner, die inzwischen die Speisen angerichtet hatten, würden verschwinden, und die Gäste würden sich anstellen, um ihren Schinken mit Käse, ihre Fleischklößchen und Berge von Spaghetti, ihre gebackenen Bohnen mit Kohlsalat und später ihren Kuchen und Kaffee in Empfang zu nehmen.

Brade ging Littleby aus dem Wege, während er dem andern Ende des Raumes zusteuerte, und der Leiter des Chemischen Instituts mochte ihn gesehen haben oder auch nicht. Brade hielt letzteres für wahrscheinlicher. Hätte Littleby ihn gesehen, hätte sich auch unter den derzeitigen Umständen bei ihm gewiss die Reflexreaktion eines mechanischen Lächelns gezeigt.

Brade stand nun ganz in der Nähe von Otto Ranke; er tat so, als geselle er sich zu der kleinen Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte. Er sah sich noch rasch um: Foster war ihm nicht gefolgt. Gut! Er war einfach nicht in der Stimmung, sich von dem Mann bemitleiden zu lassen, der schließlich von der ganzen Sache profitieren würde. Es war offensichtlich, dass der assistierende Professor Merrill Foster seinen Nutzen aus der Angelegenheit ziehen würde. Er war im Begriff, sich sehr schnell einen Namen zu machen, und er war kämpferischer veranlagt als Brade und würde rücksichtsloser als er auf die Position des außerordentlichen Professors hinarbeiten. Das einzige Hindernis auf seinem Wege war Brade. Littleby mochte zögern (oder so tun, als zögere er), einen jüngeren Kollegen dem älteren vorzuziehen. Aber wenn Brade als Hindernis ausschied, würde Fosters Beförderung nicht lange auf sich warten lassen.

Brade erschauerte. Die Universität war kein stiller Zufluchtsort. Der Dschungel der Welt machte an ihren heiligen Mauem nicht halt. Diese trennten nur den einen Dschungel vom andern, und es fragte sich, wo es schlimmer zuging.

Sicherheit? Brade sah, dass Doris mit der jungen Mrs. Gennaro sprach. Plötzlich wurde er sich deutlicher der entrüsteten Stimme Rankes bewusst. Der Physikochemiker sprach recht hitzig auf seine Zuhörerschaft ein. »Was ist Krebs schließlich?« sagte er. »Eine Krankheit. Aber was ist eine Krankheit? Es gab einmal eine Zeit, da glaubten die Gelehrten, Krankheiten seien die Folge eines fehlenden Gleichgewichts zwischen den Säften im Körper. Als Pasteur behauptete, sie seien durch parasitische Mikroorganismen verursacht, da wurde er ausgelacht und verspottet, aber er behielt schließlich recht, mit gewissen Einschränkungen. Und vergessen Sie nicht! Der Mann war kein Mediziner, sondern Chemiker. Die Ärzte lachten, und erst die Unerbittlichkeit der Tatsachen ließ sie die Wahrheit erkennen. Jetzt denken die Mediziner bei Krankheiten nur an Keime und Viren, und es wird Zeit, dass man sie an der Nase packt und ihnen eine neue Wahrheit zeigt. Wir wissen bereits, dass Krankheiten nicht nur durch das Vorhandensein von Bakterien, sondern auch durch das Fehlen von bestimmten chemischen Verbindungen verursacht werden können. Durch das Fehlen eines Nahrungsfaktors - Vitamine, besondere Aminosäuren, Spurenelemente - oder das angeborene oder erworbene Fehlen eines Hormons oder Enzyms werden Stoffwechselkrankheiten ausgelöst, die jetzt um so größere Bedeutung erlangen, als wir so viele Infektionskrankheiten inzwischen unter Kontrolle haben.

Es ist wirklich Zeit für eine neue Verallgemeinerung. Alle Krankheiten sind auf die Veränderung des Proteinmoleküls zurückzuführen. An der Veränderung mag die fehlerhafte Reproduktion eines Proteins schuld sein, dann haben wir es mit einer Mutation zu tun. Sie kann dem Organismus durch das Fehlen eines wesentlichen Bauelements aufgezwungen sein. Ein anderer Organismus mag in den Körper eindringen und modifizierte Proteine bilden, wie das die Viren tun, oder Toxine produzieren, die Proteine verändern, wie das bei den Bakterien der Fall ist.

Wir müssen vom genetischen Code her eingreifen. Alles Leben ist Nukleoprotein, und Krankheit ist inadäquates Nukleoprotein. Um mit den Nukleoproteinen fertig zu werden, können wir uns nicht auf Biochemiker verlassen. Sie wissen dazu nicht genug, und die Mediziner können da auch nichts machen. Die Proteine müssen mit physikochemischen Methoden untersucht werden von Leuten, die in der Disziplin der physikalischen Chemie ausgebildet sind, und zwar in einer ganz modernen physikalischen Chemie.

Nun habe ich beim Gesundheitsministerium einen Forschungszuschuss zur eingehenden Untersuchung von Proteinen beantragt. Ich brauchte 500000 Dollar. Eine beträchtliche Summe, das gebe ich zu, aber es handelte sich ja auch um eine sehr wichtige und umfangreiche Untersuchung. Die Leute dort bezweifeln das; es müsste auch mit 5oooo Dollar gehen, meinen sie. Und warum? Weil der Forschungszuschuss die Nützlichkeit der Untersuchungen in Verbindung mit der Ätiologie des Krebses hervorhebt. Das bedeutet automatisch, dass die Sache den Pathologen vorgelegt wird.

Und was verstehen die Pathologen schon von Krebs, das möchte ich gern wissen. Was haben die schon -«

Brade löste sich von der kleinen Gruppe. Das Ziel mochte ein anderes sein, aber die Attitüde war die gleiche: die eines Industriellen, der nach staatlichen Subventionen Ausschau hält, ehe er ein Unternehmen vergrößert.

Er zuckte fast zusammen, als ihn plötzlich jemand an der Schulter berührte. Er drehte sich um. Es war Foster; er machte ein eher ernstes Gesicht.

Brade zwang sich zu einem Lachen. »Ihre Stimme klingt ja direkt unheilverkündend. Ist es etwas Schlimmes?«

»Ich weiß nicht, wie man's nennen soll. Ich dachte mir nur, es ist besser, Sie erfahren es.« Er sah sich vorsichtig um, aber es blickte gerade niemand zu ihnen hin, und er packte Brade noch fester am Arm und sprach noch leiser. »Es handelt sich um Ralph Neufeld.« »Um Ralph?«

»Psst- leise. Es schleicht da offenbar ein Detektiv oder so jemand herum und stellt Fragen. Doheny heißt der Mann. So ein kleiner Dicker.« »Wozu denn das?«

»Keine Ahnung. Mit mir hat er nicht gesprochen. Aber bei einem meiner Studenten hat er sich erkundigt, und ich habe davon erfahren. Der junge Mann hat den Eindruck gewonnen, dass Doheny Ralphs Tod nicht auf einen Unglücksfall zurückführt.«

13

Brade starrte Foster an. Er war völlig aus der Fassung gebracht. Foster murmelte etwas beklommen: »Ich dachte einfach, es ist besser, Sie erfahren davon.«

Brade musste innerlich umschalten. Seit Stunden war er darauf gefasst gewesen, von Foster gewissermaßen seine bevorstehende Entlassung bestätigt zu bekommen. Mit dieser Nachricht hatte er nicht gerechnet. Er versuchte einen unbekümmerten Ton anzuschlagen. »Was sollte denn außer einem Unglücksfall in Frage kommen?« »Ja, wissen Sie«, meinte Foster, »ein bisschen merkwürdig, finde ich, sieht die Sache ja aus. Man muss schon ein Anfänger sein, um Zyanid mit Acetat zu verwechseln. Und Neufeld war kein Anfänger.« »Sagt das der Detektiv?«

»Lou, ich weiß nicht, was der Detektiv sagt. Aber er hat mit diesem einen Studenten von mir gesprochen und ihn gefragt, ob Ralph niedergeschlagen gewesen sei, wie er mit der Arbeit vorangekommen sei, ob er einmal etwas von Schwierigkeiten oder so gesagt habe.«

Mrs. Littleby trat mit einem Tablett voller Cocktails auf sie zu. Foster lehnte etwas gepresst lächelnd mit einem Kopfschütteln ab, aber Brade griff nach einem Glas und trank einen Schluck, wobei er Foster nicht aus den Augen ließ.

»Was wollen Sie damit sagen, Merrill?« »Ich glaube, die Polizei vermutet Selbstmord.«

Brade hatte mit dem Wort gerechnet, trotzdem traf es ihn wie ein Schock. »Warum Selbstmord?« fragte er. »Warum nicht?«

»Seine Arbeit machte gute Fortschritte.«

»Und wenn schon - was wissen Sie von seinem Privatleben?« »Kennen Sie einen Umstand, der auf Selbstmord hindeutet?« Brade hatte nicht in heftigem Ton sprechen wollen, aber der Druck der Ereignisse lastete zu stark auf ihm und beeinträchtigte seine Selbstbeherrschung. Foster reagierte sofort. Er zog feindselig die Augenbrauen zusammen. »Lassen Sie mich aus dem Spiel. Ich wollte Ihnen nur einen Gefallen tun und Sie warnen. Wenn Sie sich deswegen aufregen, dann entschuldigen Sie - ich will nichts gesagt haben.«

»Warum stellen Sie sich so, als hätte die Sache irgend etwas mit mir zu tun?« fragte Brade. »Selbst wenn es Selbstmord gewesen wäre -« Da stand plötzlich Ranke zwischen ihnen. »Was höre ich da von Selbstmord?«

Brade sah ihn scharf an. Foster zuckte die Achseln, als wollte er sagen, er habe seine Pflicht erfüllt und wenn Brade ihm das auch noch übelnehme, dann müsse er eben die Folgen tragen. Foster sagte: »Wir sprachen gerade von Ralph Neufeld.« »Selbstmord?« Rankes Lippen verzogen sich zu einem Harpyienlächeln, und sein deutender Finger machte erst zwei Zentimeter vor dem zweiten Knopf an Brades Hemd halt. »Wissen Sie, das glaube ich auch. Der Junge war verrückt. Total verrückt. Wir können froh sein, dass er darauf verzichtet hat, sich samt dem Chemischen Institut und uns dazu in die Luft zu jagen.« Brade war, als hätte er Fieber. Der eine stand links, der andere rechts von ihm. Beide glaubten an Selbstmord. Warum? Brade sagte: »Warum Selbstmord? Warum fällt es Ihnen so leicht, an Selbstmord zu glauben? In spätestens einem halben Jahr hätte er seinen Doktortitel gehabt.« Ranke war noch immer die Harpyie. »Sind Sie dessen so sicher? Wie kam er denn mit seiner Arbeit voran?«

»Sehr gut«, gab Brade kurz angebunden zurück. »Wie wollen Sie das wissen?«

Brade war im Begriff zu antworten; er sah die Falle, die Ranke ihm gestellt hatte. Er konnte ihr nicht aus dem Weg gehen; sein Schweigen bedeutete nur, dass Ranke sich die Mühe machen musste, ihn hineinzustoßen.

»Ich nehme an, er hat Ihnen gesagt, er kommt gut voran«, fuhr Ranke fort.

»Das hat er allerdings«, erwiderte Brade, der Falle trotzend. »Wie wollen Sie wissen, dass er Ihnen die Wahrheit gesagt hat?« »Ich besitze die Duplikate seiner Aufzeichnungen.«

Ranke lächelte noch breiter, und auch Foster lächelte. Brade wurde sich einer plötzlichen Stille im Raum bewusst; die einzelnen Grüppchen hielten in ihren Gesprächen inne und blickten zu ihm hin; Doris zerknüllte ein Taschentuch in der Hand und biss sich auf die Unterlippe. Brade wusste, dass er keinen Chemiker hier im Salon davon überzeugen konnte, dass er genug von Kinetik verstand, um beurteilen zu können, ob Ralph mit seiner Arbeit gut vorangekommen war oder nicht.

Rankes Stimme war honigsüß, honigsanft: »Ich weiß, von welchen Theorien Ralph Neufeld ausging, und ich sage Ihnen, sie waren unsinnig. Ich war bereit, ihn das selbst herausfinden zu lassen auf die' minimale Chance hin, dass er dabei auf eine sekundäre Spur stieß, die doch noch zu etwas geführt hätte. Aber das hat natürlich nicht funktioniert. Es war unmöglich, mit ihm auszukommen. Da ist er zu Ihnen gegangen, und das war sein Verderben. Ein Student, der sich mit einem solchen Thema abgibt, ohne einen Fachmann auf dem Gebiet zu Rate zu ziehen, der fordert die Katastrophe selbst heraus.« Das musste Ranke am meisten geärgert haben. Ralph hatte den großen Mann nie zu Rate gezogen. Brade sagte: »Sie brauchen den Jungen nicht nachträglich zu verdammen, nur weil er sich von Ihnen nicht hat helfen lassen.«

Ranke reckte das Kinn in die Höhe. »Ob er zu mir kam oder nicht, das war mir gleich. Was zum Teufel hätte mich das kümmern sollen? Ich bin nur zufällig der Auffassung, dass er in eine Sackgasse geraten war. Und ich will Ihnen etwas sagen, Lou: Er war schließlich gezwungen, diese Tatsache zu erkennen. Er hatte sich wieder und wieder mit dem Problem herumgeschlagen, hatte seine Messdaten interpretiert und noch einmal interpretiert, bis er schließlich keinen Ausweg mehr sah. Er konnte Ihnen nur vorläufig noch sagen, dass er gut vorankam, und dann ging es nicht mehr weiter. Und das hieß: keine Promotion. Also hat er sich umgebracht. Warum nicht?«

»Weil seine Arbeit doch gute Fortschritte machte«, entgegnete Brade in kaltem Zorn. »Ich mag ja in der physikalischen Chemie keine Kapazität sein, aber ein Spengler bin ich auch nicht gerade. Im Notfall kann ich auch noch eine Waldensche Inversion von einer fotochemischen Kettenreaktion unterscheiden. Ich habe seine Berichte gelesen, und er machte gute Fortschritte.« Irgendwie sah er den Raum nicht so, wie er wirklich war. Vor seinen Augen hing ein Schleier, der alles verschwimmen ließ. Alle Männer und Frauen um ihn her schienen ihn anzustarren - mit Ranke und Foster in der vordersten Reihe. Und hinter ihm schien ein Abgrund zu gähnen.

Wölfe! Er kämpfte gegen die Wölfe. Die Ereignisse der vergangenen achtundvierzig Stunden rückten in einen seltsam leuchtenden Brennpunkt. Eine gewalttätige Stimmung war in die akademische Abgeschiedenheit eingedrungen und hatte alle in Panik versetzt. Jetzt versuchten sie die zürnenden Götter zu besänftigen. Sie hatten beschlossen, für ihre Sünden zu büßen und eine Bestrafung abzuwenden, indem sie Brade opferten.

Wenn es ein Unglücksfall war, würde Brade daran schuld sein. Wenn sie gezwungen wurden, von einem Selbstmord auszugehen, würden sie deutlich herausstellen, dass Brade daran schuld war, weil er seine Studenten nicht in der gehörigen Weise angeleitet hatte. Und sollte es Mord gewesen sein, so würde es nur einen einzigen Tatverdächtigen geben. Es war zweckdienlich, dass einer für das Institut starb. Wenn sie aber glaubten, er werde mit stoischem Gesichtsausdruck für den Dolchstoss die Brust entblößen, hatten sie sich geirrt. »Sie scheinen sehr davon überzeugt zu sein, dass Ralph sich das Leben genommen hat, Professor Ranke«, sagte er. »Ich frage mich, ob Sie nicht vielleicht ein inneres Schuldgefühl treibt.« »Ein inneres Schuldgefühl?« erwiderte Ranke hochmütig. »Ja. Sie haben ihn aus Ihrer Gruppe verstoßen. Sie haben ihn gezwungen, sich einen Doktorvater zu suchen, den Sie für inkompetent halten. Sie hatten ihm ganz klar zu verstehen gegeben, dass Sie seine Theorie für falsch hielten, noch ehe er mit den Experimenten begonnen hatte.« Brade merkte, dass sein Gegenüber zu einer Erwiderung ansetzte; er sprach lauter, ohne sich darum zu kümmern, dass alle Anwesenden zuhörten. »Und daraus, dass Sie ihn nicht leiden konnten, haben Sie auch keinen Hehl gemacht. Vielleicht hatte Ralph das Gefühl, dass Sie bei der mündlichen Prüfung ihn und seine Arbeit in Stücke reißen würden - ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Wert, den sie haben mochte. Vielleicht konnte er in einem Augenblick der Verzweiflung den Gedanken, einem lachsüchtigen kleinen Tyrannen, der an verletzter Eitelkeit litt, gegenüberstehen zu müssen, einfach nicht mehr ertragen.«

Ranke, der weiß geworden war, krächzte etwas Unverständliches. Foster sagte: »Ich glaube, wir sollten das der Polizei überlassen.« Aber Brade war noch nicht fertig. Er wandte sich sofort Foster zu. »Vielleicht war es auch Ihr C in synthetischer organischer Chemie, das ihn fertiggemacht hat.«

»Was reden Sie da?« sagte Foster, dem plötzlich nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein schien. »Ich musste ihm die Note geben, die er verdient hatte.«

»Hatte er die Note C verdient? Ich habe seine Prüfungsarbeit gesehen, und die war mehr als ein C wert. Und ich bin organischer Chemiker, das werden Sie zugeben, und ich bin in der Lage, eine Prüfungsarbeit in einem organischen Übungskurs zu beurteilen.«

Foster brauste auf. »Die Note bezieht sich ja nicht nur auf das Schriftliche. Da war die Arbeit im Labor, sein Benehmen in der Vorlesung -«

Brade unterbrach ihn barsch. »Es ist ein Jammer, dass niemand Ihr Benehmen in der Vorlesung beurteilt oder sich fragt, was für eine Befriedigung es Ihnen wohl bereiten kann, auf Studenten herumzuhacken, die sich nicht wehren können. Vielleicht lauert Ihnen mal einer von ihnen bei Nacht und Nebel auf, um eine längst fällige Rechnung zu begleichen.«

Mrs. Littleby kam aufgeregt näher und verkündete mit verzweifelt sanfter Stimme: »Ach, bitte - ach, bitte, es ist angerichtet, gehen wir alle hinüber, ja?«

Ranke und Foster entfernten sich. Brade schritt wie in der Mitte eines kleinen Vakuums durch die Tür zum großen Salon. Und dann war Doris an seiner Seite. »Was ist denn passiert?« fragte sie mit gepresster, gehauchter Stimme. »Wie hat das alles angefangen?«

Brade sagte durch zusammengebissene Zähne hindurch: »Sprechen wir vorläufig nicht darüber, Doris. Ich bin froh, dass es passiert ist.«

Und das war er auch. Da man ihm ohnehin kündigen würde, hatte er nichts mehr zu verlieren, und damit verband sich ein herrliches Gefühl der Freiheit, der Losgelöstheit. In der Zeit, die ihm noch an der Universität blieb, sollten ihn die Fosters und Rankes und alle diese ehrgeizigen Streber nicht mehr ungestraft anrempeln.

Das Gefühl des Trotzes übertrug sich. Man ging ihm aus dem Weg; man ließ ihn allein. So ging er von sich aus zu Littleby. »Professor Littleby.«

»Ah, Brade.« Das mechanische Lächeln des Leiters des Chemischen Instituts wirkte etwas gezwungen.

»Ich möchte doch den Vorschlag machen, Sir, dass die Vorlesung über die Sicherheitsbestimmungen als eine Angelegenheit des gesamten Instituts betrachtet wird, denn schließlich sind wir alle an Sicherheit in den Labors interessiert. Wenn ich Ihrem Vorschlag entsprechend dafür eine persönliche Verantwortung übernehmen soll, dann möchte ich, dass sich dieser Umstand in einer Verbesserung meiner Position innerhalb des Instituts ausdrückt.«

Er neigte den Kopf zu einem knappen Gruß und ließ Littleby stehen, ohne seine Antwort abzuwarten.

Auch das tat ihm gut - und kostete ihn nichts. Das war eben der Vorteil dessen, der alles verloren hatte - es gab nun nichts mehr zu verlieren. Brade und Doris gingen, sobald es die Regeln der Etikette erlaubten. Am Steuer saß Brade so kämpferisch wie zum Sprung geduckt. »Also davon habe ich genug«, sagte er. »Zu so einer Party gehe ich nie mehr, selbst wenn -«

Sie fragte mit überraschend sanfter Stimme: »Aber wie hat denn die Sache angefangen?«

»Foster wollte mich warnen. Er sagte, die Polizei glaube nicht an einen Unglücksfall. Und er selbst auch nicht. Kein Chemiker könne glauben, dass Ralph einen solchen Fehler gemacht hat. Ich nehme an, jemand hat sich deswegen mit der Polizei in Verbindung gesetzt.« »Aber warum? Warum sollte jemand Schwierigkeiten machen wollen?« »Manchen Leuten macht das eben Spaß. Und manche halten es vielleicht sogar für ihre staatsbürgerliche Pflicht. Es scheint, das Institut ist bereit, von einem Selbstmord auszugehen und es dabei bewenden zu lassen - vor allem, wenn man mir die Verantwortung zuschieben kann. Die Idioten - sie wissen nicht, was sie da für ein Gewitter heraufbeschwören.« »Aber -«

»Kein Aber. Es war Mord. Und sie müssen es auch wissen, sonst würden sie sich nicht so schnell mit einem Selbstmord abfinden. Aber die Art, wie es passiert ist - das war einfach zu kompliziert für einen Selbstmord. Er hatte das Natriumzyanid ja zur Hand. Um Selbstmord zu begehen, brauchte er nur ein paar Körner in den Mund zu nehmen. Ein Experiment in Gang zu setzen, um nach der Säurebildung Wasserstoffzyanid einzuatmen? Kein Mensch würde zum Selbstmord eine so umständliche Methode benutzen, die vielleicht nicht einmal funktioniert, wenn sich ihm ein unfehlbares Mittel anbietet.« Sein Denken hatte wieder umgeschaltet. Wieder war die Gefahr, die Stellung zu verlieren, vor der Gefahr, eines Mordes angeklagt zu werden, in den Hintergrund getreten.

Brade schlief in dieser Nacht tief und traumlos - Auswirkung der Ereignisse des gerade vergangenen Abends und der Erschöpfung, die nach zwei halb durchwachten Nächten in ihm gesteckt hatte. Beim Aufwachen fand er einen grauen, feuchten Morgen vor, und die Luft war herbstlich frisch.

Auch ihm war grau zumute. Was ihm am Abend zuvor wie ein heroischer Kampf vorgekommen war, stellte sich ihm jetzt lediglich als Marktweibergezänk dar. Die Gefahren, die ihm drohten, waren dichter herangerückt, und er sah keinen Ausweg.

Natürlich mochte man sich sagen, dass diejenigen, die am energischsten die Selbstmordtheorie verfochten, vielleicht auch diejenigen waren, die kein Interesse daran hatten, dass sich die Sache als Mord herausstellte. Und das geringste Interesse daran musste der Mörder haben.

Hieß dies, dass Ranke Ralphs Mörder war? Oder Foster? So einfach war das nicht. Er schob seinen Teller mit Schinken und Ei von sich und dachte an das Motiv.

Von Anfang an drehte sich alles um das Motiv. Er sagte zu Doris: »Ich gehe heute ins Institut.« »Heute? Am Sonntag?«

»Gerade deshalb. Ich nehme mir Ralphs Experimentaufzeichnungen vor.«

»Warum?«

»Du hast doch gehört, was Ranke gestern abend gesagt hat, oder? Er glaubt, Ralph sei mit seinen Untersuchungen in eine Sackgasse geraten, und ich könnte das nicht feststellen.« »Kannst du es denn?« fragte Doris.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Brade, »aber ich muss es herausfinden. Und mit der Arbeit selbst mache ich lieber auch gleich weiter, und dann werde ich's diesen- diesen Idioten mal zeigen.« »Weißt du, ich hab schreckliche Angst«, sagte Doris.

Brade stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr; er legte ihr den Arm um die Schulter. »Angst haben hilft uns jetzt nicht weiter. Wir müssen mit dieser Sache zu Rande kommen. Und das werden wir auch.«

Ihr Kopf ruhte an seiner Brust; sie hatte die Augen geschlossen. >Ja, Schatz«, sagte sie, und dann kam Ginny die Treppe heruntergepoltert. Doris schob ihn von sich und rief: »Du kommst leider zu spät, Virginia, du wirst deine Eier kalt essen müssen.«

Die Zwillingsklötze des Verwaltungsgebäudes der Universität ragten aus dem Grün des Campusgeländes heraus, als Brade von der Fifth Street in die University Road einbog. Das Gebäude wirkte unnatürlich ohne den werktäglichen Autoverkehr davor, ohne den Lärm, ohne den Benzingeruch.

Die Universität sah fremd und feindselig aus. Vielleicht war es, weil Sonntag war, vielleicht hatte er auch das Gefühl, nicht mehr ganz dazuzugehören. Etwas war geschehen am Abend zuvor. Er hatte Verbindungen zerrissen, hatte innerlich bereits die Tatsache akzeptiert, dass er nicht mehr eines der vielen Rädchen dieses Getriebes war. Der Parkplatz schien ihn feindselig anzustarren. Nur drei Wagen standen hier, wo man sonst kaum eine Lücke fand. Das Chemische Institut wirkte fremd, das Sekretariat und das Chemische Museum waren geschlossen, und seine Schritte hallten in der Sonntagsstille unnatürlich laut wider.

Er fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock hinauf. Die Türen auf dem Flur waren alle geschlossen, so dass er das Licht anknipste, um etwas zu sehen. .

Vor der Tür des Labors angelangt, in dem Ralph gearbeitet hatte, zog er seinen Schlüsselbund heraus und suchte nach dem passenden Schlüssel. Irgend etwas irritierte ihn dabei-ach so, ja, es war ein Schlüssel zuviel.

Mit einem jähen Gefühl des Unbehagens erinnerte er sich daran, dass der Kriminalbeamte ihm am Freitag Ralphs Schlüssel zurückgebracht hatte. Das Unbehagen war ausgelöst durch den gleichzeitigen Gedanken, dass der Beamte daran zweifelte, dass ein Unglücksfall vorlag-er schien einen Selbstmord, jedenfalls einen gewaltsamen Tod zu vermuten.

Brade drehte den Schlüssel im Schloss herum, öffnete die Tür, trat ein und blieb so verblüfft stehen, wie man immer stehen bleibt, wenn man jemanden an einem Ort antrifft, wo man sich allein glaubte. Und die andere Person im Labor, die ebenso überrascht war, starrte Brade an und hatte den Mund halb geöffnet, als wollte sie einen Schrei ausstoßen.

14

Brade fasste sich wieder. Mit beherrschter, wenn auch etwas bebender Stimme sagte er: »Guten Morgen, Roberta. Mit Ihnen hatte ich hier nicht gerechnet.«

Roberta Goodhue legte die Hände in den Schoss. Sie hatte in einem Notizbuch geblättert, und eine Schublade von Ralphs Arbeitstisch war herausgezogen, aber nun ließ sie die Seiten langsam wieder zuklappen. »Guten Morgen, Professor Brade«, sagte sie. »Wie sind Sie denn hier hereingekommen?« »Ich- ich habe nur seine Sachen durchgesehen. Er-er ist gestern beerdigt worden, und da dachte ich, ich würde etwas finden, was ich behalten könnte, etwas -«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende, und Brade hätte ihn beinahe statt ihrer vervollständigt: etwas zur Erinnerung an ihn. Er hatte großes Mitgefühl mit ihr. Was eignete sich wohl als Andenken an eine Romanze zwischen zwei Chemiedoktoranden? Ein altes Reagenzglas, in dem er eine seiner Lösungen nachlässigerweise hatte vertrocknen lassen? Ein paar verstreute Pulverkristalle, die er abgewogen hatte, die man in einen kleinen Umschlag tun und in ein Buch legen konnte? »Oh, ich wusste nicht, wann die Beerdigung war, sonst wäre ich auch gekommen.«

Aber Roberta sagte: »Schon gut. Nur seine Mutter und ich sind mitgegangen. Es hatte eine Beerdigung in aller Stille sein sollen.« Brades Gedanken wandten sich wieder dem Problem ihrer Anwesenheit hier im Labor zu. Er wusste genau, dass er beim letzten Mal abgeschlossen hatte. Sollte jemand nach ihm hier gewesen sein, jemand, der dann die Tür nicht abgeschlossen hatte? Doheny? Mit einem Nachschlüssel?

O Gott, jetzt sah er schon unter jedem Laborstuhl und hinter jedem Messglas einen Kriminalbeamten. Es konnte Greg Simpson gewesen sein, der das Labor gemeinsam mit Ralph benutzt und keinen besonderen Grund gehabt hatte, die Tür abzuschließen. Doch Roberta schien seine erste Frage gehört zu haben. »Ich habe einen eigenen Schlüssel«, sagte sie leise.

»Aha. Woher haben Sie den denn?« »Ralph hat ihn mir gegeben.« Brade schwieg einen Augenblick. Er schloss die Tür, setzte sich auf einen Hocker und sah Roberta ernst an. Die Sonne brach durch die Wolken, drang durch die nicht allzu sauberen Fensterscheiben und schien auf Robertas Arm, so dass die dünnen Härchen leicht rötlich aufschimmerten.

Sie sieht gar nicht so übel aus, wie man meinen könnte, dachte Brade etwas erstaunt. Gewiss, sie war weder groß noch schlank und hätte in Hollywood keine Chancen gehabt, aber sie hatte lange Wimpern und feingeformte Lippen, und die Haut am Oberarm war glatt und weich in der Tönung.

Warum sollte sich Ralph nicht einfach durch das zu ihr hingezogen gefühlt haben, was man Sex-Appeal nannte? Vielleicht hatten andere, sozusagen psychologische Gründe gar keine Rolle gespielt. »Ich wusste nicht, dass er jemanden einen Schlüssel für diese Tür gegeben hatte. Aber ich sehe natürlich ein, dass Sie eine logische Ausnahme sind.«

Sie machte ein unglückliches Gesicht.

»Hat er Ihnen den Schlüssel aus einem besonderen Grund gegeben?« Er hielt inne und fuhr dann in freundlicherem Ton fort: »Normalerweise würde mich das nichts angehen, aber unter diesen Umständen -« Sie strich sich mit einer raschen Handbewegung das Haar zurück und blickte zu ihm auf. »Ich weiß, was Sie denken, Professor Brade, und wir wollen uns nichts vormachen. Ich habe mich manchmal hier mit ihm getroffen - abends. Mit einem eigenen Schlüssel konnte ich allein kommen.«

»Sie meinen, es wäre auffällig gewesen, wenn Sie zusammen gekommen wären.«

»Ja.«

Brade fühlte, wie eine Welle peinlicher Verlegenheit über ihn hinwegspülte, aber er stellte die nächste Frage ganz unvermittelt in der Hoffnung, der Schock werde das Mädchen zwingen, die Wahrheit zu sagen. »Erwarten Sie ein Kind?«

Sie zuckte zusammen und schlug die Augen nieder. »Nein.« Sie empörte sich nicht und zierte sich nicht. »Sind Sie sicher?« »Ganz sicher.«

»Na schön, Roberta. Ich werde niemandem etwas davon sagen.« »Ich danke Ihnen, Professor Brade, und ich möchte Ihnen sagen, dass es nicht schön von uns war, Ihnen gegenüber, entschuldigen Sie. Wenn wir erwischt worden wären, das wäre sehr - unangenehm gewesen. Auch für Sie.«

»Das wäre es für uns alle gewesen.«

»Es war nur so, dass wir tatsächlich heiraten wollten und nirgendwo anders wirklich allein sein konnten. Aber Sie wissen es jetzt, und wenn Sie es für besser halten, gebe ich das Studium hier auf. Es würde mir nicht viel ausmachen. Wirklich.«

»Nein«, sagte Brade mit Nachdruck, »Roberta, daran denke ich nicht. Was zwischen Ihnen und Ralph war, geht mich nichts an und ist erledigt. Ich habe nur gefragt, weil -«

Er hielt inne. Er konnte ihr nicht gut sagen, dass er sie sich einen Augenblick lang als die höchst unzeitgemäß in andere Umstände gebrachte Geliebte vorgestellt hatte, die auf eine Heirat drängt, schroff abgewiesen wird - ein so scharfzüngiger Mensch wie Ralph mochte ein Nein schon in recht sarkastische Worte gekleidet haben - und sich dadurch zu einem unversöhnlichen Hass angestachelt fühlt: zu einem tödlichen Hass.

Aber sie war nicht schwanger - oder behauptete es wenigstens. Restlos überzeugt war er noch nicht.

Recht unbeholfen fuhr er fort: »Schon gut. Nehmen Sie sich doch eine Woche frei. Im Laborkurs kommen wir eine Zeitlang auch ohne Sie aus. Ich finde schon jemanden, der Sie vertritt. Und wenn Sie dann das Schlimmste hinter sich haben -«

Sie schüttelte den Kopf. »Vielen Dank, Professor Brade, aber ich möchte weiterarbeiten. Das ist nicht so schlimm, als wenn ich allein auf meiner Bude bin.«

Sie stand auf und klemmte sich die Tasche unter den Arm. Sie ging zur Tür und wollte sie gerade öffnen, als Brade ein neuer Gedanke kam.

»Einen Augenblick noch, Roberta.«

Sie blieb stehen, ohne sich zu ihm umzudrehen. Brade überlegte sich, wie er seine Frage formulieren sollte, ohne sich idiotisch vorkommen zu müssen.

»Ich hoffe, Sie haben nichts gegen eine sehr persönliche Frage.« »Ist sie noch persönlicher als die, die Sie mir schon gestellt haben, Professor Brade?«

Er räusperte sich. »Vielleicht, in gewisser Hinsicht. Ich habe aber meine Gründe für die Frage. Na ja - hatten Sie einmal Ärger mit Professor Foster?«

Jetzt wandte sie sich doch um. »Ärger, Professor Brade?« Ihre Augenbrauen gingen in die Höhe.

Er sagte: »Um es ganz unverblümt auszudrücken - hat Professor Foster zu Ihnen einmal anzügliche Bemerkungen gemacht?« »Das kann man kaum eine persönliche Frage nennen«, antwortete Roberta. »Professor Foster macht kein Geheimnis daraus. Ja, ich habe meinen Anteil an zweideutigen Bemerkungen über mich ergehen lassen. Wie alle andern Studentinnen. Nicht mehr, nicht weniger. Professor Foster ist sehr liebenswürdig und verteilt seinen Charme freizügig und gleichmäßig.« »Hat Ralph davon erfahren?«

Sie schien sich sofort wieder innerlich abzuschließen. »Warum fragen Sie das?«

»Weil ich glaube, dass Ralph davon wusste.« Das Mädchen schwieg. Brade fuhr fort: »Da Foster nicht gerade einen Hehl macht aus seinen Bemerkungen, dürfte Ralph davon erfahren haben, und er hat sich zweifellos darüber empört und sich mit Professor Foster angelegt.« »Niemand gibt etwas auf Professor Foster«, erwiderte Roberta zornig. »Er geht einem manchmal auf die Nerven, das macht weiter nichts. Wenn eine Studentin auch nur im geringsten auf seine Mätzchen einginge, würde er vor Angst zum Fenster hinausspringen.« »Ja, aber es geht hier doch darum, dass Ralph etwas darauf gegeben hat und Professor Foster klargemacht hat, wie er über ihn denkt.« »Ich gehe jetzt lieber, Professor. Ich - ich fühle mich nicht wohl.« Sie wandte sich wieder der Tür zu, drehte sich aber dann noch einmal um. »Ach - brauchen Sie Ralphs Notizbücher?« »Vorerst - ja. Aber später werde ich sie Ihnen sicher geben können.« Sie zögerte. Aber dann ging sie doch hinaus.

Fünf Minuten später sah Brade, der ans Fenster getreten war, wie sie zum Haupteingang herauskam und dann quer über den Campus ging. Sie war natürlich seinen letzten Fragen ausgewichen, aber das war auch eine Antwort. Natürlich! Ralph musste eifersüchtig geworden sein, musste befürchtet haben, einen Menschen zu verlieren, den er als seinen Besitz betrachtete. Er war genau der Typ, der sich durch Fosters Sticheleien aufgereizt fühlte.

Und er war der Typ, der voller Erregung von Foster verlangte, diese Späße zu unterlassen, der damit drohte, die Angelegenheit an höherer Stelle zur Sprache zu bringen. Und das war eine gefährliche Drohung.

Die Universität konnte Fosters Benehmen ignorieren, solange sich niemand beschwerte. Kam es aber zu einem Skandal, war das etwas ganz anderes. Etwas entscheidend anderes.

Ein Professor konnte sich sinnlos betrinken, mochte Vorlesungen halten, die niemand begriff, mochte sich nur einmal im Jahr waschen, unerträglich grob sein und allen auf die Nerven gehen. War er in fester, sozusagen beamteter Position, schadete das seiner Stellung nicht im geringsten.

Doch zwei Vergehen durfte er sich nicht zuschulden kommen lassen. Das eine hieß Untreue (ein relativ neues Vergehen), und das andere, sittliche Verfehlung, war so alt wie Abälard. Und in der Nähe dieses letzteren Vergehens bewegte sich Foster ständig. Wurde tatsächlich eine Klage vorgebracht, konnte ihn das seine Stellung kosten. War die Furcht vor einer Beschwerde ein Mordmotiv? War Mord ein Mittel, den möglichen Kläger aus der Welt zu schaffen? Oder erklärte sich dadurch nur die Note C?

Ja, Foster hätte ein Motiv gehabt; aber wie stand es mit der Möglichkeit zur Ausführung der Tat? Foster wusste nichts von der Art, in der Ralph seine Experimente durchführte. Wie konnte er geahnt haben, dass Erlenmeyerkolben mit Natriumacetat in Ralphs Labor auf ihn warteten? Brade zuckte die Achseln und wandte sich Ralphs Notizbüchern zu. Es waren fünf, und Ralph hatte sie gewissenhaft numeriert. Brade schlug eins auf.

Er hatte die Duplikate in seinem Arbeitszimmer, aber wenn Ralph sich nicht radikal von allen anderen Doktoranden unterschieden hatte, die Brade kannte, dann standen auf den Rückseiten der weißen Originalbogen noch zusätzliche Notizen und Kommentare. Er blätterte in dem Buch und konnte feststellen, dass Ralph der ideale Notizbuchführer gewesen war. Er drückte sich klar, knapp und fast pedantisch genau aus. Brade hatte die Notizbücher gesehen, in denen Cap Anson seinerzeit den Fortgang seiner Dissertationsexperimente vermerkt hatte, aber Ralph übertraf den alten Cap noch an Gründlichkeit.

Diesen Aufzeichnungen musste er, Brade, folgen können. Ralph erklärte seine Arbeit so genau, als setzte er bei dem, der sie lesen würde, nicht mehr als elementare Kenntnisse voraus.

Er griff zu dem Notizbuch Nummer eins. Die ersten Seiten bezogen sich auf die Zeit, als Ralph Neufeld bei Ranke gewesen war, und brachten eine Aufzählung der Werke, die er vor Beginn seiner Experimente gelesen hatte, eine Zusammenfassung ihres Inhalts sowie seine eigenen Kommentare und Theorien dazu. Das war alles sehr sauber und übersichtlich angelegt. Brade erinnerte sich, dass er diese Aufzeichnungen gesehen hatte-vor anderthalb Jahren, ehe er Ralph als Doktorand übernommen hatte.

Es überraschte Brade jetzt, dass sich hier Ralphs Labilität oder wie man es nennen wollte, überhaupt nicht zeigte. Hier war er ganz objektiv. Brade fand Bemerkungen wie: »Professor Ranke weist auf eine Unstimmigkeit im Konzept hin, die -«, oder: »Professor Ranke scheint nicht davon überzeugt zu sein, dass -« Die Kommentare hatten nie einen leidenschaftlichen Ton. Sie klangen kühl und sachlich. Sogar über das Ende der Zeit bei Ranke war lediglich zu lesen: »Heute war mein letzter Tag als Doktorand von Professor O. Ranke.« Nichts von Auseinandersetzungen mit anderen Studenten; kein Wort der Selbstrechtfertigung oder des Grolls. Auf der Seite stand nur dieser eine Satz.

Das nächste Datum lag einen Monat später, und die neue Seite begann mit der Feststellung: »Heute war mein erster Tag als Doktorand von Professor L. Brade.«

Die nun folgenden Seiten waren ihm vertraut. Anfangs hatte Ralph ihm die Duplikate wöchentlich übergeben und Seite für Seite erklärt. Später hatte er sie immer unregelmäßiger gebracht und immer flüchtiger und dann überhaupt nicht mehr erklärt. Hatte Ralph sich gesagt, dass er, Brade, ja doch nicht richtig mitkam? Hatte er deshalb Brade gehasst? (Aber Charlie Emmett glaubte, dass es Angst gewesen war, nicht Hass.) Brade biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, ob er etwas zu Mittag essen sollte. Nein. Die Sandwich-Bude im Institut war sonntags geschlossen; er hatte sich auch nichts mitgebracht; das nächste Restaurant war zehn Minuten Fußmarsch entfernt. Er beschloss, auf das Mittagessen zu verzichten. Er wandte sich wieder den Notizbüchern zu.

Ralph war bei der Beschreibung seiner einzelnen Experimente besonders gründlich gewesen. Er hatte jedes Mal die Durchführung des Experiments begründet und dann seine Interpretation angefügt. Wo das Ergebnis von den Erwartungen abwich, hatte er seine Theorien und Spekulationen darüber angefügt, was danebengegangen war. Alle diese Angaben waren äußerst nützlich, und Brade begann Mut zu fassen. Die mathematischen Berechnungen waren zwar schwierig, aber wenigstens waren keine Zwischenstufen ausgelassen. Wenn Ralph als Chemiker einen Fehler hatte, so den, dass er seinen Theorien zu sehr verhaftet war. Ein Experiment, das seine Theorien zu stützen schien, wurde kritiklos registriert, wogegen Experimente, die ihnen zuwiderliefen, mehrfach nachgeprüft und bisweilen »forterklärt« wurden.

In den ersten beiden Notizbüchern waren recht viele Experimente vermerkt, die nicht mit seinen Theorien übereinstimmten, und in den Kommentaren machte sich eine gewisse Verdrossenheit bemerkbar. Da hieß es etwa: »Muss die Temperatur besser kontrollieren. Mit Brade sprechen wegen anständigem Thermostat, wenn Arbeit überhaupt zu etwas führen soll.«

Es war das Fehlen des sonst immer gebrauchten »Professor«, das am deutlichsten auf Ralphs Gereiztheit hinzuweisen schien.

Auch auf Hass? Aber er hatte sich doch unter viel ungünstigeren Bedingungen beherrscht, als er noch bei Ranke gewesen war. Oder hatte Ranke, auch wenn er nichts von Ralphs Theorien hielt, einen festen Halt dargestellt, eine Stütze, wogegen Brade - nichts war?

Etwa zu diesem Zeitpunkt hatte Ralph die Duplikate unregelmäßig und in größeren Stößen abgeliefert, so dass Brade sich nur noch verschwommen an die einzelnen Seiten erinnern konnte.

Mit dem dritten Notizbuch begann sich plötzlich eine positive Entwicklung abzuzeichnen. Zum einen war Ralph in eine Richtung vorgestoßen, die sich später als sehr interessant erwies, und zum andern...

Brade hielt den Atem an, als er eine Seite umblätterte. Ralph beschrieb hier seine Versuchsanordnung bis ins Detail und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass er immer für einen Vorrat von zehn Kolben mit Natriumacetat sorgte. Brade empfand ein ganz merkwürdiges, fast unheimliches Gefühl bei dem Gedanken, dass jeder halbwegs erfahrene Chemiker, der zufällig diese Seite las, genau wusste, wie Ralph auf eben die Art vergiftet werden konnte, auf die er tatsächlich vergiftet worden war.

Aber er bot allen Spekulationen Einhalt. Zum Teufel mit Mord und Mördern. Im Augenblick musste er sich darüber klar werden, ob er in der Lage war, die angefangene Arbeit fortzuführen.

Die Experimente machten gute Fortschritte. Die Diagramme zeigten Punkte auf, die sich entlang einer geraden Linie bewegten. Brade war erleichtert. Dass er sich am Abend zuvor für Ralphs Arbeit stark gemacht hatte, war zum größten Teil Bluff gewesen, aber hier waren die Zeichnungen, die Gleichungen, alles von A bis Z. Jeder konnte sie nachprüfen und feststellen, dass Ralphs Arbeit gute Fortschritte gemacht hatte, dass seine Theorien stimmten. Sogar Ranke konnte das.

Brade nahm sich einen Augenblick Zeit, um sich die zusätzlichen Notizen und Unrein-Berechnungen auf den Rückseiten anzusehen. Sie waren ausradiert worden.

Brade runzelte die Stirn. Theoretisch sollte in den Notizbüchern nichts radiert sein. Irrtümer, falsche Zahlen und dergleichen durften nur leicht durchgestrichen werden, so dass sie nicht zu irrigen Auslegungen führen konnten, aber noch lesbar waren. (Selbst Fehler erweisen sich manchmal als nützlich.)

Natürlich war das Radieren auf der Rückseite eines Blattes eine verzeihliche Sünde, da die Rückseiten ja nicht eigentlich Teil des Notizbuchs waren. Brade prüfte die Zahlen genau und legte seine Stirn noch mehr in Falten. Er dachte nach, blätterte ein paar Seiten weiter und stieß wieder auf radierte Stellen.

Dann saß er lange auf dem Stuhl, ohne die Bücher anzusehen, indes die Nachmittagsstunden dahinkrochen.

Es konnte nicht sein. Ihm war ein solcher Fall noch nie begegnet. Und doch - es schien keinen Zweifel zu geben.

Nein, es gab keinen Zweifel. Er hatte entdeckt, dass Charles Emmett sich nicht getäuscht hatte. Ralph musste ihn, Brade, gleichsam wie den Tod gefürchtet haben, und er wusste jetzt auch, warum. Und dieses Wissen drückte ihn nieder.

15

Es dauerte eine Weile, bis Brade seine Erkenntnis in allen ihren Konsequenzen durchdacht hatte. Jetzt konnte er Ralphs Arbeit nicht mehr fortführen. Es würde keine erstaunliche Entdeckung, keinen ungewöhnlichen wissenschaftlichen Beitrag geben; nichts, womit er das Institut und die Welt der Chemie insgesamt verblüffen konnte. Cap Anson hatte recht gehabt. Otto Ranke hatte recht gehabt. Er, Brade, hatte unrecht gehabt.

Er wusste nicht, wie oft es schon geklopft hatte. Als er schließlich ganz laut »Herein« rief, tat sich gar nichts. Nur die Klinke wurde mehrmals heruntergedrückt.

Brade stand auf, um die Tür aufzuschließen. Es war, als bewegten sich nicht seine Muskeln, sondern die eines andern. Sein Denken war so sehr mit andern Dingen angefüllt, dass er nicht dazu kam, sich zu fragen, wer wohl am Sonntag dort an der Tür sein mochte; ja, er besaß nicht einmal die Energie, Erstaunen zu zeigen, als der Kriminalbeamte, Jack Doheny, auf der Schwelle stand, in demselben dunkelblauen Anzug mit den feinen weißen Streifen, den er am Donnerstag abend getragen hatte, als sie sich vor Ralph Neufelds Leiche zum erstenmal begegnet waren.

Doheny blickte sich flüchtig um und sagte: »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, sich ein bisschen mit mir zu unterhalten, Professor.« »Wenn Sie wünschen«, erwiderte Brade ziemlich teilnahmslos aus seiner niedergeschlagenen Stimmung heraus.

»Ich war zuerst bei Ihnen zu Hause, aber Ihre Frau sagte, Sie seien hier.« Er blickte sich noch einmal um. »Darf ich rauchen?« Dohney zündete sich eine Zigarre an und nahm, von Brade mit einer Handbewegung aufgefordert, auf einem Stuhl Platz. Er zog einen Aschenbecher zu sich heran und sagte: »Sieht so aus, als seien wir beide unter die Sonntagsarbeiter gegangen.« »Wollen Sie etwas wegen Ralph Neufeld wissen, oder kann ich Ihnen in anderer Weise behilflich sein?«

»Nein, es dreht sich schon um Ihren Studenten, Professor. Das lässt mir keine Ruhe. Komisch. Die Sache hat von Anfang an nicht gestimmt.« »Wieso nicht?« fragte Brade.

»Ja, wissen Sie, ich verstehe nichts von Chemie. Überhaupt nichts. Und da bin ich mir hier zuerst ziemlich verloren vorgekommen. Aber ich bin nun schon so lange in meinem Beruf tätig, dass ich das Gefühl habe, hier stimmt etwas nicht, auch wenn ich mir immer wieder sage, Jack, mach langsam, davon hast du keine Ahnung.« »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Oh, das ist nicht schwer zu erklären. Nehmen wir mal Sie, Professor. Angenommen, Sie haben eine neue Chemikalie in einem Reagenzglas, und Sie fragen sich, was die wohl für Eigenschaften hat. Ich wette, Sie können sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, noch ehe Sie sie testen. Sie sagen sich, das Zeug sieht so aus, als könnte es explodieren. Oder aufgepasst, das ist giftig; oder das wird schwarz, wenn ich dieses Zeug hier dazutue.«

»Wenn mir die chemische Formel des neuen Stoffes bekannt wäre«, erwiderte Brade, »könnte ich daraus gewisse Schlüsse auf seine Eigenschaften ziehen.«

»Und Sie würden sich kaum einmal irren, hm?« »Selten.«

»Eben. Das kommt mit der Erfahrung. Man kriegt so eine Art Fingerspitzengefühl, das man manchmal gar nicht erklären kann.« »Möglich, ja«, sagte Brade, nicht so recht überzeugt. »Schön, Professor. Nun nehmen Sie mal mich. Ich habe nun seit fünfundzwanzig Jahren mit Menschen zu tun, so wie Sie mit Chemikalien. Ich besitze eine Menschenkenntnis, wie man sie nicht auf der Schule lernt. Ich merke, wenn mit einem was nicht stimmt, so wie Sie bei so einem Pulver ein ungutes Gefühl bekommen. Manchmal täusche ich mich, so wie Sie sich im Umgang mit Chemikalien täuschen können, aber meistens habe ich recht - genau wie Sie auf Ihrem Gebiet.«

Brade spürte eine Unruhe in sich aufkommen, besaß aber genug Geistesgegenwart, um sich zu sagen, dass Doheny es vielleicht gerade darauf abgesehen hatte, ihn in Unruhe zu versetzen. »Worauf wollen Sie hinaus?« fragte er.

»Ich will Ihnen damit nur sagen, dass am Donnerstag mit Ihnen etwas nicht gestimmt hat, als ich mit Ihnen sprach.«

»Da haben Sie recht. Ich war erschüttert. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen, und das war nun sogar einer meiner Doktoranden. Ich war nicht ganz bei mir.«

>ja? Ich kann mir das gut vorstellen. Wirklich. Aber sehen Sie mal« -Doheny zog ruhig und methodisch an seiner Zigarre, damit sie gleichmäßig brannte-, »in der Chemie geht's eigentlich wie in der Küche zu. Sie haben Ihre Zutaten. Sie mischen sie, erhitzen sie - oder was weiß ich. Die Chemie ist vielleicht komplizierter, aber wenn Sie sich eine Köchin in der Küche vorstellen - da besteht doch eine Verwandtschaft mit einem Chemiker in einem Labor.

Jetzt nehmen Sie mal an, die Köchin backt einen Kuchen. Sie braucht Mehl, Milch, Eier, Vanille, Backpulver und so weiter. Sie stellt die Sachen alle auf den Tisch und fängt dann an und vermischt sie miteinander. Aber dann lässt sie die Büchsen und Flaschen und was weiß ich noch auf dem Tisch stehen. Vielleicht stellt sie die Milch wieder in den Kühlschrank, aber wahrscheinlich lässt sie, sagen wir, das Mehl, den Vanillezucker liegen. Anders ausgedrückt: Sie geht sicher nicht zur Speisekammer, holt Mehl, schüttet etwas heraus und tut das Mehl gleich wieder in die Speisekammer. Sie holt nicht die Milch heraus, gießt ein wenig dazu und stellt sie gleich wieder weg. Und so weiter. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja, durchaus, Mr. Doheny. Aber was hat das mit unserem Fall hier zu tun?«

»Ja, sehen Sie, Ihr Student war beim Teigmischen, gewissermaßen, und er wollte gerade hinzutun - Augenblick.« Doheny warf einen Blick auf ein Kärtchen, das er aus seiner Hemdtasche gezogen hatte. »Natriumacetat, aber er erwischte statt dessen Natriumzyanid. Wieso stand dann die Flasche mit dem Zyanid nicht mehr neben ihm auf der Arbeitsplatte? Warum stand sie auf dem Regal?« »Was ist da schon für ein Unterschied, wo sie stand?« Brade wusste, was da für ein Unterschied war, er fragte sich nur, an was für einen Unterschied dieser plötzlich so bedrohlich wirkende Mann mit dem rundlichen, eher harmlosen Gesicht dachte. »Vielleicht will es nichts heißen«, fuhr Doheny nachdenklich fort. »Vielleicht stand die Flasche neben ihm auf dem Tisch, und Sie haben sie automatisch weggestellt, als Sie den Toten fanden. Ohne darüber nachzudenken, wissen Sie. Haben Sie das getan?«

Brade war sich der Bedeutung dieser Frage bewusst. Er wagte es nicht, mit einer Lüge zu antworten. Er sagte: »Nein.«

»Oder der junge Mann neigte zu unberechenbaren Handlungen. Vielleicht hat er etwas von dem Pulver herausgeschüttet und ist mit der Flasche die fünf Meter bis zum Regal zurückgegangen, ehe er weitermachte. Nur fiel mir auf, dass er einen leeren kleinen Krug hinter all dem Glaskram stehen hatte, an dem er arbeitete, und in dem Krug oder Kolben oder wie das heißt war noch etwas Pulver drin, als gehörte er zu denen, die solche Sachen erst mal stehen lassen. Das kam mir damals komisch vor.«

Brade presste die schmalen Lippen aufeinander. Er schwieg. »Ja, wie gesagt, das kam mir komisch vor«, fuhr Doheny fort. »Ich habe deshalb die Flasche aus dem Regal genommen, habe sie dorthin gestellt, wo der junge Mann experimentiert hatte, habe so ein paar Handgriffe simuliert und Sie dann gefragt: >Sagen Sie, fällt Ihnen da etwas auf?< Ich dachte, ich gehe gleich sicher und frage Sie, ob Sie diesen merkwürdigen Umstand auch bemerkt haben. Ich dachte, Sie sagen ganz bestimmt: He, wie kommt das, dass die Flasche im Regal steht und nicht an seinem Arbeitsplatz? Aber das haben Sie nicht gesagt. Sie haben nur ein ausdrucksloses Gesicht gemacht. Und da habe ich mir gesagt: Jack, mit dem Professor stimmt etwas nicht. Der ist zu klug, als dass ihm das nicht hätte auffallen müssen! Verstehen Sie, was ich meine? Sie und Ihre Chemikalien - ich und die Menschen.«

»Herrgott, ich war durcheinander«, entgegnete Brade zornig. »Ich habe gar nicht klar denken können.«

»Das will ich Ihnen zugestehen. Die Sache war nur so komisch, dass ich dachte, ich frage noch ein bisschen herum, ehe ich gehe. Und was soll ich Ihnen sagen? Ein paar Leute haben mir erzählt, dieses Acetat fühlt sich ganz anders an als Zyanid, wenn man mit dem Löffel hineinsticht. Stimmt das, Professor?«

Wieder zögerte Brade, und wieder sagte er sich, dass eine Lüge zwecklos war. »Ja, in gewisser Hinsicht.«

»Und dann haben mir noch einige Leute gesagt, Ralph sei so gewissenhaft und vorsichtig gewesen, dass sie sich nicht erklären könnten, wie ihm dieser Irrtum unterlaufen sein sollte. Er hätte sozusagen alles immer doppelt nachgeprüft. Stimmt das, Professor?« »Ja, er war sehr gewissenhaft.«

>Ja, sehen Sie, Professor« - das freundliche Lächeln wich nicht von Dohenys rotbackigem Gesicht -, »Sie waren so durcheinander, dass Sie mir davon nichts gesagt haben. Sie haben nicht einmal gesagt, der junge Mann kann die Flasche aus diesem oder jenem Grund eigentlich gar nicht verwechselt haben. Und Sie hatten inzwischen zwei Tage Zeit, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen, aber trotzdem haben Sie mich nicht angerufen und mir gesagt: >Mir ist da etwas aufgefallen, das hatte ich vergessen, Ihnen zu sagen.( Also war an meinem ersten komischen Gefühl bei Ihnen vielleicht doch etwas dran.« »Nicht viel«, sagte Brade in plötzlich aufwallendem Zorn, »nur dass ich in diesen Dingen nicht beschlagen bin. Ich bin kein Kriminalbeamter.« Doheny nickte. >Ja, ja. Ich gebe zu, es ist nicht viel - für sich allein betrachtet. Aber überlegen Sie noch einmal. Vielleicht waren Sie wirklich völlig durcheinander und so, aber schließlich haben Sie doch auch daran gedacht, nach dem Schlüssel Ihres Studenten zu diesem Labor zu fragen. Erinnern Sie sich?« »Ja, natürlich.«

»Schön, warum haben Sie danach gefragt? Sie hätten doch auch am nächsten Tag anrufen oder ihn auf dem Revier abholen oder ihn bei uns lassen können, da Sie sicher Ihren eigenen Schlüssel hatten. Aber Sie haben danach gefragt. Warum eigentlich?« Brade war empört. »Es fiel mir gerade ein. Weiter hatte das nichts zu bedeuten. Es fiel mir gerade ein.«

Doheny hob beruhigend die Hand. »Schon gut, schon gut. Vielleicht erklärt das die Sache. Ich behaupte ja nicht das Gegenteil. Ich dachte nur: Wie steht es mit einer anderen Erklärung dafür? Das ist mein Beruf, sehen Sie, mir andere Erklärungen einfallen zu lassen. Vielleicht lag Ihnen daran, dass niemand das Labor betritt ohne Ihr Wissen. Vielleicht machte es Sie nervös, dass die Polizei einen Schlüssel hatte.« Er klopfte behutsam die zu lang gewordene Asche seiner Zigarre ab. »Ich habe eben so meine Vermutungen angestellt.« Brade merkte, dass es ein Fehler gewesen war, auf das Mittagessen zu verzichten. Das leere Gefühl im Magen und der Zigarrenrauch verursachten ihm eine leise Übelkeit, die sein Denkvermögen beeinträchtigte. »Ich versichere Ihnen, dass ich an so etwas dabei nicht dachte.«

»Ich wollte der Sache nachgehen, Professor. Sie haben immerhin merkwürdig reagiert, und da habe ich mich, nachdem ich hinausgegangen war, noch eine Zeitlang draußen herumgetrieben. Im Labor von Ralph Neufeld ging das Licht an und brannte eine ganze Weile. Sie sind erst eine gute Stunde nach mir gegangen. Da habe ich mir von meinen Leuten den Schlüssel des jungen Mannes bringen lassen und bin noch einmal ins Labor gegangen, und da hatten Sie inzwischen an etwas gearbeitet. Es standen einige Chemikalien herum, die vorher nicht dagewesen waren, und auch ein paar Gläser oder Röhrchen mit Pulver.«

Brade räusperte sich mit einiger Mühe.

»Ich habe einen unserer Chemiker kommen lassen - wir haben auch Chemiker bei der Polizei, wissen Sie, und der hat sich alles angesehen und dann gesagt, es wäre möglich, dass Sie einen Zyanidtest gemacht hätten, und er hat etwas von dem Zeug in den kleinen Gläsern mit ins Polizeilabor genommen und festgestellt, dass es Acetat war. Also was haben Sie im Labor gemacht, Professor?« Brad sah keinen Ausweg mehr. Mit leiser, gleichmäßiger Stimme erzählte er Doheny, was er am Donnerstag abend in Ralphs Labor gemacht hatte, erwähnte den einen Kolben mit Zyanid und die anderen mit Acetat, schilderte die Methode, nach der Ralph experimentiert hatte. »Und Sie haben uns nichts davon gesagt.« Doheny blickte ihn fragend an. »Hatten Sie Angst, in einen Mordfall verwickelt zu werden?« »Wenn Sie damit meinen, dass ich fürchtete, der Verdacht könnte auf mich fallen - ja.«

»Nun, das war die falsche Reaktion. Damit bringen Sie sich doch erst recht in Verdacht.«

»Wieso?« sagte Brade aufbrausend. »Wenn ich der Mörder wäre, brauchte ich doch diese Kolben nicht zu testen. Ich wüsste doch, was drin ist.«

»Wenn Sie nicht der Mörder waren, warum haben Sie dann geschwiegen? Das würden die Geschworenen fragen. Wenn Sie erst einmal mit der Geheimniskrämerei anfangen, fragen sich diese Leute nämlich, was Sie wirklich im Labor gemacht haben. Vielleicht sagen Sie mir jetzt nicht die Wahrheit.« »Ich schwöre Ihnen -«

»Mir brauchen Sie nichts zu schwören. Heben Sie sich das für den Gerichtssaal auf, falls es soweit kommt.« Er klopfte wieder die Asche seiner Zigarre ab und setzte hinzu: »Wichtig ist: Sie hielten es von Anfang an für Mord.« »Mord oder Selbstmord.« »Selbstmord?«

»Sie glaubten doch, es könnte Selbstmord gewesen sein. Zumindest hat man sich hier erzählt, Sie hätten sich bei verschiedenen Leuten nach Ralphs seelischer Verfassung vor seinem Tod erkundigt.« »Wer hat Ihnen denn das gesagt?« »Spielt das eine Rolle?« »Nein. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie es mir sagen würden. Ja, ich habe Fragen gestellt, die die Möglichkeit eines Selbstmords betrafen, aber ich habe nicht daran geglaubt. Selbstmörder hinterlassen gewöhnlich eine Mitteilung.«

»Es gibt aber kein Gesetz, das ihnen das vorschreibt.« »Natürlich nicht. Aber gewöhnlich tun sie das. Sehen Sie, ein Selbstmörder kommt sich im allgemeinen sehr bemitleidenswert vor. Er stellt sich vor, dass nach seinem Tod alle, die schlecht zu ihm waren, sehr bedrückt sind und sich vornehmen, nett zu ihm zu sein, wenn sie es noch einmal mit ihm zu tun hätten. Daran zu denken, hält ihn gewissermaßen bei Laune, während er seine Vorbereitungen trifft. Der Gedanke daran, was für schwere Vorwürfe sich diese andern machen werden, wissen Sie. Deshalb hinterlässt er im allgemeinen eine Nachricht für den, der sich besonders betroffen fühlen soll - seine Mutter etwa oder seine Frau. Wenn ein Selbstmörder keine Nachricht hinterlässt, heißt das, dass es ziemlich sicher ist, dass die richtigen Leute auch ohne sein Zutun leiden werden. Im allgemeinen sind sie sich aber nicht sicher, und mir persönlich ist noch kein Selbstmörder untergekommen, der keine Nachricht hinterlassen hätte. Im Falle unseres Studenten hier fand sich nicht nur keine Nachricht, sondern er muss sich, wenn es tatsächlich ein Selbstmord war, große Mühe gegeben habe, dass es wie ein Unglücksfall aussieht. Sind Sie nicht auch dieser Ansicht, Professor?« »Doch, das bin ich.«

»Selbstmörder tun das manchmal. Wenn's um eine Lebensversicherung geht, zum Beispiel, aber Neufeld war nicht versichert. Oder wenn die Familie sehr religiös eingestellt ist, aber Neufeld hatte nur noch seine Mutter, und die Religion scheint bei beiden keine große Rolle gespielt zu haben. Ich habe noch an andere Möglichkeiten gedacht, aber das hat zu nichts geführt. Es wäre hier einfach sinnlos gewesen, einen Selbstmord als einen Unglücksfall hinzustellen. Durchaus einen Sinn hat es dagegen, einen Mord als einen Unglücksfall erscheinen zu lassen. jemand hat also in den Kolben Zyanid getan.«

»Aber wer?« fragte Brade.

»Ich weiß es nicht«, sagte Doheny. »Vielleicht Sie.«

»Aber ich hatte doch keinen Grund dazu.« Brades Denken stand wie unter einer Art Betäubung, und er konnte über diese Dinge sprechen, ohne sich aufzuregen.

»Vielleicht doch. Ich habe mir bei meinem Herumfragen so einiges zusammengereimt. Zum Beispiel habe ich den Eindruck gewonnen, dass Ihre Stellung hier an der Universität etwas wackelig ist; dass es mit Ihnen abwärtsgeht. Ich sage nicht, dass es so ist, aber einige Leute haben Andeutungen in diesem Sinn gemacht. Und dieser Student, dieser Neufeld, kam nicht sehr gut mit Ihnen aus. Na ja, wenn Ihr eigener Doktorand beispielsweise herumgeht und sagt, Sie taugen nicht viel, so könnte das der Anstoß sein, der zu Ihrer Entlassung führt. Vielleicht wäre das für Sie Grund genug gewesen, ihm den Mund zu stopfen - für immer.«

Brade ging trotz seiner Empörung nicht darauf ein. Das war einfach zu lächerlich. »Mr. Doheny«, sagte er, »ich bin jetzt auf eine Sache gestoßen, die einen Selbstmord als logisch erscheinen lässt. Sie könnte auch eine Erklärung dafür liefern, dass Ralph versucht hat, einen Unglücksfall vorzutäuschen.«

»So? Dann schießen Sie mal los.« Das klang nicht sonderlich begeistert.

Brade starrte bekümmert auf die Notizbücher. Er hatte am Abend zuvor zu Ranke gesagt, er verstehe genug von physikalischer Chemie, um beurteilen zu können, dass Ralphs Arbeit gute Fortschritte gemacht hatte. Er hatte in der Hitze des Zorns gesprochen, aber er durfte sich trotzdem jetzt sagen, dass es keine Grosstuerei gewesen war. Zumindest konnte er die Resultate erfassen, die sich aus Ralphs Daten ableiteten. Er konnte beurteilen, wie sie sich zu seinen Theorien verhielten. Eines hatte er freilich dabei vorausgesetzt, weil man das einfach immer voraussetzte: die Aufrichtigkeit des Experimentierenden. »Ralph Neufeld hatte bestimmte Theorien aufgestellt«, begann er, »die er durch gewisse Experimente zu beweisen versuchte. Gelang ihm dieser Beweis, hätte er sich einen Namen gemacht und wahrscheinlich einen guten Posten angeboten bekommen. Gelang ihm der Beweis aber nicht, hätte er vielleicht sogar seine Promotion verpatzt. Verstehen Sie?«

»Natürlich.«

»Heute morgen habe ich nun seine Notizbücher durchgesehen und festgestellt, dass seine Arbeit zunächst nicht recht vorwärtsging. Er wurde immer nervöser und verzweifelter, bis er schließlich zu Maßnahmen griff, die garantierten, dass seine Theorien stimmten. Er begann falsche Beobachtungen einzutragen. Er fälschte seine Messdaten, um sie seinen Theorien anzupassen.« »So wie ein betrügerischer Bankangestellter die Bücher fälscht, um seine Veruntreuungen zu verdecken?« »Ja, genau.«

Doheny dachte über das Problem nach. Dann fragte er: »Würden Sie das vor Gericht auf Ihren Eid nehmen?«

Brade dachte an das, was er in den Notizbüchern gefunden hatte, an den plötzlichen Umschwung zu erfolgreichen Experimenten, die ausradierten Daten. Er dachte an Nebenumstände wie etwa das, was Simpson ihm von Ralphs Wut erzählt hatte, als er Ralph zu nahe gekommen war, während dieser Messdaten eintrug. Er sagte: »Ja, ich glaube schon. Aber Sie begreifen doch, ja? Bis zum Schluss hat er mit den Versuchen weitergemacht, als hätte er unter einem Zwang gestanden, den Schein des integren Wissenschaftlers zu wahren, obwohl er keiner mehr war. Was er tat, war etwas ganz Schreckliches, und schließlich wurde er nicht mehr damit fertig und nahm sich das Leben.«

»Aber warum hätte er einen Unfall vortäuschen sollen?« »Im Falle eines Selbstmordes würde man sich nach dem Grund fragen. Dabei mochte man seine Notizbücher durchlesen und sein schändliches Verhalten entdecken. Bei einem Unglücksfall würde niemand nach einem Motiv fragen. Sein Andenken würde ohne Makel bleiben.«

»Er hätte doch seine Notizbücher vernichten können.« »Ich habe Duplikate.«

»Musste er damit rechnen, dass Sie seine Arbeit fortführen und seinem Betrug sowieso auf die Spur kommen würden?« »Nicht unbedingt«, sagte Brade leise. »Er hat von meiner Fähigkeit, seiner Arbeit geistig folgen zu können, nicht viel gehalten. Vielleicht glaubte er, ich würde das Projekt einfach aufgeben, wenn er tot war. Sehen Sie jetzt, dass Selbstmord genau in diesen Vorgang hineinpasst, Mr. Doheny?« Doheny rieb sich mit der Hand kräftig das Kinn. »Etwas passt hinein, Professor«, sagte er. »Aber nicht Selbstmord. Was Sie mir gerade erzählt haben, könnte Ihr Todesurteil sein. Dass Sie ein so gutes Tatmotiv haben könnten, hätte ich gar nicht gedacht.«

16

Brade starrte Doheny restlos entsetzt an. »Schalten Sie einen Selbstmord so ohne weiteres aus? Ich habe Ihnen doch geschildert, wie sich das Fehlen eines Abschiedsbriefs oder dergleichen erklären könnte. Oder begreifen Sie nicht, ein wie schwerwiegendes Vergehen das Fälschen von Messdaten für einen Wissenschaftler ist?« Doheny ließ sich durch Brades wilden Blick nicht beeindrucken. Er streckte die rechte Hand aus. »Kann ich mir mal eines von diesen Büchern ansehen?«

Brade reichte ihm eines. Doheny blätterte darin herum. Er schüttelte den Kopf. »Kommt mir spanisch vor. Aber Sie können feststellen, dass mit den Zahlen hier was nicht stimmt, ja?« »Natürlich kann ich das«, sagte Brade.

»Na ja, müssen Sie ja auch können als Fachmann. Und ich kann feststellen, ob mit Selbstmord was nicht stimmt. Sehen Sie mal, nach meiner Erfahrung sind es zwei Sorten von Menschen, die gewalttätige Handlungen begehen. Die einen sind die, die sich selbst nicht leiden können. Sie glauben, sie taugen nichts. Sie haben nie Glück, sind nie am Drücker. Wenn ihnen was Dummes passiert - und was Gutes passiert ihnen nie -, dann geben sie sich immer selbst die Schuld. So jemand können Sie völlig ohne Grund in den Hintern treten, da wird er nicht wütend. Er denkt sich, er hat eben so diese Art von Hintern und ist selbst schuld, wenn er hineingetreten wird. Manchmal kommen sich solche Leute ganz kolossal vor und können sogar richtig ausgelassen sein, aber bald blasen sie wieder Trübsal.« »Der mechanisch-depressive Typ«, sagte Brade. »Nennt man sie so? Na ja, egal, diese Menschen können ein gewaltsames Ende finden. Sie sind die typischen Selbstmordkandidaten.

Bei denen muss man Messer und Stricke und so weiter gut verstecken, sonst ist es schon passiert. Ja, und dann gibt's diese andere Sorte -aber ich hoffe, ich langweile Sie nicht mit dieser Fachsimpelei.« Doheny drückte seine Zigarre aus. »Manchmal finde ich kein Ende mehr. Vielleicht interessiert Sie das gar nicht.«

»Bitte, fahren Sie fort. Ich kann mir denken, dass die Sache auch mich betrifft.«

»Na schön. Also da ist diese andere Sorte, das sind die Menschen, die die ganze Welt hassen. Nicht sich selbst, wohlgemerkt, aber alle andern. Was denen auch passiert, immer sind die andern daran schuld. So jemand kann die blödsinnigsten Sachen anstellen, und da ist er noch überzeugt, das ist so gekommen, weil jemand eine Strasse weiter geniest hat. Der bringt es fertig und tritt Sie in den Hintern und geht dann noch zur Polizei und beschwert sich, Sie hätten ein Buch in der Gesäßtasche gehabt und da hätte er sich die Zehen verletzt. Und er glaubt, alle hätten es nur auf ihn abgesehen und dächten an nichts anderes, als ihm eins auszuwischen.« »Der paranoide Typ«, sagte Brade.

»Schön - wenn er so heißt. Der Tote gehörte doch in diese zweite Gruppe, nicht wahr?«

»Ich glaube schon«, sagte Brade langsam.

»Garantiert. Jetzt- diese Leute nehmen sich nie das Leben, weil ja nie etwas ihre Schuld ist. Sie könnten sich umbringen, wenn Sie die Angaben gefälscht hätten und dann Ihr schändliches Verhalten nicht ertragen würden. Ralph Neufeld nicht. Er würde sich nie einen Vorwurf machen. Er wäre überzeugt, dass ein anderer daran schuld sei; er ist dazu gezwungen worden, verstehen Sie? Er würde sich sagen, er hat es nur aus Notwehr getan, gewissermaßen; oder um die Menschheit zu retten. Worum's auch immer geht, diese Menschen bringen sich nicht selbst um; sie bringen andere um - oder werden umgebracht.« Brade schluckte heftig, denn Doheny brachte überzeugende Argumente vor, wenn ihm auch die Fachausdrücke fehlten. »Nun schalten Sie mal einen Selbstmord aus«, fuhr Doheny fort, »und überlegen Sie logisch weiter. Angenommen, der junge Mann hätte weitergelebt und diese Arbeit hier beendet. Was wäre passiert?«

»Professor Ranke hätte den Betrug vielleicht in der mündlichen Promotionsprüfung entdeckt.«

»Und wenn dieser Professor nichts gemerkt hätte?«

»Dieser Fall ist der wahrscheinlichere. Keiner käme zunächst auf den Gedanken, Untersuchungsdaten anzuzweifeln. Ja, dann hätte er seinen Doktortitel bekommen und seine Arbeit veröffentlicht. Aber wenn dann andere Forscher versucht hätten, seine Ergebnisse zu verwenden und nachzuprüfen, hätte sich herausgestellt, dass seine Angaben nicht stimmten.«

»Hätten diese andern feststellen können, dass er sie bewusst gefälscht hatte?«

»Seine Daten wären so falsch gewesen, dass man wahrscheinlich Verdacht geschöpft hätte.«

»Und was hätte das für Sie bedeutet, Professor?« »Nichts Gutes«, murmelte Brade.

»Es hätte Ihnen vielleicht sogar sehr viel schaden können, ja?« »Ja, natürlich.«

»Vielleicht hätte der eine oder andere gedacht, Sie hätten bei der Fälschung Vorschub geleistet. Wäre das möglich?« »Ich bezweifle, dass man jemals auf diesen Gedanken käme«, sagte Brade entrüstet, aber er musste an Rankes Spleen denken und daran, wozu er fähig war.

Doheny betrachtete sein Gegenüber aufmerksam. »Vielleicht hätte man sich auch gesagt, der junge Mann hätte sich den Betrug nur leisten können, weil er wusste, dass Sie ihm doch nicht auf die Spur kommen würden.«

Brade errötete und gab einen unartikulierten Laut von sich. Der Detektiv fuhr fort: »Wenn Sie also die Fälschung nicht heute, sondern, sagen wir, vor einem Monat entdeckt hätten -« »Ich habe sie heute entdeckt«, stellte Brade nachdrücklich fest. »Ich sage ja nicht, dass es so war. Wenn Sie die Sache also schon vor einem Monat entdeckt hätten, dann hätten Sie der Sache doch irgendwie ein Ende machen müssen, und Sie hätten Neufeld nicht einfach anzeigen oder melden können, denn dann hätten Sie noch immer ziemlich belämmert dagestanden. Vielleicht hätte es für Sie nur einen Ausweg gegeben - einen >Unfall< arrangieren, bei dem der junge Mann ums Leben kam, seine Notizbücher beiseite schaffen und die ganze Sache begraben.«

»Ich hatte bis heute die Absicht, seine Arbeit fortzusetzen«, entgegnete Brade. »Und dafür habe ich Zeugen.«

»Sie haben vielleicht Zeugen, die bestätigen können, dass Sie das gesagt haben. Aber führen Sie seine Arbeit wirklich fort?« »Jetzt kann ich es nicht mehr.«

»Und wenn ich heute nicht hereingekommen wäre, hätten Sie dann irgend jemandem den wahren Grund gesagt, weshalb Sie nicht weitermachen?«

Brades Lippen pressten sich zusammen.

»Sie sehen, was ich meinte, als ich vorhin von einem Tatmotiv sprach«, sagte Doheny. »Dass Sie die Fälschung erst heute entdeckt haben, dafür haben Sie keine Zeugen.«

»Wollen Sie mich verhaften?« fragte Brade zornig. »Nein.«

»Warum nicht? Wenn ich doch ein so gutes Motiv habe -« Doheny lächelte. »Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass Sie es gewesen sind. Ich schnüffle noch immer herum. Aber Sie sind in einer schwierigen Lage, und ich rate Ihnen, unterstützen Sie mich, wenn Sie aus ihr herauskommen wollen. Gleich eine Frage: Wer war es?« »Ich weiß es nicht.«

»Keinen Verdacht? Keiner da mit einem Motiv?« »Ich-ich habe keinen wirklichen Grund, jemanden zu verdächtigen, und einfach Namen ins Spiel zu bringen, wäre unfair und - und feige.« Doheny räkelte sich auf seinem Stuhl. »Sie sind ein ganz ungewöhnlicher Bursche, Professor. Die meisten Menschen haben keine Skrupel, über andere Leute Hässliches zu sagen. Sie warten nur auf einen Vorwand, um gemein sein zu können, ohne sich gemein vorkommen zu müssen. Verstehen Sie, was ich meine? Wenn sie sich sagen können, dass sie ein schreckliches Verbrechen aufklären helfen, ist alles gut. Wie kommt es, dass Sie da anders sind?« »Wird es mir nützen, wenn ich versuche, Argwohn zu verbreiten? Oder schaden?«

Doheny lächelte noch breiter. »Wissen Sie, ich glaube, Sie haben kein Vertrauen zu mir. Na, schauen wir uns doch mal nach möglichen Verdächtigen um. Es war sorgfältig geplanter Mord, also können wir Notwehr oder Totschlag ausscheiden. Was veranlasst einen zu morden? Vielleicht Angst. Wenn Sie's gewesen wären, vielleicht. Sie hätten Angst davor gehabt, was aus Ihrem Ruf wird, wenn diese manipulierten Notizbücher ans Tageslicht kamen. Oder Habgier? Aber der junge Mann besaß keinen Cent, und an einem Toten verdient allenfalls der Totengräber. Es könnte auch Liebe oder Hass gewesen sein, die kommen bei Mord meistens auf eines heraus. Ja, da gibt es doch hier eine gewisse Jean Makris, die dieser Ralph verschmäht zu haben scheint -und die das offenbar übelgenommen hat.« Brade war überrascht. »Wer hat Ihnen denn das erzählt?« »Oh, so zwei, drei Leute, Professor. Ich sage Ihnen ja, reden Sie einem ein, er tut ein gutes Werk, und Sie werden erstaunt sein, wieviel Schmutz er von sich gibt, und das mit dem größten Vergnügen. Ja, diese Jean Makris, versteht die etwas von Chemie? Sie ist doch nur Sekretärin, oder?«

»Sie könnte ein wenig davon verstanden haben«, sagte Brade zögernd. »Eine Sekretärin an einer Universität schnappt so manches Faustregelwissen von den Dingen auf, mit denen sie zu tun hat. Über Zyanid dürfte sie Bescheid wissen, das nehme ich doch an.« »Na, das wollen wir uns jedenfalls mal merken. Und wegen eines Alibis brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, weil die Vertauschung der Chemikalien irgendwann im Verlauf mehrerer Tage vorgenommen worden sein kann.«

»Ja.«

»Dann ist da noch ein Mädchen, das etwas mit Neufeld hatte. Eine Ihrer Studentinnen.«

»Das einzige Mädchen unter meinen Doktoranden. Ich habe das vorgestern erst erfahren.«

»Nicht früher? Haben die zwei ein Geheimnis daraus gemacht?« »Offenbar war nicht sicher, ob seine Mutter einer Ehe zustimmen würde.«

Doheny lachte leise. »Da sieht man wieder mal, dass junge Leute nicht immer gut informiert sind. Die Mutter wusste davon. Sie hat mir davon erzählt. Sie sagte, wenn ein Mädchen einen Jungen besucht, um sich mit ihm über Chemie zu unterhalten, dann unterhalten sie sich vielleicht auch über Chemie. Wenn sie aber zweimal in der Woche kommt, dann ist es mehr als Chemie.« Brade sagte zögernd: »Liebe ist gewöhnlich kein Mordmotiv, es sei denn - ein Partner will nichts mehr vom andern wissen.« »Daran dachte ich auch zuerst«, erwiderte Doheny. »Die Mutter sagt, das sei ausgeschlossen. Sie hätten sich einen Tag vor seinem Tod noch getroffen. Ich habe mich aber erkundigt. Sie waren zum Beispiel öfter in einem Drugstore und haben Eis gegessen oder ein Sodawasser getrunken. Der Mann dort kannte sie. Wie er sagt, waren sie etwa eine Woche vor dem Mord wieder einmal da und hatten eine Auseinandersetzung im Flüsterton.« »Ach«, sagte Brade überrascht.

»Hört sich interessant an, wie? Aber es ging nur darum, was sie bestellen wollten.« Der Kriminalbeamte lächelte. »Der Bursche hinter der Theke sagt, er hätte den Eindruck, Ralph hätte dem Mädchen von zu süßen Sachen abraten wollen.«

»Sie hat tatsächlich etwas Übergewicht, ja«, sagte Brade.

»Er musste aber nachgeben. Der Mann im Drugstore sagt, sie hätte ganz aufgeregt von einem Fudge gesprochen und hätte sich dann auch einen Fudge-Eisbecher bestellt. Er erinnert sich so genau daran, weil er nur wenig Sahne draufgehauen hat, damit sie am nächsten Morgen kein allzu schlechtes Gewissen hätte. Ist Ihnen die Schlussfolgerung klar?«

»Gibt es denn da überhaupt eine?«

»Na klar! Wenn ein Liebespaar Streit darüber bekommt, was für ein Eis bestellt werden soll, dann kann von Trennung keine Rede sein. Wenn er die Absicht hatte, sie sitzenzulassen, dann wäre es ihm gleichgültig gewesen, ob sie ein paar Kalorien mehr oder weniger zu sich nimmt. Ich nehme also an, dass seine Mutter recht hat und eine Trennung nicht beabsichtigt war.« »So sicher wäre ich da nicht«, entgegnete Brade. »Ralph könnte nur einen Vorwand zu einem Streit gesucht haben, um sie loszuwerden.« »Oh, vor die Geschworenen könnte ich damit nicht gehen«, gab Doheny sofort zu, »und ich habe das Mädchen auch nicht von meiner Liste gestrichen. Also, wen haben wir noch, Professor?« Brade hielt es nicht mehr aus. »Das führt zu nichts«, sagte er in heftigem Ton. »Was?«

»Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind, und ich bin nicht ganz so töricht, wie Sie glauben. Sie haben mich in Verdacht, haben aber keine Beweise. Und jetzt reiten Sie die freundliche Tour, tun ganz offen und warten doch nur darauf, dass ich mich irgendwie verhaspele.« »Sie meinen so etwas wie Ihre Mitteilung, dass die Notizbücher gefälscht wurden?«

Brade errötete langsam. »Ja, so ungefähr. Nur dass das gestimmt hat und dass ich wirklich glaubte, es deute auf einen Selbstmord hin. Vielleicht habe ich mich da getäuscht. Aber Sie können aus mir nichts herausbekommen, was meine Schuld beweist, weil ich es nicht war. Ich kann Sie nicht daran hindern, mich für schuldig zu halten, das gehört zu Ihrem Beruf. Aber ich habe etwas dagegen, dass Sie mich auf diese hinterhältige Art bearbeiten.«

Das rundliche Gesicht des Kriminalbeamten blickte auf einmal sehr ernst. »Professor, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich könnte versuchen, Sie hereinzulegen, auch das gehört zu meinem Beruf. Aber das tue ich nicht. Ich bin auf Ihrer Seite, und ich will Ihnen auch sagen, warum.

Wenn Sie es getan hätten, hätten Sie einen jungen Menschen getötet, um Ihren wissenschaftlichen Ruf zu retten. Das tut aber nur jemand, der sich sehr klug vorkommt. Jemand, der glaubt, alle müssten wissen, wie schlau er ist, und wenn er's ihnen selbst sagen muss; wenn er ihnen ihre Ignoranz unter die Nase reiben muss.

Nun habe ich mich Donnerstag abend mit Ihnen unterhalten, Professor. Mit Ihnen, einem Chemiker, wo ich von Chemie keine Ahnung hatte. Sie mussten mir ziemlich viel erklären, und das haben Sie getan, ohne mir das Gefühl zu geben; dass ich ein Idiot bin, weil ich nicht weiß, was Sie sich in zwanzig Jahren an Wissen angeeignet haben. Wer sich mit einem Burschen wie mir so unterhalten kann, ohne dass ich mir dabei wie ein Dummkopf vorkomme, der gehört nicht zu denen, die jemanden umbringen, nur damit die Leute nicht erfahren, dass er nicht ganz so schlau ist, wie er gern erscheinen möchte.« »Ich danke Ihnen«, sagte Brade.

»Und Sie haben deshalb bei mir einen Stein im Brett. Das Dumme ist nur« - er erhob sich und ging etwas schwerfällig auf die Tür zu -, »ich und die Menschen, das ist wie Sie und die Chemikalien. Ich tippe meistens richtig, aber ab und zu irre ich mich auch mal. Na ja, im Augenblick will ich Sie nicht länger belästigen.« Er hob grüßend die Hand und ging hinaus. Brade sah ihm gedankenverloren nach.

Diese Gedankenverlorenheit hielt bis über das Abendessen hinaus an, das die Brades fast schweigend einnahmen. Sogar Ginny wirkte gehemmt und wurde dann fast im Flüsterton zu Bett geschickt. Erst später, als sehr leise gestellt das sonntagabendliche Fernsehspiel lief, Brade auf den Bildschirm starrte, ohne die Handlung wirklich zu verfolgen, nahm Doris ihm gegenüber Platz und fragte: »War heute etwas, wovon du mir erzählen wolltest?« Brade wandte ihr langsam das Gesicht zu. Sie war ein wenig blasser als gewöhnlich, wirkte aber ruhig. Er wunderte sich schon seit dem Abend zuvor darüber, dass sie die Szene bei Littleby noch mit keinem Wort erwähnt hatte. Er hatte erwartet, sie werde ihm wegen seines unüberlegten Ausbruchs heftige Vorwürfe machen.

Aber das hatte sie nicht, und sie tat es auch jetzt nicht.

So schilderte er ihr denn ohne Umschweife die Ereignisse des Tages – Robertas Enthüllungen, seine Entdeckungen bei der Durchsicht der Notizbücher Ralph Neufelds, sein Gespräch mit Doheny.

Sie unterbrach ihn mit keinem Wort, und als er fertig war, fragte sie nur:

»Und was willst du jetzt machen?«

»Irgendwie herausfinden, wer es war.« »Glaubst du, dass du das kannst?« »Ich muss es einfach können.«

»Du hast das alles am Donnerstag abend vorausgesagt, und ich habe es dir durch meine Verärgerung nur schwerer gemacht. Und jetzt habe ich große Angst, Lou.«

Und weil sie da so sichtbar verängstigt saß, überkam ihn eine jähe Zärtlichkeit, und er ging zu ihr und kauerte neben ihrem Sessel nieder. »Aber warum, Doris, warum? Ich habe es nicht getan, das weißt du doch.«

»Ich weiß es, ja.« Ihre Stimme klang erstickt und undeutlich. Sie sah ihn nicht an. »Aber die Polizei glaubt nun, du warst es.« »Das glaubt die Polizei nicht, davor habe ich keine Angst.« Er wurde sich plötzlich bewusst, dass er sie nicht nur tröstete. Die Furcht, die ihn am Abend zuvor so fest umklammert hatte, war fast völlig verschwunden, obwohl die Situation selbst viel gefährlicher geworden war. Gerade weil die Gefahr zugenommen hatte, ging jetzt ein gleichsam perverses Gefühl mit ihr einher. Die fast hundertprozentige Gewissheit, dass er seine Stellung verlieren würde, hatte ihn innerlich freigemacht, indem sie ihm die chronische Angst vor diesem möglichen Ereignis nahm; und die Tatsache, dass er unter Mordverdacht stand, hatte ihn von der Angst befreit, in Mordverdacht zu geraten.

»Wir müssen das jetzt durchkämpfen, Doris«, sagte er, »und wir werden es auch schaffen.«

Er fasste ihr unters Kinn. »Mit Weinen hilfst du mir gar nicht.« Doris blinzelte mit den Augen und lächelte tapfer. »Der Beamte scheint ein netter Mensch zu sein.«

»Er ist jedenfalls nicht so, wie ich mir Kriminalbeamte immer vorgestellt habe. Das Komische ist, dass seine klugen Schlussfolgerungen mich immer wieder überraschen, weil er für meine Begriffe wie der unbeholfene Polizist in einem Kriminallustspiel aussieht.« »Soll ich uns einen Drink machen? Nur einen kleinen?« »ja, gut.« Sie kam mit den zwei Gläsern wieder zurück und sagte ruhig: »Ich habe darüber nachgedacht, was der Beamte über den Typ von Mensch gesagt hat, der Ralph getötet haben könnte; den Typ, der sich so viel auf sein Wissen einbildet.« »ja - und?«

»Passt das nicht genau auf Otto Ranke?«

Brade nickte düster. »Ja. Aber das ist in seinem Fall nicht wichtig. Ranke hatte von Ralphs Betrug keine Beeinträchtigung seines Rufs zu befürchten. Im Gegenteil. Er hatte ja schon immer gesagt, dass Ralph in eine Sackgasse geraten war. Er hätte gewiss kein Interesse daran gehabt, Ralphs Betrug zu verschleiern. Nein, Liebes, auf dem Spiel stand nur mein wissenschaftlicher Ruf.« »Aber wer kommt dann in Frage?« Sie hatte mit ganz leiser Stimme gesprochen. »ja, weißt du, ich denke die ganze Zeit über eine kleine Sache nach. Wenn das, was Doheny mir gesagt hat, Wort für Wort stimmt, dann habe ich vielleicht eine Idee. Er hat ein Wort gebraucht, das eine zweite Bedeutung haben könnte, und ich glaube nicht, dass Doheny das aufgefallen ist.«

17

»Und was für ein Wort ist das?« fragte Doris interessiert. Brade sah sie einen Augenblick lang an, ohne sie zu sehen, dann sagte er leise:

»Wahrscheinlich will es nichts heißen - ich muss noch darüber nachdenken. Und jetzt gehn wir am besten ins Bett und sehen, dass wir gut schlafen. Soll es kommen, wie es kommt.« Er legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie sanft an sich.

Sie nickte. »Du hast auch morgen Vorlesung.«

»Ich habe jeden Tag Vorlesung; mach dir deshalb keine Sorgen.«

»Na schön. Ich stelle nur das Geschirr in den Spülautomaten, und dann legen wir uns schlafen.«

»Gut. Und, wie gesagt, mach dir keine Sorgen. Überlass das alles mir.«

Sie lächelte ihn an.

Er dachte an dieses Lächeln. Er lag im Bett und starrte in die Schwärze der Nacht hinaus. Neben ihm bewegte sich Doris, aber ganz leise und behutsam, um ihn nicht zu stören, falls er schon schlief. Ihr Lächeln war so herzlich und tröstlich gewesen, und er fragte sich, was es ausgelöst hatte.

Eingebildet auf sein Wissen? (Seine Gedanken hatten einen jähen Sprung gemacht.) Ja, das war Otto Ranke. Er wachte gewissermaßen eifersüchtig über seinem Ansehen. Warum nur? Sein Ruf stand außer Zweifel. Jeder wusste, dass er ein hervorragender Wissenschaftler war. Weshalb pochte er dann so sehr darauf?

War er stolz auf sein Können - oder hegte er Zweifel? War es eine Art Unsicherheit, ein Zweifel an der eigenen Intelligenz, die ihn zwang, sie immer wieder zur Schau zu stellen, sich damit zu brüsten und jeden an die Wand zu drängen, der seine Position bedrohen mochte? Und Foster? Vorwärtsstrebend. Ehrgeizig. Verheiratet mit einer jungen hübschen Frau, die ihn so nahm, wie er war. Was trieb ihn dazu, sich jedem weiblichen Wesen gegenüber als Mann von sexuellem Format aufzuspielen? Und jedem Mann gegenüber als schlagfertiger Wortheld, auch wenn es nur im sehr einseitigen Wettstreit zwischen Lehrer und Student war?

Sogar der alte Cap! Er hatte seine abgeschlossene und erfolgreiche Karriere hinter sich und war doch sehr auf seinen Namen und sein Andenken im Hinblick auf die Nachwelt bedacht und bemühte sich, ein Buch zustande zu bringen, das beides bewahren sollte. Brade biss sich auf die Lippen. Sie litten alle an der universalen Krankheit. Unsicherheit!

Man wurde in die Welt hineingeboren, und der Schoß war fort. Es war kalt, und das Licht schmerzte. Atmen und Essen erforderten Anstrengung. Alle schützende, dunkle, kuschelige Wärme war fort. Und man war nie wieder geborgen, nie wieder sicher. Er drehte sich plötzlich herum. »Doris!« Er hatte das Wort nur gehaucht, um sie nicht zu wecken, falls sie schon schlief. Aber ihre Stimme antwortete sofort, wenn auch ein wenig benommen: »Ja, Lou?«

»Du warst gar nicht so - aufgeregt, wie ich gedacht hatte.« Er dachte an den Abend bei den Littlebys, konnte sich aber nicht dazu bringen, dies ausdrücklich zu erwähnen.

Sie sagte leise: »Du wirst es schon richtig machen, Lou.« Ihre Hand bewegte sich unter der Decke und schob sich in die seine. Er fragte sich: Hat sie endlich einen Menschen gefunden, dem sie ihre Ängste anvertrauen kann, und macht das den Unterschied aus? Aber warum erst jetzt? Er, Brade, war doch immer schon dagewesen.

Und er fragte sich weiter: War ich das wirklich?

Brade holte tief Atem und begann in den Schlaf hinüberzugleiten.

Er kam am nächsten Morgen sehr leise zum Frühstück herunter, entschlossen, das dünne Gewebe des Friedens nicht zu zerreißen, in dem er und Doris eingesponnen waren. Die Eier mit Speck waren gerade fertig, und Doris lächelte kurz und war auch sehr still.

Brade hörte Ginny oben in ihrem Zimmer umhergehen. Er aß schnell, weil er fort sein wollte, wenn sie mit ihrer kindlichen Vitalität ins Zimmer stürzte. Er trank seinen Kaffee aus, betupfte sich den Mund mit der Serviette und sagte: »Ich gehe am besten gleich.«

»Ja«, sagte Doris. »Und - Lou -« »ja?« »Du rufst an, wenn - wenn etwas ist, ja?«

»Natürlich. Und wenn ich nicht anrufe, weißt du, dass alles in Ordnung ist. Und - mach dir keine Sorgen.« Er dachte an ihr Gespräch am Vorabend. »Ich mache das schon.« Sie lächelte etwas unsicher. »ja, gut.«

Er küsste sie ungestüm und ließ sie los, als er Ginnys Schuhe die Treppe herunterklappern hörte. »Bis später.«

Die Studenten wirkten in dieser Vorlesung entspannter. Das Dozentenpult hatte an Anziehungskraft verloren, und die notorischen Hinterbänkler hatten schon fast wieder ihre alten Plätze an der Peripherie eingenommen.

Brades Stimme war vielleicht ein wenig lauter als sonst; er wollte dokumentieren, dass alles seine Ordnung hatte. Seine Formeln fielen etwas großspuriger aus, wenn er sie an die Tafel schrieb, und er behandelte die Derivate der Karbonylgruppe mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit.

Er blieb noch nach der Vorlesung, um einige Fragen zu beantworten -ein weiterer Schritt zurück zum normalen Alltag. Aber dann war auch das erledigt, und er nahm aus dem Kasten neben der Tür zum Sekretariat seine Post heraus und stieg langsam zum vierten Stock hinauf, einer Welt entgegen, in der ein Mord geschehen war. Er sah seine Post im Hinaufgehen durch. Er hatte sie in der Aufregung des Freitagmorgens nicht abgeholt und auch am Sonntag nicht, und so war der Eingang von drei Tagen zusammengekommen. Es schien jedoch nichts Wichtiges darunter zu sein. Hersteller von Labormaterial und naturwissenschaftliche Verlage, die ihre Erzeugnisse anpriesen. Bei einem gelben Umschlag, wie er für den Postverkehr innerhalb des Instituts benutzt wurde, stutzte er. Sein Name stand darauf, mit der Maschine geschrieben, und als Absender war angegeben: Chemisches Institut. Was für eine offizielle Mitteilung ging ihm da zu? Das war aber schnell geschaltet nach der Szene vom Samstag abend. Er sah im Geist, wie Littleby an diesem Morgen ganz früh eintraf, um eine bestimmte Angelegenheit als erstes zu erledigen. Er schob die übrige Post in die Rocktasche und riss den gelben Umschlag auf. Er enthielt einen Mitteilungszettel mit nur zwei Zeilen darauf. »Die Vorlesungen über die Sicherheitsbestimmungen werden im Katalog als vom Institut ausgehend geführt werden.« Und unterzeichnet war er von Littleby.

Brade war überrascht. Dann hatte Littleby auf seine grob vorgebrachte Forderung hin also doch nachgegeben. Von einer »Aufwertung seiner Position innerhalb des Instituts« war natürlich nicht die Rede, aber Brade hatte nicht einmal mit dem jetzt gemachten Zugeständnis gerechnet.

Er erreichte den vierten Stock und begegnete Otto Ranke, der aus seinen eigenen Räumen im fünften Stock herunterkam. Brade spürte geradezu, wie ihm das Adrenalin ins Blut schoss. Seine Oberlippe ging tatsächlich zu einer Art Blecken in die Höhe.

Es war Ranke, der im Vorbeigehen das Wort ergriff. In verblüffend herzlichem Ton sagte er: »Na, Lou, alter Junge, wie geht's? Sehen ja prächtig aus heute.«

Er klopfte Brade zweimal auf die Schulter, entblößte die Zähne zu einem Lächeln und eilte weiter die Treppe hinunter.

Brade starrte ihm überrascht nach. So leicht war das? Brauchte man nur einmal zu beißen, um zu zeigen, dass man Zähne hatte, und genügte dann schon die Andeutung eines Knurrens? Schüchterte man Ranke so mühelos ein? Er blickte auf den Mitteilungszettel, den er noch in der Hand hielt. Und Littleby auch?

Er war noch halb benommen, als er vor seinem Arbeitszimmer stand und den Schlüssel herumdrehen wollte. Die Tür war schon aufgeschlossen.

O Gott, das hieß, dass Cap Anson da war, und irgendwie fühlte sich Brade nicht in der Stimmung, über Caps ewiges Buch zu diskutieren. Er riss mechanisch die Tür auf und blieb auf der Schwelle stehen. Cap Anson war da. Und außerdem noch ein Fremder. Cap Anson, den Stock über den linken Arm gehängt, machte sich gerade an Brades Aktenschrank zu schaffen. Er holte die Kartons heraus, die die Nachdrucke der unter Brade entstandenen Dissertationen enthielten, sowie die Originalmanuskripte und andere Unterlagen. Auf jedem Karton stand in Tusche der Titel der Arbeit, ein Schema, das Brade wie so viele kleine professionelle Gewohnheiten von Anson übernommen hatte. Auf dem Regal darunter lagen säuberlich gebunden und etikettiert die Duplikatblätter der Notizbücher von Brades Doktoranden.

Scheint alles die Handschrift einer sehr ordnungsliebenden und sehr phantasielosen Hausfrau zu tragen, dachte Brade. Anson sagte: »Ich gebe ein bisschen mit Ihren Forschungsarbeiten an, Brade.« Aber Brade blickte den anderen Mann an. Er sah das sonnengebräunte Gesicht eines Sechzigers; eisengraues Haar, einen breiten, lächelnden Mund - und jetzt erkannte er die leicht gebeugte Gestalt natürlich. Er hatte diesem Mann auf Tagungen der American Chemical Society zugehört, und er hatte oft genug sein Bild gesehen, einmal auf dem Titelblatt der Chemical and Engineering News.

Er wartete die förmliche Vorstellung nicht ab, sondern streckte die Hand aus und sagte: »Dr. Kinsky.«

»Ja. Hallo, guten Tag. Dr. Brade, nehme ich an. Ich habe von Ihrer Arbeit gehört.« Straffe Fältchen zeigten sich um Mund und Augen, und er nickte bei jedem Satz ruckartig mit dem Kopf. »Habe sie mit Interesse verfolgt. Wir sind ja beide Schüler des guten alten Cap, wie?« Brade nickte ebenfalls und fragte sich, ob sich Joseph Kinsky wirklich die Zeit nahm, die unbedeutende Arbeit eines unbedeutenden Chemikers zu verfolgen. »Vielen Dank«, sagte er, und er wollte noch hinzufügen, dass auch er über die viel bedeutenderen Arbeiten Kinskys im Bilde sei, aber der andere sprach gleich weiter. »Es hat sich aber seit meiner Zeit einiges verändert. Hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich mich in Ihrem Labor umgesehen habe. Cap hat mich mitgeschleppt. Er schleicht noch immer überall herum. Wie zu meiner Zeit. Kein Student war vor ihm sicher.« Er blickte sich mit sichtbarer Wehmut um. »Ich habe die alte Universität gelegentlich besucht, aber jetzt war ich fünfzehn Jahre nicht hier.« »Aber setzen wir uns doch«, sagte Brade. »Sind Sie zum Mittagessen schon verabredet, Dr. Kinsky?«

»Wie? Nein, aber ich kann leider nicht so lange bleiben; ich wollte nur nicht wieder abreisen, ohne hier hereingeschaut zu haben. Waren glückliche Jahre damals. Kommen einem wenigstens jetzt so vor, nicht?«

Brade nickte. »Ich weiß, was Sie meinen. Schade, dass wir Sie nicht wenigstens einen Tag hier haben. Sind Sie schon lange in der Stadt?« »Seit über einer Woche. Hätte schon früher kommen sollen. Persönliche Angelegenheiten. Familie. Muss mir aber die beiden letzten Tage für den alten Cap reservieren.«

Der alte Cap! Brade ärgerte sich jetzt über den Ausdruck. Cap war alt, ja; über siebzig. Aber Kinsky ging auch schon stark auf die Sechzig zu. Doch da stand Cap und war offensichtlich gar nicht verärgert, sondern blickte Kinsky liebevoll an.

Cap sah Kinsky an, den begabten Schüler, die Leuchte der Chemie, den Mann, der seinem Lehrer Ehre machte.

Und Brade musste sich eingestehen, dass er eifersüchtig war; er war der gering eingeschätzte, wenig bemerkenswerte Student, der nun im Schatten des heimgekehrten erfolgreichen Studenten stand. Er zwang sich zu einem ruhigen Ton, als er sagte: »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu versichern, wie sehr ich Ihre Arbeiten über die Tetrazyklin-Synthese bewundere.«

»Ach, Unsinn.« Kinsky machte eine burschikos-wegwerfende Geste. »Nicht der Rede wert. Moran-Winter in Cambridge ist mir weit voraus.« »Er geht aber von einer anderen Seite heran. Ich glaube, das Aldosteron packen Sie vor ihm.«

»Meinen Sie? Wirklich? Das ist eigenartig, dass Sie das sagen. Sehr eigenartig, wenn man bedenkt -«

Cap Anson unterbrach ihn. »Joe war so liebenswürdig, sich gestern freizunehmen und einen Abend bei mir zu Hause zu verbringen. Er findet mein Buch sehr interessant.« Der alte Mann lachte leise und höchst befriedigt.

»O ja. O ja. Die Chemiker brauchen dieses Buch. Unbedingt. Zu viele von uns leben nur in der Gegenwart. Die Mathematiker und Physiker kennen die Geschichte ihrer Wissenschaft, weil neue Erkenntnisse die alten ergänzen. In der Chemie dagegen scheinen neue Erkenntnisse die alten zu ersetzen. Deshalb besteht die Neigung, die alten zu vergessen; und auf diese Weise wird zu vieles vergessen. Das Alte ist die Grundlage für das Neue. Ohne das Alte kann das Neue nicht recht verstanden werden.« »Sehr richtig«, murmelte Brade.

»Und Cap ist der Bursche, der uns das mal unter die Nase reibt. Wer diesen Stoff bringt, muss mehr sein als nur Chemiker. Der muss auch Philosoph sein, und das ist Cap ja auch.«

Wieder lachte Cap Anson in sich hinein, und Brade nickte ein wenig zögernd. Eine richtige Liebesorgie. Erwünschte, die Szene wäre beendet. Sie wirkte auf ihn niederdrückend.

Kinsky fuhr fort: »Früher war der alte Cap für mich natürlich niemals ein Philosoph. Eher ein Zuchtmeister.«

Brade lächelte schwach. »Das war er auch noch zu meiner Zeit.« »Er muss aber inzwischen einen kleineren Gang eingeschaltet haben. Doch, das muss er. Als ich ihn kennenlernte, war er in den Dreißigern. Voller Schwung und bärbeißig. Damals hat er seinen Namen bekommen. Ich wette, Sie kennen seinen richtigen Namen nicht. Ich wette, keiner kennt ihn, ohne vorher nachzuschlagen, wie?« Er machte ein sehr selbstzufriedenes Gesicht. Brade sah ihn interessiert an. »Heißt das, dass Sie ihm den Namen Cap gegeben haben?« »Ja, sicher. Was glauben Sie, warum er Cap heißt?« »Keine Ahnung. Ich kann mich erinnern, dass es früher mal einen Baseballspieler namens Cap Anson gab.«

»Das mag dazu beigetragen haben, dass der Name gleich saß, hatte aber nichts mit seinem Ursprung zu tun.«

»Cap soll einmal ein Boot besessen haben, habe ich gehört.« Brade sah den Witz, der darin liegen mochte. »Vielleicht ein Ruderboot.« Cap Anson, der den beiden mit wachsendem Zorn zugehört hatte, rief: »Das ist Unsinn!« Er stieß mit dem Stock zweimal gebieterisch auf. »Nein«, erwiderte Kinsky sofort. »Das ist gar kein Unsinn. Eine authentische Anson-Anekdote. Er hatte mich mal richtig heruntergemacht wegen einer Arbeit. Und Schimpfnamen hat er mir an den Kopf geworfen. Als ich dann dachte, jetzt fängt er noch an zu brüllen, da hörte er plötzlich auf. Und sah mich ganz fest an. Und sagte: >Kinsky, wenn Sie unter meiner Anleitung experimentieren, dann vergessen Sie nicht, dass ich der Kapitän des Schiffes bin. Sie können denken, was Sie wollen, bis ich Ihnen sage, was Sie zu denken haben. Von da ab denken Sie so, wie ich will, weil ich der Kapitän bin und Sie der Schiffsjunge. Verstanden?( So war's. Genauso. Von dem Tag an habe ich ihn nur noch Cap genannt, und bald kannte ihn keiner mehr unter einem andern Namen.«

Anson machte ein finsteres Gesicht. »Das ist alles nicht wahr.« Aus Mitgefühl mit seinem in Verlegenheit gebrachten Lehrer kehrte Brade unvermittelt zu seinem früheren Thema zurück. »Wie sind die Chancen einer erfolgreichen Aldosteron-Synthese, Dr. Kinsky - falls Sie darüber jetzt sprechen wollen?« »Kommt darauf an, kommt darauf an«, erwiderte Kinsky ein wenig geziert. »Nach meiner Ansicht sind sie recht gut, aber natürlich nicht nach Ihrer.«

»Nach meiner? Aber ich verstehe ja nichts davon - oder fast nichts.« »Ich dachte an Ihren Studenten. Schreckliche Sache. Hat mir furchtbar leid getan.«

»Ist nicht zu ändern«, murmelte Brade. »Welcher meiner Studenten hat sich denn für die Aldosteron-Synthese interessiert?« Kinsky sah ihn überrascht an. »Na, der, der jetzt den Unfall hatte. Wie hieß er noch - Neufeld. Er war absolut überzeugt, dass ich mit meiner Methode nie auf Aldosteron stoße. Ein sehr dogmatischer junger Mann. Hat mir das ins Gesicht gesagt.« »Was?« rief Brade erstaunt aus. »Sie haben mit ihm gesprochen?«

»Ja, auf der Chemikertagung in Atlantic City letztes Jahr.« »Richtig, da ist er ja hingefahren. Ich hatte beantragt, dass das Institut seine Reisespesen übernimmt. Aber dass er mit Ihnen gesprochen hat, davon wusste ich nichts.«

Kinsky schnaubte durch die Nase. »Hat die Angelegenheit zweifellos nicht für erwähnenswert gehalten. Kam zu mir, nachdem ich meinen Vortrag über das Thema gehalten hatte, stellte sich vor und sagte ganz kalt, ich könnte mit meiner Methode unmöglich die geplante Synthese durchführen. Wollte mir nicht sagen, was er daran für falsch hielt. Hat mich praktisch einen Idioten genannt. Ganzes Jahr her jetzt, und ich hab's noch immer nicht vergessen. Übrigens, Brade, was wird nun aus seinem Thema, wo er tot ist?«

War es Brades überempfindliche Phantasie oder funkelten Kinskys Augen wirklich interessiert auf, als er diese Frage stellte?

18

Brade saß überrascht da und überlegte, wobei er zuerst Kinsky und dann Anson ansah, der die Lippen fest zusammengepresst hatte -offenbar dachte er an ihre letzte Begegnung, als gerade diese Angelegenheit zwischen ihnen zur Sprache gekommen war. Brade fragte sich, was er sagen sollte.

Er versuchte es auf die ausweichende Art. »Ich hatte noch keine Zeit, richtig darüber nachzudenken.«

Aber Anson rief in mürrischem Ton dazwischen: »Er hat vor, die Arbeit fortzuführen. Gegen meinen Rat, möchte ich hinzufügen. Ich werde alt, Kinsky. Früher sind meine Studenten meinem Rat gefolgt.« »Nun«, sagte Kinsky etwas verlegen, »wir werden alle alt.« Aber es trat ein Schweigen ein, und auf allen dreien lastete das Unbehagliche der Situation.

Schließlich stand Kinsky auf und sagte: »Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Brade. Wenn Sie mal in meine Gegend kommen, schauen Sie doch bitte bei mir herein.« »Vielen Dank, das werde ich tun.« Sie schüttelten sich die Hände.

Anson sagte in einem Ton, in dem noch immer ein wenig Schärfe mitklang: »Und, Brade, ich bin um fünf Uhr heute nachmittag bei Ihnen hier oben, um diese Vorlesungen über die Sicherheitsbestimmungen mit Ihnen zu besprechen. Punkt fünf Uhr.«

»Fünf Uhr«, erwiderte Brade. Es war typisch für Cap, dass er die Möglichkeit, dass Brade um fünf Uhr etwas anderes zu tun haben könnte, überhaupt nicht in Betracht zog.

Kinsky lächelte. »Und wenn Cap sagt, fünf Uhr, dann meint er nicht eine Minute nach fünf. Oder hat er sich inzwischen geändert?«

»Nein, das hat er nicht«, erwiderte Brade.

Brade verspürte ein eigenartiges Gefühl der Bitterkeit. Es war, als hätte er seinen Vater verloren, dessen Existenz er sich gar nicht bewusst gewesen war. Aber war Cap Anson nicht eine Art Vater?

Es wurde ihm nun deutlich, nachdem er ihn dort hatte stehen sehen, neben seinem älteren Sohn, dem erfolgreichen Sohn, dem Sohn, der ihm Ehre gemacht hatte, der getan hatte, was ihm gesagt wurde, und sich ergeben vom Kapitän des Schiffes hatte abkanzeln lassen. Während Brade, der unwürdige Sohn, sich in eine Stellung ohne Aufstiegsmöglichkeiten hineinmanövriert hatte und diese Stellung vielleicht noch verlor. Und sich starrköpfig gezeigt hatte, als der gute alte Cap ihn auf einen neuen Weg führen wollte.

Armer Cap! Er war in Ehren und Ansehen alt geworden und beschloss seine Tage dennoch in Unsicherheit. Cap und sein Buch. Doris kommt zu mir zurück, dachte Brade, aber alles andere entzieht sich mir. Meine Doktoranden sterben. Ein Dissertationsthema löst sich in Betrug auf. Meine Stellung ist verloren. Cap Anson. . . In bitterer Selbstironie dachte er: Mein Vater liebt mich nicht. Er stand auf und ging durch die Verbindungstür in sein Labor. Es war einmal Teil des Arbeitszimmers gewesen, aber Anson hatte es abteilen und mit allen möglichen Anschlüssen einschließlich kalten und warmen Wassers und Gas versehen lassen.

Anson hatte immer die These vertreten, dass ein Professor, wie alt und verkalkt er auch war, nie vergessen durfte, wie sich ein Reagenzglas und eine Zange anfühlten. Er musste immer selbst ein paar Experimente durchführen - wie unwichtig, wie unbedeutend sie auch sein mochten. Brade war Anson auch in dieser Hinsicht gefolgt. Seine säurekatalysierten Umlagerungen unter Sauerstoffatmosphäre wollten nicht viel besagen, aber darauf kam es nicht an. Wichtig war, dass man, wie Anson sagte, etwas mit eigenen Händen tat und dabei ein Vergnügen empfand.

Doch nun sah Brade bekümmert auf seinen etwas wackeligen Versuchsaufbau und fragte sich, wo er dieses Vergnügen wohl finden mochte. Zur Zeit bot das verklebte Reaktionsgefäß einen höchst unvergnüglichen Anblick. Unvergnüglich in seinem hart gewordenen Inhalt, unvergnüglich in den Erinnerungen, die es auslöste. Er hatte die Anlage seit Donnerstag nachmittag nicht mehr berührt, als er auf der Suche nach titrierter Säure in Ralphs Labor gegangen war und einen toten Studenten vorgefunden hatte. Sie war seitdem abgestellt von dem Reaktionskolben über das Glas und Plastikröhrensystem bis zu der großen, blassgrünen Sauerstoffflasche. Ganz automatisch sah er zu der Flasche hinüber. Komisch! War die Flasche leer? Er hatte sie doch kurz vor dem letzten Experiment erst ausgewechselt. Der innere Druckmesser, der in die anderthalb Meter große Flasche hineinführte, hätte noch mindestens 500 Kilogramm pro Quadratzentimeter anzeigen müssen, aber das tat er nicht. Er zeigte auf Null.

Wie kam das?

War der Verschluss offen gewesen, war das Gas langsam ausgeströmt? Der äußere Anzeiger, der mit der Außenwelt verbunden war, stand auch auf Null. Er prüfte den Absperrhahn - er war abgestellt. Keine undichte Stelle.

Hatte er das Hauptventil geschlossen, den wenigen Sauerstoff aus den Anzeigern herausgelassen und dann auch das zweite Ventil geschlossen? Das wäre die richtige, ordnungsgemäße Verfahrensweise gewesen, aber er konnte sich nicht erinnern, diese Handgriffe getan zu haben.

Er fasste nach dem Hauptventil oben auf der Flasche und versuchte, es im Uhrzeigersinn herumzudrehen. Es ging nicht. Offensichtlich war das Ventil schon geschlossen.

Automatisch wollte seine Hand im entgegengesetzten Uhrzeigersinn drehen, um Sauerstoff in den Druckmesser strömen zu lassen und die Bewegungen der Nadeln beobachten zu können - aber da hielt er auch schon inne.

Es bestand kein Zweifel, dass sein Leben in dieser Sekunde in der Schwebe hing, und durch dieses Innehalten rettete er es. Nicht sein bewusstes Auge, sondern sein Chemikerauge, seine fünfundzwanzigjährige Erfahrung und Gewohnheit sah es, sah das, was nicht ins Bild gehörte, und ließ ihn innehalten.

Und das, was nicht ins Bild gehörte, bot sich dem bewussten Auge dar als ein schwaches Glitzern, als eine ölig-feuchte Kante an dem Gewindestück zwischen dem Hauptdruckmesser und der Flasche selbst. Er kratzte mit dem Fingernagel und roch daran.

Er schien in einer ungeheuren Stille allein zu sein, als er nach dem Schraubenschlüssel griff und das passende Ende um das sechseckige Verbindungsstück legte. Das Ventil ließ sich mit einem eigenartigen Rutschen herumdrehen, das nicht normal war.

Der Messer ging ab, und das ganze Gewinde war feucht. Das Nadelventil war feucht. Er konnte die Flüssigkeit nicht mit Sicherheit identifizieren, aber sie hatte die sirupartige Konsistenz von Glyzerol. Wenn er das Hauptventil tatsächlich im umgekehrten Uhrzeigersinn gedreht hätte, wäre unter dem Luftdruck der Explosion wahrscheinlich die Wand des Labors hinausgeflogen.

Brade ließ den Messer klappernd auf eine Arbeitsplatte fallen und setzte sich. Er zitterte heftig angesichts der Todesgefahr, in der er geschwebt hatte.

Als er sich beruhigt hatte - er wusste nicht, wieviel Zeit inzwischen vergangen war -, stand er auf und vergewisserte sich, ob die äußere Tür seines Labors geschlossen war. Dann schloss er auch die Tür seines Arbeitszimmers ab. Sollte man glauben, er sei zum Mittagessen gegangen. Mittagessen? Schon bei dem Gedanken drohte ihm übel zu werden.

Er starrte die Anzeiger an, die schimmernd feuchten und tödlichen Gewinde.

Er hatte die Flasche am Donnerstag benutzt, dem Tag, an dem Ralph ums Leben gekommen war. Damals war sie in Ordnung gewesen. Er hatte die Flasche seitdem nicht mehr benutzt, und jeder konnte in seinem Arbeitszimmer und Labor gewesen sein. Er war nicht Ralph. Er schloss sein Arbeitszimmer um fünf Uhr, wenn er ging, vielleicht ab -falls er daran dachte. Ganz bestimmt schloss er es nicht ab, wenn er beispielsweise ins Studentenlabor, in die Bibliothek oder zum Mittagessen ging.

Natürlich, Cap Anson war seit Donnerstag zweimal in seinem Labor gewesen, und das zweite Mal war Kinsky mit ihm zusammengewesen. Roberta war in Ralphs Labor gewesen, konnte auch in seinem gewesen sein. Praktisch jeder konnte in seinem Labor gewesen sein. Ohne es zu wollen, dachte er wieder an Kinsky. Der hatte sich in seinem Labor aufgehalten. Cap Anson war bei ihm gewesen, aber Cap brachte es fertig, sich plötzlich für etwas zu interessieren - eine Passage in einem Buch etwa, auf die man ihn hinwies - und dann für eine Zeitlang die Welt um sich her zu vergessen. Kinsky kannte gewiss diese Eigenart seines ehemaligen Lehrers. Er musste sie kennen. Ohne überlegen zu müssen, konstruierte er den Hergang der Ereignisse. Kinsky war Ralph begegnet. Ralph hatte sich damit gebrüstet, dass er mit seiner Arbeit beweisen würde, dass er, Kinsky, ein Idiot war. Gehörte Kinsky zu jener Gruppe von Menschen, die sich s0 viel auf ihr Wissen einbildeten, dass sie zu Mördern werden konnten, wenn ihr Ruf bedroht war? Hatte er Ralph getötet und vorgehabt, auch ihn, Brade, umzubringen, damit der Lehrer die Arbeit des Schülers nicht fortführte? Er hatte sich s0 angelegentlich danach erkundigt - und die Flasche war schon beschmiert gewesen. Hätte er das Glyzerol wieder abgewischt, wenn Brade ihn davon überzeugt hätte, dass er auf eine Fortführung der Arbeit verzichtete? Oder waren die Weichen endgültig gestellt gewesen - und hatte Kinsky nur eine morbide Neugier befriedigen wollen?

Unmöglich! Das war alles unmöglich! Kinsky war an dem Tag, als Ralph starb, in der Stadt gewesen; aber wie konnte er den Mord inszeniert haben, ohne die Einzelheiten von Ralphs Experimenten zu kennen? Brade fasste sich mit seinen kalten Händen an die heiße Stirn. Nein, es war seine Eifersucht auf Kinsky, die diese Überlegungen fabrizierte, nicht sein Verstand.

Wie konnte ein Chemiker, wenn er nicht unter einer Psychose litt, die Hoffnung hegen, mit einem Mord die Wahrheit zu unterdrücken, w0 sie doch jederzeit von einem anderen wiederentdeckt werden konnte? Aber jeder konnte unter einer Psychose leiden.

Und was, wenn die Sache mit Ralphs Tod nichts zu tun hatte? Zwei Mörder auf einmal? Unmöglicher Zufall? Aber konnte jemand einen Groll gegen ihn, Brade, unabhängig von dem Problem Ralph haben? Schon möglich - erst am Samstag hatte er Foster beleidigt - und Ranke. Tödlich beleidigt?

Er erinnerte sich der ungewöhnlichen Freundlichkeit Rankes vorhin auf der Treppe, und es überlief ihn dabei. War das nur die gönnerhafte Freundlichkeit gewesen, die ein Mörder dem Opfer erwies, das s0 gut wie tot und keinen Schuss Adrenalin mehr wert war? Oder Littleby? Brade hatte auch Littleby auf den Schlips getreten, und der Mitteilungszettel heute morgen mochte auch s0 eine gönnerhafte Geste sein. Hör auf, Brade!

Auf jeden Fall musste Doheny von der Sache erfahren, denn in diesem Falle konnte Professor Louis Brade nun ganz gewiss nicht der Schuldige sein, und wenn man nicht von zwei Mördern ausgehen wollte, hieß dies, dass er auch in Ralphs Fall unschuldig war.

Er griff zum Telefon und wählte. Eine nüchtern klingende Stimme meldete sich: »Polizeirevier neun - Martinelli am Apparat.« Brade sagte mit betont ruhiger Stimme: »Ich möchte gern einen Beamten namens Jack Doheny sprechen. Wann erwarten Sie ihn zurück? Aha, gut. Nein, nein, es müsste schon er selbst sein. Nein, s0 dringend ist es nicht. Sagen Sie ihm, ich hätte angerufen. Mein Name ist Brade, Professor Louis Brade. Er kennt mich. Sagen Sie ihm, ich müsste ihn s0 bald wie möglich sprechen. Meine Nummer ist Universität 2-1000, Apparat 125. Vielen Dank.«

Er legte auf und starrte das Telefon lange an. Dann bekam er doch Hunger.

Er holte sich unten ein belegtes Brötchen, das er mit auf sein Zimmer nahm. Er ging schnell. Er wollte niemandem begegnen. Er war nicht begierig, mit jemandem zusammenzutreffen, der vorhatte, sein Mörder zu werden.

Hier oben, hinter verschlossenen Türen, hatte der Tod auf ihn gewartet. Er trank den noch viel zu heißen Kaffee und merkte erst nachher, dass er vergessen hatte, sich Milch zu nehmen.

Dann ging es auf ein Uhr, und er dachte: Ich gehe ins Labor. Er schloss die Tür hinter sich ab, drückte zur Vorsicht mehrmals die Klinke herunter und ging den Flur entlang zum Studentenlabor. Charlie Emmett traf die letzten Vorbereitungen zur Demonstration der Semicarbazonbildung unter Druck. Das hieß, dass Emmett in etwa fünfzehn Minuten eine Glas-»Bombe« herstellen würde, wobei er die dicken Wände durch langsames Drehen in einer Flamme mit einer Siegelstelle verschloss, der kein Makel anhaften durfte, denn sie musste die mehrere Atmosphären Druck der erhitzten Dämpfe aushalten können, wenn die Reaktionsmischung in der Bombe erhitzt wurde.

Brade war immer sehr besorgt bei solchen Demonstrationen. Die Möglichkeit eines Unfalls war stets gegeben, aber den Studenten musste das Experiment gezeigt werden.

Emmett war natürlich der richtige Mann dafür. Brade sah ihm nicht zum erstenmal beim Herstellen einer Bombenröhre zu. Ruhige Augen beobachteten die ruhige Flamme, und ruhige Hände drehten das Verschlussende der Röhre herum, das sich zur Weißglut erhitzte. Man brauchte ruhige Hände und ein eiskaltes Herz, um Glyzerol auf die Fäden eines Sauerstoffmessers zu schmieren.

Brade schämte sich dieses Gedankens. Charlie Emmett? Der farblose Charlie Emmett? Was für ein Motiv sollte er haben? Roberta Goodhue kam heran, warf ihm ein kurzes, zuckendes Lächeln zu, ging schnell zur zweiten Experimentierbank und überprüfte die am Morgen für die Experimente des Tages dort aufgebaute Anordnung von Geräten und Chemikalien.

Brade sah auf seine Uhr. Es war fünf Minuten vor eins. In genau fünf Minuten würden die Studenten hereingeströmt kommen. Er dachte traurig darüber nach, dass der Lehrer durch ein halbes Dutzend Termine von Vorlesungen,. Laborübungen, Seminaren und Fakultätszusammenkünften an die Uhr gebunden war. Der Minutenzeiger rückte auf die Zwölf, und ein Student kam herein, entfaltete seine Gummischürze und streifte sich die Schleife über den Kopf. Er sagte pflichtschuldig: »Hallo, Professor Brade«, legte seine Bücher auf eine der Bänke und schlug einen von Säure verbrannten Laborleitfaden auf.

Dabei fiel ihm eine Reihe zusammengefalteter Zettel aus dem Buch, und der Student machte zuerst ein erstauntes, dann ein bestürztes Gesicht. Er ging rasch auf Emmett zu.

»Ach, Mr. Emmett, ich muss Freitag vergessen haben, meine Übungsarbeit abzugeben. Kann ich sie jetzt noch abgeben?« Er machte ein beklommenes Gesicht.

In etwas barsch-autoritärem Ton - vielleicht weil er sich der Gegenwart Brades bewusst war- sagte Emmett: »Gut, ich sehe sie mir nachher an. Aber passen Sie auf, dass das nicht noch einmal vorkommt.« Abwesend verfolgte Brade, wie der Student die Zettel hochhielt und Emmett sie entgegennahm. Jetzt kamen schnell die anderen Studenten herein. Die Zeit hatte gesprochen, die Zeit, die den Alltag eines Lehrers in kleine Stücke hackt.

Die Zeit - und was gerade geschehen war...

Es war, als wären die Studenten verschwunden, das Labor dazu, und als wäre er allein mit einem Gedanken, einem unmöglichen, schrecklichen Gedanken.

Er verließ unvermittelt das Labor. Zwei, drei Augenpaare folgten ihm erstaunt, aber er kümmerte sich nicht darum.

Er stand wieder vor dem Telefon, und er musste die Nummer in einem Buch nachschlagen.

»Es ist aber sehr wichtig«, erklärte er der energischen Stimme, die sich gemeldet hatte, »und dauert nur ein, zwei Minuten. Nein, bis drei Uhr kann ich nicht warten.«

Und das konnte er auch nicht. Er musste es jetzt wissen. Sofort. Das Warten war unerträglich, und er duckte sich innerlich bei dem Gedanken an die Peinlichkeit und Angst, die das alles bedeuten würde. Und die helle, hohe Stimme an seinem Ohr war jetzt verängstigt und bat ihn atemlos, er möchte seinen Namen nennen. Brade sprach schnell und eindringlich.

»Bestimmt?« sagte er schließlich. »War es ganz bestimmt so? Hat es sich genauso abgespielt?«

Er führte andere theoretische Möglichkeiten des Hergangs an, bis er dann aufhörte, weil er keine Hysterie erzeugen wollte. Er fragte nur noch einma »So war es also ganz bestimmt?« und legte dann auf.

Jetzt wusste er es also. Er kannte das Motiv, kannte den Ablauf der Ereignisse, wusste alles.

Oder glaubte es zumindest zu wissen.

Nur dass er kein erfahrener Kriminalbeamter war. Wie beweist man eine Vermutung? Er mochte es ruhig anders formulieren. Wie beweist man eine Gewissheit?

Er saß still da und dachte nach, bis die Sonne so weit gesunken war, dass sie ihm in die Augen schien. Er stand auf und ließ die Blende herunter. In dem Augenblick klopfte es. Diesmal erkannte er die breite Gestalt durch die Milchglasscheibe der Tür hindurch und öffnete sofort. »Kommen Sie herein, Mr. Doheny.« Er schloss die Tür hinter dem Beamten wieder ab.

»Guten Tag, Professor«, sagte Doheny. »Bin etwas spät von Ihrem Anruf verständigt worden und dachte, ich komme gleich, ohne mich lange anzumelden. Ich halte Sie doch nicht von einer Vorlesung oder so ab?« »Nein.«

»Na schön. Was haben Sie denn auf dem Herzen? Ich stelle mir vor, es muss schon etwas passiert sein, wenn jemand wie Sie die Polizei anruft.«

»Ja, da können Sie recht haben.« Nachdem Doheny sich gesetzt hatte, fügte er schnell hinzu: »Man hat versucht, mich zu ermorden.« Doheny, der gerade eine Zigarre aus seiner Westentasche herausholen wollte, schien zu erstarren. Seine Augen blickten auf einmal sehr kalt. »Ach ja? Sind Sie verletzt worden?«

»Nein, ich hatte Glück - im nächsten Augenblick wär's um mich geschehen gewesen.«

»So eine Sache um Haaresbreite?« »Ja, ganz recht.« Brade sah Doheny an, dass er ihm nicht glaubte. Der Beamte starrte ihn nur argwöhnisch an, er erweckte zum erstenmal den Eindruck, als sähe er in Brade einen möglichen Mörder.

19

Brade beschrieb mit zögernden Worten, wie er entdeckt hatte, dass an seiner Sauerstoffflasche herummanipuliert worden war. Doheny hörte mit halbgeschlossenen Augenlidern zu. Nur einmal zeigte er größeres Interesse; das war, als Brade auf das Glyzerol zu sprechen kam, das, wie er hinzufügte, fälschlicherweise auch Glyzerin genannt wurde. »Glyzerin? Meinen Sie Nitroglyzerin?«

Brade unterdrückte eine leise Verärgerung. »Nein. Das richtige Glyzerin - Glyzerol, meine ich - ist ganz harmlos. Es wird zur Herstellung von Süßigkeiten und Kosmetika verwendet.« »Harmlos? Ja, dann frage ich mich -«

»Harmlos unter normalen Bedingungen. Aber bedenken Sie, wenn ich diese Flasche aufgedreht hätte, wäre reiner Sauerstoff in die kleine Kammer innerhalb des Druckmessers eingeströmt - mit einem Druck von etwa 500 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Eine Vergleichszah Der Sauerstoffdruck in der uns umgebenden Luft ist etwa ein Kilogramm pro Quadratzentimeter auf Meereshöhe. Unter dem Einfluss des Hochdrucksauerstoffs würde das normalerweise harmlose Glyzerol schnell und heftig reagieren und eine Hitzemenge freisetzen -« »Sie meinen, es würde explodieren.«

»Ja. Das Hauptventil würde fortfliegen, so dass der übrige Sauerstoff herausgeschossen käme-und die Flasche selbst in eine Art Monstrum mit Düsenantrieb verwandelt würde. Das ganze Labor wäre zerstört worden, und ich wäre jetzt nicht mehr am Leben.« Doheny holte tief Luft und kratzte sich. »Könnte das Zeug zufällig drangekommen sein?« fragte er.

»Nein, keinesfalls. Die Gewinde an einer Sauerstoffflasche dürfen nie geschmiert werden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es von selbst tun. Die Flasche war am Donnerstag in Ordnung, und jemand muss sich daran zu schaffen gemacht haben.« »Um Sie zu töten, ja?«

»Es kann kein anderer Grund vorgelegen haben. Außer mir benutzt niemand die Flasche. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ich am Hauptventil drehen würde. Ich hätte es vorhin um ein Haar getan.« Doheny nickte. An der Kälte in seinem Gebaren hatte sich nichts geändert. »Und was schließen Sie aus der Sache? Dass derjenige, der Ihren Studenten vergiftet hat, auch an der Sauerstoffflasche war?« »Zwei verschiedene Mörder hier auf der Universität wäre doch wohl etwas zuviel verlangt, oder?«

»Ja, allerdings. Und da sagen Sie sich, Sie sind der Mörder jedenfalls nicht, da Sie ja eines seiner Opfer sind, ja?« »Nun -«

»Aber genaugenommen sind Sie gar nicht sein Opfer, nicht wahr? Sie sind so gesund und munter wie eh und je, weil Sie nicht an diesem Ventil gedreht haben. Sind Sie sicher, dass Sie das Zeug nicht selber draufgeschmiert haben, Professor?« »Nun hören Sie mal -« »Nein, hören Sie lieber mal. Die Sache gefällt mir gar nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich mich getäuscht haben könnte. Ich hatte Sie allen Indizien zum Trotz als nicht schuldig eingestuft. Jetzt haben Sie sich erst richtig in Verdacht gebracht, weil Sie sich nicht ruhig verhalten konnten.« Dohenys Worte bekamen einen lebhafteren Klang. »Jemand, der unter Verdacht steht, könnte sich, wenn er schuldig ist, einfach still verhalten und nichts tun und sich sagen, dass die Polizei schon keine stichhaltigen Beweise gegen ihn auftreiben wird. Sie, Professor, bringen das nicht fertig, weil Sie zuviel Phantasie haben. Sie sind der Typ, der sich alle möglichen Sachen ausdenkt, die ihn nervös machen. Das nächstbeste ist, sich aus dem Staub zu machen; aber das können Sie auch nicht, Sie haben eine Familie, eine Stellung. Also bleibt Ihnen nur die dritte Möglichkeit, die sich dem Schuldigen bietet. Er kann zum Gegenangriff übergehen. Er kann Beweise fabrizieren, die ihn entlasten. Um das tun zu können, muss er in der Lage sein, sich vorzustellen, dass er schlauer ist als die Polizei. Das dürfte einem Professor nicht schwer fallen. Das Schlausein ist ja sein Beruf.«

Brade unterbrach ihn sehr energisch. »Ich sage Ihnen, das trifft in meinem Fall alles nicht zu!«

»Ja, ja, schon gut. Aber spinnen wir den Faden mal weiter. Ein gefälschter Beweis ist gewöhnlich ein solcher, der den Verdächtigen als das Opfer eines anderen erscheinen lässt. Wenn zum Beispiel irgendwo in Häuser eingebrochen wird und wir einen ganz bestimmten Burschen dort in der Gegend in Verdacht haben, dann erleben wir es nicht selten, dass auch im Haus des Verdächtigen eingebrochen wird. Dann steht er selbst als eines der Opfer da und kann nicht der Einbrecher sein - denkt er, dass wir glauben.«

»Aha - dann hätte ich also selbst an der Sauerstoffflasche herummanipuliert und Sie anschließend angerufen.« »Professor, Sie sind mir sympathisch - aber ich fürchte, das haben Sie getan.«

Brade hob den Druckmesser auf und sagte ruhig: »Wollen Sie das denn nicht als Beweisstück konfiszieren?«

»Das Ding ist als Beweis überhaupt nichts wert.«

Brade nickte. Er wischte die Gewinde an Druckmesser und Sauerstoffflasche mit einem weichen Lappen ab, den er zuerst in Alkohol und dann in Äther tauchte. Er blies noch Pressluft darüber. »Ich muss das später noch etwas gründlicher besorgen.« Er befestigte den Messer mit einer heftigen Drehung des Schraubenschlüssels wieder an der Flasche.

Er legte den Schraubenschlüssel hin und wandte sich Doheny zu, der ihn aufmerksam beobachtet hatte.

Brade sagte: »Sie verwenden eine Psychologie, die ich durchschaue, Mr. Doheny. Sie wollen mich in einem Netz logischer Überlegungen fangen und glauben, dass ich aus Verzweiflung ein Geständnis ablege und Sie dann den Beweis haben, mit dem Sie vor Gericht gehen können. Diese Psychologie hat aber einen Haken.« »Und der wäre?«

»Sie funktioniert nur, wenn Sie es mit dem Täter zu tun haben, und der bin ich nicht. Genauer gesagt: Ich weiß, wer es gewesen ist.« Doheny verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln. »Wollen Sie jetzt mir mit Psychologie kommen, Professor?«

»Das wäre Unsinn - ich verstehe nichts davon.« »Na schön. Wer ist der Mörder?«

Das geduldig-gönnerhafte Gebaren Dohenys brachte Brade zur Verzweiflung. »Ich brauche auch Beweise, und ich werde sie Ihnen liefern.«

Er sah rasch auf seine Uhr, griff nach dem Telefonhörer und wählte seinen Hausanschluss. »Oh, Sie sind es. Gut, hier spricht Professor Brade. Die zweite Laborübung ist so ziemlich beendet, ja? Na schönwürden Sie bitte einmal in mein Arbeitszimmerkommen? ja.« Er legte auf. »Nur noch ein paar Sekunden, Mr. Doheny.« Roberta klopfte leise an die Tür, und Brade ließ sie herein. Sie trug einen grauen Laborkittel, der ihr viel zu groß war.

Sie brachte den schwachen Geruch eines Labors der organischen Chemie mit sich, den die Studenten zuerst nicht ausstehen können, an den sie sich dann aber gewöhnen.

Ihr Blick wirkte erloschen. Ihre Augen visierten eine imaginäre Ferne an.

Brade dachte unwillkürlich: armes Ding.

Er sagte: »Roberta, dieser Herr ist Mr. Doheny.«

Sie blickte nur kurz zu Doheny hin. »Guten Tag«, sagte sie leise. »Mr.

Doheny ist der Beamte, der den Fall bearbeitet.«

Ihre Augenlider gingen in die Höhe, und auf einmal war Leben in ihr.

»Ralphs Unfall?«

»Mr. Doheny glaubt nicht, dass es ein Unfall war. Und ich auch nicht. Es war Mord.«

Sie war jetzt erregt. »Warum sagen Sie das?« Ihr Blick wanderte zu Doheny hinüber, fixierte ihn. »Ich wusste, dass er unmöglich diesen Irrtum begangen haben konnte. Wer war es? Wer war es?« Brade dachte: Sie akzeptiert sehr schnell die neue Situation. Stellt sich sofort darauf ein.

Er sagte: »Das versuchen wir gerade herauszufinden. Aber da ist noch etwas anderes. Mr. Doheny hat leider von Ihrer Bekanntschaft mit Ralph erfahren.«

Sie warf ihnen beiden einen geringschätzigen Blick zu. »Das überrascht mich nicht.«

»Nein?«

»Mrs. Neufeld sagte mir, dass die Polizei sich bei ihr erkundigt hat.« An Doheny gewandt setzte sie hinzu: »Sie hätten mich gleich fragen können, ich hätte es Ihnen gesagt.«

Doheny lächelte und sagte dann in behutsamem Ton: »Wollte Sie nicht unnötig belästigen, Miss. Ich kann mir denken, dass diese Sache schwer genug ist für Sie.« »Allerdings, da haben Sie recht.«

»Mr. Doheny hat festgestellt, dass Sie sich gestritten haben, Sie und Ralph.«

»Wann?« fragte sie.

»Bitte, setzen Sie sich doch, Roberta«, sagte Brade. »Ich möchte da nur etwas klarstellen, und ich glaube, Sie können mir dabei helfen. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Roberta zögerte, aber dann setzte sie sich auf den Stuhl, der der Tür am nächsten stand. »Was haben Sie da von einem Streit gesagt, Professor Brade? Wo soll das gewesen sein?« »In einem Drugstore.«

Sie sah ihn überrascht an, und ein wenig überrascht war auch Doheny. Brade fuhr fort: »Es ging bei dem Streit um ein Fruchteis, das Sie bestellen wollten.«

Roberta schüttelte den Kopf. »Daran kann ich mich nicht erinnern. Wer hat Ihnen das gesagt?« Sie blickte von einem zum andern, angespannt, auf der Hut.

Doheny sagte nichts. Brade dachte: Er gibt mir Bewegungsfreiheit in der Hoffnung, dass ich irgendwo stolpere.

»Wie ich erfahren habe«, sagte er, »haben Sie Schokoladen-Fudge-Eiscreme bestellt, und darüber bekamen Sie Streit.«

»Nein.«

»Jedenfalls hat der Mann im Drugstore gehört, wie Sie sich im Flüsterton über etwas stritten, und er hat deutlich das Wort Fudge gehört, und dann haben Sie ein Fudge-Eis bestellt.« Er schwieg; Roberta schwieg, aber ihre Augen schienen sich zu vergrößern und in einem Gesicht zu schwimmen, das zusehends blasser wurde.

»Vielleicht könnten Sie Mr. Doheny erklären«, fuhr Brade fort, »wie es kommt, dass der Mann im Drugstore das, was er gehört hat, nicht richtig verstanden hat. Das heißt, vielleicht erklären Sie ihm die zweite Bedeutung des Wortes Fudge - ja?« Roberta schwieg.

»Eine Bedeutung, die es vor allem unter den Studenten hat.« Sie schwieg noch immer.

»Roberta, Sie werden nicht abstreiten wollen, dass Fudge soviel wie Fälschen bedeutet. Wenn bei Ihrem Streit im Drugstore das Wort Fudge fiel, ging es da vielleicht um gefälschte Messdaten bei Experimenten -und nicht um ein Fudge-Fruchteis?« »Nein -«, begann sie wieder.

»Roberta, ich habe Sie gestern in Ralphs Labor angetroffen, als Sie Ralphs Notizbücher durchsahen. Haben Sie wirklich nach einem Andenken gesucht? Oder ging es Ihnen mehr um die gefälschten Angaben? Vielleicht wollten Sie sie vernichten, damit man Ralphs Täuschungsmanöver nicht noch nachträglich auf die Spur kam?« Roberta brachte ein Kopfschütteln zustande. »Es hat keinen Zweck, es abzustreiten«, fuhr Brade fort. »Ich habe mir die Bücher auch angesehen. Und ich habe die gefälschten Angaben entdeckt.«

»So war es nicht«, rief sie in heftigem Ton aus. »Es war anders, meine ich. Es war nicht so, wie Sie es jetzt schildern. Er war verzweifelt. Er wusste nicht mehr, was er tat.«

Brade runzelte die Stirn. »Um Gottes willen, Roberta - Ralph wusste genau, was er tat. Sein Betrug lässt sich über einen Zeitraum von Monaten verfolgen. Versuchen Sie ihn nicht zu entschuldigen. Für so etwas gibt es keine Entschuldigung.«

»Bitte, glauben Sie mir, er hatte keinen klaren Gedanken mehr. Er musste seinen Doktor machen, das war alles, woran er dachte. Er war so sehr von seiner Theorie überzeugt, dass er glaubte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis er die richtigen Messdaten herausbekam, und -« »Und inzwischen hat er ein paar Daten gefälscht, für den Fall, dass sich die richtigen nicht rechtzeitig einstellen, nicht wahr?« »Professor Brade, ich schwöre Ihnen, er hatte nicht vor, diese Zahlen und Angaben je zu benutzen. Das heißt -« Sie streckte hilflos die Hände aus und gestikulierte die Worte, die nicht herauskommen wollten. Sie schluckte und setzte hinzu: »Er hätte es Ihnen gesagt. Er hätte es Ihnen gesagt, ehe er ins mündliche Examen gegangen wäre.« »Hat er Ihnen das gesagt?« fragte Brade. Ein großes Mitgefühl mit ihr stieg immer wieder in ihm hoch und ließ sich nicht unterdrücken. »Ich weiß, dass er es getan hätte.«

Endlich schaltete sich Doheny ein. Et beugte sich über den Tisch. »Professor, wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich hier kurz einhaken. Eine Frage, Miss - wie haben Sie von diesen Fälschungen erfahren? Ihr Freund hat doch nicht von sich aus davon angefangen, oder?«

»Nein, nein.« Einen Augenblick lang starrte sie Doheny ausdruckslos an. Dann sagte sie: »Ich habe einen Schlüssel zum Labor, und ich kam manchmal herein, wenn er mich nicht erwartet hatte. Einmal habe ich mich auf Zehenspitzen von hinten an ihn herangeschlichen, wissen Sie -«

Doheny nickte. »Um ihm die Augen zuzuhalten oder ihn zu kitzeln oder so. Klar, verstehe. Erzählen Sie weiter.«

»Er schrieb gerade in sein Notizbuch. Ich sah, was er machte. Er erfand einfach Zahlen, damit eine Gleichung stimmte. Ich fragte: >Was tust du da?<«

Sie schloss die Augen; die Erinnerung hatte sie übermannt. »Und - hat er es Ihnen gesagt?« fragte Doheny.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Er - er hat mich geschlagen. Es war das einzige Mal. Er ist aufgesprungen und hat nach mir geschlagen und mich angestarrt wie ein Wilder. Dann hat es ihm leid getan, und - und er hat mich in die Arme genommen, aber -«

»Aber Sie wussten, was er gerade gemacht hatte?« »Ja.«

»Wann war das?«

»Vor etwa drei Wochen.«

»Und darüber haben Sie im Drugstore gestritten? Sie wollten, dass er aufhört und noch einmal anfängt, ja?«

»Ja.«

Doheny lehnte sich zurück und sah Brade an. Er hatte die Brauen in die Höhe gezogen. »Diese Runde geht an Sie, Professor. Nicht schlecht. Haben Sie noch ein paar Überraschungen?« »Möglich, ich bin mir nicht sicher«, begann Brade, und da ging die Tür auf. Brade wandte sich um. Cap Anson stand auf der Schwelle, den Schlüssel in der einen, den Stock in der anderen Hand.

Der alte Mann warf den anderen einen unverhohlen missvergnügten Blick zu und sagte ohne ein Wort oder Zeichen des Grußes: »Wir waren verabredet, Brade.«

»Ach, du lieber Gott, ja«, sagte Brade und sah auf seine Uhr. Es war genau fünf. »Cap, noch zehn Minuten, ja? Setzen Sie sich, bitte, wir sind gleich fertig.«

Er stand auf, ging um Anson herum und schloss die Tür, dann legte er dem alten Mann behutsam die Hand auf die Schulter und drückte ihn auf einen Stuhl. »Es dauert nicht lange.«

Cap Anson blickte vielsagend auf seine Uhr. »Wir haben ein gehöriges Pensum zu erledigen.«

Brade nickte und wandte sich wieder Roberta zu. »Die Frage ist jetzt, Roberta: In welcher Weise hat das alles Ihr Verhältnis zu Ralph beeinflusst? Ich meine diese Sache mit den gefälschten Messdaten.« Anson beugte sich vor und fragte, ehe noch jemand etwas sagen konnte: »Was höre ich da von gefälschten Messdaten?« Brade sagte: »Ralph hat offenbar die Ergebnisse seiner Experimente seinen Theorien angepasst. Das ist übrigens Mr. Doheny, der Kriminalbeamte, der in dem Fall ermittelt. Das ist Professor Anson.« Anson ignorierte die Vorstellung und sagte sehr erregt: »Warum haben Sie mir dann am Samstag erzählt, Sie wollten die Arbeit des jungen fortführen?«

»Ich habe den Betrug erst am Sonntag entdeckt - gestern«, erwiderte Brade. »Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Roberta. Wie hat sich das alles auf Ihr Verhältnis zu Ralph ausgewirkt?« »Nun, wir haben gestritten, das war alles. Ich konnte ja verstehen, worum es ihm ging. Aber ich wusste, er hätte mir - er hätte das schließlich doch in Ordnung gebracht.« »Hat er das gesagt?« Roberta schwieg.

»Sie wissen, wie Ralph war, Roberta. Er war äußerst misstrauisch. Er neigte immer zu der Annahme, dass andere gegen ihn waren. Das stimmt doch, ja?« »Er hatte sehr viel durchgemacht.«

»Ich verurteile ihn ja auch gar nicht, ich versuche nur eine Tatsache festzuhalten. Sie gehörten zu den ganz wenigen Menschen, denen er Vertrauen entgegenzubringen versuchte, und nun hatten Sie etwas ausspioniert und machten ihm Vorwürfe und setzten ihm zu. Sie waren gewissermaßen zu seinen Verfolgern, seinen Feinden übergegangen. Sehen Sie, worauf ich hinauswill?«

Doheny unterbrach ihn. »Hören Sie mal, wie Sie da losgehen, könnte man meinen, Sie wollten beweisen, dass Neufeld die junge Dame hier umgebracht hat. Sie lebt aber noch.« »Natürlich«, entgegnete Brade, »aber wenn Ralph in Roberta einen Feind zu erblicken begann, musste er sie ja nicht gleich töten. Er konnte sich von ihr zurückziehen und die Verlobung auflösen. Sie wäre nicht das erste Mädchen gewesen, von dem er sich trennte, und es wäre durchaus möglich, dass er vorhatte, sich auch von ihr zu trennen.« Roberta schüttelte den Kopf. »Nein.«

Brade fuhr brutal fort: »Und es wäre durchaus möglich, dass ein sitzengelassenes Mädchen auf seine Weise Rache nimmt.« »Was sagen Sie da?« rief Roberta.

»Dass Sie vielleicht Ralph getötet haben.« »Aber das ist doch Wahnsinn.«

»Glauben Sie, ein anderer hat ihn wegen der gefälschten Angaben getötet?« fragte Brade kalt. »Wer wusste denn davon? Hat einmal jemand gehört, wie Sie miteinander darüber gestritten haben?« Er war aufgestanden und beugte sich zu dem Mädchen vor. Sie wich zurück. »Nein - das heißt, ich weiß es nicht.« »Haben Sie einmal über diese Sache in seinem Labor abends laut gestritten?« »J-ja. Einmal.«

»Und wer hat das gehört? Wer ging über den Flur und hat gehört, worüber Sie redeten?«

»Niemand. Ich weiß es nicht. Niemand!«

Cap Anson schaltete sich ein. »Aber Brade, warum quälen Sie das arme Mädchen so?«

Brade überhörte den Einwurf. »Wer hat Sie gehört, Roberta?« »Ich sage Ihnen doch, niemand. Wie kann ich das wissen?« »Er vielleicht?« Und Brades Finger deutete mit einer heftigen Bewegung auf Cap Anson.

20

Cap Anson sagte zornig: »Was soll das?« Für die Dauer weniger Augenblicke erstarrte die Szene zum Tableau. Da waren Brade und sein deutender Finger, der empörte Anson, der den Stock erhoben hatte, Roberta, die den Tränen nahe war, und Doheny, der alles mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete.

Brade musste den Arm sinken lassen. Er war innerlich wie entkräftet. Er hatte alles so sorgfältig inszeniert. Er wusste, dass Anson um Punkt fünf Uhr kommen würde, und er hatte Roberta zu diesem Augenblick genauso weit gehabt, wie er sie haben wollte, und sie dann jäh in den Abgrund gezerrt, damit er im Moment höchster Spannung das ganze Gewicht der Anklage auf Anson fallenlassen konnte.

Was hatte er erwartet? Dass Anson zusammenbrach und sich ein Geständnis entlocken ließ? Dass er, Brade, auf diese Art zu seinem Beweis kam?

Ja, das hatte er. Genau das hatte er erwartet, wie er sich jetzt eingestehen mußte.

Doheny meinte: >ja, ich muss auch sagen, Professor: Was soll das?«

»Cap Anson hat es getan«, entgegnete Brade kummervoll. »Was getan?« wollte Anson wissen.

»Ralph getötet. Sie haben Ralph getötet, Cap.«

»Das ist eine Verleumdung«, erwiderte Anson zornig.

»Das ist die Wahrheit«, sagte Brade niedergeschlagen. Wie musste man es anstellen, dass so etwas einfach als Tatsache anerkannt wurde?

»Sie haben mitgehört, wie Ralph und Roberta stritten. Wer außer Ihnen geht nachts die Flure entlang? Das ist eine alte Angewohnheit von Ihnen. Sie haben herausgefunden, dass Ralph für seine Arbeit Phantasieergebnisse benutzte.«

»Wenn Sie das sagen, muss es noch lange nicht so sein, Brade. Aber selbst wenn ich es erfahren hätte, worauf wollen Sie hinaus?« »Darauf, dass er mein Student war, Cap, und dass ich Ihr Student war.« Brade stand auf und sah den älteren Mann fest an. »Was Ralph tat, fiel auf mich zurück, aber ein Teil davon traf durch mich auch Sie. Ihre Berufsehre stand auf dem Spiel.«

»Meine Berufsehre«, sagte Anson mit bebender Stimme, »ist unantastbar. Nichts kann ihr etwas anhaben.«

»Das glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass Sie sich Ihr Leben lang mit beiden Händen an sie geklammert haben. Wissen Sie noch, was Kinsky heute morgen sagte, Cap? Sie bezeichneten sich als den Kapitän des Schiffes der experimentellen Forschung. Sie waren der Kapitän; Ihre Studenten waren die Mannschaft. Und auf hoher See ist der Kapitän doch oberster Gerichtsherr seiner Mannschaft, Herr über Leben und Tod, nicht wahr- Kapitän?« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

»Ich meine, dass Sie immer gern über Leben und Tod Ihrer Studenten verfügen wollten, wenn nicht bewusst, dann unbewusst - sonst hätten Sie sich nicht so gern Cap nennen lassen. Und nun haben Sie festgestellt, dass einer Ihrer Studenten - der Student eines Ihrer Studenten, aber eben deshalb wieder Ihr Student- das schlimmste Verbrechen im wissenschaftlichen Kodex begangen hatte, die eine ganz unverzeihliche Todsünde. Und da haben Sie ihn zum Tod verurteilt. Das mussten Sie tun. Hätten Sie ihn leben lassen und wäre die Wahrheit ans Licht gekommen, hätte Ihr Ruf -« Doheny unterbrach ihn, und seine Stimme schaltete sich so unerwartet ein, dass die anderen verblüfft waren. »Sie wollen damit sagen, dass der alte Herr in Neufelds Labor eingedrungen ist und sich an diesen kleinen Kolben zu schaffen gemacht hat, Professor, ja?« »Er hatte einen Hauptschlüssel.«

»Und wie konnte er über die Experimente des Studenten Bescheid wissen? Hat er sich eingeschlichen und dessen Notizen durchgelesen?« »Das brauchte er nicht. Er war ja immer in meinem Labor. Er war zum Beispiel am Freitag hier, als ich nach meiner Vorlesung hereinkam. Er war heute morgen nach der Vorlesung hier. Und vorhin ist er ja auch ganz einfach hereingekommen. Und die Duplikate von Ralphs Aufzeichnungen, die gefälschten Zahlen und alles andere, werden ja hier aufbewahrt. Ralph hat in seinen Notizen die Experimente ganz genau beschrieben - auch dass er immer eine bestimmte Anzahl Kolben auf Vorrat abgefüllt hat. Cap wusste genau, was er zu tun hatte. Seine peinliche Genauigkeit erleichterte es ihm, Ralphs detaillierte Aufzeichnungen zu verstehen und sich zunutze zu machen.« »Das sind alles unbewiesene Behauptungen«, sagte Anson. »Reine Phantasterei.«

Brade fuhr verzweifelt fort: »Dann erfuhren Sie, dass ich Ralphs Arbeit fortführen wollte -« Er hielt inne, um Atem zu holen; er wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn. »Und da wollten Sie das verhindern, Cap. Sie haben es im Zoo versucht; Sie haben alles getan, um mich für ein Thema aus der vergleichenden Biochemie zu interessieren. Als Ihnen das nicht gelang, haben Sie auch mich zum Tod verurteilt. Ich war im Begriff, Ihnen Unehre zu machen, und deshalb beschlossen Sie -« Doheny stand auf; sein breites Gesicht blickte etwas besorgt. »Professor«, sagte er, »immer langsam. Eins nach dem andern. Bleiben Sie bei Ralph Neufeld. Bleiben Sie bei Ralph Neufeld.« Brade wischte sich wieder mit dem Taschentuch übers Gesicht. »Schön«, sagte er, »ich bleibe bei Ralph Neufeld, und ich komme jetzt zu dem Punkt, der meine Behauptung beweist. Jawohl, beweist. Dieser Mann« - sein Finger zitterte, als er zum zweitenmal auf Cap deutete -»ist ein Sklave der Zeit. Das geht allen Lehrern so, aber er ist es in ganz besonderem Masse. Er hält seine Verabredungen auf die Minute genau ein. Er kam vorhin um Punkt fünf hier herein.« »Ja, das fiel mir auf«, sagte Doheny.

»Wir anderen machen ihm die Freude, wir finden uns zu Verabredungen mit ihm pünktlich ein, und er erwartet das inzwischen auch gar nicht anders. Ein Zuspätkommen duldet er nicht. Aber am vergangenen Donnerstag, als ich um fünf Uhr nachmittags mit ihm verabredet war, konnte ich nicht kommen, weil Ralph tot in seinem Labor lag - und ich im Institut bleiben musste. Woher wussten Sie das, Cap? Woher haben Sie vorhergewusst, dass ich ausgerechnet an diesem Tag die Verabredung nicht einhalten würde, wo ich mich sonst immer auf die Minute genau eingefunden hatte? Wann hatte ich einmal eine Verabredung nicht genau eingehalten? Mit welchem Recht nahmen Sie an, dass ich diesmal nicht dasein würde?«

»Wovon reden Sie da?« fragte Anson geringschätzig.

»Am Donnerstag nachmittag«, fuhr Brade fort, »um Punkt fünf Uhr trafen Sie meine Tochter auf der Strasse vor unserem Haus. Sie waren an dem Tag nicht im Institut gewesen. Niemand hatte Sie von Ralphs Tod benachrichtigt. Aber Sie gaben Ginny einen Stoss Manuskriptblätter Ihres Buches. Sie sagten: >Gib das deinem Vater, wenn er heimkommt.< Was brachte Sie zu der Annahme, dass ich nicht zu Hause war?«

»Nun, Sie waren nicht zu Hause«, erwiderte Anson. »Oder wollen Sie das abstreiten?« .

»Natürlich war ich nicht zu Hause, aber woher wussten Sie das? Sie haben Ginny nicht gefragt, ob ich zu Hause sei. Sie kamen nicht bis zur Haustür. Sie reichten ihr nur die Manuskriptseiten und sagten: >Gib das deinem Vater, wenn er heimkommt.< Sie wussten also, dass ich ausgerechnet dieses eine Mal nicht wie verabredet zu Hause war. Sie wussten, dass ich im Institut neben dem Tod Wache hielt. Wieso haben Sie das gewusst, Cap? Wieso haben Sie das gewusst?« »Bitte, schreien Sie nicht«, sagte Cap.

»Sie hatten meine Verabredung mit dem Tod inszeniert. Sie wussten, dass Ralph tot war, weil Sie den Erlenmeyerkolben vom Donnerstag vergiftet hatten. Sie wussten, dass ich den Toten vorfinden musste, wenn ich noch einmal kurz in Ralphs Labor hereinschaute, ehe ich ging. Und Sie wussten, dass ich das tun würde, weil dieses abendliche Hereinschauen ins Labor eines Doktoranden eine der Gewohnheiten war, die ich von Ihnen übernommen hatte. Aber auch so blieben Sie Ihrer Gewohnheit treu, eine Verabredung unbedingt einzuhalten, und Sie kamen bis vor mein Haus, um das Manuskript abzuliefern.« »Das ist alles Unsinn«, entgegnete Anson. »Ihre Tochter sagte mir, Sie seien nicht zu Hause.«

»Sie haben sie nicht danach gefragt.« »Doch.«

»Nein, Cap. Sie hat mir noch an demselben Abend gesagt, Sie hätten ihr aufgetragen, mir die Manuskriptseiten zu geben, wenn ich heimkomme. Als mir das heute mittag wieder einfiel, dachte ich, vielleicht hat sie mir nicht alles erzählt. Vielleicht fehlt noch etwas. Ich rief in ihrer Schule an, ließ sie an den Apparat holen, und dann musste sie mir alles noch einmal ganz genau erzählen. Ich habe sie sozusagen ins Kreuzverhör genommen. Sie haben sie nicht gefragt, ob ich zu Hause sei, Cap. Sie haben es einfach vorausgesetzt, weil Sie es wussten.»

Anson wandte sich an Doheny. »Ich nehme an, meine Aussage gilt mehr als die eines Kindes. Sie kann sich einfach nicht mehr erinnern. Wie sollte sie auch. Es war eine ganz flüchtige, beiläufige Begegnung vor immerhin schon vier Tagen.«

Doheny sagte: »Tja, Professor Brade, Ihr älterer Kollege hat recht, vor die Geschworenen könnten Sie damit nicht gehen.« »Aber ich habe Ihnen doch alles dargelegt«, erwiderte Brade. »Motiv, Gelegenheit zur Ausführung der Tat. Ablauf der Ereignisse. Es passt alles zusammen.« »Gewiss, gewiss«, sagte Doheny, »aber vieles passt zusammen. Ich kann eine Geschichte erfinden, in die Sie als Mörder hineinpassen oder die junge Dame oder sonstwer. Ist das nicht auch in der Chemie so? Können Sie nicht verschiedene Theorien für das eine oder andere Experiment aufstellen? »Ja«, sagte Brade ausdruckslos.

»Sie müssen eine finden, die Sie durch weitere Experimente untermauern können. Sehen Sie, sich einen logischen Ablauf von Ereignissen auszudenken, das ist alles schön und gut, aber Sie werden sich wundern, was ein Verteidiger aus so einer logischen Kette macht, wenn das alles ist, was Sie vorzuweisen haben.« Brade senkte den Kopf.

»Ich könnte Professor Anson verhaften, ihn vernehmen, aber wenn er unschuldig ist, würde das keinen guten Eindruck machen. Er ist auf seinem Gebiet bekannt und genießt einen guten Ruf. Als Beweismaterial brauche ich da schon etwas mehr als nur ein bisschen Logik. Ich müsste etwas Handfestes haben, so wie dieses Ding hier.« Er schlug mit der Faust gegen die Sauerstoffflasche, die einen dumpfen Ton von sich gab. »Etwas, an dem man ruhig mal drehen kann.« Er griff nach dem Hauptventil ...

Anson sprang entsetzt auf und schwang wild seinen Stock. »Lassen Sie die Finger von dem Ding, Sie verdammter Idiot -« Sein Stock pfiff durch die Luft.

Doheny machte eine rasche Bewegung, bekam den Stock zu fassen und zog Anson daran auf sich zu. »Ist etwas nicht in Ordnung mit dieser Flasche, Professor Anson?« fragte er ganz sanft. »Wie kommen Sie darauf?«

Cap Ansons Gesichtszüge verfielen jäh - er sah plötzlich noch viel älter aus.

»Woher wissen Sie, dass mit der Flasche etwas nicht in Ordnung ist?« fragte Doheny noch einmal.

Roberta schrie auf: »Sie haben ihn vergiftet, Sie haben ihn vergiftet!« und stürzte auf ihn zu. Brade fing sie auf und hielt sie fest.

Anson wandte mit einem Ruck das Gesicht dem Mädchen zu. »Er hatte es nicht anders verdient«, sagte er mit heiserer Stimme. »Er war ein Verräter an der Wissenschaft.«

»Dann haben Sie ihn also vergiftet?« fragte Doheny. »Sie sprechen in Gegenwart von Zeugen. Überlegen Sie sich das.«

»Ich hätte zuerst ihn beseitigen sollen.« Er deutete auf Brade und kreischte: »Inkompetent sind Sie! Ich habe Ihnen am Morgen danach gesagt, dass Sie es waren, und Sie sind auch dafür verantwortlich. Sie tragen die Verantwortung, weil Sie so nachlässig waren, ihn falsche

Daten eintragen zulassen. Sie haben seinen Tod zu einer Notwendigkeit gemacht.« Und dann ging er vom Schreien ins Flüstern über. »Ja, ich habe Ralph Neufeld vergiftet.« Und er ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Sie waren nun allein im Arbeitszimmer, Brade und Doheny. Der Kriminalbeamte hatte sich gerade die Hände gewaschen und trocknete sie an einem Papierhandtuch ab.

»Wird man streng mit ihm verfahren?« fragte Brade. Der Zorn des Augenblicks war verraucht, Cap war für ihn wieder Cap, ein alter Mann, ein etwas sonderbarer alter Mann, aber ein großer Chemiker und eben doch sein Lehrer, fast sein eigener Vater. Der Gedanke, dass er ins Gefängnis eingeliefert wurde...

»Meiner Ansicht nach kommt es nicht zu einer Verhandlung«, sagte Doheny und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Brade nickte traurig.

»Wissen Sie, Professor, ich muss sagen, ich bin froh, dass ich Sie von Anfang an doch richtig eingeschätzt hatte. Tut mir leid, dass ich einen Augenblick lang an Ihnen gezweifelt habe.« »Das Zweifeln gehört zu Ihrem Beruf.«

»Na schön. Aber Sie haben als Amateurdetektiv auch gute Arbeit geleistet.«

»Meinen Sie?« Brade lächelte schwach.

»Unbedingt. Sie hatten alles richtig inszeniert. Wenn ich Ihre Tatsachen zur Verfügung gehabt hätte, hätte ich es vielleicht auch geschafft, aber sicher nicht so gut und so schnell wie Sie.« »Na ja«, sagte Brade nachdenklich, »wissen Sie, ich hatte wahrscheinlich die Lösung die ganze Zeit parat, seit meine Tochter mir erzählte, was Cap zu ihr gesagt hatte. Aber ich konnte einfach nicht glauben, dass Cap es getan hatte, und so-so habe ich den Gedanken einfach beiseite geschoben. Du lieber Gott, als ich entdeckte, dass jemand an meiner Sauerstoffflasche gewesen war, da dachte ich zuerst an Cap, aber dann kam mir der Gedanke lächerlich vor. Warum hätte er das getan haben sollen? Nur weil ich mich geweigert hatte, Ralphs Arbeit sausenzulassen? Ich konnte ja noch nicht ahnen, dass er etwas von den Fälschungen wusste, dass er sich vorstellte, sein Ruf stehe auf dem Spiel.« Er neigte den Kopf. »Wann fiel bei Ihnen der Groschen?« fragte Doheny. »Als heute mittag die Laborübung begann. Ein ganz unbedeutender Umstand. Ich dachte darüber nach, wie sehr wir Lehrer an die Uhrzeit gebunden sind, und dabei denke ich immer an Cap. Und als ich gerade darüber nachdachte, reichte ein Student meinem Doktoranden, der diese Übung leitete, einen Stoss Papiere, und da sah ich Cap in einer ähnlichen Szene vor mir-ich sah ihn, wie er Ginny seine Manuskripte gab. Das hat dann alles weitere Nachdenken ausgelöst, und da war mir plötzlich der Hergang klar.« »Wie gesagt - gute Arbeit«, stellte Doheny anerkennend fest. »Nur hätten Sie beinahe alles verdorben.« »Wieso?«

»Ja, das war der Punkt, wo man Ihnen den Amateur anmerkte. Sie wollten dem alten Herrn alles auf den Kopf zusagen- aber wozu? Wenn er es gewesen war, dann war ihm das ja nicht neu. Verstehen Sie?« Man sagt einem Verdächtigen eben gerade nicht alles auf den Kopf zu! Man lässt etwas aus. Die Sache mit der Sauerstoffflasche zum Beispiel. Das durften Sie ihm nicht sagen. Wenn ich Sie nicht zurückgehalten hätte, hätten Sie vielleicht alles verdorben. Und was wäre dann gewesen?

Man darf einem, den man eines Verbrechens überführen will, immer nur einen Teil der Geschichte erzählen, und weil er sie ja ganz kennt, weiß er in der Aufregung später nicht mehr, welchen Teil Sie ihm erzählt haben - und welchen nicht. Dann bringen Sie ihn so weit, dass er Ihnen den Teil erzählt, den Sie ihm nicht erzählt haben. Verstehen Sie? Dann hat er sich verraten. So wie eben, als Professor Anson zu erkennen gab, dass er wusste, dass mit der Sauerstoffflasche etwas nicht stimmte.« »Ich bin Ihnen dafür zu Dank verpflichtet, Mr. Doheny.« Der Beamte zuckte die Achseln. »Nur so ein Trick, den der Beruf mit sich bringt. Ein alter Trick, aber die guten Tricks sind alle alt, zwangsläufig. Tja, ich glaube, ich verabschiede mich jetzt, Professor. Hoffe, wir sehen uns nicht wieder. Dienstlich, meine ich.« Brade schüttelte ihm zerstreut die Hand und blickte sich in seinem Arbeitszinmer um, als sähe er es zum erstenmal. »Haben Sie darüber nachgedacht«, sagte er, »dass diese ganze Sache knapp hundert Stunden gedauert hat?«

»Kam Ihnen länger vor, wie?« »Allerdings - wie ein ganzes Leben.« Doheny neigte den Kopf zur Seite und fragte: »Wie wird sich das alles auf Ihre Position hier auswirken?«

»Wie? Ach so, ja, wissen Sie« - in seinem kurzen Auflachen schwang eine Spur wilder Trotz mit -, »mir ist es eigentlich egal. Als ich herausgefunden hatte, dass ich mit der Kündigung rechnen muss, da fühlte ich mich auf einmal wie befreit. Ich brauchte mir jetzt keine Sorgen mehr darüber zu machen, ob ich meine Stellung verlieren würde, das hatte ich hinter mir. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe.«

»Doch, das haben Sie; ich verstehe, was Sie meinen.« »Als Cap mir schließlich sagte, dass man mir kündigen würde -« Brade hielt jäh inne und versank in Nachdenken. Hatte Cap ihm die Wahrheit gesagt? Hatte Littleby wirklich beschlossen, sein Anstellungsverhältnis nicht mehr zu verlängern? Oder war das nur ein Teil von Caps Taktik gewesen, ihn von Ralphs Arbeit abzubringen? Hatte es sozusagen zu seiner psychologischen Kriegführung gehört? Schließlich, wenn man an Littlebys versöhnlich stimmenden Mitteilungszettel von heute morgen dachte – Aber was sollte es? Gleichsam mit einem Stich der Erleichterung war sich Brade bewusst, dass ihm der Ausgang der Sache tatsächlich gleichgültig war. »Mir ist es egal«, sagte er. »Ich habe mich lange genug zurückgehalten und bemüht, nicht aufzufallen. Es macht viel mehr Spaß, auch einmal zurückzuschlagen. Als ich es Ranke und Foster vorgestern zeigte, da wurde mir klar, was so in einem steckt, was man erreichen kann, wenn man auf nichts Rücksicht zu nehmen braucht. Aber davon können Sie ja nichts wissen.«

Doheny beobachtete ihn mit den interessierten Augen des Amateurpsychologen. »Sie haben überhaupt einen ausgezeichneten Kampf gekämpft, Professor.«

Brade sagte mit plötzlich erwachender Energie. »Ja, es war ein Kampf, von Anfang bis zum Ende.« Das war es wirklich gewesen; er hatte gegen alles gekämpft, gegen mögliche familiäre Erschütterungen wie gegen die drohende Gefahr des elektrischen Stuhls. Er sagte langsam: »Und ich habe gewonnen.« »Das haben Sie, Professor.«

Brade lachte vor Erleichterung und Freude. Er dachte an Littleby. Der Ärmste musste mit seinen eigenen Problemen fertig werden, jetzt hatte er einen Mörder und einen Ermordeten in seinem Institut. Er würde sich in dieser Angelegenheit mit dem Dekan auseinandersetzen müssen, einem kleinen Tyrannen mit einem falschen Lächeln. Und der Dekan musste dem Präsidenten der Universität Rechenschaft ablegen. Und dann kamen die Kuratoren. Und dann die Presse. Die Reihe hinauf und hinunter war kein einziger sicher. Jeder musste mit seinem eigenen Teufel kämpfen. . Er sagte: »Ich gehe jetzt nach Hause. Es ist schon wieder spät geworden. Doris muss auch alles erfahren.« »Machen Sie sich wegen Ihrer Frau keine Gedanken«, sagte Doheny. »Ich dachte mir, dass Sie nicht dazu kommen werden, sie anzurufen, und da habe ich das erledigt und ihr gesagt, dass alles in Ordnung ist.

Ich habe gesagt, Sie kämen vielleicht etwas später, weil ich glaubte, die Jungens auf dem Revier wollten Ihnen noch ein paar Fragen stellen.« »So?«

»Aber es sieht so aus, als wäre das nicht der Fall. Also gehen Sie ruhig nach Hause. Wenn ich Sie noch einmal sprechen muss, weiß ich ja, wo ich Sie finde.«

»Ja. Und vielen Dank, Mr. Doheny.«

Sie reichten sich noch einmal die Hand und verließen zusammen das Gebäude. Brade wandte sich der Treppe zu, die außen an der Hauswand entlang zum Parkplatz führte.

Er drehte sich ein letztes Mal um. »Und, Mr. Doheny, das Komische ist, dass ich nach all diesen Jahren endlich das Bewusstsein der Sicherheit habe. Was aus meiner Stellung wird, ist mir völlig gleichgültig; ich habe Sicherheit an der einzigen Stelle, wo es darauf ankommt: hier drin.« Er klopfte sich an die Brust.

Er eilte die Stufen hinunter und kümmerte sich kaum darum, ob der Beamte ihn verstanden hatte.

Er fuhr jetzt nach Hause zu Doris - mit seiner neugewonnenen Sicherheit im Herzen.