H. Beam Piper

Der kleine Fuzzy


1.

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Jack Holloway stellte fest, daß die orangerote Sonne ihn blendete. Er hob eine Hand, um seinen Hut nach vorn zu schieben, dann griff er zu den Kontrollen, um die Schwingungsphase der Antigrav-Feldgeneratoren zu verändern, damit der Manipulator um weitere dreißig Meter steigen konnte. Einen kurzen Augenblick saß er reglos da, paffte an seiner kurzen Pfeife und sah hinunter zu dem roten Tuchfetzen, den er an einem Busch an der Klippe in einhundertfünfzig Meter Entfernung befestigt hatte. Erwartungsvoll lächelte er.

»Das wird reichen«, sagte er laut zu sich selbst nach der Art von Menschen, die lange allein waren. »Bin neugierig, wie die Ladung hochgeht.«

Das war er immer. Er konnte sich an mindestens eintausend Sprengungen erinnern, die er im Lauf der Jahre ausgelöst hatte — und das auf mehr Planeten, als er im Augenblick aufzählen konnte. Einige Male hatte er sogar thermonukleare Sprengsätze verwendet, aber jedes Mal war es anders, immer gab es etwas, worauf man achten mußte, selbst bei einer kleinen Sprengung wie der hier. Er legte den Schalter um, sein Daumen fand den Auslöseknopf, der einen Funkimpuls aussandte, und der rote Fetzen verschwand in einer Fontäne aus Rauch und Staub, die sich aus der Felsspalte erhob und eine kupferne Farbe annahm, als das Licht der Sonne darauffiel.

Er wartete, bis sein Manipulator wieder gleichmäßig schwebte, dann glitt er zu dem Spalt in der Klippe hinunter, den seine Sprengladung hineingerissen hatte. Ein voller Erfolg: Die Detonation hatte eine Menge Sandstein aufgeworfen, die Feuersteinader angekratzt und das Zeug nicht allzu weit in der Umgebung verstreut. Eine Menge großer Brocken hatte sich gelockert. Er fuhr die vorderen Greifzangen aus, zog und zerrte und setzte dann den unteren Greifer ein, um einen Brocken anzuheben und ihn auf das flache Land zwischen der Klippe und dem Fluß fallen zu lassen. Er ließ einen zweiten auf den ersten herabsausen, wodurch beide zerbrachen, und dann noch einen und noch einen, bis er für den Rest des Tages genug Arbeit hatte. Dann landete er, griff sich seine Werkzeugkiste und den fernzubedienenden Antigrav-Heber, kletterte aus dem Fahrzeug, öffnete die Kiste, streifte sich seine Handschuhe über und machte sich mit dem Mikrostrahltaster und einem Vibrohammer an die Arbeit.

Vor etwa fünfzig Millionen Jahren, als dieser Planet, den man Zarathustra genannt hatte, noch jung gewesen war, hatte auf ihm ein quallenähnliches Wassertier gelebt. Als diese Tiere gestorben waren, waren sie auf dem Boden der Ozeane im Schlamm versunken; dieser Schlamm war immer wieder von Sandschichten bedeckt worden, die ihn fester und dichter zusammengepreßt hatten, bis er zu einem glasigen Kiesel geworden war, in dem die eingeschlossenen Quallen wie bohnengroße Ablagerungen eines noch härteren Gesteins verblieben. Einige dieser versteinerten Quallen wiesen durch irgendeine Laune der Biochemie eine besonders intensive Thermofluoreszenz auf; trug man sie als Schmucksteine, so reichte die Körpertemperatur aus, sie zum Glühen zu bringen.

Auf Terra, Baldur, Freya oder Ishtar war bereits ein kleiner polierter Sonnenstein ein kleines Vermögen wert. Selbst hier noch brachten sie ansehnliche Summen ein, wenn man sie an die Einkäufer der Zarathustragesellschaft verkaufte. Mit bewußt niedriggehaltener Erwartung ging Holloway jetzt mit einem kleineren Vibrohammer aus seiner Werkzeugkiste daran, vorsichtig um den Fremdkörper herum zu hämmern, bis der Feuerstein abplatzte und ein glattes gelbes Ellipsoid freigab, etwa einen halben Zoll lang.

»Mindestens eintausend Solar wert, wenn er überhaupt etwas wert ist«, kommentierte er seinen Fund. Ein kräftiger Schlag hier, ein anderer da, und die gelbe »Bohne« löste sich aus dem Kiesel. Er hob sie auf und rieb sie mit den behandschuhten Fingern. »Glaube, das ist eine Niete.« Erneut rieb er daran, diesmal kräftiger, dann hielt er sie an den heißen Kopf seiner Pfeife. Keine Reaktion. Er ließ den Stein fallen. »Wieder eine Qualle, die falsch gelebt hat.«

Hinter ihm bewegte sich etwas im Busch, es raschelte trocken. Er ließ den rechten Handschuh fallen, drehte sich um und griff sich dabei an die Hüfte. Dann sah er, was für die Geräusche verantwortlich gewesen war — ein etwa dreißig Zentimeter langes Krustentier mit zwölf Beinen, langen Antennen und zwei klauenbewehrten Scheren. Er bückte sich und hob einen Steinbrocken auf, den er fluchend in Richtung des Tieres warf. Wieder eine von diesen verdammten Landgarnelen.

Jack Holloway haßte Landgarnelen. Es waren scheußliche Dinger, wofür sie freilich nichts konnten. Genauer gesagt, sie richteten großen Schaden an. Im Lager stürzten sie sich auf alles, versuchten, alles aufzufressen. Sie krochen in Maschinen und fanden dort vielleicht die Schmierung nach ihrem Geschmack, und sie verursachten Pannen. Oft knabberten sie die Isolierung der elektrischen Leitungen an — und sie machten auch vor seinem Schlafsack nicht halt und hatten ihn darin schon recht schmerzhaft gebissen. Niemand mochte die Landgarnelen gern, selbst andere Artgenossen nicht.

Das Tier wich seinem Stein aus, krabbelte ein Stück zur Seite und richtete dann seine zitternden Antennen auf ihn. Jack griff wieder nach der Hüfte, dann hielt er inne. Pistolenmunition war hier sündhaft teuer, man verfeuerte sie nicht in kindlichem Übermut. Dann dachte er aber daran, daß keine Kugel, die auf ein Ziel abgeschossen wird, letztlich Verschwendung ist, und daß er in letzter Zeit kaum mehr geschossen hatte. Er bückte sich erneut, hob einen zweiten Stein auf und warf ihn etwa einen Meter links vor dem Tier ins Gras. Noch während der Stein in der Luft war, zog er seine Waffe. Als die Garnele fliehen wollte, schoß er aus der Hüfte. Das Krustentier löste sich auf. Er nickte zufrieden.

»Der alte Holloway trifft immer noch, worauf er schießt.«

Vor nicht allzu langer Zeit hatte er das noch als selbstverständlich erachtet. Aber jetzt wurde er langsam alt und mußte seine Geschicklichkeit gelegentlich unter Beweis stellen. Er legte den Sicherungsflügel wieder um und steckte die Waffe ins Halfter, dann hob er den Handschuh wieder auf und zog ihn an.

Noch nie hatte er so viele von diesen verdammten Biestern gesehen wie in diesem Sommer. Letztes Jahr waren sie eine Plage gewesen, aber ihre Zahl war bei weitem nicht so groß gewesen. Selbst die Senioren, die seit der ersten Kolonisation auf Zarathustra waren, hatten das bestätigt. Natürlich würde es dafür eine Erklärung geben, vermutlich etwas, was so einfach war, daß man nicht darauf kam. Vielleicht hatte auch das extrem trockene Wetter etwas damit zu tun. Oder ein Ansteigen der Nahrung, die sie fraßen, oder das Abnehmen eines natürlichen Feindes.

Jemand hatte einmal behauptet, daß Landgarnelen keine natürlichen Feinde hätten, aber daran zweifelte er. Irgend etwas brachte sie um. Er hatte bereits eingeschlagene Garnelenpanzer gesehen, einige davon dicht neben seinem Lager. Vielleicht waren irgendwelche Huftiere daraufgetreten und Insekten hatten die Kadaver dann leergenagt. Er würde Ben Rainsford fragen; Ben müßte es eigentlich wissen.

Eine halbe Stunde später war auf dem Taster wieder ein Unterbrechungsmuster zu sehen. Er legte es beiseite und griff wieder nach dem kleinen Vibrohammer. Diesmal war es eine große »Bohne« von hellrosa Farbe. Er löste sie aus dem Gestein und rieb sie. Sofort begann sie zu glühen.

»Ahhh! Das ist schon besser!«

Er rieb noch einmal, erwärmte den Stein dann an seiner Pfeife, und diesmal blitzte er geradezu auf. Mehr als tausend Sols, dachte er. Außerdem eine schöne Farbe. Er entledigte sich seiner Handschuhe, zog dann einen kleinen Lederbeutel unter seinem Hemd hervor, lockerte die Bänder, an denen er an seinem Hals hing. In dem Beutel befanden sich etwa achtzehn Steine, und alle glühten so hell wie Kohlen im Feuer. Er sah sie sich einen Augenblick an und ließ dann den neuen Sonnenstein zufrieden grinsend hineinfallen.


Victor Grego lauschte seiner eigenen aufgezeichneten Stimme, rieb dabei den Sonnenstein, den er am linken Ringfinger trug, mit der Innenfläche seiner rechten Hand. Der Stein glühte auf. Er stellte fest, daß seine Stimme einen überheblichen Unterton hatte — das war gar nicht der Ton, der in einem nüchternen Bericht erwartet wurde. Nun, wenn jemand sich darüber wunderte, wenn sie das Band in sechs Monaten in Johannesburg auf Terra abspielten, brauchten sie sich ja nur die Frachträume des Schiffes anzusehen, das es fünfhundert Lichtjahre weit durch den Weltraum gebracht hatte. Barren von Gold, Platin und Gadolinium. Pelze, Biochemikalien und Weinbrand. Parfüme, die nicht künstlich herzustellen waren, Harthölzer, die kein Kunststoff ersetzten konnte. Gewürze. Und die Stahlkassette voller Sonnensteine. Beinahe ausschließlich Luxuswaren, die einzig verläßlichen Werte im interstellaren Handel.

Dazu hatte er noch eine Reihe anderer Dinge aufgezählt — Getreide, Leder, Bauholz. Seine Liste hatte mehrere Dutzend Dinge umfaßt, die Zarathustra jetzt selbst erzeugen konnte, die nicht mehr importiert werden mußten. Die Gesellschaft brauchte Zarathustra nicht mehr zu tragen — Zarathustra erhielt die Gesellschaft und sich selbst.

Vor fünfzehn Jahren, als die Zarathustragesellschaft ihn hierher geschickt hatte, hatte er neben dem provisorischen Landeplatz nur einen bunten Haufen aus Holzhütten und vorgefertigten Häusern vorgefunden; genau an dieser Stelle stand jetzt dieser Wolkenkratzer. Heute war Mallorys Port eine Stadt von siebzigtausend Einwohnern; insgesamt hatte der Planet eine Bevölkerung von fast einer Million, die immer noch im Steigen begriffen war. Heute gab es Stahlwerke und Kernreaktoren und Maschinenfabriken. Jetzt produzierte Zarathustra sein eigenes Spaltmaterial, und erst vor kurzem hatte man begonnen, geringe Mengen angereicherten Plutoniums zu exportieren.

Die Tonbandstimme verstummte. Er spulte das Band zurück, fertigte im Schnellauf eine Kopie und schickte sie hinüber in die Funkstation. In zwanzig Minuten würde sich die Kopie an Bord des für Terra bestimmten Schiffes befinden. Bei seinen letzten Handgriffen summte sein Visifon.

»Dr. Kellogg möchte Sie sprechen, Mr. Grego«, sagte das Mädchen in seinem Vorzimmer.

Er nickte. Er sah noch ihre Handbewegung, dann verschwand ihr Gesicht in einem wirren Muster von Farben; als das Bild sich wieder klärte, schaute ihn statt dessen der Leiter der Abteilung »Wissenschaftliche Studien und Forschung« an. Kellogg schaute kaum merklich nach oben in seinen Monitorschirm, um nachzusehen, ob Victor auch deutlich sein, Kelloggs, warmes, offenes, sympathisches, aufrichtiges und ein wenig zu strahlendes Lächeln übertragen bekam.

»Hallo, Leonhard. Alles in Ordnung?«

»Guten Tag, Victor.« Er sprach den Namen mit genau der richtigen Portion Ehrfurcht aus — ein wichtiger Mann zu einem noch wichtigeren. »Hat Nick Emmert heute schon mit Ihnen über das Big Blackwater-Projekt gesprochen?«

Nick war Generalresident der Föderation; praktisch betrachtet, war er auf Zarathustra die terranische Föderationsregierung. Außerdem war er noch Großaktionär der Zarathustragesellschaft.

»Nein; hat er das vor?«

»Nun, das weiß ich nicht, Victor. Ich habe gerade mit ihm gesprochen. Er sagt, es hätte einiges Gerede gegeben wegen der Auswirkung in Piedmont auf dem Beta-Kontinent. Er machte sich Sorgen darüber.«

»Nun, der Niederschlag mußte ja beeinflußt werden. Schließlich haben wir eine Million Quadratkilometer Sumpfgelände trockengelegt, und die feuchten Winde wehen aus dem Westen. Im Osten mußte es eine trockenere Atmosphäre geben. Wer redet eigentlich darüber, und was macht Nick so besorgt?«

»Nun, Nick fürchtet die öffentliche Meinung auf Terra. Sie wissen, wie stark der Vorbehalt der Umweltschützer ist; jeder hat dort etwas gegen eine zerstörerische Ausbeutung.«

»Mein Gott! Der Mann wird doch nicht die Erzeugung von einer Million Quadratkilometer neuem Farmland als zerstörerische Ausbeutung bezeichnen.«

»Nun, nein, Nick nennt es natürlich nicht so. Aber er fürchtet, daß unpräzise Berichte zur Erde gelangen könnten, in denen davon die Rede ist, daß wir das ökologische Gleichgewicht gestört und Trockenheit hervorgerufen haben. Ich muß zugeben, daß mich das selbst auch sehr interessiert.«

Emmert, das wußte er genau, teilte die gleiche Sorge wie er, daß das Kolonisationsbüro der Föderation ihm die Schuld geben würde, wenn die Umweltschützer sich auf sie einschossen. Kellogg fürchtete, die Schuld dafür angelastet zu bekommen, das Projekt nicht genügend abgesichert zu haben, bevor seine Firma an dessen Durchführung gegangen war. Immerhin hatte er es in der Hierarchie der Firma schon recht weit gebracht — jetzt mußte er sich gehörig abstrampeln, damit es so blieb.

»Ein paar Leute, die nicht zur Gesellschaft gehören, haben davon Wind bekommen, daß die Niederschläge seit dem letzten Jahr zurückgegangen sind«, sagte Kellogg. »Auch bei Interworld News weiß man davon, und auch einige unserer Leute sprechen schon von ökologischen Nebenwirkungen. Sie wissen, was geschieht, wenn eine solche Geschichte bis Terra vordringt. Man wird die Gesellschaft scharf kritisieren.«

Das würde Leonhard sehr weh tun. Er identifizierte sich mit der Gesellschaft. Sie war etwas Größeres, Mächtigeres als er, so etwas wie Gott.

Victor Grego identifizierte die Gesellschaft mit sich. Sie war etwas Mächtiges und Großes, das er wie ein Fahrzeug kontrollierte.

»Leonhard — ein wenig Kritik wird der Gesellschaft nicht schaden«, sagte er. »Jedenfalls nicht dort, wo es wichtig ist — bei der Dividende. Ich fürchte, Sie sind zu empfindlich gegenüber Kritik. Wo hat Emmert seine Geschichte überhaupt her? Von Ihren Leuten?«

»Nein, absolut nicht. Das bekümmert ihn ja gerade so. Dieser Rainsford war es, der alles angefangen hat.«

»Rainsford?«

»Dr. Bennett Rainsford, der Naturwissenschaftler vom Institut für Xeno-Wissenschaften. Ich habe diesen Burschen noch nie getraut. Sie stecken ihre Nasen immer in Dinge, die sie nichts angehen. Und das Institut schickt seine Berichte immer an die Kolonialbehörden. Nick Emmert glaubt, daß Rainsford ein Geheimagent der Föderation ist.«

Darüber mußte Grego lachen. Natürlich gab es Geheimagenten auf Zarathustra, Hunderte sogar. Die Gesellschaft hatte Leute hier, die ihn bespitzelten; das wußte er, und damit fand er sich auch ab. Auch die großen Aktionäre wie Interstellar Explorations, das Bankenkartell und die Terra-Baldur-Marduk-Spacelines hatten ihren Agenten. Nick Emmert hatte ebenfalls seine Gruppe von Spionen und Denunzianten, und die Terra-Föderation hatte Leute auf ihn und auf Emmert angesetzt. Bei dieser Big Blackwater-Geschichte aber an Agenten zu denken, das war wirklich albern. Nick Emmert hatte zuviel Dreck am Stecken; zu schade, daß sein überladenes Gewissen nicht auch mal durchbrannte.

»Und wenn er einer ist, Leonhard — was könnte er über uns melden? Wir sind eine eingetragene Gesellschaft, haben eine ausgezeichnete Rechtsabteilung, die dafür sorgt, daß wir unsere Satzung nicht verletzen. Und es ist eine sehr liberale Satzung. Dies ist ein unbewohnter Planet der Klasse III; die Gesellschaft hat diesen Planeten fest in der Hand. Wir können tun und lassen, was wir wollen, solange wir nicht die Satzung oder das Kolonialgesetz oder die Verfassung der Föderation verletzen. Solange wir das nicht tun, braucht Nick Emmert sich keine grauen Haare wachsen zu lassen. Und jetzt vergessen Sie die ganze verdammte Angelegenheit, Leonhard!«

Vermutlich hatte er jetzt zu hart gesprochen, denn Kellogg schien sich verletzt zu fühlen.

»Ich weiß ja, Sie machen sich über verleumderische Berichte, die nach Terra gelangen könnten, Sorgen. Das war auch sehr richtig, aber…«

Als er mit seiner Rede fertig war, war Kellogg wieder glücklich. Victor schaltete den Bildschirm ab, lehnte sich in seinen Sessel zurück und fing an zu lachen. In diesem Augenblick summte das Visifon erneut. Als er es einschaltete, meldete sich wieder seine Sekretärin.

»Mr. Henry Stenson möchte Sie sprechen, Mr. Grego.«

»Stellen Sie ihn durch.« Er konnte gerade noch verhindern, hinzuzufügen, daß es eine willkommene Abwechslung sein würde, mit jemandem zu sprechen, der Verstand besaß.

Das Gesicht, das auf seinem Bildschirm erschien, war faltig und schmal; der Mann hatte schmale Lippen und eine Unzahl winziger Fältchen um seine Augen.

»Nun, Mr. Stenson? Gut, daß Sie anrufen. Wie geht es Ihnen?«

»Sehr gut, danke. Und Ihnen?« Als Grego sich auch gute Gesundheit bescheinigt hatte, fuhr der Anrufer fort: »Was macht der Globus — läuft er immer noch synchron?«

Victor sah auf sein wertvolles Stück, den großen Globus von Zarathustra, den Henry Stenson für ihn gebaut hatte und der sich frei schwebend in seinem eigenen Antigrav-Feld etwa zwei Meter über dem Boden drehte. Ein orangerotes Licht stellte die K0-Sonne dar, die von ihren beiden Satelliten umkreist wurde.

»Der Globus selbst stimmt auf die Sekunde, und Darius ebenfalls. Xerxes allerdings befindet sich ein paar Sekunden vor seiner eigentlichen Position.«

»Wie schrecklich, Mr. Grego!« Stenson war zutiefst betroffen. »Ich werde das gleich als erstes morgen früh in Ordnung bringen. Ich hätte längst einmal nachschauen sollen, aber Sie wissen ja, wie das ist…«

Sie unterhielten sich noch eine Weile über belanglose Dinge, dann entschuldigte Stenson sich, daß er Mr. Gregos wertvolle Zeit vertan hätte, und verabschiedete sich.

Grego wandte sich um und sah voller Stolz auf seinen Globus. Der Alpha-Kontinent war langsam nach rechts gewandert, und der kleine Fleck, der Mallorys Port darstellte, glitzerte in dem orangefarbenen Licht. Darius, der innere Mond, auf dem die Terra-Baldur-Marduk-Spacelines ihren gepachteten Raumhafen hatten, stand beinahe direkt darüber, und der äußere Mond, Xerxes, tauchte gerade hinter dem Horizont auf. Xerxes war das einzige an Zarathustra, was nicht der Gesellschaft gehörte; die Terra-Föderation hatte ihn sich als Flottenstützpunkt ausgebaut. Das war der einzige Hinweis darauf, daß es noch etwas Größeres und Mächtigeres als die Gesellschaft gab.


2.

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Jack Holloway landete seinen Manipulator vor der kleinen Ansammlung vorgefertigter Hütten. Einen kurzen Moment blieb er still sitzen, während ihm bewußt wurde, daß er müde war, dann kletterte er heraus, überquerte die freie Grasfläche hinüber zum Eingang seines Wohngebäudes, öffnete ihn und griff nach dem Lichtschalter. Dann zögerte er und schaute hinauf zu Darius.

Der Mond war von einem großen Ring umgeben, und er erinnerte sich an die kleinen Zirruswolken, die sich während des ganzen Nachmittags über ihm angesammelt hatten. Vielleicht würde es heute nacht regnen. Ewig konnte dieses trockene Wetter ja nicht anhalten. In der letzten Zeit hatte er den Manipulator nachts im Freien stehen lassen; jetzt beschloß er, ihn in den Hangar zu fahren. Er öffnete die Tür des Fahrzeugschuppens, stieg wieder in die Maschine und steuerte sie hinein. Als er zum Wohngebäude zurückkam, sah er, daß er die Tür offen gelassen hatte.

»Verdammter Narr!« schalt er sich. »Hier könnte es jetzt überall von Garnelen wimmeln.«

Schnell sah er sich im Wohnzimmer um — unter dem großen Mehrzwecktisch, unter dem Gewehrschrank, unter den Stühlen, hinter dem Bildschirm, hinter dem Metallschrank mit der Mikrofilmbibliothek — aber es war nichts zu sehen. Dann hing er seinen Hut auf, legte seine Waffe auf dem Tisch ab und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen.

Als er das Licht einschaltete, machte in der Duschkabine etwas »Quiek!«

Er drehte sich schnell herum und sah, wie zwei große Augen ihn aus einem goldenen Flaumball anstarrten. Was immer es auch war, es hatte einen runden Kopf und große Ohren und ein entfernt menschliches Gesicht mit einer kleinen Stupsnase. Es saß auf seinen Hinterbeinen und war in dieser Haltung etwa dreißig Zentimeter groß.

Es besaß zwei winzige Hände mit abstehenden Daumen. Jack kauerte sich nieder, um besser sehen zu können.

»Hallo, du kleiner Kerl«, begrüßte er es. »Sowas wie dich habe ich noch nie gesehen. Was bist du denn überhaupt?«

Das kleine Geschöpf sah ihn ernst an und sagte mit etwas ängstlicher Stimme: »Quiek!«

»Ich werde dich Little Fuzzy nennen, ja, der Name paßt gut zu dir.«

Er ging näher heran, sorgsam bemüht, keine plötzlichen Bewegungen zu machen, und redete weiter auf es ein.

»Ich wette, du bist hereingeschlüpft, während ich die Tür aufgelassen habe. Nun, wenn ein Fuzzy eine offene Tür findet, dann darf er auch hereinkommen und sich umsehen.«

Vorsichtig berührte er das kleine Tier. Es zog sich zurück, griff gleich darauf aber mit einer kleinen Hand nach seinem Hemdärmel. Er streichelte das fremde Wesen und sagte ihm, daß es den weichesten, seidigsten Pelz habe, den er je gesehen hätte. Dann hob er es sich auf den Schoß. Es quiekte vor Vergnügen und legte ihm einen Arm um den Hals.

»Klar, wir werden gute Freunde sein, nicht wahr? Möchtest du etwas essen? Sehen wir doch mal nach, was wir finden können.«

Er trug es mit einer Hand wie ein Baby — zumindest glaubte er sich zu erinnern, daß Babys so getragen wurden. Das Wesen wog zwischen fünfzehn und zwanzig Pfund. Zuerst sträubte es sich, beruhigte sich dann aber und schien es zu genießen, getragen zu werden. Im Wohnzimmer setzte er sich in seinen Lieblingssessel neben einer Stehlampe und betrachtete seinen neuen Bekannten.

Es handelte sich um ein Säugetier — die Klasse der Säugetiere war auf Zarathustra recht stark vertreten —, aber darüber hinaus mußte er passen. Dies war kein Primat, wie man sie von der Erde kannte. Überhaupt glich dieses Wesen nichts, was er von Terra oder von Zarathustra her kannte. Als Zweibeiner gehörte das Tierchen jedenfalls auf dieser Welt in eine Klasse für sich. Es war einfach ein kleiner Fuzzy, das reichte ihm im Augenblick.

»Was möchtest du essen, Little Fuzzy?« fragte er. »Mach mal den Mund auf und laß Pappi Jack sehen, was du für Beißerchen hast.«

Little Fuzzys Zähne glichen in ihrer Anordnung und Form stark den seinen, sah man davon ab, daß der Kiefer runder war.

»Wahrscheinlich bist du ein Allesfresser. Wie würde dir eine hübsche Terraföderation-Weltraum-Notration Ex-Te-Drei schmecken?«

Little Fuzzy reagierte mit einem Laut, den man vielleicht als Zustimmung zu dem Versuch werten konnte. Ein Risiko bestand zudem kaum — Ex-Te-Drei war bereits an mehrere Säugetiere auf Zarathustra verfüttert worden, ohne daß nachteilige Folgen eingetreten waren. Er trug Little Fuzzy hinaus in die Küche und setzte ihn auf den Boden, holte dann eine Büchse mit der Notration heraus, öffnete sie und brach ein Stück ab, das er dem Fremden reichte. Little Fuzzy nahm das Stück goldbraunen Kuchens, beschnüffelte es, quiekte begeistert und stopfte es sich ganz in den Mund.

»Du hast bestimmt noch nie einen Monat lang von dem Zeug leben müssen, wette ich!«

Er brach den Kuchen in zwei Hälften, zerkleinerte eine davon noch weiter und legte die Stückchen auf eine Untertasse. Vielleicht wollte Little Fuzzy auch noch etwas trinken. Jack wollte schon eine Pfanne mit Wasser füllen und auf den Boden stellen, dann betrachtete er seinen Gast, der, auf seinen Hinterbeinen sitzend, mit zwei Händen aß, und er füllte statt dessen eine tiefe Schale mit Wasser, schraubte den Verschluß von einer Whiskyflasche ab und stellte ihn daneben. Little Fuzzy hatte Durst, und man brauchte ihm nicht zusagen, wozu die kleine Tasse gedacht war.

Sich selbst jetzt noch etwas Großartiges zu kochen, dazu war es jetzt zu spät. Im Kühlschrank fand er ein paar Reste und warf alles in eine Art Gulaschgericht zusammen. Während das Essen warm wurde, setzte er sich an den Küchentisch und zündete seine Pfeife an. Das kurze Aufblitzen der Feuerzeugflamme ließ Little Fuzzy erschreckt die Augen aufreißen, aber was ihn noch mehr in Erstaunen versetzte, war die Tatsache, daß Pappi Jack Rauch von sich blies. Er saß da und beobachtete dieses Phänomen, bis nach ein paar Minuten das Essen heiß war und Holloway die Pfeife beiseite legte. Dann erst machte sich Little Fuzzy wieder über sein Ex-Te-Drei her.

Plötzlich gab er ein ärgerliches Quieken von sich und rannte in das Wohnzimmer. Im nächsten Moment war er mit einem länglichen, metallischen Gegenstand zurück, den er neben sich auf den Boden legte.

»Was hast du denn da, kleiner Fuzzy? Laß Pappi Jack mal sehen, ja?«

Dann erkannte er es als seinen einzölligen Holzmeißel. Ihm fiel ein, daß er ihn draußen vor dem Schuppen liegengelassen hatte, nachdem er vor etwa einer Woche dort gearbeitet hatte. Anschließend hatte er vergeblich danach gesucht. Dies hatte ihn sehr betrübt, denn wer vergeßlich wurde und seine Ausrüstungsgegenstände verlor, würde in dieser Wildnis nicht lange überleben.

Nachdem er gegessen und das Geschirr in den Abwasch gestellt hatte, hockte er sich neben seinen neuen Freund.

»Laß Pappi Jack mal sehen, Little Fuzzy«, sagte er. »Oh, ich nehm’s dir nicht weg, will es nur mal sehen.«

Die Schneide war stumpf und schartig geworden — das Werkzeug war zu vielen Dingen benutzt worden, für die ein Meißel wohl doch nicht das richtige war. Etwa zum Graben, zum Aufbrechen und höchst wahrscheinlich auch als. Waffe. Für einen Little Fuzzy war es in jeder Beziehung ein handliches Allzweckwerkzeug. Er legte es wieder auf den Boden und machte sich daran, sein Geschirr zu waschen.

Little Fuzzy sah ihm eine Weile interessiert zu, dann begann er, die Küche zu erforschen. Einige der Dinge, die er untersuchen wollte, mußte man ihm wegnehmen; anfangs ärgerte ihn das, aber bald lernte er, daß es Dinge gab, die nicht für ihn bestimmt waren. Schließlich war der Abwasch geschafft.

Im Wohnzimmer gab es noch weitere Gegenstände zu erkunden. Einer davon war der Papierkorb. Er fand heraus, daß man ihn ausschütten konnte, und prompt stülpte er ihn um, zerrte alles, was nicht von allein herauskam, noch heraus. Von einem Stück Papier biß er ab, kaute darauf herum und spie es angeekelt wieder aus. Zerknülltes Papier glättete er, fand dann heraus, daß man es auch zusammenknüllen konnte und tat das ausgiebig. Schließlich verhedderte er sich in einigen Metern alten Tonbandes, verlor dann aber das Interesse daran und ging auf andere Entdeckungen aus. Jack fing ihn ein und holte ihn zurück.

»Nein, Little Fuzzy«, sagte er. »Man kippt Papierkörbe nicht aus und läuft dann davon. Räum alles wieder schön ein.« Er berührte den Papierkorb und sagte langsam und deutlich: »Papierkorb.« Dann stellte er ihn auf, nahm ein Stück Papier zur Hand, warf es aus Little Fuzzys Schulterhöhe aus hinein. Jetzt war Little Fuzzy an der Reihe. Jack gab ihm Papier und wiederholte mehrmals: »Papierkorb.«

Little Fuzzy sagte etwas, das fast so klang wie: »Was ist los mit dir, Pappi, bist du verrückt oder was?« Nach zwei weiteren Versuchen aber begriff er es und fing an, alles wieder hineinzuwerfen. Ein paar Minuten später hatte er alles wieder drin bis auf eine grellbunte Plastikschachtel für Munition und eine weithalsige Flasche mit einem Schraubverschluß. Er hielt diese beiden Gegenstände in die Höhe und sagte: »Quiek?«

»Ja, du kannst sie haben. Hier, Pappi Jack zeigt dir etwas.«

Er zeigte Little Fuzzy, wie man die Schachtel öffnete und schloß. Anschließend schraubte er, so daß Little Fuzzy ihm dabei zusehen konnte, den Deckel von der Flasche ab und dann wieder auf.

»Hier, jetzt versuch du es.«

Little Fuzzy sah ihn fragend an und nahm dann die Flasche. Er setzte sich und klemmte sie sich zwischen die Knie. Unglücklicherweise versuchte er, den Deckel nach der falschen Seite zu drehen, wodurch er nur noch fester draufsaß. Er quiekte kläglich.

»Nein, versuch es noch einmal. Du kannst es schon.«

Little Fuzzy betrachtete wieder die Flasche. Dann versuchte er, den Verschluß nach der anderen Seite zu lösen, und er lockerte sich. Er stieß einen Laut aus, der eigentlich nur »Eureka!« heißen konnte, und nahm den Deckel ab, hielt ihn in die Luft. Nachdem er gelobt worden war, untersuchte er die Flasche und den Deckel, betastete das Gewinde und schraubte die Kappe dann wieder auf.

»Weißt du, du bist ein ganz kluger Fuzzy.« Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihm klar wurde, wie klug. Little Fuzzy hatte überlegt, warum man die Kappe nach der einen Seite drehte, um sie abzunehmen und nach der anderen, um sie darauf zuschrauben. Was reines, logisches Denkvermögen betraf, so überstieg diese Leistung jeden Rekord tierischer Intelligenz, von dem er jemals gehört hatte. »Ich werde Ben Rainsford von dir berichten.«

Er ging ans Visifon, stellte die Kombination der Wellenlänge vom Lager des Naturforschers ein, das sich siebzig Kilometer den Snake River hinab an der Mündung des Cold Creek befand. Rainsfords Gerät mußte auf Automatik geschaltet sein, denn sein Bildschirm leuchtete sofort auf. Vor der Kamera lag eine Karte, auf der in großen Buchstaben stand: BIN VERREIST, KOMME AM FÜNFZEHNTEN ZURÜCK. AUFNAHMEGERÄT LÄUFT.

»Jack Holloway hier, Ben«, sagte er. »Ich habe gerade etwas Interessantes gefunden.« Er erklärte mit kurzen Worten, worum es sich handelte. »Ich hoffe, er bleibt bei mir, bis du zurück bist. Auf dem ganzen Planeten habe ich noch nichts Vergleichbares gesehen.«

Little Fuzzy war enttäuscht, als Jack den Bildschirm abschaltete — das war etwas Interessantes gewesen. Er hob ihn auf und trug ihn hinüber zu dem Sessel, wo er ihn auf den Schoß nahm.

»So«, sagte er und griff nach der Bedienung seines TV-Geräts. »Paß auf, wir werden uns etwas Nettes ansehen.«

Als das Bild sich stabilisierte, sah er als erstes eine Luftaufnahme von den großen Feuern, mit denen die Leute der Gesellschaft die eingetrockneten Wälder in den ehemaligen Big Blackwater-Sümpfen niederbrannten. Little Fuzzy schrie erschreckt auf und klammerte sich mit seinen Ärmchen an Pappi Jacks Hals, verbarg das Gesicht in seinem Hemd. Nun, hin und wieder verursachte ein Blitz einen Waldbrand und mußte daher nichts Neues für den Kleinen sein. Er drehte an der Bedienung und schaltete auf eine andere Kamera um, diesmal eine, die sich an der Spitze des Hochhauses der Gesellschaft in Mallorys Port befand, drei Zeitzonen westlich. Unter der Kamera breitete sich die Stadt aus, und der Sonnenuntergang zauberte im Westen prächtige Farben an den Horizont. Little Fuzzy starrte das Bild ehrfurchtsvoll an. Für einen kleinen Burschen wie ihn war das sicherlich beeindruckend, hatte er doch sein ganzes Leben im Wald verbracht.

Interessant waren auch der Raumhafen und viele andere Dinge, eine Gesamtansicht des Planeten von Darius aus verwirrte ihn allerdings erheblich. Dann, mitten in einem Symphoniekonzert aus dem Opernhaus von Mallorys Port, kletterte er herunter, ergriff seinen Meißel und schwang ihn zweihändig über die Schulter.

»Was zum Teufel…? Oh!«

Eine Landgarnele, die hereingekommen sein müßte, während die Tür offengestanden hatte, lief quer durch das Wohnzimmer. Little Fuzzy verfolgte sie, schwang sein Schwert und ließ es genau hinter dem Kopf des Tieres niedersausen. Ein Schlag reichte aus, um Kopf und Körper des Tieres zu trennen. Für einen kurzen Augenblick betrachtete er sein Opfer, dann schob er den Meißel darunter und drehte es auf den Rücken. Zwei Schläge mit der stumpfen Seite des Meißels, und der Panzer war geknackt. Jetzt begann er die Garnele zu zerlegen, wobei er Fleischstücke aus ihr herausriß und mit sichtlichem Behagen verspeiste. Nachdem er die größten Brocken verzehrt hatte, benutzte er den Meißel dazu, eine der Scheren der Garnele abzutrennen und mit ihrer Hilfe die weniger zugänglichen Teile herauszuholen. Als er damit fertig war, leckte er sich die Finger und näherte sich wieder dem Sessel.

»Nein.« Jack deutete auf den Garnelen-Panzer. »Papierkorb.«

»Quiek?«

»Papierkorb.«

Little Fuzzy sammelte die Panzerstücken ein, trug sie dorthin, wo sie hingehörten. Dann kam er zurück und kletterte wieder auf Pappi Jacks Schoß und betrachtete den Bildschirm, bis er einschlief.

Jack hob ihn vorsichtig auf und legte ihn, ohne ihn aufzuwecken, auf den warmen Sessel. Dann ging er in die Küche, schenkte sich einen Drink ein, den er auf den Wohnzimmertisch stellte, entzündete seine Pfeife und machte sich an die Tagebucheintragungen dieses Tages. Nach einer Weile wachte Little Fuzzy auf, stellte fest, daß der Schoß, auf dem er eingeschlafen war, verschwunden war, und quiekte erbärmlich.

Eine zusammengefaltete Decke in einer Ecke des Schlafzimmers wurde zu seinem Bett, nachdem Little Fuzzy sich vergewissert hatte, daß kein Ungeziefer darin war. Er holte noch seine Flasche und seine Schachtel heran und legte sie neben sich auf den Boden. Dann rannte er zum Eingang und quiekte, bis Jack ihn hinausließ. In etwa sechs Meter Entfernung benutzte er den Meißel dazu, ein kleines Loch auszuheben, das er, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte, sorgfältig wieder mit Erde ausfüllte und dann zurückgerannt kam.

Vielleicht waren Fuzzys von Natur aus gesellig und bauten sich ihre Unterkünfte selbst — Astlöcher, Erdhöhlen, irgend so etwas. Dies hier, so schien es jetzt, war Little Fuzzys Heim, und er zeigte, daß er sich darin zu benehmen wußte.


Am nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, versuchte er, Pappi Jack aus seinen Decken hervorzuheben. Abgesehen von seinen Fähigkeiten als zuverlässiger Garnelenbeseitiger, war er also auch ein erstklassiger Wecker. Aber vor allem war er eben Pappi Jacks Little Fuzzy. Er wollte wieder hinaus; diesmal griff Jack sich seine Filmkamera und hielt den gesamten Vorgang damit fest. Als erstes würde er eine kleine Tür mit einer Feder einbauen müssen, die Little Fuzzy allein bedienen konnte. Er entwarf sie während des Frühstücks. Nach knapp zwei Stunden war sie hergestellt und eingebaut — Little Fuzzy begriff ihre Funktion sofort und fand allein heraus, wie er sie zu bedienen hatte.

Jack ging wieder in seine Werkstatt und machte auf der kleinen Esse Feuer und schmiedete darauf eine zugespitzte, breite Klinge, vier Zoll lang, am Ende einer viertelzölligen, etwa dreißig Zentimeter langen Stahlstange. Als er damit fertig war, stellte er fest, daß die Spitze Übergewicht hatte, und so schweißte er an das andere Ende als Gegengewicht einen Knauf an. Little Fuzzy erkannte sofort den Zweck des Gerätes; er rannte hinaus, grub zur Übung ein paar Löcher und begann dann, im Gras nach Landgarnelen zu suchen.

Jack folgte ihm mit der Kamera und filmte zwei erfolgreiche Garnelen Jagden, die alle mit einer erstaunlichen Präzision vor sich gingen. Little Fuzzy hatte seine Geschicklichkeit bestimmt nicht erst in der Woche erlernt, seit er den Meißel besaß.

Er ging in den Schuppen und suchte darin herum, ohne genau zu wissen, was er eigentlich suchte. Aber dann fand er etwas, was Little Fuzzy liegengelassen hatte, als er den Meißel an sich genommen hatte. Es war ein Stück glattgeschliffenes Hartholz. An einem Ende war es abgeflacht und scharf genug, um eine Garnele zu köpfen, während die andere Seite nadelspitz gearbeitet war. Jack nahm den Fund mit in sein Wohngebäude und untersuchte ihn auf seinem Tisch mit einem Vergrößerungsglas.

An der Spitze klebten noch Erdreste — sie war also als Picke benutzt worden. Das flache Ende hatte als Schaufel, als Schwert und Schalenknacker gedient. Little Fuzzy hatte genau gewußt, was er wollte, als er sich dieses Gerät angefertigt hatte, und hatte solange daran gearbeitet, bis es so perfekt war, wie er es brauchte; sorgsam hatte er dabei vermieden, es durch extreme Bearbeitung zu empfindlich werden zu lassen.

Schließlich legte Jack es in die oberste Schublade seines Tisches. Er überlegte gerade, was er sich zu Mittag zubereiten sollte, als Little Fuzzy hereingestürmt kam, seine neue Waffe krampfhaft festhielt und aufgeregt quiekte.

»Was ist los, Kleiner? Wo brennt’s denn?« Er stand auf, ging zu seinem Gewehrschrank, nahm eine Waffe heraus und überprüfte deren Schloß. »Zeig Pappi Jack, was passiert ist.«

Little Fuzzy folgte ihm zu der Tür, die für Gestalten von der Größe der Erdbewohner gebaut war und stand bereit, jederzeit schnell wieder ins Haus zu verschwinden. Draußen war eine Harpyie erschienen — ein Ding von der Größe und Gestalt eines Pterodaktyls aus der terranischen Jurazeit, groß genug, um einen Little Fuzzy mit einem Bissen zu verschlucken. Einen Angriff mußte die Bestie bereits gegen Little Fuzzy gemacht haben, und jetzt setzte sie zu einem zweiten an. Aber eine Sechs-Millimeter-Kugel aus Jacks Gewehr traf sie mitten im Lauf, warf sie zurück. Wie ein Stein brach sie zusammen.

Little Fuzzy gab einen überraschten Laut von sich, sah einen Moment zu der toten Harpyie und entdeckte dann die ausgeworfene Patronenhülse. Er ergriff sie und hielt sie fragend hoch. Jack erlaubte ihm, sie zu behalten, und sofort rannte der Kleine damit ins Schlafzimmer zurück. Als er wiederkam, nahm Pappi Jack ihn auf den Arm und trug ihn zum Hangar hinüber, setzte ihn neben sich in die Kontrollkabine des Manipulators.

Das dumpfe Brummen des Antigrav-Generators und das Gefühl, angehoben zu werden, verängstigten Little Fuzzy anfangs, aber nachdem sie die Harpyie mit dem Greifer aufgehoben hatten und auf einhundert Meter Höhe angestiegen waren, begann er, sich an dem Flug zu erfreuen. Sie ließen die Harpyie in einer Entfernung von zwei Meilen in einem Gebiet fallen, das auf neuesten Karten als Holloways Run bezeichnet wurde. Dann flogen sie in großem Bogen über die Berge wieder nach Hause. Little Fuzzy hatte großen Spaß daran.

Nach dem Mittagessen machte Little Fuzzy auf Pappi Jacks Bett ein Nickerchen. Jack selbst flog mit dem Manipulator zu der Stelle, wo er am Vortage die Sonnensteine freigelegt hatte, machte ein paar Sprengungen, legte mehr Kiesel frei und fand auch einen weiteren Sonnenstein. Es kam selten vor, daß er an zwei Tagen hintereinander fündig wurde. Als er zu seiner Hütte zurückkehrte, war Little Fuzzy davor gerade mit dem Zerlegen einer weiteren Landgarnele beschäftigt.

Nach dem Abendessen — Little Fuzzy liebte auch gekochte Speisen, wenn sie nicht zu heiß waren — gingen sie gemeinsam ins Wohnzimmer. Jack erinnerte sich an eine Schraube und eine Mutter, die er in seinem Schubfach gesehen hatte, und er holte sie heraus, zeigte sie Little Fuzzy. Little Fuzzy studierte sie einen Augenblick, rannte dann ins Schlafzimmer und kam mit der Schraubverschlußflasche zurück. Er nahm den Deckel ab, drehte ihn wieder drauf, drehte dann die Mutter von der Schraube und hielt sie hoch.

»Siehst du, Pappi«, schien er zu quieken. »Ist ganz einfach!«

Dann schraubte er die Mutter wieder auf die Schraube, warf beides in die Flasche und verschloß sie schließlich.

»Quiek«, sagte er mit höchster Befriedigung.

Er hatte auch das Recht, zufrieden zu sein. Was er soeben geleistet hatte, war eine Klassifizierung gewesen. Schraubverschlüsse und Muttern gehörten in die gleiche allgemeine Klasse von Dingen, die man auf andere Dinge schraubte. Um sie abzunehmen, drehte man nach links, um sie wieder aufzuschrauben, nach rechts, nachdem man sich vergewissert hatte, daß die Gewinde zueinanderpaßten. Und da ihm Begriffe wie links und rechts offenbar begreiflich waren, bedeutete das, daß er sich auch abstrakte Begriffe, nicht nur konkrete Gegenstände vorstellen konnte. Vielleicht ging dieser Schluß ein wenig zu weit, aber…

»Weißt du, Pappi Jack hat wirklich einen sehr klugen Little Fuzzy. Bist du nun ein erwachsener Little Fuzzy oder nur ein Baby Fuzzy? Hm, ich wette, du bist ein Professor Dr. Fuzzy.«

Er überlegte, womit er den Professor, falls er einer war, als nächstes beschäftigen sollte. Im Augenblick erschien es ihm zudem unklug, ihm zuviel darüber beizubringen, wie man etwas auseinandernahm. Bestimmt würde er dann eines Tages nach Hause kommen und wichtige Teile oder Geräte zerlegt vorfinden. Schließlich ging er in seine Gerätekammer, suchte dort herum, bis er einen Blechkanister gefunden hatte. Als er in die Stube zurückkehrte, war Little Fuzzy auf den Tisch geklettert und paffte hustend und keuchend an Jacks Pfeife.

»He, ich glaube, das ist gar nicht gut für dich!«

Schnell nahm er seine Pfeife an sich, wischte das Mundstück ab und steckte sie sich in den Mund. Dann stellte er den Kanister, in dem sich etwa zehn Pfund Steine befanden, auf den Boden und Little Fuzzy daneben. Die Steine waren der Rest seiner Sammlung hiesiger Mineralien, und er war froh, sie nicht alle bereits wieder fortgeworfen zu haben.

Little Fuzzy inspizierte den Kanister, erkannte dann, daß der Deckel zur Familie der Dinge gehörte, die man auf- und abschrauben konnte, und hob ihn auf. Als er die Steine entdeckte, kam er sehr schnell darauf, daß sie zu dem gehörten, was man herausnehmen und verstreuen konnte. Das tat er, und als sie alle auf dem Boden des Zimmers lagen, begann er, sie nach Farben zu sortieren.

Dies war der erste Beweis dafür, daß er Farben wahrnehmen konnte, sah man von seinem Interesse für den Fernsehschirm ab. Nach und nach ordnete er sie in spektraler Reihenfolge an — auf ein Stück Amethyst-Quarz folgte ein dunkelroter Stein. Vielleicht hatte er schon viele Regenbogen beobachtet, vielleicht lebte er in der Nähe eines Wasserfalls, wo es ständig Regenbögen gab, wenn die Sonne schien…

Als er damit fertig war, kam ihm plötzlich ein neuer Gedanke: Jetzt legte er die Steine in Muster, in Ringen und Spiralen aus. Jedesmal, wenn ihm ein Muster gelungen war, quiekte er glücklich und heischte Aufmerksamkeit. Er besah sich sein Werk einige Zeit und veränderte dann die Lage der Steine erneut. Little Fuzzy, das war deutlich zu erkennen, war imstande, künstlerisch zu arbeiten. Er ordnete diese Steine einfach, weil es ihm Freude machte, sie anzuschauen.

Schließlich tat er sie alle wieder zurück in den Kanister, legte den Deckel drauf, schob ihn ins Schlafzimmer genau neben seine Lagerstatt zu den anderen Schätzen. Seine neue Waffe legte er neben sich auf die Decke, bevor er einschlief.


Am nächsten Morgen zerlegte Jack einen ganzen Kuchen Ex-Te-Drei und stellte ihn hinunter. Er füllte die Schale mit Wasser auf, und nachdem er sich vergewissert hatte, das nichts herumlag, was Little Fuzzy zerstören oder womit er sich weh tun konnte, flog er mit seinem Manipulator an seine Arbeitsstelle. Den ganzen Morgen arbeitete er schwer, knackte fast eineinhalb Tonnen Kiesel, ohne daß er etwas fand. Dann löste er eine Reihe weiterer Explosionen aus, bis eine ganze Steinlawine herunterging, die weiteren Kieselstein freilegte. Anschließend ließ er sich unter einem Kugelbaum sein Mittagessen schmecken.

Eine halbe Stunde, nachdem er wieder zu arbeiten begonnen hatte, fand er das Fossil einer Qualle, die sich nicht richtig ernährt hatte, aber kurz darauf entdeckte er vier Einlagerungen, von denen zwei Sonnensteine waren, vier oder fünf Versuche später einen dritten. Kein Zweifel, das mußte so etwas wie ein Quallenfriedhof gewesen sein! Am Spätnachmittag, als er alle lose herumliegenden Kiesel untersucht hatte, besaß er neun Steine, darunter einen tiefroten von einem Zoll Durchmesser. Hier mußte eine Strömung in einem urzeitlichen Ozean alle Quallen an eine Stelle getrieben haben. Kurz überlegte er, ob er noch einige Sprengungen vornehmen sollte, entschied aber, daß es dazu bereits zu spät war, und kehrte in sein Lager zurück.

»Little Fuzzy!« rief er, als er die Tür zum Wohnzimmer öffnete. »Wo steckst du, Little Fuzzy? Pappi Jack ist reich, das werden wir feiern!«

Schweigen. Er rief noch einmal, aber immer noch keine Antwort, kein Trappeln kleiner Füße. Vielleicht hat er alle Garnelen im Umkreis des Lagers ausgerottet und ist jetzt tiefer im Wald auf Jagd, dachte Jack. Er schnallte seine Pistole ab und ging in die Küche. Das meiste des Ex-Te-Drei war verschwunden. Im Schlafzimmer stellte er fest, daß Little Fuzzy die Steine aus der Keksdose ausgeschüttet und ein Muster gelegt hatte, in dem der Meißel diagonal auf der Bettdecke lag.

Nachdem er sich sein Essen zubereitet und in den Ofen geschoben hatte, ging er vor das Haus und rief eine Weile nach Little Fuzzy. Als sich nichts regte, ging er wieder hinein, mixte sich einen Highball und nahm ihn mit ins Wohnzimmer. Beinahe ungläubig machte er sich langsam klar, daß er für insgesamt fast fünfundsiebzigtausend Sols Sonnensteine gefunden hatte. Er tat die Steine in den Beutel und gab sich angenehmen Gedanken hin, während er an seinem Drink nippte, bis eine Küchenglocke ihn daran erinnerte, daß das Essen fertig war.

Die ganzen Jahre hindurch hatte er allein gegessen und war’s zufrieden gewesen — plötzlich schien es ihm unerträglich zu sein. Anschließend suchte er in seiner Mikrofilmbibliothek herum, fand aber nur Bücher, die er meist schon ein dutzendmal gelesen hatte oder Bücher, die er als Nachschlagewerke aufhob. Mehrmals glaubte er zu hören, wie das Türchen sich öffnete, aber jedesmal stellte sich heraus, daß er einem Irrtum zum Opfer gefallen war. Schließlich legte er sich schlafen.

Am nächsten Tag waren der Meißel, war das Ex-Te-Drei unberührt. Jack erneuerte noch das Wasser in der kleinen Schale, dann machte er sich an seine Arbeit. An diesem Tag fand er drei weitere Sonnensteine, aber lustlos und kaum interessiert steckte er sie in seinen Beutel. Relativ früh bereits hörte er mit seiner Arbeit auf, verbrachte noch eine Stunde damit, sein Lager zu umrunden, sah aber nichts.

Deprimiert suchte er kurz darauf seine Küche auf, um sich einen Drink zu holen, hielt aber plötzlich inne. Trinkt man erst einen, weil man sich selbst bedauert, hat der Drink kurz darauf Mitleid mit einem und braucht noch einen. Und zwei Drinks sind gar nichts ohne einen dritten. Nein, er wollte es bei einem belassen. Vielleicht fiel er größer aus als sonst, aber auf jeden Fall würde er ihn sich erst vor dem Zubettgehen genehmigen.


3.

<p>3.</p>

Plötzlich wurde er wach, rieb sich die Augen und sah zur Uhr. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr; jetzt wurde es höchste Zeit, den Drink zu nehmen und dann endgültig zu schlafen. Steifbeinig ging er in die Küche, schenkte sich ein Glas mit Whisky ein und ging an seinen Schreibtisch zurück, wo er sein Tagebuch herausnahm. Er hatte fast die Eintragungen für den Tag beendet, da öffnete sich die kleine Tür hinter ihm, und ein dünnes Stimmchen sagte: »Quiek!«

Er drehte sich um.

»Little Fuzzy?«

Das Geräusch wiederholte sich, klang ungeduldig. Little Fuzzy hielt die Tür auf, und dann kam von draußen eine Antwort. Dann kam ein anderer Fuzzy herein und noch einer; insgesamt waren es vier, und einer davon trug einen kleinen Ball aus weißem Pelz in seinen Armen vor sich her. Sie alle trugen Garnelentöter wie den in der Schublade bei sich, blieben mitten im Raum stehen und starrten verblüfft umher. Dann legte Little Fuzzy seine Waffe nieder und rannte auf ihn zu; Jack beugte sich aus dem Stuhl herunter, fing ihn auf und setzte sich dann neben ihn auf den Boden.

»Deshalb bist du also fortgerannt und hast Pappi Jack Sorgen gemacht? Du wolltest deine Familie auch hier haben!«

Die anderen legten alles, was sie bei sich trugen, neben Little Fuzzys stählernen Garnelentöter und näherten sich zögernd. Jack sprach zu ihnen, und, so schien es zumindest, Little Fuzzy tat es auch. Schließlich kam einer zu ihm heran, zupfte ihn am Ärmel, griff dann hinauf und zog ihn am Bart. Bald schon kletterten sie alle auf ihm herum, selbst das Weibchen mit dem Baby. Es war so klein, daß es bequem auf seiner Innenhand Platz fand, kletterte aber auf seine Schulter und saß gleich darauf auf seinem Kopf.

»Ihr möchtet bestimmt etwas zu essen haben?« fragte er.

Little Fuzzy quiekte zustimmend; dieses Wort verstand er. Jack führte sie alle in die Küche und bot ihnen kalten Veldtierbraten, Yummiyams und gebratene Poolballfrüchte an. Während sie aus zwei großen Pfannen aßen, ging er zurück ins Wohnzimmer, um zu untersuchen, was sie mitgebracht hatten. Zwei der Garnelentöter waren aus Holz, genau wie der, den Little Fuzzy im Schuppen zurückgelassen hatte. Der dritte bestand aus Horn und war wunderschön poliert, und der vierte sah aus, als hätte man ihn aus dem Schulterknochen einer Zebralope gemacht. Dann gab es noch eine kleine Axt, die ziemlich steinzeitlich aussah, und ein Feuersteingerät von der Form eines Orangenschnitts, das an der scharfen Kante etwa fünf Zoll lang war. In Relation zum Maßstab seiner Hand, hätte er das einen Schaber genannt. Eine Weile brütete er über dem Gegenstand, dann bemerkte er, daß die scharfe Kante gezackt war, und entschied, daß es sich um eine Säge handelte. Und dann gab es noch drei gute Steinmesser und einige Muscheln, offensichtlich Trinkgefäße.

Mama Fuzzy kam derweil herein und beäugte Jack mißtrauisch. Schnell stellte sie aber fest, daß er ihrem Familienbesitz keinen Schaden zugefügt hatte.

Ein paar Minuten später kam der Rest der Fuzzyfamilie freudig quiekend hereingetollt. Sie jagten und schubsten sich herum. Mama Fuzzy kletterte auf Jacks Schoß, und Baby Fuzzy machte sich einen Spaß daraus, von seinem Kopf herunter auf ihre Schulter zu springen. Und da hatte er geglaubt, Little Fuzzy verloren zu haben — jetzt hatte er fünf Fuzzys und ein Baby-Fuzzy. Als sie von dem Herumtollen müde waren, richtete er ihnen im Wohnzimmer Bettchen und brachte auch Little Fuzzys Lager und seine Schätze herüber. Ein kleiner Fuzzy im Schlafzimmer war ja noch zu ertragen, aber fünf und Baby Fuzzy waren einfach zuviel.

Am nächsten Morgen beteiligten sich alle, auch das Baby, daran, ihn zu wecken.


Nach dem Frühstück fertigte er für jeden von ihnen eine Schwert-Schaufel und ein halbes Dutzend weitere für den Fall an, daß noch mehr Fuzzys auftauchen sollten. Darüber hinaus fertigte er eine Miniaturaxt mit einem Hartholzgriff, eine Handsäge aus einem abgebrochenen Motorsägeblatt und ein halbes Dutzend kleiner Messer aus einem durchgehenden Stück, die aus viertelzölligem Federstahl entstanden. Den Fuzzys dafür ihre eigenen Ausrüstungsgegenstände abzuhandeln, machte weniger Mühe, als er erwartet hatte. Sie besaßen einen ausgeprägten Sinn für Eigentum, erkannten aber ein gutes Geschäft sofort, wenn man es ihnen anbot. Die hölzernen, knöchernen, steinernen Artefakte der Fuzzys verstaute er in seiner Schublade. Das war vielleicht der Anfang von Holloways Sammlung zarathustrischer Fuzzy-Waffen und -Zubehör-Sammlung. Vielleicht würde er sie eines Tages der Föderations-Institut für Xeno-Wissenschaften vermachen.

Natürlich mußte die ganze Familie ihre neuen Schwert-Schaufeln an den Landgarnelen ausprobieren, und Jack folgte ihr mit seiner Kamera. Sie töteten insgesamt eineinhalb Dutzend Tiere an diesem Morgen, und so hatten sie am Mittagessen begreiflicherweise kaum. Interesse, obwohl sie knabbernd herumsaßen und nachmachten, was er tat. Sobald sie damit fertig waren, legten sie sich zu einem Nickerchen auf sein Bett. Den Nachmittag verbrachte er in seinem Lager mit allerlei Arbeiten, die er zum Teil schon seit Monaten aufgeschoben hatte. Am späten Nachmittag erschienen die Fuzzys, um im Gras herumzutollen.

Er war gerade in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten, als sie durch ihre kleine Tür hereingestürmt kamen und einen schrecklichen Lärm veranstalteten. Little Fuzzy und eines der anderen Männchen kamen in die Küche. Little Fuzzy hockte sich auf den Boden, legte eine Hand ans Kinn, Daumen und den kleinen Finger ausgestreckt, und die andere an die Stirn, wobei er den Zeigefinger ausstreckte. Dann stieß er den rechten Arm steif nach vorn und gab ein bellendes Geräusch von sich, wie Jack es noch nie von ihm gehört hatte. Er mußte es noch einmal wiederholen, bevor Jack verstand.

Es gab einen großen, höchst unangenehmen Fleischfresser, den man »Scheusal« nannte, vermutlich, weil dem ersten Kolonisten, dem er begegnet war, dieses Wort durch den Kopf gefahren war. Dieses Tier hatte ein Horn auf der Stirn und je eines an beiden Seiten des Unterkiefers. Ein Scheusal war etwas, das nicht nur Fuzzys, sondern auch Menschen in Aufregung versetzen konnte. Jack legte sein Schälmesser und die Yummiyam-Frucht beiseite, mit der er sich gerade beschäftigt hatte, wischte sich die Hände ab und ging ins Wohnzimmer, wo er sich durch eine schnelle Zählung überzeugte, daß keiner aus der Familie fehlte, dann trat er an den Gewehrschrank.

Diesmal nahm er nicht, wie im Fall der Harpyie, die Sechs-Millimeter, sondern die große 12.7er Doppelexpreß, überzeugte sich, daß sie geladen war und steckte sich noch ein paar Reservepatronen in die Tasche. Little Fuzzy folgte ihm ins Freie, deutete draußen nach links am Wohngebäude vorbei. Der Rest der Familie blieb im Haus.

Jack trat etwa sechs Meter vor das Haus hinaus und sah sich um. Im Norden war kein Scheusal zu sehen, und er wollte gerade nach Osten gehen, als Little Fuzzy an ihm vorbeigerannt kam und aufgeregt nach hinten deutete. Er wirbelte herum, sah wie das Scheusal von hinten auf ihn zustürzte, den Kopf gesenkt und das Horn auf der Stirn angriffslustig gesenkt. Er hätte daran denken müssen; ein Scheusal war sehr wohl imstande, aus einem Jäger einen Gejagten zu machen.

Instinktiv hob er die Waffe an die Schulter und drückte ab. Das lange Gewehr donnerte laut und schlug gegen seine Schulter. Die Kugel traf das Scheusal und warf seine halbe Tonne Lebendgewicht nach hinten. Der zweite Schuß traf es genau unter einem der pilzförmigen Ohren, worauf es nach einem konvulsivischen Zucken still liegenblieb. Er lud mechanisch nach, aber ein dritter Schuß erübrigte sich. Das Scheusal war so tot wie er es jetzt gewesen wäre, wenn Little Fuzzy ihn nicht gewarnt hätte.

Er erklärte das auch Little Fuzzy, der schweigend die leeren Patronenhülsen aufsammelte. Dann, seine Schulter an der Stelle reibend, wo ihn der Gewehrkolben getroffen hatte, ging er in die Hütte zurück und stellte das Gewehr weg. Dann benutzte er den Manipulator, um das Scheusal vom Lager fortzubringen und dann in eine Baumkrone fallenzulassen, wo es den Harpyien einen willkommenen Fraß bieten würde.


Nach dem Abendessen gab es einen neuen Alarm. Die Familie hatte sich nach ihrem abendlichen Herumtoben im Wohnzimmer versammelt, wo Little Fuzzy das Prinzip der Dinge erklärte, die man auf- und wieder abschrauben konnte, als sie ein lautes Tuten über der Hütte zusammenfahren ließ. Alle erstarrten und sahen zur Decke hinauf und rannten dann hinüber zum Gewehrschrank, um sich darunter zu verstecken. Dies mußte etwas viel Gefährlicheres als ein Scheusal sein, und was Pappi Jack dagegen unternehmen würde, mußte einer kleinen Katastrophe gleichkommen. Sehr überrascht aber waren sie, als er einfach nur zur Tür ging, sie öffnete und hinaustrat. Schließlich hatte keiner von ihnen bisher die Hupe eines Polizeigleiters gehört.

Der Gleiter senkte sich vor dem Haus ins Gras, schwankte noch einmal, und dann wurde der Antigrav-Generator abgeschaltet. Zwei Männer in Uniform stiegen aus, und Jack erkannte sie im Mondlicht sofort: Lieutenant Lunt und sein Fahrer, Ahmed Khadra. Er rief ihnen einen Gruß zu.

»Irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte er.

»Nein; wir wollten nur mal nachsehen, wie es Ihnen geht«, antwortete Lunt. »Schließlich kommen wir nicht oft in diese Gegend. Sie haben in letzter Zeit keine Probleme gehabt, wie?«

»Seit damals nicht mehr«. Dieses damals bezog sich auf zwei Waldstreicher, ehemalige Veldtier-Hirten aus dem Süden, die von dem kleinen Beutel gehört hatten, den er um den Hals trug. Alles, was die Konstabler damals hatten tun müssen, war, die Leichen zu entfernen und einen Bericht zu schreiben. »Kommen Sie ‘rein und hängen Sie Ihre Waffen einen Moment ab. Ich hab’ da etwas, was ich Ihnen zeigen möchte.«

Inzwischen war Little Fuzzy herausgekommen und hatte begonnen, ihn am Hosenbein zu ziehen; Jack bückte sich und hob ihn auf, setzte ihn sich auf die Schulter. Der Rest der Familie hielt es jetzt wohl für ungefährlich und war zur Tür gekommen.

»He! Was zum Teufel sind das für Biester?« fragte Lunt und blieb unwillkürlich stehen.

»Fuzzys. Soll das heißen, daß Sie noch nie Fuzzys gesehen haben?«

»Nein, habe ich nicht. Was ist das denn?«

Die beiden Konstabler traten näher, und Jack ging ins Haus, wobei er den Fuzzys bedeutete, den Weg freizugeben. Lunt und Khadra traten durch die Tür.

»Ich sagte es Ihnen ja. Sie sind Fuzzys. Einen anderen Namen kenne ich nicht für sie.«

Zwei Fuzzys kamen herüber und sahen an Lieutenant Lunt herauf. Einer der beiden sagte: »Quiek?«

»Sie wollen wissen, was Sie sind — die Neugierde beruht also auf Gegenseitigkeit.«

Lunt zögerte einen Augenblick, dann schnallte er seinen Waffengurt ab und hängte ihn an einen Haken hinter der Tür. Seine Dienstmütze plazierte er darüber. Khadra folgte seinem Beispiel prompt. Das bedeutete nämlich, daß sie für vorübergehend außer Dienst waren und jederzeit einen Drink akzeptierten, wenn man ihnen einen anbot. Ein Fuzzy zog Khadra am Hosenbein und buhlte um Aufmerksamkeit für sich, Mama Fuzzy hielt Baby Fuzzy in die Luft, um es Lunt zu zeigen. Khadra zögerte etwas, hob dann aber den Fuzzy auf, der ihn am Hosenbein gezerrt hatte.

»Ich hab’ noch nie sowas gesehen«, sagte er. »Wo kommen die her, Jack?«

»Ahmed, Sie wissen überhaupt nichts von diesen Dingen«, wies Lunt ihn milde zurecht.

»Sie tun mir nichts, Lieutenant; Jack haben sie ja auch nichts getan, oder?« Er setzte sich auf den Boden, und zwei weitere Fuzzys gesellten sich zu ihm. »Warum machen Sie sich nicht mit ihnen bekannt? Sie sind doch niedlich.«

George Lunt konnte natürlich nicht zulassen, daß einer seiner Leute etwas tat, was er nicht konnte; so setzte er sich ebenfalls auf den Boden und Mama Fuzzy brachte ihm ihr Baby. Unverzüglich kletterte Baby auf seine Schulter und versuchte, auf seinen Kopf zu gelangen.

»Trotzdem — bei fremden Lebensformen bin ich immer vorsichtig«, sagte Lunt. »Sie wissen ja, was schon so alles geschehen ist…«

»Es sind keine fremden Lebensformen — sie sind zarathustrische Säugetiere — die gleiche Art, die Sie beinahe täglich auf Ihrer Speisekarte haben. Ihre Biochemie ist der unsrigen ähnlich. Glauben Sie, daß Sie davon die Masern oder sowas bekommen?« Er setzte Little Fuzzy zu den anderen auf den Boden. »Wir haben diesen Planeten seit fünfundzwanzig Jahren erforscht, und niemand hat so etwas entdeckt.«

»Sie sagten es ja selbst«, warf Khadra ein. »Jack ist lange genug hier, um sich da auszukennen.«

»Nun… nett sind die kleinen Burschen ja.« Lunt griff sich auf den Kopf und gab Baby an Mama Fuzzy zurück. Little Fuzzy hatte sich inzwischen des Kettchens bemächtigt, an dem Lunts Trillerpfeife hing, und versuchte herauszubekommen, was am anderen Ende befestigt war. »Ich denke, sie leisten Ihnen gute Gesellschaft.«

»Man gewöhnt sich leicht an sie. Machen Sie es sich bequem, ich will ein paar Erfrischungen holen.«

Während er in der Küche damit beschäftigt war, einen Sodasiphon zu füllen und Eis aus dem Kühlschrank zu holen, schrillte im Wohnzimmer laut die Polizeipfeife. Jack öffnete gerade eine Flasche, als Little Fuzzy in die Küche gestürmt kam, dicht gefolgt von einigen anderen seiner Artgenossen, die versuchten, ihm die Pfeife abzunehmen. Er öffnete eine Büchse Ex-Te-Drei für die Fuzzys; während er das tat, ertönte eine zweite Pfeife.

»Wir haben in unserer Station eine ganze Schuhschachtel davon!« schrie Lunt ihm über den Lärm hinweg zu. »Wir schreiben diese beiden als im Dienst abhanden gekommen ab.«

»Das ist lieb von Ihnen, George. Ich möchte Ihnen sagen, daß die Fuzzys sich sehr darüber freuen. Ahmed, übernehmen Sie solange den Job als Barmann, während ich den Kindern ihre Süßigkeiten verabreiche.«

Während Khadra die Drinks mixte und Jack selbst das Ex-Te-Drei verteilte, hatte Lunt es sich im Sessel bequem gemacht. Vor ihm saßen die Fuzzys und musterten ihn immer noch neugierig. Das Ex-Te-Drei hatte aber immerhin dafür gesorgt, daß sie die Pfeifen für eine Weile vergessen hatten.

»Was ich wissen möchte, Jack, ist, woher sie kommen«, sagte Lunt, während er seinen Drink entgegennahm. »Ich bin jetzt seit fünf Jahren hier und habe nie etwas Ähnliches gesehen.«

»Ich bin sogar schon zehn Jahre hier und habe sie nie vorher gesehen. Ich glaube, sie kommen aus dem Norden, aus dem Land zwischen den Kordilleren und dem Gebirge an der Westküste. Abgesehen von einigen Landeunternehmungen hier und dort, ist dieses Land niemals erforscht worden. Theoretisch ist es möglich, daß es von Fuzzys wimmelt.«

Er berichtete von seiner ersten Begegnung mit Little Fuzzy, und als er von dem Meißel und der Jagd auf die Landgarnelen berichtete, sahen Lunt und Khadra sich überrascht an.

»Das ist es!« rief Khadra aus. »Ich habe aufgeknackte Garnelenpanzer gefunden, die außerdem fein säuberlich ausgenommen worden waren, wie Sie es beschreiben. Habe mich immer gefragt, wer das gemacht haben könnte. Aber sie besitzen doch nicht alle Holzmeißel! Was, glauben Sie, verwenden sie normalerweise?«

»Ah!« Jack zog sein Schubfach auf und räumte seine Sammlung hervor. »Hier ist das Ding, das Little Fuzzy wegwarf, als er meinen Meißel fand. Der Rest von dem Zeug stammt von den anderen.«

Lunt und Khadra kamen näher, um sich die Gegenstände anzusehen. Der Lieutenant wollte nicht glauben, daß die Fuzzys so etwas hergestellt haben konnten. Die Fuzzys hatten inzwischen ihre Ex-Te-Drei-Mahlzeit beendet und starrten erwartungsvoll auf den Bildschirm. Jack fiel ein, daß außer Little Fuzzy noch keiner das Gerät in Funktion gesehen hatte. Jetzt sprang Little Fuzzy auf den Stuhl, den Lunt geräumt hatte, griff an die Kontrollen und schaltete das Gerät ein. Als erstes Bild erschien ein einsamer, verlassener Landstrich im Mondlicht, das von einer Kamera von einem der Stahltürme kam, die die Veldtierzüchter benutzten. Das Bild war nicht besonders interessant, und so drehte Fuzzy an den Knöpfen herum, bis er schließlich ein Fußballspiel im Stadion von Mallorys Port hereinbekam. Das war genau das Richtige; er sprang wieder hinunter und setzte sich zu den anderen am Boden.

»Ich hab’ schon terranische Affen und freyanische Kholphs gesehen, die gern fernsahen und auch die Kontrollen bedienen konnten«, sagte Lunt. Es klang, als halte er sich an seinem letzten Strohhalm fest, bevor er aufgab.

»Kholphs sind klug«, sagte Khadra. »Sie verwenden Werkzeuge.«

»Machen Sie sich Werkzeuge? Oder stellen sie Werkzeuge her, um sich andere zu machen wie etwa diese Säge?« fragte Jack. »Nein, das tut niemand außer uns und diesen Fuzzys hier.«

Damit hatte Jack zum erstenmal ausgesprochen, was er unbewußt wohl schon länger gedacht hatte. Die Konsequenz seiner Worte versetzte die Konstabler in Aufregung.

»Soll das heißen, daß Sie glauben…?« setzte Lunt an.

»Sie sprechen nicht und machen kein Feuer«, warf Ahmed Khadra ein, als ob damit das Problem gelöst war.

»Ahmed, Sie wissen es doch besser. Diese Regel ›Sprache und Feuermachen‹ ist wissenschaftlich überhaupt nicht abgesichert.«

»Aber das gilt als juristischer Beweis«, unterstützte Lunt seinen Kollegen.

»Das ist eine primitive Faustregel, damit die Siedler auf neuen Planeten ungestraft die Eingeborenen ermorden und versklaven können, indem sie behaupten, sie hätten es ja nur mit wilden Tieren zu tun«, wandte Jack ein. »Jedes Wesen, das spricht und Feuer macht, ist vernunftbegabt — richtig. Das besagt das Gesetz. Aber das heißt doch noch lange nicht, daß ein Wesen, das das nicht tut, nicht auch vernunftbegabt sein kann. Ich haben noch keinen von denen hier ein Feuer machen sehen, und da ich nicht eines Tages nach Hause kommen und mein Lager abgebrannt vorfinden möchte, werde ich es ihnen auch nicht beibringen. Aber ich bin sicher, daß sie eine Methode besitzen, sich untereinander zu verständigen.«

»Hat Ben Rainsford sie schon gesehen?« wollte Lunt wissen.

»Ben ist irgendwo unterwegs. Ich habe ihn sofort angerufen, als Little Fuzzy hier auftauchte. Er kommt erst am Freitag zurück.«

»Ja, das stimmt, das wußte ich.« Lunt musterte die Fuzzys immer noch zweifelnd. »Mich würde interessieren, was er von ihnen hält.«

Wenn Ben sagte, daß sie ungefährlich waren, würde Lunt das akzeptieren. Ben war ein Fachmann, und Lunt respektierte die Meinung von Fachleuten. Bis dahin aber war er nicht sicher. Vermutlich würde er gleich morgen früh eine genaue medizinische Untersuchung seiner selbst und Khadras veranlassen, um ganz sicherzugehen, daß sie sich nicht irgendein Ungeziefer zugezogen hatten.


4.

<p>4.</p>

Am nächsten Morgen regten sich die Fuzzys gar nicht mehr über den Manipulator auf; er war für sie kein schreckliches Monstrum mehr, sondern einfach etwas, in dem Pappi Jack herumfuhr. An diesem Tag fand er gleich früh einen Sonnenstein und am Nachmittag zwei weitere. Als er relativ früh wieder nach Hause zurückkehrte, fand er die Fuzzy-Familie im Wohnzimmer vor — sie hatten den Papierkorb ausgeschüttet und waren dabei, alles wieder einzusammeln. Außerdem schien sich eine Landgarnele ins Haus geschlichen zu haben, denn in all dem Abfall fanden sich auch Schalenreste. Sie aßen alle zusammen etwas, dann lud Jack die ganze Gruppe in seinen Gleiter ein und machte mit ihnen einen langen Ausflug nach Süden und Westen.

Der nächste Tag sah ihn wieder bei der Arbeit. Er fand drei Steine, und es sah wirklich so aus, als hätte er einen großen Fund gemacht — dies war ein Quallenfriedhof gewesen. Früh am Nachmittag machte er Schluß, und als er sich seinem Lager näherte, sah er auf dem Rasen einen Gleiter stehen. Ein Mann mit einem roten Bart in einer verwaschenen Khakijacke saß, umgeben von Fuzzys, auf der Bank vor der Küchentür. Eine Kamera und andere Ausrüstungsgegenstände waren so abgelegt worden, daß die Fuzzys sie nicht ergreifen konnten. Baby Fuzzy saß natürlich auf seinem Kopf. Jetzt blickte der Mann auf und winkte Jack zu. Dann gab er Baby seiner Mutter und stand auf.

»Nun, was hältst du von ihnen, Ben?« rief Jack, während er den Manipulator landete.

»Mein Gott, Überfall mich doch nicht gleich«, antwortete Ben Rainsford und lachte. »Ich habe auf meinem Heimweg beim Polizeiposten haltgemacht. Zuerst dachte ich, George Lunt sei der größte Lügner der bekannten Galaxis, aber als ich dann nach Hause kam, fand ich deinen Anruf auf dem Band vor und bin auch gleich herübergekommen.«

»Hast du schon lange gewartet?«

»Nein, nicht sehr.« Rainsford sah auf seine Uhr. »Mein Gott, es sind tatsächlich schon dreieinhalb Stunden. Die Zeit ist schnell vergangen. Weißt du, deine kleinen Freunde haben ein gutes Gehör — sie haben dich schon lange vor mir kommen hören.«

»Hast du gesehen, wie sie Garnelen umbringen?«

»Allerdings! Ich habe fast alles gefilmt.« Langsam schüttelte er den Kopf. »Jack, das ist ja beinahe unglaublich.«

»Du bleibst doch sicher zum Essen?«

»Versuch doch, mich fortzujagen, Jack. Ich will alles hören, was du über sie weißt. Wenn du so nett bist, alles auf Band zu sprechen.«

»Gern, aber erst essen wir etwas.« Dann stellte er Ben die Fuzzys der Reihe nach vor. »Dies ist der erste, Little Fuzzy. Er hat den Rest mitgebracht. Dies ist Mama Fuzzy, das Baby Fuzzy. Und das sind Mike und Mitzi. Diesen nenne ich Ko-Ko, und zwar wegen seiner umständlichen Art, eine Garnele zu köpfen.«

»George sagte, daß du sie Fuzzys nennst. Möchtest du das als offizielle Bezeichnung registriert haben?«

»Klar. Das sind sie doch, oder?«

»Nun, nennen wir ihre Art Hollowayan«, meinte Rainsdorf. »Gehörig zur Familie der Fuzzys, Gattung Fuzzy. Also die Spezies Holloways Fuzzy — Fuzzy fuzzy holloway. Wie wäre das?«

Jack war damit zufrieden. Immerhin hatten sie nicht versucht, extraterrestrische Zoologie mit lateinischen Begriffen zu erfassen.

»Ich nehme an, daß die ungeheuer vielen Garnelen, die wir in diesem Jahr haben, Schuld an ihrem Erscheinen sind.«

»Ja, natürlich. George sagte mir, daß du glaubst, sie wären aus dem Norden gekommen; vermutlich stimmt das. Dann könnten sie aber auch eine Art Vorhut sein; es wird nicht lange dauern, bis es hier von Fuzzys wimmelt. Ich möchte wissen, wie schnell sie sich vermehren.«

»Nicht sehr schnell. Die Bande hier besteht aus drei Männchen und zwei Weibchen und nur einem Kind.« Er nahm Mike und Mitzi von seinem Schoß und erhob sich. »Ich mache jetzt etwas zu essen — sieh dir nur inzwischen die Dinge an, die sie mitgebracht haben.«

Als er das Essen in den Ofen geschoben und zwei Drinks mit ins Wohnzimmer gebracht hatte, saß Rainsford noch immer am Schreibtisch und musterte die Artefakte. Er nahm sein Getränk, nippte geistesabwesend daran und sah dann auf.

»Jack, dieses Zeug hier ist unglaublich.«

»Noch mehr als das. Es ist einzigartig. Die einzige Sammlung von Eingeborenenwaffen und -geräten auf ganz Zarathustra.«

Ben Rainsford musterte ihn. »Denkst du das gleiche wie ich?« fragte er. »Ja, du tust es.« Er nahm noch einen Schluck von seinem Highball, stellte das Glas ab und ergriff den polierten Garnelentöter. »Jeder, der solche Arbeit anfertigt, hat alle Voraussetzungen, ein Eingeborener zu sein.« Er zögerte kurz. »Du sagtest, du würdest einen Bericht auf Band sprechen, Jack. Kannst du eine Kopie davon Juan Jimenez zukommen lassen? Er ist der Chefexperte für Säugetiere bei der wissenschaftlichen Abteilung der Gesellschaft — wir tauschen unsere Informationen gegenseitig aus. Und dann ist da noch ein Angestellter der Gesellschaft, Gerd van Riebeek. Er ist allgemeiner Xeno-Wissenschaftler wie ich, interessiert sich aber besonders für Evolutionsfragen.«

»Warum nicht? Die Fuzzys sind eine wissenschaftliche Entdeckung. Entdeckungen sollten gemeldet werden.«

»Würde es dich stören, wenn sie hier heraus kommen würden, um sich die Fuzzys anzusehen?«

»Aber nein; die Fuzzys mögen das sehr gern. Sie leben vorzugsweise in Gesellschaft.«

Little Fuzzy hatte kurz zuvor das Fernsehgerät eingeschaltet, und jetzt kamen Mama und Baby und Ko-Ko herein und gesellten sich interessiert zu den Fernsehzuschauern. Als dann die Küchenglocke das Essen ankündigte, sprangen sie alle auf, und Ko-Ko sprang auf den Stuhl und schaltete das Gerät aus. Ben Rainsford betrachtete ihn einen Augenblick lang.

»Weißt du, ich habe Freunde, die Kinder haben, und sie haben es verdammt schwer, ihrem Achtjährigen beizubringen, die Kiste abzustellen, wenn die Sendung vorbei ist«, merkte er an.


Nach dem Essen dauerte es etwa eine Stunde, bis die ganze Geschichte vom ersten Quieken in der Duschkabine bis heute auf Band gesprochen war. Als Jack fertig war, fügte Ben Rainsford noch ein paar Bemerkungen hinzu, schaltete das Gerät aus und sah auf die Uhr.

»Zwanzig Uhr. In Mallorys Port ist es jetzt sieben Uhr«, sagte er. »Ich könnte Jimenez noch im Wissenschaftszentrum erreichen, wenn ich ihn jetzt anrufe. Er arbeitet meistens etwas länger.«

»Nur zu. Möchtest du ihm einige Fuzzys zeigen?« Jack nahm seine Waffe und einige andere Gerätschaften vom Tisch und setzte Little Fuzzy und Mama Fuzzy und Baby darauf. Dann zog er sich einen Stuhl heran, von dem aus er das Gerät bedienen konnte, und ließ dann Mike und Mitzi und Ko-Ko auf seinen Schoß klettern. Rainsford stellte die Verbindung her. Dann nahm er Baby Fuzzy und setzte ihn sich auf den Kopf.

Sekunden später flackerte der Bildschirm, und dann sah ihnen ein junges Gesicht entgegen. Es war eines jener offenen, nichtssagenden, quasi angepaßten Gesichter, wie sie in tausendfacher Ausfertigung in jedem Jahr von den Fließbändernder terranischen Bildungsanstalten ausgespuckt wurden.

»Oh, Bennet, das ist aber eine nette Überraschung«, begann er. »Ich hätte nie erwartet…« Dann verschluckte er sich und konnte nur noch einen Laut der Überraschung von sich geben. »Was, beim Dai Butsu, ist das da vor Ihnen auf dem Tisch? Sowas habe ich noch nie gesehen. Und was ist das da auf Ihrem Kopf?«

»Eine Fuzzy-Familie«, sagte Rainsford. »Ein ausgewachsenes Männchen, ein erwachsenes Weibchen und ein junges Männchen.« Er hob Baby Fuzzy auf und legte ihn zurück in die Arme seiner Mutter. »Die Spezies nennt sich Fuzzy Fuzzy Holloway Zarathustra. Der Herr links von mir ist Jack Holloway, ein Sonnensteinprospektor. Er ist der ursprüngliche Entdecker dieser Art. Jack, das ist Juan Jimenez.«

Sie schüttelten sich die Hand auf eine terranisch-chinesische Art und Weise, wie sie sich an Bildsprechgeräten eingebürgert hatte, und versicherten sich, daß es ihnen ein Vergnügen sei. Jimenez war dabei recht abwesend, denn er konnte den Blick nicht von den Fuzzys nehmen.

»Woher kommen die?« wollte er wissen. »Sind Sie auch sicher, daß sie von hier stammen?«

»Ja. Raumschiffe haben sie bisher noch nicht entwickelt, Dr. Jimenez. Ich würde sagen: frühes Steinzeitalter.«

Jimenez hielt das für einen Witz und lachte. Und zwar eine Art von Lachen, die man nach Belieben an oder abschalten konnte. Rainsford versicherte ihm, daß die Fuzzys wirklich Eingeborene waren.

»Wir haben alles, was wir über sie wissen, auf Band gespeichert«, sagte er. »Etwa eine Stunde. Können Sie mit sechziger Geschwindigkeit aufnehmen?« Während er sprach, nahm er an dem Gerät einige Schaltungen vor. »Also gut, wir werden es Ihnen überspielen. Und können Sie Gerd van Riebeek erreichen? Ich möchte, daß er es auch hört. Es ist genauso gut sein Fach.«

Als Jimenez das Zeichen gab, drückte Rainsford den Abspielknopf, und eine Minute lang gab das Bandgerät einen hohen Pfeifton ab. Die Fuzzys sahen sich erstaunt an. Dann war es vorbei.

»Ich denke mir: wenn Sie das gehört haben, werden Sie und Gerd hier herauskommen und sich dieses Völkchen ansehen wollen. Wenn es möglich ist, sollten Sie noch jemanden mitbringen, der als qualifizierter Psychologe gilt, jemand, der die geistigen Fähigkeiten der Fuzzys beurteilen kann. Jack hatte recht, als er von frühem Steinzeitalter sprach. Wenn die nicht vernunftbegabt sind, dann aber höchstens ein Milliardstel Millimeter davon entfernt.«

Jimenez starrte ihn überrascht an. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« Er sah von Rainsford zu Jack Holloway und wieder zurück. »Nun, ich werde mich wieder bei Ihnen melden, wenn ich das Band gehört habe. Sie befinden sich drei Zeitzonen westlich von uns, nicht wahr? Dann beeilen wir uns, daß wir vor Mitternacht Ihrer Zeit anrufen — das wäre hier einundzwanzig Uhr.«

Er meldete sich sogar eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit zurück. Diesmal aber aus einem Wohnzimmer statt aus einem Büro. Neben ihm saßen zwei Leute, auf der einen Seite ein Mann mit einem freundlichen, offenen, ein wenig vom Wetter gegerbten Gesicht. Die andere Person war eine Frau mit schimmernd schwarzem Haar und einem Mona-Lisa-ähnlichen Lächeln im Gesicht. Die Fuzzys waren inzwischen müde geworden und nur durch Sonderrationen Ex-Te-Drei dazu zu bewegen gewesen, noch aufzubleiben.

Jimenez stellte seine Begleiter als Gerd van Riebeek und Ruth Ortheris vor. »Ruth gehört zu Dr. Mallins Abteilung; sie hat im Bereich Schulpsychologie und im Jugendgerichtswesen gearbeitet.«

»Und mit Außerirdischen«, ergänzte die Frau. »Ich war auf Loki, Thor und Shesba.«

Jack nickte. »Ich war auf diesen drei Planeten auch. Kommen Sie heraus?«

»Oh ja«, sagte van Riebeek. »Morgen gegen Mittag werden wir ankommen und vielleicht zwei Tage bleiben. Wir werden Sie aber nicht belästigen — ich habe einen Gleiter, der für uns drei groß genug ist, um darin wohnen zu können. Wo finden wir Sie?«

Jack gab ihm die Koordinaten durch.


5.

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Victor Grego drückte seine Zigarette langsam aus.

»Ja, Leonhard«, sagte er geduldig. »Das ist sehr interessant und zweifellos eine bedeutsame Entdeckung, aber ich begreife nicht, warum Sie darum so einen Wirbel veranstalten. Befürchten Sie, daß ich Ihnen vorwerfe, daß Leute, die nicht zur Gesellschaft gehören, Ihnen zuvorgekommen sind? Oder haben Sie einfach den Verdacht, daß alles, womit Bennet Rainsford zu tun hat, automatisch eine teuflische Verschwörung gegen die Gesellschaft ist?«

Leonhard Kellogg verzog schmerzhaft das Gesicht. »Worauf ich hinauswollte, Victor, ist, daß dieser Rainsford und dieser Holloway überzeugt sind, daß diese Fuzzys, wie sie sie nennen, keine Tiere, sondern vernunftbegabte Wesen sind.«

»Aber… das würde Zarathustra ja zu einem Planeten der Klasse IV machen!«

»Und die Gesellschaft hat nur einen Vertrag für die Klasse III«, fügte Kellogg hinzu. »Für einen unbewohnten Planeten.«

Der ebenfalls automatisch ungültig wird, wenn auf Zarathustra vernunftbegabte Lebewesen entdeckt werden.

»Sie wissen doch, was geschehen würde, wenn das stimmte?«

»Nun, ich denke mir, daß die Verträge neu ausgehandelt werden müßten, und da das Kolonialbüro jetzt weiß, was für ein Planet das ist, würde man mit der Gesellschaft nicht gerade großzügig sein…«

»Man würde überhaupt nicht mit uns verhandeln, Leonhard. Die Föderationsregierung würde einfach die Stellung einnehmen, daß die Gesellschaft bereits ausreichende Profite aus ihren ursprünglichen Investitionen gezogen hat, und würde uns — das hoffe ich wenigstens — im Wert unserer gegenwärtigen Besitztümer entschädigen. Der Rest verfiele dann an den Fiskus.«

Alle Veldtierherden auf Beta und Delta, die nicht das Brandzeichen der Gesellschaft trugen. Alle noch ungehobenen Mineralienschätze, alles bebaubare Land. Es würde jahrelange Verhandlungen bedeuten, um den Anspruch wenigstens auf Big Blackwater durchzusetzen. Die Terra-Baldur-Marduk-Spacelines würden die Gesellschaft verklagen, weil sie ihr Vorstimmrecht verlöre, und auf jeden Fall würde das Import-Export-Monopol der Gesellschaft sich zur Luftschleuse hinaus verflüchtigen.

Und Nick Emmert, guter Freund und wichtiger Aktionär der Gesellschaft, würde verschwinden. Dafür würde ein Generalgouverneur des Kolonialbüros mitsamt seinen Truppen und einer komplizierten Bürokratie an seine Stelle treten. Das bedeutete freie Wahlen, ein parlamentarisches System, und Hinz und Kunz würden der Gesellschaft Gesetze vorsetzen — und eine Kommission für Eingeborenenangelegenheiten, die ihre Nase in alles steckte.

»Aber sie können uns doch nicht einfach alle Verträge aufkündigen«, beharrte Kellogg. »Das wäre ungerecht!« Und, als gäbe das den Ausschlag, fügte er hinzu: »Es ist doch nicht unsere Schuld!«

Grego zwang sich, seine Ungeduld nicht zu zeigen. »Leonhard, bitte, versuchen Sie sich doch darüber klar zu werden, daß die Terraföderation sich einen Teufel darum schert, ob es gerecht ist oder nicht oder wessen Schuld es ist. Die Föderationsregierung bedauert die Verträge, die sie mit der Gesellschaft abgeschlossen hat, und zwar seit dem Zeitpunkt, seit sie gemerkt hat, was sie damit weggegeben hat. Denn dieser Planet ist mehr wert als Terra, selbst vor den Atomkriegen. Wenn sie jetzt also eine Gelegenheit bekommen, ihn zurückzuerhalten — dazu noch mit Verbesserungen — glauben Sie dann etwa, daß sie ihn nicht nehmen? Und was soll sie hindern? Wenn diese Geschöpfe auf dem Beta-Kontinent vernunftbegabte Wesen sind, dann ist unser Vertrag nicht das Papier wert, auf das er geschrieben wurde, und damit ist alles aus.« Er schwieg einen Augenblick. »Sie haben doch das Band gehört, das Rainsford Jimenez überspielt hat. Hat er oder Holloway denn ausdrücklich behauptet, daß diese Wesen wirklich vernunftbegabt sind?«

»Nein, so ausdrücklich nicht. Holloway bezog sich ständig als Leute auf sie, aber er ist schließlich nur ein unwissender alter Prospektor. Rainsford hat sich natürlich nicht festgelegt, nach keiner Seite; aber er ließ sich alle Wege offen.«

»Gehen wir einmal davon aus, daß ihr Bericht stimmt — könnten diese Fuzzys denn vernunftbegabt sein?«

»Wenn wir das unterstellen, ja«, sagte Kellogg unwillig. »Ohne weiteres.«

An Hand der vorliegenden Beweise blieb Kellogg kaum ein anderer Schluß übrig.

»Ich werde Ernst Mallin mitnehmen«, sagte Kellogg schließlich. »Dieser Rainsford hat keine Ahnung von Psychowissenschaften. Vielleicht kann er noch auf Ruth Ortheris Eindruck machen, nicht aber auf Ernst Mallin — wenigstens nicht, nachdem ich zuvor mit Mallin gesprochen habe.« Er überlegte kurz. »Wir müssen diesem Holloway die Fuzzys wegnehmen, dann veröffentlichen wir einen Bericht über ihre Entdeckung, wobei wir sorgfältig darauf achten müssen, daß Rainsford und Holloway auch alle Entdeckerehren zugesprochen bekommen. Wir werden sogar die Bezeichnung übernehmen, die sie für sie geprägt haben. Aber wir werden auch darauf hinweisen, daß diese Fuzzys, obgleich sehr intelligent, auf keinen Fall vernunftbegabte Wesen sind. Wenn Rainsford an dieser Behauptung festhält, werden wir das Ganze als einen ausgemachten Schwindel bezeichnen.«

»Glauben Sie, daß er schon einen Bericht an das Institut für Xeno-Wissenschaften geschickt hat?«

Kellogg schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, er wird versuchen, einige von unseren Kollegen auf seine Seite zu bringen; zumindest aber, daß sie seine und Holloways Beobachtungen bestätigen.«

»Er wird damit bald beginnen, wenn man ihn nicht daran hindert. Und in spätestens einem Jahr wird hier eine kleine Armee von Schnüfflern auftauchen. Bis dahin müssen Rainsford und Holloway gründlich diskreditiert sein. Leonhard, Sie müssen Holloway diese Fuzzys wegnehmen, und dann werde ich persönlich garantieren, daß sie für eine Untersuchung nicht zur Verfügung stehen werden. Fuzzys«, sagte er nachdenklich. »Es handelt sich doch um Pelztiere, nicht wahr?«

»Holloway erzählte auf dem Band von ihrem weichen, seidigen Pelz.«

»Gut. Darauf müssen Sie in Ihrem Bericht besonders hinweisen. Sobald er veröffentlich ist, wird die Gesellschaft zweitausend Sol pro Stück für Fuzzypelze bieten. Bis Rainsfords Bericht uns jemanden von Terra hergelockt hat, sind diese Biester vielleicht schon alle ausgerottet.«

Kellogg musterte ihn bestürzt.

»Aber, Victor, das wäre ja Völkermord!«

»Unsinn! Unter Völkermord versteht man die Ausrottung einer Rasse vernunftbegabter Wesen. Das hier sind Pelztiere. Es ist an Ihnen und Ernst Mallin, das zu beweisen.«


Die Fuzzys, die auf dem Rasen vor dem Lager spielten, erstarrten und blickten nach Westen. Dann rannten sie alle zu der Bank neben der Küchentür und kletterten hastig hinauf.

»Was ist los?« fragte Jack Holloway.

»Sie hören einen Gleiter«, erklärte Rainsford. »So haben sie sich gestern auch verhalten, als du mit deinem Gleiter herankamst.« Er sah zu dem Picknick-Tisch, den sie unter dem Federblattbaum gedeckt hatten. »Alles fertig?«

»Alles, außer dem Mittagessen. Das ist frühestens in einer Stunde fertig. Jetzt sehe ich sie.«

»Du hast bessere Augen als ich, Jack. Oh, jetzt erkenne ich sie auch. Hoffentlich ziehen die Kleinen eine gute Schau für sie ab«, fügte er besorgt hinzu.

Rainsford war aufgeregt gewesen, seit er angekommen war. Nicht, daß diese Leute aus Mallorys Port so bedeutend waren: in Wissenschafts-Kreisen hatte Ben einen besseren Namen als irgend jemand der Mitarbeiter der Gesellschaft. Er war einfach wegen der Fuzzys erregt.

Der Gleiter war zuerst ein kaum sichtbarer Fleck am Himmel, aber jetzt wurde er immer größer und landete schließlich auf der Lichtung. Als der Antigrav-Antrieb abgeschaltet war, gingen Holloway und Rainsford, begleitet von den Fuzzys, die von ihrer Bank heruntergesprungen waren, auf das Fahrzeug zu.

Die drei Besucher kletterten aus dem Gleiter. Ruth Ortheris trug lange Hosen und einen Pullover; die Hosen waren in knöchelhohen Stiefeln gesteckt. Gerd van Riebeek hatte offensichtlich viel Außendienst geleistet: Er trug robuste Stiefel, einen alten, verwaschenen Khakianzug und eine respektheischende Waffe, die zeigte, daß er sehr wohl wußte, was er hier im Piedmont zu erwarten hatte. Juan Jimenez war in den selben Sportanzug gekleidet, den er gestern am Bildschirm getragen hatte. Alle drei trugen sie fotografische Geräte bei sich. Sie schüttelten reihum die Hände, als sie sich begrüßten, und dann forderten die Fuzzys Aufmerksamkeit und tobten herum. Schließlich begaben sich alle, Fuzzys und Menschen, zu dem Tisch unter den Bäumen.

Ruth Ortheris setzte sich mit Mama und Baby ins Gras; sofort interessierte sich Baby für ein silbernes Amulett, das sie an einer Kette um den Hals trug. Dann versuchte es, sich auf ihren Kopf zu setzen. Sanft aber bestimmt verwehrte sie ihm das. Juan Jimenez hockte zwischen Mike und Mitzi und untersuchte die beiden abwechselnd, wobei er leise in ein Mikrofon sprach, das zu einem Tonbandgerät auf seiner Brust gehörte. Überwiegend benutzte er lateinische Worte. Gerd van Riebeek hatte sich in einen Klappstuhl gesetzt und beschäftigte sich mit Little Fuzzy, der auf seinem Schoß saß.

»Wissen Sie, das ist irgendwie erstaunlich«, sagte er. »Nicht nur, daß man nach fünfundzwanzig Jahren so etwas entdeckt, sondern daß es auch etwas so Eigenartiges gibt. Hier, er hat nicht die geringsten Rudimente eines Schwanzes, und auf dem ganzen Planeten gibt es keine schwanzlosen Tiere. Außerdem: Auf dem ganzen Planeten gibt es kein Säugetier, das auch nur im geringsten mit ihm verwandt wäre. Nehmen wir doch unsere Rasse — wir gehören zu einer recht großen Familie, etwa fünfzig Gattungen von Primaten. Aber dieser kleine Kerl hat überhaupt keine Verwandten.«

»Quiek?«

»Und das ist ihm auch völlig egal, nicht wahr?« Van Riebeek strich Little Fuzzy sanft über den Flaum. »He, was ist denn da los?«

Ko-Ko, der auf Rainsfords Schoß gesessen hatte, war plötzlich zu Boden gesprungen, hatte sich seine Schwert-Schaufel gegriffen und schlich jetzt durchs Gras. Alle Menschen sprangen auf, griffen zu ihren Kameras. Die Fuzzys schienen über eine solche Aufregung verwundert zu sein. Schließlich ging es doch nur um eine Landgarnele.

Jetzt stand Ko-Ko vor ihr, klopfte ihr auf die Nase, um sie zum Stehen zu bringen, dann stellte er sich in dramatischer Pose auf, ließ seine Waffe wirbeln und ließ sie auf den Hals der Garnele heruntersausen. Sekunden später hatte er sie umgedreht, den Panzer aufgeschlagen und begonnen, sie auszunehmen.

Während des Essens sprachen sie einzig und allein über die Fuzzys. Die Objekte ihrer Unterhaltung knabberten derweil an Leckerbissen, die man ihnen gab, und unterhielten sich quiekend. Gerd van Riebeek vermutete, daß sie sich über die seltsamen Angewohnheiten der menschenartigen Wesen unterhielten. Juan Jimenez musterte ihn daraufhin verstört, als fragte er sich, wie ernst Riebeek diese Bemerkung gemeint hatte.

»Wissen Sie, was mich in dem Bandbericht am meisten beeindruckte, war der Zwischenfall mit dem Scheusal«, sagte Ruth Ortheris. »Jedes Tier, daß sich auf eine Verbindung mit Menschen einläßt, wird versuchen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn etwas nicht stimmt, aber ich habe noch nie von einem gehört, nicht mal einem freyanischen Kholph oder einem terranischen Schimpansen, das dazu die Pantomime benutzen würde. Little Fuzzy hat aber tatsächlich Symbole benutzt, indem der die hervorstechenden Merkmale eines Scheusals abstrahierte.«

»Sie glauben, diese Geste mit dem steifen Arm und das Bellen sollten ein Gewehr darstellen?« fragte Gerd van Riebeek. »Er hat Sie schon vorher schießen sehen, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, daß es etwas anderes hätte sein sollen. Er wollte mir sagen: ›Großes häßliches Ding draußen. Schieß es wie die Harpyie‹. Und wenn er nicht an mir vorbeigerannt wäre und es mir gezeigt hätte, hätte mich das Scheusal umgebracht.«

Zögernd meldete sich Jimenez zu Wort. »Ich weiß, daß ich davon nichts verstehe — Sie sind der Fuzzy-Experte. Aber wäre es nicht möglich, daß Sie hier zu einfach menschliche Maßstäbe übertragen? Daß Sie sie mit Ihren eigenen Merkmalen und gedanklichen Strukturen versehen?«

»Juan, das werde ich nicht sofort beantworten. Ich glaube, ich werde es überhaupt nicht beantworten. Warten Sie ab, bis Sie etwas länger in Gesellschaft der Fuzzys sind, und dann fragen Sie noch einmal — aber am besten sich selbst.«


»Sie sehen also, Ernst, das ist das Problem.«

Leonhard Kellogg legte diese Worte noch auf das bisher Gesagte drauf, um ihm das rechte Gewicht zu verleihen. Dann wartete er. Ernst Mallin saß reglos da, die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände gestützt. Feine Runzeln erschienen an seinen Lippenrändern.

»Ja. Ich bin natürlich kein Anwalt, aber…«

»Das ist keine rechtliche Frage. Es ist ein Problem für einen Psychologen.«

Damit lag es wieder bei Ernst Mallin, wie er wußte.

»Ich müßte sie schon selbst sehen, bevor ich meine Meinung dazu sagen kann. Sie haben Holloways Band bei sich?« Als Kellogg nickte, fuhr Mallin fort: »Hat einer von ihnen ausdrücklich behauptet, es handle sich um vernunftbegabte Wesen?«

Kellogg gab die gleiche Antwort, die er Victor Grego gegeben hatte, fügte dann noch hinzu:

»Der Bericht besteht beinahe ausschließlich aus Holloways unbestätigten Behauptungen über Dinge, von denen er angibt, der einzige Augenzeuge gewesen zu sein.«

»Ah.« Mallin gestattete sich ein kleines Lächeln. »Und er ist kein qualifizierter Beobachter. Was das betrifft, ist das auch Rainsford nicht, unabhängig davon, welche Position er als Xeno-Wissenschaftler einnimmt. In den Psychowissenschaften ist er ein völliger Laie. Er hat einfach die Angaben eines anderen unkritisch übernommen. Und was die Beobachtungen betrifft, die er behauptet, selbst gemacht zu haben — woher wissen wir denn, daß darin nicht eine Menge falscher Eindrücke enthalten sind?«

»Woher wollen wir wissen, daß er nicht einen gewollten Betrug veranstaltet?«

»Aber, Leonhard, das ist doch eine schwerwiegende Anschuldigung.«

»Das ist alles schon dagewesen. Wie etwa der Kerl, der eine Marsianische Hochland-Inschrift in einer Höhle in Kenia angebracht hat, zum Beispiel. Oder Hellermans Behauptung, eine terranische Maus mit einem thoranischen Tilbras gekreuzt zu haben. Oder der Piltdown-Mensch im ersten präatomaren Jahrhundert?«

Mallin nickte. »Keiner von uns wünscht sich so etwas, aber Sie haben recht, es ist schon vorgekommen.«

»Dann ist es unsere Pflicht, diese Geschichte zu verhindern, bevor daraus ein Skandal in Hellermans’schen Dimensionen wird.«

»Zuerst müssen wir das Band überprüfen, damit wir wissen, womit wir es genau zu tun haben. Dann müssen wir diese Tiere gründlich und unvoreingenommen überprüfen und Rainsford und seinem Komplizen klarmachen, daß man der wissenschaftlichen Welt nicht ungestraft solche lächerlichen Behauptungen auftischen kann. Wenn wir sie nicht im Guten überzeugen können, bleibt uns nichts anderes übrig, als das in aller Öffentlichkeit zu tun.«

»Ich habe das Band schon gehört, aber wir können es ja noch einmal abspielen. Wir wollen diese Tricks analysieren, die dieser Holloway den Tieren beigebracht hat, und sehen, was sie beweisen.«

»Ja, natürlich, das müssen wir sofort tun«, sagte Mallin. »Dann werden wir überlegen müssen, was für eine Erklärung wir herausgeben und welche Art Beweismaterial wir zu ihrer Unterstützung benötigen.«


Nach dem Abendessen durften die Fuzzys auf dem Rasen herumtollen. Als aber dann die Dämmerung aufkam, gingen sie alle ins Haus, und jeder bekam eins der neuen Spielzeuge aus Mallorys Port — eine große Kiste mit vielfarbigen Bällen und kurze Stäbe aus durchsichtigem Plaste. Sie wußten nicht, daß es sich um einen Molekülmodellbaukasten handelte, stellten aber schnell fest, daß die Stäbe in die Löcher in den Bällen paßten und daß man auf diese Weise dreidimensionale Gebilde bauen konnte.

Das machte viel mehr Spaß als die bunten Steine. Sie bauten sich einige kleinere Gebilde, zerlegten sie dann aber wieder und begannen mit einem einzigen großen Stück. Ein paarmal rissen sie es wieder ab und begannen von vorn, gewöhnlich von erheblichem Quieken und Gestikulieren begleitet.

»Sie haben eine künstlerische Ader«, sagte van Riebeek. »Ich habe schon viele abstrakte Skulpturen gesehen, die nicht halb so gut waren wie das, was sie hier tun.«

»Gute Ingenieure sind sie auch«, fügte Jack hinzu. »Sie verstehen etwas von Gleichgewicht und vom Schwerpunkt. Sie stützen das Ganze gut ab und achten darauf, daß es nicht kopflastig wird.«

»Jack, ich habe über die Frage nachgedacht, die ich mir selbst stellen sollte«, sagte Jimenez. »Wissen Sie, ich kam voller Mißtrauen hierher. Nicht, daß ich an Ihrer Ehrlichkeit zweifelte; ich hatte nur gedacht, daß Sie Ihre Zuneigung, die Sie offenbar zu den Fuzzys verspüren, so weit gehen lassen, daß Sie ihnen mehr Intelligenz zuschreiben, als sie wirklich besitzen. Jetzt dagegen meine ich, daß Sie sie sogar unterschätzen. Abgesehen von tatsächlicher Vernunft habe ich noch nie etwas Ähnliches gesehen.«

»Warum abgesehen?« fragte van Riebeek. »Ruth, Sie waren den ganzen Abend so ruhig — was meinen Sie?«

Ruth Ortheris schien unschlüssig zu sein. »Gerd, es ist noch zu früh, um sich eine Meinung zu bilden. Ich weiß, daß die Art, wie sie zusammenarbeiten, nach zweckvoller Tätigkeit auf ein vereinbartes Ziel hindeutet, aber ich kann dieses Quieken einfach nicht als Sprache erkennen.«

»Lassen wir doch einmal die Sprache und die Feuer-Regel beiseite«, sagte van Riebeek. »Wenn sie an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, müssen sie doch irgendwie kommunizieren.«

»Das ist keine Kommunikation, das ist Symbolisieren. Man kann einfach nicht vernunftbegabt denken, ausgenommen in verbalen Symbolen.«

»Ich beharre darauf, daß eine Sprache nicht entwickelt werden kann, wenn nicht vorher Vernunft existiert«, sagte Jack.

Ruth lachte. »Das erinnert mich an mein College. Es war die bedeutsamste Frage der Studenten im ersten Jahr. Im zweiten bereits wurde uns aber klar, daß es die alte Huhn-oder-Ei-Geschichte ist.«

»Nun, vielleicht sind sie nur geringfügig vernunftbegabt«, warf Jimenez ein.

Ruth Ortheris lacht wieder. »Das wäre dasselbe, als spreche man davon, daß jemand geringfügig tot ist oder nur ein wenig schwanger«, sagte sie dann. »Man ist es, oder man ist es eben nicht.«

»Vernunft«, versuchte van Riebeek zu erklären, »ist das Ergebnis der natürlichen Selektion in der Evolution, genauso, wie es bei körperlichen Merkmalen abläuft, und es ist ein äußerst wichtiger Schritt in der Evolution jeder Rasse, eingeschlossen unsere eigene.«

»Moment mal, Ruth«, meldete sich Rainsford. »Soll das heißen, daß es in bezug auf Vernunft keine graduellen Unterschiede gibt?«

»Nein. Es gibt Grade der geistigen Entwicklung — Intelligenz, wenn Sie so wollen —, genauso wie es Temperaturgrade gibt. Aber Vernunft ist eben fundamental unterschiedlich zu Nicht-Vernunft. Man könnte es so ausdrücken, daß eine Entwicklung der Intelligenz sich so steigert, daß sie schließlich einen Siedepunkt erreicht, von dem an man von Vernunft sprechen kann.«

»Ich halte das für eine sehr gute Analogie«, gestand Rainsford ein. »Aber was geschieht, wenn dieser Siedepunkt erreicht ist?«

»Genau das müssen wir herausfinden«, sagte van Riebeek ihm. »Wir wissen heute genausowenig, wann Vernunft aufgetreten ist, wie im Jahre Null oder im Jahr 654 der präatomaren Ära.«

»Einen Augenblick«, unterbrach Jack. »Bevor wir weiterreden, sollten wir einmal den Begriff ›Vernunft‹ definieren.«

Van Riebeek lachte. »Haben Sie schon einmal versucht, von einem Biologen eine Definition des Begriffs ›Leben‹ zu bekommen?« fragte er. »Oder von einem Mathematiker die Definition des Begriffs ›Zahl‹?«

»Das ist es ja gerade«, sagte Ruth Ortheris. Mit einem Blick zu den Fuzzys versuchte sie, eine Definition zu geben. »Ich würde sagen, ein gewisses Niveau geistiger Aktivität, das sich qualitativ von der Nicht-Vernunft darin unterscheidet, daß es die Fähigkeit einschließt, Ideen zu symbolisieren, aufzuspeichern und weiterzuleiten, ebenso wie die Fähigkeit zu Verallgemeinern und die Fähigkeit, abstrakte Ideen zu bilden. Da — jetzt habe ich kein Wort von Sprache und Feuermachen gesagt.«

»Little Fuzzy symbolisiert und verallgemeinert«, sagte Jack. »Er symbolisiert ein Scheusal mit drei Hörnern, und er symbolisiert ein Gewehr als ein langes Etwas, das Lärm macht. Gewehre töten Tiere. Harpyien und Scheusale sind Tiere. Wenn ein Gewehr eine Harpyie tötet, wird es auch ein Scheusal umbringen.«

Bevor irgend jemand weitersprechen konnte, begann das Visif on zu summen. Die Fuzzys rannten alle hinüber zu dem Gerät, und Jack schaltete es ein. Der Anrufer war ein Mann im grauen Anzug mit welligem Haar und einem Gesicht, das aussah wie das von Juan Jimenez in zwanzig Jahren von heute.

»Guten Abend, hier ist Holloway.«

»Oh, Mr. Holloway, guten Abend.« Der Anrufer schüttelte sich die Hand und lächelte. »Ich bin Leonhard Kellogg, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Gesellschaft. Ich habe mir das Band angehört, das Sie über die… die Fuzzys besprochen haben.« Er blickte auf den Boden. »Sind das einige von diesen Tieren?«

»Das sind die Fuzzys.« Jack Holloway hoffte, daß der andere diese Korrektur verstanden hatte. »Dr. Bennett Rainsford ist hier bei mir, zusammen mit Dr. van Riebeek und Dr. Ortheris.« Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, daß Jimenez sich wand, als würde er von Ameisen gebissen, während van Riebeek mit undurchdringlicher Miene auf den Bildschirm starrte und Ben Rainsford ein Grinsen unterdrückte. »Einige von uns sind außer Sichtweite, und ich bin sicher, daß Sie viele Fragen stellen wollen. Entschuldigen Sie uns einen Moment, während wir näherrücken.«

Er achtete nicht auf Kelloggs Protest, daß das doch nicht nötig sei, bis die Stühle alle vor den Bildschirm gerückt waren. Dann reichte er noch Fuzzys herum, wobei Ben Little Fuzzy erhielt, Gerd Ko-Ko, Ruth Mitzi und Jimenez Mike; Mama und Baby nahm er selbst auf den Schoß.

Baby begann sofort, ihm auf den Kopf zu klettern, wie er es erwartet hatte. Das schien Kellogg, ebenfalls wie erwartet, aus dem Konzept zu bringen. Er beschloß, Baby zu einem späteren Zeitpunkt beizubringen, eine lange Nase zu machen, sobald er ein entsprechendes Zeichen gab.

»So, und jetzt zu dem Band, das ich gestern abend besprochen habe«, begann er.

»Ja. Mr. Holloway.« Kelloggs Lächeln wurde von Minute zu Minute mechanischer. Er hatte Schwierigkeiten, seinen Blick von Baby abzuwenden. »Ich muß sagen, daß es mich sehr erstaunt hat, welche hohe Intelligenzstufe diesen Tieren zugeschrieben wird.«

»Und jetzt wollen Sie sehen, was für ein großer Lügner ich bin. Ich nehme Ihnen das nicht übel; es fiel mir selbst schwer, es zu glauben.«

Kellogg lachte breit und melodisch.

»Oh nein, Mr. Holloway; bitte mißverstehen Sie mich nicht. Ich habe nie dergleichen gedacht.«

»Hoffentlich nicht«, warf Ben Rainsford nicht gerade freundlich ein. »Wenn Sie sich erinnern — ich habe mich für Mr. Holloways Angaben verbürgt.«

»Natürlich, Bennett, das steht außer Zweifel. Gestatten Sie mir, Ihnen zu dieser außergewöhnlichen wissenschaftlichen Entdeckung zu gratulieren. Eine völlig neue Säugetierart…«

»Bei der es sich um die neunte extrasolare vernunftbegabte Rasse handeln könnte«, ergänzte Rainsford.

»Guter Gott, Bennett!« Kellogg mimte verhaltene Überraschung. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« Wie der sah er zu den Fuzzys, lächelte erneut und lachte ein wenig.

»Ich dachte, Sie hätten das Band gehört«, meinte Rainsford.

»Natürlich, und was da berichtet wird, ist äußerst bemerkenswert. Aber Vernunft! Nur weil man ihnen ein paar Tricks beigebracht hat und sie Stöcke und Steine als Waffen benutzen…« Jetzt zeigte er wieder ein ernstes Gesicht. »Solch eine weitreichende Behauptung kann man doch erst nach sorgfältigen Untersuchungen aufstellen.«

»Nun, ich möchte nicht behaupten, daß sie vernunftbegabt sind«, erklärte Ruth Ortheris ihm. »Das ginge frühestens übermorgen. Aber es könnte sehr leicht der Fall sein. Sie besitzen eine Lern- und Entscheidungsfähigkeit, die etwa der eines achtjährigen terranischen Kindes entspricht und die durchaus über der von erwachsenen Angehörigen anderer Rassen, die als vernunftbegabt anerkannt sind, liegt. Und man hat ihnen keine Tricks beigebracht; sie haben durch Beobachtungen und Versuche gelernt.«

»Wenn ich auch etwas dazu sagen darf, Dr. Kellogg«, mischte Jimenez sich ein. »Sie besitzen alle körperlichen Merkmale, die wir bei anderen vernunftbegabten Rassen auch kennen: Untere Gliedmaßen zur Fortbewegung und obere zum Hantieren. Sie gehen aufrecht, sehen zweidimensional, erkennen Farben, die Daumen der Hände liegen sich gegenüber — all das sind Charakteristika, die wir als erforderlich für die Entwicklung von Vernunft ansehen.«

»Das ist ja wunderbar!« sagte Kellogg begeistert. »Das wird Wissenschaftsgeschichte machen. Jetzt wird Ihnen allen ja klar sein, wie unendlich wertvoll diese Fuzzys sind. Sie müssen umgehend nach Mallorys Port gebracht werden, wo sie unter Laborbedingungen von qualifizierten Psychologen untersucht werden können.«

»Nein.«

Jack nahm Baby Fuzzy von seinem Kopf und gab ihn Mama, setzte dann beide auf den Fußboden. Das war eine reine Reflexhandlung, denn er wußte sehr wohl, daß er nicht die Hände frei zu haben brauchte, wenn er mit dem elektronischen Bild eines Mannes ins Streiten geriet, der zweitausend Meilen entfernt war.

»Vergessen Sie, was Sie gesagt haben, und fangen Sie noch einmal von vorn an«, riet er Kellogg.

Kellogg ignorierte ihn. »Gerd, Sie haben doch einen Gleiter dort. Richten Sie ein paar hübsche bequeme Käfige her…«

»Kellogg!«

Der Mann auf dem Bildschirm verstummte und starrte sein Gegenüber indigniert an. Das war das erstemal seit Jahren, daß ihn jemand einfach bei seinem Nachnamen genannt hatte. Nicht Mr. Kellogg oder Sir — und vielleicht zum erstenmal in seinem Leben war er angeschrien worden.

»Haben Sie mich beim erstenmal nicht verstanden, Kellogg? Dann reden Sie keinen Unsinn von Käfigen. Diese Fuzzys werden nirgendwohin gebracht.«

»Aber, Mr. Holloway! Verstehen Sie denn nicht, daß diese kleinen Wesen sorgfältig studiert werden müssen? Wollen Sie denn nicht, daß man ihnen ihren rechtmäßigen Platz in der Natur zuweist?«

»Wenn Sie sie untersuchen wollen, kommen Sie hier heraus und tun Sie es. Das heißt, solange Sie weder sie noch mich belästigen. Und was das Studieren betrifft, so geschieht das hier bereits — Dr. Rainsford untersucht sie, zusammen mit drei von Ihren Leuten. Und wenn man es so bezeichnen kann, dann untersuche ich sie auch.«

»Und ich möchte auch diese Bemerkung betreffs qualifizierter Psychologen klarstellen«, fügte Ruth Ortheris mit einer Stimme zu, die fast den absoluten Nullgrad der Kelvin-Skala erreicht hatte. »Sie werden doch nicht meine berufliche Qualifikation anzweifeln, oder?«

»Oh, Ruth, Sie wissen genau, daß ich nichts dergleichen tun wollte. Bitte mißverstehen Sie mich nicht«, bat Kellogg. »Aber hier handelt es sich um hochspezialisierte Arbeit…«

»Wieviele Fuzzyspezialisten haben Sie denn im Wissenschaftszentrum, Leonhard?« wollte Rainsford wissen. »Der einzige, den ich mir vorstellen kann, ist Jack Holloway hier.«

»Nun, ich hatte an Dr. Mallin gedacht, den Chefpsychologen der Gesellschaft.«

»Der kann auch herkommen, solange er anerkennt, daß er meine Genehmigung für alles braucht, was er mit den Fuzzys anfangen möchte«, erklärte Jack. »Wann dürfen wir Sie erwarten?«

Kellogg meinte, vielleicht am nächsten Nachmittag. Nach einigen kläglichen Versuchen, die Unterhaltung wieder etwas fröhlicher zu gestalten, was ihm aber nicht gelang, schaltete er schließlich ab.


6.

<p>6.</p>

Die Stimme aus dem Lautsprecher verstummte; einen Augenblick summte das Bandgerät leer. Die Fotozelle klickte zweimal, die, mit einem Relais verbunden, ein Segment des Sonnenschildes öffnete und ein anderes auf der entgegengesetzten Seite der Kuppel schloß. Kommodore Alex Napier blickte von seinem Schreibtisch auf und musterte die zerklüftete Landschaft von Xerxes und die Schwärze des luftleeren Weltraums über dem beunruhigend nahen Horizont. Er griff nach seiner Pfeife und klopfte den Kopf im Aschenbecher aus. Keiner sagte etwas. Langsam stopfte er Tabak in den Pfeifenkopf.

»Nun, meine Herren?« forderte er zu Stellungnahmen auf.

»Pancho?« Captain Conrad Greibenfeld, der Erste Offizier, wandte sich an Lieutenant Ybarra, den Chefpsychologen.

»Wie zuverlässig ist das Zeug?« fragte Ybarra.

»Nun, ich habe Jack Holloway vor dreißig Jahren gekannt, das war auf Fenzis. Ich war damals noch Fähnrich. Er muß jetzt über siebzig Jahre alt sein«, betonte er. »Wenn er etwas sagt, glaube ich es. Und Bennett Rainsford ist natürlich absolut zuverlässig.«

»Und wie steht’s mit dem Agenten?« beharrte Ybarra.

Er und Stephen Aelborg, der Geheimdienstoffizier, tauschten Blicke aus, und Aelborg meinte:

»Einer der besten. Einer von unseren eigenen Leuten, Lieutenant in der Marinereserve. Sie brauchen sich wirklich keine Gedanken wegen seiner Glaubwürdigkeit machen, Pancho.«

»Nach dem, was ich gehört habe, scheinen sie vernunftbegabt zu sein«, sagte Ybarra. »Wissen Sie, das ist etwas, was ich die ganze Zeit halb erhofft und halb befürchtet habe.«

»Sie meinen, ein Grund, dort unten in dieses Durcheinander einmal richtig einzugreifen?« fragte Greibenfeld.

Ybarra sah ihn einen Moment ausdruckslos an. »Nein. Nein, ich meine einen Fall von Vernunft, der gerade an der Grenze liegt; etwas, worauf unsere heilige ›Sprache-und-Feuer-Regel‹ nicht zutrifft. Wie haben wir diese Meldung überhaupt erhalten, Stephen?«

»Nun, sie wurde uns vom Kontaktzentrum in Mallorys Port am späten Freitagabend übermittelt. Im übrigen scheinen mehrere Kopien dieses Berichts auf Band zu existieren; unser Agent gelangte in den Besitz einer solchen Kopie, überspielte sie dem Kontaktzentrum, das uns den Bericht mit den Anmerkungen des Agenten übermittelte«, sagte Aelborg.

»Natürlich«, fuhr er fort, »erkannte Grego sofort, was das zu bedeuten hatte. Er schickte Ernst Mallin, den Chef Psychologen der Gesellschaft, und Kellogg sofort auf den Beta-Kontinent, und sie hatten den Auftrag, Rainsfords und Holloways Behauptungen als dummes Zeug darzustellen. Jetzt hofft die Gesellschaft, die Fuzzys als Pelztiere jagen zu können, bis kein Exemplar mehr da ist, an dem man Rainsfords Theorie auf der Erde überprüfen kann.«

»Letzteres war mir bisher noch nicht bekannt.«

»Nun, wir können das beweisen«, versicherte Aelborg ihm.

»Wenn diese Fuzzys vernunftbegabte Wesen sind«, meinte Conrad Greibenfeld, »dann ist da unten doch alles illega Die Gesellschaft, die Kolonialbehörden, alles. Zarathustra wäre dann ein Planet der Klasse IV.«

»Wir werden nicht eingreifen, solange wir nicht dazu gezwungen werden. Pancho, ich denke, die Entscheidung dazu liegt im wesentlichen bei Ihnen.«

Pancho Ybarra erschrak.

»Großer Gott, Alex! Das kann nicht Ihr Ernst sein. Wer bin ich denn? Ein Niemand. Ein ganz gewöhnlicher Doktor der Medizin und der Psychologie. Die besten Psychologen in der ganzen Föderation…«

»… befinden sich nicht auf Zarathustra, Pancho. Sie sind auf Terra, fünfhundert Lichtjahre, sechs Monate Schiffsreise entfernt. Ein Eingriff liegt natürlich in meinem Kompetenzbereich, aber die Frage, ob vernunftbegabt oder nicht, die liegt bei Ihnen. Ich beneide Sie nicht, aber ich kann Ihnen das nicht abnehmen.«


Gerd van Riebeeks Vorschlag, daß alle drei Besucher im Gleiter schlafen sollten, war nicht sehr ernst genommen worden. Gerd selbst wurde in einer Kammer des Wohngebäudes untergebracht, Juan Jimenez begab sich mit Ben Rainsford für die Nacht in dessen Lager. Ruth Ortheris behielt die Kabine des Gleiters für sich allein. Am nächsten Morgen meldete Rainsford sich am Visifon, während Jack, Gerd und Ruth gerade mit den Fuzzys frühstückten; er und Jimenez hatten beschlossen, die Gegend um die Quelle des Cold Creek abzusuchen, da sie davon überzeugt waren, daß es in den dortigen Wäldern noch mehr Fuzzys geben mußte.

Ruth, Gerd und Jack saßen draußen am Frühstückstisch im Freien und plauderten und dachten sich Ausreden dafür aus, nicht abwaschen zu müssen. Mama Fuzzy und Baby rannten im hohen Gras herum. Plötzlich stieß Mama Fuzzy einen schrillen Schrei aus und rannte auf die Hütte zu, wobei sie Baby mit der flachen Seite ihres Schwert-Spatens zur Eile antrieb.

Jack rannte ebenfalls sofort ins Haus. Gerd ergriff seine Kamera und sprang auf den Tisch. Ruth entdeckte als erste den Grund für die Aufregung.

»Jack! Dort drüben!« Sie deutete auf den Rand der Lichtung. »Zwei fremde Fuzzys!«

Jack lief weiter, aber statt seines Gewehrs holte er seine Kamera heraus, zwei zusätzliche Schwert-Spaten und ein wenig Ex-Te-Drei. Als er damit wieder erschien, hatten die beiden Fuzzys bereits die Lichtung betreten und standen jetzt nebeneinander da. Beides waren Weibchen, und beide trugen sie Garnelentöter bei sich.

»Haben Sie ausreichend Filmmaterial?« fragte er Gerd. »Bitte, Ruth, nehmen Sie das.« Er reichte ihr seine Kamera. »Bleiben Sie weit genug von mir weg, um alles festhalten zu können, was ich tue und was sie tun. Ich werde jetzt versuchen, gut Freund mit den beiden zu werden.«

»Unsere Fuzzys befinden sich jetzt hinter Ihnen«, sagte Gerd ihm. »Und zwar in einer richtigen Schlachtreihe, die Schwert-Spaten hoch erhoben. Jetzt bleiben sie stehen, etwa neun Meter hinter Ihnen.«

Jack brach ein Stück Ex-Te-Drei ab, steckte es sich in den Mund und aß. Zwei weitere Stücke hielt er dann den beiden Fuzzys hin. Das war zweifellos eine Versuchung für die beiden, führte aber nicht dazu, daß sie unvorsichtig wurden. Schließlich warf er ihnen die Stücke so hin, daß sie sie erreichen konnten. Ein Fuzzy sprang vor, warf seinem Kameraden ein Stück zu, griff sich das zweite und rannte zurück. Gemeinsam knabberten die beiden dann unter leisen Geräuschen des Wohlgefallens daran herum.

Seine eigene Fuzzy-Familie schien nicht sonderlich erbaut davon zu sein, daß er diese Kostbarkeiten an Außenstehende verschwendete. Die beiden Fremden jedoch beschlossen näherzukommen, und bald hatte er sie soweit, daß sie ihm die Notration aus der Hand aßen. Dann nahm er die beiden stählernen Schwert-Spaten heraus und konnte ihnen seine Absicht deutlich machen, sie einzutauschen. Die beiden Fremden waren unglaublich begeistert — das war zuviel für den bereits vorhandenen Stamm, und ärgerlich quiekend rückte er näher.

Die beiden fremden Weibchen zogen sich ein paar Schritte zurück und hoben ihre Waffen. Alles schien mit einem Kampf zu rechnen, und keiner wollte ihn. Nach allem, was Jack aus der Geschichte Terras wußte, war dies eine Situation, die sich zu ernsten Schwierigkeiten auswachsen konnte. Dann trat Ko-Ko vor, schleppte dabei seinen Garnelentöter in offensichtlich friedlicher Absicht hinter sich her. Mit leisem Quieken näherte er sich den beiden Weibchen, berührte dann erst das eine und dann das andere. Dann legte er seine Waffe auf den Boden und stellte einen Fuß darauf. Die beiden Weibchen begannen ihn zu streicheln.

Augenblicklich war die Krise behoben. Der Rest der Mitglieder kam heran, streckte seine Waffen hin und begann, die Fremden zu streicheln. Dann setzten sich alle im Kreis auf den Boden und schwankten rhythmisch mit den Oberkörpern. Schließlich erhob sich Ko-Ko, die beiden Weibchen folgten ihm, und dann marschierten sie alle hintereinander durch das Gras und auf das Haus zu.

»Haben Sie alles aufgenommen?« fragte Jack Holloway.

»Zumindest auf den Film«, antwortete Gerd. »Aber verstanden habe ich das nicht. Was ist geschehen?«

»Sie haben soeben den ersten Film über die Beziehungen zwischen verschiedenen Fuzzystämmen aufgenommen. Das hier ist das Zuhause der Familie, sie will keine fremden Fuzzys in der Nähe haben. Anfangs wollten sie die Mädchen fortjagen. Dann gefiel Ko-Ko ihr Äußeres, und er beschloß, sich mit ihnen zusammenzutun. Damit war alles anders — die Familie stellte fest, daß sehr wohl noch zwei Fuzzys in diesem Lebensraum Aufnahme finden konnten. Schließlich ist Pappi Jack ja ein guter Versorger. Ich schätze, sie zeigen den Mädchen jetzt die Familienschätze. Wissen Sie, die beiden haben in eine sehr wohlhabende Familie eingeheiratet.«

Die Mädchen bekamen die Namen Goldlöckchen und Cinderella. Während des Essens saßen sie alle im Wohnzimmer und hatten den Fernseher eingeschaltet; nach dem Essen begab sich die ganze Bande auf ein Nickerchen in Pappi Jacks Bett. Er selbst verbrachte den Nachmittag damit, die Filme zu entwickeln, während Gerd und Ruth die Notizen ins Reine schrieben, die sie am Tage zuvor gemacht hatten. Am Spätnachmittag, als sie damit fertig waren, kamen die Fuzzys heraus, um herumzutollen und Garnelen zu jagen.

Sie alle hörten den Gleiter lange vor den Menschen und rannten zu der Bank neben der Küchentür. Es war ein Polizeifahrzeug; es landete, zwei Beamte stiegen aus und erklärten, daß sie nur vorbeigekommen wären, um die Fuzzys zu sehen. Sie wollten wissen, woher die Neuen gekommen waren, und als Jack es ihnen erzählte, sahen sie sich an.

»Wenn wieder welche auftauchen, dann ruft uns und haltet sie auf, bis wir hier sind«, sagte einer von ihnen. »Wir könnten auf unserer Station auch noch einige gebrauchen — hauptsächlich wegen der Garnelen.«

»Was hält George denn davon?« fragte Jack. »Als er neulich abends hier war, schien er sich vor ihnen zu fürchten.«

»Ah, das hat sich gelegt«, sagte einer der Männer. »Er hat mit Ben Rainsford gesprochen; Ben sagte, sie wären völlig ungefährlich. Ben sagte sogar, daß sie keine Tiere, sondern denkende Wesen seien.«

Jack begann, den beiden von dem zu erzählen, was sie bisher mit den Fuzzys erlebt hatten. Noch während er damit beschäftigt war, traf ein zweiter Gleiter ein, und diesmal waren es Ben Rainsford und Juan Jimenez. Sie kletterten aus ihrer Maschine, sobald das Antigrav-Feld abgeschaltet war.

»Jack«, begann Rainsford sofort. »Dort oben wimmelt es nur so von Fuzzys. Sie alle bewegen sich in diese Richtung hier, es ist eine echte Völkerwanderung. Wir entdeckten über fünfzig von ihnen, vier Familien, Einzelwesen und Pärchen. Ich schätze, daß ihre tatsächliche Zahl noch zehnmal höher ist.« Dann entdeckte er Goldlöckchen und Cinderella. »He, wo kommen denn die beiden Mädchen her?«

Jack erklärte es ihm.

Kurz darauf näherte sich ein drittes Fahrzeug, diesmal ein großes Flugboot. Auf seinem Vorderdeck befanden sich zwei Männer, und Jack erkannte in dem einen Kellogg — der andere mußte Ernst Mallin sein. Ein dritter Mann kam aus der Steuerkanzel, nachdem das Antigrav-Feld abgeschaltet war. Jack konnte Mallin nicht leiden. Er hatte ein schmales, verkniffenes Gesicht, dem man Arroganz und Bigotterie ansah. Der dritte Mann war jünger. Sein Gesicht war nichtssagend, aber eine Ausbeulung unter der Schulter verriet einiges. Nachdem Kellogg ihn vorgestellt hatte, stellte Mallin seinerseits den jungen Mann als Kurt Borch, seinen Assistenten, vor.

Kaum daß sie sich dem Lager genähert hatten, interessierte Kellogg sich sehr für die Fuzzys. Er hockte sich hin, um sie zu untersuchen. Dann sagte er etwas zu Mallin, der seine Lippen zusammenpreßte und den Kopf schüttelte. Dann meinte er:

»Wir können sie solange nicht als vernunftbegabte Wesen ansehen, bis wir etwas an ihrem Verhalten finden, das sich durch keine andere Hypothese erklären läßt. Wir lägen weitaus richtiger, wenn wir erst einmal Unvernunft voraussetzen und dann versuchen, diese Annahme zu überprüfen.«


Sie aßen draußen am Picknicktisch, wo die Fuzzys sie interessiert beobachteten. Kellogg und Mallin waren deutlich bemüht, sie nicht zu erwähnen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, als die Fuzzys ihren Ball ins Haus brachten und alle im Wohnzimmer versammelt saßen, brachte Kellogg, der sich wie ein Versammlungsleiter aufführte, das Gespräch auf dieses Thema. Lange Zeit ließ er sich darüber aus, welch wichtige Entdeckung sie doch seien, und kein anderer kam dazu, auch nur ein Wort zu sagen. Die Fuzzys selbst ignorierten ihn und begannen, ihre Konstruktion aus Stangen und Kugeln zu zerlegen. Eine Weile sahen Goldlöckchen und Cinderella interessiert zu, dann beteiligten sie sich auch.

»Unglücklicherweise«, fuhr Kellogg fort, »besteht ein Großteil dessen, was wir wissen, nur aus unbestätigten Angaben Mr. Holloways. Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich selbst bezweifle keine Sekunde lang das, was Mr. Holloway ausgeführt hat, aber Sie müssen sich darüber im klaren sein, daß professionelle Wissenschaftler nur äußerst zögernd unbestätigte Berichte von — entschuldigen Sie bitte — unqualifizierten Beobachtern akzeptieren.«

»So ein Unsinn, Leonhard!« unterbrach Rainsford ihn ungeduldig. »Ich bin professioneller Wissenschaftler und habe ein paar Jahre mehr Praxis als Sie. Ich akzeptiere Jack Holloways Aussagen. Ein Prospektor wie Jack ist ein sehr sorgfältiger und exakter Beobachter. Leute, die das nicht sind, leben auf Grenzplaneten nicht lange.«

»Nein, bitte, verstehen Sie mich nicht falsch«, wiederholte Kellogg. »Ich bezweifle Mr. Holloways Aussagen nicht. Ich dachte nur an die Reaktion auf Terra.«

»Darum würde ich mich nicht sorgen, Leonhard. Das Institut akzeptiert meine Berichte, und ich verbürge mich für die Verläßlichkeit von Jack Holloway. Außerdem kann ich einen Großteil seiner Beobachtungen aus persönlicher Anschauung bestätigen.«

»Und nicht nur das«, warf Gerd van Riebeek ein. »Eine Kamera ist kein unqualifizierter Beobachter. Wir haben eine Menge Filmmaterial über die Fuzzys.«

»Ah ja, solche Filme wurden wohl erwähnt«, sagte Mallin. »Sie haben aber noch keine entwickelt, oder?«

»Eine ganze Menge. Alles bis auf die Aufnahmen, die heute nachmittag im Wald gemacht wurden. Wir können sie sofort vorführen.«

Er zog die Leinwand vor dem Gewehrschrank herunter, holte den Film und legte ihn in den Projektor ein. Die Fuzzys, die gerade eine neue Konstruktion aus Kugeln und Stäben in Angriff genommen hatten, waren zuerst etwas ungehalten, als das Licht erlosch, rannten dann aber aufgeregt herum, als Little Fuzzy persönlich auf der Leinwand erschien, wie er sich eine kleine Abfallgrube grub. Besonders Little Fuzzy war sehr erregt — falls er sich selbst nicht erkannte, dann erkannte er auf jeden Fall den Meißel. Dann sah man ihn, wie er Garnelen tötete und aß, wie er Schraubenmuttern auf- und abdrehte. Dann traten auch die anderen Fuzzys auf, und die Vorstellung endete damit, daß Goldlöckchen und Cinderella zu der Gruppe stießen.

»Die Aufnahmen, die Juan und ich heute nachmittag im Wald machten, sind nicht sehr ergiebig«, sagte Rainsford. »Meist sind nur Hinterteile zu sehen, die in den Büschen verschwinden.«

Mallin und Kellogg sahen sich überrascht an.

»Sie haben uns gar nicht erzählt, daß es noch mehr von ihnen gibt«, sagte Mallin mit einem anklagenden Unterton. Er wandte sich an Kellogg. »Das ändert die Lage natürlich.«

»Ja, allerdings, Ernst«, stieß Kellogg erfreut aus. »Das ist eine wunderbare Gelegenheit. Mr. Holloway, ich gehe doch richtig in der Annahme, daß hier in der Umgebung alles Land Ihnen gehört, oder? Würden Sie uns nun erlauben, auf der Lichtung zu lagern, auf der unser Fahrzeug jetzt steht? Wir werden uns vorgefertigte Hütten besorgen — die nächste Siedlung ist Red Hills, nicht wahr? — und lassen sie von einem Bautrupp der Gesellschaft aufstellen; auf die Weise belästigen wir sie bestimmt nicht. Eigentlich wollten wir nur heute nacht in unserem Fahrzeug hier bleiben und morgen wieder nach Mallorys Port zurückfliegen, aber wenn es hier in den Wäldern von Fuzzys wimmelt, ist daran natürlich nicht mehr zu denken. Sie haben doch nichts dagegen, oder?«

Er hatte sehr viel dagegen. Die ganze Geschichte wuchs sich zu einer spürbaren Last für ihn aus. Aber wenn er Kelloggs Bitte nicht nachkam, würden die drei achtzig oder hundert Kilometer von hier ihr Lager errichten, und dann wären sie von seinem Land weg. Er wußte, was dann kommen würde. Mit Fallen oder mit Betäubungsgas würden sie Fuzzys einfangen, sie in Käfige sperren und Labyrinth- oder Schockexperimente mit ihnen machen. Einige würde man ganz bestimmt sezieren und sich vielleicht nicht einmal die Mühe machen, sie vorher zu töten. Wenn sie auf seinem Land so etwas begannen, konnte er zumindest Maßnahmen dagegen ergreifen.

»Überhaupt nicht. Ich muß Sie nur noch einmal daran erinnern, diese Wesen rücksichtsvoll zu behandeln.«

»Oh, wir werden Ihren Fuzzys nichts tun«, sagte Mallin.

»Nicht einem«, sagte Holloway. »Jedenfalls nicht mehr als einmal.«


Am nächsten Morgen erschienen während des Frühstücks Kellogg und Kurt Borch. Borch hatte sich abgetragene Kleidungsstücke angezogen, dazu hohe Stiefel, und an seinem Gürtel trug er eine Pistole. Sie hatten eine Liste von Dingen bei sich, von denen sie glaubten, daß sie sie für ihr Lager benötigten. Keiner von beiden schien mehr als eine äußerst nebelhafte Vorstellung davon zu haben, was man für ein Lager alles brauchte. Jack machte ein paar Vorschläge, die angenommen wurden. Prompt strich er auch, als er beim Lesen darauf stieß, ein Röntgengerät wieder durch.

»Wir wissen nichts darüber, wie hoch die Strahlungstoleranz der Fuzzys ist«, sagte er. »Und wir werden das nicht auf die Weise herausbekommen, indem einer von ihnen eine tödliche Dosis erhält.«

Zu seiner Überraschung widersprach keiner von beiden. Gerd, Ruth und Kellogg borgten sich seinen Gleiter und flogen nach Norden; er und Borch gingen zu der Lichtung hinüber, und kurz darauf erschienen Rainsford und Jimenez, um Mallin abzuholen. Borch selbst nahm sich ein Boot, um damit nach Red Hill zu fahren. Gegen Mittag kehrte er zurück, und kurz darauf hatten die Experten der Gesellschaft aus Red Hill das neue Lager errichtet.

Zwei Jeeps kehrten am späten Nachmittag zurück, und aufgeregt erzählten die Insassen von den vielen Fuzzys, die sie gesehen hatten. Insgesamt hatte man drei Lagerstätten, eine davon in einem hohlen Kugelbaum, entdeckt. Die ersten beiden hatte man verlassen vorgefunden, die dritte war noch bewohnt gewesen. Kellogg bestand darauf, Jack und Rainsford abends in seinem Lager zu bewirten. Das Mahl war ausgezeichnet, denn sämtliche Gänge waren fertig gekocht geliefert worden und brauchten nur aufgewärmt zu werden.


Rainsford, der am Abend zuvor noch in sein eigenes Lager zurückgeflogen war, kehrte am späten Vormittag von Süden her zurück und landete vor Jacks Haus. Jack war ihm beim Ausladen seines Gepäcks behilflich, dann setzten sie sich unter den großen Federblattbaum, um eine Pfeife zu rauchen und den Fuzzys beim Spielen zuzuschauen. Hin und wieder sahen sie Kurt Borch, der drüben im anderen Lager herumlief.

»Ich habe den Bericht abgeschickt«, sagte Rainsford mit einem Blick auf die Uhr. »Inzwischen dürfte er sich auf unserem Postboot nach Mallorys Port befinden; morgen um diese Zeit ist er bereits im Hyperraum nach Terra unterwegs. Wir werden überhaupt nichts davon sagen, sondern einfach zusehen, wie Kellogg und Mallin sich den Mund fusselig reden, um uns davon abzuhalten.« Er kicherte. »Ich habe ganz eindeutig Vernunft für die Fuzzys reklamiert; als ich soweit war, den Bericht abzuschicken, konnte ich zu keinem anderen Schluß kommen.«

»Ich schon gar nicht. Habt ihr das gehört, Kinder?« fragte er Mike und Mitzi, die herangekommen waren, weil sie irgend etwas von den Männern erwarteten. »Onkel Ben sagt, daß ihr vernunftbegabt seid.«

»Quiek?«

»Sie wollen wissen, ob es gut zu essen ist. Was wird jetzt geschehen?«

»Etwa ein Jahr lang nichts. In sechs Monaten, wenn das Schiff auf Terra eintrifft, wird das Institut den Bericht an die Presse geben, und dann wird man ein Forschungsteam herschicken. Die Regierung wird wohl auch einen Vertreter entsenden. Schließlich sind unterzivilisierte Eingeborene auf kolonisierten Planeten automatisch Mündel der Terraföderation.«

Jack kam zu dem Schluß, daß ihm das gar nicht gefiel. Je weniger er mit der Regierung zu tun hatte, desto besser, und seine Fuzzys waren seine Mündel. Das sagte er auch deutlich.

Rainsford nahm Mitzi auf und streichelte sie. »Ein schönes Fell«, sagte er. »Solch ein Pelz würde gute Preise bringen. Und das wird er auch, wenn wir es nicht erreichen, daß diese Leute hier zu vernunftbegabten Wesen erklärt werden.«

Er sah hinüber ins andere Lager und dachte nach. Vielleicht war Leonhard Kellogg auch schon auf diesen Gedanken gekommen und zählte insgeheim schon den Profit aus den Fuzzy-Pelzen für die Gesellschaft.

Kellogg wollte nicht, daß Fuzzys vernunftbegabt waren. Erklärte man sie nicht dazu, waren es einfache Pelztiere. Jack sah vor seinem geistigen Auge schon einige dekadente reiche Witwen, die ihre fetten Leiber in die Felle von Little Fuzzy, Mama Fuzzy, Mike und Mitzi, Ko-Ko und Cinderella, Goldlöckchen und Baby Fuzzy gehüllt hatten. Bei dem Gedanken wurde ihm schlecht.


7.

<p>7.</p>

Der Dienstag begann heiß und windstill; eine scharlachrote Sonne schob sich an einem klaren, messing-farbenen Himmel herauf. Den Fuzzys schien das gar nicht zu gefallen — sie waren an diesem Morgen reizbar und unruhig. Vielleicht würde es doch bald einmal regnen. Jack und sein Besucher beschlossen, sich draußen an den Picknicktisch zu setzen. Nach etwa zwanzig Minuten verabschiedete Ben sich, weil er sein Gewehr holen und auf Jagd gehen wollte.

Kurz darauf kamen Ruth Ortheris und Gerd van Riebeek zu Jacks Haus herüber und leisteten ihm beim Frühstück Gesellschaft.

Kaum hatten sie sich an den Tisch gesetzt, kamen einige Fuzzys herübergelaufen; bisher hatten sie in der Umgebung nach Garnelen gesucht. Little Fuzzy sprang auf den Tisch, um nach Leckerbissen zu suchen, Ruth nahm sich Goldlöckchen auf den Schoß, und als Gerd sich nach einigen Minuten ins Gras ausstreckte, setzte sich Ko-Ko auf seine Brust.

Dann erhob sich in Kelloggs Lager ein Gleiter und schwebte herüber. Juan Jimenez steuerte ihn, und als er herankam, steckte Ernst Mallin seinen Kopf heraus und fragte Ruth, ob sie fertig sei. Dann richtete er Gerd aus, daß Kellogg ihn in ein paar Minuten abholen würde. Nachdem Ruth in den Gleiter gestiegen war, setzte Gerd Ko-Ko von seiner Brust herunter und holte eine Zigarette aus der Tasche.

»Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist«, sagte er, während er dem Gleiter nachschaute. »Oder doch, ich weiß es: Sie hat eine Anweisung von oben bekommen. Kellogg hat gesprochen. Fuzzys sind einfach dumme kleine Tiere«, sagte er bitter.

»Sie arbeiten doch auch für Kellogg, nicht wahr?«

»Ja, aber das bedeutet noch lange nicht, daß er meine fachlichen Ansichten diktiert. Wissen Sie, in der schlimmen Stunde, als ich den Job annahm…« Er stand auf, um seinen Gürtel auf der einen Seite hochzuziehen, weil seine Kameraausrüstung schwer daran zog. »Jack, hat Ben Rainsford bereits einen Bericht über die Fuzzys an das Institut geschickt?« wechselte er das Thema abrupt.

»Warum?«

»Wenn nicht, dann sagen Sie ihm, er soll sich damit beeilen.«

Sie hatten keine Zeit, sich weiter darüber zu unterhalten, denn in Kelloggs Lager erhob sich ein zweiter Gleiter — zweifelsohne der Kelloggs.

Jack Holloway ließ sich mit seinen Hausarbeiten Zeit, schob vor allem das Abwaschen lange vor sich her. Nach und nach kehrten die gemieteten Gleiter wieder in das andere Lager zurück, und als Jack sich an seinen Wohnzimmertisch gesetzt hatte, nachdem die Fuzzys ihr Mittagsschläfchen begonnen hatten, war auch Gerd van Riebeek wieder da und klopfte an seine Tür.

»Jack, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«

»Natürlich, kommen Sie ‘rein.«

Van Riebeek trat ein, schnallte seinen Waffengurt ab. Er drehte seinen Stuhl so, daß er im Sitzen zur Tür hinausschauen konnte, die Waffe vor sich auf dem Boden. Dann begann er, Leonhard Kellogg in vier oder fünf Sprachen zu verfluchen.

»Nun, im Prinzip bin ich Ihrer Meinung«, sagte Jack. »Aber was hat er denn jetzt getan?«

»Wissen Sie, was dieser Sohn eines Kooghras vorhat?« fragte Gerd. »Er und dieser…« Er benutzte einige Worte in sheshanischer Sprache, die auf Terra nicht ihresgleichen hatten. »Er und dieser Schwachkopf Mallin bereiten einen Bericht vor, in dem sie Ihnen und Ben Rainsdorf vorwerfen, einen handfesten Schwindel inszenieren zu wollen. Sie haben die Fuzzys ein paar Tricks gelehrt, haben ihre Gerätschaften selbst hergestellt, und Sie und Rainsford haben sich zusammengetan, um die Fuzzys zu vernunftbegabten Wesen erklären zu lassen. Jack, wenn das nicht eine elende Gemeinheit wäre, wäre es der größte Witz des Jahrhunderts!«

»Ich nehme an, die beiden wollten, daß Sie diesen Bericht ebenfalls unterzeichnen?«

»Ja, und ich habe Kellogg gesagt, er könne mich…« Was Kellogg hätte tun sollen, war offenbar in jeder Weise unausführbar. Er fluchte erneut, zündete sich dann eine Zigarette an. »Folgendes ist passiert: Kellogg und ich, wir befanden uns etwa dreißig Kilometer nördlich des Cold Creek. Sie wissen sicherlich, wo ich meine? Oben an der Stelle, wo Sie gesprengt haben. Nun, wir fanden eine Stelle, an der Fuzzys gelagert hatten. Und wir entdeckten ein kleines Grab, wo die Fuzzys einen der Ihren bestattet hatten.«

Er hätte mit so etwas rechnen müssen, und doch überraschte es ihn sehr. »Sie meinen, sie begraben ihre Toten? Wie sah das Grab aus?«

»Ein kleiner Steinhügel, in der Fläche etwa neunzig Zentimeter mal einen Meter zwanzig, etwa dreißig Zentimeter hoch. Kellogg sagte, daß sei bloß ich großes Abfalloch, aber ich wußte sofort, worum es sich handelte. Ich habe es geöffnet. Unter den Steinen war festgestampfte Erde und dann ein toter Fuzzy, eingehüllt in Gras. Ein Weibchen; irgendein Raubtier, vielleicht ein Buschgoblin, hatte sie angefallen und zerrissen. Und passen sie gut auf, Jack: sie hatten ihren Garnelentöter mit begraben.«

»Sie begraben ihre Toten! Was hat Kellogg denn getan, während Sie das Grab öffneten?«

»Er rannte hektisch umher, während ich begeistert davon sprach, wie bedeutsam dieser Fund sei. Er drängte ständig nur darauf, endlich wieder ins Lager zurückzukehren. Über Funk forderte er Mallin auf, das auch zu tun, und als er ihm dann erzählte, was wir gefunden hatten, wollte Mallin sofort mit aschfahlem Gesicht wissen, wie wir die Geschichte verheimlichen könnten. Ich fragte ihn, ob er verrückt geworden sei, und dann kam Kellogg damit heraus — sie wollen auf keinen Fall, daß den Fuzzys Vernunft nachgewiesen wird.«

»Weil die Gesellschaft Fuzzyfelle verkaufen will?«

Van Riebeek sah ihn überrascht an. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich glaube, sie aber auch nicht. Nein. Wenn die Fuzzys nämlich intelligente Wesen sind, dann ist der Vertrag der Gesellschaft null und nichtig.«

Diesmal fluchte Jack, aber nicht auf Kellogg, sondern auf sich selbst.

»Was bin ich doch für ein Tattergreis! Mein Gott, ich kenne das Kolonialgesetz, schließlich habe ich mich auf unzähligen Planeten hart an seinem Rand bewegt. Daß ich nie daran gedacht habe — ja, er wäre wertlos, Sie haben recht. Wie stehen Sie jetzt überhaupt zur Gesellschaft?«

»Ich gehöre nicht mehr dazu, aber das ist mein Problem. Ich habe genug Geld auf der Bank, um meine Reise nach Terra bezahlen zu können, ganz abgesehen davon, was ich für meinen Gleiter und einige andere Sachen erhalte. Und Xeno-Naturforscher brauchen sich um einen Job nicht zu sorgen. Da wäre ja noch Ben mit seiner Gruppe. Und, mein Lieber, wenn ich nach Terra zurückkomme, werde ich ordentlich auspacken!«

»Wenn Sie zurückkommen. Wenn Ihnen nicht vor Betreten des Schiffes ein Unfall zustößt.« Jack dachte einen Augenblick lang nach. »Verstehen Sie etwas von Geologie?«

»Nun, ein wenig; ich habe manchmal mit Fossilien zu tun. Ich bin gleichermaßen Paläontologe und Zoologe. Warum?«

»Möchten Sie nicht eine Weile bei mir bleiben und mit mir versteinerte Quallen suchen? Wir werden zu zweit nicht automatisch die doppelte Menge finden, aber während ich in eine Richtung schaue, können Sie die andere im Auge behalten. Dadurch leben wir vielleicht etwas länger.«

»Ist das Ihr Ernst, Jack?«

»Ich hab’s doch gesagt, nicht wahr?«

Van Riebeek erhob sich und streckte Jack seine Hand hin. Jack kam um den Tisch herum und schüttelte sie. Dann griff er nach seinem Waffengurt und schnallte ihn sich um.

»Leg deinen auch lieber um, Partner«, sagte er. »Vermutlich ist Borch der einzige, für den wir eine Pistole brauchen werden, aber…«

Van Riebeek tat es ihm nach, zog seine Pistole, um die Kammer zu laden. »Was tun wir jetzt?« fragte er dann.

»Nun, wir werden versuchen, diese Sache auf legalem Weg zu bereinigen. Ich werde sogar die Polizei verständigen.«

Er betätigte die Kontrollen am Visifon. Der Bildschirm wurde hell, und dann erkannte man darauf das Innere einer Polizeistation. Der Sergeant, der sie ansah, erkannte ihn und grinste.

»Hallo, Jack. Wie geht’s der Familie?« fragte er. »Ich komme mal einen Abend ‘raus, um sie mir anzusehen.«

»Sie können gleich welche sehen.« Ko-Ko, Goldlöckchen und Cinderella kamen aus dem Schlaf räum herüber, und Jack setzte sie alle drei auf den Tisch. Der Sergeant war fasziniert. Dann mußte er bemerkt haben, daß die beiden Anrufer selbst im Haus ihre Waffen trugen. Seine Augen verengten sich.

»Gibt es Schwierigkeiten, Jack?« fragte er.

»Einige kleine, aber sie könnten größer werden. Ich habe hier einige Gäste, die mir nicht mehr willkommen sind. Oder besser: ungebetene Gäste, die ich hinauswerfen möchte. Wenn hier ein paar blaue Uniformen wären, könnte ich mir ein paar Kugeln sparen.«

»Ich verstehe. George hat schon erwähnt, daß Sie noch bedauern würden, diese Bande zu sich eingeladen zu haben.« Er griff nach dem Telefon. »Calderon an Wagen drei«, sagte er. »Hören Sie mich, drei? Jack Holloway hat Ärger mit einigen Besuchern. Ja, ganz richtig. Er will sie wegschicken und befürchtet, daß sie ihm Ärger machen werden. Jawohl, der friedfertige Jack Holloway. Fliegt also mal zu ihm hinüber und jagt diese Leute von seinem Grund. Wenn sie sich aufblasen und anführen, daß sie große Tiere der Gesellschaft seien, so interessiert uns das überhaupt nicht.« Er legte den Hörer zurück. »In einer Stunde werden sie da sein, Jack.«

»Ja, vielen Dank, Phil. Kommen Sie ruhig mal abends herüber und bleiben Sie eine Weile.«

Er schaltete das Gerät ab. »Weißt du«, sagte er dann. »Ich hielte es für fair, Kellogg wenigstens davon zu unterrichten. Wie ist seine Nummer?«

Gerd gab sie ihm, und Jack wählte sie — es war eine dieser komplizierten Kombinationen der Gesellschaft. Augenblicklich erschien Kurt Borch auf dem Bildschirm.

»Ich möchte mit Kellogg sprechen.«

»Dr. Kellogg ist im Augenblick sehr beschäftigt.«

»Er wird noch viel beschäftigter sein, wenn er hört, was ich zu sagen habe. Ihre ganze Bande hat bis achtzehn Uhr Zeit, von meinem Grund und Boden zu verschwinden.«

Borch wurde beiseite geschoben, und Kellogg erschien. »Was soll der Unsinn?« fragte er verärgert.

»Ich befehle Ihnen, zu verschwinden. Wollen Sie auch wissen, warum? Gerd van Riebeek kann es Ihnen sagen.«

»Sie können uns nicht so einfach wegschicken. Sie selbst haben uns doch die Erlaubnis erteilt…«

»Ist hiermit zurückgezogen. Im übrigen schickt Lunt zwei seiner Leute herüber. Ich gehe davon aus, daß Sie Ihre Sachen gepackt haben, wenn die beiden da sind.«

Er schaltete ab, während Kellogg ihm noch zu erklären versuchte, daß alles auf einem Mißverständnis beruhe.

»Ich denke, das wäre alles. Bis Sonnenuntergang ist es noch eine Weile — wir sollten ein wenig auf unsere neue Partnerschaft trinken. Dann gehen wir hinaus und beobachten den Feind.«


Als sie hinauskamen und sich auf die Bank neben der Küchentür setzten, war noch keine Feindtätigkeit zu sehen. Kellogg hatte inzwischen vermutlich die Polizeistation angerufen und sich alles bestätigen lassen, und außerdem gab es sicherlich eine Menge zu packen. Nach einer Weile tauchte Kurt Borch mit einem Antigrav-Heber voller Kisten und anderem Gepäck auf. Jimenez ging daneben her und achtete darauf, daß nichts herunterfiel. Jimenez kletterte auf den Gleiter und Borch hob die Last an und kehrte wieder in die Hütte zurück. Dies wiederholte sich mehrere Male. Unterdessen schienen Kellogg und Mallin einige Meinungsverschiedenheiten zu haben. Ruth Ortheris kam mit einer Mappe unter dem Arm heraus und setzte sich unter dem Sonnenschutzzelt an einen Tisch.

Weder Jack noch Gerd hatten auf die Fuzzys geachtet, bis sie einen entdeckten, der gerade den Weg zu der kleinen Brücke hinunterlief.

»Sieh dir diesen Dummkopf an. Bleib hier, Gerd, ich hol sie schon ein.« Jack hatte Goldlöckchen erkannt.

Er lief den Weg hinunter, aber als er dann die Brücke erreicht hatte, war Goldlöckchen schon hinter einem Gleiter vor Kelloggs Lager verschwunden. Als er näherkam, noch etwa sechs Meter von dem Fahrzeug entfernt war, hörte er plötzlich einen Laut, wie er ihn noch nie zuvor gehört hatte — ein schrilles, dünnes Kreischen, als ob eine Feile auf einem Sägeblatt entlangfuhr. Im gleichen Augenblick schrie Ruth:

»Nicht! Tun Sie es nicht, Leonhard!«

Als Jack den Gleiter umrundete, erstarb das Kreischen urplötzlich. Goldlöckchen lag am Boden, ihr Fell hatte sich gerötet. Kellogg stand über ihr, hatte einen Fuß erhoben. Er trug weiße Schuhe; sie waren beide mit Blut verschmiert. Mit seinem Fuß trat er auf den kleinen, blutenden Körper, und dann war Jack über ihm. Etwas krachte furchtbar, als seine Faust im Gesicht des anderen landete. Wieder und wieder schlug er zu. Später wußte er nicht mehr, wie oft er das getan hatte, als Ruth Ortheris’ Stimme zu ihm durchdrang.

»Jack, passen Sie auf! Hinter Ihnen!«

Er ließ Kelloggs Hemd los, sprang zur Seite, drehte sich um und griff dabei nach seiner Pistole. Kurt Borch stand etwa acht Meter von ihm entfernt und hielt seine Waffe auf ihn gerichtet.

Jack feuerte blitzschnell, immer noch aus der Drehbewegung heraus. Auf Borchs Hemd bildete sich ein roter Fleck, der ein gutes Ziel abgab. Jack drückte noch einmal ab. Borch ließ seine Pistole fallen, die er nicht mehr hatte abfeuern können, knickte in den Knien ein, schlug dann vornüber auf den Boden.

Hinter ihm ertönte Gerd van Riebeeks Stimme. »Keine Bewegung; jeder nimmt die Hände hoch. Sie auch, Kellogg.«

Kellogg, der am Boden gelegen hatte, stemmte sich in die Höhe. Aus der Nase strömte Blut, und er versuchte, es mit dem Ärmel seiner Jacke abzuwischen. Als er auf seine Leute zutaumelte, prallte er mit Ruth Ortheris zusammen, die ihn wütend von sich stieß… Dann kniete sie neben dem kleinen geschundenen Körper nieder und berührte ihn. Ruth begann zu weinen.

Juan Jimenez war aus dem Gleiter geklettert und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die Leiche Kurt Borchs.

»Sie haben ihn umgebracht!« schrie er. »Ermordet!« Er rannte auf das Wohngebäude zu.

Gerd van Riebeek feuerte ihm einen Schuß vor die Beine, worauf er wie angewurzelt stehenblieb.

»Helfen Sie Dr. Kellogg, Juan«, trug er ihm auf. »Er ist verletzt.«

»Rufen Sie die Polizei«, sagte Mallin. »Ruth, machen Sie das, auf Sie wird man nicht schießen.«

»Lassen Sie nur. Ich habe sie ja schon gerufen, wie Sie sich vielleicht erinnern«, warf Jack ein.

Jimenez hatte ein Taschentuch hervorgeholt und versuchte, damit das Nasenbluten seines Vorgesetzten zu stillen. Kellogg versuchte die ganze Zeit mit undeutlicher Stimme Mallin zu erklären, daß das ganze nicht seine Schuld sei.

»Das kleine Biest hat mich angegriffen; es hat mich mit seinem Speer gestochen.«

Ruth Ortheris sah auf. Die anderen Fuzzys kauerten neben ihr um die Leiche von Goldlöckchen.

»Sie zupfte ihn nur am Hosenbein, so wie sie es immer machen, wenn sie jemanden auf sich aufmerksam machen wollen«, sagte sie dann. Sie verstummte, weil ihre Stimme versagte. »Und er hat sie solange getreten, bis sie tot war«, fügte sie dann hinzu.

»Ruth, schweigen Sie!« herrschte Mallin sie an. »Das Tier hat Leonhard angegriffen und hätte ihn ernsthaft verwunden können.«

»Was es auch getan hat!« Kellogg, der sich immer noch das Tuch vor die Nase hielt, zog mit der freien Hand sein Hosenbein in die Höhe, zeigte auf eine blutende Stelle an seinem Schienbein. Sie sah aus wie ein kleiner Kratzer. »Sie haben es selbst gesehen.«

»Ja, das habe ich! Ich sah, wie Sie sie wegstießen und dann auf ihr herumtrampelten. Dabei wollte sie Ihnen nur ihr neues Spielzeug zeigen.«

Jack tat es inzwischen leid, daß er Kellogg nicht in dem Augenblick erschossen hatte, als er sah, was vor sich ging. Die anderen Fuzzys hatten versucht, Goldlöckchen auf die Füße zu stellen. Als sie begriffen hatten, daß das keinen Sinn hatte, ließen sie den toten Körper wieder sinken und kauerten sich im Kreis herum, wobei sie leise Klagelaute von sich gaben.

»Wenn gleich die Polizei kommt, verhalten Sie sich still«, verlangte Mallin. »Überlassen Sie das Reden mir.«

»Sie wollen wohl Zeugen einschüchtern, Mallin, wie?« fragte Gerd. »Wissen Sie denn nicht, daß auf der Polizeistation jeder unter dem Lügendetektor aussagen muß? Und Sie werden als Psychologe bezahlt.« Dann bemerkte er, wie einige der Fuzzys ihre Köpfe hoben und nach Südosten sahen. »Jetzt kommt die Polizei.«

Aber es handelte sich nur um Ben Rainsfords Gleiter, auf dessen Ladedeck eine Zebralope festgebunden war. Ben überflog Kelloggs Lager, landete dann und sprang mit gezogener Waffe heraus.

»Was ist passiert, Jack?« fragte er und sah sich dann um. Sein Blick ging von Kellogg zu Borch und der Waffe neben Borchs Leiche und zu Goldlöckchen. »Ich verstehe. Das letzte Mal, als jemand eine Waffe gegen dich zog, nannte man es Selbstmord.«

»Das war es diesmal auch, mehr oder weniger. Hast du in deinem Fahrzeug eine Filmkamera? Dann mach ein paar Aufnahmen von Borch und Goldlöckchen. Und achte dann darauf, ob die Fuzzys irgend etwas unternehmen; nimm es ebenfalls auf. Ich denke, du wirst nicht enttäuscht sein.«

Rainsford sah ihn verblüfft an, steckte dann aber seine Waffe ein, ging zu seinem Gleiter zurück und kam mit einer Kamera wieder. Mallin bestand darauf, daß er als Arzt das Recht habe, Kelloggs Verletzungen zu behandeln. Gerd van Riebeek folgte ihm in das Wohngebäude, um eine Erste-Hilfe-Ausrüstung zu holen. Sie kamen gerade wieder heraus — van Riebeeks Waffe in Mallins Rücken —, als der Polizeigleiter neben Rainsfords Fahrzeug niederging. Das war nicht Wagen drei. George Lunt sprang heraus, öffnete dabei sein Pistolenhalfter, während Ahmed Khadra ins Funkgerät sprach.

»Was ist geschehen, Jack? Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir hier sind?«

»Dieser Verrückte hat mich angegriffen und diesen Mann da drüben ermordet!« erregte sich Kellogg.

»Heißen Sie auch Jack?« fragte Lunt.

»Mein Name ist Leonhard Kellogg, und ich bin Chef der…«

»Dann halten Sie den Mund, bis Sie gefragt werden. Ahmed, rufen Sie die Station an, Knabber und Yorimitsu sollen mit ihren Untersuchungsgeräten herkommen. Und erkundigen Sie sich, was Wagen drei aufhält.«

Mallin hatte inzwischen das Verbandszeug ausgepackt, Gerd seine Waffe eingesteckt. Kellogg drückte sich immer noch das Tuch an die Nase und wollte wissen, was es hier noch zu untersuchen gäbe.

»Da haben Sie doch den Mörder. Sie haben ihn doch auf frischer Tat ertappt. Warum verhaften Sie ihn nicht?«

»Jack, gehen wir dort hinüber, wo wir diese Leute bewachen können, ohne sie ständig hören zu müssen«, sagte Lunt. Er sah zu Goldlöckchens Leiche. »Geschah das zuerst?«

»Vorsicht, Lieutenant!« rief Mallin ihnen nach. »Er hat immer noch eine Pistole.«

Jack Holloway erzählte ihm die Vorkommnisse, und Lunt fragte immer wieder dazwischen. »Kellogg stampfte also auf dem Fuzzy herum, und Sie schlugen ihn dann. Wollten Sie ihn daran hindern?«

»Ganz richtig. Ich sage das auch unter dem Detektor aus, wenn Sie wollen.«

»Schon gut. Ich werde diese ganze Bande dem Lügendetektor unterziehen. Und dieser Borch hatte sein Schießeisen in der Hand, als Sie sich umdrehten? Schon gut, Jack. Wir werden natürlich ein Verhör machen müssen, aber das hier ist eindeutig Notwehr gewesen. Glauben Sie, daß einer von dieser Bande aussagen wird, ohne daß man ihn verhaften und an den Detektor anschließen muß?«

»Ruth Ortheris, denke ich.«

»Schicken Sie sie mir bitte her, ja?«

Sie war immer noch bei den Fuzzys, die klagend quiekten. Ben Rainsford stand neben ihr, half ihr auf. Dann ging sie zu Lunt hinüber.

»Was ist geschehen, Jack?« fragte Rainsford. Er sah hinüber zu Gerd. »Und auf wessen Seite steht er?«

»Auf unserer. Er hat der Gesellschaft gekündigt.«

Inzwischen schwebte Wagen drei heran; Jack mußte die ganze Geschichte noch einmal erzählen. Lunt verhörte der Reihe nach Jimenez und Mallin und Kellogg, als er mit Ruth fertig war. Dann kamen er und ein Mann aus Wagen drei zu Jack und Rainsford herüber.

Gerd van Riebeek stieß zu ihnen, als Lunt gerade sagte:

»Jack, Kellogg hat Sie wegen Mordes angeklagt. Ich sagte ihm, daß es Notwehr gewesen sei, aber er hört nicht auf mich. Nach dem Gesetz muß ich Sie jetzt verhaften.«

»In Ordnung.« Er schnallte seine Waffe ab und reichte sie dem Polizisten. »Und jetzt, George, erhebe ich Anklage gegen Leonhard Kellogg wegen der Tötung eines intelligenten Wesens, nämlich eines Eingeborenen des Planeten Zarathustra, der allgemein unter dem Namen Goldlöckchen bekannt war.«

Lunt sah zu der kleinen Leiche und den sechs klagenden Fuzzys um sie herum.

»Aber, Jack — juristisch sind sie keine vernunftbegabten Wesen.«

»Sowas gibt es nicht. Ein intelligentes Wesen ist intelligent, und das nicht erst, wenn man es dazu erklärt hat.«

»Fuzzys sind vernunftbegabte Wesen«, warf Rainsford ein. »Das ist die Meinung eines qualifizierten Xenowissenschaftlers.«

»Meine auch«, sagte Gerd van Riebeek. »Dies ist der Leichnam eines vernunftbegabten Wesens. Und das ist der Mann, der es ermordet hat. Lieutenant, verhaften Sie ihn; worauf warten Sie?«

»He, einen Augenblick!«

Die Fuzzys waren aufgestanden und schoben ihre Schwert-Schaufeln unter die Leiche Goldlöckchens und hoben sie auf die stählernen Schäfte. Ben Rainsford richtete seine Kamera auf sie, als Cinderella die Waffe ihrer Schwester aufhob und dem Leichenzug damit folgte. Die anderen trugen die Leiche zum anderen Ende der Lichtung. Rainsford blieb dicht hinter ihnen. Von Zeit zu Zeit machte er Bilder, lief ihnen dann wieder nach.

Sie setzten die Leiche ab. Mike, Mitzi und Cinderella begannen zu graben. Die anderen liefen umher und suchten Steine. George Lunt war ihnen gefolgt. Jetzt blieb er stehen, nahm seine Mütze ab und hielt sie in den Händen. Als die in Gras gehüllte Leiche in das kleine Grab gelegt wurde, senkte er seinen Kopf.

Dann, als der Steinhügel vollendet war, setzte er die Mütze wieder auf, zog seine Pistole und lud sie durch.

»Jetzt kann es losgehen, Jack«, sagte er. »Ich werde jetzt Leonhard Kellogg wegen Mordes an einem vernunftbegabten Wesen verhaften.«


8.

<p>8.</p>

Das war nicht das erste Mal, daß Jack Holloway gegen Kaution freigelassen wurde, aber noch nie war die Kautionssumme so hoch gewesen. Aber die war es beinahe auch wert gewesen, wenn er daran dachte, wie Leslie Coombes Augen sich geweitet hatten und Mohammed Ali O’Brien den Mund aufgerissen hatte, als er den Beutel mit Sonnensteinen auf George Lunts Tisch geknallt und George aufgefordert hatte, sich daraus den Gegenwert von fünfundzwanzigtausend Sols herauszunehmen. Besonders, nachdem Coombes eine große Schau daraus gemacht hatte, Kelloggs Kaution mit einem dieser berühmten beglaubigten Blankoschecks der Gesellschaft zu bezahlen.

Er sah zu der Whiskyflasche, die er in der Hand hielt, und griff dann nach einer zweiten im Schrank. Eine für Gus Brannhard und eine für den Rest der Leute. Hier draußen in den ärmlichsten Vierteln eines abgelegenen Planeten hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß Gustavus Adolphus Brannhard nur als Anwalt tätig wurde, wenn es um Schießereien oder Veldtier-Diebstähle ging. Aber das stimmte einfach nicht — niemand auf Zarathustra kannte den Grund, aber Whisky war es nicht.

Jetzt saß Gus im größten Stuhl im Wohnzimmer. Er war ein Hüne von einem Mann, mit lockigem goldbraunem Haar und einem breiten Gesicht unter einem dichten Bart. Er trug eine verwaschene, schmierige Buschjacke mit Patronenstreifen, kein Hemd, sondern nur ein zerrissenes Unterhemd auf einer stark behaarten Brust. Auch unter seinen Shorts quoll eine dichte Beinbehaarung hervor. Auf seinem Schoß saß Mama Fuzzy, während Baby auf seinem Kopf herumturnte. Auf je einem Knie saßen Mike und Mitzi. Die Fuzzys hatten sofort Gefallen an Gus gefunden. Vermutlich hielten sie ihn für einen Riesen-Fuzzy.

»Aah!« grollte er, als die Flasche und ein Glas neben ihn gestellt wurden. »Die Hoffnung darauf hält mich seit Stunden am Leben.« Er füllte sich ein Glas ein, und um sicherzugehen, daß auch alles ihm gehörte, stürzte er den Inhalt in einem Zug hinunter.

»Das ist eine nette kleine Familie, Jack«, sagte er dann. »Wir haben vor Gericht gute Chancen, solange Baby nicht versucht, auf dem Kopf des Richters herumzuklettern.«

»Ich will nur, daß Kellogg überführt und verurteilt wird.«

»Nimm das nicht zu leicht, Jack«, warf Rainsford ein. »Du hast ja beim Verhör gesehen, was wir alles gegen uns haben.«

Leslie Coombes, den Staranwalt der Gesellschaft, war von Mallorys Port in höchster Eile herübergekommen. Mit ihm, geradezu an einer Leine, war Mohammed Ali O’Brien gekommen, der Generalstaatsanwalt der Kolonie, der gleichzeitig auch Hauptankläger war. Sie hatten beide versucht, den Fall für nichtig erklären zu lassen — Notwehr von Seiten Holloways und Tötung eines ungeschützten wilden Tieres seitens Kelloggs. Als sie damit nicht durchgekommen waren, hatten sie in einer verzweifelten gemeinsamen Anstrengung versucht, die Zulassung eines jeden Beweisstücks, das sich auf die Fuzzys bezog, zu verhindern. Schließlich war das Ganze nur ein Klagegericht; Lieutenant Lunt als Polizeichef hatte nur äußerst beschränkte Vollmachten.

»Du hast ja gesehen, wie weit sie gekommen sind, nicht wahr?«

»Ich hoffe, wir hegen nicht den Wunsch, daß sie Erfolg haben werden«, sagte Rainsford düster.

»Wie meinst du das, Ben?« fragte Brannhard. »Was werden sie deiner Meinung nach tun?«

»Ich weiß es nicht. Das beunruhigt mich ja so. Wir stellen uns gegen die Zarathustragesellschaft, und die Gesellschaft ist zu groß, um ganz ruhig verklagt zu werden«, antwortete Rainsford. »Sie werden versuchen, Jack irgend etwas anzuhängen.«

»Am Lügendetektor? Das ist lächerlich, Ben.«

»Glaubt ihr nicht, daß wir beweisen können, daß die Fuzzys intelligent sind?« fragte Gerd van Riebeek.

»Wer soll denn Vernunft definieren? Und wie?« fragte Rainsford. »Coombes und O’Brien können festlegen, daß nur die ›Sprache-und-Feuer‹-Regelung gilt.«

»Ach was!« Brannhard war seiner Sache sicher. »Da gibt es ein Grundsatzurteil von vor vierzig Jahren auf Vishnu. Es ging um einen Kindesmord, dessen eine Mutter angeklagt wurde. Ihr Anwalt beantragte Freispruch, weil Mord als ein Tötungsdelikt an intelligenten, vernunftbegabten Wesen definiert wird; da Vernunft angeblich erst dann vorhanden ist, wenn jemand sprechen, einer Feuer machen kann, trifft das bei einem Kleinkind nicht zu — es kann beides nicht. Das Gericht wies das natürlich zurück — wenn jemand diese Voraussetzungen nicht erfüllt, ist das kein Beweis, daß er nicht vernunftbegabt ist. Sprache und Feuer sind ein positiver Beweis für das Vorhandensein von Vernunft — ihr Fehlen ist aber nicht automatisch das Gegenteil.«

Brannhard schenkte sich noch einen Whisky ein und trank ihn, bevor eines der vernunftbegabten Wesen in seiner Umgebung sich daran vergreifen konnte.

»Es ist also kein Problem«, fuhr er fort. »Wenn ich beweisen will, daß Jack Holloway im Recht war, als er Kurt Borch niederschoß, muß ich zuerst beweisen, daß Kurt Borch nicht im Recht war, als er Jack bedrohte und Kellogg zu Hilfe kommen wollte. Und um das tun zu können, muß wiederum bewiesen werden, daß Kellogg sich im Unrecht befand, als er den Fuzzy niedertrampelte. Das geht nur, wenn die Fuzzys vernunftbegabte Wesen sind. Dies wird ein Schwerpunkt meiner Verteidigung werden.«

»Dazu brauchen wir Aussagen von Experten«, warf Rainsford ein. »Aussagen von Psychologen. Und ich nehme an, wir alle wissen, daß die einzigen Psychologen auf diesem Planeten von der Gesellschaft angestellt sind.« Er leerte sein Glas und sah zu den letzten Eiswürfeln auf dem Boden seines Glases, dann erhob er sich, um nachzuschenken. »Ich hätte genauso gehandelt wie du, Jack, trotzdem wäre es mir lieber, daß das alles nicht geschehen wäre.«

»Ha!«

Mama Fuzzy sah überrascht auf, als Brannhard diesen Ruf ausstieß.

»Was glaubt ihr, was Victor Grego sich im Augenblick wünscht?«


Victor Grego legte gerade den Hörer auf die Gabel zurück. »Das war Leslie auf der Jacht«, sagte er. »Sie kommen jetzt herein. Sie werden am Krankenhaus Station machen, um Kellogg abzuliefern, dann kommen sie hierher.«

Nick Emmert knabberte an einer Scheibe Brot herum. Er hatte rötliches Haar, wäßrige Augen und ein weichliches Gesicht.

»Holloway muß ihn ziemlich zugerichtet haben«, sagte er.

»Ich wollte, er hätte ihn umgebracht!« stieß Grego hervor. Dabei sah er, daß der Generalresident zusammenzuckte.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst, Victor!«

»Einen Teufel ist es!« Er deutete auf das Bandgerät, das sich gerade abgeschaltet hatte. »Das ist nur ein Vorgeschmack dessen, was bei der Verhandlung auf uns zukommen wird. Wissen Sie, was auf dem Grabstein der Gesellschaft einst stehen wird? ›Zu Tode getrampelt, mit Hilfe eines Fuzzy, von Leonhard Kellogg‹

»Aber, Victor, sie werden doch Kellogg nicht des Mordes überführen«, sagte Emmert. »Nicht, weil er eines von diesen kleinen Biestern umgebracht hat.«

»Unter Mord«, zitierte Grego, »ist die vorsätzliche und ungerechtfertigte Tötung eines vernunftbegabten Wesens einer jeden Rasse zu verstehen. So lautet das Gesetz. Wenn sie vor Gericht beweisen können, daß die Fuzzys vernunftbegabte Wesen sind…«

Dann würden eines Morgens zwei Gerichtsbeamte Leonhard Kellogg in den Gefängnishof führen und ihm eine Kugel durch den Kopf jagen, spann er den Gedanken weiter — was eigentlich kein Verlust sein würde. Das Problem dabei war, das gleichzeitig damit auch der Vertrag der Zarathustragesellschaft auslaufen würde. Vielleicht ließ sich verhindern, daß Kellogg überhaupt vor Gericht gestellt wurde. Kaum ein Raumschiff verließ je Darius, ohne daß im letzten Augenblick ein oder zwei betrunkene Raumfahrer an Bord geschleppt wurden. So, wie Holloway Kellogg zugerichtet hatte, dürfte es keine Schwierigkeit sein, ihn ebenso abzuschieben. Dafür mußte man die fünfundzwanzigtausend Sol zwar abschreiben, die als Kaution hinterlegt waren, aber für die Gesellschaft war das nur ein Pappenstiel. Nein, dann galt es immer noch den Holloway-Prozeß durchzustehen.

»Möchten Sie, daß ich draußen warte, während die anderen hereinkommen, Victor?« fragte Emmert, stand auf und schob sich dabei eine weitere Schnitte in den Mund.

»Nein, nein, bleiben Sie. Das wird die letzte Gelegenheit sein, daß wir alle gemeinsam über die Sache sprechen; danach müssen wir alles vermeiden, was nach Beeinflussung aussieht.«

»Nun, gern, wenn ich Ihnen helfen kann, Victor.«

Ja, das hatte er gewußt. Wenn es zum Schlimmsten kam und der Vertrag der Gesellschaft für ungültig erklärt würde, würde er sich irgendwie noch durchschlagen, könnte alles tun, um aus den Überresten der Gesellschaft noch etwas für sich herauszuholen. Wenn allerdings Zarathustra tatsächlich einen neuen Status erhielte, wäre Nick am Ende. Sein Titel, seine gesellschaftliche Stellung, seine Schmiergelder, seine Privilegien — alles würde sich in Luft auflösen. Daher konnte man davon ausgehen, daß man von Nick praktisch alles verlangen konnte, was man brauchte.

Die Sprechanlage auf dem Schreibtisch gab einen leisen Summ ton von sich, und eine weibliche Stimme teilte mit, daß Mr. Coombes und seine Begleiter eingetroffen waren.

»Bitte, führen Sie sie herein.«

Coombes trat als erster ein, eine hochgewachsene, elegante Gestalt mit einem ruhigen, zufriedenen Gesicht. Leslie Coombes würde diesen Gesichtsausdruck auch inmitten eines Bombenangriffs oder eines Erdbebens tragen. Grego hatte Coombes als seinen ersten Anwalt ausgewählt, und der Gedanke daran verlieh ihm Auftrieb. Mohammed Ali O’Brien war dagegen alles andere als hochgewachsen, elegant und ruhig. Seine Haut war fast schwarz — er war unter einer B3-Sonne auf Agni geboren worden. Sein kahler Schädel glänzte, und über einem mächtigen weißen Schnurrbart stach eine große Nase hervor. Was erzählte man sich von ihm? Er sei der einzige, der auch im Sitzen herumlaufen könne. Den beiden Genannten folgte jetzt der Rest der Expedition nach dem Beta-Kontinent — Ernst Mallin, Juan Jimenez und Ruth Ortheris. Mallin bedauerte sofort, daß Kellogg nicht bei ihnen war.

»Das bezweifle ich«, reagierte Grego darauf. »Aber bitte, setzen Sie sich. Wir haben leider eine ganze Menge zu besprechen.«


Oberrichter Frederic Pendarvis schob den Aschenbecher ein paar Zoll nach rechts und gleich darauf die schlanke Vase mit den Sternblumen ein paar Zoll nach links. Dann stellte er die gerahmte Fotografie der freundlichen, weißhaarigen Frau direkt vor sich. Jetzt nahm er aus der silbernen Schachtel eine dünne Zigarre heraus, schnitt sie sorgfältig an einem Ende ein und zündete sie an. Dann fiel ihm keine andere Verzögerungstaktik mehr ein, und er zog die beiden dicken Bücher näher an sich heran und schlug das rote, das mit den Kriminalakten, auf.

Der erste Fall war ein Mord — wie immer. Und zwar auf dem Beta-Kontinent, Polizeirevier Fünfzehn, Lieutenant George Lunt. Jack Holloway — der alte Jack hatte sich also wieder mal eine Kerbe in seine Waffe geschnitten —, Cold-Creek-Tal, Föderationsbürger, Terraner, menschlich; vorsätzliche Tötung eines vernunftbegabten Wesens, Kurt Boren, Mallorys Port, Föderationsbürger, Terraner, menschlich. Ankläger Leonhard Kellogg, dito. Verteidiger des Beklagten Gustavus Adolphus Brannhard. Das letzte Mal, als Jack jemanden erschossen hatte, hatte es sich um zwei Diebe gehandelt, die ihm seine Sonnensteine abnehmen wollten. Der Fall war niemals vor Gericht gekommen. Kellogg allerdings war Angestellter der Gesellschaft — diesen Fall mußte er selbst bearbeiten, denn die Gesellschaft könnte versucht sein, Druck auszuüben.

Im zweiten Fall ging es ebenfalls um Mord, und er stammte auch aus Revier Fünfzehn auf dem Beta-Kontinent. Er las den Bericht und blinzelte. Leonhard Kellogg, Tötung eines vernunftbegabten Wesens, Name unbekannt, daher Goldlöckchen genannt, Eingeborene, Rasse Fuzzy-Zarathustra. Ankläger Jack Holloway, Anwalt des Beklagten Leslie Coombes. Offensichtlich ein Versuch, Kelloggs Anklage lächerlich zu machen. Pendarvis mußte laut lachen. Kelloggs Klage sollte wegen Geringfügigkeit gar nicht erst zugelassen werden. Gut, daß es Leute wie Gus Brannhard gab, die ab und zu für einige Abwechslung sorgten. Rasse Fuzzy-Zarathustra!


In dem Glas war nicht genug Eis, und so warf Leonhard Kellogg noch etwas hinein. Dann wieder war es zuviel, und er schenkte noch etwas Weinbrand nach. Er hätte nicht so früh mit dem Trinken beginnen sollen. Bis zum Abendessen würde er betrunken sein, aber was sonst sollte er tun? So, wie sein Gesicht jetzt aussah, konnte er nicht hinausgehen, und er war sich zudem nicht sicher, ob er dazu überhaupt Lust verspürt hätte.

Sie alle hatten ihn im Stich gelassen — Ernst Mallin, Ruth Ortheris und sogar Juan Jimenez. Auf der Polizeistation hatten Coombes und O’Brien ihn wie ein dummes Kind behandelt, dem man verbieten mußte, vor Fremden auch nur ein Wort zu sagen. Wieder zurück in Mallorys Port hatten sie ihn völlig ignoriert. Victor Grego gar hatte ihm empfohlen, Urlaub zu machen, bis die Sache vorüber war…

Im Nebenzimmer summte das Visifon. Vielleicht war das Victor. Er stürzte den Inhalt seines Glases hinunter und eilte nach nebenan.

Es war Leslie Coombes, und sein Gesicht zeigte wie immer keinen Ausdruck.

»Oh, hallo Leslie.«

»Guten Tag, Dr. Kellogg.« Diese formelle Anrede ließ die Zurechtweisung förmlich spüren. »Oberrichter Pendarvis hat mich informieren lassen, daß der Antrag auf Niederschlagung Ihrer Anklage gegen Holloway abgelehnt worden ist. Beide Verfahren werden vor Gericht ausgetragen.«

»Sie meinen, das Gericht nimmt diese Sache ernst?«

»Es ist ernst. Wenn Sie verurteilt werden, wird der Vertrag der Gesellschaft fast automatisch ungültig. Und — obwohl das nur für Sie persönlich von Belang ist — man könnte Sie zum Tode durch Erschießen verurteilen.« Er tat das mit einem Achselzucken ab. »Jetzt möchte ich mit Ihnen über Ihre Verteidigung sprechen, für die ich verantwortlich bin. Sagen wir, zehn Uhr dreißig morgen in meinem Büro. Bis dahin werde ich wahrscheinlich wissen, welches Beweismaterial gegen Sie vorgebracht werden kann. Ich erwarte Sie also, Dr. Kellogg.«

Vielleicht hatte er noch mehr gesagt, aber das war alles, was bei Leonhard hängen blieb. Ihm war gar nicht bewußt, daß er wieder ins Nebenzimmer ging, bis er merkte, daß er in seinem Sessel saß und sein Glas erneut mit Weinbrand füllte. Er hatte nur noch wenig Eis, aber das störte ihn jetzt nicht mehr.

Stunden später stand er schwankend auf, stolperte zu seiner Liege hinüber und warf sich mit dem Gesicht nach unten auf die Kissen.


Als Leslie Coombes Victor Gregos Büro betrat, fand er dort Nick Emmert vor. Die beiden erhoben sich, um ihn zu begrüßen, und Grego fragte: »Sie haben es gehört?«

»Ja, O’Brien hat mich unverzüglich angerufen«, antwortete Coombes. »Ich benachrichtigte auch sofort meinen Klienten. Ich fürchte, es war ein ziemlicher Schock für ihn.«

»Pendarvis wird die Verhandlung selbst leiten«, sagte Emmert. »Ich hielt ihn immer für einen vernünftigen Mann, aber was hat er jetzt vor? Will er der Gesellschaft ans Leder?«

»Er ist nicht für die Gesellschaft, er ist auch nicht gegen sie. Er ist einfach für die Einhaltung der Gesetze. Das Gesetz schreibt vor, daß ein Planet mit vernunftbegabten Wesen ein Planet der Klasse IV ist, der eine Regierung der Klasse IV haben muß. Wenn Zarathustra ein Planet der Klasse IV ist, dann möchte er, daß dem Gesetz Genüge getan wird. Wenn es sich um einen Planeten der Klasse IV handelt, ist der Vertrag der Gesellschaft illegal zustande gekommen. Sein Job ist es, Ungesetzlichkeiten nicht vorkommen zu lassen. Frederic Pendarvis’ Religion ist das Gesetz, und er ist ein Priester. Man erreicht niemals etwas, wenn man mit einem Priester über Religion streitet.«

Nick Emmert sah seine Felle davonschwimmen. »Sie hatten gestern recht, Victor. Ich wünschte, Holloway hätte diesen Sohn eines Khoogra umgebracht. Vielleicht ist es noch nicht zu spät dazu…«

»Das ist es, Nick. Für so etwas ist es zu spät. Wir können nur noch den Prozeß gewinnen.«

»Dann kann ich nur hoffen, daß diese Fuzzys nicht vor Gericht aufstehen, ein Freudenfeuer anzünden und eine Rede in terranischer Sprache halten«, meinte Grego.

Nick Emmert schrak auf. »Sie glauben also selbst, daß sie vernunftbegabt sind!«

»Natürlich — Sie nicht?«

Grego lächelte säuerlich. »Nick glaubt, daß man eine Sache glauben muß, um sie beweisen zu können. Das hilft zwar, ist aber nicht notwendig. Nehmen wir mal an, wir diskutieren folgenden Fakt: Die Fuzzys werden im Urteilsspruch als vernunftbegabt bezeichnet.«

»Dazu«, warf Emmert ein, »müßte erst einmal definiert werden, was das ist.«

Grego sah überrascht auf. »Leslie, ich glaube, Nick hat da etwas Wichtiges angesprochen. Wie lautet die rechtliche Definition von Vernunft?«

»Soweit ich weiß, gibt es die nicht. Vernunft ist etwas, was einfach akzeptiert wird.«

»Und die ›Sprache-und-Feuer‹-Geschichte?«

Coombes schüttelte den Kopf. »Ist nicht. Das Volk der Kolonie von Vishnu gegen Emily Morrosh, 612 A.E.«

»Dann brauchen wir selbst Fuzzys, um sie studieren zu können«, schlug Grego vor.

»Zu dumm, daß wir an Holloway nicht herankommen«, sagte Emmert. »Vielleicht würde es klappen, wenn er sein Lager mal allein verläßt.«

»Nein, das können wir nicht riskieren.« Grego dachte einen Moment nach. »Einen Augenblick mal. Ich glaube, wir schaffen es doch. Und zwar auf legalem Weg.«


9.

<p>9.</p>

Jack Holloway sah, wie Little Fuzzy die Pfeife beäugte, die er in den Aschenbecher gelegt hatte, dann hob er sie auf und steckte sie in den Mund. Little Fuzzy sah ihn tadelnd an und begann, auf den Fußboden hinabzuklettern. Pappi Jack war gemein; als ob ein Fuzzy nicht auch einmal eine Pfeife rauchen wollte. Na, vielleicht würde es ihm nicht schaden. Er hob Little Fuzzy auf und setzte ihn auf seinen Schoß, bot ihm die Pfeife an. Little Fuzzy zog daran. Er mußte nicht einmal husten; offensichtlich hatte er gelernt, nicht zu inhalieren.

»Der Kellogg-Fall soll zuerst verhandelt werden«, sagte Gus Brannhard. »Ich konnte das absolut nicht verhindern. Versteht ihr, was sie da so machen? Sie werden zuerst gegen Kellogg verhandeln, wobei Coombes gleichzeitig Ankläger und Verteidiger ist, und wenn es gelingt, daß er unschuldig gesprochen wird, ist das ein Präjudiz gegen die Beweise für die Intelligenz der Fuzzys, die wir in deinem Verfahren vorlegen wollen.«

Mama Fuzzy versuchte erneut, ihn am Trinken zu hindern, aber er wußte das geschickt zu umgehen. Baby hatte aufgehört, auf seinem Kopf zu sitzen und spielte jetzt Versteck hinter seinem Schnurrbart.

»Gleich zu Anfang«, fuhr er fort, »werden sie jeden Beweis für die Fuzzys ausschließen, wenn es geht. Viel wird das nicht sein, aber es wird uns schwerfallen, auch nur das Geringste durchzubekommen. Was sie nicht ausschließen lassen können, werden sie angreifen. Sie werden die Glaubwürdigkeit anzweifeln. Natürlich können sie beim Einsatz eines Lügendetektors niemandem vorwerfen, daß er lügt, aber sie können auf Selbsttäuschung bestehen. Du stellst also eine Behauptung auf, die du für richtig hältst, und der Lügendetektor gibt dir recht. Dann werden sie eben sagen, daß du dich im Recht glaubst, aber nicht die Fähigkeit besitzt, die Wahrheit zu erkennen. Und schließlich werden sie behaupten, daß das, was sie nicht angreifen oder leugnen können, kein Beweis für die Vernunft der Fuzzys ist.«

»Was zum Teufel wollen sie denn als Beweis?« fragte Gerd. »Atomenergie, einen Antigrav-Antrieb und einen Hyperantrieb?«

»Sie werden eine hübsche kleine, sehr genaue Definition von Vernunft haben, die so zugeschnitten ist, daß die Fuzzys dabei herausfallen. Und die werden sie dem Gericht vorlegen und versuchen, sie akzeptieren zu lassen. An uns liegt es jetzt, zu erraten, worin diese Definition bestehen wird, damit wir eine Gegenthese und unsere eigene Definition bereithalten können.«

»Ihre Definition wird auch Khoogras beinhalten müssen. Gerd — begraben die Khoogras ihre Toten?«

»Zum Teufel, nein, sie fressen sie auf. Aber du mußt ihnen immerhin zugestehen, daß sie sie vorher kochen.«

Ben Rainsford wollte gerade etwas sagen, hielt aber inne, als eine Polizeisirene durchs Lager heulte. Die Fuzzys schauten interessiert auf. Sie wußten, wer da kam — Pappi Jacks Freunde in den blauen Uniformen.

Jack ging zur Tür und öffnete sie, schaltete dabei das Außenlicht an.

Der Gleiter landete; George Lunt, zwei seiner Leute und zwei Zivilisten stiegen aus.

»Hallo, George, nur herein!«

»Wir möchten uns mit Ihnen unterhalten, Jack.« Lunts Stimme klang gequält, ihr fehlte jede Wärme und Freundlichkeit. »Das heißt, diese Männer möchten Sie sprechen.«

»Aber natürlich, immer herein.«

Er machte den Eingang frei, um sie eintreten zu lassen. Irgend etwas stimmte hier nicht, irgend etwas war geschehen. Khadra trat als erster ein, stellte sich dicht hinter Jack auf. Dann folgte Lunt, stellte sich nach einem schnellen Blick in die Runde zwischen Jack und den Gewehrschrank. Der dritte Polizist ließ die beiden Fremden vor sich eintreten und schloß dann die Tür, lehnte sich dagegen. Jack fragte sich, ob man ihm seine Kaution gestrichen habe und ihn jetzt verhaften wollte. Die beiden Fremden sahen erwartungsvoll zu Lunt. Rainsford und van Riebeek hatten sich erhoben. Gus Brannhard beugte sich vor, um sein Glas nachzuschenken, stand aber nicht auf.

»Die Papiere«, sagte Lunt zu einem seiner Begleiter.

Der Angesprochene holte ein zusammengefaltetes Dokument aus der Tasche und gab es dem Polizisten.

»Jack, das ist nicht meine Idee«, sagte Lunt. »Ich möchte es nicht tun, aber ich muß. Ich würde auch sehr ungern auf Sie schießen, aber wenn Sie Widerstand leisten, muß ich es tun. Und ich bin kein Kurt Borch — ich kenne Sie und werde keinerlei Risiko eingehen.

Dies«, so fuhr er fort, »ist ein Gerichtsbeschluß, Jack, wonach Ihre Fuzzys beschlagnahmt werden. Diese Männer sind Beamte des Zentralgerichts; sie haben den Auftrag, die Fuzzys für das Verfahren nach Mallorys Port zu bringen.«

»Ich möchte den Wisch sehen, Jack«, sagte Brannhard, der immer noch nicht aufgestanden war.

Lunt übergab sie an Holloway, der sie Brannhard reichte. Gus betrachtete das Schreiben kurz und nickte.

»Ein Gerichtsbeschluß, stimmt, unterzeichnet vom Oberrichter.« Er händigte ihn wieder aus. »Sie müssen die Fuzzys mitnehmen, das ist alles. Aber behalte das Dokument und laß dir eine unterschriebene Quittung mit Daumenabdruck geben. Schreib sie gleich auf der Maschine, Jack.«

Gus wollte ihn mit irgend etwas beschäftigen, damit er nicht Zeuge dessen wurde, was nun geschah. Der kleinere der beiden fremden Beamten hatte ein Bündel, das er unter dem Arm getragen hatte, fallen gelassen. Es handelte sich um mehrere Segeltuchsäcke. Jack setzte sich an die Schreibmaschine, versuchte, nicht auf das zu hören, was um ihn herum vorging, und stellte die Quittung aus, führte die Fuzzys der Reihe nach auf und beschrieb sie. Er ergänzte, daß sie sich bei guter Gesundheit befänden und nicht verletzt seien. Eines der Wesen versuchte ihm auf den Schoß zu klettern und schrie dabei herzerweichend. Es klammerte sich an seinem Hemd fest, aber es wurde fortgerissen.

Drei der Fuzzys steckten jetzt bereits in den Säcken, als Jack langsam aufstand und immer noch von den Ereignissen wie betäubt zu sein schien. Er zog die Quittung aus der Maschine. Es gab eine Debatte darüber, ob sie unterzeichnet werden sollte, und als Lunt drohte, ohne Fuzzys zu verschwinden, unterschrieben die zwei und gaben ihren Daumenabdruck. Jack gab Gus das Papier, wobei er sich bemühte, nicht zu den zappelnden Säcken zu schauen und nicht auf die quiekenden Laute zu hören.

»George, dürfen sie nicht einiges von ihrem Spielzeug mitnehmen?« fragte er.

»Aber sicher — was denn?«

»Ihre Bettchen, ein paar Spielsachen.«

»Sie meinen doch nicht etwa diesen Müll?« Einer der beiden Beamten trat gegen die Konstruktion aus Stangen und Kugeln. »Wir haben nur Order, Fuzzys mitzubringen.«

»Sie haben gehört, was die beiden Herren gesagt haben, Jack«, meinte Lunt, wobei er das Wort Herren schlimmer als Khoogra betonte. Er wandte sich an die Männer. »Also, Sie haben sie — worauf warten Sie noch?«

Jack sah von seiner Haustür aus zu, wie die Säcke in den Gleiter verladen wurden, die Männer einstiegen und davonschwebten. Er ging zurück ins Haus und setzte sich an den Tisch.

»Sind sie fort, Jack?« fragte Brannhard. Dann stand er auf, griff hinter sich und holte einen kleinen weißen Pelzball hervor. Baby Fuzzy griff mit beiden Händen nach seinem Bart und zog freudig daran.

»Baby! Sie haben ihn nicht erwischt!«

Brannhard löste die Händchen aus seinem Bart und gab Jack den Fuzzy.

»Nein, aber sie haben auch für ihn unterschrieben.« Brannhard leerte erneut sein Glas, fischte eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. »Jetzt fahren wir nach Mallorys Port und holen uns die restlichen zurück.«

»Aber… der Oberrichter hat den Beschluß unterschrieben. Er wird sie uns nicht geben, nur weil wir ihn darum bitten.«

Brannhard machte ein unhöfliches Geräusch. »Ich wette alles, was mir gehört, daß Pendarvis diesen Beschluß niemals gesehen hat. Diese Dinger liegen stapelweise im Gerichtsbüro herum, blanko unterschrieben. Wenn jemand jedesmal warten müßte, bis ein Richter Zeit hat, einen Antrag zu unterschreiben, wenn man einen Zeugen vorladen oder etwas beschlagnahmen will, dann würde nie etwas erledigt werden. Wenn Harn O’Brien sich das nicht ausgedacht hat, dann stammt es todsicher von Leslie Coombes.«

»Wir nehmen meinen Gleiter«, sagte Gerd. »Kommst du mit, Ben? Es geht los.«


Gus Brannhard war nervös, und das zeigte sich darin, daß er zuviel redete. Das beunruhigte Jack. Als sie schließlich die Tür mit der Aufschrift Oberrichter erreicht hatten, blieb Gus ein drittes Mal stehen, um sich seine Kleidung zurechtzurücken und durch seinen Bart zu streichen.

Im Privatzimmer des Richters befanden sich zwei Leute, als sie eintraten. Pendarvis hatte er hin und wieder schon gesehen, sie waren sich aber noch nie persönlich begegnet. Neben ihm saß Mohammed Ali O’Brien, der überrascht zu sein schien, als er sie eintreten sah. Es wurden keine Hände geschüttelt; der Oberrichter beugte sich lediglich ein wenig vor und bedeutete ihnen mit einer Geste, sich zu setzen.

Dann kam er gleich zur Sache.

»Meine Sekretärin, Miß Ugatori, berichtet mir, daß Sie sich wegen einer Handlung von Mr. O’Brien beschweren.«

»Allerdings, Euer Ehren.« Brannhard klappte seine Mappe auf und zog zwei Papiere hervor — den Beschluß und die Quittung über die Fuzzys — und schob beides über den Tisch. »Mein Klient und ich möchten gern erfahren, auf Grund welcher Gesetze Euer Ehren diesen Akt sanktioniert haben und mit welcher Berechtigung Mr. O’Brien und seine Leute in Jack Holloways Lager kommen, um diese kleinen Leute aus der Obhut ihres Freundes und Beschützers, Mr. Holloway, wegzunehmen.«

Der Richter betrachtete die beiden Schriftstücke.

»Miß Ugatori hat natürlich Fotokopien dieser Schriftsätze gemacht, als sie mit Ihnen diesen Termin für eine Besprechung vereinbarte, aber Sie können mir glauben, Mr. Brannhard, daß ich diesen Beschluß zum ersten Mal im Original sehe. Wie Sie wissen, werden diese Anweisungen alle blanko unterschrieben. Das ist eine Praxis, die viel Zeit und Mühe erspart hat, und bis heute sind sie nur benutzt worden, wenn keinerlei Zweifel daran bestanden, daß ich oder ein anderer Richter einverstanden waren.« Er wandte sich an O’Brien, der sichtlich unruhig wurde. »In diesem Fall hätte ein solcher Zweifel ganz sicher bestanden, und hätte ich das Papier gesehen, hätte ich es niemals unterschrieben. Mr. O’Brien«, fuhr er fort, »man beschlagnahmt nicht einfach fünf vernunftbegabte Wesen als Beweisstücke, wie man vielleicht ein Veldtier-Kalb beschlagnahmt, wenn es um einen Prozeß wegen gefälschter Brandzeichen geht. Die Tatsache, daß die Intelligenz der Fuzzy noch nicht de jure festgestellt wurde, bedeutet, daß man noch sehr wohl von ihrem Vorhandensein ausgehen kann. Und Sie wissen sehr wohl, daß die Gerichte angesichts der Möglichkeit, daß eine unschuldige Person zu Unrecht leiden muß, nichts unternehmen dürfen.«

»Und, Euer Ehren«, sprang Brannhard in die Bresche, »es kann doch nicht geleugnet werden, daß diesen Fuzzys massiv Unrecht geschehen ist! Stellen Sie sich vor — nein, stellen Sie sich unschuldige, hilflose Kinder vor, denn das sind diese Fuzzys. Glückliche, vertrauensselige Kinder, die bisher nur Zuneigung und Freundlichkeit gekannt haben. Und sie wurden brutal entführt, von rohen Händen in Säcke gestopft…«

»Euer Ehren!« O’Briens Gesicht war viel schwärzer angelaufen, als die heiße Sonne von Agni es gebrannt hatte. »Ich kann nicht ohne Protest zulassen, daß Gerichtsbeamte so charakterisiert werden!«

»Mr. O’Brien scheint zu vergessen, daß er hier zwei Augenzeugen der angesprochenen schrecklichen Vorgänge vor sich hat.«

»Wenn die Beamten Verteidigung brauchen, Mr. O’Brien, dann werden sie vor Gericht verteidigt«, sagte Pendarvis. »Ich glaube daher, daß Sie vorerst Ihre eigene Handlungsweise verteidigen sollten.«

»Euer Ehren, ich bestehe darauf, daß ich nur so handelte, wie ich es für meine Pflicht hielt«, sagte O’Brien. »Diese Fuzzys sind ein Beweisstück erster Ordnung für den Prozeß Volk gegen Kellogg, da die Anklage gegen den Beklagten nur durch eine Demonstration ihrer Vernunft aufrechterhalten werden kann.«

»Warum«, fragte Brannhard, »haben Sie sie dann auf so verbrecherische Weise in Gefahr gebracht?«

»Sie in Gefahr gebracht?« sagte O’Brien erschrocken. »Euer Ehren, ich habe nur so gehandelt, daß Ordnung und Sicherheit vor Gericht gewährleistet sind.«

»Und dazu haben Sie sie dem einzigen Menschen auf diesem Planeten weggenommen, der weiß, wie man für sie sorgen kann, der sie so liebt wie er seine eigenen Kinder lieben würde. Statt dessen wurden sie einer Behandlung unterzogen, die sehr gut tödlich für sie ausgehen könnte.«

Richter Pendarvis nickte. »Ich glaube, Sie haben den Fall nicht übertrieben dargestellt, Mr. Brannhard. Mr. O’Brien, ich muß Ihnen für Ihr Verhalten meine Mißbilligung aussprechen. Sie hatten keinerlei Recht, in diesem Fall, wo es um potentiell vernunftbegabte Wesen geht, so zu handeln. Ich ordne daher kraft meines Amtes an, daß Sie diese Fuzzys unverzüglich freilassen und in den Gewahrsam von Mr. Holloway zurückbringen.«

»Nun, natürlich, Euer Ehren.« O’Brien war sichtlich unruhig geworden. »Es wird etwa eine Stunde dauern, sie hierherbringen zu lassen.«

»Sie wollen damit sagen, daß sie sich nicht in diesem Gebäude befinden?« fragte Pendarvis.

»Oh nein, Euer Ehren. Hier bestünde dazu keine Möglichkeit. Ich habe sie ins Wissenschaftscenter bringen lassen…«

»Was?«

Jack hatte sich geschworen, seinen Mund überhaupt nicht aufzumachen und Gus das Reden zu überlassen. Aber dieser Aufschrei hatte sich gleichsam mit Gewalt Luft verschafft. Niemand schien es aber gehört zu haben, denn Gus Brannhard und Richter Pendarvis hatten ebenso wie er reagiert. Pendarvis beugte sich vor und sagte mit gefährlich sanft klingender Stimme:

»Sprechen Sie vielleicht von dem Gebäude der Abteilung für wissenschaftliche Studien und Forschung der Zarathustragesellschaft?«

»Ja, in der Tat; dort hat man Einrichtungen, um alle möglichen Arten lebender Tiere zu verwahren, und man kann jede wissenschaftliche Arbeit…«

Pendarvis fluchte unbeherrscht, hatte sich aber gleich wieder in der Gewalt, Brannhard schaute drein, als hätte seine eigene Brieftasche versucht, ihm die Kehle durchzubeißen.

»Sie glauben also«, sagte Pendarvis mit mühsam erzwungener Ruhe, »daß Beweismaterial der Anklage in einem Mordprozeß logischerweise in den Gewahrsam des Beklagten gegeben wird? Mr. O’Brien, Sie eröffnen da wirklich neue Möglichkeiten!«

»Die Zarathustragesellschaft steht nicht unter Anklage«, murrte O’Brien.

»Nein, nach den Akten nicht«, stimmte Brannhard zu. »Aber wird nicht die wissenschaftliche Abteilung der Zarathustragesellschaft von einem gewissen Leonhard Kellogg geleitet?«

»Dr. Kellogg ist seines Amtes bis zum Ende dieses Prozesses enthoben worden. Die Abteilung wird jetzt von Dr. Mallin geleitet.«

»Und der ist Kronzeuge der Verteidigung; ich sehe keinen praktischen Unterschied.«

»Nun, Mr. Emmert sagte, es wäre nichts dagegen einzuwenden«, murmelte O’Brien kleinlaut.

»Jack, hast du das gehört?« fragte Brannhard. »Merk dir das gut, denn vielleicht mußt du das vor Gericht einmal bestätigen, was du da gehört hast.« Er wandte sich an den Oberrichter. »Euer Ehren, darf ich vorschlagen, daß die Herbeischaffung dieser Fuzzys Marshal Fane übertragen wird. Ferner möchte ich vorschlagen, daß Mr. O’Brien der Zugang zu jeder Kommunikationsmöglichkeit versperrt wird, bis die Fuzzys wieder beigebracht worden sind.«

»Das scheint mir ein sehr vernünftiger Vorschlag zu sein, Mr. Brannhard. Ich werde Ihnen jetzt eine gerichtliche Anweisung geben, Ihnen die Fuzzys auszuhändigen und einen Durchsuchungsbefehl, um sicherzugehen. Und, denke ich, eine Vormundschaftsanweisung auf den Namen Holloway, der als Beschützer dieser potentiell vernunftbegabten Wesen bestimmt wird. Wie heißen Sie eigentlich? Oh, hier steht es ja auf der Quittung.« Er lächelte erfreut. »Sie sehen, Mr. O’Brien, wir ersparen Ihnen eine Menge Ärger.«

O’Brien besaß nicht genug Verstand, um sich einen Protest zu verkneifen. »Aber das hier sind doch nur der Beklagte und sein Anwalt in einem anderen Mordfall, in dem ich die Anklage vertrete.«

Pendarvis’ Lächeln gefror. »Mr. O’Brien, ich bezweifle, ob man Ihnen erlauben wird, hier noch gegen irgend jemand oder irgend etwas Anklage zu erheben, und ich enthebe Sie hiermit insbesondere jeglicher Tätigkeit in den Fällen Kellogg oder Holloway. Sollten Sie auch dagegen protestieren, erlasse ich einen Haftbefehl wegen gesetzwidriger Handlungen im Amt.«


10.

<p>10.</p>

Kolonial-Marshal Max Fane war genauso schwer wie Gus Brannhard, aber erheblich kleiner. Zwischen die beiden auf dem Rücksitz des Wagens des Marshals eingeklemmt, betrachtete Jack Holloway die Rücken der beiden uniformierten Beamten auf dem Vordersitz, während sich in seinem Innern Zufriedenheit und freudige Erwartung ausbreiteten. Gleich würde er seine Fuzzys zurückbekommen. Little Fuzzy und Ko-Ko, Mike und Mama Fuzzy, Mitzi und Cinderella; immer wieder sagte er sich diese Namen in Gedanken auf und stellte sich vor, wie sie sich um ihn drängten und glücklich waren, wieder bei Pappi Jack sein zu dürfen.

Der Gleiter senkte sich auf die Landeplattform des Wissenschaftszentrums der Gesellschaft, und im gleichen Augenblick kam ein Polizist der Gesellschaft herübergelaufen. Gus öffnete die Tür, und Jack kletterte nach ihm hinaus.

»He, hier können Sie nicht landen!« schrie der Beamte. »Das ist hier nur für die Direktoren der Gesellschaft!«

Max Fane stieg hinter ihnen aus dem Gleiter, die beiden Beamten kletterten vom Vordersitz aus heraus.

»Was Sie nicht sagen«, meinte Fane. »Mit einem Gerichtsbeschluß lande ich überall. Nehmt ihn gleich mit, Leute, damit er nicht irgendwo über ein Visifon stolpert.«

Der Mann wollte protestieren, ließ sich dann aber widerstandslos mitnehmen. Vielleicht wurde ihm langsam klar, daß die Gerichte der Föderation doch etwas mächtiger als die Gesellschaft waren. Vielleicht glaubte er aber auch, daß eine Revolution ausgebrochen sei.

Leonhard Kelloggs — im Augenblick Ernst Mallins — Büro befand sich im ersten Stock des Penthouses, von der Landeplattform nach unten gezählt. Als sie den Fahrstuhl verließen, wimmelte es in der Halle von Leuten, die aufgeregt in Gruppen diskutierten. Alle verstummten, als sie sahen, wer und was da kam. Fane scheuchte wenige Sekunden später die vier Sekretärinnen aus dem Vorzimmer. Dann nahm er seine Dienstmarke in die Hand und stieß die Tür auf. Kelloggs — im Augenblick Mallins — Sekretärin schien ihnen einige Sekunden zuvorgekommen zu sein, denn sie stand aufgeregt gestikulierend vor Kelloggs — Mallins — Schreibtisch. Mallin erhob sich, erstarrte in der Bewegung. Juan Jimenez stand an der Seite des Raumes und schien nach einem Ausweg Ausschau zu halten. Fane schob auch diese Sekretärin beiseite und hielt Mallin seine Plakette unter die Nase. Dann überreichte er ihm die Dokumente. Mallin starrte ihn erschrocken an.

»Aber wir bewahren diese Fuzzys für Mr. O’Brien, den Staatsanwalt auf«, sagte er. »Ohne seine Genehmigung können wir sie nicht herausgeben.«

»Dies ist eine Anweisung des Gerichts«, sagte Max Fane sanft. »Sie ist von Oberrichter Pendarvis erlassen worden. Was Mr. O’Brien betrifft, so bezweifle ich, daß er noch Staatsanwalt ist. Offen gestanden, ich fürchte sogar, daß er im Gefängnis sitzt. Und dahin«, schrie er plötzlich, während er sich vorbeugte und auf den Tisch schlug, »werde ich auch Sie bringen, wenn Sie die Fuzzys nicht unverzüglich an uns übergeben!«

Wenn Fane sich plötzlich in einen Löwen verwandelt hätte, hätte das Mallin nicht mehr erschüttern können. Unwillkürlich zuckte er vor dem Marshal zurück.

»Aber das kann ich nicht«, protestierte er. »Wir wissen nicht genau, wo sie sich im Augenblick befinden.«

»Sie wissen es nicht.« Fane flüsterte die Worte fast. »Sie geben zu, daß Sie sie hier festhalten, aber Sie… wissen… nicht… wo… sie sind. Noch einmal von vorn, und zwar die Wahrheit diesmal!«

In diesem Moment summte das Visifon. Ruth Ortheris, gekleidet in ein blaues Kostüm, erschien auf dem Bildschirm.

»Dr. Mallin, was geht hier vor?« wollte sie wissen. »Ich bin gerade vom Mittagessen zurückgekommen und finde in meinem Büro eine Horde Männer vor, die alles auf den Kopf stellt. Haben Sie die Fuzzys noch nicht gefunden?«

»Was?« schrie Jack. Im gleichen Augenblick schrie auch Mallin beinah. »Ruth, schweigen Sie! Schalten Sie ab und verschwinden Sie!«

Mit einer für einen Menschen seines Umfangs erstaunlichen Geschwindigkeit fuhr Fane herum und baute sich vor dem Bildschirm auf.

»Ich bin Kolonial-Marshal Fane. Junge Frau, ich möchte, daß Sie unverzüglich hier erscheinen. Und zwingen Sie mich nicht, jemanden nach Ihnen zu schicken, denn das würde weder mir noch Ihnen helfen.«

»Ich komme sofort, Marshal.« Sie schaltete ab.

Fane wandte sich wieder an Mallin. »So — werden Sie mir jetzt endlich die Wahrheit sagen, oder muß ich Sie mitnehmen und unter den Lügendetektor setzen? Wo sind diese Fuzzys?«

»Aber ich weiß es nicht!« jammerte Mallin. »Juan, sagen Sie es ihm; Sie waren für sie verantwortlich. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit sie hierhergebracht wurden.«

Jack hatte Mühe, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken und ruhig zu sagen: »Wenn den Fuzzys irgend etwas zugestoßen ist, werden Sie noch Kurt Borch beneiden, bevor ich mit Ihnen fertig bin.«

»Nun, wir haben sie hergebracht. Ich hatte ein paar Käfige herrichten lassen…«

Jimenez sprach nicht zu Ende, denn jetzt trat Ruth Ortheris ein. Sie wich Jacks Blick nicht aus, war aber auch nicht fixiert auf ihn. Sie nickte ihm zu, als hätte sie ihn irgendwo einmal kennengelernt, und setzte sich.

»Was ist vorgefallen, Marshal?« fragte sie. »Warum sind Sie mit diesen Herren hier?«

»Das Gericht hat angeordnet, daß die Fuzzys wieder an Mr. Holloway zurückgegeben werden.« Mallin war völlig aufgelöst. »Er hat hier irgendein Dokument, und wir wissen nicht, wo sie sind.«

»Oh, nicht das!« Auf Ruths Gesicht zeigte sich Entsetzen. »Was kann…« Dann verstummte sie.

»Ich kam gegen sieben Uhr hier an«, sagte Jimenez, »wollte ihnen Nahrung und Wasser geben, und sie waren aus ihren Käfigen ausgebrochen. An einem Käfig war das Gitter locker, und der Fuzzy hatte sich daraus befreit und dann die anderen herausgelassen. Sie kamen in mein Büro — und haben dort ein Chaos hinterlassen — und gelangten dann durch die Tür in die Halle. Jetzt wissen wir nicht, wo sie sind. Und mir ist auch völlig unklar, wie sie das geschafft haben.«

Vermutlich deshalb, weil diejenigen, die sie in diese Käfige gesperrt hatten, immer noch davon ausgegangen waren, es mit dummen kleinen Tieren zu tun zu haben, dachte Jack.

»Jetzt wollen wir die Käfige sehen«, sagte er.


»Sie sagten, einer von ihnen sei aus seinem Käfig ausgebrochen und hätte dann die anderen freigelassen«, sagte Jack zu Jimenez, als sie kurz darauf mit dem Lift hinunterfuhren. »Wissen Sie, welcher es war?«

Jimenez schüttelte den Kopf. »Wir nahmen sie einfach aus den Säcken und steckten sie in die Käfige.«

Wahrscheinlich war es Little Fuzzy gewesen; er war immer das Gehirn der Gruppe gewesen. Unter seiner Führung hatten sie vielleicht eine Chance. Die Schwierigkeit war nur, daß das ganze Haus von Gefahren wimmelte und die Fuzzys keine davon kannten — weder Strahlen noch Gifte und elektrische Drähte oder derlei Dinge. Falls sie überhaupt geflohen waren.

In jedem Korridor, den sie passierten, an jeder Abzweigung konnte er Angestellte der Gesellschaft sehen, die mit Netzen, Keschern und anderem Fanggerät herumrannten. Jimenez führte sie schließlich einen Gang hinunter, an dessen Ende eine Tür offenstand. In dem kleinen Raum dahinter herrschte ein bläulich-weißes Licht von einer Nachtlampe; hinter der Tür stand ein Drehstuhl. Jimenez deutete hinauf.

»Auf den müssen sie gestiegen sein, um die Klinke niederzudrücken und die Tür zu öffnen«, sagte er.

Es war eine Klinke wie an den Türen im Lager, ein Schnappschloß mit einem festen Griff statt einem Knopf. Sie mußten gelernt haben, damit umzugehen. Fane drückte die Klinke versuchsweise nieder.

»Nicht besonders schwierig«, sagte er. »Sind ihre kleinen Freunde kräftig genug, sie zu betätigen?«

Jack probierte es ebenfalls und nickte dann. »Sicher. Und sie sind auch klug genug dazu. Selbst Baby Fuzzy, den einer Ihrer Leute nicht mitnehmen konnte, hätte das geschafft.«

»Und sehen Sie nur, was sie in meinem Büro angestellt haben«, warf Jimenez ein.

»Das kann man ihnen kaum vorwerfen«, sagte Fane. »Jetzt wollen wir doch mal sehen, was sie mit den Käfigen angestellt haben.«

Die Käfige hatten sich in einem Hinterzimmer, in dem alles mögliche gelagert wurde, befunden. Auch dieser Raum hatte ein Schnappschloß mit einer Klinke, und die Fuzzys hatten einen Käfig herübergeschleppt und sich darauf gestellt, um die Tür zu öffnen. Die Käfige selbst waren etwa einen Meter fünfzig lang und einen Meter breit und hatten einen Sperrholzboden, hölzerne Rahmen und ein viertelzölliges Netz an den Seiten und oben. Die Oberseiten besaßen Scharniere und waren mit Haspen, durchgesteckten Bolzen und aufgeschraubten Muttern befestigt. Von fünf Käfigen waren die Muttern abgeschraubt worden, während der sechste von innen heraus aufgebrochen war. Bei diesem war das Netz an einer Ecke vom Rahmen gelöst und dann in einem Dreieck zurückgebogen worden. Die so entstandene Öffnung war groß genug, um einen Fuzzy hindurchzulassen.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Jimenez. »Dieser Draht sieht gerade so aus, als wäre er abgeschnitten worden.«

»Das wurde er auch; Marshal, ich würde einigen Ihrer Leute mal die Hosen strammziehen. Ihre Leute sind bei der Durchsuchung von Gefangenen nicht besonders sorgfältig. Einer der Fuzzys hatte ein Messer.« Er erinnerte sich daran, wie Little Fuzzy und Ko-Ko in den Betten herumgewühlt hatten, und berichtete von den kleinen Messern aus Federstahl, die er angefertigt hatte. »Ich nehme an, er preßte eines an sich, rollte sich zusammen, als ob er furchtbare Angst habe, und ließ sich dann in einen Sack stecken.«

»Und hat dann abgewartet, bis er ganz sicher war, daß er nicht dabei erwischt wurde, als er es benutzte«, sagte der Marshal. »Dieser Draht ist weich genug, um leicht zerschnitten zu werden.« Er wandte sich an Jimenez. »Sie sollten eigentlich froh sein, daß ich nicht zum Geschworenen bestimmt werden kann. Warum geben Sie denn nicht auf und lassen Kellogg ein Gnadengesuch stellen?«


Die Suite im Hotel Mallory war überfüllt, als Jack Holloway mit Gerd van Riebeek zurückkam; lautes Stimmengewirr herrschte, und die Ventilatoren mühten sich redlich, den Tabakrauch hinauszupumpen. Gus Brannhard, Ben Rainsford und Baby Fuzzy hielten eine Pressekonferenz ab.

»Oh, Mr. Holloway, haben Sie sie schon gefunden?« rief jemand, als sie eintraten.

»Nein, wir haben das Wissenschaftszentrum vom Boden bis zum Keller durchsucht. Wir wissen, daß sie ein paar Stockwerke tiefer gegangen sind, aber das ist alles. Ich glaube nicht, daß sie das Haus verlassen konnten, denn der einzige Ausgang auf Straßenhöhe führt durch einen Raum, in dem ein Portier Dienst tut. Und sie sind ganz sicher nicht von einer Landeplattform oder einer Terrasse heruntergeklettert.«

»Ich denke, daß dieser Gedanke sehr unerfreulich ist«, sagte jemand, »aber könnten sie sich nicht in einem Abfallkorb versteckt haben und sind dann in den Massen-Energie-Konverter geworfen worden?«

»Wir haben auch daran gedacht, aber der Konverter befindet sich in einem Kellerraum, dessen einziger Zugang verschlossen war. Außerdem ist in der fraglichen Zeit kein Abfall abtransportiert worden.«

»Nun, das ist gut zu hören, Mr. Holloway. Sie haben die Suche noch nicht aufgegeben?«

»Sprechen wir jetzt über den Sender? Nein, ich habe nicht aufgegeben. Ich werde hier in Mallorys Port bleiben, bis sie gefunden worden sind oder ich sicher sein kann, daß sie sich nicht mehr in der Stadt aufhalten. Ich setze einen Finderlohn von zweitausend Sols für jeden Fuzzy aus, der zu mir zurückgebracht wird. In Kürze werde ich Ihnen genaue Beschreibungen geben…«


Victor Grego öffnete die eisgekühlte Cocktailflasche.

»Noch etwas?« fragte er Leslie Coombes.

»Ja, danke.« Coombes hielt sein Glas hin, bis es gefüllt war. »Wie Sie sagen, Victor, Sie haben die Entscheidung getroffen, aber das taten Sie auf meinen Rat hin, und der Rat war schlecht.«

Er hoffte nur, daß sich der Schaden in Grenzen hielt. Auf jeden Fall versuchte Leslie Coombes nicht, irgendwem den Schwarzen Peter zuzuschieben, und wenn man bedachte, wie ungeschickt O’Brien sich verhalten hatte, hätte er das guten Gewissens tun können.

»Ich bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen«, sagte Coombes leidenschaftslos, als diskutiere er einen Fehler, den Hitler oder Napoleon begangen hatte. »Ich hatte gedacht, daß O’Brien nicht eine dieser Blankovollmachten benutzen würde, und ich hatte darüber hinaus nicht angenommen, daß Pendarvis öffentlich zugeben würde, daß er solche Gerichtsbeschlüsse blanko unterzeichnet. Er ist deshalb von der Presse stark kritisiert worden.«

Und er hatte nicht damit gerechnet, daß Holloway und Brannhard vor Gericht ziehen würden. Aber die Irrtümer hatten schon früher eingesetzt. Kellogg hatte nicht erwartet, daß Holloway ihn von seinem Grund und Boden jagen würde. Kurt Borch hatte angenommen, es reiche aus, wenn er mit einer Waffe herumfuchtelte. Und Jimenez hatte erwartet, daß die Fuzzys still in ihren Käfigen sitzen würden. Aber all das sprach er jetzt nicht aus.

»Ich frage mich«, sagte Coombes statt dessen, »wohin sie entkommen sind. Soweit ich weiß, wurden sie im gesamten Gebäude nicht gefunden.«

»Ruth Ortheris hat eine Idee geäußert — sie und ein Assistent mußten Geräte aus dem Zentrum abtransportieren, und sie vermutet, daß die Fuzzys als blinde Passagiere auf dem dazu benutzten LKW mitgefahren sind. Das klingt unglaubwürdig, aber in diesem Fall klingt alles so. Vielleicht können wir sie finden, bevor Holloway es tut. Auf jeden Fall sind sie nicht mehr im Wissenschaftscenter, das ist sicher.« Er füllte sich sein eigenes Glas wieder auf. »O’Brien ist also völlig erledigt?« fragte er dann.

»Völlig. Pendarvis hat ihn vor die Alternative gestellt, zurückzutreten oder eine Anzeige wegen Amtsmißbrauch über sich ergehen zu lassen.«

»Aber sie könnten ihn doch niemals deshalb verurteilen, oder? Vielleicht noch wegen Amtsmißbrauch, aber…«

»Sie könnten ihn verklagen, und dann käme er unter den Lügendetektor, und Sie wissen, was dann so alles herauskommen würde«, sagte Coombes. »Jedenfalls hat diese Geschichte Pendarvis gegen uns gebracht. Ich weiß, daß er völlig objektiv urteilt, aber das ändert nichts daran, daß er im Unterbewußtsein gegen uns sein wird. Für morgen nachmittag hat er eine Konferenz mit Brannhard und mir einberufen. Ich weiß nicht, wie die ausgehen wird.«


11.

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Die beiden Anwälte hatten sich hastig erhoben, als Oberrichter Pendarvis eintrat; er nickte beiden höflich zu und setzte sich an seinen Tisch, griff nach seiner silbernen Zigarrenkiste und holte eine Panatella heraus. Gustavos Adolphus Brannhard hob seine Zigarre wieder auf, die er beiseite gelegt hatte und machte ein paar Züge. Leslie Coombes fischte eine Zigarette aus seinem Etui. Beide sahen dann den Oberrichter an, abwartend wie zwei gezückte Waffen — eine Streitaxt und ein Rapier.

»Nun, meine Herren, wie Sie wissen, haben wir hier zwei Mordfälle, in denen uns für jeden ein Anklagevertreter fehlt«, begann Pendarvis.

»Aber wieso, Euer Ehren?« fragte Coombes. »In beiden Fällen handelt es sich um Geringfügigkeit. Ein Mann hat ein wildes Tier getötet, und ein anderer tötete einen Menschen, der versuchte, ihn umzubringen.«

»Nun, Euer Ehren, ich glaube nicht, daß meinen Mandanten juristisch oder moralisch irgendeine Schuld trifft«, sagte Brannhard. »Ich möchte, daß das durch einen Freispruch bestätigt wird.« Er sah zu Coombes. »Ich nehme weiter an, daß Mr. Coombes ebenso daran interessiert ist, daß sein Mandant von jeder Spur einer Mordanklage reingewaschen wird.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung. Leute, denen man ein Verbrechen vorgeworfen hat, sollten, wenn sie unschuldig sind, dies auch öffentlich bestätigt bekommen. Aber jetzt zur Sache — ich hatte vor, den Fall Kellogg zuerst und dann den Fall Holloway zu verhandeln. Sind Sie beide damit einverstanden?«

»Absolut nicht, Euer Ehren«, erwiderte Brannhard prompt. »Die Grundlage unserer Verteidigung ist, daß dieser Borch im Zusammenhang mit der Ausübung eines ungesetzlichen Aktes getötet wurde. Wir sind bereit, das zu beweisen, aber wir wollen nicht, daß unser Fall durch eine vorhergehende Verhandlung präjudiziert wird.«

Coombes lachte. »Mr. Brannhard möchte seinen Mandanten reinwaschen, indem er den meinen von vornherein verurteilt. Damit können wir uns natürlich nicht einverstanden erklären.«

»Ja, und er bringt denselben Einwand gegen Sie vor. Nun, ich werde beide Einwände aus der Welt schaffen. Ich werde veranlassen, daß man beide Fälle zusammenlegt und beide Angeklagten zusammen vor Gericht stellt.«

Gus Brannhards Augen leuchteten kurz erfreut auf; Coombes dagegen war gar nicht einverstanden.

»Euer Ehren, ich gehe davon aus, daß dieser Vorschlag scherzhaft gemeint war«, sagte er.

»Das war er nicht, Mr. Coombes.«

»Dann, Euer Ehren, wenn ich das mit allem Respekt sagen darf, muß ich schon sagen, daß dies höchst ungewöhnlich ist — ganz zu schweigen davon, daß es inkorrekt ist, soweit ich mich mit Verfahrensvorschriften auskenne. Wir haben es hier nicht mit einem Fall von zwei Komplizen zu tun, denen man dasselbe Verbrechen vorwirft. Es handelt sich um zwei verschiedene Männer, die zweier verschiedener krimineller Akte bezichtigt werden, und die Verurteilung des einen würde beinahe automatisch den Freispruch des anderen bedeuten. Ich weiß nicht, wer anstelle von Mohammed O’Brien die Anklage vertreten soll, aber ich bedauere den armen Kerl jetzt schon zutiefst. Ja, Mr. Brannhard und ich könnten auch irgendwo Poker spielen, während der Ankläger den Fall allein löst.«

»Nun, wir werden nicht nur einen Anklagevertreter haben, Mr. Coombes, sondern zwei. Ich werde Sie und Mr. Brannhard als Anklagevertreter vereidigen, und Sie können Mr. Brannhards Mandanten und er den Ihren unter Anklage stellen. Ich denke, damit wären alle Schwierigkeiten beseitigt.«

Nur mit großer Mühe gelang es ihm, auf seinem Gesicht die Würde aufrechtzuerhalten, die seinem Amt angemessen war. Brannhard dagegen schnurrte wie ein Tiger, der gerade einen jungen Bock gerissen hatte. Leslie Coombes’ Gelassenheit bröckelte dagegen immer stärker ab.

»Euer Ehren, das ist ein ausgezeichneter Vorschlag«, ließ Brannhard sich vernehmen. »Ich werde mit dem größten Vergnügen die Anklage gegen Mr. Coombes Mandanten vertreten.«

»Nun, alles, was ich sagen kann, Euer Ehren, ist, daß dieser Vorschlag Ihren ersten um Längen schlägt, wenn es darum geht, welcher ungewöhnlicher ist.«

»Nun, Mr. Coombes, ich habe das Gesetz und die Vorschriften der Jurisprudenz sehr sorgfältig überprüft, und ich habe nirgendwo eine Vorschrift gefunden, die einem solchen Vorgehen widerspräche!«

»Ich wette, Sie finden aber auch keinen Präzedenzfall in dieser Richtung!«

Leslie Coombes hätte das eigentlich besser wissen müssen, denn in der kolonialen Rechtssprechung fand sich beinahe für alles ein Präzedenzfall.

»Aber gut«, gestand er dann ein. »Ich hoffe nur, Sie wissen, was Sie tun. Auf jeden Fall bekommen diese beiden Verfahren eine Bedeutung, die über ihre eigentliche weit hinausgeht.«

Gus Brannhard lachte. »Natürlich. Es geht um die Freunde der kleinen Fuzzys gegen die große Zarathustragesellschaft. Ich will beweisen, daß die Fuzzys intelligent, vernunftbegabt sind, und Mr. Coombes möchte im Interesse der Gesellschaft dieses auf jeden Fall verhindern, um der Gesellschaft ihren Vertrag zu erhalten. Um nicht mehr und nicht weniger geht es doch.«

Das war unhöflich von Gus. Leslie Coombes hatte bis zum Schluß genau diesen Eindruck verhindern wollen.


Von jetzt an gab es einen nicht endenwollenden Strom von Berichten, wonach hier oder dort Fuzzys gesehen worden waren, oftmals sogar gleichzeitig in weit auseinanderliegenden Teilen der Stadt. Einige stammten von publicitysüchtigen Menschen oder pathologischen Lügnern und Verrückten, andere waren das Ergebnis ausschweifender Phantasie. Es bestand auch Grund zur Annahme, daß eine nicht geringe Zahl davon ihren Ursprung in der Gesellschaft hatte und nur dazu bestimmt war, die Sucharbeiten zu erschweren. Ein Umstand aber machte Jack Holloway Mut: Die Firmenpolizei der Zarathustragesellschaft führte eine gründliche, wenn auch geheime Suchaktion durch, und gleichzeitig beschäftigte sich die Polizei von Mallorys Port, die unter Kontrolle der Gesellschaft stand, mit der Suche nach den Fuzzys.

Max Fane widmete sich beinahe ausschließlich der Suche. Das hing nicht damit zusammen, daß er der Gesellschaft schlecht gesinnt war, obwohl das zutraf, oder weil der Oberrichter ihn dazu drängte. Der Kolonial-Marshal war einfach für die Fuzzys. Das gleiche galt für die Kolonial-Polizisten, über die Nick Emmerts Verwaltung praktisch keine Autorität besaß. Colonel Jan Ferguson, der Kommandant, unterstand direkt dem Kolonialbüro auf der Erde. Er hatte über Visifon seine Mithilfe angeboten, und George Lunt, drüben auf dem Beta-Kontinent, rief täglich an, um sich nach den Fortschritten zu erkundigen, die die Suchaktion machte.


Binnen einer Woche waren die in Holloways Lager gemachten Filme so oft im Fernsehen gezeigt worden, daß das Interesse an ihnen langsam nachließ. Baby Fuzzy jedoch stand immer noch für neue Aufnahmen zur Verfügung, und es dauerte nur ein paar Tage, bis eine Sekretärin eingestellt werden mußte, um seine Verehrerpost zu beantworten. Einmal, als Jack eine Bar betrat, glaubte er, Baby auf dem Kopf einer Frau sitzen zu sehen. Ein zweiter Blick verriet ihm aber, daß es sich um eine lebensgroße Fuzzy-Puppe handelte, die mit einem Kunststoffband festgehalten wurde. Nach einer weiteren Woche sah er in der ganzen Stadt Baby-Fuzzy-Hüte, und in den Schaufenstern der Geschäfte wimmelte es von lebensgroßen Fuzzy-Puppen.

Zwei Wochen nach dem Verschwinden der Fuzzys, an einem Spätnachmittag, setzte Marshal Max Fane Jack im Hotel ab. Sie blieben noch eine Weile im Wagen sitzen, und Fane sagte:

»Ich denke, wir sind am Ende, Jack. Wir haben alle Meldungen von Verrückten und Gewinnsüchtigen überprüft. Keiner hat sie wirklich gesehen, was ja an sich nicht so schlimm ist. Schlimmer ist, daß es keinerlei Spuren von ihnen gibt. Es wimmelt überall von Landgarnelen, aber nirgendwo wurde ein geknackter Panzer gefunden. Und sechs aktive, verspielte Fuzzys müßten eigentlich eine Menge anstellen. Normalerweise sollten sie versuchen, Obststände zu plündern oder anderen Unfug zu treiben. Aber nichts dergleichen. Die Polizei der Gesellschaft hat die Suche bereits aufgegeben.«

»Nun, ich werde nicht aufgeben.« Jack schüttelte Fanes Hand und stieg aus dem Wagen. »Sie waren eine große Hilfe, Max. Ich möchte Ihnen von Herzen danken.«


Gus Brannhard war nicht da, als er die Zimmerflucht betrat; Ben Rainsford saß an einem Lesegerät und studierte einen Psychologietext, während Gerd an einem Schreibtisch arbeitete, den sie sich hatten hereinstellen lassen. Baby spielte am Boden mit hübschen neuen Spielsachen, die man ihm gebracht hatte. Als Pappi Jack hereinkam, ließ er sie fallen und rannte auf ihn zu, um sich aufheben zu lassen.

»George hat angerufen«, sagte Gerd. »Sie haben auf ihrer Station jetzt eine Fuzzyfamilie.«

»Oh, das ist ja großartig.« Jack war bemüht, ehrliche Begeisterung zu zeigen. »Wieviele?«

»Fünf, drei Männchen und zwei Weibchen. Sie nennen sie Dr. Crippen, Dillinger, Ned Kelly, Lizzie Borden und Calamity Jane.«

Typisch für einen Haufen Polizisten, unschuldigen Fuzzys solche Namen anzuhängen!

»Warum rufst du die Station nicht mal an und sagst guten Tag?« fragte Ben. »Baby mag sie; es hat ihm Spaß gemacht, wieder mit ihnen zu sprechen.«

Jack ließ sich dazu überreden und stellte die Verbindung her. Es waren recht nette Fuzzys, wenn auch nicht ganz so wie seine Familie.

»Wenn Ihre Familie nicht rechzeitig zur Verhandlung auftaucht, kann Gus ja unsere vorladen«, schlug Lunt ihm vor. »Irgend etwas muß vor Gericht vorgewiesen werden. In spätestens zwei Wochen kann diese Bande hier alle möglichen Dinge ausführen. Ihr solltet sie jetzt mal sehen — und dabei sind sie erst seit gestern nachmittag bei uns.«

Jack sagte, daß er hoffe, daß seine Fuzzys rechtzeitig zurück sein würden — aber er wußte selbst, daß er dabei wenig überzeugt klang.


12.

<p>12.</p>

Ben Rainsford flog kurz danach zum Beta-Kontinent zurück, Gerd van Riebeek blieb in Mallorys Port. Die Polizisten vom Revier Fünfzehn hatten für ihre Fuzzys stählerne Schwert-Schaufeln hergestellt und berichteten von einem merklichen Rückgang der Garnelenplage. Sie fertigten ihnen auch einen Satz verkleinertes Tischlerwerkzeug an, womit sich ihre Fuzzys aus alten Kisten und Brettern ein Haus zimmerten. Ein Paar Fuzzys tauchte auch in Ben Rainsfords Lager auf, der sie adoptierte und ihnen die Namen Flora und Fauna gab.

Ein jeder hatte jetzt Fuzzys, und Pappi Jack hatte nur Baby. Er lag auf dem Boden seines Wohnzimmers und lehrte Baby Knoten binden. Gus Brannhard, der den größten Teil des Tages in dem Büro des Gerichtsgebäudes verbrachte, das man ihm in seiner Eigenschaft als Sonderankläger zur Verfügung gestellt hatte, flegelte in einem Lehnstuhl in einem rot-blauen Nachtanzug und rauchte Zigarren, trank Kaffee. Sein Whiskykonsum war bis auf zwei Drinks pro Tag zurückgegangen, und im Augenblick studierte er auf zwei Lesegeräten zugleich juristische Texte, wobei er hin und wieder Bemerkungen in ein Diktiergerät sprach. Gerd saß am Schreibtisch, wo er große Mengen Papier verbrauchte, um etwas mittels Logikkalkül zu lösen. Plötzlich knüllte er einen Bogen zusammen, warf ihn fluchend auf den Boden. Brannhard sah von seinen Bildschirmen auf.

»Was ist los, Gerd?«

Gerd fluchte erneut. »Wie zum Teufel kann ich beweisen, daß Fuzzys verallgemeinern können?« fragte er. »Und wie soll ich nachweisen, daß sie abstrakt denken können? Ja, wie soll ich beweisen, daß sie überhaupt Ideen haben? Hölle und Teufel, wie kann ich glaubwürdig nachweisen, daß ich bewußt denke?«

»Arbeiten Sie immer noch an der Idee, die ich erwähnte?« fragte Brannhard.

»Bisher, ja? Sie war nicht schlecht, aber…«

»Angenommen, wir kümmern uns um bestimmte Abschnitte des Verhaltens der Fuzzys und präsentieren sie als Beweise für vorhandene Vernunft«, schlug Brannhard vor. »Zum Beispiel diese Beerdigung.«

»Trotzdem werden sie darauf beharren, daß wir Vernunft definieren.«

Das Visif on summte. Baby Fuzzy sah gleichgültig auf und wandte sich dann wieder dem Knoten zu, den er soeben fabriziert hatte. Jack stemmte sich aus seinem Sessel und schaltete das Gerät ein. Es war Max Fane, und zum erstenmal seit Jack ihn kannte, war der Marshal erregt.

»Jack, haben Sie die neuesten Nachrichten gehört?«

»Nein. Ist etwas passiert?«

»Bei Gott, ja! Die ganze Stadt wimmelt von Polizisten, die Fuzzys jagen; sie haben Anweisung, auf sie zu schießen. Nick Emmert ist gerade im Fernsehen aufgetreten und hat eine Belohnung ausgesetzt — fünftausend Sols pro Stück, tot oder lebendig.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriffen. Dann bekam Jack Angst. Gus und Gerd waren aufgesprungen und drängten sich jetzt hinter Jack vor den Bildschirm.

»Sie haben da einen Verrückten aus dem Lager von der East Side gefunden, der behauptet, die Fuzzys hätten seine zehnjährige Tochter verletzt«, sagte Fane. »Die beiden sind jetzt im Polizeihauptquartier und haben ihre Geschichte den Reportern von der Zarathustra News und der Überregionalen Agentur erzählt. Natürlich werden beide von der Gesellschaft kontrolliert; sie strahlen das aus, was das Zeug hält.«

»Hat man die beiden unter dem Lügendetektor verhört?« wollte Brannhard wissen.

»Nein, und die Stadtpolizisten lassen niemanden an sie heran. Das Mädchen sagt, daß sie draußen im Freien gespielt habe, und die Fuzzys wären auf sie losgegangen und hätten mit Stöcken auf sie eingeschlagen. Ihre Verletzungen werden genau genannt — mehrfache Blutergüsse, Bruch des Handgelenks und ein Schock.«

»Das glaube ich nicht! Sie würden nie ein Kind angreifen!«

»Ich möchte das Mädchen und ihren Vater sprechen«, sagte Brannhard. »Ich werde verlangen, daß sie ihre Aussagen unter dem Detektor machen. Das ist doch ein Schwindel, Max! Da gehe ich jede Wette ein! Und genau im richtigen Zeitpunkt — eine Woche vor der Verhandlung.«

Vielleicht hatten die Fuzzys mit dem Mädchen spielen wollen, und sie hatte Angst bekommen und einen von ihnen verletzt. Ein zehnjähriges Kind wirkte auf einen Fuzzy gefährlich groß, und wenn sie sich bedroht fühlten, würden sie sich wütend wehren.

Aber eines stand jetzt auch fest — sie lebten noch und befanden sich in der Stadt. Das war eine Sache — gleichzeitig schwebten sie in größerer Gefahr als je zuvor; das war das andere. Fane fragte Brannhard, wie schnell er fertig sein könnte.

»In fünf Minuten? Gut, ich werde Sie abholen«, sagte er dann. »Bis nachher.«


Das Kind, Lolita Lurkin, hatte gegen einundzwanzig Uhr vor dem Haus gespielt, als plötzlich sechs Fuzzys, alle mit Keulen bewaffnet, angeblich auf sie eingedrungen waren. Ohne dazu provoziert worden zu sein, hätten sie sie zu Boden gezerrt und geschlagen. Ihre Schreie hatten ihren Vater herbeigerufen, der die Fuzzys vertrieben hatte. Die Polizei hatte beide, das Mädchen und ihren Vater, Oskar Lurkin, ins Polizeihauptquartier gebracht, wo sie ihre Geschichte erzählt hatten. Die Stadtpolizei, die Polizei der Gesellschaft und Konstabler kämmten jetzt mit Unterstützung von bewaffneten Bürgern die östliche Stadthälfte ab; Generalresident Emmert hatte sofort eine Belohnung von fünftausend Sol angeboten…

»Das Kind lügt. Und wenn sie erst unter einem Detektor sitzt, wird sich das erweisen«, sagte Brannhard. »Emmert, Grego oder beide zusammen haben diese Leute bestochen, damit sie solche Geschichten erzählen.«

»Oh, davon bin ich überzeugt«, sagte Gerd. »Ich kenne das Viertel — eine Slumgegend. Ruth hat dort oft für die Jugendgerichtshilfe gearbeitet.« Er schwieg kurz, fügte dann hinzu: »Für ein paar hundert Sol tun die Leute dort alles, besonders, wenn die Polizei vorher ihr Einverständnis signalisiert.«

Er schaltete das Gerät auf den Kanal von Interworld News um, die die Jagd auf die Fuzzys von einem Gleiter aus verfolgte und übertrug.

Die Interworld News war ganz auf der Seite der Fuzzys; der Reporter berichtete in äußerst sarkastischem Ton über die ganze Angelegenheit. Mitten in eine Aufnahme von Jägern blendete man im Studio ein Bild der Fuzzys ein, das im Lager aufgenommen worden war. Sie warteten darauf mit bettelnder Miene auf ihr Frühstück.

»Das«, sagte dann eine Stimme, »sind die schrecklichen Ungeheuer, vor denen uns all diese tapferen Männer beschützen wollen.«

Ein paar Sekunden später peitschte ein Schuß auf, und Jack schlug angesichts einer einsetzenden Schießerei das Herz bis zum Hals. Der Gleiter des Senders raste sofort in die entsprechende Richtung, und als er am Ort des Geschehens eintraf, waren die Waffen bereits wieder verstummt. Eine Menschenmenge drängte sich um etwas Weißes, das am Boden lag. Jack mußte sich zwingen, weiter zuzusehen, dann atmete er hörbar erleichtert auf: Es war nur eine Zaraziege, ein dreigehörntes domestiziertes Huftier.

In diesem Augenblick summte das Visifon.

»Ich habe gerade mit Richter Pendarvis gesprochen«, berichtete Gus Brannhard. »Er erläßt eine einstweilige Verfügung, die es Nick Emmert untersagt, Belohnungen auszuzahlen, es sei denn für lebende, unverletzt an Marshal Fane übergebene Fuzzys. Gleichzeitig gibt er eine öffentliche Warnung heraus, daß jeder, der Fuzzys tötet, mit einer Klage wegen Mordes zu rechnen hat, solange ihr Status noch nicht geklärt ist.«

»Das ist großartig, Gus! Haben Sie das Mädchen oder ihren Vater schon gesprochen?«

Brannhard verzog das Gesicht. »Das Mädchen ist in einem Krankenhaus der Gesellschaft, in einem Privatzimmer. Die Ärzte lassen niemanden zu ihr vor. Ich nehme an, daß Emmert ihren Vater in der Residenz versteckt hält. Und ich habe auch die zwei Polizisten nicht auftreiben können, die sie ins Präsidium gebracht haben, genausowenig wie den Sergeanten, der die Anzeige aufgenommen hat. Alle sind verschwunden. Max hat zwei Leute zur East Side geschickt, die herausfinden sollen, wer die Polizei überhaupt alarmiert hat. Vielleicht kommen wir auf diese Weise weiter.«

Die Anweisungen des Oberrichters wurden wenige Minuten später gesendet; ein paar Minuten darauf brach die ganze Fuzzyjagd zusammen. Die Polizisten beider Lager gaben sofort auf. Einige Bürger machten noch etwa zwanzig Minuten lang weiter, und die Konstabler blieben ebenso da, wohl, um auf erstere aufzupassen. Dann wurde die Belohnung zurückgenommen, die Flutlichter der Suchgleiter erloschen, und die ganze Aktion war zu Ende.

Kurz darauf kam Gus Brannhard herein und begann, sich wieder auszuziehen, sobald die Tür hinter ihm geschlossen war. Kaum hatte er Jacke und Krawatte abgelegt, füllte er sich ein Wasserglas mit Whisky, leerte es mit einem Zug zur Hälfte und zog dann seine Stiefel aus.

»Was war los, Gus?« fragte Gerd.

Brannhard begann zu fluchen. »Das ist alles ein riesiger Schwindel, der meilenweit gegen den Wind stinkt.« Er griff nach seiner Zigarre, die er weggelegt hatte, als Fane angerufen hatte. »Wir haben die Frau gefunden, die die Polizei gerufen hat. Sie, eine Nachbarin, sagt, daß sie gesehen hat, wie Lurkin betrunken nach Hause gekommen ist, und kurz darauf habe sie das Mädchen schreien hören. Sie sagt, er prügelt sie immer, wenn er getrunken hat, was so etwa fünfmal die Woche vorkommt. Sie verneint entschieden, jemals etwas gesehen zu haben, was auch nur einem Fuzzy ähnlich sah.«

Die Aufregung der vergangenen Nacht führte zu einer neuen Welle von Fuzzymeldungen; Jack begab sich in das Büro des Marshals, um mit den Leuten zu sprechen, die sie machten. Das erste Dutzend unterschied sich durch nichts von den Berichten vergangener Tage. Dann sprach er mit einem jungen Mann, der qualitativ mehr zu bieten hatte.

»Ich hab’ sie ganz deutlich gesehen — so, wie ich Sie jetzt sehe —, und sie waren etwa fünfzehn Meter von mir entfernt. Ich hatte einen automatischen Karabiner bei mir und legte auf sie an, aber, mein Gott, ich konnte nicht schießen. Sie sahen aus wie kleine Leute, Mr. Holloway, und sie schienen so verstört und hilflos zu sein. Also feuerte ich über ihre Köpfe in die Luft, um sie zu verjagen, ehe jemand anderer sie sah und auf sie schoß.«

»Nun, mein Freund, dafür möchte ich Ihnen die Hand schütteln. Sie wissen, daß Sie damit eine Menge Geld weggeworfen haben — jedenfalls mußten Sie das ja glauben. Wie viele haben Sie gesehen?«

»Nun, nur vier. Ich hörte, daß es sechs sein sollten, aber die beiden anderen können sich in den Büschen dahinter befunden haben, wo ich sie nicht sehen konnte.«

Er zeigte auf der Landkarte, wo es geschehen war. Es gab noch drei weitere Leute, die die Fuzzys tatsächlich gesehen hatten, aber keine genauen Zahlenangaben machen konnten. Jeder konnte aber genau den Ort angeben, und wenn man die vier Orte miteinander verband, ging daraus deutlich hervor, daß die Fuzzys sich in nordwestlicher Richtung durch die Vorbezirke der Stadt entfernten.

Brannhard tauchte zum Mittagessen im Hotel auf, immer noch fluchend, zur Hälfte aber belustigt.

»Sie haben Harn O’Brien ausgegraben und auf uns angesetzt«, sagte er. »Und zwar mit einer ganzen Latte von Zivilklagen und Beschwerden wegen Belästigung und so etwas. Damit wollen sie mich auf Trab halten, während Leslie Coombes sich auf die Verhandlung vorbereitet. Sie haben sogar versucht, den Manager hier dazu zu bringen, daß er Baby hinauswirft; ich drohte ihm mit einem Verfahren wegen Rassendiskriminierung, und da wurde er schnell vernünftig. Übrigens habe ich gerade die Gesellschaft auf sieben Millionen Sols Schadenersatz verklagt, und zwar eine Million für jeden Fuzzy und eine Million für ihren Anwalt.«

»Heute abend«, sagte Jack, »fahre ich mit zwei von Max’ Leuten in einem Gleiter hinaus. Wir werden Baby mitnehmen und eine Lautsprecheranlage installieren.« Er faltete den Stadtplan auseinander. »Sie scheinen in diese Richtung zu ziehen, müßten also etwa hier sein. Wenn Baby dann am Mikrofon ist, müßte es eigentlich möglich sein, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.«

Sie entdeckten nichts, obwohl sie bis zum Einbruch der Dunkelheit unterwegs waren. Baby hatte viel Spaß mit dem Lautsprecher; wenn er hineinquiekte, gab das ein ohrenbetäubendes Geräusch, und die drei Menschen in dem Gleiter zuckten jedesmal zusammen, wenn er nur den Mund aufmachte. Auch auf Hunde wirkte es, und bald folgte dem Gleiter, wohin er auch immer flog, ein Chor kläffender Köter nach.

Am nächsten Tag kamen ein paar vereinzelte Berichte herein, aber hauptsächlich ging es um kleinere Diebstähle. Von einem Rasen hinter einem Haus war eine Decke verschwunden, von einer Couch auf einer Veranda waren einige Kissen gestohlen worden. Eine erschreckte Mutter berichtete, sie hätte ihren sechsjährigen Sohn beim Spielen mit einigen Fuzzys entdeckt, die sofort geflohen waren, als sie dem Kind zu Hilfe eilte. Das Kind habe anschließend fürchterlich geweint. Jack und Gerd eilten sofort an den Schauplatz des Geschehens. Die verworrene und stark von Phantasie gefärbte Geschichte des Kindes war in einem Punkt eindeutig — die Fuzzys waren nett zu ihm gewesen, hatten ihm nichts zuleide getan. Sofort ließen sie eine Bandaufnahme dieser Aussage über die Sender gehen.

Als sie zurück ins Hotel kamen, strahlte Gus Brannhard vor Freude.

»Der Oberrichter hat mir noch eine Aufgabe übertragen — ich leite eine Untersuchung darüber, ob die Geschichte von neulich nicht ein Schwindel war, und ich habe das Recht, jeden zu verklagen, der etwas Strafwürdiges getan hat. Max Fane hilft mir, Zeugen herbeizuschaffen. Morgen fangen wir damit an — Polizeichef Dumont ist der erste, den wir verhören. Vielleicht kommen wir bis zu Nick Emmert und Victor Grego.« Er lachte rauh. »Das wird Leslie Coombes vermutlich einiges Kopfzerbrechen bereiten.«


Gerd landete den Gleiter neben einem rechteckigen Aushub. Er maß etwa fünfzehn Meter in der Länge und war sechs Meter tief. Auf seinem Grund grub sich eine Motorfräse immer tiefer in den Boden, während ein Löffelbagger den ausgegrabenen Kies nach oben neben das Loch warf. Fünf oder sechs Männer in Arbeitsanzügen und Schaftstiefeln kamen ihnen entgegen, als sie aus dem Fahrzeug stiegen.

»Guten Morgen, Mr. Holloway«, sagte einer von ihnen. »Es ist gleich dort hinter dem Hügel. Wir haben nichts angerührt.«

»Würden Sie mir noch einmal sagen, was Sie gesehen haben? Mein Partner hier war nicht da, als Sie anriefen.«

Der Vormann wandte sich an Gerd. »Wir haben vor etwa einer Stunde zwei Sprengungen durchgeführt. Ein paar von den Männern, die dann über die Hügelkuppe dort liefen, sahen, wie diese Fuzzys unter einem Felsvorsprung wegrannten.« Er deutete in die Richtung. »Sie verständigten mich, und ich sah selbst nach. Wir entdeckten die Stelle, an der sie gelagert hatten. Der Fels hier ist ziemlich hart, und die Erschütterungen der Explosionen müssen sie aufgescheucht haben.«

Sie gingen durch hohes, mit Blumen durchsetztes Gras zu der angegebenen Stelle und fanden unter einem überhängenden Felsen zwei Kissen, eine rotgraue Decke und einige Fetzen alter Kleidungsstücke, die aussahen, als hätte sie jemand als Poliertücher benutzt. Ein zerbrochener Eßlöffel, ein Steinmeißel und andere Metallgegenstände lagen herum.

»Ja, das ist es. Ich habe mit den Leuten gesprochen, die die Decke und die Kissen vermißten. Hier müssen sie letzte Nacht eingezogen sein, nachdem Ihre Leute die Arbeiten eingestellt hatten; die Sprengungen haben sie dann verjagt. Sie sagen, daß sie in diese Richtung gelaufen sind?« fragte er und deutete auf den kleinen Fluß, der aus den Bergen im Norden herabkam.

Das Flüßchen war recht tief und reißend, so daß die Fuzzys es vermutlich nicht hatten überqueren können; sie würden ihm weiter flußaufwärts gefolgt sein. Jack notierte sich die Namen der Männer und bedankte sich bei ihnen. Falls er die Fuzzys selbst entdeckte, würde er ein mathematisches Genie benötigen, um die Anteile der Belohnung auszurechnen, die den bisherigen Informanten zustanden.

»Gerd, wenn Sie ein Fuzzy wären, wohin würden Sie von hier aus gehen?« fragte er.

Gerd sah den Fluß hinauf, der aus bewaldeten Hügeln hervorschoß.

»Da oben finden sich ein, zwei Häuser«, sagte er. »Über die würde ich noch hinausgehen. Dann würde ich mich in eine seitwärts abgehende Schlucht schlagen, zwischen die Felsen, wo mich ein Scheusal nicht erreichen kann. Natürlich kommen so nah an der Stadt keine Scheusale vor, aber das wissen sie ja nicht.«

»Wir werden noch einige Gleiter benötigen; ich werde Colonel Ferguson bitten, uns auszuhelfen. Max hat ja alle Hände voll mit diesen Untersuchungen zu tun, die Gus jetzt eingeleitet hat.«

Am Steuer des Gleiters, den Jack sich vom Hotel gemietet hatte, saß ein Polizeikorporal, während Gerd Jacks Platz in einem der beiden Polizeigleiter eingenommen hatte. Der dritte pendelte zwischen ihnen hin und her, und alle drei hielten untereinander Funkverbindung.

»Mr. Holloway.« Das war der Beamte in dem Gleiter, den Gerd gesteuert hatte. »Ihr Partner ist jetzt unten am Boden; er rief mich gerade über sein Handfunkgerät: Er hat einen geknackten Garnelenpanzer gefunden.«

»Sprechen Sie weiter, und geben Sie mir Ihre Richtung an«, sagte der Korporal am Steuer und lenkte seinen Gleiter in die Höhe.

Sekunden später erblickten sie das andere Fahrzeug, das über einer schmalen Felsnase am linken Ufer des Flusses schwebte. Der dritte Gleiter näherte sich von Norden. Gerd befand sich immer noch am Boden, als sie neben ihm landeten. Er sah auf, als sie aus den Fahrzeugen sprangen.

»Das ist es, Jack«, sagte er. »Typische Fuzzyarbeit.«

Das traf zu. Was immer sie auch benutzt hatten, es war nichts Scharfes gewesen — der Kopf war zerschmettert statt sauber abgetrennt worden. Der Panzer jedoch war von unten auf die übliche Weise aufgebrochen worden, und alle vier Scheren waren als Besteck benutzt worden, das Fleisch herauszupicken.

Sie schickten den Gleiter wieder hinauf, während sie alle drei am Boden weitersuchten und immer wieder riefen: »Little Fuzzy! Little Fuzzy!« Dann entdeckten sie eine Fußspur und dann eine zweite, wo das Sickerwasser den Boden aufgeweicht hatte. Gerd sprach aufgeregt in sein Handfunkgerät, das er an einem Riemen vor der Brust trug.

»Einer von euch sollte etwa zweihundert Meter vorgehen, dann nach links und wieder zurück!« gab er Beobachtungen aus der Luft weiter. »Sie stecken irgendwo dort drinnen.«

»Ich sehe sie! Ich sehe sie!« dröhnte es aus dem Funkgerät. »Sie klettern rechts von Ihnen einen Abhang hinauf. Zwischen den Felsen!«

»Verlieren Sie sie nicht aus den Augen; jemand soll uns abholen und hinaufbringen, dann gehen wir ihnen entgegen.«

Der gemietete Gleiter schoß herunter, der Korporal riß die Tür auf. Er machte sich nicht die Mühe, die Antigrav-Aggregate abzustellen, und sobald sie im Innern waren, hob er wieder ab. Einen Augenblick lang drehte sich der Berg schwindelerregend um sie, dann sah sie Jack, wie sie zwischen den Felsen herumkletterten. Es waren nur vier, und einer half einem anderen. Er fragte sieh, wer sie sein mochten, was aus den beiden anderen geworden war und ob der eine, der Hilfe brauchte, schwer verletzt war.

Der Gleiter landete auf einer Schräge am Gipfel des kleinen Berges, und Jack, Gerd und der Pilot kletterten hinaus und machten sich sofort an den Abstieg. Plötzlich befand sich Jack in Reichweite eines Fuzzys und griff sofort zu. Drei weitere huschten an ihm vorbei, den steilen Abhang hinauf. Der, den er sich gegriffen hatte, trug etwas in der Hand, und damit teilte er jetzt wilde Schläge auf Jacks Gesicht aus; Jack hatte gerade noch Zeit, mit einem Arm den Angriff abzublocken. Dann packte er den Fuzzy fester und entwaffnete ihn. Die Waffe war ein viertelpfundschwerer Hammer. Er steckte ihn in eine Seitentasche und hob den sich sträubenden Fuzzy mit beiden Händen hoch.

»Du hast Pappi Jack geschlagen!« klagte er. »Kennst du Pappi Jack nicht mehr? Armes, verängstigtes Ding!«

Der Fuzzy in seinen Händen quiekte wütend. Jack sah genauer hin und stellte fest, daß er diesen Fuzzy noch nie gesehen hatte. Es war weder Little Fuzzy, noch der lustige Ko-Ko oder der schelmische Mike. Es war ein fremder Fuzzy.

»Na, kein Wunder, daß du Pappi Jack nicht kennst. Du bist ja gar keiner von Pappi Jacks Fuzzys.«

Neben dem Gleiter saß der Korporal auf einem Stein und hielt unter jedem Arm einen Fuzzy fest. Sie hörten auf, sich zu wehren und quiekten erbärmlich, als sie sahen, daß ihr Begleiter auch gefangen war.

»Ihr Kollege ist unten und jagt den vierten«, sagte der Korporal. »Übernehmen Sie diese beiden auch; Sie kennen sie, im Gegensatz zu mir.«

»Halten Sie sich fest; sie kennen mich ebensowenig wie Sie.«

Mit einer Hand zog er ein Stück Ex-Te-Drei aus seinem Hemd und bot es dem Fuzzy an; der Fuzzy quiekte vergnügt, riß ihm den Rest aus der Hand und verschlang ihn. Er mußte schon zuvor davon gegessen haben. Als Jack dann auch dem Korporal Ex-Te-Drei gab, schienen auch die beiden anderen, ein Weibchen und ein Männchen, damit vertraut zu sein. Von unten rief Gerd herauf:

»Ich habe einen. Es ist ein Weibchen;. ich weiß aber nicht, ob es Mitzi oder Cinderella ist. Ihr werdet staunen, was sie bei sich tragen.«

Jetzt tauchte Gerd auf, den vierten Fuzzy strampelnd unter seinem linken Arm, während unter seinem rechten Ellbogen ein Kätzchen, schwarz mit einem weißen Gesicht, hervorlugte. Jack war so enttäuscht und niedergeschlagen, daß er kaum Neugier empfand.

»Es sind nicht unsere Fuzzys, Gerd. Ich hab’ sie noch nie gesehen.«

»Jack, sind Sie sicher?«

»Natürlich bin ich das!« Er war beleidigt. »Glauben Sie, ich kenne meine Fuzzys nicht? Und meinen Sie, daß sie mich nicht kennen?«

»Wo kommt die Mieze her?« fragte der Korporal.

»Keine Ahnung. Sie müssen sie irgendwo aufgelesen haben. Sie trug sie wie ein Baby in den Armen.«

»Diese Fuzzys müssen jemandem gehören. Sie haben schon Ex-Te-Drei gegessen. Wir werden sie mit ins Hotel nehmen. Wer immer es sein mag, ich wette, daß er sie genauso vermißt wie ich meine.«

Seine eigenen Fuzzys, die er nie wieder sehen würde. Die volle Erkenntnis traf ihn erst, als er und Gerd wieder in dem Gleiter saßen. Von seinen Fuzzys hatte man keine Spur mehr gefunden, seit sie aus ihren Käfigen im Wissenschaftszentrum ausgebrochen waren. Diese Fuzzys waren es gewesen, die man gesichtet und verfolgt hatte — warum hatten seine Fuzzys nicht auch in den drei Wochen seit ihrem Verschwinden Spuren hinterlassen?

Weil seine Fuzzys nicht mehr existierten, schloß Jack. Sie waren niemals aus dem Wissenschaftszentrum herausgekommen. Irgend jemand, den Max Fane nicht unter dem Detektor verhört hatte, hatte sie umgebracht. Es hatte keinen Sinn mehr, etwas anderes zu glauben.

»Wir fliegen zu ihrem Lager zurück und holen die Decke und die Kissen und das andere Zeug«, sagte er. »Ich werde den Leuten, die diese Sachen vermissen, Schecks zukommen lassen. Diese Fuzzys sollen die Sachen behalten können.«


13.

<p>13.</p>

Das Management des Hotels schien seine Haltung gegenüber den Fuzzys geändert zu haben. Vielleicht lag es an Gus Brannhards Drohungen mit einer Klage wegen Rassendiskriminierung oder an der Möglichkeit, daß die Fuzzys sich doch als vernunftbegabte Wesen und nicht als Tiere erweisen würden. Vielleicht schämte sich der Manager auch, als die Lurkin-Geschichte zusammengebrochen war, und wurde von der zunehmenden Welle der Sympathie für diese kleinen Wesen in der Bevölkerung beeinflußt. Vielleicht war der Hoteldirektor aber auch zu der Erkenntnis gekommen, daß die Zarathustragesellschaft doch nicht so allmächtig war, wie er geglaubt hatte. Auf jeden Fall wurde den Fuzzys, die George Lunt und Ben Rainsford für die Verhandlung mitbrachten, ein großer Raum, der üblicherweise für Bankette benutzt wurde, frei gemacht. Die vier Fremden und ihr schwarz-weiß-geschecktes Kätzchen kamen darin unter. Die Leitung lieferte kostenlos Spielzeug und einen großen Fernsehschirm. Die fremden Fuzzys stürzten sich besonders auf letzteres und waren fasziniert von den beweglichen Bildern. Allein die Katze langweilte sich dabei.

Nach einigem Zögern brachte Jack auch Baby mit herunter und stellte ihn den anderen vor. Alle schienen sich über diesen neuen Spielkameraden zu freuen, und Baby wiederum hielt das Kätzchen für das Wunderbarste, was er jemals gesehen hatte. Als es Zeit war, sie zu füttern, ließ Jack sein eigenes Essen in den kleinen Saal bringen und aß mit ihnen. Gus und Gerd gesellten sich später zu ihm.

»Jetzt haben wir diese Lurkin und ihren Vater«, erzählte Gus und fuhr mit hoher Stimme fort: »›Nee, der Alte hat mir verhauen, und die Bullen haben gesagt, ich soll sagen, es waren die Fuzzys‹.«

»Hat sie das gesagt?«

»Unter dem Lügendetektor, dessen Schirm blau wie ein Saphir war, vor einem halben Dutzend Zeugen. Interworld sendet eine Aufzeichnung davon heute abend. Ihr Vater hat es auch zugegeben und mir die Namen der Polizisten genannt. Wir suchen die beiden noch. Solange wir sie nicht gefunden haben, kommen wir Emmert und Grego nicht näher. Die beiden Streifenbeamten haben wir schon, aber sie haben auf Anweisung ihres Leutnants, dieses Wollers, gehandelt.«

Damit war einiges geklärt, aber Brannhard hatte noch viele ungelöste Fragen. Woher waren diese vier Fuzzys gekommen, die durch Emmerts wilde Jagd aufgescheucht worden waren? Irgend jemand mußte sie sich irgendwo gehalten haben — bei ihm hatten sie gelernt, Ex-Te-Drei zu essen, hatten an Bildschirmen herumhantiert. Ihr Erscheinen war zu sehr abgestimmt, um noch Zufall sein zu können. Die ganze Sache roch ihm nach einer üblen Falle.


Ben Rainsford, seine zwei Fuzzys, George Lunt, Ahmed Khadra und die anderen Konstabler und ihre Familien, trafen kurz vor Mittag am Samstag ein. Die Fuzzys wurden in dem geräumten Bankettsaal einquartiert und freundeten sich schnell mit den vier bereits dort befindlichen Artgenossen einschließlich Baby an. Jede Familie richtete sich ihren eigenen Lagerplatz her, aber sie aßen gemeinsam und spielten mit dem Spielzeug der anderen oder saßen gemeinsam vorm Fernseher. Anfangs war die Familie, die man am Fluß gefunden hatte, eifersüchtig, wenn man ihrem Kätzchen zu viel Aufmerksamkeit schenkte, aber das ließ nach, als sie erkannten, daß niemand sie ihnen wegnehmen wollte.

Das alles wäre ein großer Spaß gewesen — elf Fuzzys und ein Baby Fuzzy und eine schwarz-weiße Katze, wenn Jack nicht immer wieder an seine eigene Familie hätte denken müssen, die sich nicht an diesem fröhlichen Treiben beteiligen konnte.


Max Fane strahlte, als er sah, wer da auf seinem Bildschirm erschien.

»Nun, Colonel Ferguson, freut mich, Sie zu sehen.«

»Marshal.« Ferguson grinste breit. »In einer Minute werden Sie sich noch mehr freuen. Zwei meiner Leute von Station Acht haben Woller und seinen Sergeanten, diesen Fuentes, aufgegriffen.«

»Ha!« Er spürte eine innere Wärme, als hätte er soeben einen Becher Honig-Rum von Baldur getrunken. »Wie?«

»Nun, Sie wissen doch, daß Nick Emmert dort unten eine Jagdhütte besitzt. Station Acht paßt für ihn darauf auf. Heute nachmittag flog einer von Lieutenant Obefemis Gleitern darüber hinweg, und man ortete mit einem Detektor Strahlen im Infrarotbereich, als ob der Generator in der Hütte eingeschaltet ist. Als er landete, fanden die Beamten Woller und Fuentes, die sich dort wie zu Hause fühlten. Sie verhafteten sie, und beide gestanden unter dem Lügendetektor, daß Emmert ihnen die Schlüssel gegeben und sie hingeschickt hatte, damit sie sich bis nach dem Verfahren versteckten.

Sie leugneten, daß der Plan von Emmert inspiriert sei. Das war einer von Wollers Geistesblitzen gewesen, aber Emmert wußte, worum es ging, und machte sofort mit. Sie werden sofort morgen früh hierher gebracht.«

»Nun, das ist wirklich großartig, Colonel. Wissen die Nachrichtenagenturen schon davon?«

»Nein, wir möchten sie beide zuerst hier in Mallorys Port verhören und ihre Geständnisse zu den Akten nehmen, ehe wir die Geschichte verbreiten. Sonst könnte jemand noch auf den Gedanken kommen, sie für immer zum Schweigen zu bringen.«

Daran hatte der Marshal auch gedacht, und das sagte er Ferguson, worauf dieser nickte. Dann zögerte er einen Augenblick und sagte:

»Max, was halten Sie von der Situation hier in Mallorys Port? Mir gefällt sie gar nicht.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es sind so viele Fremde in der Stadt«, führte Ian Ferguson aus. »Und alles Fremde von einer bestimmten Sorte — stämmige, junge Männer, zwischen zwanzig und dreißig; sie laufen zu zweit oder in kleinen Gruppen herum. Das ist mir seit vorgestern aufgefallen, und jedesmal, wenn ich mich umdrehe, scheinen es mehr geworden zu sein.«

»Nun, Ian, dies ist ein Planet der jungen Leute, und wir müssen schon mit einem großen Zuschauerandrang für den Prozeß rechnen.«

Ferguson schüttelte den Kopf.

»Nein, Max, das sind keine Prozeßbesucher; wir wissen beide, von welchem Schlag sie sind. Sie erinnern sich, wie es bei dem Verfahren gegen die Gebrüder Gawn war? Kein Radau in den Bars, keine Schlägereien, kein Gestänker. Die Leute gehen einfach spazieren und verhalten sich ruhig, als erwarten sie von irgend jemandem ein Stichwort.«

»Eine Infiltration!« Verdammt, jetzt hatte er es doch als erster gesagt! »Victor Grego beginnt, sich Gedanken zu machen.«

»Ich weiß, Max. Und Victor Grego verhält sich wie ein Veldtier-Bulle: Er ist ungefährlich, solange er keine Angst hat, aber dann muß man auf ihn aufpassen. Und gegen die Bande, die sich hier einnistet, haben die Leute, die Sie und ich aufbieten können, genauso lange keine Chance wie ein Glas billigen Gins auf einer Beerdigung auf Sheshan gefüllt bleibt.«

»Sie wollen doch nicht etwa auf den Feuermeldeknopf drücken?«

Der Konstabler-Commander runzelte die Stirn. »Das möchte ich natürlich nicht, denn man würde es auf der Erde als äußerst unangenehm vermerken, wenn ich es ohne Not täte. Noch mehr würde man es mir allerdings verübeln, wenn es notwendig sein sollte, und ich tue es nicht. Ich werd’ mir die Sache erst noch einmal genau ansehen.«


14.

<p>14.</p>

Frederic und Claudette Pendarvis gingen gemeinsam durch den Dachgarten hinunter zur Landeplattform, und Claudette hielt wie immer inne, um eine Blume abzuschneiden und sie ihm ans Revers zu heften.

»Werden die Fuzzys vor Gericht auftreten?« fragte sie.

»Oh, das werden sie wohl müssen. Ich weiß nicht, wie es heute morgen sein wird; heute geht’s nämlich hauptsächlich um Formalitäten.« Er zog eine Grimasse, die halb ein Lächeln und halb ein Stirnrunzeln war. »Ich weiß noch nicht, ob ich sie als Zeugen oder als Beweisstücke betrachten soll, und ich hoffe, daß man nicht von mir verlangt, darüber gleich zu Anfang eine Entscheidung zu treffen. Was ich nämlich auch tun würde, entweder würden Coombes oder Brannhard mir vorwerfen, etwas zu präjudizieren.«

»Ich möchte sie sehen. Ich habe sie auf dem Bildschirm gesehen, aber ich möchte sie in der Wirklichkeit erleben.«

»Du bist schon lange nicht mehr in einer meiner Verhandlungen gewesen, Claudette. Wenn es sich herausstellt, daß sie heute vor Gericht gebracht werden, rufe ich dich an. Ich werde sogar meine Stellung insofern mißbrauchen, daß ich arrangiere, daß du sie außerhalb des Gerichtssaals erleben kannst. Hättest du dazu Lust?«

Natürlich; Claudette hatte an solchen Dingen ungeheuren Spaß. Sie küßten sich zum Abschied, dann ging er zu seinem Gleiter, dessen Tür der Fahrer bereits aufhielt. Aus dreihundert Meter Höhe sah er zurück — sie stand immer noch auf dem Dachgarten und winkte ihm nach.

Er würde sich erkundigen müssen, ob sie gefahrlos kommen konnte. Max Fane machte sich Sorgen, daß es Unruhen geben könnte, und Ian Ferguson teilte diese Befürchtung — beide waren sie keine Männer, die an zwanghaften Einbildungen litten. Als sich sein Gleiter auf das Gerichtsgebäude herabsenkte, sah er, daß Soldaten auf dem Dach postiert waren, die nicht nur Pistolen trugen — er sah Gewehrläufe und Helme in der Sonne blinken. Dann, als der Gleiter gelandet war, sah er, daß ihre Uniformen von einem helleren Blau als die der Konstabler waren. Schaftstiefel und rotgestreifte Hosen — das waren Angehörige der Raumflotte. Ian Ferguson hatte also tatsächlich Alarm gegeben. Er überlegte kurz, ob Claudette hier vielleicht in größerer Sicherheit als zu Hause war.

Ein Sergeant und zwei Männer kamen auf ihn zu, als er ausstieg. Der Sergeant tippte an den Schirm seiner Mütze.

»Richter Pendarvis? Guten Morgen, Sir.«

»Guten Morgen, Sergeant. Warum bewacht die Föderationsflotte das Gerichtsgebäude?«

»Wir halten uns in Bereitschaft. Befehl von Commodore Napier. Sie werden feststellen, daß Marshal Fanes Leute weiter unten das Kommando haben, aber Flotten-Captain Casagra und Captain Greibenfeld von der Navy erwarten sie in Ihrem Büro.«


Die Offiziere in seinem Büro waren beide bewaffnet. Desgleichen Marshal Fane, der ihn ebenfalls erwartete. Sie erhoben sich alle, um ihn zu begrüßen, setzten sich wieder, als er hinter seinem Tisch war. Er stellte ihnen die gleiche Frage, die er auf dem Dach dem Sergeanten gestellt hatte.

»Nun, Colonel Ferguson hat gestern abend Commodore Napier um Beistand gebeten, Euer Ehren«, sagte der Offizier in der schwarzen Flottenuniform. »Er äußerte den Verdacht, daß die Stadt infiltriert worden sei. Dieser Verdacht war völlig gerechtfertigt, Euer Ehren; seit Mittwoch nachmittag hat Captain Casagra auf Anweisung Commodore Napiers hier ein Landekommando durchgeführt und damit Vorbereitungen getroffen, die Residenz zu besetzen. Diese Aufgabe ist jetzt erfüllt — Commodore Napier ist hier, und Generalresident Emmert und Generalstaatsanwalt O’Brien befinden sich wegen verschiedener Fälle von Korruption und Amtsmißbrauch in Haft. Damit werden sich Euer Ehren aber nicht zu befassen haben. Man wird die beiden für ihren Prozeß nach Terra schicken.«

»Dann hat Commodore Napier die Zivilregierung abgelöst?«

»Nun, sagen wir, daß er sie kontrolliert; das hängt ganz vom Ausgang dieses Verfahrens ab. Wir möchten wissen, ob die augenblickliche Administration legal ist oder nicht.«

»Dann werden Sie sich in die eigentliche Verhandlung nicht einmischen?«

»Kommt darauf an, Euer Ehren. Wir werden auf jeden Fall daran teilnehmen.« Er sah auf seine Uhr. »Sie eröffnen die Verhandlung erst in einer Stunde? Dann werde ich vielleicht noch Zeit haben, etwas zu erklären.«


Max Fane traf mit ihnen vor der Tür zum Gerichtssaal zusammen und grinste freudig. Dann entdeckte er Baby Fuzzy auf Jacks Schulter und schaute zweifelnd drein.

»Ich weiß nicht recht, Jack. Ich glaube nicht, daß er im Gerichtssaal zugelassen wird.«

»Unsinn«, erklärte Brannhard ihm. »Ich gebe ja zu, daß er ein unmündiges Kind und ein unbedarfter Eingeborener ist, aber er ist der einzige Überlebende der Familie der verstorbenen Goldlöckchen, und als solcher hat er ein Recht, der Verhandlung beizuwohnen.«

Bis zur Eröffnung der Verhandlung war noch eine halbe Stunde Zeit, aber die Zuschauerbänke waren bereits voll und ebenso der Balkon. Auf den Geschworenenbänken hatte eine Anzahl Offiziere in schwarzen und blauen Uniformen Platz genommen. Da dies kein Geschworenengericht war, hatten sie die Bänke offensichtlich mit Beschlag belegt. Auch die Pressebänke waren mit Menschen und Geräten überfüllt.

Baby schaute interessiert auf den großen Bildschirm hinter dem Richtersessel; von hier aus erfolgte die Übertragung der Verhandlung für die Öffentlichkeit, gleichzeitig zeigte der Bildschirm aber auch wie ein Spiegel den Zuschauern die gleiche Szene. Es dauerte nicht lange, bis Baby sich auf dem Bild erkannt hatte, woraufhin er begann, erregt mit den Armen zu fuchteln. In diesem Augenblick gab es an der Eingangstür etwas Unruhe und einen Auflauf, und Leslie Coombes kam herein, gefolgt von Ernst Mallin und zwei seiner Assistenten, Ruth Ortheris, Juan Jimenez — und Leonhard Kellogg.

Coombes blickte zu dem Tisch, wo Jack und Brannhard saßen, entdeckte Baby, der sich selbst in dem großen Fernsehschirm zuwinkte und wandte sich protestierend an Fane. Fane schüttelte den Kopf, Coombes protestierte erneut, erntete aber nur ein weiteres Kopf schütteln. Schließlich zuckte er die Schultern und führte Kellogg an den für sie reservierten Tisch, wo sie Platz nahmen.

Sobald Pendarvis und seine beiden Richterkollegen — ein kleiner Mann mit einem runden Gesicht zu seiner Rechten, ein hochgewachsener schlanker Mann mit weißem Haar und einem schwarzen Bart zu seiner Linken — Platz genommen hatten, begann die Verhandlung sofort. Die Anklagen wurden verlesen, und dann wandte Brannhard als der Ankläger Kelloggs sich an das Gericht.

»… bekannt als Goldlöckchen, Angehörige einer intelligenten Rasse… absichtliche Tat, begangen von Leonhard Kellogg… brutaler, ungerechtfertigter Mord.« Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich an den Tisch, wobei er mit Baby Fuzzy spielte, während Leslie Coombes Jack Holloway des brutalen Angriffs auf den besagten Leonhard Kellogg bezichtigte und ihm vorwarf, Kurt Borch rücksichtslos niedergeschossen zu haben.

»Nun, meine Herren, ich denke, wir können jetzt mit der Vernehmung der Zeugen beginnen«, sagte der Oberrichter. »Wer beginnt?«

Gus gab Baby Fuzzy an Jack und trat vor; Coombes stellte sich neben ihn.

»Euer Ehren, dieser ganze Prozeß hängt von der Frage ab, ob ein Angehöriger der Spezies Fuzzy Fuzzy Holloway Zarathustra ein vernunftbegabtes Wesen ist oder nicht«, sagte Gus. »Wir sollten jedoch, bevor wir versuchen, diese Frage zu klären, durch Zeugenaussagen feststellen, was in Holloways Lager im Cold Creek Tal am Nachmittag des neunzehnten Juni des Jahres sechshundertvierundfünfzig der Atomära geschah. Sobald darüber Klarheit besteht, können wir uns der Frage widmen, ob das genannte Goldlöckchen ein vernunftbegabtes Wesen war oder nicht.«

»Ich bin einverstanden«, sagte Coombes. »Die meisten der Zeugen werden später noch einmal aufgerufen werden müssen, aber im allgemeinen ist Mr. Brannhards Vorschlag im Zusammenhang mit der Zeitökonomie zu begrüßen.«

Ein Beamter trat vor, nahm einige Schaltungen am Zeugenstuhl vor, dann leuchtete eine Kugel von etwa sechzig Zentimeter Durchmesser, die in einem Gestell schwebte, in hellem Blau auf. George Lunts Name wurde aufgerufen; der Lieutenant setzte sich in den Stuhl, der Helm des Lügendetektors wurde ihm übergestülpt, die Elektroden befestigt.

Die Kugel blieb ruhig und blau, während er seinen Namen und Dienstgrad angab. Dann wartete er, während Coombes und Brannhard miteinander verhandelten. Schließlich zog Brannhard ein silbernes Halbsolstück aus der Tasche, schüttelte es in seinen Händen und schlug es mit der rechten Hand auf das linke Handgelenk. »Kopf«, sagte Coombes, Brannhard hob seine Hand, verbeugte sich leicht und ließ dem anderen den Vortritt.

»Also, Lieutenant Lunt«, begann Coombes. »Als sie in dem provisorischen Lager gegenüber Holloways Camp eintrafen, was fanden Sie dort vor?«

»Zwei tote Leute«, sagte Lunt. »Einen terranischen Menschen, der durch drei Schüsse in die Brust getötet worden war, und einen Fuzzy, den man zu Tode getrampelt hatte.«

»Euer Ehren!« brauste Coombes auf. »Ich muß darauf bestehen, daß der Zeuge aufgefordert wird, seine Antwort neu zu formulieren, und daß die eben gegebene Antwort aus dem Protokoll gestrichen wird. Unter den gegebenen Umständen hat der Zeuge kein Recht, die Fuzzys als ›Leute‹ zu bezeichnen.«

»Euer Ehren«, wandte Brannhard ein. »Mr. Coombes Einspruch ist nicht weniger voreingenommen. Er hat kein Recht, unter den gegebenen Umständen zu behaupten, die Fuzzys wären keine ›Leute‹. Das liefe darauf hinaus, den Zeugen zu zwingen, von den Fuzzys als von unvernünftigen Tieren zu sprechen.«

So ging es fünf Minuten lang hin und her. Jack kritzelte derweil auf einem Stück Papier herum. Baby griff sich auch einen Stift und ahmte ihn nach. Die Zeichnungen sahen den Knoten ähnlich, die er zu binden gelernt hatte. Schließlich griff das Gericht ein und bat Lunt, mit eigenen Worten zu berichten, warum er zu Holloways Lager geflogen war, was er dort gefunden hatte, was man ihm erzählt hatte und was er getan hatte. Einen kleineren Streit zwischen Brannhard und Coombes gab es an einer Stelle noch, worin nämlich der Unterschied zwischen Hörensagen und res gestae liegt. Als er seine Aussage beendet hatte, sagte Coombes: »Keine weiteren Fragen.«

»Lieutenant, Sie haben Leonhard Kellogg auf eine von Jack Holloway vorgebrachte Anzeige wegen Mordes festgenommen. Ich nehme an, daß Sie diese Anzeige als berechtigt ansahen?«

»Jawohl, Sir. Ich war in dem Glauben, daß Leonhard Kellogg ein vernunftbegabtes Wesen umgebracht hat. Nur intelligente Wesen begraben ihre Toten.«

Dann sagte Ahmed Khadra aus, nach ihm die beiden Beamten, die mit dem anderen Gleiter gekommen waren. Brannhard rief auch Ruth Ortheris auf, und nach einigen vergeblichen Einsprüchen von Coombes wurde ihr gestattet, ihre Version der Geschehnisse zu berichten. Als sie ihre Aussage gemacht hatte, klopfte der Oberrichter mit seinem Hämmerchen auf den Tisch.

»Ich glaube, daß mit dieser letzten Aussage die Tatsache bestätigt wurde, daß das Wesen, das uns hier unter dem Namen Goldlöckchen bekannt ist, wirklich von dem Beklagten Leonhard Kellogg zu Tode getrampelt wurde und daß der Mensch namens Kurt Borch tatsächlich von Jack Holloway niedergeschossen wurde. Unter diesen Umständen können wir und jetzt der Frage zuwenden, ob diese beiden Todesfälle tatsächlich im Sinne des Gesetzes als Mord einzustufen sind. Es ist jetzt elf Uhr vierzig, wir vertagen die Sitzung für eine Mittagspause. Das Gericht tritt um vierzehn Uhr wieder zusammen. Es sind da einige Dinge, darunter auch Änderungen im Gerichtssaal, vorzunehmen, die vor der Nachmittagssitzung erledigt werden müssen… Ja, Mr. Brannhard?«

»Euer Ehren, im Augenblick ist nur ein Mitglied der Fuzzy-Spezies im Gerichtssaal anwesend.« Er hob Baby auf und hielt ihn hoch. »Wenn wir die Frage der Vernunft oder Nichtvernunft dieser Wesen erörtern, wäre es da nicht vorteilhafter, auch die übrigen Fuzzys aus dem Hotel Mallory herüberkommen zu lassen, damit sie uns zur Verfügung stehen?«

»Nun, Mr. Brannhard«, antwortete Pendarvis ihm. »Wir werden die Fuzzys ganz sicher dem Gericht vorführen, aber bitte warten Sie damit noch, bis das Gericht wieder zusammengetreten ist. Vielleicht benötigen wir sie heute nachmittag noch nicht.« Er klopfte wieder auf den Tisch. »Die Verhandlung ist bis vierzehn Uhr vertagt.«


»Einige Veränderungen im Gerichtssaal« war recht vorsichtig ausgedrückt. Vier Reihen Zuschauersitze waren entfernt worden, ein Trenngatter war zurückgenommen worden. Der Zeugenstand, ursprünglich neben der Richterbank angeordnet, war an das Trenngitter geschoben worden und stand jetzt der Richterbank gegenüber. Darüber hinaus hatte man eine große Anzahl von Tischen hereingebracht und halbkreisförmig um den Zeugenstand angeordnet. Jeder, der an den Tischen saß, hatte jetzt die Richter vor sich und konnte auch sonst das Geschehen im ganzen Saal verfolgen, indem er auf den Bildschirm sah. Ein Zeuge im Zeugenstand konnte auf die gleiche Art und Weise den Lügendetektor einsehen. Gus Brannhard sah sich um, als er eintrat.

»Kein Wunder, daß sie uns zwei Stunden Mittagpause gelassen haben«, sagte er zu Jack. »Ich möchte wissen, wessen Idee das war.« Er lachte. »Sieh mal Coombes — ihm scheint das gar nicht zu gefallen.«

Ein Beamter mit einem Sitzplan kam auf sie zu.

»Mr. Brannhard, Sie und Mr. Holloway dort drüben den Tisch am äußersten rechten Ende. Dr. van Riebeek und Dr. Rainsford hier herüber, bitte.«

Der Lautsprecher des Gerichtsdieners über ihnen gab zwei scharfe Pfiffe von sich und plärrte:

»Achtung, Achtung! Das Gericht trifft in fünf Minuten zusammen…«

Brannhards Kopf flog herum, und Jacks Blick folgte ihm. Der Ausrufer war ein Offizier in der Uniform der Raumflotte.

»Was zum Teufel soll das?« fragte Brannhard. »Befinden wir uns in einem Kriegsgericht?«

»Das habe ich mich auch gefragt, Mr. Brannhard«, sagte der Beamte. »Die haben ja inzwischen den gesamten Planeten übernommen, wissen Sie.«

»Vielleicht haben wir Glück, Gus«, sagte Jack. »Ich habe immer gehört, daß man als Unschuldiger vor einem Kriegsgericht besser wegkommt, als Schuldiger eher vor einem Zivilgericht.«

Er sah, daß Leslie Coombes und Leonhard Kellogg an einem ähnlichen Tisch wie dem ihren am anderen Ende der Reihe plaziert wurden. Gus sah zur Balustrade hinauf.

»Ich wette, jeder Anwalt auf diesem Planeten verfolgt die Übertragung«, sagte er. »Oh! Siehst du die weißhaarige Dame in dem blauen Kleid, Jack? Das ist Richter Pendarvis’ Frau. Es ist das erstemal seit Jahren, daß sie im Gerichtssaal erscheint.«

»Achtung, Achtung! Bitte erheben Sie sich für das ehrenwerte Gericht!«

Jemand mußte dem Offizier einen Schnellkurs in gerichtsüblicher Phraseologie gegeben haben. Jack stand auf, hielt dabei Baby Fuzzy im Arm, während die drei Richter hereinkamen und ihre Plätze einnahmen. Kaum daß sie sich gesetzt hatten, ertönte wieder der Hammer des Oberrichters.

»Um möglichen Einsprüchen zuvorzukommen, möchte ich mitteilen, daß die hier vorgenommenen Änderungen nur provisorischer Art sind, ebenso wie der Ablauf des nachfolgenden Geschehens. Wir verhandeln im Augenblick nicht gegen Jack Holloway oder Leonhard Kellogg. Für den Rest dieses Tages, und, so fürchte ich, noch für viele Tage, werden wir uns ausschließlich damit befassen, die Intelligenzstufe der Spezies Fuzzy Fuzzy Holloway Zarathustra zu bestimmen.

Aus diesem Grund werden wir eine Zeitlang auf einige traditionelle Gerichtsgepflogenheiten verzichten. Wir werden Zeugen aufrufen, wobei Aussagen, soweit nötig, in der bisherigen Weise unter dem Detektor gemacht werden. Wir werden auch eine allgemeine Diskussion führen, an der alle teilnehmen können, die an diesen Tischen sitzen. Ich hoffe, diese Diskussion läuft diszipliniert ab, so daß jeder ausreden kann.

Ihnen wird inzwischen auch aufgefallen sein, daß einige Offiziere von der Flottenbasis auf Xerxes anwesend sind, und ich gehe davon aus, daß Sie auch wissen, daß Kommodore Napier die Zivilregierung unter Kontrolle genommen hat. Captain Greibenfeld, würden Sie sich bitte erheben? Er nimmt hier als amicus curiae teil und hat das Recht, Zeugen zu befragen und dieses Recht an jeden seiner Offiziere abzutreten. Mr. Coombes und Mr. Brannhard können dies ebenfalls tun, wenn sie es für nötig halten.«

Coombes sprang sofort auf. »Euer Ehren, wenn wir jetzt die Frage klären sollen, ob Fuzzys vernunftbegabte Wesen sind oder nicht, möchte ich vorschlagen, daß wir als ersten Tagesordnungspunkt versuchen, eine akzeptable Definition des Begriffs Vernunft vorzunehmen. Ich für meinen Teil würde gern erfahren, was der Ankläger Kelloggs und Verteidiger Holloways darunter versteht.«

Da war es also — sie wollen, daß wir es definieren.

Gerd van Riebeek sah besorgt drein; Ernst Mallin lächelte süffisant. Gus Brannhard jedoch schien sich zu freuen.

»Jack, die haben genausowenig eine Definition wie wir«, flüsterte er.

Captain Greibenfeld erhob sich ein zweites Mal.

»Euer Ehren, wir haben uns im Stützpunkt Xerxes während des vergangenen Monats mit genau dieser Frage beschäftigt. Uns liegt sehr daran, die Klassifikation dieses Planeten festzustellen, und wir sind auch der Ansicht, daß dies nicht das letztemal sein wird, daß die Frage, ob vernünftig oder nicht, aufkommen wird. Ich glaube, Euer Ehren, daß wir eine solche Definition gefunden haben. Bevor wir aber mit der Diskussion beginnen, möchte ich das Gericht um Erlaubnis bitten, eine Demonstration vorzunehmen, die uns allen beim Verständnis der angesprochenen Probleme helfen soll.«

»Captain Greibenfeld hat diese Demonstration bereits mit mir besprochen, sein Antrag findet meine Zustimmung. Bitte, fahren Sie fort, Captain«, sagte der Oberrichter.

Greibenfeld nickte, worauf ein Gerichtsbeamter eine Tür rechts neben der Richterbank öffnete. Seine Raumsoldaten kamen herein, trugen Kisten vor sich her. Einer trat vor den Richtertisch, der andere begann, an den Tischen kleine, batteriebetriebene Hörgeräte auszuteilen.

»Bitte, stecken Sie sie sich ins Ohr und schalten Sie die Geräte ein«, sagte er. »Danke.«

Baby Fuzzy versuchte, Jacks Gerät zu erwischen, aber Jack steckte sich den Apparat ins Ohr und schaltete ihn ein. Sofort hörte er Geräusche, wie er sie noch nie zuvor vernommen hatte, und Baby sagte zu ihm: »fle-inta sa-wa’aka; igga sa geeda?«

»Mein Gott, Gus, er spricht!«

»Ja, ich höre es. Was soll…?«

»Ultraschall; mein Gott, warum sind wir nicht längst darauf gekommen?«

Er schaltete das Gerät wieder ab. Baby Fuzzy sagte:

»Quiek«. Als er es wieder anstellte, sagte Baby: »Kukk-ina za zeeva.«

»Nein, Baby, Pappi Jack versteht dich nicht. Wir müssen sehr geduldig sein und unser beider Sprachen lernen.«

»Pa-pii dschek!« schrie Baby. »Ba-bii za-hinga; Pa-pii dschek za zag ga he-izza!«

»Dieses Quieken ist nur der hörbare Teil ihrer Sprache. Ich wette, in unseren Stimmen gibt es auch eine Menge Ultraschallaute.«

»Nun, er kann uns verstehen; er hat seinen und deinen Namen verstanden.«

»Mr. Brannhard, Mr. Holloway«, mischte sich Richter Pendarvis ein. »Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Haben Sie jetzt alle Ihre Hörgeräte wieder eingeschaltet? Gut, fahren Sie fort, Captain.«

Diesmal ging ein Kadett hinaus und kam mit ein paar Soldaten zurück, die sechs Fuzzys trugen. Sie setzten sie in den freien Raum zwischen der Richterbank und dem Halbkreis von Tischen und traten zurück. Die Fuzzys drängten sich zusammen und sahen sich um, und Jack starrte sie ungläubig an. Das war doch unmöglich — sie existierten doch gar nicht mehr. Aber da standen sie — Little Fuzzy und Mama Fuzzy, Mike und Mitzi und Ko-Ko und Cinderella. Baby quiekte auf und sprang vom Tisch. Mama rannte ihm entgegen und preßte ihn mit ihren Armen fest an sich. Dann sahen sie ihn alle und begannen zu schreien: »Pa-pii dschek! Pa-pii dschek!«

Jack war sich gar nicht bewußt, daß er aufgestanden war, und plötzlich fand er sich am Boden mitten in seiner Familie wieder, und die Kleinen drängten sich um ihn, klammerten sich an ihn und quiekten vor Freude. Wie aus weiter Ferne hörte er, wie der Richter Pendarvis auf seinen Tisch klopfte und sagte: »Das Gericht zieht sich für zehn Minuten zurück!« Inzwischen war Gus bei ihm, nahm auch einige Fuzzys auf den Arm, dann trugen sie die ganze Familie zu ihrem Tisch hinüber.

Die Fuzzys taumelte und schwankten ein wenig und konnten sich nicht richtig auf den Beinen halten. Für einen kurzen Augenblick machte ihm das Sorgen, dann wurde ihm klar, daß sie nicht unter Drogen standen oder krank waren — sie hatten sich für kurze Zeit in geringer Schwerkraft befunden und sich noch nicht an ihr normales Gewicht gewöhnt. Jetzt wurde ihm klar, warum er keine Spur von ihnen gefunden hatte. Er bemerkte, daß jeder Fuzzy eine kleine Schultertasche trug — ein Sanitätspäckchen der Flotte — die an einem Band befestigt war. Warum hatte er nicht selbst daran gedacht, ihnen so etwas zu basteln? Er berührte eine Tasche, während er sie ansprach, und sie antworteten ihm erregt und öffneten ihre Taschen, um ihm zu zeigen, was sie alles darin aufbewahrten — kleine Messer und Werkzeuge und bunten Kram aller Art. Little Fuzzy zog eine kleine Pfeife aus Hartholz hervor, dazu einen Tabaksbeutel und begann, die Pfeife zu stopfen. Schließlich holte er ein kleines Feuerzeug hervor.

»Euer Ehren!« rief Gus. »Ich weiß, daß das Gericht sich zurückgezogen hat, aber bitte achten Sie auf das, was Little Fuzzy tut!«

Little Fuzzy knipste sein Feuerzeug an und hielt die Flamme an den Pfeifenkopf, sog den Rauch ein.

Auf der anderen Seite des Raumes schluckte Leslie Coombes ein oder zweimal und schloß die Augen.

Als Pendarvis die Sitzung wieder eröffnet hatte, sagte er:

»Meine Damen und Herren, Sie haben jetzt Captain Greibenfelds Demonstration gesehen. Sie haben gehört, daß diese Fuzzys Laute von sich gaben, die wie Sprache klangen. Und Sie haben erlebt, wie einer von ihnen sich eine Pfeife angezündet hat. Eigentlich ist das Rauchen vor Gericht zwar untersagt, aber während dieser Verhandlung werden wir zugunsten der Fuzzys eine Ausnahme machen. Ich hoffe, andere Anwesende fühlen sich dadurch nicht benachteiligt.«

Wieder war Leslie Coombes blitzschnell aufgestanden.

»Euer Ehren, ich habe heute morgen bereits schon einmal dagegen protestiert, diese Wesen mit anderen Leuten gleichzustellen. Ich muß noch entschiedener dagegen protestieren, daß auch das Gericht dies jetzt tut. Ja, ich habe gehört, wie diese Fuzzys Geräusche gemacht haben, die man irrtümlich für eine Sprache halten kann, aber ich bestreite, daß es sich tatsächlich um eine solche handelt. Was den Trick mit dem Feuerzeug betrifft, so will ich behaupten, daß ich ihn jedem terranischen Primaten oder einem freyanischen Kolph innerhalb von dreißig Tagen auch beibringe.«

Greibenfeld erhob sich.

»Euer Ehren, wir haben in den vergangenen dreißig Tagen, während die Fuzzys sich in unserem Stützpunkt auf Xerxes befanden, ein Wörterbuch mit etwa einhundert Fuzzyvokalen zusammengestellt, die alle ihrer Bedeutung nach klar sind. Dazu kommt noch eine große Zahl, deren Bedeutung wir noch nicht ergründet haben. Und was diesen sogenannten Trick mit dem Feuerzeug betrifft, so hat Little Fuzzy — wir kannten diesen Namen bisher nicht und nannten ihn M2 — ihn sich allein beigebracht. Wir haben ihn auch nicht gelehrt, Pfeife zu rauchen. Das kannte er schon, ehe wir etwas mit ihm zu tun hatten.«

Jack erhob sich, während Greibenfeld noch sprach. Als der Flotten-Kapitän geendet hatte, sagte er:

»Captain Greibenfeld, ich möchte Ihnen und Ihren Leuten danken, daß Sie für die Fuzzys gesorgt haben. Und ich bin sehr froh darüber, daß Sie gelernt haben, ihre Sprache zu hören, und danke Ihnen für all die schönen Dinge, die Sie ihnen geschenkt haben. Warum aber haben Sie mich nicht verständigt, daß sie sich in Sicherheit befanden? Der vergangene Monat war nicht sehr glücklich für mich.«

»Ich weiß das, Mr. Holloway, und wenn es Ihnen ein wenig hilft, so kann ich sagen, daß wir das sehr bedauert haben. Wir konnten allerdings nicht das Risiko eingehen, unseren Agenten auffliegen zu lassen, der die Fuzzys am Morgen nach ihrer Flucht aus dem Wissenschaftszentrum geschmuggelt hat. Als Sie und Marshal Fane mit dem Durchsuchungsbefehl dort auftauchten, befanden sie sich bereits auf einer unserer Raketen zum Xerxes. Jetzt können wir, und darüber bin ich froh, offen über die Angelegenheit sprechen.«

»Nun, Captain Greibenfeld«, sagte der Oberrichter, »ich nehme an, daß Sie weiteres Beweismaterial über die Beobachtungen und Untersuchungen, die Sie und Ihre Leute auf Xerxes angestellt haben, vorlegen möchten. Für das Protokoll möchte ich aber doch aufnehmen, wann und wie sie dort gemacht wurden.«

»Jawohl, Euer Ehren. Rufen Sie bitte den vierten Namen auf der Liste auf, die ich Ihnen übergab.«

Der Oberrichter griff nach einem Zettel. »Lieutenant Ruth Ortheris, TFN-Reserve«, rief er.

Diesmal schaute Jack Holloway in den großen Bildschirm, in dem er jeden sehen konnte. Coombes Gesicht war einen Augenblick lang starr und totenblaß. Ernst Mallin zitterte vor Wut, während Ben Rainsford mit gleicher Intensität neben ihm grinste. Als Ruth vor den Richtertisch trat, bereiteten ihr die Fuzzys Ovationen; sie erinnerten sich an sie und mochten sie gern.

Lieutenant Ortheris sagte unter dem Detektor aus, daß sie als Reserveoffizier der Raumflotte nach Zarathustra gekommen war und eine Stellung bei der Gesellschaft angenommen hatte.

»Als ausgebildete Psychologin«, fuhr sie dann fort, »arbeitete ich unter Dr. Mallin in der wissenschaftlichen Abteilung und ebenso im Bereich der Jugendgerichtshilfe. Meine Berichte schickte ich in regelmäßigen Abständen an Commander Aelborg, den Chef des Geheimdiensts auf Xerxes. Mein Auftrag lautete, zu überprüfen, ob die Zarathustragesellschaft die Bedingungen ihres Vertrags unter den Gesetzen der Föderation einhielt. Bis zur Mitte des vergangenen Monats hatte ich, abgesehen von einigen Unregelmäßigkeiten in den finanziellen Transaktionen des Generalresidenten Emmert, nichts zu berichten. Dann, am Abend des fünfzehnten Juni…«

Das war der Abend, an dem Ben seinen Bandbericht an Juan Jimenez weitergegeben hatte; sie beschrieb, wie sie von diesem Bericht Kenntnis erhalten hatte.

»Ich leitete so schnell wie möglich eine Kopie des Bandes an Commander Aelborg weiter. Am nächsten Abend rief ich von Dr. Riebeeks Boot aus Xerxes an und berichtete über meine Erfahrungen mit den Fuzzys. Ich wurde dann informiert, daß Leonhard Kellogg ebenfalls eine Kopie des Holloway-Rainsford-Bandes erhalten hatte und Victor Grego verständigt hatte. Kellogg und Ernst Mallin wurden mit dem Auftrag auf den Beta-Kontinent geschickt, die Veröffentlichung jedes Berichts zu verhindern, wenn in ihm von einer Vernunftbegabung der Fuzzys die Rede war, und gleichzeitig sollten sie Beweismaterial dafür fabrizieren, daß Dr. Rainsford und Mr. Holloway einen riesigen wissenschaftlichen Schwindel aufzuziehen planten.«

»Ich erhebe Einspruch, Euer Ehren«, meldete Coombes sich zu Wort. »Das ist alles nichts weiter als Hörensagen.«

»Dies gehört zu einer Einschätzung der Lage durch den Geheimdienst der Raumflotte, basierend auch auf anderen Informationen, die wir erhielten«, warf Captain Greibenfeld ein. »Lieutenant Ortheris ist übrigens nicht unsere einzige Informantin. Wenn ich von Ihnen noch einen Einwand höre, Mr. Coombes, werde ich Mr. Brannhard bitten, Victor Grego vor Gericht zu zitieren und ihn unter dem Detektor dazu zu befragen.«

»Und Mr. Brannhard wird dem mit dem größten Vergnügen nachkommen, Commander«, sagte Gus laut und deutlich.

Coombes setzte sich schleunigst wieder.

»Nun, Lieutenant Ortheris, das ist ja alles sehr interessant, aber im Augenblick wollen wir herausfinden, wie diese Fuzzys überhaupt nach Xerxes gekommen sind«, warf der Richterkollege namens Ruiz ein.

»Ich werde sofort darauf kommen, Euer Ehren«, antwortete sie. »Am Abend des zweiundzwanzigsten wurden die Fuzzys Mr. Holloway weggenommen und nach Mallorys Port gebracht. Mohammed O’Brien übergab sie an Juan Jimenez, der sie ins Wissenschaftszentrum brachte und in einem Raum hinter seinem Büro in Käfige sperrte. Daraus befreiten sie sich unmittelbar darauf. Ich fand sie am nächsten Morgen und konnte sie aus dem Gebäude schmuggeln und an Commander Aelborg übergeben, der von Xerxes heruntergekommen war, um die Fuzzy-Angelegenheit persönlich in die Hand zu nehmen. Wie ich dies genau gemacht habe, werde ich nicht aussagen, denn das widerspräche meinen Vorschriften als Sicherheitsoffizier. Kein Gericht kann mich zwingen, vertrauliche Dinge dieser Art auszusagen — ich erhielte auch keine dienstliche Genehmigung dafür.«

Brannhard erhob sich. »Bevor die Zeugin entlassen wird, möchte ich sie noch fragen, ob sie etwas von den vier Fuzzys weiß, die Jack Holloway am Freitag am Ferny Creek gefunden hat.«

»Nun, natürlich; das sind meine Fuzzys. Ich habe mir schon große Sorgen um sie gemacht. Ihre Namen lauten Komplex, Syndrom, Id und Superego.«

»Ihre Fuzzys, Lieutenant?«

»Nun, ich kümmerte mich um sie und arbeitete mit ihnen; Juan Jimenez und einige Jäger der Gesellschaft fingen sie auf dem Beta-Kontinent. Sie wurden auf einer Farm etwa fünfhundert Kilometer nördlich von hier gehalten. Ich habe die meiste Zeit mit ihnen gearbeitet, und Dr. Mallin war auch die meiste Zeit dort. Am Montag abend dann kam Mr. Coombes dort hinaus und holte sie ab.«

»Mr. Coombes sagten Sie?« fragte Brannhard.

»Mr. Leslie Coombes, der Anwalt der Gesellschaft. Er sagte, sie würden in Mallorys Port gebraucht. Es dauerte einen Tag, bis ich herausbekam, wofür man sie dort benötigte: Sie wurden kurz vor der Fuzzyjagd freigelassen, in der Hoffnung, daß sie dabei umgebracht würden.«

Sie sah hinüber zu Coombes, und wenn Blicke hätten töten können, wäre Coombes jetzt auf der Stelle tot umgefallen.

»Warum wollte man Fuzzys opfern, wenn diese ganze Geschichte doch bald auffliegen würde?« fragte Brannhard.

»Es war kein Opfer. Sie mußten diese Fuzzys loswerden und fürchteten sich vor einer Mordanklage á la Kellogg, wenn sie sie selbst umbrächten. Jeder einzelne von ihnen, angefangen mit Ernst Mallin bis zum letzten Mitarbeiter war nämlich der Überzeugung, es mit vernunftbegabten Wesen zu tun zu haben.«

»Nun, jetzt wissen wir, wie die Holloway Fuzzys nach Xerxes gekommen sind«, sagte der Oberrichter. »Jetzt möchte ich gern Dr. Ernst Mallin hören.«

Wieder sprang Coombes auf. »Euer Ehren, ich möchte vor weiteren Aussagen allein mit meinem Mandanten sprechen.«

»Ich sehe keinen Grund, weshalb wir dazu die Verhandlung unterbrechen sollten, Mr. Coombes. Sie können anschließend mit dem Klienten sprechen.« Er klopfte auf den Tisch. »Dr. Ernst Mallin, darf ich Sie in den Zeugenstand bitten?«


15.

<p>15.</p>

Ernst Mallin schrumpfte zusammen, als wolle er sich verkriechen, als er seinen Namen hörte. Er wollte nicht aussagen. Diesen Augenblick fürchtete er seit Tagen. Jetzt würde er sich auf diesen Stuhl setzen müssen, und sie würden ihm Fragen stellen, und er konnte sie nicht wahrheitsgemäß beantworten, und dieser Globus über seinem Kopf…

Als der Gerichtsbeamte ihn an der Schulter berührte und ansprach, glaubte er zuerst, daß seine Beine ihm den Dienst versagen würden. Die nächsten Meter, die er zu gehen hatte, erschienen ihm wie Kilometer, wobei er von allen Seiten angestarrt wurde. Irgendwie erreichte er aber den Zeugenstuhl, bekam den Helm auf den Kopf, die Elektroden wurden befestigt. Früher einmal hatte man Zeugen einen Eid abgenommen, daß sie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen hätten, aber das war heutzutage nicht mehr üblich. Es war auch nicht mehr nötig.

Die Kugel über ihm blieb blau, während er seinen Namen angab und über seinen beruflichen Werdegang berichtete. Einmal allerdings flackerte sie rot auf, als er seine Veröffentlichungen erwähnte — das war das Papier eines Studenten, das er unter seinem Namen veröffentlich hatte. Er hatte das bereits vergessen — sein Gewissen aber nicht.

»Dr. Mallin«, sagte der älteste der drei Richter, der in der Mitte saß, »worin besteht nach Ihrer fachlichen Meinung der Unterschied zwischen vernunftbegabtem und nichtintelligentem Denken?«

»In der Fähigkeit, bewußt zu denken«, erklärte er. Der blaue Ball über ihm blieb blau.

»Meinen Sie damit, daß nichtintelligente Wesen kein Bewußtsein haben, oder sind Sie der Meinung, daß sie nicht denken?«

»Nun, keines von beiden. Jedes Lebewesen mit einem Zentralnervensystem besitzt irgendeine Art von Bewußtsein — das Bewußtsein seiner Existenz und seiner Umgebung. Und jedes Wesen mit einem Gehirn denkt, um diesen Ausdruck mal ganz allgemein zu benutzen. Was ich meine, ist, daß nur der vernunftbegabte Verstand denkt und auch weiß, daß er denkt.«

Bisher bewegte er sich noch auf sicherem Boden. Er sprach über Sinnesreize und Reflexe, wobei er bis in das erste prä-atomare Jahrhundert zurückgriff und Pawlow, Korzybski und Freud erwähnte. Die Kugel blieb ruhig.

»Das nicht vernunftbegabte Tier ist sich nur dessen bewußt, was unmittelbar auf es einwirkt, und reagiert automatisch darauf. Es empfängt ein Signal und reagiert in einem vorgegebenen Muster — dies ist etwas, was man messen kann, dieser Reiz ist uninteressant, dort befindet sich ein Sexualobjekt, dieses ist gefährlich und so weiter.

Das vernunftbegabte Gehirn dagegen kann generalisieren. Für das nichtintelligente Tier ist ein Ereignis entweder absolut neu oder völlig vertraut. Ein Hase läuft vor jedem Hund davon, weil für ihn ein Hund mit jedem anderen Hund identisch ist, der ihn schon gejagt hat. Ein Vogel wird auf einen roten Apfel zufliegen, und jeder rote Apfel wird etwas sein, worin er gern pickt. Das vernunftbegabte Wesen wird sagen: ›Diese roten Objekte gehören zur Klasse der Äpfel. Sie sind eßbar und aromatisch‹. Es erschafft also eine Unterklasse des allgemeinen Begriffs wie ›Obst‹ und damit der Begriff ›Nahrung‹, wovon Obst ein Teil ist.«

Immer noch blieb der Schirm blau. Die Richter warteten, und so fuhr er fort:

»Nachdem nun diese abstrakten Gebilde entstanden sind, wird es notwendig, sie zu symbolisieren, um sie auch unabhängig von dem eigentlichen Gegenstand behandeln zu können. Das vernunftbegabte Wesen ist ein Wesen, das symbolisiert und Symbole weitergibt; es kann anderen vernunftbegabten Wesen seine Gedanken in symbolischer Form weitergeben.«

»Wie Pa-pii dschek?« fragte der Richter zur Rechten.

Die Kugel wurde augenblicklich rot.

»Euer Ehren, ich kann nicht zufällig eingeprägte und mechanisch nachgeplapperte Laute als Sprache bezeichnen. Die Fuzzys haben nur gelernt, diesen Laut mit einem bestimmten Menschen zu identifizieren und benützen ihn als Signal, nicht als Symbol.«

Immer noch leuchtete es rot. Der Oberrichter schlug mit dem Hammer auf den Tisch.

»Dr. Mallin! Von allen Menschen auf diesem Planeten sollten wenigstens Sie sich der Unmöglichkeit bewußt sein, unter dem Lügendetektor zu lügen. Andere Menschen wissen nur, daß das nicht geht — Sie kennen auch die Gründe dafür. Ich werde jetzt Richter Janivers Frage neu stellen und erwarte von Ihnen, daß Sie sie wahrheitsgemäß beantworten. Tun Sie es nicht, werte ich das als eine Beleidigung des Gerichts. Als diese Fuzzys also ›Pa-pii dschek!‹ schrien — glauben Sie oder glauben Sie nicht, daß es sich dabei um einen Ausdruck handelte, der in der Meinung der Fuzzys für Mr. Holloway stand?«

Er konnte das nicht sagen. Diese ganze Intelligenz war ein großer Schwindel — das mußte er glauben. Die Fuzzys waren geistlose Tiere.

Aber natürlich glaubte er das nicht — er wußte es sogar besser. Er schluckte.

»Ja, Euer Ehren. Der Begriff ›Pa-pii dschek‹ ist nach Meinung der Fuzzys ein Symbol für Mr. Jack Holloway.«

Die Kugel verfärbte sich langsam von rot zu violett und blieb dann blau. Mallin atmete innerlich auf. Er war hindurch.

»Dann denken Fuzzys also bewußt, Dr. Mallin?« Jetzt stellte Pendarvis eine Frage.

»Oh ja. Die Tatsache, daß sie Wortsymbole benutzen, bestätigt das, selbst ohne andere Beweise. Die Enzephalogramm-Aufnahmen, die wir machten, halten gut einen Vergleich mit denen eines zehn- oder zwölfjährigen Kindes von der Erde aus. Das gleiche gilt für die Lernkapazität und die Fähigkeit, Rätsel zu lösen. Bei Rätseln überdenken sie das Problem immer zuerst und verrichten dann die rein manuelle Arbeit, und zwar mit der gleichen Anstrengung wie vielleicht für einen Menschen das Händewaschen ist.«

Die Kugel strahlte jetzt in klarem Blau. Mallin hatte es aufgegeben, zu lügen; jetzt drängte alles aus ihm heraus, was er wirklich dachte.


Leonhard Kellogg vergrub sein Gesicht in seinen Armen vor sich auf dem Tisch. Trauer und Angst schlugen wie Wellen über ihm zusammen.

Ich bin ein Mörder, ich habe eine Person getötet. Zwar nur eine kleine, possierliche Person mit einem Pelz, aber sie war eine Persönlichkeit. Ich wußte es, als ich das Grab entdeckt hatte, ich wußte es, als ich sie tötete. Man wird mich auch auf diesen Stuhl setzen, und ich muß es vor allen Leuten hier zugeben. Dann wird man mich hinausbringen und mir auf dem Hof mit einer Pistole eine Kugel durch den Kopf schießen…

Und das alles, weil dieses kleine Ding meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte!


16.

<p>16.</p>

Kaum daß der Gerichtsdiener verstummt war, trat Max Fane mit ausdruckslosem Gesicht an den Richtertisch.

»Euer Ehren, ich schäme mich, Ihnen melden zu müssen, daß der Beklagte, Leonhard Kellogg, dem Gericht heute morgen nicht vorgeführt werden kann. Er ist tot; er hat in seiner Zelle Selbstmord begangen.«

»Wie konnte das geschehen, Marshal?« fragte Pendarvis.

»Der Gefangene war in eine Einzelzelle eingeliefert worden, in der er von einer Fernsehkamera beobachtet wurde. Um zweiundzwanzig Uhr ging er nach unseren Informationen zu Bett und zog sich die Decke über den Kopf — das tun viele Gefangene wegen des Lichts in der Zelle. Außerdem behielt er sein Hemd an.

Als heute morgen ein Wächter ihn wecken wollte, fand er das Bett unter der Decke mit Blut durchtränkt. Kellogg hatte den Reißverschluß seines Hemdes solange hin und hergezogen, bis er seine Schlagader durchschnitten hatte. Er war tot.«

»Großer Gott, Marshal!« Pendarvis war erschüttert.

»Ich glaube aber nicht, daß man Ihnen einen Vorwurf machen kann, weil Sie nicht mit so etwas gerechnet haben. Darauf wäre niemand gekommen.«

Janiver und Ruiz berieten sich kurz und stimmten dann zu. Marshal Fane verbeugte sich leicht und trat zur Seite.

Leslie Coombes, der sich sichtlich anstrengen mußte, ein gebührend schockiertes und betrübtes Gesicht zu machen, erhob sich.

»Euer Ehren, ich stelle fest, daß ich keinen Mandanten mehr habe«, sagte er. »Genau genommen, habe ich hier überhaupt nichts mehr zu tun; die Anklage gegen Mr. Holloway ist natürlich automatisch hinfällig. Er hat einen Mann erschossen, der versucht hat, ihn umzubringen, das ist alles. Ich bitte Euer Ehren daher, die Anklage gegen ihn fallenzulassen und ihn aus der Untersuchungshaft zu entlassen.«

Captain Greibenfeld erhob sich.

»Euer Ehren, mir ist klar, daß der Beklagte sich unserer Rechtssprechung entzogen hat, aber ich möchte darauf hinweisen, daß wir hier sind, um die Klassifikation dieses Planeten neu zu bestimmen und eine entsprechende Definition von Vernunft zu erhalten. Ich bitte Euer Ehren daher, diese Fragen zu beantworten.«

Jack Holloway sprang ebenfalls auf.

»Ich bin außerdem noch nicht tot, Euer Ehren, und ich stehe hier auch vor Gericht. Der Grund, warum ich nicht tot bin, hat mich vor dieses Gericht gebracht. Meine Verteidigung läuft darauf hinaus, daß Kurt Borch in die Tötung eines Fuzzys verwickelt war. Ich möchte von diesem Gericht feststellen lassen, daß es Mord ist, wenn ein Fuzzy umgebracht wird.«

Der Richter nickte langsam. »Ich werde die Klage gegen Mr. Holloway nicht fallenlassen«, sagte er. »Mr. Holloway ist unter der Anklage des Mordes verhaftet worden. Wenn er unschuldig ist, steht ihm zumindest die Genugtuung eines Freispruchs zu. Ich fürchte, Mr. Coombes, daß Sie die Anklage weiterhin werden vertreten müssen.«


Der Hammer klopfte langsam auf den Tisch. Little Fuzzy kletterte auf Jack Holloways Schoß. Nach fünf Tagen vor Gericht hatten sie alle gelernt, was dieses Geräusch für Fuzzys und andere Leute zu bedeuten hatte.

Der Saal sah wieder wie ein Gerichtssaal aus. Die Tische standen in einer Reihe vor dem Richtertisch, und der Zeugenstuhl und die Geschworenenbank befanden sich wieder an ihrer angestammten Stelle. Die Aschenbecher und Kaffeemaschinen waren verschwunden — es erschien den Fuzzys wohl, als sei die große Party zu Ende. Baby, das sich noch nicht an die Gerichtsordnung gewöhnt hatte, huschte unter dem Tisch hervor, wurde aber von seiner Mama unverzüglich zurückgeholt.

Eines aber war neu und ungewöhnlich. Am Richtertisch saß jetzt ein vierter Mann, ein Mann in der schwarzen Uniform der Raumflotte. Er saß ein wenig abseits von den Richtern und versuchte so zu erscheinen, als sei er gar nicht vorhanden: Flotten-Kommodore Alex Napier.

Richter Pendarvis legte seinen Hammer auf den Tisch. »Meine Damen und Herren, sind Sie jetzt bereit, über das Ergebnis Ihrer Diskussion zu berichten?« fragte er.

Lieutenant Ybarra, der Flotten-Psychologe, erhob sich. Vor ihm befand sich ein Lesegerät, das er jetzt einschaltete.

»Euer Ehren«, begann er, »es bestehen immer noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten in Detailfragen, aber wir sind uns in allen Hauptpunkten einig. Der Bericht ist sehr umfangreich und bereits zu Protokoll gegeben worden. Habe ich die Erlaubnis des Gerichts, nur eine Zusammenfassung zu geben?«

Die Richter gestatteten es ihm. Ybarra sah auf den Leseschirm und fuhr fort:

»Wir sind der Ansicht«, sagte er, »daß man Vernunft im Gegensatz zu ihrem Fehlen so definieren kann, daß sie durch das bewußte Denken charakterisiert wird, durch die Fähigkeit, in logischer Folge und in Begriffen zu denken. Wir — ich meine damit jeden Angehörigen einer vernunftbegabten Rasse — denken bewußt und wissen, daß wir denken. Dies bedeutet aber nicht, daß all unsere geistigen Aktivitäten bewußt ablaufen. Die Psychologie hat herausgefunden, daß nur ein kleiner Teil dieser Vorgänge im bewußten Bereich abläuft. Seit Jahrzehnten haben wir den Verstand als einen Eisberg bezeichnet — ein Zehntel ist sichtbar, der Rest nicht. Auf diesem Gebiet findet im übrigen seit Jahrhunderten eine Forschung statt, die noch nicht abgeschlossen ist.

Das vernunftbegabte Gehirn«, erklärte er dann, »denkt nicht nur aus Gewohnheit bewußt, sondern es denkt in Verbindungen. Es stellt eine Verbindung zwischen zwei Dingen her. Es argumentiert logisch und kommt zu Schlüssen; diese Schlüsse werden dann Grundlage neuer Hypothesen, aus denen sich weitere Folgerungen ergeben. Dies ist für uns der größte Unterschied zum nicht-intelligenten Denken. Das nichtintelligente Hirn befaßt sich nur mit ›grobem‹ sensorischem Material — das vernunftbegabte Gehirn übersetzt sinnliche Wahrnehmungen in Ideen, bildet dann Ideen von diesen Ideen, beschäftigt sich auf abstrakten Ebenen damit, und dabei gibt es kaum eine Grenze.

Und dies bringt uns dazu, mindestens eine Manifestation der Vernunft als solche festzuhalten: Das vernunftbegabte Wesen benutzt Symbole. Das nicht-vernunftbegabte Wesen kann dies nicht, denn es ist unfähig, über einfachste Sinneseindrücke hinaus etwas wahrzunehmen oder zu verarbeiten.«

Ybarra trank einen Schluck Wasser.

»Das vernunftbegabte Wesen«, fuhr er fort, »kann aber noch etwas tun. Dabei handelt es sich um eine Synthese der vorher genannten Fähigkeiten, die aber mehr ist als nur die Summe der verschiedenen Teile. Das vernunftbegabte Wesen ist der Vorstellung fähig. Es kann sich etwas vorstellen, was es in der Realität überhaupt nicht gibt, und kann daran arbeiten, es weiterentwickeln und schließlich eine Realität daraus formen. Es kann also auch schöpferisch tätig sein.«

Er hielt inne. »Und zu dieser Definition der Vernunft sind wir gelangt; wenn wir auf ein beliebiges Wesen treffen, dessen geistige Prozesse diese Charakteristika einschließen, werden wir in ihm ein vernunftbegabtes Bruderwesen erkennen. Unser aller Meinung ist es, daß die Fuzzy genannten Wesen solche Wesen sind.«

Jack umarmte das kleine Wesen auf seinem Schoß, und Little Fuzzy sah auf und murmelte: »He-inta?«

»Du hast es geschafft, Kleiner«, flüsterte Jack. »Du bist einer von uns.«

Ybarra war noch nicht fertig.

»Sie denken bewußt und zusammenhängend. Wir brauchen dabei nur an die Herstellung der Garnelentöter zu denken, ferner an die Werkzeuge, die sie sich geschaffen haben.

Vor allem aber können sie sich etwas vorstellen, und zwar nicht nur neue Geräte, sondern auch ein anderes Leben. Das beweist sich an dem ersten Kontakt der Fuzzys mit der menschlichen Rasse. Little Fuzzy, ein Angehöriger jener Spezies, die wir Fuzzy sapiens nennen sollten, fand im Wald einen wunderbaren Platz, einen Platz, der anders als alles war, was er bisher gesehen hatte. An diesem Platz lebte ein mächtiges Wesen. Er stellte sich vor, wie es wäre, ebenfalls dort zu leben, die Freundschaft und den Schutz dieses rätselhaften Riesen zu erhalten. Und so freundete er sich mit Jack Holloway an und lebte bei ihm. Und dann stellte er sich vor, wie es wäre, wenn seine ganze Familie diese Bequemlichkeiten und diesen Schutz genießen könnte, und er ging und holte seine Angehörigen zu sich. Wie so viele andere vernunftbegabte Wesen hatte Little Fuzzy einen wunderbaren Traum — und er gehört zu den wenigen Glücklichen, die ihn Wirklichkeit werden ließen.«

Der Oberrichter ließ den Applaus ein paar Minuten gewähren, bevor er ihn mit seinem Hammer zum Verstummen brachte. Nach kurzer Beratung mit seinen Kollegen klopfte er erneut auf den Tisch.

»Es ist der einstimmige Beschluß des Gerichts, den Bericht von Lieutenant Ybarra zu Protokoll zu nehmen und ihm und allen Mitarbeitern daran zu danken.

Dieses Gericht verkündet nun, daß die Spezies, die als Fuzzy Fuzzy Holloway Zarathustra bekannt ist, in der Tat eine Rasse vernunftbegabter Wesen ist und den Respekt aller anderen vernunftbegabten Wesen und den vollen Schutz der Gesetze der terranischen Föderation genießen sollen.« Er betätigte erneut seinen Hammer.

Flotten-Kommodore Napier beugte sich zu ihm herüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dann nickten alle drei Richter zustimmend. Der Flottenoffizier erhob sich.

»Lieutenant Ybarra, ich möchte Ihnen in Vertretung der Flottenbehörden und der Föderation, Ihnen und allen, die an diesem Bericht gearbeitet haben, für Ihre klaren und verständlichen Ausführungen danken. Ich habe darüber hinaus vorgeschlagen, einen Bericht an das Büro für Forschung und Entwicklung weiterzuleiten — vielleicht ist es dann beim nächsten Mal so, daß wir, wenn wir ein Volk entdecken, das sich mit Ultraschall verständigt, das einen Pelz besitzt und in einem milden Klima lebt, sofort wissen, womit wir es zu tun haben.«

Jack hoffte, daß Ybarra für seine Arbeit einen weiteren Streifen erhalten würde. Jetzt aber hämmerte Pendarvis erneut auf den Tisch.

»Ich hätte fast vergessen, daß das ja auch ein Kriminalfall ist«, gestand er ein. »Dieses Gericht verkündet also, daß der Beklagte Jack Holloway im Sinn der Anklage unschuldig ist. Er wird unverzüglich aus der Haft entlassen. Wenn er oder sein Anwalt vortreten mögen, wird ihnen die geleistete Kaution zurückerstattet.« Weitere Hammerschläge beendeten das Verfahren.

Diesmal ließen sich die Zuschauer durch nichts mehr aufhalten. Jeder jubelte und tobte, so laut er konnte, während Onkel Gus Little Fuzzy über den Kopf hochhielt und schrie:

»Das ist der Sieger! Durch einstimmigen Beschluß!«


17.

<p>17.</p>

Flotten-Kommodore Napier saß an dem Schreibtisch, der einmal Nick Emmert gehört hatte, und sah zu dem kleinen Mann mit dem roten Bart und dem zerknautschten Anzug, der ihn konsterniert anstarrte.

»Aber Kommodore, das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«

»Doch, ganz gewiß, Dr. Rainsford.«

»Dann sind Sie verrückt!« explodierte Rainsford. »Ich tauge genausowenig zum Generalgouverneur wie zum Kommandanten der Flottenstation auf Xerxes! Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Verwaltungsposten innegehabt.«

»Das könnte für Sie sprechen. Sie ersetzen einen gestandenen Administrator.«

»Und ich habe einen Beruf. Das Institut für Xeno-Wissenschaften…«

»Ich denke, daß man dort froh sein wird, Ihnen Urlaub gewähren zu können. Doktor, unter diesen Umständen sind Sie der richtige Mann für diese Aufgabe. Sie sind Ökologe und wissen daher, was für verheerende Folgen es haben kann, wenn das Gleichgewicht der Natur gestört wird. Die Zarathustragesellschaft hat sich um diese Welt gekümmert, solange sie ihr Eigentum war, aber jetzt sind neun Zehntel davon öffentliche Domäne, und aus der ganzen Föderation werden Leute herbeiströmen, um zu versuchen, über Nacht reich zu werden. Sie wissen, wie man diese Dinge unter Kontrolle hält.«

»Ja, als Umweltschutzkommissar oder so ähnlich, wovon ich etwas verstehe.«

»Als Generalgouverneur werden Sie die große Linie der Politik festlegen. Sie werden die Verwaltungsexperten einstellen.«

»Wen, zum Beispiel?«

»Nun, Sie werden einen Generalstaatsanwalt brauchen. Wen würden Sie für diesen Posten auswählen?«

»Gus Brannhard«, antwortete Rainsford unverzüglich.

»Gut. Und wen — das ist eine rein rhetorische Frage — werden Sie zum Kommissar für Eingeborenenangelegenheiten ernennen?«


Jack Holloway flog mit dem Polizeigleiter zurück zum Beta-Kontinent. Diesmal war er offizieller Passagier: Kommissar Jack Holloway mit seinem Stab: Little Fuzzy, Mama Fuzzy, Baby Fuzzy, Mike, Mitzi, Ko-Ko und Cinderella. Die wußten allerdings nichts von ihren offiziellen Positionen.

Irgendwie wünschte er sich, er hätte auch keine.

»Wollen Sie einen guten Job, George?« fragte er Lunt.

»Habe ich bereits.«

»Der wäre viel besser. Dienstrang eines Majors, achtzehntausend Sols pro Jahr. Kommandant des Eingeborenenschutzkorps. Und Ihre Dienstzeit bei der Polizei geht Ihnen auch nicht verloren — Colonel Ferguson gewährt Ihnen Urlaub auf unbestimmte Zeit.«

»Nun, verdammt, Jack, ich würde ja gern, aber ich möchte nicht gern meine Kleinen verlassen.«

»Keine Sorge, die können Sie mitbringen. Ich bin befugt, zwanzig Mann vom Konstablerkorps als Ausbildungskader auszuleihen, und Sie haben ja nur sechzehn Leute. Ihre Sergeanten werden befördert. Die Anfangsstärke des Korps soll einhundertfünfzig Mann betragen.«

»Sie scheinen zu meinen, daß die Fuzzys soviel Schutz benötigen?«

»Allerdings. Das ganze Land zwischen den Kordilleren und den Bergen der Westküste wird zur Fuzzyreservation. Und die Fuzzys außerhalb davon müssen ebenfalls beschützt werden — Sie wissen doch, was kommen wird: Jeder will Fuzzys haben. Selbst Richter Pendarvis wollte, daß ich ihm und seiner Frau ein Paar beschaffe. Es wird Banden geben, die sie jagen, man wird Betäubungsbomben und Schlaf gas einsetzen. Ich werde eine Dienststelle für Adoptionen einrichten müssen, die Ruth leiten soll. Und dazu brauchen wir eine Menge Inspektoren…«


Sie kamen nach Hause, zurück an einen wundervollen Ort. Sie hatten viele schöne Orte gesehen seit jener Nacht, wo man sie in die Säcke gesteckt hatte: den Ort, wo alles so leicht gewesen war und wo sie so hoch hatten springen können, und dann den Platz, wo sie die anderen ihres Volkes getroffen hatten und so viel Spaß miteinander gehabt hatten. Jetzt kehrten sie an den wundervollen Ort im Wald zurück, wo alles begonnen hatte.

Und sie hatten so viele Große kennengelernt. Einige von ihnen waren schlecht gewesen, aber es waren die wenigsten. Die meisten Großen waren gut. Selbst der, der den Mord begangen hatte, hatte bedauert, was er getan hatte.

Er hatte darüber mit den anderen gesprochen — mit Flora, Fauna, mit Dr. Crippen und Complex, mit Superego und Dillinger und Lizzie Borden. Jetzt, da sie alle mit den Großen zusammenleben würden, würden sie eines Tages auch begreifen, warum man ihnen diese komischen Namen verliehen hatte. Und das war nicht schwer — die Großen steckten sich jetzt Apparate in ihre Ohren und konnten hören, was sie sagten. Pappi Jack erlernte inzwischen einige ihrer Worte, und sie seine.

Bald würden alle Angehörigen seines Volkes, die es wollten, Große finden, die sich um sie kümmerten, die mit ihnen spielten und sie liebten und ihnen von der wundervollen Nahrung etwas abgaben. Und wenn die Großen sich einmal um sie kümmerten, würden vielleicht mehr von ihren Babys überleben und nicht so früh sterben. Und sie würden es den Großen vergelten. Zuerst, indem sie ihnen ihre Liebe gaben und sie glücklich machten. Später, wenn sie erst gelernt hatten, wie, würden sie ihnen auch helfen.


ENDE

H. Beam Piper

Der kleine Fuzzy

Erich Pabel Verlag KG — Rastatt/Baden


Titel des Originals: LITTLE FUZZY

Aus dem Amerikanischen von H. P. Lehnert

TERRA-Taschenbuch erscheint vierwöchentlich im Erich Pabel Verlag KG, Pabelhaus, 7550 Rastatt

Copyright (c) 1962 by H. Beam Piper


Redaktion Günter M. Schelwokat

Vertrieb: Erich Pabel Verlag KG

Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck

Verkaufspreis inkl. gesetzl. MwSt.

Unsere Romanserien dürfen in Leihbüchereien nicht verliehen und nicht zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden; der Wiederverkauf ist verboten.


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Printed in Germany


Oktober 1979