Isaac Asimov

Die bosen Geschichten der schwarzen Witwer


EINLEITUNG

<p>EINLEITUNG</p>

Weil ich einen freundlichen und persönlichen Stil schreibe, neigen die Leser dazu, mir freundlich und persönlich zu schreiben und dabei allerhand freundliche und persönliche Fragen zu stellen. Und zumal ich wirklich so bin, wie mich der Stil, in dem ich schreibe, gewissermaßen porträtiert, beantworte ich diese Briefe. Und da ich keine Sekretärin oder sonstige Hilfskraft habe, erfordert das viel Zeit, die ich eigentlich dem Schreiben widmen sollte.

Es ist also nicht weiter verwunderlich, daß ich mich darauf verlegt habe, Einleitungen zu meinen Büchern zu schreiben in dem Bestreben, einige der erwarteten Fragen im voraus zu beantworten und dadurch manchen Briefen zuvorzukommen.

Ich bekomme zum Beispiel, da ich über viele verschiedene Themen schreibe, oft Fragen wie:

»Warum glauben Sie, ein bescheidener Science Fiction-Autor, Sie könnten ein zweibändiges Werk über Shakespeare schreiben?«

»Warum schreiben Sie, ein Shakespeareforscher, Science Fiction-Romane?«

»Was gibt Ihnen, einem Biochemiker, den Mut, ein Buch über Geschichte zu schreiben?«

»Was veranlaßt Sie, einen bloßen Historiker, zu der Annahme, Sie wüßten etwas über Wissenschaft?«

Und so weiter und so fort.

Demgemäß erscheint es gewiß, daß man mich, belustigt oder verärgert, auch einmal fragen wird, warum ich Kriminalgeschichten schreibe.

Also los!

Ich begann meine Schriftstellerlaufbahn als Autor von Science Fiction, und schreibe solche noch, wann immer ich kann, denn sie ist und bleibt meine erste und größte literarische Liebe. Ich interessiere mich aber für vieles, darunter auch für Kriminalgeschichten. Ich lese sie schon fast so lang wie Science Fiction.

Ich erinnere mich, wie ich, als Zehnjähriger, unter Lebensgefahr verbotene Exemplare des Shadow unter dem Kissen meines Vaters hervorholte, während er seinen Nachmittagsschlaf hielt. (Ich fragte ihn, warum er das las, wenn es verboten war, und er sagte, er brauche es, um Englisch zu lernen, während ich den Vorteil genoß, die Schule zu besuchen. Ein erbärmlicher Grund, meinte ich.)

Dann führte ich in meiner Science Fiction häufig ein kriminelles Motiv ein. Zwei meiner Romane sind richtige Kriminalgeschichten wenn auch zugleich Science Fiction. Ich habe genug kurze Science Fiction-Kriminalgeschichten geschrieben, um zu ermöglichen, daß eine Sammlung davon veröffentlicht wurde.

Ich schrieb auch eine >normale< Kriminalgeschichte, >The Death Dealers< (Avon, 1958), die später, 1968, von Walker and Company unter meinem eigenen Titel >A Whiff of Death< herausgegeben wurde. Sie handelte aber ausschließlich von Wissenschaft und Wissenschaftlern, und ihre Atmosphäre war die eines Science Fiction-Romans, was auch für die zwei Kriminalkurzgeschichten gilt, die ich an Krimi-Magazine verkaufte.

Immer stärker lockte es mich, Kriminalgeschichten zu schreiben, die nichts mit Wissenschaft zu tun hätten. Eines hielt mich jedoch davor zurück, nämlich der Umstand, daß die Kriminalgeschichten sich im letzten Vierteljahrhundert entwickelt hatten, nicht aber mein Geschmack. Heute werden Krimis mit Schnaps getränkt, mit Drogen durchsetzt, in Sex eingelegt und in Sadismus gebraten, während mein Ideal Hercule Poirot mit seinen kleinen grauen Zellen ist.

Dann aber erhielt ich, 1971, einen Brief von jener großartigen, blonden jungen Dame, Eleanor Sullivan, der leitenden Herausgeberin von >Ellery Queen's Mystery Magazine < (EQMM) mit der Anfrage, ob ich bereit wäre, eine Kurzgeschichte für das Magazin zu schreiben. Ich war natürlich mit Freuden dazu bereit, da ich mir dachte, wenn sie eine verlangten, könnten sie unmöglich so grausam sein, sie abzulehnen, wenn sie einmal geschrieben war, und das bedeutete, ich konnte ruhig meine, sehr intellektuelle, Art von Kurzgeschichte schreiben.

Ich begann unruhig, mir über mögliche Handlungen den Kopf zu zerbrechen, denn ich wollte etwas mit einem plausiblen Kniff, und Agatha Christie hatte ganz allein schon praktisch jeden möglichen Kniff verwendet.

Während noch die Rädchen in den stillen Winkeln meines Kopfes sich langsam drehten, besuchte ich zufällig den Schauspieler David Ford. Seine Wohnung ist voll mit interessanten Seltsamkeiten, und er erzählte mir, er sei überzeugt davon, daß jemand einmal etwas aus seiner Wohnung mitgenommen habe, könne dessen jedoch nicht sicher sein, weil er nicht sagen könne, ob etwas fehlt.

Ich lachte, und all die Rädchen in meinem Kopf seufzten erleichtert auf und drehten sich nicht länger. Ich hatte meinen Kniff.

Dann aber brauchte ich einen Hintergrund, vor dem ich den Kniff vorführen könnte, und da gab es etwas anderes.

Anfang der vierziger Jahre, so heißt es, heiratete jemand eine Dame, welche die Freunde ihres Mannes unerwünscht fand - und umgekehrt. Um eine geschätzte Verbindung nicht abzubrechen, organisierten diese Freunde einen Klub ohne Vorstandsmitglieder und Statuten, nur zu dem Zweck, einmal im Monat ein gemeinsames Abendessen zu veranstalten. Es würde eine reine Herrengesellschaft sein, so daß der betreffende Ehemann eingeladen und seine Frau regelrecht gebeten werden konnte, nicht mitzukommen.

Die Organisation erhielt den Namen >Fall-Tür-Spinnen< (kurz FTS), wahrscheinlich weil die Mitglieder das Gefühl hatten, sich zu verstecken.

Seither sind dreißig Jahre vergangen, aber die FTS gibt es noch immer. Es ist weiterhin eine Herrengesellschaft, obwohl das Mitglied, dessen Ehe die Organisation veranlaßte, längst geschieden ist.

Einmal im Monat, stets an einem Freitagabend, treffen die FTS zusammen, fast immer in Manhattan, manchmal in einem Restaurant, mitunter in der Wohnung eines Mitglieds. Bei jeder Zusammenkunft fungieren zwei Mitglieder freiwillig als Gastgeber, die bei dieser Gelegenheit die Kosten tragen und von denen jedes einen Gast mitbringen darf. Die durchschnittliche Zahl der Anwesenden liegt bei zwölf. Von 6 Uhr 30 bis 7 Uhr 30 werden Getränke serviert und man plaudert, von 7 Uhr 30 bis 8 Uhr 30 wird gespeist und geplaudert, und danach wird nur mehr geplaudert.

Nach der Mahlzeit wird jeder Gast über seine Interessen, seinen Beruf, seine Hobbys, seine Ansichten ausgefragt, und die Ergebnisse sind fast immer interessant, oft sogar faszinierend.

Die wichtigsten Absonderlichkeiten der FTS:

1. Jedes Mitglied wird von den anderen mit >Doktor< angesprochen, der Titel gehört mit zur Mitgliedschaft.

2. Von jedem Mitglied wird erwartet, daß er für eine Erwähnung der FTS in seinem Nekrolog sorgt.

Ich selbst war zweimal Gast bei FTS-Abenden, und als ich 1970 nach New York übersiedelte, wurde ich zum Mitglied gewählt.

Nun, dachte ich mir, warum sollte ich nicht meine Kriminalgeschichte mit der Zusammenkunft einer ähnlichen Organisation wie der FTS als Hintergrund erzählen? Mein Klub sollte die >Schwarzen Witwer« heißen, und ich würde die Zahl halbieren, um sie handgerecht zu machen, sechs Herren und ein Gast.

Es gibt natürlich Unterschiede. Die Mitglieder der FTS haben im wirklichen Leben nie versucht, Kriminalrätsel zu lösen, und keines von ihnen ist so exzentrisch wie die Mitglieder der Schwarzen Witwer. Tatsächlich sind die FTS-Mitglieder, einer wie der andere, liebenswerte Menschen, und es besteht zwischen ihnen eine Zuneigung, die rührend anzusehen ist. Seien Sie also bitte überzeugt, daß die Charaktere und Vorfälle in diesem Buch meine eigene Erfindung und mit niemand und nichts in FTS gleichzusetzen sind, es sei denn insofern, als sie sinnvoll und liebenswert sein mögen.

Insbesondere Henry, der Kellner, ist meine eigene Erfindung, und es gibt für ihn bei FTS keine auch noch so entfernte Analogie.

Da ich somit Handlung und Hintergrund hatte, schrieb ich eine Kurzgeschichte, und sie wurde von EQMM angenommen.

Nach Verkauf der ersten Kurzgeschichte gab es für mich natürlich kein Halten mehr. Ich schrieb eine Schwarze-Witwer-Geschichte nach der anderen, und in kaum einem Jahr hatte ich acht geschrieben und alle dem EQMM verkauft.

Meine treuen Verleger, Doubleday and Company, hatten seit der ersten Geschichte geduldig im Hintergrund gewartet, und nun bringen sie sie gesammelt unter dem Namen >Die bösen Geschichten der Schwarzen Witwer< in Buchform heraus.


Die Wahrheit sagen

<p id="_bookmark2"><strong>Die Wahrheit sagen</strong></p>

Als Roger Halsted am Tag der monatlichen Zusammenkunft der Schwarzen Witwer oben auf der Treppe erschien, waren nur Avalon und Rubin anwesend. Sie begrüßten ihn freudig.

Emmanuel Rubin sagte: »So ist es dir endlich gelungen, dich soweit aufzuraffen, um mit deinen alten Freunden zusammenzukommen?« Er ging auf Halsted zu und streckte mit einem breiten Lächeln die Arme aus und den struppigen Bart vor.

»Abend, Roger«, sagte Geoffrey Avalon, von seiner steifen Höhe herablächelnd. »Nett, dich zu sehen.«

Halsted schälte sich aus dem Mantel. »Verdammt kalt draußen. Henry, bringen...«

Henry jedoch, der einzige Kellner, den die Schwarzen Witwer jemals hatten, hielt den Drink schon bereit. »Ich freue mich, Sie wieder zu sehen, Sir.«

Halsted nahm das Glas und nickte dankend.

Mario Gonzalo kam die Stufen herauf geeilt. Er war der Gastgeber an dem Abend und fragte: »Sonst noch jemand hier?«

»Keiner außer uns Alten«, sagte Avalon freundlich.

»Mein Gast ist auf dem Weg herauf. Ein wirklich interessanter Mensch. Er wird Henry gefallen, weil er niemals lügt.«

Henry zog die Brauen hoch, als er den Drink für Mario servierte.

»Erzähl mir nicht, daß du George Washington mitbringst?« sagte Halsted.

»Roger! Ein Vergnügen, dich wiederzusehen... Übrigens, Jim Drake wird heute nicht bei uns sein. Er sandte eine Karte, er muß an irgendeiner Familienfeier teilnehmen. Der Gast, den ich mitbringe, ist ein gewisser Sand - John Sand. Ich kenne ihn mehr oder minder seit Jahren. Verrückter Kerl. Ein Pferderennennarr, der nie lügt. Es ist aber auch so ziemlich seine einzige Tugend.« Und Gonzalo zwinkerte.

Avalon nickte ominös. »Wer das kann, hat Glück. Aber wenn man älter wird ...« »Und ich glaube, es wird ein interessanter Abend werden«, fuhr Gonzalo eilig fort, sichtlich Avalons züchtigen vertraulichen Mitteilungen ausweichend. »Ich erzählte ihm von dem Klub und daß wir die beiden letzten Male Kriminalrätsel zu lösen hatten... «

»Kriminalrätsel?« fragte Halsted mit plötzlichem Interesse.

Gonzalo sagte: »Du bist ein Klubmitglied von Rang, also dürfen wir es dir erzählen. Aber das soll Henry besorgen. Er war beide Male eine Hauptperson.«

»Henry?« Halsted blickte mit leisem Staunen über seine Schulter. »Werden Sie jetzt in unsere Dummheiten einbezogen?«

»Ich versichere Ihnen, Mr. Halsted, daß ich dem auszuweichen versuchte«, sagte Henry.

»Auszuweichen versuchte!« sagte Rubin hitzig. »Hör mal, bei dem letzten Abend war Henry der Sherlock Holmes. Er...«

»Die Sache ist die«, sagte Avalon, »daß du vielleicht zu viel geredet hast, Mario. Was hast du deinem Freund über uns erzählt?«

»Wieso - zu viel geredet? Ich bin doch nicht Manny! Ich sagte Sand ausdrücklich, ich könnte ihm keine Einzelheiten angeben, denn wir sind alle nur Priester im Beichtstuhl, insoweit es diesen Raum angeht; und er sagte, er wäre gern ein Mitglied, er habe eine Schwierigkeit, die ihn rasend mache, und ich sagte, er könne das nächstemal mitkommen, denn ich bin an der Reihe als Gastgeber, und er könne mein Gast sein - hier ist er!«

Ein schlanker Mann mit einem dicken Schal um den Hals kam die Treppe heraufgestiegen. Seine schlanke Figur wurde noch auffallender, als er den Mantel ablegte. Unter dem Schal trug er einen blutroten Schlips, der seinem mageren, bleichen Gesicht Farbe verlieh. Er schien etwas über dreißig Jahre alt.

»John Sand«, sagte Mario und stellte ihn rundum vor, dann wurde er durch Thomas Trumbulls schweren Schritt auf der Treppe unterbrochen und durch den lauten Ruf: »Henry, einen Scotch mit Soda für einen Sterbenden!«

Rubin sagte: »Tom, du könntest früh kommen, wenn du dich entspanntest und deine heftigen Bemühungen, zu spät zu kommen, aufgäbest.«

»Je später ich komme«, sagte Trumbull, »desto kürzer muß ich mir deine blöden Bemerkungen anhören. Denkst du daran?« Dann wurde auch er dem Gast vorgestellt, und alle nahmen Platz.

Da das Menü für dieses Treffen unbedachtsamerweise mit Artischocken begann, erging sich Rubin in einen Vortrag über die Zubereitung der einzig dafür geeigneten Sauce. Als Trumbull dann angewidert erklärte, daß zu der einzig entsprechenden Saucenzubereitung für Artischocken eine große Mülltonne gehöre, sagte Rubin: »Gewiß, wenn du nicht die richtige Sauce hast...»

Sand aß unbehaglich und ließ zumindest ein Drittel eines ausgezeichneten Steaks unberührt. Halsted, der zu Beleibtheit neigte, beäugte neidisch die Überreste. Sein Teller war als erster leer; nur ein nackter Knochen und etwas Fett blieben übrig.

Sand schien Halsteds Blick zu bemerken und sagte ihm: »Offen gestanden verderben mir Sorgen den Appetit. Hätten Sie Lust, diesen Rest zu essen?«

»Ich? Nein, danke«, sagte Halsted verdrießlich.

Sand lächelte. »Darf ich aufrichtig sein?«

»Natürlich. Wenn Sie die Gespräche an diesem Tisch angehört haben, ist Ihnen doch klar, daß Aufrichtigkeit für diesen Abend an der Tagesordnung ist.«

»Gut, denn ich wäre es auch ohnedies. Es ist mein - Steckenpferd. Sie lügen, Mr. Halsted. Natürlich wollen Sie den Rest meines Steaks und würden ihn auch essen, wenn Sie annähmen, daß es keiner merkt. Das ist völlig klar. Doch die gesellschaftliche

Konvention verlangt, daß Sie lügen. Sie wollen nicht gierig erscheinen und wollen nicht die Hygienegrundlagen ignorieren, indem Sie etwas essen, das durch den Speichel eines Fremden verunreinigt ist.«

Halsted runzelte die Stirn. »Und wenn es umgekehrt wäre?«

»Und ich Appetit auf mehr Steak hätte?«

»Ja.«

»Nun, vielleicht würde ich Ihr Steak aus hygienischen Gründen nicht essen, aber ich würde zugeben, daß ich es wollte. Fast alles Lügen ist ein Ergebnis des Wunsches nach Selbstschutz oder geschieht aus Respekt für gesellschaftliche Konventionen. Mir erscheint jedoch eine Lüge selten als nützliche Verteidigung, und gesellschaftliche Konventionen interessieren mich gar nicht.«

Rubin sagte: »Tatsächlich ist eine Lüge eine wirksame Verteidigung, wenn sie kompromißlos ist. Der Fehler der meisten Lügen liegt darin, daß sie nicht gründlich genug durchgehalten werden.«

Henry brachte den Rumkuchen und goß vorsichtig Kaffee ein, dann sagte Avalon: »Kommen wir nun zu unserem geehrten Gast.«

Gonzalo sagte: »Als Gastgeber und Vorsitzender dieser Sitzung werde ich das Kreuzverhör abblasen. Unser Gast hat ein Problem, und ich ersuche ihn, es uns vorzutragen.« Er zeichnete eine schnelle Karikatur Sands auf die Rückseite der Speisekarte, die ein mageres, trauriges, zum Antlitz eines Bluthundes verzerrtes Gesicht zeigte.

Sand räusperte sich. »Soviel ich weiß, wird alles, was in diesem Raum gesagt wird, vertraulich behandelt, aber... «

Trumbull folgte seinem Blick und brummte: »Keine Sorge wegen Henry. Er ist der beste von uns allen. Wenn Sie an der Diskretion irgendeines von uns zweifeln wollen, zweifeln Sie an einem anderen!«

»Danke, Sir«, murmelte Henry, indem er die Cognacgläser auf die Anrichte stellte.

Sand sagte: »Das Schlimme ist, meine Herren, daß ich eines Verbrechens verdächtigt werde.«

»Welcher Art von Verbrechen?« fragte Trumbull sofort. Gewöhnlich war es seine Aufgabe, die Gäste zu befragen, und sein Blick verriet, daß er nicht die Absicht hatte, sich das Verhör entgehen zu lassen.

»Diebstahl«, sagte Sand. »Aus dem Panzerschrank in meiner Firma fehlen eine Geldsumme und ein Bündel verwertbarer Obligationen. Ich bin einer von denen, welche die Kombination haben, und ich hatte Gelegenheit, unbeobachtet daran heranzukommen. Ich hatte auch ein Motiv, denn ich hatte Pech beim Rennen und brauchte dringend Bargeld. Es sieht also für mich nicht gut aus.«

»Aber er hat es nicht getan«, sagte Gonzalo eifrig. »Das ist es eben. Er hat es nicht getan.«

Avalon drehte den halben Drink, den er nicht austrinken würde, in seinem Glas und sagte: »Ich glaube, wir sollten im Interesse des Zusammenhangs Mr. Sand seine Geschichte zu Ende erzählen lassen.«

»Ja«, sagte Trumbull, »wieso weißt du, daß er es nicht getan hat, Mario?«

»Das ist es ja eben, verdammt noch mal! Er sagt, daß er es nicht getan hat«, antwortete Gonzalo, »und das genügt. Vielleicht nicht für den Gerichtshof, aber mir und jedem, der ihn kennt, genügt es. Ich habe ihn genug schlimme Dinge gestehen hören... «

»Vielleicht frage ich ihn selbst, ja?« sagte Trumbull. »Mr. Sand, haben Sie das Zeug genommen?«

Sand zögerte. Seine blauen Augen wanderten von einem Gesicht zum anderen, und er sagte: »Meine Herren, ich sage die Wahrheit. Das Bargeld oder die Obligationen habe ich nicht genommen. Das ist bloß mein unbestätigtes Wort, aber jeder, der mich kennt, wird Ihnen sagen, daß man sich auf mich verlassen kann.«

Halsted strich sich mit der Hand aufwärts über die Stirn, als wolle er Zweifel beseitigen. »Mr. Sand«, sagte er, »Sie scheinen eine gewisse Vertrauensstellung einzunehmen. Sie haben Zutritt zu einem Tresor, in dem sich Werte befinden. Dennoch spielen Sie beim Pferderennen.«

»Das tun viele.«

»Und verlieren.«

»Ich plante es nicht ganz so.«

»Aber laufen Sie nicht Gefahr, Ihren Posten zu verlieren?«

»Ich genieße den Vorteil, Sir, daß ich bei meinem Onkel angestellt bin, dem meine Schwäche bekannt ist, der aber auch weiß, daß ich nicht lüge. Er wußte, daß ich die Mittel und die Gelegenheit besaß, und er wußte, daß ich Schulden hatte. Auch wußte er, daß ich in letzter Zeit meine Spielschulden abbezahlt habe. Das erzählte ich ihm. Der Indizienbeweis sah schlimm aus. Doch dann fragte er mich unmittelbar, ob ich für den Verlust verantwortlich sei, und ich sagte ihm genau, was ich Ihnen sagte: das Bargeld oder die Obligationen habe ich nicht genommen. Da er mich gut kennt, glaubt er mir.«

»Wie kommt es, daß Sie Ihre Schulden bezahlt haben?« fragte Avalon.

»Weil ein unwahrscheinlicher Außenseiter gewann, auf den ich gesetzt hatte. Auch das kommt manchmal vor. Es geschah kurz, bevor der Diebstahl entdeckt wurde, und ich zahlte die Buchmacher aus. Auch das ist wahr, und ich erzählte es meinem Onkel.«

»Dann hatten Sie aber kein Motiv«, sagte Gonzalo.

»Das kann ich nicht sagen. Der Diebstahl konnte bereits zwei Wochen vor der Entdeckung begangen worden sein. So lange hatte niemand in der betreffenden Schublade in dem Tresor nachgesehen - außer dem Dieb natürlich. Es könnte behauptet werden, daß das Pferd auf Sieg kam, nachdem ich die Wertsachen genommen hatte, und den Diebstahl - zu spät - unnötig machte.«

»Man könnte behaupten«, sagte Halsted, »daß Sie das Geld zu dem Zweck nahmen, um eine große Wette auf das Pferd zu placieren, das hereinkam.«

»So groß war die Wette nicht, und ich besaß andere Quellen, aber das ist richtig, es könnte behauptet werden.«

»Wenn Sie aber Ihre Stellung noch haben«, warf Trumbull ein, »und wenn Ihr Onkel Sie nicht strafrechtlich verfolgt, was ich als gegeben annehme... Hat er sich denn überhaupt an die Polizei gewandt?«

»Nein, er kann den Verlust schlucken und ist der Ansicht, daß die Polizei versuchen wird, mir die Sache anzuhängen. Er weiß, daß das, was ich ihm sagte, wahr ist.«

»Worin besteht dann, um Himmels willen, Ihr Problem?«

»Es gibt keinen anderen, der es getan haben kann. Mein Onkel kann sich keine andere Möglichkeit als Erklärung für den Diebstahl denken. Und ich auch nicht. Und solange er es nicht kann, wird immer ein Rest von Unbehagen, von Verdacht zurückbleiben. Er wird mich dauernd im Auge behalten, er wird mir immer nur zögernd vertrauen. Ich werde meinen Posten behalten, werde aber nicht befördert werden und könnte mich in der Firma so unbehaglich fühlen, daß ich gezwungen wäre, sie zu verlassen. Dann könnte ich nicht auf eine aufrichtige Empfehlung zählen, und eine laue von einem Onkel wäre katastrophal.«

Rubin runzelte die Stirn. »Sie kamen also hierher, Mr. Sand, weil Gonzalo sagte, daß wir rätselhafte Kriminalfälle lösen. Wir sollen Ihnen sagen, wer den Diebstahl tatsächlich begangen hat.«

Sand zog die Schultern hoch. »Vielleicht nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich Ihnen genügend Information geben kann. Es ist nicht so, als wären Sie Detektive, die Nachforschungen anstellen können. Wenn Sie mir nur sagen könnten, wie der Diebstahl ausgeführt werden konnte - das würde mir helfen, selbst wenn es weit hergeholt wäre. Wenn ich zu meinem Onkel gehen und sagen könnte: >Onkel, so und so hätte man es doch machen können, nicht wahr?< Sogar wenn wir nicht sicher wären, sogar wenn wir die Wertsachen nie wiederbekämen, würde es wenigstens den Verdacht zerstreuen. Er würde nicht den ewig nagenden Gedanken haben, ich sei der einzig mögliche Schuldige.«

»Nun«, sagte Avalon, »wir könnten doch wohl versuchen, logisch vorzugehen. Wie steht es mit den anderen, die mit Ihnen und Ihrem Onkel arbeiten? Ist von denen irgendeiner in Geldnot?«

Sand schüttelte den Kopf. »So sehr, um die möglichen Folgen eines Ertapptwerdens zu riskieren? Ich weiß nicht. Vielleicht hat einer von ihnen Schulden oder einer könnte erpreßt werden, oder habgierig sein oder einfach die Gelegenheit haben und impulsiv handeln. Wenn ich ein Detektiv wäre, könnte ich umhergehen und Fragen stellen, oder ich könnte Dokumente überprüfen oder was immer die zu tun pflegen. Unter den gegebenen Umständen... «

»Natürlich«, sagte Avalon, »das können wir auch nicht... Nun, Sie hatten sowohl die Möglichkeit wie die Gelegenheit, aber hatte die auch jemand anders?«

»Mindestens drei Leute hätten ebensoleicht Zugang zu dem Tresor gehabt und hätten noch leichter ungestraft davonkommen können, aber keiner davon kannte die Kombination, und der Tresor wurde nicht erbrochen, das ist sicher. Außer meinem Onkel und mir gibt es zwei Leute, welche die Kombination kennen, aber der eine Mann befand sich in der ganzen in Frage kommenden Zeit im Hospital, und der andere ist ein so altes und verläßliches Firmenmitglied, daß es undenkbar wäre, ihn zu verdächtigen.«

»Aha«, sagte Mario Gonzalo, »und genau der ist unser Mann.«

»Du hast zu viele Kriminalromane gelesen«, sagte Rubin sofort. »Tatsache ist, daß bei fast jedem Verbrechen der am meisten Verdächtige auch wirklich der Verbrecher ist.«

»Das gehört nicht zur Sache«, sagte Halsted, »und ist außerdem uninteressant. Was wir hier haben, ist eine rein logische Aufgabe. Lassen wir uns doch von Mr. Sand erzählen, was er über jedes Firmenmitglied weiß, dann können alle versuchen, ein Motiv, Mittel und eine Gelegenheit für eine bestimmte Person herauszubringen.«

»Ach, zum Teufel«, warf Trumbull ein, »wer sagt denn, daß es eine Person sein muß? Es war also einer im Hospital. Großartig! Es gibt doch das Telefon. Er ruft an und sagt die Kombination einem Mitschuldigen.«

»Gut, gut«, sagte Halsted hastig, »wir erwägen natürlich allerlei Möglichkeiten, von denen manche plausibler sind als andere. Nachdem wir sie analysiert haben, kann Mr. Sand die glaubwürdigste auswählen und auch benutzen.«

»Darf ich etwas sagen, Sir?« Henry sprach so schnell und um so viel lauter als sein übliches Murmeln, daß sich alle ihm zuwandten.

Henry sagte, nun wieder leise: »Obwohl ich kein Schwarzer Witwer bin -«

»Das stimmt nicht«, sagte Rubin. »Sie wissen, daß Sie einer sind. Tatsächlich sind Sie der einzige, der noch keine Zusammenkunft versäumt hat.«

»Dann darf ich auf etwas hinweisen, meine Herren: Wenn Mr. Sand Ihre Entscheidungen, wie immer sie lauten mögen, seinem Onkel mitteilt, wird er die Ergebnisse dieser Zusammenkunft aus den Wänden dieses Raumes hinaustragen.«

Es entstand eine unbehagliche Stille. Halsted sagte: »Um das Leben eines Unschuldigen vor dem Ruin zu retten, ist es doch sicher... «

Henry schüttelte den Kopf. »Aber das würde Verdacht auf einen oder mehrere Menschen fallen lassen, die auch unschuldig sein könnten.«

Avalon sagte: »Damit hat Henry nicht unrecht. Das scheint unseren Plan zu vereiteln.«

»Es sei denn«, sagte Henry, »wir gelangen zu einer endgültigen Schlußfolgerung, welche den Klub zufriedenstellt und die Außenwelt nicht einbezieht.«

»Was haben Sie im Sinn, Henry?« fragte Trumbull.

»Wenn ich es erklären darf... Es interessierte mich, einen Mann kennenzulernen, von dem Mr. Gonzalo vor dem Essen erzählte, er sage nie eine Lüge.«

»Aber hören Sie, Henry«, sagte Rubin, »Sie sind doch selbst pathologisch ehrlich. Sie wissen es. Das wurde festgestellt.«

»Das mag schon sein«, sagte Henry, »aber mitunter lüge ich doch.«

»Zweifeln Sie an Mr. Sand? Glauben Sie, daß er lügt?« fragte Rubin.

»Ich versichere Ihnen...«, begann Sand fast besorgt.

»Nein«, sagte Henry, »ich glaube, jedes Wort, das Mr. Sand sagte, ist wahr. Das Geld oder die Obligationen hat er nicht genommen. Dennoch ist logisch er es, auf dem der Verdacht vielleicht liegen bleibt. Seine Karriere könnte zugrunde gerichtet werden. Andererseits brauchte das nicht der Fall zu sein, wenn annehmbare Eventualitäten gefunden werden könnten, auch wenn das nicht wirklich zu einer Lösung führt. Und da er selbst keine annehmbare Eventualität zu finden vermag, sucht er eine bei uns. Ich bin überzeugt, daß all dies wahr ist.«

Sand nickte. »Nun schön, danke.«

»Aber was ist denn Wahrheit?« sagte Henry. »Ich glaube zum Beispiel, Mr. Trumbull, daß Ihre Gewohnheit, immer zu spät zu kommen mit dem Ruf >Scotch und Soda für einen Sterbendem, ungesittet und unnötig und, noch schlimmer, langweilig geworden ist. Ich hege den Verdacht, daß auch andere Anwesende dieser Ansicht sind.«

Trumbull errötete, aber Henry fuhr unbeirrt fort. »Wenn ich jedoch, unter normalen Umständen, gefragt würde, ob ich das mißbillige, würde ich es verneinen. Genau genommen, wäre das eine Lüge, aber ich schätze Sie aus anderen Gründen, Mr. Trumbull, welche bei weitem ausschlaggebender sind als diese Ihre Eigenheit, so daß die strikte Wahrheit, mit der ich eine Mißbilligung Ihrer Person ausdrücken würde, letzten Endes eine große Lüge wäre. Ich lüge also, um die Wahrheit - meine Sympathie für Sie - auszudrücken.«

Trumbull brummte: »Ich bin nicht sicher, daß mir Ihre Art von Sympathie zusagt.«

»Nach Mr. Sands Ansicht«, meinte Henry, »werden alle Lügen in Selbstschutz oder aus gesellschaftlicher Konvention ausgesprochen. Wir können aber Selbstschutz und gesellschaftliche Konvention nicht immer ignorieren. Wenn wir nicht lügen können, müssen wir die Wahrheit für uns lügen lassen.«

»Das ist unverständlich, Henry«, sagte Gonzalo.

»Ich glaube nicht, Mr. Gonzalo. Nur wenige Menschen horchen genau auf die Worte, und so manche wörtliche Wahrheit ist in ihrer eigentlichen Bedeutung eine Lüge. Wer sollte das besser wissen als einer, der stets die wörtliche Wahrheit spricht?«

Sands bleiche Wangen wurden weniger bleich, oder sein roter Schlips reflektierte besser das Licht nach oben. »Worauf zum Teufel wollen Sie hinaus?« fragte er.

»Ich möchte Sie etwas fragen, Mr. Sand. Wenn die Klubmitglieder einverstanden sind, natürlich.«

»Es ist mir gleichgültig, ob sie das sind oder nicht«, sagte Sand mit einem finsteren Blick auf Henry. »Wenn Sie einen solchen Ton anschlagen, werde ich vielleicht nicht antworten.«

»Das brauchen Sie vielleicht gar nicht«, sagte Henry. »Es geht darum, daß Sie jedesmal, wenn Sie das Verbrechen bestreiten, es mit genau den gleichen Worten tun. Es mußte mir auffallen, denn ich war entschlossen, genau auf Ihre Worte zu achten, seit ich hörte, daß Sie nie lügen. Sie sagten jedesmal >Das Bargeld oder die Obligationen habe ich nicht genommene

»Und das ist völlig wahr«, sagte Sand laut.

»Dessen bin ich sicher, denn sonst hätten Sie es nicht gesagt«, antwortete Henry. »Hier ist also die Frage, die ich Ihnen stellen möchte: Haben Sie vielleicht das Bargeld und die Obligationen genommen?«

Darauf folgte eine kurze Stille. Dann erhob sich Sand und sagte: »Ich werde nun meinen Mantel nehmen. Guten Abend. Ich erinnere Sie alle daran, daß nichts von dem, was hier vorgeht, draußen wiederholt werden darf.«

Als Sand fort war, sagte Trumbul »Da holt mich aber der Teufel!«

Worauf Henry antwortete: »Vielleicht nicht, Mr. Trumbull. Man darf nie verzweifeln.«


Anmerkung

Die Geschichte erschien zum erstenmal im EQMM unter dem Titel >Der Mann, der niemals log<. Ich halte den Magazintitel für uninteressant, deshalb kehrte ich hier zu dem ursprünglichen zurück.

Ich schrieb die Geschichte am 14. Februar 1972. An das Datum erinnere ich mich nicht, weil ich ein großartiges Gedächtnis habe, sondern weil sie im Hospital am Tag vor meiner (bisher) einzigen Operation geschrieben wurde. An dem Tag besuchte mich mein Lektor von Doubleday, und ich gab ihm das Manuskript mit der Bitte, es mit einem Boten an EQMM zu schicken.

Das tat Larry natürlich, und als ich nach der Operation noch im Hospital lag, erfuhr ich, daß die Kurzgeschichte angenommen worden war. Seither fragte ich mich (wenn ich nichts Besseres zu tun hatte), ob sie aus Sympathie für mich armen Leidenden angenommen wurde, aber es scheint nicht der Fall zu sein. Sie wurde für eine Sammlung der besten Krimigeschichten des Jahres ausgewählt, daher nehme ich doch an, sie ist gut.

Ach, und die Erklärung, weshalb es die kürzeste Geschichte des Buchs ist: Ich mußte sie fertigstellen, bevor der Chirurg sein Skalpell aus den Zähnen nahm, es an seinem Oberschenkel wetzte und an die Arbeit ging.


Geh, Brieflein, geh!

<p id="_bookmark3"><strong>Geh, Brieflein, geh!</strong></p>

»Meine Frau hat schon wieder einen Stier gekauft!« sagte Emmanuel Rubin, wobei sein spärlicher Kinnbart vor Empörung zitterte.

Gespräche über Frauen und insbesondere über Ehefrauen waren bei den betont männlichen monatlichen Zusammenkünften der absichtlich so genannten > Schwarzen Witwen< verpönt, aber Gewohnheiten sind zählebig. Mario Gonzalo, der eine Skizze des Gastes der Zusammenkunft anfertigte, sagte: »In deiner Mini-Wohnung?«

»Es ist eine tadellose Wohnung«, sagte Rubin empört, »sie wirkt nur klein. Und sie würde nicht so klein wirken, wenn Jane sie nicht mit Stieren aus Holz, Porzellan, Keramik, Bronze und Filz vollstopfte. Sie hat welche von zwei bis zu dreißig Zentimeter Länge, an der Wand, auf den Regalen, auf dem Fußboden und von der Decke hängend ...«

Avalon sagte, wobei er langsam seinen Drink im Glas drehte: »Ich nehme an, sie braucht Symbole von Männlichkeit.«

»Wenn sie mich hat?« sagte Rubin.

»Weil sie dich hat«, sagte Gonzalo und nahm den Drink, den ihm der unersetzliche Dauerkellner der Schwarzen Witwer, Henry, aufdrängte - dann eilte er zu seinem Platz, um Rubins explosiver Antwort auszuweichen.

Thomas Trumbull sagte mit böse gerunzelter Stirn: »Hoffentlich haben Sie bemerkt, Henry, daß ich heute frühzeitig kam, obwohl ich nicht Gastgeber bin.«

»Ich habe es bemerkt, Mr. Trumbull«, sagte Henry mit freundlichem Lächeln.

»Dann hätten Sie die Tatsache nach dem, was Sie das letztemal über mich sagten, zumindest öffentlich billigen können.«

»Ich billige sie, Sir, aber es wäre falsch, ein akutes Problem daraus zu machen. Es würde den Eindruck erwecken, als falle es Ihnen schwer, rechtzeitig zu kommen, und es würde keiner erwarten, daß Sie dieses Kunststück das nächstemal wiederholen. Wenn wir alle darüber hinweggehen, wird es scheinen, als hielten wir es für selbstverständlich, daß Sie es schaffen können, und dann können Sie es ohne Schwierigkeit wiederholen.«

»Geben Sie mir einen Scotch und Soda, Henry, und verschonen Sie mich mit der Dialektik.«

Tatsächlich war Rubin der Gastgeber, und sein Gast war einer seiner Verleger, ein glattrasierter Herr mit rundem Gesicht und gutmütigem Lächeln. Er hieß Roland Klein.

Wie den meisten Gästen fiel es ihm anfänglich schwer, in das Gesprächskarussell einzusteigen, und schließlich machte er einen Sprung in Richtung zu dem einzigen Mann an der Tafel, den er kannte.

»Sagtest du eben, Manny«, fragte er, »daß Jane wieder einen Stier gekauft hat?«

»Richtig«, sagte Rubin. »Eigentlich eine Kuh, denn sie sitzt auf einer Mondsichel, aber mit Sicherheit läßt es sich nicht sagen. Die Hersteller dieser Dinge achten selten auf anatomische Einzelheiten.«

Avalon, der sein Eßbesteck fachmännisch an dem gefüllten Kälberbraten handhabte, unterbrach seine Arbeit und sagte: »Sammlerwut ist etwas, das fast jeden Menschen mit Mußezeit befällt. Sie bringt viel Freude: die Erregung bei der Suche, das Entzücken bei der Erwerbung, Ergötzung bei späterer Betrachtung. Das kann man mit allem tun. Ich selbst sammle Briefmarken.«

»Das Schlimmste, was man sammeln kann«, sagte Rubin sofort. »Westentaschenländer bringen bewußt Ausgaben heraus, um hohe Preise zu erreichen. Irrtümer, Fehldrucke und dergleichen schaffen falsche Werte. Das Ganze liegt in den Händen von Unternehmern und Finanzleuten. Wenn einer schon sammeln muß, sollte er Dinge ohne Wert sammeln.«

Gonzalo sagte: »Einer meiner Freunde sammelt seine eigenen Bücher. Bisher hat er einhundertachtzehn veröffentlicht und beschafft sich sorgsam Exemplare von jeder Ausgabe in Amerika und im Ausland. Er hat ein ganzes Zimmer voll davon und sagt, er sei der einzige Mensch in der Welt mit einer vollständigen Sammlung seiner Werke, was später einmal eine Riesensumme wert sein wird.«

»Nach seinem Tod«, sagte Drake kurz.

»Ich glaube, er plant, seinen Tod vorzutäuschen, die Sammlung für eine Million Dollar zu verkaufen, dann wieder ins Leben zurückzukehren und unter einem Pseudonym weiterzuschreiben.«

An diesem Punkt mischte sich Klein wieder ins Gespräch. »Gestern lernte ich einen Mann kennen«, sagte er, »der Streichholzbriefchen sammelt.«

»Die habe ich auch als Kind gesammelt«, sagte Gonzalo. »Ich suchte überall an den Randsteinen und in den Gassen danach... «

Plötzlich erhob jedoch Trumbull, der ungewöhnlich schweigsam gegessen hatte, seine Stimme und rief: »Verdammt noch mal, ihr Haufen Dampfplauderer, unser Gast hat etwas gesagt. Mr.... äh ... Klein, wovon sprachen Sie?«

Klein antwortete erstaunt: »Ich sagte, gestern lernte ich einen Mann kennen, der Streichholzbriefe sammelt.«

»Das könnte interessant sein«, sagte Halsted freundlich, »wenn... «

»Sei still!« schrie Trumbull, »das möchte ich hören!« Sein faltiges, gebräuntes Gesicht wandte sich Klein zu. »Wie heißt der Mann? Der Sammler?«

»Ich erinnere mich nicht genau«, sagte Klein. »Ich traf ihn gestern beim Mittagessen, hatte ihn nie zuvor gesehen. Wir waren sechs bei Tisch, und er kam auf seine Streichholzbriefe zu sprechen. Wissen Sie, zuerst hielt ich ihn für verrückt, aber als er fertig war, beschloß ich, selbst eine Sammlung zu beginnen.«

»Hatte er einen angegrauten Backenbart mit rötlichem Einschlag?« fragte Trumbull.

»Ja, tatsächlich. Kennen Sie ihn?«

»Hmm«, sagte Trumbull. »Hör mal, Manny, du bist der Gastgeber, und ich möchte deine Vorrechte nicht schmälern... «

»Wirst es aber tun«, sagte Rubin. »Meinst du das?«

»Nein, verdammt, das werde ich nicht«, sagte Trumbull hitzig. »Ich ersuche dich um deine Einwilligung. Ich möchte, daß unser Gast uns alles über sein gestriges Mittagessen mit dem Streichholzsammler erzählt.«

»Du meinst, statt ihn ins Kreuzverhör zu nehmen? Derlei tun wir ja nicht mehr!«

»Es könnte wichtig sein.«

Rubin überlegte, dann sagte er mit enttäuschter Miene: »Gut, aber nach dem Dessert... Was gibt es heute zum Nachtisch, Henry?«

»Weinschaumcreme Zabaglione, Sir, wie es zu unserem heutigen italienischen Menü paßt.«

»Kalorien, Kalorien«, stöhnte Avalon leise.

Halsteds Löffel klirrte beim Umrühren des Zuckers in seinem Kaffee, da er bewußt Rubins entschiedene Aussage ignorierte, daß wer irgend etwas zu gutem Kaffee hinzufüge, ein Barbar sei. Er sagte: »Wollen wir nun Tom willfahren und unseren Gast bitten, uns von den Streichholzbrieflein zu erzählen?«

Klein sah über den Tisch hinüber und sagte leise lachend: »Mir ist es recht, ich weiß aber nicht, ob es interessant ist... »

»Ich sage, es tat interessant«, sagte Trumbull.

»Also gut, einverstanden. Ich begann das Ganze völlig zufällig. Wir waren im >Cock and Bull< in der 53. Straße ...«

»Jane wollte unbedingt einmal dort essen, wegen des Stiers im Namen«, sagte Rubin. »Es war nicht besonders.«

»Ich bring dich noch um, Manny«, sagte Trumbull. »Was soll das ewige Gerede heute über deine Frau? Wenn sie dir fehlt, geh heim!«

»Du bist der einzige Mann, den ich kenne, Tom, in dessen Anwesenheit einem die eigene Frau abgehen könnte.«

»Bitte, fahren Sie fort, Mr. Klein«, sagte Trumbull.

Klein setzte wieder an. »Gut. Ich begann es, wie gesagt, indem ich eine Zigarette anzündete, während wir auf die Speisekarte warteten, und dann wurde mir unbehaglich. Ich weiß nicht, wieso es kommt, aber es scheint heute viel weniger beim Essen geraucht zu werden. Hier am Tisch zum Beispiel ist Mr. Drake der einzige, der raucht. Ich nehme an, es macht ihm nichts aus ...«

»Richtig«, murmelte Drake.

»Mir schon, darum drückte ich die Zigarette nach einigen Zügen aus. Ich war aber verlegen und spielte mit dem Streichholzbrief, mit dem ich die Zigarette angezündet hatte, wissen Sie, so eines, wie es die Restaurants auf alle Tische legen.«

»Als Eigenreklame«, sagte Drake, »ja.«

»Und der Mann... jetzt fällt mir sein Name ein: Ottiwell. Den Vornamen kenne ich nicht.«

»Frederick«, knurrte Trumbull mürrisch befriedigt.

»Sie kennen ihn also doch.«

»Ja, ich kenne ihn. Nur weiter.«

»Ich hielt noch das Streichholzbriefchen in der Hand, da griff Ottiwell danach und fragte, ob er es ansehen dürfe. Ich reichte es ihm. Er sah es an und sagte so etwas wie >Nur mäßig interessant. Kein besonders fantasievoller Entwurf. Ich habe es<, oder dergleichen. An die genauen Worte erinnere ich mich nicht.«

Halsted sagte nachdenklich: »Interessant, Mr. Klein. Sie wissen wenigstens, daß Sie sich der genauen Worte nicht entsinnen. In allen derartigen Schilderungen in der Ich-Form erinnert sich der Erzähler an jedes Wort, das jeder sagte, und in der richtigen Folge. Das kann mich nie überzeugen.«

»Es ist nur eine Angewohnheit«, sagte Avalon ernst, indem er seinen Kaffee trank, »aber ich gebe zu, die dritte Person ist besser geeignet. Wenn man die erste Person benutzt, weiß jeder, daß der Erzähler alle tödlichen Gefahren überleben wird, in die er gerät.«

»Ich schrieb einmal eine Erzählung in der ersten Person«, sagte Rubin, »in welcher der Erzähler stirbt.«

»Das ist auch in dem Western >El Paso< der Fall«, sagte Gonzalo.

»In >Rogers Ermordung<...«, begann Avalon.

Da erhob sich Trumbull und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Gott steh mir bei, ihr Idiotenbande, den nächsten, der redet, bring ich um! Glaubt ihr mir denn nicht, wenn ich euch sage, die Angelegenheit ist wichtig? Weiter, Mr. Klein.«

Klein erschien die Sache ein wenig unangenehm. »Ich selbst kann nicht verstehen, was daran wichtig sein soll, Mr. Trumbull. Dieser Ottiwell erzählte uns also von Streichholzbriefen. Anscheinend ist für Leute, die sich damit befassen, viel daran. Es gibt allerhand Faktoren, welche den Wert erhöhen: nicht nur Schönheit und Seltenheit, sondern auch ob die Streichhölzer unangetastet sind und ob die Reibfläche unbenutzt ist. Er sprach über Unterschiede in Entwurf, in der Anordnung der Reibfläche, in der Art der Buchstaben, ob die Innenseite des Deckels leer ist oder nicht und so fort. Er redete und redete, und das ist ungefähr alles. Nur machte er es so interessant, daß es mich, wie gesagt, fesselte.«

»Lud er Sie zu sich ein, um seine Sammlung zu besichtigen?«

»Nein«, sagte Klein, »das tat er nicht.«

»Ich war dort«, sagte Trumbull und lehnte sich mit tief unzufriedener Miene in seinem Stuhl zurück.

Es herrschte Stille, und als Henry die kleinen Cognacgläser verteilte, sagte Avalon leicht verärgert: »Sollte die Morddrohung aufgehoben sein, darf ich vielleicht fragen, Tom, wie die Wohnung des Sammlers aussah?«

Trumbull schien aus einiger Entfernung zurückzukehren. »Wie? Ach... etwas merkwürdig. Er hat als Kind zu sammeln begonnen. Soviel ich weiß, holte er seine ersten Exemplare, wie Gonzalo, aus Rinnsteinen und Seitengassen, aber irgendwann wurde die Sache dann ernst.

Er ist Junggeselle, arbeitet nicht, hat es nicht nötig. Er hat einiges Kapital geerbt und es klug angelegt, lebt also nur für die dummen Streichholzbriefe.

An der Wand hängen gerahmte Schaustücke von preisgekrönten Exemplaren. Er bewahrt sie in Ordnern und Kisten auf, überall. Sein ganzer Keller ist angefüllt mit Ordnerschränken, in welchen sie nach Type und Alphabet katalogisiert sind. Man würde nicht glauben, wie viele Zehntausende verschiedene Streichholzbriefe in der ganzen Welt hergestellt wurden, mit wieviel verschiedenen Aufschriften, mit wieviel verschiedenen Eigenheiten, und ich glaube, er besitzt sie alle.

Er hat dünne Briefchen mit nur zwei Streichhölzern, armlange, die einhundertfünfzig Stück enthalten. Er hat Streichhölzer in Bierflaschenform, andere, die wie Baseballschläger oder wie Kegel gestaltet sind. Er hat blanke Briefe ohne jeden Aufdruck, er hat solche mit Kurzpartituren darauf. Er hat - zum Teufel - eine ganze Mappe mit pornographischen Streichholzbrieflein.«

»Die würde ich gern mal sehen«, sagte Gonzalo.

»Warum?« fragte Trumbull. »Es ist das gleiche Zeug, das du auch sonst überall sehen kannst, nur läßt es sich auf einem Streichholzbrief leichter verbrennen und loswerden.«

»Du hast die Seele eines Zensors«, sagte Gonzalo.

»Was willst du denn? Mit Worten Ping-pong spielen? Wir erörtern eine ernste Sache.«

»Was ist so ernst an einem Haufen Streichholzbriefen?« fragte Gonzalo.

»Ich will es dir sagen.« Trumbull blickte an der Tafel entlang. »Paßt auf, ihr Dummköpfe, was hier gesprochen wird, ist immer vertraulich.«

»Das wissen wir alle«, sagte Avalon trocken.

»Wenn es jemand vergessen hat, bist du es, sonst brauchtest du uns nicht zu erinnern.«

»Auch Mr. Klein muß ... »

Rubin unterbrach ihn sofort: »Mr. Klein versteht das genau. Er weiß, daß nichts, was hier im Raum vorgeht, jemals, unter welchen Umständen auch immer, draußen erwähnt werden darf. Ich bürge für ihn.«

»In Ordnung«, sagte Trumbull, »ich werde euch also so wenig wie möglich erzählen. Ich hätte euch wirklich gar nichts erzählt, wenn Klein nicht das gestrige Mittagessen erwähnt hätte. Das ärgerte mich einfach. Es nagt seit Monaten an mir, es löchert mich eigentlich schon über ein Jahr; und da es aufs Tapet kam ... «

»Hör mal«, sagte Drake entschieden, »entweder du sagst es uns oder du sagst es uns nicht!«

Trumbull rieb sich ärgerlich die Augen. Er sagte: »Irgendwo bei den Informationen gibt es eine undichte Stelle.«

»Welcher Art? Wo?« fragte Gonzalo.

»Kümmere dich nicht darum! Ich sage ausdrücklich nicht, daß es mit der Regierung zu tun hat oder daß fremde Agenten beteiligt sind, verstehst du? Vielleicht ist es Industriespionage, vielleicht wird bei einem Test gemogelt. Wir wollen es einfach eine Informationslücke nennen, einverstanden?«

»Schön«, sagte Rubin. »Und wer hat damit zu tun? Dieser Ottiwell?«

»Wir sind dessen ziemlich sicher.«

»Dann nehmt ihn euch vor.«

Trumbull sagte: »Wir haben keine Beweise. Wir können nur zu verhindern versuchen, daß ihn irgendwelche Informationen erreichen, und sogar das wollen wir nicht - lückenlos - durchführen.«

»Warum nicht?«

»Weil es nicht darauf ankommt, wer der Kerl ist, sondern darauf, wie er es macht. Wenn wir ihn schnappen und nicht wissen, wie er vorgeht, wird ein anderer seine Stelle einnehmen. Menschen sind billig. Wir wollen den modus operandi erfahren.«

»Habt ihr eine Ahnung darüber?« fragte Halsted langsam zwinkernd.

»Es sind die Streichholzbriefe. Was sonst? Sie müssen es sein. All unsere Beweise weisen auf Ottiwell als die undichte Stelle, und er ist ein Narr, der Streichholzbrieflein sammelt. Es muß da einen Zusammenhang geben.«

»Du meinst, er begann, Streichholzbriefe zu sammeln, deshalb könnte er... »

»Nein, die sammelt er schon sein Leben lang. Daran gibt es keinen Zweifel. Seine jetzige Sammlung hat dreißig Jahre des Aufbaus erfordert. Aber als er sie schon einmal hatte, wurde er irgendwann für das Geschäft der Nachrichtenübermittlung angeworben und arbeitete natürlich einen Plan aus, bei dem seine Streichholzbriefe beteiligt waren.«

»Welchen Plan?« warf Rubin ungeduldig ein.

»Das weiß ich eben nicht. Aber es gibt einen. Irgendwie eignen sich die Streichholzbriefe großartig dafür. Sie tragen bereits Botschaften, und wenn man sie richtig aussucht, braucht man an ihnen nicht herumzubasteln. Zum Beispiel, das Restaurant, in dem Sie gestern waren, Klein, das >Cock and Bull<. Gewiß stand >Cock and Bull< auf den Deckeln.«

»Anzunehmen. Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Ich bin dessen sicher. Nun, wenn man eine frühere Botschaft rückgängig machen will, schickt man ein solches Ding mit der Post oder reißt den halben Deckel ab und sendet ihn. Sagt man damit nicht, daß die vorige Botschaft bloß eine >Cock-and-bull-story<, ein Ammenmärchen, war?«

Gonzalo sagte: »Aber hör zu, Tom, wenn einer einen Streichholzdeckel mit der Post schickt oder gar das ganze Heft, so ist das doch eine Herausforderung. Da merkt man doch sofort etwas Verdächtiges.«

»Nicht, wenn es einen plausiblen Grund für die Sendung gibt.«

»Als da wäre?«

»Streichholzbriefnarren tun es. Die korrespondieren und handeln damit. Vielleicht fehlt einem eine >Cock and Bull< in einer Tiersammlung, und er gibt dafür einem, der sich auf derlei Kunst verlegt, ein überzähliges Mädchenbild.«

»Und Ottiwell treibt Tauschhandel?« fragte Avalon.

»Gewiß.«

»Und es gelang euch nie, etwas in die Hand zu bekommen, das er abschickte?«

Trumbull blickte ihn verächtlich an. »Natürlich doch; mehrmals. Wir nahmen es, untersuchten es sehr gründlich, dann schickten wir es weiter.«

»Und damit«, sagte Rubin, den Blick in die Ferne gerichtet, »habt ihr das US-Briefgeheimnis verletzt. Eine leichte Sache, wenn es sich nur um das Mogeln bei einem Test handelte.«

»Um Gottes willen«, sagte Trumbull, »sei doch einmal fünfzehn Minuten lang vernünftig, Manny -zur Abwechslung! Du weißt, ich befasse mich mit Codes und Chiffren. Du weißt, daß mich die Regierung fragt und daß ich dort meine Verbindungen habe. Natürlich interessiert sie die Sache. Das wäre auch der Fall, wenn es sich bei der undichten Stelle nur um politischen Klatsch handelte, und ich sage nicht, daß es mehr ist als das.«

»Warum?« sagte Rubin. »Ist es bei uns schon so weit mit der Unselbständigkeit?«

»Es ist einfach, wenn du dir bloß die Zeit nimmst nachzudenken. Jedes System der Nachrichtenübermittlung, das nicht geknackt werden kann - um welche Informationen auch immer es sich handelt -ist überaus gefährlich. Wenn es funktioniert und für etwas völlig Unwichtiges verwendet wird, kann es später für etwas Lebenswichtiges benützt werden. Die Regierung duldet nicht, daß ein Übertragungssystem von Nachrichten ungeknackt bleibt, es sei denn, es untersteht ihrer Kontrolle. Das mußt du doch verstehen.«

»Also gut«, sagte Drake, »ihr habt also die Streichholzbrieflein untersucht, die dieser Ottiwell zur Post brachte. Was habt ihr gefunden?«

»Nichts«, knurrte Trumbull. »Wir konnten nichts daraus entnehmen. Wir studierten die einzelnen Reklamedeckel und fanden nichts heraus.«

»Sie meinen, Sie haben nachgesehen, ob die Anfangsbuchstaben ein Wort bildeten oder dergleichen?« fragte Klein interessiert.

»Das hätten wir versucht, wenn der Absender ein Sechsjähriger gewesen wäre. Nein, wir arbeiteten viel spitzfindiger - und brachten nichts zustande.«

»Wenn ihr also«, sagte Avalon gewichtig, »in dem Druck der abgeschickten Brieflein nichts finden konntet - vielleicht ist es eine falsche Spur.«

»Du meinst, vielleicht liegt es gar nicht an den Streichholzbriefen?«

»Richtig«, sagte Avalon. »Es könnte alles eine Irreführung sein. Der Mann hat die Sammlung greifbar und ist ein echter Sammler, daher macht er seine Sammlung möglichst auffallend, um alle Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen. Er zeigt sie allen, 53 die sie sehen wollen... Wie kam es, daß du sie besichtigt hast, Tom?«

»Er lud mich ein. Ich freundete mich mit ihm an.«

»Und er hat reagiert«, sagte Rubin. »Der Mann verdient, was er bekommt. Freunde dich bitte nicht mit mir an, Tom!«

»Hab' ich nie getan... Hör mal, Jeff, ich weiß, was du meinst. Gestern sprach er mit Klein über die Streichholzbriefe; er spricht mit jedem darüber. Er zeigt sie jedem, der bereit ist, deshalb nach Queens zu kommen. Deshalb fragte ich, ob er Klein zu sich eingeladen hat. Ich nehme an, es würde dich nicht überraschen, wenn er bei all diesem Reden, der Selbstauskunft, all diesem auffallenden Getue eine ganz andere Methode verwendete, die mit den Streichholzbriefen nichts zu tun hat. Stimmt es?«

»Richtig«, sagte Avalon.

»Falsch«, sagte Trumbull. »Ich glaube es einfach nicht. Er ist echt. Er ist wirklich ein Streichholzbriefnarr mit sonst nichts im Leben. Er hat keinen ideologischen Grund zur Übernahme des schrecklichen Risikos, das er eingeht. Er ist der Seite, für die er arbeitet, nicht verpflichtet, ob sie nun nationaler, industrieller oder lokaler Art ist - und ich sage nicht, welcher Art sie ist. Dafür interessiert er sich gar nicht. Es sind nur die Streichholzbriefe. Er hat eine Methode ausgearbeitet, um seine verdammten Brieflein auf eine neue Weise zu verwenden, und das ist, insoweit es ihn betrifft, das Schöne an der ganzen Sache.«

»Sag mal«, fragte Drake, plötzlich gleichsam erwachend, »wie viele Streichholzbriefe enthalten seine Postsendungen?«

»Wer weiß das? Die Fälle, die wir abfingen, enthielten nie mehr als acht. Und seine Sendungen sind gar nicht häufig, das muß ich zugeben.«

»Gut. Wieviel Information kann er in wenigen Streichholzbriefen unterbringen? Er kann die Botschaften nicht buchstäblich und direkt benutzen. Wenn er etwa mit dem >Cock and Bull< eine Botschaft annullieren will, könnte ihn mein kleiner Neffe durchschauen, von euch ganz zu schweigen. Es ist also etwas Spitzfindiges, vielleicht könnte in jedem Brieflein ein Wort oder auch nur ein Buchstabe enthalten sein. Was läßt sich damit anfangen?«

»Eine Menge«, sagte Trumbull ärgerlich. »Was meinst du denn, daß in diesen Fällen gebraucht wird? Eine Enzyklopädie? Wer eine Information sucht, du Einfaltspinsel, weiß schon vorher fast alles. Es fehlt ihm nur ein entscheidender Punkt, und der wird gebraucht.

Gehen wir zum Beispiel zurück in den 2. Weltkrieg. Deutschland hat Gerüchte gehört, daß in den Vereinigten Staaten etwas Großes vorgeht. Es trifft eine Botschaft mit nur einem Wort ein: > Atombomben Was braucht Deutschland noch mehr? Gewiß, damals gab es keine Atombombe, aber jeder Deutsche mit Mittelschulbildung würde begreifen, was dieses Wort bedeutet, und jeder deutsche Physiker würde es verdammt genau wissen. Dann kommt eine zweite Botschaft: >Oak Ridge, Tenn<. Das ergibt in beiden Botschaften zusammen einundzwanzig Buchstaben, welche die Weltgeschichte hätten verändern können.«

»Meinst du, daß dieser Ottiwell derartige Informationen übermittelt?« fragte Gonzalo beunruhigt.

»Nein! Ich sagte, das ist nicht der Fall«, erwiderte Trumbull verdrießlich. »Er ist keineswegs so wichtig. Glaubst du, ich würde euch allen davon erzählen, wenn er es wäre? Es ist nur der Umstand, daß der modus operandi auch für etwas anderes verwendet werden könnte, und deshalb müssen wir ihn knacken. Außerdem steht mein guter Ruf auf dem Spiel. Ich sage, er verwendet die Streichholzbriefe, kann aber nicht zeigen, wie. Glaubst du, mir ist das angenehm?«

Gonzalo sagte: »Vielleicht ist in der Innenseite der Hefte eine unsichtbare Schrift angebracht?«

»Das haben wir routinemäßig überprüft, aber es war vergeblich. Wenn es das wäre, wozu sollte er die Streichholzbriefe verwenden? Das ließe sich in gewöhnlichen Briefen bewerkstelligen und würde viel weniger Aufmerksamkeit erregen. Wenn Ottiwell Streichholzbriefe verwendet, so bedient er sich eines Systems, das nur bei Streichholzbriefen anwendbar ist, und das bedeutet, daß er nur die Botschaften benutzt, die schon irgendwie darauf sind.«

»Wenn man sich vorstellt«, warf Klein ein, »daß all dies nur begonnen hat, weil ich das gestrige Mittagessen erwähnte! Haben Sie vielleicht eine Liste der von ihm abgeschickten Briefe? Wenn Sie eine Lichtpause haben, könnten wir alle sie betrachten... «

»Und den Code finden, den ich nicht herausbrachte? Nicht wahr?« sagte Trumbull. »Wissen Sie, seit Conan Doyle Sherlock Holmes gegen die Stümper von Scotland Yard ausspielte, scheint die Ansicht zu herrschen, daß die Profis nichts fertigbringen. Ich versichere Ihnen, wenn ich's nicht schaffe... «

»Wie steht es nun mit Henry?« sagte Avalon.

Henry, der ernst, mit einem interessierten Ausdruck seines faltenlosen Gesichtes eines Sechzigjährigen zugehört hatte, schüttelte lächelnd den Kopf.

Trumbull sagte nachdenklich: »Henry, ja, ich habe Henry vergessen. Du hast recht, Jeff. Er ist der Klügste hier, was normalerweise ein Kompliment wäre, wenn ihr nicht alle ein Haufen Schwachköpfe wärt.

Henry«, sagte er, »Sie sind ein ehrlicher Mann. Sie können die Unehrlichkeit der Welt erkennen, ohne daß sie durch Ihr eigenes diebisches Verlangen entstellt wird. Sind Sie meiner Ansicht? Glauben Sie, daß dieser Ottiwell, wenn er sich mit einer solchen Arbeit befaßt, seine Streichholzbrieflein nur so verwendet, daß sie auf einzigartige Weise nützlich sind, oder nicht?«

»Das ist richtig, Mr. Trumbull«, sagte Henry, der die übrigen Teller vom Tisch räumte. »Ich bin Ihrer Ansicht.«

Trumbull lächelte. »Da haben wir das Wort eines Mannes, der weiß, wovon er spricht.«

»Weil er deiner Ansicht ist«, sagte Rubin.

»Ich bin, genau genommen, nicht ganz der gleichen Ansicht wie Mr. Trumbull«, sagte Henry.

»Aha«, sagte Rubin. »Was meinst du jetzt, Tom?«

»Was ich immer meine«, sagte Trumbull, »daß dein Schweigen dein bester Teil ist.«

»Darf ich - eine kleine Rede halten?« sagte Henry.

»Einen Augenblick«, sagte Rubin. »Ich bin noch immer der Gastgeber und nehme nun die Sache in die Hand. Ich entscheide über das Verfahren und bestimme, daß Henry eine kleine Rede hält und daß wir anderen uns still verhalten, es sei denn um Henrys Fragen zu beantworten, oder um selbst sachdienliche Fragen zu stellen. Dabei denke ich als Kandidaten für Ruhe besonders an Tom-Tom, den Trommler.«

»Danke, Mr. Rubin«, sagte Henry. »Ich höre Ihnen, meine Herren, bei Ihren monatlichen Zusammenkünften mit größtem Interesse zu. Es ist mir klar, daß Sie alle, auf harmlose Weise, enormes Vergnügen daran finden, aufeinander mit Worten loszuschlagen. Sie können aber nicht gut auf einen Gast losschlagen, daher neigen Sie alle dazu, den Gast nicht zu beachten und ihm nicht zuzuhören, wenn er spricht.«

»Taten wir das?« fragte Avalon.

»Ja, und es scheint mir, Mr. Avalon, daß Ihnen ein höchst wichtiger Punkt dadurch entgangen ist. Da es - gewöhnlich - nicht meine Rolle ist zu sprechen, höre ich Ihnen allen unparteiisch zu, auch dem Gast, und ich scheine etwas gehört zu haben, das den anderen entgangen ist. Gestatten Sie mir, Mr. Rubin, Mr. Klein einige Fragen zu stellen? Vielleicht erweisen sich die Antworten als unergiebig, aber es besteht eine kleine Chance... »

»Ja, gewiß«, antwortete Rubin. »Er sollte ohnedies ins Kreuzverhör genommen werden. Schießen Sie los.«

»Es wird kein Kreuzverhör werden«, widersprach Henry leise. »Mr. Klein?«

»Ja, Henry«, sagte Klein, der erfreut darüber errötete, daß er zweifellos im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.

»Es ist nur folgendes, Mr. Klein. Als Sie kurz von dem gestrigen Mittagessen erzählten, sagten Sie etwas wie - auch ich kann die genauen Worte nicht wiederholen -, daß Sie dachten, er sei verrückt, aber er habe alles so interessant vorgebracht, daß Sie, als er zu Ende war, selbst beschlossen, eine Sammlung von Streichholzbrieflein zu beginnen.«

»Richtig«, sagte Klein nickend. »Wahrscheinlich ein bißchen albern. Ich würde bestimmt nicht so etwas tun wie er. Ich meine nicht das Spionieren, sondern so eine riesige Sammlung ... «

»Ja«, sagte Henry, »aber ich hatte den Eindruck, daß Sie den impulsiven Antrieb bekamen, gleich mit dem Sammeln zu beginnen. Haben Sie zufällig nach dem Essen ein >Cock-and-Bull< Briefchen mitgenommen?«

»Richtig«, sagte Klein. »Es ist ein wenig peinlich, wenn ich es jetzt bedenke, aber ich tat es.«

»Von welchem Tisch, Sir?«

»Von dem unseren.«

»Sie meinen, Sie nahmen das Brieflein, das Sie in der Hand gehabt und Ottiwell gereicht hatten? Es wurde schließlich wieder auf den Tisch gelegt, und von dort nahmen Sie es?«

»Ja«, sagte Klein, als wolle er sich plötzlich verteidigen. »Da ist doch nichts verkehrt daran? Sie sind für die Gäste dort, nicht wahr?«

»Durchaus, Sir. Wir haben solche Brieflein hier auf dem Tisch zu Ihrer Verfügung. Aber was taten Sie mit dem Brieflein, Mr. Klein, als Sie es nahmen?«

Klein überlegte einen Augenblick. »Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern. Ich steckte es in die Jackentasche oder in die Manteltasche, nachdem wir die Mäntel vom Haken nahmen.«

»Taten Sie etwas damit, als Sie nach Hause kamen?«

»Nein, eigentlich nicht. Die ganze Sache mit dem Streichholzbrieflein war mir entfallen, bis Manny Rubin erwähnte, daß seine Frau Stiere sammelt.«

»Sie tragen heute nicht denselben Anzug, nicht wahr?«

»Nein, aber ich trage denselben Mantel.«

»Würden Sie in Ihrer Manteltasche nachsehen, ob das Brieflein dort ist?«

Klein verschwand in der Privatgarderobe, welche die Schwarzen Witwer bei ihren Zusammenkünften verwendeten.

»Worauf wollen Sie hinaus, Henry?« fragte Trumbull.

»Wahrscheinlich ist es nichts«, sagte Henry. »Ich setze auf eine geringe Chance, und wir hatten heute abend schon eine.«

»Welche denn?«

»Daß Mr. Klein mit einem Mann zu Mittag speiste, der sich als jemand herausstellt, den Sie verfolgen, und daß Sie es am nächsten Tag erfahren. Auf einen zweiten solchen Zufall zu hoffen, ist vielleicht ein wenig zu viel.«

»Hier ist es«, sagte Klein fröhlich, der mit dem kleinen Gegenstand in der Hand zurückkam. »Ich habe es.«

Er warf es auf den Tisch, und alle erhoben sich, um es anzusehen. Es stand Cock and Bull darauf, sowie ein kleines Bild von einem Stierkopf, auf dessen einem Horn ein Hahn saß. Gonzalo griff danach.

»Wenn Sie gestatten, Mr. Gonzalo«, sagte Henry. »Ich glaube, es sollte noch niemand das Brieflein berühren... Mr. Klein, das ist das Streichholzbrieflein, das auf Ihrem Tisch lag, mit dem Sie Ihre Zigarette angezündet hatten und das Mr. Ottiwell dann verwendete um zu zeigen, wo die Reibfläche angebracht ist und Ähnliches?«

»Ja.«

»Er legte es auf den Tisch, und Sie nahmen es dann später?«

»Ja.«

»Haben Sie zufällig bemerkt, wie viele Streichhölzer in dem Brieflein waren, als Sie Ihre Zigarette anzündeten?«

Klein war überrascht. »Ich weiß nicht. Ich achtete nicht darauf.«

»Aber Sie haben jedenfalls ein Streichholz abgerissen, um Ihre Zigarette anzuzünden?«

»Ja, gewiß.«

»So daß, selbst wenn es ursprünglich ein volles Streichholzbrieflein war, jetzt ein Streichholz fehlen muß. Da dies aussieht wie ein übliches Streichholzbrieflein mit dreißig Streichhölzern, können jetzt nicht mehr als neunundzwanzig - vielleicht sogar weniger - darin sein.«

»Das nehme ich an.«

»Und wie viele Streichhölzer sind jetzt in dem Briefchen? Würden Sie sie bitte zählen?«

Klein zögerte, dann öffnete er das Brieflein. Er starrte eine Weile darauf, dann sagte er: »Es ist unberührt. Es enthält dreißig Streichhölzer. Lassen Sie mich zählen... Ja, es sind dreißig.«

»Aber Sie nahmen es vom Tisch und glaubten, es sei das Brieflein, das Sie verwendet hatten? Sie nahmen es nicht von irgendeinem anderen Tisch?«

»Nein, nein, es war unser Streichholzbrief. Oder zumindest war ich davon überzeugt.«

»Gut. Würden die Herren das Briefchen ansehen, bitte. Sie werden feststellen, daß die Reibfläche unbenutzt ist, sie trägt keine Spur davon, daß ein Streichholz angezündet wurde.«

Trumbull sagte: »Sie meinen, daß Ottiwell dieses Brieflein an die Stelle dessen legte, das auf dem Tisch war?«

»So etwas hielt ich für möglich, sobald Sie sagten, er übermittle Informationen, Mr. Trumbull. Ich war auch Ihrer Ansicht, Mr. Trumbull, daß Mr. Ottiwell die Streichholzbriefe benutzt. Die Psychologie erschien mir richtig. Aber ich teilte auch Mr. Avalons Ansicht, daß vielleicht eine gewisse Irreführung verwendet wurde. Nur erkannte Mr. Avalon nicht, wie raffiniert die Irreführung war.«

»Da ich selbst zu unehrlich bin, um es zu merken«, sagte Avalon. »Ich weiß.«

»Indem er sich auf seine Sammlung beschränkte, Mr. Trumbull«, sagte Henry, »und auf sein Verschicken und Erhalten von Streichholzbriefen, zog er Ihre Aufmerksamkeit darauf. Mir scheint jedoch, daß Mr. Ottiwell mit Streichholzbriefen nicht nur im Zusammenhang mit seiner Sammlung befaßt war. Jedesmal wenn er in einem guten Restaurant speiste, und das konnte oft geschehen, konnte er leicht das bereits auf dem Tisch liegende durch ein anderes Streichholzbriefchen ersetzen. Sobald er und seine Tischgenossen fortgingen, konnte ein Mitverschworener es abholen.«

»Diesmal nicht«, sagte Rubin zynisch.

»Nein, diesmal nicht. Als die Gruppe fortging, lag kein Streichholzbrieflein auf dem Tisch. Das führt zu einigen unangenehmen Gedanken. Ist Ihnen jemand gefolgt, Mr. Klein?«

Klein sah ihn erschrocken an. »Nein! Zumindest -zumindest - ich weiß es nicht. Ich habe niemand bemerkt.«

»Kein Versuch eines Taschendiebstahls?«

»Nein! Nicht daß ich wüßte.«

»Dann weiß man vielleicht nicht sicher, wer es genommen hat - schließlich waren außer Ihnen und Ottiwell noch vier andere am Tisch; und es könnte auch ein Kellner weggeräumt haben. Oder man glaubt, daß ein verlorenes Briefchen beträchtlich weniger Ärger verursachen wird als ein eventueller Versuch, es wiederzubekommen. Oder aber ich habe von Anfang bis Ende unrecht.«

Trumbull sagte: »Keine Sorge, Mr. Klein. Ich werde Sie für eine Zeitlang überwachen lassen.« Dann fuhr er fort: »Ich sehe, was Sie meinen, Henry. Es gibt in jedem Restaurant Dutzende solcher Streichholzbriefe, die alle untereinander identisch sind. Ottiwell konnte leicht eines oder zwei bei einem früheren Besuch mitgenommen haben - oder ein Dutzend, wenn er wollte - und sie dann austauschen. Wer würde es bemerken? Wen sollte es kümmern? Wollen Sie nun darauf anspielen, daß dieses eine unterschobene Streichholzbrieflein die Information enthält?«

»Das würde mir allerdings als sehr wahrscheinlich erscheinen«, sagte Henry.

»Geh, Brieflein, geh! Aus meiner Einsamkeit / Über die Wasser schick ich dich - geh deines Wegs!« murmelte Halsted. »Das ist von Robert Southey!«

»Aber wie soll es funktionieren?« fragte Trumbull, ohne auf Halsteds geflüsterte Verse zu achten. Er drehte das Streichholzbriefchen zwischen den Fingern von einer Seite zur anderen. »Es ist ein Streichholzbrief, genau wie alle anderen. Darauf steht >Cock and Bull<, dazu die Adresse und Telefonnummer. Wo soll darin, im Gegensatz zu anderen, eine Botschaft stehen?«

»Wir müßten am richtigen Ort nachsehen«, sagte Henry.

»Und wo soll das sein?« sagte Trumbull.

»Ich richte mich nach Ihren Worten, Sir«, sagte Henry. »Sie sagten, Mr. Ottiwell würde das Streichholzbriefchen sicher in einer Weise benutzen, die dessen einzigartige Eigenschaften einbeziehen würde, und das ist auch meine Meinung. Was ist aber einzigartig an einer Botschaft, die durch Streichholzbriefe übermittelt wird? Sie bestehen fast immer aus Werbung, und so etwas findet man an ungezählten anderen Orten von Kartondeckeln für Haferflocken bis zu Innendeckeln von Magazinen.«

»Was denn also?«

»Wirklich einzigartig an einem Streichholzbrieflein sind die Streichhölzer, die es enthält. In der

Standardausführung sind dreißig Streichhölzer in anscheinend wenig komplizierter Weise angeordnet. Wenn man aber das Unterende der Streichhölzer ansieht, merkt man, daß es zwei Kartonstücke sind, aus denen je fünfzehn Streichhölzer nach oben stehen. Wenn man sie - aus der Richtung des geöffneten Deckels gesehen - von links nach rechts zählt, die Hinterreihe zuerst und dann die Vorderreihe, kann man jedem Streichholz eine bestimmte, eindeutige Nummer von 1 bis 30 geben.«

»Ja«, sagte Trumbull, »aber alle Streichhölzer sind untereinander und auch mit den Streichhölzern in anderen Briefchen der gleichen Art identisch.«

»Müssen aber die Streichhölzer identisch bleiben, Sir? Angenommen, Sie nehmen ein Streichholz heraus - irgendeines. Es gibt dreißig verschiedene Arten, ein Streichholz herauszunehmen. Wenn Sie zwei Streichhölzer oder drei herausnehmen, gäbe es noch viele weitere Möglichkeiten.«

»Es fehlt aber kein Streichholz.«

»Nur sozusagen. Das Herausreißen der Streichhölzer wäre eine viel zu grobe Art der Unterscheidung. Angenommen, bestimmte Streichhölzer hätten Nadellöcher oder kleine Kratzer oder ein Tröpfchen fluoreszierende Farbe an der Spitze, die in ultraviolettem Licht aufleuchtet. Wie viele verschiedene Möglichkeiten könnte man mit dreißig Streichhölzern erzielen, wenn man jede beliebige Anzahl von Null bis Dreißig markiert?«

»Das werde ich Ihnen sagen«, unterbrach Halsted. »Zwei zur dreißigsten Potenz - ach, etwas über eine Milliarde; ich sage Milliarde, nicht Million. Und je nachdem, ob man den Deckel hinter den Streichhölzern auch markiert oder nicht, würde das zwei Milliarden ergeben.«

»Wenn Sie also«, sagte Henry, »in einem bestimmten Streichholzbrieflein Nummern von Null bis zu zwei Milliarden angeben können, könnte man mit diesen Nummern beträchtliche Informationen verschlüsseln, oder?«

»Sechs Wörter mit Leichtigkeit«, sagte Trumbull nachdenklich. »Verdammt!« schrie er und sprang auf. »Gebt mir das Ding! Ich gehe jetzt.«

Er eilte schnell zur Garderobe, kam zurück und fuhr in seinen Mantel, dabei rief er: »Holen Sie Ihren Mantel, Klein, Sie kommen mit mir. Ich brauche Ihre Erklärung, und dann sind Sie auch sicherer.«

»Ich könnte durchaus unrecht haben, Sir«, sagte Henry.

»Unrecht, Unsinn! Sie haben recht, ich weiß es bestimmt. Das Ganze paßt zu einigen Umständen, die Sie nicht kennen ... Henry, wären Sie bereit, sich mit solchen Dingen zu befassen? Ich meine, beruflich?«

»Hör mal«, rief Rubin, »du kannst uns doch Henry nicht abspenstig machen!«

»Keine Sorge, Mr. Rubin«, sagte Henry leise. »Ich finde es hier viel aufregender.«


Anmerkung

Diese Geschichte erschien in leicht gekürzter Fassung in der Dezemberausgabe 1972 von EQMM unter dem Titel >Der Streichholzbriefsammler<. Ich betrachte auch diesen Titel als zu gewöhnlich.

Ich überlasse es Ihnen. Der Satz, >Geh, Brieflein, geh!< ist der Beginn eines Verses von Chaucer und eines Gedichtes von Robert Southey, das von Lord Byron sehr erfolgreich parodiert wurde, so daß es in der Englischen Literaturgeschichte eine Bedeutung besitzt. Außerdem drückt er die Pointe der Geschichte, in welcher (Streichholz) Brieflein auf Informationsaufträge ausgeschickt werden, vollendet aus.

Was meinen Sie also? Bin ich es nicht der ganzen Menschheit schuldig, aus dem Titel >Der Streichholzbriefsammler< wieder >Geh, Brieflein, geh!< zu machen?

Sicherlich.

Als ich übrigens die Geschichte schrieb, rechnete ich den Wert 230 (das heißt dreißig miteinander multiplizierte 2) aus reiner Angeberei im Kopf aus. Natürlich kam ich zu einem nicht ganz richtigen Resultat, und das geschieht mir recht. Eine junge

Dame namens Mildred I. Stover schrieb mir einen Brief, in dem der Wert sorgfältig mit allen Einzelmultiplikationen ausgerechnet war, und ich korrigierte meinen Fehler im Buch. Falls es Sie interessiert, 230 = 1 073 741 824. Danke, Miß Stover.


Sonntag am frühen Morgen

<p id="_bookmark4"><strong>Sonntag am frühen Morgen</strong></p>

Geoffrey Avalon schwenkte den Drink in seinem Glas, als er am Tisch Platz nahm. Er hatte noch nicht ganz die Hälfte davon getrunken, und nach dem nächsten kurzen Schluck würde er ihn stehenlassen. Er sah unglücklich aus.

»Es ist, soweit ich mich erinnern kann, das erstemal«, sagte er, »daß die Schwarzen Witwer zusammenkommen, ohne einen Gast zu haben.« Seine buschigen Brauen, die noch schwarz waren, obgleich sein Schnurrbart und der gestutzte Bart im Laufe der Jahre ergraut waren, zuckten sichtlich.

»Nun, ja«, sagte Roger Halsted, der seiner Serviette mit hörbarem Schwung entfaltete und über seine Knie breitete, »als Gastgeber bei dieser Zusammenkunft traf ich diese Entscheidung. Dagegen gibt es keine Berufung. Ich habe meine Gründe.« Er legte die Hand an seine hohe Stirn und machte eine Bewegung, als wollte er das Haar zurückstreichen, das schon vor Jahren von der Vorderseite seines Kopfes verschwunden war.

»Tatsächlich steht nichts davon in den Statuten«, sagte Emmanuel Rubin, »daß wir einen Gast haben müssen. Das einzige, was sein muß, sind keine Frauen.«

»Frauen dürfen nicht Mitglieder sein«, sagte Thomas Trumbull mit einem finsteren Blick aus seinem ständig gebräunten Gesicht. »Wo steht, daß eine Frau nicht Gast sein darf?«

»Nein«, sagte Rubin scharf, wobei sein spärlicher Bart zitterte. »Für die Dauer der Mahlzeit wird jeder Gast ex officio Mitglied und muß allen Regeln gerecht werden, einschließlich der, keine Frau zu sein.«

»Was heißt eigentlich ex officio?« fragte Mario Gonzalo. »Das wollte ich immer schon wissen.«

Aber Henry brachte bereits den ersten Gang, anscheinend eine mit gewürztem Käse gefüllte, gebackene Teigrolle mit einer Sauce.

Rubin sagte schließlich mit gequältem Gesicht: »Soweit ich erkennen kann, scheint es sich um eine gefüllte Teigrolle zu handeln... »

Inzwischen entspann sich bereits eine lebhafte Unterhaltung.

Als der Nachtisch serviert war, sagte Halsted: »Also gut, ich werde euch erklären, was ich vorhabe. Bei unseren letzten Zusammenkünften ergab es sich jedesmal, daß irgendein Verbrechen erörtert wurde, und im Laufe der Diskussion wurde es immer gelöst.«

»Durch Henry«, unterbrach Drake und drückte seine Zigarette aus.

»Schön, durch Henry. Aber welche Art von Verbrechen waren es? Niederträchtige Verbrechen. Das erstemal war es Diebstahl, das zweitemal irgendeine böse Spionagegeschichte.«

»Die war nicht zu verachten«, sagte Trumbull, »das könnt ihr mir glauben!«

»Ja«, sagte Halsted mit seiner sanften Stimme, »aber nirgends gab es Gewalttaten. Mord, meine Herren, Mord!«

»Was meinst du mit - Mord?« fragte Rubin.

»Ich meine damit, daß sich jedesmal wenn wir einen Gast haben, irgend etwas Unbedeutendes ergibt, weil wir die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wir laden nicht absichtlich Gäste ein, die uns interessante Verbrechen zu bieten haben. Eigentlich können wir von ihnen gar nicht erwarten, daß sie uns überhaupt Verbrechen vorbringen. Sie sind ganz einfach Gäste.«

»Und?«

»Wir sind nun zu sechst hier, ohne Gäste, und es muß doch einen von uns geben, der von einem Mordfall weiß, der ungelöst ist und ... «

»Zum Teufel!« sagte Rubin ärgerlich. »Du hast Agatha Christie gelesen. Wir werden einer nach dem anderen von einem rätselhaften Mord erzählen, und Miß Marple wird ihn für uns lösen ... oder Henry.«

Halsted war verlegen. »Du meinst, die tun so was ... «

»Du mein Gott!« sagte Rubin nervös.

»Nun, du bist der Schriftsteller«, sagte Halsted. »Ich lese keine Krimis.«

»Das ist dein Fehler«, sagte Rubin, »und es zeigt, was für ein Dummkopf du bist. Du nennst dich einen Mathematiker. Ein richtiger Krimi ist ein ebenso mathematisch aufgebautes Rätsel wie etwas, das du zusammenbasteln kannst, nur muß es aus viel schwerer zu bearbeitendem Material bestehen.«

»Einen Augenblick«, sagte Trumbull. »Wenn wir schon dabei sind, wollen wir nicht doch sehen, ob wir einen Mord finden?«

»Hast du einen anzubieten?« fragte Halsted hoffnungsvoll. »Du bist bei der Regierung und arbeitest mit Codes und dergleichen. Du mußt doch schon mit Mord zu tun gehabt haben. Du brauchst auch keine Namen nennen und du weißt, daß nichts durch diese Wände dringt.«

»Das weiß ich besser als du«, sagte Trumbull, »aber ich weiß von keinem Mord. Ich kann dir einige interessante Geschichten über Codes erzählen, aber es ist nicht das, was du suchst... Wie steht es mit dir, Roger? Ich nehme an, du hast etwas auf Lager, da du davon sprichst. Einen mathematischen Mord?«

»Nein«, sagte Halsted nachdenklich. »Ich kann mich nicht erinnern, in einen einzigen Mord verwickelt gewesen zu sein. Und was ist mit dir, Jeff? Du bist doch Rechtsanwalt.«

»Keiner von denen, die Mörder als Klienten haben«, sagte Avalon und schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich befasse mich mit Patentschwierigkeiten. Du könntest Henry fragen. Der ist bei Verbrechen mehr zu Hause als wir, oder zumindest scheint es so.«

»Tut mir leid, Sir«, sagte Henry leise, während er mit geübter Hand den Kaffee eingoß. »Bei mir handelt es sich um bloße Theorie. Ich habe das Glück, nie mit gewaltsamem Tod zu tun gehabt zu haben.«

»Ihr meint also«, sagte Halsted, »daß wir sechs hier - eigentlich sieben, Henry eingeschlossen -keinen einzigen Mord auftreiben können?«

Drake zog die Schultern hoch. »In meinem Beruf gibt es immer einige Chancen. Ich persönlich war zwar noch nie Zeuge eines Unfalles im Chemielabor, aber es hat Vergiftungen, Explosionen, sogar Todesfälle durch elektrischen Strom gegeben. Das sind aber schlimmstenfalls fahrlässige Morde. Ich kann von keinem etwas erzählen.«

»Wie kommt es, daß du so still bist, Manny?« sagte Trumbull. »Hattest du im Lauf deiner interessanten Karriere nie Gelegenheit, einen Menschen zu töten?«

»Manchmal wäre es mir ein Vergnügen gewesen«, sagte Rubin, »so wie jetzt. Aber ich brauche es nicht zu tun. Ich kann mit Leuten jeden Kalibers tadellos fertigwerden, ohne Hand an sie zu legen. Hör zu, ich entsinne mich ... «

Doch plötzlich sagte Mario Gonzalo, der mit fest aneinander gepreßten Lippen dort gesessen hatte: »Ich bin in einen Mord verwickelt gewesen.«

»Wirklich? Welcher Art?« fragte Halsted.

»Meine Schwester«, sagte er brütend, »vor drei Jahren. Es war, bevor ich den Schwarzen Witwern beitrat.«

»Verzeih mir«, sagte Halsted, »ich nehme an, du willst darüber nicht sprechen.«

»Es macht mir nichts aus, darüber zu sprechen«, sagte Mario und zog die Schultern hoch; seine großen, vorstehenden Augen blickten einen nach dem anderen an, »aber es gibt nichts darüber zu sagen. Kein Rätsel. Es ist nur eines jener Dinge, die aus dieser Stadt einen so kurzweiligen Ort machen. Sie brachen in die Wohnung ein, versuchten zu plündern und töteten sie.«

»Wer?« fragte Rubin.

»Das weiß kein Mensch. Süchtige? Das passiert dort in dem Viertel dauernd. In dem Mehrfamilienhaus, in dem sie mit ihrem Mann wohnte, hat es seit Neujahr vier Einbrüche gegeben, und der Mord wurde schon Ende April begangen.«

»Waren es immer Morde?«

»Nein. Der kluge Einbrecher sucht sich eine Zeit aus, in der die Wohnung leer ist. Oder wenn jemand zu Hause ist, jagt man ihm Angst ein oder fesselt ihn. Marge war so dumm, Widerstand zu leisten, sich zu wehren. Es gab genug Anzeichen eines Kampfes.« Gonzalo schüttelte den Kopf.

Halsted fragte nach einer Verlegenheitspause: »Hat man die Täter je gefangen?«

Gonzalo blickte hoch und starrte Halsted an, ohne zu versuchen, die Verachtung in seinem Blick zu verbergen. »Glaubst du, man hat auch nur gesucht? Keiner kümmert sich darum. Und wenn man sie erwischt, was dann? Würde es Marge wieder zum Leben erwecken?«

»Es könnte die Täter daran hindern, so weiterzumachen.«

»Es gibt genug andere jämmerliche Schurken, die es tun.« Gonzalo holte tief Atem, dann sagte er: »Nun, vielleicht sollte ich doch lieber darüber sprechen und es mir von der Seele reden. Es war nur meine Schuld, verstehst du, weil ich zu früh aufwache. Wäre das nicht so, würde Marge vielleicht noch leben und Alex wäre nicht die gescheiterte Existenz, die er jetzt ist.«

»Wer ist Alex?« fragte Avalon.

»Mein Schwager. Er war mit Marge verheiratet, und ich mochte ihn gern. Um die Wahrheit zu sagen, ihn mochte ich lieber als sie. Marge war nie überzeugt von mir. Ihrer Ansicht nach war ich nur Künstler, um auf meine Art faulenzen zu können. Natürlich, als ich anständig zu verdienen anfing -nein, sogar da war sie mit mir unzufrieden und ist mir mit ihrem dauernden Gemecker - ohne daß ich die Tote kränken möchte - richtig auf die Nerven gegangen. Aber sie hatte Alex gern.«

»War er auch ein Künstler?« Avalon hatte das Verhör übernommen, und die anderen schienen bereit zu sein, es ihm zu überlassen.

»Nein. Als sie heirateten, war er nichts Bestimmtes, er ließ sich treiben, aber dann wurde er genau das, was sie wollte. Sie war das, was er brauchte, um in Schwung zu kommen. Sie brauchten sich gegenseitig. Sie hatte jemanden, um den sie sich kümmern konnte... «

»Keine Kinder?«

»Nein, keine, es sei denn, du willst eine Fehlgeburt dazu zählen. Die arme Marge. Etwas Biologisches, deshalb konnte sie keine Kinder haben. Aber es machte nichts aus. Alex war ihr Kind, und er kam vorwärts. Gleich nach der Hochzeit bekam er einen Posten, er wurde befördert, es ging ihm gut. Sie waren schon so weit zu planen, aus der verdammten Gegend, dieser Todesfalle, auszuziehen. Da passierte es. Armer Alex. Er hatte ebenso Schuld wie ich. Eigentlich noch mehr. Just an dem Tag mußte er aus dem Haus gehen!«

»Er war also nicht in der Wohnung?«

»Natürlich nicht. Wenn er dort gewesen wäre, hätte er die Einbrecher verscheuchen können.«

»Oder er wäre vielleicht auch umgebracht worden.«

»Wahrscheinlich wären sie davongelaufen und hätten Marge am Leben gelassen. Glaub mir, ich habe ihm zugehört, als er die Möglichkeiten aufzählte. Wie immer er es anschneidet, sie wäre noch am Leben, wenn er an dem Tag nicht fortgegangen wäre, und das quält ihn. Und ich kann dir sagen, seit es passiert ist, geht er kaputt. Er ist wieder nur ein Vagabund. Ich gebe ihm Geld, wenn ich kann, und dann und wann erledigt er Gelegenheitsarbeiten. Armer Alex. Es waren nur die fünf Jahre Ehe, in denen er wirklich vorwärtskam. Er war richtig ehrgeizig. Nun ist alles umsonst. Nichts ist davon übrig.«

Gonzalo schüttelte den Kopf. »Was mich so fertig macht ist, daß nicht das Opfer am schlimmsten leidet. Es war ein sinnloser Mord - zum Teufel, sie hatten nicht mehr als zehn, fünfzehn Dollar in kleinen Scheinen in der Wohnung -, doch Marge ist wenigstens sofort gestorben. Das Messer traf sie direkt ins Herz. Aber Alex leidet jetzt jeden Tag seines Lebens, und meine Mutter hat es hart getroffen. Und auch mich quält es.«

»Hör mal«, sagte Halsted, »wenn du nicht darüber sprechen willst... «

»Schon gut... manchmal denke ich nachts darüber nach. Wenn ich an jenem Tag nicht so früh aufgewacht wäre ...«

»Das sagst du schon zum zweitenmal«, unterbrach ihn Trumbull. »Was hat dein frühes Erwachen mit der Sache zu tun?«

»Weil die Leute, die mich kennen, damit rechnen. Ich wache immer punkt acht Uhr morgens auf. Die Zeit weicht kaum um fünf Minuten ab. Ich stelle nicht einmal den Wecker neben mein Bett; der bleibt in der Küche. Das hat etwas mit dem Körperrhythmus zu tun.«

»Die biologische Uhr«, murmelte Drake. »Ich wünschte, sie würde bei mir so funktionieren. Ich hasse das Aufstehen am Morgen.«

»Bei mir funktioniert sie immer«, sagte Gonzalo, und als er es sagte, klang sogar unter diesen Umständen eine gewisse Selbstgefälligkeit mit. »Auch wenn ich zu spät zu Bett gehe - um drei, vier Uhr morgens - erwache ich immer genau um acht Uhr. Ich schlafe später am Tag wieder, wenn ich erschöpft bin, aber ich wache um acht Uhr morgens auf. Auch am Sonntag. Man sollte meinen, ich hätte doch das Recht, sonntags länger zu schlafen, aber zum Teufel, auch da wache ich auf.«

»Willst du damit sagen, daß es an einem Sonntag passiert ist?« fragte Rubin.

Gonzalo nickte. »Genau. Ich hätte schlafen sollen. Ich hätte zu den Menschen gehören sollen, bei denen es die Leute für klüger halten, sie nicht am frühen Sonntagmorgen aufzuwecken - aber die tun es bei mir ohne Zögern. Sie wissen, ich bin auch am Sonntag wach.«

»So ein Unsinn«, sagte Drake, der anscheinend immer noch über seine Schwierigkeiten am Morgen nachbrütete. »Du bist ein Künstler und teilst dir deine Zeit nach Belieben ein. Warum mußt du so früh aufstehen?«

»Nun, da arbeite ich am besten. Außerdem bin ich auch empfindlich für Zeit. Ich brauche nicht nach der Uhr zu leben, aber ich habe es gern, jederzeit zu wissen, wie spät es ist. Meine Uhr, weißt du, ist trainiert. Nachdem es geschehen war, nach Marges Ermordung, war ich drei Tage lang nicht daheim, und die Uhr blieb zufällig Montag um acht Uhr morgens oder abends stehen. Ich weiß es nicht. Als ich nach Hause kam, standen die Zeiger jedenfalls auf acht Uhr, als wollten sie mir unter die Nase reiben, daß es Weckzeit sei.«

Gonzalo grübelte eine Weile, und keiner sagte ein Wort. Henry reichte mit ausdruckslosem Gesicht die kleinen Cognacgläser herum; nur seine Lippen waren leicht zusammengepreßt.

Schließlich sagte Gonzalo: »Es ist merkwürdig, aber ich hatte eine schlechte Nacht verbracht, ohne daß es dafür Gründe gab. Jene Jahreszeit, Ende April, wenn die Kirschen blühen, liebe ich besonders. Ich bin nicht gerade ein Landschaftsmaler, aber das ist die einzige Zeit, in der ich gern in den Park gehe und skizziere. Und das Wetter war gut. Ich entsinne mich, es war ein angenehmer milder Sonnabend, das erste wirklich schöne Wochenende des Jahres, und ich kam auch mit meiner Arbeit gut voran.

An jenem Tag hatte ich keinen Grund für schlechte Laune, aber ich wurde immer unruhiger. Ich erinnere mich, daß ich kurz vor den Elf-UhrNachrichten meinen Fernsehapparat abschaltete. Es war, als spürte ich, daß ich die Nachrichten nicht hören wollte. Es war, als spürte ich, es würde schlimme Nachrichten geben. Das habe ich mir nicht nachher zusammengereimt. Ich bin kein Mystiker. Aber ich hatte eine Vorahnung. Ja.«

»Es ist eher wahrscheinlich, daß du eine leichte Verdauungsstörung hattest«, sagte Rubin.

»Gut«, sagte Gonzalo mit einer Handbewegung, als würde er die Anregung begrüßen, »nenn es Verdauungsstörung. Ich weiß nur, daß ich vor elf Uhr in die Küche ging und die Uhr aufzog - das tue ich immer abends - und dachte, so früh kannst du doch nicht zu Bett gehen, es aber doch tat.

Vielleicht war es zu früh, denn ich konnte nicht schlafen, ich wälzte mich dauernd herum und war beunruhigt - worüber, weiß ich nicht mehr. Ich hätte aufstehen, etwas arbeiten, ein Buch lesen, mir einen Film im Fernsehen anschauen sollen - aber ich tat es nicht. Ich blieb einfach im Bett liegen.«

»Warum?« fragte Avalon.

»Ich weiß nicht. Es erschien mir damals wichtig. Mein Gott, ich erinnere mich so gut an jene Nacht, weil ich dauernd dachte, vielleicht werde ich lang schlafen, wenn ich jetzt nicht schlafe, und ich wußte, es würde doch nicht so sein. Ich muß gegen vier Uhr früh eingeschlafen sein, aber um acht war ich wach und kroch aus dem Bett, um mir das Frühstück zu bereiten.

Es war wieder ein sonniger Tag. Angenehm und kühl, es war klar, daß er die ganze Frühjahrswärme, aber ohne die Sommerhitze haben würde. Wieder ein schöner Tag! Weißt du, es schmerzt mich mitunter, daß ich Marge nicht besser leiden konnte, als es der Fall war. Ich meine, wir kamen miteinander aus, aber wir standen einander nicht nahe. Ich schwöre, ich besuchte die beiden eher, um mit Alex beisammen zu sein, als mit ihr. Und dann kam der Anruf.«

»Du meinst einen Telefonanruf?«

»Ja. Am Sonntagmorgen um acht Uhr. Wer sollte um diese Zeit anrufen, es sei denn, jemand der weiß, daß ich immer um acht aufstehe. Wenn ich geschlafen hätte und geweckt worden wäre, und dann in die Sprechmuschel geknurrt hätte, wäre das Ganze anders gewesen.«

»Wer war es?« fragte Drake.

»Alex. Er fragte, ob er mich aufgeweckt hätte. Er wußte, daß es nicht so war, hatte aber wohl ein schlechtes Gewissen, so früh anzurufen. Er fragte, wie spät es sei. Ich sah auf die Uhr und sagte: >Neun Minuten nach acht. Natürlich bin ich wach.< Ich war gewissermaßen stolz darauf, weißt du.

Und dann bat er mich hinüberzukommen, weil er mit Marge Streit gehabt hätte und aus dem Haus gelaufen sei. Er wollte nicht zurückkehren, ehe sie sich wieder beruhigt hätte... Ich sage dir, ich bin froh, daß ich nicht verheiratet bin.

Hätte ich doch Nein gesagt! Wenn ich ihm bloß gesagt hätte, daß ich eine schlechte Nacht verbracht hatte, daß ich Schlaf brauchte und keine Gesellschaft wollte, wäre er in seine Wohnung zurückgegangen. Er hätte sonst nirgends hingehen können. Und das Ganze wäre dann nicht passiert. Aber nein, der großherzige Mario war so stolz darauf, ein Frühaufsteher zu sein, daß er sagte: >Komm doch herüber, ich werde dir Kaffee und Eier machen<, denn ich wußte, daß Alex nichts gegessen hatte.

So kam er zehn Minuten später zu mir, und um halb neun hatte ich Rührei mit Schinken vor ihn hingestellt, und Marge war allein in der Wohnung, bis die Mörder kamen.«

»Hat dein Schwager seiner Frau gesagt, wo er hinging?« fragte Trumbull.

»Ich glaube nicht«, sagte Gonzalo, »jedenfalls nahm ich es nicht an. Ich glaube, er lief in einem Wutanfall aus der Wohnung, ohne selbst zu wissen, wohin. Dann dachte er an mich. Sogar wenn er gewußt hätte, daß er zu mir gehen würde, hätte er es ihr wahrscheinlich nicht gesagt. Er hätte sich gedacht: sie soll sich nur Sorgen machen.«

»Ja«, sagte Trumbull, »und als dann die Rauschgiftsüchtigen kamen und an der Tür herumfummelten, vermutete sie wohl, es sei Alex, der zurückkam, und öffnete ihnen die Tür. Ich wette, das Schloß war nicht erbrochen.«

»Nein, das ist richtig«, sagte Gonzalo.

»Ist ein Sonntagmorgen nicht eine merkwürdige Zeit für Süchtige, sich herumzutreiben?« fragte Drake.

»Hör mal«, sagte Rubin, »die tun das zu jeder Zeit. Das Verlangen nach Rauschgift besteht nicht nur wochentags.«

»Worum ging es bei dem Streit?« fragte Avalon plötzlich. »Ich meine, zwischen Alex und Marge?«

»Ach, das weiß ich nicht. Eine Kleinigkeit. Alex hatte bei der Arbeit etwas getan, das einen schlechten Eindruck gemacht haben muß, und das konnte Marge nicht vertragen. Ich weiß gar nicht, was es war, es muß jedenfalls ihren Stolz auf ihn verletzt haben, und sie war sauer.

Leider hat es Alex nie gelernt, sie einfach austoben zu lassen. Das tat ich immer, als wir Kinder waren. Da sagte ich, >Ja, Marge, ja, Marge<, und dann beruhigte sie sich. Aber Alex versuchte sich immer zu verteidigen, und dann wurde alles nur noch schlimmer. Damals dauerte der Streit fast die ganze Nacht... Natürlich sagt er jetzt, wenn er nur den Streit nicht so auf die Spitze getrieben hätte, wäre er nicht fortgelaufen, und dann wäre das alles nicht passiert.«

»Das Brüten über diese Wenns hat keinen Sinn«, sagte Avalon.

»Gewiß, aber wie kannst du aufhören, Jeff? Jedenfalls hatten sie eine schlimme Nacht und ich auch. Es war, als gäbe es eine Art telepathischer Verbindung.«

»Ach, Unsinn«, sagte Rubin.

»Wir waren Zwillinge«, sagte Gonzalo wie zur Verteidigung.

»Nur geschwisterliche Zwillinge«, sagte Rubin, »es sei denn, du bist unter deinen Kleidern eine Frau.«

»Und was macht das aus?«

»Es wird nur von eineiigen Zwillingen angenommen, daß sie eine solche telepathische Übereinstimmung haben, aber auch das ist Unsinn.«

»Alex war also bei mir«, sagte Gonzalo, »und er beklagte sich bitter darüber, wie hart Marge manchmal zu ihm war, und ich bemitleidete ihn und sagte: >Hör zu, warum schenkst du ihr so viel Aufmerksamkeit? Sie ist ein gutes Mädchen, wenn du sie nur nicht allzu ernst nimmst. < Weißt du, allerlei Tröstendes, wie man es eben sagt. Ich dachte, in zwei Stunden hätte er es sich vom Herzen geredet, würde heimgehen, sich mit ihr versöhnen, und ich würde hinaus in den Park oder vielleicht zurück ins Bett gehen. Aber nach zwei Stunden klingelte das Telefon wieder, und es war die Polizei.«

»Woher wußten sie, wo sie Alex finden würden?« fragte Halsted.

»Sie wußten es nicht. Sie riefen mich an, ihren Bruder. Alex und ich gingen hinüber und identifizierten sie. Eine Zeitlang sah er aus wie ein Toter. Es war nicht bloß der Umstand, daß sie tot war. Schließlich hatte er Streit mit ihr gehabt, und die Nachbarn mußten das gehört haben. Nun war sie tot, und man verdächtigt immer den Ehemann. Natürlich wurde er verhört, und er gab zu, mit ihr gestritten, die Wohnung verlassen zu haben und zu mir gekommen zu sein - alles.«

»Das muß verdammt unecht geklungen haben«, sagte Rubin.

»Ich bestätigte, daß er bei mir in der Wohnung gewesen war. Ich sagte, er sei zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Minuten nach acht gekommen und seither bei mir gewesen. Und der Mord wurde um neun Uhr verübt.«

»Meinst du damit, daß es Zeugen gab?« fragte Drake.

»Nein, zum Teufel! Aber es gab Lärm. Die Nachbarn im unteren Stockwerk hörten ihn, auch die Leute, die gegenüber wohnen. Möbel wurden umgeworfen, ein Schrei gellte. Natürlich wurde niemand gesehen, keiner sah etwas. Sie saßen hinter ihren versperrten Türen. Aber sie hörten den Lärm, und es war gegen neun Uhr. Darin waren sich alle einig.

Damit war die Sache für die Polizei erledigt. Wenn es nicht der Ehemann ist, so ist es in jenem Viertel ein kleiner Dieb, wahrscheinlich ein Rauschgiftsüchtiger. Alex und ich gingen fort, er betrank sich, und ich blieb zwei Tage bei ihm, denn man konnte ihn nicht allein lassen - und damit ist alles erzählt, was an der Sache war.«

»Triffst du Alex in letzter Zeit noch?« fragte Trumbull.

»Dann und wann. Mitunter borge ich ihm ein paar Dollar. Nicht, daß ich erwarten würde, sie zurückzubekommen. Er hat eine Woche nach Marges Ermordung seinen Posten aufgegeben. Ich glaube nicht, daß er jemals wieder gearbeitet hat. Er war einfach erledigt - weil er sich selbst beschuldigte, verstehst du. Warum mußte er mit ihr streiten? Warum mußte er aus dem Haus gehen? Weshalb mußte er zu mir kommen? Nun, so ist es eben. Ein Mord, aber kein Rätsel.«

Eine Zeitlang war alles still, dann sagte Halsted: »Macht es dir etwas aus, Mario, wenn wir darüber nachdenken, bloß - bloß... «

»Bloß zum Spaß?« sagte Mario. »Natürlich, nur zu, unterhaltet euch. Wenn ihr Fragen habt, werde ich sie beantworten so gut ich kann, aber was den Mord anlangt, gibt es nichts zu sagen.«

»Ja, aber«, sagte Halsted verlegen, »keiner hat jemanden gesehen. Es ist nur eine Vermutung, daß irgendwelche namenlose Süchtige hinkamen und sie ermordeten. Es könnte sie jemand aus einem anderen Grund getötet haben im Bewußtsein, daß es Rauschgiftsüchtigen zugeschrieben und er unbehelligt bleiben würde. Oder vielleicht sie.«

»Wer ist dieser Jemand?« sagte Mario skeptisch.

»Hatte Marge keine Feinde? Besaß sie Geld, das jemand haben wollte?« fragte Halsted.

»Geld? Was vorhanden war, lag auf der Bank. Alex hat natürlich alles geerbt. Es war ohnedies sein Geld, alles ging auf gemeinsame Rechnung.«

»Wie steht es mit Eifersucht?« sagte Avalon. »Vielleicht hatte sie eine Liebschaft. Oder er. Vielleicht ging der Streit darum?«

»Und er ermordete sie?« sagte Gonzalo. »Tatsache ist, daß er zur Zeit ihrer Ermordung in meiner Wohnung war.«

»Nicht unbedingt er. Angenommen, es war ihr Liebhaber oder seine Geliebte. Der Liebhaber, weil sie ihm drohte, die Beziehung abzubrechen. Die Geliebte, weil sie deinen Schwager heiraten wollte.«

Mario schüttelte den Kopf. »Marge war keine femme fatale. Ich wunderte mich immer, daß sie es mit Alex schaffte. Übrigens, vielleicht schaffte sie es gar nicht.«

»Hat sich Alex diesbezüglich beklagt?« fragte Trumbull mit plötzlichem Interesse.

»Nein, aber er ist auch kein großer Liebhaber. Hör mal, er ist jetzt seit drei Jahren Witwer, und ich bin bereit zu schwören, daß er keine Freundin hat. Auch keinen Freund, wenn du das meinen solltest.«

Rubin sagte: »Warte, du weißt nicht, worum der Streit wirklich ging. Du sagtest, es sei etwas gewesen, das bei seiner Arbeit vorfiel. Hat er dir eigentlich gesagt, was es war, und hast du es bloß vergessen, oder hat er dir das nie gesagt?«

»Er ging auf keine Einzelheiten ein, und ich habe ihn nicht gefragt. Es ging mich nichts an.«

»Also gut«, sagte Rubin, »wie wäre folgendes: Es gab einen Streit über etwas Wichtiges bei seiner Arbeit. Vielleicht hatte Alex fünfzigtausend Dollar gestohlen, Marge war böse darüber, und deshalb stritten sie. Oder Marge hatte ihn dazu verleitet, zu stehlen, er hatte Angst bekommen, und darum gab es Streit. Und vielleicht waren die fünfzigtausend in der Wohnung, jemand wußte davon und dieser Jemand tötete sie, nahm das Geld, und Alex wagt nicht, es zu erzählen.«

»Welcher Jemand?« fragte Gonzalo. »Was für ein Diebstahl? Alex war kein solcher Mensch.«

»Famose letzte Worte«, flötete Drake.

»Nun, er war es nicht. Und wenn er es getan hätte, hätte die Firma, bei der er arbeitete, nicht geschwiegen. Ausgeschlossen.«

Trumbull sagte: »Wie wäre es mit jener Art von Privatkriegen, wie sie in Mehrfamilienhäusern vorkommen? Du weißt ja, Fehden zwischen Mietern. Gab es dort jemand, der sie haßte und schließlich umbrachte?«

»Zum Teufel, wenn es etwas so Ernstes gegeben hätte, wüßte ich davon. Marge behielt die Dinge nie so bei sich.«

»Könnte es Selbstmord gewesen sein?« sagte Drake. »Schließlich war ihr Mann soeben davongelaufen. Vielleicht hatte er gesagt, er werde nie wiederkommen, und sie war verzweifelt. Sie beging Selbstmord in einem Anfall verwirrter Depression.«

»Es war ein Messer aus der Küche«, sagte Gonzalo. »Ja. Aber Marge war nicht der Typ für einen Selbstmord. Sie hätte jemand anderen töten können, aber nicht sich selbst. Außerdem, warum sollte es einen Kampf und den Schrei gegeben haben, wenn sie Selbstmord begangen hätte?«

Drake sagte: »Vielleicht sind bei dem Streit mit ihrem Mann Dinge umgeworfen worden, und dann könnte sie einen Mord vorgetäuscht haben, um ihren Mann in Schwierigkeiten zu bringen. Mein ist die Rache, spricht die gekränkte Ehefrau.«

»Ach, hör auf«, sagte Gonzalo verächtlich, »Marge hätte so etwas nie im Leben getan.«

»Weißt du«, sagte Drake, »so gut kennt man keinen anderen Menschen - sogar wenn es deine Zwillingsschwester ist.«

»Nun, ihr werdet mich nicht dazu bringen, es zu glauben.«

»Ich weiß nicht, warum wir unsere Zeit vergeuden«, sagte Trumbull. »Weshalb fragen wir nicht den Fachmann?... Henry?«

Henry, dessen Gesicht nur höfliches Interesse zeigte, sagte: »Ja, Mr. Trumbull?«

»Wollen Sie es uns nicht sagen? Wer hat Mr. Gonzalos Schwester ermordet?«

Henry zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich halte mich nicht für einen Fachmann, Mr. Trumbull, muß aber sagen, daß alle von den Herren am Tisch geäußerten Vermutungen, auch die Ihren, höchst unwahrscheinlich sind. Ich glaube, daß die Polizei ganz recht hat, und daß, wenn in diesem Fall die Tat nicht von dem Ehemann begangen wurde, Einbrecher die Täter waren. Und heutzutage muß man annehmen, es waren Rauschgiftsüchtige, die verzweifelt nach Geld oder etwas suchten, das sie zu Geld machen könnten.«

»Sie enttäuschen mich, Henry«, sagte Trumbull.

Henry lächelte freundlich.

»Gut«, sagte Halsted, »ich finde, wir sollten die Sitzung aufheben, nachdem wir uns geeinigt haben, wer das nächstemal Gastgeber ist, und wahrscheinlich sollten wir lieber wieder Gäste einladen. Mein Plan war nicht sehr erfolgreich.«

»Es tut mir leid«, sagte Gonzalo, »daß ich es nicht besser konnte.«

»So habe ich es nicht gemeint, Mario«, sagte Halsted hastig.

»Ich weiß. Nun, vergessen wir das.«

Sie entfernten sich, Mario als letzter. Eine leichte Berührung seiner Schulter veranlaßte Gonzalo, sich umzudrehen.

Henry sagte: »Mr. Gonzalo, könnte ich Sie privat sprechen, ohne daß die anderen davon wissen? Es ist sehr wichtig.«

Gonzalo starrte ihn einen Augenblick an und sagte dann: »Gut, ich gehe, verabschiede mich, nehme ein Taxi und lasse mich hierher zurückbringen.« Nach zehn Minuten war er zurück.

»Handelt es sich um meine Schwester, Henry?«

»Leider, Sir. Ich finde, ich sollte allein mit Ihnen sprechen.«

»Also gut. Gehen wir ins Speisezimmer zurück. Es ist jetzt leer.«

»Lieber nicht, Sir. Nichts von dem, was in dem Raum gesagt wird, darf außerhalb wiederholt werden, und ich möchte nicht vertraulich sprechen. Es macht mir nichts aus, daß ich über alltägliche Vergehen schweigen muß, aber Mord ist doch etwas anderes. Wir könnten uns in die Ecke dort zurückziehen.«

Sie gingen zu der angegebenen Stelle. Es war spät, und das Restaurant war praktisch leer.

Henry sagte leise: »Ich habe Ihre Schilderung verfolgt und würde gern mit Ihrer Erlaubnis einiges daraus wiederholen, um mich zu vergewissern, ob ich richtig gehört habe.«

»Gewiß, tun Sie das.«

»Soweit ich verstanden habe, fühlten Sie sich an einem Samstag gegen Ende April beunruhigt und gingen vor den Elf-Uhr-Nachrichten zu Bett.«

»Ja, kurz vor elf Uhr.«

»Und Sie hörten die Nachrichten nicht.«

»Nicht einmal die Schlagzeilen am Anfang.«

»Und in jener Nacht schliefen Sie nicht, verließen aber auch nicht das Bett. Sie gingen nicht ins Badezimmer oder in die Küche.«

»Nein.«

»Und dann sind Sie zur gleichen Zeit wie immer aufgewacht.«

»Genau.«

»Nun, Mr. Gonzalo, das verwirrt mich. Jemand, der jeden Morgen zur gleichen Zeit aufwacht dank irgendeiner Art biologischer Uhr in seinem Inneren, erwacht zweimal im Jahr zur falschen Zeit.«

»Wie?«

»In diesem Staat, Sir, werden die Uhren zweimal im Jahr umgestellt, einmal zu Beginn und einmal zu Ende der Sommerzeit, aber die biologische Zeit ändert sich nicht so plötzlich. Sonntag früh um ein Uhr werden die Uhren auf zwei gestellt. Hätten Sie die Elf-Uhr-Nachrichten gehört, dann wären Sie daran erinnert worden. Aber Sie zogen Ihre Uhr vor elf Uhr abends auf, und Sie sagten nichts davon, daß Sie sie umgestellt hätten. Dann gingen Sie zu Bett und rührten die Uhr in der Nacht nicht an. Als Sie um acht Uhr morgens erwachten, hätte die Uhr neun Uhr gezeigt. Habe ich recht?«

»Du mein Gott!« sagte Gonzalo.

»Nach dem Anruf der Polizei gingen Sie fort und kehrten einige Tage lang nicht zurück. Als Sie wiederkamen, war die Uhr natürlich stehengeblieben. Sie konnten nicht wissen, daß sie um eine Stunde nachging, als sie stehenblieb. Sie stellten sie auf die richtige Zeit und merkten den Unterschied nicht.«

»Daran habe ich nicht gedacht, aber Sie haben völlig recht.«

»Die Polizei hätte daran denken sollen, aber heutzutage ist es so leicht, alltägliche Gewaltverbrechen als das Werk von Rauschgiftsüchtigen zu klassifizieren. Sie gaben Ihrem Schwager sein Alibi, und er ging den Weg des geringsten Widerstandes.«

»Sie meinen, er... «

»Es ist möglich, Sir. Sie hatten Streit, und er tötete sie um neun Uhr morgens, wie die Aussagen der Nachbarn bezeugten. Ich bezweifle, daß es vorsätzlich geschah. In seiner Verzweiflung dachte er dann an Sie - und das war recht klug von ihm. Er rief Sie an und fragte, wieviel Uhr es sei. Sie sagten, neun Minuten nach acht, und da wußte er, daß Sie die Uhr nicht umgestellt hatten, und eilte in Ihre Wohnung. Hätten Sie gesagt, neun Minuten nach neun, hätte er versucht, aus der Stadt zu flüchten.«

»Aber Henry, weshalb sollte er es getan haben?«

»Bei Eheleuten läßt sich das schwer sagen, Sir. Vielleicht stellte Ihre Schwester zu hohe Ansprüche. Sie sagten zum Beispiel, sie sei mit Ihrer Lebensweise nicht einverstanden gewesen, und gab es Ihnen wahrscheinlich sehr deutlich zu verstehen, so deutlich, daß Sie sie daraufhin nicht sehr gern mochten. Nun muß sie mit dem Leben, das ihr Mann vor ihrer Verheiratung geführt hatte, auch nicht einverstanden gewesen sein. Er war ein Faulenzer, sagten Sie. Sie machte aus ihm einen korrekten, ernst arbeitenden Angestellten, und möglicherweise gefiel ihm das nicht. Nachdem er schließlich wild wurde und sie tötete, wurde er wieder ein Faulenzer. Sie glauben, das sei aus Verzweiflung geschehen; vielleicht empfindet er nur ein Gefühl der Erleichterung.«

»Nun... was sollen wir tun?«

»Ich weiß es nicht, Sir. Es würde sich schwerlich beweisen lassen. Können Sie sich wirklich nach drei Jahren erinnern, daß Sie die Uhr nicht umgestellt haben? Ein Rechtsanwalt würde Sie im Kreuzverhör in Stücke reißen. Andererseits könnte Ihr Schwager vielleicht zusammenbrechen, wenn man ihn vor die Tatsachen stellt. Sie werden es sich überlegen müssen, Sir, ob Sie zur Polizei gehen wollen.«

»Ich?« sagte Gonzalo unschlüssig.

»Es war Ihre Schwester, Sir«, sagte Henry leise.


Anmerkung

Diese Geschichte erschien zum erstenmal in der Märzausgabe 1973 des EQMM unter dem Titel >Die biologische Uhr<. In diesem Fall finde ich, daß der Titel im Magazin etwas hervorhebt, von dem ich eher wünsche, daß es der Leser übergeht, da es der Schlüssel zu dem Rätsel ist. Wenn er sich auf Grund des Titels zu sehr darauf konzentriert, wird er es zu schnell erraten. Daher wählte ich wieder »Sonntag am frühen Morgen«, was sich gleichfalls auf die Sache bezieht, so daß es ehrlich, aber neutral genug ist, auch mir eine ehrliche Chance zu geben.


Der evidente Faktor

<p id="_bookmark5"><strong>Der evidente Faktor</strong></p>

Thomas Trumbull sah sich in der Tafelrunde um und sagte mit einer gewissen Befriedigung: »Nun, Sie werden wenigstens nicht durch eine Federzeichnung verewigt werden, Voss. Unser ansässiger Künstler ist nicht hier ... Henry!«

Henry stand neben Trumbull, noch ehe das Echo des Rufs verhallt war, sein faltenloses Gesicht mit den intelligenten Augen zeigte keinerlei Verwirrung. Trumbull nahm den Whisky mit Soda, den ihm der Kellner auf dem Tablett reichte, und sagte: »Hat Mario angerufen, Henry?«

»Nein, Sir«, sagte Henry ruhig.

Avalon hatte sein Glas wie üblich halb leergetrunken und schwenkte es geistesabwesend. »Es könnte sein, daß er nach der Erzählung von der Ermordung seiner Schwester im vorigen Monat nicht... «

Er ließ den Satz unvollendet und stellte das Glas vorsichtig auf den Tisch. Das monatliche Abendessen der Schwarzen Witwer würde gleich beginnen.

Trumbull, der Gastgeber des Abends, nahm im Armstuhl am Kopfende des Tisches Platz und sagte:

»Kennen Sie alle Herren, Voss? Links von mir, das ist James Drake. Er ist Chemiker und versteht mehr von Schundromanen als von Chemie. Dann Geoffrey Avalon, ein Rechtsanwalt, der nie in einen Gerichtssaal kommt. Emmanuel Rubin, der in den Pausen zwischen seinen Reden schreibt, das heißt praktisch nie; und Roger Halsted: angeblich Poet, aber nicht einmal ein Mathematiker, was er zu sein vorgibt.«

»Tatsächlich haben wir bei unseren letzten Zusammenkünften eine Reihe von Rätseln gelöst«, sagte Halsted. »Es war gute Arbeit.«

»Lausig«, sagte Trumbull. »Es war Henry, der Erfolge erzielte.«

»Wenn ich >wir< sage, so rechne ich Henry dazu«, sagte Halsted, dessen hellhäutiges Gesicht errötete.

»Henry?« fragte Eldridge.

»Unser geschätzter Kellner«, sagte Trumbull, »und Ehrenmitglied der Schwarzen Witwer.«

Henry, der die Wassergläser füllte, sagte: »Sie ehren mich, Sir.«

»Ehren, Unsinn! Ich würde zu keiner Zusammenkunft kommen, wenn Sie nicht den Tisch betreuten.«

»Sehr freundlich von Ihnen, Sir, daß Sie das sagen.«

Danach blieb Eldridge nachdenklich still und verfolgte die wie gewöhnlich immer lebhafter werdende Unterhaltung. Drake sprach von gewissen dunklen Unterschieden zwischen Geheimagent X und Kontaktmann 5, und Rubin bestritt sie aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt waren.

Drake, der seine etwas heisere Stimme nie erhob, sagte: »Kontaktmann 5 könnte Verkleidungen verwendet haben, das will ich nicht leugnen. Aber Geheimagent X war >der Mann mit den tausend Gesichtern<. Als Beweis kann ich dir eine Fotokopie einer Magazinseite aus meiner Bibliothek schik-ken.« Er machte eine Notiz in seinem Kalender.

Rubin spürte, daß er auf der Verliererstraße war und wechselte sofort das Terrain. »So etwas wie Verkleidung gibt es ja gar nicht. Da sind tausend Dinge, die sich nicht verschleiern lassen, eine charakteristische Sprechweise, Gang, Stimme, tausend Angewohnheiten, die man nicht ändern kann, weil man gar nicht weiß, daß man sie hat. Eine Verkleidung gelingt nur, weil niemand wirklich hinsieht.«

»Mit anderen Worten, die Menschen betrügen sich selbst«, warf Eldridge ein.

»Natürlich«, sagte Rubin. »Die Menschen wollen betrogen sein.«

Das Eiscreme-Parfait wurde hereingebracht, und bald darauf klopfte Trumbull mit dem Löffel an sein Wasserglas.

»Inquisitionszeit«, sagte er. »Als Großinquisitor passe ich, da ich der Gastgeber bin. Manny, willst du bitte die Honneurs machen?«

Rubin sagte sofort: »Dr. Eldridge, wie rechtfertigen Sie die Tatsache Ihrer Existenz?«

»Durch die Tatsache meiner Bemühung, Wahrheit und Unsinn auseinanderzuhalten.«

»Sind Sie der Ansicht, daß Ihnen das gelingt?«

»Vielleicht weniger oft, als ich wünschte. Und doch so oft wie den meisten. Es ist ein allgemeiner Wunsch, Wahrheit und Unsinn auseinanderzuhalten. Wir alle versuchen es. Sie haben den allgemeinen Begriff der Verkleidung als Unsinn bezeichnet und korrigiert. Wenn ich auf Unsinn stoße, versuche ich ihn möglichst zu korrigieren. Das ist nicht immer leicht.«

»Was ist Ihre Form der Unsinnskorrektur, Eldridge? Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben?«

»Ich bin außerordentlicher Professor für Psychologie«, sagte Eldridge.

»Wo sind Sie ...?« begann Rubin.

Avalon unterbrach ihn mit tief dröhnender Stimme: »Entschuldige, Manny, aber das sieht mir nach einer ausweichenden Antwort aus. Du hast nach Dr. Eldridges Beruf gefragt, und er gab dir einen Titel an ... Womit verbringen Sie hauptsächlich Ihre Zeit, Dr. Eldridge?«

»Ich untersuche parapsychologische Phänomene«, sagte Eldridge.

»O Gott«, murmelte Drake und drückte seine Zigarette aus.

»Erregt das Ihr Mißfallen, Sir?« fragte Eldridge, dessen Gesicht keine Spur von Ärger zeigte. Er wandte sich an Henry und sagte ruhig: »Nein, danke, Henry, ich möchte keinen Kaffee mehr.«

Henry ging weiter zu Rubin, der seine leere Tasse hochhielt.

»Es handelt sich nicht um Gefallen oder Mißfallen«, sagte Drake. »Ich finde, Sie vergeuden Ihre Zeit.«

»Wieso?«

»Sie untersuchen Telepathie, Vorahnungen und dergleichen?«

»Ja. Geister und übersinnliche Phänomene auch.«

»Nun gut. Ist Ihnen schon etwas untergekommen, das Sie nicht erklären konnten?«

»In welcher Weise erklären? Ich könnte einen Geist erklären, indem ich sage >Ja, das ist ein Geist.< Ich nehme nicht an, daß Sie das meinen.«

Rubin mischte sich ein. »Ich muß nun leider Drakes Partei ergreifen. Er meint mit seiner Frage, wie Sie wohl wissen, ob Sie auf ein Phänomen gestoßen sind, das Sie nach den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Regeln nicht erklären konnten?«

»Ich bin auf viele solche Phänomene gestoßen.«

»Die Sie nicht erklären konnten?« fragte Halsted.

»Die ich nicht erklären konnte. Es vergeht kein Monat, an dem nicht etwas auf meinen Schreibtisch kommt, das ich nicht erklären kann«, sagte Eldridge mit sanftem Kopfnicken.

Es gab eine kurze Stille fühlbaren Mißfallens, dann sagte Avalon: »Heißt das, daß Sie an diese psychischen Phänomene glauben?«

»Wenn Sie meinen: ob ich glaube, daß es Ereignisse gibt, welche die physikalischen Gesetze verletzen? Nein! Ob ich aber glaube, daß ich alles weiß, was es über die physikalischen Gesetze zu wissen gibt? Auch nein. Ob ich glaube, daß irgend jemand alles weiß, was es über die physikalischen Gesetze zu wissen gibt? Ein drittesmal nein.«

»Das sind Ausflüchte«, sagte Drake. »Haben Sie irgendwelche Beweise dafür, daß es zum Beispiel Telepathie gibt und daß die derzeit allgemein gültigen physikalischen Gesetze dementsprechend geändert werden müßten?«

»Ich bin nicht bereit, mich so weit festzulegen. Ich weiß sehr wohl, daß es sogar in den detailliertesten Geschichten ehrliche Irrtümer, Übertreibungen, Mißdeutungen, ja sogar glatte Fälschungen gibt. Dennoch sind mir Vorfälle untergekommen, über die ich, sogar unter Berücksichtigung dessen, einfach nicht hinweggehen kann.«

Eldridge schüttelte den Kopf und fuhr fort:

»Der Beruf, den ich ausübe, ist nicht leicht. Es gibt Vorfälle, für die keine durchschnittlich vorstellbare Erklärung möglich scheint; wobei der Beweis für etwas, das von den bekannten Regeln, nach denen die Welt zu funktionieren scheint, abweicht, sich anscheinend nicht bestreiten läßt. Es scheint so, als müßte ich es hinnehmen — und dennoch zögere ich. Kann ich mit einer so geschickt manipulierten Fälschung oder einem so schlau verborgenen Fehler zu kämpfen haben, daß ich etwas für goldene Tatsache nehme, das nur blecherner Unsinn ist? Ich kann getäuscht werden, wie Rubin bemerkte.«

»Manny würde sagen, daß Sie getäuscht werden wollen«, warf Trumbull ein.

»Möglich. Wir alle wollen, daß dramatische Dinge wahr wären. Wir möchten imstande sein, unseren Wunschtraum zu verwirklichen, über außergewöhnliche Kräfte zu verfügen, für Frauen unwiderstehlich zu sein — und würden insgeheim dazu neigen, solche Dinge zu glauben, ungeachtet dessen, wie großen Wert wir auf völligen Rationalismus legen.«

»Ich nicht«, sagte Rubin entschieden, »ich habe mir noch nie im Leben etwas vorgemacht.«

»Nein?« Eldridge sah ihn nachdenklich an. »Ich nehme also an, daß Sie sich unter allen Umständen weigern, an die wirkliche Existenz parapsychologischer Phänomene zu glauben?«

»Das würde ich nicht sagen«, erwiderte Rubin, »aber ich würde verdammt klare Beweise brauchen — bessere, als mir jemals angeboten wurden.«

»Und wie steht es mit den übrigen Herren?«

»Wir sind alle Rationalisten«, sagte Drake. »Von Mario Gonzalo weiß ich das allerdings nicht, aber der ist heute nicht anwesend.«

»Sind auch Sie Rationalist, Tom?«

Trumbulls faltiges Gesicht verzog sich zu einem grimmigen Lächeln. »Sie haben mich mit Ihren Geschichten bisher noch nicht überzeugt, Voss. Ich glaube auch nicht, daß Sie mich jetzt überzeugen können.«

»Ich habe Ihnen noch nie Geschichten erzählt, Tom, von denen ich überzeugt war ... aber jetzt habe ich eine; etwas, das ich Ihnen noch nicht erzählt habe, und wovon niemand außerhalb meiner Abteilung etwas weiß. Ich kann Ihnen diese Geschichte erzählen, und wenn Sie mir eine Erklärung liefern können, die keine Änderung der grundlegenden wissenschaftlichen Weltanschauung erfordert, wäre ich beträchtlich erleichtert.«

»Eine Geistergeschichte?« sagte Halsted.

»Nein, keine Geistergeschichte«, sagte Eldridge. »Es ist nur eine Geschichte, die das Prinzip von Ursache und Wirkung, den eigentlichen Grundstein, auf dem die ganze Wissenschaft aufgebaut ist, in Frage stellt. Mit anderen Worten, sie stellt den Begriff des nicht umkehrbaren Fortschreitens der Zeit in Frage.«

»Es ist durchaus möglich«, sagte Rubin sofort, »auf sub-atomischer Ebene das Fortschreiten der Zeit entweder... «

»Sei still, Manny«, sagte Trumbull, »und laß Voss reden.«

Henry hatte in aller Stille jedem der Tischgäste ein Glas Cognac serviert. Eldridge hob das Gläschen zerstreut und schnupperte daran, dann nickte er Henry zu, der mit einem leisen, höflichen Lächeln erwiderte.

»Es ist merkwürdig«, sagte Eldridge, »aber es gibt viele, die behaupten oder behauptet haben, über außergewöhnliche Kräfte zu verfügen, junge Frauen ohne besondere Ausbildung, ohne besondere Einbildungskraft, ohne besondere Intelligenz. Es scheint, als hätte das Vorhandensein einer besonderen Begabung das aufgezehrt, was sonst auf die üblicheren Aspekte einer Persönlichkeit verteilt ist. Vielleicht ist es bei Frauen bloß auffallender.

Ich spreche jedenfalls von einer Frau, die ich hier Mary nennen werde. Sie werden verstehen, daß ich ihren wirklichen Namen nicht nennen will. Die Frau steht noch unter Beobachtung, und es wäre von meinem Standpunkt aus katastrophal, wenn sich irgendwelche Publicityjäger auf ihre Spur machten. Verstehen Sie?«

Trumbull runzelte ernst die Stirn. »Hören Sie, Voss, ich habe Ihnen doch gesagt, daß nichts, was hier gesprochen wird, außerhalb dieser Wände je wiederholt wird. Sie brauchen sich keinen Zwang auferlegen.«

»Unfälle kommen vor«, bemerkte Eldridge. »Nun also zurück zu Mary. Sie hat die Schule nicht abgeschlossen und das wenige Geld, das sie bezahlt bekommt, verdient sie sich als Verkäuferin in einem Einheitspreisladen. Sie ist nicht reizvoll, und keiner wird sie hinter dem Ladentisch hervorholen, was vielleicht gut ist, denn dort ist sie nützlich und arbeitet ordentlich. Sie glauben es vielleicht nicht, aber sie kann nicht richtig addieren und leidet unter Kopfschmerzen, die sie arbeitsunfähig machen; dann sitzt sie im Hinterzimmer und erschreckt die anderen Angestellten dadurch, daß sie unheimlich dummes Zeug vor sich hinbrummt. Dennoch würde der Laden nicht daran denken, sie zu entlassen.«

»Warum nicht?« fragte Rubin, zu Skepsis gegen alles sichtlich entschlossen.

»Weil sie Ladendiebe ausfindig macht, die, wie Sie wissen, durch tausend kleine Verluste heutzutage ein Geschäft ruinieren können. Nicht, daß Mary irgendwie schlau oder scharfäugig oder als Verfolgerin unnachgiebig wäre. Nur, sie erkennt einen Ladendieb, sobald er das Kaufhaus betritt, auch wenn sie ihn noch nie gesehen hat und gar nicht hereinkommen sieht.

Zuerst folgte sie ihnen in kurzem Abstand, dann wurde sie hysterisch und fing zu murmeln an. Schließlich brachte der Geschäftsführer beides in einen Zusammenhang — Marys seltsames Benehmen und die Ladendiebstähle. Er begann auf einen zu achten, dann auf einen anderen, und es dauerte nicht lange, bis er herausfand, daß Mary sich nie irrte.

Bald verringerten sich die Verluste praktisch auf Null in diesem Laden, trotz des Umstandes, daß er in einem besonders üblen Viertel liegt. Natürlich erntete der Geschäftsführer die Anerkennung dafür. Wahrscheinlich verheimlichte er die Wahrheit absichtlich, damit ihm Mary keiner wegengagierte.

Aber dann bekam er es mit der Angst, denke ich. Mary befaßte sich mit einem Ladendieb, der gar keiner war, sondern später in eine Schießerei verwickelt wurde. Der Geschäftsführer hatte über die Arbeit meiner Abteilung gelesen und suchte uns auf. Schließlich brachte er Mary zu uns.

Wir brachten sie dazu, regelmäßig in unser College zu kommen. Natürlich bezahlten wir sie dafür. Nicht viel, denn sie verlangte nicht viel. Sie war ein etwa zwanzigjähriges, häßliches, dummes Mädchen, das ungern sprach oder erzählte, was in ihrem Geist vorging. Ich nehme an, daß ihr ihre seltsamen Vorstellungen in der Kindheit mit Schlägen ausgetrieben wurden, und sie hatte gelernt, vorsichtig zu sein, Sie verstehen.«

»Sie meinen also«, sagte Drake, »sie hat eine Begabung für Vorahnungen?«

»Wie denn soll ich es nennen, daß sie Dinge sieht, ehe sie sich ereignen?« sagte Eldridge. »Sie sieht nur unangenehme Dinge, solche, die sie beunruhigen oder ängstigen, die ihr, stelle ich mir vor, das Leben zur Hölle machen. Es ist jene Beunruhigung oder Ängstigung, die die Zeitschranke zerbricht.«

»Wir wollen Grenzbedingungen aufstellen«, sagte Halsted. »Was fühlt sie? Wie lang im voraus sieht sie Dinge? Wie weit räumlich entfernt?«

»Wir brachten sie nie so weit, uns viel zu helfen«, sagte Eldridge. »Ihre Begabung ließ sich nicht nach Wunsch zugänglich machen, und bei uns war sie nie entspannt. Nach Aussagen des Geschäftsführers und aus dem, was wir erfahren haben, konnte sie anscheinend immer nur einige Minuten im voraus etwas entdecken. Das Höchste war eine halbe bis eine ganze Stunde.«

Rubin schnaubte.

»Einige Minuten«, sagte Eldridge sanft, »sind so gut wie ein Jahrhundert. Es kommt auf das Prinzip an. Ursache und Wirkung sind gestört, und das Fortschreiten der Zeit ist umgekehrt.

Und was den Raum anlangt, schien es keine Grenzen zu geben. Ihrer Beschreibung nach — wenn ich sie veranlassen konnte, überhaupt etwas zu sagen — und soweit ich ihre ziemlich ungeschickten und unzusammenhängenden Worte deuten konnte, sind im Untergrund ihres Bewußtseins dauernd beängstigende Formen in flackernder Bewegung. Manchmal wird es wie von einem plötzlichen Blitz erleuchtet, und sie sieht oder wird sich bewußt. Am deutlichsten sieht sie, was nahe ist oder was sie am meisten beschäftigt — zum Beispiel der Ladendiebstahl. Gelegentlich sieht sie aber auch weiter entfernte Vorfälle. Je größer die Katastrophe, auf desto größere Entfernung kann sie die Dinge spüren. Ich halte es für möglich, daß sie eine Atombombe entdecken könnte, die irgendwo in der Welt zur Explosion gebracht werden soll.«

Rubin sagte: »Ich nehme an, sie spricht unzusammenhängend, und Sie ergänzen das Übrige. Die Geschichte ist voll schwärmerischer Propheten, deren Gemurmel als Weisheit gedeutet wurde.«

»Das gebe ich zu«, sagte Eldridge, »und ich achte nicht — oder zumindest nicht sehr — auf das, was nicht klar ist. Nicht einmal ihren Erfolgen mit Ladendieben schreibe ich große Bedeutung zu. Vielleicht ist sie so sensibel, daß sie irgendeine charakteristische Art, wie Ladendiebe aussehen und dastehen, entdeckt, irgendeinen Geruch — etwas in der Art, wovon Sie sprachen, Rubin, jene Dinge, die keiner verbergen kann. Aber dann...«

»Dann?« fragte Halsted neugierig.

»Einen Augenblick«, sagte Eldridge. »Ach — Henry, könnten Sie mir doch noch eine Tasse Kaffee eingießen?«

»Gewiß«, sagte Henry.

Eldridge sah zu, wie der Kaffeespiegel höher stieg. »Welche Einstellung haben Sie zu psychischen Phänomenen, Henry?« fragte er.

Henry sagte: »Ich habe keine generelle Einstellung, Sir. Ich lasse all das gelten, was ich offenbar gelten lassen muß.«

»Gut!« sagte Eldridge. »Ich vertraue auf Sie und nicht auf diese Rationalisten hier, mit ihren Vorurteilen und ihrer vorgefaßten Meinung.«

»Dann fahren Sie fort«, sagte Drake. »Sie haben im dramatischen Augenblick eine Pause gemacht, um uns abzulenken.«

»Keineswegs«, sagte Eldrigde. »Ich wollte sagen, daß ich Mary nicht ernst genommen habe, bis zu dem Tag, als sie plötzlich anfing, sich zu winden und zu stöhnen und in sich hinein zu murmeln. Das tut sie mitunter, doch damals murmelte sie >Eldridge, Eldridge. < Und das Wort wurde immer schriller.

Ich nahm an, daß sie mich rief, aber das stimmte nicht. Als ich antwortete, ignorierte sie mich. Immer wieder rief sie >Eldrigde! Eldridge< Dann begann sie zu schreien >Feuer! O Gott! Es brennt! Hilfe! Eldridge! Eldridge !< Immer wieder, auf alle möglichen Arten. Das machte sie eine halbe Stunde lang.

Wir versuchten den Sinn herauszufinden. Natürlich sprachen wir leise, da wir sie nicht mehr stören wollten als unbedingt nötig, aber wir wiederholten dauernd: >Wo? Wo?< Sie sagte uns, sehr unzusammenhängend und in Bruchstücken, aber doch genug um zu erraten, daß es San Francisco war; ich brauche nicht zu betonen, daß es fünftausend Kilometer weit entfernt liegt. Schließlich gibt es nur eine Golden Gate Brücke, und in einem ihrer Anfälle keuchte sie immer wieder >Golden Gate<. Nachher stellte sich heraus, daß sie nie von der Golden Gate Brücke gehört hatte und kaum etwas von San Francisco wußte.

Als wir alles zusammenfaßten, kamen wir zu dem Schluß, daß ein altes Mehrfamilienhaus irgendwo in San Francisco, wahrscheinlich in Sichtweite von der Brücke, in Flammen aufgegangen war. Insgesamt waren bei Ausbruch des Feuers dreiundzwanzig Menschen darin, fünf davon verbrannten. Eines der Opfer war ein Kind.«

Halsted sagte: »Und dann untersuchten Sie die Sache und stellten fest, daß es in San Francisco ein Feuer gab, bei dem fünf Menschen, darunter ein Kind, ums Leben gekommen waren.«

»Genau«, sagte Eldridge, »aber was mich umwirft, ist folgendes: Einer der fünf Toten war eine Frau. Sophronia Latimer. Sie hatte sich ins Freie gerettet und dann entdeckt, daß ihr achtjähriger Junge nicht mit ihr hinaus gekommen war. Sie rannte wie verrückt ins Haus zurück und schrie nach dem Jungen; sie kam nie wieder heraus. Der Knabe hieß Eldridge Sie verstehen also, was sie in den Minuten vor ihrem Tode rief.

Eldridge ist ein sehr ungewöhnlicher Vorname, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, und ich habe den Eindruck, daß Mary dieses Ereignis, obwohl es so weit entfernt war, nur deshalb aufnahm, weil sie auf dem Umweg über mich auf den Namen sensibilisiert worden war, und weil er in Zusammenhang mit solcher Qual stand.«

»Sie suchen eine Erklärung dafür, nicht wahr?« fragte Rubin.

»Natürlich«, sagte Eldridge. »Wie konnte dieses ungebildete Mädchen auf fünftausend Kilometer Entfernung — und glauben Sie mir, wir haben alle Details gründlich geprüft — ein Feuer in all seinen Einzelheiten sehen und alle Tatsachen richtig mitbekommen?«

»Warum sollten die fünftausend Kilometer so eindrucksvoll sein?« sagte Rubin. »Das bedeutet heutzutage gar nichts; es ist eine Sechzigstel Sekunde mit Lichtgeschwindigkeit. Ich nehme an, daß sie die Geschichte von dem Feuer im Rundfunk hörte oder Fernsehen sah — das letztere ist wahrscheinlicher — und Ihnen weitererzählte. Sie wählte die Geschichte wegen des Namens Eldridge. Sie dachte, das würde möglichst großen Eindruck bei Ihnen erwecken.«

»Warum?« fragte Eldridge. »Weshalb sollte sie eine solche Täuschung begehen?«

»Weshalb?« Rubin verschlug es für einen Augenblick vor Staunen die Stimme, dann rief er aus: »Guter Gott, Sie arbeiten seit Jahren mit diesen Menschen und sind sich nicht darüber im klaren, wie sehr sie es wünschen, Sie reinzulegen? Glauben Sie denn nicht, daß man ein Machtgefühl bekommt, wenn einem eine Täuschung gelingt? Und vergessen Sie das nicht, auch Geld!«

Eldridge dachte darüber nach, dann schüttelte er den Kopf. »Sie hat nicht genug Verstand, um so etwas erfolgreich durchzuführen. Es bedarf einiger Intelligenz, ein Schwindler zu sein — ein guter, zumindest.«

»Nun, Voss«, warf Trumbull ein, »es besteht kein Grund zu der Annahme, daß sie das auf eigene Faust macht. Es wäre möglich, daß sie einen Helfershelfer hat. Sie steuert die hysterischen Anfälle bei, er den Verstand.«

»Wer sollte der Helfershelfer sein?« fragte Eldridge leise.

Trumbull zog die Schultern hoch. »Das weiß ich nicht.«

Avalon räusperte sich und sagte: »Ich bin da mit Tom einer Meinung und vermute, daß der Geschäftsführer des Einheitspreisladens der Helfershelfer ist. Er hatte ihre Fähigkeit bemerkt, Ladendiebe zu wittern, und dachte, er könnte das für etwas Sensationelleres verwenden. Ich könnte wetten, daß es so ist. Er hat im Fernsehen von dem Brand gehört, den Namen Eldridge verstanden und sie präpariert.«

»Wie lang würde es dauern, sie zu präparieren?« fragte Eldridge. »Ich sage Ihnen doch dauernd, daß sie nicht sehr intelligent ist.«

»Das Präparieren würde nicht schwierig sein«, sagte Rubin rasch. »Sie sagen, sie redete unzusammenhängend. Er würde ihr nur einige Schlüsselworte sagen: Eldridge, Feuer, Golden Gate und dergleichen. Die wiederholt sie dann in wahlloser Folge, und ihr intelligenten Psychologen ergänzt den Rest.«

Eldridge nickte, dann sagte er: »Das ist interessant, nur gab es gar keine Zeit, um das Mädchen zu präparieren. Darum geht es ja eben bei der Vorahnung. Wir wissen genau, um wieviel Uhr das Feuer in San Francisco ausbrach. Nun brach es aber eben in der Minute aus, in der Marys Anfall endete. Es war, als ob Mary den Kontakt verloren hätte, sobald es tatsächlich brannte und es keine Sache der Vorahnung mehr war. Sie sehen also, es konnte kein Präparieren gegeben haben. Die Meldung erreichte die Nachrichtenprogramme des Fernsehens erst am selben Abend. Da erfuhren auch wir davon und begannen unsere gründlichen Nachforschungen.«

»Warten Sie«, sagte Halsted, »wie steht es mit der Zeitdifferenz? Zwischen New York und San Francisco besteht ein Zeitunterschied von drei Stunden, und ein Helfershelfer in San Francisco ...«

»Ein Helfershelfer in San Francisco?« sagte Eldridge und riß die Augen weit auf. »Ja, glauben Sie etwa an eine kontinentale Verschwörung? Außerdem, glauben Sie mir, auch ich weiß von dem Zeitunterschied. Wenn ich sage, daß das Feuer ausbrach, als Marys Anfall zu Ende ging, meine ich das unter Berücksichtigung des Zeitunterschieds. Marys Anfall begann um etwa ein Viertel nach ein Uhr mittags nach östlicher Normalzeit, und das Feuer brach in San Francisco um etwa zehn Uhr fünfundvierzig Pazifik-Normalzeit aus.«

»Ich habe eine Vermutung«, sagte Drake.

»Bitte sehr«, sagte Eldridge.

»Dieses ungebildete und unintelligente Mädchen — das wiederholen Sie immer wieder — hat einen Anfall, soviel ich weiß, einen epileptischen Anfall.«

»Nein«, sagte Eldridge entschieden.

»Also gut, einen prophetischen Anfall, wenn Sie es so wollen. Sie brummt und murmelt und schreit und tut alles Mögliche, nur deutlich spricht sie nicht. Sie gibt Laute von sich, die Sie interpretieren und dann zusammenfügen. Wenn Sie zufällig etwas wie >Atombombe< zu hören geglaubt hätten, so wäre aus dem Wort, das Sie als >Eldridge< interpretierten, beispielsweise >Oak Ridge< geworden.«

»Und Golden Gate?«

»Das hätten Sie als >couldn't get< hören und irgendwie einordnen können.«

»Nicht übel«, sagte Eldridge, »nur wissen wir, wie schwierig es ist, manche von diesen Ekstatikern zu verstehen, und wir sind so schlau, uns der modernen Technik zu bedienen. Wir nehmen routinemäßig unsere Sitzungen auf Tonband auf, so auch diese. Wir haben sie uns immer wieder angehört, und es steht außer Frage, daß sie nicht >Oak Ridge«, sondern >Eldridge<, nicht »couldn't get<, sondern »Golden Gate< sagte. Wir ließen verschiedene Leute das Band anhören, und über keinen dieser Punkte gab es irgendwelche Meinungsverschiedenheiten. Außerdem stellten wir aus dem, was wir hörten, alle Einzelheiten des Brandes fest, bevor wir die Tatsachen erfuhren. Wir brauchten nachher nichts zu ändern. Alles paßte genau.«

An dem Tisch herrschte ein längeres Schweigen.

Endlich sagte Eldridge: »So ist das also. Mary sah das Feuer voraus, das in fünftausend Kilometer Entfernung eine halbe Stunde später ausbrechen sollte, und alle Einzelheiten stimmten.«

»Akzeptieren Sie das?« fragte Drake beklommen. »Glauben Sie, daß es eine Vorahnung war?«

»Ich versuche, es nicht zu glauben«, sagte Eldridge. »Aber aus welchem Grund darf ich es nicht? Ich will mich nicht selbst dazu verleiten, es zu glauben, aber was bleibt mir sonst übrig? In welchem Punkt täusche ich mich? Wenn es keine Vorahnung war, was war es dann? Ich hatte gehofft, einer der Herren hier könnte mir das vielleicht sagen.«

Wieder herrschte Stille.

Eldridge fuhr fort: »Ich bin in einer Lage, in der ich mich auf Sherlock Holmes' wichtige Regel  berufen muß: >Wenn das Unmögliche ausgeschieden wurde, dann ist das, was zurückbleibt, so unwahrscheinlich es auch sein mag, die Wahrheit. < In diesem Fall, wenn jede Art von Täuschung unmöglich ist, muß die Vorahnung die Wahrheit sein. Sind Sie nicht alle dieser Ansicht?«

Die Stille wurde noch kompakter als vorher, bis Trumbull ausrief: »Verdammt, Henry lächelt. Ihn hat noch keiner aufgefordert, sich zu erklären. Nun, Henry?«

Henry hüstelte. »Ich hätte nicht lächeln sollen, meine Herren, aber ich konnte nicht umhin, als Professor Eldridge das Zitat erwähnte. Es scheint der endgültige Beweis dafür zu sein, daß Sie, meine Herren, es glauben wollen.«

»Zum Teufel, das wollen wir nicht.« sagte Rubin stirnrunzelnd.

»Dann wäre mir gewiß ein Zitat von Präsident Thomas Jefferson eingefallen.«

»Welches Zitat?« fragte Halsted.

»Ich glaube, Mr. Rubin kennt es«, sagte Henry.

»Wahrscheinlich, Henry, aber im Augenblick fällt mir kein passendes ein. Ist es aus der Unabhängigkeitserklärung?«

»Nein, Sir«, begann Henry, aber Trumbull unterbrach ihn zornig.

»Laß doch die Fragespiele, Manny. Vorwärts, Henry, worauf wollen Sie hinaus?«

»Nun, Sir, wenn man sagt, daß nach Ausschaltung des Unmöglichen das, was übrig bleibt—wie unwahrscheinlich es auch sein mag — die Wahrheit sei, so setzt man damit, meistens zu unrecht auch, voraus, daß alles, was in Betracht zu ziehen ist, tatsächlich in Betracht gezogen wurde. Lassen Sie uns annehmen, daß wir zehn Faktoren erwogen haben. Neun sind deutlich unmöglich. Ist deshalb der zehnte, so unwahrscheinlich er auch sein mag, wahr? Und wenn es einen elften Faktor gibt, einen zwölften, dreizehnten ... «

»Sie meinen«, sagte Avalon ernst, »daß es einen Faktor gibt, den wir nicht in Betracht gezogen haben?«

»Leider ja, Sir«, Henry nickte.

Avalon schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, was das sein sollte.«

»Und dennoch ist es ein evidenter Faktor. Der evidenteste.«

»Was also ist es?« fragte Halsted sichtlich ärgerlich. »Kommen wir zur Sache!«

»Zunächst ist es klar«, sagte Henry, »daß sich die Fähigkeit der jungen Dame, die Einzelheiten eines Brandes in fünftausend Kilometer Entfernung vorauszusagen, unmöglich anders erklären läßt als durch Vorahnung. Nehmen wir aber an, daß auch eine Vorahnung nicht für möglich gehalten werden kann. In diesem Fall...«

Rubin erhob sich, sein unregelmäßiger Bart war gesträubt, die durch dicke Brillengläser vergrößerten Augen starrten. »Natürlich! Das Feuer wurde gelegt. Die Frau konnte wochenlang präpariert werden. Der Helfershelfer fährt nach San Francisco, und sie stimmen das Ganze zeitlich ab. Sie sagt etwas voraus, von dem sie weiß, daß es geschehen wird. Er verursacht etwas, von dem er weiß, daß sie es voraussagen wird.«

»Wollen Sie damit sagen, Sir«, fragte Henry, »daß ein Mitschuldiger absichtlich planen würde, fünf Opfer, darunter ein achtjähriges Kind, zu töten?«

»Fangen Sie nur nicht an, auf die Tugend der Menschheit zu bauen, Henry«, sagte Rubin. »Sie sind der Mann, der für Verbrechen empfindlich ist.«

»Für geringfügige Verbrechen, Sir, von der Art, welche die meisten Menschen übersehen. Nur fällt es schwer zu glauben, daß irgend jemand absichtlich einen entsetzlichen mehrfachen Mord arrangieren würde, um einen eingebildeten Fall von Vorahnung zu beweisen. Außerdem würde es an sich schon einige Vorausahnung erfordern, einen Brand so zu arrangieren, daß achtzehn von dreiundzwanzig Menschen ihn überleben und fünf bestimmte Menschen sterben.«

Rubin blieb hartnäckig. »Ich kann mir Möglichkeiten vorstellen, fünf Menschen festzuhalten; wie beim Aufdecken einer Karte in einem Zauberkunststück... «

»Meine Herren!« sagte Eldridge energisch, und alle wandten sich ihm zu. »Ich habe Ihnen die Ursache des Feuers noch nicht gesagt.«

Nachdem er sich durch einen Blick rund um den Tisch überzeugt hatte, daß ihn alle aufmerksam ansahen, fuhr er fort: »Es war ein Blitzschlag. Ich wüßte nicht, wie ein Blitzschlag zu einer bestimmten Zeit arrangiert werden könnte.« Er machte eine hilflose Gebärde. »Ich sage Ihnen, ich habe wochenlang damit gerungen. Ich will die Vorausahnung nicht akzeptieren, aber... Ich nehme an, das macht Ihre Theorie zuschanden, Henry?«

»Im Gegenteil, Professor Eldridge, es bestätigt sie und macht sie gewiß. Seit Sie uns diese Geschichte von Mary und dem Brand zu erzählen begannen, hat jedes Ihrer Worte mit immer größerer Sicherheit bewiesen, daß eine Täuschung unmöglich ist und daß es eine Vorahnung gegeben hat. Wenn aber Vorahnung unmöglich ist, dann folgt daraus notwendigerweise, Professor, daß Sie gelogen haben.«

Darauf stieß jeder der Schwarzen Witwer einen Protestruf aus, am lautesten erscholl Avalons: »Henry!«

Eldridge lehnte sich jedoch in seinem Stuhl zurück und sagte lachend: »Natürlich habe ich gelogen. Von Anfang bis zu Ende. Ich wollte sehen, ob ihr sogenannten Rationalisten die parapsychologischen Phänomene so begierig aufnehmt, daß ihr eher das Evidente übersehen, als euch die Spannung verderben wollt. Wann sind Sie mir auf den Schlich gekommen, Henry?«

»Es war von Anfang an eine Möglichkeit, Sir, die immer stärker hervortrat, wenn Sie eine Lösung ausschalteten, indem Sie eine weitere Information erfanden. Als Sie von dem Blitz sprachen, war ich sicher. Das war so dramatisch, daß Sie es zu Beginn hätten erwähnen müssen. Da Sie es erst ganz am Schluß sagten, war klar, daß Sie es in dem Augenblick erfunden haben, um die letzte Hoffnung auszuschalten.«

»Warum war es aber von Anfang an eine Möglichkeit, Henry?« fragte Eldridge. »Sehe ich aus wie ein Lügner? Können Sie Lügner so wittern wie Mary die Ladendiebe?«

»Weil es immer eine Möglichkeit ist, weil man daran denken und darauf achten muß. Dazu paßt die Bemerkung von Präsident Jefferson.«

»Wie lautet die?«

»Im Jahre 1807 berichtete Professor Benjamin Silliman aus Yale, er habe den Fall eines Meteoriten beobachtet; es war zu einer Zeit, da die Existenz von Meteoriten von den Wissenschaftlern nicht anerkannt wurde. Thomas Jefferson, ein Rationalist von hervorragender Begabung und Intelligenz, sagte, als er von dem Bericht hörte: >Ich würde eher glauben, daß ein Yankeeprofessor lügt, als daß ein Stein vom Himmel fällt.<«

»Ja«, sagte Avalon sofort, »aber Jefferson hatte unrecht. Silliman log nicht, und es fallen Steine vom Himmel.«

»Ganz richtig«, sagte Henry unbeirrt. »Deshalb erinnert man sich an das Zitat. Aber angesichts der vielen Berichte über Unmöglichkeiten und der wenigen Male, da sie sich doch als möglich erwiesen, bin ich der Ansicht, daß die Wahrscheinlichkeit auf meiner Seite ist.«


Anmerkung

Diese Geschichte erschien zum erstenmal in der Maiausgabe 1973 des EQMM unter dem von mir gegebenen Titel.

Hoffentlich findet der Leser die Lösung in dieser Geschichte nicht >unfair<. Im wirklichen Leben sind sehr viele Berichte über unkonventionelle Phänomene die Ergebnisse von absichtlichen oder unbewußten Abweichungen von der Wahrheit. Ich habe die Nase voll von Rätseln, die mit einem Hinweis darauf enden, daß schließlich doch vielleicht etwas Übernatürliches geschehen sei.

Wenn alles Unmögliche ausgeschaltet wurde und das, was übrig bleibt, Übernatürlich ist, dann finde ich, hat jemand gelogen. Sollte das Verrat sein, so machen Sie das Beste daraus.


Welche Miß?

<p id="_bookmark6"><strong>Welche Miß?</strong></p>

Bei der allmonatlichen Zusammenkunft der Schwarzen Witwer herrschte eine gewisse Eiseskälte, die sich deutlich auf den von Mario Gonzalo mitgebrachten Gast konzentrierte. Er war ein beleibter Mann. Seine Wangen waren feist und glatt, sein Haar so gut wie nicht vorhanden, und er trug eine Jacke, wie man sie seit Menschengedenken bei den Schwarzen Witwern nicht gesehen hatte.

Er hieß Aloysius Gordon, und der Arger begann, als er sich mit Namen und Beruf vorstellte, indem er ganz zwanglos sagte, er gehöre dem 17. Polizeirevier an. Es war, als zöge man eine Jalousie gegen die Sonne herunter, denn sofort verlor das Bankett seinen Glanz.

Gordon hatte keine Möglichkeit, die nun herrschende Ruhe mit dem für die üblichen Mahlzeiten der Schwarzen Witwer charakteristischen Durcheinander zu vergleichen. Er konnte nicht wissen, wie ungewöhnlich es war, daß Emmanuel Rubin fast unnatürlich reserviert war und kein einziges Mal einem anderen widersprach; daß Geoffrey Avalon seinen zweiten Drink tatsächlich austrank; daß James Drake seine Zigarette ausdrückte, bevor er sie ganz zu Ende geraucht hatte.

Gordon schien sich jedoch nur für Henry zu interessieren. Er verfolgte den Kellner mit unverkennbar leuchtenden Augen. Henry, der gewöhnlich seine Arbeit untadelig besorgte, stieß zu aller Entsetzen ein Glas Wasser um. In seinem faltenlosen Gesicht schienen die Backenknochen hervorzutreten.

Trumbull erhob sich ziemlich ostentativ und begab sich in Richtung Herrentoilette. Seine Geste war unauffällig, aber deshalb nicht weniger dringlich, und bald darauf verließ auch Gonzalo die Tafel.

In der Toilette zischte Trumbull scharf: »Warum zum Teufel hast du diesen Kerl mitgebracht?«

»Er ist ein interessanter Bursche«, sagte Gonzalo zu seiner Verteidigung, »und es ist das Vorrecht des Gastgebers, mitzubringen, wen er will.«

»Er ist ein Polizeibeamter.«

»Ein Kriminalbeamter in Zivil.«

»Wo liegt da der Unterschied? Kennst du ihn, oder ist er beruflich hier?«

Gonzalo hob die Hände in einer Art hilflosem Arger. Seine dunklen Augen traten hervor, wie immer in leidenschaftlichen Momenten. »Ich kenne ihn persönlich. Ich traf ihn ... aber es geht dich nichts an, wie ich ihn kennengelernt habe, Tom. Ich kenne ihn. Er ist ein interessanter Mensch, und ich will ihn hier haben.«

»Ja? Was hast du ihm über Henry erzählt?«

»Was meinst du damit, was ich erzählt habe?«

»Ach, hör mal, spiel doch nicht den Ahnungslosen. Hast du nicht gesehen, wie der Mann jede Bewegung Henrys beobachtete? Weshalb sollte er einen Kellner studieren?«

»Ich erzählte ihm, daß Henry beim Rätsellösen eine Wucht ist.«

»Mit welchen Einzelheiten?«

»Gar keine Einzelheiten«, sagte Gonzalo hitzig. »Glaubst du denn, ich weiß nicht, daß nichts von dem, was im Bankettsaal vorgeht, draußen erwähnt werden darf? Ich sagte nur, Henry sei ein großartiger Rätsellöser.«

»Und das interessiert ihn, nehme ich an.«

»Nun, er sagte, er würde gern an einer unserer Zusammenkünfte teilnehmen, und ich ... «

»Bist du dir im klaren darüber, daß das für Henry sehr unangenehm sein könnte? Hast du ihn gefragt?«

Gonzalo spielte mit einem der Messingknöpfe an seiner Jacke. »Sollte ich sehen, daß Henry verlegen wird, nehme ich das Vorrecht des Gastgebers in Anspruch und breche die Sache ab.«

»Und wenn dieser Gordon nicht mitspielt?«

Gonzalo sah ihn unglücklich an und zog die Schultern hoch. Sie gingen zum Tisch zurück.

Als Henry den Kaffee eingoß und es Zeit wurde, den Gast zu befragen, hatte sich die Stimmung noch immer nicht gebessert. Gonzalo bot traditionsgemäß Trumbull die Rolle des Inquisitors an, und Trumbull schien nicht glücklich darüber.

Die traditionelle erste Frage wurde gestellt. »Mr. Gordon, wie rechtfertigen Sie Ihre Existenz?«

»Im Augenblick hoffentlich«, sagte Gordon mit ziemlich voller Baritonstimme, »indem ich zu dem Vergnügen dieser Zusammenkunft beitrage.«

»Auf welche Weise?« fragte Avalon mürrisch.

»Soviel ich verstehe«, sagte Gordon, »wird von Gästen erwartet, daß sie ein Problem aufwerfen, das die Klubmitglieder zu lösen versuchen.«

Trumbull warf Gonzalo einen wütenden Blick zu und sagte: »Nein, nein, das stimmt gar nicht. Manche Gäste haben Probleme gestellt, aber das war mehr oder minder nebensächlich. Es wird nur ein interessantes Gespräch mit ihnen erwartet.«

»Außerdem«, sagte Drake mit seiner trockenen Stimme, »ist es Henry, der für die Lösungen sorgt. Wir anderen reden nur albern um die Dinge herum.«

»Um Himmels willen, Jim«, begann Trumbull, aber Gordons Stimme übertönte ihn.

»Das ist genau das, was man mir zu verstehen gab«, sagte er. »Ich bin nun rein privat und nicht als Mitglied der Polizei hier. Dennoch kann ich nicht umhin, ein berufliches Interesse an der Sache zu haben. Ich bin wirklich verdammt neugierig, was Henry betrifft, und ich bin gekommen, ihn zu testen... das heißt, wenn ich darf«, fügte er in Beantwortung des eisigen Schweigens hinzu, in das sich die anderen hüllten.

Avalon runzelte die Stirn, und in seinem Gesicht mit dem gepflegten Schnurrbart, dem kurz gestutzten und schlichten Kinnbart und den sehr buschigen Brauen war ein Stirnrunzeln ein unheilverkündendes Phänomen.

Er sagte: »Mr. Gordon, wir sind hier in einem Privatklub, dessen Zusammenkünfte keinen anderen Zweck als gesellschaftliches Treffen haben. Henry ist unser Kellner, und wir schätzen ihn und wünschen nicht, daß er hier im Raum gestört wird. Wenn Ihre Anwesenheit, wie Sie sagen, rein privater und nicht beruflicher Art ist, halte ich es für das beste, wenn wir Henry sich selbst überlassen.«

Henry hatte soeben das Kaffeeritual beendet und mischte sich mit einer leisen Spur von Erregung in der Stimme ein; er sagte: »Danke, Mr. Avalon, ich bin Ihnen für Ihre Rücksicht verbunden. Es könnte jedoch vielleicht die Lage bessern, wenn ich Mr. Gordon etwas erkläre.«

Er wandte sich an den Gast und fuhr ernst fort: »Mr. Gordon, ich war in einem halben Dutzend Fällen imstande, bei Problemen, die sich bei den abendlichen Essen hier ergaben, den einen oder anderen augenfälligen Punkt zu erklären. Die Rätsel waren an sich unbedeutend und keineswegs von der Art, die einen Polizeibeamten interessieren würden. Ich weiß sehr wohl, daß für Kriminalisten bei der Lösung interessanter Fälle verbürgte Tatsachen, Gewährsleute, ziemlich umständliche Verfahrensarbeit, die Mitarbeit vieler verschiedener Menschen und Amter das Wichtigste sind. All das geht über meine Fähigkeiten hinaus.

Ich könnte tatsächlich nicht einmal das tun, was ich erreicht habe, wenn die anderen Klubmitglieder nicht wären. Die Schwarzen Witwer sind einfallsreiche Männer, die eine komplizierte Antwort auf jedes Problem finden können. Wenn sie alle damit fertig sind, und keine der komplizierten Antworten richtig ist, kann ich mich mitunter an den Komplikationen vorbei zu der einfachen Wahrheit schlängeln. Nur das tue ich, und ich versichere Ihnen, es ist nicht der Mühe wert, mich zu testen.«

Gordon nickte. »Mit anderen Worten, Henry, Sie könnten uns nicht helfen, wenn es sich um einen Mord im Gangstermilieu handelte, wenn wir ein halbes Dutzend Verbrecher ausfindig machen und deren Alibis prüfen oder Augenzeugen finden müßten, die keine Angst haben und uns erzählen, was sie gesehen haben?«

»Uberhaupt nicht, Sir.«

»Wenn ich aber ein Blatt Papier habe, auf dem einige Worte stehen, die einen Sinn haben können oder auch nicht und die etwas Nachdenken vorbei an den Komplikationen zu der einfachen Wahrheit erfordern, könnten Sie mir helfen.«

»Wahrscheinlich nicht, Sir.«

»Würden Sie sich aber das Papier ansehen und mir Ihre Ansicht darüber sagen?«

»Ist das ein Test, Sir?«

»Ich denke, wir können es so nennen«, sagte Gordon.

»Nun«, sagte Henry mit leisem Kopfschütteln, »Mr. Gonzalo ist der Gastgeber. Wenn er damit einverstanden ist, können Sie es den Klubregeln gemäß tun.«

Gonzalo wirkte verlegen. Dann sagte er trotzig: »Vorwärts, Lieutenant, zeigen Sie ihm das Blatt.«

»Einen Augenblick«, sagte Trumbull und wies auf Gonzalo.

»Hast du es gesehen, Mario?«

»Ja.«

»Kannst du dir daraus etwas zusammenreimen?«

»Nein«, sagte Gonzalo, »aber es ist etwas, mit dem Henry vielleicht fertig werden kann.«

Rubin sagte: »Ich finde, wir sollten Henry nicht in solche Verlegenheit bringen.«

Henry sagte jedoch: »Es ist das Vorrecht des Gastgebers. Ich bin bereit, es mir anzusehen.«

Gordon zog ein vierfach gefaltetes Blatt Papier aus seiner rechten oberen Jackentasche. Er hielt es über seine Schulter, und Henry nahm es. Er sah es einen Augenblick an, dann gab er es zurück.

»Tut mir leid, Sir«, sagte er, »aber ich kann darin nichts anderes sehen als das, was darauf steht.«

Drake streckte die Hand aus. »Wie wäre es, wenn wir es herumreichten? Sind Sie einverstanden, Mr. Gordon?«

»Ich bin damit einverstanden«, sagte Gordon. Er reichte das Blatt Halsted, der rechts von ihm saß. Halsted las es und gab es weiter. Es herrschte völlige Stille, bis das Blatt Papier die Runde gemacht hatte und wieder bei Gordon ankam. Gordon warf einen kurzen Blick darauf und steckte es wieder in die Tasche.

Die auf das Papier gekritzelte Nachricht lautete:

Weh euch, ihr Isebels.

Tod dir, Rahab.

»Das klingt biblisch«, sagte Gonzalo, »nicht wahr?« Er blickte automatisch auf Rubin, der Bibelfeste der Gruppe.

»Es klingt biblisch«, sagte Rubin, »und es mag von einem Bibelnarren geschrieben worden sein, aber es ist kein Bibelzitat. Darauf gebe ich mein Wort.«

»Niemand wird dein Wort über die Bibel in Frage stellen, Manny«, sagte Avalon freundlich.

Gordon sagte: »Diese Botschaft wurde einem Mädchen am Eingang zu einem Restaurant überreicht, in dem die Konkurrentinnen für den Titel der Miß Welt eine Pressekonferenz abhielten.«

»Wer hat sie übergeben?«

»Ein Vagabund. Man hatte ihm einen Dollar gegeben, damit er dem Mädchen die Botschaft aushändigte, und er konnte die Person, die sie ihm gegeben hatte, nicht beschreiben, außer daß es ein Mann war. Es gibt keinen Grund für die Annahme, daß der Vagabund mehr war als ein Mittelsmann. Wir haben ihn überprüft.«

»Irgendwelche Fingerabdrücke?« fragte Halsted.

»Jede Menge von übereinander geschmierten Abdrücken. Nichts Brauchbares.«

Avalon sagte mit ernstem Blick: »Ich nehme an, daß die in der Botschaft erwähnten Isebels sich auf die jungen Damen des Wettbewerbs Miß Welt beziehen.«

»Diese Annahme scheint mir richtig«, sagte Gordon. »Die Frage ist nur: welche?«

»Alle, würde ich sagen«, antwortete Avalon. »Die Botschaft verwendet die Mehrzahl, und wenn jemand die Bezeichnung in diesem Zusammenhang verwendet, macht er keine feinen Unterschiede. Jede, die sich vor den Blicken der Öffentlichkeit der Beurteilung darbietet, ist eine Isebel. Demnach sind alle Isebels.«

»Wie aber steht es mit der zweiten Zeile?« fragte Gordon.

Rubin sagte mit leiser Überheblichkeit: »Das will ich erklären. Angenommen, der Schreiber ist ein Bibelnarr, ich meine einer, der täglich die Bibel liest und Gott in sein Ohr flüstern hört, der ihm aufträgt, die Unmoral zu vernichten. So einer würde automatisch im biblischen Stil schreiben. Nun war zufällig der am meisten gebrauchte dichterische Kunstgriff in biblischer Zeit die Wiederholung desselben Satzes in leicht veränderter Form wie etwa ...« Er dachte ein wenig nach, dann sagte er: »Zum Beispiel >Wie stattlich sind deine Zelte, Jakob, und deine Hütten, Israel.< Eine andere ist >Hört, ihr Weisen, meine Rede, und ihr Verständigen, merkt auf mich!<«

Rubins schütterer Bart wurde noch schütterer, als seine Lippen sich zu einem breiten Lächeln öffneten und seine Augen durch die dicken Brillengläser leuchteten und er sagte: »Das zweite Zitat ist aus dem Buch Hiob.«

»Parallelismus«, murmelte Avalon.

Gordon sagte: »Sie meinen, er sagt bloß zweimal das Gleiche?«

»Genau«, sagte Rubin. »Zuerst sagt er Weh voraus und dann das äußerste Weh, den Tod. Zuerst nennt er sie Isebels, dann Rahabs.«

»Nicht ganz«, sagte Gordon. »>Isebel< steht in der Mehrzahl, >Rahab< nicht. Der Schreiber spricht von >Isebels<, Mehrzahl, wenn er >Weh< ruft, aber nur von >Rahab<, Einzahl, wenn er den >Tod< voraussagt.«

»Darf ich das Papier noch einmal sehen?« fragte Rubin. Man reichte es ihm, und er studierte es. Dann sagte er: »Nach der Art, wie der Mann schreibt, weiß ich nicht, ob wir eine richtige Orthographie voraussetzen dürfen. Vielleicht hatte er die Absicht, das >s< zu schreiben.«

»Das wäre möglich«, sagte Gordon, »aber darauf können wir uns nicht verlassen. Seine Orthographie und Interpunktion sind richtig, und ob gekritzelt oder nicht, das andere >s< ist klar und deutlich.«

»Mir scheint«, sagte Avalon, »es wäre eher anzunehmen, daß die Einzahl beabsichtigt war, es sei denn, wir hätten einen triftigen Grund dagegen.«

Drake versuchte einen Rauchring zu blasen — ein Versuch, dessen Erfolg noch nie jemand bei ihm beobachten konnte — und sagte: »Nehmen Sie diese Sache ernst, Gordon?«

»Meine Ansicht steht hier nicht zur Diskussion«, meinte Gordon. »Die Botschaft läßt auf etwas Psychotisches schließen, und ich bin ziemlich sicher, daß der Schreiber geisteskrank ist, außer er spielt einen albernen Streich. Und Geisteskranke muß man ernst nehmen. Angenommen, der Schreiber betrachtet sich als Sprecher für Gottes Zorn. Das verkündet er natürlich; er läßt Gottes Wort ertönen, denn das taten die biblischen Propheten.«

»Und er verkündet es in poetischer Form«, begann Halsted.

»Denn das taten die biblischen Propheten auch«, sagte Gordon und nickte. »Ein solcher Mann könnte vielleicht beschließen, außer Gottes Stimme auch Gottes Arm zu sein. Wir dürfen nichts riskieren. Sie begreifen, daß die Miß Welt-Konkurrenz eine heiklere Situation bietet als der Miß AmerikaWettbewerb.«

»Ich nehme an, weil es so viele ausländische Mädchen gibt«, sagte Rubin.

»Richtig. Insgesamt sind es etwa sechzig Konkurrentinnen, und genau eine — Miß USA — ist eine Einheimische. Wir möchten nicht, daß einer von ihnen etwas zustößt, auch nicht der kleinste Unfall. Ich will nicht sagen, daß es die Welt in eine Krise stürzen würde, wenn etwas passierte, aber das Außenministerium wäre sehr verärgert. Eine solche Botschaft bedeutet somit, daß die Polizei für alle sechzig Mädchen Schutz bieten muß, und wir haben heutzutage nicht so viel Personal zu vergeuden.«

»Erlauben Sie mal«, sagte Trumbull stirnrunzelnd. »Was zum Teufel erwarten Sie diesbezüglich von uns?«

»Es wäre möglich«, sagte Gordon, »daß er nicht beabsichtigt, alle Mädchen zu töten. Vielleicht hat er es nur auf eine abgesehen, deshalb verwendet er die Einzahl, wenn er von Tod spricht. Vielleicht hätte Henry einen Vorschlag, wie wir die Sache eingrenzen könnten. Wir würden uns lieber auf zehn Mädchen konzentrieren als auf sechzig. Am liebsten natürlich nur auf eines.«

»Auf diese Botschaft hin?« sagte Trumbull mit ganz offensichtlichem Ärger. »Sie wollen, daß Henry auf Grund dieser Botschaft eine bestimmte Konkurrentin für den Titel Miß Welt herausfindet?«

Er wandte seinen Blick zu Henry, der nun sagte: »Ich habe keine Ahnung, Mr. Trumbull.«

Gordon steckte das Papier wieder ein. »Ich dachte, Sie können mir vielleicht sagen, wer Rahab ist. Warum sollte er ein bestimmtes Mädchen Rahab nennen und drohen, es zu töten?«

Gonzalo sagte plötzlich: »Warum sollten wir annehmen, daß sich Rahab auf das Mädchen bezieht, auf das er es abgesehen hat? Vielleicht ist es seine Unterschrift. Vielleicht ist es ein Pseudonym, das er verwendet, weil Rahab ein bedeutender Prophet oder Scharfrichter in der Bibel war.«

Rubin schnaubte vernehmlich: »Junge, Junge! Mario, wie kann selbst ein Künstler so wenig wissen? >Rahab< gehört zu der Zeile. Wäre es eine Unterschrift, würde es darunter stehen. Wenn er der Mann ist, der Gottes Zorn in der Öffentlichkeit herabbeschwören will, würde er stolz und unmißverständlich unterschreiben — wenn er es überhaupt täte. Und wenn er es täte, würde er niemals das Pseudonym Rahab verwenden, wenn er eine Ahnung von der Bibel hätte. Rahab war... Nein, ich werde euch etwas sagen. Henry, bitte bringen Sie uns doch die Bibel vom Bücherbord!«

»Du meinst, du kannst die Bibel nicht auswendig?« fragte Trumbull.

»Dann und wann fehlt mir ein Wort, Tom«, sagte Rubin von oben herab.

Er nahm Henry die Bibel aus der Hand. »Danke, Henry. Nun, die einzige Person namens Rahab in der Bibel war eine Hure.«

»Wirklich?« sagte Gonzalo ungläubig.

»Genau. Hier steht es — der erste Vers des zweiten Kapitels im Buch Josua: >Josua aber, der Sohn Nuns, hatte heimlich zwei Kundschafter ausgesandt und ihnen gesagt: »Gehet hin, besehet das Land und Jericho.« Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und sie kehrten bei ihr ein.<«

»Und das gehört zu dem Parallelismus«, sagte Avalon nachdenklich. »Meinst du das?«

»Natürlich. Und deshalb glaube ich, daß beide, >Isebel< und >Rahab<, sich auf alle Mädchen beziehen und in der Mehrzahl stehen sollten. Isebel und Rahab gelten stellvertretend für unmoralische Frauen, und meiner Ansicht nach betrachtet der Schreiber der Botschaft, wer immer er sein mag, alle Miß-Welt-Konkurrentinnen als genau das.«

»Sind sie es?« fragte Gonzalo. »Ich meine, unmoralisch.«

Gordon lächelte sanft. »Für ihr Privatleben kann ich nicht garantieren, ich glaube aber nicht, daß sie irgendwelche Rekorde in Unmoral aufstellen. Es sind junge Frauen, die dazu auserwählt sind, ihr Land zu vertreten. Ich bezweifle, daß irgend etwas wirklich Berüchtigtes von den Preisrichtern übersehen würde.«

Avalon sagte: »Wenn ein Fundamentalist, der ein wenig übergeschnappt ist, von Unmoral redet oder anfängt, jemanden Isebel zu nennen, so muß es sich meiner Meinung nach nicht um wirkliche Unmoral handeln. Es ist wahrscheinlich rein subjektiv. Jede Frau, die sexuelle Erregung in ihm hervorruft, wird ihm unmoralisch erscheinen, und jene, die es am stärksten tut, wird ihm als die unmoralischste erscheinen.«

»Sie meinen«, sagte Gordon, indem er seinen Blick auf Avalon richtete, »daß er es auf die Schönste abgesehen hat und sie töten will?«

Avalon zog die Schultern hoch. »Was ist Schönheit? Er kann es auf die abgesehen haben, die er für die Schönste hält, aber wonach beurteilt er das? Es könnte jene sein, die ihn an seine tote Mutter erinnert, an seine Jugendliebe oder an eine seiner Lehrerinnen. Wie können wir das wissen?«

»Schon gut«, sagte Gordon. »Sie mögen mit allem recht haben, was Sie sagen, aber es spielt keine Rolle. Sagen Sie mir, auf wen er es abgesehen hat, sagen Sie mir, wer Rahab ist; nachher können wir uns über Motive Gedanken machen.«

Avalon schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob wir das Motiv so leicht übergehen können. Jedenfalls werden wir nirgendwohin kommen, wenn wir den falschen Weg einschlagen. Trotz Mannys Erklärungen glaube ich nicht, daß es irgendeinen Parallelismus zwischen Isebel und Rahab gibt.«

»Doch, den gibt es sicher«, sagte Rubin sofort mit vorgestrecktem Kinn.

»Worin liegt er? Erstens war Isebel keine Hure. Sie war die Königin von Israel, und es gibt in der Bibel keinen Hinweis darauf, daß sie in irgendeiner Weise unmoralisch war. Sie war lediglich eine Götzenanbeterin und bekämpfte die Anhänger Jehovas, das heißt jene, die Jehova anbeteten.«

Rubin sagte: »Wenn du willst, werde ich es dir erklären. Isebel war die Tochter des Königs von Tyros, der auch Priester der Astarte war. Wahrscheinlich war sie selbst eine Priesterin. Was Rahab anlagt, sie war wahrscheinlich keine gewöhnliche Hure, sondern eine Priesterin, die an Fruchtbarkeitsriten teilnahm. Für die Israeliten galt das aber als Hure.«

Halsted sagte: »Nicht jeder hat sich so eingehend mit der Bibel beschäftigt wie du, Manny. Die Bibel nennt Isebel eine Königin und Rahab eine Hure, und der Durchschnittsleser läßt es dabei bewenden.«

»Das ist es aber nicht, worauf ich hinaus will«, sagte Avalon. »Isebel nahm, was immer sie war, ein schlechtes Ende. Sie starb bei einer Palastrevolution und wurde von den Hunden gefressen. Rahab dagegen hatte ein gutes Ende. Sie wurde nach dem Fall von Jericho gerettet, weil sie Spione versteckt und in Sicherheit gehalten hatte. Es ist anzunehmen, daß sie zur Verehrung des Gottes Israels bekehrt wurde und nicht länger eine Hure oder eine heidnische Priesterin war. Tatsächlich ... Manny, gib mir doch mal die Bibel!«

Avalon nahm sie und blätterte eilig darin. »Es steht am Beginn des Evangeliums von Matthäus. Da steht: >Und Sama zeugte Boas von der Rahab; Boas zeugte Obed von der Ruth; und Obed zeugte Jesse. Jesse zeugte den König David. < Das ist der fünfte und sechste Vers des ersten Kapitels des MatthäusEvangeliums. Demnach heiratete Rahab einen hervorragenden Israeliten und wurde die Urgroßmutter König Davids und damit eine entfernte Ahne von Jesus selbst. Nachdem Rahab den Israeliten zur Eroberung Jerichos verholfen, einen Israeliten geheiratet hatte und die Urahne von David und Jesus war, konnte sie unmöglich von irgendeinem Fundamentalisten als Symbol der Unmoral benutzt werden.«

Die Bibel ging von Hand zu Hand, und Halsted sagte: »Der Name ist nicht überall gleich geschrieben. Bei Matthäus heißt es >Rachab<.«

Avalon sagte: »Das Neue Testament wurde aus dem Griechischen, das Alte aus dem Hebräischen übersetzt. Die Transkriptionen stimmen nicht überein. In der eben vorgelesenen Stelle entspricht >Boos< dem >Boas< im Alten Testament, Buch Ruth.«

»Außerdem«, sagte Rubin, »ist in diesem Fall >Rachab< der korrekten Orthographie näher.«

»Wenn wir also Rahab mit einer der Konkurrentinnen für den Titel der Miß Welt in Verbindung bringen wollen«, sagte Avalon, »so müssen wir von dem Gedanken des Parallelismus mit Isebel abgehen und etwas anderes suchen.«

»Aber was?« fragte Drake.

»Keine Sorge.« Avalon hob mahnend den Finger. »Mir ist da etwas eingefallen. Manny, wird >Rahab< in der Bibel nicht als dichterischer Ausdruck für Ägypten verwendet?«

Rubin sagte erregt: »Ja, du hast recht. Es ist nicht dasselbe Wort auf Hebräisch. Der Mittelbuchstabe ist ein >h<. Dennoch ist es auf Englisch das gleiche Wort. Es wird gewöhnlich mit >Stolz< oder >Macht< übersetzt oder so etwas Ähnlichem, aber an einer Stelle bleibt es unübersetzt... ich glaube, irgendwo in den Psalmen.«

Er blätterte und murmelte: »Wenn ich nur ein Bibellexikon hätte. Das müßte der Klub noch kaufen und ins Bücherbord stellen.« Dann erhob sich seine Stimme zu einem Schrei, und er sagte: »Hier ist es, bei Gott! Der vierte Vers des 87. Psalms: >Ich will predigen lassen Rahab und Babel, daß sie mich kennen sollen: siehe die Philister und Tyrer samt den Mohren werden daselbst geboren.««

»Woher weißt du, daß >Rahab< dort Ägypten bedeutet?« fragte Gonzalo.

»Weil im ganzen Alten Testament die Mächte des Tigris-Euphrattales und des Nils die rivalisierenden Großmächte waren. Babel bedeutet klarerweise die erste, darum muß Rahab für die letztere stehen. Darüber gibt es keinen Zweifel. Die Bibelforscher sind sich einig, daß dort >Rahab< für Ägypten steht.«

»Nun, dann glaube ich nicht«, sagte Avalon, »daß wir auf Henry zurückgreifen müssen. Ich nehme an,  daß es die Miß Ägypten ist, auf die unser geheimnisvoller Freund es abgesehen hat. Und das ist auch plausibel. In unserer Stadt leben etwa zwei Millionen Juden, und angesichts der derzeitigen Lage zwischen Israel und Ägypten könnte sich einer, der geistig ein wenig verwirrt ist, berufen fühlen, Miß Ägypten zu bedrohen.«

»Ein interessanter Gedanke«, sagte Gordon. »Nur ist da ein Haken.«

»Welcher denn?«

»Daß keine Miß Ägypten hier ist. Sie verstehen, die Konkurrenz für den Titel einer Miß Welt ist nicht so festgelegt wie die Miß AmerikaKonkurrenz. Da nimmt aus jedem der Staaten eine Bewerberin teil, denn die Außenpolitik hat damit nichts zu schaffen. Länder, die den Vereinigten Staaten feindlich gesinnt sind oder Schönheitswettbewerbe als dekadent betrachten, nehmen an der Miß Welt-Konkurrenz nicht teil. In diesem Jahr ist kein arabisches Land hier vertreten. Andererseits sind manche Länder durch mehr als eine Bewerberin, unter verschiedenen Namen, vertreten. Soviel ich weiß, waren vor einigen Jahren zwei deutsche Schönheiten hier. Miß Deutschland gewann den ersten und Miß Bayern den zweiten Preis.«

Avalon sah entschieden verärgert aus. »Wenn • • keine Miß Ägypten hier ist, dann weiß ich nicht, was >Rahab< bedeuten soll.«

»Was bedeutet es in der Bibel?« fragte Gonzalo.

»Warum gibt man Ägypten diesen Namen? Es muß doch einen Grund haben.«

»Nun ja«, sagte Rubin, »Ägypten war ein Königreich mit einem großen Fluß, und Rahab war mit den Wassern verbunden. Tatsächlich war es ein mythologisches Überbleibsel eines vor-israelischen Schöpfungsmythos. Das Land wurde von den Sumerern als aus der See geschaffen betrachtet. Sie stellten sich die See als gewaltiges Ungeheuer vor, das sie Tiamat nannten; es mußte sich gespalten haben, so daß das Land zwischen den beiden Hälften zum Vorschein kam. In der babylonischen Mythologie war es Marduk, der Tiamat tötete.

Die priesterlichen Schreiber des Ersten Buchs der Genesis merzten die babylonischen Mythen aus und beseitigten die Vielgötterei, hinterließen aber Spuren. Vor dem ersten Schöpfungstag, am Anfang, laut Kapitel 1, Vers 2 der Genesis: >Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf den Wassern. < Nun, das als »die Tiefe< übersetzte hebräische Wort ist >tehom<, und manche Kommentatoren halten es für eine Form von Tiamat und glauben, daß dieser Vers alles ist, was von dem kosmischen Kampf übriggeblieben ist.«

»Das ist ziemlich weit hergeholt«, sagte Drake.

»Ich weiß nicht. Es gibt gelegentlich Verse in der Bibel, die sich auf den früheren und weniger gekünstelten Schöpfungsmythos beziehen. Es steht irgendwo gegen Ende des Buchs Jesajah... Wenn ich es finde; früher habe ich all diese Stellen gekannt.«

Er blätterte fieberhaft vor und zurück, wobei er das Cognacglas übersah, das ihm Henry hingestellt hatte. Gordon trank von seinem Cognac und sah ruhig zu. Er machte keinen Versuch, Rubin aufzuhalten oder das Gespräch wieder auf die Sache zu bringen.

Dann sagte Trumbul »Bringt uns das denn irgendwie weiter?«

Aber Rubin winkte aufgeregt: »Ich habe es. Hört zu: >Jesajah, Kapitel 51, Vers 9; Wohlauf, wohlauf, du Arm des Herrn! Wohlauf, wie vor Zeiten, von alters her! Bist du nicht, der Rahab ausgehauen und den Drachen verwundet hat?< Seht ihr, >Rahab ausgehauen< und >den Drachen verwundet< ist wieder ein Beispiel für Parallelismus. Rahab und der Drachen waren abwechselnde Bezeichnungen, welche den tobenden Ozean symbolisieren, der überwunden und gespalten werden muß, ehe trockenes Land geformt werden kann. Manche Kommentatoren bleiben dabei, daß sich dies auf Ägypten und die Teilung des Roten Meeres beziehe, aber meiner Ansicht nach ist es sicher eine Version des Kampfes mit Tiamat.«

Schweiß stand auf Rubins Stirn, er gebot mit der linken Hand Schweigen, während er mit der rechten weiterblätterte. »Es gibt auch in den Psalmen Hinweise darauf. Ich werde sie finden, wenn ihr mir ein wenig Zeit gebt. Ah, Psalm 89, die Verse 9 und 10: >Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben. Du schlugest Rahab zu Tod.< Und dann noch einmal, Psalm 74, die Verse 13 und 14: >Du zertrennest das Meer durch deine Kraft und zerbrichst die Köpfe der Drachen im Wasser. Du zerschlägst die Köpfe des Leviathans.< Leviathan war ein anderer Name für den urzeitlichen Ozean.«

Trumbull rief: »Zum Teufel, Manny, du bist doch kein Erweckungsprediger mehr? Wo soll uns das alles hinführen?«

Rubin blickte empört hoch und schlug die Bibel zu. »Wenn du mich etwas sagen ließest, Tom«, sagte er mit übertriebener Würde, »und deinen Drang zu schreien etwas zügeltest, würde ich es dir verraten.«

Er blickte sich triumphierend um. »Ich halte es nun für wahrscheinlich, daß für den Schreiber dieser Botschaft Rahab die wütende Macht der See bedeutete. Was ist nun heute die wütende Macht der See? Wer gebietet über die See? Die Vereinigten Staaten. Mit unseren Flugzeugträgern, unseren Atom- und Unterseebooten, unseren Raketen besitzen wir die Macht Rahabs. Ich glaube, er hat es auf Miß USA abgesehen.«

»So?« sagte Halsted. »Die Vereinigten Staaten sind erst seit dem letzten Krieg die dominierende Seemacht. Sie hatten noch keine Zeit, in die Geschichte einzugehen. In Lied und Legende herrscht Großbritannien über die See. >Britannia rules the waves.< Ich stimme für Miß Großbritannien.«

»Es gibt keine Miß Großbritannien«, warf Gordon ein. »Wohl aber eine Miß England.«

Drake sagte: »Es ist unmöglich, sich in diesen Narren hinein zu versetzen. Vielleicht hat er den Namen bloß verwendet, um seine Vorgangsweise anzuzeigen. Rubin sagte »zerbrichst die Köpfe< und »schlägst zu Tod<, als er die Verse vorlas. Vielleicht meinte der Schreiber, er werde ein stumpfes Werkzeug verwenden.«

Rubin schüttelte den Kopf. »In einem der Verse heißt es »der Rahab ausgehauen<«.

Gonzalo sagte: »Wenn Rahab der Erzgegner Gottes ist, dann meint der Schreiber vielleicht die Nazis. Jeff sagte, der Schreiber könnte Jude sein und es auf Miß Ägypten abgesehen haben; warum nicht auf Miß Deutschland?«

Trumbull sagte: »Weshalb muß der Schreiber Jude sein? Die meisten Fundamentalisten sind Protestanten, und die hatten zu ihrer Zeit einige ganz nette Bezeichnungen für den Papst. Für manche von ihnen war er die »Babylonische Hure<, und Rahab war eine Hure. Ich glaube nicht, daß es eine Miß Vatikanstadt gibt, aber wie wäre es mit Miß Italien?«

Henry sagte: »Ich bitte um Entschuldigung, meine Herren.«

Gordon blickte hoch. »Ah, Henry, Sie haben einen Vorschlag?«

»Ja, Sir. Ich weiß nicht, ob er nützlich ist oder nicht. Mr. Gordon, Sie sagten, daß die Regeln für die Miß Welt-Konkurrenz ziemlich elastisch sind, was die vertretenen Länder betrifft. Einige Länder haben keine Vertreterinnen, manche haben deren zwei oder mehr unter verschiedenen Namen. Sie erwähnten zum Beispiel eine Miß Deutschland und eine Miß Bayern.«

»Das ist richtig«, sagte Gordon.

»Und Sie sagten, es gebe keine Miß Großbritannien, wohl aber eine Miß England.«

»Auch das ist richtig«, sagte Gordon.

»Bedeutet die Anwesenheit von Miß England, daß es auch eine Miß Wales hier gibt?«

»Ja, die gibt es.« Gordon kniff die Augen zusammen. »Und auch eine Miß Irland und eine Miß Nord-Irland.«

Gonzalo legte beide Hände vor sich auf den Tisch. »Ich wette, ich weiß, worauf Henry hinaus will. Wenn der Schreiber der Botschaft Ire ist, hat er es vermutlich auf Miß Nord-Irland abgesehen. Er würde sie als Vertreterin einer politischen Partei betrachten, die eine englische Marionette ist, und England herrscht über die Wasser und ist Rahab.«

Henry schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es so kompliziert ist. Ich bin immer der Ansicht, daß, wenn alle Dinge gleichwertig sind, die einfachste Erklärung die beste ist. Ich muß zugeben, daß ich von Rahab noch nie gehört habe, aber Mr. Rubins Erklärung war sehr aufschlußreich. Wenn Rahab ein Ungeheuer ist, das die See bedeutet, und wenn das Ungeheuer auch Leviathan genannt wird, und wenn Leviathan manchmal als Name für ein wirkliches Seeungeheuer verwendet wird, für das größte, das es gibt, warum sollte sich der Schreiber nicht auf Miß Wales beziehen?«

»Ah«, sagte Gordon.

Henry wandte sich zu ihm. »War das die Antwort, Mr. Gordon?«

»Es ist eine Möglichkeit«, sagte Gordon ernst.

»Nein, Mr. Gordon«, sagte Henry, »Sie wissen es doch besser. Sie sind hierher gekommen, um mich zu testen. Wie können Sie mich mit einem Rätsel testen, dessen Lösung Sie nicht kennen?«

Gordon begann zu lachen. »Sie haben wieder gewonnen, Henry«, sagte er. »Tatsächlich war alles, was ich Ihnen erzählt habe, wahr, nur hat es sich im vorigen Jahr ereignet. Der fragliche Mann ist festgenommen worden. Er hatte ein Messer in der Hand, war aber nicht wirklich gefährlich. Er ergab sich ruhig und ist nun in einer Irrenanstalt. Er dachte völlig unlogisch. Wir konnten sein Motiv nie erfahren, außer daß er davon überzeugt war, daß sein Opfer besonders böse war.

Das Schlimme war«, fuhr Gordon fort, »daß wir sehr viele Beamte einsetzen mußten und nicht herausfanden, was Rahab bedeutete... Aber als wir ihn verhafteten, war er auf dem Weg zum Ankleideraum von Miß Wales. Wir hätten Sie im vorigen Jahr dabei haben sollen, Henry. Sie sind ein hervorragender Detektiv.«

»Die Schwarzen Witwer sind es; sie untersuchen das Problem; ich nehme nur auf, was übrig bleibt«, sagte Henry.


Anmerkung

Die Geschichte erschien zuerst in der Septemberausgabe 1973 von EQMM unter dem Titel >Eine Warnung für Miß Welt<, der mir einfach nicht gefällt. Zurück zu >Welche Miß?<.

Ich erinnere mich nicht immer genau an die Entstehung einer bestimmten Geschichte, aber an diese erinnere ich mich. Mrs. Anita Sommer, Mitarbeiterin des Feuilletons in der >New York Post< und Science Fiction-Autorin, lud mich zu einer Cocktail-Party ein, die für die Konkurrentinnen um den Titel einer Miß Universum gegeben wurde.

Ich habe mich natürlich gefreut, ging hin und wanderte geblendet und fröhlich von einer Konkurrentin zur anderen. Anita, der mein aufrichtiges Vergnügen gefiel, fragte mich: »Wirst du darüber eine Geschichte schreiben, Isaac?«

Ich sagte ja. Und schrieb sie. Deshalb ist diese Geschichte Anita Sommer gewidmet.


Das Schlummerlied vom Broadway

<p id="_bookmark7"><strong>Das Schlummerlied vom Broadway</strong></p>

Zum erstenmal in der Geschichte der Schwarzen Witwer wurde das allmonatliche Bankett in einer Privatwohnung gegeben. Emmanuel Rubin hatte darauf bestanden, und sein schütterer strohfarbener Bart zuckte, als er es aushandelte, so angestrengt, als wäre er im Parlament.

Er werde der nächste Gastgeber sein, sagte er, und der Gastgeber sei den Statuten gemäß ein absoluter Monarch, und nirgends sei ausdrücklich vermerkt, wo die Zusammenkunft stattzufinden habe.

»Traditionsgemäß«, begann Geoffrey Avalon mit jener Feierlichkeit, die ihm als Patentanwalt zustand, »trafen wir immer hier zusammen.«

»Wenn die Tradition so beherrschend ist«, sagte Rubin, »wozu die Statuten?«

Schließlich setzte er seinen Willen durch, als er darauf hinwies, daß er ein Hobbykoch sei, worauf Gonzalo grinste und sagte: »Laßt uns hingehen und riechen, wie er die Hamburger verbrennt.«

»Ich serviere keine Hamburger«, sagte Rubin hitzig, doch da hatten bereits alle nachgegeben.

Somit standen Avalon und James Drake, die beide von der anderen Seite des Hudson mit demselben Zug gekommen waren, in der Vorhalle von Rubins Apartmenthaus im West Side und warteten darauf, daß der Pförtner sie bemerkte. Es war ganz klar, daß sie ohne Erlaubnis des Pförtners nur mit Gewalt das Haus betreten könnten.

Avalon murmelte: »Es ist die Festungsmentalität. Die herrscht in ganz New York. Man kann nirgendwohin gehen, ohne von einem Auge durchbohrt und nach Waffen gefilzt zu werden.«

»Ich tadle es nicht«, sagte Drake mit seiner leisen, heiseren Stimme. Er zündete sich eine Zigarette an. »Es ist besser, als im Fahrstuhl überfallen zu werden.«

»Vermutlich«, sagte Avalon düster.

Der Portier wandte sich ihnen zu. Er war klein, mit rundem Gesicht und kahlem Kopf, dessen grauer Haarkranz sich in seinem Schnurrbart wiederfand, der so kurz und borstig war wie der Drakes, aber einen größeren Teil seiner Oberlippe bedeckte. Er sah keineswegs furchterregend aus, doch seine graue Uniform verlieh ihm den Stempel der Autorität, und das genügte wahrscheinlich, um jeden Eindringling zu beeindrucken.

»Ja?« fragte er.

Avalon räusperte sich und sprach in seinem höchst eindrucksvollen, sonoren Bariton, um die Verlegenheit zu verbergen, die niemand bei einem so großen, aufrechten und eindrucksvollen Mann erwartet hätte. »Wir sind Dr. Drake und Mr. Avalon, wir kommen zu Mr. Emmanuel Rubin in die Wohnung 14-AA.«

»Drake und Avalon«, wiederholte der Portier. »Einen Augenblick.« Er ging zurück und sprach in die Gegensprechanlage. Deutlich erscholl Rubins quäkende Stimme: »Schicken Sie sie herauf.«

Der Portier öffnete ihnen die Tür, doch Avalon zögerte auf der Schwelle. »Übrigens, gibt es bei Ihnen oft irgendwelche Zwischenfälle?«

Der Portier nickte wichtigtuerisch: »Mitunter, Sir. Was immer man tut, es kommt schon etwas vor. Im vorigen Jahr wurde in eine Wohnung im zwölften Stockwerk eingebrochen. Vor kurzem wurde eine Dame im Waschmaschinenraum verletzt. Solche Dinge passieren eben.«

Eine sanfte Stimme sagte: »Darf ich mich Ihnen anschließen, meine Herren?«

Drake und Avalon drehten sich nach dem Neuankömmling um. Einen Augenblick lang erkannte ihn keiner von beiden. Dann kicherte Drake kurz und sagte: »Henry, wenn Sie uns nicht im Restaurant servieren, sind Sie bewundernswert.«

Avalon sagte beträchtlich explosiver: »Henry! Was tun Sie...?« Er unterdrückte den Rest und blickte verlegen.

»Mr. Rubin hat mich eingeladen, Sir. Er sagte, da das Abendessen nicht im Restaurant stattfindet und ich nicht das Vorrecht haben könne, Sie zu bedienen, solle ich sein Gast sein. Ich glaube, das war seine Absicht, als er darauf bestand, das Bankett hier abzuhalten. Man würde es nicht glauben, aber Mr. Rubin ist sentimental.«

»Großartig«, sagte Avalon entzückt, wie um seine vorangegangene Überraschung wettzumachen. »Portier, dieser Herr gehört zu uns.«

Henry blieb zurück. »Wollen Sie lieber Mr. Rubin fragen?«

Der Portier, der inzwischen geduldig die Tür gehalten hatte, sagte: »Nein, es geht in Ordnung. Gehen Sie nur weiter.«

Henry nickte, und alle drei gingen durch die große blaue Vorhalle zu den Fahrstühlen.

Drake sagte: »Henry, ich habe schon seit Jahren keine solche Kleidung wie die Ihre gesehen. In New York wird man Sie anpöbeln, wenn Sie so herumgehen.«

Henry blickte kurz an sich hinunter. Sein Anzug war dunkelbraun und so konservativ, daß sich Drake fragte, wo man ein Geschäft finden könne, in dem solche Anzüge verkauft würden. Die Schuhe waren einfach schwarz, das Hemd strahlend weiß und der schmale, dunkelgraue Schlips wurde von einer schlichten Krawattennadel festgehalten.

Die Krönung des Ganzen war der dunkelbraune, steife Filz-Hut, den Henry nun abnahm und leicht an der Krempe hielt.

»Ich habe schon lange keinen steifen Hut mehr gesehen«, sagte Avalon.

»Oder überhaupt einen Hut«, sagte Drake.

»Das liegt an den heutigen freien Sitten«, sagte Henry. »Jeder von uns hat seine Eigenheiten, und das ist die meine.«

»Leider haben manche Leute die Eigenheit«, sagte Avalon, >Frauen in Wäschereiräumen zu belästigen.«

»Ja«, sagte Henry. »Ich habe gehört, was der Portier erzählte. Hoffen wir, daß es wenigstens heute keinen Arger gibt.«

Einer der Fahrstühle kam herunter, und eine Dame mit einem Hund stieg aus. Avalon blickte rechts und links in die Kabine, dann stieg er ein. Sie fuhren unbelästigt zum 14. Stockwerk empor.

Es waren fast alle versammelt. Rubin trug die Schürze seiner Frau (es war groß >Jane< darauf genäht) und sah gequält aus. Auf der Anrichte stand eine Sammlung von Flaschen, und Avalon hatte sich, nach kurzem Kampf mit Henry, als Barkeeper improvisiert.

»Nehmen Sie Platz, Henry«, sagte Rubin laut. »Sie sind der Gast.«

Henry machte einen verlegenen Endruck.

Halsted sagte mit seinem leichten Stottern: »Du hast eine nette Wohnung, Manny.«

»Sie ist nicht übel — laß mich einen Augenblick vorbei —, aber klein. Natürlich, wir haben keine Kinder und brauchen keine viel größere, und für einen Autor hat das Wohnen in Manhattan seine Vorteile.«

»Ja«, sagte Avalon. »Ich habe unten einiges über die Vorteile gehört. Der Portier sagte, daß Frauen Arger in der Wäscherei haben.«

»Ach, zum Teufel«, sagte Rubin verächtlich, »manche von den Damen suchen geradezu Arger. Seit die chinesische Delegation bei den Vereinigten Nationen einige Häuserblocks von hier ein Motel übernommen hat, sehen manche Witwen hier überall die Gelbe Gefahr.«

»Und auch Raubüberfalle«, sagte Drake.

Rubin machte ein gekränktes Gesicht, als wäre jegliche Verleumdung Manhattans eine persönliche Beleidigung für ihn. »So etwas kann überall vorkommen. Und Jane war unvorsichtig.«

Henry, der mit einem unberührten Drink vor sich als einziger am Tisch saß, blickte erstaunt — ein Ausdruck, der keine einzige Furche in sein faltenloses Gesicht zeichnete. Er sagte: »Entschuldigen Sie, Mr. Rubin. Meinen Sie, daß man in Ihrer Wohnung eingebrochen hat?«

»Nun ja, ich glaube, das Wohnungsschloß läßt sich mit einem Zelluloidstreifen öffnen. Deshalb lassen alle Mieter komplizierte Schlösser anbringen.«

»Wann ist das geschehen?« fragte Henry.

»Vor ungefähr zwei Wochen. Ich sage Ihnen, es war Janes Schuld. Sie ging ans Ende des Korridors, um mit jemandem über ein Rezept zu sprechen, ohne die Türe doppelt abzuschließen. Damit fordert man so etwas heraus. Die Gauner haben einen Instinkt dafür, eine besondere Hellseherfähigkeit. Sie kam gerade zurück, als der Kerl wegging, und es gab eine riesige Aufregung.«

»Wurde sie verletzt?« fragte Gonzalo, dessen immer schon vorstehende Augen noch mehr vortraten.

»Eigentlich nicht. Sie war erschrocken, sonst nichts. Sie schrie aus Leibeskräften — ohnedies das Beste, was sie tun konnte. Der Kerl rannte davon. Wäre ich da gewesen, wäre ich ihm nachgelaufen und hätte ihn auch erwischt. Ich hätte ...«

»Am besten, man versucht es nicht«, sagte Avalon nüchtern und rührte seinen Drink um, indem er das Eis mit dem Zeigefinger bewegte. »Das Endergebnis könnte ein Messer in den Rippen sein. In deinen Rippen.«

»Hör mal«, sagte Rubin, »ich hatte schon mit Messerstechern zu tun. Die kann man leicht er... Augenblick, da verbrennt etwas.« Er stürzte in die Küche.

Es klopfte an der Tür.

»Schau durch das Guckloch!« sagte Avalon.

Halsted tat es und sagte: »Es ist Tom.« Er öffnete die Tür und ließ Thomas Trumbull ein.

Avalon sagte: »Wie kommt es, daß du nicht angekündigt wurdest?«

Trumbull zog die Schultern hoch. »Man kennt mich hier. Ich habe Manny schon öfter besucht.«

»Außerdem«, sagte Drake, »ist ein bedeutender Regierungsbeamter wie du über jeden Verdacht erhaben.«

Trumbull schnaubte, sein zerfurchtes Gesicht verzog sich, aber er nahm den Köder nicht auf. Daß er Codespezialist war, wußten alle Schwarzen Witwer. Was er damit anfing, wußte keiner von ihnen, obwohl alle den gleichen Verdacht hatten.

»Hat schon einer von euch die Stiere gezählt?« fragte Trumbull.

Gonzalo lachte. »Es scheint eine ganze Herde zu sein.«

Auf den Bücherregalen an den Wänden standen Stiere aus Holz und Keramik in allen Größen und Farben herum. Auch auf den kleinen Tischen und auf dem Fernsehapparat gab es welche.

»Im Badezimmer sind noch mehr«, sagte Drake, der von dort zurückkam.

»Ich könnte wetten«, sagte Trumbull, »wenn jeder von uns alle Stiere in der Wohnung zählt, kommt jeder mit einem anderen Ergebnis, und alle sind dann doch falsch.«

»Ich wette mit dir«, sagte Halsted, »daß Manny selbst nicht weiß, wie viele hier sind.«

»Hör mal, Manny«, rief Gonzalo, »wie viele Stiere hast du?«

»Mich eingeschlossen?« antwortete Rubin, begleitet von Topflärm. Er steckte den Kopf aus der Küchentür hervor. »Mario, der Stier wird dich beißen, wenn du ihn fallen läßt; Jane kennt sie alle und wird jeden einzelnen untersuchen, wenn sie zurückkommt.«

Avalon sagte: »Hast du von dem Einbruch hier gehört, Tom?«

Trumbull nickte: »Soviel ich weiß, hat er nicht viel mitgenommen.«

Rubin kam mit einigen Tellern aus der Küche geeilt. »Nicht helfen, Henry! Hör mal, Jeff, stell deinen Drink für einen Augenblick hin und hilf mir beim Auflegen des Tischbestecks ... Es gibt gebratenen Truthahn, darum bereitet euch alle darauf vor, mir zu sagen, ob ihr weißes oder dunkles Fleisch wollt. Und ihr bekommt alle ein Stück Farce, denn das macht den ganzen Unterschied aus.«

Avalon legte mit Schwung die letzten Messer auf und sagte: »Was hat er mitgenommen, Rubin?«

»Der Einbrecher, meinst du? Nichts. Jane muß zurückgekommen sein, ehe er anfing. Er brachte den Inhalt des Medizinschränkchens durcheinander, wahrscheinlich suchte er Drogen. Ich glaube, er nahm etwas Kleingeld, und mein Tonbandgerät war umgeworfen. Vielleicht versuchte er mein Stereogerät wegzuschleppen, um es zu verhökern, aber er hatte kaum Zeit, es etwas von der Stelle zu rücken ... Übrigens, wer möchte ein wenig Musik hören?«

»Niemand!« schrie Trumbull empört. »Wenn du mit dem verdammten Lärm anfängst, stehle ich dir das Stereogerät und schmeiß all deine Tonbänder in die Verbrennungsanlage.«

Gonzalo sagte: »Weißt du, Manny, ich sage es ungern, aber die Farce war sogar noch besser als die Eierfrüchte.«

Rubin brummte: »Wenn ich eine größere Küche hätte...« Draußen ertönte das Heulen einer Sirene. Drake deutete mit dem Daumen über die Schulter zu dem geöffneten Fenster.

»Das Schlummerlied vom Broadway.«

Rubin winkte gleichgültig ab. »Daran gewöhnt man sich.

Wenn es nicht die Feuerwehr ist, ist es ein Krankenwagen, wenn es kein Krankenwagen ist, ist es ein Polizeiauto; wenn es kein ... Der Verkehr stört mich überhaupt nicht.«

Er schien eine Weile in Gedanken verloren. Dann huschte ein ganz bösartiger Blick über sein Gesicht. »Die Nachbarn stören mich. Weißt du, wie viele Klaviere es allein in diesem Stockwerk gibt? Und wie viele Plattenspieler?«

»Dm hast auch einen«, sagte Trumbull.

»Ich spiele nicht um zwei Uhr morgens in voller Lautstärke«, sagte Rubin. »Es wäre nicht so schlimm, wenn es ein altes Haus mit halbmeterdicken Mauern wäre. Leider ist dieses Haus erst acht Jahre alt, und man baut heute Mauern aus belegtem Aluminiumblech. Verdammt, die Wände leiten einfach den Schall. Leg dein Ohr an die Wand, und du kannst aus jeder Wohnung, aus jedem Stockwerk, drei nach oben und drei nach unten, den Lärm hören, aber kaum etwas verstehen.«

»Ich weiß«, sagte Halsted. »In meinem Haus gibt es ein Paar, das streitet, meine Frau und ich hören zu, aber wir können nie die Worte hören, nur den Klang der Stimmen. Zum rasend werden! Manchmal ist es aber eine interessante Stimme.«

»Wie viele Familien habt ihr im Haus?« fragte Avalon.

Rubin rechnete eine Weile mit Lippenbewegungen. »Ungefähr sechshundertfünfzig«, sagte er.

»Ja, wenn du unbedingt in einem Bienenstock leben mußt«, sagte Avalon, »hast du die Folgen selbst zu tragen.«

»Ein echter Trost«, sagte Rubin.

»Sie scheinen sehr verstimmt zu sein, Mr. Rubin«, warf Henry ein. »Und dabei habe ich irgendwie das Gefühl, daß mehr daran ist als nur das Klavierspiel.«

Rubin nickte und sagte mit leidenschaftlich zitternden Lippen: »Darauf können Sie Gift nehmen, Henry. Es ist dieser gottverfluchte Tischler. Vielleicht können Sie ihn jetzt hören.«

Er neigte den Kopf. Automatisch verstummte das Gespräch, und alle horchten. Außer dem dauernden Verkehrslärm draußen war aber nichts zu hören.

Rubin sagte: »Nun, wir haben Glück. Er tut es jetzt nicht, eigentlich schon seit einer Weile nicht mehr.«

»Haben Sie einen Tischler, der hier im Haus arbeitet«, fragte Henry.

»Nein, ich weiß nicht, was der verdammte Kerl ist. Ich nenne ihn bloß den Tischler. Er klopft dauernd. Um drei Uhr nachmittags, um fünf Uhr morgens, ständig. Und immer, wenn ich schreibe und besondere Ruhe brauche... Wie ist die Bayrische Creme?«

»Heißt das so?« fragte Drake und starrte es argwöhnisch an.

»Das sollte es werden«, sagte Rubin, »aber die Gelatine wollte nicht ordentlich steif werden, und ich mußte improvisieren.«

»Mir schmeckt sie ausgezeichnet«, sagte Gonzalo.

»Ein wenig zu süß«, sagte Avalon, »aber ich bin ohnedies kein Freund von Desserts.«

»Was klopft er denn, Mr. Rubin?« fragte Henry.

»Wie bitte?« fragte Rubin.

Henry schob seinen Stuhl vom Tisch zurück; sein sanftes Gesicht schien schärfere Konturen zu bekommen. »Mr. Rubin«, sagte er, »Sie sind der Gastgeber und ich bin bei diesem Bankett Klubgast. Ich möchte als solcher um eine Vergünstigung ersuchen, die Sie als Gastgeber gewähren können.«

»Bitte, tun Sie das«, sagte Rubin.

»Traditionellerweise soll ich als Gast ausgefragt werden. Ich möchte aber etwas anderes. Ich will Sie befragen, Mr. Rubin.«

»Weshalb?« fragte Rubin mit erstaunt aufgerissenen Augen hinter den dicken, vergrößernden Brillengläsern.

»Heute abend habe ich etwas gehört, das mich erstaunt. Darf ich Sie darüber befragen?«

»Nur zu.«

»Danke«, sagte Henry. »Ich möchte mehr über den Ärger wissen, den Sie haben.«

»Sie meinen den Tischler und sein Schlummerlied vom Broadway?«

»Ja. Seit wann hören Sie es?«

»Seit wann? Schon seit Monaten«, sagte Rubin.

»Ist es sehr laut?«

Rubin überlegte eine Weile. »Nein, es ist vermutlich nicht laut. Aber man kann es hören. Zu den seltsamsten Zeiten. Vorauszusagen ist es nie.«

»Und wer verursacht es?«

Plötzlich schlug Rubin mit der Faust auf den Tisch, so daß seine Kaffeetasse klapperte. »Das ist es ja. Nicht so sehr der Lärm, so lästig er auch sein mag. Ich könnte ihn aushalten, wenn ich wüßte, wer ihn macht, wenn ich wüßte, was er tut, wenn ich zu jemand gehen und ihn ersuchen könnte, eine Weile auszusetzen, während ich Schwierigkeiten mit einer verwickelten Handlung habe. Es ist, als würde ich von einem Poltergeist verfolgt.«

Trumbull hob die Hand. »Darf ich eine Frage stellen, Henry?«

»Sollten Sie fragen wollen«, sagte Henry, »warum Mr. Rubin, wenn er Lärm hört, nicht feststellen kann, woher er kommt, so wollte ich das gerade ebenfalls fragen.«

»Nur weiter«, sagte Trumbull, »ich werde mir noch Kaffee nehmen.«

»Würden Sie die Frage beantworten, Mr. Rubin?« sagte Henry.

»Ich nehme an«, sagte Rubin, »ihr alle könnt es nur schwer verstehen. Keiner von euch wohnt in einem dieser modernen Wohnkomplexe mit fünfundzwanzig oder mehr Stockwerken, mit fünfundzwanzig Wohnungen pro Stockwerk und einem Gerüst aus geräuschleitendem Beton.

Wenn jemand einen guten, lauten Plattenspieler laufen läßt, könnte ich vielleicht sagen, ob der Lärm von über oder unter mir kommt, obwohl ich da nicht ganz sicher bin. Ich könnte, wenn ich wollte, von Tür zu Tür gehen, im Stockwerk darunter ebenfalls und auch im Stockwerk darüber, und ich nehme an, wenn ich das Ohr an die richtige Tür lege, könnte ich sagen, aus welcher Wohnung der Lärm kommt.

Es ist aber bloß ein leichtes Hämmern, somit unmöglich zu orten. Es würde nichts helfen, an einer Tür zu horchen. Der Ton pflanzt sich nicht so weit durch die Luft und die Tür fort. Er dringt durch die Wände. Hört zu, im Zorn bin ich von Tür zu Tür gegangen. Ich weiß nicht, wie oft ich durch die Korridore geschlichen bin.«

Gonzalo lachte. »Wenn man dich dabei ertappt, wird der Portier unten Berichte über bösartig aussehende Vagabunden erhalten, die im Haus herumschnüffeln.«

»Das stört mich nicht«, sagte Rubin. »Der Pförtner kennt mich.« Plötzlich huschte ein Ausdruck koketter Bescheidenheit über Rubins Gesicht. »Er ist einer meiner Verehrer.«

»Ich wußte, du würdest irgendwo einen haben«, sagte Trumbull, doch Henry stocherte in dem Truthahn auf seinem Teller und wirkte bekümmerter denn je.

»Angenommen, dein Verehrer hat dienstfrei«, überlegte Gonzalo. »Ihr müßt doch vierundzwanzig Stunden lang Pförtner haben, und dein Verehrer muß auch mal schlafen.«

»Die kennen mich alle«, sagte Rubin. »Der, der jetzt Dienst hat, Charlie Wiszonski, hat an Wochentagen die Abendschicht von vier bis zwölf, das ist die schwere Schicht. Er ist der Chefportier.«

Henry sagte: »Ich möchte auf den Tischler zurückkommen. Wenn der Ton durch die Wände geleitet wird und Sie ihn hören, Mr. Rubin, hören ihn nicht auch viele andere Leute?«

»Ich nehme an, ja.«

»Wenn er aber so viele stört... «

»Das ist das besonders Ärgerliche«, sagte Rubin.

»Es stört sie nicht... Danke, Roger, stell doch bitte alle Teller in den Ausguß, ich kümmere mich später darum... Dieser Tischler scheint niemanden zu stören. Tagsüber sind die Ehemänner fort, auch viele Frauen, und es gibt nicht viele Kinder in dem Haus. Die Frauen, die daheim sind, machen ihre Hausarbeit. Abends sitzt jeder vor dem Fernsehapparat. Wie sollte sich jemand um gelegentliches Klopfen kümmern? Mich bekümmert es, weil ich Tag und Nacht zu Hause bin und weil ich schreibe. Weil ich ein schöpferischer Mensch bin, der zu denken hat und Ruhe braucht.«

»Haben Sie diesbezüglich schon andere befragt?« sagte Henry.

»Ach ja, gelegentlich.« Er klopfte unruhig mit dem Löffel an seine Tasse. »Als nächstes werden Sie wohl fragen, was sie gesagt haben?«

»Aus Ihrem enttäuschten Blick muß ich wohl entnehmen, daß keiner zugab, es je gehört zu haben.«

»Nun, Sie haben unrecht. Einer oder zwei sagten, sie hätten einige Male etwas gehört. Nur leider störte es keinen. Auch nicht, wenn sie es hörten. Die New Yorker sind gegen Lärm so unempfindlich, daß man sie in die Luft sprengen könnte, und es würde sie nicht kümmern.«

»Was tut deiner Ansicht nach der Unbekannte, der dieses Geräusch verursacht?« fragte Avalon.

Rubin sagte: »Ich glaube, er ist Tischler. Vielleicht nicht berufsmäßig, aber er macht Tischlerarbeiten. Ich könnte es immer noch beschwören, er hat eine Werkstatt dort drüben. Anders läßt es sich nicht erklären.«

»Was meinen Sie damit, Sie könnten es immer noch beschwören?« fragte Henry.

»Ich sprach mit Charlie darüber.«

»Mit dem Portier?«

»Was soll der Portier nützen?« fragte Gonzalo. »Warum bist du nicht zum Verwalter gegangen? Oder zum Hausbesitzer?«

»Wozu soll das gut sein?« sagte Rubin verärgert. »Von dem Hausherrn weiß ich nur, daß er die Klimaanlage bei jeder Hitzewelle außer Betrieb setzen läßt, weil er sie lieber mit erstklassigem Kaugummi repariert. Und wenn man zum Verwalter gelangen will, braucht man Protektion in Washington. Außerdem ist Charlie ein guter Kerl, und wir kommen miteinander aus. Zum Teufel, als Jane den Krach mit dem Einbrecher hatte, rief sie Charlie zu Hilfe.«

»Rief sie nicht die Polizei?«

»Natürlich. Aber vorher Charlie.«

Henry wirkte sehr befriedigt. Er sagte: »Sie wandten sich also wegen des Klopfens an den Portier. Was sagte er?«

»Er sagte, es gebe keine Klagen. Es sei das erstemal, daß er davon hörte. Er werde es untersuchen. Das tat er und schwor Stein und Bein, es gebe nirgends in dem Gebäude eine Tischlerwerkstatt. Er sagte, er habe in jede Wohnung Männer geschickt, die die Klimaanlage überprüften — und das ist der sicherste Weg, irgendwo hineinzukommen.«

»Dann ließ der Portier die Sache auf sich beruhen?«

Rubin nickte. »Vermutlich. Und das quälte mich auch. Ich finde es ärgerlich, daß Charlie mir nicht glaubte. Er meinte, es gäbe kein Klopfen. Ich war der einzige, der davon sprach, sagte er.«

»Hört Mrs. Rubin es nicht?«

»Natürlich. Aber ich muß sie darauf aufmerksam machen. Sie stört es auch nicht.«

»Vielleicht ist es ein Mädchen, das mit Kastagnetten übt«, sagte Gonzalo, »oder mit irgendeinem Schlaginstrument.«

»Na, na, ich kann etwas Rhythmisches von einem bloß zufälligen Klopfen unterscheiden.«

»Es könnte ein Kind sein«, sagte Drake, »oder ein Haustier. In Baltimore hatte ich eine Wohnung, und unmittelbar über mir wurde dauernd geklopft, so als ließe jemand hundertmal täglich etwas fallen. Und das war es auch. Die hatten einen Hund, der immerfort einen Spielzeugknochen aufnahm und wieder fallen ließ. Ich brachte sie dazu, einen billigen Teppich aufzulegen.«

»Es ist kein Kind und kein Haustier«, sagte Rubin stur. »Ich wünschte, ihr würdet nicht alle annehmen, daß ich nicht wüßte, was ich höre. Nun, ich habe einmal in einer Schreinerei gearbeitet und bin selbst ein ganz guter Tischler. Ich kenne den Klang eines Hammers auf Holz.«

»Vielleicht repariert jemand etwas in der Wohnung«, sagte Halsted.

»Monatelang? Es ist mehr als das.«

Henry sagte: »Ist das die augenblickliche Lage? Haben Sie, nachdem der Portier Sie enttäuschte, noch einen Versuch gemacht, die Ursache der Störung zu finden?«

Rubin runzelte die Stirn. »Ich versuchte es, aber es war nicht leicht. Alle Leute hier haben geheime Telefonnummern, und ich kenne nur wenige, mit denen ich spreche. Ich versuchte, an die in Frage kommenden Türen anzuklopfen, mich vorzustellen und nachzuforschen, aber ich erntete nur böse Blicke.«

»Ich würde aufgeben«, sagte Drake.

»Ich nicht«, sagte Rubin und schlug sich an die Brust. »Das Ärgerlichste war, daß mich alle für eine Art Narren hielten. Sogar Charlie, glaube ich. Gewöhnliche Menschen empfinden ein gewisses Mißtrauen gegen Schriftsteller.«

»Das ist vielleicht berechtigt«, sagte Gonzalo.

»Halt den Mund!« sagte Rubin. »Ich dachte, ich sollte konkrete Beweise vorlegen.«

»Zum Beispiel?« fragte Henry.

»Nun, bei Gott, ich nahm das verdammte Zeug auf Tonband auf. Ich verbrachte zwei oder drei Tage damit, darauf zu achten, drückte dann jedesmal, wenn es anfing, auf den Knopf und nahm es auf. Es war schauderhaft für mein Schreiben, aber ich hatte schließlich ungefähr fünfundvierzig Minuten Geklopfe auf Tonband — nicht laut, aber man konnte es hören. Und es war interessant, wenn man es anhörte, konnte man aus dem Klopfen erkennen, daß der Kerl ein miserabler Tischler ist. Die Schläge sind nicht gleichmäßig und kräftig. Er hat keine Kontrolle über den Hammer, und eine solche Unregelmäßigkeit ermüdet einen. Wenn man einmal den richtigen Rhythmus heraus hat, kann man den ganzen Tag lang hämmern ohne zu ermüden. Ich habe das oft getan... «

»Und haben Sie dem Portier die Tonbandaufnahme vorgespielt?« unterbrach ihn Henry.

»Nein, ich ging vor einem Monat zu einer höheren Instanz.«

»Du warst also doch beim Verwalter?« fragte Gonzalo.

»Nein. Es gibt eine sogenannte Mieterorganisation.«

Alle Tischgenossen lächelten zustimmend, nur Henry schien ungerührt. »Daran dachte ich nicht«, sagte Avalon.

Rubin lächelte. »Die Leute tun das in so einem Fall nicht, weil der einzige Zweck der Organisation darin besteht, den Hausbesitzer aufs Korn zu nehmen. Es ist, als hätte noch keiner davon gehört, daß ein Mieter einen anderen geärgert hätte, und doch behaupte ich, daß neun Zehntel aller Ärgernisse in einem Wohnhaus wechselseitig durch die Mieter verursacht werden. Das sagte ich. Ich...«

Wieder unterbrach ihn Henry. »Sind Sie ein ständiges Mitglied der Vereinigung, Mr. Rubin?«

»Gewiß, ich bin Mitglied. Jeder Mieter ist automatisch Mitglied.«

»Ich meine, nehmen Sie regelmäßig an den Versammlungen teil?«

»Es war erst die zweite Versammlung, an der ich teilnahm.«

»Kennen Sie die regelmäßigen Teilnehmer persönlich?«

»Einige von ihnen. Was spielt das übrigens für eine Rolle? Ich stellte mich vor. Rubin, sagte ich, 14-AA, und hielt meine Rede. Ich hatte mein Tonband dabei, hielt es hoch und schwenkte es. Ich sagte, es sei der Beweis dafür, daß der verdammte Narr eine öffentliche Plage ist, daß ich die Aufnahmen mit Datum und Uhrzeit beschriftet habe, sie nötigenfalls notariell bestätigen lassen und mit meinem Rechtsanwalt besprechen würde. Ich sagte, wenn der Hausbesitzer diesen Lärm gemacht hätte, würden sämtliche Anwesende nach einer gemeinsamen Aktion gegen die Plage schreien.

Warum reagiert man nicht genauso auf einen Mieter?«

»Das muß eine höchst überzeugende Ansprache gewesen sein«, brummte Trumbull. »Schade, daß ich nicht dort war und dich gehört habe. Was sagten sie?«

Rubin machte ein finsteres Gesicht. »Sie wollten wissen, wer der Mieter sei, der den Lärm machte, und ich konnte es ihnen nicht sagen. Darauf ließen sie es fallen. Keiner hat den Lärm gehört, also interessierte es sie nicht.«

»Wann fand die Versammlung statt?« fragte Henry.

»Vor fast einem Monat. Und sie haben es auch nicht vergessen. Es war wirklich eine überzeugende Ansprache, Tom. Ich habe sie in Verlegenheit gebracht, absichtlich. Die Sache sollte sich herumsprechen, und das geschah. Charlie, der Portier, sagte, er habe die Hälfte der Mieter davon reden hören — und eben das wollte ich. Ich wollte, daß der Tischler es hört. Er sollte wissen, daß ich hinter ihm her bin.«

»Sie haben doch gewiß nichts Gewalttätiges vor, Mr. Rubin«, sagte Henry.

»Ich brauche keine Gewalt. Ich wollte nur, daß er es weiß. In den letzten Wochen war es ziemlich ruhig, und ich möchte wetten, er wird sich jetzt still verhalten.«

»Wann ist die nächste Mieterversammlung?« fragte Henry.

»Nächste Woche. Vielleicht gehe ich hin.«

Henry schüttelte den Kopf und sagte: »Es wäre mir lieber, Mr. Rubin, Sie täten es nicht. Ich glaube, Sie sollten das Ganze besser vergessen.«

»Ich habe vor niemandem Angst.«

»Dessen bin ich sicher, Mr. Rubin, aber ich finde die Situation in mehrfacher Hinsicht merkwürdig ...«

»Inwiefern?« fragte Rubin sofort.

»Ich — ich — es klingt vielleicht pathetisch, aber — Mr. Avalon, Sie kamen mit Mr. Drake kurz vor mir in die Vorhalle. Sie sprachen mit dem Pförtner.«

»Ja, das ist richtig«, sagte Avalon.

»Vielleicht kam ich zu spät, und es entging mir etwas. Mir scheint, Mr. Avalon, daß Sie den Pförtner fragten, ob es irgendwelche unerfreulichen Vorfälle in dem Haus gegeben habe, und er sagte, daß im vorigen Jahr in eine Wohnung im 20. Stockwerk eingebrochen worden und daß eine Frau in der Wäscherei irgendwie verletzt worden sei.«

Avalon nickte nachdenklich.

»Nun wußte er doch«, sagte Henry, »daß wir in Mr. Rubins Wohnung gingen. Wie kommt es, daß er den vor zwei Wochen erfolgten Einbruch in diese Wohnung nicht erwähnte?«

Es entstand eine gedankenschwere Pause. Gonzalo sagte: »Vielleicht wollte er Klatsch vermeiden.«

»Er erzählte uns von den anderen Vorfällen. Vielleicht gibt es dafür eine harmlose Erklärung, aber als ich von dem Einbruch hörte, verwirrte es mich. Alles, was ich seither erfuhr, verstärkt mein unbehagliches Gefühl. Er ist ein Verehrer Mr. Rubins. Mrs. Rubin hatte sich damals an ihn gewandt. Und doch sprach er nicht darüber.«

»Was schließen Sie daraus, Henry?« fragte Avalon.

»Ist er irgendwie darin verwickelt?«

»Aber Henry«, sagte Rubin rasch, »wollen Sie damit sagen, daß Charlie einem Einbrecherring angehört?«

»Nein, aber wenn in diesem Haus Merkwürdiges vorgeht, könnte es vorteilhaft sein, dem Portier dann und wann einen Zehndollarschein zuzustecken. Vielleicht weiß er gar nicht, weshalb. Was gewünscht wird, kann ihm völlig harmlos erscheinen — wenn aber dann jemand in Ihre Wohnung eindringt, könnte er vielleicht plötzlich mehr begreifen als vorher. Er fühlt sich beteiligt und will nicht mehr darüber sprechen. Um seiner selbst willen.«

»Gut«, sagte Rubin. »Was soll aber hier so Merkwürdiges vorgehen? Der Tischler und sein Geklopfe?«

»Warum sollte jemand im Treppenhaus lauern und darauf warten, ob Sie oder Mrs. Rubin die Wohnung unversperrt verlassen? Und als Mr. Avalon zu Beginn des heutigen Abends die Sache mit der Frau in der Wäscherei erwähnte, warum haben Sie, Mr. Rubin, die Sache gleich mit einem Hinweis auf die chinesische Delegation bei den Vereinigten Nationen abgetan? Besteht da ein Zusammenhang?«

»Nur daß Jane mir sagte, einer der Mieter befürchte, daß die Chinesen hier hereinkommen könnten.«

»Das scheint mir aber ein schwacher Grund für Ihren falschen Schluß. Sagte Mrs. Rubin, daß der Mann, den sie in der Wohnung überraschte, ein Orientale war?«

»Ach, danach dürfen Sie sich nicht richten«, sagte Rubin mit einem ernsthaften Achselzucken. »Was kann man denn wirklich bemerken... «

Avalon sagte: »Einen Augenblick, Manny! Keiner fragt dich, ob der Einbrecher wirklich Chinese war. Henry fragt nur, ob Jane sagte, er sei einer gewesen.«

»Sie sagte, sie glaube, er sei Chinese gewesen, sie habe diesen Eindruck gehabt... Hören Sie, Henry, denken Sie an Spionage?«

»Bringen Sie das alles mit dem unregelmäßigen Klopfen in Verbindung«, sagte Henry. »Ich glaube, Mr. Rubin erwähnte speziell die Unregelmäßigkeit als Zeichen für einen schlechten Tischler. Könnte die Unregelmäßigkeit nicht von einem schlauen Spion herrühren? Ich glaube, der schwache Punkt jedes Spionagesystems ist die Nachrichtenübermittlung. In diesem Fall gäbe es keinen Kontakt zwischen Absender und Empfänger, keine Kontrollmöglichkeit, nichts, was man anzapfen oder auffangen könnte. Es wäre das natürlichste und harmloseste Geräusch von der Welt, das keiner hört außer der betreffenden Person — und zufällig ein Schriftsteller, der sich auf sein Schreiben zu konzentrieren sucht und selbst durch leise Geräusche gestört wird. Aber auch er hält es nur für irgend jemandes — eines Tischlers — Hammerschläge.«

»Aber, Henry«, sagte Trumbull. »Das ist doch Unsinn.«

Henry sagte: »Wie aber steht es mit dem Einbruch, bei dem praktisch nichts gestohlen wurde?«

»Quatsch!« sagte Rubin. »Jane kam zu früh zurück. Wenn sie noch fünf Minuten fortgeblieben wäre, wäre das Stereogerät weggewesen.«

»Hören Sie, Henry«, sagte Trumbull, »Sie haben schon beachtliche Erfolge erzielt, und ich würde nichts, das Sie sagen, völlig verwerfen. Aber das ist doch recht dürftig.«

»Vielleicht kann ich Beweise vorlegen.«

»Welcher Art?«

»Dazu wären die Bandaufnahmen des Klopfens erforderlich. Könnten Sie sie holen, Mr. Rubin?«

»Nichts leichter als das«, sagte Rubin. Er ging hinaus.

»Wenn Sie glauben, Henry«, sagte Trumbull, »daß ich mir albernes Gehämmer anhören und Ihnen sagen soll, ob es ein Code ist, sind Sie nicht ganz bei Trost.«

»Ich weiß nicht, Mr. Trumbull«, sagte Henry, »welche Beziehungen Sie zur Regierung haben, aber mir scheint, Sie werden sehr bald mit den entsprechenden Leuten Verbindung aufnehmen wollen, und ich würde vorschlagen, daß Sie damit beginnen, den Portier gründlich verhören zu lassen, und daß... «

Rubin kam zornig und mit rotem Gesicht zurück. »Komisch, ich kann die Tonbänder nicht finden. Ich glaubte genau zu wissen, wo sie lagen. Sie sind nicht dort. Soviel über Ihre Beweise, Henry. Ich muß wohl... Habe ich sie irgendwo vergessen?«

»Der Beweis ist ihr Nichtvorhandensein, Mr. Rubin«, sagte Henry, »und ich denke, wir wissen nun, worauf es der Einbrecher abgesehen hatte und warum seither nicht mehr gehämmert wurde.«

Trumbull sagte hastig: »Ich muß wohl...« Dann brach er ab, da es an der Türe läutete.

Einen Augenblick waren alle starr, dann murmelte Rubin: »Das gibt es doch nicht, daß Jane zu früh heimkommt.« Er erhob sich schwerfällig, ging zur Tür und schaute durch das Guckloch.

Dann rief er: »Was zum Teufel!« und riß die Tür auf.

Draußen stand der Portier mit rotem Gesicht und sichtlich verlegen. Er sagte: »Es dauerte eine Weile, bis ich jemand fand, der mich vertritt. Hören Sie ...«

Seine Augen huschten beklommen von einem zum anderen. »Ich möchte keinen Arger, aber...«

»Mach die Tür zu, Manny!« rief Trumbull.

Rubin zog den Portier herein und schloß die Tür. »Was gibt es, Charlie?«

»Ich bin dahintergekommen. Und da hat mich nun jemand nach dem Verdruß hier im Haus gefragt... Sie waren es, Sir«, sagte er zu Avalon. »Dann kamen noch andere Leute, und ich glaube zu wissen, worum es sich handelt. Ich nehme an, einige von Ihnen untersuchen den Einbruch, und ich wußte nicht, was vorging, aber ich hatte nichts damit zu tun und möchte es erklären. Der Mann ...«

»Name und Wohnungsnummer!« sagte Trumbull.

»King. In der Wohnung 15-U«, sagte Charlie.

»In Ordnung, kommen Sie mit mir in die Küche. Manny, ich werde von dort aus anrufen.« Er schloß die Küchentür.

Rubin sah auf, gleichsam horchend. Dann sagte er: »Nachrichten hat er gehämmert? Wer hätte das gedacht?«

»Eben deshalb funktionierte es, Mr. Rubin«, sagte Henry leise, »und es hätte weiter geklappt, hätte nicht in demselben Haus ein — wenn ich so sagen darf — betont exzentrischer Schriftsteller gewohnt.«


Anmerkung

Diese und die folgende Geschichte erschienen nicht im EQMM. Sie wurden, wie ich in der Einleitung erklärte, speziell für dieses Buch geschrieben.

Diese Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie einem das Schreiben das Leben bereichert. Die Sache mit dem rätselhaften Klopfen in der Wohnung ist aus dem wirklichen Leben gegriffen. In meinem Apartmenthaus klopft irgend jemand zu den unmöglichsten Zeiten. Ich habe nie so heftig reagiert wie Manny Rubin, sondern begnügte mich mit Kopf schütteln und Zähneknirschen.

Ich ärgerte mich immer mehr darüber, und es hätte mir noch Magengeschwüre eingebracht, da fiel mir ein, ich könnte es für eine Kurzgeschichte verwenden. Ich tat es, und das ist sie.

Wenn ich nun das Klopfen höre (es ist wirklich nicht so oft oder so schlimm), ziehe ich bloß gutgelaunt die Schultern hoch und denke daran, daß es mir eine Geschichte geliefert hat. Dann kümmere ich mich gar nicht mehr darum.


Yankee Doodle kam zur Stadt

<p id="_bookmark8"><strong>Yankee Doodle kam zur Stadt</strong></p>

Es war bei den Schwarzen Witwern allgemein bekannt, daß Geoffrey Avalon im Krieg als Offizier gedient und es bis zum Major gebracht hatte. Er hatte aber, soweit sie wußten, nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen. Seine steife Haltung schien jedoch dem Tragen einer Uniform angemessen, so daß sich keiner darüber wunderte, daß er einmal Major Avalon gewesen war.

Es schien daher völlig natürlich, als er mit einem Armeeoffizier als seinem Gast in den Speisesaal trat. Und als er sagte: »Das ist mein alter Militärfreund Oberst Samuel Davenheim«, begrüßten ihn alle herzlich. Ein Militärfreund Avalons war auch ihr Freund.

Sogar Mario Gonzalo, der Ende der fünfziger Jahre eine ereignislose Dienstzeit in der Armee verbracht hatte und dessen scharfe Ansichten über Offiziere alle kannten, war recht freundlich. Er lehnte sich an eine Anrichte und begann zu skizzieren. Avalon blickte kurz über Gonzalos Schulter, als ob er sich vergewissern wollte, daß der Künstler der Schwarzen Witwer den Kopf des Obersten nicht mit Eselsohren krönte.

Es wäre höchst unpassend gewesen, wenn Gonzalo das getan hätte, denn Davenheim ließ alle Anzeichen wacher Intelligenz erkennen. Sein rundes und ein wenig pausbäckiges Gesicht war von einem unmodernen Haarschnitt, oben kurz und unten abwesend, eingerahmt. Sein Mund verzog sich zu einem freundlichen Lächeln, seine Stimme war klar, seine Worte schlagfertig.

Er sagte: »Sie wurden mir alle beschrieben, denn Jeff ist, wie Sie wohl alle wissen, ein methodischer Mann. Ich sollte Sie alle erkennen können. Sie zum Beispiel sind Emmanuel Rubin, denn Sie sind klein, tragen eine dicke Brille und haben einen schütteren Bart... «

»Struppig nennt ihn Jeff meist«, sagte Rubin gar nicht beleidigt, »weil seiner dicht ist, aber ich fand nie, daß ein dichter Bart... «

»Und redselig«, sagte Davenheim ruhig, Rubin mit der gelassenen Autorität des Obersten unterbrechend. »Und Sie sind Schriftsteller... Sie sind Mario Gonzalo, der Künstler, Ihre Beschreibung brauche ich nicht einmal, da Sie zeichnen ... Roger Halsted, Mathematiker, teilweise kahlköpfig. Das einzige Mitglied ohne voll behaarten Kopf, das ist somit leicht... James Drake oder vielmehr Dr. James Drake ... «

»Wir sind alle Doktoren kraft unserer Zugehörigkeit zu den Schwarzen Witwern«, sagte Drake hinter einer Zigarettenrauchwolke.

»Sie haben recht, Jeff hat mir das genau erklärt. Sie sind Doktor Dr. Drake, weil Sie auf drei Meter Distanz nach Tabak riechen.«

»Nun, das muß Jeff wohl wissen«, sagte Drake gleichmütig.

»Und Thomas Trumbull«, sagte Davenheim, »weil Sie die Stirn runzeln und durch einfache Elimination... Habe ich alle Herren richtig erkannt?«

»Nur die Mitglieder«, sagte Halsted. »Sie haben Henry ausgelassen, der besonders wichtig ist.«

Davenheim sah ihn verwundert an. »Henry?«

»Der Kellner«, sagte Avalon und starrte errötend auf seinen Drink. »Entschuldigen Sie, Henry, aber ich wußte nicht, was ich Oberst Davenheim über Sie sagen sollte. Sie als Kellner zu bezeichnen, wäre viel zu wenig, und mehr zu sagen, würde die Geheimhaltung der Schwarzen Witwer gefährden.«

»Ich verstehe«, sagte Henry freundlich, »ich halte es aber für wichtig, den Oberst zu bedienen. Was darf ich Ihnen bringen, Sir?«

Der Oberst sah ihn einen Augenblick verständnislos an. »Ach, Sie meinen Drinks? Nein, danke, ich trinke keinen Alkohol.«

»Vielleicht ein Ingwerbier?«

»Also gut.« Davenheim ergriff sichtlich den dargebotenen Strohhalm.

Rubin, der zwischen Avalon und Davenheim saß, sagte: »Was für ein Soldat war Jeff?«

»Ein verdammt guter«, sagte Davenheim ernst, »aber er bekam wenig Gelegenheit zu glänzen. Wir waren beide als Juristen tätig, das bedeutet Schreibtischarbeit. Nur war er zum Unterschied von mir so klug, rechtzeitig die Armee zu verlassen. Ich tat das nicht.«

»Sie meinen, Sie befassen sich noch immer mit Kriegsrecht?«

»Richtig.«

Trumbull unterbrach das Gespräch: »Verdammt, Manny, kannst du nicht warten, bis die Zeit zum Ausfragen kommt?«

»Ja«, sagte Avalon dröhnend, »wir sollten Sam doch essen lassen, bevor wir ihn auf Herz und Nieren prüfen.«

»Kalbsbraten mit Parmesan!« sagte Rubin entzückt, da Henry bereits mit gewohnter Behendigkeit die Hauptspeise servierte.

Nachdem sich Oberst Davenheim eingehend dem Kalbsbraten gewidmet hatte, sagte er: »Ihr laßt es euch hier gut gehen, Jeff.«

»Ach, so gut wir eben können«, sagte Avalon. »Das Restaurant verlangt entsprechende Preise, aber es ist ja nur einmal im Monat.«

Davenheim handhabte begeistert sein Besteck und sagte: »Dr. Halsted, Sie sind Mathematiker —«

»Ich unterrichte widerwillige junge Leute in Mathematik, das ist nicht ganz das gleiche. Man darf nicht glauben, daß alle Interessen eines Mannes, dessen Beruf man angeben kann, sich nur auf diesen konzentrieren.«

Avalon starrte auf seinen sauber gereinigten Teller und schob gedankenvoll sein halbleeres Glas von sich. Er sagte: »Sam weiß wirklich, was es heißt, ein intellektuelles Hobby zu haben. Er ist ein hervorragender Phonetiker.«

»Nun ja«, sagte Davenheim betont bescheiden, »nur als Amateur.«

Rubin fragte: »Heißt das, daß Sie Dialektwitze erzählen können?«

»In jedem gewünschten Dialekt«, sagte Davenheim. »Aber ich kann Witze nicht einmal in normaler Sprache erzählen.«

»In Ordnung«, sagte Rubin, »ich würde lieber einen schlechten Witz im authentischen Dialekt als einen guten mit falschem Akzent hören.«

»Wie erklärst du dann die Tatsache«, fragte Gonzalo, »daß du nur bei deinen eigenen Witzen lachst, die doch weder gut sind noch richtig erzählt werden.«

Davenheim sagte rasch, um Rubins Erwiderung zuvorzukommen: »Sie haben mich vom Thema abgebracht. Ich meine, Dr. Halsted — nun ja, Roger —, daß Sie sich vielleicht mit den Klassikern befassen, um sich von einem schwierigen mathematischen Problem abzulenken. Dabei werden Ihre unbewußten Gedanken... «

»Das Komische ist«, mengte sich Rubin nun ein, »daß es funktioniert. Ich wurde noch nie von der Handlung einer Geschichte so blockiert, daß ich sie nicht hätte meistern können, wenn ich in einen Film ging. Ich meine nicht in einen guten Film, der mich wirklich in Anspruch nimmt, sondern einen schlechten, der mein Bewußtsein eben ausreichend beschäftigt, um meinen unbewußten Gedanken freien Lauf zu lassen. Am besten eignet sich ein Spionagefilm.«

Gonzalo sagte: »Ich kann der Handlung dieser Dinge nicht einmal folgen, wenn ich achtgebe.«

»Und dabei sind sie für die Gehirne von Zwölfjährigen bestimmt«, sagte Rubin, der nun endlich zurückschlug.

Henry goß den Kaffee ein, und Davenheim sagte: »Ich bin auch Mannys Meinung. Ich glaube wohl, daß ein mit Phonetik verbrachter Tag manchmal die beste Methode ist, ein Arbeitsproblem zu lösen. Aber gibt es da nicht einen anderen Aspekt? Wir lassen also — das ist leicht verständlich — den unbewußten Gedanken beliebig freien Lauf, indem wir das Bewußtsein beschäftigen. Bleiben sie jedoch verborgen? Könnten sie nicht an die Oberfläche dringen? Könnten sie nicht, wenn schon nicht uns selbst — die wir denken —, für andere sichtbar oder hörbar werden?«

»Was meinen Sie damit eigentlich, Oberst?« fragte Trumbull.

»Also«, sagte Davenheim, »wenn wir einander beim Vornamen nennen, so wollen wir es doch alle tun. Nennen Sie mich Sam. Ich meine folgendes.

Angenommen, Manny arbeitet an einer Geschichte, in der ein unentdeckbares Gift, ein toxischer Stoff, vorkommt, Sie tun etwas anderes, um Ihr Unbewußtes arbeiten zu lassen, und können beschwören, daß Sie die Handlung völlig vergessen haben, daß Sie nicht daran denken, daß sie völlig ausgelöscht ist. Und dann rufen Sie ein Taxi herbei mit dem Ruf: >Toxi! Toxi !<«

Trumbull sagte nachdenklich: »Das ist weit hergeholt, und ich lasse es nicht gelten, aber ich verstehe, was Sie meinen. Jeff, hast du Sam hierhergebracht, weil er mit einem Problem zu tun hat?«

Avalon räusperte sich. »Eigentlich nicht. Ich lud ihn im vorigen Monat ein — aus vielen Gründen — der wichtigste davon war, daß ich annahm, er würde euch allen gefallen. Aber gestern nacht blieb er bei uns in der Wohnung — darf ich es erzählen, Sam?«

Davenheim zog die Schultern hoch. »Du sagtest, dieser Raum ist verschwiegen wie das Grab.«

»Absolut«, sagte Avalon. »Sam kennt meine Frau beinahe so lange wie mich, dennoch nannte er sie gestern Farber anstatt Florence.«

Davenheim lächelte. »Mein Unbewußtes hat sich nach außen gedrängt. Ich hätte geschworen, daß ich es aus meinen Gedanken verscheucht hatte.«

»Du warst dir dessen nicht bewußt«, sagte Avalon. Er wandte sich an die anderen. »Ich merkte es nicht. Florence merkte es. Beim zweitenmal sagte sie: >Wie nennst du mich?< und er sagte: >Was?< Sie sagte: >Du nennst mich dauernd Farber.< Er war wie vom Donner gerührt.«

»Dennoch«, sagte Davenheim, »ist es nicht mein Unbewußtes, das mich beunruhigt. Es ist seines.«

»Farbers?« fragte Drake, der mit seinen fleckigen Fingern die Zigarette ausdrückte.

»Des anderen«, sagte Davenheim.

Trumbull sagte: »Es ist ohnedies Zeit für den Cognac, Jeff. Willst du unseren geschätzten Gast befragen oder soll ein anderer das tun?«

»Ich glaube nicht, daß man ihn auszufragen braucht«, sagte Avalon. »Vielleicht will er uns bloß erzählen, was sein Unbewußtes beschäftigt, wenn sein Bewußtsein abgelenkt wird.«

»Ich weiß nicht, ob ich das tun will«, sagte Davenheim. »Es ist eine ziemlich heikle Sache.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort«, sagte Trumbull, »daß alles hier Gesagte streng geheim bleibt. Jeff hat Ihnen das sicher bereits gesagt. Und das gilt auch für unseren geschätzten Henry. Sie brauchen natürlich nicht alle Einzelheiten anzugeben.«

»Ich darf mich aber nicht hinter falschen Namen verbergen, oder?«

»Nicht, wenn Farber ein richtiger ist«, sagte Gonzalo lächelnd.

»Nun, zum Teufel«, meinte Davenheim seufzend, »es ist eigentlich keine besondere Geschichte, vielleicht ist es gar nichts. Ich könnte so verdammt unrecht haben. Sollte ich aber recht haben, wird es für die Armee peinlich und für unser Land kostspielig sein. Fast möchte ich hoffen, unrecht zu haben, aber ich habe mich so weit festgelegt, daß meine Karriere endgültig zu Ende sein könnte, falls ich unrecht habe. Ich stehe nämlich knapp vor meiner Pensionierung.«

Er schien eine Weile in Gedanken verloren, dann sagte er grimmig: »Nein, ich will recht haben. Wie peinlich es auch ist, es muß abgestellt werden.«

»Sind Sie einem Verrat auf der Spur?« fragte Drake.

»Nein, nicht direkt. Fast wünschte ich, es wäre so. Verrat kann durchaus achtbar sein. Der Verräter des einen ist der Märtyrer des anderen. Ich spreche nicht von einem Pokersöldling für alles, sondern von einem Mann, der einer höheren Sache als seinem Land zu dienen glaubt, und der für die Risiken, auf die er sich einläßt, keinen Cent nehmen würde. Dafür haben wir durchaus Verständnis, wenn es Verräter des Feindes sind, mit denen wir zu tun haben.«

»Dann ist es also nicht Verrat?« sagte Trumbull ein wenig ungeduldig.

»Nein. Bloß Korruption! Stinkende, übelste Korruption. Eine Bande von Männern — Soldaten, muß ich leider sagen, Offiziere, vermutlich sogar hohe Offiziere — die Onkel Sam ein wenig zur Ader lassen wollen.«

»Warum ist das kein Verrat?« knurrte Rubin. »Es schwächt uns und zersetzt die Armee. Soldaten, die von ihrem Land so wenig halten, daß sie es bestehlen, werden kaum bereit sein, für ihr Land zu sterben.«

Davenheim sagte: »In diesem Fall ist bloße Habgier das einzige Motiv. Möglicherweise geht es um Millionen Dollar von dem Geld der Steuerzahler.«

»Möglicherweise? Ist das alles?« fragte Trumbull.

»Vorläufig ja. Ich kann nichts beweisen, und ohne eine verdammt gute Fährte läßt es sich nicht ausforschen. Wenn ich zu scharf vorgehe und meine Verdächtigungen nicht durchwegs erhärten kann, werde ich in Stücke gerissen. Es könnten einige bedeutende Namen verwickelt sein — oder auch nicht.«

»Was hat Farber damit zu schaffen?« fragte Gonzalo.

»Wir haben bis jetzt zwei Männer, einen Sergeant und einen einfachen Soldaten. Der Sergeant heißt Robert J. Farber, der andere Orin Klotz. In Wirklichkeit können wir ihnen aber nichts nachweisen.«

»Gar nichts?« fragte Avalon.

»Eigentlich nicht. Die Tätigkeit von Farber und Klotz führte dazu, daß Armeeausrüstung im Wert von Tausenden Dollar verschwand, aber wir können nicht nachweisen, daß ihre Handlungen gesetzwidrig waren. Sie waren in allen Fällen gedeckt.«

»Sie meinen, weil Vorgesetzte beteiligt waren?« Gonzalo lächelte bedächtig. »Offiziere? Mit Hirn?«

»So unwahrscheinlich es scheint«, sagte Davenheim trocken. »Das wäre möglich. Aber ich habe keine Beweise.«

»Können Sie die zwei Männer nicht verhören?« fragte Gonzalo.

»Das habe ich getan«, sagte Davenheim. »Aus Farber bekomme ich nichts heraus. Er ist von der gefährlichsten Sorte, das ehrliche Werkzeug. Ich glaube, er war zu dumm, um die Bedeutung dessen, was er tat, zu erkennen, und er hätte es nicht getan, wenn er sie erkannt hätte.«

»Konfrontiere ihn mit der Wahrheit!« sagte Avalon.

»Was ist die Wahrheit?« fragte Davenheim. »Ich bin nicht bereit, meine Annahmen aufzudecken. Wenn ich erzähle, was ich jetzt weiß, bedeutet es für die beiden bestenfalls Ausschluß aus der Armee, und der Rest der Bande wird für eine Atempause die Fühler einziehen und dann wieder anfangen. Nein, ich will mein Blatt nicht aufdecken, bis ich einen Anhaltspunkt habe, so daß ich das Risiko, auf das ich mich einlassen muß, mit ziemlicher Sicherheit eingehen kann.«

»Sie meinen einen Hinweis auf einen Vorgesetzten?« fragte Rubin.

»Genau.«

»Was ist mit dem anderen Soldaten?« fragte Gonzalo.

Davenheim nickte. »Der ist es. Er weiß Bescheid, er ist das Hirn von den beiden. Aber ich kann seine Aussage nicht entkräften. Ich bin sie wiederholt mit ihm durchgegangen, und er ist gedeckt.«

»Wenn es nur eine Annahme ist«, sagte Halsted, »daß an der Sache mehr ist, warum nehmen Sie sie dann so ernst? Besteht tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, daß Sie unrecht haben?«

»Es würde anderen so erscheinen«, sagte Davenheim. »Und ich könnte es nicht anders als mit Hinweis auf Erfahrung erklären, wieso ich weiß, daß ich nicht unrecht habe. Schließlich kann ein erfahrener Mathematiker ganz sicher sein, daß eine bestimmte Annahme richtig ist, aber außerstande sein, sie durch die strengen Regeln mathematischer Darlegung zu beweisen. Nicht wahr, Roger?«

»Ich bin nicht sicher, ob diese Analogie richtig ist«, sagte Halsted.

»Ich halte sie für gut. Ich habe mit Männern gesprochen, die ganz zweifellos unschuldig waren, und die Haltung eines jeden Angeklagten ist verschieden, aber ich kann den Unterschied fühlen. Leider ist das Gefühl als Beweis unzulässig. Ich kann Farber fallenlassen, aber Klotz ist eben eine Spur zu vorsichtig, eine Spur zu sicher. Er spielt mit mir herum, und es macht ihm sogar Spaß, und es ist unmöglich, daß mir so etwas entgehen kann.«

»Wenn Sie darauf bestehen, daß Sie derlei Dinge fühlen können«, sagte Halsted verdrießlich, »kann man darüber nicht diskutieren, nicht wahr? Sie entziehen sie damit jeder vernünftigen Überlegung.«

»Es gibt da keinen Irrtum«, sagte Davenheim unbeirrt. »Klotz lächelt bloß ein bißchen, sobald ich ihm ernsthaft auf den Pelz rücke. Es ist, als wäre ich der Stier und er der Matador, und wenn ich ihm nahekomme, steht er steif da, die capa flattert lässig an seiner Seite, und fordert mich heraus, ihn aufzuspießen. Sobald ich es versuche, ist er weg — und die capa schwirrt über meinem Kopf.«

»Wissen Sie«, sagte Trumbull, »ich habe in solchen Dingen etwas Erfahrung. Nehmen Sie an, daß Klotz den Fall für Sie ganz aufdecken kann? Er ist nur ein einfacher Soldat, und ich fürchte, daß er, auch wenn es eine Verschwörung gibt, sehr wenig darüber weiß.«

»Also gut, das lasse ich gelten«, sagte Davenheim, »ich erwarte nicht, daß Klotz Unmögliches möglich macht. Er muß aber doch einen anderen, höhergestellten Mann kennen. Er muß über eine Tatsache Bescheid wissen, die dem Kernpunkt näher ist als er selbst. Hinter diesem einen Mann und dieser einen Tatsache bin ich her. Sonst will ich nichts. Und es macht mich fertig, daß er es verrät und ich dennoch nicht klug daraus werde.«

»Was meinen Sie damit, daß er es verrät?« fragte Trumbull.

»Da tritt das Unbewußte auf den Plan. Wenn ich mit ihm diskutiere, ist er völlig von mir in Anspruch genommen, ganz damit befaßt, mich aufzuhalten, abzuwehren, zu behindern, in Nachteil zu bringen. Er versteht dieses Spiel, hol ihn der Teufel! Es wäre das Letzte, daß er mir die gewünschte Information gäbe, aber sie steckt in ihm, und wenn er an etwas anderes denkt, sprudelt diese Information aus ihm heraus. Jedesmal, wenn ich ganz nah an ihn herankomme, ihn zurückscheuche und in eine Ecke manövriere — wenn meine Hörner knapp neben seinen Weichen gegen die verdammte capa stoßen —, singt er.«

»Was tut er?« rief Gonzalo, und es entstand allgemeine Bewegung unter den Schwarzen Witwern. Nur Henry ließ keine Erregung erkennen, als er mehrere Kaffeetassen nachfüllte.

»Er singt«, sagte Davenheim, »nein nicht ganz — er summt. Und es ist immer dieselbe Melodie.«

»Welche Melodie? Kennen Sie sie?«

»Natürlich kenne ich sie; die kennt jeder. Der >Yankee Doodle<.«

»Und >Yankee Doodle< verrät das Ganze?« fragte Drake mit dem Ausdruck in seinen Chemikeraugen, den er hatte, wenn er an der Vernunft eines anderen zu zweifeln anfing.

»Irgendwie. Er verbirgt die Wahrheit, so geschickt er kann, aber sie taucht aus seinem Unterbewußten hervor, ein wenig bloß, wie die Spitze des Eisbergs. Und diese Spitze ist > Yankee Doodle<. Ich werde daraus nicht klug. Ich finde keinen Anhaltspunkt. Aber es gibt ihn, dessen bin ich sicher!«

»Sie meinen, irgendwo im >Yankee Doodle< liegt eine Lösung Ihres Problems?« fragte Rubin.

»Ja«, sagte Davenheim, »ich bin sicher. Er ist sich nämlich nicht bewußt, daß er es summt. Einmal fragte ich: >Was ist das?< und er war bestürzt. Ich sagte: >Was summen Sie da?< und er starrte mich mit ehrlicher Verwunderung an, das kann ich beschwören.«

»Wie du, als du Florence Farber nanntest«, sagte Avalon.

Halsted schüttelte den Kopf. »Ich sehe nicht ein, wieso Sie dem so viel Bedeutung beimessen. Es kommt bei jedem von uns vor, daß wir Melodien, die uns durch den Kopf gehen, eine Weile nicht loswerden können. Ich bin sicher, wir summen sie mitunter in uns hinein.«

»Zufällig vielleicht. Aber Klotz summt nur >Yankee Doodle< und immer dann, wenn ich ihn unter Druck setze. Wenn die Sache im Zusammenhang mit meiner Suche nach der Wahrheit über die Korruptionsverschwörung, von deren Bestehen ich überzeugt bin, spannend wird, kommt diese Melodie an die Oberfläche. Sie muß eine Bedeutung haben.«

»Yankee Doodle«, sagte Rubin gedankenverloren, halb zu sich selbst. Einige Augenblicke herrschte nachdenkliches Schweigen. Dann sagte Trumbul »Vielleicht haben Sie unrecht, Sam, vermutlich brauchen Sie hier die Psychiatrie. Mag sein, daß dieser Klotz immer, wenn er unter Druck steht, >Yankee Doodle< summt. Das könnte einfach daher kommen, daß er als Sechsjähriger gehört hat, wie sein Großvater das sang, oder daß seine Mutter ihn damit einschlummerte.«

Davenheim zog die Oberlippe leicht höhnisch empor. »Glauben Sie, daran hätte ich nicht gedacht? Ich habe ein Dutzend seiner nächsten Freunde verhört. Keiner hat ihn jemals etwas summen hören!«

»Vielleicht lügen sie«, sagte Gonzalo. »Ich würde einem Offizier nie etwas erzählen, wenn ich es vermeiden könnte.«

»Vielleicht haben sie es nicht bemerkt«, sagte Avalon, »wenige Menschen sind gute Beobachter.«

»Eventuell wird das Lied nur mit dem Militärleben assoziiert. Es ist ein Marsch, der mit dem Befreiungskrieg zusammenhängt«, sagte Drake.

»Warum dann nur mit mir und mit sonst keinem in der Armee?«

Rubin sagte: »Also gut, nehmen wir an, > Yankee Doodle< bedeutet in diesem Zusammenhang etwas. Was haben wir zu verlieren? Hören wir ihn uns doch an... Um Gottes willen, Jeff, sing nicht!«

Avalon, der offenbar in der Absicht zu singen, den Mund geöffnet hatte, schloß ihn jäh wieder. Seine Fähigkeit, einen richtigen Ton hervorzubringen, wetteiferte mit der einer Auster, und das wußte er in seinen vernünftigeren Momenten. Er sagte mit einer Spur von Arroganz: »Ich werde ihn aufsagen!«

»Gut«, sagte Rubin, »aber nicht singen.« Avalon begann in seinem volltönenden Bariton zu deklamieren:

»Yankee Doodle kam zur Stadt, Er ritt auf einem Pony. Steckt' ne Feder an den Hut Und nannt' sie Makkaroni. Yankee Doodle mach nur mit Als Yankee Doodle Dandy Acht' auf die Musik und den Schritt Und sei mit den Mädchen wendig.«

»Das ist ein stumpfsinniger Text«, sagte Gonzalo.

»Stumpfsinnig? Lächerlich!« sagte Rubin empört, und sein schütterer Bart zitterte. »Es ist durchaus verständlich: eine Satire auf den Jungen vom Land, geschrieben von einem Angeber aus der Stadt. >Doodle< ist irgendein primitives ländliches Instrument — zum Beispiel ein Dudelsack —, somit ist Yankee Doodle ein hinterwäldlerischer NeuEngländer, der nicht weltmännischer ist als ein Dudelsack. Er kommt auf seinem Pony in die Stadt mit der Absicht elegant auszusehen, daher trägt er seiner Ansicht nach städtische Kleider. Er trägt eine Feder am Hut und hält sich für einen echten Stutzer. Und das war im späten 18. Jahrhundert ein >Makkaroni<, ein nach der neuesten Mode gekleideter Stadtgeck.

Die letzten vier Zeilen sind der Refrain und zeigen den Jungen vom Land beim Tanz in der Stadt. Man sagt ihm höhnisch, er soll nur weiter stampfen und zu den Damen galant sein. Das Wort >Dandy<, das um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Gebrauch kam, bedeutet das gleiche wie >Makkaroni<.«

»Schön, Manny«, sagte Gonzalo, »du hast gewonnen. Es ist kein Stumpfsinn. Aber inwiefern trägt es zur Lösung von Sams Problem bei?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Rubin. »Tut mir leid, Sam, aber Klotz macht den Eindruck eines Jungen vom Land, der sich über den Angeber aus der Stadt lustig macht, dabei an das höhnische Lied denken muß und daran, wie er Ihnen gegenüber den Spieß umdrehen kann.«

»Ich nehme an«, sagte Davenheim, »Sie glauben, Klotz müsse aufgrund seines Namens ein Junge vom Land sein. In Wirklichkeit wurde Klotz in Philadelphia geboren und erzogen, und ich bezweifle, daß er je eine Farm gesehen hat. Der ist kein Junge vom Land.«

»Nun«, sagte Rubin, »dann habe ich das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Er ist der Angeber aus der Stadt, der sich besser dünkt als Sie, Sam.«

»Weil ich ein Junge vom Land bin? Ich wurde in Stoneham, Massachusetts, geboren und war bis zu meinem Juristendiplom in Harvard. Das weiß er auch. Er machte genügend diesbezügliche Bemerkungen anläßlich seiner Matadortätigkeit.«

Drake sagte: »Sind Sie auf Grund Ihrer Geburt und Erziehung in Massachusetts nicht ein Yankee?«

»Kein Yankee Doodle«, sagte Davenheim hartnäckig.

»Er könnte das aber meinen«, sagte Drake.

Davenheim überlegte eine Weile, dann sagte er: »Ja, das wäre möglich. Dann würde er es jedoch offen, spöttisch summen. Ich glaube aber, er summt es unbewußt. Es hängt mit etwas zusammen, das er zu verbergen sucht, nicht mit etwas, das er zeigen will.«

Gonzalo sagte: »Vielleicht hat ein bestimmtes Wort eine Bedeutung. >Makkaroni< könnte heißen, daß er mit der Mafia zusammenarbeitet. Oder >mit den Mädchen wendig<, daß eine Armeehelferin, eine WAC, im Spiel ist.«

In diesem Augenblick sagte Henry: »Mr. Avalon, würden Sie als Gastgeber mir gestatten, dem Gast einige Fragen zu stellen?«

»Bitte, Henry«, sagte Avalon. »Sie wissen, daß Sie das jederzeit tun können.«

»Danke, Sir«, sagte Henry. »Mr. Avalon deklamierte acht Zeilen des >Yankee Doodle< — vier Zeilen Einleitung und vier Zeilen Refrain. Aber Einleitung und Refrain haben verschiedene Melodien. Summte Soldat Klotz alle acht Zeilen?«

Davenheim überlegte einen Augenblick. »Nein, natürlich nicht. Er summte...« Er schloß die Augen und konzentrierte sich, dann fuhr er fort »Dum-dum-dum-dum dum-dum-dum, dum-dum dum-dum du-u-umdum. Sonst nichts. Die zwei ersten Zeilen.«

»Der Einleitung?«

»Genau. >Yankee Doodle kam zur Stadt. Er ritt auf einem Pony<.«

»Immer diese zwei Zeilen?«

»Ja, ich glaube, immer.«

Drake wischte ein paar Krumen vom Tisch. »Sie sagen, Oberst, dieses Summen kam, wenn die Befragung besonders scharf war. Haben Sie genau achtgegeben, worüber in diesen Fällen gesprochen wurde?«

»Ja, natürlich, aber ich möchte lieber nicht auf Einzelheiten eingehen.«

»Ich verstehe, aber vielleicht können Sie mir eines sagen. Stand er in diesen Fällen allein zur Diskussion oder auch Sergeant Farber?«

»Gewöhnlich kam es zu dem Summen«, sagte Davenheim langsam, »wenn er besonders entschieden die Unschuld beteuerte, immer jedoch ihrer beider Unschuld. Das muß ich ihm lassen. Er versuchte nie, sich auf Kosten des anderen zu entlasten. Es war immer so, daß weder Farber noch er dies getan hatten oder für jenes verantwortlich waren.«

»Oberst Davenheim«, sagte Henry, »es ist eine vage Vermutung. Lautet die Antwort >nein<, so habe ich nichts weiter zu sagen. Lautet sie aber >ja<, dann wäre es möglich, daß wir etwas gefunden haben.«

»Welche Frage, Henry?«

»Gibt es vielleicht bei der Einheit von Sergeant Farber und Soldat Klotz einen Captain Gooden oder Gooding oder so ähnlich, Herr Oberst?«

Davenheim hatte Henry bis dahin mit leiser Belustigung betrachtet. Die war nun plötzlich verschwunden. Er preßte die Lippen zusammen und erblaßte sichtlich. Dann schob er seinen Stuhl geräuschvoll zurück und stand auf.

»Ja«, sagte er heftig. »Captain Charles Goodwin. Wie zum Teufel konnten Sie das wissen?«

»Dann könnte es Ihr Mann sein. Ich an Ihrer Stelle würde Klotz und Farber vergessen, Sir, und mich auf den Captain konzentrieren. Das ist vielleicht der Schritt nach oben, den Sie suchten. Und der Captain könnte sich als weniger schwieriges Problem erweisen, als es Soldat Klotz war.«

Davenheim fehlten sichtlich die Worte, und Trumbull sagte: »Würden Sie das bitte erklären, Henry?«

»Es ist der >Yankee Doodle<, wie der Oberst annahm. Aber die Sache ist die, daß Klotz ihn summte. Wir müssen überlegen, an welche Worte er beim Summen dachte.«

»Der Oberst sagte«, bemerkte Gonzalo, »er hätte die Zeilen >Yankee Doodle kam zur Stadt, er ritt auf einem Pony< gesummt.«

Henry schüttelte den Kopf: »Das ursprüngliche Gedicht >Yankee Doodle< hatte einige Dutzend Zeilen, und die mit Makkaroni waren nicht darunter. Sie kamen später hinzu, wenn sie auch heute die bekanntesten sind. Das ursprüngliche Gedicht berichtet vom Besuch eines jungen Farmersohns in Washingtons Lager und macht sich über die Naivität des Jungen lustig; ich glaube also, daß Mr. Rubins Auffassung vom Wesen des Liedes richtig ist.«

Rubin sagte: »Henry hat recht. Jetzt erinnere ich mich. Washington wird sogar erwähnt, aber als Captain Washington. Der Farmerjunge kannte nicht einmal seinen militärischen Rang.«

»Ja«, sagte Henry, »ich kenne nicht alle Verse und glaube, es gibt nur wenige, die sie kennen. Vielleicht auch nicht der Soldat Klotz. Wer das Gedicht aber kennt, kennt zumindest die ersten beiden Zeilen, und die dürfte Klotz gesummt haben. Die erste Zeile zum Beispiel lautet >Vater und ich, wir gingen ins Camp<. Verstehen Sie?«

»Nein«, sagte Davenheim kopfschüttelnd. »Nicht ganz.«

»Ich dachte mir, Sie hätten, wenn Sie den Soldaten Klotz in die Enge trieben, vielleicht gesagt >Farber und Sie taten dies und das<, und er antwortete >Farber und ich taten dies und das nicht< und begann zu summen. Oberst, Sie sagten, daß es kam, wenn er leugnete, und das tat er stets für Farber und sich. Wenn er also sagte >Farber und ich<, so löste es die Zeile >Vater und ich, wir gingen ins Camp< aus.« Henry sang es mit leiser Tenorstimme.

»Farber und er waren in einem Militärcamp«, sagte Avalon, »aber, mein Gott, das ist weit hergeholt.«

»Wenn es allein stünde, ja, Sir«, sagte Henry. »Aber deshalb fragte ich nach einem Captain Goodin im Camp. Wenn er das dritte Mitglied der Verschwörung wäre, mochte der Drang, die Melodie zu summen, unwiderstehlich sein. Die ersten vier Verse, die einzigen, die ich kenne ... «

Da unterbrach ihn Rubin. Er erhob sich und brüllte:

»Vater und ich, wir gingen ins Camp Zusammen mit Captain Goodin, Dort sahen wir viele Männer und Jungs In Haufen wie Mehlbreipudding.«

»'Richtig«, sagte Henry ruhig. »Farber und ich, wir gingen zum Camp zusammen mit Captain Goodwin.«

»Bei Gott«, sagte Davenheim, »so muß es sein. Wenn nicht, wäre es der unglaublichste Zufall... Und das ist nicht möglich. Henry, Sie haben ins Schwarze getroffen.«

»Hoffentlich. Noch Kaffee, Herr Oberst?«


Anmerkung

Diese Geschichte gab mir Gelegenheit zu einer großen Entdeckung. Das kam so:

Ich schreibe meine Geschichten in die Maschine. Sogar Erstentwürfe. Ich war fest davon überzeugt, es müsse so sein. Wenn ich diktierte, konnte ich meine Arbeit nicht sehen, und wenn ich mit der Hand schrieb, wurden meine Finger steif und versagten mir mitten auf der zweiten Seite den Dienst.

So saß ich am 9. November 1972 in einem Hotelzimmer in Rochester; ich sollte am nächsten Tag einen Vortrag halten. An diesem Abend hatte ich nichts zu tun, und auf der Fahrt nach Rochester hatte ich mir die Geschichte ausgedacht, die Sie soeben gelesen haben (es sei denn, Sie durchblättern das Buch und lesen nur die Anmerkungen). Ich war verzweifelt. Ich wollte unbedingt schreiben, hatte aber keine Schreibmaschine.

Schließlich besorgte ich mir Hotelbriefpapier und beschloß, die Geschichte mit der Hand zu schreiben so lange, bis mir die Finger abfallen würden. So schrieb ich und schrieb — und schrieb. Wissen Sie, ich schrieb die ganze Geschichte zu Ende, ohne die Feder vom Papier abzusetzen, und meine Finger schmerzten gar nicht!

Jetzt brauche ich meine Schreibmaschine nicht mehr mitzunehmen. Seither habe ich während einer Schiffsreise mehrere Geschichten mit der Hand geschrieben.

Und noch etwas: beim Schreiben der Geschichte entdeckte ich etwas Merkwürdiges. Das Schreiben mit Feder und Tinte ist sehr geräuschlos. Der Lärm, den ich beim Schreiben immer mache, ist nicht das Schreiben, sondern die Maschine. Ich dachte, vielleicht interessiert Sie das.


Außer Sicht

<p id="_bookmark9"><strong>Außer Sicht</strong></p>

Das allmonatliche Bankett der Schwarzen Witwer war an jenem Punkt angelangt, wo von dem Mixed Grill nur mehr wenig übrig war außer einem betont unberührten Stück Leber auf Emmanuel Rubins Teller — da erhoben sich die Stimmen zu homerischem Streit.

Rubin, zweifellos erzürnt über das bloße Vorhandensein von Leber, sagte noch entschiedener, als es bei ihm üblich war: »Dichtung ist Klang. Man sieht sich Dichtung nicht an. Es kümmert mich nicht, ob eine Kultur Reim, Alliteration, Wiederholung, Ausgewogenheit oder Rhythmus betont, schließlich ist sie doch nur Klang.«

Roger Halsted sprach nie laut, doch man konnte den Grad seiner Erregung immer an der Farbe seiner hohen Stirn erkennen. Nun war sie dunkelrosa. Er sagte: »Wozu generalisieren, Manny? Das taugt im allgemeinen nichts ohne ein von anfang an unangreifbares System von Axiomen. Literatur ...«

»Wenn du von figurativen Versen reden willst«, sagte Rubin hitzig, »spar dir die Mühe. Das ist viktorianischer Unsinn.«

»Was sind figurative Verse?« fragte Gonzalo faul. »Hat er das erfunden, Jeff?« Er zierte seine sorgfältige Karikatur des Bankettgastes, Waldemar Long, mit etwas gekräuseltem Haar. Der Gast hatte von Beginn des Banketts an in düsterem Schweigen gespeist, folgte aber offenbar jedem Wort.

»Nein«, sagte Avalon überlegt, »obwohl ich es Manny durchaus zutrauen würde, etwas zu erfinden, wenn es die einzige Möglichkeit für ihn wäre, einen Streit erfolgreich zu beenden. Figurative Verse sind solche, bei denen die Worte oder Zeilen drucktechnisch so angeordnet sind, daß sie ein visuelles Bild ergeben, das den Sinn verstärkt. Das bekannteste Beispiel dafür ist der >Mäuseschwanz< in >Alice im Wunderland«.«

Darauf entspann sich eine längere Diskussion, bis Trumbull rief: »Henry, wo ist der verdammte Nachtisch?«

»Schon hier, Sir«, sagte Henry leise. Ungerührt von Trumbulls Ton räumte er den Tisch ab und servierte den mürben Heidelbeerkuchen.

Der Kaffee war schon eingegossen, und Trumbulls Gast sagte leise: »Könnte ich bitte Tee haben?«

Der Gast hatte eine lange Oberlippe und ein gleichfalls langes Kinn. Das Haar auf seinem Kopf war struppig, er war glattrasiert. Als er vorgestellt worden war, hatte ihn anscheinend nur Rubin erkannt.

»Sind Sie nicht bei der NASA?« hatte er gefragt.

Long hatte mit einem erschrockenen »Ja« geantwortet, als würde er aus einer halb verärgerten Resignation in der Anonymität gestört.

Trumbull sagte: »Ich glaube, es wäre für unseren Gast an der Zeit, sich an der Diskussion zu beteiligen und unserem heutigen ungewöhnlich albernen Abend vielleicht ein wenig Sinn zu verleihen.«

»Nein, Tom, es ist gut so«, sagte Long. »Ich habe nichts gegen witziges Geplauder.« Er hatte eine tiefe und recht schöne Stimme, die entschieden ein wenig traurig klang. »Ich bin unbegabt für Scherze, höre aber gern zu.«

Halsted sagte plötzlich: »Ich finde, daß Manny heute nicht den Inquisitor spielen soll.«

»Nein?« sagte Rubin mit kriegerisch vorgestrecktem Bart.

»Nein. Ich stelle es dir anheim, Tom. Wenn Manny unseren Gast fragt, wird er, da es eine Verbindung mit der NASA gibt, sicher das Raumfahrtprogramm aufs Tapet bringen. Dann werden wir, wie schon hundertmal, die verdammte Diskussion durchmachen. Ich habe das ganze Weltraumthema schon satt.«

»Nicht halb so sehr wie ich«, sagte Long etwas unerwartet. »Ich würde am liebsten keinen Aspekt der Raumforschung erörtern.«

Die recht entschiedene Bemerkung schien die Stimmung rundum zu dämpfen. Sogar Halsted schien im Moment einem Mitglied der NASA kein anderes Thema vorschlagen zu können.

Dann rückte Rubin auf seinem Stuhl zurecht und sagte: »Ich nehme an, Dr. Long, diese Einstellung hat sich erst jüngst bei Ihnen entwickelt.«

Long wandte sich plötzlich Rubin zu; er kniff die Augen zusammen. »Warum sagen Sie das, Mr. Rubin?«

Rubins Miene wirkte beinahe einfältig. »Selbstverständlich, mein lieber Dr. Long. Sie nahmen im vorigen Winter an der Fahrt teil, bei welcher der Apolloabschuß besichtigt wurde. Ich war als literarischer Vertreter der Intellektuellen eingeladen, war aber verhindert. Ich erhielt jedoch das Pressematerial zugeschickt und entsinne mich, daß Sie dort waren. Sie sollten einen Vortrag über einen Aspekt des Raumfahrtprogramms halten, ich vergaß welchen, und das freiwillig. Ihre Enttäuschung an dem Thema muß in den sechs Monaten seit der Kreuzfahrt entstanden sein.«

Long nickte mehrmals und sagte: »Man scheint von mir in diesem Zusammenhang mehr gehört zu haben als je in meinem Leben. Die verdammte Kreuzfahrt hat mich auch berühmt gemacht.«

»Ich gehe noch weiter«, sagte Rubin entzückt, »und äußere die Annahme, daß auf der Kreuzfahrt etwas vorgefallen ist, das Sie an der Raumforschung ernüchterte, vielleicht so sehr, daß Sie daran denken, die NASA zu verlassen und sich auf ein völlig anderes Gebiet zu verlegen.«

Long starrte nun Rubin an, streckte ihm einen langen, keineswegs zitternden Finger entgegen und sagte: »Treiben Sie keine Spiele mit mir!« Dann erhob er sich mit unterdrücktem Zorn und sagte: »Entschuldige, Tom. Danke für die Mahlzeit, aber ich gehe jetzt.«

Sofort sprangen alle auf und redeten gleichzeitig; alle außer Rubin, der verwundert sitzen blieb.

Trumbulls Stimme übertönte die anderen. »Nun warte ein wenig, Waldemar. Verdammt, wollt ihr euch wohl hinsetzen? Auch du, Waldemar. Was soll die Aufregung? Rubin, was bedeutet das alles?«

»Ich wollte eine logische Kette demonstrieren. Schließlich schreibe ich Krimis. Ich scheine einen Nerv getroffen zu haben.«

»Welche logische Kette?« fragte Trumbull.

»Nun gut, diese: Dr. Long sagte >Die verdammte Kreuzfahrt hat mich auch berühmt gemachte Er betonte das Wort >auch<. Das heißt, sie hat noch etwas anderes für ihn getan, und da wir von seiner Abneigung gegen das ganze Thema Raumforschung sprachen, folgerte ich, daß das andere darin bestand, ihn mit dieser Abneigung zu erfüllen. Aus seinem Verhalten schloß ich, daß sie heftig genug war, ihn zu dem Wunsch zu veranlassen, seinen Job aufzugeben. Das war alles.«

Wieder nickte Long, dann lehnte er sich zurück. »Gut, entschuldigen Sie, Mr. Rubin, ich bin zu rasch hochgefahren. Tatsache ist, ich werde die NASA verlassen. Ich habe es praktisch schon getan — gezwungenermaßen. Das ist alles... Wechseln wir das Thema. Du sagtest mir, Tom, es würde meine schlechte Laune vertreiben, wenn ich herkäme, aber es hat nicht geklappt. Meine Stimmung hat euch alle angesteckt, und ich habe der Party einen Dämpfer aufgesetzt. Verzeihen Säe mir, meine Herren!«

Avalon strich mit dem Finger über seinen ergrauten Schnurrbart und sagte: »Tatsächlich haben Sie uns etwas geliefert, das wir über alles schätzen — die Gelegenheit, unsere Neugier zu äußern. Dürfen wir Sie diesbezüglich befragen?«

»Es ist etwas, worüber ich nicht frei sprechen darf«, sagte Long vorsichtig.

»Du kannst, wenn du willst, Waldemar. Heikle Einzelheiten brauchst du nicht zu erwähnen, doch was das Übrige anlangt, wird alles in diesem Raum Gesagte geheimgehalten. Und zu der Geheimhaltung gehört auch unser Freund Henry, was ich immer hinzufüge, wenn ich diese Erklärung für nötig halte.«

Henry, der bei der Anrichte stand, lächelte kurz.

Long zögerte, dann sagte er: »Ich stehe unter dem Verdacht, eine absichtliche oder fahrlässige Indiskretion begangen zu haben; ich werde vielleicht inoffiziell, aber sehr wirkungsvoll, von jeder künftigen Stellung in meinem Fachgebiet ausgeschlossen sein.«

»Sie meinen, daß Sie auf der schwarzen Liste stehen?« sagte Drake.

»Diese Worte werden nie verwendet«, sagte Long. »Aber darauf läuft es hinaus.«

»Ich nehme an«, sagte Drake, »Sie waren nicht indiskret.«

»Im Gegenteil, ich war es.« Long schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht geleugnet. Der Haken ist, daß man glaubt, die Sache sei schlimmer, als ich zugebe.«

Nach einer weiteren Pause sagte Avalon in seinem eindrucksvoll nüchternen Ton: »Welche Sache, Sir? Können Sie uns etwas darüber sagen oder müssen Sie sich auf das bereits Gesagte beschränken?«

Long sagte: »Es ist verdammt undramatisch. Ich war auf dieser Kreuzfahrt, wie Mr. Rubin Ihnen sagte. Ich sollte einen Vortrag über gewisse ziemlich fortgeschrittene Raumfahrtprojekte halten und wollte genaue Einzelheiten darüber angeben, was in manchen faszinierenden Richtungen unternommen wurde. Diese Einzelheiten darf ich Ihnen nicht mitteilen. Das habe ich auf Umwegen herausgefunden. Manches davon war auf Geheimhaltungsstufe, aber man hatte mir gesagt, ich könne darüber sprechen. Einen Tag vor meinem Vortrag erhielt ich einen Anruf über Funk, es sei alles abgesagt. Keine Aufhebung der Geheimhaltungsstufe.

Ich war wütend. Ich will gar nicht leugnen, daß ich jähzornig bin, und ich habe auch kein Talent für spontane Vorträge. Ich hatte den Vortrag sorgfältig ausgearbeitet und hätte ihn vorgelesen. Ich weiß, das ist keine gute Methode für einen Vortag, aber ich kann es nicht besser. Nun blieb mir nichts, das ich einer Gruppe von Menschen bieten konnte, die ziemlich viel Geld dafür gezahlt hatte, mich zu hören. Es war eine verdammt peinliche Lage.«

»Was haben Sie getan?« fragte Avalon.

»Am nächsten Tag hielt ich eine recht armselige Frage-und-Antwort-Stunde ab. Sie hatte gar keinen Erfolg. Es war schlimmer, als wenn ich keinen Vortrag gehalten hätte. Damals wußte ich bereits, daß ich große Schwierigkeiten hatte, Sie verstehen.«

»Inwiefern, Sir?« fragte Avalon.

»Wenn Sie die komische Geschichte hören wollen«, sagte Long, »hier ist sie. Ich bin bei Mahlzeiten nicht gerade gesprächig, wie Sie vielleicht bemerkt haben. Nach dem Anruf kam ich zum Abendessen, wahrscheinlich imitierte ich ganz annehmbar einen Toten, der mit zornigem Gesichtsausdruck gestorben ist. Die anderen versuchten mich ins Gespräch zu ziehen, vermutlich nur, um mich daran zu hindern, die Atmosphäre zu vergiften. Endlich sagte einer von ihnen: >Nun, Dr. Long, worüber werden Sie morgen sprechen?< Da ging ich hoch und sagte: >Überhaupt nichts! Gar nichts! Ich habe den Vortrag fertig, er liegt in meiner Kabine auf dem Schreibtisch, und ich kann ihn nicht halten, weil ich soeben erfahren habe, daß das Material weiter unter Geheimhaltung steht.<«

»Und dann wurde das Papier gestohlen?« sagte Gonzalo erregt.

»Nein. Wozu soll man heute etwas stehlen? Es wurde fotografiert.«

»Sind Sie sicher?«

»Ich war damals schon sicher. Als ich nach dem Abendessen in meine Kabine zurückkam, war die Tür nicht abgeschlossen, und die Papiere waren von der Stelle bewegt worden. Seither war es gewiß. Wir haben Beweise dafür, daß die Information nach draußen gelangt ist.«

Hierauf entstand eine eher drückende Stille. Dann sagte Trumbul »Wer könnte es getan haben? Wer hat dich gehört?«

»Alle am Tisch«, sagte Long mutlos.

Rubin sagte: »Sie haben eine kräftige Stimme, Dr. Long, und wenn Sie so zornig waren, wie ich annehme, haben Sie laut gesprochen. Wahrscheinlich hörten auch mehrere Leute an den umliegenden Tischen Ihre Worte.«

»Nein«, sagte Long kopfschüttelnd, »ich sprach mit zusammengepreßten Zähnen, nicht laut. Außerdem wissen Sie nicht, wie die Kreuzfahrt verlief. Sie war bei weitem nicht ausgebucht, verstehen Sie — schlechte Werbung, schlechtes Management. Das Schiff war nur zu vierzig Prozent belegt, und die Gesellschaft soll eine Menge Geld verloren haben.«

»Dann muß es«, sagte Avalon, »abgesehen von Ihrem Mißgeschick, eine langweilige Angelegenheit gewesen sein.«

»Im Gegenteil, bis dahin war es sehr angenehm für mich und für alle anderen auch weiterhin, denke ich. Es gab fast mehr Besatzung als Passagiere, und die Bedienung war hervorragend. Nirgends war ein Gedränge. Man verteilte uns im ganzen Speisesaal und ließ uns ungestört. Wir waren zu siebent an unserem Eßtisch. Glückliche Sieben, sagte einer zu Beginn.« Longs düstere Laune verschlimmerte sich noch für einen Augenblick. »Keiner der Tische neben uns war besetzt. Ich bin ganz sicher, daß nichts, was einer von uns sagte, anderswo als an unserem Tisch gehört wurde.«

»Dann gibt es sieben Verdächtige«, sagte Gonzalo nachdenklich.

»Sechs, denn mich brauchen Sie nicht dazu zu rechnen«, sagte Long. »Ich wußte, wo das Papier war und was darin stand. Ich brauchte mich nicht zu hören, um davon zu erfahren.«

»Sie stehen auch unter Verdacht. Sie deuteten das jedenfalls an«, sagte Gonzalo.

»Für mich nicht«, sagte Long.

»Ich wünschte, du wärst mit der Sache zu mir gekommen, Waldemar«, sagte Trumbull sauer. »Seit Monaten mache ich mir Sorgen über dein unverständliches Benehmen.«

»Was hättest du getan, wenn ich es dir erzählt hätte?«

Trumbull überlegte. »Verdammt, ich hätte dich hierher gebracht... Also gut, erzähle uns von den Sechs am Tisch. Wer waren sie?«

»Einer war der Schiffsarzt; ein gut aussehender Holländer in dekorativer Uniform.«

»Natürlich«, sagte Rubin. »Es war ein Schiff der Holland-Amerikalinie, nicht wahr?«

»Ja. Die Offiziere waren Holländer und die Mannschaft — Kellner, Stewards und dergleichen — meist Indonesier. Alle hatten dreimonatige Schnellkurse in Englisch hinter sich, wir verständigten uns aber meist in der Zeichensprache, und ich kann mich nicht beklagen. Sie waren freundlich und arbeitsam — und um so tüchtiger, als es viel weniger Passagiere gab als gewöhnlich.«

»Gibt es einen Grund, den Arzt zu verdächtigen?« fragte Drake.

Long nickte. »Ich verdächtige sie alle. Der Arzt war ein schweigsamer Mann; wir waren die zwei Schweigsamen. Die fünf anderen waren in dauerndem Aufruhr, ganz ähnlich wie Sie hier am Tisch. Er und ich hörten zu. Was mir im Zusammenhang mit ihm auffiel, war, daß er mich über meinen Vortrag gefragt hatte. Es war ungewöhnlich für ihn, eine so persönliche Frage zu stellen.

Ich erinnere mich an alle Einzelheiten jenes Abendessens, bei dem besondere indonesische Gerichte serviert wurden. Ich mag Curryspeisen nicht, und der Arzt fragte in dem Augenblick nach meinem Vortrag, als mir eine Portion Currylamm als Vorspeise serviert wurde. Vor Zorn über die Dummheit der Regierungsbeamten, gepaart mit der durch den Currygeruch verursachten Übelkeit, kam es zu meinem Wutausbruch. Vielleicht, wenn der Curry nicht gewesen wäre ...

Jedenfalls entdeckte ich nach der Mahlzeit, daß jemand in meiner Kabine gewesen war. Der Inhalt der Papiere, geheim oder nicht geheim, war nicht so bedeutsam, wohl aber daß jemand so schnell gehandelt hatte. Irgend jemand auf dem Schiff gehörte einem Spionagenetz an, und das war wichtiger als die eigentliche Tat. Auch wenn der damalige Gegenstand nicht wichtig war, mochte es der nächste sein. Es war wichtig, die Sache zu melden, und das tat ich als loyaler Staatsbürger.«

Rubin sagte: »Ist nicht der Arzt der logische Verdächtige? Er stellte die Frage und hörte die Antwort. Die anderen vielleicht nicht. Als Offizier war er mit dem Schiff vertraut und wußte, wie schnell er in die Kabine gelangen konnte, hatte vielleicht einen Nachschlüssel. Hatte er Gelegenheit, vor Ihnen die Kabine zu betreten?«

»Ja, die hatte er«, sagte Long. »Ich habe das alles bedacht. Der Haken ist der: Alle an dem Tisch hörten mich, denn die anderen sprachen dann eine Weile über das System der Geheimhaltung. Und alle wußten, wo meine Kabine war, denn ich hatte am Vortag dort eine kleine Party für unseren Tisch gegeben. Und diese Schlösser sind mit ein wenig Geschicklichkeit für jeden leicht zu öffnen — wenn es auch ein Fehler war, die Tür nicht wieder abzuschließen, aber der Eindringling mußte es eilig gehabt haben. Und zufällig hatte jeder am Tisch Gelegenheit, während der Mahlzeit in die Kabine zu gehen.«

»Wer waren also die anderen?« fragte Halsted.

»Zwei Ehepaare und eine alleinstehende Frau. Diese — nennen Sie sie Miß Robinson — war hübsch, ein wenig rundlich, hatte Sinn für Humor, aber die üble Angewohnheit, während des Essens zu rauchen. Ich glaube, sie hatte eine Schwäche für den Arzt. Sie saß zwischen ihm und mir — wir hatten immer dieselben Plätze.«

»Wann hatte sie die Möglichkeit, Ihre Kabine zu betreten?« fragte Halsted.

»Sie entfernte sich kurz nach meiner Bemerkung und kam knapp vor dem Vorfall mit der heißen Schokolade zurück, denn ich erinnere mich, daß sie versuchte, dabei zu helfen.«

»Wohin ist sie angeblich gegangen?«

»Damals hat sie niemand gefragt. Später sagte sie, sie hätte in ihre Kabine gehen müssen, um das Badezimmer aufzusuchen. Vielleicht tat sie es. Aber ihre Kabine lag nicht weit von meiner.«

»Hat sie niemand gesehen?«

»Das war unmöglich. Alle waren im Speisesaal, und für Indonesier sehen alle Amerikaner gleich aus.«

»Was war mit der heißen Schokolade«, fragte Avalon, »Sie erwähnten diesen Vorfall?«

Long sagte: »Der passierte einem der Ehepaare. Nennen Sie sie die Smiths und die anderen Jones. Mr. Smith war einer der Vortragenden, eigentlich waren es beide, Smith und Jones. Smith sprach schnell, lachte gern, ließ alles zweideutig klingen und schien solchen Gefallen an allem zu finden, daß er auch uns ansteckte. Jones war viel stiller und schien anfangs entsetzt über Smiths unverschämte Bemerkungen, tat es ihm aber schließlich gleich, wie ich feststellte — worüber Smith, glaube ich, eher enttäuscht war.«

»Auf welchem Gebiet arbeiteten sie?« fragte Avalon.

»Smith war Soziologe und Jones Biologe. Das Durcheinander wurde durch Mrs. Smith verursacht. Sie war eine ziemlich große, schlanke Frau, nicht besonders anziehend. An dem Abend, an dem ich mich verplapperte, bestellte sie heiße Schokolade. Sie wurde in einem hohen, kopfschweren Glas, noch dazu auf einem Tablett, serviert.

Smith plauderte wie gewöhnlich angeregt und bewegte dabei die Arme hin und her. Das Schiff neigte sich, er neigte sich — nun ja, die heiße Schokolade ergoß sich in Mrs. Smiths Schoß.

Sie sprang auf, ebenso alle anderen. Miß Robinson eilte ihr zu Hilfe. Das fiel mir auf, deshalb weiß ich, daß sie da schon zurück war. Mrs. Smith lehnte jede Hilfe ab und entfernte sich eilig. Smith schien plötzlich verwirrt und erschrocken und folgte ihr. Fünf Minuten später kam er wieder an den Tisch und sagte, Mrs. Smith habe ihn heruntergeschickt, um uns zu versichern, daß es ihr gut gehe. Wir sollten doch bei Tisch bleiben, bis seine Frau wiederkäme, sie ziehe sich bloß um. Wir waren natürlich einverstanden.«

»Und das bedeutet«, sagte Avalon, »daß sie Zeit hatte, in Ihre Kabine zu gehen.«

Long nickte. »Ja, das vermute ich. Ich hätte es ihr nicht zugetraut, aber in diesem Spiel muß man wohl vom äußeren Eindruck absehen.«

»Und ihr habt alle gewartet?«

»Der Arzt nicht. Er erhob sich und sagte, er wolle eine Salbe aus seinem Dienstraum holen, für den Fall, daß sie Verbrennungen habe und sie brauche; er kam etwa eine Minute vor ihr zurück.«

»Und kann somit auch in der Kabine gewesen sein«, bemerkte Avalon.

»Wie steht es nun mit den Jones'?« fragte Rubin.

»Als Mrs. Smith zurückkam«, fuhr Long fort, »sagte sie, sie habe keine Verbrennungen erlitten und der Arzt brauchte ihr keine Salbe zu geben, daher wissen wir nicht, ob er sie wirklich geholt hat. Vielleicht bluffte er.«

»Und wenn sie ihn darum gebeten hätte?« fragte Halsted.

»Dann hätte er sagen können, er habe nicht finden können, was er suchte, doch wenn sie mit ihm käme, würde er ihr nach besten Kräften helfen. Wer weiß? Jedenfalls saßen wir noch eine Zeitlang dort, als ob nichts geschehen wäre, dann gingen wir auseinander. Wir waren der letzte noch besetzte Tisch. Alle gingen, nur Mrs. Jones und ich blieben noch eine Weile sitzen.«

»Mrs. Jones?« fragte Drake.

»Ich habe Mrs. Jones noch nicht geschildert. Dunkle Haare und Augen, sehr lebhaft. Ich glaube, Jones war auf seine stille Art ziemlich eifersüchtig; zumindest sah ich ihn nie mehr als einen halben Meter weit von ihr entfernt, jenen Abend ausgenommen. Er stand damals auf und ging in seine Kabine, und sie sagte, sie werde bald nachkommen. Dann wandte sie sich zu mir und sagte: >Können Sie mir erklären, warum die terrassenförmigen Eisfelder auf dem Mars bedeutungsvoll sind? Ich wollte Sie schon während des ganzen Abendessens fragen, hatte aber keine Gelegenheit dazu.<

An jenem Tag hatte eine großartige Vorlesung über den Mars stattgefunden, und ich war ziemlich geschmeichelt, daß sie sich an mich wandte und nicht an den Astronomen, der den Vortrag gehalten hatte. Ich redete also einige Zeit mit ihr, und sie sagte immer wieder >Wie interessante«

»Und inzwischen könnte Jones in Ihrer Kabine gewesen sein«, sagte Avalon.

»Möglich. Später dachte ich daran. Es war sicher ein atypisches Verhalten von beiden.«

»Fassen wir also zusammen«, sagte Avalon. »Es gibt vier Möglichkeiten. Miß Robinson könnte es getan haben, als sie vor dem Zwischenfall mit der Schokolade wegging. Die Smiths können es gemeinsam getan haben, indem Mr. Smith absichtlich die Schokolade verschüttete, so daß Mrs. Smith die Schmutzarbeit besorgen konnte. Der Arzt könnte es getan haben, als er die Salbe holte. Oder die Jones' könnten es gemeinsam getan haben, wobei Mr. Jones die Schmutzarbeit tat, während Mrs. Jones Dr. Long vom Schauplatz fernhielt.«

Long nickte. »All das wurde in Betracht gezogen, und als das Schiff wieder in New York war, hatten Sicherheitsagenten die Vergangenheit aller sechs Personen bereits durchforscht. In solchen Fällen braucht man nur Verdacht zu haben, verstehen Sie. Ein Geheimagent kann nur dann unentdeckt bleiben, wenn er unverdächtigt bleibt. Kaum fällt das Auge der Spionageabwehr auf ihn, wird er unvermeidlich entlarvt. Einer gründlichen Nachforschung kann kein Deckmantel widerstehen.. «

»Wer erwies sich als der Schuldige?« fragte Drake.

Long seufzte. »Das war eben das Schlimme. Keiner von ihnen. Alle waren einwandfrei. Wie ich es verstehe, gab es keine Möglichkeit, einem von ihnen nachzuweisen, daß sie etwas anderes waren, als sie schienen.«

»Warum sagen Sie, Sie >verstehen<?« fragte Rubin. »Gehören Sie nicht zu den Untersuchten?«

»Am falschen Ende. Je einwandfreier diese sechs sind, desto stärker bin ich belastet. Ich sagte den Untersuchungsorganen — ich mußte es ihnen sagen —, daß diese sechs die einzigen waren, die es getan haben konnten, und wenn es keiner von ihnen war, muß man mich verdächtigen, eine Geschichte erfunden zu haben, um etwas Schlimmeres zu verbergen.«

»Zum Teufel, Waldemar«, sagte Trumbull, »das können sie doch nicht glauben. Was hättest du durch die Meldung des Vorfalls zu gewinnen, wenn du dafür verantwortlich wärst?«

»Das wissen sie nicht«, sagte Long. »Aber die Information drang nach draußen, und wenn sie es keinem der Sechs anhängen können, werden sie es mir anhängen.«

»Sind Sie sicher«, sagte Rubin, »daß diese Sechs tatsächlich die einzig möglichen Täter sind? Sind Sie sicher, daß Sie es wirklich niemandem anderen gegenüber erwähnten?«

»Ganz sicher«, sagte Long entschieden. »Das Funkgespräch kam kurz vor dem Abendessen durch. Es war einfach keine Zeit, es irgend jemandem vor dem Essen zu sagen. Und als ich dann den Tisch verließ, war ich wieder in der Kabine, ohne zu irgend jemandem auch nur ein Wort gesprochen zu haben.«

»Wer hörte Ihr Gespräch am Sprechfunk? Vielleicht gab es Horcher?«

»Gewiß, es standen Schiffsoffiziere herum. Aber mein Chef drückte sich verschleiert aus. Ich wußte, was er meinte, sonst konnte es aber niemand wissen.«

»Drückten Sie sich verschleiert aus?« fragte Halsted.

»Ich werde Ihnen genau erzählen, was ich sagte.

»Hallo, Dave.< Dann sagte ich: >Das soll der Teufel holen. < Dann legte ich auf. Ich sagte diese sieben Worte. Sonst nichts.«

Plötzlich klatschte Gonzalo entzückt in die Hände. »Hören Sie, mir fällt etwas ein. Warum muß die Sache geplant worden sein? Sie könnte spontan erfolgt sein. Schließlich wußte jeder, daß die Kreuzfahrt stattfand und NASA-Leute Vorträge halten würden und etwas Interessantes daran seih könnte. Irgend jemand — wer immer es sein mochte — durchsuchte verschiedene Räume täglich während des Abendessens und stieß schließlich auf Ihre Papiere ... «

»Nein«, sagte Long entschieden. »Die Annahme, daß in den ein oder zwei Stunden jemand rein zufällig meine Papiere hatte finden können, nachdem ich bekanntgemacht hatte, daß ein Vortrag mit Geheimhaltungsstufe auf meinem Schreibtisch lag, ist nicht plausibel. Außerdem stand in dem Papier nichts, das für einen Nichtfachmann einen Hinweis auf seine Wichtigkeit enthalten hätte. Nur meine Bemerkung konnte jemandem verraten, daß es dort und daß es wichtig war.

Sicher wird die Untersuchung weitergeführt; schließlich wird die Wahrheit zutage kommen, und es wird klar sein, daß ich nur einer unglückseligen Indiskretion schuldig bin. Aber dann wird meine Karriere bereits im Eimer sein.«

»Dr. Long«, sagte leise eine Stimme. »Darf ich eine Frage stellen?«

Long blickte überrascht auf. »Eine Frage?«

»Zum Teufel, ja, Henry!« sagte Trumbull. »Haben Sie etwas bemerkt, das uns entgangen ist?«

»Ich bin nicht sicher«, sagte Henry. »Offensichtlich glaubt Dr. Long, daß nur die sechs anderen am Tisch beteiligt sein können, und die Untersuchungsorgane sind anscheinend seiner Ansicht... «

»Etwas anderes wäre undenkbar«, sagte Long.

»Dann möchte ich wissen«, sagte Henry, »ob Dr. Long ihnen von seiner Abneigung gegen Curry erzählt hat.«

»Sie meinen, daß ich Curry nicht mag?«

»Ja«, sagte Henry. »Wurde das erwähnt?«

Long breitete die Hände aus und schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht. Weshalb auch? Es ist unerheblich, bloß eine zusätzliche Entschuldigung dafür, daß ich wie ein Esel geredet habe. Ich erzählte es hier wohl bloß, um Sympathie zu finden, aber es würde bei der Nachforschung keine Rolle spielen.«

Henry schwieg einen Augenblick, und Trumbull sagte: »Finden Sie, Henry, daß der Curry eine Bedeutung hat?«

»Vielleicht«, sagte Henry. »Ich glaube, wir sind etwa in der Situation, die vorhin im Zusammenhang mit figurativen Versen beschrieben wurde. Manche muß man sehen, um sie zu verstehen; der Klang genügt nicht. Und manche Szenen muß man sehen, damit sie verständlich sind.«

»Das begreife ich nicht«, sagte Long.

»Nun, Dr. Long«, sagte Henry. »Sie aßen im Schiffsrestaurant an einem Tisch mit sechs anderen Personen, und daher hörten nur diese sechs Menschen Ihre Worte. Wenn wir aber die Szene sehen könnten, anstatt Ihre Beschreibung zu hören, würden wir dann etwas bemerken, das Sie vergessen haben?«

»Nein, das würden Sie nicht«, sagte Long verbissen.

»Sind Sie sicher?« fragte Henry. »Sie sitzen auch hier mit sechs anderen Personen am Tisch, genau wie auf dem Schiff. Wie viele Menschen hören Ihre Geschichte?«

»Sechs...«, begann Long.

Und dann mischte sich Gonzalo ein. »Sieben, Sie eingeschlossen, Henry.«

»Und dort hat Sie niemand bei Tisch bedient, Dr. Long? Sie sagten, der Arzt habe Sie nach Ihrem Vortrag gefragt, als ein Teller mit Currylamm vor Sie hingestellt wurde, und der Currygeruch ärgerte Sie so, daß Sie Ihre Indiskretion hervorsprudelten. Sicher hat sich das Currylamm nicht selbsttätig vor Ihnen auf den Tisch gelegt. Tatsächlich waren im Augenblick Ihrer Erklärung sechs Leute vor Ihnen am Tisch, und eine siebente Person stand, außer Sicht, hinter Ihnen.«

»Der Kellner«, flüsterte Long.

Henry sagte: »Man neigt dazu, einen Kellner nicht zu bemerken, es sei denn, er ärgert einen. Ein tüchtiger Kellner ist unsichtbar, und Sie erwähnten die ausgezeichnete Bedienung. Könnte der Kellner das Verschütten der heißen Schokolade nicht vorsätzlich herbeigeführt haben, um eine Ablenkung herbeizuführen, oder vielleicht, wenn es ein Zufall war, die Ablenkung ausgenutzt haben? Da es viele Kellner und wenige Gäste gab, wurde sein Verschwinden für eine Weile vermutlich nicht bemerkt. Oder wenn es bemerkt wurde, konnte er behaupten, die Toilette aufgesucht zu haben. Er kannte die Lage der Kabine ebensogut wie der Arzt und mochte ebenso wahrscheinlich einen Nachschlüssel besitzen.«

»Aber er war Indonesier«, sagte Long. »Er konnte nicht Englisch.«

»Sind Sie sicher? Er hatte einen dreimonatigen Schnellkurs besucht, sagten Sie. Und vielleicht konnte er besser Englisch, als er vorgab. Sie wären bereit anzunehmen, daß Mrs. Smith in Wirklichkeit nicht so nett und aufmerksam war, wie sie schien, und daß Mrs. Jones' Lebhaftigkeit vorgeschützt war, oder etwa die Ehrbarkeit des Arztes und Smiths Munterkeit und Jones' Zuneigung und Miß Robinsons Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen. Konnten nicht die mangelnden Englischkenntnisse des Kellners auch vorgeschützt sein?«

»Bei Gott«, sagte Long mit einem Blick auf seine Uhr, »wenn es nicht so spät wäre, würde ich sofort in Washington anrufen.«

»Wenn du eine private Telefonnummer kennst«, sagte Trumbull, »ruf gleich jetzt an. Es geht um deine Karriere. Sag ihnen, der Kellner muß um Himmels willen überprüft werden, und sag ihnen nicht, daß es dir jemand anders gesagt hat.«

»Du meinst, ich soll ihnen sagen, es sei mir soeben eingefallen? Sie werden mich fragen, warum ich nicht früher daran gedacht habe.«

»Frag sie, warum sie nicht daran gedacht haben. Warum sie nicht daran dachten, daß zu einem Tisch ein Kellner gehört?«

Henry sagte leise: »Keiner hat Grund, daran zu denken. Nur sehr wenige interessieren sich so für Kellner wie ich.«


Anmerkung

Diese Geschichte erschien in der Dezemberausgabe 1973 des EQMM unter dem Titel >Die sechs Verdächtigem Auch diesmal ziehe ich meinen Titel vor.

Die Inspiration stammte hier aus dem Umstand, daß ich an einer Kreuzfahrt teilnahm, wie sie in der Geschichte beschrieben wird. Einige der Vorfälle ereigneten sich sogar, aber es gab, das möchte ich gleich sagen, keine wissenschaftlichen Geheimnisse an Bord und keinen Kriminalfall, soviel ich weiß.

Ein letztes Wort. Ich werde, das weiß ich aus Erfahrung, viele Briefe bekommen mit der Frage, ob ich noch mehr Schwarze-Witwer-Geschichten schreiben werde. Das will ich mit einem entschiedenen Ja beantworten. Damit sind vielleicht die Briefe unnötig geworden.

Tatsächlich habe ich in diesem Augenblick sechs weitere Schwarze Witwer beendet und verkauft, fünf an EQMM und eine an The Magazin of Fantasy and Science Fiction. Sie sehen also, daß Sie wahrscheinlich schließlich aufgefordert werden könnten, weitere >Geschichten der Schwarzen Witwer< zu lesen.

Ich hoffe es, denn es macht Spaß, diese Geschichten zu schreiben — und ich danke allen, die sie lesen.