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Pest und Schwefel. Ein Krimi aus dem alten England

Edward Marston


1. KAPITEL

Sie waren auf allen Seiten von Feinden umgeben. Obwohl das Theater in London florierte wie nie zuvor, obwohl es der Hauptstadt des Landes lebhafte Unterhaltung bot und große Zuschauermengen tagtäglich applaudierten, lebten die Theaterleute unter einer ständigen Bedrohung. Schauspielerei war ein gefährliches Geschäft. Die Spieler mußte einen Seiltanz zwischen Ruhm und Vergessenheit aufführen - ohne ein Netz, das ihren Absturz gemildert hätte. Sie mußten mit dem offiziellen Mißfallen des Oberbürgermeisters und der Würdenträger der Stadt rechnen und litten unter der direkten Feindschaft der Kirchenführer, die alles auf der Bühne als Werk des Teufels ansahen und beklagten, daß sich Wüstlinge, Dirnen und Taschendiebe geradezu freizügig unter das Publikum mischten. Protest hagelte von allen Seiten auf sie herab.

Und auch der Applaus der Zuschauer war keine Selbstverständlichkeit. Das Publikum war ein launischer Herr. Wer ihm mit seiner Kunst diente, mußte Stücke aufführen, die gerade in Mode waren, und zwar so, daß sie dem Publikum gefielen. Gleichgültigkeit war eine ständige Bedrohung. Das galt auch für die anderen Theatergesellschaften. Harter Wettbewerb war an der Tagesordnung. Schauspieler konnten abgeworben, Stücke gestohlen werden. Zwischen den Gruppen gab es Kriege, deren Bandbreite von heimtückisch bis brutal alles umfaßte.

Wer diese Kämpfe überlebte, konnte immer noch durch Feuer oder bei Raufereien sein Ende finden. Oft genug hatten Pfeifenraucher die überhängenden Strohdächer in den Theatern in Brand gesetzt, und es konnte jederzeit passieren, daß betrunkene Zuschauer eine Rauferei anzettelten. Wenn menschlicher Einfluß ein Stück nicht be- oder verhinderte, dann gab es auch noch schlechtes Wetter. Die Bühnen lagen unter freiem Himmel, jedem Windstoß und Regen hilflos ausgesetzt. Gott in seiner Weisheit hatte schon so manches Streben nach Unsterblichkeit von der Bühne hinweggespült.

Doch der stumme Feind war der schlimmste.

Er kam von nirgendwoher und bewegte sich lässig unter seinen Opfern. Er hatte keinen Respekt vor Alter, Rang oder Geschlecht und traf seine Opfer mit stolzer Unparteilichkeit, wie eine infizierte Hure, die ihre Krankheit in heißen Umarmungen weitergibt. Nichts konnte seiner Macht widerstehen, und niemand konnte das Geheimnis dieser Macht erahnen. Er konnte Berge überwinden, Ozeane durchmessen, Mauern durchdringen und die stärksten Festungen zu Boden zwingen. Sein verderblicher Einfluß war universal. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auf der ganzen Erde war seiner Laune ausgeliefert.

Das war der ultimative Feind. Der Untergang in Person.

Lawrence Firethorn sprach im Namen seines ganzen Berufsstandes.

»Die Pest über diese Pest!«

»Sie wird uns unseres Lebensunterhaltes berauben«, sagte Gill.

»Wenn nicht gar unseres Lebens«, fügte Hoode hinzu.

»Gottes Blut über uns!« sagte Firethorn und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Welch armseligem Beruf gehören wir doch an. An jeder Ecke warten Meuchelmörder auf uns, und wenn wir ihren Dolchen entweichen können, dann kommt hier die schärfste Axt der Christenheit, um uns den Kopf abzuhacken.«

»Es ist ein Gericht«, sagte Hoode niedergedrückt.

»Vielleicht geht das Unglück ja noch an uns vorüber.« Gill versuchte, halbherzigen Optimismus zu demonstrieren. »Die Fälle von Pesttod haben noch nicht die notwendige Höhe pro Woche erreicht.«

»Aber sie werden es, Barnaby«, sagte Firethorn grimmig. »Das heiße Wetter wird schon bald dazu beitragen, die Stadt zu entvölkern. Wir müssen dem Unglück ins Auge blicken, meine Herren, und alle falsche Hoffnung fahren lassen. Das ist der einzig vernünftige Weg. Diese letzte Besichtigung wird dazu führen, daß jedes Theater in London schließen muß und wir unsere Arbeit für den Sommer einpacken können. Es gibt nur ein einziges Gegenmittel.«

»Eine bittere Medizin, die wir da schlucken müssen«, sagte Hoode.

Barnaby Gill stieß einen Seufzer aus, so tief wie die Themse.

Die drei Männer saßen im Schankraum des Queen's Head in der Gracechurch Street vor ihren Bechern mit spanischem Wein. Das Gasthaus war regelmäßig Schauplatz der Aufführungen von Lord Westfield's Men, einer der führenden Theatergruppen der Stadt. Lawrence Firethorn, Barnaby Gill und Edmund Hoode waren allesamt Teilhaber der Gruppe, anerkannte Schauspieler, deren Namen in das königliche Patent der Gesellschaft eingetragen waren und die die wichtigsten Rollen ihres umfangreichen Repertoires übernahmen. Westfield's Men hatte noch weitere Teilhaber, doch dieses Trio kontrollierte erfolgreich die Geschäfte der Gruppe. So lautete zumindest die Theorie. In Wirklichkeit war es die energiegeladene und beherrschende Persönlichkeit des Lawrence Firethorn, die normalerweise das Sagen hatte und den beiden Kollegen ein Gefühl eigener Autorität vermittelte, während sie tatsächlich nur seine Entscheidungen bestätigten. Er überragte sie alle.

»Meine Herren«, verkündete er tapfer, »wir dürfen uns nicht vom Schicksal bezwingen oder von den Umständen beeinflussen lassen. Laßt uns die Not zur Tugend machen.«

»Tugend, in der Tat!« Gill wurde zynisch.

»Jawohl, Sir.«

»Zeigt es mir, Lawrence«, sagte der andere. »Wo ist die Tugend, wenn wir uns durchs ganze Land schleppen, um unsere Talente vor undankbaren Dummköpfen auszubreiten? Billige Stücke für arme Leute in miserablen Orten bringen uns keinen Heller ein.«

»Westfield's Men paktieren nicht mit der Armut«, sagte Firethorn und hob mahnend den Finger. »Wie einfach auch immer unsere Bühne sein mag, unsere Arbeit bleibt wertvoll und befriedigend. Und wenn das Publikum nur aus ungebildeten Narren besteht, so werden wir ihnen dennoch einen Festschmaus der Worte anbieten.« Seine Brust blähte sich voller Stolz. »Alles, was recht ist, Sir, ich habe mich noch niemals so herabwürdigen lassen, daß ich eine schlechte Schauspielerei geliefert hätte.«

»Darüber kann man geteilter Meinung sein.«

»Was sagt Ihr da, Barnaby?«

»Laßt es gut sein.«

»Wollt Ihr meine Arbeit anzweifeln, Sir?«

»Dazu fehlte mir die Stimme.«

»Das wäre nicht der einzige Mangel bei Euch.«

»Wie war das?«

»Eure Augen, Sir. Denkt an die heilige Bibel. Kehrt zuerst vor Eurer eigenen Tür, bevor Ihr mich angreift.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Seht zu, daß Eure eigene Leistung in Ordnung ist.«

»Das ist nicht nötig«, plusterte Gill sich auf. »Mein Publikum ist durchaus mit meinem Genie vertraut.«

»Warum versteckt es sich dann vor Euren Kollegen?«

»Viper!«

Der Streit war in vollem Gange, Edmund Hoode brauchte mehrere Minuten, bis er die Streithähne beruhigen konnte. Das war für ihn schon eine Routinesache geworden. An der Wurzel der Beziehung zwischen Lawrence Firethorn und Barnaby Gill lag professionelle Eifersucht. Jeder der beiden besaß bemerkenswerte individuelle Talente, deren Kombination großartige Ergebnisse hervorbrachte. Die meisten Erfolge der Gruppe beruhten auf dem Zusammenspiel dieses unvergleichlichen Paares, aber sie schafften es nicht, jenseits der Bühne Harmonie zu finden. Sie kämpften mit unterschiedlichen Waffen. Firethorn benutzte ein verbales Langschwert, das sausend durch die Luft fuhr, während Gill den Dolch bevorzugte, dessen schmale Klinge zwischen die Rippen fahren konnte. Wenn ein Streit sich dem Höhepunkt näherte, war der erste wie der rasende Zorn mit zuckenden Augenbrauen, während der andere zitternde Beleidigung darstellte und höhnisch aufgeworfene Lippen.

Edmund Hoode schlug einen versöhnlichen Ton an.

»Meine Herren, meine Herren, Ihr leistet Euch beide einen schlechten Dienst. Wir sind alle Partner in diesem Geschäft. Gott ist mein Zeuge, in diesen schwierigen Zeiten haben wir schon genug Feinde um uns. Laßt durch zornige Worte nicht noch mehr Unstimmigkeit entstehen. Nehmt Euch zusammen, Sirs. Seid wieder Freunde.«

Die Kämpfer suchten Zuflucht bei ihren Weinbechern. Hoode war erleichtert, daß es ihm gelungen war, den Streit beizulegen, bevor es so schlimm wurde, daß Gill Firethorn der ungezügelten Tyrannei bezichtigte und seinerseits schiere Verachtung zu spüren bekam, weil er eine Vorliebe für Knaben mit hübschem Gesicht und schlankem Körper hatte. Eine ungemütliche Stille hing über den drei Männern. Hoode unterbrach sie.

»Ich halt' das nicht durch, in der Provinz herumzuziehen.«

»Bettler können keine Ansprüche stellen«, warf Gill ein.

»In meinem Fall können sie es. Ich würde eher in London bleiben und die Pest riskieren, als hinter dem Theaterkarren durch halb England zu laufen. Darin sehe ich keinerlei Gewinn.«

»Noch viel weniger davon in der Stadt«, sagte Firethorn. »Wovon wollt Ihr leben, wenn Ihr Euren Beruf verliert? Ihr seid vielleicht ein Zauberer der Worte, Edmund, aber auch Ihr könnt kein Geld aus der Luft pflücken.«

»Ich kann meine Gedichte verkaufen.«

»Eure Armut ist todsicher«, sagte Gill maliziös.

»Es gibt genug, die sie kaufen werden.«

»Und noch mehr, die sich nicht darum scheren.«

Lawrence Firethorn gluckste verständnisvoll.

»Ich sehe die Wahrheit dahinter, Edmund. Es gibt nur einen Grund, der Euch dazu bringen könnte, hierzubleiben und das Elend des Hungers kennenzulernen. Mann, Ihr habt Euch verliebt!«

»Schluß mit diesen Sticheleien.«'

»Seht Ihr, wie er rot wird, Barnaby?«

»Ihr habt ins Schwarze getroffen, Lawrence.«

»Er verschmäht seine Kollegen, damit er sich ins gemachte Bett legen kann. Während wir auf der Suche nach Geld auf der Straße liegen, arbeitet er im Bett wie ein lüsterner Bräutigam.« Firethorn gab seinem Kollegen einen scherzhaften Stoß. »Wer ist das schöne Wesen, Edmund? Wenn sie Euch von Eurer Arbeit weglocken kann, muß sie ja unvergleichliche Vorzüge besitzen. Sagt es uns, lieber Freund. Wie ist ihr Name?«

Hoode zuckte wegwerfend mit den Schultern. Er hatte gelernt, bei Liebesdingen Lawrence Firethorn keinerlei Vertrauen zu schenken, und schon gar nicht Barnaby Gill. Der eine war ein notorischer Ehebrecher, der das unschuldigste Mädchen verführen konnte, und der andere hatte für das gesamte weibliche Geschlecht nichts als schiere Verachtung übrig. Edmund  Hoode hielt sich an seine eigenen Vorstellungen. Er war groß und schlank, ein bleicher, glattrasierter Mann in den Dreißigern, Schauspieler und Stückeschreiber bei der Gesellschaft, dem es irgendwie gelungen war, die verrohenden Aspekte eines solchen Berufes nicht an sich heranzulassen. Er war ein unbeirrbarer Romantiker, für den die Herzensschmerzen des Liebhabers eine höhere Form des Vergnügens darstellten, und er ließ sich nicht davon beeindrucken, daß seine Beziehungen so gut wie niemals an ihr Ziel gelangten. Seine frische Verliebtheit war ganz klar auf seinem Gesicht zu sehen; vor den spöttisch forschenden Blicken seiner Kollegen senkte er den Kopf.             

Lawrence Firethorn war da aus ganz anderem Holz, ein mittelgroßer Mann mit faßförmigem Brustkasten, ein Mensch, der Macht und Persönlichkeit ausstrahlte, und dessen gewelltes schwarzes Haar, sein Spitzbart und seine gefälligen Gesichtszüge eine direkte Herausforderung der Weiblichkeit darstellten. Gill war älter und kleiner, kräftig gebaut und ein verwöhnter Charakter. Außerhalb des Theaters war er ein mürrischer und ichbezogener Mann, auf der Bühne ein überragender Schauspieler, dessen verschmitztes Lächeln aus einem häßlichen Mann eine Figur mit starker Ausstrahlung machte.

Hoode war zwischen seiner Leidenschaft und seinen Stücken hin und her gerissen.

»Westfield's Men können gut ohne mich auskommen.«

»Aber gerne«, sagte Gill stichelnd.

»Ich könnte später auf der Reise zu Euch stoßen.«

»Nun kommt aber, Edmund«, sagte Firethorn und klopfte ihm auf die Schulter. »Kein Gerede mehr von Desertion. Ohne unseren Poeten, der uns die Worte in den Mund legt, sind wir wie dumme Idioten. Ihr reist mit uns, weil wir Euch lieben.«

»Mein Herz ist irgendwo anders.«

»Und weil wir Euch einfach brauchen, lieber Freund.«

»Geht doch einfach ohne mich.«

»Und weil Ihr einen Vertrag mit uns habt.«

Firethorns gezielte Erinnerung beendete das Gespräch. Als Teilhaber der Gesellschaft hatte Hoode gewisse rechtliche Pflichten. Seine Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. Er zuckte zusammen, während eine weitere Liebesbeziehung bereits im Keim erstickte.

Lawrence versuchte, ihn zu trösten. 

»Mut, Mann!« drängte er. »Sitzt hier nicht wie ein liebeskranker Schäfer. Denkt mal daran, was vor Euch liegt. Ihr gebt eine Eroberung auf, um andere zu machen. Diese Landmädchen sind fürs Kopulieren geschaffen. Laßt Euch gehen. Ihr könnt Euch quer durch sieben Grafschaften bumsen, bis Euer Schwanz blau wird und ›Schluß damit!‹ schreit. Nehmt Euch zusammen, Edmund.« Firethorn gab ihm einen Klaps auf die Schulter. »Westfield's Men werden nicht aus London weggejagt. Wir reisen ins Paradies!«

»Und wer soll die Schlange darstellen?« fragte Gill.

*

Nicholas Bracewell stand an seinem angestammten Platz hinter der Bühne und überwachte die Aufführung mit seiner typischen stillen Autorität. Als Regisseur der Gruppe spielte er eine besonders wichtige Rolle, soufflierte und inszenierte jedes Stück, das zur Aufführung kam, überwachte die Proben und half bei tausenderlei Dingen, die zu tun waren.

Er war ein großer, stattlicher, kräftig gebauter Mann mit einer Gesichtsfarbe wie wettergegerbte Eiche, mit langem blondem Haar und einem Wikingerbart. Trotz seiner eindrucksvollen Gestalt konnte er sich während einer Aufführung vollkommen unsichtbar machen, eine schattenhafte Präsenz von entscheidender Bedeutung, ein Drahtzieher wie ein meisterlicher Puppenspieler.

An diesem Nachmittag wurde dem Publikum im Innenhof des Queen's Head »Der beständige Liebhaber« geboten, eine liebenswerte Komödie über die Schwierigkeiten der Treue. Das Stück war sehr beliebt, Westfield's Men hatten es bereits mehrfach aufgeführt.

»Und jetzt, Master Bracewell?«

»Den silbernen Kelch, George.«

»Auf den Tisch?«

»Reicht ihn dem König.«

»Wann soll der Tisch gedeckt werden?«

»Für die nächste Szene.«

»Wieder der silberne Kelch?«

»Den goldenen Pokal.«

George Dart war normalerweise nicht so nervös. Er war Hilfsbühnenarbeiter und wurde gelegentlich in eine Rolle als stummer Komparse gepreßt. Seine Aufgaben im »Beständigen Liebhaber« waren einfach und anspruchslos, trotzdem war er bereits vor dem Ende des 1. Aktes mit den Nerven fertig. Dafür konnte man durchaus Verständnis haben. Alle in der Gruppe wußten, daß dies für lange Zeit ihre letzte Vorstellung in London sein konnte, für manche war es sogar der letzte Auftritt auf einer Bühne. Eine Tournee der Gruppe verlangte Sparsamkeit. Ihr Umfang mußte reduziert werden, ebenso die Wochenlöhne. Von den Teilhabern würden alle an der Gastspielreise teilnehmen, aber bei den angestellten Mitarbeitern mußte man eine sorgfältige Auswahl treffen.

George Dart gehörte dazu.

Wie seine Kollegen war er beinahe hysterisch vor Angst, entlassen zu werden, denn er wußte nur zu gut, daß die Entlassenen am Ende ihres Weges angekommen waren. Aus diesem Grund spielte er seine winzige Rolle im »Beständigen Liebhaber« mit verwirrter , Eindringlichkeit, voller Sorge über das, was ihm bevorstand, doch gleichzeitig bemüht, sein Bestes zu geben.

Nicholas Bracewell besänftigte mal wieder die allgemeine Panik und nahm Rücksicht auf sie. Einige der Schauspieler da draußen auf der Bühne kämpften im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Im übergroßen Bemühen, ihre Sache gut zu machen, beeinträchtigten sie oft genug ihre Chancen. Nicholas hatte für jeden einzelnen von ihnen große Sympathie, doch in erster Linie fühlte er sich seinem Publikum verpflichtet und konzentrierte sich darauf, das Stück so gut und so glatt wie möglich über die Bühne zu bringen. Das bedeutete, daß er bei mehreren Auseinandersetzungen schlichten mußte.

»Habt Ihr jemals solch vorsätzliche Gemeinheit gesehen, Nick?«

»Haltet Euch für Euren nächsten Auftritt bereit.«

»Er hat meine beste Rede unterbrochen.«

»Und Ihr habt zwei von seinen ruiniert.«

»Gabriel versucht, meine Vorstellung kaputtzumachen.«

»Ich glaube, er zahlt nur in gleicher Münze heim.«

»Der Mann hat kein Ehrgefühl.«

»Bringt es ihm durch Euer Beispiel bei.«

»Ich glaube, Ihr steht auf seiner Seite.«

»Nein, Christopher. Meine Sorge gilt allein dem Stück.«

»Warum laßt Ihr es dann durch Gabriel kaputtmachen?«

»Ihr seid in der letzten halben Stunde sein Partner gewesen. Es gereicht Euch beiden nicht gerade zur Ehre.«

»Ich bin der bessere Schauspieler, Nick.«

»Euer Stichwort kommt.«

»Stellt ihn für mich zur Rede.«

»Geht raus und sprecht selber für Euch.«

Christopher Millfield rannte auf die Bühne, um seinen Kampf mit Gabriel Hawkes fortzusetzen. Beide waren gute Schauspieler, die ein breites Spektrum von Nebenrollen beherrschten, und zwar gut; jeder von ihnen war eine Bereicherung der Theatergruppe. Doch auf der Tournee war kein Platz für sie beide. Einer mußte dem anderen Platz machen. Sie hatten sich gegenseitig niemals ausstehen können, doch bei allen früheren Aufführungen hatten sie ihre Antipathie im Interesse der gemeinsamen Arbeit überwunden. Aber jetzt, da Arbeitslosigkeit sie beide bedrohte, verfielen sie in eine offene Feindschaft, die zwar durchaus im Einklang mit ihren jeweiligen Rollen war, doch zugleich dafür sorgte, daß sie sich auf beunruhigende Weise von ihrem Text entfernten.

Nicholas beobachtete das alles mit einer Mischung aus Erstaunen und Mißfallen. Solches Verhalten hatte er von Christopher Millfield erwartet, einem arroganten und aufbrausenden jungen Mann, der sich schnell beleidigt fühlte, auch wenn gar keine Kränkung beabsichtigt war. Gabriel Hawkes war ein völlig anderer Mensch, ein bescheidener, fast scheuer Typ, der sich bei den zotigen Neckereien der Schauspieler keineswegs wohl fühlte und der sich von der breiten Masse entfernt hielt. Nicholas bewunderte die Fähigkeiten beider Männer, doch Gabriel Hawkes war ihm viel sympathischer als der andere. Bei einer langen und schwierigen Tournee wäre seine sanftmütige Gegenwart wesentlich wertvoller gewesen als Millfields Ungestüm.

Doch jetzt zeigte er sich von der denkbar schlechtesten Seite. Indem er sich offen zum Kampf stellte, leistete er seiner Sache einen Bärendienst. Zur Begeisterung des Publikums - doch dem Schauspiel vollkommen entgegengesetzt - packten sich die beiden wie Ringkämpfer, warfen sich mit hölzernen Versen zu Boden, bevor sie mit sich reimenden Gedichten und Fäusten aufeinander losgingen.

Doch plötzlich kam alles zu einem Ende.

Gabriel Hawkes schien seine Niederlage einzusehen. Er sank erkennbar in sich zusammen, verlor jegliches Feuer. Er ließ sich von Christopher Millfield vollkommen fertigmachen und brachte nicht mal andeutungsweise eine Verteidigung zustande. Es tat weh, wenn man nur zusah.

Die meisten Zuschauer merkten nichts von dem heftigen persönlichen Kampf, der sich vor ihren Augen abspielte. Hawkes und Millfield hatten keine tragenden Rollen und verschmolzen mit der Kulisse, sobald Lawrence Firethorn auf die Bühne trat. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein König, und seine Brillanz übertraf alles andere, einschließlich der lächerlichen Bemühungen von Barnaby Gill in der Rolle des klapprigen Liebhabers. Firethorns Herrschaft war überragend.

An der Spitze seines Ensembles trat er vor den Vorhang, um im Applaus zu baden, der von den Innenhofwänden des Queen's Head widerhallte. Plangemäß sollten Westfield's Men in der kommenden Woche wieder eine Vorstellung im Queen's Head geben, doch niemand glaubte wirklich daran, daß es zu dieser Aufführung kommen würde. Die Pest drang immer weiter vor. Die Zuschauer, die eine lange Zeit ohne das Vergnügen des Theaters vor sich hatten, zeigten den Schauspielern, die aus der Stadt vertrieben werden würden, ihre Anteilnahme. Es war eine fröhliche, aber auch wehmütige Angelegenheit.

Lawrence Firethorn vergoß echte Tränen und hielt eine Abschiedsrede. Barnaby Gill schniefte, Edmund Hoode mußte hart schlucken, und der Rest der Gruppe war von Herzen gerührt. Nicholas Bracewell ließ sich von dieser Gefühlswoge nicht davontragen. Seine Aufmerksamkeit galt Gabriel Hawkes, der eigenartig distanziert wirkte. Ein Mann, der das Theater intensiv und ausdauernd liebte, sah jetzt drein, als befremde ihn das alles.         

Als sie die Bühne verließen, nahm Nicholas ihn beiseite.

»Was bedrückt Euch, junger Mann?«

»Nichts, Master Bracewell.«

»Seid Ihr ganz in Ordnung?«

»Ich spüre, daß ich krank werde, aber es ist nichts Ernsthaftes.«

»Welche Art von Krankheit?«

»Macht Euch um mich keine Sorgen.«

»Sollen wir Euch zu einem Arzt tragen?«

»Es hat nichts zu bedeuten, sage ich Euch.«

»Paßt gut auf Euch auf, Gabriel.«

Der junge Schauspieler lächelte schwach und berührte seinen Arm.

»Vielen Dank, Master Bracewell.«

»Wofür?«

»Ihr seid mir immer ein guter Freund gewesen.«

Seine Stimme hatte solch einen endgültigen Unterton, daß Nicholas entsetzt war. Während Gabriel Hawkes auf unsicheren Beinen davonging, um sein Kostüm abzulegen und sich auf den Weg zu seiner Unterkunft in Bankside zu begeben, hatte der Regisseur das beunruhigende Gefühl, den Mann nie mehr lebend wiederzusehen.             

*

Nachdem die Pest ein paar Wochen lang mit der Stadt gespielt hatte, holte sie jetzt zum tödlichen Schlag aus. London war hilflos. Die Stadt litt unter hämmernden Kopfschmerzen, kaltem Schauer, fürchterlichen Rückenschmerzen, rasendem Puls, Atemnot, hohem Fieber und vollständiger Rastlosigkeit. Widerliche Beulen bildeten sich in der Leistengegend und in den Achselhöhlen. Unkontrollierbares Erbrechen setzte ein. Wenn der Körper erlahmte, brach auch der Geist zusammen. Delirium setzte ein. Die Sterblichkeitsrate stieg unerbittlich an, die Leute lernten wieder einmal zu beten.

»Wann müßt Ihr abreisen, Sir?«

»Sobald es erforderlich wird.«

»Gibt es denn gar keine Hoffnung auf Rettung?«

»Leider nicht, meine Liebe. Allein sieben Todesfälle wurden in dieser Kirchengemeinde gemeldet, ein Dutzend oder mehr in Cripplegate. Wenn man alle Gemeinden zusammenzählt, steigt die Anzahl mit Leichtigkeit auf dreißig und vielleicht sogar auf das Dreifache davon.«

»Der Herr steh uns bei!«

»Für uns armselige Schauspieler gibt es keinen Trost, denn wir sind die ersten, die der Seuche geopfert werden. Der Staatsrat hat einen Erlaß herausgegeben: Alle Theater, Tierkampfstätten und Orte, an denen sich Menschenmassen versammeln, müssen sofort geschlossen werden. Es ist niederträchtig.«

»Es ist unüberlegt, Sir.«

*

Margery Firethorn zog ihren Gatten an sich und ließ ihn die Wärme ihrer Zuneigung spüren. Weiß der Himmel, es war keine gemütliche Ehe gewesen, doch er hatte es nie bereut, selbst wenn die Leidenschaften am stürmischsten waren. Margery war eine gute Frau und liebende Mutter, eine sparsame Hausfrau und überzeugte Christin. Das Leben mit einem so ausschweifenden Partner wie Lawrence Firethorn hätte gewiß jede andere Frau abgeschreckt, doch sie hatte sich der Herausforderung mit standhafter Tapferkeit gestellt. Sie waren beide füreinander bestimmt. Gleichgesinnte Geister, aus dem gleichen Holz geschnitzt.

»Wie lange wirst du fortbleiben?« fragte sie.

»Bis der Queen's Head uns wieder aufnehmen kann.«

»Der Tag kann noch Monate entfernt liegen.«

»Mindestens bis Michaeli.«

»Das wird mir wie eine Ewigkeit vorkommen.«

»Mein altes Herz versinkt in Trauer, wenn ich nur daran denke.«

»Ich werde dich schrecklich vermissen, Lawrence.«

Firethorn betrachtete seine Frau, die neben ihm im Bett lag, und er erblickte die wollüstige junge Frau, die er vor all diesen Jahren umworben hatte. Die Zeit hatte tiefe Linien in ihr Gesicht gegraben, die Geburten waren unsanft mit ihrem Körper umgegangen, doch auf ihre Art war sie eine erstaunliche Person mit runden Formen, die wie in alten Zeiten locken und erregen konnten. Firethorn hatte die Liebe von einfachen Dienstmädchen entflammt und die Lüsternheit höfischer Schönheiten erregt, wenn er sich kopfüber in seine ehebrecherischen Abenteuer stürzte, doch er war immer wieder zu den reiferen Reizen seiner Frau zurückgekehrt und fragte sich in diesem seltenen Moment der Gewissensbisse, wie er sie eigentlich jemals hatte verlassen können.

Margery gab ihm Freuden, die über bloße Befriedigung hinausgingen; das war etwas, das es zu bewahren galt. Als sie jetzt in einer Haltung vollständiger Offenheit neben ihm lag, war sie so unwiderstehlich wie in ihrer Hochzeitsnacht, in der sie die Bettfedern bis zur Morgendämmerung in Bewegung gebracht hatten. Die Strahlen des Mondes, die durch das Fenster fielen, malten jetzt ein noch schöneres Bild von ihr.

Lawrence Firethorn zog sie an sich.

»Komm näher, meine Liebe. Wir brauchen einander.«

»Einen Moment, Sir«, sagte Margery, die die praktischen Dinge vorher erledigt haben wollte. »Wovon soll ich leben, wenn mein Ehemann abwesend ist?« 

»So tugendhaft, als ob er zu Hause wäre.«

»Ich sprach von Haushaltsgeld, Lawrence.«

»Ich werde für dich sorgen, mein Engel.«

»Wie denn?« drängte sie.

»Der Haushalt wird viel kleiner sein, wenn ich weg bin«, sagte er. »Ich nehme die Untermieter, Lehrlinge und so weiter mit mir. Dann bist du mit den Kindern und den Dienstboten allein.«

»Kinder und Dienstboten müssen essen, Sir.«

»Das werden sie auch. Jeden Tag, regelmäßig.«

»Also werde ich Geld bekommen?«

»Aber natürlich, Margery«, sagte er und streichelte ihre Schenkel im Vorgriff auf die gemeinsamen Freuden. »Ich gebe dir alles, was ich geben kann. Dessen kannst du sicher sein.«

»Und was ist, wenn das nicht reicht?«

»Sei sparsam, Frau, und alles wird gut sein.«

»Selbst Sparsamkeit hat ihren Preis.«

»Mach dir keine Sorgen, meine Süße.«

»Dann gib mir Sicherheit.«

»Das werde ich, das werde ich«, sagte er und ließ seine Hand zu ihrer vollen Brust wandern. »Während ich weg bin, werde ich dir Geld schicken. Und wenn das nicht reicht, nun, dann mußt du sonstwie Geld herbeischaffen.«

»Zeigt mir, wie ich das machen soll, Sir.«

»Verkauft meinen zweitbesten Mantel.«

Margery war gerührt. Sie wußte genau, wieviel ihm seine feinen Kleider bedeuteten, und daß er sich lieber einen Finger abhacken lassen würde, als sich davon zu trennen. Der Mantel, ein großartiges Kleidungsstück, war mit gelber, grüner, blauer und roter Seide verziert und mit Steifleinen gefüttert - ein Geschenk von Lord Westfield persönlich und dem Mantel irgendeines Adeligen durchaus ebenbürtig.

»Sprecht Ihr die Wahrheit, Lawrence? Darf ich den verkaufen?«

»Nur, wenn es aus Not geschieht.«

»Werdet Ihr mich deshalb auch nicht ausschimpfen?«

»Euer Wohlergehen muß wichtiger sein als meine Eitelkeit.«

»Das erfreut mich mehr, als ich Euch sagen kann.«

Das war der rechte Augenblick, sich den Preis zu sichern. Firethorn griff unter das Kissen, nahm den Ring, den er dort vorsorglich versteckt hatte, und schob ihn ihr symbolisch über den dritten Finger ihrer linken Hand. Der Rubin verzauberte sie.

»Ist der für mich?«

»Für wen wohl sonst? Trag ihn, bis ich zurückkehre.«

»Nichts kann mich dazu bringen, ihn abzulegen.«

»Er ist ein Unterpfand meiner Bewunderung«, sagte er und schob ihre Schenkel mit sanfter Gewalt auseinander. »Laß ihn ein immerwährendes Erinnerungsstück der Liebe sein, die ich für dich empfinde. Ein wertvolles Juwel, zum Zeichen, daß du der größte Schatz meines Lebens bist. Ein immerwährender Tribut der Schönsten ihres Geschlechts.« Sie gab ihm einen Kuß, der ihn auflodern und allen gesunden Menschenverstand vergessen ließ. Seine Stimme war von verheerender Lässigkeit. »Und wenn das Schlimmste passiert, dann verkaufst du den Ring eben auch noch.«

Unter ihm explodierte ein Vulkan.

Das Bett knarrte heftig, aber nicht aus Wollust.

*

Bankside verabschiedete die scheidenden Thespisjünger auf liebenswertere Weise. Nicholas Bracewell setzte nächtliche Freuden nicht so leichtfertig aufs Spiel. Weil solche Ereignisse selten in seinem Leben waren, hatte er sich dazu erzogen, sie einfach zu genießen und jeden Gedanken an die Welt um ihn herum zu verbannen. Erst danach - als sie beide in träger Haltung Seite bei Seite auf dem Bett lagen - wandte er seine Gedanken der rauhen Wirklichkeit zu.

»Werdet Ihr in London bleiben, Anne?«

»Wenn die Pest nicht schlimmer wird.«

»Darauf deutet aber alles hin.«

»In diesem Fall besuche ich Verwandte auf dem Lande.«

»Ihre Cousinen in Dunstable?«

»Oder meinen Onkel in Bedford. Vielleicht sogar meinen Onkel in Nottingham. Ich besuche einen, zwei oder sogar alle drei, bevor ich hierbleibe und mir die Pest hole.«

»Meint Ihr vielleicht mich damit?«

»Ich bekomme Fieber, wenn Ihr in meiner Nähe seid, Nick.«

Anne Hendrik war eine der ungewöhnlicheren Bewohnerinnen von Bankside. In einer Gegend, die für ihre Bordelle, Spielhöllen, Bierschwemmen und ihr billiges Nachtleben berühmt war, besaß sie ein achtbares Haus und ein erfolgreiches Geschäft. Sie war geborene Engländerin, Witwe von Jakob Hendrik, einem gewissenhaften Holländer, der als gelernter Hutmacher nach London gekommen war, nur, um schon bald zu entdecken, daß die städtischen Zünfte alles dransetzten, um ihn und seine Landsleute von ihrer eifersüchtigen Vereinigung fernzuhalten. So war er gezwungen, sich mit seinem Geschäft außerhalb der Stadtgrenzen niederzulassen, machte Southwark zu seinem Zuhause und Anne zu seiner Frau.

In ihrer fünzehnjährigen, glücklichen Ehe hatten sie keine Kinder bekommen. Anne erbte ein schönes Haus, ein florierendes Geschäft und die Überzeugung ihres Gatten, daß Arbeit an sich Wert und Würde verlieh. Außerdem erbte sie Nicholas Bracewell.

»Welche Ortschaften werdet Ihr besuchen?« fragte sie.

»Die Einzelheiten müssen noch entschieden werden.«

»In welche Richtung reist Ihr?«

»Nach Norden, Anne.«

»Vielleicht kommt Ihr dann ja auch einmal nach Dunstable?«

»Oder nach Bedford, oder nach Nottingham. Oder wo Ihr sonst eventuell sein könntet. Wenn ich im selben Bezirk bin wie Ihr, werde ich eine Möglichkeit finden, Euch zu treffen.«

Anne küßte ihn zärtlich auf die Wange und kuschelte sich an ihn. Während der Zeit, in der er in ihrem Haus gewohnt hatte, war Nicholas mehr als ein Freund geworden. Nur gelegentlich teilten sie das Bett miteinander, doch waren ihre Leben dennoch eng miteinander verknüpft. Er fühlte sich zu der großen, anmutigen, attraktiven Frau hingezogen, die einen so erfrischenden Eindruck von Unabhängigkeit machte, und sie ließ sich von seinem Humor, seiner Klugheit und ruhigen Kraft faszinieren. Noch nie hatte sie jemanden getroffen, der trotz seiner vielen guten Eigenschaften so bescheiden war. Obwohl er bei der Theatergesellschaft nur angestellt war, hatte Nicholas sich unersetzlich gemacht und Pflichten und Aufgaben übernommen, die normalerweise nicht zur Arbeit eines Regisseurs gehörten.         

Anne, die sich für das Theater interessierte, nahm lebhaften Anteil an allen Vorgängen bei Westfield's Men und war über die wechselnde Mannschaft gut informiert. Sie hatte die letzte Vorstellung des »Beständigen Liebhabers« besucht und wollte jetzt wissen, wer aus dem Ensemble mitgehen würde.

»Wie groß wird Eure Gruppe sein, Nick?«

»Gerade mal fünfzehn Personen.«

»Das setzt aber einschneidende Maßnahmen voraus.«

»Master Firethorn hat einen schnellen Schnitt gemacht.«

»Und wer ist diesem Schnitt zum Opfer gefallen?«

»Viel zu viele, fürchte ich.«             

»George Dart?«

»Nein, den habe ich gerettet.«

»Thomas Skillen?«

»Bei ihm war ich machtlos.«

Nicholas schüttelte traurig den Kopf. Bei der Auswahl der Leute, die in der Gruppe bleiben sollten, hielt Lawrence Firethorn engen Kontakt mit seinem Regisseur. Sie hatten stundenlang diskutiert, und Nicholas hatte heftig um bestimmte Leute gekämpft, wenn auch nicht in jedem Fall mit Erfolg. Die letzte Entscheidung oblag dem Ersten Schauspieler, und der traf sie mit brutaler Konsequenz, ohne sich von Sentimentalitäten oder Mitleid beeinflussen zu lassen. Es war allerdings Nicholas' Aufgabe, seinen guten Freunden die bittere Nachricht zu überbringen, daß man ihrer Dienste in Zukunft nicht mehr bedürfe — das war eine schwere Bürde gewesen.

Thomas Skillen war solch ein Fall. Der Bühnenarbeiter war beim Theater alt geworden, verläßlich wie ein Fels, doch sein hohes Alter und sein Rheumatismus sprachen gegen ihn. Jetzt brauchte man jüngere Burschen und geschicktere Hände. Peter Digby war ein weiteres Opfer. Als Leiter der Musikantengruppe war er bei jeder Vorstellung eine wichtige Persönlichkeit gewesen, doch seine Rolle war bei einer Tournee ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten konnte. Schauspieler, die gleichzeitig Musikanten waren, wurden wegen ihres »Doppelnutzens« bevorzugt. Hugh Wegges, Kostümmeister der Gesellschaft, würde zusehen müssen, wie einige seiner besten Kostüme die Stadt verließen, während er zurückblieb. Seine überragenden Fähigkeiten mit Nadel und Faden reichten nicht aus, um seine Teilnahme zu rechtfertigen. Nathan Curtis, Zimmermann, fiel ebenfalls durchs Netz. Nur wenige Bühnenbildner und Requisiten sollten mit auf die Reise gehen, da war seine Könnerschaft nicht mehr vonnöten.

Und so war es auch bei vielen anderen. Nicholas hatte sich bemüht, ihnen die schlimme Nachricht so schonend wie möglich beizubringen, doch das verhinderte weder Tränenausbrüche, offene Verzweiflung noch bittere Vorwürfe. Über viele, die er im Laufe der Zeit schätzen gelernt und als Kollegen bewundert hatte, sprach er ein Todesurteil aus. Das machte ihm schwer zu schaffen.

»Was ist mit Christopher Millfield?« fragte Anne.

»Ah! Da hat es allerdings heftigen Streit gegeben.«

»Ich würde ihn Gabriel Hawkes vorziehen.«

»Aber nur, weil Ihr ihn nicht so gut kennt wie ich.«

»Im beständigen Liebhaben zeigte er das bessere Talent.«

»Das eindrucksvollere, das gebe ich zu«, sagte Nicholas. »Das trifft auf Christopher zu. Er weiß, wie er sich auf der Bühne die Aufmerksamkeit sichert und legt viel Leidenschaft in sein Spiel, aber dennoch glaube ich, daß Gabriel der bessere Mann ist. Er lernt seine Rolle schneller als jeder andere in der Gruppe und bringt einen kühlen Kopf mit zur Arbeit.«

»Habt Ihr das Master Firethorn gesagt?«

»Immer wieder.«

»Und mit welchem Ergebnis?«

»Er tendierte zu Christopher.«

»Dann war Ihr Spiel verloren.«

»Nicht ganz, Anne. Ich brachte ihm etwas in Erinnerung, das ihn veranlaßte, nochmals über die Sache nachzudenken.«

»Was denn?«

»Daß Christopher vielleicht den sprühenderen Charme hat, dafür aber auch die größere Eigensucht. Falls irgend jemand an Master Firethorns Glanz rühren könnte, dann würde es nicht Gabriel Hawkes sein. Der ist der sichere Mann.«

»Ein kluger Schachzug«, sagte Anne lächelnd. »Ich verstehe schon, wie das bei Master Firethorn wirkte. So steht die Sache also? Wird Christopher Millfield die Gruppe verlassen?«

»Nicht ohne Verbitterung«, sagte Nicholas. »Als ich ihm die Entscheidung mitteilte, war er absolut perplex und stieß finstere Drohungen aus. Er hat es als gewaltige Beleidigung aufgefaßt. Das könnte noch Probleme hervorrufen. Es macht keinen Spaß, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein.«

»Aber für einige hattet Ihr ja auch gute Nachrichten.«

»Allerdings. Ich habe Trauer und Freude gleichzeitig gebracht.«

»War Gabriel Hawkes überwältigt?«

»Ich habe ihn noch nicht persönlich gesehen, Anne. In den beiden letzten Tagen ist er krank gewesen. Aber ich habe ihm die Nachricht zukommen lassen. Er weiß von seinem Glück.«

»Das wird ihn aus dem Krankenbett herausholen.«

»Hoffentlich.«

»Das klingt aber nicht besonders sicher.«

»Doch, doch«, sagte Nicholas und schüttelte die Befürchtungen von sich. »Gabriel ist die vernünftigere Wahl, das wird er auf unserer Reise beweisen. Es gibt niemand in der ganzen Gruppe, den ich ihm vorziehen würde. Ich gehe ihn morgen besuchen und erkläre ihm das.«

»Wieso habt Ihr eine so gute Meinung von ihm?«

»Das ist ja gerade das Merkwürdige an der Geschichte. Ich weiß es nicht.«

*

Smorrall Lane war nur ein paar hundert Meter von Anne Hendriks Haus entfernt, dennoch lagen Welten dazwischen. Die enge, gewundene, schmutzige Gasse bestand aus einer Reihe verdreckter und heruntergekommener Gebäude, die sich altersschwach aneinanderlehnten wie erschöpfte Freunde. Bordelle, Kneipen und Bratküchen zogen eine untere Klasse von Kunden an, und die, die nächtens durch diese Gasse wankten, waren meistens stockbesoffen oder am Ende ihrer Kräfte. In finsteren Winkeln lauerten Diebe und warteten auf leichte Beute. Frauen boten sich in Toreinfahrten an. Blut mischte sich oft mit Urin und Exkrementen, die auf dem Pflaster Lachen bildeten. Smorrall Lane war leicht zu finden - durch seinen widerlichen Gestank.

Der große, elegant gekleidete junge Mann, der in dieser Nacht durch die Gasse schlich, war keiner der üblichen Besucher. Angewidert rümpfte er die Nase, schritt schnell aus und stieß zwei Betrunkene zur Seite, die gegen ihn taumelten. Als er das Haus erreichte, das er gesucht hatte, blickte er nach oben und entdeckte einen schwachen Lichtschein hinter dem Fenster des zur Straße gelegenen Schlafzimmers. Sein Opfer war zu Hause.

Er klopfte an die Tür, erhielt jedoch keine Antwort. Er sah sich auf der Gasse um, ob er beobachtet wurde, dann glitt er ins Haus und hustete, als er den Staub einatmete. Rasch fand er die Treppe und schlich verstohlen auf ihren knarrenden Stufen nach oben. Er klopfte an die Schlafzimmertür, doch auch diesmal kam keine Antwort. Alles, was er hörte, war ein röchelndes Schnarchen. 

Das paßte in seinen Plan. Vorsichtig öffnete er die Tür, glitt ins Zimmer und trat zu der ausgestreckten Gestalt unter den zerlumpten Laken. Der Gestank nach Verwesung stach in seine Nase und drehte ihm den Magen um, brachte ihn jedoch nicht von seinem Ziel ab. Er hockte sich rittlings über den Schläfer, packte ihn mit festem Griff am Hals und drückte mit aller Kraft zu. Der Widerstand war nur schwach. Sein ohnehin geschwächtes Opfer hatte kaum die Kraft, um mit den Armen um sich zu schlagen, und schon bald hingen sie leblos herab.

Der Besucher verschwand aus dem Raum und tauchte wieder vor dem Haus auf. Mit einem Stück Holzkohle schrieb er etwas an die zerschrammte Haustür.

HERR, ERBARM DICH UNSER.

Dann sah er noch einmal zu dem schwach erleuchteten Fenster hinauf.

»Lebewohl, Gabriel. Ruhe sanft mit den anderen Engeln.«

2. KAPITEL

Miles Melhuish glaubte unbedingt an die Macht des Gebetes. Als Pfarrer von St. Stephen hatte er die beste Gelegenheit, seinen Glauben auf die Probe zu stellen, und der hatte ihn niemals enttäuscht. Gebete hatten Seelen gerettet, Krankheiten geheilt, Tragödien gemildert, er hatte Zuspruch gegeben, die Führung des Himmels bewahrt und seine Gemeinde von sorgenvollen Gedanken befreit. Wenn sein geistliches Amt ihm etwas bewiesen hatte, dann war es die Erkenntnis, daß zehn Minuten auf den Knien viel wirkungsvoller waren als eine Stunde stehend in der Kanzel. Das war der erste Satz in seinem persönlichen Glaubensbekenntnis. Indem er in aller Bescheidenheit mit Gott direkt sprach, erreichte er unendlich mehr, als wenn er die Bürger von Nottingham mit seinen Predigten gepeinigt hätte. Er war ein guter und nachdenklicher Hirte, und seine Schäfchen profitierten davon.

Seine zehn Jahre in der Pfarrei hatten ihn mit allen nur erdenklichen Problemen und Anblicken konfrontiert, doch nichts ließ sich mit dem vergleichen, was ihm jetzt bevorstand. Als er in einer Haltung glückseliger Unterwerfung vor seinem Altar kniete, sandte die sinkende Sonne verklärende Strahlen durch die bleiverglasten bunten Fenster, tauchte sein rundliches Gesicht in ein sanftes Glühen und umgab seinen kahlen Schädel mit einem goldenen Kranz. Als seine Gebete zu Ende waren, zog er sich am Altargitter hoch und beugte die Knie mit würdevoller Behäbigkeit.

Das Geräusch von Schritten ließ ihn sich umdrehen.

»Nun, Humphrey! Was soll diese Hast?«

»Ich muß Euch sprechen, Sir!«

»Das könnt Ihr auch, ohne wie ein ausgebrochener Stier hier hereinzustürmen. Dies ist das Haus Gottes, Humphrey, in dem wir uns mit entsprechendem Respekt zu bewegen haben. Bleibt dort, Mann.«

»Ich gehorchte Euch aufs Wort.«

»Und kommt wieder zu Atem, guter Mann.«

Humphrey Budden lehnte sich an eine Kirchenbank und atmete schwer. Er war ein großer, breitgebauter Mann mit blühender Gesichtsfarbe, der weiter gerannt war, als es seinen Beinen und Lungen guttat; er war schweißgebadet. Miles Melhuish ging durch den Mittelgang auf den schweißglänzenden Mann zu und überlegte, welche Art von Ereignis dieses untypische Verhalten hervorgerufen hatte. Budden war in der Stadt eine respektierte Person, ein gewissenhafter Hersteller von Spitzen, der dazu beigetragen hatte, daß Nottingham in diesem Gewerbe seinen hervorragenden Platz behielt. Seit seiner Heirat im letzten Jahr war er der glücklichste Mann weit und breit, ehrlich, umgänglich, aufrecht, ein regelmäßiger Kirchgänger, der häufig großzügig spendete. Doch es war genau dieser Humphrey Budden, der jetzt keuchend Luft holte und wie ein Schwein am Spieß schwitzte.         

Der Pfarrer legte ihm tröstend einen Arm um die Schulter.

»Fürchte nichts, mein Sohn. Gott ist bei dir.«

»Ich brauche dringend seine Hilfe.«

»In welcher Sache, Humphrey?«

»Ich kann mich kaum dazu zwingen, Euch darüber zu berichten.«

»Beistand ist dir sicher.«

»Ich hab' das Geräusch noch in den Ohren.«

»Welches Geräusch?«

»Und der Anblick zermartert mir die Seele.«

»Du zitterst ja noch vor Schreck.«

»Ich kam auf schnellstem Weg hierher, Sir. Gott ist meine letzte Rettung.«             

»Wie kann Er dir helfen?«

Humphrey Budden biß sich verlegen auf die Lippen und räusperte sich. Es war viel einfacher, seine Sache in die Kirche zu bringen, als sie dort auch vorzutragen. Die Worte sträubten sich.

Miles Melhuish versuchte, ihm vorsichtig auf die Sprünge zu helfen.

»Hast du Schwierigkeiten, mein Sohn?«

»Ich nicht, Sir.«

»Deine Frau?«

»Allerdings.«

»Was macht der guten Frau zu schaffen?«

»Oh, Sir…«

Humphrey Budden begann hilflos zu weinen. Das Unglück, das ihn so ungestüm in die Kirche geführt hatte, hatte ihn der Sprache beraubt. Der Pfarrer schob ihn sanft in die Bank, setzte sich neben ihn und sprach stumm ein Gebet. Nach und nach gewann Budden die Kontrolle über sich zurück.

»Erzähl mir von Eleanor«, sagte der Priester.

»Ich liebe sie so sehr!«

»Ist vielleicht ein Unglück passiert?«

»Schlimmer, Sir.«

»Guter Gott! Ist sie dahingeschieden?«

»Sogar noch schlimmer als das.«

Melhuish holte die Geschichte aus ihm heraus. Selbst in der verworrenen Fassung war sie so schrecklich, daß der geistliche Herr seinen Umfang und seinen Aufenthaltsort vergaß. Er hob seinen Bauch mit beiden Händen an und lief schnellen Schrittes auf die Kirchentür zu, Budden dicht auf den Fersen. Sie rannten auf den Kirchhof und verließen ihn durch eine Pforte, die sie zur Angel Row brachte. Das Haus war nur ein paar hundert Meter entfernt, und obwohl die Anstrengung beide an den Rand der Erschöpfung brachte, legten sie keine Pause ein. Trotz ihres keuchenden Atems hörten sie ein Geräusch, das ihnen das Blut beinahe gerinnen ließ, und verdoppelten ihre Schritte.

Es war der Schrei einer Frau. Nicht der plötzliche Aufschrei von jemand, der großen Schmerz erleidet, auch nicht der gequälte Schrei der Sorge. Es war das unheimliche, anhaltende, schrille Heulen eines wilden Tieres, so intensiv und unnatürlich, daß es kaum aus einer menschlichen Kehle kommen konnte. Budden öffnete die Haustür und führte den Priester in einen Raum, in dem sich bereits einige Personen aufhielten. Vier verschreckte Kinder versteckten sich hinter den Röcken einer alten Dienstmagd und starrten mit entsetzten Augen zur Zimmerdecke hinauf.

Humphrey Budden gab ihnen einen beruhigenden Klaps und ging mit seinem Besucher nach oben. Während dieser paar Sekunden betete Miles Melhuish so intensiv wie schon lange nicht mehr. Das Geräusch war herzzerreißend. Er mußte sich zwingen, dem geschlagenen Ehemann ins Schlafzimmer zu folgen. Welcher fürchterliche Anblick erwartete ihn dort?

Als seine Augen sahen, was vor ihnen lag, bekreuzigte er sich auf der Stelle.

»Gütiger Gott im Himmel!«

»Eleanor!« rief Budden. »Frieden, gute Frau!«

Doch sie hörte ihn nicht. Das Heulen ging mit unverminderter Intensität weiter, ihre Hände rissen an ihren Haaren. Melhuish war wie vom Blitz getroffen. Dort vor ihm kniete eine völlig nackte, dralle Frau in den Zwanzigern auf dem Boden, schwankte hin und her und starrte ein Kruzifix an der Wand an. Das lange blonde Haar fiel ihr über den Rücken, bis auf die runden, hübschen, zitternden Pobacken. Eine Szene, die gleichzeitig so furchterregend und erotisch war, daß Melhuish für ein paar Sekunden den Blick abwenden und seine Rechtschaffenheit zu Hilfe rufen mußte.

Eleanor Budden befand sich in den Klauen irgendeiner unentrinnbaren Leidenschaft. Als ihr Heulen noch schriller wurde, lagen Schmerz und Lust darin, erlittene Qualen und genossene Freuden, das Elend der Verdammnis und die Freude der Rettung. Der Mund, der das Geheul ausstieß, war grimassenhaft verzerrt, doch auf ihrem Gesicht war ein glückliches Leuchten.

»Eleanor«, sagte ihr Mann. »Sieh nur, wer gekommen ist.«

Er winkte den Priester näher, bis dieser zwischen der Frau und dem Kruzifix stand. Sofort zeigte sich eine Wirkung. Das Geheul brach ab, ihr Mund schloß sich, die Hände berührten ihre Seiten, und ihr Körper schwankte nicht mehr. Das ohrenzerreißende Geheul wurde durch eine unheimliche Stille ersetzt, die fast genauso schlimm war.

Eleanor Budden blickte mit ehrfürchtigen Augen und einem Lächeln zu dem Priester auf. Endlich war das Fieber von ihr gewichen. Beide Männer wagten es, sich ein wenig zu entspannen, doch das war entschieden zu voreilig. Ein neuer Anfall packte sie. Sie warf sich nach vorne, packte den Pfarrer um die Hüften und wühlte ihr Gesicht in sein massiges Fleisch. Dabei stieß sie Töne aus, die als leises Winseln der Erregung begannen und sich rasch steigerten bis zu einem Schrei reiner Lust. Ihre starken Hände packten seine Pobacken, weiche Brüste drängten sich gegen seine Schenkel, gierige Lippen wühlten in seinem Schoß. Das Geräusch steigerte sich bis zum Höhepunkt, endete in einem Seufzer der puren Fleischeslust und ließ ihren Körper voller Leidenschaft erzittern.

Dann brach sie bewußtlos auf dem Boden zusammen.

Miles Melhuish betete immer noch hektisch.

Der Tod holte sich täglich seine Beute in den Straßen der Stadt und riß geliebte Menschen ins frühe Grab, doch die Bürger Londons hatten immer noch nicht genug. Stündlich überwältigte Trauer die Familien, doch immer noch gab es genug makabres Interesse, um große Menschenmengen auf den Weg nach Tyburn zu bringen, wo die Exekution stattfand. Todtraurige Menschen, die schmerzgebeugt neben den Sterbebetten gesessen hatten, fanden Entspannung, als sie sich in der Nähe des Galgens zusammendrängten. Eine öffentliche Hinrichtung war etwas wie eine Feier. In der brutalen, aber legalisierten Tötung irgendeines armseligen Kriminellen fanden sie eine merkwürdige Befriedigung und schickten ihn mit sadistischem Geheul auf seine letzte Reise. Was ihnen als brutale, eindringliche Warnung dienen sollte, wurde zu einer Quelle der Belustigung.

Jeder bemühte sich, einen möglichst guten Platz zu erwischen.

»Tretet ein bißchen zur Seite, mein Herr, wenn ich bitten darf.«

»Aber selbstverständlich, Mistress.«

»Ich kann nichts außer Euren breiten Schultern sehen.«

»Kommt und stellt Euch vor mich.«

»Laßt mich hier durch.«

»Fester schieben, Mistress.«

Der großgewachsene junge Mann schob sich nach links, um für die alte Frau etwas Platz freizumachen. Aber obwohl sie durch dichtes Getümmel bis mitten ins Zentrum der Menschenansammlung vorgedrungen war, konnte sie immer noch nichts erkennen. Der junge Mann zuckte zurück, als er ihren ekelhaften Mundgeruch wahrnahm, doch ihre Ausdünstung vermischte sich rasch mit dem allgemeinen Gestank der Masse. Sie war eine Frau vom Land, trug einen Korb am Arm und zeigte durch ihre gebeugten Schultern, daß sie ein hartes Arbeitsleben hinter sich hatte. Ihre Lippen verzerrten sich zu einem zahnlosen, erwartungsvollen Grinsen.

»Seid Ihr weit hergekommen, Mistress?«

»Zehn Meilen oder noch mehr, Sir.«

»Den ganzen Weg für eine Hinrichtung?«

»Dafür würd' ich sogar zwanzig laufen.«

»Wißt Ihr, wer hier gehängt werden soll?«

»Ein Verräter, Sir.«

»Aber wie ist sein Name?«

»Der tut nichts zur Sache.«

»Für ihn bedeutet er aber viel.«

»Der bedeutet überhaupt nichts.«

»Ihr lauft zehn Meilen für jemand, der Euch vollkommen unbekannt ist?«

»Jawohl, Sir«, sagte sie mit bösartigem Vergnügen. »Den Tod für alle Verräter! Ich will sehen, wie sie ihm den Schwanz abschneiden!«

Rufe wurden laut, als sich der Henkerskarren dem Galgen näherte. Der Verurteilte hockte auf dem Boden, die Arme auf dem Rücken gefesselt, zwei Kerkermeister neben sich. Selbst in dieser erniedrigenden Haltung besaß er noch eine zerknitterte Würde. Zerlumpt, ungekämmt und von der Folter verstümmelt - dennoch machte er den Eindruck eines echten Edelmannes. Seine offensichtliche Gelassenheit im Angesicht des Todes reizte die Zuschauer zu wütendem Geschrei. All ihre Angst, ihr Haß, Zorn und Verzweiflung brachen in dem lauter werdenden Wutgeheul aus ihnen hervor.

Der junge Mann zeigte keine Regung, er betrachtete all das mit einer Art desinteressiertem Vergnügen. Der Gerechtigkeit wurde ohne Verzug zu ihrem Recht verholfen. Der Gefangene wurde auf die Plattform gehoben, wo ihm sein Urteil vorgelesen wurde. Dann bot man ihm den kurzen, tröstenden Besuch eines Priesters an, der seine Seele auf das vorbereiten sollte, was ihm bevorstand. Als er das ablehnte, wurde er dem Henker und seinem Gehilfen übergeben, vermummten Ungeheuern mit muskulösen Armen und der Fähigkeit, den Tod hinauszuzögern. Sie wußten, was sie zu  tun hatten, und machten sich zügig an die Arbeit. Der Gefangene fing an, etwas in lateinischer Sprache zu rezitieren, doch seine Stimme ging im Gejohle des Mobs unter. Seine Lippen bewegten sich schwach, als man ihm die Schlinge um den Hals legte.

Der Strick wurde fest angezogen und überprüft, dann wurde der Hebel betätigt, der die Falltür öffnete und ihn einen ersten Blick in die Hölle werfen ließ. Sein Körper versteifte sich, als der Ruck ihn durchfuhr, dann zuckten seine Beine und Schultern, sein Mund öffnete sich, sein Gesicht wurde dunkelrot, und jede Ader und Sehne schien durch die Haut bersten zu wollen. Es war ein gräßlicher und widerlicher Anblick, doch den Zuschauern gefiel die Vorstellung, sie lachten, schrien und winkten dem Opfer mit sadistischer Fröhlichkeit und steigerten sich in eine bösartige Hysterie. Und in diesem Taumel vergaßen sie die Probleme ihres eigenen Lebens, während sie heiteren Sinnes der Hinrichtung zusahen.

Der Körper zuckte lange Zeit und schwang hin und her, bevor die Henker Zugriffen. Das Opfer schien sein Leben ausgehaucht zu haben, seine Augen waren geschlossen, sein Mund geöffnet, der Hals halb gebrochen. Zorniges Geschrei erhob sich aus der Meute, die sich um das Hauptvergnügen geprellt fühlte. Doch die Henker hatten keine Pfuscharbeit geleistet. Als das Opfer vom Strick abgeschnitten wurde, bewegte es sich kurz und stieß einen Seufzer aus. Der junge Mann war durchaus in der Lage, zu erkennen, was als nächstes geschah. Unter seinen geschwollenen Lidern warf er seinen Peinigern einen anklagenden Blick zu. Es war offensichtlich, daß er die Henkersknechte bestochen hatte, damit sie ihn am Galgen sterben ließen und ihm die weiteren Qualen ersparten, die zu seinem Urteil gehörten.         

Die Henker hatten sein Geld mit ernstem Gesicht genommen und leichtfertig vergessen, was sie ihm versprochen hatten.             

Der Verräter wurde das Opfer eines weiteren Verrats.

Man riß ihm die Kleider vom Leib und kastrierte ihn mit einem blitzenden Messer, was die Massen in noch größere Blutrünstigkeit versetzte. Jetzt folgte das rituelle Ausweiden. Die Henker schlitzten seinen Leib auf und rissen ihm die Eingeweide heraus, um sie vor seinen Augen zu verbrennen. Als sie mit der blutigen Leiche nichts mehr anfangen konnten, köpften sie den Kadaver und vierteilten ihn. Schließlich kam die systematische Schlächterei zu einem Ende. Die Zuschauer waren mit der Vorstellung zufrieden.

*

Christopher Millfield erlaubte sich ein schwaches Lächeln.

London war in Schweiß gebadet. Die faulige Verseuchung verbreitete sich im Gewirr seiner Straßen und Gassen. Den ganzen Tag läuteten die Glocken zu Totenmessen, Priester hetzten von einem Haus des Todes zum nächsten. Leichenbestatter verdienten ein Vermögen, und eine wurmzerfressene Generation von Kirchendienern scheffelte Geld, indem sie das Elend der Hinterbliebenen ausnutzte und die Beerdigungsgebühren erhöhte. Aasgeier mästeten sich an den verendeten Körpern ihrer Mitmenschen.

Die Flucht aus der Stadt nahm zu.

»Ich hasse es, die Stadt zu verlassen, Nick.«

»Hier können wir doch nicht bleiben.«

»Wo sie ist, da muß auch ich sein.«

»Das seid Ihr ja auch, Edmund«, sagte sein Freund. »Wenn sie Eure Verse hat, hält sie Euer innerstes Wesen in der Hand.«

»Daran hatte ich noch nicht gedacht.«

»Dann denkt jetzt dran. Eure Abwesenheit macht ihr Herz nur noch zärtlicher, und mit hübschen Briefen und zärtlichen Gedichten könnt Ihr diese Zärtlichkeit noch steigern. Eure Feder muß ihr das sagen, was Eure Lippen ihr nicht sagen können.«

»Das klingt wirklich tröstlich.«

»Umwerbt sie aus jedem Ort in ganz England.«

»Welch ein Willkommen werde ich erleben, wenn ich zu ihr zurückkehre!«

Edmund Hoode strahlte. Es war immer hilfreich, mit Nicholas Bracewell über persönliche Probleme zu sprechen. Der Regisseur war ein Mann von Welt und besaß großes Verständnis für die wunderlichen Launen der Liebe. Seine Ratschläge waren immer vernünftig, sein Mitgefühl grenzenlos. Hoode hatte schon häufig Grund zu Dankbarkeit gehabt, und auch jetzt überkam ihn dieses Gefühl. Nicholas hatte ihm bewiesen, daß ein beglückender Kompromiß möglich war. Es war keine Desertion, die Stadt zu verlassen. Er konnte auch aus der Ferne das Herz seiner Angebeteten umwerben. Das würde ihm exquisite Schmerzen der Einsamkeit bescheren und den Zauber der Erfüllung noch steigern. Wenn er nach London zurückkehrte.

»Ich werde ihr sofort ein Sonett schicken«, beschloß er.

»Ihr habt nur noch den heutigen Tag, um es zu schreiben.«

»Heute den Tag und die Nacht dazu, Nick. Ich opfere ihrem Dienst jeden Gedanken an Schlaf. Meine Muse hilft mir am besten im Dunkel der Nacht.«

»Erschöpft Euch nicht vollständig, Edmund. Morgen beginnt eine lange Reise.«

»Ich beginne sie in bester Verfassung.«

»Das höre ich gerne.«

»Könnte der liebe Gabriel doch nur mit uns ziehen!«

»Auch ich hatte diese Hoffnung gehabt.«

An einem schwülen Vormittag wanderten die beiden Männer durch Bankside. Sie hatten einen unerfreulichen Auftrag. Fliegenschwärme schwebten über Abfallhaufen, Ratten wühlten in verrottenden Essensresten. Als die beiden Freunde den schmutzigsten Teil des ganzen Bezirks betraten, sahen sie Zeichen des Todes und des Verfalls auf allen Seiten. Sie waren schockiert bei dem Gedanken, daß einer ihrer Kollegen gezwungen gewesen war, in einem solchen Gehege vermodernder Menschlichkeit zu leben. Gabriel Hawkes hatte auf der Bühne glanzvolle Prinzen dargestellt, doch sein Privatleben war das eines armseligen Schluckers gewesen.

Sie kamen gerade rechtzeitig. Als sie in die Smorrall Lane einbogen, sahen sie den Leichenkarren, der bereits randvoll mit gräßlicher Fracht beladen war. Der Karren hielt vor einer Tür, die mit einem blauen Kreuz gekennzeichnet war, und eine weitere Leiche wurde aufgeladen. Dann rumpelte der Karren zu dem Haus, in dem Gabriel Hawkes gewohnt hatte. Es war mit Brettern verrammelt, und die Schrift an der Tür zeigte, daß die Pest auch in diesem Haus gewohnt hatte. In ein schmutziges Leichentuch gehüllt, wurde der Körper unsanft aus dem Haus geschleppt und auf den Karren geworfen.

Nicholas trat vor, um zu protestieren.

»Ein bißchen sanfter, Sirs!« sagte er.

»Verschwindet!« schnarrte der Fuhrmann.

»Das ist unser Freund, den Ihr da so unsanft behandelt.«

»Das ist eben unser Geschäft.«

»Erledigt Eure Arbeit mit etwas mehr Achtung.«

Der Kutscher stieß ein krächzendes Spottgelächter aus und schlug mit den Zügeln auf die Rücken der beiden Pferde. Rumpelnd bewegte sich der Karren die Gasse hinunter. Er hatte seine Ladung jetzt beisammen und machte sich auf den traurigen Weg zu einem Stück Brachland, jenseits des Gassenlabyrinths. Nicholas und sein Freund folgten dem Wagen die ganze Strecke, denn sie wollten bei der Beerdigung ihres früheren Kollegen zugegen sein. Sie beide hatten Gabriel Hawkes so geschätzt, daß sie für seinen Verbleib in der Tournee-Gruppe plädiert hatten, und es tat ihnen weh, daß ihre glücklichen Erinnerungen durch das getrübt wurden, was sie jetzt mit eigenen Augen ansehen mußten. Ein Ausbund an Witz, Wärme und echtem Talent lag jetzt im Leichentuch vor ihnen.

Der Karren hielt ächzend neben einer breiten Grube, in der noch die Totengräber bei der Arbeit waren. Frisch aufgeworfene Erdhügel zeigten, daß andere Gruben bereits gefüllt worden waren. Die Opfer der Pest mußten tief in den Boden gebettet werden, damit die Seuche nicht durch das Erdreich nach oben dringen konnte. Der Fuhrmann und sein Helfer luden die Leichen mit dem gleichen Interesse ab, als wenn es sich um Kartoffelsäcke gehandelt hätte. Die Menschen wurden von dem Karren gezerrt und am Rand der Grube niedergeworfen, um auf ihren letzten Ruheplatz zu warten.

Nicholas Bracewell und Edmund Hoode waren weit genug entfernt, um dem schlimmsten Leichengeruch zu entgehen, doch nahe genug, um die Kreatur beobachten zu können, die aus ihrem Versteck unter einem Busch hervorkroch. Der Mann war klein, zerlumpt und struppig, nach seinem äußeren Eindruck alt, doch von der Behendigkeit eines Affen. Während der Fuhrmann und sein Helfer ihm den Rücken kehrten, fummelte die Gestalt zwischen den Leichentüchern herum, als wisse sie genau, was es dort zu holen gab. Mit einem Messer schlitzte der Kerl die Tücher auf, suchte hier, wühlte dort, bis er mit seiner unverschämten Plünderei eine umfangreiche Beute gemacht hatte. Als er sich gerade über die Leiche von Gabriel Hawkes beugen wollte, fuhr Nicholas Bracewell dazwischen.

Er sprang blitzschnell vor, jagte den Kerl zu dem Busch zurück, hinter dem er hervorgekrochen war, und sprang ihn an, um ihn zu Fall zu bringen. Sie rollten auf dem Boden herum. Ein Messer blitzte vor Nicholas' Gesicht, doch das konnte ihn nicht zurückhalten. Jahre zur See und unter rauflustigen Seeleuten hatten ihn gelehrt, wie man sich bei einem Kampf zu verhalten hatte; rasch war der Bursche entwaffnet. Gleichzeitig jagte er ihm mit einem Schlag in den Magen die Luft aus den Rippen. Hoode kam angerannt, um ihm zu helfen.

Der Mann zog sich mit entschuldigendem Wimmern zurück. »Laßt mich in Ruhe, Ihr guten Herren. Ich tue nichts Böses.«

»Leichenfledderei ist eine Sünde und ein Verbrechen«, sagte Nicholas. »Ihr habt die Leiche unseres Freundes ausgeplündert.«

»Ihn stört das nicht mehr.«

»Aber uns.«

»Behandelt mich gerecht«, sagte der Mann und hockte sich auf den Boden. »Ich nehme nur von denen, die nichts mehr brauchen. Alles würde nur in einer Grube voller Lehm landen, wozu sollte das gut sein. Es ist besser, wenn sich die Lebenden damit helfen, als wenn es mit den Leichen in der Grube liegt.«

»Ihr seid ein widerlicher Bursche«, sagte Hoode.

»Die Not zwingt mich dazu, Sir.« Er klang jetzt fast munter. »Die Pest bedeutet für mich Essen und Trinken. Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir armen Leute mal für einen Tag reich sein können. Wir leben von den Verstorbenen. Das ist unser Gewinn. Wenn sie nackt sind, können wir uns bekleiden. Wenn sie hungrig sind, können wir essen. Ihre Krankheit sorgt für unsere Gesundheit.«

»Gebt mir zurück, was Ihr ihm weggenommen habt«, verlangte Nicholas.

»Das gehört mir.«

»Den größten Teil könnt ihr behalten. Ich will nur das, was Ihr von der letzten Leiche weggenommen habt. Das war ein guter Freund von uns.«

»Aber nicht von mir«, sagte der Mann schnippisch. »An ihm war überhaupt nichts, was ich hätte nehmen können. Wirklich eine armselige Leiche!«

Nicholas machte Schluß mit weiteren Diskussionen. Er packte den Mann an seinem Bart und riß ihn heftig daran hin und her, bis die Kreatur um Gnade bat.

»Los jetzt, Sir. Gebt mir, was Ihr weggenommen habt.«

Der Mann spuckte wütend aus und öffnete langsam seine geballte linke Hand. Da lag der winzige, juwelenbesetzte Ohrring, den Gabriel Hawkes zu tragen pflegte. Er blitzte in der schmutzigen Hand des Diebes. Nicholas nahm den Ohrring und stand auf, um ihn sich genauer anzusehen. Weder er noch Edmund Hoode rührten sich, als der Mann den Rest seiner Beute ergriff und sich davonmachte.

Die beiden Freunde wechselten einen Blick. Wenigstens diese letzte Entwürdigung hatten sie Gabriel ersparen können. Er hatte in seinem Leben schon wenig genug besessen, er verdiente es nicht, daß man ihm das im Tode auch noch abnahm. Sie gingen zu der Grube zurück und sahen, daß die Leichen darin aufgehäuft wurden, bevor man schaufelweise Kalk über sie warf. Der Gestank war überwältigend, doch sie wandten sich nicht ab. Als sie in die offene Grabstätte blickten, sahen sie Dutzende der gequälten Körper kreuz und quer übereinanderliegen. Es war unmöglich, sie jetzt noch zu unterscheiden.

Nicholas warf den Ohrring in die offene Grube und sandte ein stilles Gebet zum Himmel. Edmund Hoode war von der brutalen Anonymität dieser Massenbeerdigung entsetzt.

»Wer davon ist Gabriel?« fragte er.

»Das weiß nur Gott allein.«         

Sie blieben noch, bis die Arbeiter den schlimmen Anblick durch eine Erdschicht verbargen. Alles war so zweckmäßig und unpersönlich, beide waren tief erschüttert. Als sie sich endlich umwandten und zurückgingen, sprach keiner von ihnen ein Wort. Hoode unterbrach schließlich das lastende Schweigen.             

»Was ist das doch für eine elende Krankheit!«

»Eine teuflische Seuche«, stimmte Nicholas zu.

»Ich rede nicht von der Pest.«

»Wovon denn dann?«

»Von dieser anderen tödlichen Krankheit. Sie hat Gabriel Hawkes niedergestreckt und wird auch uns niederstrecken, wenn die Zeit gekommen ist.« 

»Was sagt Ihr da?«

»Ich rede vom Theater, Nick. Das Fieber im Blut, das jeden von uns dem Wahnsinn und unserem Grab nähertreibt.« Hoode lachte bitter auf. »Wer außer einem kranken Mann würde sich diesen Beruf aussuchen? Wir beide sind über jede Heilung hinaus infiziert. Wir haben den Bazillus falscher Hoffnungen und leeren Ruhms gefangen. Das Theater bringt uns noch alle um.«

»Nein«, sagte Nicholas. »Es erhält uns am Leben.«

»Aber nur, damit wir noch viel größere Leiden erdulden.«

»Der Tod unseres Freundes hat Euch schwer mitgenommen.«

»Er ist von seinem Beruf umgebracht worden.«

»Oder von jemand, der seinen Beruf hat.« Nicholas blieb stehen. »Gabriel Hawkes starb nicht einfach nur an der Pest. Die Seuche hätte ihn niemals so schnell dahingerafft, wenn es keine Mithilfe von anderer Seite gegeben hätte.«

»Hilfe?«

»Er ist ermordet worden, Edmund.«

*

Wie ein echter Schauspieler konnte Lawrence Firethorn der Versuchung nicht widerstehen, vor einem gebannten Publikum eine Rede zu halten. Westfield's Men waren an diesem Morgen im Queen's Head versammelt. Da dieser Gasthof ihre Heimat in London gewesen war, war es auch der richtige Ort, ihre Tournee zu beginnen. Die Gruppe versammelte sich in dem Raum, der bei Aufführungen als Kostümzimmer genutzt wurde. Ein großes Abenteuer stand ihnen bevor.

Alle waren da, auch Barnaby Gill, Rowland Carr, Simon Dowsett, Walter Fenby, der grinsende George Dart und Richard Honeydew sowie die anderen Schauspielschüler. Edmund Hoode saß bleich und trübsinnig am Fenster. Christopher Millfield lehnte in lässiger Haltung an einem Balken. Nicholas Bracewell stand im Hintergrund, weit genug weg, um der vollen Wucht von Firethorns Rede zu entgehen, dennoch nahe genug, um die Wirkung der Lektion auf die Mitglieder der Gruppe beobachten zu können.

Noch jemand befand sich im Raum, wie ein Geist bei einem Fest - das war der hohlwangige Alexander Marwood, der glücklose Wirt des Queen's Head. Klein, mager und allwöchentlich kahler werdend, hatte Marwood eine ungute Beziehung zu Westfield's Men, deren Kontraktverlängerung er regelmäßig als eine Folter betrachtete. Er empfand nicht das Geringste für das Drama an sich, hielt sogar die immer wieder erfolgende Invasion von Schauspielern und Theaterstücken für etwas so Entsetzliches, daß sein nervöser Gesichtstick nicht mehr zur Ruhe kam. Westfield's Men waren eine Gefahr für Haus und Hof, für seinen guten Ruf, für seine weiblichen Dienstboten und für seinen Verstand. Ohne sie ging es ihm bestimmt besser. Doch jetzt, als sie gingen und seinen Gasthof gegen die Landstraße eintauschten, jetzt, als sie seine Kneipe nicht fast jeden Nachmittag mit durstigen Zuschauern füllten, jetzt, als er vor seinem inneren Auge leere Schankräume, unverkauftes Bier und schwindende Gewinne sah - jetzt wurde ihm klar, daß sie in Wirklichkeit die Grundlage eines Lebensunterhalts gewesen waren.

»Verlaßt mich nicht«, sagte er wehleidig.

»Wir kommen ja wieder zurück, Master Marwood«, versprach Nicholas.

»Man wird die Gruppe sehr vermissen.«

»Wir gehen ja nicht freiwillig fort.«

»Diese Seuche ist wie ein Fluch auf uns!«

»Vielleicht hat sie aber auch etwas Gutes.«

Ein Gutes war es, dem trübseligen Wirt zu entkommen und seine endlose Litanei von Beschwerden nicht mehr hören zu müssen. Nicholas hatte nicht lange gebraucht, um diesen guten Aspekt zu entdecken. Er war derjenige, der am meisten mit Alexander Marwood zu verhandeln hatte und folglich auch am meisten unter seiner ewigen Melancholie litt. Das war eben eine der Pflichten, die Firethorn ihm listig zugeschoben hatte.

Der Erste Schauspieler stand auf und hob die Hand. Es wurde still. Er wartete eine volle Minute.

»Meine Herren«, begann er, »dies ist ein besonders wichtiger Tag in der Geschichte unserer Theatergesellschaft. Nachdem wir London bezwungen haben und uns die Stadt zu Füßen liegt, begeben wir uns jetzt auf eine triumphale Reise durch das ganze Königreich, um unsere Kunst noch weiter zu verbreiten. Westfield's Men haben eine heilige Aufgabe.«

»Und was ist mit mir?« winselte Marwood.

»Ihr habt ja schon Eure eigene Aufgabe, guter Herr.«

»Nennt sie mir.«

»Schlechtes Bier für gutes Geld zu verkaufen.«

Allgemeines Gelächter erfüllte den Raum. Jetzt, da sie das Gasthaus verließen, konnten sie es sich leisten, den übellaunigen Wirt zu verspotten. Er war kein beliebter Mann. Neben der heftigen Abneigung gegen die Schauspieler hatte er noch einen weiteren unangenehmen Fehler. Er bewachte die Keuschheit seiner halbwüchsigen Tochter entschieden zu streng.

»Unsere Abreise von hier ist nicht ohne Trauer«, sagte Firethorn. »Wir sind im Queen's Head lange Zeit willkommene Gäste gewesen, Master Marwood gebührt unser Dank für seine unbegrenzte Gastfreundschaft.«

Unterdrücktes Gelächter. Eines Tages würden sie wieder zurückkommen.

»Nur, wenn wir etwas hinter uns lassen, erkennen wir seinen wahren Wert. Das gilt auch für unser schönes Theater hier.« Firethorn umfaßte das ganze Gasthaus mit seiner Geste. »Wir werden es wegen seiner Wärme, seiner Magie und seiner vielen Erinnerungen vermissen. Aber gleichzeitig, Master Marwood, denke ich, daß Ihr Westfield's Men vermissen werdet, und hoffe, daß Ihr ein geisterhaftes Echo unserer Arbeit vernehmt, die wir hier geleistet haben, jedesmal, wenn Ihr über Euren Hof geht.«

Lawrence Firethorn schaffte das Unmögliche. Er schaffte es tatsächlich, dem Auge des Gastwirtes eine Träne zu entlocken. Jetzt wurde es Zeit, seine Gruppe aufzumuntern.

»Gentlemen«, fuhr er fort, »wenn wir London verlassen, dann verlassen wir es als Botschafter. Wir nehmen unsere Kunst mit uns auf die Landstraßen und Nebenstraßen Englands, und zwar unter dem Banner Lord Westfields. Sein Name ist unsere Ehrenspange, wir dürfen nicht zulassen, daß sie beschmutzt wird.« Firethorn deutete auf eine imaginäre Landkarte vor sich. »Wir reiten nach Norden, Sirs. Wir werden unterwegs viele Orte besuchen, doch unser wirkliches Ziel ist York. Dort haben wir im Auftrage unseres Schirmherrn eine besondere Aufgabe. York ruft uns.«

»Dann sollten wir vorwärtsmachen«, sagte Gill ungeduldig.

»Nicht in einer Stimmung der Resignation, Barnaby.«

»Mein Lächeln ist heute nicht zu Hause.«

»Es ist der Geist, über den ich spreche, Mann. Wir dürfen hier nicht losgehen wie eine Horde von Verirrten, die kein festes Zielt hat. Unser Ziel ist da, wenn wir es wirklich sehen wollen. Diese Reise ist eine Pilgerfahrt. Wir sind Pilger, die ihre Geschenke ins Heilige Land bringen. Gebt York einen anderen Namen, dann wird es eure Sinne auf ein höheres Ziel lenken. Ich sprach vom Heiligen Land. York ist unser Jerusalem.«

George Dart war so begeistert von der Rede, daß er freudig applaudierte. Barnaby Gill gähnte, Edmund Höode sah aus dem Fenster, und Christopher Millfield strengte sich an, ein Grinsen zu unterdrücken, doch die Mehrheit der Gruppe war begeistert von dem, was sie soeben gehört hatte. Jeder einzelne von ihnen hatte beim Gedanken an diese Reise schlimme Vorahnungen. Es war eine Reise ins Unbekannte, voller Gefahren, doch Firethorns Worte hatten interessant geklungen. Jetzt, da seine Rede sie angeregt hatte und weil sie die besänftigende Wirkung einer Illusion brauchten, versuchten sie, ihre Reise nach York in einem neuen Licht zu betrachten.

Wie eine Reise nach Jerusalem.

Tränen des Schmerzes überfluteten den Innenhof des Queen's Head. Als die Gruppe ins Freie trat, um die erste Etappe ihrer Reise zu beginnen, erblickte sie feuchte Augen und hörte sehnsüchtige Seufzer. Einige der Schauspieler waren verheiratet, andere hatten Freundinnen, die meisten hatten sich bei den leicht zu beeindruckenden Mädchen von Cheapside beliebt gemacht. Herzallerliebste wurden umarmt, Gedenkstücke ausgetauscht, Versprechen gemacht, Küsse in verschwenderischer Fülle verteilt. Angewidert wandte Barnaby all dem den Rücken zu; George Dart beobachtete alles mit einer Mischung aus Neid und Bedauern. Zu ihm kam kein Liebchen, um ihm den Abschied zu versüßen, kein Schatz hängte sich ihm um den Hals. Das war so gemein. Christopher Millfield lachte und scherzte mit fünf jungen Frauen, jede einzelne eindeutig total in ihn vernarrt. Vielleicht besaß George Dart nicht die gleiche Größe, Eleganz oder das gute Aussehen Millfields, doch auf seine eigene Art war er durchaus eine selbständige Persönlichkeit.

Wieso waren die fünf Frauen von seiner großspurigen Selbstsicherheit so fasziniert?

Konnte nicht eine davon für ihn bestimmt sein?

Nicholas Bracewell stand mit Anne Hendrik etwas abseits vom allgemeinen Trubel. Ihr Abschied verlief etwas zurückhaltender und formeller, nachdem sie den wahren Abschied bereits in der vergangenen Nacht in der privaten Atmosphäre ihres Schlafzimmers zelebriert hatten. Sie war ganz einfach nur gekommen, um ihm zuzuwinken, bevor sie sich auf ihre eigene Reise begab. Nicholas war gerührt.

»Damit hatte ich nicht gerechnet, Anne.«

»Beschäme ich Euch vor Euren Kollegen?«

»Von denen beneidet mich jeder einzelne.«

»Ihr schmeichelt mir, Nicholas. Hier sind heute jüngere und hübschere Frauen.«

»Ich hab' noch keine gesehen.«

Sie berührte zärtlich seinen Arm. Die Geste war sehr innig. Nicholas war kein extrovertierter Mann und liebte es nicht, Gefühle öffentlich zur Schau zu stellen; das Ausmaß seiner Gefühle bewahrte er sich für privatere Augenblicke auf. Anne respektierte das. Sie hatte ihn ganz einfach noch einmal sehen wollen, bevor ihre Wege sich trennten.

»Wann reist Ihr ab?« fragte er.   

»Gegen Mittag.«     

»Seid besonders vorsichtig.«

»Macht Euch um mich keine Sorgen.«

»Wer kümmert sich hier in London um die Geschäfte?«

»Preben van Loew.«

»Ein sehr guter Mann.«

»Er war Jacobs rechte Hand. Unter ihm wird das Geschäft blühen, da habe ich keinen Zweifel. Das läßt mich mit einem beruhigten Gefühl abreisen.«             

Lawrence Firethorn erinnerte alle an den Aufbruch.

»Wir haben einen Auftrag, meine Herren. Zur Tat!«

Noch ein letzter Wirbel aus Küssen und Umarmungen, dann befolgten die Schauspieler seinen Befehl. Nur drei Personen der Gruppe hatten ein Pferd zur Verfügung. Lawrence Firethorn saß auf einem kastanienbraunen Hengst, ausstaffiert mit einem wunderschönen roten, mit Figuren bestickten Wams aus Samt, dazu passenden Hosen und einem auffälligen, federgeschmückten Hut. Er wollte, daß die Leute ihn wahrnahmen, wenn sie ihn sahen. Barnaby Gill, ebenfalls auffällig herausgeputzt, ritt eine rotbraune Stute. Edmund Hoode auf einem Apfelschimmel trug etwas angemessenere Kleidung für jemand, der über staubige Straßen reisen mußte. Das Gepäck der Gruppe befand sich auf einem großen Karren, der von zwei gewaltigen Pferden gezogen wurde. Diesen Wagen fuhr Nicholas, auf ihm befanden sich die anderen Teilhaber und die Schauspielschüler. Der Rest der Gesellschaft bildete das Fußvolk.

Firethorn lüftete den Hut zum letzten Gruß.

»Adieu, liebliche Ladies! Wünscht uns alles Gute!«

Als sich Geschrei erhob, ritt er los und führte seine kleine Prozession durch das Haupttor hinaus. An einem Markttag wie heute war die Gracechurch Street eine wimmelnde Menschenmasse; vorsichtig mußten sie sich ihren Weg durch das Labyrinth der Marktstände und die wogende Menge suchen. Ein paar Rufe wurden laut, wenn jemand ihre Gesichter erkannte und ihre Kunst zu schätzen wußte, doch der Mehrzahl der kaufenden, verkaufenden und feilbietenden Menschen war es wichtiger, um den Preis frischer Eier zu feilschen.

Wo die Gracechurch Street in die Bishopsgate Street mündet, wurde das Gewimmel dünner, und sie konnten sich leichter bewegen. Vor ihnen lag eine der Hauptausfallstraßen der Stadt, der sie sich jetzt mit gemischten Gefühlen näherten. Firethorn hatte etwas von einer Pilgerreise gesagt, doch in Wirklichkeit konnte niemand auch nur ahnen, was jenseits dieser Mauern auf sie wartete. Der letzte Anblick der Stadt war alles andere als tröstlich.

Direkt über Bishopsgate ragte eine Reihe langer Stangen in die Luft. Auf ihren Spitzen steckten die verwesenden Köpfe von Verrätern, sonnenverbrannt und von Vögeln angepickt. Einer dieser Köpfe lenkte ihre Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich. Es war der Kopf eines Edelmannes, durch Schläge zertrümmert und ein Auge bereits von einem räuberischen Schnabel herausgerissen. George Dart, der hinter dem Karren marschierte, sah entsetzt nach oben und stupste Christopher Millfield an.

»Seht Ihr das, Sir?« 

»Ein Beispiel für jeden von uns, George.«

»Wer könnte das gewesen sein?«

»Das ist Anthony Rickwood aus Sussex.«

»Ihr kennt ihn also?«

»Er wurde erst vor zwei Tagen in Tyburn hingerichtet.«

Dart bemerkte etwas, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Das verbliebene Auge in dem deformierten, blutbesudelten Gesicht blickte ihn mit einer Wut an, die entsetzlich war. Es versuchte scheinbar, seinen Blick auf eine bestimmte Person zu richten.

»Master Millfield…«

»Ja, George?«

»Ich glaube, der starrt Euch an.«

*

Humphrey Budden verspürte fieberhafte Vorahnungen. Er wagte es kaum, seiner Frau von der Seite zu weichen, falls sie wieder einen Anfall bekäme. Die Nachbarn hatten sich über den Lärm aufgeregt, der aus seinem Schlafzimmer drang, und jetzt wirbelten alle Arten von Gerüchten durch die Gegend, wie Fledermäuse in einem Glockenturm. Das war schlimm für jemand in Buddens Position, deshalb hatte er sich erneut um Hilfe an Miles Melhuish gewandt. Gepeinigt von seiner eigenen zweideutigen Rolle in dieser Familientragödie, empfahl der Pfarrer tägliches Beten für Mann und Frau. Aber er hatte noch einen anderen Vorschlag für den leidenden Ehemann.

»Laßt uns am Fluß Spazierengehen, Eleanor.«

»Wenn Ihr es wünscht, Sir.«

»Das war noch vor kurzem unsere Lieblingsstelle«, erinnerte er sie. »Habt Ihr das so schnell schon vergessen?«

»Aber nein, gar nicht.«

»Begleitet Ihr mich dann also?«

»Ich gehorche meinem Mann.«

»Dann hier entlang…«

Eleanor war nicht mehr die Frau, die er geheiratet hatte. Die hübsche junge Witwe, die so lebenslustig gewesen war, hatte sich in einen nach innen gekehrten Menschen verwandelt, dessen Sinn nach Höherem ging. Dieser unerklärliche Horror im Schlafzimmer hatte ihn seines Hauptvergnügens beraubt. Eleanor war aus ihrem todesähnlichen Zustand erwacht ohne Erinnerung an das, was vorgefallen war. Sie wußte nichts von ihrer nackten Attacke auf den betenden Miles Melhuish. Alles war verloren. Dahin waren ihre Wärme, ihr Lachen, ihre Lebenslust. Jetzt war sie bedrückt und geistesabwesend. Seit vielen Nächten schlief Humphrey Budden in einem kalten Bett.

Er setzte sein Vertrauen auf Gottes strahlendhellen Tag.

»Setzt Euch hierhin, Eleanor.«

»Weshalb, Sir?«

»Weil ich mit Euch sprechen möchte.«

»Das Gras ist sicher weich, denke ich.«

Sie setzte sich auf den Rasen und breitete ihr Kleid um sich aus. Budden war gerührt. Eine Sekunde lang sah er wieder die Frau, die er geliebt, umworben und für sich gewonnen hatte. Das Glück strömte in ihn zurück. Sie waren zu der Stelle zurückgekehrt, an der alles begonnen hatte. Wenige Schritte vor ihnen rauschte das Wasser des Trent, der sich durch die grünen Wiesen schlängelte. Vielleicht kehrte der alte Zauber zurück, wenn er Geduld hatte. Er ließ sich neben ihr nieder und nahm ihre Hand.

»Eleanor…«

»Sir?«

»Seid meine Frau.«

»Das bin ich doch.«

»Seid es mehr als nur dem Namen nach.«

»Ihr sprecht in Rätseln.«

Unbeholfen legte er ihr den Arm um die Taille. Sein Mund wurde trocken. Er war sich seiner hölzernen Unbeholfenheit schmerzlich bewußt. Eleanor war zweimal verheiratet gewesen und zweimal Witwe geworden, bevor sie Humphrey kennengelernt hatte. Er war bereits weit über dreißig gewesen, bevor er jemals daran gedacht hatte, sich eine Frau zu suchen. Da war eine Kluft zwischen ihnen. In ihrer Hochzeitsnacht hatten sie diese Kluft überwunden, für viele lustvolle Monate, die folgten, aber jetzt war sie wieder da und hatte sich zu einer gewaltigen Schlucht verbreitert.

Er zwang sich, weiterzusprechen.

»Als wir uns zum erstenmal begegneten…«

»Ja, Humphrey?«

»Da sprachen wir von Kindern.«

»Ich hatte fünf und habe den armen Harry bei der Geburt verloren.«

»Ihr wolltet noch mehr. Meine Kinder, Eleanor.«

»Ich erinnere mich daran, Sir.«

»Unsere Kinder, liebe Frau, die Frucht unserer Liebe.« Er befeuchtete sich die Lippen. »Der Pfarrer ist der gleichen Ansicht in dieser Sache. Mit Gottes Hilfe wird ein neues Baby dich zu mir zurückbringen, so wie ich dich geliebt habe.« Seine Erregung steigerte sich. »Seid wieder meine Ehefrau, Eleanor. Erfüllt noch einmal Eure ehelichen Pflichten.«

Sie schaute am Flußufer entlang und beobachtete, wie ein Eisvogel heranschwebte und tauchte. Als sie sprach, war ihre Stimme gedämpft, doch ihre Worte hatten eine furchterregende Klarheit.

»Ich werde dein Bett nicht mehr mit dir teilen. Du bist mein Ehemann gewesen, so loyal, wie eine Frau ihn sich nur wünschen kann. Aber jetzt habe ich eine neue Aufgabe. Er hat mich gerufen, Sir. Er hat mir klare Anweisungen gegeben.«

»Wer hat das getan?«

»Auf wen außer Gott würde ich hören?«

»Klare Anweisungen, sagt Ihr?«

»Ich muß eine lange Reise antreten.«

»Aus welchem Grund?«

»Weil es von Gott verfügt ist.«

»Kann ich diese Reise mit Euch zusammen machen, Eleanor?«

»Nein, Sir. Ich gehe allein.«

»Wohin?«

»Ins Heilige Land.«

»Aber das geht nicht, Frau.«

»Er leitet meine Schritte. Es muß sein.«

»Das Heilige Land!« rief Budden aus.

»Wundert Euch nicht, Sir. Ich bin beauftragt worden.«

»Aus welchem Grund?«

»Den erfahre ich, wenn ich dort bin. In Jerusalem.«

3. KAPITEL

Westfield's Men tauschten das pulsierende Leben Londons gegen die ruhigeren Gefilde von Middlesex ein. Sie waren von Schwermut erfüllt. Kaum hatten sie das Stadttor hinter sich gelassen, wandten sie sich nach Norden, nach Shoreditch, vorbei am Curtain und am Theatre, zwei eigens errichteten Schauspielhäusern, in denen sie bereits mehrmals bemerkenswerte Aufführungen gehabt hatten. Diese Schauspielhäuser waren absichtlich außerhalb der Stadtgrenzen errichtet worden, um der Gerichtsbarkeit des Oberbürgermeisters und seines Stadtrats zu entgehen. Es waren vielbesuchte, laute und lebhafte Vergnügungsstätten, die ganze Menschenmassen anzogen. Solche Paradiese gab es für Westfield's Men nicht auf ihrer Tournee. Die ausgefeilten Möglichkeiten eines richtigen Theaters würden den beschränkten Voraussetzungen eines Innenhofes von Gasthäusern oder von Begrenzungen eines Raumes in einem Privathaus weichen. Vom rein künstlerischen Standpunkt aus gesehen war eine Tournee keine Pilgerfahrt.

Es war wie ein'Schicksalsschlag.

Sie zogen die Great North Road entlang, eine der vier großen Überlandstraßen des Königreiches. Sie führte sie an Islington Ponds vorbei, wo sie beobachteten, daß Männer zum Vergnügen auf wilde Enten schossen, dann erreichten sie offenes Gelände. Immer wieder sahen sie Bauerngehöfte rechts und links der Straße, Teil des großen landwirtschaftlichen Gürtels rund um London, der die Hauptstadt mit Getreide, Heu, Obst und Gemüse, Schlachtvieh, Schafen, Schweinen, Geflügel, Enten und Gänsen für die Märkte versorgte. Der städtische Schmutz lag hinter ihnen. Die Luft war sauberer, der Himmel klarer, die Farben kräftiger, der Blick konnte weit schweifen. Lungen und Nasen, die sich bereits an den beißenden Gestank der Großstadt gewöhnt hatten, konnten freier atmen.

Nicholas Bracewell hielt die beiden Zugpferde in flottem Trab und genoß die Landschaft. Neben ihm saß Richard Honeydew, der jüngste, kleinste und talentierteste der Schauspielschüler. Der Junge hatte schon längst erfahren, daß der Regisseur nicht nur sein zuverlässigster Freund in der Gruppe war, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle der Information.         

»Master Bracewell…«

»Ja, mein Junge?«

»Ich bin noch nie außerhalb von London gewesen.«

»Dann wird das für dich eine interessante Erfahrung, Dick.«

»Müssen wir mit großen Gefahren rechnen?«

»Nun, denk nicht an solche Dinge.«

»Die anderen Jungen reden von Dieben und Wegelagerern.«             

»Die wollen dich doch nur erschrecken, Junge.«

»Martin sagt, Zigeuner könnten mich entführen.«

»Er amüsiert sich über deine Unerfahrenheit.«

»Werden wir überhaupt keinen Gefahren begegnen?«

»Nicht solchen, wegen derer du dir große Sorgen machen müßtest, Dick.«

»Warum tragt Ihr dann ein Schwert?«

Sämtliche Männer waren bewaffnet, die meisten hatten einen Dolch im Gürtel und ein Schwert oder einen Degen an der Seite. Das war für jeden Reisenden eine unverzichtbare Vorsichtsmaßnahme. Verbrecher, Räuber und Vagabunden lauerten entlang der Straßen auf ihre Opfer. Nicholas wollte dem Jungen keine Angst einjagen, indem er etwas davon sagte, statt dessen erklärte er ihm, daß allein schon die Größe und die Stärke der Gruppe jeden denkbaren Angreifer abschrecken werde. Richard Honeydew werde auf dem platten Land genauso sicher sein, als schlafe er in seinem Bett in jenem Haus in Shoreditch, in dem Margery Firethorn ein strenges, aber liebevolles Regiment führte. Der Junge entspannte sich sichtlich.

Richard Honeydew, klein, dünn und mit dem Schmelz der Jugend auf seinen zarten Gesichtszügen, war von der Natur geradezu für weibliche Rollen geschaffen worden. Sein jungenhafter Charme wurde noch liebenswürdiger, wenn er das Geschlecht wechselte; seine ungezwungene Hübschheit verwandelte sich problemlos in die Schönheit einer jungen Frau. Sein dichtes blondes Haar, das meistens unter Perücken verborgen war, drängte sich jetzt unter seiner Mütze hervor. Weil der Junge sich seiner natürlichen Anziehungskraft überhaupt nicht bewußt war, wirkte diese um so stärker.

»Möchtest du gerne mal auf einem Pferd reiten, Dick?«

»Oh, ja, Master Gill.«

»Dann schwing dich hinter mich, Junge.«

»Ist das auch nicht gefährlich, Sir?«

»Wenn du dich ordentlich an meinen Hüften festhältst.«

Barnaby Gill hatte sein Pferd neben den Karren gelenkt und bot dem Jungen jetzt seine behandschuhte Hand. Nicholas mischte sich geschickt ein.

»Ich brauche den Jungen, damit er mir bei den Zügeln hilft.«

»Ach, wirklich«, sagte Barnaby Gill anzüglich.

»Er muß lernen, wie man den Wagen lenkt.«

»Dafür habt Ihr genügend andere Schüler, Mann.«

»Aber keinen, der so geschickt ist wie Richard Honeydew.«

»Kommt schon, laßt mich ihm andere Dinge beibringen.«

»Heute geht er nicht zur Schule, Master Gill.«

Nicholas sprach mit freundlicher Stimme, aber durchaus bestimmt, und der andere zog sich mit einem wütenden Blick zurück. Der Junge ahnte noch nichts von den finsteren Aspekten der Freundschaft, die Barnaby Gill ihm immer mal wieder anbot, und Nicholas mußte sich zu seinem Schutz einmischen. Richard Honeydew, der nichts von dem verstanden hatte, was zwischen den beiden Männern vorgegangen war, fühlte sich ganz einfach enttäuscht, daß er nun nicht reiten durfte.

»Muß ich wirklich lernen, wie man den Wagen lenkt?«

»Jeder von uns muß mal die Zügel in die Hand nehmen.«

»Warum wirkte Master Gill so verärgert?«

»Weil er sich seine Wünsche nicht erfüllen konnte.«

»Darf ich denn niemals auf einem Pferd reiten?«

»Master Hoode ist bestimmt jederzeit dazu bereit.«

Die Gruppe zog ihres Weges und unterbrach die Reise nur kurz, um in einem Gasthaus eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Wären sie alle zu Pferde gewesen, hätten sie an die dreißig Meilen pro Tag zurücklegen können, aber ihre Mittel erlaubten eine so große Zahl Pferde nicht. Da sie sich folglich nur im Fußgängertempo fortbewegten, mußten sie sich mit einer viel geringeren Tagesleistung zufriedengeben. Wenn sie sich anstrengten, würden sie vor Einbruch der Dunkelheit zwanzig Meilen schaffen, aber das hätte sie ziemlich erschöpft und ihnen weder die Zeit noch die Kraft gelassen, aus dem Stegreif eine Vorstellung zu geben, wo sie Quartier machten. Lawrence Firethorn und Nicholas Bracewell hatten sich ausführlich über ihre Reiseroute unterhalten. Es war wichtig, das richtige Tempo anzuschlagen.

Richard Honeydew drängte es nach weiterer Aufklärung.

»Habt Ihr diesen Kopf gesehen, Master Bracewell?«

»Kopf?«

»Als wir London verließen. Auf der Stange bei Bishopsgate.«

»Das habe ich bemerkt, Junge.«

»Der Anblick des einen Kopfes hat mich ganz krank gemacht.«

»Das war auch zum Teil die Absicht dahinter.«

»Kann denn irgendein Mann ein solches Schicksal wirklich verdienen?«

»Anthony Rickwood war ein Verräter, und die Strafe für Verrat ist der Tod. Ob dieser Tod so brutal und barbarisch erfolgen sollte, das ist eine andere Frage.«

»Wer war der Mann?«

»Teil einer katholischen Verschwörung«, sagte Nicholas. »Er und seine Genossen planten, die Königin während einer Reise nach Sussex zu ermorden.«

»Wie wurde diese Verschwörung denn entdeckt?«

»Durch Sir Francis Walsingham. Seine Spione sind überall. Einer seiner Informanten erfuhr gerade rechtzeitig von der Verschwörung, und Master Rickwood wurde auf der Stelle verhaftet.« 

»Und was passierte mit den anderen Verschwörern?«

»Die werden verhaftet, sobald ihre Namen bekannt sind. Der Herr Minister wird nicht rasten, bis er den Kopf von jedem einzelnen auf die Stange gespießt hat. Er hat geschworen, daß er alle katholischen Verräter ihrer Strafe zuführen wird.«

»Wird er das schaffen?«

»Daran gibt es keinen Zweifel, Dick. Seine Spione sind handverlesen und bestens für ihre Arbeit ausgebildet. Er führt sie mit großem Geschick. Es waren nicht nur unsere Admiräle, die die spanische Armada besiegten. Dem Herrn Minister verdanken wir viel dabei. Er war es, der die Stärke und Bewaffnung der spanischen Flotte vorhersagte.«

»Ihr scheint viel über ihn zu wissen.«

»Ich bin mit Drake gesegelt«, sagte Nicholas, »und der war mit Sir Francis Walsingham eng befreundet.«

»Wirklich?«

»Der Minister hat stets großes Interesse an den Fähigkeiten unserer Navigatoren bewiesen.«

»Warum?«

»Weil er finstere Absichten damit verfolgte.«

»Was war denn das, Master Bracewell?«

»Piraterie.«

Der Junge riß die Augen auf, als ihm etwas klar wurde.

»Sir Francis Drake ein Pirat?« rief er aus.

»Wie würdest du es denn sonst nennen, wenn ausländische Schiffe und Städte überfallen wurden?« fragte Nicholas. »Piraterie. Klar und eindeutig. Ich war dort, Junge. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.«

»Aber Piraterie ist ein fürchterliches Verbrechen.«

»Da gibt es Möglichkeiten, diesem Problem aus dem Wege zu gehen.«

»Tatsächlich?«

»Ja, und ich vermute, daß Walsingham der Mann war, der diese Möglichkeit herausfand. Er überredete die Königin, sich an der Sache zu beteiligen. Als Gegenleistung für den Erhalt eines Teils der Beute stellte uns Ihre Majestät Kaperbriefe aus.«

»Kaperbriefe?«

»Die verwandelten uns von Piraten in Freibeuter.«

»Und das hat unsere geliebte Königin tatsächlich getan?«

»Mit stillschweigender Einwilligung von Walsingham. Er drängte sie, Drake und seinesgleichen zu ihren gesetzlosen Taten zu ermutigen. Wenn sie spanische Schiffe überfielen, lenkten sie Geld in die Schatullen des Schatzkanzlers und zwickten den römischen Katholizismus in die Nase.«

Richard Honeydew blieb die Luft weg, als er versuchte, das alles zu verdauen. Er war zutiefst schockiert über die Tatsache, daß ein großer Nationalheld irgendwann einmal in Piraterie verwickelt gewesen war, aber er zweifelte nicht an Nicholas' Worten. Auch der religiöse Aspekt brachte ihn ganz durcheinander.

»Warum wollen die Katholiken denn die Königin umbringen?«

»Sie ist das Symbol unserer protestantischen Nation.«

»Ist es denn solch ein Verbrechen, Rom zu gehorchen?«

»Ja, mein Junge«, sagte Nicholas. »Die Zeiten haben sich geändert. Mein Vater wurde noch in der alten Religion großgezogen, doch unter König Heinrich wurde er zu einem Protestanten gemacht, und das ganze Land ebenfalls. Die meisten Leute würden es nicht wagen, an die Dinge zu glauben, an die mein Vater zu seiner Zeit geglaubt hat. Sie haben Angst vor Walsingham.«

»Ich auch«, sagte der Junge.

»Was auch immer passiert, das Leben der Königin muß geschützt werden.«

»Auf jede nur erdenkliche Weise.«

»Deshalb brauchen wir auch so viele Spione.«

Richard Honeydew dachte an den Schädel auf dem Spieß. »Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht katholisch bin«, sagte er.

*

Das Münster von York stach mit seinen drei großen Türmen in den Himmel und warf einen langen Schatten der Frömmigkeit über die Häuser und Läden, die sich dicht um sein Fundament drängten. Es war die schönste Kathedrale in ganz England und zugleich das größte mittelalterliche Gebäude im gesamten Königreich. Die Arbeit daran hatte vor langer Zeit, im Jahre 1220, begonnen und zog sich über ein halbes Jahrhundert hin. Das Ergebnis war tatsächlich atemberaubend, ein gotisches Meisterwerk, welches das gesamte Spektrum architektonischer Stile darstellte, ein würdiges Denkmal für die Liebe und Verehrung zahlreicher Generationen von Christen, die an dem Bauwerk mitgewirkt hatten. Besucher, die sich York näherten, konnten die Kathedrale schon viele Meilen vorher sehen, wie sie sich majestätisch über die Stadt erhob, wie ein Lichtstrahl inmitten weltlicher Finsternis.

Sir Clarence Marmion hatte für all das nicht einmal einen flüchtigen Blick übrig, als er mit seinem Pferd durch Botham Bar in die Stadt hineinritt. Er war ein großer, distinguierter, leichenblasser Mann in den Fünfzigern, mit jener herrschaftlichen Haltung und einem teuren Aufzug, die die Leute dazu veranlaßte, voller Ehrerbietung den Hut zu lüften, wenn er an ihnen vorbeiritt. Als er Petergate hinter sich gelassen hatte, bog er in The Shambles ein, deren gewundene Enge er zügig durchmaß, wobei er unter vorstehenden Dächern den Kopf beugte, mit den Schultern die Hauswände berührte und sich mit seinem Pferd vorsichtig einen Pfad durch die Menschenmenge bahnte. Hoch über ihm vermischte sich das Gebimmel der Glocken mit den geschäftigen Geräuschen der Arbeitswelt. Irritiert schnalzte er mit der Zunge.

Sein Pferd trug ihn jetzt am linken Ufer des Flusses entlang, bis er ihn bei der Ouse Bridge überqueren konnte. Als er auf Micklegate zuhielt, strömten die Menschen auf dem Weg zum Markt in die Stadt. Er bog in einen Torweg ein und befand sich auf einem gepflasterten Innenhof. Ein Stallknecht rannte herbei, um sein Pferd zu halten, während er abstieg; als Dank erhielt er nur ein mürrisches Grunzen. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Sir Clarence war kein zufälliger Besucher in diesem Gasthaus. Es gehörte seiner Familie bereits seit Jahrhunderten.                       

Das Gasthaus »The Trip to Jerusalem« war ein langes, niedriges Fachwerkgebäude, das sich mit den unmöglichsten Verwinkelungen ausdehnte. Es stammte aus dem 12. Jahrhundert und soll ein Rastplatz für Soldaten gewesen sein, die im Jahre 1189 nach Süden ritten, um sich dem Kreuzzug anzuschließen. Damals war es das Brauhaus des Schlosses und gab sich aus einem gewissen Gefühl fürs Geistliche den Namen »Pilgrim«. Unter der Leitung von Sir Clarence Marmion hatte es seinen vollen Namen bekommen, obwohl die Stammgäste es normalerweise und durchaus prägnant mit »Jerusalem« bezeichneten.

Sir Clarence zog den Kopf unter dem niedrigen Türbalken ein, ging durch den Flur und betrat den Schankraum. Eine Wolke aus Bier- und Tabaksdunst schlug ihm entgegen. Als er sich zu voller Höhe aufrichtete, berührte sein Kopf beinahe die unebene Zimmerdecke.

Der Gastwirt reagierte sofort auf sein Erscheinen, hastete hinter dem Schank hervor, wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und nickte unterwürfig.

»Einen guten Tag wünsche ich, Sir Clarence!«

»Euch auch, Sir.«

»Willkommen im ›Jerusalem‹.«

»Wenn das doch nur wahr wäre!« erwiderte der andere temperamentvoll.

»Euer Zimmer ist bereits fertig, Sir Clarence.«

»Ich ziehe mich gleich dorthin zurück.«

»Läutet die Glocke, wenn Ihr einen Wunsch habt.«

»Wir dürfen unter keinen Umständen gestört werden.«

»Natürlich nicht, Sir Clarence«, sagte der Hauswirt und verbeugte sich kriecherisch. »Ich verspreche Euch, niemand wird auch nur in die Nähe Eures Zimmers kommen. Überlaßt das nur mir.«

Seine Hände, groß, feucht und patschig, kneteten sich gegenseitig aus lauter Nervosität. Der Besucher schien jedesmal diese Wirkung auf Lambert Pym zu haben. Selbst nach einem Jahrzehnt als Wirt dieses Gasthofes hatte er seine Angst vor dem Temperament der Marmions immer noch nicht verloren. Ein Zittern durchlief seinen pummeligen Körper, sobald der Besucher ihn ansprach, seine ruppige Art, mit der er normalerweise die Gäste abfertigte, verschwand urplötzlich hinter einer übertriebenen Unterwürfigkeit.

Sir Clarence blickte voller Verachtung auf ihn hinab. »Ich habe Nachrichten aus London.«

»Tatsächlich, Sir Clarence?«

»Eine Gruppe von Theaterleuten ist unterwegs hierher.«

»In diesem Sommer haben wir viele Theaterleute in York.«

»Westfield's Men sind nicht das übliche Volk. Sie sind mir von einem Freund empfohlen worden, und dieser Empfehlung will ich Folge leisten.«

»Wie Ihr wünscht, Sir Clarence.«

»Die Gruppe wird hier auf meine Kosten Unterkunft erhalten.«

»Eure Gastfreundschaft gereicht Euch zur Ehre.«

»Die Gruppe wird in Eurem Hof eine Vorstellung geben.«

»Ich werde sofort die notwendigen Anweisungen geben, Sir Clarence.«

»Eine zweite Aufführung wird in Marmion Hall stattfinden.«

»Ich hoffe, die Leute wissen ihr großes Glück zu schätzen«, sagte der Wirt und zupfte sich seinen verfilzten schwarzen Bart. »Wann dürfen wir die Schauspieler erwarten?«

»Frühestens in zehn Tagen. Sie haben noch andere Verpflichtungen.«

»Nirgendwo wird man sie so willkommen heißen wie im ›Jerusalem‹.«

»Das ist meine Forderung an Euch. Kümmert Euch darum.«

Lambert Pym verbeugte sich, dann rannte er durch den Raum, um eine kleine Tür aufzureißen, die zu einer schmalen Treppe führte. Sein schwammiges Gesicht verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln.

»Euer Gast ist bereits drinnen, Sir Clarence.«

»Ich hatte nichts anderes erwartet.«

»Der Raum steht Euch zur Verfügung, solange es Euch beliebt.«

»Wie alles andere auch.«

Und mit dieser spitzen Bemerkung bückte sich Sir Clarence, um durch die niedrige Tür zu treten, und stieg die knarrenden Stufen hinauf. Am Ende des Flurs betrat er ein Zimmer, das auf der Rückseite des Hauses lag. Sein Gast saß hinter einem kleinen Eichentisch und erhob sich, als er eintrat. Sir Clarence winkte ihn mit der Hand in seinen Sessel zurück und schritt durch den Raum, um sich damit vertraut zu machen und die private Atmosphäre zu prüfen. Erst, als er auch den letzten Winkel inspiziert hatte, setzte er sich ebenfalls an den Tisch.

Er zog seinen Handschuh aus, griff mit der Hand in sein Wams und zog den zweiten Brief heraus, den er aus London erhalten hatte. Sein Inhalt ließ ihn die Zähne zusammenbeißen.

»Schlechte Nachrichten, Sir.«

»Wie wir es befürchtet haben?«

Er reichte den Brief hinüber, sein Gast ergriff ihn mit furchtsamer Hast. Er war klein, hellwach und einfach gekleidet. Robert Rawlins hatte die Haltung und Gestik eines Gelehrten. Sein verkniffenes Gesicht, die klugen Augen und gerundeten Schultern deuteten auf langjährige Arbeit mit klugen Büchern in staubigen Bibliotheken. Er brauchte nur Sekunden, um den Brief zu lesen, und blickte voller Entsetzen auf.

»Mögen alle Heiligen uns beschützen!«

*

Es war ein gutes Omen. An ihrem ersten Abend ohne den Komfort der Hauptstadt trafen Westfield's Men auf Freundlichkeit und Großzügigkeit. Sie machten im »Fighting Cocks« Station, einem schönen und angenehmen Haus, das Enfield Chase überblickte. Dies war ein Hotel, in dem ihr Schirmherr auf seinen Reisen von und nach St. Albans, seinem Besitz, häufig abstieg; sie waren jetzt die Nutznießer dieser Gewohnheit. Der Gastwirt empfing die Gruppe nicht nur mit weit ausgebreiteten Armen, er sorgte auch dafür, daß jeder in einem weichen Bett schlafen konnte, und nahm nur eine kleine Vergütung für seine Mühen. Für die Schauspieler war es wie ein Geschenk des Himmels. Es würden Zeiten kommen, in denen einige von ihnen auf Stroh in den Stallungen übernachten oder sogar unter freiem Himmel kampieren mußten. Richtige Betten, selbst wenn man sie mit ein paar ruhelosen Genossen teilen mußte, waren ein Luxus, den man gerne auskostete.

Es gab noch mehr gute Nachrichten an diesem Abend. Im Hotel »Fighting Cocks« übernachteten noch andere Gäste, wohlhabende Kaufleute, die ihre Heimreise nach Kent hier unterbrachen und denen der Sinn danach stand, ihre geschäftlichen Erfolge mit angenehmer Unterhaltung etwas zu feiern. Westfield's Men bedienten sie mit allerhand Rezitationen aus dem Stegreif. Lawrence trug Reden aus seinen Lieblingsstücken vor, Barnaby Gill zeigte seine lustigen und komischen Tanzeinlagen, und Richard Honeydew sang Lieder zur Laute. Der gute Wein und echte Bewunderung brachten die Kaufleute dazu, sich von zehn Schillingen zu trennen, einer großzügigen Gabe, die direkt in die Schatulle der Gesellschaft wanderte.

Am nächsten Morgen blieb ihnen das Glück gewogen. Das Wetter war hervorragend, der Gastwirt versorgte sie mit Freibier und Proviant für die Reise. Frohgemut brachen sie auf. In Hertfordshire rechneten sie mit gutem Grund auf ein herzliches Willkommen. Hier, in der Grafschaft, in der er geboren war, hatte Lord Westfields Name einen guten Klang, was sich durch besonderes Entgegenkommen auszahlen würde. 

Nicholas Bracewell wurde vorausgeschickt, um Vorbereitungen für ihre Ankunft zu treffen. Er lieh sich den Apfelschimmel von Edmund Hoode und ritt in leichtem Trab auf Ware zu. Man hatte dem Regisseur diesen Auftrag nicht etwa nur gegeben, weil er ein guter Reiter war. Ausschlaggebend war seine Fähigkeit, auf sich selber aufzupassen. Alleinreisende waren auf bestimmten Straßenabschnitten Freiwild für alle Arten von Räubern, aber selbst der letzte Verbrecher würde es sich zweimal überlegen, ob er sich mit einem so kräftigen und gewandten Mann wie Nicholas Bracewell anlegen sollte.

Hertfordshire, eine der kleinsten Grafschaften, war die Wasserscheide für eine Anzahl von Flüssen; Nicholas kam häufig in die Nähe rauschender Wasserläufe. Vieh weidete auf den Wiesen, gebeugte Gestalten sammelten die letzten Reste der Heuernte ein. Er passierte einen Wald und ein Wildgehege, bevor er einen Marktgarten erreichte, der sich auf die Produktion von Wasserkresse spezialisiert hatte. Die Grafschaft war bekannt für die hohe Qualität ihrer Wasserkresse, die als gutes Heilmittel gegen Skorbut eingesetzt wurde, von dem so viele Londoner befallen waren. Ein freundlicher, hilfsbereiter Gärtner wies ihm die korrekte Richtung, Nicholas trieb sein Pferd an und ritt seines Weges.

Ware war eine kleine, liebenswürdige Dorfgemeinde, die ihren täglichen Geschäften nachging, ohne sich groß zu beklagen. Theatergruppen konnten nicht so ohne weiteres in einer Stadt aufkreuzen und Aufführungen veranstalten. Zunächst mußten eine Aufführungserlaubnis eingeholt und eine Spiellizenz besorgt werden. In größeren Ortschaften war es der Bürgermeister, der diese Lizenzen erteilte, doch Ware war so klein, daß es sich eine solche Persönlichkeit nicht leisten konnte. Nicholas begab sich statt dessen zu einem der örtlichen Ratsherren.

Tom Hawthornden war für seine Offenheit bekannt.

»Ihr könnt hier nicht spielen, Sir.«

»Aber wir sind Westfield's Men.«

»Von mir aus könnt Ihr die persönliche Theatergruppe der Königin sein, Master Bracewell. Wir haben nur wenige Interesse an Unterhaltung, und das ist bereits voll befriedigt worden.«

»Durch wen, Master Hawthornden?«

»Von solch einer Truppe wie Euch.«

»Wann war das?«

»Gerade erst vor zwei Tagen. Ich erinnere mich ganz genau.«

»Unser Angebot ist bestimmt das Bessere«, sagte Nicholas. »Wir sind keine Wandergruppe irgendwelcher Schauspieler, Sir. Master Lawrence Firethorn gehört zu den besten seines Berufes. Westfield's Men gelten als die feinste Theatergruppe in ganz London.«

»Eure Mitbewerber haben sich ebenfalls so bezeichnet.«

»Dann vergleicht unsere Kunst mit der dieser anderen Gruppe.«

»Das dürfte kaum ausreichen«, sagte Hawthornden und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Macht, daß Ihr weiterkommt, Sir. Ware hat eine so lustige Komödie zu sehen bekommen, wie man sie kein zweites Mal erleben wird. Die erheitert uns noch für Wochen. Zusätzliche Zerstreuung brauchen wir nicht mehr.«

Nicholas hielt ihn zurück, als er gehen wollte.

»Hört mich an, Master. Wir bieten euch eine Aufführung mit so viel Lachen, Tanzen, Singen und Fechtkünsten, daß die Bewohner von Ware ein ganzes Jahr davon zehren werden. Es geht um eine so lustige Komödie, wie man sie nur von Westfield's Men zu sehen bekommt.«

»Zu spät, Sir. Viel zu spät.«                       

»Aber seht Euch ›Liebe und Narretei‹ doch einmal an. Ihr werdet es nicht bereuen.«

»Wie habt Ihr das Stück gerade genannt?«

»Liebe und Narretei.«

»Dann ist Eure Reise tatsächlich vollkommen vergeblich.«

»Wieso?«

»Weil wir dieses Stück schon gesehen haben, Sir.«

»Das ist unmöglich, Master Hawthornden«, sagte Nicholas voller Überzeugung. »Wir besitzen das Aufführungsrecht für dieses Stück. Ich habe das Manuskript hinter Schloß und Riegel. Was Ihr gesehen habt, war vermutlich ein ganz anderes Stück mit dem gleichen Titel. Unser Stück erzählt die Geschichte eines gewissen Rigormortis, eines alten Mannes, der von Amors Pfeilen getroffen wird.«

»Jawoll«, sagte Hawthornden. »Der verliebt sich in jedes weibliche Wesen, das ihm zu Gesicht kommt, und stößt die einzige zurück, die ihn wirklich liebt. Die hieß Ursula und hat uns herzhaft zum Lachen gebracht.«

Nicholas war platt. Das klang wie ihr eigenes Stück. Als Tom Hawthornden noch weitere Einzelheiten der Handlung vortrug, war der Fall klar. Ware hatte tatsächlich eine Aufführung des Stückes »Liebe und Narretei« erlebt, obwohl Westfield's Men das exklusive Aufführungsrecht daran besaß. Eine phantastische Geschichte.

Tom Hawthornden ließ sich zu einer unhöflichen Verabschiedung hinreißen.

»Macht, daß Ihr Eures Weges kommt, Sir. Ihr habt hier nichts zu suchen.«

Nicholas packte ihn an der Schulter und hielt ihn fest.

»Wie war der Name dieser anderen Theatergruppe?«

*

Schon vierundzwanzig Stunden nach seiner Abreise meldeten sich die Gewissensbisse. Margery Firethorn fing an sich zu wünschen, sie hätte ihrem Mann einen schöneren Abschied bereitet. Dann hätten sie sich nicht in einer so gezwungenen Atmosphäre voneinander getrennt. Hätte sie seine Annäherungsversuche nicht zurückgewiesen, hätten sie ihre letzte Nacht in ehelichen Freuden verbringen können, die ihr Herz mit Freuden erfüllt und ihr Gewissen beruhigt hätten. Statt dessen fühlte sie sich verletzt, reizbar und unbehaglich. Lange, einsame Monate würden vergehen, bevor sie ihren Gatten wiedersah.

Schon jetzt empfand sie das Haus in Shoreditch kalt und leer. Vier Schauspielschüler und zwei Angestellte der Gruppe hatten hier gewohnt, die sie alle mit mütterlicher Sorge gehegt hatte. Jetzt war sie mit einem kleinen Teil ihrer umfangreichen Familie zurückgeblieben. Die schlimmste Abwesenheit war die von Lawrence Firethorn. Als Mann und Schauspieler war er eine strahlende Gestalt, deren Fehlen eine tiefe Kluft zurückließ. Er hatte seine Fehler, niemand wußte das besser als seine eigene Frau. Aber die reduzierten sich zur völligen Bedeutungslosigkeit, wenn sie an die Lebhaftigkeit, die Farben und die Atmosphäre dachte, mit der er das Haus erfüllte. Vor allem aber, wenn sie an die tausend ungestümen Liebesakte dachte, mit denen er sie in seiner flammenden Begeisterung beglückt hatte.

In dieser traurigen Verfassung stieg sie die Treppe zum Schlafzimmer empor, jenes Zimmer, das sie mit dem Mann teilte, den sie jetzt als Ausbund der Tugend betrachtete. Welcher andere Ehemann hätte ihre Gefühle und ihre Leidenschaft über so viele Jahre hinweg fesseln können? Welches andere Mitglied dieses unsicheren Berufsstandes machte sich so viele echte Sorgen um seine Frau und seine Kinder? Daß andere Frauen ihn liebten und begehrten, war für sie ein offenes Geheimnis, doch selbst das konnte ein Grund für Stolz sein. Sie war das Ziel intensiven Neides. Wenn professionelle Schönheiten es nicht mal für eine Nacht geschafft hatten, ihn ganz zu besitzen — sie hatte ihn für ein ganzes Leben an sich gefesselt. Daß andere Frauen ihm nachstellten, konnte ihr nur zum Nutzen gereichen.

Als sie jetzt an ihre letzten gemeinsamen Stunden zurückdachte, erkannte sie, wie unfreundlich sie zu ihm gewesen war. Lawrence Firethorn war einzigartig, und es war ihre Aufgabe, diese Einzigartigkeit zu respektieren und zu hegen. Er war gar nicht der gleichgültige Vater, als den sie ihn bezeichnet hatte, weder der eigensüchtige Ehemann noch der zügellose Wüstling. Er war ganz einfach ein großer Mann, der insgesamt gesehen eine bessere Behandlung von ihr verdiente.

Sie saß auf der Bettkante und strich mit zarter Hand über den Mantel, den er so fürsorglich für sie zurückgelassen hatte. Dies war sein zweitbester Mantel, den er in der Titelrolle von »Vincentios Rache« getragen hatte, geradezu getränkt mit den Erinnerungen an diesen Triumph. In dem Bewußtsein, was es ihn gekostet hatte, sich davon zu trennen, hatte sie die ganze Nacht mit dem Mantel über sich geschlafen. Das war das einzig greifbare Erinnerungsstück an ihn.

Außer dem Rubin.

Margery schoß in die Höhe. Sie hatte beschlossen, alles über diesen Ring zu vergessen. Er war ja gerade der Grund für ihren bitteren Wortwechsel gewesen, deshalb hatte sie ihn aus den Augen und aus dem Sinn geschoben. Jetzt bekam der Ring eine ganz neue Bedeutung. Er war ein Liebesbeweis ihres Gatten, eine Bekräftigung und Bestätigung ihrer Ehe zu einem Zeitpunkt, an dem sie unter ganz besonders starkem Druck stand. Sie beschimpfte sich, daß sie so undankbar gewesen war, und lief zu dem Schubfach, in dem sie ihn versteckt hatte. Sie wollte den Ring voller Stolz so lange tragen, bis sie wieder mit ihm vereint war.

Glühend vor Leidenschaft zog sie das Schubfach heraus. Doch der Ring war verschwunden. An seinem Platz lag eine kleine Pergamentrolle. Als sie sie aufrollte, erkannte sie, daß es eine Botschaft ihres Mannes war.

»Lebe wohl, meine geliebte Liebe. Da der Rubin in Shoreditch nicht willkommen ist, werde ich ihn selber in Arkadien tragen.«

Margery Firethom war wie ein schwelendes Feuer. Sie wußte nur zu gut, wo dieses Arkadien lag. Es war der Schauplatz eines Stückes von Edmund Hoode. Anstatt ihren Finger zu zieren, würde er jetzt im »Melancholischen Liebhaber« getragen. Das war beschämend. Das war also die Wertschätzung, die man für sie hegte.

Die Liebe war ihr buchstäblich aus den Fingern gerissen worden.

Ihren Wutschrei konnte man hundert Yards weit vernehmen.

*

Die Sakristei der Pfarrkirche von St. Stephen war selbst bei wärmstem Wetter kühl und feucht, doch Humphrey Budden hatte das Gefühl, sich in einem Glutofen zu befinden. Sein Elend hatte ihn hierher geführt und verstärkte sich von Minute zu Minute. Er hatte eine beschämende Beichte abzulegen. Der einzige Trost war, daß Miles Melhuish sich offenbar ebenso unwohl fühlte wie er selber. Trotz seiner Neigung, sich selbstgefällig und salbungsvoll zu geben, war er jetzt zwischen zurückhaltendem Interesse und zunehmender Besorgnis hin und her gerissen. Er hatte zwar zahlreiche seiner Pfarrkinder getraut und mit weisen Worten in das Land ehelicher Wonnen entlassen, doch hatte er selber niemals gewagt, dieses gelobte Land selbst zu erkunden. Diese Tatsache diente nur dazu, den nervösen Budden noch mehr einzuschüchtern. Wie konnte jemand überhaupt seine schwierige Lage verstehen, vor allem ein rundlicher Junggeselle, dessen Vorstellung von nächtlichen Freuden darin gipfelte, in religiöser Verzückung stundenlang neben seinem Bett zu knien?

Miles Melhuish saß seinem Besucher am Tisch gegenüber und streckte ihm die Hand entgegen. Ein leichter Hauch von Weihrauch erfüllte die Luft. Die Atmosphäre des Religiösen war überwältigend. Ihre Stimmen hallten wie in einer Gruft.

»Sprecht zu mir, Humphrey«, erinnerte ihn der Priester.

»Ich will es versuchen, Sir.«

»Geht es wieder um Eure Frau?«

»Ich fürchte, ja.«

»Weint und jammert sie immer noch?«

»Dem Himmel sei Dank, nein, aber jetzt gibt es etwas noch Schlimmeres.«

»Für wen?«

Humphrey Budden brannte vor lauter Beschämung. Seine Wangen glühten, er fühlte sich, als fahre ihm heißer Dampf aus jeder einzelnen Pore.

»Habt Ihr gebetet?« fragte Melhuish streng.

»Pausenlos.«

»Hat Eleanor mit Euch zusammen gebetet?«

»Das ist die einzige Gelegenheit, bei der ich ihr nahekommen kann.«

»Was sagt Ihr da?«

»Sie hat mich beiseite geschoben.«

»Erklärt Euch etwas genauer.«

Diese Bitte war schwierig zu erfüllen. Der Mann, der die delikate Kunst der Spitzenherstellung erlernt hatte, sah sich jetzt gezwungen, Worte aus sich herauszuhämmern wie ein Steinmetzlehrling. Jeder Schlag des Hammers verursachte ihm Schmerzen im Kopf.

»Eleanor… ist… nicht… meine… Frau.«

»Selbstverständlich ist sie das«, sagte der Pfarrer. »Ich persönlich habe Euch getraut und eine Predigt gehalten, in der ich Euch beiden gesagt habe, wie wichtig es ist, in Wahrheit zu wandeln. Habt Ihr das getan, mein Sohn? Seid Ihr mit Eurer Frau in Wahrheit gewandelt?«

»Ja, Sir… unten… am Fluß.«

»Nun redet endlich klar.«

»Ich… habe… keine… Frau.«

»Was Gott verbunden hat, kann der Mensch nicht trennen.«

»Meine Frau hat es aber getan.«

»Was getan, Mann? Wir reden um die Sache herum.«

Humphrey Budden riß sich zusammen und sprudelte alles hervor.

»Eleanor ist nicht mehr meine Frau, Sir. Weder teilt sie mein Bett mit mir, noch duldet sie meine Umarmungen. Sie sagt, die Stimme Gottes habe zu ihr gesprochen. Die Stimme schickt sie auf eine Pilgerreise ins Heilige Land.«

»Langsam, langsam!« rief Melhuish alarmiert. »Das geht mir viel zu schnell. Alles der Reihe nach. Ihr sagt, sie will nicht mit Euch zu Bett gehen?« 

»Nein, Sir. Sie schläft auf dem Fußboden.«

»Allein?«

»Sie läßt mich nicht in ihre Nähe.«

»Habt Ihr ihr dafür einen Grund gegeben, Humphrey?«

»Ich glaube nicht.«

»Habt Ihr sie irgendwie verletzt oder etwas getan, daß sie ihre Gefühle von Euch abwendet?«

Kaum hatte Melhuish diese Frage gestellt, erkannte er auch schon, wie gemein und unangebracht sie war. Humphrey Budden war ein starker Mann, der diese Kraft jedoch niemals gegen eine Frau richten würde. Es konnte keinen Ehemann geben, der ihn an Rücksicht übertroffen hätte. Die Schuld für das, was passiert war, mußte einfach bei seiner Frau liegen.

Der Priester versuchte, das eheliche Schlafzimmer auszuleuchten.

»Ist dieses Problem erst seit kurzem aufgetreten?«

»Als ich Euch bat, zu mir ins Haus zu kommen.«

»Und was geschah davor zwischen Euch?«

»Wir teilten unser Bett in christlicher Glückseligkeit, Sir.«

»Und war Eure Frau früher… entgegenkommend?«                       

»Aber ganz bestimmt!«

»Hat sie sich nicht von Euch zurückgezogen?«

»Zu Anfang war ich der Schüler. Eleanor mußte mir beibringen, was meine Pflichten waren, und das tat sie mit einer wunderbaren Begeisterung.«

Miles Melhuish wurde rot, als sein inneres Auge eine Vision erblickte. Er sah den nackten Körper einer in Leidenschaft entbrannten Frau im Bett eines seiner Pfarrkinder. Er konnte ihren Duft riechen, spürte ihre Berührung, teilte ihre Lust. Es bereitete ihm sehr viel Mühe, dieses Bild aus seinen Gedanken zu vertreiben.

Mit zusammengebissenen Zähnen stellte er seine nächste Frage.

»Würdet Ihr sagen, Eure Ehe war glücklich?«

»Sehr glücklich, Sir.«

»Und daß sie Euch bereitwillig Unterricht erteilte?«

»Zwei Ehemänner hatten ihr allerhand beigebracht.«

»Also, Ihr und Eure Frau vereinigten Euch… im Fleische?«

»Jede Nacht, Sir.«

»Der Liebesakt ist nur zur Fortpflanzung gedacht«, sagte der Priester mit scharfer Stimme. »Er darf keine Quelle fleischlicher Befriedigung sein.«

»Wir wissen das, Sir, und verhielten uns entsprechend. Es war unser größter Wunsch, daß unsere Vereinigung durch ein Kind gesegnet würde.«

»Ich muß mich wundern, daß Ihr nicht jede Menge Kinder bekommen habt«, murmelte Melhuish mit verhaltener Stimme. »Mit derartig regelmäßigen Aktivitäten könntet Ihr eine ganze Stadt bevölkern!« Er setzte sich aufrecht hin und riß sich zusammen. »Aber das alles gehört jetzt der Vergangenheit an?«

»Genau das sagt sie.«

»Aus welchem Grund?«

»Göttlicher Befehl.«

»Die Frau ist geistig verwirrt.«

»Sie hat den Wunsch, ein Pilger zu werden, Sir.«

»Das arme Wesen! Sie braucht Hilfe.«

»Eleanor wird schon bald aufbrechen.«

»Wohin will sie denn?«

»Nach Jerusalem.«

»Das klingt nach Wahnsinn.«

Humphrey Budden beugte sich vor, um seine Bitte vorzutragen.

»Sprecht Ihr mit ihr, Sir!«

»Ich?«

»Ihr seid unsere einzige Hoffnung. Auf Euch wird Eleanor hören.«

»Glaubt Ihr das wirklich?«

»Sprecht mit ihr!«

Das war ein Schrei aus tiefstem Herzen, den Miles Melhuish nicht ignorieren konnte. Ein Teil von ihm hatte den Wunsch, das ganze Problem von sich abzuschütteln, doch der andere Teil war bereit, die volle Lust auf sich zu nehmen. Wieder erblickte er diese Vision vor seinem inneren Auge. Langes, blondes Haar, runde, vibrierende Pobacken, wundervolle Brüste, seidenglatte Haut, nachgiebige Lippen. Vollkommene Hingabe in ihrer schönsten menschlichen Gestalt.

Die Antwort auf ein Gebet.

»Nun gut«, sagte er. »Ich werde mit ihr sprechen.«

*

Lawrence Firethorn stampfte wie ein wütender Stier. Wenn sein Wutausbruch begann, war niemand in seiner Nähe mehr sicher. Er bot ein fürchterliches Bild.

»Was habt Ihr da gesagt, Nick?« brüllte er.

»Sie wollen uns dort nicht auftreten lassen.«

»Nicht auftreten lassen! In Lord Westfields eigener Grafschaft? Wo der Name unseres Schirmherren jeden Einfluß hat? Und die wollen uns tatsächlich nicht auftreten lassen? Ich werde denen beibringen, was leiden heißt, das schwöre ich Euch!«

»Vor uns war eine andere Theatergruppe dort, Master.«

»Mit unserem Stück! Ohne jede Bedenken gestohlen!«

»Sie wollten ›Liebe und Narretei‹ einfach nicht mehr sehen«, sagte Nicholas. »Sie wollen überhaupt nichts von uns aufgeführt haben. Sie haben sich bereits sattgesehen.«

»Dann werde ich dafür sorgen, daß sie alles wieder ausspeien!« wütete Firethorn. »Bei den Göttern! Ich sorge dafür, daß sich ihnen der Magen umdreht, diesen ungezogenen Wilden, diesen hundsgemeinen, lausigen, heruntergekommenen Sklaventypen, diesen stinkfaulen, undankbaren Primitiven, die stinkenden, verrotteten Kadaver von Leuten, die aus diesem gottvergessenen Loch von einem Dorf hervorkriechen! Haltet mich von ihnen fern, Nick, oder ich schlage sie mit meinem Schwert in tausend Stücke und hänge sie an einen Strick, damit die Krähen sich daran sattfressen können.«

Lawrence Firethorn riß sein Schwert aus der Scheide und hieb auf einen Busch ein, um Dampf abzulassen. Der Rest der Gruppe sah voller Angst zu. Nicholas war eine Meile südlich von Ware mit ihnen zusammengetroffen, um ihnen die schlechten Nachrichten zu überbringen. Wie vorherzusehen gewesen war, hatte der Erste Schauspieler einen Wutanfall bekommen. Als er den Busch in ein armseliges Häufchen Zweige und Blätter verwandelt hatte, fürchteten sie um den Bestand der gesamten Vegetation dieser Gegend. Er war bewaffnet und gefährlich.

Es war Edmund Hoode, der ihn wieder beruhigte.

»Der arme Busch ist nicht der Feind, Lawrence.«

»Bleibt, wo Ihr seid, Sir!«

»Steckt Euer Schwert in die Scheide und hört auf die Vernunft.«

»Vernunft? Wen interessiert denn schon Vernunft?«

»Wir alle sind die Verlierer bei dieser Sache.«

»Allerdings sind wir das«, sagte Barnaby Gill hochnäsig von seinem Sattel herab. »›Liebe und Narretei‹ wäre mein Triumph geworden. Jedesmal, wenn ich den Rigormortis spiele, versetze ich mein Publikum in unbändiges Gelächter.«

»Das liegt nur an diesen komischen Reithosen«, feixte Firethorn.

»Mein Erfolg liegt nicht in meiner Hose.«

»Was wir alle nur bestätigen können!«

Das Gelächter der anderen trug dazu bei, die Spannung zu mildern. Gill stotterte ohnmächtig vor sich hin, riß sein Pferd herum und ritt davon. Hoode nahm Firethorns Schwert und schob es wieder in die Scheide.

Nicholas Bracewell nannte das Problem beim Namen.

»Wie konnten sie nur an das Stück kommen?«

»Es ist Euch heimlich gestohlen worden«, sagte Firethorn.

»Das ist unmöglich, Master. Die Textbücher all unserer Stücke befinden sich abgeschlossen in einer Kiste, die ich vor jedermann gut verstecke. Niemand darf sich ihr nähern, am allerwenigsten unsere Rivalen. ›Liebe und Narretei‹ ist nicht gestohlen worden.«

»Sie haben es auf irgendeine Weise bekommen«, sagte Hoode grimmig. »Und wenn das bei einem Stück passieren kann, dann kann es auch bei anderen Stücken passieren. Wer kann mir die Sicherheit meiner eigenen Stücke garantieren?«

»Darauf gibt es nur eine Antwort«, sagte Nicholas.

»Rache!« verkündete Firethorn.

»Erst, wenn wir die Wahrheit herausgefunden haben, Master.«

»Die Wahrheit kennen wir bereits, Nick. Das ist das Werk von Banbury's Men, diesem Verein widerlicher Tausendfüßler, die sich eine Theatergruppe nennen. Die denken, sie hätten unsere Kanonen verstopft, doch wir werden ihnen eine solche Breitseite verpassen, daß es sie zurück nach London schleudert.«

»Aber wie konnte es überhaupt passieren?« fragte Nicholas.

»Richtig, das ist eine gute Frage«, stimmte Hoode zu.

»Für mich nicht«, rief Firethorn und nahm mit zum Himmel gereckter Faust eine heroische Pose ein. »Nur eines hilft uns hier - schnelle und blutige Rache.

Wenn diese livrierten Läuse, die dem Earl von Banbury gehören, glauben, sie könnten sich mit Westfield's Men anlegen, dann bitte! Die Folgen haben sie sich selbst zuzuschreiben.«

Mehrere Minuten lang zeterte er stilvoll weiter. Banbury's Men waren ihre Erzrivalen, eine talentierte Gruppe, die sich anstrengte, es ihnen gleichzutun, aber immer wieder scheiterte. Unter der Führung des fähigen Giles Randolph hatten sie alles versucht, um den Ruf von Westfield's Men zu ruinieren, es jedoch niemals richtig geschafft. In London hätten sie so etwas niemals gewagt, doch die Anonymität der Provinz bot ihnen einen Schild, hinter dem sie sich verstecken konnten. Banbury's Men hatten den ersten schweren Schlag ausgeteilt.

Es war Firethorns erklärte Absicht, den letzten Schlag zu führen.

»Wir müssen ihnen mit größtem Tempo auf den Fersen bleiben, Gentlemen. Sie dürfen keine Sekunde Ruhe finden. Banbury's Men haben bewiesen, wie tief sie in den Morast des Eigennutzes versinken können. In unserem Beruf können solch ehrlose Typen nicht geduldet werden. Wir müssen sie ein für allemal vernichten.« Das Schwert fuhr schon wieder aus der Scheide und zischte durch die Luft. »Auf in den Kampf, meine Männer! Laßt uns um unser Leben und um unseren guten Namen kämpfen!«

Mit geübter Hand jagte er sein Schwert ein kleines Stück in den Boden, so daß die Waffe mit bedeutungsschwerer Geste hin und her wippte. Sie standen noch da und starrten die zitternde Waffe an, als er seine letzten, entscheidenden Worte ausstieß.

»Gentlemen - dies ist Krieg!«

*

Giles Randolph lehnte sich in seinem hölzernen Sessel in einer Ecke des Schankraums zurück und spielte mit seinem Weinglas. Er war groß, schlank und dunkel und machte einen mediterranen Eindruck, der ihn von anderen Männern unterschied und für den weiblichen Teil des Publikums unwiderstehlich machte. Irgendwie hatte er etwas Satanisches an sich, das erregte. Randolph war der anerkannte Star der Gruppe Banbury's Men, ein fähiger Geschäftsmann und ein hervorragender Schauspieler. Fest im Bann der typischen Eitelkeit seines Berufes, konnte er es einfach nicht akzeptieren, daß irgend jemand stolzer als er über eine Bühne schritt oder jemand das Letzte aus einer Rolle überzeugender als er herausholen konnte. Seine Fehde mit Lawrence Firethorn ging deshalb wesentlich tiefer als simple berufliche Rivalität. Es war eine Vendetta, die noch zusätzlich dadurch eingeheizt und vertieft wurde, daß der Earl of Banbury und Lord Westfield verbissene Feinde waren. Durch die Vernichtung seines Rivalen konnte Giles Randolph sich bei seinem Schirmherrn beliebt machen.

Zufrieden lächelte er seinem Begleiter zu.

»Wir sind gut vorwärts gekommen.«

»Banbury's Men liegen in jeder Beziehung vorne.«

»Und das muß auch so bleiben. Ich kann diese erschöpfenden Tourneen nicht ausstehen, aber zumindest können wir ein bißchen Spaß für unsere Mühe haben.«

»Inzwischen dürften sie Ware erreicht haben.«

»Und dort auf kalte Ablehnung gestoßen sein.«

Randolph nahm einen Schluck Wein und spielte weiter mit dem Glas. Wie es einem führenden Schauspieler zustand, war er entsprechend protzig ausstaffiert, mit einem Wams aus blauem Satin mit feinster Goldstickerei auf der Vorderseite und einer grünen Hose. Sein Hut war bis dicht über das eine Auge gezogen, was ihm einen verschwörerischen Anstrich verlieh, und die Straußenfeder zitterte, wenn er sprach.

»Firethorn muß bis in Mark getroffen sein.«

»Wir haben jetzt schon genug Blut vergossen.«                       

»Ich möchte ihm die Glieder einzeln abhacken«, sagte Randolph mit plötzlicher Wut. »Ich will, daß seine Eingeweide über die ganze Bühne fliegen. Wenn er es wagt, gegen meine Macht anzutreten, werde ich ihn ein für allemal fertigmachen.«

»Auf welche Weise?«

»Indem ich ihn in seinem Stolz treffe.«

»Ich wette, der schmerzt bereits in Ware ganz schön.«

»Wartet, bis er Grantham erreicht. Ich spiele ihm einen Streich, der ihn wünschen lassen wird, er wäre zu Hause in Shoreditch bei seiner keifenden Alten geblieben.« Er stellte sein Glas zurück. »Nun, Sir, welches ist seine beste Rolle?«

»Vincentio?« riet der andere.

»Ein billiges Stück, das nur drei mäßige Reden enthält.«

»Dann ist es Hektor. Master Firethorn brüstet sich immerzu mit seiner überragenden Tüchtigkeit in ›Hektor von Troja‹. Die Rolle paßt zu ihm.«

»In diesem Jahre hat er sie noch nicht gespielt.«

»Dann müssen wir an seine Lieblingsrolle ran.«

»Und das wäre? Ihr kennt ihn doch.«

»Pompeius!«

»Genau der!«

»Das Stück wurde immer und immer wieder aufgeführt.«

»Es stammt von Edmund Hoode, glaube ich.«

»Ja, Sir. Es heißt ›Pompeius der Große‹.«

»Dann werden ich dem Stück den Stempel meiner Größe aufdrücken.«

»Wir führen es in Grantham auf.«

»Hervorragend, Sir. Lawrence Firethorns guter Ruf wird unter ihm zu Staub zerfallen. Ich mache die Rolle zu meiner eigenen und werde Westfield's Men in den Morast stoßen. Diese Tournee wird mich voll und ganz entschädigen.« 

Giles Randolph ließ mehr Wein auftischen.

Er schmeckte süßer als je zuvor.

4. KAPITEL

Marmion Hall war eine optische Illusion. Weil das Gebäude in einer Bodensenke lag und von einem Halbkreis aus Bäumen umgeben war, wirkte es kleiner als in Wirklichkeit. Hinter der bescheidenen Fassade war es bemerkenswert geräumig, denn der Hauptteil des Hauses war weit ausladend, und es gab einen großen Flügelanbau, der hinter einem Platanendickicht verborgen lag. Vor etwa zehn Jahren hatte ein Feuer am rückwärtigen Teil des Hauses erheblichen Schaden angerichtet, langwierige Reparaturarbeiten waren erforderlich gewesen. Sir Clarence Marmion nutzte diese Gelegenheit, um einige bauliche Veränderungen vornehmen zu lassen, die jedoch nicht auf den ersten Blick erkennbar waren. Wie sein Besitzer, so umgab auch Marmion Hall sich mit einer gewissen Verschwiegenheit.

Der Sonntagnachmittag fand Sir Clarence im Speisesaal, wo er am Kopfende eines glänzenden Eichentisches saß und die Bibel studierte. Er war in gedeckten Farben gekleidet und zeigte höchste Konzentration. Er hatte sich seinen geistlichen Bedürfnissen gewidmet und schloß gedankenverloren die Augen.

Es klopfte an die Tür, ein Diener betrat den Saal.

»Was gibt es?«

»Die Gäste sind eingetroffen, Sir Clarence.«

»Alle?«

»Jawohl, Sir Clarence.«

»Wieviel Uhr ist es?«

»Genau vier Uhr.«

»Danke.«

Eine abschließende Handbewegung, der Diener verließ den Saal. Sir Clarence hob die Augen und las erneut den Abschnitt, den er studiert hatte. Dann schloß er das Buch vorsichtig, klemmte es sich unter den Arm und verließ den Saal. Er fühlte sich jetzt gut vorbereitet für das, was vor ihm lag.

Die Halle war ein großes Rechteck, drei Seiten waren mit Eichenholz getäfelt, die vierte Wand von einer Reihe hoher Fenster mit Bleiverglasung durchbrochen. Goldgerahmte Spiegel und Familienporträts unterbrachen die monotone Fläche. Die geschwungene Decke vermittelte den Eindruck von Eleganz. Die Möbel waren aus feinster Eiche und geschmackvoll arrangiert. Der große, gemauerte Feuerplatz am entfernten Ende der Halle hatte eine eiserne Kaminumrandung, die das Wappen der Marmions zeigte. Eiserne Feuerböcke neben dem Kamin trugen hohe Holzstapel.

Als Sir Clarence die Halle betrat, warteten seine Besucher bereits, die gemurmelten Gespräche verstummten auf der Stelle. Er betrachtete sie alle mit einer Mischung aus Stolz und Mitleid, dann breitete er in einem Willkommensgruß beide Arme aus. Die ganze Familie trat heran, um ihn zu begrüßen, mit jedem wechselte er ein paar freundliche Worte. Dann kam der Augenblick, in dem ihm das Baby in den Arm gelegt wurde. Es war ein Junge, kaum drei Monate alt, jedoch schon kräftig und lebhaft, und er schüttelte seine kleinen Fäuste mit dem typischen Trotz der Marmions gegen die Welt. Er strampelte in seinem weißen, spitzenbesetzten Kleidchen herum, als habe er wichtige Dinge zu erledigen.

Sir Clarence hob das Baby hoch und gab ihm einen Kuß auf die Stirn, was ihm beinahe einen Nasenstüber für seine Kühnheit eingetragen hätte. Mit einem sanften, nur angedeuteten Lächeln reichte er sein erstes Enkelkind seiner Schwiegertochter zurück, dann trat er vor das letzte Bild der Porträtgalerie. Es war das Bild seines Vaters, der mit gestrengem Gesichtsausdruck aus dem Rahmen auf sie herabschaute und alle Charakterzüge zeigte, die man mit einem Herrscherhaus verbindet. Es war außerordentlich bedauerlich, daß er nicht mehr lebte, um an Familienfeierlichkeiten teilzunehmen.

»Gib uns deinen Segen, Vater«, sagte Sir Clarence.

Dann streckte er die Hand aus und tastete hinter der unteren Ecke des Rahmens. Man hörte ein Klicken, eine enge Tür öffnete sich auf geölten Scharnieren in der Wandtäfelung. Man konnte einen schmalen Durchgang erkennen. Steinerne Stufen führten hinab.

Sir Clarence deutete auf seinen kleinen Enkelsohn.

»Laßt ihn uns den Weg vorangehen.«

Auf dem Arm seiner Mutter wurde das Kind durch die Tür und die Stufen hinabgetragen. Kerzenlicht erhellte den Gang. Der Rest der Familie folgte dem Kind, am Ende schritt das Familienoberhaupt. Als er durch die Tür ging, zog Sir Clarence sie hinter sich zu, sie schloß sich mit einem Klicken. Ein Geruch von Weihrauch erfüllte die Luft. Er folgte der Treppe und einem feuchtkalten, unterirdischen Gang bis zu einem Raum, in dem die anderen sich bereits versammelt hatten.

Es war eine Kapelle. Sir Clarence hatte den Befehl zum Bau gegeben, sie war ihm immer wieder eine Quelle des Trostes und der Freude. Obwohl sie klein, kalt und notwendigerweise geheim war, wirkte sie für ihn so erhebend wie das Münster von York, Auch jetzt ließ er wieder ihren Eindruck auf sich wirken. Die anderen nahmen ihre Plätze in den Bänken ein und knieten nieder, um ihrem Schöpfer zu danken. Auch Sir Clarence kniete zwischen seiner Frau und seinem Enkelsohn und bekreuzigte sich.

Der Altar war von Kerzen beleuchtet. In seiner Mitte stand ein großes, goldenes Kruzifix, das im Schein der Kerzen funkelte, als ob es brenne. Als die kleine Versammlung aufblickte, waren ihre Augen von dem Schauspiel wie gebannt. Neben dem Altar öffnete sich eine Stahltür, eine Gestalt in den Gewändern eines katholischen Priesters betrat die Kapelle. Sofort erhoben sich alle Anwesenden, um ihren Respekt zu bekunden. Der Priester begab sich schweigend neben das steinerne Taufbecken und betrachtete das Kind mit gütigen Augen. Seine ruhige und zuversichtliche Haltung ließ niemand auch nur ahnen, daß er im Begriff stand, ein abscheuliches Verbrechen zu begehen.

Robert Rawlins begann mit der Taufe.

*

»Wirklich, Ihr tut ihm Unrecht, solche Dinge über ihn zu sagen.«

»Ich muß dem Wort Gottes gehorchen.«

»Aber es war Gott, der Euch in heiliger Ehe verband.«

»Jetzt hat er andere Aufgaben für mich, Sir.«

»Euer Ehemann ist schmerzlich getroffen.«

»Jeder muß im Dienste Gottes leiden.«

Miles Melhuish schüttelte verzweifelt den Kopf. Er stand in seiner Sakristei neben Eleanor Budden, weil er es für klug hielt, auf den Beinen zu sein, um fliehen zu können, falls das nötig sein sollte. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Die Frau wirkte jetzt ruhig auf ihn, doch er hatte den überwältigenden Ausbruch von Leidenschaft noch nicht vergessen, derer sie fähig war, und er tat alles, um einen erneuten Anfall zu vermeiden, während sie sich allein auf geheiligtem Grund und Boden befanden.

Er trat hinter den Stuhl, auf dem sie saß.

»Ich werde Euch eine Frage stellen, Mistress.«

»Ich höre voller Bescheidenheit.«

»Ihr berichtet mir, daß Ihr keusch geblieben seid, seitdem Gottes Stimme zu Euch gesprochen hat.«

»Das stimmt, Sir.«

»Hier also nun meine Frage…«

Melhuish suchte nach den richtigen Worten. Dies war ein Thema, das er zuvor noch nie mit einer Frau besprochen hatte, ein Test für seinen Entschluß. Wenn er mit anderen weiblichen Pfarrangehörigen in seiner Sakristei sprach, ging es normalerweise um Tadel, weil sie den Gottesdienst nicht eifrig genug besuchten, oder um die Frage, wie man die Kinder im christlichen Geist erziehen soll. Seine Pflicht zwang ihn jetzt dazu, mit einem Ehepaar ins Bett zu steigen und dafür zu sorgen, daß sie ihre ehelichen Pflichten erfüllten. Für ihn war das unbekanntes Terrain.

»Jetzt meine Frage, Eleanor«, sagte er nervös. »Wenn jetzt ein Mann mit einem scharfen Schwert käme, der deinem Mann den Kopf abschlagen würde, wenn du den guten Kerl nicht wieder in dein Bett nähmst, sag mir ehrlich, denn du hast versprochen, die Wahrheit zu sagen, was würdest du tun?«

»Ich will Euch ehrlich antworten, Sir.«

»Würdest du Humphrey Budden erlauben, mit der zu schlafen, oder würdest du wünschen, daß ihm der Kopf abgeschlagen würde?«

»Ich würde lieber sehen, daß er getötet würde.«

»Das ist die reinste Grausamkeit, Frau!«

»Ich kann nichts daran ändern«, sagte Eleanor ruhig. »Wir müssen allem Schmutz den Rücken kehren.«

»Gott hat die Liebe zwischen Mann und Frau befohlen.«

»Ich habe mich Seinen Zwecken bereits dreimal unterworfen.«

»Ist das alles?« fragte der Priester voller Überraschung. »Humphrey sprach aber von täglicher Befriedigung.«

»Ich meine, daß ich mein Bett mit drei Ehemännern geteilt habe, Sir. Keiner von ihnen hat sich über meine Liebeslust beschwert.«

»Aber jetzt, Schwester.«

»Die Zeiten haben sich geändert.«

Miles Melhuish spürte, daß ihm die Kontrolle entglitt. Der Zweck seiner Prüfung war es gewesen, genügend Druck auf Eleanor Budden auszuüben, daß sie ihre Irrwege erkannte, aber sie war völlig ungerührt, als er sie zurechtwies. Sie kam immer wieder darauf zurück, daß dies das Wort Gottes sei; das genau war der Punkt, den er widerlegen mußte. Unzählige Jahre unermüdlichen Gebetes hatten ihm seinen eigenen besonderen Zugang zum göttlichen Auftrag gegeben, und er spürte, daß er die Stimme Gottes wesentlich besser kannte als die Frau irgendeines Spitzenmachers, sosehr sie auch ihre Unterwürfigkeit verteidigte.                       

»Wann hat Gott zum erstenmal mit dir gesprochen?« fragte er.

»Das ist jetzt vierzehn Tage her.«

»Wo befandest du dich zu dem Zeitpunkt?«

»Auf dem Markt, Fische kaufen, Sir.«

Miles Melhuish zuckte zusammen. »Gott der Herr sprach zu dir inmitten des Gestanks von Makrelen?«

»Ich habe Ihn klar und deutlich gehört.«

»Welche Worte benutzt Er auf dem Markt?«

»Er sagte: ›Schieb deinen Gatten beiseite und folge mir.‹ Gott rief mich bei meinem Namen, und ich habe Ihm sofort gehorcht.«

»Was hast du dann gemacht?«

»Ich ging nach Hause und in unser Schlafzimmer. Dort haben wir ein Kreuz an der Wand, damit Jesus auf uns aufpassen kann. Dann habe ich meine Sendung verkündet.«

»Und wie geschah das, gute Frau?«

»Das ist ja das Wunder dabei«, sagte sie mit einem Schulterzucken, das ihre Brüste in einladende Bewegung versetzte. »Ich weiß nicht, was dann über mich kam. Aber als ich die Augen öffnete, lag ich auf dem Fußboden, und Ihr standet mit meinem Mann vor mir, und überall war glückseliger Friede.«

»Erinnert Ihr Euch nicht an das Geschrei, das Ihr gemacht habt?«

»Geschrei, Sir?«

»Ihr habt einen geradezu wahnsinnigen Schrei ausgestoßen.«

»Ich weinte über den schmerzhaften Tod des Herrn.«

Miles Melhuish schlug alle Vorsicht in den Wind und setzte sich ihr gegenüber. Bisher hatten irregeleitete Hausfrauen immer auf einen schweren Verweis reagiert. Jetzt war Schluß damit, die Frau in ihren Wahnvorstellungen zu ermutigen, jetzt mußte sie mit fester Hand auf den schmalen und geraden Weg ehelicher Pflichten zurückgeführt werden. Er runzelte die Stirn und sammelte seine Fähigkeiten als Prediger.

»Werft diese falschen Gedanken über Bord!« warnte er sie. »Wenn Ihr Gott dienen wollt, dann tut das, indem Ihr einem Seiner Diener den gehörigen Respekt erweist. Nur innerhalb der vier Wände dieser Pfarrkirche vermögt Ihr Seine Stimme zu vernehmen, und nicht auf dem Fischmarkt in Nottingham.« Sie wirkte ordentlich zerknirscht, das spornte ihn an. »Kehrt zu Humphrey Budden zurück. Er ist ein guter Ehemann und verdient eine bessere Behandlung von seiner Gefährtin. Ich will von dieser Keuschheit im Ehebett nichts mehr hören. Umarmt Euren Gemahl. Schenkt ihm die Kinder, die er sich wünscht. Fügt unserer Pfarre ein paar kleine Pfarrkinder hinzu. Nur das ist Eure heilige Pflicht und Aufgabe auf dieser Erde.«

Er hatte gewonnen. Eleanor Budden saß da mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, verschüchtert, sanft und von seinen ernsthaften Vorhaltungen getroffen. Das war wie ein kleiner Sieg für ihn, der ihm ein mageres Gefühl von Bedeutung vermittelte. Er setzte sich auf seinem Stuhl aufrecht hin, um seine ganze kirchliche Autorität auszuspielen.

Währenddessen saß sie da in vollständiger Unterwürfigkeit.

Dann fing sie an zu lachen. Es begann als Glucksen, halb unterdrückt durch ihre vorgehaltene Hand. Dann wurde es zum Kichern, geradezu mädchenhaft vorlaut, steigerte sich von Sekunde zu Sekunde bis zu einer Lachsalve, aus vollem Hals, die ihren ganzen Körper in Bewegung brachte, steigerte sich zu einem brüllenden Gelächter, das die Sakristei erfüllte, und verwandelte sich schließlich und völlig unerklärlich in ein unheimliches und unkontrollierbares Lachen, das zu einem Crescendo anstieg und plötzlich anbrach.

Ihre Augen, die voller Schalk blitzen konnten, füllten sich mit Tränen der Zerknirschung, ihre Hände, die wild durch die Luft gewedelt hatten, schlossen sich zum Gebet. Miles Melhuish krümmte sich unter  der Intensität ihres Blickes und schwor sich, den Fall an die Generalsynode weiterzugeben. Er befand sich in der unmittelbaren Nähe von Zauberei. Nur der Dekan war in der Lage, zu solch schwerwiegenden Dingen Stellung zu nehmen.

Die Tränen versiegten, doch der starre Blick blieb. Er ertrug ihr besessenes Glühen, bis ihm klar wurde, daß sie gar nicht ihn anstarrte, sondern irgend etwas hinter ihm. Als er sich herumdrehte, sah er, was sie versteinert und verklärt hatte. Es war ein kleines Spitzbogenfenster, in dem ein eifriger Künstler ein sehr zu Herzen gehendes Bild in Blei gefaßt hatte. Christus am Kreuz, die Dornenkrone auf dem Kopf. Das runde Gesicht war von langem, blondem Haar und einem Vollbart umrahmt, beides mit goldenem Glanz von der Sonne, die durch das Fenster schien. Märtyrerqualen und Majestät spiegelten sich in diesem Bild.

Eleanor Budden stieß einen Seufzer reinster Verzauberung aus.

Sie war verliebt.

*

Nicholas Bracewell fuhr sich mit nassen Händen durchs Haar und warf seine Mähne zurück, als er die Waschungen unter der Pumpe im Hof des Gasthauses beendet hatte. Kurz nach dem Morgengrauen war er aufgestanden, die Sonne warf ihre ersten Strahlen auf den jungen Tag. Vor der Abreise gab es noch viel zu tun. Nicholas mußte das Füttern und Anschirren der Pferde überwachen, das Beladen des Fuhrwerks, die Kontrolle der Ladung überprüfen, um sicher zu sein, daß nichts Wertvolles vergessen wurde, die Abrechnung mit dem Gastwirt machen und die Beschwichtigung der Frau des Wirtes versuchen, die Lawrence Firethorn in seinem trunken Überschwang mit einem der Schankmädchen verwechselt und liebestoll in seine Arme gerissen hatte. Ferner hatte er den Lehrlingen Fechtunterricht versprochen, und dann mußten Vorräte für die Reise eingekauft werden. Die Arbeit des Regisseurs ging nie aus.

»Einen schönen guten Tag, Master Bracewell!«

»Euch desgleichen, Christopher.«

»Wir wollen nur hoffen, daß er bessere Früchte trägt als der gestrige.«

»Ich bin sicher, das wird er.«

»Wo werden wir heute Station machen?«

»In Royston, mit Gottes Hilfe.«

»Royston…«

Der Ortsname ließ einen Gedanken in seinem Kopf lebendig werden. Zwei Tage Fußmarsch hatten nichts von Christopher Millfields Elan gedämpft. Er wirkte schlank und gepflegt in Rock und Hose. Nicholas, der nur ein altes Hemd und sein Lederwams trug, fühlte sich im Vergleich mit ihm derangiert. Er hatte den jungen Schauspieler eigentlich nie so recht gemocht, führte das aber auf die gezwungen wirkende Freundlichkeit des anderen zurück.

Christopher Millfield setzte sein lässiges Grinsen auf.

»Darf ich es wagen, einen Vorschlag zu machen?«

»Bitte, redet, Sir.«

»Falls wir auch in Royston kein Publikum finden, wie es ja bereits in Ware der Fall war, könnte es trotzdem noch eine Aufführung für uns geben.«

»Wo sollte das sein?«

»In Pomeroy Manor.«

»Kennt Ihr das Haus?«

»Nur vom Hörensagen«, sagte Millfield leichthin. »Es liegt auf dem Landbesitz eines gewissen Neville Pomeroy, ein Mann bester Herkunft und Kultur, dem Theater durchaus freundlich gesinnt, der uns vermutlich anders begrüßen wird als die Leute in Ware.«

Nicholas nickte dankend. Der Name Pomeroy kam ihm irgendwie bekannt vor. Er hatte ihn einmal bei Lord Westfield gehört, und zwar in lobendem Zusammenhang, was bei ihrem Schirmherrn eine Seltenheit war. Ein hiesiger Grundbesitzer mit Freude an guter Unterhaltung würde bestimmt in der Lage sein, seine größte Halle mit Zuschauern für sie zu füllen.

»Wo ist das Haus?« fragte er.

»In Richtung Meldreth. In der Nähe unserer Route.«

»In welcher Richtung?«

»Richtung Cambridge.«

Es lohnte sich, darüber nachzudenken. Wenn Banbury's Men es darauf anlegten, ihnen in die Quere zu kommen, konnte es gut sein, daß ihnen Royston verschlossen war. In Pomeroy Manor konnte Giles Randolph ihnen ihre Chance nicht vereiteln. Vielleicht war er doch noch zu bezwingen.

Christopher Millfield stand da und stemmte die Arme in die Seiten.

»Warum mögt Ihr mich nicht, Master Bracewell?«

»Habe ich so etwas gesagt?«

»Das lese ich aus Eurem Verhalten.«

»Ihr irrt Euch. Ich mag Euch durchaus.«

»Aber nicht so sehr wie Gabriel Hawkes.«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«

»Mastor Gill denkt anders darüber. Er sagte mir, Ihr hättet Gabriels Namen dem meinen vorgezogen.«

»Das kann ich nicht abstreiten.«

»Darf ich fragen, aus welchem Grund?«

»Ich hielt ihn für den besseren Schauspieler.«

Millfield krümmte sich. »Da irrt Ihr Euch, Sir.«

»Ich kann nur meine wahre Überzeugung wiederholen.«

»Das kann sich schon bald ändern«, sagte der andere mit einem Anflug von Stolz. »Aber war das der einzige Grund, aus dem Ihr ihn vorgezogen habt? Daß Ihr ihn für besser gehalten habt?«

»Nein, Christopher.«

»Was denn sonst?«

»Ich empfand ihn als den ehrlicheren Menschen.«

Nicholas gab ihm eine klare Antwort, die überhaupt nicht nach Millfields Geschmack war. Er warf dem Regisseur einen feindseligen Blick zu, doch dann setzte er ein unbekümmertes Lächeln auf.

»Das hat alles nichts zu bedeuten.«

»Wieso das?«

»Gabriel ist jetzt im Himmel. Jetzt stehe ich an seiner Stelle.«

»Habt Ihr für die Toten keinen Respekt übrig?«

»Er war mein Rivale. Ich trauere nicht um ihn.«

»Obwohl er umgebracht wurde?«

Für eine Sekunde war Christopher Millfield verblüfft, doch dann gewann seine lässige Haltung sofort wieder die Oberhand. Nicholas, der nicht in der Lage war, einzuschätzen, ob die Reaktion des anderen auf Schuld oder Überraschung basierte, beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Ist Euch der Tod dieses Mannes nicht sehr plötzlich vorgekommen?«

»Er war von der Pest angesteckt.«

»Die bringt normalerweise ihre Opfer nicht so rasch um.«

»Ich habe Leute gesehen, die innerhalb eines einzigen Tages dahinschwanden.«

»Ja, die Alten oder die Schwachen«, sagte Nicholas. »Die Jungen und Starken können ein paar Tage lang kämpfen.«

»Was wollt Ihr damit sagen, Master Bracewell?«

»Bis zu dem Tag, an dem er das Fieber bekam, war Gabriel ein gesunder junger Mann in den besten Jahren. Der wäre niemals so rasch am Ende gewesen.«

»Was schließt Ihr daraus?«

»Jemand hat dabei nachgeholfen.«

»Habt Ihr dafür Beweise?«

»Ich habe das sehr starke Gefühl.«

»Ist das alles?« fragte Millfield mit einem Grinsen. »Ihr werdet mehr als das brauchen, um eine Anzeige daraus zu machen. Außerdem, was soll das Ganze jetzt noch? Gabriel war vom Tode gezeichnet. Wenn ihn jemand tatsächlich umgebracht hat, dann hat er ihm nur einen Gefallen getan, indem er ihm den Todeskampf erspart hat.«

»Ihr nehmt das zu sehr auf die leichte Schulter, Christopher.«

»Es sind nur müßige Gedanken.«

»Wenn ein guter Mann umgebracht wird?«                       

»Von wem?« forderte der andere ihn heraus.

»Von jemand, der Vorteile durch den schnellen Tod hatte.«

Millficld erwiderte seinen forschenden Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

*

Royston war nicht mehr als ein verherrlichtes Nest mit einer Handvoll strohgedeckter Hütten, die sich wie ängstliche Küken um die Kirche drängten. Westfield's Men waren auch hier wieder zu spät gekommen. Ihre Mitbewerber hatten im Hof des Barley Mow vor einem Publikum gespielt, das aus den Dörfern der ganzen Umgebung herbeigeströmt war. Was aber Lawrence Firethorn an den Rand einer Explosion brachte, war die Tatsache, daß Banbury's Men schon wieder ein Stück aus seinem Repertoire gegeben hatten. »Die beiden Mädchen aus Milchester«, wieder so ein Stück, das für ein einfaches Publikum geeignet war. Sie vergifteten die Brunnen, aus denen Westfield's Men tranken.

Nachdem er jeden in seiner Nähe mit den übelsten Ausdrücken beleidigt hatte, zog sich der Erste Schauspieler mit seiner Gruppe auf ein Feld in der Nähe zurück, um seine nächsten Schritte zu überlegen. Nicholas Bracewell brachte Christopher Millfields Idee vor, die auch rasch Anklang fand. Bevor sie sich zu einem möglichen anderen Spielort weiterkämpften, hielten sie es für richtig, sich etwas mehr in der Nähe umzusehen. Pomeroy Manor klang nach einer interessanten Möglichkeit; Firethorn erwärmte sich für den Gedanken.

»Master Pomeroy ist kein Unbekannter für mich«, sagte er mit seiner lässigen Arroganz. »Lord Westfield stellte ihn mir nach einer meiner Aufführungen in The Rose vor. Er weiß meine Fähigkeiten einzuschätzen.«

»Wer täte das nicht?« fragte Nicholas.

»Ware tut das nicht! Royston - zum Teufel damit — tut es nicht!«

»Zu ihrer eignen ewigen Schande, Master.«

»Ich würde vor diesen Flachköpfen nicht spielen, und wenn man mir das Geld eines Königs böte. Gaumen, die durch den Geschmack eines Giles Randolph abgestumpft wurden, wären niemals in der Lage, den exquisiten Geschmack meiner Kunst zu erkennen. Es gibt noch eine andere Welt irgendwo anders.«

»Soll ich nach Pomeroy Manor reiten?«

»Auf dem schnellsten Weg, Nick«, sagte Firethorn. der eine Chance witterte, doch noch zu einer Aufführung zu kommen. »Nehmt Master Millfield mit. Er kennt den Weg und kann Euch Gesellschaft leisten.«

Nicholas hätte sich wohl einen anderen Begleiter gewünscht, aber er hatte keine Wahl. Edmund Hoode war sofort bereit, dem Regisseur sein Pferd zu leihen, und - was noch überraschender war - Barnaby Gill gab Millfield sein Pferd und erweckte den Eindruck einer gewissen Willfährigkeit. Es war eine Geste, an die Nicholas sich später noch erinnern sollte.

Die beiden Reiter brachen zu ihrer Expedition auf. Obwohl Millfield noch nie zuvor in dem Haus gewesen war, schien er eine geistige Landkarte vor seinem inneren Auge zu haben. Vier Meilen flotten Rittes auf ausgetrampelten Pfaden brachten sie auf die Spitze eines Hügels, von wo sie einen herrlichen Blick auf Pomeroy Manor hatten. Sie hielten ihre Tiere an, um den Anblick zu genießen. Der war wirklich beeindruckend.

Das Gebäude stand auf der Fläche eines alten, von Gräben umgebenen Rittersitzes, der der Kirche gehört hatte. Als die Klöster unter Heinrich VIII. aufgelöst wurden, hatte die Familie Pomeroy den Besitz erworben und mit Ziegeln aus der Tudor-Zeit wieder aufgebaut, mit acht Kaminen, die über Stufen-Giebeln aufragten. Die Fenster hatten niedrige Mittelpfosten und Sprossen, gemauert aus Lehmziegeln in einem sanften Grau. Ein überdachter Vorbau förderte die Harmonie des Bauwerkes und diente einem Feuerwerk der schönsten Rosen als Rankhilfe. Efeu setzte zum Angriff auf die vorderen Wände an.

»Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte«, sagte Millfield.

»Ein seltener Anblick in dieser Grafschaft«, bemerkte Nicholas.

»Was meint Ihr damit, Sir?«

»Aus Ziegelstein gebaute Häuser dieses Typs findet man normalerweise nur in East Anglia. Hat Master Pomeroy Verbindungen zu jenem Teil des Landes?«

»So muß ich wohl annehmen.«

»Woher stammen all diese Informationen?«

»Vom Zuhören an den richtigen Stellen.«

Millfield gluckste und trieb sein Pferd vorwärts.

Nach den Enttäuschungen in Ware und Royston bekamen sie hier eine angemessene Entschädigung. Als der Hausherr von ihrer Ankunft erfuhr, ließ er sie in den Raum führen, in dem er mit seinem Verwalter über den Wirtschaftsbüchern gesessen hatte.

Neville Pomeroy war ein kräftig gebauter Mann mittleren Alters, mit lockigem grauem Haar und gemessenen Bewegungen. Er begrüßte sie herzlich, hörte sie an und nickte begeistert. Sie hatten Glück.

»Ihr konntet zu keiner besseren Zeit kommen. Gentlemen«, sagte er. »Ich bin gerade heute erst aus London zurückgekehrt und fürchtete schon, Euch verpaßt zu haben, als Ihr in Royston wart.«

»Ihr wußtet von unserer Anwesenheit dort?« fragte Nicholas.

»Durch Lord Westfield persönlich. Wir haben gemeinsame Freunde in der Stadt. Ich habe seine Gruppe auf der Bühne gesehen und behaupte, es gibt keine bessere. Master Firethorn erwiese mir eine ganz besondere Ehre, wenn er in meinem Hause spielen würde.«

»Dann können wir also einen Vertrag aufsetzen?«

»In der Tat, Master Bracewell. Ich brauche einen Tag, um die Nachricht zu verbreiten und ein Publikum zusammenzutrommeln, aber - wenn Ihr solange warten wollt — dann kann ich Euch für morgen einen herzlichen Empfang versprechen. Aus wieviel Personen besteht die Gruppe?«

»Gerade fünfzehn Personen, Sir.«

»Dann müßt Ihr im nahe gelegenen Gasthof übernachten. The Pomeroys Arms gibt Euch auf mein Geheiß freie Kost und Logis. Es ist nur ein kleines Haus, aber es sollte Euren Zwecken genügen.«

»Wir danken Euch ganz herzlich, Sir.«

»Der Dank ist ganz auf meiner Seite. Ich liebe das Theater. « 

»Welches Stück möchtet Ihr sehen?«

»›Tarquinius von Rom‹.«

Das war eine unerwartete Wahl, aber Nicholas stellte keine Fragen. Das Stück war eine Tragödie um Tyrannei und Verrat, etwas merkwürdig für eine Aufführung an einem warmen Sommerabend in einem Privathaus, dennoch bewies es den ernsthaften Kenner der dramatischen Kunst. »Tarquinis von Rom« war ein außergewöhnlich gut geschriebenes Stück. Es bediente die Titelrolle mit Partien, die das Blut beschleunigten und die Seele entflammten. Pomeroy hatte klug gewählt.

Nicholas und Millfield ritten zu ihren Freunden zurück. Ihre Nachrichten wurden mit Genugtuung aufgenommen. Firethorn traf auf der Stelle seine Entscheidungen. »Tarquinius von Rom« war nicht geplant gewesen auf ihrer Tournee, sie hatten weder die Kostüme noch die Kulissen dafür bei sich, doch der Erste Schauspieler ließ sich dadurch keineswegs abhalten.

»Sie sollen das Stück bekommen, Nick.«

»Das habe ich Master Pomeroy auch so versprochen.«

»Wir haben einen Tag, um uns vorzubereiten. Das reicht. Gebt mir vierundzwanzig Stunden, und ich bin Tarquinius, wie er leibt und lebt.«

Er stürzte sich auf die Rede beim Höhepunkt der Sterbeszene, die Verse sprudelten aus ihm heraus wie ein Sturzbach. Lawrence Firethorn hatte das hervorragende Gedächtnis des wahren Schauspielers, der keine Zeile eines Textes vergißt, den er jemals auswendig gelernt hat. Er hatte an die fünfzig Rollen im Kopf, jede von besonderer Komplexität, doch er konnte sie auf Befehl sofort vortragen. In seinem mitreißenden Überschwang rezitierte er weitere Monologe des Tarquinius und ließ seine Zuhörer einem Wunder lauschen.

Nicholas Bracewell wurde nachdenklich, dann schnippte er mit den Fingern und nickte sich selbst zu.

Edmund Hoode stand nahe genug bei ihm, um dieses merkwürdige Verhalten zu bemerken.

»Warum nickt Ihr denn so, Nick?«

»Ich glaube, ich habe ihr Geheimnis entdeckt, Edmund.«

»Wessen Geheimnis?«

»Banbury's Men.«

»Diese widerlichen Typen! Die haben unsere Stücke gestohlen!«

»Ich glaube, ich weiß jetzt auch wie.«

*

Grantham gab ihnen Applaus, der mehrere Minuten anhielt, Giles Randolph badete geradezu darin. Das Publikum, das auch aus den umliegenden Dörfern der Grafschaft Lincolnshire in Massen herbeigeströmt war, hatte etwas so Großartiges wie »Pompeius der Große« noch nie erlebt. Die Zuschauer, die erschienen waren, um einen von diesen ländlichen Schwänken zu sehen, die typisch waren für herumziehende Theatergruppen, fühlten sich zu Beginn etwas unwohl. Sie wurden mit einem Stück voller militärischer Pracht und politischer Intrigen konfrontiert, doch schon bald waren sie begeistert bei der Sache, während sich das Drama in meisterlicher Darstellungskunst vor ihnen entfaltete. Es gehörte zu Edmund Hoodes besten Stücken, und Banbury's Men machten das Beste daraus.

Giles Randolph zeigte eine interessante und anregende Interpretation der Hauptrolle, doch es fehlte ihm eben Lawrence Firethorns martialisches Gewicht und schauspielerische Präsenz. Doch die Mängel seiner Darstellung blieben ihm und seinem Publikum glücklicherweise verborgen. Er selber war durch und durch davon überzeugt, daß seine Kunst eine Qualität weit jenseits der Möglichkeiten des verhaßten Rivalen erreicht hatte, und daß er seine überragende Meisterschaft auf unmißverständliche und eindeutige Weise bewiesen hatte. Der aufbrandende Applaus bestärkte noch seine Selbstgefälligkeit. Im Theater seiner eigenen Phantasie hatte er Firethorn tot und begraben hinter sich gelassen.

Eine Triumphfeier war angebracht. Pompeius der Große tafelte stilvoll mit seiner Gruppe in einem Gasthaus am Ort. Nach all den Jahren im Schatten von Westfield's Men war es ein wunderbares Gefühl, seine Rivalen beiseite zu fegen und in den vollen Glanz der Sonne hinauszutreten.

Neben Giles Randolph saß ein gedankenverlorener junger Mann mit einem Ausdruck stiller Selbstzufriedenheit auf dem Gesicht. Der führende Schauspieler wollte noch mehr Applaus hören.

»War ich nicht großartig auf der Bühne, Sir?«

»Ihr wart geradezu der Geist des Pompeius.«

»Habe ich seine Größe nicht wunderbar getroffen?«

»Mit jedem Wort und in jeder Geste, Master Randolph.«

»Das Publikum war fasziniert.«

»Wie hätte es anders sein können?«

»Ich wandelte im Elysium.«

Mark Scruton lächelte zustimmend. Seine ganze Zukunft hing vom Erfolg von Banbury's Men ab, und er ließ sich von niemand in der Lobpreisung des Stars übertreffen. Giles Randolph ließ eben nur die Qualität des absoluten Meisters vermissen. In den meisten  Stücken des eigenen Repertoires war er zwar nie weniger als hypnotisch, aber auch nie ganz brillant. Die Qualität der Stücke, mit denen er auftrat, setzte ihm Grenzen. Bei einem wirklich hervorragenden Stück und in einer Rolle, die er mit Leib und Seele verkörpern konnte, schaffte er es durchaus, wahre Meisterschaft zu beweisen.                   

Dies alles war Giles Randolph durchaus bewußt.

»Wirklich ein gut geschriebenes Stück«, sagte er voller Neid.

»Master Hoode ist ein guter Dichter.«

»Die Schlußrede hätte einen Stein erweichen können.«

»Bei solchen Szenen kann ihn niemand übertreffen.«

»Da habt Ihr recht, Sir«, sagte Randolph. »Schluß mit dem Geschreibsel von lehrlingshaften Dichterlingen! Gebt mir Männer, die wirklich schreiben können. Wir haben selber gute Stücke, aber keines, das sich mit der Wirkung des ›Pompeius‹ vergleichen lassen könnte. Dieses Geständnis ist sehr schmerzhaft für mich, doch ich würde mir wirklich wünschen, daß dieser Master Hoode seine Stücke für Banbury's Men schriebe.«

»Das tut er, Master, das tut er.«

Giles Randolph lachte zustimmend.

»Wenn er Grantham erreicht, erlebt er eine Überraschung.«

»Und hebt ein Geschrei an, als sei er unter die Räuber gefallen.«

»Und Master Firethorn schreit ›Mord!‹ in seinem Echo.« Sein Ton wurde geschäftsmäßig. »Wir müssen einen gewissen Vorsprung halten. Es wäre nicht gut, wenn Westfield's Men uns überholten. Wenn das passiert, kommt es zu einem Zusammenstoß.«

»Ich habe einen Trick, um sie zum völligen Stillstand zu bringen.«

»Sprecht, Master Scruton.«

»Kommt etwas näher.«

Giles Randolph beugte sich vor, damit er das Flüstern hören konnte. Ein Grinsen zog über sein dunkles Gesicht. Ihm gefiel die Idee so gut, daß er seinem Begleiter zum Dank ein paar Münzen über den Tisch zusteckte. Es war nur ein geringer Lohn für einen Mann, der sich als ein so guter Freund von Banbury's Men herausstellte.

Mark Scruton war ihre Rettung.

*

Die Nacht hatte Pomeroy Arms mit ihrem dunklen Mantel umhüllt. Mit dem sicheren Wissen, daß am nächsten Morgen ein Publikum auf sie wartete, probten Westfield's Men bis in den Abend hinein und hockten noch bis Mitternacht zusammen. Dann fielen sie ins Bett und überließen sich zufrieden ihren Träumen. Nicholas Bracewell teilte sich mit vier anderen Männern einen Raum am Ende des Gebäudes. Angenehme Gedanken an Anne Hendrik begleiteten seinen Schlaf, an denen er sich die ganze Nacht erfreut hätte, wenn ihn nicht irgend etwas gestört hätte. Er war sofort hellwach und sah sich mit blinzelnden Augen um. In der Dunkelheit konnte er nichts erkennen, er hörte lediglich das friedliche Schnarchen der anderen. Er lauschte sorgfältig, dann wurde ihm klar, was nicht stimmte.

Einer der Männer war verschwunden.

Das entfernte Geräusch von Schritten auf dem gepflasterten Hof ließ ihn aus dem Bett springen und zum Fenster hasten. Er konnte gerade noch die große Gestalt eines Mannes erkennen, der sich von dem Gasthaus entfernte. Nicholas starrte in die Finsternis hinaus. Der Mann erreichte eine Anhöhe, und seine Silhouette stand ein paar Sekunden vor dem Himmel. Das reichte. Der Regisseur erkannte das Profil und die Gangart.

Christopher Millfield rannte in die Nacht hinaus.

*

Auf ihrer Reise ins antike Rom improvisierten Westfield's Men mit großem Geschick. Bettücher wurden zu Togen, lange Schwerter zu kurzen Schwertern, Büsche wurden geplündert, um Lorbeerkränze abzugeben, und ein Schemel mit hohem Rücken aus dem Gasthof geholt, um als Thron zu dienen. Unter der Anleitung des Regisseurs verwandelten sich die Schauspieler in Zimmerleute und bauten einfache Bühnenbilder zusammen. Edmund Hoode arbeitete tüchtig mit Beitel, Hobel und Säge. »Tarquinius von Rom« war ein langes Stück mit großer Besetzung. Fände ihre Aufführung in einer Stadt von der Größe Bristols, Newcastles oder Exeters statt, hätten sie ohne Probleme Hilfskräfte als Statisten anheuern können, doch diese Möglichkeit gab es hier nicht. Das Stück mußte also der geringen Zahl von Mitwirkenden angepaßt werden, dennoch war es auch in der verkleinerten Besetzung ein starkes Drama. Nur vollblütiges Spielen und hektisches Doubeln konnten es über die Bühne bringen. Das war die Art von Herausforderung, die ihnen gefiel.

Lawrence Firethorn gab ihnen Herz und Hoffnung zurück.

»Laßt uns so spielen, daß das alte Gemäuer von Begeisterung widerhallt!«

Pomeroy Manor wurde zum Anziehungspunkt des einfachen Landadels. Die Leute kamen in Massen, um den ungewohnten Anblick eines Lucius Tarquinius Superbus zu genießen, des siebten und letzten Königs von Rom, und das in der Banketthalle eines Landhauses in Hertfordshire. Es war wie eine Offenbarung für sie. Auf einer Hilfsbühne, mit minimalen Bühnenbildern und Kostümen versetzten Westfield's Men ihr Publikum zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurück.

Lawrence Firethorn riß sie zu wahrer Begeisterung hin mit seiner Darstellung des Tarquinius, der, trunken von Machtgier und ein Meister des Ränkespiels, Roms Macht und Reichtum an sich reißt, um sie zu seinem Nutzen auszubeuten.

Christopher Millfield war es, der das Stück zu Ende führte.

Tapfre Kämpfer haben Euer feiges Heer bezwungen, den Frieden unsrem leidgeprüften Land wieder errungen.

Verflucht seist Du, Tyrann, laß uns zufrieden, an diesem Tag des Siegs sei Ehre uns beschieden. Wenn Herrscher grausam uns den Tod auch senden, wird Freiheits Fahne siegreich doch den Tag beenden.

Neville Pomeroy riß es vom Sitz zum langanhaltenden Applaus für ein Stück, das gleichermaßen tiefbewegt und wunderbar unterhalten hatte. Westfield's Men wurden gefeiert. Das war eine Wohltat nach all ihren Rückschlägen. Als sie Pomeroy Manor verließen, hatten sie Geld in der Tasche und Triumph in der Brust. Ein sehr belebendes Gefühl.

Ihr Gastgeber überschüttete sie nochmals mit seinem Dank.

»Ihr könnt nicht ahnen, welche Freude Ihr uns gebracht habt.«

»Wir sind tief befriedigt«, sagte Firethorn mit der Stimme des Tarquinius. »Wir armen Wichte leben von der Nachsicht unserer Schirmherren. Pomeroy Manor war uns ein Quell großer Freude. Es wäre schön, wenn wir auch anderswo einen so herzlichen Empfang erlebten.«

»Den werdet Ihr gewiß bekommen, Sir.«

»Nicht in Ware oder Royston, fürchte ich.«

»Geht weiter nach Norden, dem sicheren Sieg entgegen.«

»Das ist auch unsere Absicht.«

»Ich habe meinen Teil dazu beigetragen«, sagte Pomeroy. »Als ich von Euren Plänen erfuhr, habe ich von London aus an meinen besten Freund geschrieben, um ihn von Eurer Ankunft zu unterrichten. Westfield's Men werden dort einen freundlichen Empfang bekommen.«

»Wir danken Euch für Eure Freundlichkeit, Sir. Wo liegt der Ort?«

»Es ist Marmion Hall.«

»In welcher Stadt?«

»Nahe bei York.«

Lawrence Firethorn mußte mal wieder den Kreuzritter spielen.

»York, sagt ihr? Wir kennen einen anderen Namen dafür.«

»Wie könnte der lauten?«

»Jerusalem!«

*

Der Keller lag tief unter dem Haus. Kein natürliches Licht drang hinein, an den dicken Mauern schlug sich die Feuchtigkeit nieder. Ein Geruch von Verzweiflung lag in der Luft. Der Mann war bis zum Gürtel nackt. Mit gespreizten Armen und Beinen lag er auf einem hölzernen Tisch, auf eine Weise gefesselt, die seine Qualen noch verstärkte. Stricke schnitten tief in seine Hand- und Fußgelenke und zogen Arme und Beine so weit auseinander, daß es ihn fast zerriß. Schweiß vermischte sich mit dem Blut, das seine Brust und Arme bedeckte. Sein Gesicht war nur noch eine blutige Masse. Während er in seinen eigenen Exkrementen lag, hatte er kaum noch die Kraft zu stöhnen, und spürte nichts von der Spinne, die über seine Stirn kroch.

Marmion Hall war der angestammte Sitz einer der bekanntesten Familien in Yorkshire. Niemand hätte jemals geglaubt, daß dieses Haus einen solchen Gast unter seinem Dach beherbergte. 

Die Kellertür wurde von außen aufgeschlossen und eine Kerze hineingebracht. Ein kleiner, untersetzter Mann in der Livree eines Dieners trat zu dem Gefangenen und ließ das Licht der Kerze auf sein geschundenes Gesicht fallen. Sir Clarence Marmion zeigte keinerlei Regung, als er den gefolterten Leib betrachtete.

»Hat er nichts mehr gesagt?«

»Nichts außer Schmerzensschreien, Sir Clarence.«

»Habt Ihr ihn Euch bis zum Letzten vorgenommen?«

»Mit Stahl und Feuer. Er hat sich halb zu Tode geblutet.«

»Würde eine Tracht Peitschenhiebe ihm nicht die Zunge lösen?«

»Aber nur, um um Gnade zu winseln.«

»Wer keine gewährt, hat auch keine verdient«, sagte der andere kalt. »Walsinghams Leute sind skrupellos. Wir müssen genauso sein.«

Der Diener packte das Haar des Gefangenen und schlug ihm den Kopf auf den Tisch. Dann spähte er ihm direkt ins Gesicht.

»Etwas lauter, Sir! Wir können nichts hören!«

Ein langer Seufzer quälte sich durch die aufgeplatzten Lippen.

»Wer war es?« zischte Sir Clarence. »Ich will den Namen des Spions, der Rickwood verraten hat.«

Der Gefangene wand sich in Todesqualen, sagte jedoch nichts.

»Redet schon!« herrschte ihn der Hausherr an. »Welche von Walsinghams Kreaturen hat ihn in den Tod geschickt?«

»Ich kann die Information nicht aus ihm heraushacken.«

»Seinen Namen!«

Sir Clarence verlor die Kontrolle über sich und schlug den Mann mit mächtigen Hieben ins Gesicht, bis das Blut über seinen ganzen Handschuh spritzte. Dann zog er die Hand zurück und trat zur Tür. Er hatte seine Beherrschung wiedergewonnen.

»Was jetzt, Sir Clarence?« fragte der Diener.

»Tötet ihn.«

*

Obwohl das Haus in Shoreditch jetzt halb leer war und weniger hungrige Münder am Tisch zu füttern waren, hatte Margery Firethorn immer noch eine Menge häuslicher Aufgaben zu erledigen, die sie in Bewegung hielten. Eine davon bestand im regelmäßigen Besuch auf dem Markt, um Lebensmittel zu kaufen und sich mit den Händlern zu streiten, die sie übervorteilen wollten. Die Diener waren unfähig, die besten Stücke zu den niedrigsten Preisen zu ergattern, deshalb hatte sie sich diese Aufgabe persönlich vorbehalten. Das bewirkte, daß sie das Haus auch mal verließ und nicht in Grübelei verfiel.

Sie betrat die Stadt bei Bishopsgate und geriet in einen kleinen Tumult. Bewaffnete Soldaten rannten umher, stießen die Leute zur Seite und gingen rauh mit jedem um, der sich beschwerte. Margery ließ ein paar bissige Bemerkungen fallen und schlenderte zum Markt in der Gracechurchstreet. Schon bald befand sie sich in einem heftigen Streitgespräch mit einem glücklosen Händler über die Qualität seiner Früchte. Als sie ihn auf den Preis heruntergehandelt hatte, den sie zu zahlen bereit war, begab sie sich kampfeslustig zum nächsten Stand und begann ihr Spiel aufs neue.                       

Nach einiger Zeit befand sie sich dicht am Queen's Head, was zu wehmütigen Gedanken an Westfield's Men führte. Sehr unterschiedliche Gefühle erfüllten sie. Obwohl sie noch immer zornig auf ihren Mann war, vermißte sie ihn doch sehr. Auch wenn sie ihn lautstark zur Rede gestellt hätte, würde sie die Strafpredigt doch mit ein paar Küssen gemildert haben. Margery Firethorn konnte ihrem Ehemann nicht die ganze Schuld geben. Als sie ihn heiratete, heiratete sie auch das Theater, und das brachte eben ein paar Widrigkeiten mit sich.

Dafür erhielt sie jetzt einen weiteren Beweis. Auf einem Hocker vor dem Gasthaus saß ein dünner, asketisch wirkender Mann mit einer Viola zwischen den Beinen, der seinem Instrument klägliche Töne entlockte, in der Hoffnung, damit ein paar Münzen von den Passanten zu ergattern. Es war Peter Digby. Noch vor zehn Tagen war er der stolze Leiter einer Gruppe von Musikanten gewesen, die für Westfield's Men spielten. Jetzt stand er auf der Straße und hoffte auf ein paar dürftige Pennies. Wirklich, das Theater war ein grausamer Arbeitgeber.

»Master Digby! Welche Überraschung!« sagte sie.

»Mistress!«

»Habt Ihr keine andere Arbeit als das hier, Sir?«

»Keine, für die ich Geld bekäme.«

Sie nahm eine Münze aus ihrer Tasche und drückte sie ihm in die Hand. Er dankte ihr für diese Freundlichkeit und erkundigte sich nach der Theatergruppe. Sie wußte nichts Neues, das sie ihm hätte sagen können, sondern redete nur ganz allgemein. Entferntes Geschrei ließ sie beide in Richtung Bishopsgate schauen. Dort liefen noch mehr Soldaten herum.

»Was hat der Tumult zu bedeuten?« fragte sie.

»Habt Ihr es denn nicht gehört?«

»Nein, Master Digby.«

»Einer von den Schädeln ist von den Piken verschwunden.«

»Das ist aber wirklich eine scheußliche Sache!«

»Während der Nacht heruntergeholt«, sagte er. »Und das war kein einfacher Scherz. Wenn der Übeltäter gefaßt wird, muß er mit dem Strang rechnen. Sie suchen sehr nach ihm.«

»Wessen Kopf ist denn heruntergeholt worden?« fragte sie.

»Der eines Verräters, der erst vor kurzem hingerichtet wurde.«

»Wie hieß er denn?«

»Anthony Rickwood.«

5. KAPITEL

Die großen Erwartungen, mit denen Westfield's Men weiterzogen, wurden schon bald durch die äußeren Umstände gedämpft. Starke Regenfälle während der Nacht hatten eine Straße, die sich sowieso schon in schlechtem Zustand befand, in ein Schlammbad verwandelt.

Die anliegenden Gemeinden waren für die Instandhaltung aller Straßen innerhalb ihres Bezirkes verantwortlich, doch im Falle einer großen Überlandstraße wie der Great North Road war dies für die Gemeinden eine unerträgliche Belastung. Sie hatten überhaupt nicht die Möglichkeit, die Geldmittel für den Unterhalt einer derartigen Verkehrsader auch nur im entferntesten aufzubringen, und Westfield's Men litten unter diesem Umstand.

»Benutzt die Peitsche, Mann!«

»Das hilft auch nicht weiter!«

»Wir stecken fest, Master Firethorn!«

»Ich hole Euch hier raus, und wenn ich den Karren mit meinen eigenen Händen herausziehen muß, das schwöre ich Euch!«

Doch Firethorn mußte klein beigeben. Obwohl er eines der Karrenpferde beim Geschirr packte und mit aller Kraft daran zog, bewegte sich keines der Tiere auch nur einen Schritt vorwärts. Ein Vorderrad des Fuhrwerks war bis zur Radnabe eingesunken, der ganze Karren kippte zur Seite.

»Das ist Eure Schuld, Master Bracewell.«

»Ich konnte nicht um das Loch herumfahren, Sir.«

»Das Fuhrwerk ist zu schwer, weil Ihr die gesamte Belegschaft an Bord habt. Das Gewicht ist Euer Untergang.«

»Ich konnte nicht von ihnen verlangen, in diesem Schlamm zu waten, Master Gill. Das würde ihre Schuhe ruinieren und ihre Sachen verdrecken.«

»Das wäre immer noch besser als dieses Malheur.«

»Unternehmt etwas, Nick!« kommandierte Firethorn.

»Ja, Sir.«

»Und zwar auf der Stelle.«

Nicholas sprang vom Kutschbock und winkte allen, vom Karren herunterzusteigen. Dann wurde er mühselig entladen. Mit der Axt hackte er einen kräftigen Holzstamm zurecht und schob ihn unter die Seite des Wagens, an der das Rad eingebrochen war. Mit Hilfe dreier Männer benutzte er diesen Hebel, um den Karren aufzurichten. Es gab ein lautes, schmatzendes Geräusch, als das Rad aus dem Schlamm auftauchte. Jetzt wurden die Pferde angetrieben, und das Fuhrwerk kam frei. Während es wieder beladen wurde, rief Lawrence Firethorn nach dem Gesetz.

»Diese Gemeinde müßte komplett verhaftet werden!«

»Die können doch nicht jedes Loch in der Straße reparieren«, sagte Hoode besänftigend. »Wir müssen eben vorsichtiger sein.«

»Ich zerre sie vor ein Kriminal- und ein Geschworenengericht.«

»Und was sollen Westfield's Men machen, während Ihr Euren Prozeß anstrengt? Sollen wir hier einfach warten?«

»Macht Euch nicht lustig über mich, Edmund.«

»Dann manövriert Euch nicht in eine solche Lage, Lawrence.«

»Die sollten in Eisen gelegt werden, jeder einzelne von ihnen.«

»Und wie sollten sie dann die Straßen reparieren, wenn sie gefesselt sind?«

Sie konnten weiterziehen. Einige der angestellten Mitarbeiter mußten zu Fuß gehen, und zwar ein Stück hinter dem Karren, um den größten Schmutz zu vermeiden. Als sie die Grenze nach Huntingdonshire überschritten, erreichten sie den schlimmsten Abschnitt der gesamten Great North Road. Hier, wo sie eine Ecke der Grafschaft Fen umging, hatte sie mehr Verkehr zu bewältigen als irgendwo sonst auf der Strecke, natürlich mit Ausnahme der direkten Zufahrten nach London; die Straße befand sich in fürchterlichem Zustand. Hier mußten sie ganz besonders vorsichtig fahren, ihr Vorwärtskommen war denn auch entsprechend langsam. Sie waren erleichtert, als Huntingdon schließlich in Sicht kam.

Richard Honeydew sprudelte Fragen hervor.

»Seid Ihr schon früher einmal in dieser Stadt gewesen, Master Bracewell?«

»Ein- oder zweimal, Junge.«

»Was ist das für eine Stadt?«

»Es gibt zwei bemerkenswerte Dinge hier, Dick.«

»Was könnte das sein?«

»Eine Gemeindewiese und einen Galgen.«

»Bekommen wir einen Gehenkten zu sehen, Sir?«

»Viele, wenn es nach Master Firethorn ginge.«

»Werden sie uns hier auftreten lassen?«

»Da bin ich ganz sicher.«

Doch die Zusicherung des Regisseurs war etwas zu optimistisch. Als sie an der Kirche St. Bennet vorbei zur Stadthalle rollten, war von einer offiziellen Begrüßung nichts zu bemerken. Banbury's Men hatten die Stadt bereits erobert, und zwar mit einer Vorstellung von »Doppelte Täuschung«.

Das war ein weiteres Stück, das sie Westfield's Men gestohlen hatten. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ein Mitglied des Stadtrates war soeben erst von Lincolnshire zurückgekehrt. Er berichtete ihnen, Banbury's Men hätten dort »Eheglück und Mißvergnügen« aufgeführt - natürlich auch ein Stück aus dem Repertoire ihrer Rivalen - und ferner »Pompeius der Große«, vor einem begeisterten Publikum, zu dem auch er gehört habe. Als er anfing, Giles Randolphs Darstellung der Titelrolle in den Himmel zu loben, mußte man Firethorn mit Gewalt festhalten, damit er dem Mann nicht an die Gurgel fahren konnte.

Mit Schaum vor dem Mund wurde der Erste Schauspieler ins nächste Gasthaus geschleppt, wo man ihn mit Wein abfüllte, um seinen Zustand zu bessern. Barnaby Gill, Edmund Hoode und Nicholas Bracewell begleiteten ihn. Firethorn brannte auf Rache.

»Beim Himmel, dafür schlitze ich ihm die Kehle durch!«

»Dafür müssen wir ihn zuerst einmal finden«, erinnerte Nicholas.

»Mir meine Rolle in meinem Stück vor meinem Publikum zu klauen! Ha! Der Mann hat den Instinkt eines Schakals und das Talent eines dreibeinigen Esels.«

Gill konnte es nicht lassen, seinem Stolz einen Stoß zu versetzen.

»Der Mann sprach gut über Master Randolph.«

»Ein Stinktier in Menschengestalt!«

»Trotzdem hat er den Tag mit ›Pompeius‹ gewonnen.«

»Mein Pompeius! Mein, mein, mein Pompeius!«

»Meiner auch«, sagte Hoode seelenvoll. »Viel Arbeit und Mühe ist in dieses Werk eingeflossen. Es schmerzt mich, zu hören, daß Banbury's Men es kostenlos aufführen konnten.«

Nicholas hatte Mitgefühl mit dem Autor. Keinerlei Gesetz schützte sein Werk. Sobald er bei Ablieferung eine einmalige Zahlung von fünf Pfund erhalten hatte, ging das Eigentum von ihm auf Westfield's Men über. Er hatte nur wenig Einfluß auf die Bühnendarstellung und noch weniger auf die Besetzung. Der einzige Trost war nur, daß er eine maßgeschneiderte Rolle für sich selbst geschrieben hatte, die eines eifrigen jungen Tribunen.

»Wer wohl den Sicinius gespielt hat?« überlegte er.

»Was hier einzig und allein zählt, ist die Frage, wer den Pompeius gespielt hat!« heulte Firethorn, der mit der Faust auf den Tisch trommelte, daß die Weingläser hin und her hüpften. »Randolph müßte wegen dieser Unverschämtheit am nächsten Baum aufgeknüpft werden!«

»Wie sind Banbury's Men an das Stück gekommen?« fragte Gill.

»Ich weiß, wie«, sagte Nicholas.

»Redet schon, Sir!«

»Sie haben unsere eigenen Spieler gegen uns eingesetzt.«

»Ungeheuerlich!« schrie Firethorn.

»Es gibt nur ein einziges komplettes Manuskript von jedem Stück«, erklärte Nicholas, »und das bewache ich persönlich sehr aufmerksam. Aber während der Proben oder Aufführungen kann ich es nicht schützen. Wenn ein paar unserer Mitarbeiter unter sich ein Stück auswendig lernen, können sie den Kern der Handlung mit Hilfe eines Schreibers zu Papier bringen. Und es sind genau diese Kernstücke, von denen Giles Randolph gezehrt hat.«

»Wer sind diese Hunde, Nick?«

»Wie viele sind es?« wollte Gill wissen.

»Ich weiß weder ihre Namen noch ihre Anzahl«, gab der Regisseur zu. »Aber ich habe mir einmal die Liste aller Mitarbeiter dieses einen Jahres angesehen. Mehrere sind im Zorn von uns gegangen, mit viel Grund, uns zu schädigen. Wenn nur genügend Geld in genügend viele Taschen fließt, drehen die ihr Mäntelchen nach dem Wind und helfen Banbury's Men.« 

»Jawohl«, sagte Firethorn, »und bekommen durch Bestechung einen Platz in dieser widerlichen Gruppe. Wenn wir sie aber einholen, werden wir herausfinden, wer das Ungeziefer ist.«

»Die sind viel zu weit voraus«, wandte Nicholas ein, »und wenn wir weiterhin Städte besuchen, in denen sie schon gewesen sind, machen wir uns nur noch mehr Ärger. Verwahrt Euren Zorn, Master Firethorn, bis die richtige Gelegenheit kommt. Wir müssen unsere Route ändern und neue Ziele suchen.«                       

»Der Ratschlag ist sehr vernünftig«, sagte Hoode. »Wohin sollten wir gehen, Nick?«

»Nach Nottingham. Wir bleiben noch eine Weile auf dieser Straße, dann ziehen wir nordwestlich durch Oakham und Melton Mowbray. Vielleicht haben diese Städte ein wenig Interesse an guter Unterhaltung.«

Firethorn und Hoode äußerten ihre Zustimmung. Gill war als einziger nicht einverstanden und wies darauf hin, daß die kleineren Straßen in noch schlechterem Zustand seien als die, auf der sie jetzt reisten; außerdem mußte er seine üblichen Einwände gegen jeden Vorschlag bringen, der vom Regisseur stammte. Doch er wurde von den anderen überstimmt und wandte sich pikiert seinem Getränk zu.

Firethorn, immer noch blutdürstig, akzeptierte die Tatsache, daß er noch warten mußte, bis er das Blut von Banbury's Men literweise vergießen konnte. Nicholas' Vorschlag gefiel ihm immer besser. Ihr neues Ziel verlangte nach seiner persönlichen Wahl eines Stückes.

»Nottingham, Sirs! Dort werden wir ›Robin Hood‹ aufführen!«

Damit war alles entschieden.

*

Die Weiterleitung der Angelegenheit an eine höhere Autorität, das wußte Miles Melhuish, war eine richtige Entscheidung. Nicht nur, weil er sich dadurch von einem Problem befreite, das ihm erhebliche persönliche Ängste verursachte, sondern auch, weil er es an einen Mann weitergab, der es mit Entschiedenheit und Tempo lösen konnte. Der Dekan war in ganz Nottingham gefürchtet. Ein einziger Blick von der Kanzel vermochte eine Versammlung zum Schweigen zu bringen, eine einzige Andeutung seines Unwillens brachte auch den überzeugtesten Abtrünnigen zurück in den Kreis der Gläubigen. Er war wesentlich älter als Melhuish und besaß mehr Nachdruck, mehr Weisheit, mehr Überzeugung und mehr Fähigkeit. Außerdem hatte er mehr Sinn für die Freuden der Maßregelung, für die von der Macht der Kirche gedeckte Vernichtung eines jeden Opponenten. Er würde Mistress Eleanor Budden schon von ihren Wahnvorstellungen befreien. Fünf Minuten mit dem Dekan würden dafür sorgen, daß sie auf der Stelle nach Hause lief und in ihr Schlafzimmer, um mit ihrem Ehemann in Gottes Namen zu vögeln und die Mißachtung seiner heiligsten ehelichen Rechte wieder gutzumachen.

Doch da gab es ein unvorhergesehenes Problem. Seit mehr als zwei Stunden war sie mit dem Dekan hinter verschlossenen Türen, und als sie herauskam, geschah das nicht im Geiste der Zerknirschung. Sie machte immer noch den Eindruck unverrückbarer Zuversicht und trug immer noch jenes engelhafte Lächeln auf dem Gesicht. Es ist nicht genau bekannt, in welchem Zustand des Zusammenbruchs sie den gelehrten Mann zurückließ, der versucht hatte, ihr das Sendungsbewußtsein auszutreiben. Ihre Gewißheit war jedenfalls von diamantener Härte.

Humphrey Budden stand draußen und wartete auf sie.

»Nun?«

»Meine Prüfung ist beendet«, sagte sie.

»Was habt ihr besprochen?«

»Hauptsächlich die Bibel.«

»Hat der Dekan dich über deine Pflichten aufgeklärt?«

»Das hat Gott bereits getan, Sir.«

»Er hat also keinen Erfolg gehabt?« fragte Budden ungläubig.

»Er hat meine Entscheidung akzeptiert.«

»Wahnsinn, nichts als Wahnsinn!«

»Findest du, daß deine Frau verrückt ist, Humphrey?«

»In diesem geistigen Zustand allerdings.«

»Dann mußt du mich wirklich verabscheuen.«

Sie standen zwischen den Grabsteinen auf dem Kirchhof. Der Himmel war finster, dicke Wolken zogen auf, der Wind kündigte Regen an. Normalerweise kleidete Eleanor Budden sich nach bürgerlicher Mode mit einem Mieder und einem langen Rock in gedeckten Farben, mit einer Kappe, die ihr geflochtenes Haar versteckte, und mit einem Spitzenkragen von ausgesuchter Qualität, was für ihren Mann ein Symbol seines beruflichen Stolzes war. Er wünschte, daß sie einerseits Zurückhaltung zeigte, andererseits aber auch seinen Beruf, sein Glück und seine Männlichkeit hervorhob. Derartige modische Nichtigkeiten hatte sie inzwischen abgelegt. Jetzt trug sie nur noch ein einfaches graues Hemd und eine Morgenhaube. Ihr langes Haar hing lose über ihren Rücken.

Merkwürdigerweise begehrte er sie mehr denn je zuvor. Trotz dieses Aufzugs, trotz des Ortes und trotz des unsicheren Wetters merkte er, daß sein Begehren anschwoll und seine berechtigten Ansprüche sich verhärteten. Verrückt oder irregeleitet, sie war ganz einfach schön. Unbeeindruckt durch den Pfarrer und unzugänglich selbst für den Dekan, sie war immer noch die Ehefrau von Humphrey Budden und mußte zu Verstand gebracht werden.

»Du wirst ab sofort nicht mehr keusch bleiben!« verlangte er.

»Wieso das, Sir?«

»Du gehst jetzt auf der Stelle mit mir nach Hause!«

»Mir gefällt dein Ton nicht.«

»Wenn du den schon früher gehört hättest und eine starke Hand gespürt, die das verstärkt hätte, dann befänden wir uns jetzt nicht in dieser schwierigen Lage.«

»Willst du mir drohen, Sir?«

Sie war kühl und ohne Furcht, was ihn einen Moment innehalten ließ, doch ihre großen blauen Augen und ihre samtene Haut ließen seine Entschlossenheit zurückkehren. Er packte ihren Arm.

»Laßt mich los, Sir. Ihr tut mir weh.«

»Komm sofort nach Hause, damit wir das Problem im Schlafzimmer lösen können. Das soll nicht zu deinem Schaden sein.«

»Laßt mich zufrieden, Humphrey. Vereinigung im Fleische ist sündhaft.«

»Aber nicht in der Ehe.«

»Wir sind nicht mehr Mann und Frau.«

Er packte auch ihren anderen Arm und rang mit ihr, als sie versuchte, sich freizukämpfen. Der Druck ihres Körpers gegen den seinen trieb ihn weit über die Grenzen der Vernunft hinaus.

»Unterwirf dich meinen Umarmungen!«

»Das werde ich nicht, Sir.«

»Das ist mein angestammtes Recht.«

»Jetzt nicht mehr.«

Ihr Widerstand verstärkte seine Wut noch mehr.

»Ich schwöre, wenn du mir nicht gehorchst, nehme ich dich hier auf der Stelle, zwischen den Toten von Nottingham.«

»Das werdet Ihr nicht wagen.«

»Nicht wagen?« heulte er.

»Gott wird Euch davon abhalten.«

Bis zum Äußersten erregt, packte er mit groben Händen ihr Hemd, riß daran und legte eine wohlgerundete Schulter und einen Teil ihrer Brust frei. Doch in das Geräusch des zerreißenden Stoffes mischte sich noch ein anderes. Die Kirchentür öffnete sich, Miles Melhuish kam im Zustand höchster Verblüffung aus der Kirche. Es war ihm unbegreiflich, wie Eleanor Budden es geschafft haben konnte, dem Dekan zu widerstehen. Als er jedoch die Szene vor sich sah, verstand er nur allzu gut und erzitterte wegen der Sündhaftigkeit.

»Das hier, auf geheiligtem Boden!« donnerte er.

»Ich wurde dazu getrieben, Sir«, meinte der Spitzenmacher.

»Gewalt gegen das schwache Geschlecht anzuwenden!«

»Ihr habt mir eine strenge Haltung angeraten.«

»Aber nicht von dieser ekelhaften Art.«

»Vergebt ihm, Sir«, sagte Eleanor. »Er weiß nicht, was er tut. Ich hatte nichts anderes erwartet. Gott hat mich gewarnt, daß viel Leid über mich kommen werde. Und doch hat Er mich gerettet, wie Ihr ja gesehen habt. Er hat Euch aus der Kirche zu meiner Rettung hierher geschickt.«

Eleanor fiel betend auf die Knie, und Melhuish nahm den geschlagenen und geknickten Ehemann beiseite, um ihn inmitten der Grabsteine zurechtzuweisen. Als Eleanor fertig war, half ihr der Priester auf die Füße und schubste ihren Ehemann mit einem scharfen Blick auf sie zu.

»Vergib mir meine Gemeinheit, Eleanor.«

»Du hast dich nur wie ein Mann verhalten.«

»Ich habe mich schwer gegen dich versündigt.«

»Dann mußt du die Sünde von dir abwaschen. Rufe zu Gott, damit er dir ein reines Herz gibt und alles Böse von dir nimmt.«

Humphrey Budden war verzweifelt. Von seiner Frau verlassen, von der Kirche gemaßregelt - sein Fall war jenseits aller Hoffnung. Anstatt eine pflichtbewußte Ehefrau mit nach Hause zu bringen, hatte er sie für immer verloren, und zwar an eine Stimme, die er selber noch kein einziges Mal vernommen hatte.

»Darf ich erfahren, was du vorhast, Frau?«

»Ich folge dem Pfad der Rechtschaffenheit.«

»Sie muß dem Befehl des Dekans folgen«, sagte Melhuish.

»Ich gehe nach Jerusalem«, sagte sie.

»Nach York«, korrigierte der Vikar. »Nur der heilige Erzbischof kann in dieser Sache ein Urteil sprechen. Ihr müßt ihm einen Brief des Dekans überbringen und um eine Audienz bitten.«

»York!« Budden war beunruhigt. »Darf ich mitkommen?«

»Ich reise allein«, sagte sie bestimmt.

»Wie willst du dir Unterkunft und Verpflegung beschaffen?«

»Gott wird dafür sorgen.«

»Die Straßen sind nicht mal für einen Mann sicher, noch viel weniger für eine Frau wie dich. Du bist in Lebensgefahr!«

»Mir wird nichts geschehen.«

»Es ist gefährlich, für dich und jeden anderen Reisenden.«

»Ich habe den Schutz des Herrn auf meiner Reise.«

Es begann zu regnen.

*

Oliver Quilley fluchte auf den Regen und setzte sein Pferd in Trab. Nicht weit vor ihm war eine Baumgruppe, die Schutz versprach für ihn und seinen jungen Begleiter. Quilley war eine kleine, schmächtige Gestalt von etwa dreißig Jahren und von einer gewissen ansprechenden Zerbrechlichkeit. In seiner Kleidung eines Höflings wirkte er unpassend und bombastisch neben dem stämmigen Mann, den er sich in Leicester als Leibwächter und Begleiter ausgesucht hatte. Die Bäume bewegten sich und schwankten im Regen, doch ihr dichtes Blätterdach versprach Schutz vor dem schlimmsten Sturm. Während Quilley voranritt, preßte er eine Hand auf sein Herz, als wolle er es festhalten.

»Haltet nach rechts«, rief er.

»Ja, Master.«

»Dort finden wir Schutz vor dem Sturm.«

»Ja, Master.«

Der junge Mann trug wenig zur Unterhaltung bei, war jedoch wegen seines stämmigen Körperbaus eine beruhigende Begleitung. Quilley vergab ihm seine Unbeholfenheit und trieb ihn auf die Baumgruppe zu. Sie waren durchnäßt, als sie dort eintrafen, und so erleichtert, daß sie dem schlechten Wetter entwischt waren, daß sie in ihrer Vorsicht nachließen. Das war ihr Verhängnis.

»Ho, hallo da, Sirs!«

»Hey! Hey! Hey!«

»Euch hat uns das Schicksal in die Hände gespielt.«

»Runter von den Pferden!«

Vier Straßenräuber in alten Lumpen sprangen so plötzlich aus ihrem Versteck, daß die beiden Reiter vollkommen überrumpelt wurden. Zwei der Räuber hatten Schwerter, der dritte einen Dolch und der vierte eine hölzerne Keule, die gefährlicher war als alle anderen Waffen. Dem jungen Mann gelang es nicht einmal mehr, seinen Degen zu ziehen. Von dem Gebrüll und dem plötzlichen Überfall völlig verwirrt, stieg sein Pferd so heftig in die Hinterhand, daß er wie vom Blitz getroffen aus dem Sattel fiel. Hilflos fiel er hinterrücks vom Pferd und landete unglücklich auf dem Nacken. Man hörte ein ekelhaftes Knacken, der Körper wurde schlaff. Das war ein Tod von größter Einfachheit.                       

Die anderen wandten ihre Aufmerksamkeit Quilley zu.

»Verschwindet, ihr Mörder!« schrie er.

»Ruhig, Sir, wir möchten mit Euch sprechen.«

»Laßt meine Zügel los!«

Doch Quilleys schwächliche Bemühungen hatten keinen Erfolg. Er schlug und trat nach ihnen, brachte sie damit jedoch nur zum Lachen. Der größte der Raufbolde griff nach oben und riß ihn aus dem Sattel, als ob er im Garten Blumen pflückte. Oliver Quilley landete unsanft auf der Erde.

»Dafür werden sie euch einzeln aufhängen!«

Er versuchte aufzustehen, doch sie wurden seiner überdrüssig. Ein Schlag mit der Keule hinter sein Ohr schickte ihn bewußtlos zu Boden. Zufrieden mit ihrer heutigen Arbeit, suchten die Räuber ihre Siebensachen zusammen. Schon bald galoppierten sie davon.

Quilley war lange bewußtlos, doch irgendwann brachte der Regen ihn wieder zu sich. Das erste, was er sah, war die Leiche des jungen Mannes, den er zu seinem Schutz bezahlt hatte. Der Anblick brachte ihn zum Erbrechen. Dann erinnerte er sich an etwas und betastete die Vorderseite seines Wamses. Vor Erleichterung weinend, knöpfte er die Jacke auf und zog eine große Lederhülle hervor, die er aus Sicherheitsgründen darunter trug. Sie hatten sein Pferd, seine Satteltaschen und seinen Geldbeutel gestohlen, doch das alles machte nichts. Die Lederhülle war noch da. 

Quilley öffnete sie vorsichtig, um ihren Inhalt zu prüfen. Mord und Überfall auf der Straße nach Nottingham. Er hatte noch Glück gehabt. Der Verlust seines Begleiters war wirklich ein Unglück, doch der junge Mann war entbehrlich. Der Verlust seiner Lederhülle wäre eine Katastrophe gewesen. Seine Kunst war in Sicherheit.

Er machte sich auf den langen Marsch ins nächste Dorf.

*

Der Regen peitschte erbarmungslos auf Westfield's Men ein. Er hatte sie in offenem Gelände erwischt, während sie im nördlichen Teil von Leicestershire unterwegs waren und es nicht verhindern konnten, bis auf die Haut naß zu werden. Nicholas Bracewells größte Sorge galt den Kostümen, er zog eine Plane über den großen Weidenkorb am hinteren Ende des Fuhrwerks, aber für seine Gefährten konnte er nichts tun. Die wurden immer nasser, jämmerlicher und von Selbstmitleid erfüllt. Zäher Schlamm verlangsamte ihr Fortkommen zu einem Kriechen. Heftige Windböen quälten Pferde und Menschen. Dieses Wetter war das bisher Schlimmste für sie und ließ sie trübselig an den Queen's Head und die Bequemlichkeiten Londons denken.

So plötzlich der Regen begonnen hatte, so plötzlich hörte er auch wieder auf. Die grauen Wolken bekamen helle Streifen, schließlich brach die Sonne durch und tauchte alles in ein helles Glitzern. Lawrence Firethorn ließ anhalten, damit sie sich ausruhen und ihre Kleider etwas trocknen konnten.

Wamse, Jacken, Hemden, Hosen und Mützen hingen wild durcheinander auf den Büschen. Halbnackte Männer rannten herum. Die Zugpferde wurden aus dem Geschirr genommen und durften grasen.

Nicholas behielt Christopher Millfield im Auge. Seit dem Vorfall nachts in Pomeroy Arms hatte der Regisseur sich gefragt, wohin der Schauspieler mitten in der Nacht wohl gegangen sein mochte. Es war unwahrscheinlich, daß es sich um ein Liebes-Rendezvous handelte, denn im Gasthaus gab es viele Mädchen, die ihn sich zum Ziel lockerer Blicke und lauten Lachens ausgesucht hatten. Er hatte mit ihnen allen herumgeschäkert, aber keiner den Vorzug gegeben. Sein nächtliches Verschwinden mußte einen anderen Grund haben, aber Nicholas wußte, daß er den niemals durch eine direkte Frage herausfinden würde. Millfield hatte immer ein flottes Lächeln und eine plausible Erklärung zur Hand.

Da es ihm unmöglich war, den Mann die ganze Zeit zu beobachten, bediente Nicholas sich eines Freundes, der allerdings keine Ahnung davon hatte, daß irgendwelche Informationen aus ihm herausgelockt wurden.

»Was hat er sonst noch gesagt, George?«

»Er erzählte von anderen Gruppen, bei denen er gearbeitet hat.«

»Ich glaube, er war bei den Admiral's Men.«

»Die London vor einem oder zwei Monaten verlassen haben, um in Arundel, Chichester, Rye und was weiß ich wo sonst noch zu spielen.«

»Sind sie da denn gut aufgenommen worden?«

»Sehr gut, Master Bracewell. Sie spielten in ein paar der besten Häuser der Grafschaft und waren immer gut beschäftigt. Denen ging es viel besser als uns armen Hunden.«

*

George Dart sah auch zu seinen besten Zeiten traurig aus. In dem nassen Hemd und der schmutzigen Hose wirkte er wirklich jämmerlich. Seine Freude darüber, zu der Tourneegruppe zu gehören, hatte sich inzwischen verflüchtigt und jammerndem Selbstmitleid Platz gemacht. Als Kleinstem der Hilfsbühnenarbeiter hatte man ihm stets den größten Teil der Arbeit aufgehalst, und die Tournee hatte seine ohnehin schon endlose Liste von Pflichten noch verlängert. Zusätzlich zu seinen Aufgaben bei Aufführungen war er Pferdebursche, Träger, Schneider und allgemeiner Prügelknabe. In Pomeroy Manor hatte man ihn gezwungen, mehrere stumme Rollen zu übernehmen. Er wurde nicht weniger als viermal umgebracht - in vier verschiedenen Kostümen und mit vier besonders unangenehmen Methoden -, jedesmal durch den ruchlosen Tarquinius. So viel Verantwortung lastete auf seinen schmalen Schultern, daß die Knie unter ihm fast einknickten.

Es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, daß er gerade einen weiteren Job bekam.

»Noch etwas, George.«

»Ja, Sir?«

»Hat er Gabriel Hawkes mal erwähnt?«

»Mehrmals, Master.«

»Was hat er über ihn gesagt?«

»Daß er der bessere Schauspieler von beiden sei.«

»So habe ich ihn allerdings nicht gesehen.«

»Ich auch nicht, aber ich hatte zuviel Angst, ihm das zu sagen.«

»Hat er Mitleid mit Gabriel Hawkes ausgedrückt?«

»Nein, Master.«

»Nicht mal einen Seufzer des Bedauerns?«

»Jedenfalls habe ich nichts davon gehört.«

»Danke«, sagte Nicholas freundlich. »Wenn er irgend etwas Interessantes sagt, laßt es mich sofort wissen.«

»Das werde ich, Master.«

Nachdem er nun so viele Fragen beantwortet hatte, fand er selber eine Frage. Sie war ihm schon seit Tagen im Kopf herumgegangen, und Nicholas war der einzige Mensch, der bereit war, ihm richtig zuzuhören. Darts Gesicht legte sich in Falten.

»Als wir London verließen…«

»Ja, George?«

»Als wir durch Bishopsgate kamen.«

»Ja, Sir.«

»Da war ein Kopf auf einer Pike.«

»Mehrere, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ich meine den neuesten.«

»Ah ja. Das war Master Anthony Rickwood.«

»Was hat er getan?«

»Er hat sich gegen das Leben von Königing Elizabeth verschworen.«

»War er denn allein bei diesem Verbrechen?«

»Nein, Junge. Er war ein Teil einer katholischen Verschwörung.«

»Warum wurden die anderen denn nicht vor Gericht gestellt?«

»Weil sie bisher noch nicht gefaßt werden konnten.«

»Wird das denn noch passieren?«

»Sir Francis Walsingham wird sich schon darum kümmern.«

»Und wie?«

»Seine Leute werden das ganze Königreich durchkämmen.«

Bevor George noch eine weitere Frage formulieren konnte, erhob sich ein Schrei ganz in der Nähe. Nicholas raste los, das Schwert in der Hand. Richard Honeydew hatte voller Angst hinter einem Busch aufgeschrien, hinter den er sich zurückgezogen hatte, um sein Geschäft zu verrichten. Nicholas war in Sekundenschnelle bei ihm und sah, wie er mit vor Entsetzen weit aufgerissenem Mund da hockte und auf etwas zeigte, das vom höchsten Punkt des Hügels auf sie zukam.

Es war ein so verblüffender und exotischer Anblick, wie sie ihn nie zuvor auf ihren Reisen erlebt hatten. Eine Gruppe von zwanzig oder mehr Leuten war aufgetaucht, in bizarrsten Kostümen, die aus bestickten Turbanen und grellbunten Schals bestanden und über Lumpen und Fetzen getragen wurden. Ihre dunkelhäutigen Gesichter waren rot und gelb bemalt, an ihren Füßen klingelten Glöckchen, während sie auf ihren Pferden dahinritten. Sie waren gleichzeitig furchterregend und faszinierend. Richard Honeydew war wie benommen.

Nicholas lachte und klopfte ihm auf den Rücken.

»Die tun dir nichts, Junge.«

»Wer sind die, Master?«

»Ägypter.«

»Wer?«

»Günstlinge des Mondes.«

»Sind sie echt?«

»So echt wie du und ich.«

»Warum sehen sie so merkwürdig aus?«

»Es sind Zigeuner.«

*

Anne Hendrik war über Watling Street gereist, um ihre Kusinen in Dunstable zu besuchen. Schon bald zog sie weiter nach Bedford, wo sie bei einem Onkel blieb, und freute sich, als er sie einlud, ihn auf einen Besuch bei seinem Bruder in Nottingham zu begleiten. Obwohl diese Stadt nicht auf dem Reiseplan von Westfield's Men gestanden hatte, brachte der Besuch sie der Gruppe näher, ein tröstlicher Gedanke für sie. Erst jetzt, da sie von ihm getrennt war, merkte sie, welch wichtige Rolle er in ihrem Leben spielte. Sie lebten nun schon fast drei Jahre im selben Haus, und inzwischen hatte sie seine ungewöhnlichen Fähigkeiten schätzen gelernt.

Jetzt vermißte sie seinen sanften West-Country-Akzent, seinen Sinn für Humor und seine unendliche Rücksichtnahme. Viele Männer hätten brutale Züge angenommen, wenn sie das erlebt hätten, was er durchmachen mußte, doch Nicholas blieb sich selbst treu und aufmerksam für die Nöte anderer. Er hatte seine Fehler, doch selbst die brachten jetzt bei ihr ein nostalgisches Lächeln hervor. Während Anne an den Marktständen von Nottingham vorbeischlenderte, während ihre Hände Spitzen, Leder und Batist betasteten, waren ihre Gedanken bei ihrem liebsten Freund.

Sie spürte, daß er nicht allzuweit von ihr entfernt war.

»Kauf das nicht, Anne.«

»Was?«

»Das beste Leder gibt's in Leicester.«

»Oh… ja.«

Sie legte die Geldbörse, die sie geistesabwesend in die Hand genommen hatte, wieder zurück und hakte sich bei ihrem Onkel ein. Er war mittlerweile ein alter Mann geworden und würde sicher nicht mehr viele Reisen zu seinem Bruder unternehmen. Es machte ihm Freude, seine Nichte während der Reise zu verwöhnen. Sie war schon immer seine Lieblingsnichte gewesen.

»Was kann ich dir kaufen, Anne?«

»Aber ich bin es, die Euch ein Geschenk machen sollte, Onkel.«

»Dein Besuch ist schon das schönste Geschenk«, sagte er und deutete mit seinem Stock auf die Marktstände. »Such dir aus, was dir gefällt.«

»Da ist nichts, was ich brauche.«

»Ich möchte dir aber etwas schenken.«

»Das habt Ihr mir schon geschenkt, indem Ihr mich hierher gebracht habt.«                       

Er blickte sich um und kratzte sich gedankenvoll den Kopf. Als die Idee sich formierte, stieß er ein erfreutes Glucksen aus.

»Vielleicht möchtest du ein wenig Unterhaltung haben?«

»Von welcher Art, Onkel?«

»Ich nehme dich zu einer Theateraufführung mit.«

»Gibt es hier denn eine Theatergruppe?«

»Wenn du den Kopf nicht in den Wolken hättest, hättest du das schon längst selber herausgefunden. An jeder Ecke hängen Theaterplakate.«

»Wirklich?«

Die Spannung steigerte sich. Konnte es sein, daß Westfield's Men hier waren?

»Ich zeige sie dir, Nichte.«

»Ich folge Euch.«

Er schob sich vor ihr durch die Menge, bis sie den Ye Olde Salutation Inn erreichten, eines jener Wirtshäuser, die sich dicht um Nottingham Castle drängten und die seit unzähligen Generationen die durstigen Kehlen erschöpfter Reisender erfrischten.

An einem Pfosten vor dem Haus war ein Plakat mit verschnörkelter Schrift angenagelt. Anne Hendrik spürte ihren Puls hämmern, als sie den Namen des Stückes erkannte.

»Pompeius der Große«. Edmund Hoodes berühmte Tragödie.

Ein Triumph für Westfield's Men.

In derselben Sekunde verwandelte sich ihre Freude in Zorn. Das Publikum würde keinen Lawrence Firethorn in einer seiner besten Rollen zu sehen bekommen. Man offerierte ihm die etwas seichteren Talente eines Giles Randolph und seiner Gruppe.

»Möchtest du dieses Stück mit mir zusammen anschauen, Anne?«

»Nichts für mich, Onkel. Ich kann das Stück nicht ausstehen.«

Zornig wandte sie sich ab.

Als sie die Wälder erblickten, wußten sie, daß sie Nottinghamshire erreicht hatten. Leicestershire hatte nur wenig Wald und noch weniger Wildgehege, weil das Land hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt wurde. Die Felder mit Gerste, Hülsenfrüchten und Weizen und die Weiden mit Kühen und Schafen boten einen vertrauten Anblick. Kaum hatten sie jedoch die Grenze überschritten, als Westfield's Men eine völlig andere Landschaft vor sich hatten. Sie befanden sich in der »Grafschaft mit dem Wald«, in der allein Sherwood Forest über ein Viertel der Gesamtfläche bedeckte.

Ihre Moral war besser geworden, seitdem die Sonne wieder schien. Die Entscheidung, die Great North Road zu verlassen, hatte gute und schlechte Aspekte. Der Entschluß verschaffte ihnen Aufführungen in Oakham und Melton Mobray vor einem kleinen, aber begeisterten Publikum, doch er lehrte sie auch die Schönheiten des Reisens auf schlechten Straßen bei schlechtem Wetter kennen. Nachdem sie die Nacht etwa fünf Meilen südlich von Nottingham verbracht hatten, hofften sie, das Schlimmste überstanden zu haben.

Als Lawrence Firethorn darauf bestand, die Nacht im Smith and Anvil zu verbringen, hielten die anderen das für ein seltenes Zeichen von Sentimentalität. Lawrence Firethorn war der Sohn eines Dorfschmiedes, hatte den Körperbau dieses Berufsstandes, aber die Haltung eines wahren Gentlemans.

Die alte Schmiede war ein Gebäude aus grobem Feuerstein mit einem tief heruntergezogenen Dach, doch das Gasthaus, das sich um diesen Kern ausgebreitet hatte, war ein hölzernes Fachwerkhaus. Als sie den Schankraum betraten, wurde ihnen sofort klar, warum der Erste Schauspieler darauf bestanden hatte, hier die Nacht zu verbringen.

»Master Firethorn!«

»Komm, laß mich dich umarmen, Susan!«

»Oh, Sir! Das ist aber eine unerwartete Freude!«

»Und deshalb noch viel schöner!«

Die Wirtin war eine attraktive Frau von ausladendem Körperbau und lebhaften Bewegungen. Susan Becket barst geradezu vor lauter Wiedersehensfreude. Ihr volles Gesicht war ein einziges großes Lächeln, rote Haarflechten wirbelten um ihren Kopf. Sie stampfte durch den Schankraum und versetzte Lawrence Firethorn einen knallenden Willkommenskuß auf die Lippen. 

»Was führt Euch in mein Gasthaus, Sir?«

»Was sonst außer dir, meine Liebe?«

»Ihr schmeichelt mir, Schuft!«

»Ich werde noch mehr tun, bevor ich wieder gehe.«

»Weg mit Euch, lüsterner Kerl!« sagte sie kichernd.

»Hast du gute Betten in deinem Gasthof?«

»Bisher hat sich noch kein Mann darüber beklagt, Sir.«

»Dann werde ich mich auch nicht beklagen«, sagte Firethorn und nahm sie wieder in die Arme. »Haltet mich fest, Mistress Susan Becket. Auch wenn du den Namen einer Heiligen trägst, als Sünderin gefällst du mir noch viel besser.«

Ihr Lachen versetzte ihre gewaltigen Brüste in Bewegung.

Nicholas Bracewell arrangierte wie üblich die Schlafgelegenheiten. Die besten Zimmer gingen an die Anteilseigner, die Angestellten mußten sich das teilen, was übrigblieb. Weil der Gasthof nur klein war, mußten einige von ihnen draußen in einem Schuppen auf Stroh schlafen. Nicholas meldete sich freiwillig für diese Schlafgelegenheit, damit die vier Schauspielschüler das letzte Zimmer bekommen konnten. Alle vier wurden in das gleiche massive Bett gepackt. George Dart schlief am Fußende.

Im Schankraum beendete der Regisseur sein Abendessen mit Barnaby Gill und Edmund Hoode. Die Wirtin ergriff eine große Kerze und geleitete Lawrence Firethorn in sein Zimmer. Gill ließ ein sardonisches Seufzen hören.

»Die brennt ihm seine Kerze ab, bis er butterweich ist.«

»Die beiden sind alte Freunde, glaube ich«, sagte Hoode.

»Lawrence hat in jedem Wirtshaus in England Freunde«, sagte Gill. »Ich frage mich, warum sie eine ihrer Krankheiten nicht nach ihm benennen. Ich kenne ein Dutzend Flittchen, die sich ihre Dosis von Lawrence Firethorn haben verpassen lassen.«

»Er war bei den Damen schon immer gern gesehen«, sagte Nicholas diplomatisch.

»Damen!« höhnte Gill. »An denen ist nichts Damenhaftes, Master Bracewell. Es reicht ihm, wenn sie ihm einen guten Ritt liefern, und Mistress Becket wird ihm schon eine willige Stute sein. Mit der braucht er vermutlich nicht im Damensattel zu reiten, möchte ich wetten.«

»Hört doch auf mit der Lästerei, Barnaby«, sagte Hoode.

»Ich sage das nur in Gedanken an seine Frau.«

»Margery kennt den Mann, den sie geheiratet hat.«

»Den kennt auch die Hälfte aller Frauen von London.«

»Wir alle haben unsere Leidenschaften, Sir.«

»Aber nicht von dieser Sorte!« Gill erhob sich vom Tisch mit dem Gehabe eines eingeschnappten Lehrmeisters. »Einige von uns wissen zu unterscheiden, wo wahre Befriedigung auf uns wartet, und das ist nicht in den Armen irgendeiner Hure. Es gibt eine Liebe, die die der Frauen übertrifft.«

»Liebe zu sich selbst, Sir?« fragte Nicholas schlicht.

»Gute Nacht, meine Herren!«

Beleidigt stapfte Barnaby Gill aus dem Schankraum.

Richard Honeydew hatte Probleme, einzuschlafen, weil die anderen Lehrlinge so aufgekratzt waren. Sie rangelten miteinander, lachten, neckten sich und spielten sich Streiche, bis sie schließlich müde wurden. George Dart war überhaupt nicht in der Lage, sie unter Kontrolle zu halten, im Gegenteil, er war das Ziel ihrer Neckereien. Als sie endlich einschliefen, war es ein tiefer und geräuschvoller Schlaf. Dart schnarchte am lautesten von allen.

Keiner von ihnen fiel schneller in Schlaf als Richard Honeydew. Eingeklemmt in eine Ecke des Bettes, neben John Tallis, spürte er nichts von den Fußtritten seiner rastlosen Schlafgenossen am anderen Ende des Bettes. Er merkte auch nicht, wie sich die Tür öffnete. Zwei Gestalten betraten geräuschlos den Raum und blickten sich in der Dunkelheit um. Der eine hielt ein Schwert griffbereit, um jeden Angreifer abzuschlagen, der andere trug einen großen Sack. Als sie ihr Opfer erkannt hatten, stülpten sie ihm den Sack über den Kopf und preßten eine Hand auf seinen Mund. Rasch wurde der Junge aus dem Bett gezerrt, und genauso rasch verschwanden die Eindringlinge vom Ort des Geschehens.

Nicholas Bracewell lag zusammengerollt auf dem Stroh im Schuppen, als ihn jemand an der Schulter packte. Er war sofort wach und erkannte George Dart neben sich.

»Master Bracewell! Master Bracewell!«

»Was hast du, George?«

»Wir sind beraubt worden, Sir!«

»Was ist geraubt worden?« sagte Nicholas und setzte sich aufrecht.

»Ich hab' nicht das geringste Geräusch gehört. Auch die anderen nicht.«

»Geschah der Diebstahl in eurem Zimmer?«

»Ja, Master. Wir haben unser größtes Juwel verloren.«

»Was redest du da?«

»Dick Honeydew ist verschwunden.«

»Bist du ganz sicher?«

»Ohne jeden Zweifel.«

»Ist das etwa wieder ein Trick der anderen?«

»Die sind genauso entsetzt wie ich.«

»Wo könnte Dick stecken?«

»Ich kenne die Antwort, Sir.«

»Wirklich?«

»Die Zigeuner haben ihn entführt.«

*

Oliver Quilley saß ungeduldig auf seinem Stuhl, während der Doktor ihn verarztete. Sein Zusammenstoß mit den Straßenräubern hatte ihn geschunden und verletzt, und er hielt es für vernünftig, sich von einem Arzt zusammenflicken zu lassen, bevor er seine Reise fortsetzte. Der Arzt half ihm wieder in sein Wams und fragte dann nach seinem Honorar. Quilley hatte kein Geld mehr, um ihn zu bezahlen. Statt dessen griff er in seinen Lederbeutel und zog etwas hervor.

»Das ist zehnmal soviel wert wie Euer Lohn, Sir.«

»Was ist das, Master?«

»Das Werk eines Genies.«

Quilley öffnete seine Hand, in der eine exquisite Miniatur lag. Das Gesicht einer jungen Frau war mit so viel Geschick gemalt, daß es wie lebendig wirkte. Die Feinheiten, die auf der kleinen Fläche untergebracht waren, waren einfach erstaunlich.

»Das kann ich nicht annehmen, Sir.«

»Warum nicht? Ich könnte es für drei Pfund oder noch mehr verkaufen.«

»Dann tut das, Master Quilley, und zahlt mir dann das, was Ihr mir schuldet. Das wäre eine zu hohe Belohnung für mich, außerdem muß ich an meine Frau denken.«

»Eure Frau?«

»Frauen sind eifersüchtige Geschöpfe, ob sie nun Grund dafür haben oder nicht«, sagte der Arzt. »Wenn meine Frau herausfindet, daß ich ein so wertvolles Stück besitze, wird sie denken, ich liebte diese Dame mehr als sie, und wird sich entsprechend verhalten. Behaltet es, Sir. Ich will nicht mehr haben, als mir zusteht.«

»Ich werde es in Nottingham verkaufen und Euch Euren Lohn bringen.«

»Das hat keine Eile, Sir, außerdem braucht Ihr Ruhe.«

»Was für Ruhe?«

»Um Euch von Euren Verletzungen zu erholen.«

»Die sind nicht so wichtig.«

»Ein paar Tage im Bett würden Euch schon guttun.«

»Ich habe keine Zeit zu vergeuden«, sagte Quilley undeutlich. »Ich werde an anderer Stelle gebraucht. Es gibt Leute, die an dem Zauber meiner Kunst interessiert sind. Ich habe bereits viel Zeit verloren, weil ich dem Magistrat berichten mußte, was mir passiert ist, und weil ich bei dem Begräbnis meines Begleiters dabei sein mußte. Ich muß mich beeilen, denn ich werde bereits erwartet.«                       

»Wo, Master Quilley?«

»In York.«

*

Schlechtes Wetter, schlechte Straßen und hügeliges Gelände konnten einer Gruppe reisender Schauspieler durchaus ein langsames Tempo aufzwingen, doch es gab schnellere Methoden, Entfernungen zurückzulegen. Ein Reiter, der alle zwanzig oder dreißig Meilen auf Poststationen frische Pferde vorfand, konnte wirklich zügig vorankommen. Nachrichten aus London konnten innerhalb weniger Tage jeden Punkt des Königreiches erreichen. Dringlichkeit konnte jeden Weg verkürzen.

Sir Clarence Marmion erhielt die Nachricht zu Hause und ließ sofort sein Pferd satteln. Schon bald galoppierte er auf die Stadt zu. Ouse Bridge war die einzige Möglichkeit, in York den Fluß zu überqueren. Es war eine bucklige Holzbrücke mit sechs Bögen. Hufe donnerten darüber. Sir Clarence jagte an den etwa fünfzig Häusern bei der Brücke vorbei und zügelte sein Pferd erst, als er in den Hof des Jerusalem einbog. Ein Pferdeknecht stürzte heraus, um das Pferd zu halten, Sir Clarence stieg aus dem Sattel.

Er marschierte in den Schankraum und ignorierte den katzbuckelnden Willkommensgruß von Lambert Pym. Er wandte sich sofort zur Treppe. Dann klopfte er an eine Tür im Obergeschoß und trat ein.

Robert Rawlins setzte sich erschrocken auf.

»Ich hatte Euch zu dieser frühen Stunde noch nicht erwartet.«

»Die Dringlichkeit hat mich hierher gebracht.«

»Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Ich fürchte, ja. Weitere Nachrichten aus London.«

»Was ist passiert, Sir Clarence?«

»Gegen eine bestimmte Person wurde Anklage erhoben.«

»Master Neville Pomeroy?«

»Er wurde verhaftet und in den Tower geworfen.«

»Gütiger Gott!«

»Walsinghams Männer rücken näher.«

»Kann sich einer von uns noch sicher fühlen?« fragte Rawlins.

»Wir haben die Sicherheit unserer Religion, und das ist der beste Schutz gegen jeden Angriff. Master Pomeroy wird ihnen keine Namen nennen, egal, was sie mit ihm anstellen. Wir müssen die Nerven behalten und für unser Überleben beten.«

»Amen.«

6. KAPITEL

Lawrence Firethorn brüllte wie ein Stier, als George Dart an seine Zimmertür im Smith and Anvil hämmerte. In Anlehnung an das Gewerbe seines Vaters spielte der Oberste Schauspieler den eisenharten Schmied auf dem bereitwilligen Amboß von Mistress Susan Becket. Er erfüllte die Luft mit seinen Lustschreien genau in dem Moment, in dem so rüde an seine Tür gedonnert wurde. Er riß die Tür auf und funkelte den kleinen Bühnenarbeiter mit derartig flammenden Zornesblicken an, daß dieser um sein Leben fürchtete. Es war zu jeder Zeit ein einschüchterndes Erlebnis, seinem Arbeitgeber entgegenzutreten, aber vor Firethorn zu stehen, wenn dieser nackt, hoch erregt und nicht in der Lage war, seinem Höhepunkt entgegenzurasen, war wie ein Spaziergang im Siebten Kreis der Hölle. George Dart steckte drei Ohrfeigen ein, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Botschaft endlich überbracht war.

»Dick Honeydew ist mitgenommen worden, Sir.«

»Von wem, du Idiot? Von wem, du Dummkopf?«

»Von den Zigeunern.«

»Schluß mit diesem Blödsinn!«

»Ich fürchte, er hat recht, Master Firethorn.«

Unterstützung tauchte auf in der Gestalt von Nicholas Bracewell und den drei Lehrlingen, die eine ausführliche Untersuchung des ganzen Anwesens durchführten. Sie hatten jeden Winkel des Hauses durchsucht, einschließlich der Dachböden und Keller, entdeckten aber nicht die geringste Spur von Richard Honeydew. Der Junge war entweder verschwunden - was sehr unwahrscheinlich war —, oder er war entführt worden. Dieser zweite Gedanke wurde von Firethorn sofort akzeptiert, der ihn in eine persönliche Attacke auf sich und seine Karriere ummünzte.

»Sie haben mir meine Jungfer Marion gestohlen!«

»Wir werden ihn schon finden«, sagte Nicholas entschlossen.

»Soll Robin Hood seine Liebesszenen mit sich allein spielen?«

»Ihr werdet einen der anderen Schüler nehmen müssen.«

»Der Gedanke gefällt mir nicht, Nick.«

»Sherwood Forest muß aber eine Jungfrau bekommen.«

»Aber nicht John Tallis!« sagte Firethorn. »Dessen Gesicht paßt zu Komödien, aber nicht zum Küssen. Jungfer Marion kann keine eingefallenen Wangen haben, Sir.«

»Stephen Judd oder Martin Yeo können die Rolle übernehmen.«

»Keiner von beiden ist dafür geeignet.«

»Dann sucht ein anderes Stück aus, Master Firethorn.«

»Um mich von meinen Plänen abbringen zu lassen? Niemals!« Er stampfte mit nackten Füßen auf den Boden und zog sich ein paar Splitter in die Füße. »Diese Schandtat zielt direkt auf mich, Nick. Sie wissen genau, mein Robin Hood ist jenseits aller Vergleiche, und versuchen, mich aus schierem Neid fertigzumachen.«

»Wir müssen den Jungen sofort aufspüren, Sir.«

»Tut das, Nick.«

»Dafür brauche ich ein Pferd.«

»Nehmt meines, guter Mann.«

Nicholas war ganz und gar nicht davon überzeugt, daß Zigeuner Richard Honeydew entführt hatten, auch wenn man die Gruppe in der Gegend beobachtet hatte, doch seine Meinung wurde von dem Mann, der kein Argument akzeptierte, beiseite gefegt. Gleichzeitig um seinen Orgasmus betrogen und seiner Jungfer Marion beraubt - der Erste Schauspieler hatte nur noch Rache im Sinn.

»Aufs Pferd! Aufs Pferd, Nick!«

»Ich werde Euch in Nottingham treffen.«

»Kommt nicht ohne ihn zurück!«

»Wenn der Junge bei den Zigeunern ist, bringe ich ihn mit.«

»Nehmt Euch in acht, Sir! Zigeuner sind gefährlich.«

»Adieu!«

Nicholas hastete davon und verpaßte einen rührenden Moment. Während des Gesprächs zwischen dem Obersten Schauspieler und dem Regisseur stand George Dart unscheinbar daneben und fragte sich, ob er noch ein Mitglied der Gruppe sei und ob man ihn für die bevorstehende Aufführung in Nottingham als Statisten einsetzen würde. Firethorn sah ihn da stehen und hob fragend die Augenbrauen. Darts Gesicht war eine Studie in Unsicherheit und Angst. 

»Bin ich immer noch einer der ›Lustigen Burschen‹, Sir?«

Nicholas sattelte sein Pferd und ritt kurz vor Anbruch der Dämmerung davon. Er war mit Schwert und Dolch bewaffnet. Er war ein ausgezeichneter Reiter. Als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus Devon hatte er seinen Vater schon in jungen Jahren auf dessen Reisen begleitet und gelernt, wie man reitet und für ein Pferd sorgt. Als Nicholas älter wurde, veranlaßten die Geschäftsverbindungen seines Vaters ihn, durch ganz Europa zu reisen, und dann entwickelte er seine große Liebe für die See, eine Leidenschaft, die darin gipfelte, daß er drei Jahre mit Sir Francis Drake um die Welt segelte. Trotzdem hatte er das richtige Gefühl für den Sattel nicht verloren. Mit klugem Bedacht hielt er sein Pferd in einem stetigen Trab.

Er brauchte vier Stunden, um ihre Spur aufzunehmen, und zwei weitere, um sie zu erreichen. Sie hatten in einem Dorf in Leicestershire angehalten, um ihre Waren zu verkaufen und den simplen Gemütern des Nestes Unterhaltung zu bieten. Während die Zigeunerfrauen Kopftücher verkauften oder den Einfältigen aus der Hand lasen, verwandelten sich die Männer in Artisten, die den Dorfbewohnern ihre Kunststücke vorführten. Nicholas band sein Pferd fest und begab sich zu der Wiese, auf der sich alle versammelt hatten. Aus seiner Deckung hinter einem Haselnußstrauch beobachtete er eine Szene, die farbig und anregend war. Trotz der Umstände fesselten sie sein Interesse.

Nicholas hatte immer Sympathie für Zigeuner empfunden. Es waren Vagabunden, die den Duft der Freiheit an sich trugen. Dennoch hatten sie härtere Strafen zu befürchten als einheimische Fahrensleute. Nicht nur wurden sie regelmäßig bestraft, ausgepeitscht, ins Gefängnis geworfen oder von den Dorfplätzen mit Stöcken, Steinen und Hunden vertrieben, sie sahen sich auch von Deportation bedroht. Während der gesamten Herrschaft von Heinrich VIII. und auch während der seiner Tochter, der Königin Elizabeth von England, war die offizielle Haltung den sogenannten »Söhnen des Ptolemäus« gegenüber ausgesprochen feindlich. Ganze Gruppen von Zigeunern wurden aufs Festland verschifft, und gelegentlich hörte man den Ruf, die ganze Rasse auszurotten.

Angesichts dieser Probleme war ihr Überleben schon ein kleines Wunder. Irgendwie hatte Nicholas brüderliche Gefühle für sie. Sein eigener Beruf hatte viel Ähnlichkeit mit dem Lebensstil der Zigeuner. Auch Schauspieler waren Geächtete, sofern sie nicht unter der Obhut edler Schirmherren wie etwa Lord Westfield standen. Ohne diesen Schutz konnten sie wie die Zigeuner gejagt und gehetzt werden und wurden oft genug, wie die Zigeuner, für jedes Verbrechen verantwortlich gemacht, das während ihrer Anwesenheit in der Gegend verübt wurde. Zigeuner waren weit davon entfernt, gesetzestreu und ehrlich zu sein, doch Nicholas war schon immer der Auffassung gewesen, daß die Erzählungen über ihre Schlechtigkeit und ihre Zauberei maßlos übertrieben waren.

Solche Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als die akrobatischen Darbietungen zum Ende kamen. Rauhe Hände klatschten Beifall, ein paar kleine Münzen wurden gespendet, als ein kleiner Junge mit einer Mütze an den Zuschauern entlanglief. Jetzt traten Musikanten auf, Tanzdarbietungen waren an der Reihe. Leichtfüßig und geschmeidig zeigten die Männer Tanzfiguren, wie man sie auf dieser Wiese noch nie gesehen hatte. Nicholas bewunderte ihre Künste und ließ sich von dem Eindruck des Phantastischen gefangennehmen. Dann trat der Junge auf. Schon auf den ersten Blick konnte man erkennen, daß er nicht so selbstsicher war wie die anderen, denn er tanzte, als ob er unter einer Art Zwang stünde und keine Freude an dem habe, was er tat.

Nicholas Bracewell hatte diesen Tanz schon einmal gesehen. Es war einer, den Barnaby Gill den Schauspielschülern beigebracht hatte, und einer der Jungen hatte ihn sofort verstanden. Als der Regisseur den gertenschlanken Jungen in seinen Lumpen und mit dem geschminkten Gesicht betrachtete, kam er rasch zu einem Schluß - es war Richard Honeydew. Bei Nacht und Nebel entführt, wurde der Junge jetzt dazu gezwungen, für seinen Aufenthalt bei den Zigeunern zu arbeiten. Er war jetzt einer von denen und mußte für seinen Unterhalt tanzen, auch wenn er das nicht wollte. Als Nicholas näher heranging, um ihn besser betrachten zu können, vollführte der Junge einen Purzelbaum, für den er spontan Applaus erhielt und der den Regisseur in seiner Überzeugung bestärkte. Er hatte selber beobachtet, wie die Lehrlinge diesen Purzelbaum vor ein paar Tagen geübt hatten. Das war der endgültige Beweis.                       

Verhandlungen mit den Zigeunern waren zwecklos, und der Dorfpolizist hatte gegen eine Bande kräftiger Männer, die kämpfen konnten wie die Teufel, nicht den Schatten einer Chance. Nicholas mußte den Jungen also mit Gewalt packen, solange die Überraschung ihm das ermöglichte. Er wartete, bis der Tanz zu Ende war, ließ den Lehrling den Applaus entgegennehmen, dann sprang er von hinten heran und warf dem Jungen den Arm um den Hals. In der anderen Hand hatte er sein Schwert gepackt und schüttelte es entschlossen, um jeden abzuschrecken, während er sich rückwärts seinem Pferd näherte.

»Komm, Dick, laß uns hier verschwinden!«

Doch der Junge schien nicht besonders daran interessiert zu sein, zu verschwinden. Er biß Nicholas mit voller Kraft in den Arm, riß sich los und überschüttete seinen Fänger in fließendem Rumänisch mit Beleidigungen.

Der Regisseur war vollkommen verblüfft.

Der Junge war überhaupt nicht Richard Honeydew.

*

Westfield's Men waren in verzweifelter Stimmung, als sie sich auf den Weg nach Nottingham machten. Auf ihrer Tournee hatten sie schon manchen Schicksalsschlag einstecken müssen, doch diesmal waren sie von einem fürchterlichen Hieb niedergestreckt worden. Die Entführung des Richard Honeydew war ein schlimmes Unglück. Er spielte bei jeder einzelnen Aufführung eine wichtige Rolle. Obwohl es auf Seiten der anderen Schauspielschüler immer noch gewisse Ressentiments gab, hatten sich die Lehrlinge dazu durchgerungen, anzuerkennen, daß der Jüngste unter ihnen auch der Beste war. Er übernahm sämtliche weiblichen jugendlichen Rollen und überließ ihnen die weniger attraktiven Gestalten wie zum Beispiel alternde Gräfinnen, tollpatschige Dienstmädchen, einschüchternde Amazonen und langweilige Liebhaber. Honeydew hatte eine weitere Feder an seinem Hut. Er hatte eine sehr gute jungenhafte Sopranstimme, in jedes Stück wurden besondere Lieder für ihn eingebaut. Ohne ihn gab es nur Schwierigkeiten.

»Lehnt Euch an meine Schulter, Mistress.«

»Das ist mein größter Wunsch, Sir.«

»Wir reisen Seite an Seite.«

»Wie zwei Ochsen im Joch.«

»Ich wette, wir ziehen in die gleiche Richtung.«

Mistress Susan Becket kicherte über diese sexuellen Andeutungen und schwang sich in den Sattel ihres Pferdes, wobei sie sich auf die starke Schulter von Lawrence Firethorn stützte. Er war begeistert gewesen, als sie ihm anbot, sie nach Nottingham zu begleiten, um das Stück zu sehen, nicht zuletzt aber auch, weil sie ihr eigenes Pferd mitbrachte und ein weiteres, das Firethorn benutzen konnte. Sie ließ den Gasthof in d en fähigen Händen ihrer Angestellten zurück und ritt mit der Gruppe, bei der sie auf ihrer weißen Stute auffiel. in jeder Beziehung eine Frau von Format, graziös und sinnlich zugleich, war sie durch ihre einfache Anwesenheit eine Wohltat für die Moral der Schauspieler und besonders für Lawrence Firethorn, dem sie erlaubte, sich nach Belieben in seinen Phantasien auszuleben.

Dennoch wurde sie nicht nur willkommen geheißen.

»Man fragt sich, wie das Pferd sie tragen kann, Sir.«

»Sie ist in der Tat eine stämmige Person, aber durchaus gutaussehend.«

»Und sie wäre so freundlich, daß sie sogar den Sattel und das eigene Pferd tragen würde.«

»Das ist sehr ungezogen von Euch, Sir.«

»Nur dem Schimmel gegenüber.«

»Kennt Lawrence Firethorn sie schon lange?«

»Nur jedesmal eine Stunde.«

»Die beiden sind alte Bettgenossen, nicht wahr?«

»Das haben die geradezu erfunden.«

Barnaby Gill ritt jetzt neben dem Fuhrwerk, das von Christopher Millfield gefahren wurde. Die anderen Teilhaber und die Lehrlinge saßen neben dem Gepäck, während die Angestellten zu Fuß hinter dem Wagen trotteten. Der Tag war heiß, kein Lüftchen brachte ihnen Kühlung. Gill nutzte die Gelegenheit, seinen Weiberhaß loszuwerden.

»Sie ist der wahre Inbegriff ihres Geschlechts, nicht wahr?«

»Mistress Becket?«

»Sie wird der Majestät an ihrer Seite ein kluger Erzbischof sein. Obwohl wir nach York reiten, nimmt sie ihn heute nacht auf eine Pilgerreise nach Canterbury mit und führt ihm all ihre heiligen Reliquien vor. Wenn Master Firethorn sich tief in ihre Taufquelle stürzt, wird er bis zum Hals in die Spülbrühe ihrer Leidenschaft eintauchen und muß dringend ein Stoßgebet zu einem heiligen Märtyrer loslassen, damit der ihn da wieder rausholt.«

»Ihr mögt die Dame nicht«, sagte Millfield trocken.

»Diese nicht und auch keine einzige andere.«

»Euer Grund dafür, Master Gill?«

»Frauen haben neben Schauspielern nichts zu suchen.«

»Auch nicht unter ihnen?«

»Sie sind nichts anderes als scheußliche Ablenkungen, Sir.«

»Würdet Ihr Euch auch keine zum Zierat nehmen?«

»Nur auf dem Lokus, denn das ist ihr angestammter Platz.«

»Ihr seid sehr hart, Master.«

»Kann ein richtiger Mann wirklich Frauen lieben?«

Christopher lachte zur Antwort. Er mochte Barnaby Gill und hatte viel von ihm gelernt, indem er ihn auf der Bühne beobachtete, doch seine Ablehnung des Weiblichen vermochte er nicht zu teilen. Millfield erregte überall, wo er sich aufhielt, weibliches Interesse und genoß es; das betrachtete er als einen der wenigen Vorteile im Leben eines Schauspielers.

Gill begutachtete das hübsche Profil.

»Darf ich Euch eine Frage stellen, Sir?«

»Zögert nicht damit.«

»Wie kam es, daß Ihr Pomeroy Manor kanntet?«

»Ich kannte es eben.«

»Wodurch?«

»Durch The Admiral's Men.«

»Unfähige Halunken!«

»Sie besaßen nicht Eure Qualität, das stimmt«, sagte der andere taktvoll, »aber sie waren schon gut genug. Und sie wußten, wo sie sich die nächste Mahlzeit herholten, wenn sie über Land reisten. Einer von ihnen hatte eine Liste aller Häuser im Kopf, in denen Schauspieler willkommen waren, in ganz England.«

»Das war keine lange Liste zum Auswendiglernen«, sagte Gill bedauernd. »Uns werden viel mehr Türen vor der Nase zugeschlagen als geöffnet.«

»Selbst dann, Sir. Deshalb habe ich mich so angestrengt, die Liste auswendig zu lernen. Master Neville Pomeroy stand darauf und noch eine Reihe weiterer Namen in der Grafschaft Hertfordshire.«

»Und sein Freund in York?«

»Sir Clarence Marmion stand ebenfalls auf der Liste. Ich glaube, The Admiral's Men spielten dort, als die Pest letztesmal ausbrach. Aber es gibt noch andere Häuser, in denen wir freundlich aufgenommen werden, hier in dieser Grafschaft, aber auch direkt in Yorkshire.«

»Wir wollen Eure Liste noch ein wenig mehr ausprobieren.«

Gills Aufmerksamkeit wurde von einem Anblick abgelenkt, der ihn die Nase rümpfen ließ. Lawrence Firethorn brach in schallendes Gelächter aus und beugte sich vor, um der lustigen Susan Becket auf die Schulter zu klopfen. Ihre Heiterkeit trennte die beiden von den anderen Mitgliedern der Gruppe, die sich immer noch wegen der Entführung des Richard Honeydew Sorgen machten und darüber nachdachten, welche Auswirkungen dieser Verlust auf die Qualität ihrer Arbeit haben würde.

»Seht sie Euch an!« schnarrte Gill.

»Wie Turteltauben«, meinte Millfield tolerant.

»Wie Schweine im Trog, Sir! Wenn sie ihren eigenen Mist gefressen haben, wälzen sie sich zusammen im Schlamm, und er kitzelt die Titten der alten Sau.«

»Mistress Becket ist weder so billig noch so biestig.«

»Sie ist ein Monster. Wenn die auf der Bühne dargestellt werden müßte, dann brauchtet Ihr drei Jungen, die Ihr in ein Kleid stopft wie Hasen in einen Sack. Während Martin Yeo ihr seine Stimme gibt, müßte John Tallis die eine Hinterbacke und Stephen Judd die andere darstellen. Es ist nur schade, daß Dick Honeydew nicht hier ist, dann könnte er die Rolle ihrer linken Brust darstellen und das schwarze Schönheitspflaster tragen.«

»Schande über Euch, Master Gill!«

»Ich rede nur, wie ich auch fühle.«

»In ihrem Gasthaus haben wir gutes Essen und gute Unterkunft bekommen.«

»Das würde jedes Gasthaus tun, bei dem wir bezahlen.« 

»Mir gefällt die Lady.«

»Ich hielt Euch für einen Mann mit besserem Geschmack.«

Millfield blickte zu Firethorn und seiner Begleitung hinüber.

»Sie hält ihn bei bester Laune.«

»Das kann jede Frau.«

»Macht seine Frau keine Schwierigkeiten?«

»Hundert pro Minute, Sir, aber die ist drüben in Shoreditch, und er ist hier. Wenn Margery die Szene da eben vor unseren Augen gesehen hätte, würde sie ihm die Eier abreißen und als Ohrringe tragen, um alle anderen Frauen abzuschrecken. Leider ist sie nicht hier. Sie verteidigt sein Schloß in London.«

»Energisch?«

»Wie eine Armee bei der Belagerung. Mir tut jeder Mann leid, der versucht, ihre Trutzburg zu erobern, Master Millfield. Und wenn er den größten Rammbock der ganzen Christenheit hätte, der würde noch nicht reichen. Margery würde ihn in siedendem Öl braten.«

*

»Raus, Ihr Schuft! Hinweg mit Euch, Halunke, Ihr Heckendrücker, Ihr Abkömmling eines Bierkellners! Wagt es, Eure jämmerliche Rechnung vor mir herzuwinken, Zuhälter, Köterkopf, Rattenschwanz! Verschwindet, Sir! Haut ab und schnüffelt hinter einer anderen Beute her! Ihr habt jetzt schon die Pocken, das sehe ich Eurem Schafsgesicht doch an, eines Tages wird die Pest Euch noch erreichen, Rotznase, die Ihr seid!«

»Ich komme nur wegen meines Geldes, gute Frau.«

»Haltet Euren räudigen Schädel still, damit ich es Euch mit diesem Besen geben kann! Oder beugt Euch vor, damit ich Euch ein Stück von meinem Besenstiel da reinstecken kann, wo Ihr es am besten spürt, damit Ihr mich immer als saubere Hausfrau in Erinnerung behaltet.«

»Beruhigt Euch, Mistress Firethorn.«

»Nur, wenn Euer fettiges Gesicht von hier verschwindet!«

Der Schneider war ein kleiner, in Schweiß gebadeter, eingeschüchterter Mann, der es mit Margery Firethorn nicht aufnehmen konnte. Als er kam, um seine Rechnung einzukassieren, geriet er in den gleichen Sturm wie schon seine Vorgänger. Als er sich von der Schwelle des Hauses zurückzog, nahm er all seinen Mut zusammen und machte eine juristische Andeutung.

»Ich habe das Gesetz auf meiner Seite, Mistress.«

»Wenn Ihr noch länger hierbleibt, klebe ich Euch das Maul zu!«

»Zahlt jetzt, damit Euch Schlimmeres erspart bleibt.«

»Soll ich Euch die Birne mit dem Besen spalten?«

»Ich werde Euch wegen tätlichen Angriffs anzeigen.«

»Das kann Eure Witwe ja machen, denn Ihr lebt nicht mehr lange genug dafür.«                       

»Ich bin nicht verheiratet«, gestand er.

»Welche Frau würde euch denn auch nehmen?« keifte sie. »Das kann ich Euch am Gesicht ansehen, unverschämter Sklave! Ihr seid ein billiges Überbleibsel von einem Schneider, wie Hosen ohne Hosenlatz, ein Hahn auf dem Misthaufen, der keinen Grund zum Krähen hat und kein Huhn mehr einschüchtern kann. Haut ab, Ihr kastrierter Kater!«

»Schluß jetzt, Ihr Schreckschraube!«

»Dann verschwindet, bevor ich Euch mit der Schere etwas abschnippele.«

»Ihr gehört an den Schandpranger«, sagte er. »Da gehören die Hausdrachen dran.«

»Jaaaaaaaaa!«

Margery stürmte auf ihn los, den Besen zum Angriff erhoben, und er machte kehrt und rannte um sein Leben. Während er die Straße hinunterlief, schrie sie ihm weitere Beschimpfungen nach, um ihn noch etwas anzutreiben, dann ging sie ins Haus zurück. Der Schneider war der fünfte Gläubiger innerhalb der beiden letzten Tage, nach dem Tuchhändler, dem Hutmacher, einem Schuster und einem Goldschmied. Sie alle hielten ihr Rechnungen unter die Nase, die sie ganz einfach nicht bezahlen konnte, große Rechnungen, die Lawrence Firethorn gemacht hatte, in dem sicheren Wissen, London schon bald zu verlassen und vor seinen Gläubigern fliehen zu können. Margery aber stand in der vordersten Schußlinie. Fünf hatte sie in die Flucht geschlagen, aber sie wußte, daß die fünf in Begleitung des Gesetzes zurückkommen würden.

Weitere würden folgen. Ihr Gatte war äußerst extravagant. Kurz vor seiner Abreise hatte er an jeder Ecke in London Schulden gemacht.

Zitternd vor Zorn stürmte sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer und packte den Mantel. Das war die Antwort auf all ihre Probleme. Der Verkauf würde nicht nur ausreichen, um sämtliche Schulden zu bezahlen, es würde auch für Firethorn ein schwerer Schlag sein. Der zweitbeste Mantel war nicht nur ein einfaches Kleidungsstück. Es war eine wohlverdiente Belohnung für seine künstlerischen Leistungen, ein Zeichen der Anerkennung seines Schirmherren. Der Schauspieler hatte ihn mehrmals auf der Bühne getragen, der Mantel war zu einer Schatzkammer seiner Bühnenerinnerungen geworden. Obwohl er ihn ihr zum Verkauf zurückgelassen hatte, baute er fest darauf, daß sie ihn aus Stolz und Nostalgie behalten würde. Diese Gefühle kämpften jetzt mit ihrem Zorn.

Margery fühlte sich verraten. Ohne ihn zurechtzukommen, war schon schwierig genug, aber er hatte ihre Lage noch viel schlimmer gemacht. Das war typisch für ihn, sie ärgerte sich, daß sie das nicht vorhergesehen hatte. Von Firethorn war bisher keine Nachricht gekommen, und falls eine kam, war sie sicher, daß kein Geld dabei sein würde. Sie stand allein, hatte hungrige Mäuler zu stopfen und Kaufleute in die Flucht zu treiben.

Wütend betastete sie den Mantel. Es geschähe ihm recht, wenn der Mantel weg wäre, wenn er nach Hause kam. Margery nahm den Mantel über den Arm und ging zur Tür. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Gewissen regte sich. Sie würde seinen Verrat mit einem noch größeren Verrat beantworten. Welche Fehler ihr Mann auch immer hatte, es gab eine überragende Tugend, die sie an ihm schätzte. Er liebte das Theater. Mit einer Leidenschaft, die schon an Besessenheit grenzte, liebte er jeden Aspekt seines erwählten Berufes, hegte und pflegte jeden Preis und jedes Erinnerungsstück, das er gesammelt hatte. Selbst auf dem Höhepunkt ihres Zorns brachte sie es nicht übers Herz, Firethorn von hinten ein Messer in den Rücken zu stoßen, direkt durch das Seidenfutter seines zweitbesten Mantels.

Zitternd vor Enttäuschung warf sie den Mantel beiseite.

»Doli!« schrie sie.

»Ja, Mistress?« sagte eine mädchenhafte Stimme.

»Komm sofort hierher!«

»Ich eile.«

Das Dienstmädchen wußte schon, warum es Margery nicht warten ließ. Sie hatte durch ein Fenster beobachtet, wie fünf der Gläubiger mit heißen Ohren das Weite suchen mußten. Doli lebte hier in diesem Haus und hatte niemand, zu dem sie hätte gehen können. Vollständige Unterwerfung war das einzige, womit sie ihre Herrin besänftigen konnte.

»Schneller, Mädchen!«

»Da bin ich, Mistress.«

»Dann geh wieder.«

»Wie denn das?«

»Hol mir Feder und Tinte.«

»Ich renne schon.«

»Und etwas, auf dem ich schreiben kann.«

»Ich fliege.«

»Flieg schneller, Mädchen!«

Margery Firethorn ergriff eine andere Möglichkeit.

Sie würde einen Brief schreiben.

*

Nicholas Bracewell hatte keine Chance, lange zu verhandeln. Zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen und ganz eindeutig im Unrecht, lag seine einzige Hoffnung in schneller Flucht. Schon stürmte ein halbes Dutzend kräftiger Zigeuner auf ihn los, deren zornige Gesichter unter ihren Schminkfarben unkenntlich waren, deren Gesten aber eine um so deutlichere Sprache sprachen. Der Junge, um den sich alles drehte, schrie weiter auf Nicholas ein, dann griff er sich eine Handvoll Erde und warf sie ihm ins Gesicht. Der Regisseur, der eine Sekunde lang nichts sehen konnte, ließ sein Schwert in einem weiten Bogen kreisen, um die Zigeuner abzuwehren, die rasch näher kamen. Als seine Augen wieder klar waren, sah er einen weiteren Mann auf sich zukommen, mit einem Brandeisen in der Hand und offensichtlich auf Mord erpicht. Nicholas vermutete in ihm den Vater des Jungen und hielt sich nicht damit auf, mit ihm eine Diskussion über die tänzerischen Fähigkeiten seines Sohnes zu beginnen.

Wieder ließ er sein Schwert kreisen, um sich Raum zu schaffen, dann wirbelte er herum und rannte los. Einer der Zigeuner war um ihn herumgeschlichen und versuchte, ihm den Weg zu verstellen, doch Nicholas rammte ihm die Schulter entgegen und warf ihn zur Seite. Die Verfolger waren dicht hinter ihm, begleitet von wildem Geschrei. Jetzt mischten sich auch noch ein paar Hunde ein.

Nicholas rannte, so schnell er konnte, steigerte sich jedoch nochmals, als ein langes Messer ein paar Zentimeter neben seinem Gesicht in einen Baum fuhr. Als er sein Pferd erreichte, konnte er es sich nicht leisten, bequem mit dem Steigbügel in den Sattel zu steigen. Er sprang auf, riß die Zügel los und machte dem Pferd klar, daß er es eilig hatte.

Er jagte davon, wütendes Geschrei in den Ohren. Drei Zigeuner folgten ihm und blieben ihm eine Meile oder mehr auf den Fersen, aber schließlich konnte er sie abschütteln und die Deckung eines Waldstückes erreichen. Während er wieder zu Atem kam, dachte er darüber nach, was ihn diese Reise gekostet hatte. Sie war teuer gewesen. Er hatte wertvolle Zeit vergeudet, sich eine Horde gefährlicher Gegner geschaffen und sich eine schmerzhafte Abschürfung an der Schulter zugezogen. Die Ironie feierte Triumph. Im Glauben, die Zigeuner hätten ihm einen Jungen gestohlen, endete alles damit, daß er das gleiche versuchte. Die Schuld lag ganz eindeutig bei ihm, dafür gab es kein Pardon. Nicholas wußte, daß er den Schmerz verdient hatte, den er noch immer in seinem Arm spürte. Er konnte froh sein, daß er mit dem Leben davongekommen war.

Jetzt war es seine Hauptaufgabe, wieder mit der Gruppe zusammenzutreffen, und er gönnte seinem Pferd keine Pause. Als er im Smith and Anvil eintraf, tränkte er sein Pferd und erkundigte sich, wann die anderen losgezogen waren, und schon saß er wieder im Sattel und ritt davon. Inzwischen war es Nachmittag geworden, die Sonne stand hoch am Himmel und machte den Regen der vergangenen Tage gut, indem sie jetzt das Land in ihren warmen Strahlen badete. Nicholas und sein Pferd troffen von Schweiß. Als der River Trent in Sicht kam, ließ er sein Pferd in einen gemächlichen Trott fallen. Vor ihm glitzerte das kühle Naß. Die Versuchung war zu groß für den erschöpften Reiter.

Er zügelte sein Pferd, als es die Hufe benetzte, und stieg aus dem Sattel. Dann band er das Pferd mit dem Zügel an einen überhängenden Ast, trat hinter einen Busch und schälte sich die klebrigen Sachen vom Körper. Niemand war zu sehen, als er nackt ans Ufer rannte und kopfüber ins Wasser tauchte. Ein wunderbares Gefühl durchströmte ihn, entspannend und anregend zugleich, linderte seine Schmerzen und gab ihm seine Kraft zurück. Mit kräftigen Schlägen schwamm er in die Flußmitte und ließ sich auf dem Wasser treiben. Seine Arme waren weit ausgestreckt, die Sonne vergoldete sein Haar und seinen Körper. Für ihn blieb die Zeit stehen.

*

Eleanor Budden kam hinter den Büschen am anderen Ufer des Flusses hervor und beobachtete die Erscheinung, die langsam in ihre Richtung trieb. Tief in kontemplative Gedanken versunken, hatte sie am Ufer des Trent gesessen, als sie das laute Klatschen hörte. Ihre Gedanken waren ganz bei ihrem Auftrag, sie wartete auf ein erneutes Zeichen des Himmels.

Dieses Zeichen war jetzt gekommen. Was sie auf dem Wasser sah, war kein erschöpfter Regisseur, der den Schmutz einer langen Reise abspülte. Sie wurde Zeugin eines Wunders. Geschlossene Augen, ausgestreckte Arme, wie an ein unsichtbares Kreuz genagelt, ein schlaffer, aber herrlicher Körper. Blondes Haupthaar, von der Sonne gekämmt. Dies war kein Fremder, sondern ihr bester Freund auf der Welt. Zuletzt hatte sie ihn in dem kleinen Fenster der Kirche von St. Stephen gesehen.

Eleanor Budden watete glücklich ins Wasser.

»Herr Jesus!« rief sie. »Bring mich nach Jerusalem!«

*

Nottingham war die erste größere Stadt, die sie seit ihrem Aufbruch erreichten, und das gab ihnen sofort ein Gefühl von Sicherheit. Sie war zwar winzig im Vergleich zu London, doch das machte nichts. Diese Stadt war eine gewaltige Verbesserung gegenüber den Dörfern, die sie zurückwiesen, und gegenüber den Nestern, die kein nennenswertes Publikum auf die Beine bringen konnten. Nottingham war Zivilisation.

Lawrence Firethorn ließ seine Gruppe im Saracen's Head in der Nähe der Stadtmitte absteigen, legte seine feinsten Kleider an und begab sich zum Bürgermeister. Die Spielerlaubnis war eine Kleinigkeit, die Stadthalle war der vorgesehene Aufführungsort. Der Bürgermeister war selbst ein begeisterter Theaterfreund und hocherfreut, daß Westfield's Men die Stadt mit ihrem Besuch beehrten. Über Geld wurde auch gesprochen, Firethorn verließ den Bürgermeister in bester Stimmung. Die Aufführung des »Robin Hood« wurde für den morgigen Tag angesetzt, was ihnen reichlich Zeit für die Proben gab, für die Anmietung von Statisten und für die Umformulierung der Rolle der Jungfer Marion, falls Richard Honeydews Abwesenheit andauern sollte. Alles schien in bester Ordnung zu sein.                         

Der Oberste Schauspieler kehrte in das Wirtshaus zurück, und die Welt brach wieder über ihm zusammen.

»Schon wieder! Das ist eine zweifache Beleidigung!«

»Ich habe die Plakate selbst gesehen, Master Firethorn.«

»Habt Ihr die Aufführung selber gesehen?«

»Das hätte ich nicht über mich gebracht. Meine Loyalität gehört Euch.«

»Das ehrt Euch, Mistress Hendrik.« Er schlug auf seinen Sessel. »Beim Himmel, das werde ich nicht dulden! Giles Randolph ist der ausgekochteste Gauner, der jemals über Gottes Erdboden ging. Selbstverständlich kann er keiner rechtmäßigen Verbindung entstammen, er wurde von zwei Mithaufen an einem heißen Sommertag gezeugt, an irgendeinem schleimigen Ort oder sonstwo.« Er sprang auf die Füße. »Und er hat tatsächlich ›Pompeius den Großem gespielt?«

»Genau vor zwei Tagen.«

»Verrat der allerhöchsten Stufe!«

Anne Hendrik hatte die Spur der Gruppe bis zum Gasthaus verfolgt und ihre Neuigkeiten verkündet. Edmund Hoode saß mit langem Gesicht neben Barnaby Gill und folgte dem Gespräch. Alle drei warteten, bis Lawrence Firethorn sein Gift verspritzt und fünfzehn verschiedene Wege aufgezeigt hatte, wie er einen Rivalen umbringen würde. Nachdem sie ihre ursprüngliche Reiseroute verlassen hatten, um Banbury's Men abzuschütteln, war es besonders ernüchternd, daß sie sich immer noch in ihrem Kielwasser bewegten. Firethorns Lieblingsrolle war gestohlen worden, und der ganze Ruhm, der Westfield's Men zugestanden hätte, war an miese Sterbliche vergeudet worden.

Der Oberste Schauspieler hätte eine weitere Stunde oder noch länger herumgetobt, wenn der Wirt ihn nicht unterbrochen und ihm mitgeteilt hätte, ein anderer Gast wünsche ihn privat zu sprechen. Firethorn stapfte davon wie Pompeius auf dem Weg, um das Mittelmeer von Piraten zu befreien.

Anne Hendrik konnte sich jetzt nach Nicholas erkundigen. »Ist er nicht hier bei Euch?«

»Noch nicht, Mistress«, sagte Hoode. »Dick Honeydew wurde von Zigeunern entführt, und Nicholas ist losgeritten, um ihn zu befreien.«

»Allein?«

»Er wollte von Begleitung nichts hören.«

»Aber die Sache ist doch bestimmt gefährlich.«

»Nicholas wird damit fertig«, beruhigte Hoode sie. Dann stellte er die Frage, die ihn wirklich beschäftigte. »Sagt mir bitte, denn das bohrt wie ein Messer in meiner Seele, wer von Banbury's Men hat es gewagt, meine Rolle zu spielen?«

»Eure Rolle, Sir? In ›Pompeius der Große‹?«

»Sicinius.«

»Das weiß ich nicht, Master Hoode.«

»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte Gill abschließend. »Die Rolle ist überhaupt nicht wichtig und fällt bei der Aufführung kaum ins Gewicht.«

»Das stimmt nicht, Barnaby!«

»Streicht sie - wem würde das auffallen?«

»Mir, Mann! Mir!«

»Sicinius ist eine schlechte Rolle für einen Mann.«

»Es ist meine Rolle!« winselte Hoode. »Ich schrieb sie und ich spiele sie. Ich bin Sicinius. Ich will nicht, daß man mich einfach so stiehlt. Also sagt mir - wer spielte die Rolle?«

*

Mark Scruton hob seinen Dolch und stieß ihn seinem Opfer brutal in den Rücken. Der Mann stürzte auf sein Gesicht, zuckte noch für ein paar Sekunden, dann lag er still. Der Mörder wischte das Blut von der Waffe, grinste bösartig und ging seelenruhig davon.

Eine weitere Theaterprobe war zu Ende.

Kynaston Hall war das größte Privathaus, in dem Banbury's Men seit Beginn ihrer Tournee aufgetreten waren; es bot ihnen beste Möglichkeiten. Die Halle stand ihnen für ihre Proben zur Verfügung, sie hatten vier livrierte Diener als Hilfskräfte sowie normale Küchenhilfen. Alles war sehr zufriedenstellend, niemand aus der Gruppe genoß das mehr als Mark Scruton. Er erhielt seine erste Chance in einer wichtigen Rolle. Diesmal war es ein Stück aus ihrem eigenen Repertoire, »Der Renegat«, eine finstere und blutdürstige Tragödie zum Thema Rache. Sie versetzte Giles Randolph in die Lage, in einer Titelrolle zu glänzen, die seinen Talenten entsprach, und sie brachte Mark Scruton ins Rampenlicht.

»Ausgezeichnete Arbeit, Sir.«

»Danke, Master Randolph.«

»Ihr macht Euch gut in der Rolle.«

»Ich hoffe nur, das Publikum teilt Eure Meinung.«

»Habt nur Vertrauen.«

»Habt Ihr keine Kritik anzumerken?«

»Keine«, sagte Randolph lustlos. »Außer daß Ihr zu lange auf der Bühne geblieben seid, nachdem Ihr mich erstochen habt. Der Mord an dem Herzog ist von größerer dramatischer Bedeutung als die Reaktion seines Mörders. Sobald Ihr mich mit dem Dolch erledigt habt, verschwindet Ihr von der Bühne.«

»Das werde ich, Sir.«

»Meine Leiche wird ein Selbstgespräch in sich sein.«

Sie standen in der Großen Halle, die Bühnenarbeiter wieselten herum und bewegten die Bühnenbilder und Requisiten. Giles Randolph war sehr zufrieden mit dem Verlauf der Dinge. Auf der Bühne und auch ohne sie war Rache das ideale Thema für ihn. Er wollte gerade weggehen, als Scruton ihn am Ärmel zupfte.

»Auf ein Wort, Sir.«

»Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Es dauert nur eine Sekunde.«

»Nun denn.« Randolph zuckte mit den Schultern. »Was gibt es?«

»Ich bin so frei und erinnere Euch an meinen Vertrag. «

»Den habe ich nicht vergessen.«

»Wann kann ich ihn sehen, Sir?«

»Sobald ich ihn aufgesetzt habe.«

»Und wann wird das sein?«

»Zuerst muß ich die anderen Teilhaber dazu überreden.«

Scruton runzelte die Stirn. »Meine Auffassung war, daß Ihr die Angelegenheit alleine regeln könntet.«

»Nun, ja, natürlich. Keine Frage, daß ich das kann.«

»Wieso dann diese Verzögerung?«

»Ich bin kein Rechtsanwalt, Mark. Die Bedingungen müssen korrekt aufgesetzt werden, und der Earl muß sie persönlich zur Kenntnis nehmen. Das ist eine große Beförderung für Euch.«

»Ihr wißt, daß ich sie verdient habe, Master Randolph.«

»Niemand mehr als Ihr.«

»Dann nennt mir ein Datum. Das habt Ihr mir versprochen.«

Giles Randolph bedachte ihn mit jenem rätselhaften Lächeln, das zu seiner Grundausstattung gehörte, und schritt langsam im Kreis um ihn herum. Scruton schätzte es nicht, wenn man ihn warten ließ. Sein freundliches Lächeln begann, etwas verkrampft zu wirken. Randolph blickte ihn an und traf eine Entscheidung.

»York.«

»Was sagt Ihr da?«

»Dann wird der Vertrag unterzeichnet.«

»Ist das ganz sicher?«

»Meine Hand darauf!« Sie schüttelten sich die Hände. »Ihr werdet Teilhaber bei Banbury's Men und könnt die süßeren Früchte unseres Berufes kosten.«

»Ich danke Euch!« sagte Scruton mit Nachdruck. »Ich hatte keinen Augenblick an Euch gezweifelt. Jetzt verspüre ich echtes Glück.«

»Wartet nur auf York.«

»Das ist das Ziel meiner Pilgerreise.«

»Tragt Euer Kreuz noch solange.«

Mark Scruton grinste. Er war fast am Ziel.

*

Nicholas Bracewell benötigte fünfzehn Minuten, um ihr klarzumachen, daß er nicht Jesus Christus sei, doch auch danach war sie noch nicht ganz überzeugt. Als er sie hineinwaten sah, um ihn mitten im Fluß zu treffen, hatte er seinen Körper sofort absinken lassen und trat Wasser. Noch nie zuvor war er von einer so merkwürdigen, wenn auch hübschen Frau angesprochen worden, besonders nicht von einer, die ihn immer wieder bat, sie im Jordan zu taufen. Er brauchte eine Ewigkeit, bis sie wieder ans Ufer zurückging, dann schwamm er zu der Stelle zurück, an der seine Kleider lagen, trocknete sich ab, so gut es ging, und zog sich wieder an. Erholt und erfrischt ritt er über die Brücke und am Ufer entlang zu Eleanor Budden zurück. Ihr nasses Hemd klebte ihr wie eine zweite Haut am Körper, er bemerkte, daß es an der Schulter repariert war. Höflich wie er war, stieg er vom Pferd und lüftete seine Mütze.

»Kann ich Euch sicher nach Hause bringen, Mistress?«

»Den ganzen Weg nach Jerusalem.«

»Ich hab's Euch doch gesagt, ich gehöre zu Westfield's Men.«

»Unser Zusammentreffen heute war vorhergesagt.«

»Mir aber nicht.«

»Es ist uns bestimmt, daß sich unsere Pfade kreuzen, Master Bracewell.«

»Mitten im River Trent?«

»Macht Euch nicht über göttliche Vorbestimmung lustig.«

»Laßt mich Euch nach Hause bringen.«

»Ich habe beschlossen, mein Zuhause für immer zu verlassen.«

»Aber Ihr spracht von Mann und Kindern.«

»Die müssen sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen.«

»Hält Euch Eure Pflicht nicht zurück?«

»Aber ja, Sir. Die Pflicht, der Stimme Gottes zu folgen.«

Nicholas hatte auch schon früher religiöse Fanatiker getroffen. Mehr als einer seiner Schiffsgenossen auf der Reise mit Drake hatte die Entbehrungen unerträglich hart empfunden. Sie hatten sich in eine Art rastlose Religiosität geflüchtet, die ihrem Leben einen neuen Sinn gab und zu einer Reihe guter Taten und zu endlosen Zitaten aus der Bibel führte. Eleanor Budden war jedoch nicht von dieser Art. Ihre Besessenheit hatte eine stillere und rationalere Grundlage. Das machte sie um so gefährlicher.

»Der Herr hat uns zusammengeführt«, sagte sie.

»Wirklich?«

»Spürt Ihr das nicht?«

»Um ehrlich zu sein, nein.«

»Wohin Ihr auch geht, ich werde Euch folgen.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, sagte er alarmiert.

»Ihr seid mir als mein Führer geschickt worden.«

»Aber wir gehen überhaupt nicht nach Jerusalem, fürchte ich.«

»Was ist denn dann Euer Ziel?«

»York.«

»Ich wußte es!«

Eleanor warf sich auf die Knie und beugte sich nieder, um ihm die Schuhe zu küssen. Nicholas sprang erschreckt zurück, als sie versuchte, ihn zu umarmen. Im Vergleich zu dem hier war eine Horde wütender Zigeuner ein Kinderspiel gewesen. Eleanor war ein Muster an Beharrlichkeit, ein Mühlstein um seinen Hals.

»Ich muß mit Euch kommen, Master Bracewell.«

»Wohin?«

»Nach York. Ich muß zum Erzbischof.«

»Dann reist auf andere Weise in die Stadt.«

»Ihr seid mein vorherbestimmter Wächter.«

»Mistress, ich gehöre zu einer Theatergesellschaft.«

»Dann gehe ich mit Euch und Euren Freunden.«

»Das ist unmöglich.«

»Wieso, Sir?«

»Aus einem Dutzend Gründen«, sagte er und wünschte, er könne sich wenigstens an ein paar erinnern. »Vor allem, weil wir nur Männer sind, die zusammen reiten. Keine Frau kann uns dabei begleiten.«

»Das ist eine Regel, die Gott ändern kann.«

»Master Firethorn wird das nicht gestatten.«

»Laßt mich mit ihm reden.«

»Das wird nichts nützen.«

Eleanor Budden stand auf und blickte ihn mit ihren blauen Augen voll unverhüllter Inbrunst an. Sie trat nahe an ihn heran, so daß die langen nassen Strähnen ihres Haares seine Wangen berührten.                       

»Ihr müßt mich mit nach York nehmen«, sagte sie nachdrücklich.

»Aus welchem Grund?«

»Ich liebe Euch.«

Nicholas Bracewell ließ den Mut sinken. Er sah Probleme auf sich zukommen.

*

Lawrence Firethorn wurde langsam verzaubert. Genauer gesagt, er roch Geld. Oliver Quilley hatte ihn in sein Zimmer eingeladen, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten, und nachdem Firethorn zunächst alles rundweg abgelehnt hatte, ließ er sich jetzt langsam überzeugen.

Der Künstler ließ sich langatmig über sein Werk aus.

Herausgeputzt wie ein Truthahn stolzierte er im Zimmer umher und erläuterte, warum er Miniaturenmaler geworden sei.

»Porträtmalerei unterscheidet sich grundsätzlich von normaler Malerei und von der Zeichenkunst und übertrifft jede andere Kunst in mehreren Aspekten.«

»Erklärt mir mehr davon.«

»Die Technik der Porträt-Miniaturmalerei stammt von der Manuskript-Illustration ab. Doch Meister Holbein, der erste unserer Zunft, malte noch in der Tradition großformatiger Porträts, die maßstabsgetreu verkleinert wurden.«

»Und Ihr, Master Quilley?«

»Mein Stil ist einzigartig, Sir.«

»Erkennt Ihr keine Vorbilder an?«

»Ich nehme ein wenig von Holbein und etwas mehr von Hilliard, aber Oliver Quilley unterscheidet sich von allen anderen Porträtmalern. Aber urteilt selber.«

Er öffnete seinen Lederbeutel und zog vier in Samt eingewickelte Miniaturen hervor. Er packte sie aus und legte sie auf den Tisch. Firethorn war von ihrer Schönheit überwältigt. Drei der Porträts zeigten eine Frau, das vierte einen Mann. Alle waren mit einmaliger Feinheit in Farben ausgeführt, die absolut lebensecht wirkten. Quilley spürte, was Firethorn dachte, und hatte Erklärungen zur Hand.

»Das Wichtigste beim Zeichnen oder Malen nach lebendigen Vorbildern ist die Echtheit der Strichführung.« Er deutete auf seine Arbeiten. »Seht Ihr, Sir? Hier gibt es keinerlei Schattieren. Ich glaube an die Eigenständigkeit der Linienführung und an die Magie der Farben.«

»Sie sind wirklich großartig!«

»Alle Gemälde imitieren die Natur oder das Leben, aber Perfektion beweist sich erst bei der Abbildung des Menschen.« 

»Besonders der Frauen«, sagte Firethorn und betrachtete die hübscheste der drei porträtierten Damen.

»Wer ist die Dame, Sir?«

»Eine französische Gräfin. Und die andere ist ihre Schwester.«

»Und die dritte?«

»Das ist Lady Delahaye. Ihr Gatte hat mich beauftragt, es pünktlich zu ihrer Hochzeit fertigzustellen. Es ist so gut wie vollendet, ich kann es abliefern, sobald ich nach London zurückkehre.«

Firethorn erwärmte sich für den kleinen Mann, denn er spürte, daß er sich in der Anwesenheit eines Künstlers befand, jemand, der Umgang mit adligen Kreisen hatte und dessen Arbeiten als Anhänger oder Broschen bei Hofe getragen wurden, zugleich aber auch jemand, der mit seiner wunderbaren Kunst kein Vermögen verdiente. Der Schauspieler kannte dieses Lied nur allzu gut, denn es war auch sein eigenes Lied. Außergewöhnliche Talente, die niemand richtig zu würdigen wußte. Dieses Leben von der Hand in den Mund, das seiner Kunst enge Grenzen setzte und ihre Resonanz einengte.

»Bedenkt nur, Sir, welch ein Zufall!« sagte er. »Ihr und ich hier zusammen. Geniale Männer, die London verlassen müssen, um sich die paar Pennies zu verdienen, die wir hier zusammenkratzen können.«

»So ist es«, stimmte Quilley zu. »Und dann wird es einem von mörderischen Straßenräubern wieder abgenommen. Wenn sie statt dessen diese Miniaturen gestohlen hätten, wäre ich ruiniert gewesen.«

In Firethorns Kopf begann sich ein Gedanke zu formen. »Ihr sagt, Ihr möchtet mit uns reisen?«

»Nur aus Sicherheitsgründen, und nur bis York.«

»Wir nehmen aber keine Passagiere mit.«

»Ich würde für meine Passage zahlen, Master Firethorn, da könnt Ihr ganz sicher sein.«

»Dazu komme ich noch, Sir.« Er überlegte, wie er seinen Gedanken dem Künstler am günstigsten präsentieren konnte. »Wäre es möglich- ich frage das völlig unbefangen —, daß Ihr auch von mir ein solches Porträt malen könntet?«

»Von Euch oder jedem anderen Mann. Gegen Gebühr.«

»Die Garantie Eurer Sicherheit?«

»Ich würde ein eigenes Pferd brauchen.«

»Notiert, Sir!«

»Und ein eigenes Zimmer für mich allein in jedem Gasthaus, in dem wir absteigen?«

»Das soll der erste Punkt unserer Vereinbarung sein.«

»Wir beide verstehen uns, Sir.«

»Ein solches Porträt wäre mir sehr wertvoll.«

»Mir auch, Master Firethorn«, sagte Quilley mit schelmischem Ernst. »Die Einzelheiten der Arbeit können zu einem späteren Zeitpunkt besprochen werden, inzwischen gebe ich Euch dies hier als Zeichen meines guten Glaubens.« Er reichte Firethorn die Miniatur des Mannes. »Das Bild ist viel mehr wert, als ich Euch kosten werde. Ich bin nur klein und keine schwere Last.«

Firethorn betrachtete die exquisite Miniatur in seiner Hand. Sie zeigte Feuer, Eleganz und Detailtreue. Der Mann starrte ihm aus dem Bild entgegen, mit stolzem Blick und in stolzer Haltung. Firethorn war von der Großzügigkeit des Künstlers überwältigt.

»Ist das für mich, Sir?«

»Als Besiegelung unserer Freundschaft und um mir eine sichere Reise zu verschaffen.«

»Es ist die wahre Perfektion der Kunst, Sir.«

»Mein Werk ist niemals weniger als das.«

»Aber wird der Abgebildete das Bild nicht selber haben wollen?«

»Ich fürchte nicht, Sir.«

»Ich möchte niemandem ein persönliches Besitzstück wegnehmen.«

»Der Mann hat jetzt keinen Bedarf mehr dafür.«

»Warum nicht?«

»Weil das Anthony Rickwood ist, da in Eurer Hand.«

»Der Name kommt mir bekannt vor.«

»Ich denke, Ihr habt sein Bild schon früher gesehen.«

»Tatsächlich?«

»Die Arbeit eines anderen berühmten Künstlers.«

»Wie lautet sein Name?«

»Sir Francis Walsingham«, sagte Quilley. »Er malt seine Themen auf Lanzenspitzen. Vielleicht habt Ihr den armen Master Rickwood als Ausstellungsstück am Bishopsgate gesehen.«

»Der Mann war ein Verräter?« Firethorn schluckte.

»Ein strammer Römisch-Katholischer.«

»Halte ich hier eine Leiche in der Hand?«

Quilley zeigte ein mißgünstiges Grinsen, das dem Schauspieler ein sehr unbehagliches Gefühl vermittelte. Inzwischen hatte sich seine Einstellung zu dem Geschenk verändert. Der ursprünglich hoch geschätzte Kunstgegenstand brannte jetzt in seiner Hand wie glühendes Metall.

7. KAPITEL

Leise schlurfte Robert Rawlins durch das Große Westliche Tor ins Innere des Münsters von York und ging langsam am Mittelschiff entlang. Hinter ihm strömte die Sonne durch das große Fenster und brachte das krummlinige Flechtwerk mit dem Herz von Yorkshire in der Mitte und den strahlenden Farben des bleiverglasten Fensters zum Leuchten. Rawlins wirkte dagegen wie ein Zwerg, eine graue, unscheinbare Maus zwischen den gewaltigen weißen Säulen. Fast dreißig Meter über ihm zeigten wunderbare goldene Abbildungen auf der gewölbten Decke wichtige Begebenheiten der christlichen Geschichte. Das war zugleich Verehrung und Warnung, ein ewiger Tribut an das, was vorbei war, und eine klare Anweisung für das, was in der Zukunft geschehen sollte.

Rawlins stand im Seitenschiff, blickte sich um und betrachtete dieses Wunder, gleichzeitig begeistert und gedemütigt von diesem architektonischen Juwel, das zur Ehre Gottes errichtet worden war, wobei er sich durchaus der zahllosen Todesfälle bewußt war, die das Bauwerk gekostet hatte. Er sank auf dem rauhen Stein auf die Knie und sandte ein Bittgebet zum Himmel. Besorgt und voller Angst war er hierhergekommen, um Zuflucht zu finden, und befand sich schon bald in einem inneren Gespräch mit seinem Schöpfer.

Eine Stunde verstrich. Da wurde die Stille von einem lieblichen Klang unterbrochen. Hinter dem Lettner mit seinen Königsstatuen und Stuckengeln hatte der Münsterchor Aufstellung genommen. Stimmen in zarter Harmonie sangen eine Messe. In seiner geistigen Verfassung schien es Robert Rawlins, als hätten die Engel persönlich ihre Stimmen erhoben. Wie gebannt lauschte er dem Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei und sprach die altvertrauten lateinischen Worte, die von jugendlichen Stimmen in solcher Schönheit und mit so viel Ausdruck gesungen wurden. Das war ein solcher Balsam für seine Ohren und so viel Beistand für seine Seele, daß ihm Freudentränen über die Wangen rollten.

Der Chormeister hatte jetzt beschlossen, eine Hymne zu proben. Als sich die Stimmen wieder erhoben und die ganze Kathedrale mit honigsüßen Tönen erfüllten, erzielten sie jedoch ein ganz anderes Ergebnis.

Alle Menschen auf der Erde singen dem Herrn ein freudiges Lied. Dient ihm mit Furcht, preist seinen Namen, kommet zu ihm und freuet euch.

Robert Rawlins sprang voller Entsetzen auf die Füße. Nicht nur, weil das Singen von Hymnen von den Puritanern als Teil ihrer Verunglimpfungskampagne gegen die Priester und in ihrem Bemühen, die Kirchengemeinde in den Gottesdienst einzubeziehen, eingeführt worden war. Was ihm besonders im Magen lag, war diese Version des Psalms 100 - Jubilate Deo. Aus dem von Rawlins so geliebten Latein in die Umgangssprache übertragen, war dies das Werk eines gewissen William Kethe, einem Hymnenschreiber, der während Marys Herrschaft aus England geflohen war und als Flüchtling in Genf lebte, zusammen mit Extremisten wie John Knox, Goodman, Whittangham und Foxe. Solche Namen, solcher Glauben und solche Verbindungen waren für Robert Rawlins etwas sehr Anstößiges, und er hielt es für ein Sakrileg, eine solche Hymne an einem solchen Ort zu singen.

Er drehte sich auf dem Absatz um, ging durchs Mittelschiff zum Großen Westlichen Tor zurück. Der Trost, den er gesucht hatte, war ihm verweigert worden. Gott hatte kein Ohr für seine Bitten.

Wieder einmal trat er in eine feindliche Welt hinaus.

Die übergroße Freude, Anne Hendrik wiederzusehen, wurde durch die Tatsache geschmälert, daß er keine Zeit hatte, die er allein mit ihr hätte verbringen können. Nicholas Bracewell sah sich gezwungen, mit ihr zu sprechen, während er mit der Konstruktion eines Kulissenbaumes für die bevorstehende Aufführung von »Robin Hood und seine Lustigen Gesellen« beschäftigt war. In einer Ecke im Innenhof des Wirtshauses betätigte sich der Regisseur als Zimmermann, unterstützt durch die zweifelhafte Hilfe eines George Dart. Sein Gespräch mit Anne Hendrik wurde deshalb immer wieder von dem Rasseln der Säge und heftigem  Hämmern unterbrochen. Romantische Töne konnten da überhaupt nicht aufkommen.       

»Ich kann mein Glück kaum fassen, daß ich dich gefunden habe«, sagte sie.

»Ich habe dir gesagt, daß es so kommen würde.«

»Wenn nur die Umstände etwas glücklicher wären.«

»Ja, wirklich.«

»Gibt es immer noch keine Neuigkeiten von Dick Honeydew?«

»Leider nicht.«

»Wer hätte ihn denn entführen können?«

»Alle möglichen Leute«, sagte Nicholas seufzend. »Er ist ein hübscher Junge und fällt überall auf, wo wir auftreten. Dick wäre nicht der erste Lehrling, der entführt wird, weil irgend jemand Gefallen an dem Burschen gefunden hat.«

»Ist er in Gefahr?«

»Wir wollen hoffen, daß das nicht der Fall ist.«

»Was glaubst du, wo er sein könnte, Nick?«

»Ich hab' mir das Gehirn zermartert, um darauf eine Antwort zu finden, aber es war umsonst. Ich habe nichts als Ahnungen und Vermutungen.«

»Und was sagen die dir?«

»Banbury's Men.«

»Würden die denn ein solches Verbrechen begehen?«

»Sie haben uns bereits unsere Stücke und unser Publikum gestohlen«, argumentierte er. »Warum sollte das alles sein? Wenn sie uns Dick Honeydew stehlen, versetzen sie uns einen viel schlimmeren Schlag.«

»Glaubst du, der Junge ist bei ihnen?«

»Dafür ist Master Randolph zu gerissen. Wenn er die Entführung befohlen hat - und mein Instinkt sagt mir, daß das so war—, dann hat er damit irgendeinen Kerl beauftragt und ihm befohlen, Dick irgendwo getrennt von der Gruppe hinter Schloß und Riegel zu halten, damit er nicht gefunden werden kann.«

Annes mütterliche Gefühle gewannen jetzt bei ihr die Oberhand. Sie kannte die vier Schauspielschüler gut, am besten Richard Honeydew, und spürte das Unbehagen einer Mutter über sein plötzliches Verschwinden. Ihre Einbildungskraft verstärkte ihre Angst auch noch.

»Werden sie dem Jungen etwas antun?«

»Dazu haben sie keinen Grund«, meinte er und versuchte, sie und auch sich selber zu beruhigen. »Ihr einziges Ziel ist es, Westfield's Men zu schädigen, und das tun sie, indem sie uns einen unserer wichtigsten Schauspieler entführen.«

»Was wird denn mit dem Jungen passieren?«

»Ich denke, sie werden ihn irgendwann laufenlassen.«

»Wann könnte das sein?«

»Sobald sie uns vernichtend geschlagen haben.«

Nicholas schlug ein paar Nägel ein, dann stellte er den kleinen Baum auf die Bodenplatte, die er gerade gezimmert hatte. Er wankte auf dem unebenen Pflaster leicht hin und her. Anne war voller Mitgefühl.

»Das ist aber keine Arbeit für einen Regisseur.«

»Hier muß jeder mit zupacken.«

»Kannst du diese Arbeiten nicht den anderen übertragen?«

Als Antwort kam ein Schmerzensschrei. George Dart hatte den Nagel verpaßt, den er einschlagen sollte, und statt dessen seinen Daumen erwischt. In seinem Schmerz hüpfte er umher, schüttelte die Hand, als ob sie eine Glocke sei, und steckte sie in einen Eimer mit kaltem Wasser, den ein Stallknecht gebracht hatte. Nicholas betrachtete ihn mit amüsiertem Mitleid.

»Da siehst du, warum ich alles überwachen muß, Anne«, sagte er. »Unsere Leute sind eifrig, aber ungelernt. Wenn ich nicht da wäre und auf sie aufpaßte, hätten sie alle zusammen kaum mehr als drei gesunde Finger übrig.«

Nicholas übernahm die Arbeit, die George Dart verlassen hatte. Als Kirchenglocken ihr Geläut ertönen ließen, wandte sie sich einem anderen Thema zu. Ein leichter Hauch von Eifersucht schwang in ihrer Stimme.

»Erzähl mir noch etwas über Eleanor Budden.«

»Da gibt es nichts mehr zu erzählen.«

»Du sagst, sie hat dich im Fluß angesprochen?«

»Nur, weil sie mich für jemand anderen hielt.«

»Für mich bist du nicht der Herr Jesus.«

»Das höre ich besonders gern.« Sie lachten liebevoll. »Mach dir wegen Mistress Budden keine Gedanken. Sie war nur ein unwichtiges Ereignis an einem langen, arbeitsreichen Tag. Ich habe sie abgeschüttelt.«

»Kannst du dessen sicher sein, Nick?«

»Sie wird nicht mit uns reisen.«

»Aber Master Quilley reist mit.«

»Nur aufgrund einer besonderen Vereinbarung.«

»Kann sie nicht auf den gleichen Gedanken kommen?« 

»Das ist jenseits aller Möglichkeiten«, sagte Nicholas voller Zuversicht. »Master Firethorn hat keine Zeit für sehnsüchtige Missionare. Er wird sie glatt abweisen. Wir sind eine Gruppe von Schauspielern, die ihre eigenen Probleme mit sich herumschleppen. Hier wird eine offene Sprache gesprochen. Wir haben keinen Platz für mädchenhafte Bescheidenheit und noch weniger für echte Pilger. Mistress Eleanor Budden vergeudet nur ihren Atem. Es gibt keine Möglichkeit, daß sie mit uns nach York reist.«

»Es ist also vereinbart«, sagte Firethorn. »Ihr kommt mit uns.«

»Oh, Sir!« sagte sie überschwenglich. »Eure Freundlichkeit wird Euch Freunde im Himmel schaffen. Ich küsse Euch die Hand.«

»Nein, Madam. Ich küsse Eure.«

Er ergriff die ausgestreckte Hand von Eleanor Budden mit wohlbemessener Liebenswürdigkeit und gab ihr einen ehrenhaften Kuß. Sie verbeugte sich tief vor ihm, und auch er deutete eine Verbeugung an. Für einen Mann, der Westfield's Men normalerweise mit besitzergreifender Sorge bewachte, war er bemerkenswert großzügig. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte er zugestimmt, daß ein Künstler und eine selbsternannte Missionarin seine Gruppe begleiteten. Lawrence Firethorn redete sich selbst gut zu, daß beide Entscheidungen richtig waren.

»Vergeßt nicht das Geld, gute Frau.«

»Das werde ich mitbringen.«

»Wird es denn keine Schwierigkeiten mit Eurem Gatten geben?«

»Der kann mich nicht aufhalten.«

»Dann bin ich zufrieden.«

»Und ich stehe tief in Eurer Schuld, Master Firethorn.«

Wieder verbeugte sie sich tief und gestattete ihm einen weiteren Blick auf die Schönheiten, die schließlich den Ausschlag gegeben hatten. Eleanor Budden war wirklich ein prächtiges Weib, und ihr religiöser Eifer brachte ihre Eigenschaften nur noch mehr zur Geltung. Ihm gefiel die Sanftheit ihrer Haut, ihr rundes Gesicht und die vielversprechenden Formen ihres Körpers. Nachdem er ihre Bitte zunächst rundweg abgelehnt hatte, hatte er ihrer freundlichen Hartnäckigkeit gelauscht und ihr langes blondes Haar bewundert. Beides zusammen hätte ihn dazu gebracht, seine erste Entscheidung nochmals zu überdenken.

Firethorn bemühte sich, ihre Beziehung klarzulegen.

»Da gibt es bestimmte Bedingungen, Mistress.«

»Ich akzeptiere alles, was Ihr von mir verlangt, Sir.«

»Wenn das wahr wäre!« murmelte er vor sich hin.

»Was muß ich tun?«

»Mischt Euch nicht in unsere Angelegenheiten ein. Wir sorgen für Eure Sicherheit auf der Reise, behalten uns aber das Recht vor, unterwegs unsere Kunst vorzuführen. Ihr dürft uns weder bei den Proben noch bei den Aufführungen in irgendeiner Weise behindern.«

»Das werde ich auch nicht, Sir. Ich verbringe meine Zeit im Gebet.«

»Vielleicht finden wir andere Dinge für Euch.«

»Ich brauche nichts.«

Die Geradlinigkeit ihrer Absichten war durchaus anrührend. Doch gleichzeitig konnte er nicht glauben, daß das für den ganzen Weg nach York und schon gar nicht bis Jerusalem ausreichen würde. Eleanor Budden war zeit ihres Lebens niemals weiter als zehn Meilen von Nottingham entfernt gewesen, und das auch nur in Begleitung ihres Ehemannes. Ihr würde die lange Reise nach York beschwerlich und gefährlich vorkommen, und sie würde sich zunehmend an Firethorn um Hilfe wenden. Der Gedanke gefiel ihm. Noch nie hatte er eine Heilige verführt.

»Darf ich Master Bracewell sehen?«

»Jeden Tag. Ihr sitzt neben ihm auf dem Kutschbock.«

»Mein Freudenbecher läuft schon über.«

»Vielleicht wird es mir auch so ergehen.«

Er gab ihr einen weiteren Handkuß, dann begleitete er sie zur Wirtshaustür. Sie winkte ihm voller Dankbarkeit zu und hüpfte rasch davon. Firethorn gluckste in sich hinein, dann ging er in den Schankraum, um Barnaby Gill und Edmund Hoode mit den letzten Entwicklungen vertraut zu machen. Sie waren dagegen.

»Das ist Wahnsinn!« kreischte Gill. »Ich verbiete es!«

»Nicht besonders klug, Lawrence«, meinte Hoode.

»Die Sache bringt uns Geld und Begleitung.«

»Wer will denn deren Begleitung?« konterte Gill. »Sie soll doch ihr Geld behalten und es den Armen als Almosen geben. Wir sind Schauspieler und keine Leibwächter, die sich jeder mieten kann. Die Freiheit ist unser einziges Privileg, und genau das werft Ihr weg und holt Euch irgendeine Jungfrau Maria, die über uns zu Gerichte sitzt.«           

»Das ist keine Jungfrau Maria«, sagte Firethorn rasch.

»Die Dame ist eine Ablenkung«, sagte Hoode. »Für sie gibt es bei uns keinen Platz. Genauowenig wie für Master Quilley. Die sollen sich andere Möglichkeiten für die Reise nach Norden aussuchen.«

Firethorn tat sein Bestes, um sie zu überzeugen, aber sie ließen sich einfach nicht überzeugen. Er wußte, daß er als letzte Rettung ihnen seinen Willen aufzwingen konnte, doch das wollte er unter allen Umständen vermeiden. Es war wichtig, ihre Zustimmung zu gewinnen. Er wollte, daß Eleanor Budden ihn als den Kopf der Gruppe ansah, die sich darum bemühte, jeden seiner Wünsche zu erfüllen, und nicht als einen kleinen Tyrannen, der die anderen so lange einschüchtert, bis sie zustimmen.

Seine beiden Kollegen verabschiedeten sich mit ernsten Warnungen.

»Ich widersetze mich der Sache, Lawrence!« sagte Gill.

»Das würde Eurem Teint nicht gut bekommen.«

»Ich stehe auf Barnabys Seite«, sagte Hoode. »Ihr habt hier etwas in die Wege geleitet, das uns nichts als Schwierigkeiten bringt.«

Die beiden gingen, Firethorn blieb zurück und konnte darüber nachdenken, was sie gesagt hatten. Er war nicht gekränkt, sie hatten immer etwas gegen seine Ideen einzuwenden. Es ging ganz einfach darum, ihnen genug Zeit zu lassen, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen konnten. Wenn sie erst mal gemerkt hatten, daß Eleanor Budden eine ganz harmlose Frau war, würden sie ihre Meinung schon ändern. Firethorn gefiel das neue Arrangement. Er ließ sich noch ein Glas Sherry bringen.

Beim ersten Schluck erschien sie.

»Ich hatte gehofft, Euch hier zu finden, Sir.«

»Susan, mein Täubchen! Setz dich zu mir und mach es dir bequem.«

»Ich bin gekommen, um dir meine Entscheidung mitzuteilen«, sagte sie mit breitem Grinsen, während sie sich auf einem Stuhl niederließ. »Deine einsamen Nächte sind vorbei, Lawrence.«     

»Beweis mir das lustvoll zwischen den Bettlaken.«

»Genau das werde ich, Sir.«     

»Du bist einem Mann die größte Freude, Susan.«

»Deshalb will ich Euch ja jetzt auch nicht verlassen.«

»Gott segne dich, Lady.«

»Master Gill hat mir bei der Entscheidung geholfen.«

»Barnaby?«

»Ja. Er hat mir gerade von Mistress Budden berichtet.«

»Ah, ja«, sagte er geringschätzig. »Eine heilige Frau, die die Stimme Gottes vernommen hat. Ein armes, verwirrtes Wesen, für die ein Christenmensch Mitleid empfinden muß.«

»Ist sie alt oder jung?«

»Uralt, fürchte ich. Und sie sieht so schlecht aus, daß ein Mann sich scheuen kann, sie genau anzuschauen. Das ist der einzige Grund, daß ich sie mitgenommen habe. Für die bockgeilen Mitglieder unserer Gruppe stellt Mistress Budden keine Versuchung dar.«

Susan Beckets Augen glitzerten lustig.

»Ich sah die Dame gerade von dir weggehen. Wenn die uralt ist, dann bin ich seit zehn Jahren tot und begraben. Sie hat etwas an sich, womit sie einen Bischof verführen könnte.«

»Wie konnte ich solche Eigenschaften nur übersehen?«

»Weil du mit den Gedanken ganz fest bei mir warst, Lawrence.«

»In der Tat, in der Tat«, schmeichelte er.

»Und deshalb habe auch ich meine Entscheidung getroffen. Mistress Budden ist ein Kind der Natur und von großer Ungeduld. Ich werde ihr wie eine Mutter sein und diese geilen Böcke daran hindern, sich an ihr zu ergötzen. Sie wird mir noch dankbar dafür sein.«

»Ich verstehe nicht, was du damit meinst, Susan.«

»Deine Wärmeflasche fährt mit dir, Sir.«

»Die ganze Strecke?« fragte er ängstlich.

»Bis zum letzten Zentimeter.«

»Ich könnte dir diese Mühe niemals zumuten.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein.«

Ihr Ausdruck unerschütterlicher Entschlossenheit ließ all seine Pläne für die Reise in Scherben gehen. Susan Becket war eine alte Flamme, die er in Nottingham auspusten wollte, doch sie hatte sich jetzt wieder entzündet. Lawrence Firethorn konnte sein Bedauern nicht verhehlen. Jetzt nahm er eine Frau zuviel mit nach York.

Der Sherry war blitzschnell in seiner Kehle verschwunden.

*

Sir Clarcnce Marmion spazierte mit seinem unauffällig gekleideten Begleiter durch den Garten. Der Garten, groß und intelligent angelegt und voller leuchtender Farben, war ein Beweis für das Können und die harte Arbeit seiner Gärtner, aber an diesem Morgen hatte der Hausherr kein Auge für ihre Leistungen. Seine Gedanken waren von etwas gefesselt, das ihm ganz besonders große Sorgen machte.

»Er wollte keine Namen preisgeben.«

»Seid Ihr sicher, daß er welche wußte?«

»Das steht völlig außer Frage, Sir.«

»Habt Ihr ihn in diesem Punkt unter Druck gesetzt?«

»So sehr, wie man es nur wagen kann.«

Robert Rawlins rieb sich unzufrieden die Hände.

»Laßt mich einmal mit dem Burschen reden, Sir Clarence.«

»Das wird nichts bringen.«

»Vielleicht habe ich ja Erfolg, wo andere versagt haben.«

»Dafür seid Ihr jetzt zu spät gekommen.«

»Ich werde ihm geistige Gewichte anlegen.«

»Er würde nichts davon spüren, Master Rawlins.«

»Was sagt Ihr da?«

»Der Mann ist tot.«

»Seit wann?«

»Seit ich Befehl gab, ihn umzubringen.«

»Sir Clarence!«

Schockiert riß Robert Rawlins die Hand an den Mund und stützte sich schwer auf einen steinernen Engel. Es war nicht das erste Mal, daß sein Gastgeber ihn überraschte, seit er in Yorkshire eingetroffen war, aber dies war eindeutig das Beunruhigendste von allem. Protestierend hob er den Arm, doch sein Begleiter zeigte eine brutale Gelassenheit.

»Der Mann hat ein christliches Begräbnis bekommen«, sagte er.

»Nachdem er umgebracht worden war.«

»Hingerichtet, Sir. Wie Anthony Rickwood.«

»Auge um Auge?«

»Wir zeigten ihm alle Gerechtigkeit, die er verdiente.«

»Ich hätte für Milde plädiert.«

»Bei einem Verbrecher wie ihm?«

»Jeder Mensch hat etwas Gutes in sich.«

»Aber nicht dieser Teufel mit seinem schwarzen Herz«, sagte Sir Clarence mit scharfer Stimme. »Einer von Walsinghams Hyänen. Er hat Dutzende Katholiken in den Tod getrieben, und zwar ohne das geringste Mitleid. Sollte ich ihn freilassen, Sir, damit er verkündet, ich sei ein Teil der Verschwörung? Und daß Robert Rawlins ein Missionar der römischen Kirche ist?«

»Mir gefällt die Sache nicht.«

»Wir hatten keine andere Wahl.«

»Ihr hattet die christliche Lehre, die Euch hätte leiten können.«

»Die hatte auch Anthony Rickwood, und was hat sie ihm eingebracht? Er landete auf einer Speerspitze in Bishopsgate, bis wir ihn da runterholten.« Sein Ton wurde schärfer. »Und was ist mit Neville Pomeroy? Welche Hilfe hat er durch die christliche Lehre gehabt? Sie hat ihm den kürzesten Weg in den Tower gezeigt!«

»Es war nicht meine Absicht, Euch zu ärgern, Sir Clarence.«

»Wir können Feuer nur mit Feuer bekämpfen!«

»Mord sollte ausgeschlossen sein.«

»Rache besitzt ihre eigene Würde.«

Robert Rawlins unterdrückte weitere Bemerkungen und versuchte, das zu verstehen, was passiert war. Sir Clarence Marmion war ein guter Freund und ein liebenswürdiger Gastgeber, wenn er wollte, aber jetzt zeigte sich eine ganz andere und viel härtere Seite seines Charakters. Das war im höchsten Maße beunruhigend. Untrennbar durch den gleichen Vorsatz miteinander verbunden, hatten die beiden Männer doch unterschiedliche Auffassungen, wie man das gemeinsame Ziel am besten erreichen konnte.

Sir Clarence bemühte sich, das Unbehagen des anderen zu verringern. »Er ruht jetzt bei Gott.«

»Wird das Gesetz nicht nach ihm suchen?«

»Sechs Fuß unter meinem Grund und Boden wird man ihn nicht finden.«

»Ich gebe zu, daß ich sehr beunruhigt bin.«

»Wäre es Euch lieber, wenn man uns begraben hätte?«

»Natürlich nicht, Sir Clarence.«

»Dann freut Euch über den Tod eines Feindes.«

Sie schritten über einen Kiesweg, der den Rosengarten unterteilte. Langsam gelangte Robert Rawlins zu der Auffassung, daß Sinn hinter dem steckte, was gesagt worden war. Sein Gastgeber ließ einen vorsichtigen Optimismus durchklingen.

»Ich habe um Hilfe gebeten.«

»Ich auch, Sir Clarence. Jeden Tag.«

»Vielleicht bekommen unsere Gebete eine Antwort.«

»Gibt es Anzeichen dafür?«

»Keine äußerlichen, Master Rawlins.«

»Wie denn?«

»Es ist nicht mehr als ein Gefühl, aber es wächst und wächst jeden Tag. Der Mann, den wir suchen, braucht vielleicht doch nicht gejagt zu werden. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten, ihn zu finden.«

»Sagt mir, was das bedeuten soll.«

»Laßt den Schuft zu uns kommen.« 

»Wird er das denn tun, Sir Clarence?«

»Da bin ich ganz sicher. Wenn ich mich auf meinen Instinkt verlasse, werde ich nur selten enttäuscht. Der Mann kommt näher, wir müssen uns darauf vorbereiten. Seid auf der Hut, Sir.«

»Das werde ich.«

»Er befindet sich auf dem Weg nach York.«

*

Christopher Millfield wußte durchaus einen guten Eindruck zu machen, wenn sich Gelegenheit dazu bot. Er hatte die Rolle des Will Scarlet bekommen und trug die Ballade vor, mit der die Proben zu »Robin Hood und seine Lustigen Gesellen« begannen. Er stolzierte über die Bühne, ließ sein feuerrotes Kostüm effektvoll aufleuchten und trug mit schöner Tenorstimme sein Lied vor, begleitet von einer kleinen Laute. Will Scarlet hatte seinen großen Auftritt in der Stadthalle von Nottingham. 

Kommt und lauscht mir, meine Herren, die Ihr aus freiem Hause stammt. Ich singe Euch von einem braven Mann, sein Name war Robin Hood.

Robin war Bandit und stolz, als er noch bei uns lebte, freundlich war er, liebenswürdig, wie man sonst keinen fand. Robin stand im Sherwood Forest an einen Baum gelehnt. Little John stand ihm zur Seite, der sein bester Freund ihm war.

Die Probe hatte ein paar kritische Momente. Martin Yeo, der älteste und erfahrenste der vier Schauspielschüler, war kein vollwertiger Ersatz für Richard Honeydew in der wichtigen Rolle der Jungfer Marion. Seine Gesten und seine Körperhaltung waren ohne jeden Makel, dennoch fehlte ihm die Ausstrahlung seines Kollegen und dessen überragender Instinkt. Lawrence Firethorn, traditionsgemäß ganz in Lincoln-Grün, legte seine übliche Wichtigtuerei in die Rolle des Robin Hood, doch selbst er zeigte bei den Liebesszenen leichte Unsicherheiten. Barnaby Gill war ein drolliger Bruder Tuck, und Edmund Hoode glänzte als Much the Millers Son. Die »Lustigen Gesellen« waren allerdings eine einzige Katastrophe. Angereichert mit ein paar Hilfsstatisten, die man für die Aufführung angeheuert hatte, bewegten sie sich über die Bühne wie eine Herde aufgeregter Hammel, die in alle Richtungen stob, sobald Robin Hood einen Schwertkampf zu bestehen hatte. 

Nicholas Bracewell hielt die ganze Sache in Gang und verringerte die Auswirkungen der meisten Schnitzer, doch selbst er konnte George Dart - einen durch und durch unlustigen Vertreter der »Lustigen Gesellen« - nicht davon abhalten, einen Baum umzulegen, indem er ganz zufällig dagegen rannte. Will Scarlet war der einzige, der unbeschädigt aus der ganzen Sache hervorging, und er war es auch, der das Stück mit einer weiteren Ballade zur Laute zu Ende brachte.

Dann sprach der gute Robin, wo er gerade stand:

»Nach Kirksley muß ich morgen gehn, soll meinen Tod erleiden. Sir Roger of Doncaster, der schlief mit der Äbtissin. Mit ihrem falschen Lügenspiel Robin Hood verrieten sie. Der Himmel sei ihm gnädig. Er starb dort auf dem Rad. Er war Bandit, ein tapfrer Mann, der armen Leuten Gutes tat.«

Robin Hood trieb jetzt seine lustigen Gesellen zusammen, als hätte jeder einzelne von ihnen versucht, ihn während der Probe umzubringen. Als Firethorn aufhörte, sie wegen ihrer Unfähigkeit und der bloßen Tatsache ihrer Existenz zusammenzustauchen, waren ihre Wangen so rot wie Will Scarlets Kostüm. Der Oberste Schauspieler sparte nicht mit seiner Kritik, selbst Barnaby Gill mußte einiges einstecken. Martin Yeo ließ sich durch die Kanonade vollständig demoralisieren. Der einzige Darsteller, der ungeschoren davonkam, war Christopher Millfield. Das versetzte ihn in eine heitere Stimmung.

»Wie habt Ihr es gefunden, Master Bracewell?«

»Es ist noch viel Arbeit daran erforderlich.«

»Ich sprach von meiner eigenen Darstellung.«

»Ihr habt besonders lieblich gesungen.«

»Und meine Darstellung des Will Scarlet?«

»Die war befriedigend«, sagte Nicholas ausweichend. »Ihr macht der Gruppe keine Schande, Sir.«     

Millfield ärgerte sich über das schwache Lob. In seinem Wunsch, den anderen zu beeindrucken, hatte er ihn nur damit irritiert, als er so offensichtlich nach Komplimenten fischte. Er beobachtete, wie der Regisseur die Kontrolle übernahm. Jetzt, da die Probe vorbei war, verteilte Nicholas Dutzende von Jobs, die in den letzten beiden Stunden angefallen waren. Mehrere Kulissen waren beschädigt worden und mußten repariert werden; einer der Holzböcke, die die Bühne trugen, brauchte Verstärkung, und bei zwei Instrumenten mußten neue Saiten aufgezogen werden. Kostüme waren während der Kampfszenen beschädigt worden, George Dart erhielt die Aufgabe, sie mit Nadel und Faden wieder zusammenzuflicken. Bei Stephen Judd löste sich die Perücke in ihre Bestandteile auf.     

Nicholas war so in seine Arbeit vertieft, daß er die Gefahr nicht bemerkte, die ihm drohte. Weil er der Bühne den Rücken zuwandte, bemerkte er nicht, daß zwei seiner Helfer damit beschäftigt waren, den Galgen abzubauen, den sie für die Schlußszene des Stückes brauchten. Der Galgen war für die beiden viel zu schwer und viel zu umständlich in der Handhabung, und schließlich gewann sein Gewicht die Oberhand. Bevor sie es verhindern konnten, kippte das große Rundholz um und fiel in Nicholas' Richtung.

Christopher Millfield reagierte blitzschnell.

»Aufpassen da drüben!«

Er warf sich nach vorne, stieß den Regisseur beiseite und wurde selber von dem niederstürzenden Balken gestreift. Nicholas rappelte sich auf und drehte sich um, um zu sehen, was passiert war. Millfield saß auf dem Boden und rieb sich vorsichtig die Schulter.

»Seid Ihr verletzt, Christopher?«

»Nichts Ernstes.«

»Ich schulde Euch vielen Dank.«

Millfield grinste. »Ich habe Euch vor dem Galgen gerettet. «

»Und vor einer todsicheren Verletzung.«

Nicholas stauchte die Helfer zusammen, die den Unfall verursacht hatten, und ließ sie den Galgen wegräumen. Dann gab er Millfield die Hand und zog ihn auf die Füße. Der klopfte sich den Schmutz ab und rieb vorsichtig seine Schulter.

»Ich werde Euch das nicht vergessen«, sagte Nicholas.

»Ihr hättet für mich das gleiche getan.«

»Ich an Eurer Stelle hätte mich vielleicht zurückgehalten.«

»Weil Ihr mich nicht mögt?«

»Das wäre Grund genug.«

»Aber ich mag Euch, Master Bracewell.«

Jetzt war Nicholas mit Grinsen an der Reihe. Millfields Art war richtig entwaffnend, was es einem schwermachte, auf ihn böse zu sein. Der Regisseur machte eine Konzession.

»Eure Darstellung war ausgezeichnet, Christopher.«

»Dankeschön!«

»Um ohrlich zu sein, ich bin nicht sicher, ob Gabriol Hawkes das besser gemacht hätte.«

»Das ist für mich das schönste Lob.«

»Ein besseres bekommt Ihr auch nicht.«

Beide lachten, viel von der Spannung, die zwischen ihnen herrschte, löste sich auf. Alle Schauspieler suchten Lob und Anerkennung, aber Millfield schien besonders viel an einem Lob des Regisseurs zu liegen. Darüber konnte er die Schmerzen in seiner Schulter vergessen. Er streckte die Hand aus und nahm Nicholas' Arm.

»Ich möchte Euch etwas beichten«, sagte er.

»Muß ich jetzt Euer Priester sein?« scherzte der andere.

»Es ist mir Ernst, Master Bracewell.«

»Dann redet.«

»Gabriel war der bessere Schauspieler.«

»Nur in einigen Punkten.«

»Ich bin ehrlich genug, um es zuzugeben«, sagte Millfield ernsthaft. »Er hatte mehr Reichweite, mehr Tiefe. Als Ihr zwischen uns Eure Wahl traft, tatet Ihr gut daran, Gabriel Hawkes zu wählen.«

»Kein anderer Schauspieler würde das zugeben.«

»Warum soll man die Wahrheit verschweigen, wenn der Mann nicht mehr unter uns ist?« Sein Griff wurde fester. »Ich haßte ihn, weil er mir im Wege stand. Ich wünschte ihm den Tod, damit ich an seine Stelle treten konnte, aber ich habe sein Ende nicht herbeigeführt, das schwöre ich. Wenn er ermordet wurde, wie Ihr annehmt, dann war es jedenfalls jemand anders. «

Nicholas sah ihm tief in die Augen und spürte, wie viele der Verdächtigungen und Vorbehalte, die er diesem Mann gegenüber hegte, verschwanden. Christopher Millfield hatte seine Fehler, aber es waren größtenteils die typischen Fehler seines Berufes. Der Regisseur besiegelte ihre neue Freundschaft mit einem kräftigen Händedruck, der den anderen aufheulen ließ. Nicholas machte sich Sorgen.

»Laßt mich mal Eure Schulter sehen.«

»Das ist nur eine Kleinigkeit.«

»Aber ich sehe, daß Ihr immer noch Schmerzen habt.«

Millfield ließ sich schließlich dazu überreden, sein rotes Kostüm abzulegen, damit Nicholas die Verletzung untersuchen konnte. Die Schulter zeigte heftige Abschürfungen, wo sie von dem Balken getroffen worden war, aber es hatte nicht geblutet. Nicholas betastete die Verletzung mit vorsichtigen Fingern, dann ließ er Millfield den Arm steil nach oben strecken und im Kreis bewegen. Dann stellte er seine Diagnose.

»Ihr habt Glück, Christopher. Nichts ist gebrochen.«

»Ich komme mit ein paar Schrammen davon.«

»Und einer ziemlichen Steifheit«, sagte Nicholas. »Gebt mir etwas Zeit, dann mache ich eine Salbe zurecht, die wir auf die Schulter streichen. Das lindert die Schmerzen.«

»So etwas kann ich gut gebrauchen. Wie wollt Ihr sie machen?«

»Aus Kräutern.«

»Seid Ihr auch noch Arzt?«

»Ich habe viel vom Schiffsarzt gelernt, als ich zur See fuhr. Beulen und Schmerzen gehören zum täglichen Brot eines Seemannes, und ich habe die Mittel studiert, mit denen man sie lindern kann. Dieses Wissen hat mir schon häufig geholfen.«

»Ihr werdet keinen dankbareren Patienten als mich finden.«

»Der Dank kommt ganz von meiner Seite.«

»Eure Freundschaft ist mir Belohnung genug.«

»Die kommt mit der Salbe.«

Millfield grinste. »Beides ist mir sehr willkommen.«

Als der Schauspieler wegging, um sich umzuziehen, trat jemand anderer an Nicholas heran. Oliver Quilley hatte die Probe aufmerksam verfolgt. Wenn er ein Miniaturporträt des Ersten Schauspielers anfertigen sollte, mußte das Bild alle typischen Charaktereigenschaften (die am deutlichsten auf der Bühne zutage traten) enthalten. Quilley entging nichts.

»Ist Master Firethorn immer so hitzig?«

»Heute habt Ihr nur eine schwache Leistung von ihm gesehen.«

»Also kommt noch mehr Wildheit aus ihm?«

»Die verwahrt er für sein Publikum.«

»Ich warte mit großem Interesse«, sagte Quilley. »Wenn ich ein Porträt male, soll es so vollständig wie nur eben möglich sein. Ich erahne die Wahrheit einer Persönlichkeit.«

»Wieviel Zeit werdet Ihr für das Porträt brauchen, Sir?«

»Ich arbeite nach drei Sitzungen«, erklärte der Künstler mit fahrigen Handbewegungen. »Zunächst lege ich die groben Umrisse seiner Gesichtszüge fest, beginne mit der Stirn und benutze sie, um die Proportionen des Gesichtes zu berechnen. Bei der zweiten Sitzung notiere ich sorgfältig alle Farben der Haut, der Haare, der Kleidung und achte besonders - das ist das Geheimnis meiner Kunst - auf den Ausdruck der Augen und auf die Mundwinkel.«

»Und was passiert bei der dritten Sitzung, Master Quilley?«

»Ich beende das Bild mit den feinsten Details.«

»Ihr arbeitet rasch, Sir.«

»Auch Künstler müssen etwas essen.«

»Wie kommt es, daß Ihr Euch diesen Beruf ausgesucht habt?«

»Der Beruf wählte mich«, sagte Quilley. »Vor nunmehr dreißig Jahren war ich Lehrling bei einem Goldschmied in Eastcheap. Mein Lehrherr war ein reicher Mann und brachte es zum Stadtkämmerer in London und zum Zunftmeister seiner Gilde.«

»Ihr habt Euch den Lehrherrn sorgfältig ausgesucht.«

»Während der sieben Jahre, die ich unter dem Zeichen der Gilde ›Löwe und Feuer‹ verbrachte, war das Glück stets an meiner Seite. Ich wurde sehr geschickt in der Herstellung von Juwelen und Schmuckstücken und hatte viel Interesse für die Miniaturmalerei.«

»Wie fing alles an, Master Quilley?«

»Mit einer Lady am Hofe. Sie war eine Freundin meines Herrn und leicht zu beeindrucken. Das war meine erste Arbeit als Miniaturmaler und nicht ohne Mängel.«

»In welcher Beziehung?«

»Das Porträt war hervorragend wie alle meine Gemälde, aber ich übersah eine wichtige Einzelheit, Master Bracewell.«

»Wirklich?«

»Ich bekam kein Geld dafür.« Er rollte die Augen und warf die Hände in die Luft. »So ist das Leben eines Künstlers! Nie erhalten wir unseren gerechten Lohn. Worte bezeichnen mich als ein Genie, Aufträge kommen herein, aber bezahlen mich diese Leute dann auch wirklich für meine Mühen? Nur sehr selten, Sir! Sehr selten.«

»Aber Ihr müßt ein paar ehrliche Auftraggeber gehabt haben.«

»Ein paar. Master Anthony Rickwood gehörte dazu.« 

»Der hingerichtet wurde?« fragte Nicholas überrascht.

»Ja, Sir. Er hat für seinen Verrat gebüßt, aber ich kann nur Gutes über seine Liebenswürdigkeit sagen. Master Rickwood gab mir doppelt soviel, wie ich verlangt hatte, und empfahl mich einer Anzahl seiner engen Freunde, darunter Master Neville Pomeroy von Hertfordshire.« 

»Wir kennen den Gentleman.«

»Dann werdet Ihr seine Großzügigkeit kennen. Ein sehr freundlicher Mann. Es fehlte mir an nichts in seinem Hause.«         

»Uns auch nicht, als wir in Pomeroy Manor auftraten.«

»Er sprach viel von seiner Leidenschaft fürs Theater.«

»Wir haben vor, ihn auf der Heimreise nach Süden wieder zu besuchen.«

»Unglücklicherweise werdet Ihr das nicht können, Sir.«

»Aber er hat uns eingeladen.«

»Er wird nicht dort sein, um Euch zu begrüßen.«

»Was sagt Ihr da?«

»Weil Master Pomeroy verhaftet wurde.«

»Aus welchem Grund?«

»Hochverrat. Er gehörte zu der Verschwörung, der auch Anthony Rickwood angehörte.«

»Ist das wirklich wahr?«

»Walsingham hat ihn in den Tower geworfen.«

»Was hat er zu erwarten?«

»Das denkbar Schlimmste.« Quilley lächelte schmerzlich. »Er wird den schimpflichen Tod eines Verräters sterben. Ich glaube nicht, daß Master Millfield auch ihn vor dem Galgen schützen kann.«

*

Miles Melhuish erbleichte. Er hatte geglaubt, Eleanor Budden könne ihn nicht mehr überraschen, aber da irrte er sich. Ihre neueste Ankündigung ließ ihn den Mund aufreißen. Er drehte sich zu ihrem Ehemann um, der in einer Ecke der Sakristei saß, aber Humphrey hatte sich keine Meinung gebildet. Seine Frau hatte ihn in jeder Beziehung vollständig in die Defensive gedrängt, er war der erbärmliche Rest des Mannes, der sie geheiratet und ihre Freuden genossen hatte. Humphrey Budden war still während des ganzen Gesprächs.     

Melhuish gab sich den Anschein besonderer Überraschung.

»Das ist nicht klug, Mistress. Das ist nicht gut.«

»Ich glaube, daß es beides ist, Sir.«

»Mit einer Gruppe reisender Schauspieler zu fahren?«

»Sie kommen aus London«, sagte sie voller Stolz.

»Das macht es nur noch schlimmer. Ihr könnt Euch die Gelüste und Vorlieben solcher Kreaturen überhaupt nicht vorstellen. Schauspieler sind die Kinder der Hölle in menschlicher Gestalt.«

»Bisher haben sie mich anständig behandelt.«

»Dann wartet, bis Ihr schutzlos auf der Straße liegt.«

»Da kann nichts passieren. Gott ist allzeit bei mir.«

»Ja, Schwester«, sagte er beschwichtigend. »Gott ist mit uns allen, zu jeder Zeit. Aber es gibt Zeiten, da ist selbst Sein göttlicher Schutz nicht genug. Ihr schadet Euch nur, wenn Ihr Euch solchen Gefahren aussetzt.«     

»Welchen Gefahren, Master Melhuish?«

Der Vikar räusperte sich und zupfte an seinem Kragen. Er warfeinen Blick auf Budden, aber von dort kam keine Hilfe. Kühn ging er dem Problem zu Leibe.

»Schauspieler sind notorische Wüstlinge, Eleanor.«

»Das habe ich noch nie gehört.«

»Sie haben die Moral der niedrigsten Tiere.«

»Warum sind sie dann so freundlich zu mir?«

»Nur, damit Eure Aufmerksamkeit nachläßt.«

»Master Firethorn ist aber nicht so«, sagte sie gefühlvoll. »Auch Master Bracewell nicht, und er ist der Grund, daß ich mit Westfield's Men reise.«

»Wer ist Master Bracewell?«

»Er hängt hinter Euch, Sir.«

Miles Melhuish fuhr erschrocken herum, aber hinter ihm war niemand. Eleanor deutete auf das Bleiglasfenster, dessen Bild von Jesus Christus mehr denn je wie der Regisseur aussah. Der Pfarrer bekam einen weiteren Schock.

»Wollt Ihr damit sagen, dieser Schauspieler… ist wie der Herr Jesus?«

»So genau wie zwei Erbsen im Kessel, Sir«, sagte sie. »Aber er ist kein Schauspieler. Master Bracewell ist der Regisseur der Theatergesellschaft und der aufrechteste Mann, den ich jemals getroffen habe. Ich würde ihm Leib und Seele anvertrauen, das würde ich!«

»Paßt auf, daß er Euer Vertrauen nicht mißbraucht.«

»Das würde er niemals tun.«

»Denkt an die langen Stunden der Nacht.«

»Mit dem Vögeln bin ich durch«, sagte sie schnippisch.

Humphrey Budden zuckte bei der Erwähnung dieses Wortes zusammen, eine traurige Stille senkte sich über seine Züge, als er seine Gedanken mit einigen robusten Erinnerungen spielen ließ. Melhuish machte weitere Überredungsversuche, aber alles war umsonst. Wenn Eleanor sich einmal für etwas entschieden hatte, hörte sie auf niemand mehr.

»Nehmt eine andere Frau mit«, riet er ihr. »Eine von Euren Dienstmägden, die Euch als Schutz dienen kann.«

»Gott ist mein Beschützer.«

»Vielleicht ist das für Ihn eine zu beschwerliche Arbeit.«

»Bezweifelt Ihr Seine Macht?«

»Aber nein, aber nein«, sagte Melhuish rasch. »So etwas würde ich niemals denken. Es ist nur, daß… nun, ich würde mich besser fühlen, wenn Ihr eine zusätzliche Garantie für Eure Sicherheit bei Euch hättet.«

»Die habe ich, Sir. Master Nicholas Bracewell.«

»Das ist nicht ganz das, was ich mir vorstelle.« Er sah zu dem schweigsamen Ehemann hinüber. »Habt Ihr keine Angst um Eure gute Frau auf dieser Reise, Sir?«

»Ich wüßte nicht warum«, brummte er.

»Sie ist mit diesen lockeren Menschen vom Theater unterwegs.«

»Ich wünsche ihnen viel Glück!« murmelte der andere.

»Beruhigt Euch, Sir«, sagte Eleanor zum Pfarrer. »Ich bin nicht der einzige Mitreisende bei der Gruppe. Ein Künstler begleitet uns auf der Reise nach York. Und auch noch eine andere Frau. Sie sorgt für meine Sicherheit.«

*

Die Pest stürzte sich jeden Tag mit neuer Kraft auf London, dennoch hätte Doli es vorgezogen, ihr Glück in der Stadt zu versuchen. Seitdem die Belagerung durch die Gläubiger eingesetzt hatte, war das Leben in dem Haus in Shoreditch wie eine sich ausbreitende Seuche. Margery Firethorn wurde täglich härter, ihre Angestellten bekamen das zu spüren. Doli schien sich immer in vorderster Schußlinie zu befinden, wenn ihre Herrin explodierte. Das Mädchen war klein und jung, zerzaust und überhaupt nicht in der Lage, den Forderungen ihrer gereizten Chefin zu entsprechen. Jeder Tag brachte ihr neue Pein und neue Erniedrigungen.

Margery Firethorn rief sie aus der Küche.

»Doli!«

»Ja, Mistress?«

»Hörst du die Türglocke denn nicht?«

»Nein, Mistress.«

»Dann mach die Ohren auf, Mädchen, oder es setzt etwas!«

Doll kam in die Küche gerannt, wo Margery bis zu den Ellenbogen im Mehl wühlte. Das Mädchen zitterte, brachte aber einen tiefen, wenn auch zornigen Knicks zustande. Die Türglocke läutete lauter.

»Hörst du sie jetzt, Mädchen?«

»Ja, Mistress.«

»Dann geh an die Tür.«

»Was soll ich sagen?«

»Wenn's ein Gläubiger ist, bin ich nicht zu Hause.«

»Und wenn es jemand anderes ist?«

»Dann kommst du hierher und gibst mir Bescheid. Los jetzt - weg mit dir!«

Doll raste hinaus, man hörte, wie sie die Tür öffnete und ein paar Sekunden mit jemandem sprach. Als sie zu Margery zurückkam, waren ihre Augen vor Erstaunen weit aufgerissen.

»Und?« schnappte Margery.

»Ihr habt Besuch, Mistress.«

»Wer ist es?«

»Vor dem Haus steht eine große Kutsche.«

»Wer ist es?«

»Der Diener hat geläutet.«

»Der Name, Mädchen! Wie lautet der Name meines Besuchers?«

»Lord Westfield.«

Doli war völlig perplex aufgrund der Tatsache, daß der Adel im Hause eines Schauspielers in Shoreditch einen Besuch machte, aber Margery handelte, als ob dies an der Tagesordnung sei. Sie wischte ihre bemehlten Arme an der Schürze ab und trat zum Spülbecken, um sich die Hände zu waschen. Dann wirbelte sie herum und starrte ihr Dienstmädchen an.

»Steh doch nicht einfach so rum, Doll.«

»Was soll ich tun, Mistress?«

»Führe Lord Westfield herein.«

8. KAPITEL

Die Bürger von Nottingham versammelten sich in großer Zahl in der Stadthalle. Bürger aller Schichten strömten herbei, um einen der legendären Helden der englischen Geschichte in Aktion zu sehen. »Robin Hood und seine Lustigen Gesellen« war etwas anderes als das übliche Angebot von Westfield's Men. Klassische Tragödien, häusliche Komödien und rustikale Farcen waren ihr Schwerpunkt. Sobald sie sich aber der glorreichen Historie widmeten, kamen ergreifende Dramen über Könige und Königinnen und gewaltige Schlachten zur Verteidigung der Krone zutage. Militärisches Heldentum und Kriege in fremden Ländern fanden jederzeit ihr Publikum. Robin Hood lebte mehr im Gedächtnis des Volkes als durch historische Fakten, doch die Gruppe brachte mehr als die übliche Mischung aus Abenteuer und Romantik im Sherwood Forest. Sie gaben der Geschichte eine tiefere Bedeutung und berührten Themen wie Loyalität, Patriotismus und seelische Ergriffenheit. In ihrer Darstellung von Prinz John lenkten sie die Aufmerksamkeit auf den Unsinn der Selbstverherrlichung.

In der dicht besetzten Stadthalle war das Publikum vom ersten bis zum letzten Wort vollständig verzaubert. Lawrence Firethom war der überzeugendste Robin Hood, den sie jemals gesehen hatten. Er war edel, furchtlos und König Richard treu ergeben. In den Kampfszenen war er gewaltig, doch sanft und zärtlich, sobald er mit seiner Jungfer Marion allein war, und sein Liebeswerben entzückte jede Frau im Publikum. Lieder und Schwertkämpfe sorgten immer wieder für Tempo und Leben, Nicholas Bracewell hatte für ein paar raffinierte Tricks mit Pfeil und Bogen gesorgt. Immer wieder gab es Tanzeinlagen; die humorige Brillanz Barnaby Gills erreichte ihren Höhepunkt, als Bruder Tuck die Röcke raffte und barfuß über die Bühne tanzte.

Anne Hendrik saß neben Susan Becket auf einer Bank und fiel in den Applaus ein. Sie hatte Westfield's Men auf der Höhe ihrer Kunst in London gesehen und spürte, daß diese Aufführung ein solches Niveau nicht ganz erreichte, doch es war immer noch eine sehr ordentliche Aufführung. Die Leute aus Nottingham hatten das Gefühl, ein Meisterwerk genossen zu haben. Sie erhoben sich von den Plätzen, klatschten und riefen, so laut sie nur konnten. Lawrence Firethorn führte sein Ensemble mehrmals auf die Bühne, um den Applaus mit tiefen Verbeugungen entgegenzunehmen. Selbst George Dart hatte seine Freude daran und brachte ein schwaches Lächeln zustande; jetzt sah er aus, als gehöre er wirklich zu den »Lustigen Gesellen«. Nach all den Rückschlägen standen sie wieder dort, wo ihr Platz war — ein begeisterndes Gefühl.

Das war echtes Theater.

Nicholas Bracewell war nicht so zufrieden wie die meisten. Für sein Gefühl hatte die Aufführung zu viele rauhe Ecken und Kanten, er hatte eine Reihe kleinerer Fehler entdeckt, die ihn irritierten. Obwohl die Stadthalle eine wesentliche Verbesserung darstellte, im Vergleich zu anderen Orten, an denen sie gespielt hatten, war sie in ihren Möglichkeiten meilenweit von den Londoner Theatern entfernt und in jeder Beziehung ein Rückschritt. Der Hauptgrund für Nicholas' Unzufriedenheit war das Fehlen von Richard Honeydew. Obwohl die Rolle des Jungen von jemand anderem übernommen wurde, der sie angemessen ausfüllte, erinnerte ihn genau diese Tatsache daran, wie wichtig es war, den Jungen so schnell wie möglich aufzuspüren. Die Gruppe konnte ohne ihren jugendlichen Star einfach nicht ihr Bestes geben; Nicholas fühlte, daß er es dem Jungen schuldig war, sich sofort und erneut auf die Suche nach ihm zu begeben.         

»Wohin willst du?« fragte Anne.

»Ich bin hinter Banbury's Men her.«

»Weißt du denn, wo die sich aufhalten?«

»Ich werde sie schon irgendwie aufspüren.«

»Ganz allein?«

»Allein komme ich schneller vorwärts«, sagte Nicholas. »Außerdem kann Master Firethorn auf niemand verzichten, um mir einen Begleiter zu geben. Jede Hand wird hier gebraucht. Vor der Aufführung von ›Robin Hood‹ wollte er mich nicht gehen lassen.«

»Ohne dich hätte es überhaupt keine Aufführung gegeben.«

»Auch trotz meiner Anwesenheit war sie nicht gerade eine Glanzleistung.«

»Das Publikum war begeistert.«

»Die Ansprüche der Leute hier sind nicht hoch, Anne.«

»Sei doch nicht zu streng mit der Gruppe.«

Die beiden spazierten durch die engen Straßen zum Saracen's Head, ihrem Gasthaus, zurück. Nachdem der Regisseur alle erforderlichen Arbeiten in der Stadthalle organisiert hatte, fand er etwas Zeit mit Anne allein, bevor er sich wieder auf die Suche nach Richard Honeydew machte. Er erwähnte die paar handfesten Fakten, die er kannte.     

»Master Quilley hat mir ziemlich geholfen.«

»Der Künstler?«

»Ja«, sagte Nicholas. »Er ist zuvor in Leicester gewesen und hat Banbury's Men in der Stadt gesehen. Anstatt auf der Great North Road zu bleiben und rauf nach Doncaster zu ziehen, müssen sie Grantham verlassen und nach Südwesten gezogen sein.«

»Warum nach Leicester?«

»Vielleicht sind wir der Grund dafür, Anne.«

»Westfield's Men?«

»Vielleicht haben sie gedacht, wir würden uns beeilen und versuchen, sie einzuholen, um sie zur Rede zu stellen, und deshalb wollten sie uns abschütteln, indem sie ihre Reiseroute änderten. Aber es gibt noch einen wichtigeren Grund dafür. Leicester ist für jede Theatergruppe ein sicheres Pflaster. Master Quilley hat mir erzählt, daß Banbury's Men drei Aufführungen dort hatten und eine in Ashby-de-la-Zouche.«       

»Und dann in Nottingham mit ›Pompeius der Große‹.«

»Das hat Master Firethorn schwer getroffen.«

»Seine Eitelkeit war verletzt.«

»Das geht ja besonders schnell.«

Sie mußten beide lachen und blieben vor dem Haupteingang zum Saracen's Head stehen. Es war wunderschön gewesen, ihn so unerwartet wiederzusehen, aber Anne wußte auch, daß sie sich nun wieder trennen mußten, und das ohne die Freuden eines langen und zärtlichen Abschieds. Sie küßte ihn auf die Wange und drückte ihn ein paar Augenblicke fest an sich.

»Sei bitte vorsichtig, Nick.«

»Das bin ich.«

»Komm gesund nach Hause.«

»Mit Gottes Hilfe bringe ich Dick Honeydew mit zurück.«

»Wo kann er nur sein?«

»Er wartet, Anne.«

»Worauf?«

»Auf seine Befreiung.«

*

Der Schuppen war klein, finster und stickig. Ein unangenehmer Geruch von verrottenden Pflanzen lag in der Luft. Durch die Spalten der Holzwände konnte man gerade erkennen, daß es draußen hell war. Ansonsten hatte er keine Ahnung, welche Tageszeit es war. Als die Schatten länger wurden und die Dämmerung in sein kleines Gefängnis zurückkehrte, beschloß Richard Honeydew, größere Anstrengungen zu seiner Befreiung zu unternehmen. Was ihn bei seiner Entführung am meisten beunruhigte, war die Tatsache, daß er immer noch nicht wußte, wer eigentlich dafür verantwortlich war. Als man ihn im Smith and Anvil kidnappte, war er an Händen und Füßen gefesselt worden und bekam einen Sack über den Kopf. Beim ersten Teil einer unbeschreiblich mühseligen Reise hatte man ihn quer auf ein Pferd gebunden und über ein Gelände geschleppt, das sich sehr hügelig anfühlte. Geschunden und atemlos, wurde er schließlich losgebunden und eingesperrt.

Sie verköstigten ihn einigermaßen gut, ließen ihm aber keine Bewegungsfreiheit. Er war immer noch gefesselt, und wenn einer zu ihm kam, wurden ihm die Augen verbunden. Gelegentliche Gänge, um sein Geschäft zu machen, führten nur zu weiteren Peinlichkeiten, denn man behielt ihn stets unter genauer Beobachtung. Sie wußten alles über ihn, aber er wußte nichts über sie. Außer daß sie ihm bisher nichts getan oder ihn bedroht hatten. Der Schuppen war sein drittes Gefängnis bisher, er war entschlossen, daß es auch das letzte sein sollte.

Einzelhaft war Folter.

Der Junge stand von seinem Schemel auf und hüpfte über den Boden; seine Fußgelenke waren fest verschnürt. In einer Ecke stand eine Holzkiste. Er beugte sich vor, um einen Haufen Rhabarberblätter herunterzufegen. Seine Handgelenke waren ebenfalls gefesselt, aber mit den Fingern konnte er die Kiste in die Mitte des Schuppens zerren, direkt unter den Mittelbalken. Über seinem Kopf saß ein großer, rostiger Haken in dem Balken, der als Keil in das Holz eingeschlagen worden war. Seine zackige Kante war seine einzige Hoffnung auf Rettung.

Als erstes mußte er diesen Haken erreichen, und das hieß, daß er auf die Kiste springen mußte. Das war wesentlich schwieriger, als er sich das vorgestellt hatte.

Er brauchte nur ungefähr einen halben Meter hochzuspringen, ein Kinderspiel für jemanden seines Alters, der auch noch gut tanzen kann. Doch seine ermüdende Gefangenschaft hatte ihn an Leib und Seele erschöpft, und die Fesseln hatten zu Krämpfen in Händen und Füßen geführt. Der erste Sprung war entschieden zu niedrig, der zweite auch nicht besser. Er riß sich zusammen, um sich zu konzentrieren, sprang hoch, erwischte aber nur die Kante der Kiste. Sie kippte um, er flog hart gegen die Wand des Schuppens, schlug sich den Kopf an dem groben Holz auf und spürte, wie das Blut durch seine Haare sickerte.

Richard Honeydew weigerte sich aufzugeben. Er biß die Zähne zusammen und versuchte es erneut. Er schüttelte sich am ganzen Körper wie ein nasser Hund, der aus dem Wasser kommt, hockte sich auf die Knie und stellte die Kiste in die richtige Position, dann stützte er sich darauf und kam auf die eigenen Füße. Diesmal absolvierte er ein paar Übungssprünge, bevor er den nächsten Versuch machte. Als er glaubte, daß es klappen würde, stellte er sich neben die Kiste, beugte die Knie, katapultierte sich hoch und brachte die Füße im richtigen Moment auf die Kiste. Sie wackelte wild hin und her, aber irgendwie behielt er das Gleichgewicht. Doch sein Triumph verwandelte sich in eine Enttäuschung. Selbst auf Zehenspitzen und mit ausgestreckten Armen war er immer noch ungefähr zwanzig Zentimeter von dem Haken entfernt.

Jetzt mußte er einen weiteren komplizierten Sprung machen. Falls er den Haken verpaßte, würde er noch härter zu Boden stürzen als vorher. Falls er mit der Hand eine falsche Bewegung machte, konnte er sich auf dem rostigen Haken aufspießen. Sein erster Gedanke war, die ganze Sache vollständig aufzugeben, doch dann dachte er an das Elend seiner Gefangenschaft und an die Schmerzen der Einsamkeit, weil er von seinen Freunden in der Theatergruppe getrennt war. Nicholas Bracewell würde niemals aufgeben in einer solchen Lage, und er durfte das auch nicht. Er mußte das Risiko auf sich nehmen. Er berechnete jede Bewegung ganz genau, dann sammelte er seine Kräfte für den Sprung.

Mehrere Minuten sorgfältiger Vorbereitung zerbarsten in dem Bruchteil einer Sekunde, als er die Knie beugte und hochsprang. Seine Hände kamen an dem Haken vorbei, die Handgelenke zuckten vor - und schon hing er frei in der Luft, mit dem ganzen Gewicht an den Handfesseln. Stechende Schmerzen zuckten durch seine Arme und Schultern, in seinem Kopf hämmerte es unerträglich. Er konnte kaum richtig atmen. Tief schnitten die Stricke in seine Handgelenke, an denen die Adern dick hervortraten. Die Schmerzen waren unerträglich; um ihn zu retten, mußte schon ein Wunder geschehen.

Doch er durfte keine Zeit verlieren. Je länger er an dem Haken hing, desto gefährlicher wurde es für ihn. Er sammelte seine letzten Kräfte und begann, mit den Beinen hin und her zu schwingen, langsam zunächst, doch dann mit mehr Schwung und in vollem Tempo. Die Schmerzen steigerten sich. Sein schlanker Körper troff von Schweiß, während er in der widerlichen Hütte in der Luft hing, die Stricke schienen seine Handgelenke abschneiden zu wollen. Die ersten Blutstropfen, die ihm ins Gesicht fielen, versetzten ihn in Panik, doch seine Qualen waren schon bald zu Ende. Die Reibung brachte Ergebnisse. Während die Stricke hart über die rostige Kante des Hakens rieben, wurden die einzelnen Fäden nach und nach durchgewetzt. In derselben Sekunde, in der er fast in Ohnmacht gefallen wäre, kam das Ende der letzten Faser. Sein Gewicht erledigte den Rest.

Richard Honeydew fiel von dem Haken herunter, warf die Kiste um und knallte zu Boden. Mehrere Minuten lang konnte er sich vor lauter Erschöpfung nicht bewegen, doch er lächelte triumphierend. Sein Plan war gelungen. Mit neuen Kräften setzte er sich aufrecht, band seine Füße los und bewegte Beine und Füße. Beide Handgelenke waren dick voll Blut, aber das machte ihm nichts. Er war frei. Die Tür war das letzte Hindernis. Sie war von außen verriegelt und rührte sich nicht, als er sich dagegenwarf, doch er benutzte List statt Stärke. Er schlug seinen Hocker so lange auf den Boden, bis eines der drei Beine abbrach, und das benutzte er jetzt als Hebel an der Tür. Er konnte einen Bretterspalt so erweitern, daß er mit seinem dünnen Arm durchgreifen und den Riegel von außen zurückschieben konnte.

Die Tür der Hütte schwang auf. Es war spät am Abend, er konnte nur ein paar undeutliche Schatten in der Dunkelheit erkennen. Der Duft von nachtblühenden Blumen stieg ihm in die Nase und erfrischte und erfreute ihn. Leichter Wind trocknete seinen schweißnassen Körper. Die Schmerzen fielen von ihm ab, seine Lebensgeister kehrten zurück. 

Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand, er wußte nur, daß er von hier verschwinden mußte. Er setzte sich in Bewegung und lief über unebenen Boden auf ein großes Gebäude zu, das an einem Ende eines Feldes stand. Weit kam er nicht. Schon nach wenigen Schritten wurde ihm der Weg von einer großen Gestalt versperrt, die ihm so energisch entgegentrat, daß der Junge in sie hineinrannte und rückwärts zu Boden fiel. Völlig verwirrt blickte er hoch in ein Gesicht, das vom Halbmond ein wenig beleuchtet wurde.

»Du bleibst schön hier, Bursche«, sagte der Mann.

Richard Honeydew fiel vor lauter Entsetzen in Ohnmacht.

*       

York war ohne Zweifel eine schöne Stadt. Es lag inmitten des Waldes von Galtres, umgeben von drei Meilen langen, weißen, steinernen Befestigungen, die von vier Ausfalltoren durchbrochen waren. Die Römer hatten diese Stadt an der Mündung von Fosse und Ouse gegründet, wodurch sie einen wichtigen Zugang zum Meer an der Ostküste hatten. Schiffsladungen von Fellen, Wolle und anderen Gütern segelten flußabwärts zum Haupthandelshafen Hull, wo zur Weiterreise auf das Festland umgeladen wurde. Auf der Rückreise waren die Laderäume randvoll gefüllt mit Seife, Seide, Farben, Parfüm, exotischen Gewürzen und edlen Weinen. York war eine aufstrebende Stadt. Sie ließ sich vielleicht von London noch an Größe übertreffen, aber gewiß nicht an Würde. 

Die Straßen waren eng, gepflastert und von Giebelhäusern überschattet. Stinkende Mittelgossen trugen mit ihren Gerüchen zur außergewöhnlichen Atmosphäre der Stadt bei. York vibrierte geradezu vor Leben.

Robort Rawlins verließ seine Wohnung in der Trinity Lane und ging durch die wimmelnden Straßen zum Trip to Jerusalem. Er betrat den Schankraum, in dem Lambert Pym seine Bediensteten mit scharfen Befehlen herumscheuchte. Der Wirt erkannte ihn und lächelte.     

»Guten Tag auch, Master Rawlins.«

»Auch Euch einen guten Tag, Sir.«

»Wir haben arbeitsreiche Tage vor uns, fürchte ich.«

»So scheint es.«

»Pfingsten steht vor der Tür, und der Markt wird zusätzlich Kunden bringen. Wir müssen mehr Bier brauen und haben mehr hungrige Mäuler zu füttern. Alles muß sorgfältig vorbereitet sein.«

»Wann sollen die Schauspieler eintreffen?«

»Genau zur selben Zeit«, sagte Pym und kratzte sich am Bart. »Hier im Jerusalem wird es uns überrollen. Sämtliche Gästezimmer sind zum Bersten belegt, der Hof muß als Schauspielhalle herhalten.«

»Ich mache mir nichts aus Dramen«, sagte Rawlins kühl.     

»Sir Clarence Marmion ist regelmäßig dabei.«

»Wenn es ihm gefällt.«

»Werdet Ihr länger hier in York bleiben, Sir?«

»Das weiß ich noch nicht, Master Pym.«

»Bis Ihr Eure Geschäfte erledigt habt?«

»Wir werden sehen.«

Ohne irgend etwas durchblicken zu lassen, öffnete Rawlins die Tür zur Treppe, und schon bald ließ er sich in einem Sessel in dem Privatzimmer im Obergeschoß nieder. Aus den Falten seines Mantels zog er ein kleines, schwarzes Buch hervor und begann, ernsthaft darin zu lesen. Er war so in seine Lektüre versunken, daß es minutenlang dauerte, bis er die vertrauten Schritte auf der Treppe wahrnahm. Sir Clarence kam mit solchem Tempo ins Zimmer gerannt, daß Rawlins zusammenzuckte und auf die Füße sprang.

Sir Clarence winkte einen fröhlichen Gruß.

»Endlich bringe ich einmal gute Nachrichten, Sir.«

»Ist die Königin tot?«

»Das wäre zu viel der Hoffnung«, sagte Sir Clarence und zog einen Brief aus der Tasche. »Aber wir haben andere Gründe zur Freude. Unsere Freunde sind nicht untätig gewesen.«

»Es ist tröstlich, das zu hören.«

»Walsingham sitzt wie eine dicke Spinne in ihrem Netz in London und wartet, daß er uns alle erwischt. Aber wir haben unser eigenes Agentennetz, das uns beschützt. Sie haben den Informanten ausgeliefert.«

Rawlins nahm den Brief, den Sir Clarence ihm reichte.

»Das ist also der Mann, der Master Rickwood verriet?«

»Und Master Pomeroy«, sagte Sir Clarence. »Ich wußte, daß die Spur ihn irgendwann hierher führen würde. Wir sind vorbereitet. Der wird keinen Marmion mehr in die Hände eines Ministers Walsingham liefern.«

»Vorgewarnt heißt vorbereitet.«

»Gott schickt den widerlichen Kerl hierher.«

»Reist er allein?«

»Nein, er kommt mit einer Theatergruppe aus London. Sie ist ihm ein willkommener Schutz für seine Zwecke, aber er wird sich hier nicht dahinter verstecken können. Die Reise dieses Mannes endet in York. Ein für allemal.« 

*

Kynaston Hall konnte bestätigen, daß Banbury's Men dort eine Aufführung des Stückes »Der Renegat« gegeben hatten, aber niemand im Haus wußte, was das nächste Ziel der Gruppe war. Nicholas Bracewell bedankte sich für die Auskunft und lenkte seinen haselnußbraunen Hengst, den er sich von Lawrence Firethorn ausgeliehen hatte, genau nach Norden. Das Tier hatte Freude am Rennen und konnte sich austoben. Nicholas hielt in jedem Dorf, in jedem Flecken und an jedem Haus an der Straße und erkundigte sich nach dem Ziel seiner Suche, doch er bekam nur wenig hilfreiche Informationen. Welchen Weg Banbury's Men auch immer eingeschlagen haben mochten, sie schienen ihre Spuren sehr gut verwischen zu können. Es war sehr frustrierend.

Irgendwann wandte sich sein Glück zum Besseren. Er stieß auf einen alten Hirten, der mit seinen Hunden im Schatten eines Baumes saß und einen Apfel verzehrte. Obwohl er niemals ins Theater ging, konnte der alte Schäfer eine Theatergruppe erkennen, wenn er sie vor sich sah. Seine dürren Finger deuteten auf einen rumpeligen Feldweg.

»Sie sind da lang gegangen, Master.«

»Seid Ihr sicher, mein Freund?«

»Ich sitze hier jeden Tag, sie sind an mir vorbeigezogen.«

»Wie viele waren es denn?«

»Oh, ich weiß nicht. Zwölf oder fünfzehn vielleicht.«

»Zu Pferde oder zu Fuß?«

»Beides, Sir. Sie hatten ein paar Pferde und ein Fuhrwerk, das hoch mit Kisten und Körben beladen war. Die meisten gingen hinter dem Wagen zu Fuß.«

»Könnt Ihr sicher sein, daß es Schauspieler waren?«

»Schäfer waren sie jedenfalls nicht, soviel weiß ich«, sagte der alte Mann mit gackerndem Lachen. »Dafür waren ihre Kleider zu bunt, und sie machten auch zu viel Krach. Meine Schafe würden vor mir weglaufen, wenn ich hier solchen Krach machte.«

»Wie weit waren sie von Euch entfernt, als Ihr sie saht?«

»Nicht mehr als etwa dreißig Meter.«

Der Schäfer hatte sich nicht getäuscht. Banbury's Men waren offensichtlich hier vorbeigezogen, er hatte das korrekt bemerkt. Nicholas drückte ihm eine Münze in die rauhe Hand und stieg wieder auf sein Pferd. Mittlerweile war es Abend geworden, die Gruppe würde bestimmt vor Anbruch der Nacht eine Unterkunft suchen. Er gab dem Pferd die Sporen und galoppierte los. Fünf Meilen später hatte er sie gefunden.

Sie kampierten am Straßenrand und zündeten ein Feuer an. Da die Nacht klar und trocken war, wollten sie sie offensichtlich unter freiem Himmel verbringen. Nicholas näherte sich mit aller Vorsicht, das Erlebnis mit den Zigeunern steckte ihm noch in den Knochen. Er legte keinen Wert darauf, daß sich die ganze Gruppe auf ihn stürzte. Nachdem er sein Pferd hinter ein paar Büschen angebunden hatte, schlich er zu Fuß weiter, während die typischen Scherze der Schauspieler die Abendluft erfüllten. Er hatte Banbury's Men also endlich erwischt. Jetzt brauchte er nur noch herauszufinden, ob sie Richard Honeydew bei sich hatten oder nicht.

Er kroch vorsichtig näher und konnte erstmals einen guten Blick auf das Lager werfen. Sein Herz krampfte sich zusammen. Vor sich hatte er ungefähr ein Dutzend Leute, wie der Schäfer berichtet hatte, und sie trugen auch die grellbunten Kleider von wandernden Schauspielern, aber das war keine Londoner Theatergruppe auf Tournee. Ihre Kleider waren Lumpen, die Pferde abgewrackte Klepper. Was da über ihrem Feuer röstete, war bestimmt nicht bezahlt worden, denn sie waren ganz eindeutig vollkommen abgebrannt. Hagere Gesichter kauten an ihrem Essen, magere Leiber lagerten nahe beim Feuer. Sie waren zwar Schauspieler, aber von anderer Art und Sorte als Banbury's Men. Die hatten nie in ihrem Leben in einem richtigen Theater gespielt oder an den Fleischtöpfen der Hauptstadt gegessen. Ohne einen adligen Schirmherren waren sie nichts Besseres als Banditen und konnten wegen Landstreicherei verhaftet werden. Sie kratzten ihren mageren Lebensunterhalt zusammen, indem sie wie die Zigeuner immer unterwegs waren.

Es war ein ernüchternder Gedanke, sich vorzustellen, wie weit ihre Welt von der einer Londoner Theatergesellschaft entfernt war, und Nicholas verspürte Gewissensbisse, als er daran dachte, daß Westfield's Men diesen Leuten das Publikum weggenommen hatte. Dann rief er sich den Grund seiner Reise ins Gedächtnis zurück und schob solche Gedanken beiseite. Aufrechten Ganges marschierte er in das Lager, stellte sich vor als Schauspieler wie sie und wurde freundlich empfangen. Das änderte sich ein wenig, als er nach Banhury's Men fragte, die man als räuberisches Volk aus London betrachtete, das in ihren Landstrichen wilderte. Sie waren zornig auf diese Gruppe, hatten aber keine Ahnung, wo sie sich zur Zeit befand. Nicholas bedankte sich und zog weiter.

Dunkelheit senkte sich herab, es wurde Zeit, daß er ein Bett für die Nacht fand. Ein paar Meilen zurück war er an einem kleinen Gasthof vorbeigekommen, jetzt ritt er dorthin zurück, während seine Gedanken fieberhaft mit der Frage kämpften, wo Banbury's Men wohl sein könnten. Seine Sorge um Richard Honeydew steigerte sich immer mehr. Tief in solche Gedanken versunken, ließ er seine Wachsamkeit außer Acht.

»Stehenbleiben, Sir!«

»Prima Pferd habt Ihr da.«

»Wir werden uns mal sein Gebiß ansehen.«

Drei Männer traten aus dem Wald und kamen langsam und mit freundlichem Lächeln auf ihn zu. Nicholas ließ sich nicht zum Narren halten. Jeder der drei hatte ein Schwert in der Hand. Sie hatten ihn auf einem einsamen Stück Weg erwischt, das zwischen den Bäumen verlief. Nicholas wußte, daß sie niemals so dicht an ihn herankommen würden, wenn nicht jemand in seinem Rücken wäre. In der letzten Sekunde riß er sein Pferd herum. Ein vierter Mann rannte mit einer Keule leise auf ihn zu, um ihn von hinten zu erschlagen, während er vorne abgelenkt wurde. 

Nicholas landete seinen Tritt, bevor die Keule niederfuhr, und ließ den Mann zurückprallen. Als er erneut heranstürmte, spürte er, wie ein Schwert sauber durch seine Schulter fuhr, und brüllte vor Schmerzen auf. Seine Komplizen rannten herbei, um Rache zu üben, doch sie hatten sich das falsche Opfer ausgesucht. Als der erste sein Schwert sausen ließ, antwortete Nicholas' Rapier mit einem so heftigen Schlag, daß dem Mann das Schwert aus der Hand flog. Wie der Blitz war der Regisseur aus dem Sattel, zog dabei seinen Dolch und wartete auf die beiden Bewaffneten, die jetzt auf ihn zukamen. Sie schlugen und stießen mit ihren Schwertern, kamen aber überhaupt nicht an ihn heran. Der dritte, dem es nicht gelang, an sein am Boden liegendes Schwert zu kommen, zog einen Dolch hervor und hob den Arm, um ihn zu werfen, aber er war bei weitem zu langsam. Nicholas' eigener Dolch zischte durch die Luft und bohrte sich in das Handgelenk des Mannes, der seine eigene Waffe mit einem Aufschrei fallen ließ.       

Die anderen hatten bereits genug. Jetzt, da ihre Chancen nicht so eindeutig auf ihrer Seite lagen, sammelten sie ihre beiden niedergemachten Kumpane ein und humpelten davon. Nicholas jagte hinterher und lüftete dem einen ein wenig das Wams. Drei von ihnen schafften es in ihre eigenen Sättel, aber der Keulenmann war zu schwer verwundet, um reiten zu können, und mußte von einem seiner Freunde aufs Pferd genommen werden. Laut fluchend verdrückten sie sich in größter Hast in den Wald. 

Nicholas ging zu dem Pferd, das sie zurückgelassen hatten, und klopfte ihm den Hals. Das Pferd war viel zu gut für normale Straßenräuber und war ganz eindeutig gestohlen worden. In dem schwächer werdenden Licht konnte er gerade noch das goldverzierte Monogramm auf den Satteltaschen erkennen - O. Q. Als er in den Taschen wühlte, fand er ein paar Lebensmittel und Kleidungsstücke. Was ihn jedoch wirklich interessierte, war ein gefaltetes Stück Pergament, das tief unten in einer der Satteltaschen steckte. Es war eine Liste von Namen und Adressen, in lesbarer Schrift geschrieben. Zwei der Namen waren abgehakt, sie sprangen Nicholas geradezu in die Augen.     

Anthony Rickwood und Neville Pomeroy.

Ein dritter Name war mit einem Fragezeichen versehen.

Sir Clarence Marmion.

Die Initialen auf den Satteltaschen waren für Nicholas der Beweis, daß er Oliver Quilleys gestohlenes Pferd gefunden hatte. Er hatte aber das Gefühl, etwas wesentlich Wichtigeres zusätzlich gefunden zu haben. Der Künstler hatte ihm von der Verhaftung Master Neville Pomeroys unter der Anklage des Hochverrats erzählt und daß man den Gefangenen in den Tower geworfen hatte. Diese Dinge ereigneten sich mehr als hundertfünfzig Meilen entfernt von hier.     

Wieso wußte Oliver Quilley etwas davon?

*

Lawrence Firethorn war in seiner eigenen Falle gefangen. Nachdem er sie dazu überredet hatte, mit ihm nach Nottingham zu ziehen, damit sie wilde Liebesnächte mit ihm durchleben konnte, war es jetzt nicht gut möglich, sie zu entlassen, als sie sich entschloß, noch weiter mit ihm zu reisen. Das war sehr hinderlich. Gerade als er hoffte, einer neuen Eroberung näher zu kommen, mußte er jetzt mit der Wirtin reiten und ihrem liebenswürdigen Geschnatter lauschen. Unterdessen saß Eleanor Budden neben dem Fahrer des Wagens, George Dart, kümmerte sich um seine religiösen Bedürfnisse und ging jedem auf dem Wagen mit ihrer Anwesenheit auf die Nerven. Firethorn warf einen Blick in ihre Richtung. Eleanor und Susan waren die Extreme der Weiblichkeit, die ehrenhafte und die unmögliche, die tugendhafte und die wollüstige, die Heilige und die Hure. Wenn man aus den beiden eine neue machen könnte, sinnierte Firethorn, hätte man endlich die Perfektion in Menschengestalt gefunden.

Die glucksende Susan Becket stieß ihn freundlich in die Rippen.

»Die ist nicht für dich, Lawrence.«

»Ein solcher Gedanke wäre mir niemals in den Sinn gekommen.«

»Mistress Budden ist bereits versprochen.«

»Ich habe ihren Mann getroffen, als wir abreisten.«

»Den meine ich ja gar nicht, Sir. Die Dame ist anderweitig verliebt. Sie redet von niemandem so viel wie von Eurem Regisseur.«

»Nicholas hat sie in der Tat sehr beeindruckt.«

»Wenn ich ihn nackt im River Trent gesehen hätte, wäre ich auch sehr beeindruckt gewesen«, sagte Susan kichernd. »Er ist ein schönes Stück Mann und hat ein sehr gutes Benehmen.«

»Nick trieb nur auf dem Wasser«, sagte Firethorn gereizt. »Sie tut ja gerade, als sei er über das Wasser gegangen.«

Sie zogen in nördlicher Richtung durch dichtes Waldgebiet, das voller Erinnerungen an den berühmten Banditen war. Christopher Millfield ließ sich in seine Rolle in dem Stück zurückfallen und sang einzelne Strophen seiner Balladen. Jetzt, da Nicholas nicht in der Nähe war, hatte er seine ganze Munterkeit wiedergewonnen. Die älteren Angestellten gingen neben ihm und grummelten über die drei Fremdlinge, die mit ihnen reisten. Oliver Quilley gab sich wie ein Lord, als er nahe der Spitze des Zuges dahinritt, Susan Becket reservierte ihre Freundlichkeit ausschließlich für den Ersten Schauspieler, und Eleanor Budden brachte einen unerwünschten Ton von Christlichkeit in die Gruppe. Sie hatten einen wertvollen Lehrling verloren und drei unnütze Passagiere hinzugewonnen. Sie waren davon überzeugt, daß dabei nichts Gutes herauskommen konnte.

George Dart dachte da etwas anders. Zuerst war es ihm peinlich gewesen, daß Eleanor Budden so dicht neben ihm saß, doch schon bald hatte er Spaß an ihrer Gesellschaft. Sie hatten einen gemeinsamen Helden.

»Erzählt mir von Master Bracewell«, sagte sie.

»Das ist ein wunderbarer Mann, der die Gesellschaft bei allem führt, worauf es ankommt. Vielleicht bekommen ja andere das Lob und die Belohnung, aber in Wirklichkeit ist er es, der sie verdient, dennoch werdet Ihr nie ein eingebildetes Wort von ihm zu hören bekommen.«

»Seine Bescheidenheit paßt gut zu ihm.«

»Er ist mein einziger richtiger Freund, Mistress.«

»Das kann nicht stimmen«, meinte sie. »Was ist mit Eurer Mutter? Ist sie ihrem Sohn kein echter Freund?«

»Vielleicht war sie das, als sie noch lebte. Ich weiß es nicht. Sie starb, als ich noch ein kleines Kind war.«

»Wie seid Ihr denn zu diesem Beruf gekommen?«

»Niemand anderes wollte mich nehmen, Mistress. Nicholas Bracewell hat dafür gesorgt. Er hat mir alles beigebracht, was ich weiß, und das hat mich bis heute am Leben erhalten und vor dem Verhungern bewahrt.«

»Er hat ein christliches Herz.«

»Kein anderer ist wie er, in der ganzen Gruppe.«

»Wie lange ist er schon beim Theater?«

»Vielleicht vier Jahre oder auch länger. Ich kann's nicht sagen.«

»Und davor?« 

»Da fuhr er zur See«, sagte George Dart voller Stolz. »Er ist mit Drake um die ganze Welt gesegelt und hat Sachen gesehen, die die meisten von uns sich nicht mal vorstellen können, solche Wunderdinge. Master Bracewell ist schon überall gewesen.«

»Außer in Jerusalem.«

»Warum sagt Ihr das, Mistress?«

»Weil ich ihn dorthin mitnehme.«

»Und er geht mit?« fragte Dart überrascht.

Eleanor Budden zeigte ein engelsgleiches Lächeln.

»Oh, ja. Er muß. Er hat überhaupt keine andere Wahl.«

*

Lavery Grange lag in der nördlichsten Ecke der Grafschaft Nottingham, und der Chef des Hauses, Sir Duncan Lavery, war ein zugänglicher und geselliger Herr. Als er die Chance hatte, Banbury's Men bei sich zu Gast zu haben, begrüßte er sie mit offenen Armen und stellte ihnen seine Große Halle für die Aufführung des Stückes »Der Renegat« zur Verfügung. Ihr Glück mischte sich mit schlechten Nachrichten. Banbury's Man erfuhren von einem Besucher in Lavery Crange, daß ihre Rivalen soeben in Nottingham einen Triumph mit einem Stück über Robin Hood verbuchen konnten.

Giles Randolph stieß übellaunig mit dem Fuß auf.

»Sie sind uns dichter auf den Fersen, als wir dachten.«

»Aber immer noch einen ganzen Tag hinter uns«, sagte Mark Scruton.

»So viel Nähe mag ich nicht, Sir.«

»Noch erwischen sie uns nicht.«

»Findet etwas heraus, womit Ihr sie verzögern könnt.«

»Ich habe da bereits eine Idee.«

Randolph stolzierte durch die Große Halle und sah zu, wie die Bühne errichtet wurde. Er prüfte die Akustik, indem er eine Rede aus dem Stück vortrug; seine Stimme hatte einen schönen Klang. Die Tournee war bisher eine Aneinanderreihung von Erfolgen gewesen, was um so schöner war, als damit auch der jämmerliche Niedergang von Westfield's Men verbunden war. Jetzt saß ihm die Konkurrenz im Nacken, und das machte ihn nervös.

Er schnippte mit den Fingern, um Scruton heranzuholen.

»Ja, Master?«

»Ihr habt noch einen weiteren Trick im Ärmel, Sir?«

»Der läßt sie nackt und schamrot dastehen.«

»Dann los damit.«

»Was, jetzt?« fragte Scruton überrascht.

»Bevor sie uns erreichen.«

»Aber wir haben die Aufführung des ›Renegaten‹.«

»Die werdet Ihr verpassen.«

»Dann verpasse ich die beste Rolle, die ich habe«, protestierte der andere. »Laßt sie mich heute abend hier spielen, dann überfalle ich sie morgen und lege meine Stricke aus.«

»Morgen ist zu spät.«

»Wie wollt Ihr denn ohne mich spielen?«

»Der junge Harry Paget wird die Rolle übernehmen.«

»Aber es ist meine Rolle!« beschwerte sich Scruton zornig.

»Achtet auf Euren Ton, Sir!«

»Ihr tut mir großes Unrecht.«

»Es handelt sich nur um eine Aufführung, Mark«, besänftigte der andere ihn. »Sobald wir das Stück erneut aufführen, werdet Ihr Eure glorreiche Rolle zurückbekommen. Darauf gebe ich Euch mein Wort.«

»Und wenn wir York erreichen?«

»Ihr unterzeichnet einen Vertrag, der Euch größere Rollen in jedem Stück gibt, das wir aufführen. Falls ich zustimme, heißt das.«

Mark Scruton war in die Ecke gedrängt. Trotz allem, was er für die Gruppe getan hatte, war er juristisch gesehen immer noch kein Teilhaber. Solange er das nicht geschafft hatte, hing er immer wieder von Randolphs Lust und Laune ab. Er setzte wieder die freundliche Unterwürfigkeit auf, die ihm in der Vergangenheit schon sooft gute Dienste geleistet hatte.

»Ich werde sofort aufbrechen.«

»Verursacht eine Katastrophe in den Reihen von Westfield's Men.«

»Sie werden es nicht wagen, anschließend noch zu spielen.«

»Dieser Gedanke gefällt mir.« 

»Und meine Belohnung?«

»Die erwartet Euch in York.«

*

Die vier livrierten Diener ritten in sanftem Trab auf der Great North Road. Sie trugen das Wappen ihres Herrn auf dem Ärmel und sein Geld in den Taschen. Seine Befehle waren aufs Wort auszuführen; sie kannten die Strafen, die ihnen drohten, wenn sie seinen Wünschen nicht entsprachen. Es war ein merkwürdiger Auftrag, doch er führte sie aus Hertfordshire heraus und in Gegenden, die ihnen neu waren; das war wenigstens interessant für sie. Ihr Anführer bestimmte das Tempo, sie ritten ungefähr fünf Meter auseinander, wie am unteren Ende eines gewaltigen Keils. In der Mitte dieser Formation befand sich die Person, die sie mit so viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit begleiteten. Sie befanden sich auf einer sehr wichtigen Mission.

Sie erreichten eine Kreuzung und erblickten einen großen, weißen Stein neben der Straße. In seine Oberfläche war eine Zahl eingemeißelt, über die die begleitete Person einen Zornesausbruch bekam. Sie schrie laut auf.       

»Hundert Meilen bis York!«

»Ja, Mistress«, sagte einer der Reiter.

»Wir kommen ja kaum vorwärts.«

»Das geschieht zu Eurer eigenen Bequemlichkeit.«

»Meine! Ha! Ich reite jeden Mann in Grund und Boden.«

»Warum so eilig, Mistress?«

»Ich muß dorthin.«

Margery Firethorn gab ihrem Pferd die Sporen und fiel in einen Galopp, der die anderen weit zurückließ. Die vier belustigten Diener des Lord Westfield jagten sofort hinterher und fragten sich, was diese Verrückte, die ein schwarzes Pferd ritt und aus Leibeskräften brüllte, eigentlich machte. Ihr merkwürdiges Verhalten brachte sie durcheinander, aber darum kümmerte sie sich nicht. 

Margery Firethorn war unterwegs nach York.

Sie hatte etwas mit ihrem Mann zu besprechen.

*

»Haltet still, Master Firethorn, Ihr dürft Euch nicht so viel bewegen.«

»Ich bin aus Fleisch und Blut, Sir, kein lebloser Marmor.«

»Ein Künstler braucht ein bewegungsloses Objekt.«

»Dann wartet, bis ich tot bin, und malt mich dann erst.«

»Ihr seid pervers, Sir.«

»Mir bricht der Nacken ab!«

»Macht fünf Minuten Pause.«

Oliver Quilley schnalzte ärgerlich mit der Zunge. Sie befanden sich in seinem Schlafzimmer in dem Gasthaus, in dem sie die Nacht verbrachten. Der Künstler hatte seinem Modell eine erste Sitzung vorgeschlagen, aber Firethorn war weniger als hilfreich. Nicht nur redete er ununterbrochen, er schaffte es auch nicht, den Kopf länger als ein paar Minuten in  der gleichen Stellung zu halten. Höchst unerfreulich das Ganze. Firethorn trat heran, um sich das Ergebnis anzusehen. 

»Wie weit sind wir gekommen, Master Quilley?«

»Fast nirgendwohin.«

»Zeigt mir Eure Arbeit.«

»Ich bin ja kaum am Anfang.«

»Aber ich hocke hier doch schon hundert Jahre!«

Quilley saß an einem kleinen Tisch, seine Utensilien vor sich ausgebreitet. Das Porträt befand sich auf Zeichenpergament, das glattgestrichen und auf eine Spielkarte geheftet war. Die Farben wurden in Muschelschalen angerührt und mit Pinseln aus den Schwanzhaaren von Eichhörnchen aufgetragen. Ein in den Griff des Pinsels eingelassener Tierzahn diente zu einem späteren Zeitpunkt zum Glattstreichen. Miniaturmalerei war eine mühevolle Arbeit, für die man das richtige Handwerkszeug benötigte. Kein Wunder, daß Quilley sie in seinem Lederbeutel verwahrte und unter seinem Wams versteckte. Sein Lebensunterhalt befand sich dicht an seinem Herzen.     

Firethorn studierte die Skizze seines Gesichtes und des Kopfes und wußte nicht, ob er sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. Es gab eine ziemliche Ähnlichkeit, doch die war so unbedeutend, daß sie für ihn keinen Wert besaß. Die Kunst eines Schauspielers ließ sich in ihrer ganzen Größe innerhalb von zwei Stunden auf einer Bühne darstellen; von dem Miniaturenmaler erwartete er ein ähnliches Tempo. Quilley hatte wohl ein langsameres Genie. Es wuchs im Tempo einer Rose und brauchte bis zur Blüte viel mehr Zeit.

»Da ist nicht viel zu schon, Sir«, sagte Firethorn.

»Da seid Ihr selbst schuld.«

»Könnt Ihr nicht etwas schneller machen?«

»Nicht, wenn Ihr ein wirkliches Kunstwerk haben wollt.«

»Mit weniger wäre ich nicht zufrieden.«

»Dann lernt, still zu sitzen.«

»Ich bin ein Mann der Tat.«

»Denkt über Eure Größe nach.«

Das Pergamentstück, auf dem Quilley arbeitete, maß kaum fünf Zentimeter im Durchmesser. Lawrence Firethorns Persönlichkeit mußte eingefangen und auf diese kleine Fläche gebracht werden, was höchste Konzentration und viel Geschick verlangte. Als der Künstler das erläutern wollte, hatte das Modell bereits einen anderen Gedanken im Kopf.

»Welche Karte habt Ihr gewählt, Sir?«

»Karte, Sir?«

»Die an dem Pergament. Die Spielkarte.«

»Oh, die. Ich habe die Herz-Zwei genommen.«

»Eine so niedrige Zahl?«

»Es bedeutet Liebe, Master Firethorn. Die meisten meiner Modelle wünschen ihr Porträt als ein Geschenk für eine geliebte Person. Herz ist die beliebteste Karte. Ich denke nicht, Ihr hättet lieber den Kreuz-Buben gehabt.«

»In der Tat, nein, Sir«, sagte Firethorn, dem die Idee sofort gefiel. »Zwei miteinander verbundene Herzen sind ideal. Das wird das Siegel meiner Gefühle sein, wenn ich das Geschenk überreiche.«

»Eure Frau wird begeistert sein.«

»Was hat die denn hier zu suchen!«

Firethorn ging zu seinem Stuhl zurück und nahm eine Pose ein. Der Künstler trat heran, um sie geringfügig zu korrigieren, dann setzte er sich wieder an seinen Arbeitstisch. Quilley änderte seine Taktik. Als sich der Schauspieler vor ihm in eine Statue verwandelte, überhäufte er ihn mit Lob über seine Darstellung des Robin Hood, und Firethorn bewegte keinen Muskel. Schmeichelei half, wo Beleidigungen versagten. Der Künstler kam gut vorwärts. Doch es blieb nicht lange so. Firethorn war zwar ruhig, andere dagegen nicht.

Irgend jemand hämmerte heftig an die Tür.

»Seid Ihr da drinnen, Sir?« rief George Dart.

»Verschwinde!« bellte sein Chef.

»Wir können jetzt nicht gestört werden«, fügte Quilley hinzu.

»Ich habe aber wichtige Nachrichten, Master Firethorn.«

»Gute oder schlechte?«

»Fürchterliche.«

»Wieso das?«

»Schickt ihn weg«, drängte Quilley.

»Wir müssen uns das zuerst anhören, Sir.«

Firethorn stürzte zur Tür und riß sie auf. Dart war so verängstigt, schon wieder der Überbringer schlimmer Nachrichten zu sein, daß er wie verrückt vor sich hin brabbelte. Firethorn packte ihn an den Schultern und schüttelte ihm den Verstand in den Kopf.

»Was ist passiert, Mann?«

»Wir sind schon wieder ausgeraubt worden.«

»Schon wieder ein Lehrling?«

»Nein, Master. Unsere Kostüme sind weg.«

»Weg? Wohin?«

»Sie haben sich in dünne Luft aufgelöst. Sir. Die Kiste ist verschwunden.«

Lawrence Firethorn packte ihn an der Kehle, um ihn zu strangulieren, doch dann überlegte er es sich noch mal. Er rannte nach unten in den Raum, in dem die Kostümkiste gestanden hatte, und stellte mit Entsetzen fest, daß sie tatsächlich verschwunden war. Sämtliche Kostüme waren verschwunden. Die Kosten dafür waren riesig, doch die Konsequenzen des Diebstahls waren noch viel schlimmer. Ohne Kostüme konnten sie kein einziges Stück aufführen. Irgend jemand drängte Westfield's Men schlicht und einfach aus dem Geschäft.

Firethorn raufte sich voller Verzweiflung die Haare.

»Oh, Nick!« heulte er. »Wo steckst du?«

*

Ein ganzer Tag im Sattel brachte ihn schließlich ans Ziel. Mit zwei Pferden zu seiner Verfügung konnte er viel schneller und weiter reiten, wechselte die Pferde häufig, um sie bei Kräften zu halten, und zog das zweite hinter sich her. Nicholas Bracewell war rastlos in seiner Verfolgungsjagd. Endlose Fragerei und endloses Reiten führten ihn schließlich nach Lavery Grange. Diesmal gab es keinen Irrtum. Banbury's Men waren dabei, einem aufmerksamen Publikum den »Renegaten« zu präsentieren. Nicholas gab sich als Spätankömmling aus, betrat die Große Halle und schob sich in den Hintergrund. Giles Randolph dominierte die Bühne, aber Nicholas war viel mehr an seinen Leuten interessiert. Er suchte nach Leuten, die Westfield's Men verrieten, indem sie die Geheimnisse ihres Repertoires weitergaben. Nicholas erinnerte sich an einige Gesichter, doch keiner davon war in seiner Gesellschaft beschäftigt gewesen. Er war verblüfft.

Wer hatte ihre wichtigsten Stücke gestohlen?

Er rechnete nicht damit, Richard Honeydew irgendwo hier auf dem Gelände zu finden. Banbury's Men waren viel zu klug, um sich auf frischer Tat ertappen zu lassen. Wenn sie den Jungen wirklich hatten, dann würden sie ihn irgendwo nicht allzu weit entfernt von hier festhalten. Nicholas glitt aus dem Saal und unterhielt sich mit einem der Diener. Der Mann erwähnte drei Gasthäuser, die alle mit einem kurzen Ritt zu erreichen seien. Nicholas ritt sofort los und kontrollierte diese Gasthöfe. Die beiden ersten stellten sich als Nieten heraus, doch er ließ sich von seiner Überzeugung nicht abbringen. Er war jetzt ganz sicher, daß er Richard Honeydew immer näher kam. 

Das dritte Gasthaus war ein Treffer. Obwohl im Haus kein Zeichen von dem Jungen zu sehen war, erzählte ihm der Wirt, die Gruppe werde heute nacht hier übernachten. Für die meisten gab es Zimmer, doch einige mußten mit ihrem Gepäck in den Ställen schlafen. Nicholas ging raus, um sich diese Ersatz-Unterbringung anzusehen, konnte aber immer noch nichts entdecken. Er wollte gerade aufgeben und fortgehen, als er das Geräusch hörte.

Es war ein Klopfen, leise, aber regelmäßig, und schien von einem steinernen Schuppen am Ende der Stallungen zu kommen. Als er näher heranging, hörte er es deutlich genug, um zu erkennen, was es war. Jemand trat mit dem Fuß gegen die schweren Türbalken. Nicholas rannte hin und warf den Riegel zurück. Er riß die Tür auf, starrte ins Innere und erkannte die erbärmliche Gestalt des Richard Honeydew. der gefesselt auf dem Stroh lag. Mit den letzten Resten seiner Kräfte hatte der junge versucht, gegen die Tür zu trommeln. Jetzt nahte die Rettung.

»Dem Himmel sei Dank, daß ich dich gefunden habe, Dick!«

Der Knebel im Mund des Jungen hinderte ihn am Sprechen, doch seine tränengefüllten Augen sprachen Bände. Nicholas verstand ihre schreckliche Botschaft viel zu spät. Irgend etwas Hartes schlug ihm von hinten an den Kopf. Er fiel vornüber ins Stroh. 

9. KAPITEL

Es war die schlimmste Nacht seines Lebens. Ein Mann, der die Höhen nächtlicher Wonnen sooft und mit solch freudigem Selbstvertrauen genossen hatte, stürzte jetzt hinterrücks durch den leeren Raum ins Bodenlose. Lawrence Firethorn war verzweifelt. Sein Regisseur war verschwunden, sein Lehrling entführt, seine Kostümkiste gestohlen, seine Gruppe völlig durcheinander. Susan Becket lag oben unbefriedigt im Bett, und Eleanor Budden lag unberührt zwischen ihren Laken. Sie waren so nah und doch so weit von ihm entfernt. Firethorn war fertig.

Barnaby Gill und Edmund Hoode teilten seine Panik.

»Sie haben uns den Kopf abgeschlagen, Sirs«, sagte Firethorn.

»Und die Schwänze dazu«, meinte Hoode.

»Meiner ist noch an Ort und Stelle«, bemerkte Gill hochnäsig.

»Ich hätte nie gedacht, daß sie so tief sinken würden.«

»Können wir denn sicher sein, daß dies ihr Werk ist, Lawrence?« fragte Hoode. »Vielleicht hat irgendein normaler Dieb unsere Kiste mitgehen lassen.«       

»Warum sollte der die nehmen, wenn er unsere Geldbeutel hätte haben können?« sagte Firethorn. »Nein, Edmund. Die Spuren von Banbury's Men sind überall deutlich zu erkennen. Nur eine andere Theatergruppe wußte so genau, wie sie uns am schlimmsten treffen konnte. Und zwar, indem sie uns die Kleider stehlen, die wir benötigen.«

Sie saßen im Schankraum ihres Gasthauses und starrten mit kollektiver Melancholie in ihre Gläser. Barnaby Gill sprang plötzlich auf, warf den Kopf zurück, verschränkte die Arme über der Brust und reckte sich zu seiner ganzen Würde auf.

»Ich werde nicht ohne mein goldenes Wams auftreten«, verkündete er gereizt. »Wenn sich meine grünen Samthosen und meine gelben Strümpfe nicht finden und die Schuhe mit den silbernen Schnallen und den Hut mit den drei Federn, dann werde ich keinen Fuß auf die Bühne setzen!« 

»Wir sitzen alle zusammen in der Patsche, Barnaby«, sagte Edmund Hoode.

»Wo ist mein blauer Samtanzug und mein grüner Mantel?«

»Seid ruhig«, schnarrte Firethorn.

»Was ist mit meinen Batisthemden und meiner Halskrause?«

»Hört mit diesem Gewinsel auf!«

Das Gebrüll des Obersten Schauspielers ließ das pikierte Jammern verstummen. Gill fiel auf seinen Stuhl zurück und starrte mürrisch in sein Glas. In Krisenzeiten konnte man sich darauf verlassen, daß er seine persönlichen Interessen allem anderen voranstellte. Edmund Hoode hatte viel mehr Mitleid für seine Freunde.     

»Ich muß immer an den armen Dick denken!« sagte er.

»ich auch gelegentlich«, murmelte Gill.

»Ich würde sofort jeden Fetzen unserer Kleidung hergeben, um den Jungen gesund zurückzubekommen. Wo kann er nur stecken?«

»Nick wird ihn schon finden«, sagte Firethorn.

»Ja«, meinte Hoode. »Nick ist unsere einzige Hoffnung.«

»Wie könnt Ihr so was nur denken?« fragte Gill. »Es liegt doch nur an unserem hochverehrten Regisseur, daß wir uns in diesem Schlamassel befinden. Ich gebe ihm die ganze Schuld.« Trotz ihrer Protestes redete er weiter. »Verteidigt ihn nur, soviel Ihr könnt, Sirs, aber ich sage: Nicholas Bracewell trägt die ganze Schuld. Er ist derjenige, der die Verantwortung für die Sicherheit der Lehrlinge trägt, und trotzdem wird uns einer unter seiner Nase gestohlen.«

»Nick kann nicht überall gleichzeitig sein«, verteidigte Hoode den Regisseur.

»Das ist ja klar, Edmund. Wenn er nicht im ganzen Land herumschäkerte, wären unsere Kostüme in Sicherheit. Dann wäre er hier, könnte seine Pflicht tun und auf unsere Sachen aufpassen.« Gill setzte sich aufrecht. »Und ich hätte immer noch mein goldenes Wams.«     

»Irgend jemand mußte Dick Honeydew ja suchen«, sagte Hoode.

»Und der einzige Mann, der dazu in der Lage ist, war Nick«, fügte Firethorn hinzu. »Vielleicht kann er uns noch aus diesem Sumpf befreien. Ich will keine Nörgelei über ihn hören.«

»Dann werde ich meine Zunge im Zaum halten«, sagte Gill sarkastisch.

Firethorn nahm einen großen Schluck und stieß einen lauten Seufzer aus.

»Was ist diese Tournee doch für ein Elend! Mir gefällt diese Reise nicht, und ich fürchte, ich gefalle ihr auch nicht. Nichts außer Schwierigkeiten bisher. Wir haben Regen, Raub und Ruin erduldet. Und das schlimmste ist, daß ich so weit von zu Hause weg bin und keinen Trost am sanften Busen meiner Frau finden kann.«

Gill und Hoode wechselten einen Blick erschöpfter Belustigung. Mit einer Frau oben in seinem Bett und einer anderen, die in seinen Phantasien eine wichtige Rolle spielte, schaffte Lawrence Firethorn es immer noch, in einem Anfall ehelicher Sentimentalität zu zerfließen, mit allen Anzeichen völlig Ernsthaftigkeit. Ein Glück war aber auch seine Fähigkeit, Margery vollkommen aus seinen Gedanken zu verdrängen. Nur in Zeiten größter Anspannung tauchte sie wieder vor seinem inneren Auge auf und erinnerte ihn daran, daß er ihr Ehemann war.

Seine Kollegen lauschten seinen weinerlichen Worten mit einem gewissen Maß an Zynismus. Ihre Lage war schlimm, dennoch konnte man noch ein paar lustige Aspekte daran finden. Ais Firethorn den Höhepunkt des Selbstmitleids erreicht hatte, wurde er von der Ankunft eines ängstlichen George Dart unterbrochen.

»Was willst du?« grollte Firethorn.

»Ich bringe Euch eine Nachricht von der Dame, Sir.«

»Mistress Becket?«

»Mistress Budden.«

»So redet schon.«

»Wir saßen nebeneinander auf dem Kutschbock, Master, und ich war so frei. Euch vor ihren Ohren zu loben.« Ein Lächeln erschien auf Firethorns Gesicht. »Ich habe von Eurer schönen Stimme gesprochen und daß Ihr das Gebetbuch so schön aufsagen könntet, als sei es Musik des Himmels.«

»So ist es, George, so ist es.«

»Mistress Budden war davon sehr beeindruckt.«

»Wie lautet ihre Botschaft?«

»Sie sitzt im Bett«, sagte Dart. »Es ist ihr größter Wunsch, daß Ihr ihr aus den Psalmen vorlest, bevor sie die Augen zu christlichem Schlafe schließt.«

Lawrence Firethorn spürte das Wiedererwachen seiner Lust. Eine Gelegenheit, die er niemals erhofft hatte, breitete sich jetzt vor ihm aus. Eleanor Budden lag in ihrem Schlafzimmer, voller Vertrauen auf den Klang seiner Stimme. Psalme konnten zu Liebesseufzern führen. Während die Versuchung an seinen Lenden leckte, sah er die Hindernisse. Susan Becket wartete im Nachbarzimmer. Eine Kostümkiste mußte aufgespürt, Pläne gemacht werden. Die Arbeit würde ihn noch für Stunden hier unten festhalten.

Die Enttäuschung bohrte in seinen Eingeweiden, aber es gab keinen Ausweg für ihn. Ohne auf die grinsenden Gesichter von Gill und Hoode zu achten, wandte er sich mit überlegener Ruhe an den Boten.

»Sag ihr, ich könne heute nacht nicht kommen. Aber ich würde aus ganzem Herzen für Mistress Budden beten.«

Und mit dieser zweideutigen Bemerkung ließ er es bewenden.

*

Das erste, was er bemerkte, war der Gestank, der seinen Geruchssinn attackierte. Der Schuppen war als Stall für einen Esel benutzt worden, dessen Kot sich mit dem Stroh vermischt hatte. Als er versuchte, sich zu bewegen, fühlte sich sein Kopf an, als wolle sich jemand von hinten Zugang zu seinem Schädel verschaffen. Nicholas Bracewell blieb bewegungslos liegen, bis sein Kopf sich geklärt hatte. Irgend etwas kitzelte ihn am Fuß. Er öffnete ein trübes Auge und erkannte die traurige Gestalt des Richard Honeydew, der ein Bein ausstreckte, um ihn anzustupsen. Der Junge war immer noch gefesselt und geknebelt. Nicholas' erster Impuls war, ihn loszubinden, doch als er sich bewegte, merkte er, daß auch er gefesselt und mit einem Strick an einem Eisenring in der Wand festgebunden war. Die Beule an seinem Hinterkopf begann wieder zu schmerzen, doch der Knebel im Mund dämpfte sein Stöhnen.

Nicholas wartete, bis der Schmerz nachließ, dann machte er eine Bestandsaufnahme der Lage. Er saß aufrecht an eine grobe Mauer gelehnt, unfähig, sich zu bewegen, wegen seiner Fesseln. Ihm gegenüber saß Richard Honeydow, den man am eisernen Fenstergitter festgebunden hatte. Seine Freude, den Jungen zu sehen, wurde überschattet von dem Zustand, in dem er ihn fand. Honeydews Gesicht war blutverschmiert, seine Kleider verdreckt und zerrissen. Er sah nicht so aus, als habe er viel zu essen bekommen, seit er entführt worden war. Gewissensbisse überfielen Nicholas. Anstatt den Lehrling zu retten, hatte er sich selbst einfangen lassen.

Er zerrte mit aller Kraft, doch die Fesseln hielten. Als er versuchte, zu sprechen, brachte er nur ein schwaches Grunzen zustande. Er hatte so viele Fragen, aber keine Chance, sie zu stellen. Als er sich nach Hilfe umblickte, fiel sein Blick auf die alten Mauern, deren Kalk abblätterte. Eine Idee bildete sich in seinem Kopf. Er drehte sich so weit herum, daß er die Beine heben und mit den Füßen ein einziges Wort in die Wand kratzen konnte.

WER?

Richard Honeydew reagierte auf gleiche Weise. Er zog sich am Fenstergitter hoch und schwang die Beine herum, bis sie die weißgekalkte Wand berührten. Im Halbdunkel ihrer stinkenden Zelle kratzte er langsam und mühselig einen Namen auf die Wand. Die Buchstaben waren krakelig und undeutlich, aber ihre Bedeutung um so wichtiger.

Nicholas Bracewell war wie vor den Kopf geschlagen. — Es war unglaublich.

*

Trotz allen Übels behielt Christopher Millfield seine gute Laune. Lange Gesichter und schlechte Nerven umgaben ihn, aber seine Spannkraft war bemerkenswert. Anstatt sich von der allgemeinen schlechten Laune beeindrucken zu lassen, war er heiter und behielt eine positive Grundeinstellung. Da er mit George Dart und den drei Schauspielschülern in einem Zimmer zusammenwohnte, hatte er ein reiches Betätigungsfeld.

»Morgen sieht alles schon viel besser aus«, sagte er.

»Es könnte kaum noch schlimmer werden«, stöhnte Dart.

»Für jedes Problem gibt es eine Lösung.«

»Aber wir haben so viele Probleme, Master Millfield.«

»Laß Hoffnung in dein Herz hinein, George.«

»Dafür ist kein Platz mehr da.«

Christopher Millfield lehnte sich vor und gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. Als er vom Bett sanftes Schnarchen hörte, senkte er die Stimme, um die Schläfer nicht zu stören.

»Wir sind Schauspieler«, sagte er leise, »nichts darf unsere Kunst beeinflussen. Wenn einer unserer Lehrlinge verschwindet, nun, dann füllen wir seine Rolle mit einer anderen Stimme. Wenn sämtliche Kostüme gestohlen werden, dann bitten und betteln wir uns andere zusammen oder machen uns neue. All das sind nur Rückschläge, die wir überwinden können.« 

»Ihr vergeßt Master Bracewell.«

»Aber keineswegs, Sir. Ich habe größtes Vertrauen in ihn.«

»Und was ist, wenn er nicht zurückkommt?«

»Nick Bracewell wird zurückkommen«, sagte Millfield voller Vertrauen. »Ich habe noch nie einen fähigeren Mann am Theater getroffen. Die ganze Gruppe dreht sich nur um ihn, er würde sie in der Stunde der Not niemals im Stich lassen.«

»Ich dachte, Ihr mögt ihn nicht«, sagte Dart.

»Es gibt bei Westfield's Men keinen, den ich mehr respektiere, das gilt auch für Master Firethorn. Ich gebe zu, daß ich beleidigt war, als unser Regisseur Gabriel Hawkes an meiner Stelle vorschlug, aber das ist jetzt alles Vergangenheit. Mittlerweile kann ich die Wahrheit akzeptieren, George.«

»Die Wahrheit?«

»Gabriel war besser.«

»Zu mir war er immer freundlich.«         

Millfield seufzte. »Es tut mir weh, daß wir solche Rivalen waren. Unter anderen Umständen hätten Gabriel und ich gute Freunde sein können. Er war ein großer Verlust.« Die positive Stimmung kehrte zurück. »Das ist der Grund, daß ich so dankbar bin, daß ich mit der Gruppe reisen kann. Ich habe Vorteile durch Gabriels Tod gewonnen, und das bedrückt mich, aber es bestärkt mich auch in meiner Absicht, aus dieser Chance das Beste zu machen und mich durch Schwierigkeiten nicht unterkriegen zu lassen. Wir sind Leute, die Glück haben, George. Wir haben Arbeit. Denk mal darüber nach.«

Der andere tat, wie ihm gesagt wurde, und sank schon bald mit allerlei tröstlichen Gedanken in Schlaf. Millfield war ein echter Mann des Theaters. Was auch immer passierte, die Gruppe mußte trotzdem weitermachen. George Darts Schnarchen vereinigte sich mit den Schlafgeräuschen der anderen unschuldigen Kinder. 

Christopher Millfield wartete eine halbe Stunde, bevor er sich bewegte. Dann stand er auf, zog sich leise an und verließ den Raum. Ein paar Minuten später sattelte er ein Pferd und führte es auf mit Sackleinen umwickelten Hufen in den gepflasterten Hof.

Dann ritt er wohlgemut in die Dunkelheit hinaus.

*

Nicholas Bracewell war immer noch benommen. Sein Schädel hämmerte, seine Augen blickten trübe, Blut tropfte in seinen Nacken. Der Gestank in dem Schuppen war atemberaubend, sein Magen drehte sich um. Stramm gefesselt wie er war, schmerzte ihn jeder Muskel seines Körpers. Was ihn jedoch am meisten schmerzte, war die Tatsache, daß Richard Honeydew ihn in diesem Zustand sah. Der Junge brauchte dringend Hilfe, aber alles, was sein vermeintlicher Retter geschafft hatte, war, sich selbst in die gleiche Misere zu manövrieren. Schuldgefühle brannten wie Feuer in Nicholas Bracewell. Es half, sich auf ihre schwierige Lage zu konzentrieren.     

Das wichtigste war, daß er mit dem Jungen sprechen konnte, und das hieß, daß er den Knebel loswerden mußte. Mit den Knien konnte er ihn nicht abstreifen, deshalb sah er sich nach einem anderen Hilfsmittel um. Rechts von ihm an der Wand stand ein hölzerner Rechen. Weil er ihn mit den Füßen nicht erreichen konnte, zog er mehr und mehr Stroh auf sich zu, und das brachte das Werkzeug näher an ihn heran. Gleichzeitig rückten ihm auch Berge von Kot immer näher, und seine Schuhe waren schon bald davon verdreckt, aber er ließ nicht nach. Richard Honeydew beobachtete mit Interesse, wie sein Freund den Rechen näherzog und dann beide Beine hob, um die Füße heftig auf die Zacken des Rechens zu schlagen. Der Rechen schlug hoch, Nicholas mußte den Kopf einziehen, als der Schaft dicht neben ihm gegen die Wand schlug. Er klemmte das Gerät mit der Schulter ein und benutzte das Endstück, um den Knebel langsam nach oben zu schieben. Das war fürchterliche Arbeit und brachte ihm zahlreiche Stöße ins Gesicht ein, aber irgendwann schaffte er es, das Ding so weit zu verschieben, daß er sprechen konnte.     

Die Worte sprudelten neben tiefen Atemzügen aus ihm hervor.

»Wie geht es dir, Junge?«

Der Junge nickte tapfer mit dem Kopf, in seinen Augen glitzerte Mut.

»Bist du schwer verletzt?«

Richard Honeydew schüttelte den Kopf und machte ein Geräusch.

»Ich will versuchen, dich von deinem Knebel zu befreien, Dick.«

Mit seinem Körper und den Füßen stieß Nicholas den Rechen auf den Jungen zu, und der versuchte, Nicholas' Methode nachzumachen. Er brauchte viel länger dazu und holte sich manchen harten Schlag ins Gesicht, aber irgendwann schaffte auch er es, den Knebel aus dem Mund zu stoßen. Gierig füllte er die Lungen mit Luft, dann hustete er schrecklich.

»Die stinken uns hier drin noch zu Tode«, sagte Nicholas.

»Wie habt Ihr mich gefunden, Master Bracewell?«

»Das ist jetzt nicht wichtig, Dick. Hauptsache, ich kriege dich hier gesund heraus. Wie viele von ihnen sind hier?«

»Zwei. Sie haben mich zusammen entführt.«

»Im Auftrag von Banbury's Men.«

»Waren die das, die mich entführt haben? Ich hatte keine Ahnung. Sie halten mich hier gefangen und kommen nur, wenn es Zeit zum Essen ist.«

»Du siehst erbärmlich aus.«

»Mir geht es gut«, sagte der Junge mit wenig Überzeugungskraft.

»Die werden dafür bezahlen, was sie dir angetan haben.«

»Die sind es nicht, vor denen ich Angst habe, Master. Die haben mich gefesselt, aber nicht schlecht behandelt.« Voller Ekel sah er sich um. »Was mir angst macht, ist die Dunkelheit, die Nässe und der Gestank, besonders aber die Ratten.«

»Ratten?«

»Manchmal schnüffeln sie hier herum. Ich habe Angst, daß sie mich bei lebendigem Leibe auffressen!« Er entspannte sich sichtlich. »Aber jetzt, wo Ihr da seid, nicht mehr. Bei Euch fühle ich mich in Sicherheit.«

»Keine Ratte wird dir etwas antun, Dick.«

Der Junge lächelte. »Ich wußte, daß Ihr mich holen würdet.«

»Sag mir ganz genau, was alles passiert ist.«

Während er zuhörte, was Honeydew zu erzählen hatte, glitten seine Augen durch den ganzen Schuppen auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit, doch keine zeigte sich. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung unter dem Stroh neben einem hölzernen Wassereimer. Als der Junge die Bewegung bemerkte, geriet er in Panik.

»Eine Ratte! Eine Ratte! Schon wieder eine Ratte!«

Das Untier kam unter dem Stroh hervor und trippelte auf den entsetzten Jungen zu. Nicholas schrie und trat mit den Füßen nach der Ratte, trieb sie in die Flucht und warf auch den Wassereimer um. Als das kalte Wasser seine Lage nur noch schlimmer machte, fing er an zu schimpfen und zu zetern, hörte aber schon bald damit auf. Der Zwischenfall konnte vielleicht doch noch etwas Gutes haben. Fast mußte er lächeln.

»Ich sehe einen Hoffnungsschimmer, Dick.«

»Wirklich, Master?«

»Vielleicht gibt es doch noch einen Weg hier raus.«

»Wie denn?«

»Das wirst du schon sehen. Aber ich brauche deine Hilfe.«

»Ich tue alles, was ich kann, Sir.«

»Dann ermutige mich bei der Arbeit.«

Richard Honeydew verstand schon bald, was er meinte. Die festgetretene Erde unter dem Stroh war durch die Überschwemmung lockerer geworden. Nicholas benutzte seine Schuhe als primitive Spaten und kratzte dicht an der Wand ein Loch in den Boden. Je tiefer er kam, desto weicher wurde die Erde, die er neben sich aufhäufte. Es war eine lange und anstrengende Arbeit, die ihm den Schweiß aus jeder Pore trieb und seinen Körper ächzen ließ, als ob er zerspringen würde. Jedesmal, wenn er dicht vor dem Aufgeben stand, sah er zu dem Jungen hinüber und bekam alle Anfeuerung, die er brauchte.

»Macht weiter, Sir! Ihr schafft ein Wunder! Weiter so!«

Nicholas machte weiter, bekam Schrammen ab und wurde völlig verdreckt, aber er machte gute Fortschritte. Irgendwann war das Loch groß genug, um sich darin herabzulassen und eine letzte Anstrengung zu unternehmen.

Er hatte die Mauer vollständig unterhöhlt. Als er sich testweise gegen die Mauer stemmte, bewegte sie sich ganz leicht. Richard Honeydew kicherte vor Freude.

»Wir haben es fast geschafft!«

»Noch nicht, Junge.«

»Ich kenne Eure Kräfte, Sir. Ihr schafft es.«

Nicholas nickte erschöpft. Die wirkliche Anstrengung kam erst noch. Er schob, spürte, wie die Mauer leicht nachgab, rastete einen Moment und rückte sich in die richtige Position. Dann nahm er alle seine Kräfte zusammen, stemmte sich mit den Füßen ab und preßte sich mit seinen breiten Schultern gegen die Wand. Er brauchte mehrere schmerzhafte Minuten, doch seine Mühe war nicht umsonst. Mit einem dumpfen Poltern gab die Wand nach, große Steinbrocken fielen krachend um ihn herum zu Boden. Nicholas war zerschrammt, zerschürft und blutig, aber seine Hände waren frei von dem Metallring. Wieder und wieder rieb er seine Handgelenke gegen die scharfe Kante eines Mauerbrockens.

»Ihr habt es geschafft, Master Bracewell!« sagte der Junge.

»Mit deiner Hilfe.«

»Ich habe Euch nur zugesehen.«

»Und mich moralisch unterstützt.«

»Könnt Ihr den Strick durchreiben?«

»Schon fertig!« sagte Nicholas und hob seine ungefesselten Hände.

Er warf die Strickreste beiseite und kroch zu dem Jungen, um auch seine Stricke zu lösen. Bevor er sich jedoch an die Fußgelenke machen konnte, hörten sie das Geräusch rennender Füße. Nicholas richtete sich auf und sprang zur Tür, als sie gerade von außen geöffnet wurde. Ein kräftiger junger Mann kam mit einem Dolch in der Hand hereingestürmt. Nicholas packte ihn am Gelenk der Messerhand und am Genick, stieß ihn hart gegen die Reste der Wand, entriß ihm die Waffe und setzte sie ihm an die Kehle. Der Mann war überrumpelt und hatte Angst.

»Bringt mich nicht um, bitte!« flehte er.

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin nur ein Pferdeknecht, Sir. Ich arbeite hier in dem Gasthof.«

»Ihr habt uns hier eingesperrt.«

»Nur, weil ich dafür bezahlt wurde. Ich wollte Euch nichts Böses tun.«

»Keine Bewegung!«

Nicholas nahm den Dolch, um die Stricke an seinen Fußgelenken zu durchtrennen, dann tat er bei dem Jungen das gleiche. Er setzte dem Pferdeknecht ein Knie auf die Brust und hielt ihm den Dolch unter die Nase.

»Ihr wart es, der mich von hinten niedergeschlagen hat«, beschuldigte er ihn.

»Ich hatte den Befehl, den Jungen zu bewachen.«

»Was hat man Euch sonst noch befohlen?«

»Die Kiste im Stall zu verstecken.«

»Welche Kiste?«

»Da sind Kostüme drin, Sir.«

»Von Westfield's Men?«

»So lautete der Name.«

Nicholas stand auf und riß den Mann auf die Füße. Er brauchte seinen Gefangenen nicht mehr zu bedrohen. Völlig eingeschüchtert führte der Mann sie sofort zu dem Teil der Stallungen, wo er die Kostümkiste versteckt hatte. Nicholas war froh, als er auch die beiden Pferde dort vorfand, und bekam bei der Gelegenheit auch sein Schwert und seinen Dolch zurück. Mit dem Rapier heftete er den Mann an die Wand, während er überlegte. 

»Ist die Gruppe schon zurück?« erkundigte er sich.

»Noch nicht, Sir. Sie feiern noch in Lavery Grange.«

»Führt mich ins Zimmer von Master Randolph.«

»Wer, Sir?«

»Der hat hier das beste Zimmer.«

»Das ist an der Vorderseite des Gasthofes, Sir.«

»Zeigt mir den Weg.«

»Ich hab' dort oben nichts zu suchen.«

»Aber ich«, sagte Nicholas. »Führt mich hin, oder Ihr verliert ein Ohr!«

Vorsichtig gingen sie über den Hof.

*

Lambert Pym stand in seinem Brauhaus am Ende des Gasthofes und beobachtete, wie ein weiteres Faß gefüllt wurde. Es kam jetzt in den Keller, um zu reifen, bis es angezapft und getrunken werden konnte. Pym       

war mit dem Geruch von Bier und Ale in der Nase aufgewachsen, und der blieb an ihm, wohin er auch ging. Seine Kunden im Trip to Jerusalem kauften Bier, oder Ale, wenn sie ein bißchen mehr Geld hatten. Er importierte etwas Wein aus Bordeaux, aber der war den meisten Leuten zu teuer. Griechischer Malvasier war sogar noch teurer, wie Kanarienwein, aber Pym hielt für bestimmte Kunden einen kleinen Vorrat von beidem bereit. Während der drei Pfingstfeiertage würde es seinen Vorräten tüchtig ans Leder gehen.

Der Gastwirt kam gerade in den Schankraum zurück, als Robert Rawlins im Begriff war zu gehen. Lambert Pym lächelte einladend.

»Werdet Ihr Pfingsten bei uns sein, Master?«

»Ich hoffe es, Sir.«

»Ihr werdet erleben, daß ein Meer aus Bier hier getrunken wird.« 

»Nicht gerade ein erhebender Anblick.«

»Trinken hat seinen Platz im Leben der Männer.«

»Ich weiß«, sagte Rawlins mit offenkundigem Abscheu.

»Gott im Himmel hat es persönlich gutgeheißen, Sir.«

»Keine Gotteslästerungen!«

»Bei der Hochzeit zu Kanaan hat er Wasser in Wein verwandelt«, sagte Pym. »Das war sein erstes Wunder.«

»Aber offen für jede Art der Interpretation.«

»Wein hat seinen festen Platz«, sinnierte der andere, »aber einen Engländer kann man nicht von seinem Bier wegbekommen. Schaut Euch das Beispiel von Fuenterrabia an.«

»Wo?«

»Das ist in Nordspanien.« Pym grinste ölig, während er seine Lieblingsgeschichte erzählte. »Der erste Feldzug unter der Herrschaft des guten Königs Henry, dem Vater unserer derzeitigen geliebten Königin. Er schickte eine Armee von siebentausend englischen Soldaten, um seinem Schwiegervater, dem König Ferdinand, dabei zu helfen, den Franzosen Navarro abzunehmen, Wißt Ihr, was diese standhaften Männer vorfanden?«     

»Was denn, Sir?«

»Es gab kein Bier in Spanien! Nur Wein und Süßmost.« Er lachte fröhlich. »Die Soldaten meuterten auf der Stelle, und ihr Befehlshaber, der Marquis von Dorset, war gezwungen, sie wieder nach Hause zu führen. Sie konnten nicht mit leerem Magen kämpfen, Sir, und Bier war ihr einziger Wunsch.«

Robert Rawlins hörte sich diese Erzählung mit höflicher Ungeduld an, dann wandte er sich um, um zu gehen, doch jetzt war ihm der Weg versperrt. Auf der Türschwelle standen zwei Konstabler. Einer von ihnen hielt einen Haftbefehl hoch, als er auf ihn zuging. 

»Ihr müßt mit uns kommen, Sir.«

»Unter welcher Beschuldigung?«

»Ich denke, die kennt Ihr.«

Bevor er noch etwas sagen konnte, wurde Rawlins völlig unzeremoniell hinausgeschleppt. Lambert Pym war verblüfft, doch sein Instinkt leitete ihn. Sofort rief er seinen Jungen zu sich.

»Bring sofort eine Nachricht nach Marmion Hall.«

*

»Sir Clarence Marmion hat ein Porträt in Auftrag gegeben.«

»Von ihm selbst, Master Quilley?«

»Ja, Sir.«

»Eine Miniatur?«

»Ich bin Miniaturmaler. Ich mache nichts anderes, Sir.«     

»Euer Ruhm wird immer größer.«

»Genialität ist sich selbst die beste Empfehlung.«

»Freut Ihr Euch darauf, Sir Clarence zu malen?«

»Nein, Sir. Ich hoffe nur ganz einfach, daß er mich für meine Arbeit auch bezahlt.«

Oliver Quilley betrachtete seine Kunst mit realistischen Augen. Aufträge zu bekommen war nie das Problem gewesen. Das lag vielmehr im Einkassieren seines gerechten Lohns. Viel zu viele seiner Modelle, besonders jene am königlichen Hof, waren wohl der Meinung, ihr gönnerhaftes Benehmen sei bereits Bezahlung genug, und Quilley hatte Dutzende der glühendsten Dankesbezeugungen eingeheimst anstelle seines hartverdienten Lohns. Das verursachte bei ihm einen Zynismus, der ihn nie wieder ganz verließ.

Er ritt neben Lawrence Firethorn, als die Gruppe weiter nach Norden zog. Westfield's Men befanden sich im Zustand der Depression. Ohne ihre Kostüme, ohne ihren Lehrling und ohne ihren Regisseur sahen sie keine Überlebens-Chance mehr. Sie bildeten eine jämmerliche Prozession.

»Wie habt Ihr Anthony Rickwood kennengelernt?« fragte Firethorn.

»Durch einen Freund.«

»Habt Ihr ihn nicht für einen Verräter gehalten?«

»Ich habe es ihm am Gesicht angesehen.«

»Aber trotzdem habt Ihr seinen Auftrag angenommen?«

»Sein Geld war genausogut wie das jedes anderen.«

»Aber befleckt, Master Quilley.«

»Wieso?«

»Rickwood hat seine Königin verraten.«

»Er hat mich mit Gold bezahlt«, sagte der Künstler. »Nicht mit dreißig Silberlingen.«

»Ich persönlich könnte nicht für einen solchen Mann arbeiten.«

»Eure Gefühle ehren Euch, Master Firethorn, aber sie sind fehl am Platze. Ihr habt viele hundert Male vor Leuten wie Anthony Rickwood gespielt, jawohl, und vor schlimmeren als ihm.«

»Das weise ich entschieden zurück, Sir!«

»Habt Ihr nicht in Pomeroy Manor gespielt?«

»Ja, das haben wir. Mein Tarquinius hat sie fasziniert. «

»Der wird dort nicht mehr zur Aufführung kommen«, sagte Quilley selbstzufrieden. »Master Pomeroy liegt im Tower in Ketten. Es sieht so aus, als hättet Ihr vor Verrätern gespielt.«

»Ist das wirklich wahr?« fragte Firethorn.

»Ich weiß es von Leuten, die es wissen müssen.«

»Der Herr möge uns retten.«

»Für Master Pomeroy kommt Er vielleicht zu spät.«

Firethorn ritt etwas abseits, um über die Folgen dessen nachzudenken, was er gerade gehört hatte. Das bewirkte mehr als nur ein sanftes Kräuseln auf der Oberfläche seiner Eitelkeit. Der Besuch auf Pomeroy Manor war ein Triumph gewesen, den er auf der Rückreise nach London gerne wiederholt hätte. Es war nicht gut für den Ruf von Westfield's Men, wenn sie zugeben mußten, daß einer ihrer begeistertsten Zuschauer ein Feind des Staates gewesen war. Von seiner Speerspitze über Bishopsgate würde Neville Pomeroy keine Theaterstücke mehr sehen.

Der Erste Schauspieler suchte Trost bei der Aussicht auf Eleanor Budden, doch den fand er nicht. Obwohl ihre Schönheit eine Reife hatte, die einfach großartig war, fand er keinen Zugang dazu. Mit gerunzelter Stirn befand sie sich mitten in einer Diskussion mit Christopher Millfield, der jetzt den Wagen fuhr. Die beiden saßen lebhaft debattierend auf dem Kutschbock.

»Ich habe der Stimme Gottes gehorcht«, sagte sie.

»Ihr seid irgendeinem inneren Sehnen gefolgt, Mistress.«

»Sein Wort steht an allerhöchster Stelle.«

»Wenn es das war, was Ihr gehört habt.«

»Dessen bin ich ganz sicher, Master Millfield.«

»Diese Sicherheit haben sie alle«, argumentierte er. »Die Puritaner, die Presbyterianer, die Römisch-Katholischen und noch viele andere. Sie alle sind absolut sicher, daß sie Gottes Wort deutlicher gehört haben als alle anderen. Warum solltet Ihr einen besonderen Zugang zum göttlichen Befehl haben?«

»Weil ich ausgewählt wurde.«

»Von Gott — oder von Euch selber?«

»Hinweg mit Eurer Unverschämtheit, Sir!«

»Ich frage in aller Freundlichkeit, Mistress Budden.«

»Zweifelt Ihr an meiner Aufrichtigkeit?«

»Nicht im geringsten. Eine Frau, die Haus und Familie aufgibt und sich auf eine so beschwerliche Reise begibt, der muß es wirklich ernst sein. Was ich in Frage stelle, ist die Stimme Gottes.«

»Ich habe sie klar und deutlich gehört, Sir.«

»Aber kam sie von außen oder von innen?«

»Ist das wichtig?«

»Ich denke schon.«

»Es steht uns nicht zu, Gottes Geheimnisse ergründen zu wollen.«

»Aber auch nicht, uns ihnen blind zu unterwerfen.«

»Das ist ja Gotteslästerung!«

»Ihr habt Eure Überzeugungen und ich habe meine.«

»Seid Ihr vielleicht ein Atheist, Sir?«

Bevor er noch antworten konnte, tauchten vor ihnen zwei Gestalten auf einem haselnußbraunen Hengst auf. Ein zweites Pferd zog eine Kiste hinter sich, die auf einem Geflecht aus langen, dünnen Ästen befestigt war. Sie erkannten die Kiste sofort. Nicholas Bracewell war wieder da. Er brachte den verschwundenen Lehrling zurück, die gestohlenen Kostüme und sogar Oliver Quilleys Pferd. Die ganze Gruppe brach in laute Rufe aus, als sie vorwärtsstürmten, um ihren Held zu begrüßen.

Die Ankömmlinge wurden von ihren Freunden umringt und mit Fragen bombardiert. Eleanor Budden starrte ihren Geliebten an und rief seinen Namen. Barnaby Gill wollte wissen, ob seinem goldenen Wams auch nichts passiert war. Edmund Hoode fragte, ob sie wüßten, wer seine Rolle als Sicinius gespielt habe. Martin Yeo, Stephen Judd und John Tallis begrüßten ihren wiedergefundenen Freund mit einer Begeisterung, die schon fast an Hysterie grenzte. Susan Becket schnalzte mit der Zunge. George Dart konnte wieder ein lustiger Geselle sein.

Lawrence Firethorn brachte sie alle zur Ruhe und verlangte einen kompletten Bericht. Obwohl sie schmutzig und erschöpft waren, hatten sich die beiden an einer Quelle etwas waschen können und festgestellt, daß ihre Verletzungen nur harmlos waren. Die Wiedervereinigung mit ihren Freunden ließ neue Kraft in ihre Adern strömen.

»Wer hat den Jungen entführt?« fragte Firethorn.

»Banbury's Men«, antwortete Nicholas.

»Diese widerlichen Hunde! Dafür schleppen wir sie vor Gericht!«

»Es gibt andere Möglichkeiten, es ihnen heimzuzahlen.«

»Und die Kostüme, Nick?«

»Das waren dieselben Übeltäter.«

»Wo habt Ihr mein Pferd gefunden?« fragte Quilley.

»Das war durch göttliche Vorsehung bewirkt.,«

Nicholas erzählte die Geschichte und spürte, daß Eleanor Budden ihn bewundernd anblickte. Als er davon berichtete, wie er vier Männer in die Flucht geschlagen hatte - und er berichtete in einfachen Worten - verspürte auch Susan Becket ein gewisses Herzflattern. Diese weiblichen Reaktionen blieben Lawrence Firethorn nicht verborgen, der versuchte, wenigstens ein paar dieser bewundernden Blicke auf sich zu lenken.

»Beim Himmel!« brüllte er, riß sein Schwert heraus und reckte es gen Himmel. »Ich werde diesem Giles Randolph so viele Löcher in den Pelz brennen, daß er  Pfeiftöne macht, wenn er über die Bühne geht! Ich fordere ihn zu einem Duell heraus und mache den Schuft ein paar Nummern kleiner! Ich lasse ihn für jedes Verbrechen zahlen, das er gegen uns verübt hat! An den Galgen mit ihm!«

»Macht Euch wegen Master Randolph keine Sorgen«, sagte Nicholas.

»Froschlaich in Menschengestalt!«

»Der hat genug eigene Probleme.«

»Das Gefängnis ist zu gut für so einen Halunken!« kreischte Firethorn. »Er hat es gewagt, ›Pompeius den Großem zu stehlen!«

»Mein Stück«, rief Hoode. »Meine Rolle des Sicinius.«

»Das werden sie nicht mehr aufführen, Edmund.«       

»Wieso könnt Ihr da so sicher sein, Nick?«

»Weil wir sie gestoppt haben.« Er winkte seinem Begleiter. »Zeig sie ihnen, Dick.«

Der Junge rannte zu der Kostümkiste, öffnete sie und holte einen ganzen Packen Textbücher hervor. Laut las er die Titel seinem begeisterten Publikum vor.

»Narretei und Liebe, Zwei Mädchen aus Milchester, Doppelte Täuschung, Eheglück und Mißvergnügen, Pompeius der Große.«

»Alle wieder da, wo sie hingehören«, sagte Nicholas. »Sie können unsere Stücke ohne diese Textbücher nicht mehr aufführen.«

»Bei allem, das ist ja wunderbar!« schrie Firethorn. »Laßt mich Euch beide umarmen, meine tollen Teufel!«

Er sprang vom Pferd und legte den beiden gratulierend die Arme um die Schultern. Die schlimmste Nacht seines Lebens war von einem der besten Tage abgelöst worden. Nicholas fügte noch weiteren Grund zur Freude hinzu. 

»Die Zeit wird ihre Rache bringen, Sir.«

»Was meint Ihr damit?«

»Master Randolph hat heute morgen nichts zu lachen.«

»Ihr habt einen Schlag für Westfield's Men geführt?«

*

»Ich denke schon.«

Giles Randolph starrte die leere Kiste an mit einer Mischung aus Furcht und Schrecken. Sie hatte die ganze Nacht unter seinem vierpfostigen Bett gestanden, an einen der Füße gekettet. Das schwere Schloß war offenbar unversehrt, und dennoch war die Kiste leer. Der wertvollste Besitz der Gruppe war verschwunden. Randolph kreischte einen Namen, Mark Scruton kam angerannt. Ein einziger Blick auf die Kiste ließ ihn schneeweiß werden.

»Wann habt Ihr das entdeckt, Sir?«

»Gerade eben.«

»Habt Ihr die Kiste letzte Nacht geöffnet?«

»Die Rückfahrt von Lavery Grange war zu anstrengend, und es war viel Wein getrunken worden. Ich fiel sofort ins Bett und habe bis heute morgen tief geschlafen.« Randolph gab der leeren Kiste einen Tritt. »Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich kein Auge zugetan.«     

Mark Scruton überlegte schnell und blickte zur Tür. Dann winkte er dem anderen, ihm zu folgen, rannte aus dem Schlafzimmer und die Treppe hinunter zu der Tür, die in den Hof führte. Mit Randolph auf den Fersen lief er über den Hof und zu dem Schuppen jenseits der Stallungen. Er entriegelte die Tür, riß sie auf und erblickte etwas, das unter anderen Umständen komisch gewirkt hätte. Der stämmige Pferdeknecht war an Händen und Füßen gefesselt und am Fenstergitter angebunden. Man hatte ihm einen dicken Apfel in den Mund gesteckt und mit einem Lappen um den Kopf befestigt. Seine Augen waren rotunterlaufen und so groß wie Tomaten.

»Wo sind sie?« fragte Scruton.

Der stämmige Mann schüttelte den Kopf und hob die Schultern.

Giles Randolph stieß ein Geheul aus und kniete nieder. Mitten auf dem Stroh sah er einen Stapel Textbücher, die klatschnaß und dick von Kot bedeckt waren. Der Symbolismus entging ihm nicht. Er sprang entsetzt wieder hoch und zeigte mit zitterndem Finger auf seinen verdreckten Besitz.     

»Mark Scruton!« zischte er.

»Ja, Sir?«

»Das ist Eure Schuld.«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung.«

»Bringt Euren Mist in Ordnung!«

Kochend vor Wut verließ er diesen Ort des Entsetzens.

*

Der Hufschmied schlug den letzten Nagel ein, dann ließ er das Bein des Pferdes sinken. Mit einem haarigen Arm wischte er sich den Schweiß von der Stirn und drehte sich zu der vollbusigen Frau um, die die Zügel hielt.

»Geht ein bißchen vorsichtiger mit dem Tier um, Madam.«

»Dafür fehlt mir die Zeit, Sir.«

»Es wurde auf rauhem Grund zu hart geritten«, sagte der Hufschmied. »Deshalb hat es auch das Hufeisen verloren.«

»Davon wird es vielleicht noch mehr verlieren, bevor wir am Ziel sind.«

»Wohin reitet Ihr?«

»Nach York.«

»Das ist noch eine ganz schöne Strecke, Mistress.«

»Dann haltet uns nicht mit Eurem Geschwätz auf.«

Margery Firethorn steckte den Fuß in den Steigbügel und hievte sich in den Sattel, ohne irgend jemand um Hilfe zu bitten. Mit herrischem Fingerschnippen brachte sie einen der livrierten Diener an ihre Seite.

»Bezahl den Burschen!«

Dann galoppierte sie mit noch größerer Geschwindigkeit davon.

*

Als Westfield's Men den ersten Blick auf York warfen, blieben sie stehen und betrachteten die Stadt in all ihrer Größe. Aus dieser Entfernung und Höhe sah sie aus wie eine Märchenstadt vor einer gemalten Kulisse, und sogar die, die die Stadt früher schon gesehen hatten, staunten aufs neue.

Eleanor Budden faßte alles in einem Wort zusammen: »Jerusalem!«

Sie machten eine Pause, um Erfrischungen zu sich zu nehmen und die Kräfte für die letzten paar Meilen einer Reise zu sammeln, die immer anstrengender geworden war, seit sie die Grenze der Grafschaft überschritten hatten. Die Pferde wurden getränkt, Proviant verzehrt. Nicholas Bracewell wählte diese Pause, um allein mit Christopher Millfield zu sprechen. Obwohl er den Schauspieler zu Beginn der Reise überhaupt nicht gemocht hatte, wurde er ihm jetzt zunehmend sympathischer.

»Wie ist es Euch während meiner Abwesenheit ergangen, Christopher?«

»Unser Vertrauen in Euch war unerschütterlich.«

»Ich bin froh, daß die Sache so gut ausgegangen ist.«

»Ihr seid mit großer Beute heimgekehrt«, sagte Millfield. »Master Quilley freute sich, als er sein Pferd zurückbekam.«

»Ein glücklicher Zufall.« Nicholas sah den Schauspieler an. »Was haltet Ihr von unserem Miniaturmaler?«

»Maler sind immer ein bißchen verrückt.«

»Ist Euch irgend etwas an ihm aufgefallen?«

»Verschiedenes, aber das habe ich auf seinen Beruf zurückgeführt.«

»Schaut Euch diese Kleidung an«, sagte Nicholas. »Sehr teuer für einen Mann, der behauptet, kein Geld zu haben. Dann die Qualität seines Pferdes und vor allem die Satteltaschen aus feinstem Leder und mit goldverziertem Monogramm. Master Quilley ist nicht der arme Mann, der zu sein er vorgibt.«

»Woher soll sein Reichtum denn stammen?«

»Ich wünschte, ich wüßte es.«

»Vielleicht hat er einen reichen Gönner irgendwo.«

»Ein Name fällt mir spontan ein.«

»Welcher?«

»Sir Francis Walsingham.«

»Tatsächlich?« sagte Millfield überrascht. »Es fällt mir schwer, das zu glauben. Soll Master Quilley tatsächlich als Informant in seinen Diensten stehen?«

»Wer wäre besser dazu geeignet, Christopher? Er besucht die Häuser reicher Leute, wird bevorzugt behandelt und bekommt Dinge zu sehen, die einem normalen Besucher verborgen bleiben. Sein Beruf ist die ideale Tarnung für einen Spion.«

»Habt Ihr dafür irgendeinen Beweis?«

»Keinen, dem ich nicht mißtraute. Außer einer Sache, die ich in seinen Satteltaschen gefunden habe. Seht Euch das an.«

Christopher Millfield nahm das Papier, das Nicholas ihm reichte, und überflog die Namen. Er nickte zustimmend, als er es Nicholas zurückgab.

»Ihr habt guten Grund für Euren Verdacht.«

»Wirklich?«

»Zwei der Namen sind von Walsingham bereits erledigt worden. Drei der anderen kenne ich seit meiner Zeit mit den Admiral's Men. Ich möchte schwören, daß sie alle wegen ihrer religiösen Überzeugung verfolgt werden.«

»Was ist mit Sir Clarence Marmion und den anderen?«

»Da können wir nur vermuten.«

»Gleich und gleich gesellt sich gern.«

»Eure Schlußfolgerungen daraus?«

»Quilleys sämtliche Auftraggeber sind Katholiken.«

»Könnte er selbst eventuell ein Diener Roms sein?«

Das war eine weitere Möglichkeit, die sie kurz diskutierten, bevor sie sich anderen Dingen zuwandten. Nicholas war froh, daß er sich seinem neuen Freund anvertraut hatte. Millfield betrachtete ihn jetzt sorgenvoll.

»Wie fühlt Ihr Euch, Nick?«

»Schon viel besser.«

»Habt Ihr Euch von den Strapazen vollständig erholt?« fragte der andere besorgt. »Wir haben uns sehr gefreut, als Ihr und Dick Honeydew zurückkehrtet, aber Ihr beide saht mehr als strapaziert aus.«

»Ihr hättet uns sehen sollen, als wir aufbrachen. Wir waren blutbesudelt und so verdreckt, daß Ihr unseren Gestank in hundert Meter Entfernung hättet riechen können.« Die Erinnerung ließ ihn jetzt noch die Nase rümpfen. »Dick und ich machten an einem Fluß Pause und säuberten uns, bevor wir zurückkamen.«

»Ihr müßt jeden Knochen im Körper spüren.«

»Ich muß wohl noch ein bißchen von dieser Salbe machen.«

»Mir hat sie jedenfalls sehr geholfen.«

»Heute nacht werden wir bestimmt gut schlafen, denke ich.«

Millfield lächelte zustimmend, dann sah er zu Richard Honeydew rüber. Dem Jungen sah man noch die Folgen seiner Gefangenschaft an, aber er war ganz offensichtlich froh, wieder bei der Gruppe zu sein, und sein Gesicht wirkte lebhaft.

»Er steht hoffnungslos in Eurer Schuld, Nick.«

»Ich konnte die doch nicht unseren besten Lehrling klauen lassen.«

»Es geht tiefer als das.«

»Wir sind die besten Freunde.«

»Ihr seid für den Jungen wie ein Vater und riskiertet Euer Leben für ihn. Hattet Ihr je ein eigenes Kind?«

»Ich war nie verheiratet, Christopher.«

»Das eine hängt nicht immer vom anderen ab.«

Nicholas lachte ausweichend und wechselte das Thema. Er freute sich über sein Gespräch mit dem Schauspieler und entdeckte immer wieder Dinge, die er mochte. Als Millfield ging, zeigte sich jedoch, daß nicht alle die gute Meinung des Regisseurs über ihn teilten.

Eine besorgte Eleanor Budden kam auf ihn zu.

»Hört nicht auf ihn, Sir«, flehte sie.

»Auf Master Millfield?«

»Das ist ein sehr gefährlicher junger Mann.«

»Wieso, Mistress?«

»Weil er nicht an Gott glaubt.«

»Hat er das selbst gesagt?«

»Mehr oder weniger, Master Bracewell.«

»Ich kann das kaum glauben.«

»Seid auf der Hut, Sir!«

»Wovor?«

»Vor Atheismus in unserer Mitte!«

Nicholas nahm diese Behauptung nicht allzu ernst, und sie verfolgte das Thema auch nicht weiter, denn sie wollte den seltenen Moment mit ihm allein genießen. Liebe ließ ihre Augen wie Edelsteine glänzen. 

»Es war wunderschön, als Ihr wieder zurückkamt!«

»Ich teile Eure Freude, Mistress.«

»Ich wußte, daß Gott Euch nicht von mir nehmen würde.«

»Mein Platz ist hier bei der Gruppe.«

»Und ich gehöre neben Euch.«

»Wir bringen Euch ohne Verzögerung nach York.«

»In Euch habe ich den wahren Weg gefunden!«

Ihre Inbrunst ging ihm ziemlich auf die Nerven, hilfesuchend blickte er sich um. Sich von Straßenräubern überfallen oder von seinen Rivalen gefangennehmen lassen war nichts im Vergleich dazu, von Eleanor Budden bedrängt zu werden. Wenn er nicht aufpaßte, würde sie ihm noch etwas rauben, was er nicht verlieren wollte, und ihn auf eine Weise gefangennehmen, die ihm nicht gefiel. Er hielt sie mit Fragen in Schach.       

»Wie gefällt Euch die Kameradschaft der Schauspieler?«

»Eure Gesellschaft ist die einzige, die ich suche, Master Bracewell.«

»Interessiert Euch denn sonst niemand, Mistress?«

»Die verblassen alle neben Euch, Sir.«

»Was ist mit Master Quilley? Das ist ein berühmter Künstler. Habt Ihr Euch bereits mit ihm unterhalten?«

»Nur wenn ich ihn unterbreche«, sagte sie. »Er war ärgerlich, als ich ihn dabei überraschte, wie er mit seinen Karten spielte.«

»Karten?«

»Solche habe ich noch nie gesehen. Da waren merkwürdige Bilder drauf, die er alle mit großer Aufmerksamkeit studierte. Es war fast, als suche er irgendeine Botschaft darin.«

Nicholas Bracewell lächelte dankbar. So unerwünscht ihm ihre Aufmerksamkeit war, so hatte er doch das Gefühl, daß sie ihm eine wertvolle Information gegeben hatte. 

Sein Mißtrauen gegenüber Oliver Quilley vertiefte sich.

*

Tage ohne seine Frau und Nächte ohne ihre lustvolle Zärtlichkeit hatten Veränderungen in Humphrey Buddens Leben bewirkt. Das Haus wirkte leer, die Kinder waren zänkisch, sein ganzes Dasein wirkte hoffnungslos und verödet. Langen Gesprächen mit Miles Melhuish folgten noch längere mit dem Dekan. Letzterer war es auch, der einen Vorschlag machte.

»Ihr habt gegen Eure Frau gesündigt.«

»Die Erinnerung daran bedrückt mich.«

»Ihr müßt ihre Vergebung suchen.«

»Wie soll ich das machen?«

»Nicht hier in Nottingham, das ist mal sicher.«

»Wo denn dann?«

»In York«, sagte der Dekan ernst. »Es gibt keinen besseren Ort, um Euch zu reinigen und zu versöhnen. Geht nach York, Sir. Sucht Eure entfremdete Frau in jenem Monument christlicher Hingabe. Das ist der Ort, wo Eure Hoffnungen liegen.«

»Wird sie mich denn zurücknehmen?«

»Wenn Ihr es verdient, Master Budden.«     

»Sollte ich die Kinder mitnehmen?«

»Allein, Sir. Das ist eine Angelegenheit zwischen Euch beiden.« Er senkte seelsorgerisch die Lider. »Und zwischen Euren Körpern.«

Humphrey Budden trat am nächsten Tag die Reise nach York an.

*

Eine Glocke hatte die Eröffnung des Pfingstmarktes verkündet, und schon brach der Teufel los. Straßen, die normalerweise schon sehr belebt waren, waren jetzt verstopft. Läden und Stände, die üblicherweise sehr beschäftigt waren, sahen sich jetzt vollkommen umlagert. York barst vor Leben. Kesselflicker, Reisende, Pilger, Landvolk, Händler, Ritter und viele mehr strömten durch vier Tore in die Stadt. Straßensänger, Komödianten, Akrobaten und Jongleure wetteiferten um Aufmerksamkeit. Kindergeschrei und das Gekläff von Hunden steigerten noch eine Kakophonie, die durch das ununterbrochene Glockengeläut geradezu ohrenbetäubend wurde. Drei heilige Tage lang war die Stadt wie verrückt.

Westfield's Men kamen durch Micklegate in die Stadt und suchten sich ihren Weg durch die Massen zum Trip to Jerusalem, einem Ort, der für sie eine besondere Bedeutung hatte. Lambert Pym hieß sie übertrieben willkommen und geleitete sie bartkratzend zu ihren Zimmern. Auch für Oliver Quilley und Eleanor Budden wurden Zimmer gefunden. Die überschwengliche Susan Becket bestimmte sich erneut zu Lawrence Firethorns Bettgenossin. Jerusalem war eine sehr weiträumige Metapher.     

Nicholas Bracewell wurde auf der Stelle zum Oberbürgermeister geschickt, um die Aufführungserlaubnis einzuholen. Als er mit dem Papier in der Hand zurückkam, fand er Lawrence Firethorn vor, der über einem Brief von Sir Clarence Marmion grübelte. Es war eine Einladung, in seinem Hause aufzutreten. Das waren wirklich gute Nachrichten. York zeigte sich als wichtiger Schrein für jegliche Pilgerfahrten. Jetzt wurde keine Zeit verloren. Plakate wurden gedruckt und ausgehängt, im Hof des Gasthauses wurde eine Bühne aufgerichtet, die erste Probe abgehalten. Die Hektik all dieser Aktivitäten ließ sie den Eindruck gewinnen, als seien sie zurück im Queen's Head.

Ein neues Drama von Edmund Hoode sollte seine Erstaufführung außerhalb Londons erleben. »Krieger des Kreuzes« hatte eine besondere Verwandtschaft mit ihrer eigenen Reise, denn es ging um einen Kreuzzug und führte Richard Löwenherz durch eine Reihe epischer Schlachten.

Westfield's Men hatten früher schon einmal ein Kreuzzugs-Stück aufgeführt, ein neues Stück eines gewissen Roger Bartholomew, eines Oxford-Schülers, der falschverstandene Vorstellungen vom Theater hatte. Hoodes Arbeit zeigte indes die Kennzeichen des echten Meisterwerks. Es war flüssig geschrieben, hatte Feuer und Leidenschaft und mitreißende Szenen. In dem Stück über Robin Hood hatte derselbe König nur eine geringfügige Rolle, in der er gegen Ende des Stückes den Held zum Ritter schlug.

»Krieger des Kreuzes« machte ihn zum Mittelpunkt der Handlung, und Firethorns Darstellung erhöhte ihn noch zusätzlich.

Nicholas Bracewell war fleißig und aufmerksam. Er brachte die Probe in Gang und merkte sich alle Fehler und Auslassungen im Verlauf der Handlung. Seine Bühnenarbeiter bekamen eine lange Liste mit Aufträgen, als alles vorbei war. Er selbst arbeitete bis zum späten Abend und begab sich dann in den Schankraum.

Oliver Quilley probierte den Malvasierwein.

»Master Bracewell, laßt mich Euch einen Drink spendieren.«

»Ich kann nicht hierbleiben.«

»Aber ich habe Euch noch gar nicht gedankt, daß Ihr mein Pferd gefunden habt.«

»Ich habe noch etwas anderes gefunden.«

Nicholas zog die Liste aus der Satteltasche hervor und gab sie dem Künstler. Quilley riß sie ihm geradezu aus der Hand.

»Ich sehe, daß einige Namen abgehakt sind, Master.«

»Diese Aufträge sind bereits erledigt.«

»Neben einer Person befindet sich ein Fragezeichen.«

»Wirklich?«

»Sir Clarence Marmion.«

»Ich kann nichts sehen.«

Quilley warf einen Blick auf die Liste, faltete sie zusammen und steckte sie ein. Ein merkwürdiges Lächeln hielt Nicholas in Schach. Der Regisseur sah den Künstler fest an.

»Woher wußtet Ihr etwas über Master Pomeroys Festnahme?«

»Nachrichten reisen schnell.«

»Nur mit besonderen Boten.«

»Ich habe meine Kontakte, Sir.«

»Das glaube ich auch.«

Der Künstler rückte mit nichts heraus. Seine unerschütterliche Ruhe war eine Herausforderung für Nicholas, der er sich jetzt jedoch nicht widmen konnte. Der Regisseur hatte eine wichtigere Aufgabe und entschuldigte sich. Er würde auf Oliver Quilley zurückkommen.

Die Nacht machte ihre ersten Schritte auf York zu, als Nicholas sich durch die Menschenmassen auf den Weg machte. Sogar im Durcheinander ihrer Ankunft hatte er Zeit gefunden, sich nach anderen Theatergesellschaften zu erkundigen. Banbury's Men waren am selben Tag in der Stadt eingetroffen. Sie waren im Three Swans in Fossgate abgestiegen. Er überquerte Ouse Bridge und hielt nach Norden zu, während er sich durch lärmende Straßen bewegte, an die er sich von einem mehrere Jahre zurückliegenden Besuch in der Stadt halbwegs erinnern konnte, und dem Yorkshire-Dialekt lauschte, den er von allen Seiten hörte. 

Das erste, was er sah, als er Fossgate betrat, war die Merchant Adventurers Hall, ein schönes, dreischiffiges Gebäude mit einer Kapelle, die zum River Foss hinüberblickte. Erbaut aus Ziegelwerk und halbem Fachwerk, war es ein langes, hohes Gebäude, das die wichtige Stellung der Merchant Adventurers unter den fünfzig Gilden der Stadt unterstrich. Nicholas erinnerte sich an etwas, das er während seines Lebens in London vergessen hatte. Auch York hatte seinen Reichtum.

Three Swans war ein Haus mittlerer Größe, das um einen wellenförmigen Hof herumgebaut war. Banbury's Men waren noch bei der Probe. Laute Stimmen erklangen hinter den Hoftoren, die geschlossen worden waren, um die Neugierigen auszusperren. Nicholas betrat das Gasthaus, kaufte sich einen Becher Ale und schlenderte durch den Schankraum zu einem Fenster, von dem er den Innenhof einsehen konnte. Es gab Galerien auf zwei Ebenen; Nicholas schätzte, daß sich morgen an die vierhundert Zuschauer hier drängen würden. Jerusalem mit dem größeren Hof hatte alle Vorteile auf seiner Seite. Lawrence Firethorn würde das gefallen.

Das Licht wurde jetzt zusehends schwächer, doch die Schauspieler blieben bei der Arbeit und versuchten voller Hektik, die unzähligen Fehler auszubügeln, die ihnen durch die ruinierten Textbücher entstanden waren. Nicholas wartete, bis niemand in seine Richtung schaute, dann huschte er eine Treppe hinauf und öffnete eine Tür. Er befand sich jetzt auf der Galerie der ersten Ebene und konnte den letzten Teil der Probe sehen. Es handelte sich um ein rustikales, derbes Stück von unerheblicher Qualität, und sie spielten es ohne Feuer oder Überzeugung. Durch einen Spalt in dem Vorhang, den sie vor ihrer Garderobe angebracht hatten, konnte er ihren Regisseur sehen, der das Textbuch weit von sich hielt und die Seiten sehr vorsichtig umdrehte.

Giles Randolph hatte wie üblich die Hauptrolle, die anderen Teilhaber waren um ihn gruppiert. Doch soviel er auch schaute, Nicholas konnte das Gesicht, das er am meisten suchte, nicht finden. Er starrte immer noch mit aller Kraft seiner Augen in die Dämmerung, als eine Stimme hinter ihm ihn herumfahren ließ.

»Seid Ihr gekommen, um mich zu sehen, Nick? Hier bin ich.«

Der Regisseur sah sich einem gezückten Schwert gegenüber, und der junge Mann war entschlossen, es zu benützen, falls das nötig sein würde. Selbst nach Richard Honeydews Warnung war er immer noch wie vom Donner gerührt. Hier war der letzte Mensch auf der Erde, den er erwartet hätte. Lawrence hatte gesehen, wie er in einem Massengrab in London verscharrt worden war. 

Es war Gabriel Hawkes.

10. KAPITEL

Die Schwertspitze berührte seine Kehle und zwang ihn mit dem Rücken gegen einen der Pfosten, die den oberen Giebelbalken trugen. Nicholas Bracewell war hilflos. Er konnte sich keinen Zentimeter bewegen. Hinter ihm und unter ihm im Hof befand sich eine Gruppe Schauspieler bei einer Theaterprobe, dennoch konnte er nicht um Hilfe rufen. Ihm blieb nur übrig, den Mann scharf zu beobachten, den er einst so sehr gemocht und respektiert hatte. Es gab einen weiteren Schock, den er zu verkraften hatte. Am Ohr seines Angreifers befand sich ein juwelenbesetzter Ohrring, der hinter seiner Leiche in das Grab geworfen worden war. Nicholas riß den Mund auf.       

»Ihr seid von den Toten auferstanden, Sir«, sagte er.

»Das ist nur Einbildung.«

»Wir haben aber beobachtet, wie Gabriel Hawkes mit den anderen Pestopfern weggekarrt und in sein Grab geworfen wurde.«

»Eure Augen haben Euch nicht betrogen, Nick.«

»Wieso steht Ihr dann hier vor mir?«

»Weil ich nicht Gabriel bin«, sagte der junge Mann. »Mein Name ist Mark Scruton. Der arme Kerl, der gestorben ist, war tatsächlich Gabriel Hawkes. Das war ein Verwandter von mir, der eine Pechsträhne hatte und in diesem ekelhaften Schuppen in der Smorrall Lane landete. Es paßte mir, seinen Namen und seine Adresse anzunehmen, während ich in Wirklichkeit in einer viel besseren Wohnung lebte.«

»Ihr seid auf Westfield's Men angesetzt worden«, sagte Nicholas, dem die Wahrheit langsam dämmerte. »Euer gutes Gedächtnis wurde gegen uns verwandt. Ihr lerntet aus unseren Textbüchern und gabt Euer Wissen an unsere Erzrivalen weiter.« 

»Das war das gute Geschäft, das ich machte.«

»Eure Freunde zu verraten?«

»Welche Zukunft konnten die mir denn bieten?« sagte Scruton verächtlich. »Als Angestellter einem Lawrence Firethorn auf den leisesten Wink gehorchen zu müssen? Sich mit übriggebliebenen Rollen abfinden zu müssen? Wenn Beschäftigung oder Rauswurf von einer Laune abhängen? Für mich gab es dort keine Zukunft, Sir! Ich bin ein echter Schauspieler!«

»Euer Können hat mich getäuscht«, gestand Nicholas ein.

»Banbury's Men stellten für mich eine echte Chance dar. Dadurch, daß ich Eure Gruppe in die Knie zwang, verdiente ich mir das Recht zur Teilhaberschaft in ihrer Gruppe. Das erlaubt mir die Stellung, die ich verdiene.« Er lächelte selbstgefällig. »Gabriel Hawkes mußte vor Euren Augen verschwinden, damit er als Mark Scruton wieder auftauchen konnte. Mein Onkel bekam die Pest, hätte jedoch noch eine Weile gelebt und dadurch meine Pläne durchkreuzt. Ich half ihm etwas auf seinem Weg zum Himmel und habe ihm bestimmt viele Schmerzen erspart. Ihr habt gesehen, wie er von seinem schmutzigen Bett gezerrt und in einem schmutzigen Leichentuch weggekarrt wurde.«     

»Er trug Euren Ohrring.«

»Das war mein Abschiedsgeschenk.« Er berührte die Perle, die an seinem Ohrläppchen hing. »Ich habe das Zwillingsstück, wie Ihr hier sehen könnt.«

Im Kopf fügte Nicholas alles zusammen.

»Ihr habt Eure Krankheit in London nur vorgetäuscht, um uns auf den Schock Eures Todes vorzubereiten«, sagte er. »Dann zogt Ihr mit Banbury's Men umher und sagtet denen, wie sie unser Geschäft am besten kaputtmachen könnten. Ihr habt Dick Honeydew entführt und diesen Pferdeknecht dazu gebracht, unsere Kostüme zu stehlen.«

»Ihr hättet beide nicht wiederfinden dürfen, Nick.«

»Das war aber meine Pflicht.«

»Und Euer Pech. Ihr wißt zuviel, mein Freund.«

»Jedenfalls genug, um Euch an den Galgen zu bringen.«

»Und auch genug, um Euch umzubringen.«

Scruton senkte das Schwert, um es ihm ins Herz zu stoßen, aber Nicholas war schneller als der Blitz. Er zuckte mit dem Fuß zur Seite, ließ sich rückwärts über die Brüstung fallen, überschlug sich in der Luft und landete auf den Füßen im Innenhof. Blut troff von seinem linken Arm, wo ihn das Schwert noch erwischt hatte, doch die Wunde war nicht tief. Er riß sein Schwert heraus, rannte ins Gebäude zurück und die Treppe hoch, um mit Marc Scruton unter gleichen Voraussetzungen zu kämpfen, doch der war verschwunden. Obwohl der Regisseur jeden Winkel des Gebäudes durchsuchte, konnte er ihn nicht finden.     

Gabriel Hawkes war wieder verschwunden.

*

Sir Clarence Marmion saß in seinem Sessel, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen. Er war eine würdevolle Gestalt, aufrecht, schlank und sehr ernst, vielleicht ein wenig kühl sogar, jemand, der seine Autorität mit Selbstverständlichkeit demonstrierte. Er trug ein schwarzes Wams, rot geschlitzt und mit einem hohen Kragen, der mit Spitzenstickerei verziert war. Oliver Quilley betrachtete ihn mit äußerster Sorgfalt, um aus seinem Gesicht den Charakter herauszulesen, doch sein Modell gab nur wenig von seinem Inneren preis. Der Künstler brachte ein paar erste Striche auf das Pergamentoval, das vor ihm auf dem Tisch lag. Sein Modell zuckte nicht mit der Wimper. Eine Stunde verging, bis Oliver Quilley das Schweigen brach.

»Die Frage einer Inschrift, Sir Clarence…«

»Inschrift?«

»Die meisten Leute wünschen sich ein paar Worte auf ihrem Porträt, um ihm Bedeutung oder Individualität zu geben. Manchmal ist es ein Familienmotto oder ein paar Worte der Liebe, die für den vorgesehenen Empfänger der Miniatur gedacht sind. Ich habe Leute gekannt, die Verse haben wollten oder sogar griechische Sentenzen.«

»Das ist nicht mein Wunsch, Sir.«

»Was soll es denn sein?«

»Ein lateinisches Zitat.«

»So sprecht, dann wird es vermerkt werden.«

»Dat poena laudata fides.«

Quilley notierte den Satz, dann runzelte er die Stirn.

»Ein merkwürdiger Spruch, Sir Clarence. ›Loyalität, obwohl gepriesen, bringt Leiden hervor.‹ Gibt es da irgendeinen Zusammenhang mit Marmion Hall?«

»Darüber braucht Ihr nichts zu wissen, Master Quilley.«

»Der Künstler muß Einblick in alles haben.«

»Übt Eure Kunst schweigend aus.«

Er nahm seine Stellung wieder ein. Oliver Quilley arbeitete, bis er den Zweck der ersten Sitzung erfüllt hatte. Sie befanden sich in der Halle, der Hausherr saß an der Wand, den Kopf eingerahmt von glänzenden Eichenpaneelen. Während der Künstler seine Utensilien einpackte, warf er bewundernde Blicke auf die Familienporträts, die an jeder Wand hingen, wobei ihm besonders das der früheren Lady Marmion auffiel, der stattlichen Mutter von Sir Clarence. Sie war mit kontrollierter Eleganz gekleidet, eine zierliche Gestalt, die Quilley zu einer Äußerung hinriß.

»Die Lady sieht so gut aus und ist so elegant gekleidet«, sagte er. »Gar nicht wie die Frauen in der Hauptstadt. Sir! Ihr macht Euch kein Bild von deren monströser Mode. Einige tragen Wämser mit Taschen auf der Brust, voller Schlitze und Einschnitte, mit Ärmeln in unterschiedlichen Farben. Ihre Pluderhosen sind so geschnitten, daß der Po hervorgehoben wird, weil die Kleidung da eng anliegt. Die Krinolinen und die unterschiedlich gefärbten Unterstrümpfe aus Seide, Jersey und dergleichen deformieren ihre Körper noch mehr. Ich habe in London einige dieser Dirnen getroffen, bei denen es mir unmöglich war, zu entscheiden, ob sie weiblich oder männlich waren!«

So etwas von jemand zu hören, der selbst in auffälliger Kleidung daherkam, hatte durchaus etwas Komisches an sich, Sir Clarence lächelte innerlich. Dann schob er die Hand in die Tasche und zog fünf Goldmünzen hervor.

»Hier ist Geld für Eure Arbeit, Master Quilley.«

»Wartet bitte, bis ich fertig bin, mein Herr.«

»Nehmt es als Anzahlung.«

»Wenn Ihr darauf besteht«, sagte der andere dankbar.

»Ein Arbeiter hat seinen Lohn verdient.«

»Ein Künstler hebt die Arbeit auf eine höhere Ebene.«

»Habt Ihr das auch für Master Anthony Rickwood gemacht?«

Die Frage machte Quilley nervös, doch er faßte sich rasch und antwortete mit einem nichtssagenden Lächeln, nahm das Geld seines Gastgebers und schob es rasch in die Tasche. Sir Clarence klingelte mit der kleinen Glocke, die vor ihm auf dem Tisch stand, kurz danach betrat ein Diener die Halle. Das war derselbe Mann, der sich früher als Gefängnismeister für einen anderen Gast im Keller des Hauses betätigt hatte. Anstelle von Folterinstrumenten brachte er jetzt zwei Weingläser auf einem Tablett. Er wartete, während die beiden Männer den ersten Schluck nahmen.

»Seid Ihr allein hierher geritten, Sir?« fragte Sir Clarence.

»Das war keine weite Reise«, antwortete Quilley.

»Es ist immer noch gefährlich.« Er deutete auf seinen Diener. »Laßt meinen Mann hier Euch nach York zurückbegleiten, damit ich sicher bin, daß Euch nichts geschieht.«

»Ich kann allein zurückreiten, Sir Clarence. Mein Pferd reitet jedem davon, der mir in den Weg tritt. Ich habe keine Angst.«

»Das solltet Ihr aber, Sir. Wir haben schlimme Zeiten.«

»Ich passe schon auf.«

Sir Clarence entschuldigte sich für einen Moment und verließ mit dem Diener den Raum. Quilley verlor keine Zeit. Sofort trat er an das Bücherregal, das an der entfernt liegenden Wand stand. Ohne zu zögern nahm er einen kleinen ledergebundenen Band mit einem hübschen Silberschloß heraus. Er schob das Buch in die Tasche, in der er seine Malutensilien aufbewahrte, und ging lässig zum Fenster hinüber, um die Aussicht zu genießen. Er betrachtete immer noch den vorderen Garten, als sein Gastgeber zurückkam. Sir Clarence war in entscheidungsfreudiger Stimmung.

»Morgen werden wir die zweite Sitzung durchführen.«

»So rasch?« fragte Quilley.

»Mir liegt daran, daß es mit dem Porträt vorwärts geht.«

»Einen Künstler darf man nicht drängeln, Sir Clarence.«

»Die Zeit ist nicht auf unserer Seite«, sagte der andere. »Morgen erwarten wir den Besuch von Westfield's Men. Kommt mit ihnen zurück und bringt Eure Sachen aus dem Gasthof mit. Ihr sollt Gast sein in meinem Haus, bis Ihr das Werk vollendet habt.«

»Das ist sehr freundlich. Marmion Hall wird mir bestimmt einen angenehmeren Aufenthalt bieten als der Trip to Jerusalem, und einen sichereren obendrein.« Er lächelte verschlagen. »Der Wirt hat mir erzählt, einer seiner Gäste sei vor kurzem von der Polizei mitgenommen worden. Ein gewisser Robert Rawlins.« 

»Ich kenne einen Mann dieses Namens nicht.«

»Das macht nichts, Sir Clarence. Er war ein Priester der Römischen Kirche. Mit jedem Freund von Master Rawlins wird man sehr energisch umspringen.« 

»Das betrifft mich nicht«, sagte der andere. »Ich bin mehr an Westfield's Men interessiert. Ihr sagt, Ihr seid mit ihnen von Nottingham hierher gereist?«

»Eine ereignisreiche Reise, in jeder Beziehung.«

»Ihr hattet sicher genug Zeit, Euch ein wenig mit ihnen anzufreunden. Wer gehört zu der Gruppe, Sir? Ich würde gerne ihre Namen kennen.«

»Alle?«

»Bis zum einfachsten Wicht.«

Quilley ratterte die Namen herunter, sein Gastgeber hörte aufmerksam zu. Dann dankte er seinem Besucher und führte ihn hinaus. Erfreut über sein großes Glück, ritt er in flottem Trab Richtung York. In seiner Tasche klimperte Geld, und sein Gastgeber hatte weiteres in Aussicht gestellt. Außerdem gab es ja noch dieses Buch in seiner Tasche. Er war so mit sich selbst beschäftigt, daß er den anderen Reiter überhaupt nicht bemerkte.       

*

Eleanor Budden kniete betend im Münster von York und spürte nichts als Verwirrung. In Nottingham war alles so einfach gewesen. Eine einzige Stimme hatte zu ihr mit einer klaren Botschaft gesprochen, und sie hatte Mann, Haus und Kinder verlassen, um ihr zu gehorchen. Es gab keine weiteren Anweisungen von oben. Als ihre Knie im Gehorsam vor Gott auf das Betkissen sanken, wartete sie auf ein Zeichen, das nicht kam. Ihr Herz gab ihr eine Richtung vor, ihr Kopf eine andere und ihre Seele eine dritte. Es dauerte noch drei Tage, bis sie den Erzbischof persönlich sprechen konnte, um seinen Rat einzuholen. Und was sollte sie in der Zwischenzeit machen?

War ihre Reise nach Jerusalem bereits in York zu Ende?

Sie erinnerte sich an die Worte einer Predigt, die Miles Melhuish am Sonntag vor ihrer Abreise gehalten hatte. Auf ihre persönliche Situation bezogen, hatte er über den Charakter eines wahren Pilgers gesprochen und über die Natur des Lebens als einer Pilgerreise. Er beschäftigte sich mit dem himmlischen Ursprung des Menschen und seiner Hoffnung auf eine Rückkehr ins himmlische Reich, aus dem er nach dem Sündenfall vertrieben worden war. Die blumigen Phrasen des Vikars kamen ihr wieder ins Gedächtnis - seine Aufzählung der Symbole des Pilgers — Muschel, Krummstab. Behälter für das Wasser der Erlösung, die Straße und der Pilgermantel - faszinierten sie. 

Je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie zu Nicholas Bracewell gelenkt. Er hatte keine sichtbare Muschel oder einen Krummstab, aber er war Fischer und Hirte für Westfield's Men, ihr Haupternährer und ihr liebevoller Beschützer. Sie hatte ihn im River Trent getroffen, als er nackt im Wasser der Erlösung trieb. Sie waren die Straße gemeinsam gezogen, und indem er die Kostümkiste wieder zurückholte, hatte er nicht nur einen, sondern viele Mäntel gefunden. Alles war da. In ihrer simplen Gedankenwelt offenbarte sich die Wahrheit nun selber. Auf eine Pilgerreise zu gehen, bedeutete, sich in ein Labyrinth zu begeben, um seine Geheimnisse zu verstehen. Das Zentrum befand sich überhaupt nicht in. Jerusalem. Es war hier in York.     

Nicholas Bracewell war ihre Bestimmung.

Von ihrer Entdeckung erregt, stand sie auf und trippelte durchs Mittelschiff zum Großen Westlichen Tor. Sie brauchte lange, um sich ihren Weg durch die verstopften Straßen mit ihrer fröhlichen Marktatmosphäre zu bahnen, doch schließlich erreichte sie den Gasthof und begab sich auf die Suche nach ihm. Nicholas genoß den Luxus eines eigenen Zimmers, wenn es auch nur ein winziges Kämmerchen im Giebel war, und dort fand sie ihn, eine Stunde vor Beginn der Aufführung.

Ihre Inbrunst war genauso groß wie seine Verlegenheit.

»Ich muß gehen, Mistress«, sagte er.

»Hört mich zuerst an, Sir.«

»Wir spielen heute vor Publikum.«

»Ich bitte nur um zwei Minuten Eurer Zeit.«

»Nun gut. Was habt Ihr zu sagen?«

Eleanor Budden richtete ihre blauen Augen auf ihn und ließ sie für sich sprechen. In ihrer Leidenschaft, ihrer Sehnsucht und in ihrem heiligen Drang sah er Bilder, die ihm höchstes Unbehagen verursachten. Sie war schön und verführerisch, doch sie war nicht für ihn bestimmt. Er trug Anne Hendrik in seinem Herzen und war nicht bereit, sie für irgendeine andere Frau beiseite zu schieben, bestimmt nicht für die verwirrte Gattin eines Spitzenmachers aus Nottingham. Nicholas empfand viel Sympathie für sie, die allerdings nicht so weit ging wie das, was sie so offensichtlich im Sinn hatte.     

»Laßt mich zu Euch kommen, Master«, bettelte sie.

»Das ist nicht angemessen.«

»Ihr seid mein Erretter.«

»Dieser Rolle bin ich nicht würdig.«

»Erlaubt mir, mich an Eurer Flamme zu erwärmen.«

»Ihr verwechselt mich, Mistress.«

»Nein, guter Mann. Ich verehre Euch.«

Er brauchte zehn Minuten, um sich von ihr zu befreien, und er schaffte das nur, indem er ihr ein weiteres Gespräch am Abend versprach. Er begab sich rasch nach unten und versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Wegen der bevorstehenden Aufführung mußte er sich ausschließlich auf andere Probleme konzentrieren. Als er an einem der Zimmer für die Angestellten der Gruppe vorbeikam, hörte er etwas, das ihn auf der Stelle zum Stehen brachte und ihn die Bedrohung durch Mistress Eleanor Budden vergessen ließ. Die Worte schneidender Verse drangen durch die Tür. Es war Lawrence Firethorns Stimme, in voller Fahrt als Richard Löwenherz, der seine Truppen vor der Schlacht gegen Saladin anfeuert, ihre Entschlossenheit bestärkt und ihr Blut zum Kochen bringt.

Obwohl er diese Ansprache schon häufig gehört hatte, war Nicholas wie gebannt von ihr und von der phantastischen Virtuosität, in der sie vorgetragen wurde. Doch als sich die Tür öffnete, war es nicht Lawrence Firethorn, der von einer spontanen Probe seines Textes kam.

Es war Christopher Millfield.

*

York war eine stolze Stadt mit durchaus eigenem Stil, die niemandem voreilig Respekt zollte. Mehr als nur ein König war vor ihren Toren abgewiesen worden, und auch die Earls von Northumberland, ihre althergebrachten Oberherren, stießen von Zeit zu Zeit auf Ablehnung. Während des Kriegs der Rosen hatte sie als Basis für die Rebellen gedient, war aber auch der Brennpunkt der Pilgerfahrt der Gnade gewesen. Jener Aufstand des Jahres 1536 hatte sich hauptsächlich gegen die Auflösung der Klöster gerichtet, was man als ein weiteres schlimmes Ergebnis der Reformation betrachtete. Die Botschaft der Jahrhunderte war klar. Yorks Gunst war keine Selbstverständlichkeit.

Doch freudig ergab sich die Stadt Westfield's Men. Ironischerweise verdankten sie den Erfolg dem einen der beiden einzigen mittelalterlichen Könige, die nie in der Stadt gewesen waren. In der Gestalt des Lawrence Firethorn machte Richard I. diesen Fehler jetzt wieder gut. Er war inspirierend. Die ganze Gruppe lieferte, von seinem Beispiel angefeuert, die beste Aufführung seit Monaten. Die »Krieger des Kreuzes« entfalteten wirkliche Großartigkeit. Die Vorführung war so mitreißend, daß Hunderte von Schaulustigen, die sich im Trip to Jerusalem drängten, sie nicht aus den Augen zu lassen wagten, um nur ja nichts zu verpassen.

Es war nicht nur Richard Löwenherz, der sie begeisterte. In der kleinen, aber rührenden Rolle der Berengaria, der Frau des großen Kreuzritters, fand Richard Honeydew wahren Pathos. Christopher Millfield war einmal mehr ein hervorragender Musikant. Edmund Hoode hatte für sich selbst eine ausdrucksstarke Szene geschrieben, in der er einen furchtlosen Ritter spielte, der, von einem feindlichen Speer aufgespießt, eine längere Rede über Englands Ehre hält, für die er sofort zu sterben bereit sei. Die deutlich hervorgehobene Erwähnung von York selbst - erst im letzten Moment hinzugefügt - ließ donnernden Applaus aufbranden.

Die »Krieger des Kreuzes« gaben ihnen alles und noch mehr, nicht zuletzt einige unerwartete, aber zum Brüllen komische komödiantische Einlagen von Barnaby Gill als tauber Seneschall, der dem Tanz verfallen ist.

Es war das sensationellste Theaterereignis in York seit zehn Jahren. Magie lag in der Luft, als Richard die Schlußworte des Dramas deklamierte:

In Gottes Diensten finden wir Belohnung, Befriedigung für unsre innern Seelen. Dort ernten wahres Gold wir, der Rest ist nur Gekrätz; voran, Ihr tapfren Seelen, Ihr Krieger für das Kreuz!

Langanhaltender Applaus brach los. Die Stadt öffnete Westfield's Men ihr Herz und bejubelte sie, bis die Kehlen heiser waren. Hart arbeitende Schauspieler wurden wie Helden geehrt. Erinnerungen an Zurückweisungen verwehten ins Nichts angesichts solch freudiger Begeisterung.

Dies war das echte Jerusalem.

*

Humphrey Budden hörte das Jubelgeschrei schon in einer Meile Entfernung und fragte sich, was es zu bedeuten habe. Je näher er York kam, desto sehnlicher wünschte er sich, seine Frau wiederzusehen und sie zu sich zu nehmen. Getrieben von der Hoffnung auf Versöhnung, war er in wahnsinnigem Tempo von Nottingham hergeritten und war beinahe genauso schweißüberströmt wie sein Pferd. Zerknirschung beutelte ihn. York war eine heilige Stadt, in der alle ehelichen Wunden geheilt werden würden. Das Geräusch, das an sein Ohr drang, schien zwar nicht viel mit frommer Verehrung zu tun zu haben, doch es trug jedenfalls dazu bei, ihn auf dem letzten Teil seiner Reise anzufeuern.

Sein Pferd jagte durch Micklegate. Eine kurze Rückfrage sagte ihm, wo die Gruppe spielte, und weiterging es mit klappernden Hufen durch die Straßen. Als er den Gasthof erreichte, strömten die Leute in festlicher, glücklicher Stimmung heraus. Er band irgendwo sein Pferd fest, kämpfte sich gegen den Strom vorwärts und stolperte in den Hof, wo er in den Armen eines überraschten Nicholas Bracewell landete.

»Willkommen, Master Budden. Ihr kommt zu spät, Sir.«

»Ist Eleanor schon weg?«

»Ich sprach von der Aufführung.«

»Wo ist meine Frau?«

»Sie hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen.«

»Bringt mich zu ihr, Master Bracewell.«

»Mit größter Freude, Sir.«

Ein neuer Gedanke ließ ihn jedoch innehalten. Vielleicht war Eleanor Budden gar nicht so begeistert, ihren Mann willkommen zu heißen, den sie so seelenruhig in Nottingham verlassen hatte. Sie hatte ihre Augen auf ein ganz anderes Ziel gerichtet, und der verschwitzte Humphrey war vielleicht nicht gerade der Richtige, um sie davon abzubringen, auch wenn er es gut meinte. Nicholas trat zurück, um sich den Mann anzuschauen. Größe und Körperbau waren ideal. Das rosige Gesicht konnte geändert werden. 

»Kommt mit mir, Master Budden.«

»Bringt Ihr mich zu meiner Frau?«

»Wenn es soweit ist, Sir. Alles zu seiner Zeit.«

Genüßliche Vereinigung war auch das Ziel von König Richard. Lawrence Firethorn war von seiner eigenen Vorstellung begeistert und glühte vor Freude über den herzlichen Empfang durch das Publikum, vor allem aber wegen der prall gefüllten Geldbeutel, die die Eintrittskartenverkäufer ihm brachten. Die »Krieger des Kreuzes« waren nicht nur ein künstlerischer Triumph gewesen, sondern auch ein glänzendes Geschäft. Was ihm jetzt noch übrigblieb, waren Feierlichkeiten und triumphale Freudenritte durch die ganze Nacht.

Dutzende von schönen, jungen Frauen schwärmten im Gasthof um ihn herum und boten ihm mit flatternden Augenlidern ihre Gunst an. Doch er hatte bereits einen Untermieter für sein Schlafzimmer. Mistress Susan Becket würde die erste sein. Obwohl sich die Dame ihm in ihrem eigenen Gasthof so wunderbar hingegeben hatte, waren ihre Balgereien bis jetzt immer kurz vor dem höchsten Höhepunkt zu Ende gewesen. Eine einzige lange Geschichte eines ständigen Coitus interruptus, weil die Angelegenheiten von Westfield's Men zwischen sie fuhren wie ein nacktes Schwert, das ihnen ihre Keuschheit bewahren wollte. Aber das war jetzt alles vorbei, jetzt konnte er sie nach Herzenslust nehmen, solange er wollte.       

Doch das reichte ihm noch nicht. König Richard hatte auch in der Liebe das Herz eines Löwen und hatte Lust auf einen Nachtisch, der den Geschmack der Hauptmahlzeit versüßen sollte. Susan Becket war Essen und Trinken zwischen den Laken, aber Eleanor Budden, die war Erdbeeren und Schlagsahne. Seine Phantasie ging mit ihm durch. In einer idealen Welt würde er sie beide gleichzeitig haben, in gemeinsamer Ekstase, in der sich jede freudig seinen sinnlichen Lüsten unterwarf und wo sich Heiligkeit und Hurenhaftigkeit zum totalen Höhepunkt männlicher Begierden vereinen würden. Da das jedoch leider nicht möglich war, gab er sich mit einem Kompromiß zufrieden und rief einen der Jungen zu sich.   

»John Tallis!«

»Ja, Master?«

»Bitte Mistress Becket, in mein Zimmer zu kommen.«

»Ja, Sir.«

»Und anschließend bittest du Mistress Budden, das gleiche zu tun. Sag ihr, ich sei jetzt bereit, ihr die Psalmen vorzulesen.«

John Tallis' Kinn fiel hörbar hinunter.

»Sollen sie beide gleichzeitig kommen, Sir?«

»Die eine zuerst und die andere eine Stunde später.«

Er ließ den Lehrling mit seiner Aufgabe allein und ging nach oben, um sich für eine Nacht sinnlicher Freuden vorzubereiten. Er stieß die Tür seines Schlafzimmers auf und schaute zu dem Himmelbett hinüber, dem Schauplatz seiner Lustbarkeiten. Das Lachen blieb ihm im Halse stecken.

Das Bett war besetzt. Ausgebreitet auf der Decke lag sein zweitbester Mantel, wild darüber verstreut Rechnungen seiner Gläubiger. Die Niederlage starrte König Richard ins Gesicht. Der böse Feind trat aus einem Erker auf ihn zu. »Lawrence!«   

Margery Firethorn war an diesem Nachmittag eingetroffen. Nach ihrem langen Ritt hatte sie sich noch nicht wieder eingekriegt und dampfte immer noch wie ein Walroß. Sie war ausgesprochen kampflustig. 

»Ihr habt mich verraten, Sir!« heulte sie.

»Das ist nicht ganz richtig, meine Liebe…«

»Schaut doch hin!« sagte sie und deutete auf das Bett. »Kaum hattet Ihr London verlassen, da stürzten sich die Aasgeier auf mich, um mir den letzten Fetzen Fleisch von den Knochen zu nagen. Eure Schulden wurden mein Ruin, Sir. Ich kann sie nicht bezahlen. Eure Gläubiger drohen Euch mit Zwangsvollstreckung. Wir landen noch alle auf der Straße.«

Firethorn gewann seine Fassung bemerkenswert schnell zurück.

»Aber nicht doch, meine Süße«, sagte er besänftigend. »Seid Ihr den ganzen Weg bis York so voller Sorge hergereist? Das soll sich sofort ändern.« Er warf eine Geldbörse auf das Bett. »Da ist Gold für dich, Margery. Genug, um hundert Rechnungen zu bezahlen, und dann bleibt immer noch etwas übrig. Bei den Göttern, es ist ein Wunder, dich wiederzusehen. Komm, laß mich deine Sorgen fortküssen und deine Schmerzen lindern.«

Obwohl sie sich langsam beruhigte, hielt sie ihn auf Armeslänge von sich fern.     

»Warum habt Ihr mir nicht geschrieben, Sir?«

»Aber ich habe geschrieben!« log er. »Jeden Tag.«

»In Shoreditch sind keine Briefe eingetroffen.«

»Vielleicht hast du sie unterwegs verpaßt.«

»Wir steckten in großen Schwierigkeiten, Sir.«

»Ich habe dir meine Liebe und mein Geld geschickt, um meine Abwesenheit zu mildern«, sagte er mit viel Überzeugungskraft. »Aber wie bist du eigentlich hierhergekommen?«

»Zu Pferd.«

»Aber sicherlich nicht allein, oder?«

»Lord Westfield gab mir vier Begleiter mit«, sagte sie. »Ich habe mich in meiner Not an ihn gewandt, und er war sehr großzügig.«

»Entschieden zu großzügig«, murmelte Firethorn zu sich selbst.

»Und Ihr habt mir wirklich Geld geschickt?«

»Nick Bracewell kann es bezeugen.«

Margery Firethorn entspannte sich. Der einzige Mann in der ganzen Gesellschaft, dem sie vertraute, war der Regisseur. Wenn der die Behauptung ihres Mannes bestätigte, war sie zufrieden. Ihre Kampfeslust verebbte langsam, was Firethorn nicht verborgen blieb. Rasch ergriff er die Gelegenheit beim Schöpfe.

»Deine Ankunft hätte nicht günstiger sein können.«

»Wirklich, Sir? Wieso?«

»Weil ich ein Geschenk für dich habe.«

»Vielleicht wieder ein Ring, den ich verkaufen darf, wenn die Zeiten härter werden?«

»Sei nicht so gemein zu mir, Margery.«

»Ich will keine Geschenke, die mir nicht ganz gehören.«

»Nimm dies hier und erkenne, wie sehr dein Mann dich liebt.«

Margery schaute den Gegenstand an, den er ihr in die Hand drückte, und spürte eine Woge tiefer Freude. Es war das Werk von Oliver Quilley, ein meisterhaftes Miniaturporträt von Lawrence Firethorn, das seine Klasse mit unnachahmlicher Meisterschaft einfing. Eigentlich hatte er es Eleanor Budden geben wollen, als Lockmittel, aber jetzt wurde es dringlicher benötigt. Margery war überwältigt. Er flüsterte ihr ins Ohr.

»Kannst du die Inschrift lesen?«

»Wo, Sir?«

»Da, am unteren Rand.«

Mit einer fast kindlichen Atemlosigkeit las sie die Worte vor.

»Amor omnia vincit.«

»Liebe überwindet alles.«

»Oh, Lawrence!«

Seine Lippen besiegelten seine haarscharfe Rettung. Ihre Umarmung wurde von lauten Schritten auf der Treppe unterbrochen, dann segelte Susan Becket mit interessanter Vertraulichkeit in sein Zimmer. Margery warf sofort den Kopf zurück, aber ihr Gatte meisterte auch diese Notsituation.

»Ah, Frau Wirtin!« sagte er und schnippte die Finger. »Laßt eine Flasche Eures besten Weines für mich und meine Frau heraufschicken. Und zwar rasch, Frau!« Er schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. »Und sorgt dafür, daß dieses psalmensingende Weib, diese Mistress Budden, mir aus dem Weg geht. Ich will von ihrer Religion heute nacht nichts hören!«

Susan Becket zog sich stark verwirrt zurück.

Firethorns Pläne waren zweimal durchkreuzt worden, doch ein drittes Mal sollte das nicht passieren. Als seine Lust zurückkehrte, riß er Margery in seine Arme, warf sie aufs Bett, bestieg sie und ritt mit ihr inmitten unbezahlter Rechnungen.

*

Mistress Eleanor Budden befand sich in ihrem Zimmer, als John Tallis ihr die Botschaft seines Masters überbrachte. Diese wurde auf der Stelle widerrufen, als Richard Honeydew aufkreuzte.

»Ich habe eine Botschaft für Euch, Mistress.«

»Von Master Bracewell, hoffe ich?«

»Genau von diesem.«

»Nun, Sir?«

»Er bittet Euch, ihn in seinem Zimmer aufzusuchen.«

»Der Himmel hat mein Flehen erhört!«

»Er wird sich dort mit Euch unterhalten.«

Der Junge zog sich freundlich zurück. Voller Erwartung begann Eleanor, heftig zu atmen. Die Erfüllung ihres größten Wunsches stand jetzt dicht bevor. Sie liebte Nicholas Bracewell, und er hatte jetzt nach ihr geschickt. Gott hatte sie beide einander in die Arme geführt.

Sie erklomm die Stufen Jerusalems.

Nachdem sie leise an seine Zimmertür geklopft hatte, öffnete sie sie und betrat das Zimmer. Die Vorhänge waren zugezogen und das Zimmer halbdunkel, doch sie konnte Nicholas Bracewell mit einer Deutlichkeit sehen, die ihr Herz hüpfen ließ. Neben seinem Kopf brannte eine kleine Kerze, die ihr Licht auf sein blondes Haar und den schimmernden Bart warf. Als er sich zu ihr umdrehte, verrutschte das Laken, und sie sah, daß er nackt war.

Ihre leidenschaftlichen Sinne trieben sie vorwärts. Hier endete ihre Pilgerfahrt. Nicholas Bracewell war ihr erwählter Pfad. Sie rannte zum Bett und warf sich über ihn. Er blies die Kerze aus. Sie versanken ineinander, umschlangen sich, küßten sich und drangen ineinander, bis ihre Stimmen sich in einem Schrei der höchsten Wollust vereinten. Noch nie hatte Eleanor Budden eine so tiefe, göttliche Befriedigung gespürt.

Die aufgestauten Begierden ihres Leibes und ihrer Seele hatten sich inmitten der Geheimnisse des Liebesaktes aufgelöst. So groß war der Rausch ihrer Ermattung, daß es ihr nichts ausmachte, als sich Nicholas Bracewells Bart in ihrer Hand auflöste oder sich seine Perücke verschob. Sie beklagte sich auch nicht, als sein sorgfältiges Make-up sich an ihrem Gesicht abnibbelte. Dies war der Gipfel des Glücks. Sie war Christi Braut.

Humphrey Budden war selig, daß er nach York gekommen war.

*

Während die ehelichen Wiedervereinigungen stattfanden, saß Nicholas Bracewell mit ein paar anderen Angestellten im Schankraum und genoß sein Abendessen. Sein Giebelzimmer würde ihm diese Nacht nicht zur Verfügung stehen, doch das machte ihm nicht das geringste aus. Statt dessen erfreute er sich an seinem klugen Arrangement, das dafür sorgte, daß eine irregeleitete Ehefrau ihr geistiges Ziel und ein sitzengelassener Ehemann seine Glückseligkeit wiederfanden. Der Regisseur hatte mehr als nur ein Thema im Kopf, das ihn beschäftigte. »Krieger des Kreuzes« war zweifellos ein großer Erfolg gewesen, doch morgen sollte das Stück erneut aufgeführt werden — allerdings unter erheblich schlechteren Bedingungen. Als erstes mußte er am frühen Morgen nach Marmion Hall reiten, um sich den Aufführungssaal anzuschauen und einige Entscheidungen zu treffen über die Art, wie das Stück hier aufgeführt werden konnte. Während er mit  halbem Ohr den Plaudereien seiner Freunde folgte, konzentrierte sich sein Verstand ganz auf die Herausforderungen des nächsten Tages.

Edmund Hoode kam eilig herein und setzte sich zu ihm.

»Habt Ihr schon die guten Neuigkeiten gehört, Nick?«

»Über was?«

»Banbury's Men.«

»Die haben in den Three Swans gespielt, heute.«

»Sie haben es versucht, Nick, aber ohne den geringsten Erfolg. Es war irgendeine vertrackte Komödie über Landpomeranzen und scharfe Jünglinge. Ich hab' mit einem gesprochen, der sich die ganze Posse angeschaut hat.« Er gluckste schadenfroh. »Er sagt, es sei die absolute Katastrophe gewesen. Texte vergessen, Einsätze verpaßt und jedes Unglück erlitten, das einer Theatergruppe nur zustoßen kann. Das Publikum hat sie von der Bühne gejagt. Selbst Master Randolph konnte sie nicht erheitern.«

»Das sind wirklich mal gute Nachrichten.«

»Unsere ›Krieger des Kreuzes‹ haben sie am Boden zerstört.«

»Und zu Recht, Edmund.«

»Das ist ihre gerechte Strafe, weil sie meine Stücke gestohlen haben. Sie haben ordentlich was aufs Dach bekommen.« Er seufzte. »Trotzdem würde ich zu gerne wissen, wer den Sicinius gespielt hat. Ich nenne ihn einen Schurken, wenn ich ihn jemals treffe.«

»Warum haben Banbury's Men denn so schlecht gespielt?«

»Weil es ihrem Stück an Klasse mangelte.«

»Aber es muß auch noch andere Gründe gegeben haben.«       

»Gab es auch«, sagte Hoode. »Ihnen fehlte ein wichtiger Schauspieler. Einer von ihnen fiel für eine ganz besondere Rolle aus, und so schnell fanden sie keinen Ersatz. Seine Abwesenheit hat sie dorthin gebracht, wo sie auch hingehören.«

Nicholas wußte, daß der fehlende Schauspieler Mark Scruton sein mußte. Jetzt, da sein Geheimnis gelüftet war, wagte er nicht, in York zu bleiben, um nicht vom Regisseur gefaßt zu werden. Es gab aber auch eine wichtige Folge seines plötzlichen Verschwindens. Scrutons Machenschaften hatten ihn bei Banbury's Men beliebt gemacht, aber seinen schnellen Weggang würden sie sich nicht gefallen lassen. Nichts mehr von festem Anstellungsvertrag, nichts mehr von Aufnahme in den Kreis der Anteilseigner. Jetzt gab es keine Chance mehr für ihn, auf Kosten von Westfield's Men zu höheren Theaterehren aufzusteigen. Man konnte sich trösten. Nicholas war überzeugt, ihn nie mehr wiederzusehen. 

*

Sobald er seine Wohnung verlassen hatte, wußte er, daß er verfolgt wurde, aber er ging deshalb nicht schneller. Das hätte seinem Verfolger nur gesagt, daß er von seiner Anwesenheit wußte. Während er durch die Straßen von York schlenderte, betrat er gemächlichen Schrittes eine dunkle Gasse. Als er deren Ende erreicht hatte, bog er um die Ecke und drückte sich in den ersten Türbogen. Er hörte schon bald das leise Näherkommen von Schritten, die ihm folgten. Er zog seinen Dolch hervor und hielt sich bereit.

Eine stämmige Gestalt bog um die Ecke und blieb unschlüssig stehen, als sie merkte, daß sie ihr Ziel verloren hatte. Er kratzte sich den Kopf und blickte in die Gasse zurück, durch die er gerade gekommen war. Das war das Letzte, was er jemals sah. Eine Gestalt tauchte geräuschlos hinter ihm auf und preßte ihm eine Hand auf den Mund. Bevor er sich auch nur rühren konnte, wurde ihm mit geübtem Schnitt die Kehle durchgeschnitten. Der Mann brach zusammen. Sein Angreifer blieb noch, um sich über sein Opfer zu beugen und es kurz zu betrachten. Auf dem Jackenärmel des Mannes konnte man das Wappen des Hauses Marmion erkennen. Es war eine rechtzeitige Warnung.     

Mark Scruton verschwand rasch vom Tatort.

*

Oliver Quilley saß am Tisch in seinem Zimmer im Gasthof und untersuchte das Buch, das er in Marmion Hall gestohlen hatte. Es war ein Meßbuch in lateinischer Sprache und enthielt alle Rituale und Zeremonien der römisch-katholischen Kirche. Er interessierte sich weniger für den Inhalt als für die schlichte Schönheit des Buches, strich mit begehrlichen Händen über das sanfte Leder des Einbandes und betrachtete das Glitzern der silbernen Schließe. Er öffnete das Buch, um die Schönheit des Druckes zu bewundern.

Als er seine Beute lange genug besehen hatte, verstaute er das Buch wieder in seiner Tasche und zog einen Packen Spielkarten hervor, die bunte Bilder zeigten. Nachdem er sie sorgfältig gemischt hatte, begann er sie in einer bestimmten Reihenfolge auszulegen.       

Die letzte Karte auf dem Tisch war für ihn keine Überraschung.

Oliver Quilley hob sie mit einem grimmigen Lächeln auf.

*

Mistress Susan Becket hatte ein weiches Herz, das durch Firethorns Behandlung verletzt worden war. Auf ihrer Suche nach Sympathie und Mitgefühl wandte sie sich auf der Stelle an Nicholas Bracewell, der ihren Worten voller Verständnis lauschte. Bei einem Drink im Schankraum schüttete sie ihm ihr ganzes Herz aus und erreichte schließlich den Punkt, an dem ihre Probleme nur noch durch ein einziges Heilmittel gelöst werden konnten. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Bringt mich in mein Zimmer, Sir.«

»Geht es Euch nicht gut, Mistress Becket?«

»Bringt mich ins Bett und seid mein Arzt.«

»Das ist nicht möglich«, sagte Nicholas ausweichend.

»Laßt Euch nicht durch falsche Loyalität zu Master Firethorn abhalten«, schnurrte sie. »Er hat mich abgewiesen, und deshalb kann ich mir jeden aussuchen, den ich will.«

Sie hob den Kopf, um ihn anzustrahlen, und befreite seine Schulter. Er hielt sie gerade und blickte sich um. Die Rettung stand auf der anderen Seite des Schankraumes, fettleibig und dienstbeflissen. Nicholas winkte ihn zu sich.

»Herr Wirt!«

»Ja, Sir?« Lambert Pym watschelte herbei.

»Mistress Becket braucht Hilfe, um in ihr Zimmer zu gelangen.«

»Ich werde sie persönlich hingeleiten«, sagte er bereitwilligst. »Stützt Euch nur auf mich, Mistress. Wir gehen zusammen die Treppe hinauf.«

Sie akzeptierte sein Angebot und nahm seinen dicklichen Arm.

»Donnerwetter, was habt Ihr aber starke Muskeln, Master Pym!«

»Weil ich mein Leben lang mit schweren Fässern hantiert habe.«

»Das verstehe ich sehr gut«, meinte sie, als er ihr vom Stuhl hochhalf. »Ich habe auch meinen Teil solcher Arbeit geleistet. Wir sind zwei von der gleichen Sorte, Sir.«

»Das wußte ich, als ich Euch zum ersten Mal sah.«

Lambert Pyms dick aufgetragene Schmeicheleien waren exakt das, was sie jetzt brauchte; Nicholas war zufrieden. Zum zweiten Mal in dieser Nacht hatte er eine leidenschaftliche Frau in die Arme eines anderen Mannes geführt. Susan Becket lehnte sich vertrauensvoll an den Hauswirt, als sie gemeinsam zur Treppe gingen. Sie würde schon sehr bald die Beleidigungen vergessen, die man ihr zugefügt hatte. Gleich und gleich gesellt sich gern. Körperlich und geistig hatte sie in Lambert Pym den richtigen Partner gefunden.

»Das war gute Arbeit, Nick.«

»Diese Dame ist nicht für mich.«

»Den Grund dafür habe ich in Nottingham gesehen. Mistress Anne Hendrik ist wirklich eine hübsche Frau und Eurer Standhaftigkeit würdig.«

Christopher Millfield hatte alles vom Nebentisch aus beobachtet und kam jetzt zu seinem Freund an den Tisch. Nicholas war froh, einen Moment allein mit ihm sprechen zu können. Seit seinem Zusammentreffen mit Mark Scruton hatte er erkannt, wie grundlos sein früheres Mißtrauen gewesen war. Millfield war es nicht gewesen, der Gabriel Hawkes ermordet hatte. Gewissensbisse ließen Nicholas viel Sympathie für den anderen empfinden.

Der Schauspieler befand sich in heiterer Gemütsverfassung.

»Welche von den beiden wäre wohl das größere Übel?« fragte er.

»Übel?«

»Mistress Budden oder Mistress Becket?«

»Da bin ich nicht besonders neugierig.«

»Die eine würde Euch kreuzigen und die andere erdrücken.«

»Jetzt hat ja jede den richtigen Bettgenossen.«

»Ich hätte nie gedacht, daß Ihr so ein Feigling wärt.«

Sie brachen gemeinsam in Lachen aus, dann kam Nicholas zu einem Thema, das ihm schon seit längerem im Kopf herumging.

»Wißt Ihr irgend etwas über Tarot?«

»Nur daß die Karten zu einer Art Wahrsagerei benutzt werden. Ich habe einmal ein Spiel solcher Karten gesehen, das ist aber auch schon alles. Warum fragt Ihr?«

»Ich denke über Master Quilley nach.«

»Ein komischer Kerl, in jeder Beziehung.«

»Mistress Budden sagt, er habe einen Packen Karten mit bunten Bildern drauf. Könnten das die Trumpfkarten des Tarot sein?«

»Ich weiß es nicht, Nick.«

»Braucht er sie, um die Zukunft vorherzusagen?«

Eines der Kellnermädchen kam in den Schankraum und kicherte, als es Millfield erblickte. Er winkte ihr freundlich zu und wandte sich mit einem entschuldigenden Schulterzucken wieder an Nicholas.

»Ich fürchte, ich muß mich jetzt um etwas anderes kümmern.«

»Noch eine Frage, bevor Ihr geht«, sagte der andere. »Mistress Budden hat eine Beschuldigung gegen Euch erhoben.«

»Worüber?«

»Atheismus.«

Christopher Millfield brach in Gelächter aus.

»Die Frau ist völlig absurd!« sagte er in scherzhaftem Ton. »Wenn ich wirklich ein Atheist wäre, hätte man mich bestimmt schon längst verhaftet. Aber ich bin immer noch in Freiheit.« Er ging zu dem Mädchen. »Fragt Mistress Budden, wie sie das erklärt.«

Nicholas wartete, bis die beiden den Schankraum verlassen hatten, dann trank er sein Glas aus. Er war verwirrt. Irgend etwas in der Stimme des Schauspielers hatte ihn auf eine Gefahr aufmerksam gemacht, aber er konnte nicht sagen, was es war. Nachdem er eine Weile darüber gegrübelt hatte, gab er es auf und überließ sich einem ausgiebigen Gähnen. Es war inzwischen sehr spät, er war rechtschaffen müde. Da er mittlerweile der einzige Gast im Schankraum war, stand er auf und ging auf den Hof hinaus, um sich auf die Suche nach einer Schlafstelle für die Nacht zu machen. Der Pfingstmarkt hatte alle Pferdeboxen belegt, er hoffte, auf dem Heuboden etwas Bequemlichkeit zu finden. Er stieg nach oben und ließ sich in ein weiches und wohlduftendes Bett sinken. Er schlief bereits, bevor er sich auch nur die Schuhe ausziehen konnte.

Eine Stunde verging, dann ließ ihn ein Geräusch aus dem Schlaf hochfahren. Es war nicht mehr als das Quietschen einer Tür, doch es brachte ihn an das offene Fenster. Unten im Hof erblickte er eine Gestalt, die verstohlen zum Hoftor schlich - eine Gestalt, die inzwischen für nächtliche Wanderungen bekannt war. Es war Christopher Millfield, der sich zielstrebig bewegte. 

Irgend etwas drängte Nicholas, ihm zu folgen. Rasch stieg er die Leiter hinunter und verließ den Schuppen. Geduckt und mit viel Abstand folgte er dem anderen durch die Straßen und über die Ouse Bridge. In seinem Kopf wirbelte es vor lauter Spekulationen. Hatte er Millfields Freundschaft zu schnell akzeptiert? Konnte der Mann trotz allem irgendwelche finsteren Absichten haben? In der Nacht vor der Aufführung in Pomeroy Manor war der Schauspieler zum ersten Mal um Mitternacht verschwunden. Und kurz nach dem Auftritt von Westfield's Men war ihr Gastgeber verhaftet worden. Nicholas erinnerte sich an die Liste, die er in Quilleys Satteltasche gefunden hatte. Millfield war es gewesen, der wußte, daß sich hinter den Namen Katholiken verbargen.

Während seine Gedanken rasten, trugen ihn seine Füße auf einer anstrengenden Wanderung quer durch York. Der Verfolgte schien sehr genau zu wissen, wohin er ging. Sie passierten Blake Street und bogen in die Lop Lane, bevor Millfield stehenblieb und leise an die Tür eines Giebelhauses klopfte. Innerhalb von Sekunden betrat er das Haus, dann flammten Kerzen auf in einem Zimmer über der Tür. Das Fenster war nur angelehnt, Nicholas konnte das leise Murmeln von Stimmen hören. Welche Verschwörung hier auch immer ausgeheckt wurde, sie konnte entdeckt werden, wenn er etwas näher rankam.       

Nicholas blickte zur Straßenecke zurück und entdeckte einen überhängenden Giebel, der niedrig genug war, um vom Boden aus erreichbar zu sein. Er suchte sich einen festen Halt, zog sich hoch und kletterte die Wand empor, bis er das Dach erreichte. Er brauchte nicht lange, um von Dach zu Dach und Haus zu Haus zu klettern, bis er an das Fenster kam, das er suchte. Die Stimmen waren zu leise, als daß er sie hätte verstehen können, doch der Vorhang vor dem Fenster klaffte ein wenig auseinander, als er sich herunterließ.

Beschämung überkam ihn, als er ins Zimmer spähte. Hier ging es allerdings um keine politische Verschwörung. Christopher Millfield lag nackt auf einem Bett und küßte einen jungen Mann in seinen Armen mit einer Leidenschaft, die keiner Erklärung mehr bedurfte. Jetzt paßten weitere Puzzlesteine zusammen. Nicholas entsann sich seines koketten Umgangs mit Frauen, der aber offenbar nie darüber hinausging, und an Barnaby Gills Interesse an dem Schauspieler. Ferner erinnerte er sich an die Rede, die er im Gasthaus gehört hatte. Es war nicht nur Millfields Eitelkeit gewesen, die ihn dazu brachte, die Hauptrolle in dem Stück zu proben. Richard Löwenherz war ein Held, mit dem er gewisse Ähnlichkeit hatte. Obwohl die Welt ihn wegen seiner militärischen Leistungen anerkannte und bewunderte, war Englands populärster Monarch nicht ohne Fehler gewesen. Die Berichte über seine männlichen Liebhaber waren zu zahlreich und zu exakt, um völlig falsch zu sein. 

Nicholas schwang sich von dem Giebel herab und sprang wieder auf den Boden. Abartige Leidenschaften waren ein Verbrechen, das mit strengen Strafen geahndet wurde, aber er hatte nicht die Absicht, etwas zu unternehmen. Obwohl er von Millfield ein wenig enttäuscht war, nahm er ihm die Sache nicht übel. Der Mann hatte ein Recht auf seine privaten Vergnügungen, vor allem, wenn er mit so viel Diskretion zu Werke ging. Nicholas hatte sich unerlaubterweise eingemischt. Zerknirscht und mit dem Gefühl erheblicher Verärgerung über sich selbst machte er sich auf den Rückweg zum Gasthof. Er brauchte Schlaf, um sich für die Strapazen des kommenden Tages zu wappnen und konnte seine Zeit nicht damit verplempern, hinter seinen Freunden herzuspionieren. Während er die Brücke überquerte, schalt er sich, daß er sich so hatte in die Irre leiten lassen.     

In diesem Moment erblickte er die Leiche.

Vom Mondlicht schwach beleuchtet, trieb sie mit dem Gesicht im seichten Uferwasser des Flusses. Er lief hin und watete ins Wasser, um die Leiche zu packen. Sobald er das Gewicht des kleinen Körpers spürte und die Qualität des Wamses erkannte, wußte er, wen er vor sich hatte.

Master Oliver Quilley.

Nicholas zerrte ihn ans Ufer und drehte ihn auf den Rücken. Tote Augen starrten ihn an. In seiner Kehle steckte noch der Dolch des Mörders. Das Gesicht zeigte bereits eine beginnende Totenstarre. Doch es war die rechte Hand des Mannes, die seine Aufmerksamkeit erregte. Sie krampfte sich über etwas zusammen, als wolle sie es unter allen Umständen beschützen. Nicholas hatte Mühe, die Finger zu lösen und das Stück Pergament zu nehmen, das einmal das Porträt von Sir Clarence Marmion tragen sollte. Verschmierte Linien ließen sich in der Dunkelheit gerade noch erkennen. Als Nicholas es umdrehte, bekam er allerdings einen Schock.     

Quilley hatte das Pergament auf ein Bild geklebt, das er von einer Tarot-Karte ausgeschnitten hatte. Es zeigte einen Mann, der an einem Strick hing, mit dem man seine Füße gefesselt hatte. Nicholas kannte das Bild. Es war Der Gehenkte Mann. Gelegentlich wurde die Karte auch anders genannt.

Der Verräter.

11. KAPITEL

Banbury's Men schlurften trostlos über den Hof der Three Swans und beluden ihr Fuhrwerk. Nach ihrem Absturz am vergangenen Nachmittag zogen sie sich endgültig aus York zurück. Sie hatten abgrundtief versagt und würden keine zweite Chance mehr bekommen, um ihren Ruf wiederherzustellen. Ein würdevoller Rückzug war alles, was ihnen noch übriggeblieben war, und Giles Randolph handelte entsprechend. Als er sein Pferd aus dem Stall führte, kochte er immer noch vor Zorn über den Mann, der ihnen das eingebrockt hatte. Scruton, der sie sosehr auf der Erfolgsleiter nach oben gebracht hatte, riß sie jetzt in den Abgrund. Kein Gedanke mehr daran, ihn als Teilhaber in die Gesellschaft aufzunehmen. Von jetzt an würden Banbury's Men ohne ihn auskommen. Ihre einzige Zukunft lag in der besseren Qualität ihrer eigenen Stücke.

Randolph betrachtete sein armseliges Häuflein Schauspieler.

»Sind wir aufbruchbereit, meine Herren?«

»Ja«, kam die schwache Antwort.

»Dann wollen wir dieser unseligen Stadt den Rücken kehren.«

Er stieg auf sein Pferd und ritt zum Hoftor. Als er gerade hindurchreiten wollte, trat die stattliche Figur eines alten Mannes durchs Tor. Er trug ein elegantes schwarzes Wams, gleichfarbige Hosen und einen Federhut, der sein halbes Gesicht bedeckte. Der korrekt gestutzte graue Bart verriet Alter und Eleganz. Er trug einen Spazierstock und hob ihn hoch, als er das Pferd auf sich zukommen sah.

Randolph zügelte sein Pferd, um den Mann vorbeizulassen. 

»Einen guten Tag Euch«, sagte er freundlich.

»Guten Tag«, erwiderte der andere. »Wohin reist Ihr?«

»Überall hin, bloß weg von hier.«

»War York so unfreundlich zu Euch?«

»Ein ganz übles Nest!«

Giles Randolph trieb sein Pferd an, die Prozession bewegte sich durch das Hoftor. Der alte Mann winkte ihnen zu, während sie an ihm vorbeigingen, aber sie beachteten ihn kaum. Er setzte ein verschmitztes Lächeln auf und gratulierte sich im stillen zu seiner erstklassigen Verkleidung. Wenn selbst seine Schauspielerkollegen ihn nicht erkannten, dann war er vor jeder Entdeckung sicher.

Mark Scruton begab sich in den Schankraum.

*

Humphrey Budden und seine Frau erhoben sich frühzeitig und gingen sofort ins Münster, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Während sie auf den Knien lagen, bestätigten sie einander, ihrem Gatten treu zu sein, und reichten sich die Hände zur Bekräftigung. Eleanor war eine völlig gewandelte Frau. Die Nacht mit ihrem Ehemann war eine Erleuchtung gewesen. Ein unentrinnbarer Drang hatte sie im Dienste Gottes nach York geführt und sie irgendwie auf den Regisseur von Westfield's Men fixiert. Was immer der Grund für dieses intensive und machtvolle Gefühl gewesen war, jetzt war es verschwunden. Jerusalem war jetzt nicht mehr das Ziel einer Pilgerreise. Sie hatte ihr Jerusalem in den Armen ihres Gatten gefunden und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder bei ihren Kindern in Nottingham zu sein.

»Master Bracewell!«

»Guten Morgen, Mistress Budden. Euch auch guten Morgen, Sir!«

»Wir möchten Euch ganz besonders herzlich danken« , sagte der Ehemann und ergriff seine Hand. »Eure Freundlichkeit werden wir Euch niemals vergelten können.«

»Euer Glück ist mir Dank genug, Sir.«

Als sie in den Gasthof zurückgekommen waren, hatten sie Nicholas getroffen, der sein Pferd sattelte. Eleanor war jetzt eine biedere Matrone, die am Arm ihres Ehemannes hing, doch ein gewisses Glitzern in den Augen zeigte, daß sie bestimmten Erinnerungen nachhing. Nicholas war froh, als das Ehepaar in den Gasthof ging, um seine Sachen zu holen und für die Reise zu packen.

*

Lawrence Firethorn kam in den Hof gelaufen.

»Nick, mein Lieber!«

»Ich reite nach Marmion Hall.«

»Laßt mich zuerst meine Dankbarkeit über Euch ausschütten«, sagte der andere mit einer bärenhaften Umarmung. »Master Pym hat mir gesagt, was letzte Nacht passiert ist. Ihr habt die Last einer Susan Becket von meinen Schultern genommen, als Ihr Amor für sie spieltet. Jetzt brauche ich vor einem Treffen zwischen ihr und Margery keine Angst mehr zu haben.«

»Wie geht es Mistress Firethorn heute morgen?«

»Sie liegt zufrieden zwischen meinen Gläubigern.«

»Es freut mich, daß wenigstens jemand Glückseligkeit fand«, sagte Nicholas. »Ich habe meine Nacht mit Oliver Quilley verbracht.«

»Der arme Bursche! Eine schlimme Art, sein Leben auszuhauchen. Hat man schon eine Idee, wer ihn umgebracht hat?«

»Überhaupt nichts, Sir. Ich bin nur froh, daß sie nicht mehr denken, ich sei der Missetäter. Die Konstabler und der Magistrat haben mich stundenlang ausgequetscht.«

»Ich habe für Euch gesprochen, Nick. Meine Stimme hat Gewicht.«

»Eure Hilfe war mir sehr wertvoll.«

Nicholas setzte den Fuß in den Steigbügel und stieg auf sein Pferd. Immer noch gingen ihm die Fragen durch den Kopf, die durch den Tod von Oliver Quilley aufgeworfen worden waren. Er sah seinen Arbeitgeber an und erinnerte sich an etwas. Lawrence Firethorn war der beste Schauspieler in London, jemand, zu dem der Adel scharenweise kam, um ihn spielen zu sehen. Er kannte viele Persönlichkeiten bei Hofe und hörte viel von ihrem Klatsch.

»Darf ich Euch eine Frage stellen, Master?« 

»Hundert, wenn's sein muß.«

»Wie ist Eure Meinung von Minister Walsingham?«

»Pah!« stieß Firethorn hervor. »Auf den spucke ich.«

»Wieso das?«

»Weil er Verbindung hat zu dem Namen, den ich am meisten hasse.«

»In welcher Beziehung, Master?«

»Wißt Ihr das nicht?«

»Würde ich sonst fragen?«

»Sir Francis Walsingham ist jetzt Staatsminister, und unsere liebe Königin hat ihn mit jeder Ehre überhäuft, die man sich nur denken kann.« Firethorn schürzte die Lippen. »Aber ich erinnere mich noch, wie er seine politische Karriere begann.«

»Als Mitglied des Parlaments, nicht wahr?«

»Soll ich Euch die Stadt nennen, für die er im Parlament saß?«

»Ich glaube, ich kann's mir denken.«

»Banbury!«

*

An diesem Morgen befand Marmion Hall sich in tiefem Schmerz. Vor seiner Familie und der Dienerschaft setzte Sir Clarence eine fröhliche Miene auf, doch sie ahnten, was sich über ihnen zusammenbraute, und waren niedergedrückter Stimmung. Robert Rawlins' Verhaftung war ein vernichtender

Schlag gewesen, der ihnen noch schwer zu schaffen machte. Für Sir Clarence gab es noch eine zusätzliche Sorge. Der Mann, den er nach York geschickt hatte, war von seinem eigenen Opfer umgebracht worden. Der Informant, der beide Mitverschwörer verraten hatte, kreiste Sir Clarence immer mehr ein. Eine plötzliche Flucht konnte eventuell notwendig werden. Die Vorbereitungen dazu waren bereits im Gange.       

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, Sir Clarence.«

»Haltet ein Pferd gesattelt und reisebereit.«

»Ist bereits veranlaßt.«

»Ihr werdet mit mir reiten.«

»Das wird mir eine Ehre sein, Sir Clarence.«

Der Diener machte eine tiefe Verbeugung und entfernte sich, um seinen Pflichten nachzugehen. Sein Herr hoffte zwar, daß der Notfall nicht eintreten würde, doch ausschließen konnte er es nicht. Nachdem die Familie Marmion Hall seit so vielen Generationen und mit so viel Stolz bewohnt hatte, eröffnete sich ihr jetzt eine schaurige Perspektive. Das Oberhaupt der Familie wurde unter Umständen wie eine Ratte davongejagt.

Doch es gab einen kleinen Ausgleich. Westfield's Men sollten an diesem Abend auftreten. Vielleicht gelang es ihnen, den Schleier der Trauer ein wenig zu lüften und ihnen ein paar Stunden harmloser Freude zu bereiten. Sir Clarence kannte die Arbeit der Gruppe aus London und hatte jenes Stück aus ihrem Repertoire ausgesucht, das ihm am angemessensten erschien. Es war dasselbe Drama, das die Zuschauer im Gasthof schon so begeistert hatte.

»Krieger des Kreuzes«. Dieses Stück gefiel ihm, weil es so viele Bereiche ansprach. Auch er selbst, so glaubte er, befand sich auf einer Art von Kreuzzug.

Sir Clarence war in der Halle, um Nicholas zu begrüßen, als dieser eintraf. Der Regisseur war sehr müde und erläuterte, was ihn den größten Teil der Nacht auf den Beinen gehalten hatte. Sein Gastgeber war betroffen. 

»Master Quilley tot?«

»Ermordet, Sir.«

»Hat man den Täter gefaßt?«

»Bis jetzt noch nicht, Sir Clarence.«

»Das ist wirklich eine schlimme Nachricht.«

»Der Mann war ein angenehmer Gesprächspartner.«

»Das habe ich auch so empfunden.«

»Soviel ich weiß, habt Ihr ihm einen Auftrag gegeben.«

»Master Quilley sollte ein Porträt von mir herstellen. Ich wollte es schnell haben, damit ich es meiner Frau als Geschenk überreichen konnte.« Er blickte zornig zu dem Ölporträt seines Vaters hinauf. »Für etwas in dieser Art habe ich nicht die Zeit. Oliver Quilley war meine letzte Hoffnung.«

»Es gibt andere Miniaturmaler, die man beauftragen könnte.«

»Er wurde mir besonders empfohlen.« 

Nicholas versuchte, das Thema noch etwas zu vertiefen, doch sein Gastgeber entließ ihn mit einer Handbewegung. Er zog es vor, statt dessen über das Stück und die bevorstehende Aufführung zu sprechen. Er hatte ganz eindeutig viel Kenntnis vom Theater und war während seiner Besuche in London häufig ins  Theater gegangen. Es war ein Genuß, mit ihm über das Drama zu diskutieren, was dazu führte, daß sich seine Laune ganz erheblich besserte. Nicholas traf sehr rasch die Entscheidung, daß die Bühne am anderen Ende der Halle errichtet werden sollte. Eine holzgetäfelte Tür öffnete sich zu einem Raum, den man als Garderobe benutzen konnte. Vorhänge konnten auf einer Leine drapiert werden. Große Fenster ließen viel Licht herein, doch es würde nötig sein, zusätzlich Kerzen und Deckenleuchter anzubringen.

Während der Regisseur sich mit der praktischen Vorbereitung der Aufführung befaßte, gab Sir Clarence seinen Dienern den Auftrag, zwei Reihen von Stühlen hereinzubringen. Im Hof des Gasthauses hatten zahlreiche Zuschauer nur Stehplätze gehabt, als sie dem Stück folgten, doch hier sollte jeder Zuschauer einen Sitzplatz bekommen. Hier würde es weniger Schwitzen, Fluchen, Drängeln geben, dafür mehr Stil und gutes Benehmen. Aufgrund der persönlichen Einladung von Sir Clarence Marmion wurde der gesamte Adel von West Riding an diesem Nachmittag erwartet. Es handelte sich um ein ausgesuchtes Publikum.     

Ein großer, goldverzierter Armsessel wurde hereingebracht und am Ende der ersten Reihe aufgestellt, unmittelbar unter dem Porträt des Vaters des Gastgebers. Das war offensichtlich Sir Clarences eigener Sessel, denn er nahm darin Platz und blickte zur Bühne. Nicholas verstand nicht, warum der Herr des Hauses sich nicht den besten Platz in der Mitte der Stuhlreihe ausgesucht hatte. Es wirkte merkwürdig, sich in einem solchen Blickwinkel zur Bühne zu plazieren.

Als alle Arrangements getroffen waren, wurden Nicholas einige Erfrischungen gereicht, dann ließ man ihn allein, damit er auf die Ankunft der Truppe warten konnte. Er nutzte die Gelegenheit, ein wenig draußen in der Sonne herumzuspazieren und den wunderschönen Garten zu betrachten. Eine Anpflanzung von Rhododendren zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren mehr als dreißig Meter vom Haus entfernt und kreisförmig angelegt. Was ihm auffiel, war der Umstand, daß die Büsche sich bewegten, als ob sie von einem kleinen Sturm geschüttelt würden; in Wirklichkeit bewegte sich kein Lüftchen.

Im Schutz einer von Eiben gesäumten Straße ging Nicholas auf die Rhododendren zu. Jetzt waren sie ruhig, doch ein Geräusch verriet ihm, wodurch die Bewegung entstanden sein konnte. Er suchte gerade nach der Bestätigung seiner Theorie, als ein untersetzter Mann hervortrat und ihm den Weg versperrte.

»Dieser Teil des Gartens ist gesperrt, Sir.«

»Ich wollte mir lediglich die Beine vertreten.«

»Dann vertretet sie Euch in eine andere Richtung.«

»Das werde ich auch tun.«

»Sir Clarence hat mir strikte Anweisungen gegeben.«

Während Nicholas wieder auf das Haus zuging, fragte er sich, aus welchem Grund ein solcher Privatbereich aufrechterhalten wurde. Und noch etwas anderes gab ihm ein Rätsel auf. Der Mann trug die Kleidung eines Gärtners und bewegte sich auch so, dennoch trug er einen Dolch am Gürtel.

Aus welchem Grund mußte er bewaffnet sein?

*

Lawrence Firethorn traf an der Spitze seiner Gruppe ein, um einen neuen Teil seines Reiches in Besitz zu nehmen. Nachdem er York in großem Stil »eingenommen« hatte, war er davon überzeugt, einen weiteren Triumph in Marmion Hall zu erleben. Der ganz andere Rahmen dieser Aufführung beflügelte ihn, eine Herausforderung, die er auf der Stelle annahm, indem er auf der Bühne schritt, um ein Gefühl für ihre Ausmaße zu bekommen, und laut redete, um die Akustik zu prüfen. Eine Probe wurde einberufen und alles in großer Eile vorbereitet. Die ganze Gruppe nahm die Gelegenheit wahr, den Kater der exzessiven letzten Nacht abzuschütteln. Im Gegensatz dazu vibrierte Firethorn geradezu vor Energie. Die Stunden der ehelichen Freudenfeier hatten ihn einfach stimuliert.

Ihr Gastgeber ließ Speisen und Bier auftischen, damit sie eine Stunde der Entspannung verbringen konnten. Der Oberste Schauspieler nahm Edmund Hoode und Barnaby Gill beiseite.

»Ich habe ein großartiges Gefühl für diesen Ort!« sagte er.

»Wir sind aber nicht hergekommen, um am Gefühl zu fummeln«, bemerkte Gill trocken. »Hebt Euch das für Margery auf.«

»Ich spüre, daß etwas Außergewöhnliches passieren wird.«

»Wollt Ihr etwa Euren ganzen Text im Kopf behalten?«

»Vorsicht, Barnaby. Reizt mich nicht, Sir.«

»Ich wünschte, ich könnte Eurem Optimismus zustimmen, Lawrence«, sagte Hoode trübselig. »Marmion Hall kommt mir bedrückt vor. Was außergewohnliche Ereignisse betrifft - eines hat bereits stattgefunden.«

»Jawohl«, stimmte Barnaby zu. »Wir haben gestern unser Gehalt bekommen.«

»Ich sprach von Master Oliver Quilley.«

»Erinnert uns nicht daran, Edmund«, stöhnte Firethorn. »Das war eine Tragödie erster Güte, doch sie darf nicht unsere Arbeit beeinflussen. Master Quilley war nur ein Mitreisender, der uns ein Stück begleitet hat. Sein Tod ist schockierend, betrifft uns aber nicht direkt.« 

»Wir können das nicht einfach mit einem Schulterzucken abtun, Lawrence.«

»Das müssen wir, meine Herren. Wir sind Schauspieler.«

Hoode warb um Mitleid, doch die anderen waren zu sehr mit der bevorstehenden Aufführung beschäftigt, um dem Toten mehr als nur eine Andeutung von Trauer zu widmen. Als der Stückeschreiber die Vermutung andeutete, der Mord könne irgendwie mit Westfield's Men in Verbindung gebracht werden, zogen sie die Idee sofort ins Lächerliche. Edmund argumentierte immer noch, als Nicholas zu ihnen trat.

»Zeit, sich vorzubereiten, Gentlemen.«

»Wir sind jederzeit vorbereitet«, sagte Gill ungeduldig.

»Das Publikum beginnt einzutreffen.«

»Dann muß ich mich in mein Kostüm werfen«, meinte Hoode.

Er und Gill gingen in Richtung Garderobe; Nicholas hielt seinen Chef für einen Moment zurück.

»Wir haben ein gewisses Problem, Sir.«

»Nichts, das wir nicht überwinden könnten.«

»Christopher Millfield ist nirgendwo aufzutreiben.«

»Aber der Mann war vor fünf Minuten noch hier.«

»Zehn«, korrigierte Nicholas den anderen. »Aber jetzt ist er nicht hier.«

»Dann ist er bestimmt nach draußen gegangen, um frische Luft zu schnappen.«

»Niemand konnte den Raum verlassen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben. Master Millfield kümmerte sich nicht um diese Vorschrift.«

»Dann tadelt ihn, Nick.«

»Das werde ich auch - wenn wir ihn finden.«

»Schickt George Dart auf die Suche nach ihm.« 

»Das habe ich bereits getan«, sagte Nicholas. »Er hat Haus und Garten vollständig abgesucht, kam jedoch mit leeren Händen zurück. Das ist ja gerade das Problem, Sir. Master Millfield ist verschwunden.«

*

Mark Scruton versteckte sich im Schatten des Unterholzes, bis er ein Dutzend Reiter auf der Straße nach Marmion Hall vorbeireiten sah. Dann trieb er sein Pferd an und verließ seine Deckung. Er brauchte nicht lange, bis er zu den anderen Gästen aufgeschlossen hatte. Als sie in die Auffahrt zum Haus einbogen, konnte er sehen, daß bereits andere Besucher von den Dienern ins Haus geleitet wurden. Es gab genügend Gewimmel, so daß er sich unter die Menge mischen konnte. Als eine Reiterin sich umdrehte, um ihn zu beäugen, lüftete er gewandt den Hut. Hinter ihm fuhr eine Kutsche vor, in der Ferne hörte man Hufschlag näher kommen.

Scruton stieg vom Pferd und überließ es einem der Diener. Der Schauspieler ging aufrechten Schrittes, wobei er sich auf seinen Stock stützte. Er war nur ein Teil der Masse, die durch den Haupteingang ins Haus drängte. In der Empfangshalle wurden die Besucher von Sir Clarence Marmion und seiner Frau erwartet und begrüßt; beide hatten sich für die besondere Gelegenheit fein herausgeputzt.

Der alte Mann mit dem grauen Bart nannte ihnen einen falschen Namen und bedachte sie mit einem freundlichen Lächeln; ohne mit der Wimper zu zucken überstand er ihren prüfenden Blick. Der Gastgeber und seine Frau wandten sich bereits einer neuen Gruppe von Gästen zu.       

Der erste Test war bestanden, er hatte ihn in bester Haltung gemeistert. Mark Scruton befand sich im Haus. Jetzt kam es nur noch darauf an, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.

*

Christopher Millfield tauchte zehn Minuten vor Beginn der Aufführung auf und mußte sich eine Gardinenpredigt von Lawrence Firethorn und eine scharfe Zurechtweisung von Nicholas Bracewell anhören. Er entschuldigte sich wortreich und behauptete, er habe sich im Garten verlaufen, aber der Regisseur glaubte ihm nicht so ganz. Weil die Aufführung aber unmittelbar bevorstand, hatte Nicholas keine Möglichkeit, ihn in dieser Sache genauer zu befragen. Er begab sich auf seine Inspektionsrunde und machte die letzten Kontrollen, bevor er sich auf seinen Beobachtungsplatz hinter dem Vorhang zurückzog. So hatte er die Möglichkeit, den größten Teil der Bühne und das Publikum im Blick zu haben. Er kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Sir Clarence seinen Platz an der Seite seiner Frau und neben den anderen Familienmitgliedern einnahm. Direkt hinter dem Hausherrn hatte ein distinguierter alter Herr in einem schwarzen Wams und ebensolchen Reithosen seinen Platz. Als der Gast sich seinen grauen Bart kratzte, meinte Nicholas den Mann irgendwie zu kennen, doch er konnte der Gestalt keinen Namen zuordnen. Außerdem hatte er gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Publikum und Ensemble waren bereit. Der Regisseur gab das Startzeichen. 

Ein Trompetensignal erklang, Edmund Hoode, in glänzender Rüstung, trug den Prolog vor. Die Musik begann zu spielen, die Handlung nahm ihren Lauf. Es gab keine einzige schwache Sekunde. Westfield's Men paßten ihren Stil in überragender Weise den Gegebenheiten der Bühne und dem Interesse der Zuschauer an, und sie schafften es, aus beidem das Maximum herauszuholen. Das Publikum hier war wesentlich ruhiger als das im Hof des Gasthauses, doch seine Konzentration ließ in nichts zu wünschen übrig. 

Der Seneschall brachte sie zum Lachen, Berengaria entlockte ihnen Seufzer, der aufgespießte Kreuzritter trieb ihnen die Tränen in die Augen, und König Richard persönlich erfüllte sie mit Stolz, Engländer und Christen zu sein. Lawrence Firethorns Darstellung erreichte höchste Höhen und riß jeden mit sich, einschließlich Sir Clarence, der ganz offensichtlich fasziniert war. Während das Stück sich seinem packenden Ende näherte, beobachtete Nicholas den Gastgeber und bemerkte dabei etwas, was ihm zuvor entgangen war. Der alte Mann, der hinter Sir Clarence saß, trug einen Ohrring, der ihm bekannt vorkam. Eine perfekte Verkleidung wurde durch die Eitelkeit eines Schauspielers zunichte gemacht.

Fanfarenstöße und Signale brachten die Schlacht auf der Bühne ihrem Ende entgegen. Firethorn hielt seinen Truppen eine flammende Rede. Er rief sie gerade zu den Waffen im Dienste Gottes, als sich die Haupttür der Halle öffnete und sie auch schon hereinströmten. Zunächst glaubte das Publikum, diese Eindringlinge gehörten zum Stück und staunte über die große Zahl der Komparsen, die uniformiert und bewaffnet waren, doch sehr bald kamen die Zuschauer dahinter, daß diese Eindringlinge sehr echt waren. Sir Clarence Marmion war schneller als sie. Er schoß von seinem Sitz hoch, drückte die Geheimtür in der Eichentäfelung auf und rannte in den Gang. Der alte Mann folgte ihm mit überraschender Behendigkeit und erreichte die Tür, bevor sie sich wieder schloß. Kaum war er hindurch, zog er sie hinter sich zu. Nicholas beobachtete alles und verstand jetzt, warum der Gastgeber den letzten Sitz in der Reihe eingenommen hatte. Dort war er seinem Fluchtweg am nächsten.     

Die gesamte Halle versank in vollständiges Chaos, als das Publikum sich erhob, um zu protestieren, und von den Soldaten brutal beiseite gestoßen wurde. Firethorn beendete seine letzte Rede, doch das Stück war bereits zu Ende. Das echte Drama fand inzwischen an einem anderen Ort statt. Nicholas Bracewell war bereits in voller Fahrt. Instinktiv rannte er in den Garten hinaus und sprintete die Eibenallee hinunter. Wenn die Geheimtür in der Wandverkleidung ein Fluchtweg war, dann mußte es irgendwo draußen einen Ausgang geben. Er glaubte zu wissen, wo der sich befand.

Er kam zu dem Kreis aus Rhododendronbüschen und drängte sich durch eine Lücke im Geäst. Was er vorhin gehört hatte, war das Wiehern eines Pferdes gewesen, und tatsächlich entdeckte er zwei, die an einen Pfosten gebunden waren. Hinter ihnen lag ein Mann in der Marmion-Uniform, dem das Blut aus einer tiefen Wunde in der Brust hervorsprudelte. Nicholas sprang über die Leiche zum dichtesten Teil des Busches und bog die Zweige zurück. Jetzt erblickte er eine schmale Tür in einem Erdhügel, der den Blicken durch das Geäst entzogen war. Er öffnete sie und fand sich in einem unterirdischen Gang wieder, der hier und da von blakenden Kerzen erleuchtet war. Er spürte einen Gestank nach Feuchtigkeit und Verwesung.

Nicholas schlug alle Vorsicht in den Wind und rannte in vollem Tempo durch den Gang. Er war ganz sicher, daß die Erklärung für all diese geheimnisvollen Vorgänge am Ende dieses Ganges zu finden sein würde und rannte wie wild der Wahrheit entgegen. Sein Laufen war entschieden zu unvorsichtig, was er dadurch zu spüren bekam, daß er auf losem Gestein ausrutschte und nach vorne auf den Boden schlug, wobei er sich den Kopf an einem Mauervorsprung aufschlug. Benommen und verletzt spuckte er ein Mundvoll Erde aus und spürte, wie ihm das Blut aus einer Wunde an der Schläfe das Gesicht herunterlief. Als er sich langsam aufrappelte, wurde ihm die Gefahr bewußt, in der er sich befand. Nicholas war vollständig unbewaffnet.

*

Es waren nicht nur Sir Clarence und Mark Scruton, die ein Problem darstellten. Offensichtlich hatte vor ihm jemand den unterirdischen Gang betreten, die Leiche in den Rhododendronbüschen ließ an seinen Absichten keinerlei Zweifel aufkommen. Nicholas mußte sich entschieden mehr in acht nehmen, zumal der Gang vor ihm in völliger Dunkelheit lag. Er kroch mit äußerster Vorsicht weiter und bemerkte schon bald einen Geruch nach brennendem Kerzentalg. Die Kerzen in diesem Teil des Tunnels waren offenbar gerade erst ausgelöscht worden. Nicholas verdoppelte seine Vorsicht.

Während er sich vorwärtstastete, stellte er fest, wie viele Spinnen und Insekten sich hier häuslich eingerichtet hatten. Als etwas seine Knöchel berührte, sprang er entsetzt zurück, doch dann hörte er ein verräterisches Trippeln hinter sich. Es war eine große Ratte. Er war dankbar dafür, daß Richard Honeydew nicht bei ihm war. Er durchbohrte die Finsternis mit den Augen, tastete sich langsam nach vorne und fand, daß der Tunnel immer bedrohlicher wirkte. Die Wände verengten sich, er hatte immer stärker das Gefühl, eingesperrt zu werden. Noch etwas anderes beunruhigte ihn.

»Ist da jemand?« rief er.

Es kam keine Antwort, doch er wußte, daß er nicht allein war.

Von weiter vorn klangen die Geräusche eines Handgemenges zu ihm, dann hörte er Sir Clarence einen wütenden Schrei ausstoßen. Nicholas begann zu rennen, wobei er von den Wänden abprallte. Vor ihm beleuchtete ein Licht eine eiserne Tür. Er stieß sie auf und fand sich in einer kleinen Kapelle wieder. Zwei Männer rangen in einem wilden Zweikampf. 

Sir Clarence kämpfte mit dem alten Mann, der ihn verfolgt hatte, und riß ihm den falschen Bart ab. Mark Scruton versuchte, ihn von sich abzuschütteln und an seinen Dolch zu kommen. Bevor Nicholas sich noch einmischen konnte, ergriff der Schauspieler seine Chance. Er packte den Gegner mit festem Griff und schleuderte ihn hart gegen die Wand. Sir Clarences Kopf schlug hart gegen den Granit, mit einem Seufzer glitt er zu Boden und verlor sofort das Bewußtsein. Mark Scruton stand über ihm, dann fuhr er herum, um dem Eindringling entgegenzutreten. Mit dem Dolch in der Hand begann er Nicholas zu umkreisen.

»Ihr seid mir einmal zu oft gefolgt, Nick.«

»Ich hatte nicht damit gerechnet, Euch noch mal zu sehen.«

»Es wird auch bestimmt das letzte Mal sein.«

Er machte einen Ausfall mit seiner Waffe, doch der Regisseur wich mit Leichtigkeit aus. Der Schauspieler lachte.

»Das hat nichts mit Euch zu tun, Nick«, sagte er, »Ihr hättet Euch da raushalten sollen.«

»Verbrechen dürfen nicht unentdeckt bleiben.«

»Ihr wißt entschieden zuviel, aber längst noch nicht genug, um die Wahrheit zu verstehen.«

»Ich weiß, daß Ihr einer von Walsinghams Männern seid.«

»Ich war es«, stimmte der andere zu. »Bis heute. Alles sollte hier in Marmion Hall sein Ende finden. Ich lieferte ihnen Rickwood, ich lieferte ihnen Pomeroy. Hier und heute sollte es mein letzter Auftrag als Spion sein. Danach sollte ich frei sein, um mich meinem richtigen Beruf am Theater zu widmen.« 

»Ihr seid kein Schauspieler, Sir«, sagte Nicholas voller Verachtung.

»Immerhin war ich gut genug, Euch zu täuschen«, erinnerte ihn der andere. »Was ist Spionieren anders als eine Art Schauspielerei? Ich war ein Meister meiner Kunst.« Seine Augen verengten sich. »Dann kamt Ihr und ruiniertet alle meine Pläne. Weil Ihr mir in den Three Swans entwischtet, mußte ich vor meiner eigenen Gruppe flüchten. Jetzt werden sie mich nie mehr als Teilhaber akzeptieren.«

»Dann habe ich ihnen sogar einen guten Dienst erwiesen.«

Scruton stach mit dem Dolch auf ihn los, doch Nicholas war viel zu gewandt für ihn. Der Schauspieler umkreiste weiter sein Opfer und spähte nach einer Lücke in der Deckung. Nicholas war jedoch auf der Hut und versuchte, ihn am Sprechen zu halten.

»Ihr habt Eure Freunde verraten«, beschuldigte er Scruton.

»Das war nötig.«

»Aber völlig unverzeihlich.« Er äußerte einen vagen Verdacht. »Und Ihr habt Oliver Quilley ermordet.«

»Ich mußte. Er hat mir alles gesagt, was er wußte.«

»Worüber?«

»Über Marmion Hall. Ich benutzte ihn als meine Augen. Er kam hier ins Haus und sah, was ich wissen mußte. Als ich ihn dazu überredet hatte, mir diese Informationen zu geben, schloß ich ihm endgültig die Augen.« Scruton grinste. »Er war nur ein stümperhafter Maler, niemand wird ihn vermissen.«

»Ihr werdet wegen des Mordes an ihm angeklagt werden.«

»Nein, Sir. Ich habe Freunde an hohen Stellen.«       

Scruton machte einen plötzlichen Ausfall und stieß mit dem Dolch zu, doch Nicholas packte sein Handgelenk. Sie taumelten gegen eine der Bänke und hieben eine Minute lang wie wild aufeinander ein. Nicholas schaffte es, dem anderen die Waffe aus der Hand zu schlagen, klirrend fiel sie zu Boden. Mark Scruton war rasend. In einem wütenden Ausbruch schleuderte er den Regisseur gegen die Altarbrüstung und bekam die Hände an seinen Hals. Nicholas wurde langsam erdrosselt.

Bei ihrem Kampfgetümmel merkten beide nicht, wie sich eine Gestalt durch die Stahltür näherte, und sie merkten auch nicht, daß das goldene Kruzifix vom Altar entfernt wurde. Nicholas war in großen Schwierigkeiten. Eine stählerne Klammer lag um seinen Hals und wurde immer enger. Scruton verschwamm bereits vor seinen Augen. Mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung packte er seinen Gegner an den Armen und stieß ihn heftig von sich. Scruton taumelte ein paar Schritte nach rückwärts. Das waren die letzten Schritte, die er jemals machte. Bevor er sich wieder auf seinen Gegner werfen konnte, wurde ihm mit einem gewaltigen Schlag mit dem Kruzifix der Schädel gespalten; sein Gehirn spritzte über das weiße Altartuch. Nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte, Katholiken zu verraten, wurde er jetzt mit einem Symbol ihres Glaubens niedergeschlagen.

Christopher Millfield blickte auf die Leiche hinab und warf das Kreuz von sich. Geräusche von oben waren ein Zeichen dafür, daß die Soldaten den Geheimgang sehr bald finden würden. Millfield schien das  nicht zu stören. Er lächelte den atemlosen Nicholas breit an.

»Ihr hattet recht, als Ihr mich verdächtigtet.«

»Auch einer von Walsinghams Leuten?«

»Ja, Nick, aber von einer anderen Art als dieser Narr hier.« Er gab der Leiche einen Tritt. »Scruton hat seinen Zweck als Spion erfüllt. Solche Leute haben anschließend keinen Wert mehr. Meine Aufgabe ist es, sie ›auszuzahlen‹ und verschwinden zu lassen.«

»Ihr verdient Euch Euren Lebensunterhalt auf eine brutale Art und Weise.«

»Aber auf eine, die gut bezahlt und sehr gut geschützt wird.«

Nicholas rieb sich den Hals und betrachtete das Schlachtfeld um sich herum. Mark Scruton war tot, Sir Clarence Marmion lag im Todeskampf, und die Kapelle war ein einziger Trümmerhaufen. Langsam wurden ihm die einzelnen Schritte klar, die zu diesem bösen Ende geführt hatten. Ein Ekel vor Christopher Millfield begann sich in ihm zu regen, aber er schaffte es trotzdem, ihm ein grimmiges Kompliment zu machen.     

»Ich hätte auf Euch hören sollen, Sir.«

»Wann?«

»Als Ihr mir sagtet, Ihr wäret der bessere Schauspieler.«

Millfield strahlte noch, als die Soldaten herbeistürzten.

Es war ein Tag der Abschiede. Banbury's Men waren bereits mit dem Schwanz zwischen den Beinen abgezogen, Sir Clarence wurde mit bewaffneten Wachen nach London gebracht. Susan Becket, deren gesträubte Nackenhaare auf wundersame Weise besänftigt worden waren, kehrte zu ihrem eigenen Gasthaus zurück. Humphrey und Eleanor Budden gingen nach Hause, um ein neues Leben zu beginnen. In Begleitung von vier livrierten Dienern ritt Margery Firethorn nach Shoreditch zurück, um ein paar Rechnungen zu bezahlen und die Tage bis zur Heimkehr ihres Gatten zu zählen. Mark Scruton fuhr wie Gabriel Hawkes in die Grube. Christopher Millfield verschwand, um im Auftrag Walsinghams der Laufbahn anderer Spione ein Ende zu setzen.

Westfield's Men blieben noch ein paar Tage in York. Ihr Erfolg im Gasthof führte zur Nachfrage nach weiteren Aufführungen, die sie mit anderen Glanzstücken aus ihrem Repertoire befriedigten. Es war für sie eine ungeheure Erleichterung, zu wissen, daß ihre Stücke jetzt wieder ihr exklusives Eigentum waren. Doch der Mann, der den meisten Grund zur Freude hatte, war bedrückt und in sich gekehrt.     

Nicholas Bracewell sprach ihn im Schankraum darauf an.

»Seid ein bißchen fröhlicher, Edmund. Unsere Probleme sind gelöst.«

»Aber sie lassen viel Traurigkeit in ihrem Kielwasser zurück.«

»Wir sollten uns anstrengen, das alles hinter uns zu lassen.«

»Ich habe mich bemüht«, sagte Hoode finster, »aber mein Herz ist ganz und gar traurig. Ich habe sie beide gern gehabt, Christopher und den jungen Gabriel, für den ich ihn hielt. Ich vertraute beiden.«

»Wir sind alle getäuscht worden«, pflichtete Nicholas bei. »Und niemand mehr als ich. Mich bedrückt das alles sehr. Ich hätte auf Mistress Eleanor hören sollen.«

»Hat sie Licht auf diese schlimmen Dinge geworfen?«

»In der Tat, Edmund. Die gute Frau warnte mich vor Master Millfield. Sie sagte mir, er sei Atheist.«

»Ist er es denn?«

»Kein Christ würde ein Kreuz nehmen, um jemand damit totzuschlagen. Er ist in jeder Beziehung ein gottloser Mann. Und jetzt ist mir auch klar, warum er dem Gesetz entronnen ist.«

»Er versteckt sich hinter Sir Francis Walsingham.«

»Allerdings, Sir.«

Hoode legte seine Hand in einer aufmunternden Geste auf den Arm seines Freundes.

»Kopf hoch, Nick«, sagte er. »Ihr könnt wirklich stolz sein auf Eure Rolle in der ganzen Sache.«

»Meint Ihr wirklich?«

»Ihr habt den Geheimgang zu der verborgenen Kapelle gefunden.«

»Darüber bin ich nur per Zufall gestolpert. Master Millfield wußte, wo er danach zu suchen hatte, und fand ihn genau nach Plan. Das ist der Grund, warum er nach der Probe verschwunden war. Er führte eine Suche durch.«

Hoode seufzte. »Sir Clarence war ein Verräter, und ich bin froh, daß er zur Rechenschaft gezogen wurde, aber es tut mir leid, daß unsere Gruppe als Deckmantel für so viel Täuschung benutzt wurde.«

»Das ist jetzt aus der Welt geschafft.«

»Das wollen wir hoffen. Ich möchte nicht noch einmal erleben, daß eines meiner Stücke durch die Ankunft von Soldaten ruiniert wird. Wer von diesen Spionen hat sie eigentlich nach Marmion Hall gerufen? Scruton oder Millfield?«

»Keiner von beiden, Edmund.«

»Wer war es denn dann, Sir?«

»Master Oliver Quilley.«

»Wieso?«

»Aus seinem Grab heraus«, sagte Nicholas. »Quilley war kein Spion, sondern ein enttäuschter Künstler, der das Gefühl hatte, niemals seinem Wert entsprechend bezahlt zu werden. Aus den großen Häusern, für die er arbeitete, holte er sich zusätzlichen Lohn, indem er dort wertvolle Dinge stahl und sie mit Gewinn verkaufte. Master Quilley stahl ein Buch in Marmion Hall, weil sein silberner Verschluß einen guten Preis versprach. Man hat es in seinem Zimmer gefunden. Es war ein römisch-katholisches Meßbuch.«

»Und das führte zur Verhaftung von Sir Clarence.«

Das war ein letzter bitter-ironischer Aspekt der ganzen Geschichte. Die beiden tranken zusammen, Nicholas tat sein Bestes, um seinen Freund aufzuheitern, doch Hoode war immer noch niedergeschlagen. Eine bestimmte Frage ging ihm immer noch im Kopf herum.

»Sicinius…«

»Wer, Edmund?«

»Sicinius.«

»Ah ja, Euer Stück.«

»Ich weiß immer noch nicht, wer mir meine Rolle gestohlen hat, Nick.«

»Ist das denn so wichtig für Euch?«

»Ich würde alles darum geben, seinen Namen rauszufinden.«

»Dann kann ich Eure Schmerzen lindern«, sagte der Regisseur. »Ich habe mich nach der Aufführung unseres ›Pompeius des Großem durch Banbury's Men erkundigt.«

»Ja und? Und?«

»Euer Stück ist sehr bewundert worden, obwohl sie es lausig aufgeführt haben.«

»Und Sicinius? Mein Sicinius?«

»Gabriel Hawkes.«

»Aber der ist tot.«

»Zusammen mit Mark Scruton.« Er klopfte Hoode auf den Rücken. »Seid glücklich, Sir! Seht Ihr denn nicht, was das bedeutet?«

»Nein.«

»Ihr seid der einzige lebende Schauspieler, der den Sicinius gespielt hat. Die Rolle ist wieder voll und ganz die Eure.«

Edmund Hoode stieß einen Freudenschrei aus.

»Tausend Dank, Nick. Das öffnet mir den Himmel.«

»Jedenfalls seid Ihr nah dran.«

»Wie bitte?«

»Jerusalem.«

Das Lächeln des Dichters verwandelte sich in ein breites Grinsen.

Eine geistliche Reise hatte schließlich ihr Ende gefunden.