Isaac Asimov

Azazel


Vorwort

<p><strong>Vorwort</strong></p>

1980 bat mich ein Gentleman namens Eric Protter, monatlich eine Krimi-Story für ein Magazin zu schreiben, dessen Chefredakteur er war. Ich willigte ein, weil es mir schwerfällt, zu netten Menschen nein zu sagen (und alle Chefredakteure, die ich je kennengelernt habe, waren nette Menschen).

Die erste Story, die ich schrieb, war eine Art Fantasy-Krimi über einen kleinen, rund zwei Zentimeter großen Dämon. Ich nannte sie »Getting Even«, und Eric Protter akzeptierte und veröffentlichte sie. Erzähler war ein Mann namens Griswold, sein Publikum bestand aus drei Männern (einschließlich eines Ich-Erzählers, der ich selbst war, allerdings nannte ich meinen Namen nie). Es hieß, daß sich die Vier regelmäßig im Union Club trafen, und ich hatte vor, die Serie mit den Abenteuern von Griswold im Union Club fortzusetzen.

Aber als ich eine zweite Geschichte über den kleinen Dämon aus »Getting Even« schreiben wollte (die neue Story trug den Titel »One Night of Song«), sagte Eric nein. Offenbar war ein wenig Fantasy hin und wieder in Ordnung, aber er wollte es nicht zur Gewohnheit werden lassen.

Aus diesem Grund legte ich »One Night of Song« beiseite und schrieb eine Serie von Kriminalgeschichten ganz ohne Fantasy-Elemente. Dreißig dieser Storys (Eric bestand darauf, daß sie nur zwischen zweitausend und zweitausendzweihundert Worten lang sein durften) wurden schließlich in meinem Buch The Union Club Mysteries (Doubleday 1983) gesammelt. Aber »Getting Even« nahm ich nicht auf, da sie mit dem kleinen Dämon als Hauptfigur nicht zu den anderen Geschichten paßte.

Derweil dachte ich weiter über »One Night of Song« nach. Ich kann Verschwendung nicht ausstehen und ertrage es nicht, einen Text, den ich geschrieben habe, nicht zu veröffentlichen, wenn ich etwas dagegen tun kann. Also ging ich zu Eric und sagte: »Diese Story, >One Night of Songs die Sie abgelehnt hatten - darf ich die anderswo veröffentlichen?«

»Klar doch«, antwortete er, »vorausgesetzt, Sie ändern die Namen der Hauptpersonen. Ich möchte, daß Ihre Geschichten über Griswold und sein Publikum ausschließlich in meinem Krimi-Magazin erscheinen.«

So machte ich es. Ich änderte Griswolds Namen in George, und sein Publikum bestand nur noch aus einer einzigen Person, dem Ich-Erzähler, der ich selbst war. In der Folge verkaufte ich »One Night of Song« an das Magazine of Fantasy and Science Fiction (F&SF). Danach schrieb ich eine weitere Geschichte der Serie, die ich bereits als »George und Azazel«-Geschichten betrachtete; Azazel war der Name des Dämons. Diese, »The Smile that Loses«, wurde ebenfalls an F&SF verkauft.

Aber ich habe auch ein eigenes Science-FictionMagazin, Isaac Asimov's Science Fiction Magazine (IASFM), und Shawna McCarthy, die damalige Chefredakteurin, erhob Einwände dagegen, daß ich Geschichten in F&SF veröffentlichte.

Ich sagte: »Aber Shawna, diese George-und-Azazel-Storys sind Fantasy, IASFM veröffentlicht aber nur Science Fiction.«

Worauf sie antwortete: »Also machen Sie aus dem kleinen Dämonen und seiner Magie einen kleinen Außerirdischen mit einer hochentwickelten Technologie und verkaufen Sie die Geschichten mir.«

So geschah es, und da mir die Geschichten von George und Azazel immer noch sehr am Herzen lagen, schrieb ich weiter und kann nun achtzehn davon in dieser Sammlung mit dem Titel Azazel vorlegen. (Es sind nur achtzehn enthalten, denn da ich mich nicht an Erics Umfangvorgaben halten mußte, konnte ich meine George-und-Azazel-Storys doppelt so lang machen wie meine Griswold-Storys.)

Aber »Getting Even« nahm ich wieder nicht auf, weil sie einfach nicht dieselbe Atmosphäre hatte wie die späteren Geschichten. Als anfangliche Inspiration für zwei Serien kam »Getting Even« das traurige Schicksal zu, daß es zwischen zwei Stühlen saß und in keine der beiden so richtig paßte. (Keine Bange, sie wurde in Anthologien nachgedruckt und könnte durchaus später einmal in anderen Verkleidungen auftauchen. Grämen Sie sich also nicht zu sehr.)

Einige Anmerkungen möchte ich noch zu den Geschichten machen; vermutlich wäre Ihnen alles selbst aufgefallen, aber ich bin ein Plappermaul.

1. Wie schon gesagt, ich ließ die erste Story über den kleinen Dämon weg, weil sie nicht zu den anderen paßte.

Jennifer Brehl, meine wunderbare Lektorin, bestand aber darauf, daß eine erste Geschichte erforderlich wäre, um zu klären, wie George und ich uns kennenlernten und wie der kleine Dämon erstmals in Georges Leben trat. Und da man Jennifer, die ansonsten ein Ausbund an Freundlichkeit ist, einfach nicht widerstehen kann, wenn sie die Fäuste ballt, schrieb ich die Story »The Two-Centimeter Demon«, in der alles steht, was sie verlangte und die den Auftakt dieses Buches bildet. Darüber hinaus entschied Jennifer, daß Azazel definitiv ein Dämon sein sollte, kein Außerirdischer, womit wir wieder bei der Fantasy wären. (»Azazel« ist übrigens ein biblischer Name, und Bibelleser halten ihn für gewöhnlich auch für den Namen eines Dämons, obwohl es sich in Wahrheit ein wenig komplizierter verhält.)

2. George wird irgendwie als Schnorrer dargestellt, und ich hasse Schnorrer - aber George finde ich liebenswert. Ich hoffe, Ihnen ergeht es ebenso. Der Ich-Erzähler (lsaac Asimov) wird häufig von George beleidigt und unweigerlich um ein paar Dollar geschröpft, aber das ist mir gleich. Wie ich am Ende der ersten Erzählung erkläre, sind es seine Geschichten wert, und ich verdiene viel mehr Geld damit, als ich George gebe - zumal das ja nur in meiner Phantasie geschieht.

3.Bitte beachten Sie, daß es sich bei den Geschichten um humorvolle Satiren handeln soll; wenn Ihnen der Stil übertrieben und »un-asimovisch« vorkommt, dann ist das durchaus beabsichtigt. Betrachten Sie das als Warnung. Kaufen Sie das Buch nicht mit falschen Erwartungen, die Sie nur verärgern würden. Und falls Sie übrigens hin und wieder dezente Anspielungen an P. G. Wodehousc entdecken, glauben Sie mir - das ist kein Zufall.


Ein Dämon von zwei Zentimetern

<p><strong>Ein Dämon von zwei Zentimetern</strong></p>

Ich lernte George vor einigen Jahren während einer literarischen Convention kennen und bemerkte sofort den eigentümlich unschuldigen und liebenswürdigen Ausdruck seines rundlichen Gesichts mittleren Alters. Er gehörte, wie ich sogleich bemerkte, zu jenen Menschen, denen man bedenkenlos seine Brieftasche anvertrauen würde, während man schwimmen ging.

Er erkannte mich von den Fotos auf den Umschlägen meiner Bücher, begrüßte mich herzlich und erzählte mir, wie gut ihm meine Geschichten und Romane gefielen, was mir gleich eine gute Meinung von seiner Intelligenz und seinem guten Geschmack vermittelte.

Wir schüttelten einander herzlich die Hände. »Mein Name ist George Bitternut«, sagte er.

»Bitternut«, wiederholte ich, damit ich mir seinen Namen gleich einprägen konnte. »Ein ungewöhnlicher Name.«

»Dänisch«, sagte er, »und sehr aristokratisch. Ich bin ein Nachkomme von Knut, besser bekannt als Kanute, ein Dänenkönig, der im frühen elften Jahrhundert England eroberte. Ein Vorfahr von mir war sein Sohn, natürlich auf der falschen Seite des Betts gezeugt.«

»Natürlich«, murmelte ich, obwohl ich nicht begriff, warum das so natürlich sein sollte.

»Er wurde Knut genannt, nach seinem Vater«, fuhr George fort, »und als man ihn dem König präsentierte, sagte der dänische Monarch: >Bei meiner Heiligkeit, ist das mein Erbe?< >Nicht ganz<, sagte der Höfling, der den kleinen Knut hielt, >denn er ist illegitim, seine Mutter ist die Waschfrau, die Ihr -< >Oh<, sagte der König, >das ist bitter. < Und von dem Augenblick an trug er den Namen Bitterknut. Nur diesen einen Namen. Ich habe den Namen als direkter männlicher Nachfahre geerbt, allerdings wurde im Lauf der Zeit eben Bitternut daraus.« Und er sah mich mit hypnotischer Listigkeit in den blauen Augen an, die jeden Zweifel unmöglich machten.

»Würden Sie mir beim Mittagessen Gesellschaft leisten?« fragte ich und wies auf das schicke Restaurant, das ganz augenscheinlich nur für Gäste mit einer dicken Brieftasche gedacht war.

»Finden Sie das Restaurant nicht übertrieben protzig?« sagte George. »Wäre der Imbiß auf der anderen Straßenseite nicht besser -«

»Ich lade Sie ein«, sagte ich.

Worauf George die Lippen schürzte und sagte: »Jetzt, wo ich mir das Restaurant genauer ansehe, scheint es mir doch recht gemütlich zu sein. Ja, man könnte es dort aushalten.«

»Mein Vorfahr Bitterknut hatte einen Sohn«, fuhr George beim Hauptgang fort, »den er Sweyn nannte. Ein anständiger dänischer Name.«

»Ja, ich weiß«, sagte ich. »König Knuts Vater trug den Namen Sweyn Forkebart. In der heutigen Zeit wird der Name meist Sven geschrieben.«

George runzelte mißbilligend die Stirn. »Alterchen«, sagte er, »es ist nicht nötig, daß Sie derartig mit Ihrem Bildungsbürgertum protzen. Ich nehme die Tatsache zur Kenntnis, daß Sie über eine rudimentäre Allgemeinbildung verfügen.«

Ich fühlte mich zusammengestaucht. »Pardon.«

Er machte mit der Hand eine ausholende Geste der Vergebung und bestellte ein weiteres Glas Wein. »Sweyn Bitterknut war fasziniert von jungen Frauen, ein Charakterzug, den alle Bitternuts geerbt haben, und er war höchst erfolgreich bei ihnen, möchte ich hinzufügen, wie wir alle. Es ist glaubhaft belegt, daß manch eine Frau nach einem Zusammentreffen mit ihm bewundernd den Kopf schüttelte und sagte: >Oh, das ist vielleicht ein Sweyn. < Außerdem war er ein Erzmagus.« Nach einer Pause fuhr er unvermittelt fort: »Wissen Sie, was ein Erzmagus ist?«

»Nein«, log ich, da ich nicht abermals so offensichtlich mit meinem Wissen protzen wollte. »Sagen Sie es mir.«

»Ein Erzmagus ist ein Meistermagier«, sagte George unter einem Stoßseufzer, der einen dezidiert erleichterten Unterton hatte. »Sweyn studierte die geheimen und magischen Künste. Damals konnte man das noch ganz ungestört, da die häßliche moderne Skepsis noch nicht Fuß gefaßt hatte. Es war sein erklärtes Ziel, Mittel und Wege zu finden, wie er junge Hofdamen zu jenem willigen und zärtlichen Verhalten bewegen konnte, das die Krone der Weiblichkeit darstellt, und allem Zänkischen und Arglistigen zu entsagen.«

»Aha«, sagte ich verständnisvoll.

»Zu diesem Behufe brauchte er Dämonen und vervollkommnete Methoden, sie zu beschwören, indem er gewisse Kräuter verbrannte und gewisse halb vergessene Namen der Macht riet.«

»Und hat es funktioniert, Mr. Bitternut?«

»Bitte nennen Sie mich George. Natürlich hat es funktioniert. Er ließ Dämonen in ganzen Kadern und Heerscharen für sich arbeiten, da, wie er sich häufig beschwerte, die Frauen seiner Zeit dickköpfige und undankbare Wesen waren, die seine Bemerkung, wonach er der Enkel eines Königs sei, stets mit garstigen Hinweisen auf die wahre Natur dieser Abstammung quittierten. Aber sobald ein Dämon sein Ding durchgezogen hatte, sahen sie ein, daß ein leibhaftiger Sohn seine leibhaftigen Vorzüge hatte.«

»Sind Sie sicher, daß dem so ist, George?« fragte ich.

»Ganz sicher, denn vergangenen Sommer entdeckte ich dieses Zauberbuch zur Beschwörung von Dämonen. Ich fand es in einer alten englischen Burg, die inzwischen verfallen ist, einst aber meiner Familie gehörte. Alle notwendigen Kräuter waren aufgelistet, die Art und Weise, wie man sie verbrennen muß, das Tempo, die Namen der Macht, die Beschwörungen. Alles. Es war auf Altenglisch verfaßt - Angelsächsisch, Sie wissen schon -, aber wie es der Zufall will, bin ich Linguist und -«

Da überkam mich doch eine gelinde Skepsis. »Das ist nicht Ihr Ernst«, sagte ich.

Er sah mich gekränkt an. »Wie kommen Sie darauf"? Fasle ich? Es war ein echtes Buch. Ich habe die Zaubersprüche selbst ausprobiert.«

»Und haben einen Dämon heraufbeschworen?«

»Ja, so ist es«, sagte er und zeigte vielsagend auf die Brusttasche seines Jacketts.

»Da drinnen?«

George berührte die Tasche und wollte schon nicken, als er mit den Fingern etwas zu spüren, oder besser gesagt, nicht zu spüren schien. Er blickte hinein.

»Er ist fort«, sagte er enttäuscht. »Entmaterialisiert. -Aber deswegen kann man ihm wahrscheinlich keinen Vorwurf machen. Er war gestern abend bei mir, weil er neugierig auf diesen Con war. Ich gab ihm etwas Whiskey mit einer Pipette, und das gefiel ihm. Vielleicht gefiel es ihm etwas zu gut, denn er wollte in der Bar gegen den Kakadu im Käfig kämpfen und beschimpfte ihn mit ungezogenen Namen. Glücklicherweise schlief er ein, bevor der beleidigte Vogel zurückschlagen konnte. Heute morgen schien es ihm nicht so gut zu gehen, daher nehme ich an, er ist nach Hause gegangen, um sich zu erholen, wo immer das sein mag.«

In mir regten sich gewisse Zweifel. Erwartete er wirklich, daß ich das alles glaubte? »Wollen Sie mir etwa sagen, Sie hatten einen Dämon in der Brusttasche?«

»Ihre schnelle Auffassungsgabe«, sagte George, »ist erstaunlich.«

»Wie groß war er?«

»Zwei Zentimeter.«

»Aber das ist nicht mal ein Zoll.«

»Sehr richtig. Ein Zoll sind 2,54 Zentimeter.«

»Ich meine, was für ein Dämon ist denn zwei Zentimeter groß?«

»Ein kleiner«, antwortete George, »aber wie schon das alte Sprichwort sagt: Lieber einen kleinen Dämon in der Hand als einen großen Dämon auf dem Dach.«

»Kommt ganz auf seine Stimmung an.«

»Oh, Azazel - das ist sein Name - ist ein freundlicher Dämon. Ich vermute, seine eingeborenen Brüder und Schwestern behandeln ihn ein wenig herablassend, denn er ist sehr erpicht darauf, mich mit seinen Kräften zu beeindrucken, allerdings setzt er sie nicht ein, um mich reich zu machen, was er aus Gründen der Freundschaft eigentlich sollte. Er sagt, seine Kräfte dürfen nur eingesetzt werden, um anderen Gutes zu tun.«

»Also hören Sie, George. Das ist doch ganz sicher nicht die Philosophie der Hölle.«

George legte einen Finger auf die Lippen. »Sagen Sie so etwas nicht, alter Knabe. Azazel wäre zutiefst beleidigt. Er sagt, daß sein Heimatland freundlich, anständig und höchst zivilisiert sei und redet nur mit höchstem Respekt von seinem Herrscher, dessen Namen er allerdings nicht preisgeben möchte und den er nur Alles-in-Allem nennt.«

»Und, tut er wirklich Gutes?«

»Wann immer er kann. Nehmen Sie nur einmal den Fall meines Patenkinds Juniper Pen -«

»Juniper Pen?«

»Ja. Ihrem äußerst neugierigen Blick entnehme ich, daß Sie die Geschichte gern erfahren möchten, und ich werde sie Ihnen mit Freuden erzählen.«

* * * Juniper Pen [sagte George] war zu der Zeit, als die Geschichte ihren Anfang nimmt, eine blauäugige Erst-semesterin am College - ein unschuldiges, süßes Mädchen, das vom Basketballteam fasziniert war, das samt und sonders aus hochgewachsenen, stattlichen jungen Männern bestand.

Der Spieler des Teams, auf den sich ihre Jungmädchenphantasien am meisten zu konzentrieren schienen, hieß Leander Thomson, groß, schlaksig, mit enormen Pranken, die sich um einen Basketball legten, oder um alles andere, das Form und Größe eines Basketballs besaß, womit irgendwie wieder Juniper ins Spiel kommt. Zweifellos galten ihm allein ihre anfeuernden Rufe, wenn sie während eines Spiels im Publikum saß.

Sie weihte mich in ihre reizenden kleinen Träume ein, denn sie verspürte, wie alle jungen Frauen, auch wenn sie nicht meine Patenkinder sind, den unbezwingbaren Drang, mich ins Vertrauen zu ziehen. Mein herzliches, aber würdevolles Benehmen ist eben vertrauenerweckend.

»Oh, Onkel George«, pflegte sie zu sagen, »es ist doch ganz gewiß nicht falsch, wenn ich von einer Zukunft mit Leander träume. Ich sehe ihn als größten Basketballspieler der Welt vor mir, als erste Sahne unter den bedeutendsten Profisportlern, als Inhaber eines langfristigen, hochdotierten Vertrags. Es ist ja nicht so, daß ich zuviel verlange. Ich erwarte vom Leben nur eine kleine efeubewachsene Villa, ein hübsches Gärtchen, das sich so weit erstreckt wie das Auge reicht, eine kleine, in Staffeln organisierte Dienerschaft, Kleidungsstücke für jeden Tag der Woche, für jeden Monat des Jahres, die in alphabetischer Reihenfolge sortiert sind, und -«

Ich sah mich gezwungen, ihr reizendes Plaudern zu unterbrechen. »Kleines«, sagte ich, »deine Zukunftspläne haben nur einen klitzekleinen Schönheitsfehler. Leander ist kein besonders guter Basketballspieler, daher scheint es unwahrscheinlich, daß er je für enorme Summen engagiert wird.«

»Das ist so unfair«, sagte sie schmollend. »Warum ist er kein sehr guter Basketballspieler?«

»Weil es eben nun mal so läuft im Universum. Warum konzentrierst du deine jugendliche Schwärmerei nicht auf jemanden, der ein guter Basketballspieler ist? Oder, wenn wir schon dabei sind, auf einen hübschen, ehrlichen jungen Börsenmakler an der Wall Street, der Zugang zu Insiderinformationen hat?«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Onkel George, aber ich mag Leander zu gern. Es gibt sogar Zeiten, da denke ich an ihn und trage mich: Ist Geld denn wirklich so wichtig?«

»Psst, Kleines«, sagte ich schockiert. Die Frauen von heute nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund.

»Ah, aber wieso kann ich das Geld nicht auch haben? Ist das zuviel verlangt?«

War es das? Immerhin hatte ich meinen eigenen Dämon. Einen kleinen Dämon, zugegeben, aber mit einem großen Herzen. Ganz bestimmt würde er mir helfen, die wahre Liebe zu beflügeln, um zwei Seelen mit Liebreiz und Licht zu erfüllen, deren Herzen beim Gedanken an gemeinsame Küsse und gemeinsame Konten im Einklang miteinander schlugen.

Azazel hörte genau zu, nachdem ich ihn mit dem entsprechenden Namen der Macht gerufen hatte. - Nein, den kann ich Ihnen nicht verraten. Haben Sie denn nicht das geringste Ehrgefühl? - Wie ich sagte, er hörte zu, allerdings, wie mir schien, ohne das aufrichtige Mitgefühl, das man erwartet hätte. Ich muß gestehen, ich hatte ihn aus dem Luxus von etwas, das wohl einem türkischen Bad gleichkommt, in unser Kontinuum gezerrt, denn er hatte ein winziges Handtuch um die Hütte gewickelt und zitterte. Seine Stimme schien mir schriller und piepsiger denn je zu sein. (Eigentlich glaube ich nicht, daß das wirklich seine Stimme war. Ich glaube, er kommunizierte mittels einer Art von Telepathie, aber das Ergebnis war, daß ich eine piepsige Stimme hörte oder zu hören glaubte.)

»Was ist Basketball?« fragte er. »Ein Ball, der wie ein Basket geformt ist? Wenn ja, was ist ein Basket?«

Ich versuchte, es ihm zu erklären, aber für einen Dämon kann er erstaunlich begriffsstutzig sein. Er sah mich an, als würde ich ihm nicht jeden einzelnen Aspekt des Spiels hinreichend klar verdeutlichen.

»Wäre es möglich, daß ich mir ein Basketballspiel ansehe?« fragte er schließlich.

»Freilich«, entgegnete ich. »Heute abend findet ein Spiel statt. Ich habe eine Karte, die mir Leander gegeben hat, und du kannst mich in meiner Tasche begleiten.«

»Bestens«, sagte Azazel. »Ruf mich wieder, wenn du zu dem Spiel gehst. Bis dahin muß ich mein Zymijg beenden«, womit er vermutlich sein türkisches Bad meinte - und er verschwand.

Ich muß gestehen, ich finde es höchst ärgerlich, wenn jemand seine unbedeutenden und kleinkarierten Angelegenheiten höher einstuft als die historisch bedeutsamen Sternstunden, in die ich verwickelt bin -wobei mir auffällt, alter Knabe, daß der Kellner versucht, Sie auf sich aufmerksam zu machen. Ich glaube, er hat die Rechnung. Bitte nehmen Sie sie und lassen Sie mich mit meiner Geschichte fortfahren.

An diesem Abend besuchte ich das Basketballspiel, und Azazel saß in meiner Brusttasche. Er streckte den Kopf über den Rand der Tasche, damit er das Spiel verfolgen konnte, und hätte einen merkwürdigen Anblick geboten, wenn jemand hergesehen hätte. Seine Haut ist rubinrot, und er hat zwei winzige Hörnerknubbel auf der Stirn. Es ist natürlich ein Glück, daß er nicht ganz herausgekommen ist, denn sein zentimeterlanger roter Schwanz ist sein hervorstechendstes und abstoßendstes Körperteil.

Ich selbst bin kein großer Basketballkenner und überließ es Azazel, den Sinn des Spiels zu begreifen. Seine Intelligenz ist zwar nicht menschlicher, sondern dämonischer Natur, aber dennoch groß.

Nach dem Spiel sagte er zu mir: »Mir scheint, soweit ich den hektischen Aktivitäten der muskelbepackten, unbeholfenen und durch und durch uninteressanten Individuen in der Arena folgen konnte, daß jedesmal, wenn der Ball durch einen Reif geworfen wurde, große Aufregung herrschte.«

»Genau das ist es«, sagte ich. »Man wirft einen Korb, weißt du - einen >Basket<.«

»Dann würde dein Protege ein heldenhafter Spieler dieses albernen Spiels werden, wenn er den Ball jedesmal durch den Reif werfen könnte?«

»Genau.«

Azazel zuckte gedankenverloren mit dem Schwanz. »Das dürfte nicht schwer sein. Ich muß nur seine Reflexe anpassen, damit er Winkel, Höhe und Kraft abschätzen kann -« Er schwieg einen Augenblick grübelnd und fuhr dann fort. »Mal sehen, ich habe im Verlauf des Spiels seinen persönlichen Koordinatenkomplex aufgezeichnet ...Ja, das läßt sich machen. - Es ist sogar schon geschehen. Dein Leander wird keine Probleme mehr damit haben, den Ball durch den Reif zu werfen.«

Ich erwartete das nächste anstehende Spiel mit einer gewissen Aufregung. Ich sagte kein Wort zu der kleinen Juniper, da ich bislang noch nie auf Azazels dämonische Kräfte zurückgegriffen hatte und nicht sicher war, ob seinen Worten tatsächlich Taten folgen würden. Außerdem wollte ich sie überraschen. (Wie sich herausstellte, war sie außerordentlich überrascht, genau wie ich.)

Schließlich kam der Tag des Spiels, und es wurde das Spiel. Unser hiesiges College, Nerdsville Tech, in dessen Basketballmannschaft Leander so ein kleines Licht darstellte, trat gegen die baumlangen Knochenbrecher der katholischen Al Capone Pfarrschule an, und man rechnete mit einem wahrhaft epischen Wettkampf.

Wie episch, damit hatte allerdings niemand gerechnet. Die Capone Five übernahmen schon früh die Führung, und ich behielt Leander peinlich genau im Auge. Er schien nicht so recht zu wissen, was er machen sollte, und anfangs sah es so aus, als würde er den Ball beim Dribbeln ständig verfehlen. Ich vermutete, seine Reflexe waren derartig verändert worden, daß er seine Muskeln zunächst gar nicht kontrollieren konnte.

Aber dann schien es, als würde er sich an seinen neuen Körper gewöhnen. Er schnappte sich den Ball, der ihm förmlich aus den Händen zu schnellen schien - und wie! Der Ball flog hoch in die Luft und landete treffsicher im Korb.

Tosender Jubel erschütterte die Tribünen, während Leander nachdenklich zu dem Korb hinaufschaute, als würde er sich fragen, was passiert war.

Was immer passiert war, passierte wieder - und wieder. Jedesmal, wenn Leander den Ball in die Finger bekam, flog der Ball in hohem Bogen davon. Und sobald er im hohen Bogen davonflog, landete er im Korb. Es passierte so schnell, daß niemand Leander je zielen oder sonst eine Anstrengung unternehmen sah. Die Menge deutete das als überlegenes Können und geriet nur noch mehr aus dem Häuschen.

Aber dann geschah natürlich das Unvermeidliche, und das Spiel versank im völligen Chaos. Von den Tribünen ertönten Buhrufe; die narbigen Wuchtbrummen, die für die Capone Pfarrschule ins Feld gezogen waren, stießen ungehobelte Bemerkungen beleidigender Art aus, in jeder Ecke des Stadions kam es zu Schlägereien.

Wissen Sie, weil ich das für selbstverständlich hielt, hatte ich Azazel natürlich nicht gesagt, daß die beiden Körbe des Spielfelds nicht identisch waren: daß einer der Korb der einen und der andere der Korb der anderen Mannschaft war und jeder Spieler auf den entsprechenden Korb zielte. Der Basketball strebte mit der ganzen beklagenswerten Unwissenheit eines seelenlosen Dings stets nach dem Korb, der näher war, wenn Leander zum Wurf ausholte. Als Folge davon schaffte Leander es immer wieder einmal, den Ball in den falschen Korb zu werfen.

Und davon ließ er sich auch von den freundschaftlichen Ermahnungen des Trainers von Nerdsville, Claws (»Pop«) McFang, die dieser durch den Schaum vor seinem Mund brüllte, nicht abbringen. Pop McFang fletschte traurig die Zähne, weil er Leander aus dem Spiel nehmen mußte, und weinte unverhohlen, als die Helfer seine gekrümmten Finger von Leanders Hals lösten, damit sie ihn vom Spielfeld schaffen konnten.

Mein Freund Leander erholte sich nie völlig. Ich hätte natürlich gedacht, daß er im Trinken Vergessen suchen und zu einem achtbaren Penner werden würde, der ganz in seinem Los aufging. Dafür hätte ich Verständnis gehabt. Aber er sank noch tiefer. Er widmete sich seinem Studium.

Unter den geringschätzigen, zuzeiten sogar mitleidigen Blicken seiner Mitschüler schlurfte er von Vorlesung zu Vorlesung, steckte die Nase in Bücher und vertrieb sich die Zeit mit Lernen.

Aber Juniper blieb ihm die ganze Zeit über treu. »Er braucht mich«, sagte sie, derweil unterdrückte Tränen ihre Augen umwölkten. Sie gab alles auf und opferte sich ihm nach dem Schulabschluß. Sie stand ihm sogar dann noch treu zur Seite, als er den absoluten Tiefpunkt menschlicher Existenz erreichte und seinen Doktor der Physik machte.

Er und Juniper wohnen heute in einem kleinen Apartment irgendwo an der Upper West Side. Soweit ich weiß, unterrichtet er Physik und forscht auf dem Gebiet der Kosmogonie. Er verdient 60000 Dollar im Jahr, und alle, die ihn als mittelmäßigen Spieler kannten, tuscheln hinter vorgehaltener Hand erschrocken, daß er als möglicher Kandidat für den Nobelpreis im Gespräch ist.

Juniper beschwert sich nie, sondern steht ihrem gefallenen Gott treu zur Seite. Weder mit Worten noch mit Taten drückt sie je aus, daß ihr etwas fehlt, aber ihrem alten Taufpaten kann sie nichts vormachen. Ich weiß, daß sie hin und wieder wehmütig an die efeubewachsene Villa denkt, die sie nie haben wird, und an die Hügel des kleinen Gartens ihrer Träume, der sich bis zum Horizont erstreckt.

»Das war die Geschichte«, sagte George, während er das Wechselgeld an sich nahm, das der Kellner gebracht hatte, und die Gesamtsumme von dem Kreditkartenbeleg abschrieb (damit er sie von der Steuer absetzen konnte, nehme ich an). »Ich an Ihrer Stelle«, fügte er hinzu, »würde ein großzügiges Trinkgeld geben.«

Das machte ich dann auch, noch ganz benommen, während sich George lächelnd entfernte. Es machte mir nichts aus, daß ich um das Wechselgeld gebracht worden war. Ich überlegte mir, daß ich jetzt eine Geschichte hatte, die ich erzählen konnte und die mir mehr einbringen würde, als das Essen gekostet hatte, während George nur eine Mahlzeit bekam.

Ich beschloß sogar, daß ich auch in Zukunft hin und wieder mit ihm essen gehen würde.


Ein Liederabend

<p><strong>Ein Liederabend</strong></p>

Ich habe da zufällig einen Freund, der manchmal andeutet, daß er Geister aus der weiten Tiefe beschwören kann.

Zumindest einen Geist - einen kleinen mit eng begrenzten Fähigkeiten. Er spricht manchmal von ihm, aber erst nach dem vierten Scotch mit Soda. Es ist ein prekärer Drahtseilakt - drei und er weiß, noch nichts von einem Geist (der übernatürlichen Art); fünf und er schläft ein.

Ich glaubte, er hätte an diesem Abend den richtigen Pegelstand erreicht, daher sagte ich: »Erinnerst du dich an deinen Geist, George?«

»Hm?« sagte George und betrachtete seinen Drink, als würde er sich fragen, wie er den vergessen könnte.

»Nicht an deinen Weingeist«, sagte ich. »An den zwei Zentimeter großen Geist, den du, wie du mir erzählt hast, aus einer anderen Existenzebene herbeigerufen hast. Den mit den übernatürlichen Fähigkeiten.«

»Ah«, sagte George. »Das ist Azazel. Ist natürlich nicht sein richtiger Name. Seinen richtigen Namen könnte ich wahrscheinlich gar nicht aussprechen, aber so nenne ich ihn. Ich erinnere mich.«

»Greifst du oft auf ihn zurück?«

»Nein. Gefährlich. Viel zu gefährlich. Ständig die Versuchung, mit der Macht zu spielen. Ich bin vorsichtig; verdammt vorsichtig. Wie du weißt, lege ich die moralische Meßlatte sehr hoch. Darum fühlte ich mich einst verpflichtet, einem Freund zu helfen. Was dabei für ein Schaden entstanden ist! Gräßlich! Ich mag gar nicht daran denken.«

»Was ist passiert?«

»Ich denke, ich muß es mir von der Seele reden«, sagte George nachdenklich. »Sonst gärt es immerzu ...«

Ich war noch jung [sagte George], und damals spielten Frauen eine wichtige Rolle in meinem Leben. Es ist albern, im Rückblick irgendwie albern, aber ich entsinne mich genau, damals glaubte ich wirklich, es wäre irgendwie wichtig, welche Frau man bekommt.

In Wahrheit zieht man aus dem Krabbelsack, was man eben bekommt, es gibt keine großen Unterschiede, aber damals - Ich hatte einen Freund, Mortenson - Andrew Mortenson. Du wirst ihn nicht kennen. In den vergangenen Jahren habe ich ihn selbst kaum noch gesehen.

Wichtig ist er war verrückt nach einer Frau, einer bestimmten Frau. Ein Engel, sagte er. Er könne nicht ohne sie leben. Sie wäre die einzige im Universum und die Welt ohne sie nichts weiter als in Schmieröl gestippte bröselige Speckschwarten. Du weißt, wie Verliebte reden.

Das Problem war, eines Tages gab sie ihm den Laufpaß, offenbar auf eine besonders grausame Art und Weise und ohne Rücksicht auf seine Selbstachtung. Sie hatte ihn schrecklich gedemütigt, als sie sich vor seinen Augen mit einem anderen einließ, mit den Fingern unter seiner Nase schnippte und herzlos über seine Tränen lachte.

Ich meine das nicht wörtlich. Ich versuche nur, den Eindruck zu vermitteln, den er mir machte. Er saß hier und trank mit mir, hier in diesem Zimmer. Mir blutete das Herz. »Tut mir leid, Mortenson«, sagte ich, »aber nimm es nicht so schwer. Wenn du es recht bedenkst, ist sie nur eine Frau. Wenn du auf die Straße schaust, gehen jede Menge vorüber.«

»Ich werde von jetzt an ein Leben ganz ohne Frauen führen, mein Alter«, sagte er verbittert, »natürlich abgesehen von meiner Frau, der ich ab und zu einfach nicht aus dem Weg gehen kann. Es ist nur so, daß ich es dieser Frau heimzahlen möchte.«

»Deiner Frau?« fragte ich.

»Nein, nein, weshalb sollte ich meiner Frau etwas heimzahlen wollen? Ich meine diese Frau, die mich so herzlos abserviert hat.«

»Zum Beispiel?«

»Wenn ich das nur wüßte«, sagte er.

»Vielleicht kann ich behilflich sein«, sagte ich, denn mein Herz blutete immer noch seinetwegen. »Ich kann mir einen Geist mit recht ungewöhnlichen Kräften dienstbar machen. Natürlich einen kleinen Geist« - ich hielt Daumen und Zeigefinger knapp zwei Zentimeter voneinander entfernt hoch, damit er eine angemessene Vorstellung bekam - »dessen Fähigkeiten begrenzt sind.«

Ich erzählte ihm von Azazel, und er glaubte mir natürlich. Ich habe schon oft festgestellt, daß ich sehr überzeugend sein kann, wenn ich eine Geschichte erzähle. Wenn du hingegen eine Geschichte erzählst, alter Knabe, kann man die Zweifel deiner Zuhörer fast mit Händen greifen, aber bei mir ist das nicht so. Es geht nichts über den Ruf der Wahrhaftigkeit und eine Aura ehrlicher Direktheit.

Seine Augen funkelten, als ich ihm das erzählte. Er fragte, ob der Geist ihr etwas geben könnte, um das ich ihn bat.

»Wenn es anständig ist, alter Knabe. Ich hoffe, du hast nicht im Sinn, daß sie übel riecht oder ihr eine Kröte aus dem Mund springt, wenn sie etwas sagt.«

»Natürlich nicht«, sagte er angewidert. »Wofür hältst du mich? Sie hat mir zwei mehr oder weniger glückliche Jahre geschenkt, und ich möchte mich angemessen revanchieren. Du sagst, dein Geist hat nur begrenzte Fähigkeiten?«

»Er ist klein«, sagte ich und hielt abermals Daumen und Zeigefinger hoch.

»Kann er ihr eine makellose Stimme schenken? Zumindest für eine gewisse Zeit. Wenigstens für eine Vorstellung.«

»Ich frage ihn.« Mortensons Vorschlag schien durchaus ehrbar zu sein. Seine Ex-Geliebte sang Kantaten in der hiesigen Kirche, wenn das der richtige Ausdruck ist. Damals hatte ich ein Ohr für Musik und besuchte derlei Veranstaltungen recht oft (wobei ich natürlich darauf achtete, daß der Klingelbeutel an mir vorüberging). Ich hörte sie gern singen, und das Publikum reagierte wohlwollend. Damals dachte ich, daß ihre Moral der Umgebung nicht ganz angemessen war, aber Mortenson sagte mir, daß man bei Sopranistinnen Zugeständnisse machen würde.

Und so konsultierte ich Azazel. Er war durchaus hilfsbereit; keinen Unsinn, von wegen, daß er meine Seele wollte. Ich weiß noch, ich fragte Azazel einmal, ob er meine Seele wollte, und er wußte nicht mal, was das ist. Er fragte mich, was das bedeutet, und es stellte sich heraus, daß ich es auch nicht wußte. Es ist so, er ist in seinem eigenen Universum so ein kleiner Kerl, daß er sich höchst erfolgreich fühlt, wenn er in unserem etwas bewegen kann. Er hilft gern.

Er sagte, drei Stunden könnte er schaffen, und Mortenson sagte, das wäre perfekt, als ich ihm die Neuigkeit überbrachte. Wir entschieden uns für einen Abend, an dem sie Bach oder Händel oder einen dieser alten Zupfgeigenhansel singen wollte und ein langes und eindrucksvolles Solo hatte.

Mortenson ging an diesem Abend in die Kirche, und ich natürlich ebenso. Ich fühlte mich für die kommenden Ereignisse verantwortlich und fand es besser, die Situation im Auge zu behalten.

»Ich habe ihre Probe besucht«, sagte Mortenson düster. »Sie sang wie immer; du weißt schon, als hätte sie einen Schwanz, auf den gerade jemand getreten ist.«

So hatte er ihre Stimme früher nie beschrieben. Sphärenmusik, sagte er bei mehreren Anlässen, und danach wurde er zunehmend überschwenglich. Natürlich hatte sie ihm zwischenzeitlich den Laufpaß gegeben, das trübt das Urteilsvermögen eines Mannes.

Ich betrachtete ihn strengen Blickes. »So spricht man nicht von einer Frau, der man ein großes Geschenk macht.«

»Das ist es ja. Ich möchte, daß ihre Stimme makellos ist. Einfach makellos. Und jetzt - da die Liebe mich nicht mehr blind macht - erkenne ich, daß sie weit davon entfernt ist. Glaubst du, dein Geist kommt damit klar?«

»Die Veränderung ist erst für 20:15 Uhr vorgesehen.« Ein Anflug von Argwohn überkam mich. »Du hast doch nicht gehofft, daß die Makellosigkeit bei der Probe aufgebraucht und das Publikum enttäuscht wird?«

»Da irrst du dich gewaltig«, sagte er.

Sie fingen ein bißchen früher an; als sie in ihrem weißen Kleid aufstand, um zu singen, zeigte meine alte Taschenuhr, die nie mehr als zwei Sekunden falsch geht, 20:14 Uhr. Sie war keine dieser spindeldürren Sopranistinnen; sie war stattlich gebaut, jede Menge Resonanzkörper, den man braucht, wenn man einen hohen Ton anpeilt und das Orchester übertönen muß. Jedesmal, wenn sie ein paar Liter Atemluft einsog, um die Töne zu erzeugen, wurde mir klar, was Mortenson in ihr sah, natürlich abzüglich einiger Schichten Textilien.

Sie begann in ihrer üblichen Preisklasse, und exakt um 20:15 Uhr war es, als wäre eine neue Stimme hinzugekommen. Ich sah sie ein wenig zusammenzucken, als könne sie nicht glauben, was sie gehört hatte, und eine Hand, die sie auf das Zwerchfell gelegt hatte, zitterte.

Ihre Stimme jubilierte. Es war, als wäre sie eine perfekt gestimmte Orgel geworden, jeder Ton war perfekt, ein in diesem Augenblick neu erfundener Ton, neben dem sich alle anderen Töne dieser Tonlage und Qualität wie unvollkommene Nachahmungsversuche ausnahmen.

Jeder Ton hatte genau das richtige Vibrato, wenn das der zutreffende Ausdruck ist, und schwoll mit ungeheurer Kraft und Beherrschung an und ab.

Und sie wurde mit jedem Ton besser. Der Organist sah nicht auf seine Noten, er sah sie an, und - beschwören kann ich es nicht - ich glaube, er hörte auf zu spielen. Falls er spielte, hätte ich ihn ohnehin nicht gehört. Man konnte gar nichts hören, während sie sang. Nichts anderes als sie jedenfalls.

Ihr überraschter Gesichtsausdruck war verschwunden und einer ekstatischen Miene gewichen. Sie hatte das Notenblatt weggelegt, das sie in der Hand gehalten hatte; sie brauchte es nicht. Ihre Stimme sang von ganz allein, sie mußte sie nicht kontrollieren oder lenken. Der Dirigent stand starr da, alle anderen im Chor schienen wie vom Donner gerührt.

Das Solo ging zu Ende, und der Chor fiel fast flüsternd ein, als schämten sich alle ihrer Stimmen und ließen sie nur widerwillig in derselben Kirche am selben Abend erklingen.

Der Rest des Programms gehörte ihr allein. Wenn sie sang, hörte man nur sie, auch wenn alle anderen Stimmen erklangen. Wenn sie nicht sang, war es, als würden wir im Dunkeln sitzen und könnten nicht ertragen, daß das Licht erloschen war.

Und als es vorbei war - na ja, man applaudiert in der Kirche nicht, aber da taten sie es. Alle in der Kirche standen auf, als wären sie von einem einzigen Marionettendraht hochgerissen worden, und hörten nicht mehr auf zu klatschen, und es war klar, daß sie die ganze Nacht klatschen würden, wenn sie nicht noch einmal sang.

Sie sang noch einmal; nur sie allein, während die Orgel zögernd im Hintergrund flüsterte; der Scheinwerfer strahlte nur sie an, vom Chor war niemand zu sehen.

Mühelos. Du hast keine Ahnung, wie mühelos es war. Ich versuchte, die Klänge nicht zu hören, um sie atmen zu sehen, um zu sehen, wie sie Luft holte, und fragte mich, wie lange ein Ton bei voller Lautstärke gehalten werden konnte, wenn nur zwei Lungenflügel die Luft gaben.

Doch es mußte enden, und es ging zu Ende. Selbst der Applaus ging zu Ende. Erst da merkte ich, daß Mortenson mit funkelnden Augen neben mir gesessen hatte und mit Leib und Seele in ihrem Gesang aufging. Erst da begriff ich allmählich, was geschehen war.

Ich bin alles in allem so geradlinig wie eine euklidische Gerade, Hinterlist ist mir fremd, daher kann man nicht erwarten, daß ich wußte, was er vorhatte. Du andererseits bist so verdreht, daß du eine Wendeltreppe hochlaufen kannst, ohne dich zu verbiegen, und siehst auf einen Blick, was er vorhatte.

Sie hatte makellos gesungen - aber sie würde nie wieder makellos singen.

Es war, als wäre sie von Geburt an blind gewesen und konnte nur drei Stunden lang sehen - alles sehen, was es zu sehen gibt, alle Farben und Formen und Wunder rings um uns herum, die wir gar nicht beachten, weil wir sie für selbstverständlich halten. Stell dir vor, du könntest das alles drei Stunden lang in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit sehen - und dann wieder blind sein!

Du könntest deine Blindheit ertragen, wenn du nichts anderes kennst. Aber etwas anderes kurz kennenlernen und dann wieder blind sein? Das könnte niemand ertragen.

Diese Frau hat natürlich nie wieder gesungen. Aber das ist nicht alles. Die wahre Tragödie erlebten wir, die Zuhörer des Publikums.

Wir hatten drei Stunden makellose Musik gehört, makellose Musik. Glaubst du, wir könnten je ertragen, etwas zu hören, das geringer ist?

Ich bin seither fast taub für Töne. Jüngst ging ich zu einem dieser Rock-Festivals, die heutzutage so populär sind, um mich selbst einem Test zu unterziehen. Du wirst mir nicht glauben, aber ich konnte keine einzige Melodie heraushören. Für mich war das alles Lärm.

Mein einziger Trost ist, daß Mortenson, der am aufmerksamsten und konzentriertesten zugehört hatte, schlimmer dran ist als alle anderen dieses Publikums. Er trägt ständig Ohrstöpsel. Er erträgt keinen Ton mehr, der lauter als ein Flüstern ist.

Geschieht ihm recht!


Das gebannte Lächeln

<p><strong>Das gebannte Lächeln</strong></p>

Jüngst sagte ich bei einem Bier (seinem Bier, ich trank ein Ginger-Ale) zu meinem Freund George: »Wie geht es deinem Wichtel neuerdings?«

George behauptet, daß er einen zwei Zentimeter großen dienstbaren Dämon besitzt. Ich bringe ihn nie dazu, daß er seine Lüge eingesteht. Wie auch sonst niemand.

Er sah mich böse an. »Oh ja, du bist der einzige, der von ihm weiß«, sagte er. »Ich hoffe, du hast sonst keinem davon erzählt!«

»Kein Wort«, sagte ich. »Es reicht, wenn ich dich für verrückt halte. Von mir muß man das nicht auch noch denken.« (Außerdem hatte er meines Wissens mindestens einem halben Dutzend Leuten von dem Dämon erzählt, daher ist es nicht nötig, daß ich indiskret bin.)

»Nicht für den Gegenwert von einem Pfund Plutonium möchte ich unter deiner nervtötenden Unfähigkeit leiden, nichts zu glauben, das du nicht verstehst - und du verstehst eine Menge nicht«, sagte George. »Und was von dir übrig bleiben würde, sollte mein Dämon je erfahren, daß du ihn Wichtel nennst, wäre kein Atom Plutonium wert.«

»Hast du seinen wirklichen Namen herausgebracht?« fragte ich, ohne mich von dieser furchtbaren Warnung beeindrucken zu lassen.

»Unmöglich! Keine irdischen Lippen können ihn aussprechen. Die Übersetzung, gab man mir zu verstehen, lautet so ähnlich wie: >Ich bin der König der Könige; schaut auf meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelte -Das ist natürlich eine Lüge«, sagte George und betrachtete melancholisch sein Bier. »In seiner Welt ist er ein kleiner Fisch. Darum ist er hier so kooperativ. In unserer Welt mit ihrer primitiven Technologie kann er auf den Putz hauen.«

»Hat er in letzter Zeit auf den Putz gehauen?«

»Ja, das hat er«, sagte George, gab einen Stoßseufzer von sich und sah mich mit seinen melancholischen blauen Augen an. Sein struppiger weißer Schnurrbart kam nach diesem Taifun, den er ausgeatmet hatte, nur langsam wieder zur Ruhe.

Es begann mit Rosie O'Donnell [sagte George], der Freundin einer meiner Nichten, ein bezauberndes kleines Ding.

Sie hatte blaue Augen, die fast so strahlten wie meine; kastanienrotes, langes und glänzendes Haar; eine bezaubernde, mit Sommersprossen übersäte Stupsnase; wie sie alle Verfasser von Liebesromanen verklären, einen anmutigen Hals und eine schlanke Figur, die keineswegs unproportioniert drall war, sondern ganz und gar köstlich mit ihrem Versprechen ekstatischer Wonnen.

Natürlich war das alles von rein akademischem Interesse für mich, da ich das Alter der Zurückhaltung schon Vor Jahren erreicht habe und mich heutzutage nur noch auf die Unbillen körperlicher Zuneigung einlasse, wenn Frauen darauf bestehen, was sich, dem Himmel sei Dank, hin und wieder auf ein Wochenende oder so beschränkt.

Zudem hatte Rosie kürzlich einen großen Iren geheiratet, der nicht einmal zu verbergen trachtet, daß er ein ausgesprochen muskulöser und möglicherweise cholerischer Mensch ist - und betete ihn aus irgendeinem Grund in höchst augenfälliger Weise an. Ich hege keinen Zweifel, daß ich seiner in jüngeren Jahren Herr geworden wäre, aber es ist eine traurige Tatsache, daß ich nicht mehr in jüngeren Jahren bin - ganz knapp jedenfalls.

Daher akzeptierte ich mit einem gewissen Widerwillen Rosies Neigung, mich für einen engen Vertrauten ihres eigenen Geschlechts und Alters anzusehen und mich in ihre Kleinmädchengeheimnisse einzuweihen.

Nicht, daß ich ihr einen Vorwurf machen würde, du verstehst schon. Meine natürliche Würde und die Tatsache, daß ich die Leute durch mein Äußeres zwangsläufig an einen oder mehrere der edleren römischen Kaiser erinnere, zieht schöne junge Frauen automatisch zu mir hin. Dennoch duldete ich nie, daß es zu weit ging. Ich sorgte stets dafür, daß genügend Abstand zwischen Rosie und mir blieb, denn ich wollte nicht, daß dem zweifellos großen und möglicherweise cholerischen Kevin O'Donnell irgendwelche Ammenmärchen oder verzerrte Wahrheiten zu Ohren kamen.

»Oh, George«, sagte Rosie eines Tages und klatsche vor Wonne in die kleinen Hände, »du hast ja keine Ahnung, was für ein Schatz mein Kevin ist und wie glücklich er mich macht. Weißt du, was er tut?«

»Ich bin nicht sicher«, begann ich zurückhaltend, denn natürlich erwartete ich indiskrete Enthüllungen, »ob du mir -«

Sie achtete nicht darauf. »Er hat so eine Art, die Nase zu rümpfen, die Augen leuchten zu lassen und strahlend zu lächeln, bis alles an ihm so glücklich aussieht. Es ist, als würde die ganze Welt zu goldenem Sonnenschein. Ach, hätte ich doch nur genau so ein Foto von ihm! Ich habe versucht, eins zu machen, erwische ihn aber nie richtig.«

»Warum gibst du dich nicht mit dem wahren Jakob zufrieden, Liebes?« fragte ich.

»Na ja.« Sie zögerte und sagte dann bezaubernd errötend: »Er ist nicht immer so, weißt du. Er hat einen sehr schwierigen Job am Flughafen, von dem er manchmal ganz erschöpft und abgearbeitet nach Hause kommt, und dann wird er ein ganz klein wenig gereizt und schaut mich böse an. Hätte ich ein Foto von ihm, wie er wirklich ist, wäre das sehr tröstlich für mich - sehr tröstlich.« Tränen, die sie zurückhielt, umwölkten ihre blauen Augen.

Ich muß gestehen, daß ich das Häuchlein einer Neigung verspürte, ihr von Azazel (so nenne ich ihn, weil ich nicht daran denke, ihn mit der Übersetzung seines wahren Namens anzusprechen) und zu erzählen und von dem was er für sie tun könnte.

Allerdings ist meine Diskretion sprichwörtlich - ich habe nicht die geringste Ahnung, wie du von meinem Dämon erfahren hast.

Außerdem fiel es mir leicht, mich zu beherrschen, denn ich bin ein dickfelliger, realistischer Mensch, der nicht zu rührseliger Sentimentalität neigt. Freilich muß ich auch gestehen, daß ich in meinem finsteren Herzen eine Schwäche für bezaubernde und außergewöhnlich schöne junge Frauen habe ... auf eine schickliche und würdevolle Art ... meistens. Und mir fiel ein, daß ich ihr helfen könnte, ohne ihr von Azazel zu erzählen. - Was natürlich nicht heißen soll, daß sie mir nicht geglaubt hätte, denn ich bin ein Mann, dessen Worte niemals jemand in Zweifel zieht, Psychos wie du ausgenommen.

Ich trug Azazel die Angelegenheit vor, und er reagierte alles andere als erfreut. »Ständig bittest du um Abstraktes«, sagte er.

»Keineswegs«, erwiderte ich. »Ich möchte eine einfache Fotografie. Du mußt sie nur herbeizaubern.«

»Ach, das ist alles, ja? Wenn es so einfach ist, mach du es doch. Ich bin sicher, du verstehst das Prinzip des MasseEnergie-Äquivalents .«

»Nur eine Fotografie.«

»Ja, und mit einer Miene, die du weder definieren noch beschreiben kannst.«

»Natürlich hat er mich nie angesehen, wie er seine Frau ansehen würde. Aber mein Vertrauen in deine Fähigkeiten ist grenzenlos.«

Ich hätte erwartet, daß diese Dosis ekelerregenden Einschmeichelns ihn umstimmen würde. »Du mußt das Foto machen«, sagte er mürrisch.

»Ich würde nie den richtigen -«

»Mußt du auch nicht. Darum kümmere ich mich, aber es wäre viel einfacher, wenn ich ein materielles Objekt hätte, worauf ich die Abstraktion brennen kann. Mit anderen Worten, eine Fotografie; sei es auch eine höchst unzulängliche, wie ich sie von dir erwarten würde. Und natürlich nur ein Abzug. Mehr bringe ich nicht zustande, und ich werde mir den konjunktivischen Muskel weder für dich noch einen anderen Hohlkopf deiner Welt zerren.«

Ja, gut, manchmal ist er ein klein wenig zickig. Ich nehme an, damit will er nur seine Wichtigkeit hervorheben und zeigen, daß man ihn nicht für selbstverständlich nehmen darf.

Ich traf die O'Donnells am nächsten Sonntag, als sie aus der Messe kamen. (Eigentlich hatte ich mich auf die Lauer gelegt.) Sie willigten ein, mich ein Bild von ihnen in ihrer Sonntagskleidung machen zu lassen. Sie war entzückt, er schaute ein wenig verdrossen drein. Danach machte ich so unauffällig wie möglich ein Porträtfoto von Kevin. Ich konnte ihn unmöglich dazu bringen, daß er lächelte oder strahlte oder rümpfte oder was immer Rosie so anziehend fand, glaubte aber nicht, daß das eine Rolle spielte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob die Kamera richtig eingestellt war. Schließlich bin ich keiner dieser berühmten Fotografen.

Dann besuchte ich einen Freund, der ein Meister der Fotografie ist. Er entwickelte beide Schnappschüsse und vergrößerte das Porträt auf fünfundzwanzig mal vierzig.

Er ging recht mißmutig ans Werk und murmelte ständig, wie beschäftigt er sei, aber ich achtete gar nicht darauf. Wie wichtig konnten seine albernen Aktivitäten im Vergleich zu den bedeutenden Dingen, die mich beschäftigen, schon sein? Ich bin immer wieder überrascht, wieviel Leute das einfach nicht begreifen.

Als er die Vergrößerung fertig hatte, legte er ein vollkommen anderes Gebaren an den Tag. Er betrachtete sie und sagte in einem Tonfall, den ich nur als höchst herablassend bezeichnen kann: »Sag nicht, daß du so ein Foto gemacht hast.«

»Warum nicht?« sagte ich und streckte die Hand danach aus, aber er traf keine Anstalten, es mir zu geben.

»Du wirst mehr Abzüge haben wollen«, sagte er.

»Nein, keinesfalls«, sagte ich und sah ihm über die Schulter. Es war ein erstaunlich scharfes Foto in leuchtenden Farben. Kevin O'Donnell lächelte, obwohl ich mich zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht an ein derartiges Lächeln erinnern konnte. Er wirkte gutaussehend und fröhlich, was mich freilich nicht über die Maßen ansprach. Vielleicht hätte eine Frau mehr gesehen - oder ein Mann wie mein Freund, der Fotograf, der, wie es nun mal so ist, seiner Maskulinität nicht ganz so sicher ist wie ich.

»Nur noch einen - für mich«, sagte er.

»Nein«, sagte ich nachdrücklich, nahm das Bild und hielt dabei sein Handgelenk umklammert, damit er es ganz sicher nicht wegziehen konnte. »Und das Negativ, bitte. Du kannst das andere behalten - das von beiden.«

»Das mag ich nicht haben«, sagte er quengelig und schaute kläglich drein, als ich ging.

Ich rahmte das Bild, stellte es auf meinen Kaminsims, trat zurück und betrachtete es. Es hatte wahrhaftig eine strahlende Aura. Azazel hatte gute Arbeit geleistet.

Ich war gespannt, wie Rosie darauf reagieren würde. Ich rief sie an und fragte, ob ich vorbeischauen könnte. Sie wollte gerade einkaufen gehen, aber wenn ich binnen einer Stunde da sein könnte ...

Ich könnte und war. Ich hatte das Foto in Geschenkpapier verpackt und gab es ihr wortlos.

»Meine Güte!« sagte sie, während sie noch den Bindfaden durchschnitt und das Papier aufriß. »Was ist das? Gibt es etwas zu feiern oder -«

Doch dann hatte sie es ausgepackt und verstummte. Ihre Augen wurden groß, ihr Atem ging schneller und stoßweise. Schließlich flüsterte sie: »Herrje!«

Sie schaute zu mir auf. »Hast du dieses Foto letzten Sonntag gemacht?«

Ich nickte.

»Du hast ihn genau getroffen. Er ist anbetungswürdig. Das ist genau der Gesichtsausdruck. Oh, darf ich es bitte behalten?«

»Ich habe es dir mitgebracht«, sagte ich nur.

Sie nahm mich in die Arme und küßte mich fest auf die Lippen.

Was natürlich für einen Menschen wie mich, der Sentimentalität verabscheut, recht unangenehm ist, und ich mußte mir anschließend den Schnurrbart abwischen, aber ich verstand, daß sie dieser Geste nicht widerstehen konnte.

Danach sah ich Rosie etwa eine Woche lang nicht.

Dann begegnete ich ihr eines Nachmittags vor der Metzgerei; es wäre unhöflich gewesen, hätte ich ihr nicht angeboten, ihr die Einkaufstasche nach Hause zu tragen. Logischerweise fragte ich mich, ob das wieder einen Kuß bedeuten würde, und entschied, daß es unhöflich wäre, mich zu weigern, sollte das liebe kleine Ding darauf bestehen. Sie machte jedoch einen leicht niedergeschlagenen Eindruck.

»Was macht die Fotografie?« fragte ich, denn ich befürchtete, es könnte etwas schief gegangen sein.

Sie wurde sofort munter. »Perfekt! Ich habe sie auf mein Phonoregal gestellt, so daß ich sie von meinem Platz im Eßzimmer sehen kann. Seine Augen sehen mich ein bißchen scheel an, so verschmitzt, und er rümpft die Nase genau richtig. Ehrlich, man könnte schwören, daß es lebt. Und einige meiner Freundinnen können die Augen nicht davon lassen. Ich glaube, ich sollte es verstecken, wenn sie kommen, damit sie es nicht stehlen.«

»Sie könnten ihn stehlen«, sagte ich scherzhaft.

Da war die Niedergeschlagenheit sofort wieder da. Sie schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht«, sagte sie.

Ich unternahm einen neuen Anlauf. »Was hält denn Kevin von dem Foto?«

»Er hat kein Wort gesagt. Kein Wort. Er ist kein visueller Mensch, weißt du. Ich frage mich, ob er es überhaupt sieht.«

»Warum machst du ihn nicht darauf aufmerksam und fragst ihn nach seiner Meinung?«

Sie schwieg, während ich einige Zeit an ihrer Seite ging, die schwere Einkaufstasche trug und mich fragte, ob sie außerdem noch einen Kuß erwarten würde.

»Es ist so«, sagte sie, »seine Arbeit nimmt ihn gerade voll und ganz in Anspruch, daher wäre es kein guter Zeitpunkt, ihn zu fragen. Er kommt spät nach Hause und redet kaum mit mir. Du weißt ja, wie Männer sind.« Sie versuchte, unbekümmert zu lachen, schaffte es aber nicht.

Wir hatten ihr Apartmenthaus erreicht, und ich gab ihr die Tasche. »Aber ich danke dir nochmals und von ganzem Herzen für das Foto«, sagte sie wehmütig.

Und damit ging sie dahin. Sie bat mich nicht um einen Kuß, und ich war so in Gedanken, daß es mir erst auffiel, als ich schon auf halbem Weg nach Hause war, und es kam mir albern vor, noch einmal umzukehren, nur damit sie nicht enttäuscht wäre.

Es vergingen noch einmal rund zehn Tage, und dann rief sie mich eines Vormittags an. Ob ich vorbeikommen und mit ihr zu Mittag essen könnte? Ich hielt mich zurück und erklärte ihr, das sei unschicklich. Was sollten die Nachbarn denken?

»Ach, Unsinn«, sagte sie. »Du bist so unglaublich alt -ich meine, so ein unglaublich alter Freund, daß sie unmöglich denken könnten ... Außerdem brauche ich deinen Rat.« Mir schien, als würde sie ein Schluchzen unterdrücken, als sie das sagte.

Man muß stets Gentleman sein, daher fand ich mich zur Mittagszeit in ihrem sonnigen kleinen Apartment ein. Sie hatte Schinken-Käse-Sandwiches und ein paar Stücke Apfelkuchen vorbereitet, und das Foto stand, wie sie gesagt hatte, auf dem Phonoregal.

Sie gab mir die Hand und versuchte nicht, mich zu küssen, was mich erleichtert hätte, wäre ich angesichts ihres Äußeren nicht zu bestürzt gewesen, um Erleichterung zu empfinden. Sie sah vollkommen verhärmt aus. Ich aß ein halbes Sandwich, während ich darauf wartete, daß sie etwas sagte, da sie aber nicht den ersten Schritt machte, war ich schließlich gezwungen, sie unverblümt zu fragen, warum sie eine solche Aura der Niedergeschlagenheit verbreitete.

»Geht es um Kevin?« fragte ich. Ich war ganz sicher.

Sie nickte und brach in Tränen aus. Ich tätschelte ihre Hand und fragte mich, ob das genügen würde. Ich streichelte unbeteiligt ihre Schulter, bis sie schließlich sagte: »Ich fürchte, er verliert seinen Job.«

»Unmöglich. Warum?«

»Also, er ist so wild, offenbar selbst bei der Arbeit. Er hat seit Ewigkeiten nicht mehr gelächelt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann er mich zuletzt geküßt oder ein freundliches Wort für mich übrig gehabt hätte. Er streitet mit jedem, und zwar ständig. Er will mir nicht sagen, was los ist, und wird wütend, wenn ich danach frage. Ein Freund von uns, der mit Kevin am Flughafen arbeitet, rief gestern an. Er sagt, Kevin benimmt sich bei der Arbeit so verdrossen und mißmutig, daß es sogar den Abteilungsleitern auffällt. Ich bin sicher, daß er seinen Job verliert, aber was kann ich tun?«.

An sich hatte ich seit unserer letzten Begegnung etwas Derartiges erwartet und wußte, daß ich ihr die Wahrheit sagen mußte - verdammter Azazel. Ich räusperte mich. »Rosie - die Fotografie ...«

»Ja, ich weiß«, sagte sie, hob sie hoch und drückte sie an den Busen. »Sie gibt mir Kraft. Dies ist der wahre Kevin, den werde ich immer haben, immer, ganz gleich, was geschieht.« Sie fing an zu schluchzen.

Es fiel mir sehr schwer, zu sagen, was gesagt werden mußte, aber es gab keine andere Möglichkeit. »Du verstehst nicht, Rosie. Die Fotografie, sie ist das Problem. Ich bin ganz sicher. Der Charme und die Fröhlichkeit auf dieser Fotografie müssen irgendwoher kommen. Sie müssen Kevin selbst genommen worden sein. Begreifst du nicht?«

Rosie hörte auf zu schluchzen. »Wovon redest du da? Eine Fotografie ist nichts weiter als eingefangenes Licht, Film und dergleichen.«

»Normalerweise ja, aber diese Fotografie -« Ich gab auf. Ich kannte Azazels Unzulänglichkeiten. Er konnte die Magie der Fotografie nicht aus dem Nichts erschaffen, aber ich war nicht sicher, ob ich Rosie den wissenschaftlichen Hintergrund, das Gesetz von der Erhaltung der Fröhlichkeit, erklären konnte.

»Ich will es mal so ausdrücken«, sagte ich. »Solange die Fotografie dort steht, wird Kevin unglücklich, wütend und übellaunig sein.«

»Aber sie wird dort stehenbleiben«, sagte Rosie und stellte das Bild nachdrücklich wieder an seinen Platz zurück, »und ich verstehe nicht, warum du so verrückte Sachen über diese eine wunderbare Sache sagst ... hier, ich koche Kaffee.« Sie rauschte ab in die Küche, und ich konnte sehen, daß sie sich in einem Zustand tiefster Gekränktheit befand.

Ich tat das einzig Mögliche. Immerhin war ich derjenige, der die Fotografie gemacht hatte. Ich war - durch Azazel -verantwortlich für seine überirdischen Eigenschaften. Ich hob hastig den Rahmen hoch und zog vorsichtig zuerst die Rückwand und dann die Fotografie selbst heraus. Ich zerriß das Bild in zwei Teile - vier - acht - sechzehn - und steckte die übriggebliebenen Papierfetzen in die Tasche.

Just als ich fertig war, läutete das Telefon und Rosie lief ins Wohnzimmer und nahm ab. Ich schob die Rückwand wieder hinein und stellte den Rahmen an seinen Platz zurück. Da stand er nun, leer und bloß.

Ich hörte Rosie vor Aufregung und Glück quietschen. »Oh, Kevin«, hörte ich sie sagen, »wie wunderbar! Oh, ich bin so froh! Aber warum hast du nichts gesagt? Mach das nie wieder!«

Sie kam zurück, ihr hübsches Gesicht glühte förmlich. »Weißt du, was dieser schreckliche Kevin gemacht hat? Er hat seit fast drei Wochen einen Nierenstein gehabt - war beim Arzt und so -, hatte schreckliche, quälende Schmerzen und mußte mit einer Operation rechnen - und wollte mir nichts sagen, weil er Angst hatte, ich könnte mir Sorgen machen. Der Idiot! Kein Wunder, daß er sich so elend fühlte, und dabei ist er nicht darauf gekommen, daß sein Elend mich viel unglücklicher machen könnte als die Wahrheit. Also wirklich! Man sollte einem Mann nicht ohne Wärter rauslassen.«

»Aber warum bist du jetzt so glücklich?«

»Weil er den Stein ausgeschieden hat. Er hat den Stein vor wenigen Augenblicken ausgeschieden und als erstes mich angerufen, was sehr umsichtig von ihm war - und höchste Zeit. Er klang so glücklich und fröhlich. Es war, als wäre mein alter Kevin zu mir zurückgekehrt. Es war, als wäre er genau wie die Fotografie geworden, die -«

Dann, halb kreischend: »Wo ist die Fotografie?«

Ich war aufgestanden und zum Aufbruch bereit. Während ich raschen Schrittes zur Tür marschierte, sagte ich: »Ich habe sie vernichtet. Darum hat er den Stein ausgeschieden. Andernfalls - «

»Du hast sie vernichtet? Du -«

Ich war zur Tür hinaus. Dankbarkeit erwartete ich natürlich keine, aber ein Mord schien mir nicht ausgeschlossen. Ich wartete nicht auf den Fahrstuhl, sondern eilte so schnell ich nur irgend konnte die Treppen hinunter, doch Rosies langgezogenes Wehklagen hörte ich noch ganze zwei Stockwerke durch die Tür.

Zu Hause angekommen, verbrannte ich die Fetzen des Fotos.

Ich habe sie nie wiedergesehen. Wie man mir sagte, ist Kevin ein reizender und liebevoller Ehemann, und sie sind sehr glücklich miteinander, aber in dem einen Brief, den ich von ihr bekam - sieben Seiten in kleiner Handschrift und fast zusammenhanglos - ließ sie keinen Zweifel daran, daß der Nierenstein ihrer Meinung nach die einzige Erklärung für Kevins Übellaunigkeit und die Tatsache, daß sie in exakter Übereinstimmung mit dem Foto kam und ging, reiner Zufall war.

Sie schloß mit ein paar ungerechtfertigte Drohungen gegen mein Leben und, was eher die gegenteilige Wirkung hatte, gegen bestimmte Körperteile, wobei sie Wörter und Ausdrücke benutzte, bei denen ich geschworen hätte, daß sie sie noch nie gehört hätte, geschweige denn zu Papier bringen würde.

Und ich vermute, sie wird mich nie wieder küssen, was ich aus einem seltsamen Grund enttäuschend finde.


Auf die Siegerin!

<p><strong>Auf die Siegerin!</strong></p>

Ich sehe meinen Freund George nicht eben oft, aber wenn, frage ich schon aus Gewohnheit nach dem kleinen Dämon, den er angeblich herbeirufen kann.

»Ein alter, glatzköpfiger Science-Fiction-Autor«, sagte er zu mir, »hat die These aufgestellt, daß jedwede Technologie, die über das gewohnte Maß hinaus entwickelt ist, wie Magie erscheinen muß. Und doch ist mein kleiner Freund Azazel kein wundersamer Außerirdischer, sondern ein waschechter Dämon. Er mag zwar nur zwei Zentimeter groß sein, kann aber Erstaunliches vollbringen. - Woher weißt du von ihm?«

»Weil ich dir zuhöre.«

George verzog das Gesicht zu vertikalen Linien des Mißfallens und sagte mit Grabesstimme: »Ich rede nie über Azazel.«

»Nur jedesmal, wenn du den Mund aufmachst«, sagte ich. »Was hat er denn jüngst so getrieben?«

George stieß einen Seufzer aus, der aus der Gegend seiner Zehen zu kommen schien, und ließ ihn recht biergeschwängert in die ahnungslose Atmosphäre entweichen. »Damit«, antwortete er schließlich, »schlägst du eine traurige Saite in mir an. Mein junger Freund Theophilus ist der Leidtragende der gemeinsamen Bemühungen von mir und Azazel, obwohl wir es gut gemeint hatten.« Er führte den Bierkrug zum Mund und fuhr fort.

Mein Freund Theophilus [sagte George], den du nie kennengelernt hast, weil er sich in besseren Kreisen herumtreibt als der Pöbel, mit dem du verkehrst, ist ein kultivierter junger Mann und großer Bewunderer der anmutigen Kurven und göttlichen Körper junger Damen -wogegen ich glücklicherweise immun bin -, aber ihm fehlt die Gabe, bei ihnen dementsprechende Regungen zu wecken.

Er sagte zu mir: »Ich verstehe es nicht, George. Ich bin aufgeweckt; ich beherrsche die hohe Kunst der Konversation; bin geistreich, gütig, hinreichend gutaussehend -«

»Ja«, antwortete ich, »du hast Augen, Nase, Kinn und Mund in der üblichen Anzahl an den üblichen Stellen. Soweit stimme ich dir zu.«

»- und unglaublich vertraut mit der Theorie der Liebe, auch wenn ich bislang noch wenig Gelegenheit hatte, sie in die Praxis umzusetzen, und doch scheine ich außerstande, die Aufmerksamkeit dieser wunderbaren Geschöpfe zu wecken. Schau doch, sie scheinen ringsum allgegenwärtig zu sein, aber keine unternimmt auch nur den geringsten Versuch, meine Bekanntschaft zu machen, obwohl ich mit meinem intelligentesten Gesichtsausdruck hier sitze.«

Er tat mir in der Seele leid. Ich hatte ihn als Säugling gekannt, ihn sogar, wie ich mich entsinne, einmal auf Bitten seiner Mutter gehalten, nachdem sie ihn gestillt hatte und das Kleid wieder zurechtrückte. So etwas verbindet.

»Wärst du glücklicher, teurer Freund, wenn du ihr Interesse wecken könntest?« fragte ich.

»Ich wäre im siebten Himmel«, sagte er nur.

Konnte ich ihm den siebten Himmel verwehren? Ich trug Azazel die Angelegenheit vor, der wie üblich mürrisch reagierte. »Hättest du nicht einen Diamanten verlangen können?« fragte er. »Ich kann dir einen hübschen Halb-karäter reinsten Wassers machen, indem ich die Atome in einem Stück Kohle umgruppiere - aber unwiderstehliche Wirkung auf Frauen? Wie soll ich das anstellen?«

»Könntest du nicht ein paar Atome in ihm umgruppieren?« fragte ich, um behilflich zu sein. »Ich möchte etwas für ihn tun, und sei es nur aus Respekt vor dem ehrfurchtgebietenden nahrungsspendenden Apparat seiner Mutter.«

»Gut, laß mich nachdenken! Menschen«, sagte Azazel, »sondern Pheromone ab. Mit eurer modernen Neigung, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu baden und euch mit Duftwässerchen zu überschütten, kennt ihr natürlich kaum noch die natürliche Methode, romantische Gefühle zu erzeugen. Ich kann die Biochemie deines Freundes möglicherweise so verändern, daß die Produktion ungewöhnlicher Mengen eines ungewöhnlich wirksamen Pheromons angeregt wird, sobald das Ebenbild eines der mißgestalten Weibchen eurer höchst abstoßenden Gattung auf seinen Netzhäuten abgebildet wird.«

»Du meinst er wird stinken?«

»Keineswegs. Es wird kaum als bewußter Geruch an die Oberfläche dringen, aber seine Wirkung auf die Weibchen eurer Gattung in Form eines unterschwelligen atavistischen Verlangens zu lächeln und Kontakt zu suchen, nicht verfehlen. Die Frau wird möglicherweise so stimuliert sein, daß sie als Antwort eigene Pheromone ausstößt, und ich gehe davon aus, daß dann alles seinen natürlichen Gang gehen wird.«

»Dann soll es so geschehen«, sagte ich, »denn ich bin sicher, der junge Theophilus wird sich ins rechte Licht setzen können. Er ist ein Prachtkerl voller Elan und Ehrgeiz.«

Daß Azazels Behandlung wirkte, fand ich heraus, als ich Theophilus das nächste Mal über den Weg lief. Es war in einem Straßencafe.

Ich brauchte einen Moment, bis ich ihn sah, denn zuerst weckte eine Gruppe junger Frauen, die sich in kreisförmiger Symmetrie zusammengefunden hatten, meine Aufmerksamkeit. Zum Glück verfehlen junge Frauen ihre Wirkung auf mich, da ich das Alter der Zurückhaltung erreicht habe, aber es war Sommer und sie zeichneten sich, eine wie die andere, durch einen wohlberechneten Mangel an textiler Körperbedeckung aus, den ich - wie es einem Mann der Zurückhaltung gebührt - mit der zu Gebote stehenden Diskretion betrachtete.

Erst nach mehreren Minuten, während denen ich, wie ich mich entsinne, Spannung und Belastung eines Knopfs beobachtete, der eine bestimmte Bluse geschlossen hielt, und darüber spekulierte, ob ... Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Erst nach ein paar Minuten bemerkte ich, daß es kein anderer als Theophilus war, der im Mittelpunkt dieser kreisförmigen Schar saß und der Leitstern dieser sommerlich leicht geschürzten Weiblichkeit zu sein schien. Zweifellos verstärkte die Wärme des Nachmittags seinen Pheromonausstoß noch.

Ich bahnte mir einen Weg in den Ring der Damenwelt und setzte mich mit väterlichem Lächeln, Augenzwinkern und einem gelegentlichen onkelhaften Schultertätscheln auf einen Stuhl neben Theophilus, den ein einnehmendes Mägdlein mit einem quengeligen Schmollen für mich frei gemacht hatte. »Theophilus, mein junger Freund«, sagte ich, »dies ist ein charmanter und anregender Anblick.«

Da bemerkte ich das verhaltene Stirnrunzeln einer beängstigenden Traurigkeit in seinem Gesicht. »Was ist denn?« fragte ich besorgt Er sprach mit fast reglosen Lippen und so leise flüsternd, daß ich ihn kaum verstand. »Um Gottes willen, schaff mich hier raus.«

Ich bin, wie du wohl weißt, ein Mann mit grenzenlosem Erfindungsreichtum. Es kostete mich nur einen Augenblick, aufzustehen und zu sagen: »Meine Damen, mein junger Freund hier muß infolge eines grundlegenden biologischen Bedürfnisses die Herrentoilette aufsuchen. Bleiben Sie alle sitzen, er wird gleich wieder hier sein.«

Wir betraten das kleine Cafe und verließen es durch die Hintertür. Eine der jungen Damen, die einen Bizeps hatte, der sich höchst unschön wölbte, und eine gleichermaßen unschöne mißtrauische Ader, war zur Rückseite des Restaurants gegangen, aber wir sahen sie gerade noch rechtzeitig und schafften es zu einem Taxi. Sie verfolgte uns erschreckend leichtfüßig zwei Häuserblocks weit.

In Theophilus' sicherer Wohnung angelangt, sagte ich: »Theophilus, du hast ganz unverkennbar das Geheimnis entdeckt, junge Frauen anzuziehen. Ist das nicht der siebte Himmel, den du dir gewünscht hast?«

»Nicht ganz«, sagte Theophilus, der sich langsam in der vollklimatisierten Kühle entspannte. »Sie behüten einander. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber mir fiel vor einiger Zeit plötzlich auf, daß sich mir fremde junge Damen näherten und mich fragten, ob wir uns nicht in Atlantic City begegnet wären. Ich war in meinem ganzen Leben«, fügte er indigniert hinzu, »noch nie in Atlantic City.

Kaum hatte ich das verneint, da kam eine andere und behauptete, ich hätte soeben ein Taschentuch verloren, das sie mir gern wiedergeben wollte, und dann kam eine dritte und sagte: >Möchtest du gern Filmschauspieler werden, mein Junge?<«

Ich sagte: »Du mußt nur eine auswählen. Ich würde die nehmen, die dich zum Filmstar machen wollte. Das ist ein leichtes Leben, und du wärst immer von jungen Starlets umgeben.«

»Aber ich kann keine auswählen. Sie belauern sich wie Falken. Sobald ich eine zu bevorzugen scheine, fallen die anderen über sie her, ziehen sie an den Haaren und vertreiben sie. Ich bin so unbeweibt wie ehedem, aber früher mußte ich sie wenigstens nicht ständig anstarren, während sie mir ihre Brüste entgegenreckten.«

Ich seufzte vor Mitgefühl. »Warum machst du keinen Ausscheidungswettkampf daraus?« fragte ich. »Wenn du wieder von Damen umzingelt bist, so wie eben, sagst du zu ihnen: >Meine Teuersten, ich fühle mich zutiefst zu jeder einzelnen von Ihnen hingezogen. Aus dem Grund bitte ich Sie, sich in alphabetischer Reihenfolge aufzustellen, damit mich alle nacheinander küssen können. Wer mich mit der größten Inbrunst küßt, wird mein Gast für die Nacht sein.< Schlimmstenfalls wirst du jede Menge williger Küsse abbekommen.«

»Hm«, sagte Theophilus. »Warum nicht? Die Siegerin bekommt den Preis, und ich hätte keine Einwände dagegen, der Preis der rechtmäßigen Siegerin zu sein.« Er leckte sich die Lippen, schürzte sie und hauchte zur Übung Küsse in die Luft. »Ich glaube, das würde ich schaffen. Glaubst du, es wäre nicht zu anstrengend, wenn beim Küssen alle die Hände hinter dem Rücken verschränken müssen?«

»An sich nicht, werter Theophilus«, sagte ich. »Du solltest schon bereit sein, eine gewisse Anstrengung dafür auf dich zu nehmen. Ich glaube, >Erlaubt ist, was gefällt< wäre die bessere Regel.«

»Vielleicht hast du recht«, sagte Theophilus, der nie auf einem Standpunkt beharrte, wenn jemand wie ich, der über allergrößte Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt, ihn eines Besseren belehrt.

Etwa um diese Zeit mußte ich die Stadt aus geschäftlichen Gründen verlassen, daher sah ich Theophilus erst nach etwa einem Monat wieder. Es war in einem Supermarkt, wo er einen Einkaufswagen schob, der nicht eben kärglich mit Lebensmitteln bestückt war. Sein Gesichtsausdruck traf mich zutiefst. Er war ein Gejagter, der ständig hierhin und dorthin sah.

Ich ging zu ihm, und er duckte sich mit einem erstickten Schrei. Doch dann erkannte er mich und sagte: »Gott sei Dank - ich dachte schon, du wärst eine Frau.«

Ich schüttelte den Kopf. »Immer noch dieses Problem? Hast du den Ausscheidungswettbewerb nicht durchgeführt?«

»Ich hab's versucht. Das war das Problem.«

»Was ist passiert?«

»Na ja -« Er sah hierhin und dorthin und ging dann zur Seite und spähte einen Gang hinab. Als er sich vergewissert hatte, daß die Luft rein war, sprach er hastig und mit leiser Stimme, wie jemand, der weiß, daß die Zeit knapp und Diskretion das Gebot der Stunde ist.

»Ich habe es arrangiert«, sagte er. »Ich ließ sie Anmeldungen mit Alter, Marke ihrer Zahnpasta, Referenzen - das übliche - ausfüllen, und dann legte ich das Datum fest. Als Austragungsort hatte ich den großen Ballsaal des Waldorf-Astoria ausgewählt, für ausreichend Lippencreme gesorgt, einen hauptberuflichen Masseur angeheuert, der mich fit halten sollte, und eine Sauerstofflasche bereitgestellt. Aber am Tag vor dem Wettkampf kam ein Mann in mein Apartment.

Ich sage ein Mann, aber in meinem Schrecken kam er mir mehr wie ein wandelnder Erdrutsch vor, einen Meter neunzig groß, einsfünfzig breit und Fäuste wie Vorschlaghämmer. Er lächelte, entblößte Raubtierzähne und sagte: >Sir, meine Schwester gehört zu denen, die morgen an Ihrem Wettkampf teilnehmen wollen.< >Wie mich freut, das zu hören<, sagte ich hektisch bemüht, das Gespräch auf freundschaftlicher Basis zu halten.

>Meine kleine Schwester«, sagte er, >ist die zarte Blüte am rauhen Stammbaum unserer Familie. Sie ist mein Augapfel und der meiner drei Brüdern, und keiner von uns könnte ertragen, wenn sie enttäuscht werden würde.< >Sehen Ihre Brüder alle aus wie Sie, Sir?< fragte ich.

>Keineswegs<, sagte er traurig. >Als Folge einer Kinderkrankheit war ich mein Leben lang kleinwüchsig und schmächtig. Meine Brüder indessen sind gestandene Mannsbilder und so groß.< Er hielt dabei die Hand etwa zwei Meter zehn über den Boden.

>Ich bin sicher«, sagte ich im Brustton der Überzeugung, >daß Ihre charmante Schwester eine ausgezeichnete Chance hat.< >Es freut mich, das zu hören. Tatsächlich ist es so, daß ich, vermutlich als Ausgleich für meine beklagenswert unzulängliche Physis, mit dem zweiten Gesicht gesegnet bin, und irgendwie bin ich sicher, daß meine kleine Schwester den Wettkampf gewinnen wird. Aus einem unerfindlichen Grund«, fuhr er fort, >ist meine kleine Schwester in schwärmerischer Inbrunst für Sie entflammt. Meine Brüder und ich würden uns schlechter als Kakerlaken fühlen, wenn sie enttäuscht werden würde. Und wenn wir uns so fühlen - < Er grinste noch raubtierhafter als zuvor und ließ langsam die Knöchel seiner rechten Hand knacken, einen nach dem anderen, ein Geräusch, als würden Knochen brechen. Ich habe noch nie einen kräftigen Knochen brechen hören, aber ein plötzlicher Anflug von Hellsichtigkeit sagte mir, daß sich das Geräusch so anhören würde.

>Ich habe das Gefühl, Sir, daß Sie recht haben könnten«, sagte ich. >Haben Sie zum Zwecke des Wiedererkennens ein Foto der Dame bei sich?«

>Wie es der Zufall will«, sagte er, >habe ich das.« Er brachte ein gerahmtes Foto zum Vorschein, und ich muß gestehen, daß mir das Herz einen Moment in die Hose rutschte. Ich sah keine Möglichkeit, wie sie den Wettbewerb gewinnen sollte.

Dennoch muß am zweiten Gesicht etwas dran sein, denn obwohl alle Umstände gegen sie sprachen, gewann die junge Dame den Wettkampf überlegen. Es kam fast zu etwas wie einem Aufruhr, als die Tatsache verkündet wurde, doch die Siegerin selbst leerte den Saal erstaunlich tatkräftig, und seitdem sind wir, unglücklicherweise - oder, besser gesagt, glücklicherweise - unzertrennlich. Da ist sie wahrhaftig und sinniert gerade über die Fleischtheke. Fleisch ist ihr ein Hochgenuß - manchmal sogar gekocht.«

Ich sah zu der fraglichen Maid und erkannte in ihr sofort diejenige, die unser Taxi zwei Blocks verfolgt hatte. Eindeutig eine entschlossene junge Frau. Ich bewunderte ihren schwellenden Bizeps, den robusten Gastrocnemii und die ausgeprägten Brauenwülste.

»Weißt du, Theophilus«, sagte ich, »vielleicht ist es möglich, deine Anziehungskraft auf Frauen wieder auf das einstige unbedeutende Maß zu verringern.«

Theophilus seufzte: »Ich würde mich nicht sicher fühlen. Meine Verlobte und ihre üppig ausgestatteten Brüder könnten ihr verschwundenes Interesse falsch interpretieren. Außerdem hat sie auch Vorteile. Ich kann in ihrer Begleitung zum Beispiel zu jeder Stunde der Nacht durch jede Straße der Stadt gehen, wie gefährlich es auch sein mag, und mich vollkommen sicher fühlen. Der verbohrteste Verkehrspolizist wird die Freundlichkeit selbst, wenn sie ihn finster ansieht. Und was die Beweise ihrer Zuneigung angeht, so ist sie gleichermaßen zärtlich wie erfinderisch. Nein, George, ich akzeptiere mein Schicksal. Am fünfzehnten nächsten Monat heiraten wir, und sie wird mich über die Schwelle unseres neuen Heims tragen, das ihre Brüder für uns bereitgestellt haben. Sie haben als Monteure von Kompaktwagen ein Vermögen verdient, weißt du, wegen ihrer Größe brauchen sie nicht einmal eine Hebebühne, sie benutzen die Hände. Es ist nur so, manchmal wünsche ich mir -«

Sein Blick wanderte unwillkürlich über die zierliche Gestalt einer hübschen jungen Frau, die den Gang entlang auf ihn zugelaufen kam. Sie sah ihn im selben Augenblick an, und plötzlich schien sie am ganzen Körper zu erschauern.

»Pardon«, sagte sie schüchtern mit melodischem Tonfall, »haben wir uns nicht kürzlich in einem türkischen Bad gesehen?«

Noch während sie das sagte, erklangen stampfende Schritte hinter uns, und wir wurden durch einen zornigen Bariton unterbrochen. »Theophilus, mein Schatz«, sagte sie, »wirst du belästigt von dieser - Ische?«

Theophilus' Herzallerliebste, deren Gesicht der Rolls Royce unter den gerunzelten Stirnen zierte, walzte auf die junge Frau zu, die von unverkennbarem Entsetzen erfüllt förmlich in sich zusammenschrumpfte.

Rasch trat ich zwischen die beiden Frauen - natürlich unter nicht unerheblichem Risiko für Leib und Leben, aber es ist allgemein bekannt, daß ich so mutig wie ein Löwe bin. Ich sagte: »Dieses bezaubernde Kind ist meine Nichte, Madame. Als sie mich aus der Ferne sah, strebte sie eilfertig in diese Richtung, um mir einen züchtigen Kuß auf die Stirn zu hauchen. Daß sie das auch in die Richtung Ihres geliebten Theophilus führte, war ein dummer, aber leider unvermeidbarer Zufall.«

Es betrübte mich, daß sich dasselbe häßliche Mißtrauen, das mir schon nach unserer ersten Begegnung bei Theophilus' Dame seines Herzens aufgefallen war, auch jetzt wieder bemerkbar machte. »Ach ja?« sagte sie in einem Tonfall, dem die Bonhomie, die ich so gern gehört hätte, völlig abging. »In dem Fall möchte ich sie auch wieder gehen sehen. Alle beide. Und zwar auf der Stelle.«

Alles in allem schien es mir nicht ganz unklug, das zu tun. Ich hakte mich bei der jungen Dame unter, entfernte mich und überließ Theophilus seinem Schicksal.

»Oh, Sir«, sagte die junge Dame, »das war schrecklich tapfer und geistesgegenwärtig von Ihnen. Wären Sie mir nicht zu Hilfe geeilt, ich wäre gewiß nicht ohne ein Arsenal von Kratzern und Blutergüssen davongekommen.«

»Was ein Jammer gewesen wäre«, sagte ich galant, »denn einen Körper wie der Ihre ist gewiß nicht für Kratzer geschaffen. Oder für Blutergüsse. Kommen Sie, Sie erwähnten doch gerade ein türkisches Bad. Suchen wir gemeinsam eines auf. Zufällig habe ich eines in meinem Apartment - jedenfalls ein amerikanisches Bad, was ja praktisch dasselbe ist!«

Wohlan, auf die Siegerin ...


Das dumpfe Grollen

<p><strong>Das dumpfe Grollen</strong></p>

Ich gebe mir größte Mühe, nicht zu glauben, was mein Freund George so daherredet. Wie kann ich einem Mann glauben, der mir erzählt, daß er Umgang mit einem zwei Zentimeter großen Dämon pflegt, den er Azazel nennt; ein Dämon, der in Wirklichkeit ein außerirdisches Wesen mit außergewöhnlichen, jedoch streng begrenzten Fähigkeiten ist?

Und doch ist George in der Lage, mich ohne mit der Wimper zu zucken mit seinen blauen Augen anzuschauen und dazu zu bringen, ihm vorübergehend alles zu glauben was er erzählt. Alte Seebären und ihre Geschichten, Sie wissen schon.

Ich sagte einmal zu ihm, ich hätte den Eindruck, als habe ihm sein kleiner Dämon die Gabe der verbalen Hypnose verliehen, aber George seufzte. »Überhaupt nicht!« sagte er. »Wenn er mir etwas gegeben hat, dann den Fluch, daß man mich ins Vertrauen zieht - doch das war schon mein Schicksal lange bevor ich Azazel begegnet bin. Die ungewöhnlichsten Leute bestehen darauf, mich mit ihren Leidensgeschichten zu belasten. Und manchmal -«

Er schüttelte zutiefst niedergeschlagen den Kopf. »Manchmal«, sagte er, »wiegt die Bürde, die ich deswegen tragen muß, schwerer, als einem Menschen aus Fleisch und Blut zugemutet werden sollte. Einmal traf ich zum Beispiel einen Mann namens Hannibal West ...«

Er fiel mir zum erstenmal [sagte George] in der Lounge eines Hotels auf, in dem ich wohnte. Ich bemerkte ihn vornehmlich deshalb, weil er mir den Blick auf ein Bild von einer Kellnerin versperrte, die höchst ansprechend, da sparsam geschürzt war. Vermutlich dachte er, ich würde ihn anschauen, was gewiß nicht in meiner Absicht lag, und wertete es als Ouvertüre einer Freundschaft.

Er trat an meinen Tisch, brachte seinen Drink mit und setzte sich ohne ein >Wenn Sie gestatten.< Ich bin von Natur aus ein höflicher Mensch, daher begrüßte ich ihn mit freundschaftlichem Grunzen und stechendem Blick, was er auf eine gelassene Art und Weise hinnahm. Er hatte sandfarbenes Haar, das an seiner Kopfhaut klebte, helle Augen und ein gleichermaßen helles Gesicht, zusammen mit dem konzentrierten Blick eines Fanatikers, was ich allerdings erst später bemerkte.

»Mein Name«, sagte er, »ist Hannibal West, ich bin Professor der Geologie. Mein Fachgebiet ist die Speläologie. Sie sind nicht zufällig selbst ein Speläologe?«

Ich wußte sofort, daß er den Eindruck hatte, er hätte eine verwandte Seele gefunden. Mir wurde bei dem Gedanken übel, doch ich blieb höflich. »Ich interessiere mich für alle seltsamen Worte«, sagte ich. »Was ist Speläologie?«

»Höhlen«, sagte er. »Das Studium und die Erforschung von Höhlen. Das ist mein Hobby, Sir. Ich habe auf allen Kontinenten Höhlen erforscht, ausgenommen die Antarktis. Ich weiß mehr über Höhlen als jeder andere auf der Welt.«

»Hochinteressant«, sagte ich, »und beeindruckend.« Im Gefühl, daß ich damit eine höchst unbefriedigende Begegnung beendet hatte, winkte ich der Kellnerin, damit sie mir einen neuen Drink brachte, und studierte mit rein wissenschaftlicher Neugier ihren wippenden Gang durch den Raum.

Hannibal West indessen kam nicht zur selben Schlußfolgerung. »Ja«, sagte er und nickte nachdrücklich, »Sie haben ganz recht, beeindruckend. Ich habe Höhlen erforscht, die der Welt unbekannt sind. Ich habe unterirdische Grotten betreten, wo nie ein Mensch seine Fußspuren hinterlassen hat. Ich gehöre zu den wenigen Zeitgenossen, die gewesen sind, wo noch kein Mann, und, was das betrifft, auch keine Frau je gewesen ist. Ich habe Luft geatmet, die bis dahin mit keiner menschlichen Lunge Kontakt hatte, und habe Dinge gesehen und gehört, die niemand sonst gesehen und gehört hat - und ich habe überlebt.« Er erschauerte.

Mein Drink kam; ich nahm ihn dankbar entgegen und bewunderte die Anmut, mit der die Kellnerin sich vornüberbeugte und ihn auf den Tisch vor mir stellte. »Sie sind ein glücklicher Mann«, sagte ich, obwohl ich geistig nicht ganz bei der Sache war.

»Das bin ich nicht«, sagte West. »Ich bin ein jämmerlicher Sünder, den der Herr auserkoren hat, die Sünden der Menschheit zu rächen.«

Jetzt endlich sah ich ihn eingehender an und bemerkte ein fanatisches Funkeln, das mich fast an der Wand festnagelte. »In Höhlen?« fragte ich.

»In Höhlen«, sagte er ernst. »Glauben Sie mir. Als Professor der Geologie weiß ich, wovon ich rede.«

Ich hatte in meinem Leben zahlreiche Professoren kennengelernt, die das nicht wußten, verkniff mir aber jede diesbezügliche Bemerkung.

Vielleicht las West meine Meinung in meinen ausdrucksstarken Augen, denn er fischte einen Zeitungsausschnitt aus einer Aktentasche zu seinen Füßen und gab ihn mir. »Hier!« sagte er. »Sehen Sie sich das an!«

Ich kann nicht sagen, daß er eine eingehendere Betrachtung gerechtfertigt hätte. Es war ein Artikel, drei Absätze, aus einer Lokalzeitung. Die Schlagzeile lautete >Ein dumpfes Grollen<, die Meldung betraf East Fishkill, New York. Es war eine Schilderung, wonach dortige Einwohner sich wegen eines dumpfen Grollens, das sie beunruhigte und unter der Katzen- und Hundepopulation der Stadt nicht unerhebliche Aufregung verursachte, bei der Polizei beschwert hatten. Die Polizei tat es als Lärm eines fernen Gewitters ab, obwohl die Meteorologen aufgebracht betonten, daß an jenem Tag in der gesamten Region überhaupt keines aufgetreten sei.

»Was halten Sie davon?« fragte West.

»Könnte es eine kollektive Verdauungsstörung gewesen sein?«

Er schnaubte höhnisch, als wäre dieser Einwand ganz und gar lächerlich, aber keiner, der je Verdauungsstörungen hatte, würde das so sehen.

»Ich habe ähnliche Meldungen aus Zeitungen in Liverpool, England; Bogota, Kolumbien; Mailand, Italien und Rangun, Birma und rund fünfzig weiteren Orten auf der ganzen Welt«, sagte er. »Ich habe sie gesammelt. In allen ist von einem durchdringenden dumpfen Grollen die Rede, das Furcht und Nervosität auslöste und Tiere rasend machte, und alle stammen aus einem Zeitraum von zwei Tagen.«

»Ein einziger weltweiter Vorfall«, sagte ich.

»Exakt! Schöne Verdauungsstörungen.« Er sah mich stirnrunzelnd an, trank einen Schluck von seinem Drink und schlug sich auf die Brust. »Der Herr gab mir eine Waffe in die Hand, und ich muß lernen, damit umzugehen.«

»Was ist das für eine Waffe?« fragte ich.

Er antwortete nicht direkt. »Ich fand die Höhle zufällig«, sagte er, »was ich sehr begrüße, denn eine Höhle, deren Öffnung zu sichtbar ist, ist Allgemeingut und wird von lausenden besucht. Zeigen Sie mir eine schmale, verstecke Öffnung, von Vegetation überwuchert, von heruntergefallenen Felsbrocken verdeckt, hinter einem Wasserfall verborgen, an einer praktisch unzugänglichen und gefährlichen Stelle gelegen, und ich zeige Ihnen eine jungfräuliche Höhle, die eine Erforschung rechtfertigt. Sie sagen, Sie wissen nichts über Speläologie?«

»Natürlich war ich schon in Höhlen«, sagte ich. »Die Luray-Höhlen in Virginia -«

»Kommerziell!« sagte West, verzog das Gesicht und suchte eine geeignete Stelle zum Hinspucken auf dem Fußboden. Glücklicherweise fand er keine.

»Da Ihnen die göttlichen Wonnen der Höhlenforschung unbekannt sind«, fuhr er fort, »will ich Sie nicht mit der Schilderung langweilen, wie ich sie gefunden und erforscht habe. Es ist natürlich nicht immer ganz ungefährlich, unbekannte Höhlen ohne Begleiter zu erforschen, aber ich unternehme gern Soloexpeditionen. Schließlich gibt es niemanden, der über mein enormes Wissen verfügt, ganz zu schweigen von der Tatsache, daß ich mutig wie der sprichwörtliche Löwe bin.

In dem Fall war es tatsächlich ein Glücksfall, daß ich allein war, denn es hätte nichts genützt, wenn ein anderes menschliches Wesen diese Entdeckung gemacht hätte. Ich hatte mehrere Stunden geforscht, als ich auf einen großen und stillen Raum mit Stalaktiten oben und Stalagmiten unten in überreichlichem Maße stieß. Ich ging um die Stalagmiten herum und zog meinen Bindfaden hinter mir her, da ich es nicht schätze, mich zu verirren, und dann stieß ich auf einen dicken Stalagmiten, der an einer natürlichen Sollbruchstelle abgebrochen zu sein schien. Auf einer Seite lag ein Häufchen Kalkstein. Ich kann nicht sagen, wieso er abgebrochen war - vielleicht war ein großes Tier, das vor Jägern in die Höhle floh, im Dunkel gegen den Stalagmiten gestoßen, oder der Stalagmit hatte einem mäßigen Erdbeben nicht ausreichend standgehalten.

Wie auch immer, der Stumpf des Stalagmiten wurde jetzt von einer glatten Oberfläche gekrönt, deren Feuchtigkeit im Schein meiner Taschenlampe funkelte. Sie war fast kreisrund und erinnerte an eine Trommel. Tastsächlich hatte er so eine Ähnlichkeit damit, daß ich unwillkürlich die Hand ausstreckte und mit dem rechten Zeigefinger darauf klopfte.«

Er schüttete den Rest seines Drinks hinunter. »Es war eine Trommel«, sagte er, »zumindest jedoch ein Gebilde, das eine Vibration auslöste, wenn man darauf klopfte. Kaum hatte ich es berührt, erfüllte ein dumpfes Grollen die Höhle; ein vages Geräusch unmittelbar an der Grenze des Hörbaren, fast im Unterschallbereich. Tatsächlich machte der Teil des Geräuschs, dessen Tonlage so hoch war, daß man ihn hörte, wie ich später nachweisen konnte, nur einen winzigen Bruchteil des Ganzen aus. Fast das gesamte Geräusch setzte sich aus enormen Vibrationen zusammen, die so langsam waren, daß das Ohr sie nicht wahrnehmen konnte, obwohl sie den ganzen Körper erschütterten. Diese unhörbaren Schwingungen verursachten mir das unangenehmste, unbehaglichste Gefühl, das Sie sich vorstellen können.

So ein Phänomen war mir noch nie untergekommen. Die Energie meiner Berührung war minimal gewesen. Wie konnte sie in so eine mächtige Vibration umgewandelt werden? Ich bin nie ganz dahintergekommen. Natürlich gibt es ohne Frage gewaltige unterirdische Energiequellen. Es könnte eine Möglichkeit geben, die Hitze des Magmas anzuzapfen und einen kleinen Teil davon in Schall umzuwandeln. Das erste Klopfen könnte dazu dienen, weitere Schallenergie freizusetzen - eine Art von sonischem Laser oder, wenn wir in der Abkürzung >Licht< durch >Schall< ersetzen, könnten wir von einem >Schaser< sprechen.«

»Von so etwas habe ich noch nie gehört«, sagte ich mit ernster Miene.

»Nein«, sagte West unangenehm höhnisch, »das will ich wohl meinen. Niemand hat je davon gehört. Eine Kombination geologischer Gegebenheiten hat einen natürlichen Schaser hervorgebracht. So etwas kann nicht öfter als einmal in einer Million Jahren zufallig passieren, und auch dann nur an einer bestimmten Stelle des Planeten. Es könnte das ungewöhnlichste Phänomen auf Erden sein.«

»Nicht schlecht«, sagte ich, »was Sie aus einem Klopfen des Zeigefingers ableiten.«

»Ich versichere Ihnen als Wissenschaftler, Sir, daß ich mich nicht mit einem einzigen Klopfen des Zeigefingers zufriedengab. Ich fing an, zu experimentieren. Ich versuchte es mit stärkerem Klopfen und fand schnell heraus, daß ich durch den Hall in der Höhle ernstlich Schaden nehmen könnte. Ich richtete ein System ein, mit dem ich mit Hilfe einer Art von behelfsmäßiger Fernsteuerung Kieselsteine unterschiedlicher Größe auf den Schaser fallen lassen konnte, während ich mich außerhalb der Hohle aufhielt. Ich stellte fest, daß man das Geräusch noch in erstaunlicher Entfernung von der Höhle hören konnte. Mit einem einfachen Seismographen konnte ich noch mehrere Meilen entfernt deutliche Vibrationen nachweisen. Schließlich ließ ich mehrere Kieselsteine nacheinander fallen; der Effekt war kumulativ.«

»War das der Tag, an dem auf der ganzen Welt das dumpfe Grollen zu hören war?« fragte ich »Exakt«, sagte er. »Sie sind geistig doch nicht so derangiert, wie sie aussehen. Der ganze Planet hallte wie eine Kirchenglocke.«

»Ich habe gehört, daß besonders starke Erdbeben das bewirken.«

»Ja, aber dieser Schaser kann eine intensivere Vibration als jedes Erdbeben erzeugen, und das auf bestimmten Wellenlängen; auf einer Wellenlänge, zum Beispiel, welche die Bestandteile von Zellen trennen kann - die Nukleinsäuren der Chromosomen, zum Beispiel.«

Ich dachte gründlich darüber nach. »Das wäre der Tod der Zelle.«

»Zweifellos. So könnten die Dinosaurier ausgestorben sein.«

»Ich habe gehört, das war die Folge des Zusammenstoßes eines Asteroiden mit der Erde.«

»Ja, aber damit das durch eine normale Kollision geschehen könnte, müßte der postulierte Asteroid riesig sein. Zehn Kilometer im Durchmesser. Und man muß von Staub in der Stratosphäre ausgehen, einem dreijährigen Winter, und die Tatsache erklären, warum manche Arten unlogischerweise ausstarben, andere aber nicht. Nehmen wir statt dessen einmal an, daß ein deutlich kleinerer Asteroid auf einen Schaser aufschlug und mit seinen Schallwellen Zellen spaltete. Rund neunzig Prozent der Zellen auf der Welt wären binnen weniger Minuten ohne nennenswerte Folgen für die Umwelt des Planeten zerstört worden. Einige Arten könnten überleben, andere nicht. Es wäre einzig und allein eine Frage der winzigen Einzelheiten im komparativen Aufbau der Nukleinsäuren.«

»Und das«, sagte ich mit dem höchst unangenehmen Gefühl, daß es dieser Fanatiker ernst meinte, »ist die Waffe, die Ihnen der Herr in die Hände gab?«

»Exakt«, sagte er. »Ich habe die exakten Wellenlängen des Schalls ermittelt, der durch unterschiedliches Klopfen auf den Schaser ausgelöst wird, und versuche jetzt herauszufinden, welche Wellenlänge speziell menschliche Nukleinsäuren aufbrechen würde.«

»Warum menschliche?« fragte ich.

»Warum nicht?« konterte er. »Welche Art übervölkert den Planeten, zerstört die Umwelt, rottet andere Arten aus und verseucht die Biosphäre mit chemischen Giftstoffen? Welche Art wird die Erde möglicherweise in wenigen Jahrzehnten zerstören und unbewohnbar machen? Gewiß keine andere als der Homo sapiens! Wenn ich die richtige Schallwellenlänge finde, kann ich auf die entsprechende Art und Weise meinen Schaser anschlagen und die ganze Erde in Schallwellen hüllen, die, da der Schall Zeit braucht, um sich auszubreiten, die gesamte Menschheit auslöschen, anderen Lebensformen mit Nukleinsäuren unterschiedlichen Aufbaus jedoch kaum etwas anhaben wird.«

»Sie sind bereit, Milliarden von Menschen auszurotten?« fragte ich.

»Der Herr machte es vermittels der Sintflut -«

»Sie glauben doch nicht etwa an die biblische Geschichte der -«

»Ich bin ein gläubiger Geologe«, sagte West streng.

Jetzt war mir alles klar. »Ah«, sagte ich, »und der Herr versprach, er würde die Erde nie wieder mit einer Sintflut heimsuchen, aber von Schallwellen hat er nichts gesagt.«

»Exakt! Die Milliarden von Toten düngen die Erde und machen sie fruchtbar und dienen anderen Lebensformen, die viel unter den Menschen zu leiden hatten und eine Wiedergutmachung verdienen, als Nahrung. Davon abgesehen wird ein kleiner Rest der Menschheit zweifellos überleben. Es muß ein paar menschliche Wesen geben, die Nukleinsäuren von einer Art haben, daß die Schallwellen ihnen nichts anhaben können. Dieser Rest kann, dem Herrn sei dank, von vorn anfangen und wird wohl die Lektion begriffen haben, wie böse das Böse ist, sozusagen.«

»Warum erzählen Sie mir das alles?« fragte ich. Tatsächlich kam mir das spanisch vor.

Er beugte sich zu mir, packte mich am Revers meines Jacketts - ein höchst unangenehmes Erlebnis, denn sein Atem war unerträglich -und sagte: »Ich verspüre die Überzeugung, daß Sie mir bei meiner Arbeit helfen können.«

»Ich?« sagte ich. »Ich versichere Ihnen, ich weiß nicht das Geringste über Wellenlängen, Nukleinsäuren und -« Doch dann besann ich mich rasch und sagte: »Aber wenn ich es recht bedenke, habe ich vielleicht genau das Richtige für Sie.« Dann fügte ich in einem förmlicheren Tonfall und mit der für mich so charakteristischen höflichen Würde hinzu: »Würden Sie mir die Ehre erweisen, Sir, etwa fünfzehn Minuten auf mich zu warten?«

»Gewiß, Sir«, antwortete er gleichermaßen förmlich. »Ich werde mich mit weiteren abstrusen mathematischen Berechnungen beschäftigen.«

Als ich die Lounge hastig verließ, schob ich dem Barkeeper einen Zehndollarschein zu. »Achten Sie darauf, daß der Gentleman dort, wenn ich es mal ganz salopp formulieren darf, nicht geht, bevor ich zurück bin. Bringen Sie ihm Drinks auf meine Rechnung, wenn es sein muß.«

Ich verabsäume nie, die einfachen Zutaten mitzunehmen, die ich benötige, um Azazel zu rufen, daher saß er wenige Minuten später, von seiner gewohnten rosa Aura umgeben, in meinem Zimmer auf der Nachttischlampe.

»Du hast mich mitten in der Konstruktion eines Pasmaratso gestört«, sagte er mit seiner dünnen Piepsstimme streng, »mit dem ich hoffte, das Herz einer liebreizenden Samini zu erobern.«

»Das bedaure ich, Azazel«, sagte ich in der Hoffnung, er würde mich nicht aufhalten, indem er die Funktionsweise eines Pasmaratso oder die Reize einer Samini beschrieb, die mich beide momentan nicht den Dreck unter dem Fingernagel interessierten, »aber ich habe es hier möglicherweise mit einen Notfall der extremsten Art zu tun.«

»Das sagst du immer«, antwortete er griesgrämig.

Ich umriß ihm die Situation und muß sagen, daß er sie sofort begriff. Darin ist er sehr gut, und er braucht nie lange Erklärungen. Ich bin der Überzeugung, daß er in mein innerstes Denken schaut, wiewohl er mir stets versichert, daß er meine Gedanken als unantastbar betrachtet. Aber wie weit kann man einem zwei Zentimeter großen Dämon trauen, der selbst eingesteht, daß er ständig versucht, liebreizende Samini, was immer das auch sein mag, mit den niederträchtigsten Tricks herumzukriegen? Außerdem bin ich nicht sicher, ob er meine Gedanken nun unantastbar oder unsagbar findet, aber das ist weder Fisch noch Fleisch.

»Wo ist das menschliche Wesen, von dem du sprichst?« piepste er.

»In der Lounge. Er befindet sich -«

»Laß nur. Ich folge der Aura moralischen Verfalls. Ich glaube, ich hab sie. Wie identifiziere ich das menschliche Wesen?«

»Sandfarbenes Haar, helle Augen -«

»Nein, nein. Seinen Verstand.«

»Ein Fanatiker.«

»Ah, das hättest du auch gleich sagen können. Ich hab ihn - und ich sehe, ich muß ein ausgiebiges Dampfbad nehmen, wenn ich wieder zu Hause bin. Er ist schlimmer als du.«

»Vergiß das. Sagt er die Wahrheit?«

»Über den Schaser? - Was, nebenbei bemerkt, ein kluger Begriff ist.«

»Ja.«

»Also, das ist eine schwere Frage. Wie ich oft zu einem Freund von mir sage, der sich für einen bedeutenden spirituellen Führer hält: Was ist Wahrheit? Ich sage dir eines; für ihn ist es die Wahrheit. Er glaubt es. Doch was ein menschliches Wesen glaubt, egal wie fest, ist nicht zwangsläufig die objektive Wahrheit. Was dir im Laufe deines Lebens vermutlich nicht entgangen ist.«

»So ist es. Aber kannst du nicht unterscheiden, ob ein Glaube objektiver Wahrheit entspringt oder nicht?«

»Bei intelligenten Wesen, ja. Bei menschlichen Wesen, nein. Aber offenbar betrachtest du diesen Mann als große Gefahr. Ich könnte einige Moleküle seines Gehirns neu gruppieren und hinterher wäre er tot.«

»Nein, nein«, sagte ich. Es mag eine törichte Schwäche meinerseits sein, aber ich lehne Mord ab. »Könntest du die Moleküle nicht dergestalt neu gruppieren, daß er die Erinnerung an den Schaser verliert?«

Azazel seufzte auf eine dünne, fiepsende Weise. »Das ist viel schwieriger. Diese Moleküle sind schwer und kleben aneinander. Warum nicht ein glatter Schnitt -«

»Ich bestehe darauf«, sagte ich.

»Oh, na gut«, sagte Azazel verdrossen, und dann spulte er eine wahre Litanei von Schnaufen und Keuchen ab, um mir zu zeigen, wie hart er arbeitete. Schließlich sagte er: »Es ist vollbracht.«

»Gut. Bitte warte hier. Ich will mich nur kurz vergewissern, dann komme ich wieder.«

Ich lief hastig hinunter; Hannibal West saß noch da, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Der Barkeeper blinzelte mir im vorübergehen zu.

»Es waren keine Drinks nötig, Sir«, sagte der ehrenhafte Mann, worauf ich ihm noch fünf Dollar gab.

West sah fröhlich auf. »Da sind Sie ja.«

»Ja, wahrhaftig«, sagte ich. »Sehr scharfsinnig, wie Sie das testgestellt haben. Ich habe die Lösung des Problems mit dem Schaser.«

»Des Problems von was?« fragte er eindeutig verwirrt.

»Des Objekts, das Sie im Laut Ihrer speläologischen Forschungen entdeckten.«

»Was sind speläologische Forschungen?«

»Ihre Untersuchungen von Höhlen.«

»Sir«, sagte West stirnrunzelnd, »ich war in meinem Leben noch in keiner Höhle. Sind Sie verrückt?«

»Nein, aber soeben ist mir ein wichtiger Termin eingefallen. Leben Sie wohl, Sir. Wahrscheinlich sehen wir uns nie wieder.«

Ich lief hastig und etwas außer Atem ins Zimmer zurück und hörte Azazel eine Melodie summen, die bei den Wesen seiner Welt vermutlich gerade angesagt war. Was ihre sogenannte Musik angeht, haben sie einen grauenhaft schlechten Geschmack.

»Seine Erinnerungen sind weg«, sagte ich, »und hoffentlich für immer.«

»Gewiß«, sagte Azazel. »Der nächste Schritt ist, an den Schaser selbst zu denken. Sein Aufbau muß komplex und exakt sein, wenn er tatsächlich Schall auf Kosten der Wärme des Erdkerns verstärken kann. Ein kleiner Eingriff an einer wichtigen Stelle - was durchaus in meiner Macht läge - könnte jede Schaseraktivität beenden. Wo genau befindet er sich?«

Ich sah ihn wie vom Schlag getroffen an. »Woher soll ich das wissen?« fragte ich.

Er erwiderte meinen Blick, wahrscheinlich auch wie vom Schlag getroffen, aber ich konnte die Mimik seines kleinen Gesichts nie richtig erkennen. »Willst du damit sagen, du hast mich seine Erinnerungen löschen lassen, bevor du diese wichtige Information hattest?«

»Ich habe nicht daran gedacht«, sagte ich.

»Aber wenn der Schaser existiert - wenn sein Glaube auf objektiver Wahrheit basierte -, kann jemand anderes darauf stoßen, ein großes Tier, ein Meteorit könnte ihn treffen, und alles Leben auf der Erde könnte jeden Moment, ob Tag oder Nacht, ausgelöscht werden.«

»Großer Gort!« murmelte ich.

Mein Gram rührte ihn offenbar, denn er sagte: »Komm schon, komm schon, mein Freund, sehen wir das Positive. Schlimmstenfalls werden alle menschlichen Wesen ausgelöscht. Nur menschliche Wesen. Es ist ja nicht so, daß das Leute wären.«

»Und so sieht es aus«, sagte George niedergeschlagen, als er seine Geschichte beendet hatte. »Ich muß mit dem Wissen leben, daß die Welt jeden Moment untergehen könnte.«

»Unsinn«, sagte ich von ganzem Herzen. »Selbst wenn du mir die Wahrheit über diesen Hannibal West gesagt hast, was, wenn du verzeihst, keineswegs sicher ist, könnte er unter krankhaften Phantastereien gelitten haben.«

George sah mich einen Moment gequält über die Nase schielend an. »Deinen häßlichen Hang zur Skepsis möchte ich nicht für alle liebreizenden Samini von Azazels Heimat haben«, sagte er. »Wie erklärst du das?«

Er zog einen kleinen Zeitungsausschnitt aus der Brieftasche. Aus der New York Times des Vortags, deren Schlagzeile lautete: >Ein dumpfes Grollen<. Es ging um ein dumpfes Grollen, das die Einwohner der französischen Stadt Grenoble beunruhigte.

»Eine Erklärung, George«, sagte ich, »wäre die, daß du diesen Artikel gelesen und die ganze Geschichte um ihn herum gestrickt hast.«

Einen Moment sah George aus, als würde er vor Entrüstung in die Luft gehen, aber als ich die recht stattliche Rechnung nahm, die die Kellnerin zwischen uns gelegt hatte, überkamen ihn versöhnliche Gefühle; wir schüttelten uns freundlich die Hände und verabschiedeten uns voneinander.

Und doch muß ich gestehen, daß ich seither schlecht schlafe. Ich richte mich nachts gegen halb drei auf, horche und könnte schwören, daß mich das dumpfe Grollen aus dem Schlaf gerissen hat.


Retter der Menschheit

<p><strong>Retter der Menschheit</strong></p>

Mit einem schwermütigen Seufzen sagte mein Freund George eines Abends zu mir: »Ich habe einen Klutz zum Freund.«

Ich nickte weise. »Gleich und gleich gesellt sich gern -von gleichem Schrot und Korn und so weiter ...» Verwundert starrte George mich an. »Was hat das denn mit Schrot zu tun? Du verfügst über die bemerkenswerte Fähigkeit, vom Thema abzulenken. Ich nehme an, das ist ein Resultat deines höchst unzureichenden Intellekts - was ich übrigens bedauernd meine, nicht tadelnd.«

»Ja, ja«, sagte ich. »Wie auch immer. Mit deinem Freund, dem Klutz, meinst du jedenfalls Azazel?«

Azazel war ein zwei Zentimeter großer Dämon oder ein außerirdisches Lebewesen (wie Sie wollen), über den George andauernd redet, was nur aufhört, wenn er auf eine direkte Frage antworten muß. Mit eisigem Blick sagte er: »Azazel ist hier nie Gesprächsthema, und ich verstehe nicht, wie du von ihm gehört haben kannst.«

»Es trug sich zu, daß ich eines Tages nur eine Meile von dir entfernt war«, erklärte ich.

George schenkte mir keine Beachtung und begann zu erzählen:

Der nicht eben wohlklingende Ausdruck »Klutz« begegnete mir im Zuge eines Gesprächs mit meinem Freund Menander Block. Du hast ihn bedauerlicherweise nie kennengelernt, da er Akademiker ist und sehr wählerisch in der Wahl seiner Bekanntschaften, wofür man ihm, gerade im Hinblick auf dich, kaum böse sein kann. Das Wort Klutz, so erklärte er mir, beschreibe eine ungeschickte, plumpe Person. »Und damit bin ich gemeint«, sagte er. »Es stammt nämlich von einem jiddischen Wort ab, das wörtlich übersetzt ein Stück Holz meint, einen Klotz oder Holzblock. Und wie du weißt, ist das mein Name - Block.«

Er stieß einen enormen Seufzer aus. »Und dennoch bin ich kein Tölpel im eigentlichen Sinne des Wortes. Es ist nichts Hölzernes, Klotziges oder Blockhaftes an mir. Ich tanze leichtfüßig wie ein Zephir und anmutig wie eine Libelle; meine Bewegungen sind grazil, und zahlreiche junge Damen würden - so ich ihnen dies gestattete - meine Fähigkeiten als Jünger der Liebeskunst bezeugen. Es ist eher so, daß ich ein Tölpel - oder Klutz - in weitläufigerem Zusammenhang bin. Ohne daß es mich selbst betrifft, wird alles um mich herum in Mitleidenschaft gezogen. Das Universum selbst scheint über seine eigenen kosmischen Füße zu stolpern. Ich denke, wenn man die Sprachen kombinieren und das Griechische mit dem Jiddischen verbinden würde, wäre ich ein >Teleklutz<.«

»Wie lange geht das schon so, Menander?« wollte ich wissen.

»Mein ganzes Leben, wenngleich ich natürlich erst als Erwachsener feststellte, welche besondere Fähigkeit mir eigen ist. Solange ich noch jung war, nahm ich einfach an, das, was mir zustieß, wäre der gewöhnliche Gang der Dinge.«

»Hast du darüber schon mit irgend jemandem gesprochen?«

»Natürlich nicht, George, alter Freund. Man hätte mich für verrückt gehalten. Kannst du dir beispielsweise einen Psychoanalytiker vorstellen, der sich mit dem Phänomen des >Teleklutzismus< auseinandersetzt? Er würde mich nach der Hälfte unserer ersten Sitzung in eine Anstalt einweisen, eine Abhandlung über diese neue Psychose publizieren und damit wahrscheinlich Millionen verdienen. Ich gehe doch nicht in die Klapsmühle, nur damit irgend so ein Psychoschmarotzer reich wird. Ich kann mit niemandem darüber reden.«

»Aber wieso erzählst du es dann mir, Menander?«

»Weil ich andererseits den Eindruck habe, daß ich es jemandem erzählen muß, um bei Verstand zu bleiben. Und du bist nun einmal der unbedeutendste Jemand, den ich kenne.«

Ich konnte seiner Argumentation hier zwar nicht ganz folgen, aber ich ahnte, daß ich wieder einmal Ziel des ungewollten Vertrauens eines meiner Freunde werden würde. Das war, wie ich nur zu gut wußte, der Preis dafür, daß ich für mein Verständnis bekannt war, für meine Zuneigung und vor allem für meine verschwiegene Zurückhaltung. Kein Geheimnis, das man mir anvertraut, wird je an die Ohren eines anderen dringen - ich mache in deinem Fall eine Ausnahme, da allgemein bekannt ist, daß du eine Aufmerksamkeitsspanne von fünf Sekunden dein eigen nennst und ein noch weit kürzeres Erinnerungsvermögen.

Ich winkte nach einem weiteren Drink und bedeutete mit einem bestimmten geheimnisvollen Zeichen, das nur ich kenne, daß er auf Menanders Rechnung gehen sollte. Wer arbeitet, soll schließlich auch dafür bezahlt werden. Ich sagte: »Aber wie äußert sich denn nun dieser >Teleklutzismus<, Menander?«

»In seiner einfachsten Form und damit jener Weise, die mir zum ersten Mal bewußt auffiel, schlägt es sich in dem absonderlichen Wetter nieder, das mich auf Reisen begleitet. Ich reise nicht viel, und wenn ich es tue, fahre ich mit dem Auto, und wenn ich das tue, dann regnet es. Es ist ganz gleich, was der Wetterdienst vorhersagt; es ist egal, wie hell die Sonne scheint, wenn ich aufbreche. Die Wolken ziehen sich zusammen, werden dunkler, und es beginnt erst zu nieseln, und dann zu schütten. Wenn der Teleklutzismus besonders gut in Form ist, fallen die Temperaturen, und es gibt einen Hagelsturm.

Natürlich achte ich darauf, nicht leichtsinnig zu sein. So verzichte ich beispielsweise darauf, nach Neuengland zu fahren, bevor zumindest der März vorbei ist. Vergangenes Frühjahr fuhr ich am sechsten April nach Boston - und prompt kam es zum ersten Schneesturm in der Geschichte des Bostoner Wetterdienstes. Einmal reiste ich am 28. März nach Williamsburg, Virginia, in der Annahme, ich könnte mit ein paar gnädigen Tagen rechnen, da ich Südstaatenterritorium betrat. Ha! In Williamsburg fielen noch am gleichen Tag über zwanzig Zentimeter Schnee, und die Einheimischen verrieben ihn zwischen ihren Fingern und fragten sich, was das für ein weißes Zeug sei.

Ich habe mir oft ausgemalt, daß das Universum unter der persönlichen Leitung von Gott steht und wie Gabriel in Seine Göttliche Gegenwart gerauscht kommt und ausruft: >Allmächtiger, zwei Galaxien werden in einer unermeßlichen gewaltigen Katastrophe kollidierend und wie Gott darauf antwortet: >Stör mich jetzt nicht, Gabriel - ich bin damit beschäftigt, es über Menander regnen zu lassen.<«

»Du könntest versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, Menander«, schlug ich vor. »Warum verdingst du dich nicht für enorme Summen als Dürrebekämpfer?«

»Daran habe ich bereits gedacht, aber der bloße Gedanke vertreibt jeglichen Regen, der auf meinen Reisen aufkommen könnte. Außerdem - käme der Regen dort, wo er gebraucht würde, gäbe es vermutlich eine Flutkatastrophe.

Es geht ja auch nicht bloß um Regen oder Staus oder das Verschwinden von Orientierungspunkten; es gibt eine Unzahl anderer Dinge. Teure Gegenstände gehen in meiner Gegenwart spontan in die Brüche oder werden von jemand anderem ohne mein Zutun fallengelassen. In Batavia, Illinois, ist ein moderner Teilchenbeschleuniger in Betrieb. Eines Tages schlug ein extrem wichtiges Experiment fehl, weil das benötigte Vakuum ausfiel, ein völlig unvorhergesehener Defekt. Ich allein wußte (und das erst einen Tag später, als ich in der Zeitung von dem Vorfall las), daß ich exakt im Augenblick des Versagens den Stadtrand Batavias in einem Reisebus passiert hatte. Natürlich im Regen.

Just in dieser Sekunde, mein lieber Freund, wird ein Teil der erlesenen, ganz jungen Weine, die in Kunststoff im Keller dieses erlesenen Etablissements reifen, sauer. Jemand, der in diesem Augenblick an unserem Tisch vorübereilt, wird, wenn er zuhause ankommt, feststellen, daß die Rohre in seinem Keller exakt in jenem Moment geplatzt sind, als er an mir vorbeikam - wenngleich er nicht wissen wird, wann genau er das tat und daß diese Begegnung verantwortlich für den Rohrbruch ist. Und so wird es mit einer ganzen Reihe von Unfällen weitergehen -beziehungsweise mit etwas, das man für Unfälle halten wird.«

Ich empfand Mitleid für meinen jungen Freund. Und mir gefror das Blut in den Adern bei dem Gedanken, daß ich ja direkt neben ihm saß und während meiner gemächlichen Überlegungen die unvorstellbarsten Katastrophen eintreten konnten.

»Kurzum, du bist ein Unheilbringer«, sagte ich.

Menander warf seinen Kopf zurück und starrte mich an seinen Nasenflügeln vorbei auf eine sehr unangenehme Weise an. »Unheilbringer«, sagte er, »ist der gebräuchliche Ausdruck. Teleklutz ist der wissenschaftliche.«

»Ganz gleich ob nun Unglückbringer oder Teleklutz -was wäre, wenn ich dir sagen würde, daß ich dich unter Umständen von deinem Fluch befreien kann?«

»Fluch ist das richtige Wort«, stellte Menander düster fest. »Ich habe oft darüber nachgegrübelt, ob nicht bei meiner Geburt eine böswillige Fee, erbost darüber, daß sie nicht zur Taufe eingeladen wurde ... Willst du mir etwa weismachen, du könntest Flüche außer Kraft setzen, weil du eine gute Fee bist?«

»Ich bin ganz gewiß keine Fee«, sagte ich streng. »Nimm einfach an, ich könnte dich von diesem Flu. von diesem Zustand befreien.«

»Wie zum Teufel willst du das anstellen?«

»Nicht unbedingt mit dem Teufel«, antwortete ich. »Aber wie wär's?«

»Was hättest du davon?« wollte er mißtrauisch wissen.

»Das herzerwärmende Gefühl, geholfen zu haben, einem Freund ein gräßliches Leben zu ersparen.«

Menander dachte einen Augenblick darüber nach, dann schüttelte er bestimmt den Kopf. »Das reicht nicht.«

»Nun, solltest du mir natürlich eine bescheidene Summe dafür anbieten wollen ...«

»Nein, nein. Nie würde mir einfallen, dich auf diese Weise zu beleidigen. Einem Freund einen Geldbetrag anbieten? Eine Freundschaft in finanziellem Wert messen? Wie kannst du das nur von mir denken, George? Was ich meinte, ist, daß die Entfernung des Teleklutzismus nicht genug wäre.«

»Was könnte ich noch mehr tun?«

»Denk nach! Mein ganzes Leben hindurch war ich verantwortlich für alles mögliche, von Unannehmlichkeiten bis hin zu Katastrophen, vielleicht für Millionen unschuldiger Menschen. Auch wenn ich von nun an keinem einzigen Menschen mehr Pech brächte, ist doch das Unheil, das ich bisher verursacht habe - auch wenn nichts davon freiwillig geschah oder in irgendeiner Weise mir zugerechnet wird -, mehr, als ich ertragen kann. Das alles muß wieder gutgemacht werden.«

»Wie zum Beispiel?«

»Ich muß die Möglichkeit erhalten, die Menschheit zu retten.«

»Die Menschheit zu retten?«

»Was sonst könnte den unermeßlichen Schaden ausgleichen, den ich angerichtet habe? George, ich bestehe darauf: Wenn du den Fluch von mir nimmst, ersetze ihn durch die Fähigkeit, die Menschheit aus einer großen Krise zu erlösen.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann.«

»Versuch es, George. Schreck nicht vor der Herausforderung zurück. Ich sage immer: Wenn du einen Job machst, dann mach ihn anständig. Denk an die Menschheit, alter Freund.«

»Warte mal einen Augenblick«, sagte ich alarmiert. »Du lädst gerade die ganze Sache auf meine Schultern.«

»Natürlich tue ich das, George«, entgegnete Menander herzlich. »Auf breite Schultern! Gute Schultern! Geschaffen dafür, Bürden zu tragen! Geh nach Hause, George, und mach dich daran, den Fluch von mir zu nehmen. Eine dankbare Menschheit wird dich mit ihren Segnungen überhäufen - oder auch nicht, da sie natürlich niemals davon erfahren wird, denn ich werde es niemandem verraten. Deine noble Tat wird nie durch Aufdeckung entehrt werden, verlaß dich auf mich, ich werde sie nie kundtun.«

Selbstlose Freundschaft ist etwas Wundervolles, dem nichts auf der Welt gleichkommt. Ich erhob mich sogleich, um mich an meine Aufgabe zu machen, und entfernte mich so rasch, daß ich versäumte, meinen Teil der Dinnerrechnung zu begleichen. Glücklicherweise bemerkte Menander es nicht, bevor ich das Restaurant bereits verlassen hatte.

Ich hatte einige Probleme, mit Azazel in Kontakt zu treten, und als es mir endlich gelang, schien er darüber nicht sonderlich erfreut. Sein zwei Zentimeter großer Körper war in einen rosafarbenen Schimmer gehüllt, und mit seiner schrillen Stimme rief er: »Ist dir je in den Sinn gekommen, daß ich gerade eine Dusche nehmen könnte?«

Tatsächlich ging ein leichter Geruch nach Ammoniak von ihm aus.

Demütig sagte ich: »Es handelt sich um einen dringenden Notfall, oh Mächtiger-für-den-Worte-nicht-ausreichen.«

»Nun gut, erzähl mir davon - aber denk daran: Laß es nicht den ganzen Tag dauern.«

»Sicher!« entgegnete ich und umriß die Angelegenheit in bewundernswerter Knappheit.

»Hmm«, sagte Azazel. »Ausnahmsweise hast du mir ein interessantes Problem präsentiert.«

»Habe ich das? Du meinst, es gibt tatsächlich so etwas wie Teleklutzismus?«

»Oh ja. Siehst du, durch die Quantenmechanik wissen wir, daß die Eigenschaften des Universums zu einem gewissen Grad vom Betrachter abhängen. Ebenso wie das Universum den Betrachter beeinflußt, so beeinflußt auch der Betrachter das Universum. Manche Betrachter beeinflussen das Universum auf widrige Weise, oder zumindest auf eine Weise, die sich auf andere Betrachter widrig auswirkt. So mag ein Betrachter die Entwicklung eines Sterns zur Supernova beschleunigen, was zu Irritationen bei anderen Betrachtern führen kann, die sich zu diesem Zeitpunkt unangenehm dicht bei diesem Stern befinden.«

»Ich verstehe. Nun, dann kannst du also meinem Freund Menander helfen und diesen quantenbeeinflussenden Effekt von ihm nehmen?«

»Oh, selbstverständlich! Leicht! Es wird mich zehn Sekunden kosten, und dann kann ich unter meine Dusche zurückkehren, zum Ritual des Laskorati, das ich mit zwei Samini von unvorstellbarer Lieblichkeit abzuhalten gedenke.«

»Warte! Warte! Das reicht nicht.«

»Sei nicht albern. Zwei Samini sind mehr als ausreichend. Nur ein Wüstling würde sich drei wünschen.«

»Ich meine, den Teleklutzismus zu entfernen reicht nicht. Menander will außerdem die Möglichkeit, die Menschheit zu retten.«

Für eine Minute glaubte ich, Azazel würde unsere lange Freundschaft und all das vergessen, was ich für ihn getan hatte, indem ich ihn mit interessanten Problemen versorgte, die seinen Verstand und seine magischen Fähigkeiten trainierten. Ich verstand nicht viel von dem, was er sagte, da die meisten der Worte aus seiner eigenen Sprache stammten, aber sie klangen sehr wie Sägeblätter, die über rostige Nägel kratzten.

Als er sich schließlich wieder auf ein gedämpftes Rot abgekühlt hatte, sagte er: »Und wie soll ich das anstellen?«

»Könnte dem Apostel der Unglaublichkeit irgend etwas zu schwierig sein?«

»Worauf du wetten kannst! Aber laß mal sehen ...« Er dachte eine Weile nach, dann platzte er heraus: »Wer im ganzen Universum würde denn die Menschheit retten wollen? Wo läge der Nutzen darin? Ihr verschmutzt doch diese ganze Gegend . Nun, nun, ich denke, es könnte klappen.«

Es dauerte keine zehn Sekunden. Es dauerte eine halbe Stunde, und eine äußerst unbehagliche halbe Stunde noch dazu, denn Azazel stöhnte einen guten Teil der Zeit, und in der restlichen hielt er immer wieder inne, um sich zu fragen, ob die Samini auch auf ihn warten würden.

Schließlich war er fertig, und natürlich hieß das für mich, daß ich den Erfolg der Angelegenheit bei Menander Block nachprüfen mußte.

Als ich Menander das nächste Mal sah, rief ich: »Du bist geheilt!«

Er starrte mich feindselig an. »Ist dir bewußt, daß du mich gestern abend mit der Dinnerrechnung hast sitzen lassen?«

»Gewiß eine Nebensächlichkeit, verglichen mit der Tatsache, daß du geheilt bist.«

»Ich fühle mich nicht geheilt.«

»Na, dann komm. Laß uns eine Ausfahrt machen. Du fährst.«

»Aber es sieht schon bewölkt aus. Tolle Heilung!«

»Fahr! Was haben wir zu verlieren?«

Er rangierte seinen Wagen rückwärts aus der Garage. Ein Mann, der auf der anderen Straßenseite vorüberkam, stolperte nicht über einen übervollen Abfallbehälter.

Menander steuerte die Straße hinunter. Die Ampel sprang nicht auf rot um, als er heranrollte, und zwei Autos, die an der nächsten Kreuzung aufeinander zuschlitterten, verfehlten sich um ein gutes Stück.

Als wir die Brücke erreichten, hatten sich die Wolken verzogen, und die Sonne leuchtete warm auf den Wagen herab. Seine Augen dagegen leuchteten nicht.

Schließlich kamen wir wieder bei ihm zuhause an, wo er ohne Scham zu weinen begann, so daß ich den Wagen für ihn einparken mußte. Ich fuhr eine leichte Schramme hinein, aber schließlich war ja auch nicht ich vom Teleklutzismus geheilt worden. Außerdem hätte es schlimmer kommen können. Ich hätte meinen eigenen Wagen demolieren können.

In den nächsten Tagen suchte er mich ständig auf. Schließlich war ich der einzige, der das Wunder zu würdigen wußte, das ihm widerfahren war.

So erzählte er: »Ich war tanzen, und nicht ein einziges Paar stolperte über seine eigenen Füße, stürzte und brach sich ein Schlüsselbein oder zwei. Ich konnte tanzen wie eine Sylphe, mit ganzer Hingabe, ohne daß meiner Partnerin schlecht wurde, obwohl sie höchst unvorsichtig gegessen hatte.«

Oder: »Auf der Arbeit installierten sie eine neue Klimaanlage, und kein einziges Mal fiel einem der Arbeiter ein Bauteil auf die Zehen, um sie unheilbar zu brechen.«

Oder gar: »Ich besuchte einen Freund im Krankenhaus -etwas, wovon ich niemals auch nur geträumt hätte -, und in keinem der Zimmer, die ich passierte, rutschte eine Nadel aus einer Vene. Keine einzige Injektion verfehlte ihr Ziel.«

Manchmal jedoch fragte er mich geknickt: »Bist du sicher, daß ich eine Chance erhalten werde, die Menschheit zu retten?«

»Ganz sicher«, entgegnete ich. »Das ist Bestandteil der Heilung.«

Doch dann kam der Tag, da er mich mit finsterem Blick aufsuchte. »Hör zu«, begann er. »Ich war gerade auf der Bank, um mich über meinen Kontostand zu informieren, der momentan etwas niedriger ist als er sein sollte, da du dich gerne aus Restaurants verabschiedest, bevor die Rechnung bezahlt ist. Aber ich konnte keine Auskunft bekommen, da das Computersystem just in dem Moment ausfiel, als ich hereinkam. Alle waren ganz durcheinander. Läßt die Heilung etwa nach?«

»Sie kann nicht nachlassen«, erklärte ich. »Vielleicht hatte das ja gar nichts mit dir zu tun. Möglicherweise war nur ein anderer Teleklutz in der Nähe, der noch nicht geheilt ist. Er kam vielleicht im gleichen Moment wie du herein.«

Aber das war es nicht. Der Computer der Bank stürzte zwei weitere Male ab, als er versuchte, seinen Kontostand in Erfahrung zu bringen. (Seine Nervosität bezüglich der armseligen Summe, die ich zu begleichen versäumt hatte, war für einen erwachsenen Mann ekelhaft.) Als schließlich das Computersystem in seiner Firma abstürzte, während er an dem Raum vorbeilief, wo es stationiert war, suchte er mich in einem Zustand auf, den ich nur als Panik beschreiben kann.

»Es ist wieder da, ich sage es dir! Es ist zurück!« schrie er. »Dieses Mal halte ich es nicht aus. Jetzt, da ich mich an das Normalsein gewöhnt habe, kann ich nicht mehr zu meiner alten Lebensweise zurückkehren. Ich muß mich umbringen.«

»Nein, nein, Menander. Das geht zu weit.«

Er schien einen weiteren Schrei im Ansatz zu unterdrücken und dachte über meinen Einwurf nach. »Du hast recht«, sagte er dann. »Das geht zu weit. Vielleicht sollte ich statt dessen dich umbringen. Dich wird schließlich niemand vermissen, und ich würde mich wenigstens ein bißchen besser fühlen.«

Ich verstand seinen Standpunkt, wenngleich nur zu einem gewissen Grad. So sagte ich: »Bevor du irgend etwas unternimmst, laß mich der Sache nachgehen. Hab Geduld, Menander. Immerhin ist es bisher nur mit Computern passiert, und wen interessieren Computer?«

Ich verließ ihn rasch, bevor er mir die Frage stellen konnte, wie er sich unverzüglich einen Kontoauszug besorgen sollte, wenn die Rechner in seiner Gegenwart stets abstürzten. Er war in dieser Hinsicht wirklich fanatisch.

Ähnlich verhielt es sich mit Azazel, allerdings hinsichtlich eines anderen Themas. Dieses Mal schien er mitten in das verstrickt, was er mit den beiden Samini anstellte, und als er Gestalt annahm, schlug er noch immer Purzelbäume. Bis zum heutigen Tag habe ich keine Ahnung, was die Purzelbäume mit der Sache zu tun hatten.

Ich glaube, er beruhigte sich nicht wesentlich, aber er war in der Lage, mir auseinanderzusetzen, was geschehen war, und mir oblag es anschließend, dies Menander zu erklären.

Ich bestand darauf, ihn im Park zu treffen. Ich wählte einen recht gut besuchten Abschnitt, da ich mich auf rasche Hilfe verlassen mußte, sollte er im übertragenen Sinne den Kopf verlieren und danach trachten, mich meinen im wörtlichen Sinne verlieren zu lassen.

»Menander«, hob ich an. »Dein Teleklutzismus ist noch aktiv, wirkt aber lediglich auf Computer. Nur auf Computer. Du hast mein Wort darauf. Hinsichtlich alles sonstigen bist du für immer geheilt.«

»Na, dann heile mich auch, was Computer angeht.«

»Wie die Dinge liegen, Menander, ist das unmöglich. Was Computer angeht, bist du nicht geheilt, ebenfalls für immer.« Die letzten Worte flüsterte ich, aber er verstand mich dennoch.

»Warum? Was bist du bloß für ein hasenhirniges, idiotisches, erbärmliches, omniklutzistisches Hinterteil eines toten Trampeltiers?«

»So wie du fragst, klingt es, als gäbe es da mehrere Varianten, Menander, und das ergibt wenig Sinn. Verstehst du denn nicht - du wolltest die Welt retten, deswegen ist alles so gekommen.«

»Nein, das verstehe ich nicht. Erklär es mir, und lass dir Zeit. Du hast fünfzehn Sekunden.«

»Sei vernünftig! Die Menschheit geht einer regelrechten Computer-Explosion entgegen. Computer werden immer vielseitiger, leistungsfähiger und intelligenter. Die Menschen werden in zunehmendem Maße abhängig von ihnen. Eines Tages wird ein Computer gebaut werden, der die Weltherrschaft ergreifen wird, und dann wird die Menschheit nichts mehr zu melden haben. Möglicherweise wird er sich überlegen, die überflüssigen Menschen auszulöschen. Natürlich reden wir uns selbstgefällig ein, wir könnten jederzeit >den Stecker ziehen<, aber du weißt, daß wir das nicht könnten. Ein Computer, der intelligent genug wäre, die Arbeit der ganzen Welt ohne uns zu erledigen, wäre in der Lage, seinen Stecker auf eigene Faust zu verteidigen und damit den Strom, den er benötigt.

Er wird unzerstörbar sein und die Menschheit dem Untergang geweiht. Und nun, mein Freund, kommst du ins Spie Du wirst in seine unmittelbare Umgebung gebracht werden, oder vielleicht wirst du auch nur einige Meilen entfernt vorüberlaufen, worauf er augenblicklich abstürzen wird, und die Menschheit ist gerettet! Die Menschheit ist gerettet! Stell dir das vor! Stell dir das vor!«

Menander stellte es sich vor. Und er sah nicht glücklich aus dabei. »Aber so lange kann ich keinem Computer zu nahe kommen«, erkannte er.

»Nun, der Computer-Klutzismus mußte natürlich fixiert und absolut beständig gemacht werden, damit wir sichergehen konnten, daß nichts schief geht, wenn es soweit ist, und daß sich der Computer deiner nicht irgendwie erwehren kann. Das ist der Preis, den du für das großartige Geschenk der Menschheitsrettung zahlen mußt, die du dir gewünscht hast und für die du auf alle Zeit geehrt werden wirst.«

»Ach?« sagte er. »Und wann wird diese Menschheitsrettung stattfinden?«

»Laut Azaz- ... laut meinen Quellen sollte das in etwa sechzig Jahren passieren«, erklärte ich. »Aber sieh es mal so: Jetzt weißt du, daß du mindestens neunzig Jahre alt werden wirst.«

»Und in der Zwischenzeit«, sagte Menander laut, ohne sich um all die Menschen um uns herum zu scheren, die uns schon anzustarren begannen, »in der Zwischenzeit wird die Welt immer computerisierter werden, und ich werde mich immer mehr Orten nicht mehr nähern können. Ich werde immer weniger in der Lage sein, bestimmte Dinge zu tun, und schließlich komplett in einem selbstgewählten Gefängnis festsitzen .«

»Aber am Ende wirst du die Menschheit retten! Das ist es doch, was du wolltest!«

»Zur Hölle mit der Menschheit!« kreischte Menander, sprang hoch und warf sich auf mich.

Es gelang mir nur, rechtzeitig zu entweichen, weil Passanten den armen Gesellen ergriffen und festhielten.

Heute befindet sich Menander in tiefenpsychologischer Behandlung bei einem Freudschen Psychiater von der überzeugtesten Sorte. Sie kostet ihn fraglos ein Vermögen und wird ihm - natürlich - nichts nützen.

Nachdem George seine Erzählung beendet hatte, starrte er in den Bierkrug, von dem ich wußte, daß ich ihn würde bezahlen müssen.

»Diese Geschichte hat eine Moral«, sagte er.

»Und die wäre?«

»Die Menschen sind einfach undankbar!«


Eine Frage des Prinzips

<p><strong>Eine Frage des Prinzips</strong></p>

George starrte düster in sein Glas, das meinen Drink enthielt (in dem Sinne, daß ich gewiß dafür würde zahlen müssen) und sagte: »Allein Prinzipien sind dafür verantwortlich, daß ich heute ein armer Mann bin.«

Daraufhin förderte er einen tiefen Seufzer aus der Gegend seines Nabels empor und fuhr fort: »Wenn ich >Prinzipien< erwähne, muß ich mich dafür entschuldigen, daß ich einen Ausdruck verwende, der dir unbekannt sein dürfte, außer vielleicht als Titel eines Prinzipals an der Grundschule, die du fast abgeschlossen hättest. Tatsächlich bin ich selbst ein Mann von Prinzipien.«

»Tatsächlich?« bemerkte ich. »Da du das nie zuvor und in niemandes Gegenwart hast durchscheinen lassen, nehme ich an, daß dir dieser Charakterzug vor gerade mal zwei Minuten von Azazel verliehen wurde?«

George sah mich betrübt an. Azazel ist der zwei Zentimeter große Dämon mit den erstaunlichen magischen Fähigkeiten, den allein George willentlich heraufzubeschwören in der Lage ist. »Ich kann mir nicht vorstellen, wo du von Azazel gehört haben solltest«, sagte er.

»Das ist mir ebenfalls ein großes Rätsel«, stimmte ich zu. »Oder wäre es zumindest, wenn er nicht dieser Tage dein alleiniges Gesprächsthema bildete.«

»Sei nicht albern«, erwiderte George. »Ich erwähne ihn niemals.«

Gottlieb Jones [sagte George] war ebenfalls ein Mann von Prinzipien. Man hätte das für eine völlige Unmöglichkeit halten können, zog man seinen Beruf als Werbetexter in Betracht, aber er erhob sich mit solcher Inbrunst über sein schändliches Gewerbe, daß es ein Genuß war, ihn dabei zu beobachten.

Immer wieder bekundete er mir über einem freundschaftlichen Hamburger und einem Teller Pommes Frites: »George, Worte können die Greuel meines Jobs nicht beschreiben, die Verzweiflung, die mich bei dem Gedanken daran befallt, daß ich mit überzeugenden Argumenten Produkte an den Mann bringen muß, von denen mir jedes Gefühl sagt, daß die Menschheit ohne sie besser dran wäre. Gerade gestern mußte ich helfen, eine neue Sorte Insekten-vernichter zu verkaufen, der Moskitos erwiesenermaßen hochfrequente Entzückensschreie entlockt, während sie sich aus meilenweiter Entfernung daraufstürzen. >Sei kein Moskito-Fraß - verwende Schnaken-Haß<, lautete mein Slogan.«

»Schnaken-Haß?« wiederholte ich mit einem Schaudern.

Gottlieb bedeckte die Augen mit einer Hand. Sicher hätte er beide genommen, wenn er nicht mit der anderen Pommes Frites in seinen Mund geschaufelt hätte. »Ich lebe mit dieser Schmach, George, und irgendwann werde ich den Job hinschmeißen müssen. Er vergewaltigt meine Geschäftsmoral und meine schöpferischen Ideale, und dabei bin ich doch ein Mann von Prinzipien.«

»Er bringt dir fünfzigtausend jährlich ein, Gottlieb«, gab ich höflich zu bedenken, »und du hast eine junge und wundervolle Frau und ein kleines Kind zu versorgen.«

»Geld ist Schmutz!« entgegnete Gottlieb heftig. »Ein wertloser Bestechungsversuch, damit ein Mann seine Seele verkauft. Ich lehne es ab, George; ich weise es voller Verachtung von mir; ich möchte nichts damit zu tun haben.«

»Aber Gottlieb, ganz gewiß tust du nichts dergleichen. Du akzeptierst dein Gehalt doch, oder nicht?« Ich gebe zu, daß ich für einen unangenehmen Moment einen mittellosen Gottlieb vor mir sah und die Anzahl von Mittagessen, die für uns beide zu bezahlen ihm seine Tugendhaftigkeit unmöglich gemacht hatte.

»Nun ja, das tue ich. Meine liebe Frau, Marilyn, hat die beunruhigende Angewohnheit, in Gesprächen von ansonsten gänzlich intellektueller Natur plötzlich ihr Haushaltsgeld zum Thema zu machen, gar nicht zu reden von der müßigen Erwähnung zahlreicher Einkäufe, die sie unbedacht in Kleiderboutiquen oder Ausstattungsläden tätigt. Dies übt einen mäßigenden Einfluß auf meine Pläne aus. Was den kleinen Gottlieb junior angeht, der gerade sechs Monate alt ist, so ist er noch nicht weit genug, die völlige Bedeutungslosigkeit von Geld zu erkennen -wenngleich ich ihm zugute halten muß, daß er mich noch nie um welches angepumpt hat.«

Er bekreuzigte sich, und ich seufzte mit ihm. Ich hatte bereits mehrfach vom unkooperativen Wesen von Frauen und Kindern in bezug auf finanzielle Dinge gehört, und dies ist einer der maßgeblichen Gründe, warum ich in dieser Hinsicht ein langes Leben hindurch ungebunden geblieben bin, wiewohl mein unwiderstehlicher Charme immer wieder dafür gesorgt hat, daß mir Reihen wundervoller Frauen heftig nachstellten.

Gottlieb Jones unterbrach unwissentlich diverse angenehme Erinnerungen, denen ich mich unschuldig hingab, indem er sagte: »Weißt du, was mein geheimer Traum ist, George?«

Für einen Moment trat ein so schlüpfriges Leuchten in seine Augen, daß ich leicht zusammenschrak und fürchtete, er könnte irgendwie meine Gedanken gelesen haben.

»Mein Traum ist es, Schriftsteller zu werden«, fuhr er dessen ungeachtet fort. »Schneidende Enthüllungen über die bebenden Tiefen der menschlichen Seele zu verfassen und sie der Menschheit vor äugen zu halten, auf daß sie zugleich erschauere und sich delektiere an der herrlichen Komplexität menschlicher Befindlichkeit; meinen Namen in großen, unauslöschlichen Lettern im Feld der klassischen Literatur zu verewigen und über die Generationen hinweg fortzubestehen neben solchen Männern und Frauen wie Aischylos, Shakespeare und Ellison.«

Wir hatten unser Mahl beendet, und ich wartete angespannt auf die Rechnung, um in exakt jenem Augenblick meiner Aufmerksamkeit kurz zu gestatten, sich von etwas anderem ablenken zu lassen. Der Ober, schätzte die Angelegenheit mit der scharfen Auffassungsgabe ein, die seiner Profession eigen ist, und reichte sie Gottlieb.

Ich entspannte mich und sagte: »Lieber Gottlieb, erwäge die Konsequenzen, die möglicherweise folgen würden. Erst kürzlich las ich in einer Zeitung von höchster Glaubwürdigkeit, die ein Gentleman neben mir in der Hand hielt, daß es in den Vereinigten Staaten fünfunddreißigtausend publizierte Schriftsteller gibt; von diesen leben gerade einmal siebenhundert von ihrer Arbeit, und fünfzig - nur fünfzig, mein Freund - sind reich. Verglichen damit ist dein gegenwärtiges Gehalt ...«

»Pah«, machte Gottlieb. »Es ist nicht von Bedeutung für mich, ob ich Geld verdiene oder nicht, wenn es mir gelingt, Unsterblichkeit zu erlangen und allen kommenden Generationen ein unschätzbares Geschenk aus Einsicht und Verständnis zu hinterlassen. Leicht könnte ich die Unbequemlichkeit ertragen, daß Marilyn einen Job als Kellnerin oder eine andere einfache Tätigkeit annehmen müßte.

Ich bin mir sicher, daß sie es als Privileg erachten würde oder zumindest sollte, bei Tag zu arbeiten und sich des Nachts um Gottlieb junior zu kümmern, auf daß das Künstlertum freie Bahn habe. Lediglich ...« Er hielt inne.

»Lediglich?« forderte ich ihn auf.

»Nun, ich weiß nicht, woran es liegt, George«, erklärte er, und ein gereizter Ton bemächtigte sich seiner Stimme. »Aber es gibt eine Kleinigkeit, die mir noch im Wege steht. Es scheint, als könnte ich es nicht. Mein Hirn wimmelt vor Einfällen von ungeheurer Tragweite. Szenen, Dialogfetzen, Situationen von außerordentlicher Lebendigkeit strömen ohne Unterlaß durch meinen Verstand. Lediglich die unbedeutende Kleinigkeit, sie tatsächlich in passende Worte zu kleiden, will mir nicht gelingen. Es kann nur ein unbedeutendes Problem sein, denn jeder unfähige Schreiberling, so wie dein Freund mit dem merkwürdigen Namen, scheint keine Schwierigkeiten damit zu haben, Bücher zu Hunderten zu produzieren. Ich habe lediglich den Trick noch nicht durchschaut.«

(Gewiß meinte er dich, mein lieber Freund, so zutreffend, wie der Ausdruck >unfähiger Schreiberling< ist. Natürlich wollte ich dich verteidigen, aber ich fühlte, daß ich auf verlorenem Posten gestanden hätte.)

»Sicher hast du es einfach noch nicht mit dem nötigen Ernst probiert«, vermutete ich.

»Und ob ich das habe! Ich habe hunderte Seiten Papier, und auf jeder befindet sich der erste Absatz eines wunderbaren Romans - der erste Absatz und nichts sonst. Hunderte verschiedener erster Absätze für Hunderte verschiedener Romane. Der Stolperstein bei jedem einzelnen ist der zweite Absatz.«

Ein brillanter Einfall kam mir, doch das überraschte mich nicht. Mein Verstand brütet die ganze Zeit über brillante Einfälle aus.

»Gottlieb«, sagte ich. »Ich kann dieses Problem für dich lösen. Ich kann einen Schriftsteller aus dir machen. Ich kann dich reich machen.«

Er sah mich mit einem unschönen Anflug von Skepsis an. »Du kannst das?« erkundigte er sich mit einer höchst unschmeichelhaften Betonung des Pronoms.

Wir waren aufgestanden und hatten das Restaurant verlassen. Ich registrierte, daß Gottlieb vergessen hatte, Trinkgeld zu hinterlassen, aber ich erachtete es als nicht sehr diplomatisch, ihn darauf aufmerksam zu machen, da er sonst auf die erschreckende Eingebung hätte kommen können, ich solle mich darum kümmern.

»Mein Freund«, sagte ich. »Ich kenne das Geheimnis des zweiten Absatzes, und aus diesem Grund kann ich dich reich und berühmt machen.«

»Ha! Was ist das Geheimnis?«

Sanft sagte ich (und nun dringen wir zu dem brillanten Einfall vor, der mir gekommen war): »Gottlieb, wer arbeitet, soll auch bezahlt werden.«

Gottlieb lachte kurz. »Mein Vertrauen in dich ist dergestalt, George, daß ich keinerlei Bedenken habe, dir die Hälfte all meiner Einkünfte zuzusichern, wenn du mich zu einem reichen und berühmten Schriftsteller machen kannst - abzüglich aller Geschäftsausgaben, versteht sich.«

Nochmals sanfter entgegnete ich: »Ich weiß, daß du ein Mann von Prinzipien bist, Gottlieb, folglich wird dich dein bloßes Wort an unsere Vereinbarung binden wie Ringe aus feinstem Stahl, aber würdest du nicht, nur so zum Spaß -ha, ha - zustimmen, diese Vereinbarung in schriftlicher Form niederzulegen, sie zu unterschreiben und - noch mehr zum Spaß, ha, ha - notariell beglaubigen zu lassen? Wir könnten jeder ein Exemplar davon behalten.«

Die kleine Transaktion nahm lediglich eine halbe Stunde in Anspruch, da es dafür nur eines öffentlichen Notars bedurfte, der nebenbei noch als Schreibkraft arbeitete und ein Freund von mir war.

Ich steckte mein Exemplar des kostbaren Papiers vorsichtig in meinen Geldbeutel und sagte: »Ich kann dir das Geheimnis nicht sofort zugänglich machen, aber sobald ich alles in die Wege geleitet habe, gebe ich dir Bescheid. Dann kannst du versuchen, einen Roman zu schreiben, und wirst feststellen, daß du keine Schwierigkeiten mit dem zweiten Absatz mehr haben wirst - und auch nicht mit dem tausendundzweiten. Natürlich schuldest du mir nichts, bis der erste Vorschuß hereinkommt - ein sehr hoher, dafür bürge ich.«

»Das will ich hoffen«, sagte Gottlieb gehässig.

Noch am selben Abend hielt ich das Ritual ab und rief Azazel herbei. Er ist nur zwei Zentimeter groß und in seiner Welt eine Persönlichkeit ohne großes Ansehen. Das ist der einzige Grund, weshalb er willens ist, mir bei verschiedenen Kleinigkeiten auszuhelfen. Dadurch kann er sich wichtig fühlen.

Natürlich kann ich ihn nicht davon überzeugen, irgend etwas zu unternehmen, das mich auf direkte Weise reich machen würde. Das kleine Geschöpf besteht darauf, daß dies eine inakzeptable Kommerzialisierung seiner Kunst wäre. Auch von meiner Versicherung, alles, was er tue, werde auf absolut selbstlose Weise zum Wohl der Welt eingesetzt, läßt er sich nicht überzeugen. Als ich ihm dies mitteilte, stieß er einen seltsamen Laut aus, dessen Bedeutung ich nicht verstand und von dem er behauptete, er habe ihn von einem Einheimischen der Bronx gelernt.

Aus diesem Grund erklärte ich ihm auch nicht die Hintergründe meiner Abmachung mit Gottlieb Jones. Nicht Azazel würde mich reich machen. Gottlieb würde mich reich machen, nachdem Azazel ihn reich gemacht hatte -aber ich hegte keine Hoffnung, daß Azazel diesen feinen Unterschied begreifen würde.

Azazel war wie üblich etwas gereizt darüber, herbeigerufen zu werden. Sein kleiner Kopf war mit etwas geschmückt, das aussah wie winzige Wedel Seegras, und seinen recht unzusammenhängenden Aussagen entnahm ich, daß er sich gerade noch mitten in einer akademischen Zeremonie befunden hatte, in deren Verlauf ihm irgendeine Ehrung zuteil werden sollte. Da er in seiner Welt nicht wirklich von Bedeutung war, wie ich zuvor erwähnte, tendierte er dazu, solchen Ereignissen viel zu viel Bedeutung beizumessen, weswegen seine Reaktion verbittert ausfiel.

Ich tat sie mit einem Achselzucken ab und sagte: »Du kannst dich doch meines unbedeutenden Anliegens annehmen und anschließend zu exakt jenem Zeitpunkt zurückkehren, den du verlassen hast. Niemand wird bemerken, daß du überhaupt fort warst.«

Er murrte noch ein wenig, mußte aber zugeben, daß ich recht hatte, worauf die Luft in seiner unmittelbaren Umgebung von winzigen Blitzen durchzuckt wurde.

»Also, was willst du?« erkundigte er sich.

Ich erläuterte es ihm »Sein Geschäft ist die Vermittlung von Ideen, richtig?« begann Azazel daraufhin. »Das Umsetzen von Ideen in Worte, wie bei deinem Freund mit dem komischen Namen?«

»Das trifft zu, aber er wünscht sich, das mit einer gesteigerten Effizienz zu tun und diejenigen, mit denen er zu tun hat, zufriedenzustellen, auf daß ihm großer Beifall zuteil werde - und auch Reichtum, wenngleich er diesen eher als meßbaren Beleg für seinen Ruhm wünscht, denn Geld an sich verachtet er.«

»Ich verstehe. Auch in unserer Welt haben wir Wörterschmiede, und einer wie der andere suchen sie ausschließlich Ruhm und Ehre und würden nie auch nur den kleinsten Betrag in handfester Währung akzeptieren, es sei denn als meßbaren Beleg für ihren Ruhm.«

Ich lachte nachsichtig. »Eine Schwäche dieses Berufsstandes. Du und ich können uns glücklich schätzen, über solchen Dingen zu stehen.«

»Nun«, sagte Azazel. »Ich kann hier nicht für den Rest des Jahres bleiben, oder es würde mir schwerfallen, den exakten Zeitpunkt für meine Rückkehr zu treffen. Ist dein Freund in mentaler Reichweite?«

Wir hatten Mühe, ihn ausfindig zu machen, obwohl ich die Lage seiner Werbeagentur auf einer Karte bestimmte und auf die mir eigene eloquente und akkurate Weise eine Beschreibung des Mannes abgab - aber ich will dich nicht mit nebensächlichen Details langweilen.

Schließlich war Gottlieb aufgespürt, und nach einer kurzen Untersuchung sagte Azaze »Ein absonderliches Gemüt, wie es jedoch unter eurer unerfreulichen Spezies häufig vorkommt. Weich wie Gummi, und gleichzeitig zerbrechlich. Ich erkenne den Wörterschmied-Schaltkreis, aber er ist verknotet und uneben - kein Wunder, daß er Probleme hat. Ich kann den hinderlichen Teil entfernen, aber das könnte die Stabilität seines Verstandes gefährden. Ich glaube es zwar nicht, denn ich bin geschickt genug, aber eine gewisses Restrisiko bleibt immer. Denkst du, er wäre bereit, dieses Risiko einzugehen?«

»Oh, ohne jeden Zweifel!« entgegnete ich. »Er ist versessen auf Ruhm und darauf, der Welt durch seine Kunst zu dienen. Er würde nicht eine Sekunde zögern, das Risiko einzugehen.«

»Ja, aber wie ich annehme, bist du sein ergebener Freund. Er ist möglicherweise geblendet von seinem eigenen Ehrgeiz und seinem Drang, Gutes zu tun, doch du siehst die Dinge möglicherweise etwas klarer. Bist du der Ansicht, er sollte diese Chance wahrnehmen?«

»Mein einziges Ziel«, entgegnete ich, »ist, ihn glücklich zu machen, rang schon an, hack es weg, so vorsichtig du kannst, und sollte etwas schiefgehen - nun, dann geschah es für eine gute Sache.« (Und um eine solche handelte es sich natürlich, denn wenn alles glatt ging, würde ich die Hälfte der Einkünfte erhalten.)

Und so wurde die Tat vollbracht. Azazel machte wie stets ein großes Theater darum, lag ein Weile keuchend auf dem Boden und murmelte etwas von unzumutbaren Wünschen, aber ich erinnerte ihn an die Freude, die er Millionen von Menschen bringen würde und daran, dal?, er in dieser Situation nicht nur an sich denken dürfe. Nach diesen erbaulichen Worten ging es ihm besser, und er verabschiedete sich, um seine Ehrung entgegenzunehmen, um was immer es sich dabei handelte.

Etwa eine Woche später suchte ich Gottlieb Jones auf. Ich hatte es nicht darauf angelegt, ihn früher wiederzusehen, da ich dachte, er brauche vielleicht eine gewisse Weile, um sich an sein neues Hirn zu gewöhnen. Zudem hatte ich es vorgezogen, zunächst auf indirektem Wege Erkundigungen über ihn einzuholen, um sicherzugehen, daß sein Verstand nicht während des Eingriffs geschädigt worden war. In diesem Fall hätte ich von einem Treffen abgesehen. Mein Verlust - und der seine selbstverständlich - hätte ein Wiedersehen zu quälend gemacht.

Doch ich hörte diesbezüglich nichts Widriges, und als ich ihn schließlich beim Verlassen des Gebäudes, in dem seine Agentur ihren Sitz hatte, traf, wirkte er ebenfalls ganz normal. Ich bemerkte jedoch sogleich die Atmosphäre tief sitzender Melancholie, die ihn umgab. Aber sie ist seinem Berufsstand eigen, denke ich, vielleicht wegen des ständigen Kontakts mit Herausgebern.

»Ach, George«, sagte er matt.

»Gottlieb, wie schön, dich zu sehen«, erwiderte ich. »Du siehst besser aus als je zuvor.« (Tatsächlich ist er, wie alle Schreiber, ziemlich häßlich, aber man muß ja höflich sein.) »In letzter Zeit mal versucht, einen Roman zu schreiben?«

»Nein, habe ich nicht.« Dann, als würde er sich gerade an etwas erinnern, fügte er hinzu: »Warum? Wirst du mir endlich das Geheimnis des zweiten Absatzes verraten?«

Ich war erleichtert, daß er sich daran erinnerte, war dies doch ein weiteres Anzeichen dafür, daß sein Gehirn so funktionstüchtig war wie eh und je.

»Aber es wurde doch bereits alles erledigt, mein lieber Freund«, erklärte ich ihm. »Es bestand keine Notwenigkeit, dir etwas zu erklären. Ich verfüge über subtilere Methoden als das. Du mußt lediglich nach Hause gehen und dich an deine Schreibmaschine setzen, und du wirst sehen, daß du schreibst wie ein Engel. Sei beruhigt, denn deine Schwierigkeiten sind vorüber, und Romane werden mühelos aus deiner Schreibmaschine purzeln. Schreib zwei Kapitel und eine Zusammenfassung dessen, was im Rest des Buches passiert, und ich bin absolut sicher, daß jeder Verleger, dem du dies vorlegst, Freudenschreie ausstoßen und dir augenblicklich einen dicken Scheck ausstellen wird, von dem jeder einzelne Cent zur Hälfte dir gehört.«

»Pah!« schnaubte Gottlieb.

»Ich versichere es dir«, sagte ich und legte eine Hand auf mein Herz, das, wie du weißt, im übertragenen Sinn so groß ist, daß es meinen gesamten Brustraum ausfüllt. »In Wahrheit denke ich sogar, es wäre völlig angebracht, diesen schmutzigen Job hier aufzugeben, damit er in keiner Weise das reine Material infizieren kann, das aus deiner Schreibmaschine quellen wird. Du mußt es nur versuchen, Gottlieb, und du wirst mir zustimmen, daß ich mir meine Hälfte redlich verdient habe.«

»Du meinst also, ich soll meinen Job kündigen?«

»Genau!«

»Das kann ich nicht.«

»Natürlich kannst du das. Kehre dieser schändlichen Stellung den Rücken. Wende dich ab von der verdummenden Aufgabe kommerzieller Marktschreierei.«

»Ich sage dir doch, ich kann nicht kündigen. Ich bin gerade gefeuert worden.«

»Gefeuert?«

»Ja. Und zwar unter Beschimpfungen, die ein derartiges Fehlen von Wertschätzung erkennen ließen, daß ich nicht die Absicht habe, sie je zu verzeihen.«

Wir wandten uns ab und liefen auf den kleinen und günstigen Laden zu, wo wir gewöhnlich zu Mittag aßen.

Über einem Pastramisandwich begann er mürrisch zu erzählen. »Als ich gerade an einer Anzeige für einen Lufterfrischer saß, wurde ich plötzlich von der Vornehmheit des Themas überwältigt. Wir konnten nicht einfach das Wort >Geruch< verwenden. Plötzlich hatte ich das Gefühl, meine Gedanken frei äußern zu müssen. Wenn wir diesen verdammten Müll schon bewerben mußten, wieso dann nicht ordentlich? Also schrieb ich oben über den heiklen Entwurf Luft ohne Duft, unten auf das Blatt Krieg dem Mief, und schickte es ohne Zögern per Eilbote dem Kunden, ohne es vorher noch einmal jemandem zu zeigen.

Nachdem ich es weggeschickt hatte, dachte ich Warum nicht?< und sandte meinem Chef ein Memo, der daraufhin einen sehr lauten Anfall hatte, der ihn gefährlich nahe an einen Infarkt brachte. Er rief mich zu sich und teilte mir mit, daß ich gefeuert sei, und zwar vermittels einer Reihe wüster Ausdrücke, die er gewiß nicht auf dem Schoß seiner Mutter gelernt hatte - es sei denn, es wäre eine sehr ungewöhnliche Mutter gewesen. Und hier bin ich jetzt, arbeitslos.«

Er sah mich mit einer feindseligen Grimasse an. »Ich nehme an, du sagst mir jetzt, daß du hinter all dem steckst.«

»Natürlich tue ich das«, antwortete ich. »Du hast getan, wovon du unbewußt ahntest, daß es das Richtige ist. Du hast gezielt dafür gesorgt, daß sie dich rauswarfen, um endlich deine ganze Zeit der wahren Kunst widmen zu können. Gottlieb, mein Freund, geh jetzt nach Hause. Schreib deinen Roman und achte darauf, daß der Vorschuß nicht unter hunderttausend Dollar liegt. Da keine Geschäftsausgaben zu verrechnen sein werden, ausgenommen ein paar Cent für Schreibmaschinenpapier, mußt du nichts davon abziehen und kannst fünfzigtausend behalten.«

»Du bist verrückt«, sagte er.

»Ich bin nur zuversichtlich«, widersprach ich. »Und um das zu beweisen, werde ich unser Mittagessen bezahlen.«

»Du bist verrückt«, wiederholte er mit irgendwie ehrfürchtiger Stimme und ließ mich tatsächlich die Rechnung zahlen, obwohl er doch gewußt haben mußte, daß mein Angebot lediglich rhetorischer Natur gewesen war.

Am folgenden Abend rief ich ihn an. Normalerweise hätte ich länger damit gewartet. Ich wollte ihn nicht drängen. Aber ich hatte mittlerweile finanziell in ihn investiert. Das Mittagessen hatte mich elf Dollar gekostet, von dem Vierteldollar Trinkgeld, den ich gegeben hatte, gar nicht zu reden, und logischerweise war ich ruhelos. Du verstehst das.

»Gottlieb«, begann ich, »wie geht der Roman von der Hand?«

»Prima«, antwortete er. »Keine Probleme. Ich habe zwanzig Seiten runtergetippt, und guten Stoff noch dazu.«

Er sagte das jedoch gleichgültig, als gehe ihm noch etwas anderes im Kopf herum. Ich fragte ihn: »Warum machst du dann keine Luftsprünge vor Freude?«

»Wegen des Romans? Sei nicht albern. Feinberg, Saltzberg und Rosenberg riefen vorhin an.«

»Deine Werbe. deine Ex-Werbeagentur?«

»Ja. Natürlich nicht alle von ihnen, nur Mister Feinberg. Er will mich wieder einstellen.«

»Ich bin sicher, Gottlieb, daß du ihm klar zu verstehen gegeben hast, daß er dich am ...«

Doch Gottlieb ließ mich nicht ausreden. »Offenbar ist der Lufterfrischerkunde wegen meiner Anzeige ausgeflippt. Er will sie verwenden und dazu die Genehmigung haben, sie für eine Werbeoffensive, sowohl im Fernsehen als auch in Printmedien, zu verwenden, und sie wollen den Texter des Slogans, um die Kampagne zu leiten. Der Kunde sagt, was ich gemacht habe, sei kühn und zielsicher und treffe perfekt den Nerv der Achtziger. Er sagt, sie wollen Werbung machen, die erfolgreich wird wie noch keine zuvor, und dafür brauchen sie mich. Klar, daß ich gesagt habe, ich würde es mir überlegen.«

»Das ist ein Fehler, Gottlieb.«

»Es sollte mir gelingen, ihnen eine Gehaltserhöhung abzuringen, und zwar eine erhebliche. Ich habe nämlich die Worte nicht vergessen, die Feinberg mir hinterherwarf -einige davon auf Jiddisch.«

»Geld ist Schmutz, Gottlieb.«

»Natürlich, George, aber ich möchte doch gerne schauen, wieviel Schmutz im Spiel ist.«

Ich war nicht wirklich besorgt. Ich wußte, wie sehr die Aufgabe, Werbetexte zu verfassen, an Gottliebs sensibler Seele kratzte, und ich wußte, wie verlockend die Leichtigkeit sich anfühlen würde, mit der er jetzt einen Roman verfassen konnte. Das einzige, was ich tun mußte, war zu warten und (um einen weisen Satz zu prägen) den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Dann jedoch kamen die Lufterfrischeranzeigen heraus, und sie schlugen in der Bevölkerung augenblicklich ein. »Krieg dem Mief« wurde zu einem geflügelten Wort für die Jugend Amerikas, und jedes Mal, wenn es benutzt wurde, war das, gewollt oder nicht, Werbung für das Produkt.

Ich kann mir vorstellen, daß du dich an dieses Modewort erinnern wirst - natürlich tust du das, denn ich hörte, daß Ablehnungsschreiben mit diesem Wortlaut bei den Zeitschriften, für die du zu schreiben versuchst, gang und gebe wurden, und dort dürftest du ihm häufig begegnet sein.

Weitere Anzeigen ähnlichen Wortlauts wurden veröffentlicht, und sie waren ähnlich erfolgreich.

Und plötzlich verstand ich: Azazel war es gelungen, Gottlieb jene Geistesverfassung zu schenken, die es ihm ermöglichte, die Masse mit seinen Texten anzusprechen, doch da er klein war und ohne großen Einfluß, war er unfähig gewesen, Gottliebs Verstand feinzujustieren und seine Gabe ausschließlich auf Romane auszurichten. Möglicherweise wußte Azazel auch einfach nicht, was ein Roman überhaupt war.

Aber machte das einen Unterschied?

Ich kann nicht behaupten, daß Gottlieb ausdrücklich begeistert war, als er mich beim Nachhausekommen auf seiner Türschwelle antraf, aber er war auch nicht so ehrlos zu versäumen, mich hereinzubitten. Tatsächlich stellte ich mit gewisser Genugtuung fest, daß er gar nicht anders konnte, als mich einzulassen, wenngleich er diese Freude zu schmälern suchte (vorsätzlich, wie ich glaube), indem er mich Gottlieb junior eine ganze Weile halten ließ. Es war eine fürchterliche Erfahrung.

Anschließend, als wir allein im Eßzimmer waren, erkundigte ich mich: »Und, wieviel Schmutz hast du angehäuft, Gottlieb?«

Er sah mich tadelnd an. »Nenn es nicht Schmutz, George. Das ist respektlos. Fünfzigtausend im Jahr sind Schmutz, da stimme ich dir zu, aber hunderttausend jährlich, plus einige höchst befriedigende Nebeneinkünfte, sind ein finanzieller Status.

Was noch dazukommt: Ich werde demnächst mein eigenes Unternehmen gründen und Multimillionär werden, ein Niveau, ab dem Geld zu einer Tugend wird - oder zu Macht, was natürlich im Grunde dasselbe ist. Mit dieser Macht werde ich unter anderem in der Lage sein, Feinberg aus dem Geschäft zu drängen. Das wird ihn lehren, mir gegenüber Worte zu verwenden, mit denen kein Gentleman einen anderen bedenken sollte. Bei der Gelegenheit - weißt du zufällig, was >Schmendrick< bedeutet, George?«

Diesbezüglich konnte ich ihm nicht weiterhelfen. Ich bin in einer ganzen Reihe von Sprachen bewandert, aber Urdu ist nicht darunter. »Also bist du reich geworden«, stellte ich fest.

»Und ich plane, noch weitaus reicher zu werden.«

»In diesem Fall, Gottlieb, darf ich darauf hinweisen, daß dies erst passiert ist, nachdem ich zugestimmt hatte, dich reich zu machen, woraufhin du mir deinerseits die Hälfte deiner Einkünfte zusagtest.«

Gottliebs Augenbrauen zogen sich mißbilligend zusammen. »Tatest du das? Tat ich das?«

»Nun, ja. Ich gebe zu, es ist eines jener Dinge, die man schnell vergißt, aber glücklicherweise wurde alles schriftlich festgehalten - >in Vergütung erstatteter Dienste<, Unterschrift, notarielles Siegel und so weiter. Und ganz zufallig habe ich eine Kopie dieser Vereinbarung bei mir.«

»Aha. Könnte ich sie wohl einmal sehen?«

»Selbstverständlich, aber ich darf betonen, daß es sich lediglich um eine Fotokopie handelt. Solltest du sie also in deinem Eifer, sie genau zu begutachten, zufällig in kleine Stücke zerreißen, befindet sich das Original immer noch in meinem Besitz.«

»Ein weises Vorgehen, George, aber hab keine Angst. Wenn sich alles so verhält, wie du sagst, dann wird dir kein Bißchen, kein Quentchen, ja: kein einziger Penny vorenthalten bleiben. Ich bin ein Mann von Prinzipien, und ich halte mich wortgetreu an alle Abmachungen.«

Ich gab ihm die Kopie, und er studierte sie aufmerksam. »Ach ja«, sagte er dann. »Ich erinnere mich. Natürlich. Da wäre lediglich eine Kleinigkeit .«

»Was?« wollte ich wissen.

»Nun, diese Vereinbarung bezieht sich auf meine Einkünfte als Schriftsteller. Ich bin kein Schriftsteller, George.«

»Du wolltest einer sein, und du kannst es sein, wann immer du dich an die Schreibmaschine setzt.«

»Aber ich will das gar nicht mehr, George, und ich denke nicht, daß ich mich noch einmal an die Schreibmaschine setzen werde.«

»Aber große Romane bedeuten unsterblichen Ruhm. Was können dir deine idiotischen Werbesprüche schon bieten?«

»Massen von Geld, George, plus eine riesige Firma, dir mir gehören wird und in der unzählige jämmerliche Texter beschäftigt sein werden, deren Leben ich dann in meiner Hand halte. Hatte Tolstoi je etwas Vergleichbares? Oder del Rey?«

Ich konnte es nicht glauben. »Und nach allem, was ich für dich getan habe, weigerst du dich, mir auch nur einen roten Heller abzugeben, einzig aufgrund eines einzelnen Wortes in unserer ehrbaren Abmachung?«

»Hast du dich gar auch schon am Schreiben versucht, George? Ich hätte die Situation nämlich nicht treffender und prägnanter in Worte fassen können. Meine Grundsätze binden mich an den Wortlaut unseres Vertrages, und ich bin ein Mann von Prinzipien.«

Von dieser Position war er nicht abzubringen, und ich ahnte, daß es der Sache nicht zuträglich sein würde, die Sprache auf die elf Dollar zu bringen, die ich für unser letztes gemeinsames Mittagessen bezahlt hatte.

Von dem Vierteldollar Trinkgeld gar nicht zu reden.

George erhob sich und ging, und das in einem Zustand derart theatralischer Verzweiflung, daß ich davon absah, ihn zu bitten, daß er doch vorher seinen Anteil der Getränke zahlen solle. Ich ließ mir die Rechnung bringen, und als sie kam, stellte ich fest, daß sie genau zweiundzwanzig Dollar betrug.

Ich bewunderte die ausgeklügelte Rechenkunst, mit der George sich selbst seine Auslage zurückerstattet hatte, und fühlte mich genötigt, einen halben Dollar Trinkgeld zu hinterlassen.


Vom Übel des Alkohols

<p><strong>Vom Übel des Alkohols</strong></p>

»Das Übel, das Alkohol anrichten kann«, sagte George mit einem stark alkoholisierten Seufzer, »läßt sich nur schwer ermessen.«

»Nicht, wenn du nüchtern wärst«, entgegnete ich.

Er starrte mich mit seinen hellblauen Augen an, sein Blick halb vorwurfsvoll, halb entrüstet. »Wann war ich das jemals nicht?« wollte er wissen.

»Seit deiner Geburt«, erklärte ich, doch als ich merkte, daß ich ihm Unrecht tat, schwächte ich meine Anmerkung rasch ab: »Seit du abgestillt wurdest.«

»Ich nehme an«, sagte George, »daß dies einer deiner fruchtlosen Anflüge von Humor sein soll.« Und in wohlbedachter Geistesabwesenheit hob er meinen Drink an die Lippen, trank davon und senkte die Hand wieder, wobei er das Glas mit eisernem Griff umklammert hielt.

Ich ließ ihn gewähren. George einen Drink wegnehmen zu wollen, war etwa so, als versuche man, einer hungrigen Bulldogge ihren Knochen zu stehlen.

Er fuhr fort: »Als ich das sagte, dachte ich an eine junge Frau, der ich einst in onkelhafter Zuneigung zugetan war und die den Namen Ishtar Mistik trug.«

»Ein ungewöhnlicher Name«, merkte ich an.

»Aber ein zutreffender, denn Ishtar ist die babylonische Göttin der Liebe, und eine wahre Liebesgöttin war auch Ishtar - potentiell zumindest.«

Ishtar Mistik [sagte George] war, was man eine höchst ansehnliche Frauengestalt nennen würde, so man über etwas angeborenes Understatement verfügte. Ihr Gesicht war im klassischen Sinne wunderschön, jedes Merkmal perfekt, und gekrönt wurde es durch einen Nimbus goldenen Haares, so fein und glänzend, daß es wie ein Heiligenschein wirkte. Ihren Körper konnte man einzig als aphrodisisch bezeichnen. Er war wogend und wunderschön, eine Kombination von Festigkeit und Nachgiebigkeit, in sanfter Perfektion vereint.

Da du zu schmutzigen Gedanken neigst, magst du dich fragen, woher ich die taktilen Aspekte ihrer Reize kenne, aber ich versichere dir, daß es sich dabei um eine reine Ferneinschätzung handelt, die mir aufgrund meiner großen Erfahrung in solchen Dingen möglich war und in diesem speziellen Fall nicht aus direkter Observation erwuchs.

Vollständig bekleidet hätte sie jedenfalls ein besseres Centerfold abgegeben als jede andere, welche man auf eine Weise abgebildet hätte, die Magazinen zur künstlerischen Darstellung solcher Dinge eigen ist. Schmale Hüften, oben und unten begrenzt von solch ausgeglichener Üppigkeit, wie du sie dir kaum vorstellen kannst, ohne sie je gesehen zu haben; lange Beine, anmutige Arme, jede einzelne Bewegung ein Anlaß zu Verzückung.

Und obgleich man kaum so unverschämt sein könnte, mehr zu verlangen als solche physische Vollkommenheit, verfügte Ishtar noch dazu über einen scharfen und wachen Verstand und hatte ihr Studium an der Columbia University summa cum laude abgeschlossen - auch wenn man gerechterweise davon ausgehen sollte, daß der durchschnittliche Collegelehrer sich beim Benoten von Ishtar Mistik bemüßigt fühlte, im Zweifelsfall zu ihren Gunsten zu entscheiden. Da auch du Lehrer an einem College bist, mein lieber Freund (und ich sage dies, ohne daß ich deine Gefühle verletzen möchte), kann ich nur die niedrigste Meinung von diesem Berufsstand haben.

Aufgrund all dessen hätte man nun annehmen können, daß Ishtar sich die Männer nur auszusuchen brauchte, und daß sie ihre Wahl jeden Tag aus einem frischen Schwung hätte erneuern können. Tatsächlich war mir bereits zuweilen durch den Sinn gegangen, daß ich, sollte ihre Wahl dabei je auf mich fallen, mich bemüht hätte, die Herausforderung aus gentlemanhafter Hochachtung vor dem schönen Geschlecht anzunehmen. Aber wie ich eingestehen muß, zögerte ich, ihr diesen Umstand begreiflich zu machen.

Denn wenn Ishtar überhaupt einen winzigen Makel hatte, dann war es, daß sie eine so ehrfurchtgebietende Erscheinung war. Sie maß über einsfünfundachtzig und hatte eine Stimme, die, wenn sie sich aufregte, an einen Fanfarenstoß erinnerte. Außerdem erinnerte man sich, daß sie sich einst mit einem massigen Rowdy angelegt hatte, der unvorsichtigerweise versuchte, sich bei ihr etwas herauszunehmen, und den sie in die Höhe gehoben und quer über die Straße, die übrigens recht breit war, gegen einen Laternenmast geschleudert hatte. Er verbrachte sechs Monate im Krankenhaus.

Daher herrschte eine gewisse Abneigung auf seiten der männlichen Bevölkerung, ihr gegenüber irgendwelche Avancen zu unternehmen, und seien es die ehrfürchtigsten gewesen. Der unleugbare Impuls, dies zu tun, unterlag zumeist der eingehenden Erwägung, ob es körperlich sicher war, den Versuch überhaupt zu unternehmen. Selbst ich -wie du weißt, tapfer wie ein Löwe - ertappte mich dabei, daß ich die Möglichkeit gebrochener Knochen bedachte. Um einen weisen Spruch zu prägen: Das Gewissen macht Feiglinge aus uns allen.

Ishtar war sich dieser Situation indes nur zu bewußt, und sie beschwerte sich bei mir bitterlich darüber. An eine solche Gelegenheit erinnere ich mich noch gut. Es war ein prächtiger Frühlingstag, und wir saßen zusammen auf einer Bank im Central Park. Wie ich mich weiter entsinne, versäumten bei diesem Anlaß nicht weniger als drei Jogger, einer Wegbiegung zu folgen, da sie die Köpfe nach Ishtar drehten, und endeten mit den Nasen an der Borke eines Baumes.

»Wahrscheinlich muß ich bis an mein Lebensende eine Jungfrau bleiben«, beklagte sie sich, wobei ihre delikat geschwungene Unterlippe bebte. »Niemand scheint sich für mich zu interessieren, kein einziger. Dabei werde ich bald schon fünfundzwanzig.«

»Du mußt verstehen, meine ... meine Liebe«, entgegnete ich und griff vorsichtig zu ihr hinüber, um ihr die Hand zu tätscheln, »daß die jungen Männer aufgrund deiner physischen Erscheinung voller Scheu sind und sich deiner nicht würdig fühlen.«

»Das ist doch lächerlich«, rief sie so laut, daß sich Passanten umdrehten und in unsere Richtung schauten. »Was du sagen willst ist, daß sie sich vor Angst in die Hosen machen. Etwas in der Art, wie diese albernen kleinen Dinger zu mir aufschauen, wenn wir einander vorgestellt werden, und wie sie sich die Fingerknöchel reiben, nachdem wir uns die Hände geschüttelt haben, sagt mir, daß da nie etwas passieren wird. Sie sagen lediglich: »Freut mich, Sie kennenzulernen und machen, daß sie fortkommen.«

»Du mußt sie ermutigen, Ishtar, meine Liebe. Du mußt einen Mann als fragile Blume betrachten, die erst unter deinem warmen Lächeln aufzublühen vermag. Irgendwie mußt du ihm signalisieren, daß du empfänglich für seine Annäherungen bist und davon absehen wirst, ihn an Jackenkragen und Hosenboden zu packen und mit dem Kopf gegen eine Wand zu donnern.«

»Das habe ich nie getan«, sagte sie empört. »Fast nie. Und wie, denkst du, soll ich signalisieren, daß ich empfänglich bin? Ich lächle doch schon und sage >Wie geht's?<, und dann sage ich immer noch >Was für ein schöner Tag<, selbst wenn das gar nicht stimmt.«

»Das reicht noch nicht, meine Liebe. Du mußt den Arm des Mannes ergreifen und sanft unter den deinen klemmen. Du könntest ihm in die Wange kneifen, ihm übers Haar streichen, ein wenig an seinen Fingerspitzen knabbern. Kleine Zeichen wie diese signalisieren ein gewisses Interesse, eine bestimmte Gewilltheit deinerseits, sich in freundschaftlichen Umarmungen und Küssen zu ergehen.«

Ishtar machte ein erschrockenes Gesicht. »Das könnte ich nie tun. Ich könnte es einfach nicht. Ich wurde auf die strengste nur vorstellbare Weise erzogen. Es ist mir nicht möglich, mich auf eine andere als die korrekteste Art zu verhalten. Die Annäherung muß vom Mann ausgehen, und selbst dann noch muß ich mich so stark wie möglich zurückhalten. Das hat mich meine Mutter gelehrt.«

»Aber Ishtar. Tu es doch einfach, wenn sie es nicht mitbekommt.«

»Ich kann nicht. Ich bin einfach ... zu gehemmt. Warum kann ein Mann nicht einfach ... einfach kommen?« Sie errötete bei einem Gedanken, der ihr bei diesen Worten durch den Kopf zu gehen schien, und griff mit ihrer großen, aber perfekt geformten Hand nach ihrem Herz. (Ich fragte mich müßig, ob sie wußte, wie privilegiert ihre Hand in Momenten wie diesem war.)

Ich denke, es war das Wort »gehemmt«, das mich auf die Idee brachte. Ich sagte: »Ishtar, mein Kind, ich hab's. Du mußt dich alkoholischen Getränken hingeben. Es gibt eine ganze Reihe, die durchaus wohlschmeckend sind und auf heilsame Weise beleben können. Wenn du einen jungen Mann einlädst, trink ein paar Grasshoppers mit ihm oder Margaritas oder irgendeines von dem runden Dutzend anderer Getränke, die ich jetzt aufzählen könnte, und du wirst feststellen, daß deine Hemmungen ebenso rasch dahinschwinden werden wie die seinen. Er würde sich ermutigt fühlen, dir Dinge zu unterbreiten, die kein Gentleman einer Dame unterbreiten sollte, und du würdest ermutigt werden, darüber zu kichern und vorzuschlagen, gemeinsam ein dir bekanntes Hotel aufzusuchen, wo deine Mutter dich nie finden wird.«

Ishtar seufzte und erwiderte: »Das wäre wunderbar, aber es würde nicht funktionieren.«

»Natürlich würde es das. Nahezu jeder Mann wäre glücklich, mit dir einen Drink nehmen zu dürfen. Sollte er zögern, biete an, die Rechnung zu übernehmen. Kein Mann, der auch nur irgend etwas wert ist, würde ablehnen, wenn eine Frau offeriert, .«

Sie unterbrach mich. »Das ist es nicht. Das Problem liegt bei mir. Ich kann nicht trinken.«

So etwas hatte ich noch nie gehört. »Du öffnest einfach deinen Mund, meine Liebe .«

»Das weiß ich. Natürlich kann ich trinken - ich meine, das Zeug herunterschlucken. Es ist vielmehr die Wirkung, die es auf mich hat. Es macht mich total benebelt.«

»Du mußt ja nicht gleich so viel trinken, du .«

»Ein Drink setzt mich außer Gefecht, es sei denn, mir wird übel und ich muß mich übergeben. Ich habe es so oft versucht, ich kann einfach nicht mehr als einen Drink zu mir nehmen, und wenn ich das getan habe, bin ich nicht mehr in der Stimmung für ... du weißt schon. Ich glaube, es ist ein Defekt in meinem Stoffwechsel, wenngleich meine Mutter behauptet, es sei ein Geschenk des Himmels, um mich tugendhaft den Tricks böser Männer widerstehen zu lassen, die mir meine Reinheit rauben wollen.«

Ich muß zugeben, daß ich für einen Moment sprachlos war bei dem Gedanken daran, daß es tatsächlich jemand verdienstvoll finden sollte, sich nicht den Freuden der Rebe hingeben zu können. Aber die Vorstellung einer solchen Perversion verstärkte nur meine Entschlossenheit und versetzte mich in eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber jeder Gefahr, daß ich tatsächlich ihren elastischen Oberarm drückte und ausrief: »Mein Kind, überlaß das mir. Ich werde alles arrangieren.«

Ich wußte genau, was ich zu tun hatte.

Zweifellos habe ich dir gegenüber nie meinen Freund Azazel erwähnt, da ich in dieser Hinsicht absolut diskret bin - ich sehe, du willst widersprechen und behaupten, du habest sehr wohl von ihm gehört, aber in Anbetracht dessen, daß du, wie allseits bekannt, ein Verächter der Wahrheit bist (ich erwähne dies, ohne dich in Verlegenheit bringen zu Wollen), überrascht mich das kaum.

Azazel ist ein Dämon, der magische Fähigkeiten besitzt. Ein kleiner Dämon. Tatsächlich ist er nur zwei Zentimeter groß. Das ist allerdings von Vorteil, da es ihn begierig macht, jemandem wie mir, den er als niederes Wesen zu bezeichnen beliebt, seinen Wert und seine Fähigkeiten zu demonstrieren.

Wie stets reagierte er auf meine Anrufung, wobei du nicht zu erwarten brauchst, daß ich dir Details des Rituals verrate, mit dem ich seine Anwesenheit herbeiführe. Dein kümmerlicher Verstand (keine Beleidigung) wäre ohnehin überfordert damit, ihn zu kontrollieren.

Er erschien in schlechter Laune. Offensichtlich hatte er etwas in der Art einer Sportveranstaltung beobachtet, auf deren Ausgang er annähernd hunderttausend Zakinis gesetzt hatte, und er wirkte recht ungehalten, weil er das Finale nun nicht miterleben konnte. Ich betonte, daß Geld Schmutz und er ins Universum gesetzt worden sei, um bedürftigen Intelligenzen zu helfen und nicht, um wertlose Zakinis anzuhäufen, die er, vorausgesetzt, er gewänne sie -was höchst zweifelhaft erschien -, bei der nächsten Wette gleich wieder verlieren würde.

Diese rationalen und unangreifbaren Argumente trugen zunächst nicht dazu bei, das unglückliche Geschöpf zu beruhigen, dessen herausragender Wesenszug eine abstoßende Neigung zur Selbstsucht ist, daher bot ich ihm einen Vierteldollar an. Aluminium ist das in seiner Dimension gängige Währungsmedium, und wenngleich es nicht in meiner Absicht lag, ihn zu ermutigen, für seine geringfügige Unterstützung materielle Entlohnungen zu erwarten, schätzte ich, daß der Vierteldollar für ihn weit über hunderttausend Zakinis wert sein mußte, weswegen er anschließend ganz zahm eingestand, daß meine Belange dann doch wichtiger seien als die seinen. Wie ich immer sage, setzt sich die Macht der Vernunft letztlich eben immer durch.

Ich umriß Ishtars Problem, und Azazel sagte: »Ausnahmsweise mal ein zumutbares Problem, das du da für mich hast.«

»Natürlich«, entgegnete ich. Wie du weißt, bin ich kein unmäßiger Mensch. Ich wünsche mir lediglich auf meine eigene Weise Bestätigung.

»Ja«, fuhr Azazel fort. »Deine erbärmliche Spezies kann Alkohol nicht wirksam umwandeln, weswegen sich zugeführte Produkte im Blutkreislauf ansammeln und all die diversen unerwünschten Symptome hervorrufen, die gemeinhin mit Intoxikation assoziiert werden - einem Wort, das, wie mir meine Studien eurer Wörterbücher verraten, treffend aus dem Griechischen abgeleitet wurde und so viel bedeutet wie >Gift im Innern«.«

Ich grinste höhnisch. Wie du weißt, mischen die modernen Griechen ihren Wein mit Harz, während die alten Griechen ihren mit Wasser verdünnten. Kein Wunder, daß sie von >Gift im Innern« sprachen, wenn sie ihren Wein selbst vergifteten, bevor sie ihn überhaupt tranken.

»Es wird notwendig sein«, fuhr Azazel fort, »ihre Enzyme entsprechend einzustellen, so daß sie den Alkohol rasch und unfehlbar abbauen und bis zur Stufe einfacher Kohlenstoffverbindungen umwandeln kann, welche die Bausteine für Fett, Kohlehydrate und Proteine sind, so daß sich keinerlei Anzeichen einer Intoxikation einstellen werden. So wird Alkohol zu nahrhafter Speise für sie werden.«

»Aber wir brauchen eine gewisse Intoxikation, Azazel; gerade genug, um eine gesunde Gleichgültigkeit gegenüber den närrischen Grundsätzen herbeizuführen, die sie auf dem Schoß ihrer Mutter gelernt hat.«

Er schien mich sofort zu verstehen. »Ach ja. Ich kenne Mütter. Ich weiß noch, wie meine dritte Mutter zu mir sagte: >Azazel, klatsche niemals vor einer jungen Malobe mit deinen Blinzelmembranen«, dabei kannst du doch nur so .«

Ich unterbrach ihn von neuem. »Kannst du nicht eine klitzekleine Anhäufung des Zugeführten zulassen, um ein winziges bißchen Heiterkeit zu bewirken?«

»Kein Problem«, antwortete Azazel und streichelte in einem unschönen Anflug von Gier den Vierteldollar, den ich ihm gegeben hatte, und der, auf die Kante gestellt, höher war als er selbst.

Erst eine Woche später konnte ich Ishtar auf die Probe stellen. Es begab sich in einer Hotelbar im Stadtzentrum, wo sie mit ihrer strahlenden Erscheinung mehrere Stammgäste zum Aufsetzen von Sonnenbrillen und starren Blicken animierte.

Sie kicherte. »Was tun wir hier? Du weißt doch, daß ich nichts trinken kann.«

»Dies hier ist kein Drink, liebes Mädchen, kein Drink jedenfalls. Es Ist ein Pfefferminz-Shake. Du wirst ihn mögen.« Ich hatte bereits alles vorbereitet und einen Grasshopper für sie bestellt.

Sie nippte geziert daran und sagte: »Oh, der ist gut.« Dann lehnte sie sich zurück und kippte sich das Glas hemmungslos die Kehle hinunter. Sie leckte sich mit der Spitze ihrer bezaubernden Zunge über die ebenfalls bezaubernden Lippen und fragte: »Kann ich noch einen haben?«

»Aber natürlich«, sagte ich freundlich. »Das heißt, du könntest noch einen bekommen, hätte ich nicht dummerweise meinen Geldbeutel daheim liegengelassen .«

»Oh, ich werde zahlen. Ich habe massig Geld.«

Ich sage immer: Eine wunderbare Frau ist am großartigsten, wenn sie sich bückt, um ihr Portemonnaie aus der Tasche zwischen ihre Füßen zu holen.

Unter den gegebenen Umständen tranken wir haltlos. Sie zumindest. Sie nahm einen weiteren Grasshopper, danach einen Wodka, einen doppelten Whiskey mit Soda sowie einige weitere Getränke. Als alles ausgetrunken war, zeigte sie keinerlei Anzeichen eines Rausches, wenngleich ihr liebreizendes Lächeln berauschender war als alles, was sie gebechert hatte. Sie sagte: »Ich fühle mich so gut und warm und so bereit, wenn du verstehst, was ich meine?«

Ich glaubte, daß ich das sehr wohl tat, dennoch vermied ich voreilige Rückschlüsse. »Ich glaube nicht, daß deiner Mutter das behagen würde.« (Test, Test.)

»Was weiß meine Mutter denn davon?« erwiderte sie. »Nichts.« Sie blickte mich abwägend an, dann lehnte sie sich nach vorne und hob meine Hand an ihre vollkommenen Lippen. »Wohin können wir gehen?« hauchte sie.

Nun, mein Freund, ich denke, du kennst meine Einstellung zu solchen Dingen. Ich widerspreche üblicherweise keiner Dame, die mich mit sehnsuchtsvoller Höflichkeit um eine simple Gefälligkeit bittet. Ich bin als Gentleman erzogen worden. In diesem Fall jedoch kamen mir diverse Bedenken.

Zunächst einmal habe ich, auch wenn dir dies wahrscheinlich kaum auffallen würde, meine besten Tage ein kleines bißchen - eine Winzigkeit - hinter mir gelassen, und eine so junge und starke Frau wie Ishtar zufriedenzustellen, würde fraglos eine ganze Weile brauchen, wenn du verstehst, was ich meine. Außerdem könnten die Konsequenzen unbequem ausfallen, wenn sie sich im Nachhinein an das Geschehene erinnern und es bereuen oder gar denken sollte, ich hätte sie ausgenutzt. Sie war ein impulsives Wesen und mochte mir eine Handvoll Knochen brechen, bevor ich auch nur die Zeit hätte, alles zu erklären.

Folglich schlug ich vor, zu meiner Wohnung zu laufen, und wählte den langen Weg. Die frische Abendluft kühlte die milde Wärme in ihrem Kopf ab, und ich war in Sicherheit.

Andere waren das nicht. Mehr als einmal kam ein junger Mann zu mir, um mir von Ishtar zu erzählen, da, wie du weißt, etwas an der gütigen Würde meines Betragens Vertrauensseligkeit weckt. Leider geschah dies nie in einer Bar, denn es schien, als mieden die in Rede stehenden Männer Bars, zumindest für eine gewisse Zeit. Für gewöhnlich hatten sie nämlich versucht, es Ishtar Drink für Drink gleichzutun - mit unglücklichen Folgen.

»Ich bin mir absolut sicher«, sagte einer von ihnen, »daß sie einen verborgenen Schlauch hatte, der von ihrem Mundwinkel bis hinunter zu einem Faß unter dem Tisch führte, aber ich konnte ihn nicht entdecken. Doch wenn du glaubst, das sei schon außergewöhnlich gewesen, hättest du erst mal später dabei sein müssen.«

Der arme Bursche war ausgemergelt von den Schrecknissen seiner Erfahrung. Er versuchte, mir davon zu erzählen, aber es war recht unzusammenhängend. »Diese Ansprüche«, murmelte er immer und immer wieder. »Unersättlich! Unersättlich!«

Ich war froh, daß ich hellsichtig genug gewesen war, etwas zu vermeiden, was Männer in ihren besten Jahren nur mit Mühe überlebt hatten.

In dieser Zeit sah ich Ishtar kaum, wenn du verstehst. Sie war sehr beschäftigt - soweit ich es mitbekam, verbrauchte sie den Vorrat heiratsfähiger Männer in beängstigendem Tempo. Früher oder später würde sie ihren Einflußbereich erweitern müssen. Es geschah früher.

Eines Morgens begegnete sie mir, als sie gerade auf dem Weg zum Flughafen war. Sie stand besser im Saft als je zuvor, pneumatischer, noch aufsehenerregender in allen möglichen Ausmaßen. Nichts von dem, was sie durchgemacht hatte, schien Einfluß auf sie genommen zu haben, außer in positivem Sinne.

Sie zog eine kleine Flasche aus ihrer Handtasche. »Rum«, erklärte sie. »Das trinken sie unten in der Karibik, es ist ein sehr mildes und sehr angenehmes Getränk.«

»Fliegst du denn in die Karibik, meine Liebe?«

»Oh ja, und auch an andere Orte. Die Männer daheim scheinen von ärmlicher Ausdauer und schwachem Geist zu sein. Ich bin sehr enttäuscht von ihnen, obwohl es abenteuerliche Momente gab. Ich bin dir sehr dankbar, George, daß du das möglich gemacht hast. Alles scheint begonnen zu haben, als du mich zum ersten Mal mit diesem Pfefferminz-Shake bekanntmachtest. Es ist eine Schande, daß wir beide nicht auch .«

»Unsinn, mein liebes Kind. Ich diene der Menschheit, wie du weißt. An mich selbst denke ich dabei nie.«

Sie hauchte mir einen Kuß auf die Wange, der brannte wie Schwefelsäure, und war fort. Mit einiger Erleichterung strich ich mir über die Braue, schmeichelte mir jedoch auch damit, daß meine Beschwörung Azazels wenigstens einmal glücklich ausgegangen war, denn Ishtar, die als Erbin unabhängig und wohlhabend war, konnte nun ohne Einschränkung oder Schaden ihrer Neigung zur naiven Verehrung alkoholischer und männlicher Freuden nachkommen.

Zumindest dachte ich das.

Erst als bereits über ein Jahr verstrichen war, hörte ich wieder von ihr. Sie war zurück in der Stadt und rief mich an. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wer sie war. Sie war hysterisch.

»Mein Leben ist vorbei«, schrie sie mich an. »Nicht einmal meine Mutter liebt mich mehr. Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte, aber ich bin sicher, daß du schuld daran bist. Hättest du mir nicht diesen Pfefferminz-Shake aufgedrängt, wäre nichts dergleichen je passiert, das weiß ich genau.«

»Aber was ist denn geschehen, meine Liebe?« wollte ich zitternd wissen. Eine Ishtar, die mir grollte, war keine Ishtar, der man sich noch gefahrlos nähern konnte.

»Komm her. Dann zeige ich es dir.«

Meine Neugier wird eines Tages noch mein Untergang sein. Bei diesem Anlaß war sie es beinahe. Denn ich konnte nicht widerstehen, zu ihrer Villa am Stadtrand hinauszugehen. In weiser Voraussicht ließ ich die Vordertür hinter mir offen. Als sie mit einem Schlachtermesser in der Hand auf mich zukam, drehte ich mich um und floh mit einem Tempo, auf das ich in jungen Jahren stolz gewesen wäre. Glücklicherweise war sie angesichts ihres Zustandes nicht in der Lage, mir zu folgen.

Kurz darauf reiste sie wieder ab, und soweit ich weiß, ist sie seitdem nicht zurückgekommen. Ich lebe in der Furcht, daß das eines Tages geschehen könnte. Die Ishtar Mistiks dieser Welt vergessen nicht.

George schien der Ansicht, das Ende seiner Erzählung erreicht zu haben.

»Aber was war geschehen?« wollte ich wissen.

»Verstehst du es denn nicht? Die Funktionen ihres Körpers waren so eingestellt worden, daß er den Alkohol höchst effektiv in einfache Kohlenstoffverbindungen umwandelte, die Bausteine für Fett, Kohlehydrate und Proteine waren. Alkohol war ihr eine nahrhafte Speise geworden. Und sie soff wie ein mannsgroßer Schwamm -unglaublich. Alles davon rutschte die Stoffwechselkette hinunter, bis es zu den Grundbausteinen wurde, und dann wieder hinauf, bis es Fett war. In einem Wort, sie war korpulent geworden. Oder in zwei Worten: ungeheuerlich fett. All ihre prächtige Schönheit hatte sich ausgedehnt und war zu Lagen über Lagen Speck explodiert.«

George schüttelte in einer Mischung aus Schrecken und Bedauern den Kopf. »Das Übel, das Alkohol anrichten kann, läßt sich nur schwer ermessen«, sagte er.


Zeit zum Schreiben

<p><strong>Zeit zum Schreiben</strong></p>

»Ich kannte mal jemanden, der dir ein wenig ähnlich war«, sagte George.

Wir hatten in dem kleinen Restaurant, in dem wir zu Mittag aßen, einen Platz am Fenster erhalten, und George blickte nachdenklich hinaus.

»Das wundert mich«, sagte ich. »Ich habe mich immer für einmalig gehalten.«

»Das bist du auch«, erwiderte George. »Der Mann, von dem ich spreche, war dir nur ein wenig ähnlich. Die Fähigkeit, in einem fort zu kritzeln und dabei dein Gehirn vollkommen abzuschalten, macht dir so leicht keiner nach.«

»Eigentlich«, sagte ich, »benutze ich einen Computer.«

»Wie jeder wahre Schriftsteller erkennen würde«, sagte George herablassend, »habe ich das Wort >kritzeln< im metaphorischen Sinne gebraucht.« Dann hielt er über seiner Schokoladencreme inne und seufzte theatralisch.

Ich wußte, was das zu bedeuten hatte. »Jetzt wirst du mir gleich wieder eine deiner Spinnereien über Azazel auftischen, nicht wahr, George?«

Er warf mir einen spöttischen Blick zu. »Du spinnst selbst schon so lange und lahm vor dich hin, daß du die Wahrheit nicht erkennen würdest, selbst wenn sie sich direkt vor deiner Nase befände. Aber lassen wir das. Die Geschichte ist ohnehin zu traurig, um sie dir zu erzählen.«

»Weshalb du es trotzdem tun wirst, nicht wahr?«

George seufzte noch einmal.

Diese Bushaltestelle dort drüben [sagte George] hat mich an Mordecai Sims erinnert. Er verdiente sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt damit, endlose Bände von allem möglichen Schund zu produzieren. Natürlich nicht ganz soviel wie du und bei weitem nicht so abgeschmackt -Weshalb er dir auch nur ein wenig ähnlich ist. Aus Freundschaft zu ihm habe ich hin und wieder etwas von seinen Sachen gelesen und fand sie gar nicht so übel. Ohne dich beleidigen zu wollen, aber sein Niveau hast du nie erreicht - zumindest was man so hört, denn bisher bin ich noch nicht so tief gesunken, selbst eines deiner Bücher zu lesen.

Mordecai unterschied sich auch noch in anderer Hinsicht von dir: Er war furchtbar ungeduldig. Wirf einen Blick in den Spiegel dort drüben - vorausgesetzt, du hast nichts dagegen, an dein Äußeres erinnert zu werden - und schau, wie zwanglos du hier sitzt, einen Arm über die Stuhllehne gelegt und den ganzen Körper lässig hingefläzt. Wenn man dich so ansieht, würde man niemals glauben, daß es dich in irgendeiner Weise kümmert, ob du dein tägliches Pensum an willkürlich beschriebenem Papier schaffst oder nicht.

Mordecai war da ganz anders. Er war sich seiner Abgabetermine stets bewußt - und drohte sie ständig zu überschreiten.

Damals habe ich jeden Dienstag mit ihm zu Mittag gegessen, und er ist mir mit seinem Gerede auf die Nerven gegangen. »Ich muß diesen Text spätestens morgen früh auf die Post bringen«, sagte er immer, »und einen anderen muß ich vorher noch etwas überarbeiten, und ich habe einfach keine Zeit dazu. Wo zum Teufel bleibt die Rechnung? Warum kommt der Kellner nicht? Was machen die da eigentlich in der Küche? Veranstalten die ein Wettschwimmen in der Soße?«

Was die Rechnung betraf, war er stets besonders ungeduldig, und ich fürchtete immer, er würde einfach davonstürzen und es mir überlassen, mich auf irgendeine Weise vorm Bezahlen zu drücken. Ich möchte betonen, daß dies nie geschehen ist, aber die Angst davor verdarb mir oft die Lust am Essen.

Oder wirf einen Blick auf die Bushaltestelle dort drüben. Seit fünfzehn Minuten beobachte ich sie nun schon. Du wirst bemerkt haben, daß bisher kein Bus gekommen ist und daß es heute sehr windig ist und allmählich spätherbstlich kalt wird. Wie man sehen kann, haben die Leute die Kragen hochgeschlagen und die Hände in die Taschen gesteckt. Ihre Nasen sind rot oder blau angelaufen, und sie treten von einem Fuß auf den anderen, um sich aufzuwärmen. Dennoch macht niemand einen Aufstand, keine Fäuste werden zornig gen Himmel geschüttelt. Die Menschen, die dort warten, haben sich mit den Ungerechtigkeiten des Lebens abgefunden.

Nicht so Mordecai Sims. Wenn er an dieser Bushaltestelle stünde, würde er auf die Straße springen und den fernen Horizont nach Fahrzeugen absuchen. Er würde vor sich hin brummeln und murren und mit den Armen fuchteln. Er würde zu einem Protestmarsch zum Rathaus aufrufen. Kurz gesagt - er würde seinem Adrenalin freien Lauf lassen.

Wie oft hat er sich bei mir darüber beschwert! Wie so viele andere fühlte er sich von meiner kühlen Ausstrahlung angezogen, die Kompetenz und Verständnis verrät.

»Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, George«, sagte er dann gehetzt. Er redete stets in einem gehetzten Tonfall. »Es ist eine Schande, ein Skandal und ein Verbrechen, wie sich die Welt gegen mich verschworen hat. Neulich mußte ich wegen einiger Routine-Untersuchungen ins Krankenhaus - Gott weiß, warum, außer daß mein Arzt dummerweise der Meinung ist, er müßte an mir Geld verdienen -und mir wurde mitgeteilt, ich solle mich um 9:40 Uhr auf dieser und jener Station einfinden. Ich bin natürlich pünktlich um 9:40 Uhr dort eingetroffen, nur um am Empfangstisch ein Schild vorzufinden, auf dem stand: >Geöffnet ab 9:30 Uhr<. Genau das stand dort, George - auf Deutsch, ohne daß auch nur ein Buchstabe nicht gestimmt hätte. Hinter dem Empfangstisch saß jedoch kein Mensch. Ich warf noch einmal einen Blick auf die Uhr und sprach dann jemanden an, der so trübsinnig aussah, daß er zum Krankenhauspersonal gehören mochte. >Wo, bitte schön<, sagte ich, >ist der namenlose Unhold, der hinter diesem Empfangstisch sitzen sollte ?< >Noch nicht da<, sagte der nichtswürdige Schurke.

>Dort steht aber, daß ab 9:30 Uhr geöffnet ist.< >Früher oder später wird schon jemand kommen<, erwiderte er mit boshafter Gleichgültigkeit.

Dabei befand ich mich in einem Krankenhaus. Ich hätte im Sterben liegen können. Und kümmerte das jemanden? Nein! Die Frist für ein wichtiges Projekt, auf das ich all mein Herzblut verwandt hatte und mit dem ich genug Geld verdienen würde, um meine Arztrechnung zu bezahlen (vorausgesetzt, ich fand keine bessere Verwendung dafür, was unwahrscheinlich war), rückte immer näher. Und kümmerte das jemanden? Nein! Erst um 10:04 Uhr tauchte endlich jemand auf, und als ich zum Empfangstisch eilte, maß der verspätete Teufel mich mit einem abschätzigen Blick und sagte: >Sie müssen warten, bis Sie aufgerufen werden.<«

Mordecai war voller Geschichten dieser Art; über Fahrstühle, die langsam aufwärts fuhren, während er in der Eingangshalle wartete; über Menschen, die von zwölf bis drei Uhr vierzig zur Mittagspause waren und ihre viertägigen Wochenenden am Mittwoch antraten, immer dann, wenn er sie sprechen mußte.

»Ich frage mich, warum sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, die Zeit zu erfinden, George«, sagte er immer. »Wenn es sich dabei nur um einen Vorwand handelt, um neue Methoden zu erfinden, sie zu verschwenden. Ist dir bewußt, daß ich meine Produktivität um zehn bis zwanzig Prozent erhöhen könnte, wenn ich die Stunden, die ich allerlei unverschämtem Gesindel zuliebe mit Warten zubringe, zum Schreiben nutzen könnte? Ist dir außerdem klar, daß dies, trotz des verbrecherischen Geizes der Verleger, eine entsprechende Steigerung meines Einkommens bedeuten würde? - Wo bleibt diese verfluchte Rechnung?«

Ich kam auf den Gedanken, daß es eine nette Geste wäre, ihm zu einem höheren Einkommen zu verhelfen, da er soviel Geschmack besaß, einen Teil davon auf mich zu verwenden. Außerdem hatte er ein Gespür dafür, stets die erstklassigsten Restaurants auszuwählen, und dabei wurde mir immer ganz warm ums Herz. - Nein, kein Vergleich zu diesem hier, mein alter Freund. Dein Geschmack läßt einiges zu wünschen übrig, was man - soweit ich gehört habe - auch an deinen Bücher erkennen kann.

Ich begann also meinen scharfsinnigen Geist anzustrengen und überlegte, wie ich ihm helfen könnte.

Ich habe nicht sofort an Azazel gedacht. Damals hatte ich mich noch nicht ganz an ihn gewöhnt - schließlich ist ein zwei Zentimeter großer Dämon alles andere als alltäglich.

Nach einiger Zeit kam mir jedoch in den Sinn, daß Azazel vielleicht etwas tun könnte, um jemandem mehr Zeit zum Schreiben zu verschaffen. Es erschien mir unwahrscheinlich, und vermutlich würde ich nur seine Zeit verschwenden, aber was bedeutete Zeit schon für ein übernatürliches Wesen?

Ich stimmte also die Folge von uralten Zaubersprüchen und Gesängen an, die nötig sind, um ihn von jenem unbekannten Ort herbeizurufen, den er seine Heimat nennen mag, und er erschien - in Schlaf versunken. Seine winzigen Augen waren fest geschlossen, und ein hohes Summen ging von ihm aus, das auf unregelmäßige und unangenehme Weise auf- und abschwoll. Es mag so etwas wie ein menschliches Schnarchen gewesen sein.

Ich wußte nicht, wie ich ihn am besten wecken sollte und beschloß schließlich, einen Tropfen Wasser auf seinen Bauch fallen zu lassen. Sein Unterleib ist kugelrund, weißt du, als hätte er eine Kugel aus einem Kugellager verschluckt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob das in seiner Welt die Norm ist, aber als ich es ihm gegenüber erwähnte, wollte er wissen, was ein Kugellager sei, und als ich es ihm erklärte, drohte er, mich zu zapulniklisieren. Ich wußte nicht, was das bedeutete, aber dem Klang seiner Stimme nach war es nichts Angenehmes.

Der Wassertropfen weckte ihn, und er war maßlos verärgert. Er redete davon, daß ich ihn beinahe ertränkt hätte und legte in ermüdenden Einzelheiten dar, aufweiche Weise man in seiner Welt jemanden aufzuwecken hätte. Es hatte irgendetwas mit Tanz zu tun, mit Blütenblättern, den sanften Klängen von Musikinstrumenten und den Berührungen reizender Tänzerinnen. Ich sagte ihm, daß auf unserer Welt ein Gartenschlauch den gleichen Zweck erfüllt, und nach ein paar Bemerkungen über unwissende Barbaren hatte er sich schließlich wieder so weit beruhigt, daß ich vernünftig mit ihm reden konnte.

Ich erklärte ihm die ganze Situation und hatte eigentlich erwartet, daß er ohne große Umschweife ein paar Worte Kauderwelsch sprechen würde und die Sache damit erledigt wäre.

Doch weit gefehlt. Stattdessen blickte er mich ernst an und sagte: »Nun, du bittest mich darum, in die Gesetze der Wahrscheinlichkeit einzugreifen.«

Ich war erfreut, daß er die Lage erkannt hatte. »Genau«, sagte ich.

»Aber das ist nicht ganz einfach«, sagte er.

»Natürlich nicht«, erwiderte ich. »Würde ich dich darum bitten, wenn es einfach wäre? Wenn es das wäre, würde ich es selbst tun. Nur in einem verzwickten Fall wie diesem, muß ich jemanden mit deinem überlegenen Intellekt um Hilfe bitten.«

Diese Schmeicheleien sind natürlich ziemlich widerwärtig, aber unvermeidlich, wenn man es mit einem Dämon zu tun hat, der ebenso empfindlich ist, was seine Größe anbelangt wie seinen Kugellagerbauch.

Meine Logik schien ihn zu überzeugen, und er sagte: »Nun, ich habe nicht behauptet, daß es unmöglich ist.«

»Gut.«

»Es würde ein paar Änderungen im Jinwhipper Kontinuum eurer Welt erfordern.«

»Richtig. Das wollte ich gerade vorschlagen.«

»Ich müßte einige Verknüpfungen an den Verbindungspunkten zwischen dem Kontinuum und deinem Freund herstellen - dem mit den Abgabeterminen. Was sind eigentlich Abgabetermine?«

Ich versuchte, es ihm zu erklären, und er sagte mit einem leisen Seufzer: »Ach ja, das ist Teil unserer eher ätherischen Liebesbezeigungen. Hat man mal einen Abgabetermin verpaßt, halten einem die lieben kleinen Geschöpfe das ewig vor. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal .«

Aber ich will dir die unappetitlichen Einzelheiten seines belanglosen Liebeslebens ersparen.

»Allerdings«, sagte er schließlich, »werde ich die Verknüpfungen, wenn ich sie einmal hergestellt habe, nicht mehr lösen können.«

»Warum nicht?«

Azazel erwiderte mit betonter Lässigkeit: »Ich fürchte, daß ist theoretisch unmöglich.«

Ich habe ihm das natürlich nicht abgekauft. Der erbärmliche kleine Dilettant wußte nur nicht, wie es ging. Da er jedoch durchaus in der Lage war, mir das Leben zur Hölle zu machen, zeigte ich ihm nicht, daß ich sein Spiel durchschaut hatte, sondern sagte einfach nur: »Du mußt sie auch nicht mehr lösen. Mordecai will mehr Zeit zum Schreiben, und sobald er die hat, wird er für den Rest seines Lebens zufrieden sein.«

»Nun, wenn das so ist, dann mache ich mich gleich an die Arbeit.«

Er fuchtelte eine ganze Weile mit den Händen in der Luft herum. Ich mußte an die Bewegungen denken, die ein Zauberer macht, nur daß seine Hände zu flackern schienen und hin und wieder für kürzere oder längere Zeit unsichtbar wurden. Allerdings sind seine Hände so klein, daß schon unter normalen Umständen schwer zu erkennen ist, ob sie sichtbar sind oder nicht.

»Was machst du da?« fragte ich ihn, aber Azazel schüttelte nur den Kopf, und seine Lippen bewegten sich, als würde er zählen.

Dann war er offenbar fertig, denn er ließ sich schwer atmend auf die Oberfläche des Tisches sinken.

»Ist es vollbracht?« wollte ich wissen.

Er nickte und erwiderte: »Ich hoffe, dir ist klar, daß ich seinen Entropie-Quotienten mehr oder weniger dauerhaft senken mußte.«

»Was bedeutet das?«

»Das heißt, daß in seiner Umgebung alles ein wenig ordentlicher sein wird, als es sonst der Fall wäre.«

»Gegen Ordnung ist nichts einzuwenden«, sagte ich. (Du wirst es vielleicht nicht glauben, mein alter Freund, aber ich bin ein sehr ordentlicher Mensch. Ich führe eine genaue Liste über jeden Cent, den ich dir schulde. Die Einzelheiten sind auf unzähligen kleinen Zetteln notiert, die ich in meinem Apartment aufbewahre. Du kannst sie jederzeit einsehen, wenn du willst.)

Azazel sagte: »Natürlich ist gegen Ordnung nichts einzuwenden. Es ist nur so, daß man den zweiten Satz der Thermodynamik nicht wirklich umgehen kann. Das bedeutet, daß anderswo etwas mehr Unordnung herrschen wird, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.«

»In welcher Hinsicht?«, fragte ich und überprüfte meinen Reißverschluß. (Man kann nie vorsichtig genug sein.)

»In vielerlei Hinsicht, meistens unmerklich. Ich habe die Auswirkungen über das ganze Sonnensystem verteilt, so daß es ein paar mehr Kollisionen von Asteroiden geben wird als sonst, einige Erdbeben mehr auf Io und so weiter. Am stärksten wird die Sonne betroffen sein.«

»Auf welche Weise?«

»Nach meinen Schätzungen wird sie zweieinhalb Millionen Jahre früher die Temperatur erreichen, die ein Leben auf der Erde unmöglich macht, als vor meinem Eingriff in das Kontinuum.«

Ich zuckte mit den Achseln. Was sind schon ein paar Millionen Jahre, wenn dafür jemand mit diesem fröhlichen Gesichtsausdruck, den man so gerne sieht, meine Restaurantrechnungen bezahlt?

Etwa eine Woche später aß ich wieder mit Mordecai zu Mittag. Er wirkte ziemlich aufgeregt, während er seinen Mantel in der Garderobe abgab, und als er am Tisch anlangte, an dem ich mit meinem Getränk geduldig auf ihn wartete, schenkte er mir ein strahlendes Lächeln.

»George«, sagte er, »ich habe eine äußerst ungewöhnliche Woche hinter mir.« Er hielt die Hand hoch, ohne hinzuschauen, und schien nicht im mindesten überrascht, als ihm sofort die Karte gereicht wurde. Und das in einem Restaurant, in dem die hochnäsige und herrische Bande von Kellnern einem die Karte erst aushändigte, wenn man eine Bewerbung in dreifacher Ausführung vorweisen konnte, die vom Geschäftsführer gegengezeichnet war.

Mordecai sagte: »George, alles klappt wie am Schnürchen.«

Ich mußte ein Lächeln unterdrücken. »Tatsächlich?«

»Wenn ich in die Bank komme, finde ich sofort einen leeren Schalter, und der Kassierer lächelt mich an. Gehe ich in die Post, finde ich ebenfalls einen leeren Schalter vor und - nun, von einem Postangestellten darf man vermutlich kein Lächeln erwarten, aber zumindest hat er meinen Brief fast ohne ein Murren entgegengenommen. Wenn ich an die Bushaltestelle komme, fährt der Bus vor, und zur Hauptverkehrszeit gestern hatte ich kaum die Hand gehoben, als auch schon ein Taxi ausschwenkte und vor mir anhielt. Und auch noch eines von den gelben Taxis! Als ich den Fahrer bat, mich zur Fünften Ecke Neunundvierzigste Straße zu fahren, brachte er mich dorthin, ohne auch nur einmal nach der Fahrtrichtung zu fragen. Er sprach sogar Englisch. - Was möchtest du essen, George?«

Ein kurzer Blick auf die Karte genügte. Offenbar war alles so gefügt, daß selbst ich ihn nicht aufhalten sollte. Mordecai warf die Karte zur Seite und gab rasch die Bestellung für uns beide auf. Ich bemerkte, daß er nicht einmal aufblickte, um sich zu überzeugen, ob der Kellner tatsächlich neben ihm stand. Er nahm bereits wie selbstverständlich an, daß er da sein würde.

Und das war auch der Fall.

Der Kellner rieb sich die Hände, verbeugte sich und servierte das Essen mit Schnelligkeit, Anmut und Effizienz.

Ich sagte: »Du scheinst eine ganz erstaunliche Glückssträhne zu haben, Mordecai, mein Freund. Wie erklärst du dir das?« (Zugegebenermaßen habe ich einen Augenblick daran gedacht, ihn davon zu überzeugen, daß ich dafür verantwortlich war. Wenn er das wüßte, würde er mich dann nicht mit Gold überhäufen oder - in diesen profanen Zeiten - mit Papier?)

»Ganz einfach«, sagte er, steckte sich die Serviette in den Kragen und packte Messer und Gabel mit entschlossenem Griff, denn bei all seinen Tugenden war Mordecai kein Kostverächter. »Das hat nichts mit Glück zu tun. Es ist das zwangsläufige Ergebnis der Wendungen des Zufalls.«

»Des Zufalls?«, erwiderte ich entrüstet.

Mordecai sagte: »Sicher. Mein ganzes Leben lang mußte ich die erbärmlichste Kette von zufälligen Verzögerungen ertragen, die die Welt je gesehen hat. Die Gesetze des Zufalls erfordern es, daß eine solche Ansammlung von Pech ausgeglichen wird, und das geschieht gerade. Wahrscheinlich wird das für den Rest meines Lebens so weitergehen - davon gehe ich jedenfalls aus. Ich bin sogar sicher. Alles wird sich wieder ausgleichen.« Er beugte sich zu mir herüber und tippte mir auf überaus unangenehme Weise gegen die Brust. »Verlaß dich darauf. Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit kann man nicht umgehen.«

Während des gesamten Essens hielt er mir Vorträge über die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, über die er - da bin ich ziemlich sicher - genausowenig wußte wie du.

Schließlich sagte ich: »Bestimmt kommst du jetzt viel mehr zum Schreiben?«

»Selbstverständlich«, erwiderte er. »Ich schätze, die Zeit, die mir zum Schreiben zur Verfügung steht, hat sich um zwanzig Prozent erhöht hat.«

»Und ich nehme an, deine Produktivität ist entsprechend gestiegen?«

»Nun«, sagte er ein wenig unbehaglich, »noch nicht, fürchte ich. Natürlich muß ich mich erstmal darauf einstellen. Ich bin es nicht gewohnt, Dinge so schnell erledigen zu können. Das hat mich völlig überrascht.«

Offen gestanden, wirkte er nicht überrascht. Er hob die Hand und nahm ohne hinzusehen die Rechnung entgegen, die der Kellner gerade gebracht hatte. Er warf einen flüchtigen Blick darauf und reichte sie zusammen mit einer Kreditkarte an den Kellner zurück, der tatsächlich genau darauf gewartet hatte und sich sogleich im Laufschritt entfernte.

Das gesamte Essen hatte kaum mehr als dreißig Minuten in Anspruch genommen. Ich möchte dir nicht verschweigen, daß ich zivilisierte zweieinhalb Stunden vorgezogen hätte, mit einem Champagner vorab, einem Brandy hinterher, ein oder zwei guten Weinen zwischen den Gängen und gepflegter Unterhaltung in den Pausen. Mich versöhnte jedoch die Tatsache, daß Mordecai zwei Stunden gewonnen hatte, in denen er Geld scheffeln konnte - für sich, und in gewisser Weise ja auch für mich.

Wie es sich ergab, sollte ich Mordecai nach diesem Essen beinahe drei Wochen lang nicht mehr sehen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Grund dafür, aber ich vermute, daß wir damals abwechselnd nicht in der Stadt waren.

Jedenfalls kam ich eines morgens aus einem Cafe, in dem ich mir gelegentlich ein Brötchen mit Rührei genehmige, als ich Mordecai etwa einen halben Häuserblock entfernt an der Straßenecke stehen sah.

Es war ein furchtbarer Tag voller Schneeregen - ein Tag, an dem leere Taxis auf dich zurasen, nur um dir eine Ladung dunkelgrauen Schneematsch über die Hosenbeine zu spritzen, während sie an dir vorbeidonnern und ihr Taxischild ausschalten.

Mordecai stand mit dem Rücken zu mir und hob gerade die Hand, als auch schon ein leeres Taxi vorsichtig auf ihn zugefahren kam. Doch zu meiner Verwunderung wandte Mordecai sich ab. Das Taxi zögerte einen Moment, dann fuhr es langsam davon - die Enttäuschung stand ihm förmlich auf die Windschutzscheibe geschrieben.

Mordecai hob erneut die Hand, und aus dem Nichts tauchte ein zweites Taxi auf und hielt vor ihm an. Er stieg ein, doch selbst aus vierhundert Metern Entfernung konnte ich noch hören, wie er eine Salve von Kraftausdrücken abfeuerte, die für die Ohren wohlerzogener Menschen nicht geeignet sind, vorausgesetzt es gibt in dieser Stadt noch solche Menschen.

Ich rief ihn am selben Vormittag an und verabredete mich mit ihm auf einen Cocktail in einer netten Bar, die wir beide kannten und in der den ganzen Tag lang eine Happy Hour auf die nächste folgt. Ich konnte es kaum erwarten, ich mußte einfach eine Erklärung von ihm haben.

Vor allem wollte ich wissen, was die Kraftausdrücke bedeuten sollten, mit denen er den Taxifahrer bedacht hatte. - Nein, mein alter Freund, ich meine nicht die Bedeutung, die im Wörterbuch steht, wenn man sie überhaupt in einem Wörterbuch findet. Ich meinte, warum er diese Worte benutzt hat. Schließlich hätte er über alle Maßen glücklich sein müssen.

Als er die Bar betrat, sah er jedenfalls nicht sonderlich glücklich aus. Er machte sogar einen ziemlich abgehärmten Eindruck.

Er sagte: »Gib doch bitte mal der Kellnerin ein Zeichen, George.«

Wir befanden uns in einer jener Bars, in der sich die Kellnerinnen nicht allzu warm anziehen, und das wiederum hielt mich warm. Es war mir eine Freude, einer von ihnen ein Zeichen zu geben, obwohl ich wußte, daß sie meine Gesten lediglich als Bestellung eines neuen Getränkes deuten würde.

In Wirklichkeit geschah nichts dergleichen, denn sie ignorierte mich, indem sie mir ihren überaus nackten Rücken zugewandt hielt.

Ich sagte: »Tja, Mordecai, wenn du etwas bestellen willst, dann mußt du schon selber winken. Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit haben sich meiner noch nicht erbarmt. Und das ist eine Schande, denn es wird langsam Zeit, daß mein reicher Onkel stirbt und seinen Sohn zu meinen Gunsten enterbt.«

»Du hast einen reichen Onkel?« fragte Mordecai mit einem Hauch von Interesse.

»Nein! Und das macht die ganze Sache noch ungerechter. Gib doch bitte der Kellnerin ein Zeichen, Mordecai.«

»Zum Teufel damit«, sagte Mordecai mürrisch. »Laß sie warten.«

Natürlich kümmerte es mich nicht, daß sie wartete, aber meine Neugier war stärker als mein Durst.

»Mordecai«, sagte ich, »du machst einen unglücklichen Eindruck. Übrigens habe ich dich heute morgen gesehen, auch wenn es dir nicht aufgefallen ist. Du hast ein leeres Taxi ignoriert, an einem Tag, an dem man sie in Gold aufwiegen kann, und dann hast du lauthals geflucht, als du in das nächste eingestiegen bist.«

Mordecai sagte: »Tatsächlich? Nun, ich habe die Nase voll von diesen Dreckskarren. Taxis verfolgen mich. Sie fahren in langen Schlangen hinter mir her. Sobald ich auch nur einen Blick auf die Straße werfe, hält eines von ihnen an. Ich werde von Schwärmen von Kellnern bedrängt. Ladenbesitzer öffnen geschlossene Läden, wenn ich in ihre Nähe komme. Sobald ich ein Gebäude betrete, reißt jeder Fahrstuhl seine Türen weit auf, und auf jedem Stockwerk wartet einer beharrlich auf mich. In jedem nur denkbaren Büro werde ich auf der Stelle von Horden lächelnder Empfangsdamen durch das Vorzimmer gewunken. Niedere Funktionäre auf jeder Regierungsebene betrachten es als ihre Lebensaufgabe ...«

Endlich hatte ich mich wieder gefangen. »Aber Mordecai«, sagte ich, »was für ein unerhörtes Glück. Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit .«

Sein Vorschlag, was ich mit den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit tun sollte, war natürlich vollkommen undurchführbar, da es sich dabei um abstrakte Ideen handelt, die keine Körperteile besitzen.

»Aber Mordecai«, protestierte ich, »all das verschafft dir doch mehr Zeit zum Schreiben.«

»Eben nicht«, widersprach Mordecai energisch. »Ich kann überhaupt nicht mehr schreiben.«

»Warum denn nicht, um Himmels willen?«

»Weil ich keine Zeit mehr zum Nachdenken habe.«

»Was hast du nicht mehr?« fragte ich leise.

»All diese Warterei - in Schlangen, an Straßenecken, in Bürovorzimmern - habe ich genutzt, um nachzudenken, um mir zu überlegen, was ich schreiben will. Das war für mich die wichtigste Vorbereitungszeit.«

»Das habe ich nicht gewußt.«

»Ich auch nicht, aber jetzt weiß ich es.«

»Ich dachte, du verbringst diese Wartezeit damit, wütend vor dich hinzufluchen und dir die Haare zu raufen.«

»Zum Teil schon. In der restlichen Zeit habe ich nachgedacht. Und selbst die Zeit, die ich damit verbracht habe, über die Ungerechtigkeit des Universums zu schimpfen, war nicht vertan, denn sie hat mich auf Touren gebracht, bis mir die Hormone in den Adern brodelten. Und wenn ich mich dann endlich an meine Schreibmaschine setzen konnte, brachen all diese Ärgernisse aus mir heraus, und meine Finger hämmerten nur so auf die Tastatur ein. Die Gedanken, die ich mir gemacht hatte, lieferten mir die geistige Inspiration und mein Ärger die emotionale. Zusammen ergaben sie seitenweise hervorragender Texte, die aus den dunklen Höllenfeuern meiner Seele strömten. Und was ist mir davon geblieben? Schau doch!«

Er schnipste leise mit Daumen und Mittelfinger, und auf der Stelle war eine herrlich unbekleidete Dame zur Stelle und fragte: »Kann ich etwas für Sie tun?«

Natürlich konnte sie das, aber Mordecai bestellte einfach nur zwei Drinks für uns.

»Ich dachte«, sagte er, »ich müßte mich nur erst an die neue Situation gewöhnen, aber ich weiß jetzt, daß das unmöglich ist.«

»Du kannst dich einfach weigern, von der Situation Gebrauch zu machen.«

»Wirklich? Du hast mich heute morgen gesehen. Wenn ich ein Taxi ablehne, ist das nächste sofort zur Stelle. Ich kann das fünfzig Mal tun, und es wird noch ein einundfünfzigstes Taxi vor mir anhalten. Die machen mich fertig.«

»Nun, warum kannst du dich dann nicht einfach jeden Tag ein oder zwei Stunden gemütlich in dein Büro setzen und nachdenken?«

»Gemütlich in meinem Büro? Das ist es ja gerade! Ich kann nur nachdenken, wenn ich an einer Straßenecke von einem Fuß auf den anderen trete oder in einem zugigen Warteraum auf einem steinharten Stuhl sitze oder mit hungrigem Magen in einem Restaurant ohne einen Kellner weit und breit. Ich brauche die Energie der Empörung.«

»Aber bist du jetzt nicht auch empört?«

»Das ist nicht das gleiche. Man kann sich über eine Ungerechtigkeit aufregen, aber wie soll man sich darüber ärgern, daß alle so überaus nett und rücksichtsvoll sind -diese gefühllosen Scheusale! Im Augenblick bin ich nicht empört, ich bin lediglich traurig, und wenn ich traurig bin, kann ich nicht schreiben.«

Wir verbrachten die unglücklichste Happy Hour, die ich jemals erlebt habe.

»Ich schwöre dir, George«, sagte Mordecai, »jemand muß mich verflucht haben. Irgendeine böse Fee hat aus Wut darüber, daß sie nicht zu meiner Taufe eingeladen war, nach etwas gesucht, das noch schlimmer ist, als auf Schritt und Tritt Verzögerungen ertragen zu müssen. Und sie ist auf einen Fluch gestoßen, der bewirkt, daß einem jeder Wunsch auf der Stelle erfüllt wird.«

Angesichts seines Kummers stieg mir eine nicht unmännliche Träne ins Auge, besonders bei dem Gedanken, daß ich jene böse Fee war, von der er sprach, und daß er das auf irgendeine Weise herausfinden könnte. Schließlich mochte er sich in seiner Verzweiflung womöglich umbringen oder - was noch schlimmer wäre -mich.

Doch der schlimmste Schrecken erwartete mich noch. Als er nach der Rechnung verlangte und diese natürlich auf der Stelle erhalten hatte, musterte er sie mit trübem Blick, schob sie dann zu mir hinüber und sagte mit einem gequälten Lachen: »Hier, bezahl du. Ich gehe nach Hause.«

Ich habe die Rechnung bezahlt. Was blieb mir anderes übrig? Aber es hat eine Wunde gerissen, die ich an feuchten Tagen immer noch spüren kann. Hatte ich vielleicht die Lebensdauer der Sonne um zweieinhalb Millionen Jahre verringert, um meine Cocktailrechnung selbst zu bezahlen? Ist das Gerechtigkeit?

Ich habe Mordecai nie wieder gesehen. Wie ich später gehört habe, hat er das Land verlassen und arbeitet irgendwo in der Südsee als Strandgutsammler.

Ich weiß nicht genau, was die Aufgabe eines Strandgutsammlers ist, aber ich vermute, man wird nicht reich dabei. Eines weiß ich allerdings mit Sicherheit: Wenn er am Strand ist und sich nach einer Welle sehnt, wird sie nicht lange auf sich warten lassen.

In diesem Augenblick brachte uns ein grinsender Lakai die Rechnung und legte sie vor uns auf den Tisch. Wie üblich ging George über diese Geste hinweg, als hätte er sie nicht bemerkt.

Ich sagte: »Du hast doch nicht etwa vor, Azazel auch für mich etwas Gutes tun zu lassen, George?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte George. »Leider, mein alter Freund, bist du nicht gerade jemand, den man mit guten Taten bedenken möchte.«

»Dann wirst du also nichts für mich tun?«

»Nicht das geringste.«

»Gut«, sagte ich. »Dann bezahle ich die Rechnung.«

»Das ist das mindeste, was du tun kannst«, erwiderte George.


Winter ist so schön

<p><strong>Winter ist so schön</strong></p>

George und ich saßen an einem Fensterplatz im La Boheme, einem französischen Restaurant, das er hin und wieder auf meine Kosten besuchte, und ich sagte: »Es wird wohl Schnee geben.«

Nun war das kein großer Beitrag zur Vermehrung des Wissens auf dieser Welt. Den ganzen Tag über war es dunkel und bedeckt gewesen, die Temperaturen lagen unter dem Nullpunkt, und der Wetterbericht hatte Schnee vorhergesagt. Dennoch war ich ein wenig beleidigt, als George meine Bemerkung vollkommen ignorierte.

Er sagte: »Ich mußte gerade an meinen Freund Septimus Johnson denken.«

»Warum?« fragte ich. »Was hat der denn damit zu tun, daß es wahrscheinlich schneien wird?«

»Er befindet sich am logischen Endpunkt einer Folge von Gedanken«, sagte George ernst. »Davon haben dir sicherlich schon andere Leute erzählt, auch wenn du so etwas selbst noch nie erlebt hast.«

Mein Freund Septimus [sagte George] war ein aufbrausender junger Mann, dessen Gesicht ständig einen finsteren Ausdruck zeigte und an dessen Oberarmen sich mächtige Muskelpakete wölbten. In seiner Familie war er das siebte Kind - daher der Name. Er hatte einen jüngeren Bruder, der Octavius hieß, und eine jüngere Schwester namens Nina. Ich weiß nicht, wie weit sich diese Ziffernfolge fortsetzte, aber es müssen die beengten Verhältnisse seiner Jugend gewesen sein, die in späteren Jahren dazu führten, daß er so merkwürdig versessen auf Stille und Einsamkeit war.

Als er erwachsen geworden war und mit seinen Romanen einen gewissen Erfolg errungen hatte (so wie du, mein alter Freund, nur daß die Kritiker sich über seine Werke hin und wieder recht lobend äußern), verfügte er schließlich über genügend Geld, um seinen absonderlichen Leidenschaften zu frönen. Kurz gesagt, er kaufte sich ein einsames Haus auf einem abgelegenen Stück Land im Norden des Staates New York und zog sich oft für kürzere oder längere Zeitspannen dorthin zurück, um seine Romane zu schreiben. Das Grundstück war nicht völlig von jeder Zivilisation abgeschnitten, aber doch zumindest von scheinbar unberührter Wildnis umgeben, soweit das Auge reichte.

Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, den er jemals freiwillig zu einem Besuch auf seinem Landsitz eingeladen hat. Vermutlich fühlte er sich von der ruhigen Würde meines Benehmens und der faszinierenden Vielfalt meiner Unterhaltung angezogen. Er hat nie auch nur mit einem Sterbenswort erwähnt, was ihn an mir faszinierte, doch etwas anderes kann es wohl kaum gewesen sein.

Natürlich mußte man im Umgang mit ihm stets Vorsicht walten lassen. Jeder, der einmal den freundlichen Schlag auf den Rücken gespürt hat, mit dem Septimus Johnson seine Freunde so gern begrüßte, weiß, wie sich eine gebrochene Wirbelsäule anfühlt. Dennoch erwies sich sein beiläufiger Einsatz von Körperkraft bei unserer ersten Begegnung durchaus als nützlich.

Damals wurde ich von ein oder zwei Dutzend Rowdys bedroht, die meine vornehme Haltung und Erscheinung zu der Annahme verleitet hatten, ich würde unbeschreiblichen Reichtum in Form von Geld und Juwelen bei mir tragen. Ich wehrte mich verzweifelt, da ich an jenem Tag zufälligerweise nicht einen Cent in der Tasche hatte. Mir war bewußt, daß mich die Rowdys, wenn sie dies herausfänden, in ihrer Enttäuschung mit der größten Rohheit behandeln würden.

In diesem Augenblick erschien Septimus, der gerade über einen Text nachgrübelte, an dem er damals schrieb. Die Horde von Unholden war ihm im Weg, und da er zu sehr in Gedanken versunken war, als daß er ihnen hätte ausweichen können, ging er direkt durch sie hindurch und schleuderte sie geistesabwesend beiseite, zwei links, drei rechts. Als der Morgen dämmerte, stieß er schließlich am Grunde des Durcheinanders auf mich, und just in diesem Augenblick fiel ihm eine Lösung für das literarische Problem ein, über das er nachdachte - worum auch immer es sich dabei gehandelt haben mochte. Er betrachtete mich daher als Glücksbringer und lud mich zum Essen ein. Da ich eine Einladung zum Essen für einen noch viel größeren Glücksfall halte, habe ich angenommen.

Im Verlauf der Mahlzeit war er so meiner Anziehungskraft erlegen, daß er mich auf seinen Landsitz einlud. Solche Einladungen wiederholten sich oft. Einmal sagte er zu mir, daß er sich in meiner Gesellschaft beinahe so fühlte, als würde er alleine sein, und von jemandem, der die Einsamkeit so sehr liebte wie er, war das ganz offensichtlich ein großes Kompliment.

Eigentlich hatte ich eine armselige Hütte erwartet, doch weit gefehlt: Septimus hatte mit seinen Romanen eindeutig gut verdient und keine Kosten gescheut. (Ich weiß, es ist ein wenig unhöflich, in deiner Gegenwart von erfolgreichen Romanen zu sprechen, alter Freund, aber wie immer fühle ich mich den Tatsachen verpflichtet.)

Obwohl das Haus so einsam gelegen war, daß es mich dort stets ein wenig gruselte, verfügte es über Elektrizität, die von einem Ölgenerator im Keller und Solarzellen auf dem Dach erzeugt wurde. Das Essen war gut, und Septimus besaß einen hervorragenden Weinkeller. Wir lebten in vollendetem Luxus - ein Zustand, an den ich mich trotz mangelnder Gewohnheit schon immer erstaunlich leicht anpassen konnte.

Natürlich ließ sich nicht gänzlich vermeiden, daß mein Blick ab und zu durch ein Fenster fiel, und die Gleichförmigkeit der Landschaft war erstaunlich deprimierend. Selbstverständlich gab es Hügel und Felder, einen kleinen See und unglaubliche Massen widerlich grüner Vegetation. Aber nirgends war ein Zeichen menschlicher Behausung zu sehen, keine Straßen oder irgend etwas anderes Sehenswertes - von ein paar Telegraphenmasten abgesehen.

Nach einem guten Essen und einem guten Wein sagte Septimus einmal herzlich: »George, ich finde deine Gegenwart hier überaus angenehm. Es ist eine solche Erholung, mich an meinen Computer zu setzen, nachdem ich dir eine Weile zugehört habe, daß sich mein Stil deutlich verbessert hat. Besuch mich, wann immer du willst. Hier«, er machte eine ausholende Geste, »kannst du all deinen Sorgen und Ärgernissen entkommen. Und wenn ich an meinem Computer arbeite, darfst du gern über meine Bücher verfügen, über meinen Fernseher, meinen Kühlschrank und - ich denke, du weißt, wo sich der Weinkeller befindet.«

Zufälligerweise wußte ich das sehr genau. Ich hatte mir sogar einen kleinen Lageplan angefertigt, auf dem ein großes X den Standort des Weinkellers anzeigte und verschiedene Zugangswege sorgfältig eingezeichnet waren.

»Allerdings«, sagte Septimus, »ist dieser Zufluchtsort vor dem Elend dieser Welt vom 1. Dezember bis zum 31. März geschlossen. In dieser Zeit kann ich dir meine Gastfreundschaft nicht anbieten, weil ich dann in meinem Stadthaus wohne.«

Ich war ziemlich bestürzt, das zu erfahren. Die Winterzeit ist für mich immer die schlimmste Zeit. Schließlich, mein guter Freund, sind die Gläubiger im Winter besonders hartnäckig. Diese habgierigen Leute, die - wie jeder weiß -reich genug sind, um auf die wenigen armseligen Cents zu verzichten, die ich ihnen schulden mag, scheinen ein besonderes Vergnügen bei dem Gedanken zu empfinden, daß man mich bei Schnee auf die Straße setzen könnte. Das stachelt sie zu immer neuen Ausbrüchen raubtierhafter Gier an, so daß ich gerade in dieser Zeit einen Zufluchtsort besonders begrüßt hätte.

Ich sagte: »Warum solltest du nicht auch im Winter hierherkommen, Septimus? Mit einem prasselnden Feuer in diesem wunderbaren Kamin, das deine ebenfalls wunderbare Heizung ergänzt, könntest du arktischen Frösten trotzen.«

»Das stimmt«, erwiderte Septimus, »allerdings treffen hier anscheinend jeden Winter heulende Schneestürme aufeinander und begraben mein kleines Paradies unter Schneewehen. Dieses Haus, inmitten der Abgeschiedenheit, die ich so sehr liebe, ist dann vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.«

»Das ist doch kein Nachteil«, wandte ich ein.

»Du hast natürlich vollkommen recht«, sagte Septimus. »Aber ich beziehe alle lebensnotwendigen Dinge von dieser Außenwelt - Essen, Getränke, Brennstoff, Wäsche. Es ist demütigend, aber wahr, daß ich ohne fremde Hilfe im Grunde nicht überleben würde. Zumindest könnte ich nicht das Leben in Saus und Braus führen, das sich jeder anständige Mensch wünscht.«

Ich sagte: »Weißt du, Septimus, vielleicht fällt mir eine Lösung für dieses Problem ein.«

»Bitte, nur zu«, erwiderte er, »aber es wird nichts nützen. Immerhin kannst du dich hier acht Monate im Jahr wie zu Hause fühlen, oder zumindest wann immer ich während dieser acht Monate hier sein sollte.«

Das stimmte natürlich, doch welcher vernünftige Mensch wird mit acht Monaten zufrieden sein, wenn es zwölf Monate gibt? Noch am selben Abend rief ich Azazel herbei.

Ich glaube, du kennst Azazel noch nicht. Das ist ein Dämon, ein etwa zwei Zentimeter großer magischer Kobold, der über außergewöhnliche Kräfte verfügt und diese mit Freuden zur Schau stellt, weil er in seiner eigenen Welt - wo auch immer das sein mag - nicht sehr beliebt ist. Demzufolge ...

Oh, du hast doch schon von ihm gehört? Also wirklich, alter Freund, wie soll ich dir eine ordentliche Geschichte erzählen, wenn du dich ständig bemüßigt fühlst, deine eigene Meinung zum Besten zu geben? Dir scheint nicht klar zu sein, daß die Kunst eines wahrhaft guten Gesprächspartners darin besteht, ganz Ohr zu sein und nicht ständig zu unterbrechen, schon gar nicht mit der fadenscheinigen Begründung, du hättest die Geschichte schon einmal gehört. Jedenfalls - Wie immer war Azazel wütend, daß ich ihn herbeigerufen hatte. Angeblich war er gerade mit etwas beschäftigt gewesen, das er ein heiliges religiöses Fest nannte. Ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen. Er ist immer gerade mit etwas beschäftigt, das er für wichtig hält und kommt nie auf den Gedanken, daß ich ihn natürlich nur wegen etwas herbeirufe, das tatsächlich wichtig ist.

Ich wartete geduldig, bis sein zorniges Gezwitscher verstummte, und erklärte ihm dann die Situation.

Er hörte mir mit einem finsteren Ausdruck in seinem winzigen Gesicht zu und fragte schließlich: »Was ist Schnee?«

Ich seufzte und erklärte es ihm.

»Du meinst, hier fällt gefrorenes Wasser vom Himmel? Brocken gefrorenen Wassers? Und es gibt immer noch Leben auf dieser Welt?«

Ich beschloß, ihm nichts von Hagel zu erzählen, sondern sagte: »Es fällt in weichen, flaumigen Flocken, oh Mächtiger« - es besänftigt ihn immer, weißt du, wenn man ihn mit diesen blödsinnigen Namen anspricht -, »die allerdings Unannehmlichkeiten verursachen können, wenn sie in zu großen Mengen auftreten.«

Azazel sagte: »Wenn du mich darum bittest, das Wetter auf eurer Welt zu verändern, muß ich dies entschieden ablehnen. Das fiele unter die Kategorie planetarer Umgestaltung, und die widerspricht der Ethik meines überaus ethischen Volkes. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, unethisch zu handeln, besonders da man mich -würde man mich dabei erwischen - an den gefürchteten Lamellvogel verfüttern würde, eine überaus gräßliche Kreatur mit schrecklichen Tischmanieren. Ich sage dir lieber nicht, aufweiche Weise er mich verspeisen würde.«

»Und ich käme nicht im Traum auf die Idee, dich darum zu bitten, unseren Planeten umzugestalten, oh Erhabener. Eigentlich hatte ich an etwas Einfacheres gedacht. - Weißt du, neuer Schnee ist so weich und flaumig, daß er das Gewicht eines Menschen nicht trägt.«

»Das liegt daran, daß ihr so massig seid«, sagte Azazel spöttisch.

»Zweifellos«, sagte ich, »aber diese Masse behindert das Laufen. Ich würde meinen Freund gern ein wenig leichter machen, wenn er sich auf Schnee befindet.«

Ich hatte einige Schwierigkeiten, Azazels Aufmerksamkeit zu fesseln. Er sagte nur immer wieder angewidert: »Gefrorenes Wasser - überall - begräbt das ganze Land unter sich.« Er schüttelte den Kopf, als sei ihm die Vorstellung vollkommen unbegreiflich.

»Kannst du meinen Freund leichter machen?« fragte ich, um wieder auf mein doch recht einfaches Anliegen zurückzukommen.

»Natürlich«, erwiderte Azazel entrüstet. »Ich müßte lediglich das Antigravitationsprinzip so anwenden, daß es unter bestimmten Bedingungen durch Wassermoleküle ausgelöst wird. Nicht einfach, aber machbar.«

»Warte«, sagte ich ein wenig beunruhigt, als ich daran dachte, was passieren könnte, wenn dieses Prinzip uneingeschränkt zum Einsatz kam. »Es wäre ratsam, meinem Freund die Kontrolle über die Stärke der Antigravitation zu geben. Hin und wieder mag er vielleicht doch einmal den Boden berühren wollen.«

»Ich soll den Mechanismus auch noch eurem groben Bewegungsapparat anpassen? Also wirklich! Deine Unverschämtheit kennt keine Grenzen.«

»Ich bitte ja nur darum«, sagte ich, »weil du es bist. Ich käme natürlich nie auf den Gedanken, einen anderen Vertreter deiner Spezies um so etwas Schwieriges zu bitten.«

Diese taktische Lüge zeigte die erwartete Wirkung. Azazel streckte seine Brust um zwei Millimeter heraus und sagte in einem gebieterischen, tiefen Quiekston: »So soll es geschehen.«

Ich nehme an, daß Septimus noch im selben Augenblick mit besagter Fähigkeit ausgestattet wurde, bin mir allerdings nicht ganz sicher. Denn damals war gerade August, und weit und breit lag kein Schnee, an dem man das hätte ausprobieren können. Ich war auch nicht in Stimmung für einen kurzen Ausflug in die Antarktis, nach Patagonien oder gar Grönland, nur um mir das nötige Material für mein Experiment zu beschaffen.

Zudem hatte es keinen Sinn, Septimus über die neue Situation aufzuklären - er hätte mir sowieso nicht geglaubt. Womöglich wäre er zu der lächerlichen Schlußfolgerung gelangt, daß ich - ich - betrunken sei.

Doch das Schicksal meinte es gut mit mir. Ende November befand ich mich gerade in Septimus' Landhaus - zum Abschied von der Saison, wie er es nannte -, als eine große Menge Schnee fiel, ungewöhnlich viel für diese Jahreszeit.

Septimus fluchte laut und erklärte dem Universum den Krieg, weil es ihm diese infame Beleidigung nicht erspart hatte.

Für mich waren jedoch himmlische Zeiten angebrochen - und für ihn ebenfalls, auch wenn er es noch nicht wußte. Ich sagte: »Keine Angst, Septimus. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, um festzustellen, daß Schnee dir nichts anhaben kann.« Ich erklärte ihm die Situation in allen Einzelheiten.

Es war wohl zu erwarten gewesen, daß er zunächst äußerst ungläubig reagieren würde, aber er ließ sich darüber hinaus noch zu einigen vollkommen unnötige Bemerkungen über meinen Geisteszustand hinreißen.

Ich hatte jedoch monatelang Zeit gehabt, um mir etwas zurechtzulegen, also sagte ich: »Du hast dich vielleicht schon gefragt, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, Septimus. Meine Zurückhaltung in dieser Hinsicht wird dich nicht mehr verwundern, wenn ich dir erzähle, daß ich eine Schlüsselfigur in einem Forschungsprogramm der Regierung über Antigravitation bin. Ich kann dir nicht mehr verraten, als daß du Teil eines überaus wichtigen Experiments bist und dieses Programm damit wesentlich voranbringst. Das ist von erheblicher Bedeutung für die nationale Sicherheit.«

Er starrte mich mit großen, erstaunten Augen an, während ich leise ein paar Töne der amerikanischen Nationalhymne summte.

»Ist das dein Ernst?« fragte er.

»Würde ich dich belügen?« gab ich zurück. Und dann, auch auf die Gefahr einer Erwiderung hin, fügte ich hinzu: »Würde die CIA dich belügen?«

Er kaufte es mir ab, überwältigt von der schlichten Aufrichtigkeit, die all meine Sätze durchdringt.

»Was soll ich machen?« fragte er.

Ich erwiderte: »Der Boden ist mit nur fünfzehn Zentimetern Schnee bedeckt. Stell dir vor, daß du nichts wiegst, und dann geh einen Schritt vor die Tür.«

»Ich muß es mir einfach nur vorstellen?«

»Genau so funktioniert es.«

»Ich werde nasse Füße bekommen.«

Ich erwiderte sarkastisch: »Dann zieh deine hohen Stiefel an.«

Er zögerte, holte dann tatsächlich seine hohen Stiefel hervor und stieg hinein. Dieser deutliche Beweis dafür, daß er meinen Ausführungen nur bedingt Glauben schenkte, verletzte mich tief. Außerdem zog er sich einen Pelzmantel über und setzte eine noch pelzigere Kappe auf.

»Wenn du dann bereit wärst -«, sagte ich kühl.

»Keineswegs«, erwiderte er.

Ich öffnete die Tür, und er trat hinaus. Auf der überdachten Veranda lag kein Schnee, aber sobald er seine Füße auf die Treppe setzte, schienen sie unter ihm wegzugleiten. Er klammerte sich verzweifelt an der Balustrade fest.

Irgendwie hatte er die unterste Stute der kurzen Treppe erreicht und versuchte, sich aufzurichten. Es funktionierte nicht, zumindest nicht so, wie er es beabsichtigt hatte. Mit wild rudernden Armen schlitterte er einige Schritt weit davon und konnte sich dann nicht mehr auf den Füßen halten. Er landete auf dem Rücken und rutschte weiter, bis er an einem jungen Baum vorbeikam und sich mit einem Arm an seinem Stamm festhielt. Er glitt noch drei oder vier Mal um den Baum herum, ehe er zum Stillstand kam.

»Was ist denn das für ein rutschiger Schnee?« rief er, und seine Stimme zitterte vor Entrüstung.

Zugegebenermaßen starrte ich trotz meines Vertrauens in Azazel verwundert zu ihm hinüber. Er hatte keine Fußabdrücke hinterlassen, und sein rutschender Körper hatte keine Furche in den Schnee gezogen.

Ich sagte: »Auf dem Schnee hast du kein Gewicht.«

»Du bist verrückt«, erwiderte er.

»Schau dir den Schnee an«, sagte ich. »Du hast keine Spuren hinterlassen.«

Er starrte auf den Schnee und machte dann ein paar Bemerkungen, die man früher als nicht gesellschaftsfähig bezeichnet hätte.

»Außerdem«, fuhr ich fort, »hängt die Reibung zum Teil von dem Druck ab, den ein rutschender Körper auf die Oberfläche ausübt, auf der er sich bewegt. Je geringer dieser Druck, desto geringer die Reibung. Da du nichts wiegst, übst du keinen Druck auf den Schnee aus, es gibt also keine Reibung, und deshalb gleitest du über den Schnee, als sei es das glatteste Eis.«

»Und was soll ich nun tun? Meine Füße rutschen ständig unter mir weg!«

»Es tut dir doch nicht weh, oder? Wenn du kein Gewicht hast und auf dem Rücken landest, kann es nicht weh tun.«

»Trotzdem. Nur weil ich mir nicht wehgetan habe, ist das kein Grund, den Rest meines Lebens auf dem Rücken im Schnee zu verbringen.«

»Nun komm schon, Septimus, stell dir vor, daß du wieder Gewicht hast und dann steh auf.«

Er machte wie üblich ein finsteres Gesicht und sagte: »Ich soll mir also einfach vorstellen, daß ich wieder etwas wiege, ja?« Aber er tat es und kam unbeholfen auf die Füße.

Er sank einige Zentimeter tief in den Schnee ein, und als er vorsichtig versuchte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, hatte er dabei nicht mehr Schwierigkeiten, als dies normalerweise zu erwarten wäre.

»Wie machst du das, George?« fragte er mit einer Achtung in der Stimme, die er mir bisher nicht entgegengebracht hatte. »Ich hätte nicht gedacht, daß du Wissenschaftler bist.«

»Die CIA zwingt mich dazu, meine umfassenden wissenschaftlichen Kenntnisse zu verbergen«, erklärte ich. »Jetzt stell dir vor, daß du Stück für Stück leichter wirst, während du läufst. Deine Spuren sollten dabei immer flacher und der Schnee immer rutschiger werden. Bleib stehen, wenn du das Gefühl hast, daß er gefährlich glatt wird.«

Er gehorchte, denn wir Wissenschaftler üben mit unserem überlegenen Intellekt einen starken Einfluß auf gewöhnliche Sterbliche aus. »Jetzt«, sagte ich, »versuch ein wenig hin und her zu rutschen. Wenn du stehenbleiben willst, stell dir einfach vor, daß du wieder schwerer wirst -Und zwar langsam, sonst fällst du vornüber.«

Er hatte den Trick sofort heraus, denn er war ein sportlicher Typ. Er hatte mir einmal erzählt, daß er sämtliche Sportarten beherrschte, mit Ausnahme des Schwimmens. Als er drei Jahre alt gewesen war, hatte ihn sein Vater ins Wasser geworfen, in dem wohlmeinenden Versuch, ihm ohne ermüdenden Unterricht das Schwimmen beizubringen. Zehn Minuten Mund-zu-Mund Beatmung waren nötig, um Septimus wiederzubeleben. Er sagte, daß er sich seither vor dem Wasser fürchtete und auch eine Abneigung gegen Schnee hegte. »Schnee ist einfach nur gefrorenes Wasser«, sagte er und vertrat damit dieselbe Ansicht wie Azazel.

Seine Abneigung gegen Schnee schien sich jedoch unter den neuen Umständen gelegt zu haben. Mit einem ohrenbetäubenden »Hui!« schlitterte er umher und machte sich hin und wieder schwerer, wenn er eine Drehung vollzog, um mit einer aufspritzenden Schneefontäne zum Stehen zu kommen.

»Warte!« sagte er, stürzte ins Haus und - ob du's glaubst oder nicht - kehrte mit Schlittschuhen zurück, die er an seinen Stiefeln befestigt hatte.

»Ich habe auf meinem See Schlittschuhlaufen gelernt«, erklärte er, während er die Stiefel anzog, »aber es hat mir nie Spaß gemacht. Ich hatte immer Angst, das Eis könnte einbrechen. Jetzt kann ich gefahrlos über Land Schlittschuh lauten.«

»Aber denk daran«, sagte ich besorgt, »es funktioniert nur über H20 Molekülen. Wenn du auf ein Stück nackte Erde stößt oder auf freiliegendes Pflaster, wirst du sofort wieder dein normales Gewicht besitzen. Du könntest dich verletzen.«

»Keine Angst«, erwiderte er, kam auf die Füße und lief los. Ich sah zu, wie er beinahe einen Kilometer weit über die schneebedeckte Einöde seines Landes raste, und an meine Ohren drang ein fernes Krächzen: »Schneemann bau'n und Schneeballschlacht, Winter ist so schön, hat geschneit die ganze Nacht ...«.

Du mußt wissen, daß Septimus die Höhe eines Tones nur errät und dabei ständig falsch liegt. Ich hielt mir die Ohren zu.

Für mich brach der wohl glücklichste Winter meines Lebens an. Die ganze Zeit über saß ich in dem warmen und gemütlichen Haus, als und trank wie ein König, las erbauliche Bücher und versuchte dabei, gewitzter zu sein als der Autor und herauszufinden, wer der Mörder war, während ich mir mit großer Genugtuung die Verärgerung meiner Gläubiger in der Stadt vorstellte.

Durch das Fenster konnte ich beobachten, wie Septimus seine endlosen Runden über den Schnee drehte. Er sagte, er fühle sich dabei wie ein Vogel und hätte eine Freude an der Weite des Raums wie nie zuvor. Nun ja, jedem das seine.

Ich warnte ihn jedoch davor, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. »Es würde mich in Gefahr bringen«, sagte ich, »denn die CIA würde diese privaten Experimente nicht gutheißen. Mich selbst kümmert diese Gefahr nicht, weil die Wissenschaft für jemanden wie mich über allem steht. Wenn allerdings jemand beobachten sollte, wie du über den Schnee gleitest, würdest du gewaltige Aufmerksamkeit erregen, und Dutzende von Journalisten würden über dich herfallen. Die CIA würde davon erfahren, und du müßtest Experimente über dich ergehen lassen, in denen dich Hunderte von Wissenschaftlern und Armeeangehörige in deine Bestandteile zerlegen. Du würdest nie wieder auch nur für eine Minute allein sein. Im ganzen Land würdest du Berühmtheit erlangen und wärst ständig von Tausenden von Leuten umgeben, die sich um dich sorgen.«

Diese Aussicht ließ Septimus erschaudern, was - wie ich nur zu gut wußte - für jemanden, der so sehr die Einsamkeit liebte wie er, nur natürlich war. Dann sagte er: »Aber wie soll ich meine Vorräte auffüllen, wenn ich eingeschneit bin? Darum ging es doch in diesem Experiment.«

Ich erwiderte: »Ich bin sicher, die Lastwagen werden fast immer auf den Straßen bis hierher gelangen, und du kannst genug Vorräte anlegen für den Fall, daß sie es einmal nicht schaffen. Solltest du tatsächlich irgend etwas dringend benötigen, wenn du gerade eingeschneit bist, kannst du so nah an die Stadt herangleiten wie möglich und dabei aufpassen, daß dich niemand sieht. Zu solchen Zeiten werden nur sehr wenige Leute unterwegs sein, möglicherweise überhaupt niemand. Dann stellst du dein normales Gewicht wieder her, legst die letzten hundert Schritte zu Fuß zurück und versuchst erschöpft auszusehen.

Du kaufst ein, was du brauchst, entfernst dich wieder einige hundert Schritte von der Stadt und läufst dann los. Verstehst du?«

In Wahrheit bestand während des gesamten Winters nicht ein einziges Mal die Notwendigkeit zu einem solchen Ausflug. Ich hatte mir von Anfang an gedacht, daß er die Gefahr, die von den Schneemassen ausging, etwas übertrieben hatte. Es hat auch nie jemand beobachtet, wie er über den Schnee glitt.

Septimus konnte davon nicht genug bekommen. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, wenn der Schnee einmal eine Woche lang ausblieb oder die Temperaturen über den Gefrierpunkt stiegen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr er darauf hoffte, daß die Schneedecke sich hielt.

Was für ein herrlicher Winter! Wie tragisch, daß es der einzige bleiben sollte!

Was geschehen ist? Ich will dir erzählen, was geschehen ist. Erinnerst du dich an den Satz, den Romeo spricht, bevor er Julia mit dem Dolch ersticht? Wahrscheinlich nicht, also werde ich dir auf die Sprünge helfen. Er sagt: »Laß ein Weib an dich heran, und die Vernunft läßt dich im Stich.«

Im darauffolgenden Herbst lernte Septimus eine Frau kennen - Mercedes Gumm. Er hatte auch früher schon Affären gehabt, schließlich war er kein Einsiedler, aber noch nie hat ihm eine Frau soviel bedeutet. Meist hatte er sich eine Zeitlang mit ihnen getroffen, sich leidenschaftlich in sie verliebt und sie schließlich vergessen, ebenso wie sie ihn. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schließlich haben mir selbst schon einige junge Damen nachgestellt, und ich konnte daran nichts Schlechtes finden, selbst wenn sie mich hin und wieder in die Enge getrieben haben und -aber ich schweife ab.

Septimus besuchte mich in bedrückter Stimmung. »Ich liebe sie, George«, sagte er. »Ich kann an nichts anderes mehr denken. Mein ganzes Leben dreht sich um sie.«

»Wie reizend«, erwiderte ich. »Von mir aus darfst du dich gern eine Zeitlang mit ihr treffen.«

»Danke, George«, sagte Septimus düster. »Aber was ich wirklich brauche, ist ihr Einverständnis. Ich weiß nicht, wieso, aber irgendwie scheint sie mich nicht besonders zu mögen.«

»Wie seltsam«, sagte ich. »Sonst hast du doch meist Erfolg bei den Frauen. Immerhin bist du reich, sportlich und nicht häßlicher als die meisten anderen.«

»Ich denke, es liegt an meinen Muskeln«, sagte Septimus. »Sie hält mich für einen Einfaltspinsel.«

Ich konnte Miss Gumm für ihren Scharfsinn nur bewundern. Um es freundlich zu formulieren: Septimus war tatsächlich ein Einfaltspinsel. Eingedenk der Muskelpakete, die sich unter den Ärmeln seines Jacketts wölbten, hielt ich es jedoch für das Beste, ihm meine Einschätzung der Lage vorzuenthalten.

»Sie sagt, daß ihr das Körperliche gleichgültig ist. Stattdessen möchte sie einen Mann, der aufmerksam ist, intelligent, zutiefst vernünftig, philosophisch und noch einen Haufen andere Eigenschaften dieser Art besitzt. Außerdem sagt sie, daß ich diesem Ideal nicht im geringsten entspreche.«

»Hast du ihr erzählt, daß du Schriftsteller bist?«

»Natürlich. Und sie hat sogar ein paar meiner Romane gelesen. Aber weißt du, George, es geht darin meist um Fußballspieler, und sie sagt, sie findet das abstoßend.«

»Ich nehme an, sie ist nicht besonders sportlich?«

»Nicht im mindesten. Sie schwimmt«, er verzog das Gesicht, als würde er sich daran erinnern, wie er im zarten Alter von drei Jahren durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt wurde, »aber das macht die Sache auch nicht besser.«

»Wenn das so ist«, sagte ich besänftigend, »dann vergiß sie, Septimus. Frauen sind nicht so schwer zu finden. Die eine geht, die nächste kommt. Es gibt viele Fische im Meer und Vögel in der Luft. Im Dunkeln sind sie alle gleich. Ob diese Frau oder eine andere, das spielt doch keine Rolle.«

Ich hätte endlos weiterreden können, aber er schien seltsam unruhig zu werden, während er mir zuhörte, und einen Einfaltspinsel sollte man nicht beunruhigen.

Septimus sagte: »Aber George, deine Ansichten kränken mich zutiefst. Mercedes ist für mich das einzige Mädchen auf dieser Welt. Ohne sie könnte ich nicht leben. Sie ist untrennbar verbunden mit meinem innersten Selbst. Sie ist der Hauch meiner Lungen, das Schlagen meines Herzens, das Licht meiner Augen. Sie -«

Er wollte gar nicht mehr aufhören, und es schien ihn nicht im geringsten zu kümmern, daß er mich mit seinen Ansichten zutiefst kränkte.

Er sagte: »Ich sehe also keinen anderen Ausweg, als sie zu heiraten.«

Mit diesen Worten nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich wußte genau, was geschehen würde. Sobald sie geheiratet hatten, wäre es mit meinem Paradies vorbei. Ich weiß nicht warum, aber frischgebackene Ehefrauen bestehen grundsätzlich darauf, daß unverheiratete Freunde ihren Abschied nehmen. Ich würde nie wieder auf Septimus' Landsitz eingeladen werden.

»Das kannst du nicht machen«, sagte ich bestürzt.

»Oh, ich gebe zu, es ist ein folgenschwerer Schritt, aber ich denke, ich werde es schaffen. Ich habe mir schon etwas ausgedacht. Mercedes mag mich für einen Einfaltspinsel halten, aber ich bin nicht vollkommen verblödet. Ich werde sie Anfang des Winters auf meinen Landsitz einladen. Dort, in der Ruhe und Harmonie meines kleinen Eden, wird sich ihr ganzes Wesen öffnen, und sie wird die wahre Schönheit meiner Seele erkennen.«

Ich war der Meinung, daß er sich von Eden eindeutig zuviel versprach, doch ich sagte: »Du wirst ihr doch nicht etwa zeigen, wie du über den Schnee gleiten kannst, oder?«

»Nein, nein«, erwiderte er. »Erst wenn wir verheiratet sind.«

»Selbst dann -«

»Unsinn, George«, sagte Septimus vorwurfsvoll. »Eine Ehefrau ist die bessere Hälfte ihres Mannes. Einer Ehefrau kann man die tiefsten Geheimnisse seiner Seele anvertrauen. Eine Ehefrau -«

Erneut erging er sich in endlosen Reden, und alles, was ich tun konnte, war, mit schwacher Stimme zu erwidern: »Der CIA wird das nicht gefallen.«

Seiner knappen Bemerkung über die CIA würden die Sowjets sicher von ganzem Herzen zustimmen. Kuba und Nicaragua ebenso.

»Ich werde sie irgendwie dazu überreden, Anfang Dezember mit mir zu kommen«, sagte er. »Ich nehme an, du hast Verständnis dafür, George, daß wir beide allein sein wollen. Ich weiß, du würdest nicht im Traum daran denken, den romantischen Möglichkeiten, die die friedliche Einsamkeit der Natur für mich und Mercedes bereit hält, im Wege zu stehen. Die Stille und das langsame Verstreichen der Zeit wird uns sicher auf unwiderstehliche Weise zusammenführen.«

Natürlich erkannte ich das Zitat. Diesen Satz spricht Macbeth, kurz bevor er Duncan mit dem Dolch ersticht, aber ich starrte Septimus nur kalt und würdevoll an. Einen Monat später begleitete Miss Gumm Septimus tatsächlich auf seinen Landsitz, und ich mußte zu Hause bleiben.

Was auf dem Landsitz geschehen ist, habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich weiß nur das, was Septimus mir erzählt hat, deshalb kann ich nicht für alle Einzelheiten bürgen.

Miss Gumm war tatsächlich eine Schwimmerin, aber da Septimus eine unüberwindliche Abneigung gegen dieses spezielle Hobby verspürte, stellte er ihr keine weiteren Fragen dazu. Und Miss Gumm hielt es offenbar nicht für notwendig, einem Einfaltspinsel von sich aus weitere Einzelheiten darüber zu erzählen. Daher hatte Septimus nie herausgefunden, daß Miss Gumm eine jener Verrückten war, die sich gern mitten im Winter einen Badeanzug anziehen, auf einem See ein Loch ins Eis hacken und ins eiskalte Wasser springen, um ein gesundes und belebendes Bad zu nehmen.

So kam es, daß Miss Gumm an einem klaren und frostigen Morgen aufwachte, während Septimus noch immer in einfältigem Schlummer lag, Badeanzug, Frotteemantel und Turnschuhe anzog und auf dem schneebedeckten Pfad zum See lief. Der Rand des Sees war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, aber in der Mitte war er noch nicht zugefroren. Sie zog also Mantel und Turnschuhe aus und sprang offenbar mit dem größten Vergnügen in das eisige Wasser.

Septimus erwachte kurz darauf, und der feinfühlige Instinkt des Liebenden teilte ihm auf der Stelle mit, daß seine geliebte Mercedes nicht da war. Er lief durch das ganze Haus und rief ihren Namen. Als er ihre Kleider und ihre anderen Sachen in ihrem Zimmer entdeckte, wußte er, daß sie nicht heimlich in die Stadt zurückgefahren war, wie er zunächst befürchtet hatte. Sie mußte also aus dem Haus gegangen sein.

Hastig stieg er mit nackten Füßen in seine Stiefel und zog seinen dicksten Mantel über den Schlafanzug. So eilte er hinaus und rief ihren Namen.

Miss Gumm hörte ihn natürlich, winkte mit den Armen in seine Dichtung und rief: »Hier drüben, Sep! Hier drüben.«

Was als nächstes geschah, erzähle ich dir in Septimus' eigenen Worten. Er sagte: »In meinen Ohren klang es wie: >Hier drüben, Hilfe, Hilfe !< Ich gelangte also zu der logischen Schlußfolgerung, daß meine Geliebte sich in einem Anfall von Wahnsinn auf das Eis hinausgewagt hatte und ins Wasser gefallen war. Wie hätte ich auf den Gedanken kommen sollen, daß sie sich aus freien Stücken in den eisigen See stürzen würden.

Ich liebte sie so sehr, George, daß ich auf der Stelle bereit war, dem Wasser zu trotzen, das ich in meiner Feigheit normalerweise fürchte - besonders eiskaltes Wasser - und ihr zu Hilfe zu eilen. Nun, vielleicht nicht auf der Stelle, aber ich habe wirklich nicht länger als zwei Minuten darüber nachgedacht, allerhöchstens drei.

Dann schrie ich: >Ich komme, meine Einzige, meine Geliebte! Behalt den Kopf über Wasser !<, und rannte los. Ich wollte nicht durch den Schnee dorthin laufen. Ich glaubte, daß ich dafür nicht genug Zeit hätte. Daher machte ich mich leichter, während ich lief und schlitterte los, über die dünne Schneedecke, über das Eis, das den Rand des Sees bedeckte, und mit einem fürchterlichen Platschen ins Wasser hinein.

Wie du weißt, kann ich nicht schwimmen und habe eigentlich furchtbare Angst vor dem Wasser. Stiefel und Mantel zogen mich außerdem nach unten, und ich wäre ertrunken, hätte Mercedes mich nicht gerettet.

Man hätte meinen sollen, daß diese romantische Rettungsaktion uns näher zusammengeführt, uns zusammengeschweißt hätte, aber - «

Septimus schüttelte den Kopf, und in seinen Augen standen Tränen. »Dem war leider nicht so. Stattdessen wurde sie wütend. >Du Einfaltspinsels kreischte sie. >Stürzt dich ins Wasser mit Mantel und Stiefeln und kannst nicht einmal schwimmen. Was in aller Welt hast du dir dabei gedacht? Weißt du, was es für ein Kampf war, dich aus dem See zu ziehen? Und du hattest solche Angst, daß du mir einen Schlag gegen das Kinn versetzt hast. Ich hätte beinahe das Bewußtsein verloren, und dann wären wir beide ertrunken. Außerdem tut es immer noch weh.«

Sie packte ihre Sachen und reiste beleidigt ab. Ich blieb auf meinem Landsitz und bekam kurz darauf eine böse Erkältung, von der ich mich immer noch nicht ganz erholt habe. Seither habe ich sie nicht mehr wiedergesehen - sie antwortet nicht auf meine Briefe und ruft mich nicht zurück. Mein Leben ist vorbei, George.«

Ich sagte: »Nur aus Neugierde, Septimus, aber warum hast du dich in das Wasser gestürzt? Warum bist du nicht am Ufer des Sees stehengeblieben oder so weit auf das Eis hinausgegangen, wie du es wagen konntest? Dann hättest du ihr einen langen Stock hinhalten oder ein Seil zuwerfen können, wenn du eines gefunden hättest ...«

Septimus blickte betrübt drein. »Ich wollte mich ja gar nicht ins Wasser stürzen. Ich wollte darüber hinweggleiten.«

»Darüber hinweggleiten? Habe ich dir nicht gesagt, daß deine Schwerelosigkeit nur auf dem Eis funktioniert?«

Septimus starrte mich mit wildem Blick an. »Das habe ich mir schon gedacht. Du hast gesagt, daß es nur über H2O funktioniert. Das schließt Wasser mit ein, oder nicht?«

Er hatte recht. H2O klang wissenschaftlicher, und ich hatte die Rolle des genialen Wissenschaftlers spielen wollen. Ich sagte: »Ich meinte H2O in festem Zustand.«

»Aber das hast du nicht gesagt«, erwiderte er und stand langsam auf, wie mir schien in der eindeutigen Absicht, mich in meine Bestandteile zu zerlegen.

Ich habe das Weite gesucht, ehe ich herausfinden konnte, ob dies tatsächlich zutraf. Seitdem habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen. Natürlich bin ich auch nie wieder auf seinem paradiesischen Landsitz gewesen. Ich glaube, er lebt heute auf einer Südseeinsel, hauptsächlich deshalb, denke ich, weil er nie wieder Eis oder Schnee sehen will.

Wie schon gesagt: »Laß ein Weib an dich heran, und die Vernunft läßt dich im Stich.« Wenn ich so darüber nachdenke, könnte es auch Hamlet gewesen sein, der diesen Satz spricht, kurz bevor er Ophelia mit dem Dolch ersticht.«

George ließ einen langen, weinseligen Seufzer aus den Tiefen dessen aufsteigen, was er für seine Seele hielt, und sagte: »Das Restaurant macht gleich zu, und wir sollten besser aufbrechen. Hast du die Rechnung bezahlt?«

Bedauerlicherweise hatte ich das getan.

»Kannst du mir vielleicht einen Fünfer leihen, mein alter Freund, damit ich nach Hause komme?«

Zu meinem noch größeren Bedauern konnte ich auch das.


Logik bleibt Logik

<p><strong>Logik bleibt Logik</strong></p>

George gehörte nicht zu jenen feigen Geschöpfen, die der Meinung sind, daß sie ein Essen, das sie nicht bezahlen, auch nicht kritisieren dürfen. Für gewöhnlich brachte er mir gegenüber seine Enttäuschung mit soviel Feingefühl zum Ausdruck, wie ihm zu Gebote stand - oder wie er glaubte, mir zuliebe aufbringen zu müssen, was natürlich nicht ganz das gleiche ist.

»Dieses Smörgasbord«, sagte er, »läßt sehr zu wünschen übrig. Die Fleischbällchen sind nicht heiß genug, der Hering ist nicht salzig genug, die Garnelen sind nicht knusprig genug, und der Käse ist nicht reif genug, an den Teufelseiern fehlt Pfeffer und -«

Ich sagte: »Aber George, das ist der dritte Teller, den du davon verschlungen hast. Noch ein Bissen, und du mußt dir den Magen aufschneiden lassen, damit noch etwas hineinpaßt. Warum ißt du soviel davon, wenn es dir nicht schmeckt?«

George lachte herablassend. »Soll ich etwa meinen Gastgeber beleidigen, indem ich sein Essen verschmähe?«

»Das ist nicht mein Essen, es wurde vom Koch des Restaurants zubereitet.«

»Ich meinte ja auch den Besitzer dieser armseligen Kaschemme. Sag mal, alter Freund, warum gehörst du eigentlich keinem guten Klub an?«

»Ich? Soll ich einen Haufen Geld für etwas bezahlen, das nur zweifelhaften Gewinn verspricht?«

»Ich meine einen wirklich guten Klub, den ich dann als dein Gast mit meiner Anwesenheit beehren könnte, im Austausch für ein üppiges Mahl. Aber nein«, fügte er mißmutig hinzu, »das ist natürlich nur ein verrückter Traum. Welcher gute Klub würde sein Ansehen gefährden wollen, indem er dich als Mitglied aufnimmt?«

»Jeder Klub, der dich als Gast akzeptiert, würde sicher auch mich -«, setzte ich an, doch George war bereits tief in Gedanken versunken.

»Ich erinnere mich«, sagte er mit glänzenden Augen, »daß ich eine Zeitlang mindestens einmal im Monat in einem Klub gespeist habe, der das verschwenderischste und aufwendigste Büfett anrichtete, das seit Lukullus' Zeiten die ächzenden Tische geziert hat.«

»Ich nehme an, du hast dich von jemandem einladen lassen?«

»Ich weiß nicht, wie du auf diese. Schlußfolgerung kommst, aber rein zufällig hast du recht. Alistair Tobago Crump VI. war das eigentliche Mitglied dieses Klubs, und was noch wichtiger war, er hat mich hin und wieder eingeladen, ihn dorthin zu begleiten.«

»George«, sagte ich, »wird das wieder so eine Geschichte, in der du gemeinsam mit Azazel irgendeine arme Seele in die Abgründe des Elends und der Verzweiflung stürzt, in einem irregeleiteten Versuch, ihm zu helfen?«

»Ich weiß nicht, worauf du anspielst. Wir haben ihm gegeben, was er sich wünschte, und zwar aus reiner Freundlichkeit und einer grundsätzlichen Liebe zur Menschheit - und meiner etwas weltlicheren Liebe zum Büfett. Aber laß mich dir die Geschichte von Anfang an erzählen.«

Alistair Tobago Crump VI. war von Geburt an Mitglied des Klubs Eden, denn sein Vater Alistair Tobago Crump V. hatte den Namen seines Sohnes in die Mitgliederliste eingetragen, sobald er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, daß der Arzt das Geschlecht des Neugeborenen richtig bestimmt hatte. Alistair Tobago Crump V. war ebenfalls von seinem Vater in die Liste eingetragen worden. Diese Tradition ließ sich bis in jene Zeit zurückverfolgen, als Bill Crump aus einem Rausch aufwachte, nur um festzustellen, daß er sich als Matrose auf einem Schiff der britischen Marine befand und zu jener Flotte gehörte, die 1664 New Amsterdam von den Holländern befreite.

Zufälligerweise ist Eden der exklusivste Klub des nordamerikanischen Kontinents. Er ist so vornehm, daß nur seine Mitglieder und einige wenige Gäste überhaupt von seiner Existenz wissen. Nicht einmal ich weiß, wo er sich befindet, denn auf dem Weg dorthin wurden mir stets die Augen verbunden, und ich fuhr in einem Einspänner mit Milchglasfenstern. Ich kann dir lediglich sagen, daß die Hufe des Pferdes kurz vor der Ankunft über ein Stück Kopfsteinpflaster klapperten.

Niemand konnte Mitglied des Eden werden, dessen Herkunft sich nicht auf beiden Seiten der Familie bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen ließ. Und nicht nur die Herkunft spielte eine Rolle. Man mußte eine makellos weiße Weste haben. George Washington wurde mit einstimmigem Beschluß ausgeschlossen, da er unleugbar gegen seinen königlichen Herrscher aufbegehrt hatte. Dieselben Anforderungen wurden auch an alle Gäste gestellt, und davon blieb ich natürlich nicht verschont. Im Unterschied zu dir bin ich nicht gerade erst aus Dobrudja oder Herzegowina oder irgendeinem anderen abgelegenen Ort in dieses Land eingewandert. An meiner Herkunft ist nicht zu rütteln, da all meine Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert diese Nation unsicher gemacht haben. Außerdem haben sie alle wie ein Mann die Sünden von Rebellion, Illoyalität und unamerikanischem Handeln vermieden, indem sie im Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg stets für beide Seiten gleichzeitig gejubelt haben.

Mein Freund Alistair war über alle Maßen stolz auf seine Mitgliedschaft. Häufig sagte er zu mir (denn er war einer jener klassischen Langeweiler, die sich ständig selbst wiederholen): »George, der Klub Eden ist Nerv und Sehne meines Wesens, das Herz meines Daseins. Wenn ich alles besäße, was Reichtum und Macht mir beschaffen können, und hätte Eden nicht, so wäre ich doch nichts.«

Natürlich besaß Alistair alles, was Reichtum und Macht ihm beschaffen konnten, denn eine weitere Bedingung für die Mitgliedschaft im Eden war großer Reichtum. Schon allein die jährlichen Beiträge machten das unabdingbar. Doch auch das war nicht genug. Der Reichtum mußte durch Erbschaft erworben worden sein, er durfte nicht verdient werden. Jedes Anzeichen dafür, daß man tatsächlich einer bezahlten Arbeit nachging, schloß eine Mitgliedschaft grundsätzlich aus. Nur der Umstand, daß mein Vater es versäumt hatte, mir mehrere Millionen Dollar zu hinterlassen, verwehrte mir den Zugang zum Klub, obwohl ich niemals soweit gesunken bin, für mein Einkommen zu - Sag nicht: »Ich weiß«, alter Freund. Woher solltest du das wohl wissen?

Natürlich war nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Mitglied sein Einkommen durch interessante Methoden vermehrte, die keine bezahlte Arbeit einschlössen. Immerhin blieben solche Möglichkeiten wie Börsenspekulation, Steuerhinterziehung und Schiebung, die den Reichen im Blute liegen.

All das wurde von den Mitgliedern des Eden sehr ernst genommen. Es hat Mitglieder gegeben, die in einem unerklärlichen Anfall von vorübergehender Ehrlichkeit all ihr Geld verloren hatten und lieber eines langsamen Hungertodes starben, als sich Arbeit zu suchen und dadurch ihre Mitgliedschaft im Klub zu verlieren. Ihre Namen werden immer noch in ehrfurchtsvollem Tonfall erwähnt, und im Klubhaus finden sich Plaketten zu ihren Ehren.

Nein, natürlich hätten sie sich kein Geld von den anderen Mitgliedern leihen können. Typisch, daß du so etwas vorschlägst. Jedes Klubmitglied weiß, daß man von einem Reichen kein Geld leiht, solange es unzählige arme Menschen gibt, die nur darauf warten, betrogen zu werden. Selbst in der Bibel steht: »Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch«, und wer wollte behaupten, daß die Mitglieder des Eden nicht fromme Christen sind.

Und dennoch war Alistair nicht vollkommen glücklich, denn die Klubmitglieder neigten leider dazu, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich habe dir ja schon erzählt, daß er ein Langeweiler war. Weder verfügte er über die Fähigkeit, eine Unterhaltung interessant zu gestalten, noch über Intellekt oder eine eigenständige Meinung. Ja, selbst in einem Klub, dessen Mitglieder sich hinsichtlich Witz und Originalität auf dem Niveau von Viertklässlern befanden, stach er als besonders stumpfsinnig heraus.

Du kannst dir vorstellen, wie sehr es ihn verdroß, Abend für Abend im Eden zu sitzen und inmitten einer Menschenmenge allein zu sein. Die Wellen der Unterhaltung brandeten über ihn hinweg, benetzten ihn jedoch nicht. Dennoch ließ er nie einen Klubabend aus. Selbst als er einmal starken Durchfall hatte, ließ er sich dorthin fahren, um seinen Ruf als »der eiserne Crump« nicht zu verlieren. Dies trug ihm durchaus die Bewunderung der anderen Klubmitglieder ein, wenn sie es auch aus irgendeinem Grund nicht richtig zu würdigen wußten.

Natürlich war es ihm hin und wieder vergönnt, mich als seinen Gast zum Klubabend mitzunehmen. Meine Herkunft war tadellos, meine aristokratische Tradition als überzeugter Nicht-Verdiener wurde von allen bewundert, und als Dank für das beste Essen und die gediegenste Atmosphäre auf Crumps Kosten ließ ich mich dazu herab, mich mit ihm zu unterhalten und über seine unsäglichen Witze zu lachen. Und bald wurde mir klar, daß ich den Ärmsten aus den tiefsten Tiefen meines großen Herzens bedauerte.

Es mußte irgendeinen Weg geben, um ihn zum Mittelpunkt des Abends zu machen, zur Krone des Eden, zu dem Mann, mit dem jedes Klubmitglied seine Zeit verbringen wollte. Ich stellte mir vor, wie sich alte und ehrwürdige Klubmitglieder mit arthritischen Fäusten um die Ehre prügelten, beim Abendessen neben ihm sitzen zu dürfen.

Schließlich war Alistair die Anständigkeit in Person, in jeder Beziehung ein Mitglied des Eden: Er war groß, schlank, sein Gesicht besaß den Ausdruck eines wiederkäuenden Pferdes, er hatte strähniges blondes Haar, blaßblaue Augen und den trüben Blick konservativer Rechtschaffenheit eines Mannes, dessen Vorfahren stets große Stücke auf sich gehalten haben und innerhalb der eigenen Sippe heirateten. Alles, was ihm fehlte, war auch nur der Anschein davon, daß er irgendetwas Interessantes sagen oder tun könnte.

Doch dem ließ sich sicherlich abhelfen. Es war ein Fall für Azazel.

Zum ersten Mal war Azazel nicht verärgert darüber, daß ich ihn aus seiner mystischen Welt herbeigerufen hatte. Anscheinend hatte er sich gerade auf irgendeinem Festessen befunden und war an der Reihe gewesen, die Rechnung zu begleichen. Fünf Minuten bevor diese Rechnung eintreffen sollte, hatte ich ihn herbeigerufen. Er kicherte mit seinem Fistelstimmchen, denn wie du weißt, ist er nur zwei Zentimeter groß.

Er sagte: »Wenn ich in fünfzehn Minuten zurückkehre, wird sich schon jemand anderes dazu bereit gefunden haben, diese Rechnung zu bezahlen.«

Ich sagte: »Wie wirst du ihnen deine Abwesenheit erklären?«

Er richtete sich zu seiner ganzen winzigen Größe auf, und sein Schwanz zuckte. »Ich werde ihnen die Wahrheit erzählen: Daß ich zu einem Treffen mit einem extragalaktischen Ungeheuer von außergewöhnlicher Dummheit gerufen wurde, das dringend meiner Intelligenz bedurfte. Was willst du denn dieses Mal?«

Ich erzählte es ihm, und zu meiner Überraschung brach er in Tränen aus. Jedenfalls strömten winzige rote Tropfen aus seinen Augen. Ich vermute, daß das Tränen waren. Eine geriet mir in den Mund, und sie schmeckte furchtbar -wie billiger Rotwein. Zumindest glaube ich das, denn ich bin nie soweit gesunken, billigen Rotwein zu trinken.

»Wie traurig«, sagte er. »Ich kenne auch ein ehrenwertes Wesen, das ständig von anderen vor den Kopf gestoßen wird, die ihm weit unterlegen sind. Ich finde, es gibt kaum etwas Tragischeres.«

»Und wer ist das? Dieses Wesen, das die anderen vor den Kopf stoßen, meine ich.«

»Na, ich«, sagte er und schlug sich so heftig gegen die Brust, daß ein Quieksen daraus hervordrang.

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte ich. »Du?«

»Kaum zu glauben, ich weiß«, sagte er, »aber es ist dennoch wahr. Verfügt dein Freund über irgendeine Fähigkeit, die vielversprechend wäre?«

»Nun, er erzählt Witze. Oder er versucht es zumindest. Sie sind furchtbar. Er leiert sie herunter, zögert die Pointe grundlos hinaus und vergißt sie dann. Ich habe schon oft gesehen, wie einem starken Mann angesichts seiner Witze die Tränen kamen.«

Azazel schüttelte den Kopf. »Schlimm. Sehr schlimm. Zufälligerweise bin ich ein sehr guter Witzeerzähler. Habe ich dir schon einmal davon erzählt, wie ein Plocks und ein Dschinniram gerade miteinander andesantorierten, und der eine von ihnen sagt -«

»Ja, hast du«, log ich schnell, »aber laß uns zu Crumps Fall zurückkehren.«

Azazel fragte: »Gibt es eine einfache Technik, mit der man das Erzählen eines Witzes verbessern kann?«

»Eine gewisse Zungenfertigkeit natürlich«, erwiderte ich.

»Natürlich«, sagte Azazel. »Eine einfache Divalinierung der Stimmbänder sollte diesen Zweck erfüllen - vorausgesetzt, ihr Barbaren besitzt Stimmbänder.«

»In der Tat. Und dann natürlich die Fähigkeit, verschiedene Akzente zu imitieren.«

»Akzente?«

»Sprachvarianten, die nicht der Hochsprache entsprechen. Ausländer, die eine Sprache nicht im Kindesalter, sondern erst später in ihrem Leben lernen, machen unweigerlich Fehler bei der Aussprache der Vokale, bei der Wortstellung, der Grammatik und so weiter.«

Azazels winziges Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck blanken Entsetzens. »Aber das ist eines der schlimmsten Vergehen«, sagte er.

»Nicht auf unserer Welt«, erwiderte ich. »Obwohl es dazu erklärt werden sollte.«

Azazel schüttelte traurig den Kopf. »Hat dein Freund schon einmal von diesen grausigen Dingen gehört, die du Akzente nennst?«

»Sicher. Jeder, der in New York lebt, hört die ganze Zeit über die unterschiedlichsten Akzente. Korrektes Englisch wie das meine hört man dagegen fast nie.«

»Ah«, sagte Azazel. »Ich muß also lediglich sein Gedächtnis skapulieren.«

»Was willst du mit seinem Gedächtnis tun?«

»>Skapulieren<, das bedeutet >schärfen<. Es geht auf das Wort >Skapos< zurück, das den Zahn eines Sum-fressenden Diridschinn bezeichnet.«

»Und das wird ihn in die Lage versetzen, beim Witzeerzählen einen Akzent zu imitieren?«

»Es funktioniert nur mit Akzenten, die er im Laufe seines Lebens schon einmal gehört hat. Schließlich, haben meine Kräfte ihre Grenzen.«

»Na dann skapulier ruhig los.«

Eine Woche später traf ich Alistair Tobago Crump VI. an der Ecke Fifth Avenue und dreiundfünfzigste Straße und suchte in seinem Gesicht vergeblich nach Anzeichen eines kürzlich errungenen Triumphs.

»Alistair«, sagte ich, »hast du in letzter Zeit mal ein paar Witze erzählt?«

»George«, erwiderte er, »niemand hört mir zu. Manchmal glaube ich, daß meine Witze kaum besser sind als die eines jeden Durchschnittsmenschen.«

»Nun, dann hör mir mal zu. Begleite mich in ein kleines Etablissement, das ich kenne. Ich werde dich auf lustige Art und Weise ankündigen, und dann stehst du auf und sagst einfach, was dir gerade in den Kopf kommt.«

Ich kann dir versichern, alter Freund, es war nicht leicht, ihn dazu zu überreden. Ich mußte meine ganze unwiderstehliche Persönlichkeit in die Waagschale werfen. Schließlich hatte ich jedoch Erfolg.

Ich brachte ihn in eine ziemlich miese Spelunke, die ich durch Zufall kenne. Um dir eine Vorstellung davon zu geben, wie heruntergekommen sie ist: Sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Restaurants, in die du mich zum Essen einlädst.

Zufälligerweise kenne ich auch den Manager dieser Spelunke, was durchaus von Vorteil war, und ich überredete ihn zu einem kleinen Experiment.

Um 23:00 Uhr, als die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte, erhob ich mich von meinem Platz und brachte das Publikum durch mein würdevolles Auftreten zum Verstummen. Es waren nur elf Personen anwesend, doch ich glaubte, daß dies für mein Experiment ausreichen würde.

»Meine Damen und Herren«, sagte ich, »unter uns befindet sich ein Herr von großem Verstand, ein Meister unserer Sprache, den Sie sicher alle sehr gern kennenlernen würden. Sein Name ist Alistair Tobago Crump VI., und er ist Englischprofessor am Columbia College und Autor des Buches >Der Weg zum perfekten Englische Professor Crump, dürfte ich Sie bitten, aufzustehen und einige Worte an die hier versammelten Intellektuellen zu richten?«

Crump erhob sich, blickte sich ein wenig verwirrt um und sagte dann: »Gut'n Abeend. Isch dank' Ihn alle recht scheen.«

Nun, mein alter Freund, ich habe dich schon des öfteren Witze in einem vorgeblich jiddischen Akzent erzählen hören, aber im Vergleich zu Crump würde man dich für einen Harvard-Ab solventen halten. Crump sah nämlich genau so aus, wie man sich einen Englischprofessor vorstellt. Und daß dieses jämmerliche inzestuöse Gesicht plötzlich einen Satz im reinsten jiddischen Akzent hervorbrachte, verschlug den Anwesenden einfach die Sprache. Man meinte sogar, ein Aroma von eingelegten Zwiebeln zu riechen - es war einfach unglaublich. Dann brachen alle in brüllendes Gelächter aus, das sich bis zur Hysterie steigerte.

Crump wirkte ein wenig überrascht. In einem wunderbaren schwedischen Singsang, den ich hier nicht wiedergeben kann, sagte er zu mir: »Normalerweise reagieren die Leute nicht ganz so heftig auf meine Witze.«

»Egal«, sagte ich, »red einfach weiter.«

Dazu mußte er erst einmal warten, bis sich das Gelächter gelegt hatte, und das dauerte eine Weile. Dann erzählte er Witze in irischem und schottischem Akzent, in Cockney, Mitteleuropäisch, Spanisch und Griechisch. Seine Spezialität war jedoch eindeutig der Brooklyner Dialekt - jene edle Sprache, mein alter Freund, die beinahe deine Muttersprache ist.

Danach ließ ich ihn jeden Abend ein paar Stunden im Eden verbringen, und nach dem Essen brachte ich ihn in den Nachtklub. Das sprach sich schnell herum. Wie gesagt, in der ersten Nacht war das Publikum eher klein, doch im Handumdrehen war der Klub von Menschen umlagert, die hinein wollten - und das vergeblich.

Crump blieb bei alledem ganz gelassen. Tatsächlich schien er sogar ein wenig niedergeschlagen zu sein. Er sagte: »Es hat doch keinen Sinn, mein herausragendes Talent auf gewöhnliche Bauerntölpel zu verschwenden. Ich möchte meine Fähigkeiten den Mitgliedern des Eden vorführen. Sie haben meine Witze bisher ignoriert, weil ich nicht auf den Gedanken gekommen bin, sie in einem bestimmten Akzent zu erzählen. Eigentlich wußte ich nicht einmal, daß ich dazu in der Lage bin. Und das ist nur ein Beweis für die unglaubliche Selbstunterschätzung, zu der ein eher zurückhaltender, humorvoller und witziger Kerl wie ich verleitet wird. Nur weil ich nicht laut bin und mich nicht ständig in den Vordergrund dränge -«

Er sprach in reinstem Brooklyner Dialekt, der jedem empfindlichen Ohr schmerzt, wenn ich das so sagen darf, und deshalb beeilte ich mich, ihm zu versichern, daß ich mich um alles kümmern würde.

Ich erzählte dem Manager des Nachtklubs vom Reichtum der Mitglieder des Eden und verschwieg dabei, daß sie ebenso reich wie geizig sind. Dem Manager lief das Wasser im Munde zusammen, und er schickte ihnen kostenlose Eintrittskarten, um sie in sein Lokal zu locken. Die Idee stammte von mir, denn ich wußte nur zu gut, daß sich kein Mitglied des Eden eine kostenlose Show entgehen lassen würde, besonders da ich das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, daß schlüpfrige Filme gezeigt werden würden.

Die Klubmitglieder erschienen zahlreich, und Crump wurde bei ihrem Anblick deutlich zuversichtlicher. »Jetzt kann ich mein wahres Talent zeigen«, sagte er. »Ich habe da einen koreanischen Akzent, der sie umhauen wird.«

Sein Repertoire umfaßte außerdem einen schleppenden südlichen Dialekt und einen näselnden Tonfall, wie er in Maine gesprochen wird - das mußte man einfach gehört haben, um es zu glauben.

Die Mitglieder des Eden saßen einige Minuten in eisigem Schweigen da, und ich befürchtete schon, sie würden Crumps subtilen Humor nicht verstehen. Doch sie waren lediglich gelähmt vor Verwunderung, und als sie sich etwas erholt hatten, begannen sie zu lachen.

Runde Bäuche wackelten, Kneifer fielen zu Boden, und weiße Koteletten flatterten. Jedes nur vorstellbare widerliche Geräusch - vom trockenen hohen Gackern bis hin zum öligen tiefen Brummen - drang an meine gepeinigten Ohren.

Crump reckte angesichts dieser angemessenen Würdigung stolz die Brust, und der Manager, der sich auf der Schwelle zu unermeßlichem Reichtum wähnte, eilte in der Pause zu Crump hinüber und sagte: »Mein junge, mein Junge, ich weiß, daß du nur darum gebeten hast, deine Kunst zur Schau stellen zu dürfen und daß du über den Schmutz erhaben bist, den die Leute Geld nennen, aber das kann ich nicht länger zulassen. Nenn mich einen Narren. Nenn mich einen Irren. Aber hier, hier, mein Junge, nimm diesen Scheck. Du hast ihn dir verdient, jeden Cent davon. Mach damit, was du willst.« Und mit der typischen Großzügigkeit des Unternehmers, der mit einem Gewinn in Millionenhöhe rechnet, drückte er Crump einen Scheck über fünfundzwanzig Dollar in die Hand.

Nun, meiner Meinung nach war das erst der Anfang. Crump wurde glücklich und berühmt, ein Star aller Nachtklubs, bewundert von allen, die ihn sahen. Er wurde mit Geld überschüttet, und da er aufgrund der Erbschaftsschwindeleien seiner Vorfahren bereits reicher war als Krösus, benötigte er keinen Cent davon. Er reichte deshalb alles an seinen Manager weiter - nämlich an mich. Innerhalb eines Jahres war ich Millionär! So viel zu deiner blödsinnigen Theorie, Azazel und ich würden nur Unglück verbreiten.

Ich blickte George spöttisch an. »Da dir einige Millionen Dollar zum Millionär fehlen, George, wirst du mir wohl gleich erzählen, daß alles nur ein Traum gewesen ist.«

»Keineswegs«, erwiderte George herablassend. »Die Geschichte ist vollkommen wahr, wie überhaupt jedes Wort, das ich von mir gebe. Und das Ende, das ich dir gerade erzählt habe, wäre genau so geschehen, wenn Alistair Tobago Crump VI. nicht ein solcher Narr gewesen wäre.«

»Ach, schau einer an.«

»Sicher. Ob du's glaubst oder nicht. Vor lauter Stolz über den großzügigen Fünfundzwanzig-Dollar-Scheck, den er erhalten hatte, rahmte er ihn ein, brachte ihn mit ins Eden und zeigte ihn törichterweise überall herum. Was blieb den Klubmitgliedern da anderes übrig? Er hatte Geld verdient. Er war für Arbeit bezahlt worden. Sie mußten ihn einfach ausschließen. Und als Crump sich seiner Mitgliedschaft im Klub beraubt sah, traf er den unklugen Entschluß, einen Herzinfarkt zu erleiden. Und weder Azazel noch ich waren daran schuld.«

»Aber wenn er sich den Scheck eingerahmt hat, hat er doch eigentlich gar kein Geld angenommen.«

George hob gebieterisch die Hand, während er mit der anderen die Rechnung für das Abendessen in meine Richtung schob. »Es geht um's Prinzip. Ich habe dir erzählt, daß die Klubmitglieder sehr religiös waren. Als Adam aus Eden verbannt wurde, hat Gott zu ihm gesagt, daß er von nun an für sein Überleben arbeiten mußte. Ich glaube, die genauen Worte lauteten: >Im Schweiße eures Angesichts sollt ihr künftig euer Brot essen<. Daraus folgt, daß man umgekehrt von Eden ausgeschlossen bleiben muß, wenn man sich seinen Lebensunterhalt mit Arbeit verdient. Logik bleibt Logik.«


Der schnellste Reisende

<p><strong>Der schnellste Reisende</strong></p>

Ich war gerade von einer Reise nach Williamsburg, Virginia, zurückgekehrt, und in meine Erleichterung darüber, an meine geliebte Schreibmaschine und meinen Computer zurückkehren zu können, mischte sich noch immer ein wenig Bedauern, daß ich überhaupt hatte verreisen müssen.

Daß George sich gerade auf meine Kosten durch die Speisekarte eines guten Restaurants gegessen hatte, war für ihn jedoch kein Grund, mir sein Mitgefühl auszusprechen.

Nachdem er die Faser eines Steaks aus seinen Zähnen gepult hatte, sagte er: »Ich verstehe wirklich nicht, alter Freund, was dich daran stört, daß eigentlich recht angesehene Organisationen bereit sind, Tausende von Dollar zu bezahlen, nur um dich eine Stunde lang reden zu hören. Da ich dich selbst schon das eine oder andere Mal habe reden hören, hätte ich es für wahrscheinlicher gehalten, daß du ohne Bezahlung sprichst und einfach nicht aufhörst, bevor sie dir nicht Tausende von Dollar gezahlt haben. Letzteres ist sicher eine effektivere Methode, um Leuten Geld abzuknöpfen - aber ich will deine Gefühle nicht verletzen, vorausgesetzt du hast welche.«

»Wann hast du mich denn jemals reden gehört?« fragte ich. »Die kurzen Pausen in deinem Redefluß lassen doch wohl kaum mehr als zwei Dutzend Wörter zu.« (Natürlich achtete ich darauf, meine Frage in genau vierundzwanzig Wörtern zu formulieren.)

Wie ich mir schon gedacht hatte, ignorierte George meine Bemerkung. »Es ist eine deiner besonders unangenehmen Eigenschaften«, sagte er, »daß du in deiner verrückten Gier nach dem Firlefanz, den man >Geld< nennt, so häufig und bereitwillig die Strapazen einer Reise auf dich nimmst, obwohl du das angeblich verabscheust. Das erinnert mich ein wenig an die Geschichte von Sophokles Moskowitz, der sich ebenso ungern aus seinem Sessel erhob wie du, es sei denn daraus resultierte ein weiteres Anwachsen seines ohnehin schon gut gefüllten Bankkontos. Diese Faulheit nannte er beschönigend eine >Abneigung gegen das Reisen<. Für meinen Freund Azazel war es jedoch ein leichtes, das zu beheben.«

»Laß deinen zwei Zentimeter großen Desaster-Dämon ja nicht auf mich los«, sagte ich beunruhigt. Meine Besorgnis war ebenso groß, wie wenn ich Grund zu der Annahme hätte, daß Georges Phantasiewesen tatsächlich existierte.

George ignorierte mich auch weiterhin.

Eigentlich [sagte George] war es eines der ersten Male, daß ich Azazel zu Hilfe gerufen habe. Das ist schon etwa dreißig Jahre her, mußt du wissen. Ich hatte gerade erst herausgefunden, wie man das kleine Wesen aus seiner Welt herbeiholt, und ich wußte noch nicht, über welche Kräfte es tatsächlich verfügte.

Natürlich prahlte er damit, aber welches lebende Wesen - von mir einmal abgesehen - übertreibt nicht ständig, wenn es von seinen Kräften und Fähigkeiten erzählt?

Ich war damals mit einer hinreißenden jungen Frau namens Fifi befreundet, die ein Jahr zuvor beschlossen hatte, Sophokles Moskowitz als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen, um an sein Geld heranzukommen.

Selbst nachdem sie verheiratet war, führte Fifi unsere Freundschaft insgeheim fort, auch wenn sie dabei unbegreiflicherweise sittsam blieb. Trotz ihrer Tugendhaftigkeit freute ich mich immer, sie zu sehen, was du verstehen wirst, wenn ich dir erzähle, daß ihre Figur einfach unbeschreiblich war. In ihrer Gegenwart erinnerte ich mich stets mit asketischer Zufriedenheit an gewisse liebevolle Taktlosigkeiten, die wir einmal gemeinsam ausgetauscht hatten.

»Bumm-Bumm«, sagte ich, denn ich konnte es mir einfach nicht abgewöhnen, sie mit ihrem Künstlernamen anzusprechen, den ihr die ehrfürchtigen Zuschauer ihrer interessanten Darbietungen einhellig verliehen haben, »du siehst gut aus.« Ich sagte das ohne Zögern, denn so bin ich nun einmal.

»Ach ja?« sagte sie auf diese unbekümmerte Weise, in der stets die Straßen New Yorks in all ihrer blechernen Pracht mitschwingen. »Ich fühl' mich aber gar nicht gut.«

Ich nahm ihr das nicht einen Augenblick lang ab, denn wenn mich meine Erinnerung nicht trog, fühlte sie sich schon seit ihrer frühen Jugend ziemlich gut. Aber ich sagte: »Was hast du denn, mein starrköpfiger Liebling?«

»Es ist Sophokles, dieser Widerling.«

»Du ärgerst dich doch nicht etwa über deinen Ehemann, Bumm-Bumm. Über einen Mann, der so reich ist, kann man sich einfach nicht ärgern.«

»Was du nicht sagst, du Wichtigtuer! Hör mal, erinnerst du dich noch, wie du mir erzählt hast, Sophokles wäre so reich wie dieser Typ names Krösus, von dem ich noch nie gehört hatte? Nun, wieso hast du mir nicht gesagt, daß dieser Krösus auch ein unglaublicher Geizkragen gewesen sein muß?«

»Sophokles ist ein Geizkragen?«

»Und was für einer! Ist das denn zu fassen? Was nützt es, einen reichen Kerl zu heiraten, wenn er sich als Geizkragen entpuppt?«

»Bumm-Bumm, sicher kannst du ihm ein wenig Geld entlocken, indem du ihm vage Versprechungen hinsichtlich nächtlicher Verlustigungen machst?«

Fifi runzelte leicht die Stirn. »Ich weiß nicht, was du damit meinst, aber ich kenne dich, also rede nicht so unanständiges Zeug. Außerdem habe ich ihm schon angedroht, daß er nicht mehr bekommt, wovon du gerade geredet hast, wenn er nicht ein wenig spendabler wird, aber er hält lieber seine Geldbörse umklammert als mich. Und wenn ich so darüber nachdenke, ist das an sich schon ziemlich beleidigend.« Die Ärmste schluchzte leise.

Ich drückte ihr die Hand - so wenig brüderlich, wie es mir auf die Schnelle möglich war.

Voller Leidenschaft rief sie: »Als ich diesen Nichtsnutz geheiratet habe, dachte ich mir: >Fifi, jetzt kommst du nach Paris und an die Rivira, nach Bonus Aires und Casablanca und all das.« - Hah! Schön wär's!«

»Erzähl mir bitte nicht, dieser Hund fahrt nicht mit dir nach Paris.«

»Er fahrt nirgendwohin. Er sagt, er will Manhattan nicht verlassen. Er sagt, ihm gefallt es da draußen nicht. Und daß er keine Pflanzen mag, und Bäume und Tiere und Gras und Schmutz und Ausländer und andere Gebäude außer die in New York. Und ich frage ihn: >Wie wäre es mit einer netten Einkaufstour?<, aber das gefällt ihm auch nicht.«

»Warum fährst du nicht ohne ihn, Bumm-Bumm?«

»Das würde sicher mehr Spaß machen als mit ihm, darauf kannst du wetten. Aber womit? Der Kerl hat sich die Hosentaschen zunähen lassen, und darin stecken all seine Kreditkarten. Ich muß meine Einkäufe bei Macy's erledigen.« Ihre Stimme nahm einen schrillen Ton an. »Habe ich diesen Hohlkopf geheiratet, um bei Macy's einzukaufen?«

Ich warf einen vorsichtigen Blick auf verschiedene Körperpartien der Dame und bedauerte, daß ich sie mir nicht leisten konnte. Bevor sie geheiratet hatte, war sie hin und wieder bereit gewesen, mir einen kleinen Freundschaftsdienst zu erweisen, aber ich hatte das Gefühl, daß ihr gehobener Status als verheiratete Frau einen solchen Akt der Nächstenliebe nun nicht mehr zuließ. Du mußt wissen, daß ich damals noch leidenschaftlicher war als jetzt, da ich mich in meinen besten Jahren befinde. Dennoch blieb mir damals wie heute das Ziel meiner Wünsche verschlossen.

Ich sagte: »Was wäre, wenn ich ihn dazu überreden könnte, mehr zu reisen?«

»O Mann, ich wünschte, das würde jemandem gelingen.«

»Was, wenn es mir gelingen würde? Ich nehme an, du wärst dankbar.«

Sie blickte mich gedankenverloren an. »George«, sagte sie, »an dem Tag, an dem er mir sagt, daß er mit mir nach Paris fahren will, machen wir beide - du und ich - einen kleinen Ausflug nach Asbury Park. Erinnerst du dich noch an Asbury Park?«

Ob ich mich an dieses Seebad in New Jersey erinnerte? Wie könnte ich meine schmerzenden Muskeln vergessen? Beinahe jeder Teil meines Körpers war noch zwei Tage danach vollkommen steif gewesen.

Ich redete mit Azazel bei einem Bier über die ganze Sache - ein Krug für mich und einen Tropfen für ihn. Er fand den Hopfen angenehm belebend. Vorsichtig sagte ich zu ihm: »Azazel, können deine magischen Kräfte tatsächlich etwas vollbringen, das mich in Erstaunen versetzt?«

Er blickte mich mit einem benebelten Gesichtsausdruck an. »Sag mir einfach, was du willst. Sag mir, was du willst. Ich zeige dir, ob ich ein >alter Stümper< bin oder nicht. Ich werde es ihnen allen zeigen.«

Als er einmal ein wenig Möbelpolitur mit Limonenduft inhaliert hatte (er behauptete, das Limonenschalenaroma hätte eine bewußtseinserweiternde Wirkung), hatte er mir erzählt, daß ihn auf seiner eigenen Welt jemand mit diesem Ausdruck beleidigt hatte.

Ich spendierte ihm einen weiteren Tropfen Bier und sagte dann beiläufig: »Ich habe einen Freund, der nicht gerne reist. Ich nehme an, für jemanden mit deinen überlegenen Fähigkeiten wäre es ein leichtes, diese Abneigung in absolutes Reisefieber zu verwandeln.«

Zugegebenermaßen war seine Begeisterung sofort verflogen. »Ich hatte gedacht«, sagte er in seiner piepsigen Stimme mit dem merkwürdigen Akzent, »daß du um etwas Vernünftiges bitten würdest - etwa, daß ich allein mit der Kraft meines Geistes dieses häßliche Bild dort an der Wand geraderücke.« Das Bild bewegte sich, noch während er sprach, und neigte sich nun in die andere Richtung.

»Ja, aber warum sollte ich dich darum bitten, meine Bilder geradezurücken?« sagte ich. »Es kostet mich viel Mühe, sie in genau dem richtigen schiefen Winkel aufzuhängen. Es liegt mir dagegen viel daran, daß du Sophokles Moskowitz mit einer Reiselust erfüllst, die ihn ständig auf Wanderschaft gehen läßt, falls nötig sogar ohne seine Frau.« Den letzten Satz fügte ich hinzu, weil mir eingefallen war, daß es durchaus von Vorteil sein könnte, wenn Sophokles seine Frau hin und wieder allein in der Stadt zurückließe.

Azazel sagte: »Das ist nicht leicht. Eine tief verwurzelte Abneigung gegen das Reisen kann möglicherweise auf bestimmte Kindheitserinnerungen zurückgehen, die das Gehirn deformiert haben. Es würde die fortgeschrittenste Geistestechnik erfordern, um das zu beheben. Ich sage nicht, daß es unmöglich ist, denn der primitive menschliche Geist ist nicht so leicht zu beschädigen. Du müßtest mir allerdings die betreffende Person einmal zeigen, damit ich ihren Geist eingehend untersuchen kann.«

Nichts leichter als das. Ich bat Fifi, mich als einen alten Freund aus Collegezeiten zum Abendessen einzuladen.

(Sie hatte vor einigen Jahren ein wenig Zeit auf dem Campus eines Colleges verbracht, obwohl ich glaube, daß sie nie eine Vorlesung besucht hat. Außeruniversitäre Aktivitäten sagten ihr mehr zu.)

Ich nahm Azazel in meiner Jackentasche mit und vernahm hin und wieder, wie er leise quieksend komplizierte mathematische Formeln vor sich hin murmelte. Ich nahm an, daß er Sophokles Moskowitz Geist analysierte, und das war eine beeindruckende Leistung, denn ich mußte mich nur kurz mit ihm unterhalten, um festzustellen, daß es da nicht viel Raum für eine Analyse gab.

Als wir wieder zu Hause angekommen waren, fragte ich Azaze »Und?«

Er wedelte mit seinem schuppigen kleinen Arm und sagte: »Kein Problem. Du hast nicht zufällig ein mehrphasiges, mentodynamisches Synaptometer zur Hand?«

»Leider nein«, erwiderte ich. »Ich habe es gestern einem Freund geliehen, der sich gerade auf dem Weg nach Australien befindet.«

»Wie dumm von dir«, schimpfte Azazel. »Das heißt, daß ich meine Berechnungen im Kopf anstellen muß.«

Auch nachdem er die Aufgabe (wie er behauptete) erfolgreich gelöst hatte, verbesserte sich seine Laune nicht.

»Es war nahezu unmöglich«, sagte er. »Nur jemand von meinen überragenden Fertigkeiten hätte das vollbringen können. Ich mußte seinen Geist mit riesigen Nägeln in der derzeitigen veränderten Form festklopfen.«

Ich nahm an, daß er das im metaphorischen Sinne meinte, und sagte ihm das auch.

Darauf erwiderte Azaze »Nun, man könnte es durchaus auch als riesige Nägel beschreiben. Niemand wird mehr in der Lage sein, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er wird mit einer solchen Entschlossenheit reisen wollen, daß er notfalls Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um sein Ziel zu erreichen. Ich werde es ihnen schon zeigen, diesen -«

Es folgte eine lange Kette von schrillen Silben in seiner Muttersprache. Natürlich verstand ich nicht, was er sagte, aber daß hinterher die Eiswürfel in meinem Kühlschrank im Nachbarzimmer geschmolzen waren, läßt darauf schließen, daß es alles andere als schmeichelhaft war. Es handelte sich dabei wohl um eine Tirade auf jene Wesen in seiner Heimatwelt, die ihm einen Mangel an Geschicklichkeit vorgeworfen hatten.

Etwa drei Tage später rief mich Fifi an. Am Telefon war sie bei weitem nicht so umwerfend, wie wenn man ihr direkt gegenübersaß - aus offensichtlichen Gründen, die dir mit deiner angeborenen Unfähigkeit, die schönen Dinge des Lebens wahrzunehmen, vermutlich entgehen würden. Weißt du, eine leichte Härte in ihrer Stimme fällt einem eher auf, wenn man nicht durch weichere Formen an anderer Stelle abgelenkt wird.

»George«, sagte sie kichernd, »du mußt zaubern können. Ich weiß nicht, was du bei diesem Essen gemacht hast, aber es hat funktioniert. Sophokles fährt mit mir nach Paris. Er ist von selbst daraufgekommen und ist ganz aufgeregt. Ist das nicht toll?«

»Aber ja«, sagte ich mit verständlichem Enthusiasmus. »Das ist einfach phantastisch! Dann können wir jetzt das kleine Versprechen einlösen, das du mir gegeben hast. Laß uns noch einmal nach Asbury Park fahren und phantastisch einen draufmachen.«

Selbst dir dürfte schon aufgefallen sein, daß Frauen eine Abmachung keineswegs für bindend erachten. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich vollkommen von Männern. Sie verstehen nicht, wie wichtig es ist, ein einmal gegebenes Wort zu halten. Sie besitzen einfach kein Ehrgefühl.

Sie sagte: »Wir fahren schon morgen, George, ich habe also im Moment keine Zeit. Ich rufe dich an, wenn ich zurückkomme.«

Ohne ein weiteres Wort legte sie auf. Diese Frau hatte vierundzwanzig Stunden zu ihrer Verfügung, und ich hätte kaum die Hälfte davon in Anspruch genommen - aber sie fuhr einfach los.

Ich hörte tatsächlich von ihr, als sie zurückkehrte, doch das war sechs Monate später.

Sie riet mich erneut an, und im ersten Augenblick erkannte ich ihre Stimme nicht wieder. Sie klang irgendwie mitgenommen und erschöpft.

»Mit wem spreche ich bitte?« fragte ich in meinem üblichen würdevollen Tonfall.

Sie sagte matt: »Hier ist Fifi Laverne Moskowitz.«

»Bumm-Bumm«, rief ich. »Du bist wieder da! Wie wundervoll! Komm gleich zu mir rüber und laß uns -«

Sie sagte: »George, vergiß es! Wenn du derjenige bist, der ihn verhext hat, dann bist du ein jämmerlicher Idiot, und ich würde nicht mit dir nach Asbury Park fahren, selbst wenn du dich auf den Kopf stellen würdest.«

Ich war überrascht. »Ist Sophokles nicht mit dir nach Paris gefahren?«

»Doch. Jetzt trag mich, ob ich meine Einkaufstour machen konnte.«

Ich tat ihr den Gefallen. »Und, konntest du deine Einkaufstour machen?«

»Na, von wegen! Ich konnte nicht einmal damit anfangen. Sophokles hat einfach nicht angehalten!« Ihre Stimme verlor ihre Müdigkeit, und mit dem Aufwallen ihrer Gefühle steigerte sie sich zu einem Kreischen.

»Als wir Paris erreicht hatten, ist er einfach weitergefahren. Er hat mir ein paar Sehenswürdigkeiten gezeigt, während wir mit Höchstgeschwindigkeit daran vorbeirasten. >Dort ist der Eiffelturms sagte er und wies auf irgendein dummes Gebäude, an dem noch gebaut wurde. >Das dort ist Nötre Dame«, sagte er. Er wußte nicht einmal, wovon er sprach. Zwei Footballspieler haben mich einmal ins Nötre Dame hineingeschmuggelt, und das liegt nicht in Paris. Es liegt in South Bend, Indiana. Aber wen kümmert das? Wir fuhren weiter nach Frankfurt und Bern und Florenz, das diese dummen Ausländer Firenze nennen. Gibt es einen Ort namens Trist?«

»Du meinst sicher Triest«, erwiderte ich.

»Dann sind wir auch dort gewesen. Und wir haben nie in Hotels übernachtet, sondern in alten Bauernhöfen. Sophokles meint, daß das die richtige Art zu reisen sei.

Man sieht dann mehr von Land und Leuten, sagt er. Wer will Land und Leute sehen? Was wir nie zu Gesicht bekommen haben, war eine Dusche. Oder eine Toilette. Nach einer Weile fängt man an, unangenehm zu riechen. Und ich hatte ständig irgendwelches Zeug in den Haaren. Ich habe gerade fünfmal geduscht, und fühle mich immer noch schmutzig.«

»Komm doch zu mir rüber und dusche noch fünfmal«, bat ich sie so ruhig wie möglich, »und dann fahren wir nach Asbury Park.«

Sie schien mich nicht gehört zu haben. Erstaunlich, wie taub Frauen einfacher Vernunft gegenüber sein können. Sie sagte: »Nächste Woche fährt er wieder los. Er sagt, er will den Pazifik überqueren und Hongkong besuchen. Er fährt mit einem Ölfrachter. Das ist die Art, wie man den Ozean erleben sollte, säst er. Und ich sage zu ihm: >Hör zu, du hirnverbrannter Spinner, du bekommst mich nicht auf ein langsames Boot nach China, damit du mich ganz für dich alleine hast.<«

»Wie poetisch«, warf ich ein.

»Und weißt du, was er darauf geantwortet hat? Er hat gesagt: >Also gut, meine Liebe. Dann fahre ich eben ohne dich.< Dann hat er etwas Komisches gesagt, das gar keinen Sinn ergab. Er sagte: >Ob zu den Toren der Hölle, ob zum himmlischen Schrein, der reiset am schnellsten, wer reiset allein! Was soll das bedeuten? Was meint er mit den Toren der Hölle? Was hat das mit einem himmlischen Schrein zu tun? Hält er sich für den Allmächtigen persönlich?«

»Das ist Kipling«, erwiderte ich.

»Erzähl keinen Blödsinn. Ich habe nie gekippelt, also sag mir nicht, er hätte es getan. Er kann es ja kaum in der Missionarstellung. Ich habe ihm angedroht, mich von ihm scheiden zu lassen und ihn ordentlich abzuzocken. Und er sagte: >Wie du willst, mein grenzdebiler Liebling, aber du hast nichts gegen mich in der Hand und du wirst nichts bekommen. Das einzige, was für mich zählt, sind meine Reisen.< Ist das zu fassen? Und das mit dem >grenzdebil<. Er hat immer noch versucht, mir zu schmeicheln.«

Du mußt wissen, mein alter Freund, daß das einer meiner ersten Aufträge an Azazel gewesen ist, und dabei ist er noch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Allerdings hatte ich tatsächlich darum gebeten, daß Sophokles hin und wieder ohne seine Frau verreisen würde.

Es blieben immer noch die Vorzüge einer solchen Situation, die ich von Anfang an vorausgesehen hatte. »Bumm-Bumm«, sagte ich, »laß uns über die Scheidung reden, wenn wir auf dem Weg nach Asbury -«

»Und du, du jämmerlicher Waschlappen. Ob du ihn verhext hast oder was auch immer, ist mir egal. Bleib mir vom Leib, denn ich kenne jemanden, der dich zu Brei zermanschen wird, wenn ich ihm nur ein Zeichen gebe. Und kippeln tut er auch, er kann nämlich alles.«

Ich fürchte, Bumm-Bumm war ein wenig Plem-Plem geworden, allerdings nicht auf die Weise, wie ich es mir gewünscht oder ihrer Figur und ihrem Stil gemäß erwartet hatte.

Ich rief Azazel herbei, doch alle Versuche, die Veränderungen rückgängig zu machen, schlugen fehl. Und er weigerte sich strikt, irgendetwas zu unternehmen, um mir Bumm-Bumm gewogener zu machen. Er sagte, das würde jeden überfordern. Ich weiß nicht, was er damit gemeint hat.

Allerdings behielt er Sophokles für mich im Auge. Die Reiselust des Mannes wuchs noch weiter an. Er überquerte zu Fuß die Rocky Mountains. Mit Wasserskiern fuhr er den Nil hinauf bis zum Viktoriasee. Dann überflog er die Antarktis mit einem Drachen.

Als Präsident Kennedy 1961 ankündigte, daß wir bis zum Ende des Jahrzehnts den Mond erreichen würden, sagte Azaze »Das sind immer noch Auswirkungen meines kleinen Eingriffs.«

Ich sagte: »Du meinst, die Veränderungen, die du in seinem Gehirn vorgenommen hast, geben ihm Macht über den Präsidenten und das Raumfahrtprogramm?«

»Er macht das natürlich nicht absichtlich«, erwiderte Azazel, »aber ich habe dir ja gesagt, er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen.«

Und der Gute ist tatsächlich zum Mond geflogen. Erinnerst du dich noch an die Apollo 13, die 1970 angeblich auf dem Weg zum Mond eine Panne hatte, so daß die Mannschaft es beinahe nicht mehr zur Erde zurückgeschafft hätte? In Wirklichkeit war Sophokles als blinder Passagier mit an Bord gewesen und mit einem Teil des Schiffes zum Mond geflogen. Den Rest des Schiffes hat er der Mannschaft überlassen, damit diese mehr schlecht als recht zur Erde zurückkehren konnte.

Seither befindet er sich auf dem Mond und reist auf seiner Oberfläche umher. Zwar hat er keine Luft, keine Nahrung und kein Wasser, aber inzwischen muß er sich so sehr an das ständige Reisen gewöhnt haben, daß ihn das nicht mehr kümmert. Möglicherweise ist es ihm sogar schon gelungen, zum Mars weiterzureisen - oder irgendwo anders hin.

George schüttelte den Kopf. »Wie ironisch. Wie ironisch.«

»Was ist daran ironisch?« fragte ich.

»Verstehst du denn nicht? Der arme Sophokles Moskowitz! Er ist eine neue und verbesserte Version des Ewigen Juden, und dabei ist er noch nicht einmal orthodox.«

George legte sich eine Hand über die Augen und tastete mit der anderen nach seiner Serviette. Dabei griff er versehentlich nach dem Zehn-Dollar-Schein, den ich dem Kellner hingelegt hatte. Er wischte sich mit der Serviette die Augen - was mit dem Zehn-Dollar-Schein geschah, habe ich jedoch nicht gesehen. Als er immer noch schluchzend das Restaurant verließ, war der Tisch leer.

Ich seufzte und holte einen weiteren Zehn-Dollar-Schein aus meiner Tasche.


Ansichtssache

<p><strong>Ansichtssache</strong></p>

George und ich saßen auf einer Bank an der Hafenpromenade und ließen die Blicke über den breiten Strand und das funkelnde Meer in der Ferne schweifen. Ich gab mich dem unschuldigen Vergnügen hin, die jungen Damen in ihren Bikinis zu beobachten und fragte mich, ob das Leben für sie auch nur die Hälfte der Schönheit bereithielt, die sie selbst spendeten.

Da ich George gut kannte, ging ich davon aus, daß seine eigenen Gedanken längst nicht von derlei edlen, rein ästhetischen Motiven beherrscht sein würden wie die meinen. Ich war überzeugt, daß sie um nützlichere Dinge kreisen würden, denen man diese jungen Damen zuführen konnte.

Daher war meine Überraschung nicht eben gering, als ich ihn sagen hörte: »Alter Freund, hier sitzen wir und genießen die Schönheit der Natur in Form des göttlichen weiblichen Körpers - um einen treffenden Ausdruck zu prägen -, und doch kann wahre Schönheit gewiß nicht so offenkundig sein. Schließlich ist wahre Schönheit so kostbar, daß sie vor den Augen trivialer Beobachter verborgen sein muß. Hast du daran jemals gedacht?«

»Nein«, sagte ich, »daran habe ich nie gedacht, und jetzt, wo du es erwähnst, denke ich eigentlich immer noch nicht daran. Darüber hinaus glaube ich nicht, daß du jemals daran gedacht hast.«

George seufzte. »Mit dir zu reden, alter Freund, ist so, als würde man in Molasse schwimmen - sehr wenig Lohn für große Anstrengung. Ich habe gesehen, wie du diese hochgewachsene Göttin dort beobachtet hast, deren hauchdünne Textilstreifen kaum jene wenigen Quadratzentimeter verbergen, die sie vorgeblich bedecken sollen. Dir ist doch gewiß bewußt, daß sie damit nur rein Oberflächliches zur Schau stellt.«

»Ich habe nie viel vom Leben erwartet«, sagte ich auf die mir eigene bescheidene Weise. »Ich gebe mich durchaus mit derlei Oberflächlichkeiten zufrieden.«

»Stell dir vor, um wieviel schöner eine auch nur mittelmäßig mit Reizen ausgestattete junge Frau selbst für das ungeübte Auge eines Menschen wie dir sein müßte, wenn sie über Eigenschaften wie Güte, Selbstlosigkeit, Fröhlichkeit, Fleiß und Mitgefühl für andere verfügen würde - kurzum, alle Tugenden, die einer Frau Anmut und Würde verleihen.«

»Ich glaube allmählich, George«, sagte ich, »daß du betrunken bist. Was, um alles in der Welt, kannst du schon von derlei Tugenden wissen?«

»Ich bin bestens mit ihnen vertraut«, antwortete George gekränkt, »da ich sie ununterbrochen und in großem Maße praktiziere.«

»Zweifellos«, sagte ich, »nur in der Abgeschiedenheit deiner eigenen vier Wände und im Dunkeln.«

Deine unhöfliche Bemerkung will ich überhört haben [sagte George], muß aber dennoch erklären, daß ich diese Tugenden, selbst wenn ich sie nicht aus persönlicher Erfahrung kennen würde, durch meine Bekanntschaft mit einer jungen Frau namens Melisandc Ott, geborene Meli-sande Renn, kennengelernt hätte, die von ihrem liebevollen Ehemann Octavius nur Maggie genannt wird. Ich kannte sie ebenfalls als Maggie, denn sie war die Tochter eines guten Freundes von mir, der mittlerweile leider verschieden ist, und sie betrachtete mich stets als ihren Onkel George.

Ich muß gestehen, es gibt da einen Teil in mir, der, genau wie du, die diskrete Schönheit dessen, was du »Oberflächlichkeiten« nennst, zu schätzen weiß. - Ja, alter Knabe, ich weiß, daß ich diesen Ausdruck zuerst benutzt habe, aber wir kommen nicht weiter, wenn du mich ständig wegen derlei Nebensächlichkeiten unterbrichst.

Aufgrund dieser meiner kleinen Schwäche muß ich ebenfalls zugeben, daß meine Freude, wenn sie bei meinen Anblick in einen Rausch des Entzückens geriet und quietschte und die Arme um mich schlang, fraglos nicht ganz so groß war, als sie hätte sein können, wäre die junge Dame etwas wohlproportionierter gewesen. Sie war recht dünn und auf eine fast schmerzhafte Weise knochig. Ihre Nase war lang, das Kinn fliehend, ihr Haar recht strähnig und lang und mausfarben; ihre Augen hatten eine undefinierbar graugrüne Farbe. Ihre Wangenknochen waren breit, so daß sie einem Backenhörnchen glich, das sich gerade tüchtig mit Nüssen und Kernen vollgestopft hat. Kurz gesagt, sie gehörte nicht zu dem Typ Frau, bei deren Erscheinen alle anwesenden jungen Männer schwerer atmen und versuchen, in ihre Nähe zu gelangen.

Aber sie hatte ein gutes Herz. Mit einem wehmütigen Lächeln ertrug sie es, wenn junge Männer, die sie zum ersten Mal sahen, plötzlich gequält zusammenzuckten. Und sie stand ihren sämtlichen Freundinnen nacheinander mit demselben wehmütigen Lächeln als Brautjungfer zur Seite. Unzähligen Kindern war sie Taufpatin, anderen Babysitterin, und sie gab ihnen so geübt und versiert das Fläsch-chen, wie man es in einem langen Monat voller Sonntage nicht besser sehen könnte.

Sie brachte den bedürftigen Armen warme Suppe, ebenso den unbedürftigen, auch wenn manche behaupteten, daß gerade die unbedürftigen ihre Suppe eher verdient gehabt hätten. Sie versah diverse Tätigkeiten in der hiesigen Kirche - einmal für sich und jeweils einmal für ihre sämtlichen Freundinnen, die dem billigen Nervenkitzel der Kinos den Vorzug vor aufopfernder, selbstloser Arbeit gaben. Sie unterrichtete Kinder in der Sonntagsschule und hielt sie bei Laune, indem sie ihnen (wie sie glaubten) komische Gesichter schnitt. Hin und wieder ließ sie sie auch alle die neun Gebote aufsagen. (Das über Ehebruch ließ sie aus, denn die Erfahrung hatte sie gelehrt, daß das unweigerlich zu peinlichen Fragen führte.) Außerdem arbeitete sie ehrenamtlich in der öffentlichen Bibliothek.

Natürlich hatte sie irgendwann in dem Alter, dem schon eine Vier vorangestellt ist, alle Hoffnung aufgegeben, je zu heiraten. Schon im Alter von zehn Jahren schien ihr selbst die Chance auf eine beiläufige Affäre mit dem anderen Geschlecht ein unerfüllbarer Traum zu sein.

Es kam häufig vor, daß sie zu mir sagte: »Ich bin nicht unglücklich, Onkel George. Die Welt der Männer bleibt mir verschlossen, ja, ausgenommen du und mein unglückseliger verstorbener Papa, aber wenn man Gutes tut, macht einen das doch viel glücklicher.«

Danach besuchte sie die Insassen der örtlichen Haftanstalt, um dort die Rückkehr auf den rechten Weg und gute Taten zu predigen. Nur ein oder zwei der übleren Sorte flehten an den Tagen, wenn sie ihren Besuch angekündigt hatte, um Einzelhaft.

Doch dann traf sie Octavius Ott, einen neuen Nachbarn und jungen Elektriker mit einem verantwortungsvollen Posten beim Elektrizitätswerk. Er war ein redlicher junger Mann -ernst, arbeitsam, standhaft, mutig, ehrlich und anständig -, aber er war nicht das, was wir beide hübsch nennen würden. Ich möchte es wirklich nicht übertreiben, aber offen gestanden hätte vermutlich niemand in der gesamten Menschheitsgeschichte ihn als hübsch bezeichnet.

Er hatte schütteres Haar - nein, um die Wahrheit zu sagen, es war schon mehr als schütter, man konnte eigentlich fast nur noch in der Vergangenheitsform davon sprechen -, eine gewölbte Stirn, Stupsnase, dünne Lippen, abstehende Ohren und einen vorspringenden Adamsapfel, der nie richtig zur Ruhe kam. Die wenigen tatsächlich noch verbliebenen Haare hatten einen rostigen Farbton, und Gesicht und Arme waren gänzlich mit unregelmäßigen Sommersprossen bedeckt.

Es begab sich, daß Maggie und Octavius einander zum ersten Mal auf der Straße begegneten. Beide waren gleichermaßen unvorbereitet, und beide reagierten wie zwei nervöse Pferde, die sich unvermittelt zwölf Clowns mit schockfarbenen Perücken gegenübersahen, die alle gleichzeitig in ihre Trillerpfeifen pusteten. Ich rechnete fast damit, daß sowohl Maggie wie auch Octavius scheuen und wiehern würden.

Aber der Augenblick ging vorüber und beide rangen den Panikanfall, der sich ankündigte, erfolgreich nieder. Sie legte lediglich die Hand auf die Brust, als wollte sie verhindern, daß ihr Herz auf der Suche nach einem sichereren Versteck aus dem Brustkorb sprang, während er sich über die Stirn strich, als wollte er eine gräßliche Erinnerung tilgen.

Ich hatte Octavius schon einige Tage vorher kennengelernt und konnte sie daher einander vorstellen. Beide streckten zaghaft die Hand aus, als wären sie sich nicht sicher, ob ihre Visionen tatsächlich Substanz besaßen.

Am späten Nachmittag brach Maggie dann endlich ihr langes Schweigen. »Dieser Mr. Ott scheint mir ein recht sonderbarer junger Mann zu sein«, sagte sie.

Ich antwortete mit jener originellen Metapher, die sich bei all meinen Freunden großer Beliebtheit erfreut. »Du darfst ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen.«

»Aber der Einband existiert nun einmal, Onkel George«, sagte sie ernst, »und wir dürfen das nicht außer acht lassen. Ich wage zu sagen, das die normale, frivole und gefühllose Frau nichts mit Mr. Ott zu tun haben möchte. Von daher wäre es ein Akt der Barmherzigkeit, ihm zu zeigen, daß nicht alle jungen Frauen vollkommen überheblich sind, sondern daß es wenigstens eine gibt, die sich nicht von einem jungen Mann abwendet, nur weil er so eine bedauerliche Ähnlichkeit hat mit - mit -«

Sie machte eine Pause, da ihr kein passendes Mitglied des Tierreichs einzufallen schien, so daß sie kleinlaut, aber vergnügt fortfahren mußte: »- womit er eben Ähnlichkeit hat. Ich muß gütig zu ihm sein.«

Ich weiß nicht, ob Octavius einen Vertrauten hatte, bei dem er seinem Herzen in derselben Weise Luft machen konnte. Vermutlich nicht, denn wenn überhaupt, dann sind nur die wenigsten von uns mit einem Onkel George gesegnet. Dennoch wage ich im Lichte späterer Ereignisse die Prognose, daß ihm genau dieselben Gedanken durch den Kopf gingen - natürlich in umgekehrter Weise.

Wie auch immer, beide bemühten sich, freundlich zueinander zu sein, anfangs noch zaghaft und zögerlich, aber dann herzlich und zuletzt leidenschaftlich. Aus zufälligen Begegnungen in der Bibliothek wurden Besuche im Zoo, dann ein Abend im Kino, dann Tanzveranstaltungen, bis man die Zusammentreffen nur noch als -wenn du den Ausdruck verzeihen magst - Stelldichein bezeichnen konnte.

Die Leute gingen davon aus, daß der andere nicht weit sein konnte, wenn sie einen der beiden sahen, denn sie waren ein unzertrennliches Paar geworden. Einige in der Nachbarschaft beschwerten sich bitterlich, daß Maggie und Octavius zusammen mehr waren, als das menschliche Auge ertragen konnte, und mehr als ein elitärer Hochnäsiger investierte in Sonnenbrillen.

Ich will nicht sagen, daß es mir gänzlich an Verständnis für derlei Standpunkte gebrach, aber andere - toleranter und vermutlich vernünftiger - wiesen darauf hin, daß die Züge des einen durch einen sonderbaren Zufall genau komplementär zu den entsprechenden Zügen des anderen seien. Wenn man die beiden zusammen sah, schienen sich die Wirkungen gegenseitig aufzuheben, so daß man sie gemeinschaftlich leichter ertragen konnte als jeden für sich. Wenigstens behaupteten das einige.

Schließlich kam der Tag, an dem Maggie zu mir hereinplatzte. »Onkel George, Octavius ist das Licht meines Lebens. Er ist stark, unbeirrbar, liebenswert und entschlossen. Er ist ein wunderbarer Mann.«

»Innerlich, meine Liebe«, sagte ich, »ist er das alles ganz gewiß. Aber seine äußere Erscheinung -«

»Bewundernswert«, sagte sie stark, unbeirrbar, liebenswert und entschlossen. »Onkel George, er empfindet so für mich, wie ich für ihn, und wir werden heiraten.«

»Du und Otto?« entgegnete ich kläglich. Unwillkürlich sah ich die möglichen Nachkommen dieser Verbindung vor mir, und da wurde mir ganz plümerant.

»Ja«, antwortete sie. »Er sagte mir, daß ich die Sonne seines Entzückens und der Mond seiner Freude bin. Und, fügte er hinzu, all seine Glückssterne obendrein. Er ist ein sehr poetischer Mann.«

»Offenbar«, sagte ich nicht ohne Zweifel. »Wann werdet ihr denn heiraten?«

»So schnell wie möglich«, sagte sie.

Mir blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen. Das Aufgebot wurde bestellt, die Vorbereitungen getroffen, die Hochzeit fand statt, und ich selbst führte die Braut. Alle aus der Nachbarschaft nahmen aus reiner Fassungslosigkeit teil. Selbst der Priester konnte einen Augenblick seine Fassungslosigkeit nicht verbergen.

Und keiner schien einen fröhlichen Blick für das junge Paar übrig zu haben. Die ganze Feierlichkeit über betrachteten die Anwesenden ihre jeweiligen Knie. Außer dem Priester. Der richtete den Blick starr auf das Rosettenfenster über der Tür.

Kurze Zeit danach zog ich aus dem Viertel fort in einen anderen Stadtteil und verlor Maggie aus den Augen. Elf Jahre später allerdings hatte ich Gelegenheit, dorthin zurückzukehren, um aufgrund meines angeeigneten Wissens, was die Eigenschaften von Rennpferden betraf, zusammen mit einem Freund gewisse Investitionen zu tätigen. Ich nutzte die Gelegenheit, um Maggie zu besuchen, die, neben ihren anderen verborgenen Qualitäten, eine ausgezeichnete Köchin war.

Ich traf zur Mittagszeit dort ein. Octavius war zur Arbeit, doch das spielte keine Rolle. Ich bin kein Egoist und nahm es auf mich, zusätzlich zu meiner auch seine Portion aufzuessen.

Aber mir entging nicht, daß Maggie ein klein wenig bekümmert wirkte. »Bist du unglücklich, Maggie?« fragte ich beim Kaffee. »Steht es nicht gut um deine Ehe?«

»Oh nein, Onkel George«, sagte sie mit Nachdruck, »unsere Ehe ist der Himmel auf Erden. Wir haben zwar keine Kinder, empfinden aber soviel füreinander, daß wir das kaum als Verlust sehen. Wir leben in einem Meer nicht enden wollender Wonne und können vom Universum kaum mehr verlangen.«

»Verstehe«, antwortete ich und konnte mich nur mühsam zurückhalten. »Und warum dann diese Spur von Kummer, die ich an dir bemerke?«

Sie zögerte. »Oh, Onkel George«, platzte sie dann heraus, »du bist so ein feinfühliger Mensch. Es gibt eines, das ein klein wenig Sand in das Getriebe unseres vollkommenen Glücks streut.«

»Und das wäre?«

»Mein Aussehen.«

»Dein Aussehen? Was ist denn mit deinem -« ich schluckte und konnte die Frage nicht zu Ende sprechen.

»Ich bin nicht schön«, sagte Maggie, als würde sie mir ein wohlgehütetes Geheimnis anvertrauen.

»Aha!« sagte ich.

»Ich wünschte mir aber, ich wäre es - für Octavius. Ich möchte nur für ihn liebreizend sein.«

»Beschwert er sich denn über dein Äußeres?« fragte ich.

»Octavius? Aber keineswegs! Er erträgt sein Leid in würdevollem Schweigen.«

»Woher weißt du dann, daß er leidet?«

»Das sagt mir mein weibliches Herz.«

»Aber, Maggie, Octavius ist ja nun selbst - also - auch nicht gerade eine Schönheit.«

»Wie kannst du das sagen?« fragte Maggie gekränkt. »Er ist ein Gott.«

»Aber vielleicht hält er dich auch für eine Göttin.«

»Oh nein«, antwortete Maggie, »wie könnte er das denken?«

»Interessiert er sich denn für andere Frauen?«

»Onkel George!« sagte Maggie schockiert. »Was für ein schändlicher Gedanke! Ich kann es nicht fassen. Octavius hat nur Augen für mich.«

»Was spielt es dann für eine Rolle, ob du schön bist oder nicht?«

»Es ist wegen ihm«, sagte sie. »Ach, Onkel George, ich möchte für ihn schön sein.«

Dann sprang sie höchst unerwartet und unbeholfen auf meinen Schoß und benetzte mein Revers mit ihren Tränen. Es war regelrecht durchnäßt, als sie fertig war.

Da hatte ich natürlich schon Azazel kennengelernt, den zwei Zentimeter großen Dämon, den ich vielleicht das eine oder andere Mal schon erwähnt ... Also wirklich, Alter Freund, du hast keinen Grund, so hochnäsig »bis zum Erbrechen« zu murmeln. Jeder, der seinen Lebensunterhalt mit der Schriftstellerei verdient, sollte sieh schämen, das Wort Erbrechen ganz gleich in welchem Zusammenhang zu benutzen.

Wie auch immer, ich beschwörte Azazel.

Azazel schlief, als er eintrat. Ein Beutel aus einem grünlichen Material bedeckte seinen winzigen Kopf, und nur die gedämpften Laute eines rapiden Sopranschnarchens aus dem Inneren verriet, daß er am Leben war. Und die Tatsache, daß hin und wieder sein winzigkleiner Schwanz zuckte und erstarrte.

Ich wartete mehrere Minuten, ob er von selbst aufwachen würde und nahm ihm schließlich, da er keinerlei Anstalten traf, die winzige Haube mit einer Pinzette ab. Er schlug langsam die Augen auf, sah mich an und gab einen resignierten Seufzer von sich.

»Einen Moment dachte ich, ich hätte nur einen Alptraum«, sagte er. »Mit dir habe ich nicht gerechnet!«

Ich schenkte seinem kindischen Quengeln keine weitere Beachtung. »Ich muß dich um einen Gefallen bitten«, sagte ich.

»Na klar doch«, sagte Azazel griesgrämig. »Du gehst nicht davon aus, daß ich erwarten würde, du könntest etwas für mich tun.«

»Das würde ich jederzeit sofort tun«, antwortete ich einschmeichelnd, »wenn ich mit meinen bescheidenen Fähigkeiten irgend etwas ausrichten könnte, das für jemanden deiner Persönlichkeit und Statur auch nur ansatzweise nützlich wäre.«

»Wohl war«, antwortete Azazel besänftigt.

Ich möchte hinzufügen, daß es wahrhaftig abstoßend ist, wie anfällig manche Leute für Schmeicheleien sind. Mir ist zum Beispiel nicht entgangen, daß du geradezu außer dir bist vor eitler Freude, wenn dich jemand um ein Autogramm bittet. Aber zurück zu meiner Geschichte ...

»Worum geht es?« fragte Azazel.

»Ich möchte, daß du eine junge Frau schön machst.«

Azazel erschauerte. »Ich bin nicht sicher, ob ich das fertigbringe. Die Schönheitsmaßstäbe deiner aufgedunsenen und jämmerlichen Gattung sind abscheulich.«

»Aber es sind die unseren. Ich sage dir, was du machen mußt.«

»Du sagst mir, was ich machen muß!« kreischte er und erschauerte vor Entrüstung. »Du willst mir sagen, wie man Haarfollikel stimuliert und modifiziert, wie man Muskeln kräftigt, wie man Knochen wachsen läßt oder auflöst? Ha! Du willst mir das alles sagen?«

»Keineswegs«, antwortete ich demütig. »Die Einzelheiten der Mechanismen solcher Vorgehensweisen kann ausschließlich ein Wesen mit deinen überragenden Fähigkeiten durchschauen. Laß mich dir aber wenigstens die oberflächliche Wirkung beschreiben, die erzielt werden soll.«

Azazel zeigte sich abermals besänftigt, so daß wir uns in Ruhe den Einzelheiten der Angelegenheit widmen konnten.

»Vergiß nicht«, sagte ich, »die Wirkung sollte über einen Zeitraum von mindestens sechzig Tagen hinweg eintreten. Eine allzu plötzliche Veränderung könnte zu Gerede führen.«

»Meinst du damit«, fragte Azazel, »ich soll sechzig Tage eurer Zeitrechnung damit verbringen, anzupassen und zu verbessern? Ist meine Zeit deiner Meinung nach gar nichts wert?«

»Ah, aber du könntest einen Artikel für eine der biologischen Fachzeitschriften deiner Welt darüber schreiben. Nicht viele in deiner Welt werden die Möglichkeit oder die Geduld haben, so etwas zu vollbringen. In der Folge dürfte dir große Bewunderung zuteil werden.«

Azazel nickte nachdenklich. »Natürlich verabscheue ich billigen Ruhm«, sagte er, »aber ich muß wohl minderen Exemplaren meiner Gattung ein leuchtendes Vorbild sein.«

Er seufzte mit einem schrillen, pfeifenden Laut. »Es ist lästig und peinlich, aber es ist geradezu meine Pflicht.«

Auch ich hatte eine Pflicht. Ich dachte mir, daß ich während des Zeitraums der Veränderung in der Gegend bleiben müßte. Mein Freund mit den Pferdewetten nahm mich bei sich auf und durfte als Gegenleistung Nutznießer meiner Expertise und Beratung hinsichtlich bestimmter Testläufe sein, wodurch er nur sehr wenig Geld verlor.

Jeden Tag suchte ich Maggie unter irgendeinem Vorwand auf, und allmählich konnte man erste Ergebnisse wahrnehmen. Ihr Haar wuchs voller und fiel voll Anmut und Spannkraft. Ein rotgoldenes Funkeln verlieh ihm zusätzliche Fülle.

Nach und nach wurde ihr Kiefer markanter, die Wangenknochen zierlicher und höher. Ihre Augen sahen nun eindeutig blau aus und wurden jeden Tag leuchtender, bis sie fast violett wirkten. Die Lider entwickelten den Hauch einer orientalischen Schräge. Ihre Ohren wurden spitzer und bekamen längere Läppchen. Ihre Figur wurde nach und nach üppiger und rundlicher, ihre Taille schmaler.

Die Leute waren verwirrt. Ich hörte sie selbst. »Maggie«, sagten sie, »was hast du nur mit dir gemacht? Dein Haar ist einfach wunderbar. Du siehst zehn Jahre jünger aus.«

»Ich habe gar nichts gemacht«, pflegte Maggie zu antworten. Sie war so verwirrt wie alle anderen. Außer mir natürlich.

»Fallen dir irgendwelche Veränderungen an mir auf, Onkel George?« fragte sie mich.

»Du siehst bezaubernd aus, aber für mich hast du stets bezaubernd ausgesehen, Maggie«, sagte ich.

»Vielleicht«, sagte sie, »aber ich selbst fand bis vor kurzem nicht, daß ich bezaubernd aussehe. Ich begreife es nicht. Gestern drehte sich ein bildhübscher junger Mann nach mir um. Normalerweise sind sie immer hastig an mir vorbeigegangen und haben die Augen abgewendet. Der hat mir sage und schreibe zugeblinzelt. Ich war so überrascht, daß ich sogar zurückgelächelt habe.«

Eine Woche später begegnete ich ihrem Mann Octavius in einem Restaurant, wo ich die Speisekarte im Schaufenster studierte. Da er eintreten und etwas essen wollte, dauerte es für ihn nicht lang, mich einzuladen, und ich sagte nicht weniger schnell zu.

»Du siehst unglücklich aus, Octavius«, bemerkte ich mitfühlend.

»Ich bin unglücklich«, antwortete er, »ich weiß nicht, was jüngst in Maggie gefahren ist. Sie wirkt so abgelenkt, daß sie mich die halbe Zeit gar nicht zur Kenntnis nimmt. Andauernd möchte sie Leute um sich haben. Und gestern ...« Ein Ausdruck derartig jämmerlichen Elends huschte über sein Gesicht, daß sich gewiß jeder geschämt hätte, darüber zu lachen.

»Gestern?« fragte ich. »Was war gestern?«

»Gestern bat sie mich, sie Melisande zu nennen. Ich kann Maggie nicht mit einem lächerlichen Namen wie Melisande ansprechen.«

»Warum nicht? Das ist ihr Taufname.«

»Aber sie ist meine Maggie. Melisande ist eine Fremde.«

»Na ja, sie hat sich ein wenig verändert«, sagte ich. »Ist dir nicht aufgefallen, daß sie in letzter Zeit viel hübscher aussieht?«

»Doch«, entgegnete Octavius brüsk.

»Ist das denn nicht gut?«

»Nein«, sagte er noch schroffer. »Ich will meine einfache, durchschnittliche Maggie wiederhaben. Diese neue Melisande bürstet sich andauernd das Haar, trägt unterschiedlichen Lidschatten auf, probiert neue Kleider und größere Büstenhalter an und hat kaum noch einen Blick für mich übrig.«

Das Mittagessen endete in niedergeschlagenem Schweigen seinerseits.

Ich dachte mir, daß ich Maggie aufsuchen und mich ausgiebig mit ihr unterhalten sollte.

»Maggie«, sagte ich.

»Bitte nenn mich Melisande«, bat sie.

»Melisande«, sagte ich, »mir will scheinen, als ob Octavius ein wenig unglücklich wäre.«

»Das bin ich auch«, entgegnete sie schnippisch. »Octavius wird mir immer langweiliger. Er will nicht ausgehen. Er will keinen Spaß haben. Er hat etwas gegen meine Kleidung und mein Make-up. Für wen, um alles in der Welt, hält der sich?«

»Du hast ihn doch einst für den König unter den Männern gehalten.«

»Schön blöd. Er ist nur ein häßlicher kleiner Kerl, und mir ist es peinlich, mit ihm gesehen zu werden.«

»Du wolltest doch nur für ihn schön sein.«

»Was meinst du damit, ich wollte schön sein? Ich bin schön. Ich war immer schön. Ich mußte nur erst die passende Frisur finden und mich richtig schminken. Ich kann nicht zulassen, daß mir Octavius im Weg steht.«

Und das ließ sie auch nicht zu. Ein halbes Jahr später ließen sie und Octavius sich scheiden, ein weiteres halbes fahr später heiratete Maggie - oder Melisande - einen Mann mit blendendem Aussehen und einem üblen Charakter. Ich ging einmal mit ihm essen, und da wartete er so lange, bis er die Rechnung zahlte, daß ich schon befürchtete, ich müßte sie selbst begleichen.

Octavius sah ich etwa ein Jahr nach der Scheidung wieder. Er hatte natürlich nicht wieder geheiratet, denn er sah so komisch aus wie eh und je - in seiner Gegenwart wäre immer noch die Milch sauer geworden. Wir saßen in seinem Apartment, das voll von Fotos von Maggie war, der alten Maggie, eines abscheulicher anzusehen als das andere.

»Sie fehlt dir offenbar immer noch, Octavius«, sagte ich.

»Schrecklich!« antwortete er. »Ich hoffe nur, sie ist glücklich.«

»Soweit ich weiß ist sie das nicht«, sagte ich. »Vielleicht kommt sie ja zu dir zurück.«

Er schüttelte traurig den Kopf. »Maggie kann niemals zu mir zurückkommen. Eine Frau namens Melisande könnte diesen Wunsch verspüren, aber ich könnte sie nicht aufnehmen. Sie ist nicht Maggie - meine bezaubernde Maggie.«

»Melisande«, sagte ich, »ist viel schöner als Maggie.«

Er sah mich lange Zeit an. »Wer ist dieser Ansicht?« fragte er. »Ich ganz sicher nicht.«

Ich habe keinen der beiden je wiedergesehen.

Ich blieb einen Moment schweigend sitzen, dann sagte ich: »Du erstaunst mich, George. Ich kann es einfach nicht fassen.«

Das war die falsche Wortwahl. »Dabei fallt mir ein, alter Freund«, sagte George, »könnte ich wohl fünf Dollar bei dir abfassen, etwa eine Woche? Höchstens zehn Tage.«

Ich griff nach einem Fünfdollarschein, zögerte und sagte: »Hier! Das war die Geschichte wert. Sie sind ein Geschenk. Sie gehören dir.« (Warum nicht? De facto ist alles, was ich George leihe, ein Geschenk.)

George nahm den Geldschein kommentarlos entgegen und steckte ihn in seine abgenutzte Brieftasche. (Sie muß schon abgenutzt gewesen sein, als er sie gekauft hat, denn er benutzt sie nie.) »Um noch einmal zum Thema zu kommen. Könnte ich etwa eine Woche fünf Dollar bei dir abfassen? Höchstens zehn Tage.«

»Aber du hast fünf Dollar«, sagte er.

»Das ist mein Geld«, antwortete George, »und geht dich nichts an. Mache ich etwa Bemerkungen über deine finanzielle Situation, wenn du dir Geld von mir leihst?«

»Aber ich habe nie -« begann ich, dann seufzte ich und gab ihm noch einmal fünf Dollar.


Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden

<p><strong>Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden</strong></p>

Während des Essens war George ungewöhnlich schweigsam gewesen. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, mich zu unterbrechen, als ich ihm von einigen Bonmots erzählte, die ich in den letzten Tagen zum Besten gegeben hatte. Ein spöttisches Lächeln war alles, was ihm die geistreichste meiner Bemerkungen entlockte.

Als wir schließlich beim Dessert angelangt waren (warmer Blaubeerkuchen nach Art des Hauses), stieß er einen tiefen Seufzer aus, was mich auf unangenehme Weise an das Garnelengericht erinnerte, das er zuvor gegessen hatte.

»Was ist los mit dir, George?« fragte ich. »Du wirkst so bedrückt.«

»Dein Einfühlungsvermögen überrascht mich«, sagte George. »Sonst bist du doch immer viel zu sehr in deine schriftstellerische Arbeit vertieft, um das Leiden deiner Mitmenschen zu bemerken.«

»Aber da ich mir nun schon einmal die Mühe gemacht habe«, sagte ich, »solltest du den Augenblick nicht ungenutzt verstreichen lassen.«

»Ich mußte nur gerade an einen alten Freund denken. Der arme Kerl. Sein Name war Vissarion Johnson. Ich nehme an, du hast noch nicht von ihm gehört?«

»Zufälligerweise, nein«, erwiderte ich.

»Ach, flüchtig ist des Menschen Ruhm. Allerdings ist es wohl keine Schande, wenn man jemandem mit deinem begrenzten Allgemeinwissen nicht bekannt ist. Jedenfalls war Vissarion ein bedeutender Wirtschaftswissenschafter.«

»Du machst sicher Scherze«, sagte ich. »Wie bist du denn an einen Wirtschaftswissenschaftler geraten? Ist das nicht ein wenig unter deinem Niveau?«

»Wieso unter meinem Niveau? Vissarion Johnson war ein sehr gelehrter Mann.«

»Daran hege ich nicht den geringsten Zweifel«, erwiderte ich. »Ich frage mich allerdings, wie es um die Ehre dieses Berufsstandes bestellt ist. Ich kenne da eine schöne Geschichte: Präsident Reagan soll sich einmal Gedanken um den Staatshaushalt gemacht haben. Er wollte ein paar Berechnungen anstellen und fragte einen Physiker: >Wieviel ist zwei plus zwei?< Der Physiker antwortete auf der Stelle: >Vier, Herr Präsident.< Reagan dachte einen Augenblick nach und nahm dabei seine Finger zu Hüte. Dennoch war er mit der Antwort nicht zufrieden und fragte deshalb einen Statistiker: >Wieviel ist zwei plus zwei?< Der Statistiker dachte ein wenig nach und sagte dann: >Herr Präsident, die letzte Umfrage unter Viertklässlern hat eine Reihe von Lösungen ergeben, deren Mittelwert sich der Vier annähert.« Da es sich jedoch um den Staatshaushalt handelte, wollte sich Reagan auch mit dieser Antwort nicht zufrieden geben und fragte deshalb einen Wirtschaftswissenschaftler: >Wieviel ist zwei plus zwei?< Der Wirtschaftswissenschaftler zog die Jalousien am Fenster herunter, blickte sich vorsichtig um und flüsterte dann: >Welche Antwort möchten Sie hören, Herr Präsident?««

George ließ sich weder in Wort noch Geste anmerken, daß er meine Geschichte komisch fand. Er sagte: »Du hast eindeutig nicht den blassesten Schimmer von Wirtschaft, mein alter Freund.«

»Die Wirtschaftswissenschaftler ebensowenig, George«, erwiderte ich.

»Laß mich dir also die traurige Geschichte meines guten Freundes, des Wirtschaftswissenenschaftlers Vissarion Johnson erzählen. Das ganze ist vor einigen Jahren passiert.«

Wie gesagt, Vissarion Johnson war eine Größe auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften [sagte Georgej. Er hatte am Institute for Technology in Massachusetts studiert und dort gelernt, die haarsträubendsten Gleichungen an die Tafel zu schreiben, ohne auch nur mit der Kreide zu zittern.

Nach Abschluß seines Studiums begann er sofort, auf seinem Gebiet zu arbeiten. Und dank der finanziellen Mittel, die ihm zahlreiche Klienten zur Verfügung stellten, lernte er eine Menge über die zufälligen Schwankungen der täglichen Börsenkurse. Er legte dabei ein solches Talent an den Tag, daß seine Klienten so gut wie keine Verluste machten.

Hin und wieder ließ er sich sogar zu der Vorhersage hinreißen, ob die Aktienkurse am nächsten Tag steigen oder fallen würden - je nachdem, ob die Stimmung gerade günstig oder ungünstig war. Und jedesmal entwickelte sich der Markt genau so, wie er es vorausgesagt hatte.

Solche Triumphe brachten ihm den Rut eines Schakals der Wall Street ein, und viele der berühmtesten Künstler des schnell verdienten Geldes fragten ihn um Rat.

Er trachtete jedoch nach Höherem als dem Aktienmarkt, den Machenschaften der Unternehmen oder dem Einsatz seiner prophetischen Fähigkeiten. Nichts Geringeres schwebte ihm vor als die Position des Obersten Wirtschaftswissenschaftlers der Vereinigten Staaten oder des >Wirtschaftsberaters des Präsidenten<, wie dieser Staatsbeamte im allgemeinen bezeichnet wird.

Du mit deiner beschränkten Bildung weißt sicher nicht, wie überaus heikel die Stellung des Obersten Wirtschaftswissenschaftlers ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten muß Entscheidungen fallen, die den Einfluß der Regierung auf Handel und Wirtschaft bestimmen. Er muß das Geldvolumen und die Banken überwachen. Er muß Maßnahmen in die Wege leiten oder unterbinden, die Auswirkungen auf Landwirtschaft, Handelsverkehr und Industrie haben. Über die Verteilung der Steuermittel hat er zu entscheiden, und er muß festlegen, wieviel davon an das Militär gehen soll und ob möglicherweise noch etwas für andere Dinge übrig bleibt. Und über all diese Fragen beratschlagt er sich zu allererst mit dem Obersten Wirtschaftswissenschaftler.

Der Oberste Wirtschaftswissenschaftler muß sofort wissen, was der Präsident von ihm hören will. Er muß ihm die entsprechenden Informationen liefern, zusammen mit den üblichen nichtssagenden Schlagwörtern, die der Präsident dann der amerikanischen Öffentlichkeit präsentieren kann. Als du mir die Geschichte von dem Präsidenten, dem Physiker, dem Statistiker und dem Wirtschaftswissenschaftler erzählt hast, alter Freund, dachte ich zuerst, du hättest die heikle Aufgabe des Wirtschaftswissenschaftlers erkannt. Dein völlig unangebrachtes Lachen am Ende hat mir jedoch deutlich gemacht, daß du nicht verstanden hast, worauf es ankommt.

Als Vissarion das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, verfügte er über alle nötigen Qualifikationen, um jedweden Posten antreten zu können - egal wie hoch hinauf er wollte. Im Institut für Staatswirtschaft hatte es sich bereits herumgesprochen, daß Vissarion Johnson in den letzten sieben Jahren seinen Klienten nicht ein einziges Mal etwas gesagt hatte, was der- oder diejenige nicht hören wollte. Darüber hinaus war er mit Handkuß in den kleinen Kreis des KFP aufgenommen worden.

Du mit deiner Unwissenheit, was das Geschehen jenseits deiner Schreibmaschine anbelangt, hast sicher noch nie vom KFP gehört - das ist eine Abkürzung für den Klub der Fallenden Profitrate. Tatsächlich wissen nur sehr wenige Menschen von ihm. Selbst unter den weniger bedeutenden Wirtschaftswissenschaftlern ist er weitgehend unbekannt. Er besteht aus einer kleinen, äußerst exklusiven Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern, die das komplizierte Gebiet der thaumaturgischen Wirtschaftswissenschaft -oder >Voodoo-Wirtschaftswissenschaft<, wie es ein Politiker so herrlich prosaisch genannt hat - bis zur Vollkommenheit beherrschen.

Es ist weithin bekannt, daß man es in der Regierung nur zu etwas bringen kann, wenn man dem KFP angehört. Als der Vorsitzende des KFP überraschend das Zeitliche segnete und ein Komitee der Organisation seinen Posten Vissarion anbot, frohlockte er innerlich. Als Vorsitzender des KFP würde er sicher bei nächster Gelegenheit zum Obersten Wirtschaftswissenschaftler berufen werden. Dann säße er direkt am Quell der Macht und hätte sogar Einfluß auf die Entscheidungen des Präsidenten.

Eines bereitete Vissarion jedoch Sorgen und brachte ihn in furchtbare Verlegenheit. Er war der Meinung, daß er sich mit jemandem beraten mußte, der über einen kühlen Kopf und großen Scharfsinn verfügte, und wandte sich deshalb an mich - wie es jeder in seiner Lage getan hätte.

»George«, sagte er, »wenn ich Vorsitzender des KFP werde, gehen meine größten Hoffnungen und kühnsten Träume in Erfüllung. Das ist der erste Schritt in eine phantastische Zukunft als Speichellecker. Vielleicht gelingt es mir sogar, den zweiten Berater des Präsidenten in dieser Hinsicht zu übertreffen - den Obersten Wissenschaftler der Vereinigten Staaten.«

»Du meinst den wissenschaftlichen Berater des Präsidenten.«

»Wenn du es so salopp ausdrücken willst. Ich muß lediglich Vorsitzender des KFP werden, und innerhalb von zwei Jahren werde ich der Oberste Wirtschaftswissenschaftler sein. Es sei denn ...«

»Es sei denn, was?« fragte ich.

Vissarion schien sich zu sammeln. »Ich muß ganz von vorn anfangen. Der Klub der Fallenden Profitrate wurde vor zweiundsechzig Jahren gegründet. Seinen Namen verdankt er dem Gesetz der fallenden Profitrate - ein Gesetz, von dem jeder Wirtschaftswissenschaftler, egal wie schlecht seine Ausbildung sein mag, schon einmal gehört haben muß. Der erste Präsident des Klubs - ein beliebter Mann, der im November 1929 vorausgesagt hatte, daß dem Aktienmarkt ein ernster Einbruch drohte - wurde Jahr um Jahr wiedergewählt. Zweiunddreißig Jahre lang war er Präsident des Klubs, bis er im würdigen Alter von sechsundneunzig Jahren starb.«

»Wie lobenswert«, sagte ich. »Die meisten Menschen geben viel zu früh auf. Dabei gehört nur Mut und Entschlossenheit dazu, bis sechsundneunzig oder noch länger durchzuhalten.«

»Unser zweiter Vorsitzender war beinahe genauso erfolgreich - er hatte den Posten sechzehn Jahre lang inne. Er war der einzige, der nicht zum Obersten Wirtschaftswissenschaftler ernannt wurde. Er hatte die Stellung verdient und wurde einen Tag vor der Wahl von Thomas E. Dewey ins Amt berufen, aber es hat wohl nicht sein sollen ... Unser dritter Vorsitzender starb, nachdem er den Posten acht Jahre lang innehatte, und der vierte starb nach vier Jahren. Unser fünfter und letzter Vorsitzender, der gerade gestorben ist, war zwei Jahre lang im Amt gewesen. Kommt dir daran irgend etwas merkwürdig vor, George?«

»Merkwürdig? Sind sie alle eines natürlichen Todes gestorben?«

»Sicher.«

»Nun, das ist in Anbetracht ihres Amtes tatsächlich merkwürdig.«

»Unsinn«, sagte Vissarion scharf. »Schau dir doch einmal die Zeitspannen an, die jeder dieser Vorsitzende im Amt gewesen ist: zweiunddreißig Jahre, sechzehn, acht, vier und zwei.«

Ich dachte einen Augenblick nach. »Die Anzahl der Jahre scheint sich zu verringern.«

»Sie verringert sich nicht einfach nur. Jede ist genau die Hälfte der vorhergehenden. - Glaub mir, ich habe das von einem Physiker überprüfen lassen.«

»Weißt du, ich denke, du hast recht. Ist das schon jemand anderem aufgefallen?«

»Sicher«, sagte Vissarion. »Ich habe diese Zahlen den anderen Klubmitgliedern vorgelegt, und sie waren der Meinung, daß sie keine statistische Relevanz besitzen. Es sei denn, der Präsident gibt eine öffentliche Erklärung heraus, die das Gegenteil besagt. Aber begreifst du nicht, was das alles bedeutet? Wenn ich die Stelle des Vorsitzenden annehme, werde ich in einem Jahr sterben. Das steht fest. Und wenn ich tot bin, wird mich der Präsident nur schwer in das Amt des Obersten Wirtschaftswissenschaftlers berufen können.«

Ich sagte: »Ja, Vissarion, da steckst du in einer Zwickmühle. Ich habe schon einige Regierungsbeamte kennengelernt, hinter deren Stirn kein Lebenszeichen mehr auszumachen war, aber noch keinen, der überhaupt kein Lebenszeichen mehr gezeigt hätte. Laß mich einen Tag darüber nachdenken, mein Freund.«

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag zur selben Zeit am selben Ort. Schließlich war das Restaurant ausgezeichnet, und im Gegensatz zu dir, mein alter Freund, mißgönnte mir Vissarion meinen Brotkanten nicht.

Also gut, er mißgönnte mir auch keine Garnelen.

Ganz offensichtlich war das ein Fall für Azazel, und ich sah allen Grund dazu, meinen zwei Zentimeter großen Dämon mit seinen überirdischen Kräften zu Rate zu ziehen.

Schließlich war Vissarion nicht nur ein netter Mensch mit einem guten Gastronomiegeschmack, sondern ich war außerdem davon überzeugt, daß er unserem Land einen großen Dienst erweisen würde, indem er die Ideen des Präsidenten gegenüber den Einwänden von Menschen mit überlegener Urteilskraft verteidigte. Die hatte schließlich niemand gewählt, nicht wahr?

Azazel war nicht sonderlich erbaut darüber, daß ich ihn gerufen hatte. Als er mich erblickte, ließ er alles fallen, was er gerade in Händen hielt. Es war zu klein, als daß ich genau hätte erkennen können, worum es sich dabei handelte, aber es schienen seltsam geformte kleine Pappquadrate zu sein.

»Da hast du's!« schrie er. Sein winziges Gesicht verzog sich und wurde vor Wut tiefgelb. Sein kleiner Schwanz peitschte wild, und die Hörnchen auf seiner Stirn zitterten.

»Du abscheulicher, unfähiger Trottel!« kreischte er. »Ist dir klar, daß ich gerade einen Zotchil hatte? Und nicht nur einen Zotchil, nein, auch noch einen mit dem höchsten Kumin und ein paar Rallen dazu! Die anderen haben mich hochgereizt, und ich hätte einfach nicht verlieren können. Ich hätte jeden Halb-Bletschken auf dem Tisch abgeräumt.«

Ich entgegnete in ernstem Tonfal »Ich weiß nicht, wovon du sprichst, aber es klingt, als hättest du gerade Karten gespielt. Nennst du das etwa ein würdevolles und zivilisiertes Verhalten? Was würde deine Mutter sagen, wenn sie wüßte, daß du deine Zeit damit verbringst, mit ein paar Rumtreibern Karten zu spielen?«

Azazel schien überrascht zu sein. Dann brummte er: »Du hast recht. Meine Mütter wären untröstlich. Alle drei. Besonders meine arme mittlere Mutter, die so viel für mich getan hat.« Er brach in ein spitzes Heulen aus, das mir in den Ohren weh tat.

»Na, na«, sagte ich beruhigend. Am liebsten hätte ich mir die Finger in die Ohren gesteckt, aber damit hätte ich ihn sicher beleidigt. »Du kannst alles wiedergutmachen, indem du einem ehrenwerten Wesen dieser Welt deine Hilfe zuteil werden läßt.«

Ich erzählte ihm die Geschichte von Vissarion Johnson.

»Hmm«, brummte Azazel.

»Was soll das bedeuten?« fragte ich besorgt.

»Das bedeutet: >hmm<«, gab Azazel zurück. »Was sollte es wohl sonst bedeuten?«

»Ja, aber glaubst du, alles ist nur Zufall und Vissarion muß sich keine Gedanken machen?«

»Möglicherweise - nur daß es eben kein Zufall sein kann und sich Vissarion durchaus Gedanken machen sollte. Es muß ein Naturgesetz dahinterstecken.«

»Was für ein Naturgesetz sollte das denn sein?«

»Glaubst du etwa, ihr kennt alle Naturgesetze?«

»Nun, sicher nicht!«

»Natürlich nicht. Unser größter Dichter, Tschiefpriehst, hat darüber einmal einen wunderschönen Zweizeiler geschrieben, den ich mit meinen hervorragenden dichterischen Fähigkeiten in eure barbarische Sprache übersetzen wil

Alle Natur ist Kunst, die ihr nicht versteht,

Aller Zufall Wege, die ihr noch nicht geht.«

Ich fragte argwöhnisch: »Was soll das bedeuten?«

»Das bedeutet, daß ein Naturgesetz dahintersteckt - wir müssen nur herausfinden, welches und wie wir es nutzen können, um die Ereignisse in unserem Sinne zu beeinflussen. Das bedeutet es. Denkst du etwa, daß einer der größten Dichter meines Volkes lügen würde?«

»Und, kannst du mir nun helfen?«

»Möglicherweise. Es gibt eine ganze Menge Naturgesetze, weißt du.«

»Tatsächlich?«

»Oh, ja. Ich kenne da ein recht hübsches Naturgesetz -eine verdammt schöne Gleichung, wenn man sie mit einem Weinbaum-Tensor in Verbindung setzt -, das die Temperatur einer Suppe bestimmt, in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit, mit der man sie aufessen muß. Diese merkwürdige Verringerung der Amtszeit eines Vorsitzenden könnte möglicherweise derselben Gesetzmäßigkeit unterliegen. Wenn dem so ist, könnte ich das Wesen deines Freundes so verändern, daß er gegen jeden schädlichen irdischen Einfluß immun ist. Natürlich wäre er weiterhin dem Prozeß des körperlichen Verfalls unterworfen. Die Maßnahmen, die mir vorschweben, würden ihn nicht unsterblich machen, aber er würde nicht an einer Krankheit oder durch einen Unfall sterben. Ich denke, das würde ihm entgegenkommen.«

»Mit Sicherheit. Aber bis wann ließe sich das bewerkstelligen?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Im Augenblick bin ich sehr beschäftigt - eine junge Frau meiner Spezies hat sich ziemlich in mich vernarrt, die Ärmste.« Er gähnte, und seine kleine gespaltene Zunge rollte sich ein und streckte sich dann wieder. »Ich leide ein wenig unter Schlafmangel, aber in zwei oder drei Tagen sollte es erledigt sein.«

»Und woher soll ich wissen, wann deine Maßnahmen in Kraft treten und ob sie funktioniert haben?«

»Nichts leichter als das«, erwiderte Azazel. »Warte einfach ein paar Tage und stoße deinen Freund dann vor einen fahrenden Lastwagen. Wenn er unverletzt bleibt, hat mein Eingriff gewirkt. - Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich jetzt gern noch dieses eine Blatt zu Ende spielen und dann im Gedenken an meine arme mittlere Mutter das Kartenspielen aufgeben. Den Gewinn nehme ich natürlich mit.«

Denk nur nicht, daß es einfach war, Vissarion davon zu überzeugen, daß ihm nichts mehr passieren konnte.

»Nichts auf der Welt kann mir etwas anhaben?« fragte er immer wieder. »Woher willst du wissen, daß mir nichts auf der Welt etwas anhaben kann?«

»Ich weiß es einfach. Schau mal, Vissarion, ich stelle deine besonderen Fähigkeiten ja auch nicht in Frage. Wenn du mir sagst, daß die Zinssätze sinken werden, streite ich nicht mit dir herum und frage dich, woher du das weißt.«

»Schön und gut. Aber wenn ich behaupte, die Zinssätze werden sinken, und sie dann doch ansteigen - mitunter kommt das schon einmal vor -, habe ich nur deine Gefühle verletzt. Wenn ich mich aber so verhalte, als könnte mir nichts auf Erden etwas anhaben, und mir dann doch etwas passiert, bin ich mehr als nur verletzt. Dann bin ich wirklich verletzt.«

Gegen Logik kommt man mit Argumenten nicht an, aber ich versuchte es trotzdem. Ich überzeugte ihn schließlich davon, das Amt nicht geradeheraus abzulehnen, sondern zu versuchen, die Entscheidung um ein paar Tage aufzuschieben.

»Sie werden keine Verzögerung dulden«, sagte er. Es stellte sich jedoch heraus, daß sich gerade an diesem Tag der Schwarze Freitag jährte und der KFP die übliche dreitägige Trauerphase im Andenken an die Toten antrat. Daraus ergab sich automatisch eine Verzögerung, und das allein überzeugte Vissarion schon davon, daß sein Leben tatsächlich unter einem günstigen Stern stand.

Am Ende der Trauerphase, als er sich wieder in der Öffentlichkeit blicken ließ, überquerten wir eines Tages eine belebte Straße, als ich mich plötzlich zu meinen Schnürsenkeln hinunterbeugte und - ich weiß auch nicht, wie das geschehen konnte - das Gleichgewicht verlor und gegen ihn stieß. Daraufhin verlor er das Gleichgewicht und fiel mitten in den Straßenverkehr. Plötzlich quietschten Bremsen, Reiten schlitterten und drei Autos fuhren ineinander.

Vissarion kam nicht ganz ungeschoren davon. Seine Haare waren in Unordnung geraten, seine Brille hing ein wenig schief, und auf dem linken Hosenbein hatte er einen Ölfleck.

Dem schenkte er jedoch keine Beachtung. Er betrachtete das Durcheinander und sagte voller Ehrfurcht: »Sie haben mich nicht einmal berührt. Meine Güte, sie haben mich nicht berührt.«

Am nächsten Tag geriet er in einen Regenschauer -einen widerlich kalten Schauer - ohne Gummistiefel, Regenschirm oder Jacke und holte sieh keine Erkältung. Ohne sich auch nur die Haare abzutrocknen, rief er beim KFP an und akzeptierte den Posten des Vorsitzenden.

Ich muß sagen, daß er eine gute Amtszeit hatte. Er verfünffachte sofort sein Honorar, unabhängig davon, ob seine Prognosen zutrafen oder nicht. Schließlich konnten die Klienten nicht alles haben. Wenn sie schon einen so berühmten Mann um Rat fragten, konnten sie nicht auch noch erwarten, daß er ihnen brauchbare Hinweise gab.

Darüber hinaus genoß er das Leben. Keine Erkältungen. Keine ansteckenden Krankheiten. Er überquerte sorglos die Straßen und ging auch mal bei Rot, wenn er es eilig hatte, und verursachte dabei nur hin und wieder einen Unfall. Er hatte keine Bedenken, nachts in einen Park zu gehen. Als ihm einmal ein Straßenschläger ein Messer an die Brust hielt und ihn zu einem kurzfristigen Geldtransfer aufforderte, trat Vissarion dem jungen Unternehmer einfach zwischen die Beine und ging seiner Wege. Der Schläger war daraufhin so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er keinen weiteren Antrag stellte.

Am ersten Jahrestag seines Amtsantritt als Vorsitzender traf ich ihn in einem Park. Er war gerade auf dem Weg zu einem Bankett, das aus diesem Anlaß zu seinen Ehren gegeben wurde. Es war ein wunderschöner Spätsommertag, und als wir uns nebeneinander auf eine Parkbank setzten, fühlten wir uns beide vollkommen glücklich und entspannt.

»George«, sagte er, »das ist ein gutes Jahr gewesen.«

»Freut mich für dich«, erwiderte ich.

»Mein Ruf übertrifft den jedes anderen Wirtschaftswissenschaftlers, der je gelebt hat. Gerade letzten Monat, als ich vorausgesagt habe, daß sich die Seifenlaugenunion mit der Vereinigung der Seifenhersteller zusammenschließen müßte, und sie schließlich mit dem Bund der Seifenproduzenten fusioniert haben, waren alle erstaunt über die Genauigkeit meiner Vorhersage.«

»Ich erinnere mich«, sagte ich.

»Und jetzt möchte ich, daß du der erste bist, der es erfahrt ... «

»Ja, Vissarion?«

»Der Präsident hat mir das Amt des Obersten Wirtschaftswissenschaftlers der Vereinigten Staaten angetragen. Ich habe das Ziel all meiner Wünsche und Träume erreicht. Schau nur.«

Er hielt mir einen eindrucksvollen Umschlag hin, in dessen linker oberer Ecke das Emblem des Weißen Hauses prangte. Während ich ihn öffnete, hörte ich ein merkwürdiges Geräusch, als wäre eine Kugel dicht an meinem Ohr vorbeigeflogen, und aus den Augenwinkeln sah ich ein merkwürdiges Licht aufblitzen.

Vissarion lag ausgestreckt auf der Bank, und auf seiner Hemdbrust war ein Blutfleck zu sehen. Er war offensichtlich tot. Einige Passanten blieben verwundert stehen, andere schrien auf oder schnappten nach Luft und eilten davon.

»Rufen Sie einen Arzt!« schrie ich. »Rufen Sie die Polizei!«

Als die Polizei schließlich eintraf, kam sie zu dem Schluß, daß Vissarion erschossen worden war. Irgendein psychopathischer Heckenschütze hatte ihm mit einer Waffe unbekannten Kalibers direkt durchs Herz geschossen. Der Heckenschütze wurde nie gefaßt, und auch die Kugel wurde nicht gefunden. Zum Glück gab es Zeugen, die bestätigen konnten, daß ich zur fraglichen Zeit einen Brief in Händen gehalten hatte und eindeutig unschuldig war. Sonst hätte es für mich unangenehm werden können.

Der arme Vissarion! Er war genau ein Jahr Vorsitzender gewesen - wie er befürchtet hatte -, und dennoch traf Azazel keine Schuld. Er hatte gesagt, daß Vissarion keine irdische Macht etwas anhaben konnte, aber wie Hamlet schon so weise gesagt hat: >Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als eure Weisheit sich erträumt, Horatio.< Bevor der Notarzt und die Polizei eintrafen, war mir ein kleines Loch in der Rückenlehne der Bank aufgefallen, auf der Vissarion lag. Mit meinem Taschenmesser holte ich den kleinen dunklen Gegenstand heraus, der darin steckte. Er fühlte sich immer noch warm an. Einige Monate später brachte ich ihn insgeheim zu einem Museum und ließ ihn untersuchen. Ich hatte recht gehabt: Es war ein Meteorit.

Kurz gesagt, Vissarion war nicht von etwas Irdischem getötet worden. Er ist der erste Mensch in der Geschichte, der von einem Meteoriten getötet wurde. Das behielt ich natürlich für mich, denn Vissarion war ein sehr zurückhaltender Mensch. Es hätte ihm nicht gefallen, auf diese Weise zu Berühmtheit zu gelangen. Das hätte seine großen Leistungen als Wirtschaftswissenschaftler vollkommen überschattet, und das konnte ich nicht zulassen.

Aber an jedem Jahrestag seines Aufstiegs und Todes -so wie heute - sitze ich da und denke: Armer, armer Vissarion!

George wischte sich mit einem Taschentuch die Augen, und ich sagte: »Was ist mit demjenigen geschehen, der als nächster Vorsitzender des KFP wurde? Er kann den Posten nur für ein halbes Jahr innegehabt haben, und der nächste für drei Monate und der nächste ... «

George sagte: »Du mußt mir deine mathematischen Fähigkeiten nicht beweisen, mein alter Freund. Ich bin nicht einer deiner bemitleidenswerten Leser. Gar nichts ist passiert. Die Ironie des Ganzen ist, daß der Klub selbst das Naturgesetz verändert hat.«

»Ach? Und wie haben sie das gemacht?«

»Sie kamen auf den Gedanken, daß der Name des Klubs - Klub der Fallenden Profitrate - ein schlechtes Vorzeichen wäre, das einen Einfluß auf die Amtszeit des Vorsitzenden haben könnte. Deshalb haben sie ihren Namen geändert und nannten sich fortan KZV.«

»Was bedeutet KZV?«

»Klub der Zufälligen Verteilung natürlich«, sagte George. »Ihr Präsident ist jetzt seit zehn Jahren im Amt, und ihm geht es blendend.«

Als der Kellner mit meinem Wechselgeld zurückkam, legte George zufällig sein Taschentuch darüber und ließ mit einer schwungvollen Geste Taschentuch und Geldscheine in seiner Brusttasche verschwinden. Dann stand er auf, winkte mir noch einmal zu und verließ das Restaurant.


Spiegel der Seele

<p><strong>Spiegel der Seele</strong></p>

An jenem Morgen war mir nach philosophischen Äußerungen zumute. In trauriger Erinnerung schüttelte ich den Kopf und sagte: »Kein Wissen gibt's, der Seele Bildung im Gesicht zu lesen. Er war ein Mann, auf den ich gründete ein unbedingt Vertraun.«

Es war ein ziemlich kühler Sonntagmorgen, und George und ich saßen an einem Tisch in einem Bagel-Cafe. Ich erinnere mich, daß George gerade seinen zweiten Sesam-Bagel aufgegessen hatte, der großzügig mit Frischkäse und Weißfisch belegt war.

Er sagte: »Stammt das aus einer der Geschichten, die du regelmäßig für weniger anspruchsvolle Magazine zusammenzimmerst?«

»Zufälligerweise ist das ein Shakespeare-Zitat«, erwiderte ich. »Aus Macbeth.«

»Ach ja, deine Vorliebe für Plagiate habe ich ganz vergessen.«

»Wenn man ein passendes Zitat benutzt, ist das kein Plagiat. Was ich sagen wollte - ich hatte einmal einen Freund, den ich für einen Mann mit scharfem Verstand und gutem Geschmack hielt. Ich habe ihn zum Essen eingeladen. Mitunter habe ich ihm sogar Geld geliehen. In den überschwenglichsten Tönen habe ich sein Aussehen und seinen Charakter gelobt. Und stell dir vor, all das habe ich getan, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, daß er von Beruf Literaturkritiker war -wenn man das denn einen Beruf nennen will.«

George sagte: »Und trotz all deiner selbstlosen Taten, hat dein Freund einmal eines deiner Bücher besprochen und es gnadenlos verrissen.«

»Ach?« sagte ich. »Hast du die Rezension gelesen?«

»Nein. Ich habe mich nur gefragt, wie die Rezension eines deiner Bücher wohl ausfallen könnte, und mir ist sofort die einzig mögliche Antwort eingefallen.«

»Mich hat nicht gestört, daß ihm mein Buch nicht gefallen hat, George - zumindest nicht mehr, als eine solche belanglose Feststellung jeden Schriftsteller stören würde -, aber daß er Ausdrücke wie >seniler Schwachsinn< verwendet hat, ging mir dann doch zu weit. Seine Behauptung, das Buch sei für Achtjährige geschrieben, die jedoch besser daran täten, Ringelreihen zu spielen, ging eindeutig unter die Gürtellinie.« Ich seufzte und setzte an: »Kein Wissen gibt's ...«

»Das sagtest du bereits«, unterbrach mich George.

»Er schien so freundlich zu sein, so angenehm, so dankbar selbst für die kleinsten Aufmerksamkeiten. Woher sollte ich wissen, daß er in Wirklichkeit ein bösartiger, heuchlerischer Schweinehund war?«

George sagte: »Er war Kritiker. Das liegt in seiner Natur. Einen solchen Beruf ergreift man nur, wenn man selbst die eigene Mutter verleumden würde. Ich kann gar nicht glauben, daß du dich auf so lächerliche Weise hast an der Nase herumführen lassen. Du bist schlimmer als mein Freund Vandevater Robinson, und ich sage dir, er ist einmal als Kandidat für den Nobelpreis für Naivität im Gespräch gewesen. Seine Geschichte ist recht eigentümlich ... «

»Bitte«, sagte ich, »die Rezension ist in der aktuellen New York Review of Books erschienen - fünf Spalten Gift und Galle. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für eine deiner Geschichten.«

Das habe ich mir schon gedacht [sagte George], und du hast vollkommen recht. Sie wird dich von deinen unbedeutenden Sorgen ablenken.

Mein Freund Vandevater Robinson war ein ausgesprochen talentierter junger Mann. Er war gutaussehend, kultiviert, intelligent und kreativ. Er hatte die besten Schulen besucht und war in ein reizendes junges Mädchen namens Minerva Schlump verliebt.

Minerva war eine meiner Patentöchter und hing sehr an mir - was durchaus verständlich ist. Jemand, der so anständig ist wie ich, kann einer jungen Dame von recht stattlicher Figur natürlich nicht erlauben, daß sie ihn ständig umarmt oder auf seinem Schoß sitzen will. Aber Minerva hatte ein so einnehmendes Wesen, so kindlich und unschuldig und vor allem so handfest, daß ich in ihrem Fall eine Ausnahme machte.

Natürlich verzichtete ich in Gegenwart von Vandevater auf dergleichen Vertraulichkeiten, denn er konnte sehr unvernünftig sein, wenn er eifersüchtig war.

Diese seine Schwäche hat er einmal in Worte gefaßt, die mich tief berührten. »George«, sagte er, »seit meiner Kindheit wollte ich mich in eine junge Frau von überragender Tugendhaftigkeit, unberührter Reinheit und - wenn ich das so sagen darf - porzellanhafter Unschuld verlieben. Minerva Schlump - ich wage es kaum, diesen göttlichen Namen auszusprechen - ist die Frau, die ich immer gesucht habe. Ich weiß, daß ich mich in ihr nicht täuschen kann. Sollte ich jemals herausfinden, daß mein Vertrauen mißbraucht worden ist, wüßte ich nicht, wie ich weiterleben soll. Ich würde ein verbitterter alter Mann werden, der seinen Trost nur noch in so armseligen Dingen wie einer Villa, Bediensteten, einem Klub und einer reichen Erbschaft sucht.«

Der Ärmste. Er täuschte sich in der jungen Minerva keineswegs. Sie mochte sich zwar mit Vergnügen auf meinen Schoß setzen, doch ich wußte sehr gut, daß sie das ohne einen Hintergedanken tat. Das war jedoch das einzige, worin er sich nicht täuschte. Der junge Mann besaß einfach kein Urteilsvermögen. Verzeih mir, wenn ich das so offen sage, aber er war genauso unbedarft wie du. Ihm mangelte es an dem Wissen, die Seele eines Menschen im Gesicht ... Ja, ich weiß, du sagtest das bereits. Ja, ja, du hast es zweimal gesagt.

Erschwerend kam hinzu, daß Vandevater gerade eine Stelle als Kriminalbeamter bei der New Yorker Polizei angetreten hatte.

Es war schon immer sein Wunsch gewesen (abgesehen davon, das perfekte Mädchen zu finden), Kriminalbeamter zu werden. Er wollte einer jener scharfsinnigen, hakennasigen Herren werden, die jeden Bösewicht in Angst und Schrecken versetzen. Zu diesem Zweck studierte er in Groton und Harvard Kriminologie und las mit großer Gewissenhaftigkeit jene bedeutenden Kriminalberichte, die von Autoritäten wie Sir Arthur Conan Doyle und Agatha Christie zu Papier gebracht wurden. Das alles, sowie der Einfluß seiner Familie, dessen er sich ohne Zögern bediente, und die Tatsache, daß sein Onkel Bürgermeister von Queens war, verschaffte ihm eine Stelle bei der Polizei.

Überraschenderweise war ihm kein Erfolg vergönnt. Seine Fähigkeit, aus Beweisen, die andere gesammelt hatten, unumstößliche logische Schlüsse zu ziehen, ohne auch nur seinen Sessel zu verlassen, war unübertroffen. Leider war er vollkommen unfähig, selbst Beweise zu sammeln.

Er neigte in unfaßbarem Maße dazu, alles, was andere Leute ihm erzählten, für bare Münze zu nehmen. Jedes Alibi - ganz gleich wie fadenscheinig - stürzte ihn in Zweifel. Ein stadtbekannter Betrüger mußte ihm nur sein Ehrenwort geben, schon glaubte er alles, was er ihm erzählte.

Das hatte sich bald so weit herumgesprochen, daß sich sämtliche Verbrecher - vom einfachsten Handtaschendieb bis zum höchsten Politiker oder Unternehmer - nur noch von Vandevater vernehmen lassen wollten.

»Wir wollen Vandevater«, rieten sie.

»Ihm werde ich alles erzählen«, sagte der Taschendieb.

»Ich werde ihn über die von mir sorgfältig geplanten Ereignisse in Kenntnis setzen«, sagte der Politiker.

»Ich werde ihm erklären, daß ich ein Trinkgeld für den Schuhputzer brauchte und der Regierungsscheck über einhundert Millionen Dollar zufällig in der Portokasse lag«, sagte der Unternehmer.

Welchen Fall Vandevater auch übernahm, stets kam der Verdächtige wieder auf freien Fuß. Er hatte so etwas wie ein >entlastendes Händchen< - ein Ausdruck, den einer meiner literarischen Freunde einmal für ihn geprägt hat. (Natürlich kannst du dich daran nicht erinnern - ich spreche auch nicht von dir. Würde ich dich etwa als >literarisch< bezeichnen?)

Die Monate gingen dahin, und die Anzahl der Fälle, die vor Gericht kamen, verringerte sich immer mehr. Unzählige reumütige Einbrecher, Straßenräuber und Schwerverbrecher kehrten mit makellos reiner Weste zu ihren Freunden und Verwandten zurück.

New Yorks Elite hatte natürlich bald herausgefunden, was sich da abspielte und was die Ursache des Ganzen war. Vandevater arbeitete bereits seit zweieinhalb Jahren bei der Polizei, als ihm auffiel, daß man ihm nicht mehr mit der üblichen Kameradschaft begegnete und seine Vorgesetzten ihn mit einem nachdenklichen Blick begrüßten. Eine Beförderung war nicht in Sicht, obwohl Vandevater -wann immer es ihm passend erschien - seinen Onkel, den Bürgermeister erwähnte.

Er wandte sich an mich, wie es junge Männer in Not häufig tun, um in der Weisheit eines Mannes von Welt Zuflucht zu suchen. (Ich weiß nicht, was du damit meinst, mein Freund, ob ich dir einen solchen Mann empfehlen könnte. Bitte unterbrich mich nicht mit deinen unpassenden Einwürfen.)

»Onkel George«, sagte er, »ich glaube, ich stecke in Schwierigkeiten.« (Er nannte mich immer Onkel George, weil ihn die Würde und Eleganz meines wohlfrisierten weißen Haars so sehr beeindruckten. Kein Vergleich zu deinen ungepflegten Koteletten.)

»Onkel George«, sagte er, »ich verstehe nicht, warum ich noch nicht befördert wurde. Ich gelte immer noch als Berufsanfänger auf der untersten Stute. Mein Büro liegt in der Mitte des Flurs, und mein Toilettenschlüssel paßt nicht. Mich selbst würde das natürlich nicht weiter stören, aber meine liebste Minerva ist in ihrer Unschuld auf die Idee gekommen, daß ich möglicherweise ein Versager bin, und dieser Gedanke bricht ihr das Herz. >Ich will keinen Versager heiraten<, sagt sie und zieht einen Schmollmund. >Man wird mich auslachen.««

»Hast du irgendeine Erklärung für diese Schwierigkeiten, mein Junge?« fragte ich.

»Nein, ich habe nicht die geringste Ahnung. Zugegeben, ich habe bisher noch nicht einen Fall gelöst, aber ich glaube nicht, daß es daran liegt. Schließlich kann man nicht alle Fälle lösen, nicht wahr?«

»Lösen die anderen Kriminalbeamten denn wenigstens den einen oder anderen Fall?« fragte ich.

»Hin und wieder schon. Aber die Art und Weise, wie sie dabei vorgehen, erschüttert mich zutiefst. Sie sind immer so furchtbar mißtrauisch und skeptisch, starren einen Verdächtigen so herablassend an und sagen dann: >Ach, ja?< oder >Das sagen Sie!<. Das ist einfach erniedrigend. Als Amerikaner tut man so etwas nicht.«

»Könnte es sein, daß der Verdächtige lügt und sie einen Grund haben, ihm mit Skepsis zu begegnen?«

Vandevater grübelte einen Augenblick nach. »Das ist durchaus möglich. Was für eine entsetzliche Vorstellung!«

»Nun gut«, sagte ich, »laß mich ein wenig darüber nachdenken.«

Noch am selben Abend rief ich Azazel herbei, den zwei Zentimeter großen Dämon, der mir hin und wieder mit seinen rätselhaften Kräften zur Seite steht. Ich weiß nicht, ob ich dir schon von ihm erzählt habe, aber - Ach, habe ich das tatsächlich?

Nun, er erschien in dem kleinen Elfenbeinkreis auf meinem Schreibtisch, vor dem ich meine besonderen Räucherstäbchen verbrenne und die uralten Beschwörungsformeln anstimme - aber die Einzelheiten sind geheim.

Er war in eine lange, wallende Robe gekleidet. Zumindest schien sie im Vergleich zu den zwei Zentimetern, die er von der Schwanzspitze bis zu den Hörnern maß, lang und wallend. Er hatte einen Arm erhoben und sprach mit seiner piepsigen Stimme irgendwelche Worte, während sein Schwanz hin und her zuckte.

Offensichtlich war er gerade mit etwas beschäftigt. Irgendwie scheint er immer mit irgend etwas Unwichtigem beschäftigt zu sein. Ich erwische ihn nie schlafend oder in entspannter Stimmung. Stets hat er gerade etwas zu tun und ist dann wütend, weil ich ihn dabei unterbrochen habe.

Diesmal ließ er jedoch den Arm sinken, als er mich bemerkte, und lächelte mich an. Zumindest glaube ich, daß er lächelte, denn seine Gesichtszüge sind schwer zu erkennen, und als ich einmal eine Lupe benutzen wollte, um ihn besser sehen zu können, war er zutiefst beleidigt.

Er sagte: »Was soll's - ein wenig Abwechslung wird mir guttun. Meine Rede beherrsche ich sehr gut, und der Erfolg ist mir sicher.«

»Wovon sprichst du, oh Mächtiger? Obwohl natürlich alle deine Taten von Erfolg gekrönt sind.« (Er scheint eine gewisse Vorliebe für solche Schmeicheleien zu hegen. In dieser Hinsicht ist er dir ziemlich ähnlich.)

»Ich bewerbe mich um ein öffentliches Amt«, sagte er zufrieden. »Ich möchte zum Grod-Fänger gewählt werden.«

»Darf ich in aller Bescheidenheit fragen, ob du mich Unwissenden darüber in Kenntnis setzen könntest, was ein Grod ist?«

»Nun, ein Grod ist ein kleines Haustier, das sich bei meinem Volk großer Beliebtheit erfreut. Manche dieser Tiere haben jedoch keine Lizenz, und die Aufgabe eines Grod-Fängers ist es, diese einzufangen. Grods sind winzige Wesen, die sich durch teuflische Gerissenheit und enorme Dickköpfigkeit auszeichnen. Ein Grod-Fänger muß also über große Macht und Intelligenz verfügen. Es gibt viele, die mit einem höhnischen Lachen behaupten: »Azazel wird nie im Leben zum Grod-Fänger gewählte Aber ich werde es ihnen schon zeigen. Also, was kann ich für dich tun?«

Ich erklärte ihm die Situation, und Azazel schien überrascht zu sein. »Willst du damit sagen, daß ihr auf dieser armseligen Welt nicht feststellen könnt, ob das, was jemand behauptet, der objektiven Wahrheit entspricht?«

»Wir verfügen über ein Gerät, das sich >Lügendetektor< nennt«, erwiderte ich. »Es mißt den Blutdruck, die elektrische Leitfähigkeit der Haut und dergleichen mehr.

Damit kann man feststellen, ob jemand lügt. Allerdings spricht das Gerät auch an, wenn jemand sehr nervös oder angespannt ist.«

»Natürlich. Aber verfügt nicht jede Spezies, die genug Intelligenz besitzt, um die Wahrheit zu verzerren, über eine ganz bestimmte Drüsenfunktion? Oder ist euch dieses Prinzip etwa unbekannt?«

Ich ging über seine Frage hinweg. »Gibt es irgendeine Möglichkeit, einen vollkommen unerfahrenen Kriminalbeamten mit der Fähigkeit auszustatten, diese Drüsenfunktion wahrzunehmen?«

»Ohne eine eurer primitiven Maschinen? Allein mit den Fähigkeiten seines Geistes?«

»Ja.«

»Dir ist klar, daß es sich hier um das Gehirn eines Vertreters deiner Spezies handelt? Es ist zwar groß, aber unendlich primitiv.«

»Vollkommen klar.«

»Nun gut, ich will es versuchen. Du mußt mich zu ihm bringen oder ihn hierher holen - oder mir auf irgendeine andere Weise die Möglichkeit geben, ihn zu untersuchen.«

»Sicher.«

Und so geschah es.

Etwa eine Woche später besuchte mich Vandevater, einen besorgten Ausdruck in seinem wohlgeformten Gesicht.

»Onkel George«, sagte er, »etwas Ungewöhnliches ist passiert. Ich habe einen jungen Mann vernommen, der ein Spirituosengeschäft überfallen hatte. Er erzählte mir in recht anrührenden Einzelheiten, wie er zufällig an dem Laden vorbeigekommen sei - in Gedanken bei seiner armen Mutter, die an Kopfschmerzen litt, nachdem sie eine halbe Flasche Gin getrunken hatte. Er habe den Laden betreten, um sich zu erkundigen, ob es ratsam sei, Gin zu trinken, wenn man zuvor eine vergleichbare Menge Rum konsumiert hatte. Da hätte ihm der Besitzer vollkommen unerwartet eine Pistole und den Inhalt seiner Registrierkasse in die Hand gedrückt. Der verwirrte und erstaunte junge Mann hätte beides angenommen, und just in diesem Augenblick sei ein Polizist in den Laden gekommen. Er sagte, er hätte geglaubt, das Geld sei als Entschädigung für die Schmerzen gedacht, die seine arme Mutter erlitten hatte. Als er mir all das erzählte, hatte ich plötzlich das merkwürdige Gefühl, daß er ... äh ... schwindelte.«

»Tatsächlich.«

»Ja. Das ist das Erstaunlichste, was mir jemals widerfahren ist.« Vandevater senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich wußte plötzlich nicht nur, daß der junge Mann die Waffe bereits bei sich getragen hatte, als er den Laden betrat, sondern auch, daß seine Mutter gar keine Kopfschmerzen gehabt hatte. Kannst du dir vorstellen, daß jemand über seine Mutter Lügenmärchen erzählt?«

Genauere Nachforschungen ergaben, daß Vandevaters Instinkt ihn nicht getrogen hatte. Der junge Mann hatte tatsächlich Lügen über seine Mutter erzählt.

Von diesem Augenblick an verbesserte sich Vandevaters Fähigkeit ständig.

Innerhalb eines Monats hatte er sich in eine scharfsinnige, abgebrühte Maschine zur Aufdeckung von Unwahrheiten verwandelt.

Seine Abteilung sah voller Erstaunen zu, wie Vandevater einen Angeklagten nach dem anderen überführte. Mochte jemand noch so sehr beteuern, in tiefes Gebet versunken gewesen zu sein, als die Almosenschale geplündert wurde - Vandevaters geschicktem Verhör vermochte er nicht standzuhalten. Den Rechtsanwalt, der -ganz aus Versehen - Treuhandgelder für die Renovierung seines Büros verwendet hatte, brachte er rasch in Verlegenheit. Buchhalter, die zufällig eine Telefonnummer vom Steuerbetrag abgezogen hatten, verwickelten sich in Widersprüche. Drogendealer, die ein fünf Kilo schweres Paket Heroin in einer Cafeteria entgegengenommen hatten, in der Überzeugung, es handele sich dabei um Süßstoff, wurden augenblicklich mit ihrer eigenen Logik geschlagen.

Bald nannte man ihn >Vandevater den Siegreichem, und der Polizeipräsident persönlich übergab ihm unter dem Beifall der versammelten Polizeimannschaft einen Schlüssel, mit dem sich die Toilettentür öffnen ließ, ganz zu schweigen davon, daß sein Büro an das Ende des Flurs verlegt wurde.

Ich beglückwünschte mich dazu, daß alles gut gegangen war und Vandevater nun, da sein Erfolg gesichert war, die schöne Minerva Schlump heiraten konnte. Da erschien Minerva selbst an der Tür meines Apartments.

»Oh, Onkel George«, flüsterte sie leise und ihr geschmeidiger Körper schwankte. Sie war offenbar kurz davor, das Bewußtsein zu verlieren.

Ich hob sie hoch und hielt sie fünf oder sechs Minuten fest, während ich überlegte, auf welchem Sessel ich sie absetzen könnte.

»Was hast du denn, Liebes?« fragte ich, als ich mich vorsichtig ihrer entledigt und ihre Kleider glattgestrichen hatte.

»Oh, Onkel George«, sagte sie, und Tränen quollen aus ihren hübschen Augen. »Es ist Vandevater.«

»Er hat dich doch wohl nicht mit unschicklichen Annäherungsversuchen erschreckt?«

»Oh, nein, Onkel George. Er ist viel zu wohlerzogen, um so etwas vor der Hochzeit zu versuchen, obwohl ich ihm versichert habe, daß ich für den Einfluß der Hormone, der junge Männer mitunter überwältigt, durchaus Verständnis habe und ihm im Falle eines solchen bedauerlichen Vorkommnisses selbstverständlich verzeihen würde. Doch trotz all meiner Beteuerungen läßt er sich zu nichts hinreißen.«

»Was ist es dann, Minerva?«

»Oh, Onkel George, er hat unsere Verlobung gelöst.«

»Das ist unglaublich. Es kann kaum zwei Menschen geben, die besser zueinander passen. Warum denn nur?«

»Er sagt, ich würde ... Unwahrheiten erzählen.«

Meine Lippen bildeten widerstrebend das Wort >Lügen<.

Sie nickte. »Dieses abscheuliche Wort hat er nicht benutzt, aber er hat es gemeint. Erst heute morgen hat er mich in anbetungsvoller Hingabe angesehen und gefragt: >Meine Geliebte, bist du mir auch immer treu gewesen?< Und wie stets habe ich ihm gefühlvoll erwidert: >So treu, wie der Sonnenstrahl der Sonne ist und das Rosenblatt der Rose.< Doch dann verengten sich seine Augen und er sagte haßerfüllt: >Aha, deine Worte entsprechen nicht der Wahrheit. Du hast geflunkert.< Ich stand da wie vom Donner gerührt. Ich sagte: >Vandevater, mein Liebster, wie meinst du das?< Er erwiderte: >So, wie ich es gesagt habe. Ich habe mich in dir getäuscht, wir können nicht mehr länger zusammen sein.< Mit diesen Worten ist er gegangen. Ach, was soll ich jetzt bloß tun? Was soll ich bloß tun? Wo soll ich denn jetzt einen neuen erfolgreichen Verlobten hernehmen?«

Ich sagte nachdenklich: »Vandevater irrt sich in solchen Dingen normalerweise selten - zumindest seit einigen Wochen. Bist du ihm tatsächlich untreu gewesen?«

Eine leichte Röte bedeckte Minervas Wangen. »Eigentlich nicht.«

»Und uneigentlich?«

»Nun, vor einigen Jahren, als ich noch ein ganz junges Mädchen war, mit siebzehn, habe ich einen jungen Mann geküßt. Zugegeben, ich habe ihn fest an mich gedrückt -aber nur, damit er mir nicht entwischt, nicht weil ich ihn so sehr gemocht hätte.«

»Verstehe.«

»Das war keine sehr angenehme Erfahrung. Naja, zumindest nicht sehr. Als ich Vandevater kennengelernt habe, war ich verwundert darüber, um wie vieles besser mir ein Kuß von ihm gefiel als der jenes anderen jungen Mannes. Natürlich wollte ich diese befriedigende Erfahrung so oft wie möglich wiederholen. Während meiner Beziehung mit Vandevater habe ich hin und wieder - aus rein wissenschaftlichem Interesse - andere junge Männer geküßt, nur um sicher zu gehen, daß nicht einer von ihnen, nicht einer, es mit meinem lieben Vandevater aufnehmen konnte. Ich kann dir versichern, Onkel George, daß ich ihnen jede Freiheit gestattet habe, was die Art und Weise des Küssens anbelangte, sie durften mich sogar festhalten und an sich drücken, doch keiner von ihnen konnte Vandevater das Wasser reichen. Und trotzdem behauptet er, ich sei ihm untreu gewesen.«

»Wie lächerlich«, sagte ich. »Mein Kind, dir wurde Unrecht getan.« Ich küßte sie vier oder fünf Mal und sagte dann: »Das hat dir sicher bei weitem nicht so viel Vergnügen bereitet wie Vandevaters Küsse, oder?«

»Laß mich sehen«, sagte sie und küßte mich ebenfalls vier oder fünf Mal mit großer Kunstfertigkeit und Hingabe. »Natürlich nicht«, sagte sie.

»Ich werde mit ihm reden«, sagte ich.

Noch am selben Abend besuchte ich ihn in seinem Apartment. Er saß übellaunig in seinem Wohnzimmer und lud seinen Revolver, um ihn dann wieder zu entladen.

»Zweifellos«, sagte ich, »denkst du daran, dich umzubringen.«

»Niemals«, sagte er mit einem trockenen Lachen. »Weshalb sollte ich mich umbringen? Weil ich ein unbedeutendes Weibsstück verloren habe? Eine Lügnerin? Soll sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!«

»Du bist im Unrecht. Minerva ist dir immer treu gewesen. Ihre Hände, Lippen und ihr Körper haben nie die Hände, Lippen oder den Körper eines anderen Mannes berührt.«

»Ich weiß, daß das nicht stimmt«, sagte Vandevater.

»Und ich sage dir, das es stimmt«, erwiderte ich. »Ich habe ausführlich mit dem weinenden Mädchen gesprochen, und sie hat mir die tiefsten Geheimnisse ihres Lebens anvertraut. Sie hat einmal einem jungen Mann einen Handkuß zugeworfen. Damals war sie fünf Jahre alt und er war sechs, und seither zermartert sie sich den Kopf über diesen einen Augenblick des Liebeswahns. Eine solche Unanständigkeit hat sich niemals wiederholt, und doch ist es das, was du wahrgenommen hast.«

»Sprichst du die Wahrheit, Onkel George?«

»Sieh mich mit deinem unfehlbaren, scharfsinnigen Blick an, und ich werde noch einmal wiederholen, was ich gerade gesagt habe. Und dann kannst du mir sagen, ob ich die Wahrheit gesprochen habe.«

Ich wiederholte die Geschichte noch einmal, und er sagte verwundert: »Du sprichst die absolute, die reine Wahrheit, Onkel George. Glaubst du, Minerva wird mir jemals verzeihen?«

»Natürlich«, sagte ich. »Trage sie auf Händen und mache weiter Jagd auf den Abschaum der Unterwelt in den Spirituosengeschäften, Vorstandsbüros und Rathausfluren, aber richte deinen scharfsinnigen Blick niemals auf die Frau, die du liebst. Die vollkommene Liebe gründet sich nur auf vollkommenem Vertrauen. Und du mußt ihr vollkommen vertrauen.«

»Das werde ich, das werde ich«, rief er.

Und das hat er seither auch getan. Inzwischen ist er zum besten Kriminalbeamten der Polizei und in den Rang eines Wachtmeisters mit besonderem Aufgabenbereich aufgestiegen. Sein Büro befindet sich im Erdgeschoß, direkt neben der Waschmaschine. Er hat Minerva geheiratet, und sie leben in vollkommener Harmonie miteinander.

Sie überprüft die überragenden Qualitäten von Vandevaters Küssen wieder und wieder, in einem nicht enden wollenden Taumel der Glückseligkeit. Manchmal ist sie sogar willens, eine ganze Nacht mit einem Mann zu verbringen, der für eine Untersuchung in Frage kommt, doch das Ergebnis bleibt stets das gleiche. Vandevater ist unübertroffen. Inzwischen ist sie Mutter zweier Söhne, von denen einer eine leichte Ähnlichkeit mit Vandevater besitzt.

Soviel zu deiner Behauptung, mein Freund, daß meine und Azazels Bemühungen stets katastrophale Folgen haben.

»Dennoch«, sagte ich, »wenn ich deiner Geschichte Glauben schenke, dann hast du gelogen, als du Vandevater erzählt hast, Minerva hätte nie einen anderen Mann berührt.«

»Das habe ich getan, um das unschuldige junge Mädchen zu retten.«

»Aber wieso hat Vandevater nicht bemerkt, daß du lügst?«

»Ich nehme an«, sagte George und wischte sich Frischkäse von den Lippen, »das lag an meinem unantastbar würdevollen Auftreten.«

»Ich habe da eine andere Theorie«, sagte ich. »Ich glaube, daß weder du noch dein Blutdruck, die elektrische Leitfähigkeit deiner Haut oder deine kaum wahrnehmbaren hormonellen Reaktionen den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge feststellen können. Und deshalb gelingt das auch sonst niemandem, der sich auf diese Anhaltspunkte verläßt.«

»Lächerlich«, sagte George.


Frühlingsgefühle

<p><strong>Frühlingsgefühle</strong></p>

George und ich blickten über den Fluß hinweg zum Campus des College am anderen Ufer hinüber. Nachdem sich George auf meine Kosten satt gegessen hatte, war er in eine nostalgische Rührseligkeit verfallen.

»Ach, Collegezeiten!« seufzte er. »Was kann einem das Leben bieten, das diese Erfahrungen übertreffen könnte?«

Ich musterte ihn überrascht. »Sag bloß, du bist auf's College gegangen!«

Er blickte mich herablassend an. »Weißt du etwa nicht, daß ich der beste Präsident bin, den die Pi-Pa-Po-Verbindung jemals gehabt hat?«

»Aber wie konntest du die Studiengebühren bezahlen?«

»Stipendien!« sagte er. »Ich wurde förmlich mit Stipendien überschüttet, nachdem ich in den Studentenwohnheimen meine Fähigkeiten in den Schlachten ums kalte Büffet unter Beweis gestellt hatte. Außerdem hatte ich einen wohlhabenden Onkel.«

»Ich wußte nicht, daß du einen wohlhabenden Onkel hast, George.«

»Als ich die vereinfachten Studiengänge nach sechs Jahren abgeschlossen hatte, weilte er leider nicht mehr unter uns. Zumindest nicht mehr in dem Maße wie vorher. Das wenige Geld, das er vor dem Ruin retten konnte, hat er schließlich einem Heim für bedürftige Katzen vermacht. In seinem Testament hat er außerdem einige Bemerkungen über mich hinterlassen, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Ich führe ein trauriges Leben, stets von allen verkannt.«

»Irgendwann einmal«, sagte ich, »mußt du mir das in allen Einzelheiten erzählen.«

»Aber«, fuhr George fort, »die Erinnerung an meine Collegezeit erfüllt mein entbehrungsreiches Leben mit einem goldenen Glanz. Diese Erinnerungen sind mit ganzer Macht zurückgekehrt, als ich vor einigen Jahren wieder einmal den Campus der alten Tate University besucht habe.«

»Sie haben dich noch einmal eingeladen?« fragte ich und versuchte, nicht allzu ungläubig zu klingen.

»Ich bin sicher, sie hätten es getan«, sagte George. »Aber eigentlich bin ich auf Wunsch eines lieben Kommilitonen aus meiner Collegezeit dorthin zurückgekehrt - dem alten Antiochus Schnell.«

Da dich meine Geschichte offenbar fasziniert [sagte George], will ich dir mehr über den alten Antiochus Schnell erzählen. Damals waren wir unzertrennliche Freunde, er war mein fidus Achates (warum ich allerdings dergleichen klassische Anspielungen auf einen Simpel wie dich verschwende, weiß ich selbst nicht). Obwohl er viel stärker gealtert ist als ich, erinnere ich mich noch heute an die Tage, als wir zusammen Goldfische geschluckt, uns mit unseren Freunden in Telefonzellen gedrängt oder mit einer geschickten Handbewegung vergnügt quieksenden Studentinnen die Höschen heruntergezogen haben. Kurz gesagt, wir haben all die erhabenen Freuden eines fortschrittlichen Instituts genossen.

Als mich also der alte Antiochus Schnell in einer Angelegenheit von größter Wichtigkeit zu sehen wünschte, war ich sofort zur Stelle.

»George«, sagte er, »es geht um meinen Sohn.«

»Den jungen Artaxerxes Schnell?«

»Richtig. Vor einem Jahr hat er sein Studium an der alten Tate University begonnen, aber er bereitet mir große Sorgen.«

Meine Augen verengten sich. »Ist er in schlechte Gesellschaft geraten? Hat er Schulden gemacht? Oder sich mit einer ältlichen Kellnerin eingelassen?«

»Schlimmer! Viel schlimmer!« sagte der alte Antiochus Schnell mit versagender Stimme. »Er hat es mir selbst nie erzählt - wahrscheinlich fehlte ihm der Mut dazu -, aber einer seiner Kommilitonen hat sich mit einem schockierten Brief vertraulich an mich gewandt. George, alter Freund, mein armer Sohn - ich will es geradeheraus sagen und nichts beschönigen - studiert Differenzialrechnung!«

»Er studiert Differenz...«, ich konnte es nicht über mich bringen, dieses schreckliche Wort auszusprechen.

Der alte Antiochus Schnell nickte verzweifelt. »Und Volkswirtschaft. Er besucht tatsächlich Kurse und ist sogar beim Lernen beobachtet worden.«

»Gütiger Himmel!« sagte ich entsetzt.

»Ich kann es immer noch nicht fassen, George. Wenn Artaxerxes' Mutter davon erfahren würde, wäre das ihr Ende. Sie ist eine sensible Frau und nicht bei bester Gesundheit. Im Namen unserer alten Freundschaft beschwöre ich dich, George, der Tate University einen Besuch abzustatten und der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn der Junge von irgend jemandem zu diesem Lerneifer überredet wurde, bring ihn irgendwie wieder zu Verstand -um seiner Mutter und seiner selbst willen, wenn schon nicht für mich.«

Mit Tränen in den Augen schüttelte ich ihm die Hand. »Nichts wird mich aufhalten können«, sagte ich. »Kein anderer Gedanke soll mich von dieser heiligen Pflicht ablenken. Und wenn es mich den letzten Tropfen Blut kostet - und da wir gerade bei Kosten sind: Ich brauchte einen Scheck.«

»Einen Scheck?« sagte der alte Antiochus Schnell mit bebender Stimme. Er war schon immer einer großer Geizhals gewesen.

»Hotelzimmer«, sagte ich, »Essen, Getränke, Trinkgelder, Inflation und allgemeine Unkosten. Es ist für deinen Sohn, mein alter Freund, nicht für mich.«

Nachdem ich den Scheck schließlich erhalten hatte und im Tate angekommen war, verlor ich keine Zeit und verabredete ein Treffen mit dem jungen Artaxerxes. Ich erlaubte mir gerade einmal ein gutes Abendessen, einen hervorragenden Brandy, eine erholsame Nacht und ein gemütliches Frühstück, bevor ich ihn in seinem Zimmer aufsuchte.

Der Anblick dieses Zimmers erschütterte mich zutiefst. An sämtlichen Wänden befanden sich Regale, die nicht etwa mit irgendwelchem gefälligen Schnickschnack gefüllt waren, mit Flaschen, die der Kunst des Winzers Ehre gemacht hätten, oder gar mit Fotos reizender Mädchen, die auf unerklärliche Weise ihrer Kleidung verlustig gegangen waren - nein, in den Regalen standen Bücher.

Eines dieser Bücher lag ganz unverhohlen aufgeschlagen auf dem Schreibtisch, und ich glaube, daß er eben noch darin geblättert hatte. Sein rechter Zeigefinger machte einen verdächtig staubigen Eindruck, und er versuchte, ihn ungeschickt hinter seinem Rücken zu verbergen.

Aber Artaxerxes' Anblick war noch erschütternder. Natürlich erkannte er in mir einen alten Freund der Familie. Ich hatte ihn neun Jahre lang nicht mehr gesehen, doch in dieser Zeit hatten sich meine vornehme Haltung und mein frisches, offenes Antlitz nicht verändert. Vor neun Jahren war Artaxerxes jedoch ein unscheinbarer zehnjähriger Junge gewesen. letzt war er zwar nicht mehr wiederzuerkennen, aber immer noch ein vollkommen unscheinbarer Jugendlicher von neunzehn Jahren. Er war kaum einen Meter sechzig groß, trug eine große, runde Brille und machte einen ausgemergelten Eindruck.

»Wieviel wiegst du?« fragte ich ihn geradeheraus.

»Achtundvierzig Kilo«, flüsterte er.

Ich starrte ihn mit aufrichtigem Mitleid an. Er war ein achtundvierzig Kilo leichter Schwächling. Er mußte geradezu zur Zielscheibe von Spott und Verachtung werden.

Doch dann wurde mir ganz weich ums Herz, als ich dachte: der arme, arme Junge! Wie sollte er mit einem solchen Körperbau an jenen Aktivitäten teilnehmen, die für eine ausgewogene Collegeausbildung unerläßlich sind? Fußball? Leichtathletik? Ringkampf? Sackhüpfen? Wenn einer der anderen Jungen rief: »Ich kenne da eine alte Scheune. Wir könnten uns Kostüme nähen und dort ein Musical aufrühren!« - was sollte er dann tun? Konnte er mit solchen Lungen überhaupt singen außer einen dünnen Sopran?

Er mußte geradezu gegen seinen Willen in die Schande abgleiten.

Leise, beinahe sanft sagte ich: »Artaxerxes, mein junge, stimmt es, daß du Differenzialrechnung und Volkswirtschaft studierst?«

Er nickte: »Und Anthropologie.«

Ich unterdrückte einen empörten Aufschrei und fuhr fort: »Und stimmt es, daß, du Kurse besuchst?«

»Tut mir Leid, Sir, aber das stimmt. Am Ende des Jahres möchte ich auf der Liste herausragender Studenten stehen.«

In einem seiner Augen hatte sich eine verräterische Träne gebildet, und trotz meines Entsetzens schöpfte ich ein wenig Hoffnung - immerhin war ihm bewußt, wie tief er gesunken war.

Ich sagte: »Mein Kind, kannst du nicht wenigstens jetzt von diesem abscheulichen Verhalten Abstand nehmen und zu einem reinen und unbefleckten Collegeleben zurückkehren?«

»Das kann ich nicht«, sagte er schluchzend. »Ich habe mich schon zu weit davon entfernt. Niemand kann mir noch helfen.«

Ich hielt mich nun schon an jedem Strohhalm fest. »Gibt es denn keine einzige anständige Frau an diesem College, die sich um dich kümmern könnte? Die Liebe einer guten Frau hat schon oft Wunder gewirkt, und daran hat sich sicher bis heute nichts geändert.«

Seine Augen leuchteten auf. Ich hatte offenbar einen Nerv getroffen. »Philomel Kribb«, seufzte er. »Sie ist Sonne, Mond und Sterne, die das Meer meiner Seele erleuchten.«

»Ah!« sagte ich, denn ich hatte die Gefühle bemerkt, die sich hinter seiner beherrschten Ausdrucksweise verbargen. »Weiß sie davon?«

»Wie könnte ich ihr davon erzählen? Das Ausmaß ihrer Verachtung würde mich niederschmettern.«

»Würdest du nicht das Differenzialrechnen aufgeben, um ihre Zuneigung zu gewinnen?«

Er ließ den Kopf sinken. »Ich bin schwach - so schwach.«

Ich verließ ihn mit dem festen Entschluß, auf der Stelle nach Philomel Kribb zu suchen.

Sie war nicht schwer zu finden. Im Immatrikulationsbüro fand ich schnell heraus, daß sie einen Abschluß in Fortgeschrittenem Cheerleading anstrebte, mit Revuetanz als Nebenfach. Ich fand sie im Cheerleading-Studio.

Geduldig wartete ich, bis das komplizierte Gestampfe und melodiöse Geschrei vorbei war und fragte dann, welches der Mädchen Philomel sei. Sie war blond, von mittlerer Größe, strotzte förmlich vor Gesundheit und Schweiß, und ihre Figur entlockte mir ein zustimmendes Nicken. Unter Artaxerxes' irregeleitetem Lerneifer verbarg sich offenbar doch ein Bewußtsein der wahren Interessen eines Collegestudenten.

Nachdem sie geduscht und ihre farbenprächtige und knappe Collegeuniform angezogen hatte, gesellte sie sich zu mir, so frisch und strahlend wie ein taubesprenkeltcs Kornfeld.

Ich kam sofort zur Sache und sagte: »Der junge Artaxerxes hält dich für die astronomische Erleuchtung seines Lebens.«

Ich hatte den Eindruck, daß ihr Blick ein wenig sanfter wurde, als sie sagte: »Der arme Artaxerxes. Er hätte wirklich Hilfe nötig.«

»Er könnte ein wenig Hilfe von einer anständigen Frau gebrauchen«, warf ich ein.

»Ich weiß«, sagte sie, »und ich bin so anständig wie sonst niemand - das habe ich zumindest gehört.« Ihre Wangen überzogen sich mit einer betörenden Röte. »Aber was kann ich tun? Gegen die Natur komme ich nicht an. Bullwhip Costigan nutzt jede Gelegenheit, um Artaxerxes zu demütigen. Er verspottet ihn vor aller Augen, schubst ihn herum, schlägt ihm seine dummen Bücher aus den Händen, und das alles unter dem Gelächter der versammelten Menge. Sie wissen ja, wie sich der Frühling auf die Gemüter auswirkt.«

»Ach ja«, sagte ich versonnen, als ich mich an jene glücklichen Tage erinnerte und daran, wie oft ich einen Gegner beim Kragen gepackt hatte. »Frühlingsgefühle!«

Philomel seufzte. »Ich habe seit langem gehofft, daß Artaxerxes Bullwhip einmal auf gleicher Augenhöhe begegnen würde - ein Hocker wäre dabei hilfreich, denn Bullwhip ist über eins achtzig. Aber aus irgendeinem Grund gelingt das Artaxerxes nicht. Diese ganze Lernerei«, sie schauderte, »schwächt die Moral.«

»Zweifellos. Aber wenn du ihn aus diesem Sumpf herausholen würdest ... «

»Ach Sir, tief in seinem Inneren ist er ein freundlicher und aufmerksamer junger Mann, und ich würde ihm helfen, wenn ich könnte. Aber gegen meine Gene komme ich nicht an, und die ziehen mich nun mal zu Bullwhip hin. Bullwhip ist gutaussehend, muskulös und dominant, und solche Eigenschaften beeindrucken einen Cheerleader wie mich natürlich sehr.«

»Und wenn Artaxerxes sich gegen Bullwhip durchsetzen würde?«

»Ein Cheerleader«, sagte sie, richtete sich stolz auf und offenbarte dabei ein recht beeindruckendes Dekollete, »muß seinem Herzen folgen, und es würde sich unweigerlich vom Verlierer abwenden und zum Gewinner hingezogen fühlen.«

Das waren einfache Worte, und ich wußte, dieses ehrliche Mädchen sprach aus den Tiefen ihrer Seele.

Nun war mir klar, was ich zu tun hatte. Wenn Artaxerxes dem unbedeutenden Unterschied von zwanzig Zentimetern und fünfzig Kilo zum Trotz Bullwhip zu Boden schickte, würde Philomel ihm gehören. Sie würde aus ihm einen echten Mann machen, der einem Leben entgegensah, das von so wichtigen Dingen wie Biertrinken und Fußballübertragungen im Fernsehen bestimmt war.

Das war eindeutig ein Fall für Azazel.

Ich weiß nicht, ob ich dir schon einmal von Azazel erzählt habe. Er ist ein zwei Zentimeter großes Wesen aus einer anderen Dimension, das ich mit Hilfe geheimer Zaubersprüche und Beschwörungsformeln herbeirufen kann, die nur ich allein kenne.

Azazel verfügt über Kräfte, die den unseren weit überlegen sind. Darüber hinaus besitzt er jedoch keine angenehmen Eigenschaften, denn er ist ein überaus selbstsüchtiges Wesen, das seine eigenen belanglosen Angelegenheiten stets über meine wichtigen Bedürfnisse stellt.

Dieses Mal erschien er auf der Seite liegend. Seine kleinen Augen waren geschlossen, und sein winziger Schwanz peitschte träge durch die Luft.

»Oh Mächtiger«, sagte ich, denn er bestand darauf, daß man ihn mit diesem Namen ansprach.

Er öffnete die Augen und stieß sofort ein ohrenbetäubendes Pfeifen aus, am obersten Rand meiner Hörskala. Sehr unangenehm.

»Wo ist Ashtaroth?« rief er. »Wo ist meine liebste Ashtaroth, die eben noch in meinen Armen lag?«

Dann bemerkte er mich und sagte mit einem Zähneknirschen: »Ach, du bist's! Ist dir klar, daß du mich gerade in dem Augenblick gerufen hast, als Ashtaroth ... Aber lassen wir das.«

»Stell dir vor«, sagte ich, »wenn du mir rasch geholfen hast, kannst du eine halbe Minute nachdem du verschwunden bist wieder in dein Kontinuum zurückkehren. Ashtaroth wird sich über deine plötzliche Abwesenheit gewundert haben, aber sie wird noch nicht wütend sein. Dein Wiederauftauchen wird sie mit großer Freude erfüllen, und was immer ihr gerade getan habt, könnt ihr noch einmal tun.«

Azazel dachte einen Augenblick nach und sagte dann mit einem für seine Verhältnisse liebenswürdigen Tonfal »Dein Geist ist klein, du primitiver Wurm, aber verschlagen. Das kann jemandem mit meinen überragenden geistigen Fähigkeiten, dem seine offene und aufrichtige Natur Schwierigkeiten bereitet, zum Vorteil gereichen. Was für eine Hilfe benötigst du?«

Als ich ihm von Artaxerxes' und Philomels Misere erzählte, dachte er einen Augenblick nach und sagte dann: »Ich könnte ihm stärkere Muskeln schenken.«

Ich schüttelte den Kopf. »Muskeln allein sind nicht genug. Geschicklichkeit und Mut ist, was er am dringendsten braucht.«

Azazel erwiderte entrüstet: »Soll ich mir etwa meinen Schwanz dafür ausreißen, um seine geistigen Fähigkeiten zu vergrößern?«

»Hättest du etwas besseres vorzuschlagen?«

»Natürlich. Schließlich bin ich dir nicht umsonst unendlich überlegen. Wenn dein schwächlicher Freund seinen Feind nicht direkt angreifen kann, wie wäre es dann mit wirkungsvollen Ausweichmanövern?«

»Du meinst, indem er sehr schnell davonläuft?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß das besonders eindrucksvoll wäre.«

»Ich habe nicht gesagt, daß er flüchten soll; ich meinte Ausweichmanöver. Ich müßte lediglich seine Reaktionszeit stark verkürzen, was bei meinen Fertigkeiten ein Leichtes ist. Damit er seine Kraft nicht sinnlos verschwendet, könnte ich es so einrichten, daß diese kürzere Reaktionszeit von einem Adrenalinschub ausgelöst wird. Mit anderen Worten, er wird nur über diese Fähigkeit verfügen, wenn er sich in einem Zustand der Furcht, der Wut oder anderer starker Gefühle befindet. Du mußt lediglich ein kurzes Treffen mit ihm arrangieren, und ich werde mich um alles kümmern.«

»Abgemacht«, sagte ich.

Innerhalb der nächsten Viertelstunde besuchte ich Artaxerxes in seinem Zimmer im Studentenwohnheim und gab Azazel Gelegenheit, von der Brusttasche meines Hemdes aus einen Blick auf ihn zu werfen. Azazel war somit in der Lage, das autonome Nervensystem des jungen Mannes aus nächster Nähe zu beeinflussen und dann zu seiner Ashtaroth zurückzukehren und das fortzusetzen, wobei ich ihn gestört hatte.

Als nächstes verfaßte ich einen Brief, imitierte dabei geschickt die Schreibweise eines Collegestudenten - mit Wachsstift geschriebene Druckbuchstaben - und schob ihn unter Bullwhips Tür hindurch. Ich mußte nicht lange warten. Bullwhip hing eine Nachricht ans schwarze Brett, in der er Artaxerxes aufforderte, ihn in der Wirtsstube des Leckenden Feinschmeckers zu treffen, und Artaxerxes hütete sich davor, abzulehnen.

Philomel und ich kamen ebenfalls dorthin und standen am Rande einer Menge fröhlicher Collegestudenten, welche die Vorstellung kaum erwarten konnten. Artaxerxes, dem die Zähne klapperten, hielt einen schweren Wälzer mit dem Titel Handbook of Chemistry and Physics in Händen. Selbst in dieser extremen Situation konnte er von seiner Sucht nicht ablassen.

Bullwhip stand breitbeinig da, und seine Muskeln zeichneten sich auf furchterregende Weise unter dem mit Bedacht zerrissenen T-Shirt ab. Er sagte: »Schnell, mir ist zu Ohren gekommen, daß du über mich Lügen verbreitet hast. Da ich ein echter Kerl bin, gebe ich dir die Chance, alles abzustreiten, bevor ich dich in Stücke reiße. Hast du jemandem erzählt, du hättest mich ein Buch lesen sehen?«

Artaxerxes sagte: »Ich habe dich einmal in einem Comic blättern sehen, aber du hast das Heft falsch herum gehalten. Deshalb war ich nicht der Meinung, du würdest darin lesen und habe das auch niemandem erzählt.«

»Hast du jemandem gesagt, ich hätte Angst vor Mädchen und würde den Mund groß aufreißen, ohne daß etwas dahinter wäre?«

Artaxerxes sagte: »Ich habe einmal gehört, wie ein paar Mädchen das gesagt haben, Bullwhip, aber ich habe es nicht wiederholt.«

Bullwhip hielt einen Augenblick inne. Das Schlimmste kam noch. »Okay, Schnell, hast du jemals zu jemandem gesagt, ich sei eine heimliche Schwuchtel?«

Artaxerxes sagte: »Nein, Sir. Ich habe gesagt, daß du vollkommen debil bist.«

»Dann streitest du also alles ab?«

»Ganz entschieden.«

»Und gibst zu, das nichts davon der Wahrheit entspricht?«

»Unbedingt.«

»Und daß du ein dreckiger Lügner bist, der sich in die Hosen pißt?«

»Absolut.«

»Dann«, sagte Bullwhip mit zusammengebissenen Zähnen, »werde ich dich nicht umbringen. Ich werde dir nur den einen oder anderen Knochen brechen.«

»Frühlingsgefühle«, riefen die Collegestudenten und lachten, während sie um die beiden Streithähne einen Kreis bildeten.

»Ich will einen fairen Kampf«, verkündete Bullwhip, der zwar ein grausamer Tyrann war, sich aber dennoch an den Ehrencodex der Studenten hielt. »Niemand hilft mir und niemand hilft ihm. Hier geht es nur Mann gegen Mann.«

»Was könnte fairer sein?« riefen die erwartungsvollen Zuschauer im Chor.

Bullwhip sagte: »Nimm deine Brille ab, Schnell.«

»Nein«, erwiderte Artaxerxes mutig - worauf ihm einer der Umstehenden die Brille abnahm.

»Hee«, sagte Artaxerxes, »du hilfst Bullwhip.«

»Nein, ich helfe dir«, sagte der Student, der die Brille in der Hand hielt.

»Aber so kann ich Bullwhip nicht mehr deutlich sehen«, sagte Artaxerxes.

»Keine Sorge«, erwiderte Bullwhip. »Du wirst mich ganz deutlich spüren.« Mit ausladender Geste nahm seine voluminöse Faust Kurs auf Artaxerxes' Kinn.

Sie pfiff durch die Luft, und Bullwhip drehte sich halb um die eigene Achse, denn Artaxerxes war dem Schlag ausgewichen und dieser hatte ihn um den Bruchteil eines Zentimeters verfehlt.

Bullwhip war sichtlich verwundert. Artaxerxes war verblüfft.

»Das war's«, sagte Bullwhip. »Jetzt kannst du was erleben.« Er bewegte sich auf Artaxerxes zu, und seine Arme schossen abwechselnd nach vorn.

Artaxerxes tänzelte mit angstverzerrtem Gesicht nach links und rechts. Ich befürchtete wirklich, er könnte sich von dem Windzug, den Bullwhips wild schlagende Arme erzeugten, eine Erkältung holen.

Bullwhip wurde schnell müde. Seine breite Brust hob und senkte sich. »Was hast du vor?« fragte er mißmutig.

Artaxerxes hatte jedoch inzwischen bemerkt, daß er aus irgendeinem Grund unverwundbar war. Also ging er auf Bullwhip zu, hob die Hand, die nicht das Buch hielt, versetzte ihm eine kräftige Backpfeife und sagte: »Nimm das, du Schwuchtel.«

Die Zuschauer schnappten nach Luft, und Bullwhip verfiel in Raserei. Er verwandelte sich in eine mächtige Maschine, die ausholte, zuschlug und herumwirbelte, während sein Ziel vor ihm hin und her tänzelte.

Nach endlosen Minuten war Bullwhip außer Atem und vollkommen hilflos vor Erschöpfung, sein Gesicht schweißüberströmt. Artaxerxes stand immer noch gelassen und ohne einen Kratzer vor ihm. Er hatte noch nicht einmal sein Buch aus der Hand gelegt.

Dieses Buch stieß er jetzt kraftvoll in Bullwhips Magengrube, und als dieser sich vornüberkrümmte, ließ er es noch härter auf seinen Schädel niedersausen. Das Buch trug einigen Schaden davon, aber Bullwhip brach in seliger Bewußtlosigkeit zusammen.

Artaxerxes blickte sich blinzelnd um. Er sagte: »Der Schurke, der meine Brille gestohlen hat, gibt sie mir jetzt auf der Stelle zurück.«

»Ja, Sir, Mr. Schnell«, erwiderte der Student, der sie ihm abgenommen hatte. Er lächelte verkrampft, um ihn zu besänftigen. »Hier ist sie, Sir. Ich habe sie geputzt, Sir.«

»Gut. Und jetzt verschwindet! Das gilt für euch alle, ihr Schwachköpfe. Verschwindet!«

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, sondern stürzten durcheinander, in dem Bestreben, so schnell wie möglich von diesem Ort zu verschwinden. Nur Philomel und ich blieben zurück.

Artaxerxes' Blick fiel auf das atemlose junge Mädchen. Er zog abschätzig eine Augenbraue hoch und krümmte dann den kleinen Finger. Demütig eilte sie zu ihm hinüber, und als er sich auf dem Hacken umdrehte und hinausging, folgte sie ihm ebenso demütig.

Es war ein rundum glückliches Ende. Mit neu erwachtem Selbstvertrauen stellte Artaxerxes fest, daß er keine Bücher mehr benötigte, um sich ein fadenscheiniges Gefühl von Selbstwert zu verschaffen. Er verbrachte seine gesamte Zeit im Boxring und wurde Collegemeister. Alle junge Studentinnen himmelten ihn an, aber er heiratete schließlich Philomel.

Seine Fähigkeiten als Boxer handelten ihm am College einen so guten Ruf ein, daß er sich später eine Stelle als junger Angestellter aussuchen konnte. Mit seinem scharfen Verstand erkannte er sofort, womit man Geld machen konnte, und es gelang ihm, einen Vertrag mit der Regierung auszuhandeln und das gesamte Pentagon mit Toilettensitzen auszustatten. Darüber hinaus erstand er in einem Baumarkt billige Dichtungsringe und verkaufte sie an die Versorgungseinrichtungen der Regierung weiter.

Wie sich herausstellte, sollten die Studien seiner irregeleiteten Jugend doch nicht ganz umsonst gewesen sein. Er behauptete, daß er die Differenzialrechnung benötigte, um seine Gewinne zu ermitteln, die Volkswirtschaft, um seine Abzüge am Finanzamt vorbeizuschmuggeln, und Anthropologie, um sich die Exekutive vom Leib zu halten.

Ich starrte George ungläubig an. »Willst du damit sagen, daß Azazels und deine Einflußnahme auf das Leben eines armen Unschuldigen einmal ein glückliches Ende gefunden hat?«

»Sicher«, erwiderte George.

»Aber das bedeutet ja, daß du jetzt einen ausgesprochen reichen Bekannten hast, der alles, was er besitzt, dir verdankt.«

»Du hast es vollkommen erfaßt, alter Freund.«

»Aber dann kannst du doch bestimmt einmal ihm ein wenig auf der Tasche liegen.«

Georges Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. »Das sollte man meinen, nicht wahr? Schließlich sollte es so etwas wie Dankbarkeit auf dieser Welt geben. Man könnte denken, daß jemand, dem man erklärt, daß er seine übermenschliche Fähigkeit, Schlägen auszuweichen, den Mühen eines Freundes verdankt, diesen mit Belohnungen überschütten müßte.«

»Du meinst, Artaxerxes hat das nicht getan?«

»Richtig. Als ich einmal mit der Bitte an ihn herangetreten bin, zehntausend Dollar in eines meiner Projekte zu investieren, das mit Sicherheit hundertfachen Gewinn abgeworfen hätte - armselige zehntausend Dollar, die er problemlos verdient, wenn er der Armee ein paar Dutzend billige Schrauben und Bolzen verkauft -, hat er mich von einem Diener vor die Tür setzen lassen.«

»Aber warum, George? Hast du das jemals herausgefunden?«

»Ja, irgendwann schon. Siehst du, mein alter Freund, wann immer er einen Adrenalinschub hat, der von einem starken Gefühl wie Furcht oder Zorn ausgelöst wurde, macht er Ausweichmanöver. So hat es mir Azazel erklärt.«

»Ja. Und?«

»Wann immer Philomel an die Finanzen der Familie denkt, wird sie von einem gewissen libidinösen Überschwang erfaßt und nähert sich Artaxerxes. Dieser erkennt ihre Absichten und spürt, wie seine eigene Leidenschaft seinen Adrenalinspiegel ansteigen läßt. Und wenn sie sich dann mit mädchenhaftem Enthusiasmus und fröhlicher Hemmungslosigkeit auf ihn stürzt ...«

»Was dann?«

»Dann weicht er ihr aus.«

»Ach!«

»Tatsächlich kann sie ihn ebensowenig berühren wie Bullwhip. Je öfter sie das versucht, desto frustrierter wird er, sein Adrenalinspiegel steigt allein bei ihrem Anblick weiter an - und umso effektiver und automatischer weicht er ihr aus. In trauriger Verzweiflung ist sie gezwungen, sich anderswo Trost zu suchen, doch ihm sind gelegentliche Abenteuer außerhalb der festen Bande der Ehe verwehrt. Er weicht jeder jungen Frau aus, der er begegnet, selbst wenn sie ihm nur geschäftliches Interesse entgegenbringt. Artaxerxes gleicht dem Tantalus - er ist zahllosen Verlockungen ausgesetzt, kann sich ihnen jedoch nie hingeben.« George fuhr entrüstet fort: »Und wegen dieser lächerlichen Unannehmlichkeiten hat er mich aus dem Haus werfen lassen.«

Ich sagte: »Du könntest Azazel bitten, den Fluch ... ich meine die Gabe, die du ihm vermacht hast, wieder aufzuheben.«

»Azazel hegt eine gewisse Abneigung dagegen, sich zweimal mit dem gleichen Individuum zu befassen - ich weiß auch nicht, warum. Außerdem, weshalb sollte ich jemandem einen Gefallen tun, der sich für meine Bemühungen bisher so undankbar gezeigt hat? Vergleiche das nur einmal mit dir! Obwohl du ein berüchtigter Geizhals bist, leihst du mir hin und wieder einen Fünfer -ich kann dir versichern, daß ich darüber ganz genau Buch führe, auf kleinen Zettelchen, die überall in meiner Wohnung verstreut sind. Dabei habe ich dir nie einen Gefallen getan, oder? Wenn du mir sogar hilfst, obwohl ich nie etwas für dich getan habe, sollte er erst recht allen Grund dazu haben.«

Ich dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Weißt du, George. Du brauchst mir keinen Gefallen tun. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Dabei fällt mir ein -nur um dir zu zeigen, daß du nichts für mich tun mußt -, wie wäre es mit einem Zehner?«

»Na gut«, sagte George, »wenn du darauf bestehst.«


Galatea

<p><strong>Galatea</strong></p>

Aus einem mir selbst nicht näher bekannten Grund vertraue ich George hin und wieder meine innersten Gefühle an. Da er zwar zu großem Mitgefühl fähig ist, dieses jedoch ausschließlich ihm selbst vorbehalten bleibt, ist das ein sinnloses Unterfangen, aber ab und an lasse ich mich dennoch dazu hinreißen.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich allerdings so sehr von Selbstmitleid erfüllt, daß ich wohl gar nicht anders gekonnt hätte.

Nach einem reichhaltigen Abendessen in der Peacock Alley warteten wir gerade auf unsere Erdbeertorteletts, als ich sagte: »George, ich habe es satt, daß sich die Kritiker niemals die Mühe machen, meinem Werk tatsächlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es interessiert mich nicht, was sie tun würden, wenn sie an meiner Stelle wären. Schließlich können sie nicht schreiben, sonst würden sie ihre Zeit nicht damit verschwenden, Rezensionen zu verfassen. Und jene, die zumindest ein wenig schreiben können, benutzen ihre Kritiken ja doch nur dazu, um andere schlecht zu machen, die ihnen überlegen sind. Und außerdem ... «

Aber in diesem Augenblick wurden die Erdbeertorteletts gebracht, und George ergriff die Gelegenheit, das Gespräch an sich zu reißen. Allerdings hätte er das auch getan, wenn das Dessert nicht in diesem Moment eingetroffen wäre.

»Alter Junge«, sagte er, »du mußt noch lernen, den Launen des Schicksals mit Gelassenheit zu begegnen. Stell dir einfach vor - denn es ist die Wahrheit -, daß deine armseligen Kritzeleien so wenig Einfluß auf die Welt haben, daß es vollkommen gleichgültig ist, was die Kritiker darüber sagen, wenn sie sich denn überhaupt die Mühe machen, sich zu äußern. Derartige Gedanken werden dich zutiefst erleichtern und verhindern, daß du ein Magengeschwür bekommst. Besonders in meiner Anwesenheit solltest du solche rührseligen Reden vermeiden - worauf du von selbst kommen würdest, wenn du sensibel genug wärest, um zu erkennen, daß mein Werk sehr viel bedeutender ist als deines und die Kritiken, die ich erhalte, mitunter viel niederschmetternder sind.«

»Willst du etwa behaupten, daß du auch schreibst?« fragte ich spöttisch und grub meinen Löffel in das Tortelett.

»Nein«, erwiderte George und machte sich ebenfalls über sein Tortelett her. »Aber ich bin eine weitaus bedeutendere Persönlichkeit, ein Wohltäter der Menschheit - ein unterschätzter, verkannter Wohltäter der Menschheit.«

Ich hätte schwören können, daß eine winzige Träne sein linkes Auge benetzte. »Ich kann mir nicht vorstellen«, sagte ich freundlich, »daß jemand eine so schlechte Meinung von dir haben könnte, um dich in irgendeiner Weise zu unterschätzen.«

»Ich will über deinen Spott hinwegsehen«, sagte George, »da er dir nun einmal im Blut liegt, und werde dir erzählen, daß ich gerade an eine schöne Frau namens Holunderbeere Muggs denken mußte.«

»Holunderbeere?« fragte ich ein wenig ungläubig.

Sie hieß tatsächlich Holunderbeere [sagte George]. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern ihr diesen Namen gegeben haben. Vielleicht haben sie sich an einen zärtlichen Augenblick vor ihrer Hochzeit erinnert. Holunderbeere war der Meinung, daß ihre Eltern ein wenig mit Holunderwein beschwipst gewesen waren, während jener Begebenheit, der sie ihr Leben verdankte. Sie hätte es sonst im Leben womöglich gar nicht erst so weit gebracht.

Jedenfalls bat mich ihr Vater, ein alter Freund, bei ihrer Taufe den Paten zu geben, und ich konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen. Viele meiner Freunde sind von meiner vornehmen Erscheinung und meinem offenen und tugendhaften Antlitz so beeindruckt, daß sie sich in einer Kirche nur wohl fühlen, wenn ich an ihrer Seite sitze. Deshalb bin ich schon des öfteren Taufpate gewesen. Natürlich nehme ich diese Angelegenheit sehr ernst und bin mir der Verantwortung, die mit diesem Amt verbunden ist, durchaus bewußt. Deshalb bemühe ich mich in späteren Jahren auch um eine gute Beziehung zu meinen Patenkindern, besonders wenn sie von so überirdischer Schönheit sind wie Holunderbeere.

Ihr Vater starb, als sie gerade zwanzig geworden war, und wie das Schicksal es wollte, erbte sie ein beachtliches Sümmchen Geld, was ihrer Schönheit in den Augen der Welt selbstverständlich nicht abträglich war. Ich selbst bin natürlich darüber erhaben, viel Aufhebens um etwas so Nebensächliches wie Geld zu machen, aber ich hielt es für meine Pflicht, sie vor Mitgiftjägern zu schützen. Ich bemühte mich also noch stärker darum, unsere Beziehung zu pflegen und besuchte sie häufig zum Essen. Schließlich mochte sie ihren Onkel George über alles - wie du dir sicher vorstellen kannst -, und das kann ich ihr auch nicht verdenken.

Außerdem hatte Holunderbeere den Notgroschen, den ihr Vater ihr hinterlassen hatte, gar nicht wirklich nötig. Sie war eine recht bekannte Bildhauerin geworden, und der künstlerische Wert ihrer Werke wurde durch den hohen Preis bestätigt, den sie bei ihrem Verkaut regelmäßig erzielte.

Ich persönlich konnte mit ihren Arbeiten wenig anfangen. Mein Kunstgeschmack ist eher ätherisch, und ich kann deshalb an Werken nichts finden, die sie zum Vergnügen jener Vertreter der ungebildeten Masse geschaffen hat, die sich ihre Preise leisten konnten.

Ich erinnere mich, daß ich sie einmal gefragt habe, was eine bestimmte Skulptur darstelle.

»Wie du siehst«, sagte sie, »trägt das Werk den Titel >Storch im Fluge<.«

Ich betrachtete das Objekt, das aus feinster Bronze gegossen war, etwas genauer und sagte: »Ja, ich habe das Schild gelesen. Aber wo ist der Storch?«

»Hier«, sagte sie und wies auf einen kleinen Metallkegel, der aus einem eher formlosen Bronzesockel herausragte und am oberen Ende spitz zulief.

Ich betrachtete ihn nachdenklich und sagte dann: »Ist das ein Storch?«

»Natürlich, mein alter Schnurzelbutz«, sagte sie (sie sprach mich immer mit solchen Kosenamen an). »Das ist die Spitze des langen Storchenschnabels.«

»Reicht das denn aus, Holunderbeere?«

»Vollkommen«, erwiderte Holunderbeere. »Nicht den Storch selbst will ich darstellen, sondern die abstrakte Vorstellung vom Storch an sich, und das ist genau das, was einem diese Skulptur vor Augen führt.«

»Tatsächlich«, sagte ich ein wenig ratlos, »jetzt, wo du's sagst. Aber auf dem Schild steht, daß sich der Storch im Fluge befindet. Wie soll das zu verstehen sein?«

»Aber Mausebärchen«, rief sie, »siehst du denn nicht diesen etwas formlosen Bronzesockel?«

»Ja«, sagte ich. »Er ist ja kaum zu übersehen.«

»Und du wirst mir sicher zustimmen, daß Luft - so wie überhaupt jedes Gas - eine formlose Masse ist. Nun, und dieser etwas formlose Bronzesockel ist eindeutig eine abstrakte Darstellung der Atmosphäre. Wie du siehst, befindet sich auf der Oberfläche des Sockels eine waagerechte schmale Linie.«

»fa. Jetzt wird mir alles klar.«

»Das ist die abstrakte Darstellung eines Fluges durch die Atmosphäre.«

»Bemerkenswert«, sagte ich. »Wie mir das alles deutlich wird, wenn du es erklärst. Wieviel wirst du denn für die Skulptur bekommen?«

»Ach«, sagte sie und winkte nachlässig ab, »zehntausend Dollar vielleicht. Es ist ein so einfaches und offensichtliches Werk, daß ich nicht wagen würde, mehr dafür zu verlangen. Es ist eher zufällig entstanden. Nicht wie jenes dort.« Sie wies auf ein Wandgemälde aus Jutesäcken und Kartonstückchen, in dessen Mitte sich ein zerbrochener Schneebesen befand, der mit etwas bekleckert war, das aussah wie getrocknetes Ei.

Ich betrachtete das Gemälde respektvoll. »Sicher unbezahlbar!« sagte ich.

»Das denke ich auch«, sagte sie. »Schließlich ist es kein neuer Schneebesen, weißt du. Er besitzt die Patina des Alters. Ich habe ihn aus irgendeinem Müllbeutel geholt.«

Und dann, ich kann mir nicht erklären warum, begann ihre Unterlippe zu zittern und sie sagte mit bebender Stimme: »Ach, Onkel George.«

Sofort war ich von Unruhe und Sorge erfüllt. Ich griff nach ihrer schöpferischen linken Hand mit den starken Fingern einer Bildhauerin und drückte sie. »Was hast du denn, mein Kind?«

»Ach, George«, sagte sie. »Ich habe es so satt, mir diese einfachen Abstraktionen auszudenken, nur weil sie dem Geschmack der Menge entsprechen.« Sie legte die Knöchel ihrer rechten Hand an die Stirn und sagte dramatisch: »Ich wünschte so sehr, ich könnte das machen, was ich gern möchte, was mir mein Künstlerherz eingibt.«

»Und was wäre das, Holunderbeere?«

»Ich möchte experimentieren. Ich möchte neue Wege beschreiten.

Ich möchte das versuchen, was noch nie versucht wurde, das wagen, was nie gewagt wurde und das herstellen, was eigentlich nicht herstellbar ist.«

»Warum tust du es dann nicht, mein Kind? Du bist doch sicher reich genug, um tun und lassen zu können, was du willst?«

Plötzlich lächelte sie, und ihr ganzes Gesicht leuchtete vor Schönheit. »Danke, Onkel George«, sagte sie. »Danke, daß du das gesagt hast. Ich gönne mir das auch - hin und wieder. Ich habe ein geheimes Zimmer, in dem ich meine kleinen Experimente aufbewahre. Werke, die nur das gebildete Auge des Künstlers zu würdigen weiß. Kaviar für die Massen«, fügte sie hinzu.

»Darf ich sie mir ansehen?«

»Natürlich, mein lieber Onkel. Schließlich hast du mich in meinen Hoffnungen bestärkt - wie könnte ich es dir da abschlagen?«

Sie hob einen schweren Vorhang an, hinter dem sich eine geheime Tür befand - kaum sichtbar, so genau war sie in die Wand eingepaßt. Sie drückte einen Knopf, und die Tür öffnete sich. Wir gingen hindurch, und als sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, ließen grelle Neonröhren den fensterlosen Raum, in den wir getreten waren, in taghellem Licht erstrahlen.

Mein Blick fiel sofort auf die Skulptur eines Storches, die aus einem schweren, harten Material angefertigt war. Jede Feder saß an der richtigen Stelle, die Augen leuchteten, der Schnabel war leicht geöffnet und die Flügel waren halb ausgebreitet. Das Tier sah aus, als wolle es sich jeden Augenblick in die Lüfte erheben.

»Gütiger Himmel, Holunderbeere«, sagte ich. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Gefallt es dir? Ich nenne es >photografische Kunst< und ich glaube, es besitzt eine ganz eigene Schönheit. Natürlich äußerst experimentell. Kritiker und Öffentlichkeit würden mich auslachen und verspotten, weil sie nichts damit anzufangen wüßten. Sie wissen nur einfache Abstraktionen zu schätzen, die vollkommen oberflächlich sind und die jeder verstehen kann. Kunst wie diese hier erschließt sich nur dem Scharfsinnigen und dem, der bereit ist, sich auf den langsamen Verständnisprozeß einzulassen.«

Danach genoß ich hin und wieder das Privileg, ihr geheimes Zimmer besuchen zu dürfen und die seltenen Stücke zu betrachten, die unter ihren starken Fingern und ihrem geübtem Meißel entstanden. Ich war voller Bewunderung für den Kopf einer Frau, der Holunderbeere wie aus dem Gesicht geschnitten war.

»Ich nenne es >Der Spiegel««, sagte sie und lächelte scheu. »Es ist ein Abbild meiner Seele, findest du nicht auch?«

Ich stimmte ihr begeistert zu.

Ich denke, das hat sie schließlich dazu gebracht, mir das größte ihrer Geheimnisse zu zeigen.

Ich sagte zu ihr: »Holunderbeere, wie kommt es, daß du gar keine ...« Ich hielt inne, doch ich wollte nicht um den heißen Brei herumreden und fuhr deshalb fort: »... Verehrer hast?«

»Verehrer«, sagte sie mit einem verächtlichen Blick. »Pah! Sie scharen sich geradezu um mich, diese Möchtegern-Verehrer, von denen du sprichst. Aber wie kann ich sie zur Kenntnis nehmen? Ich bin Künstlerin. In Herz, Geist und Seele trage ich ein Bild von wahrer männlicher Schönheit, dem kein Mann aus Fleisch und Blut nahekommen kann. Das und nur das kann mein Herz gewinnen. Das und nur das hat mein Herz gewonnen.«

»Es hat dein Herz gewonnen, mein Kind?« sagte ich sanft. »Du bist ihm also schon begegnet?«

»In der Tat ... Aber komm, Onkel George, du sollst ihn sehen. Du sollst mein großes Geheimnis mit mir teilen.«

Wir kehrten in das Zimmer mit der photographischen Kunst zurück, und dort wurde noch ein dicker Vorhang zur Seite gezogen und gab den Blick auf eine Wandnische frei, die ich zuvor noch nicht gesehen hatte. In dieser Wandnische befand sich die Statue eines Mannes, etwa eins achtzig groß, nackt und - so weit ich das beurteilen kann -, bis auf den letzten Millimeter anatomisch korrekt.

Holunderbeere drückte einen Knopf, und die Statue begann sich auf ihrem Sockel langsam zu drehen, so daß ihre glatte Symmetrie und ihre vollkommenen Proportionen aus jedem Blickwinkel zu erkennen waren.

»Mein Meisterwerk«, hauchte Holunderbeere.

Ich bin kein besonderer Bewunderer männlicher Schönheit, aber in Holunderbeer es hübschem Gesicht sah ich eine atemlose Begeisterung, die deutlich machte, daß sie vollkommen von Liebe und Anbetung erfüllt war.

»Du bist in diese Statue verliebt«, sagte ich und vermied mit Bedacht das unpersönliche Pronomen >es<.

»Oh ja«, sagte sie. »Ich würde mein Leben für ihn geben. Solange es ihn gibt, erscheinen mir alle anderen Männer mißgestaltet und häßlich. Jede Berührung eines anderen Mannes würde in mir ein Gefühl des Abscheus hervorrufen. Ich will nur ihn. Nur ihn.«

»Mein armes Kind«, sagte ich. »Die Statue ist nicht lebendig.«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte sie niedergeschlagen. »Es zerreißt mir das Herz. Was soll ich nur tun?«

Ich murmelte: »Wie traurig! Das erinnert mich an die Geschichte des Pygmalion.«

»Wessen Geschichte?« fragte Holunderbeere, die wie alle Künstler recht einfach gestrickt war und von der großen weiten Welt keinen blassen Schimmer hatte.

»Pygmalion. Das ist eine Geschichte aus dem Altertum. Pygmalion war ein Bildhauer so wie du, außer natürlich, daß er ein Mann war. Wie du hat er eine wunderschöne Statue geschaffen, nur hat er aufgrund besonderer männlicher Vorurteile eine Frau gestaltet, die er Galatea nannte. Die Statue war so schön, daß Pygmalion sich in sie verliebte. Du siehst, genau wie in deinem Fall, nur daß du eine lebende Galatea bist und die Statue ein aus Marmor gehauener ... «

»Nein«, sagte Holunderbeere energisch, »erwarte nicht, daß ich ihn Pygmalion nenne. Das ist ein rauher, derber Name, und ich will etwas Poetisches. Ich nenne ihn«, und ihr Gesicht leuchtete erneut voller Liebe auf, »Dirk. Dieser Name, Dirk, hat so etwas Weiches, Musikalisches, das meine Seele berührt. Aber was ist mit Pygmalion und Galatea geschehen?«

Ich sagte: »Von Liebe überwältigt, betete Pygmalion zu Aphrodite ... «

»Wen?«

»Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe. Er betete zu ihr und aus Mitleid hat sie die Statue zum Leben erweckt. Galatea wurde eine lebendige Frau, heiratete Pygmalion und beide lebten glücklich bis an ihr Lebensende.«

»Hmm«, grübelte Holunderbeere, »ich nehme an, Aphrodite existiert eigentlich gar nicht, oder?«

»Nein, eigentlich nicht. Allerdings ...« Ich hielt inne. Ich glaube nicht, daß Holunderbeere mich verstanden hätte, wenn ich ihr von einem zwei Zentimeter großen Dämon namens Azazel erzählt hätte.

»Zu schade«, sagte sie. »Wenn irgend jemand Dirk für mich zum Leben erwecken könnte, wenn jemand diesen harten, kalten Marmor in warmes, weiches Fleisch verwandeln könnte, würde ich ihn überschütten mit ... Oh, Onkel George, kannst du dir vorstellen, wie es wäre, Dirk zu umarmen und sein warmes, weiches Fleisch unter deinen Händen zu spüren - so weich ... so weich ...« Sie murmelte diese Worte in inniger Verzückung.

Ich sagte: »Nun, meine liebe Holunderbeere, eigentlich möchte ich mir das ungern vorstellen. Aber ich kann verstehen, daß du den Gedanken reizvoll findest. Du sagtest gerade, wenn jemand diesen harten, kalten Marmor in weiches, warmes Fleisch verwandeln könnte, würdest du ihm etwas geben. Hattest du da tatsächlich an etwas Bestimmtes gedacht, Liebes?«

»Aber natürlich! Ich würde ihm eine Million Dollar geben.«

Ich hielt inne, wie jeder das aus Respekt vor einer solchen Summe getan hätte. Dann sagte ich: »Besitzt du tatsächlich eine Million Dollar, Holunderbeere?«

»Ich habe sogar zwei Millionen von diesen hübschen Scheinchen, Onkel George«, sagte sie auf ihre einfache und unverdorbene Art. »Die Hälfte davon wegzugeben, würde mir nichts ausmachen. Dirk wäre es wert. Außerdem könnte ich sie jederzeit wieder verdienen, indem ich ein paar Abstraktionen für die Masse zusammenklopfe.«

»So ist das also«, sagte ich. »Nun, dann Kopf hoch, Holunderbeere. Wir wollen doch mal sehen, was dein Onkel George für dich tun kann.«

Das war eindeutig ein Fall für Azazel. Ich rief also meinen kleinen Freund herbei, der zufälligerweise aussieht wie ein zwei Zentimeter kleiner Teufel mit zwei winzigen Hörnchen und einem spitz zulaufenden, zuckenden Schwanz.

Wie üblich hatte er schlechte Laune, und er bestand darauf, meine Zeit damit zu verschwenden, mir in ziemlich langweiligen Einzelheiten zu erzählen, warum er gerade so schlechte Laune hatte. Offenbar hatte er sich an einem Kunstwerk versucht - zumindest nach den Maßstäben seiner lächerlichen Welt, denn obwohl er es bis ins kleinste Detail beschrieb, konnte ich nicht verstehen, worum es sich dabei handelte - und es war von den Kritikern verrissen worden. Ich nehme an, Kritiker sind überall im Universum gleich - bösartig und nichtsnutzig, allesamt.

Allerdings solltest du dich wohl glücklich schätzen, daß die Kritiker auf der Erde zumindest noch über ein Quentchen Anstand verfügen. Wenn man Azazel Glauben schenken darf, ist das, was die Kritiker über ihn gesagt haben, weitaus schlimmer als alles, was jemals über dich geäußert wurde. Noch das harmloseste der Adjektive würde bei uns jeden anständigen Künstler zwingen, seinen Kritiker zum Duell herauszufordern. Die Ähnlichkeit eurer Beschwerden war es, die mich an diese Begebenheit erinnert hat.

Nur mit Mühe konnte ich seine Tirade lange genug unterbrechen, um meine Bitte vorzutragen, er möge doch diese Statue zum Leben erwecken. Er stieß einen spitzen Schrei aus, der mir in den Ohren weh tat. »Ich soll ein auf Silikat basierendes Material in eine Lebensform aus Kohlenstoff und Wasser verwandeln? Warum bittest du mich nicht gleich darum, dir aus Exkrementen einen Planeten zu erschaffen? Wie soll ich Stein in lebendiges Fleisch verwandeln?«

»Dir fällt sicher etwas ein, o Mächtiger«, sagte ich. »Denk doch nur, wenn du diese enorme Aufgabe vollbringst, kannst du das auf deiner Welt erzählen, und deine Kritiker würden sich wie ein Haufen dummer Esel vorkommen.«

»Sie sind weit schlimmer als ein Haufen dummer Esel«, sagte Azazel. »Wenn sie sich wie dumme Esel vorkommen würden, würde das ihren Wert um einiges übersteigen. Ein solches Gefühl wäre für sie ein Belohnung. Ich möchte, daß sie sich wie eine Horde Farfelanimaren fühlen.«

»Genau so würden sie sich fühlen. Alles, was du tun mußt, ist kalt in warm zu verwandeln, Stein in Fleisch und hart in weich. Besonders weich. Eine junge Frau, die ich sehr schätze, möchte die Statue umarmen und unter ihren Fingerspitzen weiches, elastisches Fleisch spüren. Das sollte nicht allzu schwierig sein. Die Statue ist das perfekte Abbild eines menschlichen Wesens. Du mußt sie nur mit Muskeln, Blutgefäßen, Organen und Nerven füllen, sie mit Haut überziehen - und fertig!«

»Einfach nur damit füllen, was? Nicht mehr, ja?«

»Denk doch nur, deine Kritiker werden sich wie Farfelanimaren fühlen.«

»Hmm. Das ist aber noch nicht alles. Weißt du, wie ein Farfelanimar riecht?«

»Nein, aber sag es mir nicht. Du kannst mich als Modell benutzen.«

»Modell - Schmodell«, sagte er mürrisch (woher er diese Ausdrücke hat, weiß ich auch nicht). »Hast du eine Ahnung, wie kompliziert selbst das primitivste menschliche Gehirn ist?«

»Nun«, sagte ich, »mit dem Gehirn mußt du dir nicht so viel Mühe geben. Holunderbeere ist ein einfaches Mädchen, und was sie von der Statue will, dafür braucht man nicht viel Hirn, glaube ich.«

»Du mußt mir die Statue zeigen, damit ich mir ein Bild von ihr machen kann«, sagte er.

»Abgemacht. Aber denk daran: Erwecke die Statue zum Leben, während wir sie betrachten, und sorge dafür, daß sie unsterblich in Holunderbeere verliebt ist.«

»Liebe ist einfach. Das ist nur eine Frage der richtigen Hormone.«

Am nächsten Tag brachte ich Holunderbeere dazu, mir noch einmal die Statue zu zeigen. Azazel lugte aus der Brusttasche meines Hemdes heraus und gab hin und wieder ein leises helles Schnauben von sich. Zum Glück hatte Holunderbeere nur Augen für ihre Statue und hätte nicht einmal bemerkt, wenn zwanzig lebensgroße Dämonen neben ihr erschienen wären.

»Nun?« sagte ich später zu Azazel.

»Ich werde es versuchen«, sagte er. »Ich werden ihn nach deinem Vorbild mit Organen füllen. Ich nehme an, daß du ein durchschnittlicher Vertreter deiner widerlichen, minderwertigen Spezies bist.«

»Mehr als durchschnittlich«, sagte ich herablassend. »Ich bin ein hervorragendes Exemplar.«

»Nun gut. Ihre Statue soll vollkommen aus weichem, warmen, vibrierendem Fleisch bestehen. Allerdings wird sie nach eurer Zeitrechnung noch bis morgen mittag warten müssen. Ich möchte nichts überstürzen.«

»Ich verstehe. Sie und ich werden bereit sein.«

Am nächsten Morgen rief ich Holunderbeere an. »Holunderbeere, mein Kind, ich habe mit Aphrodite gesprochen.«

Holunderbeere flüsterte aufgeregt: »Meinst du damit, es gibt sie wirklich, Onkel George?«

»In gewissem Sinne schon, mein liebes Kind. Dein idealer Mann wird heute mittag vor unseren Augen zum Leben erwachen.«

»Du meine Güte«, sagte sie leise. »Beschwindelst du mich auch nicht, Onkel George?«

»Ich schwindele nie«, sagte ich wahrheitsgemäß. Aber ich muß zugeben, daß ich ein wenig nervös war, denn ich verließ mich in dieser Angelegenheit vollkommen auf Azazel. Allerdings hat er mich auch noch nie im Stich gelassen.

Um die Mittagszeit standen wir wieder vor der Wandnische und betrachteten die Statue, die mit leerem Blick in die Ferne starrte. Ich sagte zu Holunderbeere: »Geht deine Uhr auch richtig, Liebes?«

»Oh ja, ich habe sie mit der Sternwarte abgeglichen. Es dauert noch eine Minute.«

»Die Veränderung kann sich natürlich auch ein oder zwei Minuten später vollziehen. Solche Dinge lassen sich nicht genau bestimmen.«

»Eine Göttin sollte eigentlich pünktlich sein«, sagte Holunderbeere. »Warum ist sie sonst eine Göttin?«

Das nenne ich wahren Glauben! Und sie sollte recht behalten, denn auf die Sekunde genau um zwölf Uhr durchlief ein Zittern die Statue. Ihre Farbe wandelte sich von totem Marmorweiß hin zu dem warmen Rosa lebendigen Fleisches. Langsam kam Bewegung in ihren Körper, die Arme senkten sich, die Augen nahmen ein lebendiges, blaues Glitzern an, die Haare auf ihrem Kopf färbten sich hellbraun, ebenso wie an anderen passenden Körperstellen. Der Mann senkte den Kopf und blickte Holunderbeere an, die nach Luft rang.

Langsam und ungelenk stieg er vom Sockel herunter und ging mit ausgestreckten Armen auf Holunderbeere zu.

»Ich Dirk. Du Holunderbeere«, sagte er.

»Oh, Dirk«, sagte Holunderbeere und sank in seine Arme.

Sie standen lange in inniger Umarmung versunken da, dann blickte sie über die Schulter zu mir herüber und sagte mit verzückt leuchtenden Augen: »Dirk und ich werden einige Tage zu Hause bleiben, du weißt schon, Flitterwochen. Aber dann, Onkel George, werde ich dich besuchen.« Sie rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, als würde sie Geld zählen.

Daraufhin leuchteten meine Augen ebenfalls verzückt und ich schlich mich aus dem Haus. Ehrlich gesagt, fand ich es ein wenig unschicklich, daß eine vollkommen bekleidete junge Frau sich so innig von einem nackten Mann umarmen ließ, aber ich war sicher, daß Holunderbeere diesen Umstand sofort nach meinem Weggehen berichtigen würde.

Zehn Tage lang wartete ich auf Holunderbeeres Anruf, aber ich hörte nichts von ihr. Das überraschte mich nicht, denn ich dachte mir, daß sie wohl anderweitig beschäftigt war. Dennoch glaubte ich, daß man nach zehn Tagen einmal Zeit zum Luftholen haben müßte. Außerdem hielt ich es nur für angemessen, daß nun auch mein Wunsch erfüllt werden sollte, nachdem ihr sehnlichster Wunsch durch Azazels und meine Bemühungen erfüllt worden war.

Ich stattete dem Haus, in dem ich das glückliche Paar zurückgelassen hatte, einen Besuch ab und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis sich etwas regte, und in meinem Inneren sah ich schon zwei junge Menschen vor mir, die an übermäßiger Verzückung gestorben waren, als sich die Tür einen Spalt breit öffnete.

Es war Holunderbeere. Sie sah vollkommen normal aus, wenn man einen ärgerlichen Gesichtsausdruck als normal bezeichnen will. Sie sagte: »Ach, du bist's.«

»Natürlich«, sagte ich. »Ich hatte schon befürchtet, ihr hättet die Stadt verlassen, um eure Flitterwochen etwas auszudehnen.« Ich sagte nichts von meiner Vermutung, sie könnten während der Flitterwochen ihr Leben ausgehaucht haben. Ich hielt das für nicht besonders diplomatisch.

Sie sagte: »Und was willst du?«

Das klang nicht besonders freundlich. Ich konnte verstehen, daß ihr die Unterbrechung ungelegen kam, aber nach zehn Tagen konnte man wohl eine kurze Ablenkung verschmerzen.

Ich sagte: »Da war diese unbedeutende Angelegenheit von einer Million Dollar, mein Kind.« Ich schob die Tür auf und trat ins Haus.

Sie blickte mich mit einem höhnischen Lächeln an und sagte: »Alles, was du bekommst, sind Bubkes.«

Ich weiß nicht, was Bubkes sind, aber mir wurde auf der Stelle klar, daß es sich dabei um sehr viel weniger als eine Million Dollar handelte.

Verwirrt und ein wenig verletzt sagte ich: »Warum? Was ist schief gegangen?«

»Was schief gegangen ist?« sagte sie. »Das fragst du noch? Ich sage dir, was schier gegangen ist. Als ich den Wunsch geäußert habe, Dirk solle weich sein, meinte ich damit nicht, daß er überall am Körper und immer weich sein soll.«

Mit der Kraft der Bildhauerin schob sie mich aus dem Haus und knallte die Tür zu. Während ich noch vollkommen verblüfft dastand, öffnete sie die Tür noch einmal und sagte: »Und wenn du noch einmal hierherkommst, wird Dirk dich in Stücke reißen. Er ist nämlich sonst in jeder Hinsicht stark wie ein Stier.«

Also ging ich. Was hätte ich sonst tun sollen? Siehst du nun, was ich mir für Kritik an meinen künstlerischen Werken gefallen lassen muß? Also komm mir nicht mit deinen bedeutungslosen Klagen.

Als George die Geschichte beendet hatte, schüttelte er den Kopf und sah dabei so niedergeschlagen aus, daß es mir wirklich zu Herzen ging.

Ich sagte: »George, ich weiß, daß du Azazel die Schuld dafür gibst, aber der kleine Kerl konnte nichts dafür. Du hast immer wieder betont, er solle die Statue weich machen ... «

»Das hat Holunderbeere auch getan«, erwiderte George entrüstet.

»Ja, aber du hast Azazel gesagt, er solle dich für seine Eingriffe an der Statue als Vorbild nehmen, und das erklärt sicher, warum ... «

George hob energisch die Hand und funkelte mich an.

»Das«, sagte er, »verletzt mich noch mehr als der Verlust des Geldes, das ich mir verdient hatte. Damit du's weißt - obwohl ich meine besten Jahre hinter mir habe ...«

»Ja, ja, George. Es tut mir Leid. Hier, ich glaube, ich schulde dir zehn Dollar.«

Nun, zehn Dollar sind immerhin zehn Dollar. Zu meiner Erleichterung nahm George den Schein entgegen und lächelte.


Höhenflüge der Phantasie

<p><strong>Höhenflüge der Phantasie</strong></p>

Wenn ich mit George essen gehe, achte ich darauf, daß ich niemals eine Kreditkarte benutze, um zu bezahlen. Ich zahle bar, denn dann kann George seiner liebenswerten Gewohnheit nachgehen, das Wechselgeld einzustreichen. Natürlich achte ich darauf, daß nicht übertrieben viel Wechselgeld zurückgebracht wird und gebe das Trinkgeld separat.

Bei diesem speziellen Anlaß hatten wir im Boathouse zu Mittag gegessen und schlenderten zu Fuß durch den Central Park zurück. Es war ein schöner Tag, gerade warm genug, daher setzten wir uns auf eine Bank im Schatten und entspannten uns.

George betrachtete einen Vogel, der so zappelig, wie es Vögeln eigen ist, auf einem Ast saß, und folgte ihm mit Blicken, als er fortflog.

»Als Junge war ich wütend, weil diese Geschöpfe durch die Luft fliegen konnten und ich nicht«, sagte er.

»Ich nehme an, jedes Kind beneidet Vögel«, entgegnete ich. »Und Erwachsene auch. Aber Menschen können fliegen, und zwar schneller und weiter, als es jedem Vogel je möglich wäre. Denk an die Flugzeuge, die die Erde nonstop in neun Stunden umrunden können, ohne aufzutanken. Das könnte kein Vogel.«

»Welcher Vogel würde das schon wollen?« konterte George verächtlich. »Ich spreche nicht davon, in einer fliegenden Maschine zu sitzen oder auch nur an einem Paraglider zu hängen. Das sind technologische Kompromisse. Ich meine, aus eigenem Antrieb zu fliegen: sanft mit den Armen zu flattern und dann abzuheben und sich aus freien Stücken bewegen zu können.«

Ich seufzte. »Du meinst, von der Schwerkraft befreit zu sein. Davon habe ich einst geträumt, George. Ich träumte einst, ich könnte in die Luft springen, mich mit behutsamen Armbewegungen dort halten und dann langsam und federleicht wieder landen. Natürlich wußte ich, daß das unmöglich war, daher ging ich davon aus, daß ich geträumt hatte. Doch dann schien ich in meinem Traum zu erwachen und lag in meinem Bett. Ich stand auf und stellte fest, daß ich mich immer noch aus freien Stücken durch die Luft bewegen konnte. Und da es mir vorkam, als wäre ich erwacht, glaubte ich, ich könnte es wirklich. Schließlich wachte ich tatsächlich auf und stellte fest, daß ich nach wie vor ein Gefangener der Schwerkraft war. Was empfand ich da für einen Verlust, was für ein unerträgliches Gefühl der Enttäuschung! Ich erholte mich erst nach Tagen davon.«

Worauf George fast zwangsläufig antwortete: »Ich habe etwas Schlimmeres erlebt.«

»Tatsächlich? Du hast einen ähnlichen Traum gehabt, nicht wahr? Nur größer und besser.«

»Träume! Ich gebe mich nicht mit Träumen ab. Das überlasse ich kleinkarierten Schreiberlingen wie dir. Ich spreche von der Wirklichkeit.«

»Du meinst, du bist tatsächlich geflogen. Soll ich etwa glauben, daß du mit einem Raumschiff im Orbit gewesen bist?«

»Nicht in einem Raumschiff. Hier auf der Erde. Und nicht ich. Es war mein Freund Baldur Anderson - aber ich denke, ich erzähle dir besser die ganze Geschichte ... «

Die meisten meiner Freunde [sagte George] sind Intellektuelle in gehobenen Positionen, was vermutlich auch deinem Selbstbild entspricht, nicht aber Baldur. Er war ein Taxifahrer ohne nennenswerte Bildung, aber mit einem großen Respekt vor der Wissenschaft. Wir verbrachten viele Abende in unserer Lieblingskneipe, tranken Bier und unterhielten uns über den Urknall, die Gesetze der Thermodynamik, Genetik und so weiter. Er war mir immer sehr dankbar, daß ich ihm diese unverständlichen Themen erläuterte, und bestand stets darauf, wiewohl ich, wie du dir denken kannst, stets heftig protestierte, die Rechnung zu begleichen.

Es gab nur einen unschönen Aspekt seiner Persönlichkeit: Er war ein ungläubiger Thomas. Ich meine keinen ungläubigen Philosophen, der alle Aspekte des Übernatürlichen ablehnt, sich einer säkularen menschlichen Organisation anschließt und seine Meinung geflissentlich in Zeitschriften, die kein Mensch liest, in Form von Artikeln in einer ganz und gar unverständlichen Sprache kundtut. Was würde das schaden?

Ich meine, Baldur war genau das, was man in alten Zeiten den Dorfatheisten genannt hätte. In der Kneipe führte er Diskussionen mit Leuten, die so wenig Ahnung von den Themen hatten wie er, und sie bedienten sich einer lauten und skurrilen Ausdrucksweise. Das waren wahrlich keine Musterbeispiele gepflegten Meinungsaustausch«. Eine typische Diskussion konnte so aussehen:

»Also wenn du schon so ein Schlauberger bist, Hohlkopf«, sagte Baldur, »dann verrat mir doch einmal, woher Kain seine Frau hatte?«

»Das geht dich nichts an«, entgegnete sein Kontrahent.

»Denn laut der Bibel war Eva ja damals die einzige existierende Frau«, sagte er.

»Woher weiß du das?«

»Weil es in der Bibel steht.«

»Gar nicht. Zeig mir die Stelle, wo steht: >Zu dieser Zeit war Eva die einzige existierende Dame auf der Welt.<«

»Das wird impliziert.«

»Impliziert, am Arsch.«

»Ach ja?«

»Ja!«

In ruhigen Augenblicken versuchte ich, vernünftig mit Baldur zu reden. »Baldur«, sagte ich, »es ist sinnlos, über Glaubensfragen zu diskutieren. Man kommt zu keinem Ergebnis und sorgt nur für Verstimmungen.«

Worauf Baldur trotzig erwiderte: »Es ist mein verfassungsmäßiges Recht, nicht an diese windigen Geschichten zu glauben und das auch zu sagen.«

»Selbstverständlich«, sagte ich, »aber eines Tages wird einer der Herren, die alkoholische Erfrischungsgetränke zu sich nehmen, dir auf die Nase hauen, bevor ihm die Verfassung wieder einfallt.«

»Diese Burschen«, antwortete Baldur, »sollen doch angeblich die andere Wange hinhalten. So steht es in der Bibel. Da steht: Mach kein Gewese wegen dem Bösen. Laß es einfach.«

»Das könnten sie vergessen.«

»Und wenn schon. Ich weiß mich meiner Haut zu wehren.« Das stimmte zweifellos, denn er war ein großer und muskulöser Mann mit einer Nase, die aussah, als hätte sie schon manchen Hieb einstecken müssen, und Fäusten, die den Eindruck erweckten, als hätten sie bei derlei Frevel Gleiches mit Gleichem vergolten.

»Da bin ich ganz sicher«, sagte ich, »aber bei Streitgesprächen über Religion stehen meist mehrere Kontrahenten gegeneinander, während du allein bist. Ein Dutzend Leute, die sich einig sind, könnten dich durchaus zu Brei hauen. Außerdem«, fügte ich hinzu, »nehmen wir mal an, du gewinnst eine Diskussion über eine religiöse Frage. Das könnte dazu führen, daß einer dieser Herren vom Glauben abfallt. Möchtest du dafür wirklich die Verantwortung übernehmen?«

Baldur schaute gequält drein, denn er war ein Mann gütigen Herzens. »Ich mache nie Bemerkungen über heikle religiöse Fragen. Ich rede über Kain und darüber, daß Jonas unmöglich drei Tage im Bauch eines Walfischs überleben konnte und über das Wasserwandeln. Ich sage nie etwas wirklich Fieses. Ich sage auch nie etwas gegen den Weihnachtsmann, oder? - Hör zu, ich hörte einmal einen Kerl steif und fest behaupten, daß der Weihnachtsmann nur acht Rentiere hat und kein Rudolf Rotnase je seinen Schlitten gezogen hat. Darauf sagte ich: >Möchten Sie kleine Kinder unglücklich machen?< und scheuerte ihm eine. Und ich dulde auch nicht, daß jemand etwas gegen Frosty den Schneemann sagt.«

Diese Feinfühligkeit rührte mich natürlich. »Wie konnte es nur soweit kommen, Baldur?« fragte ich ihn. »Wie konntest du zu einem derart verbissenen Ungläubigen werden?«

»Engel«, sagte er und runzelte finster die Stirn.

»Engel?«

»Ja. Als Kind sah ich Bilder von Engeln. Hast du nie Bilder von Engeln gesehen?«

»Natürlich.«

»Sie haben Flügel. Sie haben Arme und Beine und Flügel auf dem Rücken. Als Kind las ich naturwissenschaftliche Bücher und erfuhr, daß jedes Tier mit einer Wirbelsäule vier Gliedmaßen hat. Sie haben vier Flossen oder vier Beine oder zwei Beine und zwei Arme oder zwei Beine und zwei Flügel. Manchmal konnten sie die beiden Hinterbeine verlieren, so wie Wale, oder die beiden Vorderbeine, so wie Kiwis, oder alle vier Beine, so wie Schlangen. Wie kommt es also, daß Engel sechs Gliedmaßen haben, zwei Beine, zwei Arme und zwei Flügel? Sie haben doch eine Wirbelsäule, oder etwa nicht? Sie sind doch keine Insekten, oder? Ich fragte meine Mutter danach und sie sagte, ich solle den Mund halten. Von da an dachte ich über viele solcher Fragen nach.«

»Eigentlich, Baldur«, sagte ich, »kannst du diese Darstellungen von Engeln nicht wörtlich nehmen. Diese Flügel sind symbolischer Natur.

Sie sollen einfach nur die Geschwindigkeit verdeutlichen, mit denen sich Engel von einem Ort zum anderen begeben können.«

»Ach ja?« entgegnete Baldur. »Du kannst diese Bibeltypen jederzeit fragen, ob Engel Flügel haben. Sie glauben, daß Engel Flügel haben. Sie sind zu dumm, das mit den sechs Gliedmaßen zu begreifen. Die ganze Sache ist dumm. Außerdem beschäftigt mich das mit den Engeln. Sie sollen angeblich fliegen können, wie kommt es also, daß ich nicht fliegen kann? Das ist nicht richtig.« Er schob die Unterlippe vor und schien den Tränen nahe zu sein. Das war mehr, als mein weiches Herz ertragen konnte, daher suchte ich nach einer Möglichkeit, ihn zu trösten.

»Wenn es soweit ist, Baldur«, sagte ich, »wenn du stirbst und in den Himmel kommst, dann bekommst du Flügel und einen Heiligenschein und eine Harfe und kannst auch fliegen.«

»Glaubst du diesen Mist, George?«

»Nicht wortwörtlich, aber es wäre ein Trost, daran zu glauben. Warum versuchst du es nicht?«

»Das werde ich nicht, weil es nicht wissenschaftlich ist. Ich wollte mein ganzes Leben lang fliegen - ich selbst, nur mit meinen Armen. Ich dachte mir, es muß eine wissenschaftliche Methode geben, wie ich allein fliegen kann, hier auf der Erde.«

Ich wollte ihn immer noch trösten, daher sagte ich unbedacht, da ich vielleicht einen über den Durst getrunken hatte: »Ich bin sicher, daß es eine Möglichkeit gibt.«

Er sah mich mit einem strengen Blick aus seinen leicht blutunterlaufenen Augen an. »Vergackeierst du mich?« fragte er. »Machst du dich über den aufrichtigen Wunsch meiner Kindheit lustig?«

»Nein, nein«, sagte ich, und plötzlich fiel mir auf, daß er vermutlich ein ganzes Dutzend Drinks zuviel intus hatte und seine rechte Faust höchst unangenehm zuckte. »Würde ich mich je über einen aufrichtigen Kindheitswunsch lustig machen? Oder die Obsession eines Erwachsenen? Ich kenne nur zufällig einen ... Wissenschaftler, der vielleicht eine Möglichkeit weiß.«

Er schien mir immer noch zu grollen. »Frag ihn«, bat er, »und laß mich wissen, was er sagt. Ich mag Leute nicht, die sich über mich lustig machen. Das ist nicht nett. Ich mach mich doch auch nicht über dich lustig, oder? Ich erwähne nie, daß du nie die Zeche bezahlst, oder?«

Damit bewegten wir uns auf dünnem Eis. »Ich werde meinen Freund fragen«, sagte ich hastig. »Keine Bange, ich bringe alles in Ordnung.«

Und ich dachte mir, daß ich besser zu meinem Wort stehen sollte. Ich wollte mich nicht um meine kostenlosen Drinks bringen, und ich wollte schon gar nicht Zielscheibe von Baldurs Spott sein. Er glaubte nicht an die biblischen Gebote wie liebe deinen Nächsten, segne alle, die dich verfluchen, tu denen Gutes, die dich hassen. Baldur glaubte daran, daß man solchen Leuten eins auf die Mütze hauen sollte.

Und so konsultierte ich meinen Freund Azazel, der nicht von dieser Welt ist. Habe ich dir je erzählt, daß ich einen ... Habe ich? Nun ja, ich konsultierte ihn.

Azazel war wie immer übelster Laune, als ich ihn herbeirief. Er hielt den Schwanz in einem ungewöhnlichen Winkel abgestreckt, und als ich ihn darauf ansprach, hub er zu einer schrillen, keifenden Tirade über meine Vorfahren an - über Dinge, von denen er unmöglich aus erster Hand wissen konnte.

Ich entnahm seinem Schimpfen, daß man versehentlich auf ihn getreten war. Er ist ein sehr kleines Wesen, von der Schwanzspitze bis zum Scheitel rund zwei Zentimeter groß, daher denke ich, daß er selbst in seiner eigenen Heimat eher zu den Getretenen gehört. Getreten hatte ihn an diesem Tag eindeutig jemand, und die Demütigung, so klein zu sein, daß es nicht einmal bemerkt wurde, hatte eine rasende Wut in ihm entfacht.

»Wenn du die Gabe des Fliegens besäßest, oh Großmächtiger, dem das ganze Universum Achtung zollt«, sagte ich beruhigend, »wärest du nicht den Schmächtigsten unter den Schmächtigen unterlegen.«

Das munterte ihn etwas auf. Er wiederholte den letzten Satz murmelnd, als wollte er ihn sich für die Zukunft einprägen. »Ich kann fliegen, oh häßlicher Klops nichtswürdigen Fleisches«, sagte er dann, »und ich wäre davongeflogen, hätte ich mir denn die Mühe gemacht und auf die Gegenwart des minderwertigen Individuums geachtet, das in seiner Unbeholfenheit gegen mich fiel. - Wie auch immer, welches ist dein Begehr?« Er tauchte regelrecht, als er das sagte, aber mit seiner schrillen Stimme hörte es sich mehr wie ein Summen an.

»Du magst fliegen können, Hochmögender«, sagte ich beschwichtigend, »aber auf meiner Welt gibt es welche, die das nicht können.«

»Auf deiner Welt gibt es gar keine, die das können. Sie sind so garstig anzuschauen, so aufgedunsen und so linkisch wie die meisten Schalidrakonikonier. Wenn du etwas von Aerodynamik verstehen würdest, kümmerliches Insekt, wüßtest du -«

»Ich verneige mich vor deinem Allwissen, o Weisester aller Weisen, doch mir kam der Gedanke, du könntest vielleicht ein winziges Hauchlein Antigravitation bewerkstelligen.«

»Antigravitation? Hast du eine Ahnung -«

»Oh Geistesriese«, sagte ich, »muß ich dich daran erinnern, daß du das schon einmal fertiggebracht hast?«* »Das war, soweit ich mich entsinne, nur eine Teilbehandlung«, sagte Azazel. »Kaum ausreichend, daß sich eine Person über die Spitzen der Verwehungen gefrorenen Wassers hinwegheben konnte, die ihr auf eurer abscheulichen Welt habt. Ich vermeine herauszuhören, daß du mich jetzt um etwas Extremeres bittest.«

»Ja, ich habe einen Freund, der gern fliegen würde.«

»Du hast seltsame Freunde.« Er setzte sich auf seinen Schwanz, was er häufig machte, wenn er nachdenken wollte, und schnellte natürlich mit einem Schmerzensschrei wieder in die Höhe, hatte er doch den blessierten Zustand dieser abstehenden Extremität vergessen.

Ich hauchte ihm kühle Luft auf den Schwanz, was zu helfen und ihn zu besänftigen schien. »Ich werde ein mechanisches Antigravitationsgerät nehmen«, sagte er, »das ich natürlich für dich besorgen kann, aber ich benötige die völlige Kooperation des autonomen Nervensystems deines Freundes, sofern er eines besitzt.«

»Ich nehme an, er hat eins«, sagte ich, »aber wie kann er diese Kooperation herbeiführen?«

Azazel zögerte. »Ich nehme an, es läuft darauf hinaus: Er muß glauben, daß er fliegen kann.«

Zwei Tage später besuchte ich Baldur in seinem schlichten Apartment. Ich hielt ihm das Gerät hin. »Hier«, sagte ich.

Es war kein eindrucksvolles Gerät. Es hatte die Form und Größe einer Walnuß, und wenn man es ans Ohr hielt, konnte man ein ganz leises Summen hören. Ich kann nicht sagen, über was für eine Energiequelle es verfügte, doch Azazel versicherte mir, daß sie niemals leer werden würde.

Er sagte auch, daß es Hautkontakt mit dem Fliegenden haben müßte, daher hatte ich eine dünne Kette daran befestigt und eine Art Medaillon daraus gemacht. »Hier«, wiederholte ich, als Baldur mißtrauisch davor zurückwich. »Leg die Kette um den Hals und trag es unter deinem Hemd. Auch unter dem Unterhemd, falls du eines trägst.«

»Was ist das, George?« fragte er.

»Ein Antigravitationsgerät, Baldur. Das Allerneueste. Sehr wissenschaftlich und sehr geheim. Du darfst keinem je davon erzählen.«

Er streckte die Hand danach aus. »Bist du sicher? Hat dein Freund dir das gegeben?«

Ich nickte. »Leg es an.«

Zögernd streifte er es über den Kopf, knöpfte nach etwas gutem Zureden meinerseits das Hemd auf, ließ es unter das Unterhemd gleiten und knöpfte das Hemd wieder zu. »Was nun?« fragte er.

»Jetzt beweg die Arme und du wirst fliegen.«

Er bewegte die Arme und es tat sich gar nichts. Seine Augenbrauen bildeten bedrohliche Wülste über den kleinen Augen. »Machst du dich über mich lustig?«

»Nein. Du mußt glauben, daß du fliegen kannst. Hast du jemals Walt Disneys Peter Pan gesehen? Sag zu dir: >Ich kann fliegen, ich kann fliegen, ich kann fliegen.««

»Die hatten eine Art Staub, den sie verteilten.«

»Das ist nicht wissenschaftlich. Was du da trägst, das ist wissenschaftlich. Sag zu dir, daß du fliegen kannst.«

Baldur maß mich mit einem langen, durchdringenden Blick, und ich muß gestehen, obwohl ich den Mut eines Löwen besitze, wurde ich ein wenig nervös. »Es braucht etwas Zeit, Baldur«, sagte ich. »Du mußt einfach lernen, wie es geht.«

Er sah mich immer noch finster an, ruderte aber wie von Sinnen mit den Armen und sagte dabei: »Ich kann fliegen. Ich kann fliegen. Ich kann fliegen.« Nichts passierte.

»Spring!« sagte ich. »Sorg für etwas Schwung.« Ich fragte mich nervös, ob Azazel diesmal wirklich gewußt hatte, was er tat.

Baldur, der mich immer noch böse ansah und mit den Armen ruderte, sprang. Er schnellte etwa dreißig Zentimeter in die Luft, blieb oben, während ich bis drei zählte, und sank dann langsam herab.

»He«, sagte er wortgewandt.

»He«, antwortete ich sichtlich überrascht.

»Ich bin irgendwie geschwebt.«

»Und wie anmutig«, sagte ich.

»Ja. He, ich kann fliegen. Versuchen wir es noch mal.«

Er versuchte es, und sein Haar hinterließ einen deutlichen Fettfleck an der Decke, als er dagegen stieß. Er landete und rieb sich den Kopf.

»Weißt du, bei anderthalb Meter ist Schluß«, sagte ich.

»Hier drinnen vielleicht. Gehen wir raus.«

»Bist du verrückt? Es darf doch niemand wissen, daß du fliegen kannst. Sie würden dir dieses Antigravitationsdings wegnehmen, damit die Wissenschaftler es untersuchen können, und du würdest nie wieder fliegen können. Mein Freund ist der einzige, der darüber Bescheid weiß, und es ist ein Geheimnis.«

»Und was soll ich dann tun?«

»Deine Rundflüge durch das Zimmer genießen.«

»Das ist nicht eben viel.«

»Nicht viel? Wie sehr konntest du denn noch vor fünf Minuten fliegen?«

Meine unwiderlegbare Logik erwies sich wie stets als überzeugend.

Ich muß gestehen, als ich ihn so fein und unbeschwert durch die abgestandene Luft in der Enge seines nicht eben großen Wohnzimmers schweben sah, verspürte ich den starken Wunsch, es ebenfalls zu versuchen. Ich war jedoch nicht sicher, ob er mir das Antigravitationsgerät geben und ob es bei mir überhaupt funktionieren würde.

Azazel weigert sich hartnäckig, etwas direkt für mich zu tun, aus ethischen Gründen, wie er behauptet. Seine Geschenke, behauptet er auf die ihm eigene idiotische Art, sollen nur anderen dienen. Ich wünschte, er würde nicht so empfinden, oder alle anderen anders. Ich habe die Nutznießer meiner unendlichen Güte nie dazu bringen können, meinen Reichtum in einer merklichen Weise zu vergrößern.

Schließlich landete Baldur auf einem seiner Stühle. »Du meinst, ich kann das, weil ich daran glaube?« fragte er.

»Ganz recht«, sagte ich. »Es ist ein Höhenflug der Phantasie.«

Mir gefiel der Ausdruck, aber Baldur hat für geistreiche Bemerkungen nichts übrig, wenn ich das so sagen darf. »Siehst du, George«, sagte er, »es ist viel besser, an die Wissenschaft zu glauben als an den Himmel und den ganzen Mist über die Flügel von Engeln.«

»Auf jeden Fall«, sagte ich. »Sollen wir eine Kleinigkeit essen und anschließend was trinken gehen?«

»Unbedingt«, antwortete er - und wir verbrachten einen wunderbaren Abend.

Aber dennoch ging alles irgendwie nicht gut. Eine gewisse Melancholie schien über Baldur zu kommen. Er schwor seinen alten Gewohnheiten ab und suchte sich neue Wasserlöcher.

Mir war das gleich. Die neuen Orte unterschieden sich kaum von den alten, und meist gab es dort ausgezeichnete Martinis. Aber ich war neugierig und fragte.

»Ich kann nicht mehr mit diesen Dummköpfen diskutieren«, sagte Baldur mürrisch. »Ich verspüre den Wunsch, ihnen zu sagen, daß ich wie ein Engel fliegen kann, und ob sie nun mich anbeten? Und würden sie mir glauben? Sie glauben diesen ganzen Unsinn über sprechende Schlangen und Frauen, die zu Salzsäulen erstarren - Märchen, nichts als Märchen. Aber mir würden sie nicht glauben. Im Leben nicht. Aus diesem Grund muß ich ihnen aus dem Weg gehen. Sogar in der Bibel steht: >Meide die Gesellschaft von Toren und hüte dich vor dem Platz der Mißgünstigen.««

Hin und wieder platzte er auch heraus: »Ich kann es nur in meinem Apartment. Da ist kein Platz. Ich erlebe das Gefühl nicht. Ich muß es im Freien machen. Ich muß den Himmel erklimmen und frei umherfliegen.«

»Man wird dich sehen.«

»Ich kann es nachts machen.«

»Dann prallst du gegen einen Hügel und kommst ums Leben.«

»Nicht, wenn ich ganz hoch fliege.«

»Und was wirst du nachts schon sehen? Da kannst du auch in deinem Zimmer herumfliegen.«

»Ich werde einen Ort finden, wo es keine Menschen gibt«, sagte er.

»Wo«, entgegnete ich, »gibt es heutzutage einen Ort ohne Menschen?«

Mit meiner bezwingenden Logik behielt ich stets die Oberhand, aber er wurde immer unglücklicher; schließlich sah ich ihn ein paar Tage nicht. Er war nicht zu Hause. Das Taxiunternehmen, für das er arbeitete, sagte mir, daß er zwei Wochen Urlaub genommen hatte, die ihm zustanden, aber man wüßte nicht, wo er sei. Nicht, daß mir seine Gastfreundschaft gefehlt hätte - jedenfalls nicht sehr -, aber ich fragte mich, was er mit seiner Wahnvorstellung, durch die Lüfte zu fliegen, wohl so alles treiben würde.

Ich fand es schließlich heraus, als er in sein Apartment zurückkehrte und mich anrief. Ich erkannte seine gebrochene Stimme kaum und eilte natürlich sofort zu ihm, als er sagte, daß er mich dringend brauchte.

Er saß niedergeschlagen und wehmütig in seinem Apartment. »George«, sagte er, »ich hätte es niemals tun sollen.«

»Was, Baldur?«

Es sprudelte förmlich aus ihm heraus. »Du erinnerst dich, wie ich sagte, ich wollte einen Ort finden, wo es keine Menschen gibt.«

»Ich erinnere mich.«

»Ich hatte da eine Idee. Ich nahm mir ein paar Tage frei, als es im Wetterbericht hieß, wir würden ein paar sonnige Tage bekommen, und charterte ein Flugzeug. Ich ging zu einem dieser Flughäfen, wo man fliegen kann, wenn man dafür bezahlt - wie bei einem Taxi, nur daß man fliegt.«

»Ich weiß. Ich weiß«, sagte ich.

»Ich sagte dem Piloten, er solle über die Vororte hinaus aufs Land fliegen. Ich sagte, ich wolle mir die Landschaft anschauen. In Wahrheit suchte ich nach einigen wirklich einsamen Stellen, und wenn ich eine gefunden hatte, wollte ich mich danach erkundigen und dann an einem Wochenende hinfahren und fliegen, wie ich schon mein ganzes Leben lang fliegen wollte.«

»Baldur«, sagte ich, »das kann man vom Himmel aus nicht sehen. Von da oben kann ein Ort einsam und verlassen aussehen, und dennoch wimmelt es da von Leuten.«

»Was hat es für einen Sinn, mir das jetzt zu sagen?« fragte er verbittert. Nach einer Pause schüttelte er den Kopf und fuhr fort. »Es war eines dieser echt altmodischen Flugzeuge. Offenes Cockpit vorn, offener Passagiersitz hinten; ich beuge mich weit hinaus, um mich zu vergewissern, daß es keine Straßen, keine Autos, keine Farmhäuser gibt. Ich nehme den Sicherheitsgurt ab, damit ich besser sehen kann - ich meine, immerhin kann ich fliegen, daher habe ich keine Angst vor der Höhe. Aber ich beuge mich weit hinaus, ohne daß der Pilot es weiß, er fliegt eine Kurve, das Flugzeug neigt sich in die Richtung, in die ich mich beuge, und ehe ich mich festhalten kann, falle ich hinaus.«

»Gütiger Himmel«, sagte ich.

Baldur hielt eine Dose Bier in der Hand, verstummte und trank gierig. Er wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »George, bist du jemals ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gefallen?« fragte er.

»Nein«, sagte ich. »Wenn ich darüber nachdenke, nein, das ist mir nie passiert.«

»Dann solltest du es einmal versuchen«, sagte Baldur. »Es ist ein komisches Gefühl. Ich war vollkommen überrascht. Eine Weile begriff ich gar nicht, was passiert war. Ich hatte nur Luft rings um mich herum, und der Boden drehte sich und kippte über meinen Kopf und dann wieder zurück und ich sagte mir: Verdammt, was geht hier vor? Nach einer Weile spüre ich dann einen Wind, der immer heftiger weht, aber ich kann nicht genau sagen, aus welcher Richtung. Da begreife ich schließlich, daß ich falle. Ich sage zu mir: He, ich falle. Und kaum habe ich das gesagt, wird es mir ganz klar, der Boden ist unter mir, ich rase ihm entgegen und weiß, ich werde dort aufschlagen und es wird mir gar nichts nützen, wenn ich mir die Augen zuhalte.

Kannst du dir vorstellen, George, daß ich die ganze Zeit nicht daran gedacht habe, daß ich ja fliegen kann? Ich war so überrascht. Ich hätte sterben können. Aber dann, als ich fast unten bin, fällt es mir wieder ein und ich sage zu mir: Ich kann fliegen! Ich kann fliegen! Es war, als würde ich auf der Luft ausrutschen. Es war, als wäre die Luft zu einem großen Gummiband geworden, das an meinem Rücken befestigt ist und sich strafft, so daß ich immer langsamer und langsamer werde. Als ich auf Höhe der Baumkronen bin, da bin ich echt langsam und denke mir: Vielleicht ist es jetzt Zeit, zu fliegen. Aber ich fühle mich ausgelaugt und es ist nicht mehr weit, daher strecke ich mich, bremse noch mehr ab und lande mit einem fast unmerklichen Ruck auf den Füßen.

Und du hattest natürlich Recht, George, von da oben sah alles einsam und verlassen aus, aber als ich am Boden landete, scharten sich eine ganze Menge Leute um mich, es war eine Art Kirche mit Turm in der Nähe - die ich von da oben wohl wegen der ganzen Bäume und so nicht gesehen hatte.«

Baldur schloß einen Moment die Augen und begnügte sich damit, schwer zu atmen.

»Was ist passiert, Baldur?« fragte ich schließlich.

»Das errätst du nie«, sagte er.

»Ich will nicht raten«, sagte ich. »Erzähl es mir einfach.«

Er riß die Augen auf. »Sie kamen alle aus der Kirche, einer echt bibelgläubigen Kirche, und einer fällt auf die Knie und hebt die Hände und ruft: >Ein Wunder! Ein Wunder!, und alle anderen folgen seinem Beispiel. So einen Lärm hast du deinen Lebtag noch nicht gehört. Dann kommt ein Kerl her, ein dicker, fetter Kerl, und sagt: >Ich bin Arzt. Sagen Sie mir, was passiert ist.< Ich habe keine Ahnung, was ich ihm sagen könnte. Ich meine, wie soll man erklären, daß man vom Himmel heruntergeschossen kommt? Die werden gleich brüllen, daß ich ein Engel bin. Also sage ich die Wahrheit. >Ich bin aus Versehen aus einem Flugzeug gefallen«, sage ich. Und schon fangen sie alle wieder an, >ein Wunder!< zu brüllen.

>Hatten Sie einen Fallschirm?« fragt der Arzt. Wie soll ich sagen, daß ich einen Fallschirm hatte, wenn keiner da ist, also sage ich: >Nein.< Worauf er sagt: >Man hat gesehen, wie Sie abstürzten und dann sanft gelandet sind.< Dann meldete sich ein anderer Mann - wie sich herausstellte der Prediger der Kirche - mit einer tiefen Stimme zu Wort. >Es war die Hand Gottes, die ihn gehalten hat.< Das kann ich so nicht stehenlassen, daher sage ich: >Die war es nicht. Es war ein Antigravitationsapparätchen, das ich besitze.« Worauf der Doktor mich ansieht. >Ein was?« fragt er. Ich sage: >Ein Antigravitationsapparätchen.« Darauf lacht er. >Ich an Ihrer Stelle wäre auch für die Hand Gottes«, sagt er, als hätte ich einen Witz gemacht.

Inzwischen hatte der Pilot die Maschine gelandet und kommt weiß wie ein Laken dahergelaufen. >Es war nicht meine Schuld«, sagt er. >Der elende Narr hat den Sicherheitsgurt geöffnet.« Als er mich da stehen sieht, kippt er fast um. >Wie kommen Sie hierher?« fragt er. >Sie hatten keinen Fallschirm.« Da fangen alle an, einen Psalm oder so was zu singen, und der Prediger nimmt den Piloten an der Hand und sagt ihm, es sei die Hand Gottes gewesen und ich wäre gerettet worden, weil mir große Taten in der Welt vorherbestimmt seien, und alle Schäfchen, die heute anwesend waren, seien jetzt sicherer denn je, daß Gott auf seinem Thron sitzt und wie ein Besessener arbeitet, um seine guten Taten zu vollbringen, und lauter solche Sachen.

Er brachte sogar mich dazu, darüber nachzudenken, ich meine, daß ich wegen großer Taten gerettet worden sei. Dann kamen die Leute von der Zeitung und noch ein paar Arzte - ich weiß nicht, wer sie gerufen hat - und stellten mir Fragen, bis ich dachte, ich würde den Verstand verlieren, aber die Arzte geboten ihnen Einhalt und brachten mich zur Untersuchung in ein Krankenhaus.«

Ich war fassungslos. »Sie brachten dich wirklich in ein Krankenhaus?«

»Die ließen mich keine Minute allein. Ich war die Schlagzeile der Lokalzeitung und aus Rutgers oder sonstwo kam ein Wissenschaftler und fragte mich aus. Ich sagte, ich hätte dieses Antigravitationsdingens, worauf er lachte. Ich sagte: >Demnach halten Sie es auch für ein Wunder? Sie? Ein Wissenschaftler?< Und er sagte: >Es gibt eine Menge Wissenschaftler, die an Gott glauben, aber nicht einen Wissenschaftler, der Antigravitation für möglich hält.« Und dann fügte er noch hinzu: >Aber zeigen Sie mir, wie es funktioniert, Mr. Anderson, vielleicht habe ich ja ein Einsehen.< Natürlich konnte ich das nicht und kann es bis heute nicht mehr.«

Zu meinem Entsetzen verbarg Baldur das Gesicht in den Händen und fing an zu weinen.

»Nimm dich zusammen, Baldur«, sagte ich. »Es muß funktionieren.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er in ersticktem Tonfall. »Es funktioniert nur, wenn ich daran glaube, und ich glaube nicht mehr daran. Alle sagen, es ist ein Wunder. Keiner glaubt an Antigravitation. Sie lachen mich nur aus, und der Wissenschaftler sagte, es wäre nur ein Stück Metall ohne Energiequelle und Schaltungen, und Antigravitation sei laut Einstein, diesem Relativitätsburschen, sowieso unmöglich. George, ich hätte auf dich hören sollen. Jetzt werde ich nie wieder fliegen, weil ich meinen Glauben verloren habe. Vielleicht war es ja gar keine Antigravitation, sondern wirklich Gott, der aus einem unerfindlichen Grund durch dich gewirkt hat. Ich fange an, an Gott zu glauben, und habe dadurch meinen Glauben verloren.«

Armer Kerl. Er flog nie wieder. Er gab mir das Gerät zurück und ich gab ihn Azazel zurück.

Irgendwann gab Baldur seinen Job auf, kehrte zu der Kirche zurück, wo er gelandet war, und heute arbeitet er als Dekan dort. Sie kümmern sich wirklich rührend um ihn, weil sie glauben, daß er von der Hand Gottes berührt wurde.

Ich sah George durchdringend an, aber sein Gesicht trug, wie immer, wenn er von Azazel erzählte, eine Miene schlichter Aufrichtigkeit.

»George, ist das schon lange her?« fragte ich.

»Das war letztes Jahr.«

»Der ganze Aufruhr über ein Wunder und Reporter und Schlagzeilen in den Zeitungen und so weiter?«

»Ganz recht.«

»Kannst du mir dann erklären, wie es kommt, daß ich nie etwas darüber in der Zeitung gelesen habe?«

George griff in seine Tasche und holte die fünf Dollar und zweiundachtzig Cent heraus - das Wechselgeld, das er geflissentlich an sich genommen hatte, als ich mit einem Zwanziger und einem Zehner das Essen bezahlt hatte. Er legte den Schein beiseite. »Fünf Dollar, daß ich das erklären kann«, sagte er.

Ich zögerte nicht einen Augenblick. »Fünf Dollar, daß du es nicht kannst«, hielt ich dagegen.

»Du liest nur die New York Times, richtig?« fragte er.

»Richtig«, sagte ich.

»Und die New York Times bringt alle Meldungen über Wunder, wegen ihrer intellektuellen Leserschaft, auf Seite einunddreißig, an einer obskuren Stelle zwischen Anzeigen für Bikinis, richtig?«

»Schon möglich, aber wie kommst du darauf, daß mir so etwas selbst als winzige, obskure Meldung entgehen würde?«

»Weil«, sagte George triumphierend, »weil hinreichend bekannt ist, daß du außer einigen augenfälligen Schlagzeilen nichts in der Zeitung siehst. Du blätterst die New York Times nur durch, um zu sehen, ob dein Name irgendwo erwähnt wird.«

Ich dachte eine Weile darüber nach, dann gab ich ihm die anderen fünf Dollar. Es stimmte nicht, was er sagte, entspricht aber wahrscheinlich der allgemeinen Meinung, daher hatte es wenig Sinn, etwas dagegen einzuwenden.



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Rechte- und Übersetzernachweis

Vorwort (Introduction) Copyright 1988 by Nightfall, Inc. Deutsch von Joachim Körber Ein Dämon von zwei Zentimetern (The Two Centimeter Demon)

Copyright © 1988 by Nightfall, Inc. Deutsch von Joachim Körber Ein Liederabend (One Night of Song) Copyright © 1982 by Mercury Press, Inc. Deutsch von Joachim Körber Das gebannte Lächeln (The Smile That Loses) Copyright © 1982 by Mercury Press, Inc. Deutsch von Joachim Körber Auf die Siegerin! ( Ho The Victor) Copyright © 1982 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Joachim Körber Das dumpfe Grollen (The Dim Rumble) Copyright © 1982 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Joachim Körber Retter der Menschheit (Saving Humanity) Copyright © 1983 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Jens Schumacher Eine Erage des Prinzips (A Matter of Principle) Copyright © 1983 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Jens Schumacher Vom Übel des Alkohols (The Evil Drink Does) Copyright © 1984 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Jens Schumacher Zeit zum Schreiben (Writing Time) Copyright © 1984 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Winter ist so schön (Dashing Through the Snow) Copyright © 1984 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Logik bleibt Logik (Logic Is Logic) Copyright © 1985 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Der schnellste Reisende (He Travels the Fastest) Copyright © 1985 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Ansichtssache (The Eye of the Beholder) Copyright © 1985 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Joachim Körber Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden (More Things in Heaven and Earth) Copyright © 1986 by Nightfall Inc. Deutsch von Sara Schade Spiegel der Seele (The Mind's Construction) Copyright © 1986 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Frühlingsgefühle (The Fights of Spring) Copyright © 1986 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Galatea (Galatea)

Copyright © 1987 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Sara Schade Höhenflüge der Phantasie (Flights of Fancy) Copyright © 1988 by Davis Publications, Inc. Deutsch von Joachim Körber