Berndt Guben

Tödliche Feindschaft


1

Die »Dreizehn Verlassenen« kamen nur langsam voran. Die immer häufiger werdenden Fieberanfälle Tschams hinderten sie an einer schnelleren Reise. Und Ojo wachte eifersüchtig darüber, daß das Befinden des Kranken bei allen wichtigen Entscheidungen in erster Linie berücksichtigt wurde.

Der Pfeifer und Hassan hatten noch ein ganzes Stück auf der Lavastraße zurückzureiten, bis sie auf den Zug trafen. Noch bevor sich der Pfeifer in irgendeiner Weise zu dem weiteren Verlauf der Racheexpedition äußerte, eilte er zur Tragbahre des Kranken und untersuchte diesen sorgfältig. Seine Stirn umwölkte sich.

»Glaubt Ihr, daß er noch lange mitmachen wird, Señor Doktor?« fragte Ojo bekümmert.

Michel schüttelte langsam den Kopf.

»Wenn wir dem mörderischen Klima nicht bald entfliehen, ist es zu spät. Das Herz ist diesen Anstrengungen nicht gewachsen. Tschams Körper ist völlig ausgepumpt. Hat er etwas zu sich genommen?«

Ojo schüttelte den Kopf.

»In den Stunden, wo es besser war, haben wir versucht, ihm etwas zu essen zu geben. Aber er behielt es nicht bei sich. Er scheint auch keinen Appetit zu haben. Das einzige, wonach er immer wieder verlangt, ist Wasser.«

»Wasser kann im allgemeinen nicht schaden bei Fieber.Aber gerade dieses Wasser hier dürfte unzuträglich sein; denn ich vermute, daß sich die Erreger des Fiebers auch im Wasser befinden.«

»Wird er sterben?«

Michel beantwortete die Frage indirekt:

»Wir müssen tun, was in unseren Kräften steht, um ihn so schnell wie möglich ins Dschaggaland zu bringen.«

»Bueno«, antwortete Ojo, »reiten wir.«

Michel nickte ernst.

»Mach dich bereit, Diaz, lang wird unsere Pause nicht sein. Ich glaube, wir müssen uns um Tschams willen von Abd el Ata und seinen Leuten trennen.«

Auch für Ojo war es eine Selbstverständlichkeit, daß die Rettung Tschams allem anderen vorging.

Mittlerweile waren auch die anderen herangekommen. Der Pfeifer ging zu Abd el Ata und berichtete ihm. Der Anführer der »Dreizehn Verlassenen« nickte eifrig. Er unterbrach Miche

»Du hast Großes geleistet, Sadek«, sagte er. »Hassan berichtete mir bereits von dem, was du erlauscht hast.«

»Um so besser«, antwortete Michel, »dann kann ich mir die Geschichte ersparen. Was werdet ihr nun tun?«

»Wir hatten noch keine Zeit, uns zu beraten; aber ich denke, daß wir die Feinde am Ende der Lavastraße im Verborgenen erwarten werden. Wir brechen sofort auf!«

Der Pfeifer blickte sinnend vor sich auf die Erde. Ohne es zu wissen, war ihm Abd el Ata in seinen Plänen entgegengekommen.

»Wenn ihr sogleich reitet, werdet ihr auf unsere Gesellschaft verzichten müssen«, sagte er.

»Unser Freund Tscham braucht Ruhe. Wir können ihm die Anstrengungen eines schnellen Ritts nicht zumuten.«

»Zu viel Zeit haben wir schon mit ihm versäumt.« Abd el Ata runzelte die Stirn. Seine Worte klangen unmutig.

Der Pfeifer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er antwortete:

»Ich verstehe dich; aber ich muß auch bitten, daß du dir Mühe gibst, uns zu verstehen. Ich habe keine Rache an Abu Sef zu nehmen. Mir ist zur Zeit nur eines wichtig : das Leben unseres Freundes Tscham.«

»Es steht im Buche Allahs geschrieben, wann ein Mensch sterben muß«, sagte Abd el Ata und zuckte die Schultern. »Wenn Allah es will, so wirst auch du Tscham nicht retten.«

»Oh, was das anlangt, so mach dir keine Sorge um Tschams Schicksal. Ich weiß, du bist ein Araber, bist in dein Schicksal ergeben, ich aber bin Arzt und denke in bezug auf Krankheiten anders. Wenn man den ernsten Willen hat zu helfen, wenn man keine Mühe scheut, so kann man viele Menschen retten, die man nach eurer Auffassung aufgeben müßte.«

Die Gesichter der Umstehenden verfinsterten sich. Zu ihrer Religion gehörte absolute Ergebenheit in das Schicksal. Und nichts verletzt einen Araber mehr, als wenn man an dieser Auffassung rüttelt.

Abd el Atas Stimme klang beinahe unfreundlich, als er jetzt sagte:

»Deine Gedanken und deine Sprache sind schwer für uns zu verstehen. Wenn wir den Schwur geleistet haben, Rache zu nehmen, so nehmen wir sie auch. Nichts wird uns davon abhalten, nicht einmal der Tod eines der Unseren.«

»Wir wollen uns nicht wieder über den Sinn oder Unsinn der Rache unterhalten. Ich sagte bereits deutlich, daßmir das Leben eines Freundes mehr am Herzen liegt als eure Rache. Wenn ihr also eure Rache haben wollt, so nehmt sie. Mein Freund Ojo und ich werden uns verabschieden. Und da ich nicht die Absicht habe, als Feind von denen zu scheiden, die mir bisher Freunde waren, so wünsche ich dir trotz allem viel Glück.« Er reichte ihm die Hand.

Abd el Ata schlug ein.

»Werden wir uns nie wiedersehen?« fragte die helle Stimme Hassans.

»Das hängt von euch ab. Wir jedenfalls werden uns beeilen, daß wir so schnell wie möglich aus dieser höllischen Gegend kommen. Wenn ihr uns nach vollbrachter Rache folgen wollt, so tut das. Wenn Tscham in Sicherheit ist, so werden wir gern wieder mit euch ziehen.«

Die ehemaligen Sklavenjäger machten sich zum Aufbruch bereit. Die Aussicht, die Feinde bald vor den Läufen ihrer Flinten zu haben, nahm ihnen die Ruhe.

Seit der Ankunft Hassans und Michels war noch keine Stunde vergangen, als die Schar mit klapperndem Hufschlag davonstob.

»Und nun?« fragte Ojo.

»Wir wollen keine Zeit verlieren. Betten wir Tscham so bequem wie möglich. Ich will versuchen, den kürzesten Weg ins Dschaggaland zu finden. Wir können uns nicht damit aufhalten, den Fluß der Krokodile zu überschreiten. Wir müssen den Pfad finden, den wir bei unserer ersten Reise auf dem Rückweg zur Küste eingeschlagen haben.«

»Bien, Señor Doktor, wir werden es schon schaffen.«

»Wir müssen es schaffen!«

Michel und Ojo machten sich daran, die Tragbahre Tschams zwischen ihren beiden Pferden zu befestigen. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, in dieser Formation den Urwald zu durchdringen. Michel band eine lange Schnur an die Trensenringe der Pferde.

Dann zogen die beiden unerschrockenen Männer ihre Macheten heraus, führten die Pferde hinter sich her und hieben mit den scharfen Messern eine Schneise in den Urwald, die breit genug war, daß die beiden Tiere mit der Trage zwischen sich auf ihr dahinschreiten konnten.


2

Malik el Suwa, der Vertraute Imi Bejs, hatte Abu Sef und seine Reiter zuerst nach Norden geführt. Allerdings nahm er sich nicht die Zeit, einen weit ausholenden Bogen zu beschreiben.

Er hatte sich von Ugawambi ausführlich erklären lassen, wie er reiten müsse, um nach Beschreibung eines Halbkreises wieder auf die Lavastraße zu stoßen. Ugawambi hattfr«bereitwillig erzählt, was er wußte. Glücklicherweise waren weder Abu Sef noch seine Leute auf die Idee gekommen, sich bei Ugawambi zu erkundigen, was denn Malik el Suwa von ihm gewollt habe, als er sich über eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hatte.

Die Gegend, in die sie nach fünf Meilen vorstießen, nahm einen mehr savannenartigen Charakter an. Je weiter sie nach Norden kamen, um so mehr wich der tropische Wald zurück. Das Reiten war hier bequem. Die Macheten ruhten. Und als abermals fünf Meilen zurückgelegt waren, verlor Abu Sef seinen Unmut.

Malik el Suwa ritt nach wie vor an der Spitze des Zuges. Nachdenklichkeit stand in seinem Gesicht. Bald war die Wendemarke erreicht, an der er die Schar, ohne daß die Männer es merkten, nach Osten und dann weiter nach Südosten einschwenken lassen mußte. Das war der gefährlichste Moment. Er durfte eigentlich sicher sein, daß sowohl Abu Sef als auch seine Männer die vier Himmelsrichtungen zu unterscheiden vermochten. Wenn sie nun merkten, daß er sie auf einen Irrweg führte, was dann?

Abu Sef ritt an seiner Seite. Sein Gesicht hatte einen durchaus freundlichen Ausdruck.

»Bei Allah«, sagte er in tiefem Baß, »ich muß euch viel abbitten, dir und deinem Herrn, Imi Bej.

Ich war nämlich der festen Überzeugung, daß ihr mich begaunern würdet.«

Malik el Suwas Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er dachte, daß die freundliche Einleitung der Anfang des Gesprächs wäre, an dessen Ende die Drohung von acht Gewehrläufen stehen würde. Um so überraschter war er, als Abu Sef fortfuhr:

»Höchst anständig von deinem Herrn und Meister, daß er uns zur Flankensicherung sozusagen den bequemeren Weg nehmen läßt. Er wird ein schweres Stück Arbeit haben, bis er den Krokodilfluß überschritten hat.«

Malik el Suwa fixierte Abu Sef scharf. Jedoch so, daß dieser die Sorge in den Augen des anderen nicht sah. Malik el Suwa hielt den Augenblick für günstig, um eine Probe aufs Exempel zu machen.

»Ja«, meinte er, »nun sind wir zehn Meilen nach Westen geritten. Wir werden bald eine Schwenkung nach Norden und dann nach Osten machen müssen, um, wie mir Ugawambi sagte, den richtigen Weg zum »Berg der bösen Geister« zu finden.«

Schon seit einer halben Stunde war der Himmel wieder bewölkt. Man konnte die Sonne nicht mehr erkennen. Sie waren genau nach Norden geritten und nicht nach Westen, wie Malik el Suwa Abu Sef weiszumachen versuchte.

Abu Sef aber war arglos. Die zehn Meilen, die sie gemeinsam zurückgelegt hatten, mochten das Vertrauen zu dem Sklavenjäger gestärkt haben. So fragte er nur:

»Wann, denkst du, werden wir uns nach Norden wenden müssen?«

Er hatte so laut gesprochen, daß alle seine Leute seine Worte hören konnten. Aber niemand schien die plumpe Falle zu bemerken, die Malik el Suwa ihnen stellte. »Es ist soweit. Reiten wir nun einen Bogen.« Er wandte sein Pferd nach Osten. Dabei sagte er: »Lange brauchen wir nicht in nördlicher Richtung zu reiten. Wir werden bald nach Osten einschwenken.«

Die Jäger unterhielten sich laut miteinander. Sie priesen Allah, daß sie den Urwald hinter sich hatten. Die Bitten, die sie zu ihrem Propheten sandten, liefen alle auf den einen Punkt heraus, nämlich: daß er ihnen einen guten Sklavenfang bescheren möge.

Ahnungslos glaubten sie Malik el Suwas Betrug, ritten in östlicher Richtung und waren der Meinung, daß es nach Norden ging.

Noch bevor der Abend hereinbrach, änderte Malik el Suwa abermals die Richtung. Die Schäflein folgten brav den Lockungen des Wolfs.

»Meinst du nicht, daß wir unser Lager aufschlagen könnten?« fragte Abu Sef, der nicht viel von Nachtritten hielt.

Malik el Suwa beeilte sich, ihm zuzustimmen. Nichts konnte ihm willkommener sein als ein Nachtlager zu dieser Zeit. Er rechnete fest damit, daß auch am nächstenMorgen diesiges Wetter herrschen und die Sonne nicht zu sehen sein würde. Auf jeden Fall würde er beim Morgengrauen das Zeichen zum Aufbruch geben. Dann konnte er die »Freunde« weiterführen oder, wenn sie wider Erwarten den Betrug durchschauen sollten, sich seitwärts in die Büsche schlagen.

Abu Sef legte sich neben Malik el Suwa zum Schlafen nieder. Bevor er jedoch die Augen schloß, fragte er:

»Sage mir eins ehrlich, Malik el Suwa, sind wir wirklich nur einen anderen Weg geritten, um Flankendeckung zu geben?«

Malik el Suwa stutzte. Sollte der Sklavenjäger doch etwas gemerkt haben?

Aber der langjährige Vertraute Imi Bejs war ebenso klug wie sein Herr und vielleicht noch ein wenig gerissener. Er verstand es meisterhaft, sich in jeder Situation zu beherrschen. Er lächelte und entgegnete :

»Nein, natürlich nicht nur deshalb. Imi Bej verfolgt mit diesem Manöver noch einen anderen Zweck.«

»Ah, und der wäre?«

»Du bist selbst ein erfahrener Sklavenjäger. Zudem bist du ein gebildeter Mann. Ich glaube, daß du von der Kriegskunst allerlei verstehst. Deshalb dürfte dir der Plan Imi Bejs doch klar sein, auch ohne meine Erklärung.«

Abu Sef wollte nicht eingestehen, daß er alles andere als ein guter Stratege war.

»An sich schon«, sagte er. »Nun ja —, natürlich —, die Kriegskunst deines Herrn ist eine großartige strategische Leistung. Aber —, hm —, eh.«

»Allah preise deine Einsicht«, unterbrach ihn Malik el Suwa. »Auch du weißt, daß Imi Bej vorhatte, eine Zangenbewegung auszuführen.«

»So ist es ! Natürlich, Zangenbewegung. Genau das war es, was ich sagen wollte. Nur —, ich habe mich nicht so viel mit der Kriegskunst beschäftigt. Deshalb fiel mir das Wort nicht gleich ein.«

»Auch mir fehlen mitunter die passenden Worte«, entgegnete Malik el Suwa zweideutig.

Aber diese Doppelsinnigkeit fiel Abu Sef nicht auf. Er wünschte seinem Schlafgefährten eine gute Nacht, wickelte sich fester in die Decke, drehte sich um, und bald verkündeten laute Schnarchtöne, daß er in das Reich der Träume eingegangen war.

Malik el Suwa war der erste, den noch während der Dunkelheit ein anhaltender Regen aus dem Schlaf riß. Dünne Fäden fielen aus den Wolken und legten einen dichten Schleier über alles. Die Decken schützten nicht mehr vor der Nässe. Feuchtigkeit drang durch jedes Kleidungsstück.

Malik el Suwa hatte keinen trockenen Faden mehr am Leibe.

Die Pferde wurden unruhig. Sie waren angebunden, und die empfindliche Kühle der Nacht machte sie frieren.

Der Vertraute Imi Bejs frohlockte. Allah hatte Regen geschickt. Allah würde auch das weitere Gelingen des Plans begünstigen.

Er weckte seine Gefährten. Die Zeit erschien ihm günstig zum Aufbruch.

Die Sklavenjäger, die bei jeder Gelegenheit zu Allah beteten, hielten es nicht für nötig, dem mohammedanischen Glauben gemäß mit ihrem Aufbruch bis zum Aufgang der Sonne zu warten.

Der Regen tat wohl noch ein übriges, um sie von dieser Regel abzubringen.

Ohne eine Ahnung zu haben, in welcher Richtung sie sich fortbewegten, folgten sie Malik el Suwa.Die graue Düsterkeit hing während des ganzen Tages über dem Land. Nicht ein einziges Mal ließ sich die Sonne blicken.

Stunde um Stunde trotteten die Pferde dahin.

»Also doch wieder der Urwald, den Allah verdammen möge«, war das einzige, was Abu Sef sagte, als sie gegen Nachmittag eine Tropenwaldregion erreichten.

Malik el Suwa lachte im stillen vor sich hin.

Dieser Wald war mehr oder weniger das Ziel seiner Reise. Er war derselbe, durch den weiter südlich die Lavastraße führte. Malik el Suwa hatte sich genau nach Uga-wambis Angaben gerichtet. Zwei, drei Tage würden sie brauchen, bis sie wieder auf die Lavastraße gelangten.

Dann wurde es für Malik el Suwa Zeit, sich zu entfernen.

Aber war es nicht vielleicht möglich, diesen Zeitpunkt etwas vorzuverlegen? Wie, wenn er sie erst anderthalb Tage lang in den Urwald hineinführte und die lästigen Konkurrenten dann sich selbst und dem Wald überließ?

Der Gedanke ließ ihn den ganzen Vormittag nicht mehr los. Die Frage war nur, was Imi Bej dazu sagen würde. Imi Bej war ein Mann, der alle Sicherheitskoeffizienten in seine Rechnungen einkalkulierte. Es war nicht anzunehmen, aber immerhin möglich, daß es den verlassenen Sklavenjägern gelingen würde, auf ihrer alten Spur zurückzureiten. Ausgeschlossen war dieser Fall nur, wenn der beständige Regen anhielt und dadurch eine Orientierung nach den Himmelsrichtungen mit Hilfe der Sonne unmöglich wurde.

Malik el Suwa dachte auch an die unwahrscheinlichsten Dinge, und so kam es, daß er am Abend den Plan, der ihm schon zu einem Lieblingsgedanken geworden war, wieder fallen ließ.

Tiefer und tiefer schnitten sich die scharfen Macheten in den schier undurchdringlichen Tropenwald.

Am späten Nachmittag ließ Abu Sef stöhnend das Messer sinken.

»Zum Teufel mit der Zangenbewegung«, schrie er wütend. »Ich spüre meinen Arm nicht mehr.

Um so mehr tun mir die übrigen Knochen im Leibe weh. Wie lange soll das noch so weitergehen?«

»Vielleicht einen, vielleicht zwei Tage. Wer weiß?«

»Ich denke, Ugawambi hat dir den Weg genau beschrieben?«

»Ja, er sagte etwas von Waldgebieten. Aber daß es so schlimm sein würde, habe ich mir auch nicht vorgestellt.«

»Gut«, sagte Abu Sef, »einen Tag mache ich die Mühsal noch mit. Aber dann ist Schluß. Wenn wir bis dahin nicht hindurch sind, dann kehren wir um.«

»Das wird wenig Zweck haben«, entgegnete Malik el Suwa. »Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten: entweder, wir beißen uns durch diesen Wald hindurch, oder wir sind gezwungen, den weitaus gefährlicheren Krokodilfluß zu überschreiten.«

»Zum Schejtan mit dieser verwünschten Expedition! Hätte ich mich nur nicht darauf eingelassen!«

Auch die Männer waren von den Strapazen der vergangenen Tage todmüde. Der Schwung ihres Armes wurde immer langsamer. Zudem herrschte eine Hitze, die selbst den Regen zum Dampfen brachte. Trotz der Nässe sanken sie bei Einbruch der Dunkelheit samt und sonders augenblicklich in tiefen Schlaf.

Der nächste Tag brachte ebenfalls keine Wendung. Immer mehr Pausen mußten eingelegt werden. Sie waren reichlich mit Proviant versehen. Und Wasser gab es inHülle und Fülle.

Sorgen dieser Art hatten sie also nicht. War vorher ihre Reise von lebhaften Gesprächen begleitet gewesen, so lag jetzt eisiges Schweigen über ihnen.

Der einzige, dessen Optimismus unverwüstlich schien, war Malik el Suwa, der mit seinem Haumesser fortwährend dort einsprang, wo die Macheten der anderen müde in schlappen Händen hingen. Für Malik el Suwa bedurfte es der Aufbietung aller Willenskräfte, um durchzuhalten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Beispiel zu geben, wenn er Vertrauen erwecken wollte. Die einzige Genugtuung, die er hatte, war, daß sich Abu Sef und seine Leute von seiner Hilfsbereitschaft tatsächlich täuschen ließen.

Als es dunkel wurde, war wieder ein Tag gewonnen. Während dieser Nacht hatte Malik el Suwa einen schweren Traum. Er träumte, daß ihm sein Herr, Imi Bej, auf der Brust kniete und ihm Edelsteine auf den Kopf lud. Immer mehr, immer mehr, so daß er schließlich kaum noch atmen konnte. Zwischen diesen Steinen tauchte von Zeit zu Zeit das Gesicht Imi Bej s auf, das zu einer teuflischen Fratze verzerrt war. Er sagte auch irgend etwas. Aber Malik el Suwa verstand es nicht.

Trotz der Kälte erwachte er in Schweiß gebadet. Mitternacht mußte wohl schon vorbei sein.

Wie war dieser abscheuliche Traum zustande gekommen?

Weshalb erschien ihm sein Herr, den er über alles schätzte, in der Maske des Satans, so, wie ihn seine Feinde sahen?

Malik el Suwa dachte daran, daß morgen der Tag war, an dem er verschwinden mußte.

Plötzlich fuhr er auf. Mit brennenden Augen starrte er in die Dunkelheit. Verschwinden wollte er?

Ja, wohin denn? Überall, wohin er sich wandte, würde Urwald sein. Um durch den dichten Wald zu kommen, mußte er die Machete gebrauchen. Die Spuren jedoch, die die Machete zurückließ, würden mindestens einen Tag lang sichtbar bleiben. Das hieß, daß er sich hinwenden konnte, wohin er wollte, die Machete würde seinen Verfolgern stets den Weg weisen.

Satan von Sansibar, dachte er. Satan von Sansibar!

Er knirschte mit den Zähnen. Wieder einmal hatte Imi Bej einen Menschen überlistet, sich seiner entledigt, der ihm jahrelang treu wie ein ergebener Hund gedient hatte.

Malik el Suwa sann verzweifelt auf einen Ausweg. Die einzige Rettung für ihn war, daß er schnell genug die Lavastraße fand. Das heißt, er mußte wissen, wo sie lag, bevor die anderen ebenfalls darauf stießen. Er mußte seine Genossen verlassen, und zwar noch im Urwald, um einen großen Vorsprung zu erreichen. Er verzog sein Gesicht. Was würde es nützen? Auch hier wieder konnten sie den Spuren der Machete folgen. Was aber waren eine oder zwei Stunden Vorsprung? Sein Pferd war ebenso müde wie die der anderen.

Innerlich zerschlagen, voller Haß gegen seinen Herrn, sank er zerbrochen zurück.

Ob Abu Sef ihm verzieh, wenn er ihm die Wahrheit gestand? Ein bitteres Lachen drängte sich auf seine Lippen. Die Sklavenjäger würden ihn vierteilen.

Es gab einen Ausweg. Er war zwar unsicher, aber er bedeutete die einzige mögliche Rettung.

Malik el Suwa mußte es darauf ankommen lassen. Seine Erregung klang so weit ab, daß er wieder Schlaf finden konnte.

Als sie am nächsten Morgen ihren mühseligen Weg fortsetzten, waren alle zu erschöpft, um Malik el SuwasNervosität zu bemerken. Niemand sprach ein Wort. So verging der dritte Tag, so der vierte, und am Ende des fünften war auch Malik el Suwa vollständig verzweifelt.

Drei Tage höchstens, hatte Ugawambi ihm versichert.

Am Vormittag des sechsten Tages sagte jemand zu Abu Sef:

»Hier muß ich schon einmal gewesen sein. Ich erkenne an der Lage der Sümpfe, daß ich schon einmal durch diese Gegend gestreift bin.«

Auch die anderen wurden aufmerksam.

»Bist du denn schon einmal auf einer innerafrikanischen Expedition gewesen?« fragte Abu Sef.

»Nein, das ist es ja eben, was mich wundert. Wenn ich nicht wüßte, daß wir entgegengesetzt wären, würde ich sagen, daß wir uns in der Nähe der Lavastraße befinden.«

Jetzt besann sich auch Abu Sef, der die Gegend genau kannte.

»Teufel nochmal, natürlich, du hast recht.«

Seine Augen tasteten jeden Wasserflecken ab. Jawohl, er war auf bekanntem Gelände. Langsam wandte er sein Gesicht Malik el Suwa zu. Sein Blick verriet nichts Gutes.

»Du Schuft, du Lump, du Verräter! Du hast uns in einem Bogen zurückgeführt. Jetzt fällt mir auch ein, daß wir am Anfang nicht nach Westen, sondern nach Norden geritten sind.« Seine Stimme steigerte sich zu bebender Wut. »Das ist ein feiner Plan, den ihr euch ausgeheckt habt, du und dein sauberer Herr ! Ihr wolltet uns los sein. Ihr habt euch benommen wie treulose Schakale! Aber warte, das sollst du mir büßen! Wir wissen, wie wir weiterreiten müssen. Wir brauchen jetzt keinen Führer mehr!«

Er riß die Machete hoch und stürmte auf Malik el Suwa ein. Der verteidigte sich nicht im geringsten. Er gab seinen Augen ein trauriges Aussehen und schüttelte den Kopf. Als er sprach, lag in seiner Stimme echte Verzweiflung.

»Du irrst dich, Abu Sef, vielleicht hast du recht, vielleicht befinden wir uns an der Lavastraße.

Aber sollte das wahr sein, so schwöre ich dir bei Allah und beim Barte des Propheten, daß ich das nicht gewollt habe. Ich habe mich nach der Schilderung Ugawambis gerichtet. Ich muß mich verlaufen haben.«

»Du lügst!« schrie Abu Sef erbost und wollte zuschlagen.

Malik el Suwa wich dem scharfen Messer geschickt aus. »Ich lüge nicht! Und wenn du ein wenig denken kannst, so wird dir klarwerden, daß dieser Betrug zu plump wäre, um von Imi Bej erdacht zu sein. Meinst du, ich hätte mich auf einen solchen Plan eingelassen, da ich mir doch klar darüber sein mußte, daß ich euch niemals würde entrinnen können? Glaubst du denn im Ernst, daß ich zu solchem Opfer bereit gewesen wäre?«

Abu Sef ließ die Machete sinken. Wenn er über die Worte des anderen nachdachte, so mußte er zugeben, daß ihm die Wahrheit dieser Behauptung keinen Angriffspunkt bot.

Er steckte die Machete weg. Ein bitteres Lachen trat auf seine Lippen.

»Du hast einen Eid geleistet bei Allah und beim Barte des Propheten«, sagte er. »Ich will dir glauben; denn auch deine Begründung hat Hand und Fuß. Aber eines sollst du wissen: du hast dich nicht verlaufen. Du hast uns nicht aus Versehen in die Irre geführt. Du bist selbst von deinem Herrn betrogen worden. Wahrscheinlich sah er seinen Vorteil darin, auch dich loszuwerden.«

Malik el Suwa wußte, daß Abu Sef nur zu sehr rechthatte. Dennoch konnte er das nicht zugeben.

Wenn er jetzt davon sprach, daß Imi Bej ausgezogen war, um Diamanten zu sammeln, dann war er verloren! Denn wenn Malik el Suwa von dieser Tatsache Kenntnis hatte, so würde Abu Sef der festen Überzeugung sein, daß alles andere abgekartetes Spiel gewesen war. So sagte er denn:

»Du glaubst, daß mich mein Herr vernichten will?«

Abu Sef lachte dröhnend.

»Wenn ich es bisher nicht geglaubt habe, so wird es mir jetzt zur Gewißheit, wenn ich dein dummes Gesicht sehe. Wie konntest du nur so naiv sein, auf einen Gauner, dessen Schliche du doch besser kennen müßtest als wir, hereinzufallen. Ich wünsche nur, daß ihn der Schejtan recht bald holen möge.«

Malik el Suwa war froh, so billig davongekommen zu sein. Mit schauspielerischem Geschick verstand er es, eine bedrückte Miene beizubehalten.

»Los«, sagte Abu Sef. »Sehen wir zu, daß wir bald die Lavastraße gewinnen, damit wir schnell nach Hause kommen.«

Sie ritten weiter.


3

Abd el Ata schüttelte sich mißmutig das Wasser aus der Kleidung. Dann klopfte er den Schmutz vom Burnus. Ohne die Lavastraße zu betreten, war er von Posten zu Posten gekrochen, um sich von der Wachsamkeit eines jeden zu überzeugen. Die ganze Gruppe stand Posten. Seit drei Tagen hatte sich niemand mehr außerhalb des Waldes blicken lassen. Auch diejenigen, die am begierigsten darauf gewesen waren, mit Abu Sef abzurechnen, ermüdete die ergebnislose Wache. Die Aufmerksamkeit ließ allgemein nach.

Abd el Ata wandte sich an Hassan: »Seit drei Tagen warten wir hier. Ich möchte fast annehmen, daß uns unser pfeifender Freund einen Bären aufgebunden hat. Warst du nicht ein wenig zu vertrauensselig, als du ihn allein das feindliche Lager belauschen ließest?«

Hassans Augen blitzten den Führer der »Dreizehn Verlassenen« zornig an.

»Ich sagte dir bereits, ich war vor Übermüdung gar nicht mehr fähig, noch irgend etwas zu unternehmen. Kein anderer hätte das Lager noch belauschen können. Nur er hatte noch die Kraft dazu.«

»Ich wollte dich nicht kränken, Hassan. Aber, bei Allah, ist es nicht zum Verzweifeln, daß sich die Burschen noch immer nicht sehen lassen?«

Hassan zuckte die Schultern.

»Ich brenne genauso darauf wie du, dem verräterischen Abu Sef mein Messer zwischen die Rippen zu jagen. Abu Sef ist dick und behäbig wie eine schlachtreife Ente. Er wird zu viele Pausen eingelegt haben.«

»Pausen? Seit wann macht Abu Sef Pausen, wenn es gilt, einen Gewinn zu erzielen?«

Hassan lachte.

»Wenn er schon auf Imi Bejs Trick hereingefallen ist, so wird er der festen Überzeugung sein, daß ihm sein Gewinn auch mit weniger Anstrengung sicher ist.«

Abd el Ata blickte nachdenklich vor sich auf den Boden.

»Vielleicht hast du recht. Sollten sie wirklich noch kom-men, so hoffe ich, daß die meisten von uns nicht gerade zu dem Zeitpunkt einschlafen, an dem es gilt, sich auf den Gegner zu stürzen.«

»Ich schlafe bestimmt nicht ein.«

»Daran habe ich nie gezweifelt, Hassan. Aber du kannst nicht allein gegen die Verwünschten vorgehen.«

»Auch du bist noch da!«

Über Abd el Atas schwermütiges Gesicht glitt seit langem zum erstenmal ein Lächeln.

»Um ehrlich zu sein, ich wäre froh, wenn ich jetzt in Sansibar irgendeiner Arbeit nachginge, anstatt hier auf den dicken Abu Sef zu warten, um ihm das Leben aus dem feisten Körper zu pusten.«

Hassans Gesicht zeigte unverkennbar die Züge äußerster Bestürzung.

»Hast du kein Verlangen mehr nach Rache?«

Abd el Ata schüttelte den Kopf.

»Rache«, sagte er gedehnt, »wozu soll Rache gut sein? Man vollstreckt sie, und nachher ist es genau wie vorher. Man hat nichts durch sie gewonnen, weder innerlich, noch äußerlich.

Vielleicht verspürt man für einen Augenblick Befriedigung, wenn man das Messer aus dem Leib des Gegners zieht. Aber dann?«

»Das —, das habe ich auch schon einmal gehört. Nur in anderen Worten.«

Abd el Ata nickte.

»Ich weiß, du spielst auf den Pfeifer an. Und ich will dir nicht verhehlen, daß seine Worte auf mich einen tiefen Eindruck gemacht haben. Seit wir das erstemal mit ihm zusammenkamen, habe ich viel über ihn und das, was er sagte, nachgedacht. Und wenn man auch nur ein Gramm Vernunft in seinem Kopf hat, so kann man nicht anders als zuzugeben, daß er recht hat. Da mußte erst einer aus Frankistan kommen, um mir zu sagen, daß ich bisher vierzig Jahre lang verkehrt gelebt habe. — Was ist denn das ganze Leben?« philosophierte Abd el Ata weiter.

»Wenn du es richtig nimmst, so ist es nichts als der Kampf darum, daß man ein wenig zu essen und zu trinken hat. Man erstrebt einen kleinen Besitz, möchte unabhängig leben können und tun und lassen dürfen, was man will. Man möchte Zeit haben, sich mit den angenehmen Dingen zu beschäftigen. Wenn sich alle Menschen darüber klar wären, so müßte doch eigentlich der ewige Krieg, der Kampf um alles, was damit zusammenhängt, die Rache zum Beispiel, aufhören. Es muß da irgend etwas in unserer Grundauffassung geben, das an allem Wirrwarr schuld ist.

Wahrscheinlich liegt diese Schuld tief in uns.«

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete Hassan mit zusammengezogenen Brauen. »Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Haben nicht alle unsere Lehrer gepredigt, daß Rache, Kampf und Krieg süße Dinge sind?«

»Eben, eben, es ist unfaßlich, daß Menschen mit gelehrtem Kopf solchen Unsinn behaupten.«

»Wirst du nun den Kampf gegen Abu Sef abblasen?«

Abd el Ata schüttelte den Kopf.

»Wie könnte ich? Wie kann ich den anderen zumuten, in einer viertel oder halben Stunde das alles zu verstehen, was mir selbst vierzig Jahre lang fremd gewesen ist? Nein! Sei unbesorgt. Du und ihr alle, ihr werdet eure Rache bekommen. Für mich jedoch wird es das letztemal sein, daß ich meine Zeit an solchen Unsinn verschwende.«

»Was wirst du tun, wenn wir wieder in Sansibar sind?«

Abd el Ata zuckte die Schultern.

»Das weiß allein Allah.«

»Ich glaubte, wir würden selbst einen Sklavenjägerzug bilden.«

»Sicherlich werdet ihr das. Aber ohne mich. Ich werde nie mehr einem Menschen seine Freiheit rauben. Denn das, wovon ich träume, kann es nur geben, wenn alle frei sind.«

Hassan starrte vor sich hin. Was sollte aus ihm werden? Er hatte gelernt, Fährten zu lesen und mit einem Schießgewehr umzugehen. Viel mehr konnte er nicht. Wovon sollte er sich ernähren, wenn nicht dadurch, daß er andere Menschen raubte und sie verkaufte?

»Ja, wenn ich etwas anderes gelernt hätte! Aber so?«

»Jeder Mensch müßte mehr lernen«, meinte Abd el Ata gedankenvoll.

Ihr Gespräch wurde unterbrochen. Am Waldrand kam keuchend ein Mann gelaufen. Er versuchte trotz des schnellen Laufs sein lautes Atmen zu unterdrücken.

»Sie kommen«, zischte er.

»Sind alle verständigt?« fragte Abd el Ata.

Der andere nickte. Wie zur Bestätigung seiner Worte schlichen sich nach und nach die anderen herbei. Jeder suchte sich einen Platz hinter einem Strauch, von dem aus er gut auf den Gegner zielen konnte. Dann war atemlose Spannung über ihnen.


4

»So«, dröhnte Abu Sefs Baß, »nun noch ein paar Tage auf dieser Straße entlang, und wir sind wieder in Sansibar. Es ist ein hartes Stück Weg, das hinter uns liegt.«

Malik el Suwa nickte zustimmend. Einer von Abu Sefs Leuten fragte: »Wollen wir nicht ein Lager aufschlagen?« »Sind wir bis hierher gekommen«, entgegnete Abu Sef, »so wollen wir den Tag nützen, um noch ein weiteres Stück zurückzulegen. Ich habe es satt, durch diese verdammte Einöde zu kriechen, die Allah verfluchen möge.«

Der dicke Sklavenhändler ritt an der Spitze des Zuges.

Ihm folgte Malik el Suwa auf dem Fuße.

Hart und laut klang der Hufschlag ihrer Pferde auf dem Gestein.

Malik el Suwa, ein guter Pfadfinder, hörte als erster ein Rascheln am Rand der Straße. Er verhielt sein Pferd. »Das klang wie das Geräusch von Menschen«, sagte er. »Unsinn.«

Abu Sef krauste die Stirn.

Doch dann hörte auch er das Knacken eines Gewehrhahns.

»Beim Schejtan«, rief er laut, »geht in Deckung!« Aber es war schon zu spät. Schüsse fielen.

Abu Sef hörte nur noch den ersten. Dann starrte er mit weitaufgerissenen Augen, so, daß sein Gesicht aussah, als sei er sehr verwundert, dorthin, woher die Schüsse gekommen waren. Über seiner Nasenwurzel sickerte Blut aus einem kleinen Loch. Langsam rutschte er vom Pferd. Wie ein Mehlsack klatschte er auf den Boden und blieb liegen.

Malik el Suwa und vier, fünf andere Geistesgegenwärtige hatten die Pferde gewendet und preschten auf die gegenüberliegende Straßenseite zu, wo sie die Tiere rücksichtslos in den Busch trieben. Im Absitzen ergriffen sie ihre Büchsen. Die, die nicht hierher geflüchtet waren, fielen den Schüssen zum Opfer.

Da brach aus dem gegenüberliegenden Waldrand dieMeute der »Dreizehn Verlassenen« hervor.

Mit lautem Geschrei stürzten sie heran. Messer und Dolche blitzten.

Aber Malik el Suwa war nicht umsonst jahrelang in die Lehre seines Herrn gegangen. Er wußte, wie man solche Situationen meistert.

»Genau zielen!« rief er, »keinen Schuß verschwenden! Jede Kugel muß treffen!«

Dann legte er das Gewehr an und feuerte als erster. Seine Kugel fand ihr Ziel. Hassan sah mit Schrecken, wie Abd el Ata der Länge nach auf den Boden stürzte.

Weitere Schüsse peitschten vom Waldrand herüber. Sie hatten die Straße noch nicht zur Hälfte überschritten, als vier von ihnen tot oder verletzt auf der Straße lagen.

»Werft euch hin!« rief Hassan.

Aber nur wenige folgten seinem Befehl. Der Rachedurst hatte die übrigen blind gemacht. Erst als zwei weitere ihr Leben ausgehaucht hatten, nahmen sie Vernunft an.

Es entspann sich ein Kugelwechsel. Jetzt aber richteten die Schüsse weder hüben noch drüben Schaden an.

Malik el Suwa überlegte krampfhaft, wie er sich retten könnte. Aber die Feinde drüben würden jede Bewegung wahrnehmen. Es sei denn, er ließ sein Pferd zurück. Was jedoch tat er ohne Pferd? Nein, die Tiere durften nicht aufgegeben werden.

Er tat das Verkehrteste, was er in dieser Situation hätte tun können.

»Wir werden uns auf die Pferde schwingen und ausbrechen«, flüsterte er dem ihm am nächsten Liegenden zu.

Dieser nickte, froh, daß jemand da war, der das Kommando an Abu Sef s Stelle übernommen hatte.

Der Befehl wurde weitergegeben. Alle waren damit einverstanden.

Hassan sah, wie drüben eine Bewegung entstand. Auch ein anderer bemerkte es.

»Sie werden versuchen, mit den Pferden zu entkommen«, rief er.

Hassan gab keine Antwort.

»Wir sollten ebenfalls unsere Pferde holen«, rief der andere wieder.

»Bleibt liegen und zielt gut«, war alles, was Hassan sagte.

»Aber sie werden uns mit den Pferden entkommen«, blieb der andere eigensinnig.

Hassan kümmerte sich nicht um ihn.

»Gebt acht«, rief er, »ich nehme den ersten, der mir am nächsten Liegende den zweiten und so weiter und so weiter. Wenn ihr aufpaßt, kriegen wir sie alle.«

Drüben brachen die Reiter aus dem Waldrand hervor. Sofort wandten sie sich nach Osten zur Flucht.

Hassan zielte ruhig. Die, die seine Weisung verstanden hatten, ebenfalls. Als die Schüsse verklungen waren, gab es keinen Malik el Suwa mehr. Auch die anderen Sklavenjäger lagen mit den Gesichtern am Boden.

Einer der »Dreizehn Verlassenen« sprang auf.

»Sieg!« schrie er, »Sieg!«

Auch Hassan erhob sich langsam. Er blickte sich um. Tiefer Ernst stand auf dem Gesicht des Jungen. Er nickte.

»Sieg«, sagte er, »ja, Sieg. Aber um welchen Preis!«

Aus den »Verlassenen Dreizehn« waren »Verlassene Sieben« geworden. Hassan eilte zu Abd el Ata. Der Führer lebte noch.

»Abd el Ata, Abd el Ata«, sagte Hassan, und Tränen rannen ihm über die Wangen. »Bist du schwer verwundet?«Abd el Ata schlug mühsam die Augen auf.

»Hassan, Junge«, flüsterte er, »siehst du, wohin die Rache führt? — Ja —, ja, vierzig — Jahre — hat es gedauert — nun ist es — zu spät.«

Abd el Ata schloß die Augen. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Dann fiel sein Kopf zurück.

Zwei Tage später waren die übrigebliebenen sieben wieder an jener Stelle, an der Ojo und Michel mit dem kranken Tscham sie verlassen hatten. Um dem Pfeifer zu folgen, mußten sie seine Spur finden. Aber so sehr sie sich auch mühten, der Urwald hatte das letzte Anzeichen der Berührung durch einen Menschen ausgemerzt. Nirgends wies eine geknickte Liane oder ein zertretener Halm den Weg. Nichts war von den dreien übriggeblieben als der Hauch eines Gedankens.

Hassan ließ die Schultern hängen. Sein Blick ging in die Weite. Gar zu gern hätte er mit dem Pfeifer über Abd el Ata gesprochen. Gar zu gern hätte er vom Pfeifer gewußt, warum Abd el Ata vierzig Jahre gebraucht hatte, etwas zu erkennen, das die Leute in Frankistan sicher schon in frühester Jugend wußten.

Der arme Hassan konnte nicht ahnen, daß die Geister in Frankistan ebenso verwirrt waren wie anderswo in der Welt, daß es nur einigen wenigen gegeben war, mit klarem Verstand um sich zu blicken. Und daß zu diesen wenigen Ausnahmen in Frankistan eben der Pfeifer gehörte.

»Was nun?« fragte einer der sieben Einsamen.

»Ja, was nun?« war Hassans ausweglose Antwort.

Nach langem Hin und Her entschlossen sie sich endlich, den Weg, den sie gekommen waren, zurückzureiten. Was für ein Weg würde es sein? War es für Hassan der Weg, den Abd el Ata, wahrscheinlich in der Vorahnung seines Todes, vorgezeichnet hatte?

Der Klang der sich nach Osten entfernenden Hufschläge hallte noch lange auf dem Gestein der Lavastraße wider.


5

Dort, wo die von den Eingeborenen strikt eingehaltene Grenze zwischen dem Kirua- und dem Moschiland war, saß in einer Strohhütte der Königsläufer Maradsche und spähte in das ihm vorgelagerte Land.

Die Kirua gehörten wie die Moschi zu den Wadschagga. Alle in dieser Gegend wohnenden Wadschaggastämme hatten Aradman, den Häuptling der Moschi, als ihren Oberkönig anerkannt.

Sie waren von seiner Weisheit und Klugheit überzeugt und fühlten sich wohl unter seinem Schutz.

Maradsche trat jetzt aus der Hütte und hielt die Hand über die Augen, um sie vor der sengenden Sonne zu schützen. Weiter unten im Tal, im Land der Kirua, nahm er einen schwarzen, kleinen, sich auf ihn zu bewegenden Punkt wahr. Angestrengt spähte er hinab.

Es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, als er klar erkennen konnte, daß sich dort unten ein Mensch näherte. Dieser Mensch, ebenso nackt wie Maradsche, eilte in einem für Europäer unvorstellbaren Lauftempo die mit saftigen grünen Matten überzogenen Hänge empor, bis er die Späherhüte Maradsches erreichte. Diese Hütte war sozusagen die Nachrichtenzentrale des Königs Aradman, in der alle Nachrichten aus der Umgegend zusammenliefen, um, sorgfältig ausgewählt, von dem Königsläufer dem König in Abständen von je nach Wichtigkeit ein, zwei oder drei Tagen unterbreitet zu werden.

Der Ankömmling war ein Kiruakrieger.

»Setz dich und ruhe dich aus«, sagte Maradsche. »Dein Lauf war zu schnell. Du wirst krank werden, wenn du dich des öfteren so überanstrengst.«

Der Kirua nickte, ließ sich nieder und rang nach Atem. Man sah ihm an, daß er eine äußerst wichtige Meldung zu überbringen hatte. Aber noch gestattete ihm seine keuchende Lunge nicht, sie in klare Worte zu fassen.

Endlich, nachdem er sich wohl fünf Minuten lang verschnauft hatte, begann er zu sprechen, hastig und abgerissen:

»Krokodilfluß — — viele bärtige Männer — bauen schwimmenden Teppich aus Holz ——

haben alle gezähmte Zebras — — dann überqueren den Fluß auf schwimmendem Teppich — — und nun auf dem Wege nach hier.«

Der Kirua hielt erschöpft inne. Maradsche krauste die Stirn.

»Wie viele waren es?« fragte er.

Der Kirua hob seine beiden Hände und öffnete sie viermal.

»Vierzig Männer?« fragte Maradsche ungläubig.

Der Kirua nickte eifrig.

»Und sie wurden nicht von den Krokodilen angegriffen?«

»Doch, doch, aber unsere Wächter kamen nicht auf den hölzernen Teppich. Die Fremden hatten Feuerrohre, aus denen Blitz und Donner aufstiegen. Jedesmal, wenn sie donnerten, war ein Krokodil tot.«

»Hatten sie eine helle Hautfarbe?«

»Heller als wir; aber nicht so hell wie die Fremden, die vor ein paar Monaten in der Königsstadt zu Besuch waren. Sie sahen aus, als trügen sie den Krieg mit sich.«

Maradsche blickte nachdenklich in die Ferne. Ob wohl jener Weiße, den sie einst so freundlich beherbergt hatten, diese Männer nach hier geschickt hatte? Es fiel Maradsche schwer, daran zu glauben; denn jener Weiße hatte doch versichert, daß er alles in seiner Macht stehende tun würde, um jedes Übel vom Dschaggaland fernzuhalten.

»Wie schnell marschieren sie?« fragte er.

»Obwohl sie auf jenen Zebras sitzen, scheinen sie nur langsam voranzukommen. Ich habe sie mehrere Stunden lang beobachtet. Du oder ich, wir laufen viermal so schnell wie sie.«

Maradsche ballte die Fäuste.

»Wieviel Tage werden sie noch brauchen, um hierher zu kommen?«

»Vielleicht zwei oder drei«, sagte der Läufer.

»Höre«, erwiderte Maradsche, »du bleibst hier in der Hütte auf Posten. Ich glaube, ich kann mich nicht damit aufhalten, mir den Zug der Fremden noch selbst anzusehen. Ich muß eilen, um den König zu benachrichtigen.«

Sie legten einander die Hände auf die Schultern, was einem Abschiedsgruß gleichkam. Dann setzte sich Maradsche in nördlicher Richtung in Bewegung.


6

Ugawambi saß auf seinem ruhig dahinschreitenden Pferd. Diesmal hielt er die Perücke in der Hand. Nervös zupfte er Haar um Haar aus der künstlichen Haut. Ihm war alles andere als wohl zumute. Je weiter sich die Sklavenhändler Imi Bejs dem Dschaggaland näherten, um so mehr plagte ihn sein Gewissen. Was würde wohl der fremde Massa dazu sagen, wenn er von seinem, Ugawambis, Verrat erfuhr? Und war es nicht wirklich ein schrecklicher Gedanke, diesen grimmigen Haufen auf die friedlichen Eingeborenen loszulassen?

Außerdem hatte es sich mittlerweile unter den übrigen herumgesprochen, daß es Imi Bej gelungen war, Abu Sef auf betrügerische Art abzuschieben. Was dem Satan von Sansibar aber mit Abu Sef gelungen war, würde mit Ugawambi noch viel einfacher sein. Der lange, dürre Neger glaubte nicht mehr daran, daß er wirklich von dem geizigen Araber an einem etwaigen Gewinn beteiligt werden würde. Auf der langen Reise hatte Ugawambi die Erfahrung machen müssen, daß Imi Bej eine Ausgeburt der Hölle war.

Ein Reiter drängte sich neben ihn.

»Du sollst zum Bej kommen«, sagte er.

Ugawambi nickte, stülpte seine Perücke aufs Haupt und folgte dem Befehl.

Imi Bej lächelte freundlich.

»Nun, Ugawambi, sind wir nicht bald an Ort und Stelle?«

Der Neger blickte starr geradeaus. Bisher war es ihm gelungen, den Zug zu verzögern. Immer wieder hatte er so getan, als sei er sich nicht ganz im klaren über die Richtung. Aber auch er wußte, daß es nicht leicht sein würde, Imi Bej tagelang an der Nase herumzuführen.

Er erwiderte :

»Von hier aus werden wir noch etwa eine Woche brauchen, Imi Bej. Es kostet mich viel Zeit und Anstrengung, mich jeweils über den Standort zu orientieren, an dem wir uns befinden.«

Imi Bejs Lächeln blieb; aber es wurde drohend.

»Höre, Ugawambi, wenn du mich glauben machen willst, daß du die richtige Straße nicht mehr findest, so kannst du dir immer schon ein Stück Erde aussuchen, in dem dein Kopf begraben wird, den ich dir mit einer Machete vom Halse trennen werde. Deinen Rumpf lassen wir den Geiern zum Fraß. Nun, also?«

Ugawambi blieb trotz der Drohung tapfer. Seine Stärke lag im Angriff. Und so schrie er denn Imi Bej wutentbrannt an:

»Wage es nicht noch einmal, in solchem Ton mit mir, deinem Partner, zu sprechen! Entweder, du gehst den Weg, den ich dir zeige, oder du wirst das Ziel nie erreichen. Ich bin nicht von dir, sondern du bist von mir abhängig ! Und wenn du mir den Kopf abschlägst, werde ich nicht ungerächt bleiben, denn es wird euch ohne mich nicht gelingen, jemals lebend die Küste wiederzusehen!«

Er zog sein Pferd nach links, ritt einen Bogen — und schloß sich wieder am Ende des Zuges an.

Imi Bej knirschte wütend mit den Zähnen. Was konnte er dem verdammten Schwarzen schon anhaben? Es blieb ihm nichts weiter übrig, als sich auf seine Führung zu verlassen. Imi Bej wußte genauso gut wie Ugawambi, daß sie ohne ihn verloren waren.


7

Michel und Ojo hatten die erste Terrasse des Kilimandscharogebirges erreicht. Völlig erschöpft und abgerissen hingen sie mehr auf ihren Pferden, als sie saßen. Trotz aller Müdigkeit achteten sie jedoch streng darauf, daß der Gang der Tiere gleichmäßig war. Zwischen den Bäuchen der Tiere, an den Sattelgurten befestigt, schwankte die primitive Trage, auf der Tschams fieberheißer Körper lag.

Michel hatte die Hoffnung auf seine Rettung schon fast aufgegeben. Nur hin und wieder zeigte ein Zucken des kranken Körpers an, daß noch Leben in ihm war.

»Wie weit, Señor Doktor, meint Ihr, müssen wir noch reiten?«

»Einen halben Tag noch, denke ich.«

Ojo nickte stumm und warf einen Blick auf Tscham.

Sie waren zwischen dem Pareegebirge und dem Dschi-pesee hindurch geritten, hatten die Papyrussümpfe durchquert, waren dann in das Tal eingeritten, das sich neben der Königsstadt nach Norden zog, und strebten nun, die grasbewachsene Bergwand, die sie noch von der Stadt Aradmans trennte, zu erklimmen.

Da der Hang sanft anstieg, blieben sie auf den Pferden.

»Haben noch eine ganz schöne Kletterpartie vor uns«, brummte Ojo.

»Und drüben wieder hinunter«, stimmte Michel zu.

Tscham war nur noch ein Schatten seiner selbst.

»Werdet Ihr ihn durchbringen, Señor Doktor?«

Michel wiegte bedenklich das Haupt. Dann meinte er:

»Im allgemeinen glaube ich nicht an Wunder. Doch hoffe ich sehr, daß diesmal eins geschieht.«

»Vielleicht kennen die Medizinmänner des Königs ein Mittel gegen das Fieber«, warf Ojo ein.

»Möglich.«

Die Pferde blieben plötzlich stehen. Ojos Gaul brach vorn in die Knie. »Absteigen«, befahl Michel.

Dann führten sie die Tiere am Zügel weiter. Es schien den beiden Gäulen schwerzufallen, die Bahre mit Tscham zu tragen.

»Das hätte uns noch gefehlt«, schimpfte Ojo, »daß ihr Biester kurz vor dem Ziel schlappmacht.«

»Es sind keine Esel«, sagte Michel. »Sie haben die Urwälder überwunden, sind uns über Sumpfpfade gefolgt, und haben uns in Gegenden getragen, die noch keines Weißen Fuß betrat.

Einmal müssen selbst die edelsten Pferde ausgepumpt sein. Und diese sind nicht einmal edel.«

Schritt für Schritt zogen sie dahin. Immer näher kamen sie dem Gipfel. Ohne daß sie es merkten, beschleunigten sie ihren Gang. Das Wissen um die jenseits liegende Stadt wirkte wie ein Magnet auf sie.

Nach zwei Stunden waren sie oben. Wieder wurden sie, wie beim erstenmal, durch den lieblichen Anblick, der sich ihnen bot, versöhnt. Dort lag sie, die Perle des Dschaggalandes, die Stadt des Königs Aradman. Geschäftig sah man die Bewohner in den Straßen hin und her eilen.

Das an den Fels geschmiegte Strohschloß beherrschte das Gesamtbild.

Auch die Tiere schienen alle Müdigkeit vergessen zu haben. Es war, als drängten sie zum Weitergehen. Michels Brauner jedenfalls stupste den Pfeifer mit der Schnauze an der Schulter.

Ja, dort unten gab es klares Quellwasser.

»Los, Diaz, wir werden auch das letzte Stück noch hinter uns bringen.«


8

Zur selben Zeit eilte der leichtfüßige Königsbote Maradsche über den westlichen Hang. Am Fuße angekommen, verschnaufte er einen Augenblick. Hätte er, wie es sonst seine Gewohnheit war, innegehalten, um die Schönheit der Gegend zu genießen, so wären ihm die zwei Reiter am jenseitigen Hang nicht entgangen. Aber heute bedrängte ihn zu viel, als daß er Zeit auf einen Blick in die Schönheit verschwendete.

Wenige Minuten später stand er vor dem Schloß.

Er brauchte nicht zu warten. Für ihn war der König immer zu sprechen. Er, der Mann, der die Nachrichten brachte, war eines der wichtigsten Glieder der Staatsmacht. Nachrichten, das heißt Neuigkeiten, gehörten in der Königsstadt zum Alltagsleben wie in jedem zivilisierten Land der Welt. Was dem König geeignet schien, daß es dem Volk mitgeteilt werde, wurde jeweils vor Einbruch der Dämmerung durch drei Ausrufer verkündet. Und es gab wohl keinen Bürger in dieser Stadt, der dem, was draußen in der anderen Welt vorging, nicht begierig lauschte.

Maradsche stand in der großen Audienzhalle. Aradman trat ein und begrüßte ihn herzlich.

»Deine Augen schauen ernst drein, Maradsche. Deine Stirn trägt viele Falten. Deine Lunge pfeift vom schnellen Lauf. Deine Nachricht scheint nicht gut zu sein.«

»Du hast recht, mein König. Vielleicht ist es die schlechteste Nachricht der letzten hundert Jahre.«

Aradmans Stirn umwölkte sich. Auch auf sein Antlitz trat der Ausdruck der Sorge.

»Sprich, Maradsche. Wir wollen uns nicht aufhalten.« »Es ist Gefahr im Verzüge. Ein Heer wildaussehender, bärtiger Männer hat den Fluß der Krokodile überschritten. Sie sind dabei, in unser Land einzudringen.«

»Wie viele?« fragte Aradman kurz. »Vier mal zehn, mein König.« Aradmans Züge hellten sich auf.

»Vierzig Männer? Und deswegen hast du so große Sorge? Was sind vierzig Männer gegen unsere Armee? Wir können sie in Minuten zermalmen, wenn sie nicht friedlich wieder abziehen.«

Maradsche schüttelte den Kopf.

»Erinnerst du dich, daß vor Monaten viel weniger als vierzig Männer kamen? Haben wir diese in die Flucht schlagen können? Haben sie nicht vielmehr uns in Angst und Schrecken versetzt?«

»Der eine von ihnen war ein Gott. Gegen Götter kämpfen die Wadschagga nicht. Er führte den Blitz und den Donner mit sich. Und nicht nur den einfachen, wie ihn die Bantu auch besitzen, sondern den vielfachen.« Maradsche nickte ernst.

»Von diesen vierzig Männern, die zur Zeit noch durch das Gebiet der Kirua ziehen, hat jeder Blitz und Donner bei sich. Aber es scheinen keine Götter, sondern Teufel zu sein.«

Aradman erbleichte.

»Soll das heißen, daß die vierzig gleicher Art sind wie der »pfeifende Geist«?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gesehen. Ich hatte keine Zeit, sie mir anzusehen, weil ich glaubte, daß es wichtiger sei, dir schnell Kunde von ihnen zu bringen.«

»Wie mögen sie den Weg hierher gefunden haben?«

»Nun, ich denke, der »pfeifende Geist« war kein Engel, sondern ebenfalls ein Teufel, der ihnen den Weg gewiesen hat.«

»Glaubst du selbst, was du sagst?« Die Augen des Königs ruhten forschend auf seinem Läufer.

Maradsche schlug den Blick nieder. »Du hast recht, mein König. Auch ich traue dem guten Fremden eine solche Schandtat nicht zu, zumal er uns versicherte, daß er alles tun werde, um keinem Menschen Kunde werden zu lassen von unserem Land.«

»Vielleicht hat sie der böse Geist hergeführt. Vielleicht aber kommen sie gar nicht in feindlicher Absicht. Du solltest ihnen entgegenziehen, um sie zu fragen, was sie hier wollen.«

»Meinst du, daß wir sie willkommen heißen sollen?«

»Vielleicht. Wir sind niemandem feindlich gesinnt. Friedliche Menschen sind in unserem Lande immer willkommen. Könnte es nicht sein, daß sie ebenso wie die Bantu-Neger eine neue Heimat suchen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Maradsche zögernd, »es könnte natürlich so sein. Aber ich habe ein Gefühl in mir, das mich warnt, ihnen zu trauen. Du hast von Baluba, dem Häuptling des bei uns lebenden Volkes der Bantu gehört, daß es ebensolche bärtigen Männer waren, die sie aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie sie fangen wollten, um sie dann zu verkaufen.«

Aradman nickte.

»Ja, ich habe es gehört. Aber je länger ich darüber nachdachte, um so größere Zweifel kamen mir an der Wahrheit dieser Behauptung. Es ist zu schwer für mich, mir vorzustellen, daß man Menschen fangen kann, um sie zu verkaufen.«

»Weshalb sollte ich daran zweifeln? Ich habe es nicht nur von Baluba, sondern auch von Unogi und vielen anderen gehört.«

Der König war zu nervös, um sitzen zu bleiben. Er erhob sich, verschränkte die Hände und ging gedankenvoll auf und ab.

»Schicke einen Läufer zu Baluba. Ich lasse ihn bitten, sofort zu mir zu kommen.«

»Ja«, stimmte Maradsche zu, »wir sollten sie bitten, uns mit ihren Feuerwaffen gegen die Eindringlinge zur Seite zu stehen.«

»Eben. Das war es, was ich wollte.«

Maradsche wandte sich um, um das Schloß zu verlassen. Als er die Treppe hinunterschritt, stutzte er. Die Hauptstraße wimmelte von Menschen. Freudiges Geschrei stieg bis zu ihm herauf.

Er forschte nach der Ursache dieser, wie ihm schien, gar nicht zu seiner Stimmung passenden Ausgelassenheit. Da bemerkte er inmitten des Menschenknäuels zwei gezähmte Zebras. Er sah, wie sich zwei Männer mühsam durch die Menge den Weg zum Schloß bahnten.

Langsam schritt er die Stufen hinab.

Wer mochte das sein?

Er sollte nicht lange im unklaren darüber bleiben. Aus den sich beständig verstärkenden Jubelrufen konnte er einige Worte heraushören:

»Der »pfeifende Geist«! Der »pfeifende Geist«!«

Maradsche kniff die Augen zusammen. Das war eine große Überraschung. Kam der Pfeifer als Abgesandter der vierzig Eindringlinge?

Maradsche verzichtete darauf, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Bald würde er es erfahren.So blieb er auf der untersten Stufe der Treppe stehen und erwartete die Ankömmlinge.

Michel und Ojo hatten sich endlich durch die Menge hindurchgerungen.

»Maradsche!« rief Michel freudig, als er den Läufer erblickte. Er wankte auf ihn zu und legte ihm die Hände auf die Schultern.

Wenn er erwartet hatte, daß Maradsche diese Begrüßung erwidern würde, so sah er sich getäuscht. Maradsches Gesicht war unbeweglich.

Die beiden Männer blickten einander starr in die Augen. Michel spürte die Abwehr in dem anderen.

»Was ist, was hast du?« radebrechte er auf Kisuaheli.

»Haben euch die vierzig Männer, die in unser Land eindringen, als Vorhut geschickt?« fragte Maradsche.

Er hatte so langsam gesprochen, daß Michel das meiste verstehen konnte.

»Nein!« erwiderte er hart. »Wenn wir mehr Zeit haben, will ich dir alles erklären. Nur eines sollst du jetzt schon wissen. Wir haben sie verfolgt, um sie davon abzuhalten, zu euch zu kommen.«

»Aber wie erhielten sie Kunde von unserem Land?«

»Ich kann dir das nicht in fünf Minuten sagen. Zuerst brauche ich deine schnelle Hilfe für unseren Freund, der, wie du siehst, krank auf dieser Bahre liegt.«

Jetzt erst bemerkte Maradsche den kranken Tscham.

»Ist es der junge Fürst?« fragte er.

»Ja«, erwiderte Michel. »Diesmal hat er die Reise nicht überstanden. Das Fieber hat ihn gepackt.

Kennst du irgendein Mittel gegen das Fieber?«

Maradsche verharrte einen Augenblick in Schweigen. Er schien mit sich zu kämpfen. Dann sagte er kurz:

»Komm.«

Er wandte sich um und stieg die Treppe wieder hinauf.

Michel und Ojo nahmen Tscham in die Arme und trugen ihn hinter ihm her.

Oben, in der kühlen Audienzhalle, kam Tscham zu sich.

»Wasser —, Wasser«, murmelten seine Lippen.

In diesem Augenblick trat auch Aradman wieder in die Halle. Er war nicht wenig erstaunt, den Pfeifer wiederzusehen.

Aber auch er war zurückhaltend, obwohl er den Gruß nicht verweigerte. Michel sah, daß er überall auf Mißtrauen stieß. Seine erste Aufgabe also mußte es sein, dieses zu zerstreuen.

Feindlich gesinnte Menschen würden kein Interesse daran haben, Tscham zu helfen.

Als der König ein paar Fragen an ihn richtete, hob er abwehrend die Hand.

»Höre, Aradman«, machte er sich in seinem mangelhaften Kisuaheli verständlich. »Ich will keine Zeit damit verlieren, dir Fragen zu beantworten. Erlaube, daß ich dir eine Erklärung für alles gebe, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat.«

Aradman nickte und wies auf einige Bastmatten, die auf dem Boden lagen.

Es war nicht einfach für Michel, alles das in der fremden Zunge wiederzugeben, was zum Verständnis der Situation nötig war. Aber an den Gesichtern der beiden Zuhörer bemerkte er bald, daß sie alles begriffen.

Als er geendet hatte, nickte Aradman. Dann erhob er sich, klatschte in die Hände, befahl einem eintretenden Diener, seinen Leibarzt zu holen, und wandte sich an Michel :

»Deinem Freund wird geholfen werden«, sagte er. »Ichschenke deinem Bericht Glauben. Es ist schlimm, was dieser lange Schwarze angerichtet hat.«

Damit meinte er Ugawambi.

Michel stimmte ihm zu.

»Was können wir tun, um ein Unglück zu verhindern?« fragte Aradman.

Michels Gesicht wurde starr. Diese Frage hatte ihn während des ganzen Weges gequält. Es war ihm nicht gelungen, einen unblutigen Ausweg zu finden. Würde es diesmal noch gelingen, die Sklavenhändler zu vertreiben, so konnte er sicher sein, daß es nicht lange dauern würde, bis sie wiederkamen. Das einzig Sichere war — — ihr Tod. Aber vierzig Menschen umzubringen, das war etwas, was nicht zu Michels Einstellung den Menschen gegenüber gehörte. Alles in ihm sträubte sich gegen diese Tat. Und doch schien sie der einzig reale Ausweg zu sein.

So meinte er denn zu Aradman:

»Wir müssen eine List anwenden. Ich werde sofort wieder aufbrechen, um ihnen entgegen zu reiten. Bei passender Gelegenheit fange ich dann Ugawambi. Wenn dieser in unserer Gewalt ist, so haben sie keinen Führer mehr. Dann können wir sie in ein Seitental der Hauptstadt locken, um sie dort — — gefangenzunehmen.«

Aradman wiegte den Kopf.

»Und was dann? Was sollen wir mit ihnen tun?«

»Am einfachsten wäre es, sie sofort zu töten«, warf Maradsche ein.

Michel blickte starr zu Boden. Er wußte, daß es nicht nur das einfachste, sondern auch das einzigste war, was ähnliche Exkursionen für die Zukunft verhindern würde.

»Dir ist bei dem Gedanken nicht wohl?« fragte Aradman begreifend.

»Offen gestanden, nein«, antwortete Michel. »Es ist mir ein schrecklicher Gedanke, am Tod von vierzig Menschen schuld zu sein.«

»Wäre es nicht vielleicht möglich, sie in die Irre zu führen und sie dann sich selbst zu überlassen?«

Maradsche schüttelte den Kopf.

»Kaum«, sagte er. »Wenn sie erst den Berg gesehen haben — und ich zweifle nicht daran, daß sie ihn gesehen haben —, so werden sie nie ruhen, bis sie ihn wieder gefunden haben. Wenn nicht auf dieser Reise, so auf der nächsten. Der Berg des ewigen Schnees wird ihr ständiger Wegweiser sein. Er wird sie mit magischer Gewalt anziehen. Es gibt für einen Fremden nichts Schlimmeres, als ein ungeklärtes Geheimnis. Habe ich nicht recht?«

Michel nickte.

In diesem Augenblick betrat ein wunderlich aufgeputzter Mann die Halle. Er hatte die Schwelle des Greisenalters schon längst überschritten. Sein Gesicht war runzlig. Er war mit einem Kostüm aus Vogelfedern bekleidet. Auf dem Kopf saß ein Gegenstand, der aussah wie eine Krone. Sein Mund war zahnlos.

Der König und Maradsche erhoben sich bei seinem Eintreten. Michel und Ojo folgten dem Beispiel.

»Das ist der große Zauberer unseres Volkes«, sagte Aradman. »Wenn er nichts für deinen Freund tun kann, so kann niemand etwas für ihn tun.«

Der Medizinmann wackelte mit dem Kopf. Das einzige an ihm, was sich seine Jugendkraft bewahrt zu haben schien, waren die flinken kleinen Augen. Sie blieben jetzt auf Tscham haften.

Er streckte den Finger aus und zeigte auf den Jungen.

»Der da?« fragte er.Aradman nickte.

Der Medizinmann kniete neben der Bahre. Er beugte sich ganz dicht über Tschams Gesicht, so, als wolle er ihn küssen. Aber Michel sah, wie er mit starr aufgerissenen Augen in die blutunterlaufenen Tschams sah.

Dann fuhr er dem Jungen ein paarmal mit dem Zeigefinger über das Gesicht. Er hob seine Arme an und ließ sie wieder fallen. Dann richtete er sich auf.

Er blickte den König an und nickte. Sein zahnloser Mund murmelte etwas, was Michel nicht verstand.

Aradman wandte sich an den Pfeifer.

»Der große Zauberer der Wadschagga meint, daß dein Freund in wenigen Tagen wieder gesund sein wird.«

Jetzt erwachte der Arzt in Michel.

»Wird mir der große Zauberer das Rezept verraten?« fragte er.

Der alte Mann blinzelte ihn listig an. Als er ihn lange genug fixiert hatte, nickte er.

Dann wandte er sich wieder an Aradman.

Nach kurzem Gespräch hob Aradman den Arm und deutete auf eine Tür, die dem Eingangsportal gegenüber lag.

»Dein Freund wird dort, in diesem Gemach, seiner Genesung entgegenschlafen, wenn du es erlaubst«, wandte er sich an Michel.

Michel gab seine Zustimmung.

»Werde ich ihn zwischendurch sehen können?«

»Du hast jederzeit Zutritt zu ihm.«

Michel war zufrieden.

Es entstand eine Pause.

Der Pfeifer, der nun sicher war, daß alles für Tscham getan wurde, was im Bereich des Möglichen lag, dachte wieder an seine eigentliche Aufgabe. Viel Zeit durfte er nicht mehr verlieren.

Er wandte sich an den König :

»Höre, Aradman«, sagte er. »Ich bitte dich, mir eine Matte zuzuweisen, daß ich mich eine Stunde ausruhen kann. Ich bin zu abgespannt, um gleich zu reiten. Was in meinen Kräften steht, will ich tun, damit nie mehr eines anderen Fuß deine schöne Stadt betritt.«


9

Imi Bej war mit seiner Bande bald, nachdem sie den Krokodilfluß überschritten hatten, aufgebrochen.

Über der Kilimandscharo-Niederung hing noch immer der dicke Dunst regenschwerer Wolken.

Bis jetzt hatte sich der Berg ihren Blicken noch stets entzogen.

Eingedenk dessen, was Imi Bej bei früherer Gelegenheit mit Ugawambi gesprochen hatte, ritten sie strikt in nordwestlicher Richtung weiter.

Ugawambi tat nichts dazu, die Richtung zu ändern, obwohl er wußte, daß sie jetzt genau nach Norden ziehen mußten, um die Stadt des Königs Aradman zu erreichen.

Der lange Neger ritt am Ende des Zuges. Nachdenklich blickte er vor sich auf den Kopf seines Pferdes. Anfangs hatte er noch die Hoffnung gehabt, daß die Sklavenjäger davor zurückschrecken würden, den Fluß der Krokodile zu überqueren. Er hatte sich eines Besseren belehren lassen müssen und wußte nun, daß es für Imi Bej keine Hindernisse gab.

So war Ugawambis Hoffnung, daß er doch nicht wortbrüchig zu werden brauchte, zusammengeschmolzen. Er wußte, daß sie nahe am Ziel waren. Und einmal würde sich der Berg zeigen. Einmal würden die Wolken zerreißen und strahlende Sonne würde den Schnee auf seiner Kuppe glitzern lassen. Daß Imi Bej, stur der jetzigen Richtung folgend, an diesem Berg vorbeiziehen würde, war unwahrscheinlich.

Ugawambi fuhr mit den langen knochigen Fingern durch die Mähne seines Pferdes. In seinem Innern tobte ein wilder Kampf. Gab es keine Rettung für die Wadschagga?

Plötzlich sah er auf. Ein Gedanke durchzuckte sein Hirn. Wie, wenn er sich in der Nacht davonschliche? Wenn er in die Stadt der Wadschagga eilte, um diese zu warnen? Aber würde man ihm glauben? Würde man das Ganze nicht für einen Trick halten?

Er war sich durchaus darüber im klaren, daß den aufmerksamen Spähern der Wadschagga der Zug der Sklavenjäger nicht entgangen sein konnte. Und Ugawambi war den Eingeborenen kein Unbekannter. Niemand als er konnte Imi Bej bis hierher gebracht haben.

Aber selbst, wenn sie ihm glaubten, vierzig Gewehre vermochten mehr als eine ganze Armee von Eingeborenen, die mit Speeren und Schilden bewaffnet waren.

Es war zum Verzweifeln. Ugawambi hatte seinen Gewinn längst vergessen. Nicht einmal nach Whisky sehnte er sich in dieser Stunde.

Wer war schließlich schuld daran, daß er eingewilligt hatte, Imi Bejs Führer zu werden?

Niemand als seine Weiber. Geldgierig, wie sie waren, würden sie ihn auch in die Hölle hetzen, wenn es galt, Schätze zu erwerben.

Ugawambis Gesicht nahm einen grimmigen Ausdruck an. Er ballte die Fäuste. Wenn er je in die Heimat zurückkehren würde, seine Frau und seine Schwiegermutter würden nichts zu lachen haben. Er würde die Alte aus dem Hause werfen und seiner Frau ein für allemal die Flausen aus dem dicken Kopf prügeln. Das glaubte er seinem Massa schuldig zu sein.

Am Nachmittag ließ ihn Imi Bej rufen. Mürrisch setzte er sein Pferd in Bewegung und ritt an die Spitze des Zuges.

»Haben wir es noch nicht bald geschafft?« fragte Imi Bej.

»Warum so eilig«, fragte Ugawambi frech dagegen. »Reichtum ist noch keinem Menschen von selbst in den Schoß gefallen.«

Imi Bejs Gesicht verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse.

»Ich lasse dir die Haut in Streifen vom Leibe ziehen, du verdammte Kröte, wenn du mir keine vernünftige Antwort gibst!«

»Spar dir deine dummen Drohungen«, fuhr ihm Ugawambi über den Mund.

»Du Laus, du dreckige, du schwarzes Warzenschwein, ich werde ...«

»Nichts wirst du«, fuhr Ugawambi dazwischen. »Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mir deine Beleidigungen nicht auf die Dauer gefallen lasse. Wir sind Geschäftspartner, und ich habe genauso ein großes Interesse wie du, bald ans Ziel zu kommen.«

Imi Bej beherrschte sich.

»Wie lange also noch?« fragte er kurz.

»Drei bis vier Tage werden wir schon noch brauchen«, sagte Ugawambi.

»Du mußt das doch genau wissen! Du bist doch diesen Weg schon einmal geritten!«

Ugawambi grinste breit.

»So genau kann ich mich nicht mehr erinnern.«

Imi Bej sah ein, daß er mit Drohungen aus dem Schwarzen nichts herausholen konnte. Aber in dieser Gegend brauchte er ihn mehr als je zuvor. Er konnte es nicht darauf ankommen lassen, sich vollständig mit ihm zu entzweien. So gab er seiner Stimme einen freundlicheren Klang, als er jetzt fragte:

»Weißt du einen guten Lagerplatz für die Nacht?«

»Noch nicht, aber ich werde ihn finden.«

»Gut, dann laß es mich wissen.«

Ugawambi nickte kurz, wandte sein Pferd und ritt wieder an das Ende des Zuges.

Bald brach die Nacht herein, und Ugawambi fand einen Lagerplatz. Die Männer waren müde.

Die kurzen Unterhaltungen kamen bald ins Stocken. Imi Bej hielt es nicht für nötig, Wachen auszustellen. Vor den Eingeborenen hatten Sklavenjäger keine Angst. Und sonst war niemand da, der ihre Nachtruhe hätte stören können.

Ugawambi schlug sein Lager etwas abseits von den anderen auf, was diesen sehr recht war, denn sie mochten nicht in der Nähe eines Negers schlafen. Obwohl sie auf den schwarzen Mann angewiesen waren, konnten sie ihre Abneigung gegen ihn doch nicht überwinden.

Stunde um Stunde verrann.

Der Neger hatte einen schweren Traum. Er wollte schreien; aber er brachte keinen Ton heraus.

Irgend etwas Stinkendes, Übelschmeckendes, was in seinem Mund war, hinderte ihn daran. Als er sich aufrichten wollte, flüsterte jemand neben ihm:

»Wenn dir dein Leben wert ist, so wehre dich nicht und gib dich gefangen.«

Ugawambi war starr vor Schrecken.

Er fühlte, wie sich Riemen um seine Handgelenke legten. Starke Arme zerrten ihn von seinem Platz. Dann wurde er emporgehoben und auf ein Pferd gesetzt. Und dann stob das Tier in rasendem Galopp davon.

Die Nacht war dunkel, und es regnete. So hatte Ugawambi nicht die Möglichkeit, den Mann, der irgendwo neben ihm ritt, näher in Augenschein zu nehmen.

Endlich verlangsamte sich die Gangart der Tiere. Dem Neger war speiübel. Der Knebel in seinem Mund hatte einen entsetzlichen Geschmack.

Neben ihm sagte eine Stimme:

»So, du Ungeheuer, ich glaube, jetzt kann ich dich von dem Pfropfen in deinem verräterischen Mund befreien.«

Ugawambi horchte auf. Diese Stimme kannte er. Als ihm jemand den Knebel aus dem Mund nahm, meinte er :

»Du sein Massa Pfeifer?«

»Ja«, sagte Michel, »danke Gott, daß ich dich nicht totgeschlagen habe.«

»Oh —, oh —, Ugawambi sein gar nicht so untreu, wie Massa denken. Aber warum stecken Massa Ugawambi so furchtbar stinkenden Knebel in Maul?«

Michel freute sich, daß er wieder einmal englische Laute vernahm. Er lachte, dann schnitt er ihm die Fesseln durch.

»Ich glaube nicht, daß du versuchen wirst, mir zu entfliehen.«

»Massa Pfeifer ganz sicher sein. Ugawambi bleiben bei Massa Pfeifer.«

»Nun, so will ich dir auch deinen Knebel zeigen. — Hier.«Ugawambi nahm das stinkende Etwas in die Finger und hielt es sich dicht vor die Augen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus.

»Das —, das sein Ugawambis viel schöne, gut Perücke ! Oh —, Ugawambi nicht wissen, wie Perücke stinken.«

Er fuhr sich mit der linken Hand ein paarmal durch das Kraushaar, um sich zu vergewissern, daß die Perücke wirklich nicht mehr an ihrem Platz war. Aber trotz seiner eigenen eindeutigen Feststellung über den Geruch stülpte er sich die anrüchige Hauptzierde mit schnellem Griff wieder über. Er atmete sichtlich auf.

»Willst du dich denn nie von diesem Ding trennen?« fragte Michel belustigt.

»Nein, nein! Ugawambi vornehmes Mann. Massa sehen Portugiesen an. Alles vornehmes Mann.

Tragen alle Perücken.«

Dem Pfeifer konnte es ziemlich gleichgültig sein, ob er Ugawambi mit oder ohne Perücke gefangen hatte. Er hatte die Sklavenkarawane praktisch führerlos gemacht. Und das war ein Schachzug, mit dem Imi Bej sicher nicht gerechnet hatte.

Als sie eine Weile schweigend geritten waren, fragte Ugawambi plötzlich:

»Warum Massa Pfeifer nicht reiten geradeaus? — Königsstadt liegen da vorn. Ugawambi genau wissen.«

»Meinst du, ich habe Lust, Imi Bej eine Spur zu hinterlassen, die ihn direkt zum Ziel führt?«

»Ah —, Ugawambi verstehen. Massa Pfeifer nehmen gefangen Ugawambi, damit böse Bej nicht finden den Weg.«

Als Michel jetzt antwortete, verlieh er seiner Stimme einen drohenden Klang.

»Ja, du hast ganz recht. Was aber glaubst du, werde ich mit dir machen?«

»Ugawambi nicht wissen«, sagte der Schwarze treuherzig.

»Nun, ich werde dich dem König ausliefern. Und weißt du, wie die Wadschagga Verräter zu bestrafen pflegen?«

Ugawambi schwieg schuldbewußt.

»Sie binden sie an einen Baum und schneiden sie in breite Streifen.«

Dem langen Neger traten vor Entsetzen die Augen aus dem Kopf.

»Du meinen, schneiden Ugawambi in breite Streifen, wenn Ugawambi noch leben?«

»Hm.«

»Das sein viel schrecklich, gräßlich, furchtbar!«

»Was du getan hast, ist noch furchtbarer! Wie konntest du dein Wort brechen? Wie konntest du die wilde Meute in diese Gegend führen? Hast du dir nicht denken können, daß damit Unglück über dieses friedliche Volk hereinbricht?«

»Ugawambi nichts denken. Ugawambi böse Schwiegermutter und habgierige Frau. Ugawambi viel Schnaps getrunken. Imi Bej sagen, Ugawambi Geschäftspartner von Imi Bej. Ein Viertel mein Anteil. Ein Viertel viel Whisky, sehr viel Whisky.«

»Du bist ein unverbesserlicher Säufer. Du verkaufst deine Seele, um dich mit dem berauschenden Zeug volllaufen zu lassen. Was hast du davon?«

»Was haben?« fragte Ugawambi erstaunt. »Viel schön, gute Bilder. Ganze Welt friedlich.

Schwarze Mann lieben weiße Mann, wenn Ugawambi hat getrunken viel Whisky.«

Michel berührten diese Worte in tiefster Seele, so komisch sie klangen. Ohne zu wollen, ja ohne es zu wissen, hatte ihm Ugawambi einen tiefen Einblick in sein Innerstes gewährt. Da war er, der arme, dürre, lange Neger. Einen Stolz hatte er, das war seine Perücke. Und eine Freude gab es für ihn, das war der Whisky. Nicht der Whisky, sondern der Rausch, den er sich antrinken konnte. Und weshalb wollte er den Rausch? Um in einer schönen Welt zu leben. In einer Welt, die keinen Haß, keine Rachsucht, keine Feindschaft kannte. Und wenn man bedachte, einen wie wachen Geist dieser Neger hatte, so waren die Umstände, unter denen er sein Leben fristen mußte, alles andere als schön. Vielleicht wäre er ein glücklicher Mensch, wenn sein Vater oder Großvater nicht von Sklavenjägern gefangen worden und mit den Weißen in Berührung gekommen wäre. Diese Eingeborenen waren wie Pflanzen, die erst eine gewisse Zeit brauchen, bis sie sich an den anderen Boden gewöhnt haben. In Ugawambi lebte bereits der Zwiespalt zwischen der schwarzen Haut und der weißen Umgebung. Und wem allein konnte man an solchen Zuständen die Schuld geben? Doch nur den Weißen, die die Araber dazu animierten, Sklaven für sie einzufangen. Für einen Menschen mit Gewissen war es wirklich schwer, sich seiner weißen Haut nicht zu schämen. Dieser Neger hatte im Rausch das Gute gesucht und war durch den Whisky, den er brauchte, um den Rausch zu erzeugen, auf die Bahn des Bösen gerutscht, ohne es selbst recht gemerkt zu haben. Man durfte ihn nicht strafen. Nein, die Schuld hatten andere.

»Massa Pfeifer?« unterbrach Ugawambi zaghaft das Schweigen.

Ja?«

»Du sagen zu König, daß Ugawambi erst erschießen, bevor in Streifen schneiden.« Michel zügelte sein Pferd.

»Der König der Wadschagga ist ein ungewöhnlicher Mann. Ich weiß zwar nicht, ob ich ihn davon überzeugen kann, daß du kein schlechter Kerl bist, aber ich werde es versuchen, wenn du mir bei allem, was dir heilig ist, schwörst, daß du nach deiner Rückkehr nach Sansibar nie wieder zu irgendeinem Menschen ein Wort über den Kilimandscharo sprechen wirst.«

Ugawambi antwortete nicht gleich. Er schien nachzudenken. Dann meinte er langsam:

»Ugawambi schwören und Schwur halten. Aber was können Ugawambi tun, wenn Schwiegermutter wieder Geld will?«

»Wirf die Alte hinaus.«

»Dann Frau zetern.«

»Bist du schon einmal auf einem Schiff gefahren?« fragte Michel.

»Nein. Aber Ugawambi gerne auf Schiff gehen. Hören daß auf Schiff viel gut Rum.«

»Nicht nur Rum. Auch sehr viel Arbeit.«

»Ugawambi viel arbeiten.«

»Würdest du auf einem Schiff fahren wollen, wenn ich dir einen Platz auf einem Schiff besorgte?«

»Ugawambi gerne auf Schiff fahren, auf große, große Wasser. Weit weg, weit weg von Schwiegermutter. Alle Jahre einmal Frau besuchen. Das genug.«

»Ich werde mir das überlegen. Versprich mir wenigstens, daß du alles, was in deinen Kräften steht, tun wirst, um in Zukunft solche Dinge zu vermeiden, die dazu führen, daß den Wadschagga ein Leid geschieht.«

»Ugawambi gern versprechen.«

Als der Morgen graute, hatten sie ein großes Stück Wegs zurückgelegt. Jetzt befanden sie sich im westlichen Seitental der Stadt. Sie erklommen den Hang. Als sie auf dem Kamm standen, lag die Stadt in der Morgensonne unter ihnen.

»Ist diese Stadt nicht viel zu schade, um von den Sklavenjägern zerstört zu werden?« fragte Michel.

Ugawambi nickte.

»Sehr schöne Stadt. Viel gute Stadt. Ugawambi lieben Stadt.«

Sie ritten hinunter und verhielten den Schritt ihrer Pferde erst dann, als sie vor der Treppe standen, die zum Schloß hinaufführte.

»Diablo !« rief Ojo lachend, als er Ugawambis ansichtig wurde. Michel und der Schwarze traten in die Audienzhalle des Schlosses, wo die anderen schon versammelt waren. Der König saß im Hintergrund und winkte freundlich.

Zu seinen Füßen hockte ein Halbkreis dunkler Gestalten, die sich bei Michels Eintritt umdrehten.

Michel erkannte Baluba, Unogi und einige andere der Bantu-Neger. Es waren alle diejenigen Leute Balubas versammelt, die ein Gewehr besaßen.

Baluba sprengte den Rahmen der Würde. Ihn trieb die Freude auf die Füße, als er Michel erkannte. Mit schnellen Sätzen sprang er auf ihn zu und umarmte ihn.

Auch die anderen stießen Freudenrufe aus. Bald war von der Ordnung der Versammlung nichts mehr zu sehen. Alles schnatterte und gestikulierte wild durcheinander.

Aradman und Maradsche warfen sich einen lächelnden Blick zu. An der Herzlichkeit, mit der die Bantu-Neger ihren Retter begrüßten, erkannten sie, daß alle Skepsis gegen den »pfeifenden Geist« unbegründet war. Dieser Mann, der so viel für die Eingeborenen getan hatte, würde sich bestimmt nicht mit den Sklavenjägern einlassen.

Die Blicke des Königs und Maradsches wurden erst wieder hart, als sie Ugawambi entdeckten.

In ihren Augen und nach Michels Erzählung mußte dieser ja der Schuldige sein.

»Wie geht es Tscham?« war Michels erste Frage. Ojo zuckte die Schultern.

»Der Oberzauberer hier, der alte Mann, den Ihr gestern kennengelernt habt, will mich nicht zu ihm lassen. Er erzählt irgend etwas von Geistern, die nicht entweichen könnten, wenn jemand im Räume sei. Wenigstens habe ich seine Zeichensprache so verstanden.«

»Andere Länder, andere Bräuche«, lächelte Michel. »Wenn ich ehrlich sein soll, Señor Doktor, so muß ich Euch sagen, daß ich zu diesem Arzt kein Vertrauen habe. Seine ganze Art mutet mehr wie Hokuspokus an. Die Medizin, wie wir sie verstehen, scheint nicht gerade seine starke Seite zu sein.«

»Das ist nur zu natürlich«, entgegnete Michel. »Der Europäer in seiner Überheblichkeit ist allzu leicht geneigt, den Zauberer der Eingeborenen als Kurpfuscher zu bezeichnen. Ich glaube aber, daß man auch von diesen Menschen viel lernen kann. Sicher haben sie keine Ahnung von unserem Fortschritt. Aber sie werden Mittel kennen und Gegengifte, von denen wir auf den Universitäten noch nie etwas gehört haben. Ich habe die Hoffnung, daß dieser alte Zauberer es eher vermag, das Fieber zu bekämpfen, als ein ganzes Gremium hochgelehrter Mediziner aller Universitäten der Erde.«Ojo blieb skeptisch.

»Na, warten wir ab. — Wenn Tscham gerettet wird, so ist mir auch ein eingeborener Gesundbeter willkommen.«

Michel wollte noch etwas erwidern, wurde aber von einem Gewirr lauter Stimmen plötzlich unterbrochen.

Ein paar Schritte abseits standen Aradman und Maradsche und stießen zornige Worte gegen Ugawambi aus.

Der Schwarze, der sich seines Unrechts durchaus bewußt war, hatte die Augen starr auf den Boden gerichtet. Er glaubte nichts anderes, als daß er jetzt bald an einen Baum gebunden und in Streifen geschnitten würde.

Michel überlegte, was er tun konnte. Die Gesamtsituation, in der sich der Pfeifer befand, wurde von Minute zu Minute verteufelter. Er gab sich einen Ruck und trat an die beiden zornigen Männer heran. Sie verstummten augenblicklich, als sie ihn bemerkten.

»Geh mal hinüber zu Ojo, Ugawambi, und bleibe ein Weilchen dort. Ich habe mit dem König zu reden.«

Ugawambi entfernte sich gehorsam.

Michel suchte nach Worten. Es war schrecklich, wenn die Sprache zum Hemmnis der gedanklichen Bewegung wurde. Aber Michel hielt es trotzdem nicht für gut, Ugawambi als Dolmetscher einzuschalten. So mühte er sich denn mit den wenigen Worten ab, die er beherrschte, und die etwa folgenden Sinn ergaben:

»Wollt ihr den armen Mann bestrafen?«

Die beiden bejahten heftig.

Michel fragte, ob sie zufrieden wären, wenn er sich für ihn verbürge. Er setzte ihnen auseinander, daß er vorhabe, ihn dem verderblichen Einfluß seiner Frauen zu entziehen. Es war nicht einfach, den unverdorbenen Eingeborenen klarzumachen, daß es schwer war, dem Rausch des Alkohols zu widerstehen. Sie kannten nicht einmal den Begriff des Alkohols. Sicher hatten sie auch Rauschgifte; aber diese waren jedem zugänglich. Weshalb man Sklaven fangen mußte, um sie zu verkaufen, und dann auf diese Weise in den Besitz jener Flaschen zu gelangen, von denen der »pfeifende Geist« redete, begriffen sie nur schwer.

Als sie trotz aller Fürsprache Michels nicht so recht einwilligen wollten, rief dieser — was er noch nie getan hatte — ihre Dankbarkeit an. Sie waren klug genug, um zu erkennen, daß sie verloren gewesen wären, wenn der Pfeifer nicht die beschwerliche Reise auf sich genommen hätte, um sie zu warnen.

Schließlich willigten sie ein. Sie waren nicht Menschen, die aus dem Gefühl des Hasses heraus irgend etwas durchsetzen wollten.

Dann ging man zur ernsthaften Beratung über.

Michel erfuhr, daß der König bereits Teile der Armee aufgeboten hatte. Als Michel einen Blick aus dem Eingangsportal warf, sah er, daß die Berghänge zu beiden Seiten der Stadt von lanzen-und schildbewehrten Kriegern wimmelten.

Er erbat vom König die Erlaubnis, das Kommando über einen Teil der Armee zu übernehmen.

Das wurde ihm bewilligt. Aradman zögerte keinen Augenblick mit der Zustimmung, denn er mußte sich sagen, daß der Weiße vertrauter mit der Kampfesweise des anrückenden Gegners war als er selbst.

Ugawambi wurde jetzt gerufen, um Dolmetscherdienste zu leisten und so die Verständigung zu erleichtern.

Michel ließ Baluba zu sich bitten. Als der Häuptling der Bantu neben ihm saß, ließ er ihn fragen:»Habt ihr inzwischen gelernt, mit euren Flinten umzugehen?«

Baluba schwieg verlegen. Aber da die Zeit drängte, zögerte er nicht allzu lange mit seiner Antwort.

»Ich bin ehrlich genug zuzugeben, daß der einzige von uns, der Donner und Blitz erzeugen und Schaden anrichten kann, Unogi ist. Bei mir und den anderen kommen nur Rauch und Getöse aus den Rohren. Aber wir finden nie ein Loch im Ziel.«

Michel ließ sich Unogis Gewehr zeigen. Der junge Bantu wies es voller Stolz vor. Dazu einen Kugelbeutel.

»Hast du den anderen auch Kugeln gegeben?«

Unogi schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich hielt sie für zu kostbar.«

»Dann ist es kein Wunder, wenn sie kein Loch in das Ziel gemacht haben. Nur mit dem Pulver allein kann man keinen Schaden anrichten. Ich nehme an, daß wir noch den ganzen heutigen Tag und wahrscheinlich auch die kommende Nacht Zeit haben, um uns auf das Erscheinen der Sklavenjäger vorzubereiten. Das wird genügen, um euch im richtigen Gebrauch der Waffen zu unterweisen.«

Ojo erhielt den Auftrag, einen Haufen Bleikugeln zu gießen. Er holte Form und Bleiplatten aus der Satteltasche und machte sich sofort an die Arbeit.

Michel entwarf dem König seinen Plan. Er war sehr einfach; denn das Gelände war zur Verteidigung hervorragend geeignet. Die Sklavenjäger mußten so überrascht werden, daß sie, bevor sie an ernsthafte Gegenwehr denken konnten, schon vernichtet waren. Michel nahm an, daß Imi Bej seiner und Ugawambis Spur folgen würde. Diese Spur führte in das Tal neben der Stadt. Also würden auch die Sklavenjäger in dieses Tal einziehen. Wenn sie auf der Sohle des Tales waren, mußte man über sie kommen, wie einst Arminius im Teutoburger Wald über die römischen Legionen.

Einzelheiten wurden in Besprechungen mit den Unterführern festgelegt.

Obwohl der Pfeifer todmüde war, ließ er keine Minute Zeit verstreichen, sondern fing sofort mit der Schulung der Bantus im Waffengebrauch an. Er zeigte ihnen, wie man schnell lud, wie man die Kugel vorn hineinstopfte, wie man Pulver auf die Pfanne schüttete und es zur Entzündung brachte. Am Nachmittag trafen die ersten bereits einen zwanzig Meter entfernten Baum.

Vielleicht brachte er sie bis zum Abend so weit, daß die eine oder andere Kugel tatsächlich einen Sklavenjäger treffen würde. Aber die Entscheidung konnten die Gewehre nicht bringen. Nur zur Verwirrung konnten sie beitragen. Imi Bej war sicherlich nicht darauf gefaßt, mit Gewehrfeuer empfangen zu werden.

Nein, die endgültige Vernichtung der Bande konnte nur durch List erreicht werden. Michel hatte sich schon etwas überlegt.


10

Niemand in Imi Bej s Lager hatte etwas vom Verschwinden Ugawambis bemerkt. Die ersten erwachten, als der Morgen graute. Keiner aber dachte daran, nach dem Neger zu sehen.

Erst als die Pferde gesattelt wurden, kam ein junger Bursche zu Imi Bej gestürzt.»Bei Allah, beim Barte des Propheten! Dein Pferd —, dein Pferd ist nicht mehr da!«

»Dummheit«, brummte Imi Bej, »wo soll es sein? Es wird sich ein wenig die Beine vertreten.

Such es.«

Das Pferd blieb verschwunden.

Als alle aufgesessen waren, blieb eines übrig. Es war dasjenige Ugawambis.

»Wo ist die lange, stinkende Giraffe?« fragte Imi Bej ergrimmt.

Niemand hatte ihn gesehen.

»Er kann doch nicht von der Bildfläche verschwunden sein!« tobte Imi Bej. Dann durchzuckte plötzlich ein Gedanke sein Gehirn. Sollte sich Ugawambi in der Nacht mit seinem Pferd davongemacht haben? Imi Bej besaß einen vorzüglichen Araber, Vollblut. Es war das beste Pferd in der Gruppe. Man würde ein ebenso gutes brauchen, um ihn einzuholen.

»Fluch über den schwarzen Hund!« brüllte er. »Er ist entflohen. Sucht seine Spur.«

Es verging nur kurze Zeit, als einer der Sklavenjäger zu Imi Bej kam und ihm berichtete, daß er die Spuren von zwei Pferden gefunden habe.

»Wo?« fragte Imi Bej und ließ sich hinführen.

Ganz genau, ohne auch nur das geringste außer acht zu lassen, untersuchte er die Fährte. Das sah eigenartig aus. Es fehlte nur ein Pferd. Der Neger hatte sein eigenes nicht mitgenommen. Woher kam hier, im tiefsten Innern Afrikas, die Spur zweier Pferde?

Imi Bej richtete sich nachdenklich auf und ging dorthin, wo Ugawambis Tier stand. Er öffnete die Satteltaschen und untersuchte sie sorgfältig. Ein Beutel mit Goldgulden fiel ihm in die Finger. Bedenklicher war, daß auch Ugawambis Gewehr noch am Sattelknauf baumelte. Es war nicht anzunehmen, daß jemand, der das Land auch nur einigermaßen kannte, ohne Gewehr allein durch die Wildnis aufbrechen würde. Und siehe da, auch Ugawambis Machete war noch vorhanden.

»Wenn er uns freiwillig verlassen hätte, um zu fliehen, dann hätte er ebenso gut hierbleiben können«, murmelte Imi Bej in seinen Bart. »Aber anscheinend ist er nicht entflohen. — Man hat ihn entführt!« rief er laut.

Eisiges Schweigen herrschte.

Wer konnte es gewagt haben, nachts einfach einen Menschen zu stehlen, ihn auf Imi Bejs Pferd zu setzen und mit ihm davonzureiten?

Es war niemand hier, der eine Antwort darauf geben konnte.

»Was uns bleibt, ist, den Entführer zu verfolgen und ihm Ugawambi wieder abzujagen. Ohne den Neger sind wir verloren. — Oder würde jemand von euch den Weg zurückfinden?«

Wieder Schweigen.

Es gab niemanden, der sich das zugetraut hätte. Jeder sah ein, daß es im Augenblick das Wichtigste war, den Schwarzen wieder einzufangen. Ganz gleich, ob sie vor oder zurück wollten, sie brauchten ihn auf jeden Fall.

»Verweilen wir nicht weiter«, rief Imi Bej. »Zu lange haben wir schon geschlafen.

Wahrscheinlich hat der Entführer mit Ugawambi ein schönes Stück Weg zwischen sich und uns gebracht.«

Sie ließen die Pferde Trab gehen. Die Spur war gut zu sehen. Es kostete keine Mühe, ihr zu folgen. Von Zeit zu Zeit verfielen die Reiter in Galopp. Aber da sie auf ihre Tiere angewiesen waren, mußten sie sie schonen. Daskalte Grauen überlief Imi Bej, wenn er daran dachte, wie er unter Umständen seinen ganzen Haufen allein und ohne die Hilfe eines landeskundigen Führers an die Küste zurückbringen mußte. Würden sie Sansibar je wiedersehen?

Gegen Mittag hörte es auf zu regnen. Und plötzlich, so, als brauche der Prophet eine Straße, um zu ihnen hinunterzusteigen, zerriß der Dunstschleier über dem Land mit einem Schlag.

Die vorderen Reiter zügelten die Pferde zuerst. Erstaunte Ausrufe entflohen ihrem Mund.

Da! — Was war das?

Vor ihnen lag der Kilimandscharo in strahlender Herrlichkeit. Die Lichtfinger der Sonne liebkosten sein stolzes Haupt. Der »Berg der bösen Geister« war also kein Märchen der Eingeborenen. Er existierte wirklich.

»Wir sind am Ziel!« rief einer voreilig.

Niemand erwiderte etwas darauf.

Am Ziel, dachte Imi Bej grimmig. Dicht vor dem Ziel, das stimmte. Was hatte doch der Schwarze gestern noch behauptet? Drei bis vier Tage hätten sie noch zu reiten. Da, vor ihm lag der Beweis, daß diese Behauptung eine glatte Lüge war.

Imi Bej konnte sich das alles nicht recht zusammenreimen. Sollte Ugawambi doch geflohen sein? Wenn dem so war, warum hatte er dann sein Pferd nicht mitgenommen? Weshalb hatte er auf alles verzichtet, was ihm gehörte? Wo kam die zweite Hufspur her?

Als der Abend hereinbrach, befahl Imi Bej, haltzumachen. Zu einem der neben ihm Reitenden meinte er:

»Glaubst du, daß wir der Spur auch bei Nacht folgen könnten, wenn wir Fackeln entzünden würden?«

Der andere wiegte bedenklich den Kopf. Er entgegnete :

»Wir können es versuchen; aber ich verspreche mir nicht viel davon, weil das zu langsam gehen wird. Wir könnten nur Meter um Meter vorrücken. Das, wozu wir die ganze Nacht brauchen, schaffen wir bei Tageslicht in zwei bis drei Stunden.«

Diesem Argument konnte sich Imi Bej nicht verschließen. Er mußte dem Jäger recht geben.

So befahl er dann, das Lager aufzuschlagen.

Durch die Ereignisse der letzten Nacht vorsichtig geworden, stellten sie diesmal Wachen aus. Sie hätten sie sich sparen können; denn nicht einem einzigen Posten fiel auf, daß geübte Späher das Lager die ganze Nacht umkreisten.

Man wunderte sich zwar am nächsten Morgen über die Spuren von nackten Füßen, die kreuz und quer durch die Gegend liefen, nahm aber nicht weiter Notiz davon, da man sich auf Grund der besseren Bewaffnung allen Feinden hier bei weitem überlegen fühlte.

Als sich der Zug erneut formiert hatte, gab Imi Bej das Zeichen zum Aufbruch.

Sie hatten jetzt beständig ansteigendes Gelände vor sich. Michels und Ugawambis Spuren waren schlechter geworden. Dennoch konnte man sie erkennen. Imi Bej konnte sich, wie er dachte, gar keinen besseren Wegweiser wünschen.

Immer höher ging es hinauf. Hier gab es weder Regen noch Dunst. Es herrschte strahlender Sonnenschein. Keine Wolke verdeckte den Gipfel des hohen Berges. Er stand da wie in die Natur gemalt, ein herrlicher, majestätischer Anblick. Imi Bej fühlte etwas wie Triumph in sich aufsteigen. Sein Gefühl sagte ihm, daß dieser Berg das Geheimnis des märchenhaften Reichtums des Weißen enthalten mußte. Nur hier konnten die Schätze liegen. Er hatte zwar keinen Grund zu dieser Annahme; aber der Gedanke war einfach zwingend. Und er spann ihn unermüdlich aus.

Ganze Haufen von Edelsteinen und Perlen wollte er dem Imam von Maskat zu Füßen legen.

Dann winkte der Gouverneursposten. Daran gab es keinen Zweifel. Ein Sack voll würde für Harun ál Walan abfallen, wenn dieser sein Versprechen einlöste.

Und dann war er, der Gouverneur, praktisch der Herrscher von Sansibar.

Er hätte die Steine auch für sich behalten können. Reichtum war nicht zu verachten. Aber was war Reichtum? Nur ein Mittel zur Macht.

Und Macht —, Macht, Macht, das war es, wonach Imi Bej dürstete, wonach er gestrebt hatte sein Leben lang. Er fühlte sich zum Herrscher geboren. Er wollte, daß die Menschen wie Marionetten tanzten, wenn er nur den kleinen Finger bewegte. Eine geheime Armee würde er sich schaffen. Es würde ihm genug Geld bleiben, um sie auszurüsten. Und dann —, dann würde er etwas unternehmen, was noch niemand vor ihm gewagt hatte. Er würde Stück für Stück in das Innere Afrikas eindringen, bis hierher, bis zu diesem Berg. Das ganze Gebiet mußte unter seine Herrschaft kommen. Ein Reich wollte er erobern, größer als das des Imam.

Seine Gedanken waren mit ihm durchgegangen. Und so hatte er nicht bemerkt, daß sie bereits in ein Tal eingeritten waren. Erst der Ruf eines seiner Jäger: »Dort —, dort oben sind Menschen!« hatte ihn aus seinen Betrachtungen aufgeschreckt.

Er folgte der angegebenen Blickrichtung. Tatsächlich!

Auf den Berghängen zu beiden Seiten des Tals zeigten sich große, braune, nackte Gestalten.

Die Leidenschaft ging mit Imi Bej durch. Gleich würde er einen Beweis seiner Macht, seiner Allmacht, antreten. Mit lässiger Handbewegung deutete er auf den Kamm.

»Schießt die braunen Halunken herunter«, befahl er.

Seine Burschen, ebenso skrupellos und gefühlsroh wie er, zögerten nicht, sondern kamen dem Befehl nur zu gerne nach. Für sie waren diese Eingeborenen ja keine Menschen. Es mußte ein Vergnügen sein, die nach ihrer Meinung Ahnungslosen wie tolle Hunde abzuknallen. Es war so gut wie sicher, daß sie noch nie den Schuß eines Gewehrs gehört hatten. Und wenn wirklich den von einem Gewehr, so hatten sie doch nicht die Wirkung der Flinten von vierzig geschulten Schützen erfahren.

Jeder von ihnen fühlte sich durch Imi Bejs Befehl angesprochen. Und so richteten sich vierzig Läufe auf die fünf, sechs, sieben Männer, die man von hier aus sehen konnte. Die morgendliche Stille wurde von dem unregelmäßigen Knattern der Schüsse unterbrochen.

Oben stürzten die Gestalten zu Boden.

In diesem Augenblick erlebte Imi Bej die größte Überraschung seines Lebens.

Die Schüsse waren kaum verklungen, da schien das ganze Tal zu erbeben. Ein Dröhnen und Brausen setzte ein, das die Luft erzittern machte. Von den Hängen zu beiden Seiten des Tales donnerten gewaltige Gesteinsmassen nieder. Auf den Kämmen wimmelte es von einer unübersehbaren Menge brauner Krieger. Noch ehe die Gesteinslawine über die Sklavenhändler hereinstürzte, verdunkelte für einen Augenblick eine Wolke von Speeren die Sonne.Danach folgten ein paar gewaltige Detonationen. Stichflammen schössen droben empor. Die Gewalt des Pulverdrucks setzte größere Gesteinsmassen in Bewegung. Als die ersten riesigen Brocken bereits die Talsohle erreichten, hatte die zweite durch die Explosion verursachte Lawine die Hälfte des Weges zurückgelegt, der den Kamm von den Sklavenjägern trennte.

Die Schreie entsetzter Menschen mischten sich in das ängstliche Wiehern der Pferde.

Aus Imi Bejs Gesicht war alles Blut gewichen. Seine starren Augen ließen den Eindruck aufkommen, daß man es bereits mit einer Leiche zu tun hatte.

Der Hagel der Speere hatte Tod und Verderben gesät. Etwa die Hälfte der Menschen und Tiere lag stöhnend am Boden.

Den Rest erledigten die Steinbrocken. Wie durch ein Wunder blieben acht Reiter unverletzt.

Einer davon war Imi Bej.

Obwohl im Augenblick des Überfalls all seine Träume von Macht, Herrlichkeit und Reichtum in ihm erstorben waren, gelang es ihm doch als erstem, die Fassung wiederzugewinnen.

Sein Gehirn arbeitete wie rasend. Das, was hier soeben geschehen war, war das Ende der Expedition. Nun galt es, das nackte Leben zu retten. Imi Bej gab so schnell nicht auf. Was diesmal mißlungen war, konnte das nächstemal gelingen. Es würde eine Kleinigkeit für ihn sein, in Sansibar schnellstens eine größere und noch stärkere Expedition auf die Beine zu bringen.

All das schoß ihm in Sekunden durch den Kopf. Als einen Augenblick Ruhe eintrat, wandte er sich um und rief mit lauter, aber klarer Stimme :

»Kehrt! Kehrt! Flieht! — Bis wir hier heraus sind, ist sich jeder selbst der Nächste! Allah schütze euch!«

Er wandte sein Pferd und jagte in rasendem Galopp zurück. Die wenigen Überlebenden folgten ihm.

Nach etwa fünf Minuten glaubten sie, die gefährliche Zone hinter sich zu haben. Auf den Bergkammen rechts und links war kein Mensch mehr zu sehen. Imi Bej verlangsamte sein Tempo. Wenige Sekunden später waren sie wieder acht Mann.

Ganz gegen seine Gewohnheit fragte Imi Bej :

»Wie sind eure Vorschläge? Was sollen wir jetzt tun?«

Seine Jäger sahen einander an. Niemand wußte eine Antwort. Imi Bej hatte damit gerechnet. Er fuhr fort:

»Nun, wir sind den Teufeln entronnen. Wir haben unsere Gewehre, Pulver und Blei. Unsere Macheten sind scharf nach wie vor. Ich schlage vor, wir machen uns schnellstens auf den Rückweg. Leben müssen wir eben von dem, was wir erjagen.«

Die Abenteurer waren froh über diesen Vorschlag. Es war ihnen nur zu willkommen, dieses unheimliche Land um den »Berg der bösen Geister« so schnell wie möglich zu verlassen.

Niemand hatte auch nur einen Gedanken oder ein Wort für jene Kameraden übrig, die durch den Überfall vielleicht nur verwundet waren. Keinem einzigen kam es in den Sinn, sich Sorgen darum zu machen, was mit ihnen geschehen würde, wenn die Eingeborenen sie gefangen hatten.

»Nun denn«, sagte Imi Bej, »reiten wir mit Hilfe Allahs. Der Prophet wird seine gläubigen Söhne nicht verderben lassen.«

Er setzte sich an die Spitze des Zuges und gab das Zeichen, aufzubrechen.Sie setzten sich in schnellen Trab.

Ringsum schien alles friedlich. Aber sehr schnell schon sollten sie eine bittere Überraschung erleben. Als sie jene Stelle erreichten, wo die Berge links und rechts ein wenig zurückwichen, wo das steppenartige Gebiet vor ihnen mit Gebüsch bestanden war, brach neues Unheil über sie herein.

Aus dem Gebüsch heraus erhielten sie plötzlich Feuer. Fünf von ihnen stürzten tot von den Pferden. Die ledigen Tiere stutzten, drehten sich um und jagten nach dorthin zurück, woher sie gekommen waren. Diesmal gab es für Imi Bej kein Zögern. Er und die beiden Jäger, die noch verblieben waren, setzten ihren Tieren den Dorn in die Seite, so daß diese von dannen flogen wie Pfeile. Aber es nutzte ihnen nichts mehr.

Hinter ihnen knallte es dreimal kurz. Alle drei fuhren sich mit schmerzverzerrten Gesichtern nach der Schulter. Niemand von ihnen konnte den rechten Arm mehr bewegen. Die Pferde aber, aufgescheucht durch das neuerliche Knallen, gehorchten den Reitern nicht mehr, sondern gingen durch. Das hatte zur Folge, daß die Verwundeten, die dieser Jagd nicht mehr gewachsen waren, schon nach einer kurzen Strecke aus dem Sattel stürzten. Dabei brach sich einer von ihnen das Genick.

Der zweite verlor die Besinnung. Nur Imi Bej blieb bei Bewußtsein.

Mühsam auf den linken Arm gestützt, richtete er sich auf. Er hätte sich diese Anstrengung sparen können. Ein Schwärm von schreienden Negern kam herangelaufen. Drohend schwangen sie ihre Flinten.

Es waren Balubas Leute, angeführt von dem Häuptling selbst und von Unogi, dem jungen Krieger. Wut und Haß standen in ihren Gesichtern. Mit blutunterlaufenen Augen stürzten sie sich auf die drei von den Pferden Geschossenen.

Ihre kurzen Speere blitzten.

Hinter ihnen tauchten zwei Reiter auf. Es waren Ojo und Michel. Der Pfeifer hatte sich, um die Gegend besser übersehen zu können, mit Ojo einen etwas entfernteren, höher gelegenen Platz ausgesucht. Von hier aus hatte er mit drei wohlgezielten Schüssen die letzten Überlebenden der Katastrophe aus den Sätteln geholt. Auch diesmal hatte er sich nicht überwinden können, sie zu töten. Deshalb die Schulterschüsse.

Balubas Leute hatten Blut gerochen. Und obwohl vorher vereinbart worden war, daß etwaige Überlebende an Michel abgeliefert würden, richteten sie sich nicht danach. Als Michel und Ojo herankamen, schrie der Pfeifer schon von weitem: »Nicht töten! Nicht töten!« Aber da war es schon zu spät.

Imi Bejs letzter Blick war mehr erstaunt als erschrocken. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zog sein ganzes Leben noch einmal an ihm vorüber. Aus war der Traum von der Macht.

Hier lag er im Staub, wehrlos, preisgegeben denen, die er bisher gejagt hatte. Klar erkannte er, daß es keine Rettung mehr gab. Einen ganz kleinen Augenblick, bevor ihn die Speerspitze Unogis durchbohrte, schloß er die Augen.

Der Satan von Sansibar würde niemals Gouverneur des Imam von Maskat werden.

Imi Bej hatte sein böses Leben ausgehaucht. — »Schweinerei«, brummte Ojo. »Mögen Schweinehunde gewesen sein; aber wehrlos waren sie doch.«Michel nickte. Das Massaker im Tal und das Gemetzel hier an dieser Stelle hatten ihn sichtlich mitgenommen. Seine Lippen waren blutleer. Seine Augen flatterten unstet.

Dann aber nahm er sich zusammen:

»Was können wir tun, Diaz? — Sie haben ihr Unglück selbst verschuldet. Die Naturgesetze lauten eben: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und unsere schwarzen Freunde sind ein Stück Natur. Es wäre unmöglich gewesen, sie vom Töten abzuhalten.«

Ojos Lippen verzogen sich.

»Nun, Señor Doktor, um ehrlich zu sein, ich habe nicht nur aus Menschenfreundlichkeit so gesprochen. Ich mußte an unsere Schätze denken, die dieser Imi Bej oder wie er heißt, unserem Freund Paulus Krämer geklaut hat. Vielleicht hätten wir von ihm erfahren können, wo sie zu finden sind.«

»Möglich«, sagte Michel, »aber das sei unsere geringste Sorge; denn schließlich lagern noch eine ganze Menge der Steine und Perlen im Schloß Aradmans. Wir werden also trotz Paulus Krämers Dummheit nicht als arme Leute heimwärts segeln.«

»Bueno, bueno«, sagte Ojo und hatte ein zufriedenes Gesicht.

Die beiden Weißen machten sich daran, die flüchtigen Pferde der Araber einzufangen. Mit den gezähmten Zebras, wie die Wadschagga sie nannten, konnten diese eine Zucht anfangen.

Auf dem Rückweg zum Ort der Schlacht war Michel sehr schweigsam. Er überdachte alles noch einmal. Vierzig Tote also waren das Ergebnis dieses Tages. Das war die negative Seite.

Aber gab es nicht auch eine positive?

Ja, das Geheimnis des Dschaggalandes, die Stille des Berges waren gewahrt. Michel würde dafür sorgen, daß Ugawambi nicht wieder etwas darüber verlauten ließ.

Als sie auf dem Kampfplatz ankamen, sahen sie, wie die Krieger Aradmans zwischen den Toten herumwimmelten. Jeder wollte irgendein Beutestück mit nach Hause bringen. Am begehrtesten waren selbstverständlich die Gewehre.

Aber darauf hatte bereits der König seine Hand gelegt. Seine Leibwache war damit beschäftigt, die Donnerbüchsen einzusammeln.

Der König hatte vor der Schlacht das Gebot erlassen, sämtliche erbeuteten Waffen, ganz gleich welcher Art, ins Schloß zu bringen, damit er sie besichtigen konnte.

Auch hier waren ein paar Pferde am Leben geblieben. Man hatte die sich sträubenden Tiere eingefangen und ihre Herren, soweit sie nur verwundet waren, getötet.

Ein Historiker würde jetzt wahrscheinlich Vergleiche ziehen zwischen dieser und der Schlacht im Teutoburger Wald.

Michel mußte bei dem Gedanken daran lächeln, wenn er sich vergegenwärtigte, mit welcher Mühseligkeit er als Junge in der Lateinstunde die Einzelheiten dieser Schlacht ergründen mußte.

Und hier war alles so einfach gewesen. Ein paar Steine, ein wenig Pulver —, und vierzig gutausgerüstete Jäger waren nicht mehr.

Mit dem Leuchten der Freude in den Augen begrüßte Aradman den Pfeifer.

»Sei mein Freund auf immerdar!« rief er dankerfüllt. »Du hast uns gerettet ! Dir allein verdanken wir, daß unser Volk noch am Leben ist ! Wir werden den Göttern opfern.damit sie dich fernerhin schützen. — Willst du nicht bei uns bleiben?«

Michel lächelte. Er begegnete dem Ausbruch des anderen mit Freundlichkeit.

»Du wirst verstehen«, sagte er diplomatisch, »daß auch in meiner Heimat Aufgaben auf mich warten. Ich kann nicht hier bleiben. Und ich glaube auch nicht, daß das nötig ist; denn durch das, was wir an Waffen, Gerät und Pferden von den Sklavenjägern erbeutet haben, seid ihr allen anderen Gegnern im weiten Umkreis überlegen.«

»Da hast du recht«, freute sich Aradman.

Michels Miene wurde wieder ernst.

»Was soll mit den Toten werden?« fragte er.

»Nichts, wir lassen sie liegen. Zum Fraß für die Geier.«

»Wollen wir sie nicht begraben?«

»Begraben? — In die Erde vergraben, meinst du?«

Michel nickte bestätigend und erklärte dem König, daß das in seinem Heimatland so Sitte sei.

»Das heißt«, vergewisserte sich Aradman, »daß auch ehrenvolle Menschen nach ihrem Tod in die Erde gegraben werden?«

Michel bejahte.

»Nun, dann werden wir sie nicht begraben. Laßt sie liegen zum Fraß für die Geier. Sie sind nicht wert, daß man ihre Leichen wie die von guten Menschen behandelt.«

Michel verlegte sich aufs Bitten.

Aradman war nicht in der Stimmung, dem Mann, demgegenüber er fast so etwas wie Ehrfurcht empfand, eine Bitte abzuschlagen. So ließ er sich denn von Michel erklären, wie das Begraben vor sich gehe.

Dann gab er einer Anzahl seiner Krieger die Anweisung, eine tiefe Grube auszuheben.

Die Krieger waren zwar ein wenig erstaunt, führten jedoch den Befehl des Königs ohne Murren aus.

Als sich die Sonne nach Westen zu neigen begann, lagen sowohl die toten Menschen als auch die toten Pferde unter der Erde. Ojo war in dieser Zeit nicht müßig geblieben. Aus jungen Baumstämmchen hatte er ein Kreuz zusammengesetzt.

Als er es in die Erde stecken wollte, die die Toten bedeckte, wehrte Michel ab.

Lächelnd meinte er:

»Sie werden dich noch im Tode verfluchen, wenn du ihnen ein Kreuz aufs Grab setzen willst.«

»Demonio«, rief Ojo, »ich habe gar nicht daran gedacht, daß es keine Christen sind. Teufel, so hätte ich wohl einen Halbmond machen sollen?«

»Vielleicht.«

»Aber wie?« fragte Ojo. »Ich bin kein Künstler im Holzschnitzen. So ein Kreuz herzustellen, das ist eine einfache Sache. Aber einen Halbmond?«

»Laß nur«, sagte Michel. »Ob mit oder ohne Halbmond, Hauptsache, sie sind begraben.«


11

Ein Tag wie dieser mußte natürlich gefeiert werden. Feste des Sieges sind wohl auf der ganzen Welt eine althergebrachte Einrichtung. Für die meisten Menschen, auch für die zivilisierten, gibt es selbst heutzutage keinen schöneren Anlaß, ausgiebig zu feiern, als den Triumph über einen geschlagenen Feind.So brutzelten überall in den Straßen der Königsstadt große Ochsen am Spieß. Die Frauen zerrieben im Schweiße ihres Angesichts Mais zu Pulver, um Kuchen zu backen. Als die Dunkelheit hereinbrach, war überall ein großes Gelage im Gange.

Im Schloß ging es nicht weniger festlich zu, wenn auch in etwas gesetzteren Formen. Die Vornehmen des Dschaggareiches hatten sich versammelt. Neben dem Thron des Königs saßen zur Linken Ojo und Michel und zur Rechten der Königsläufer Maradsche. Große Tonschüsseln mit einfachen, aber kräftigen und schmackhaften Speisen wurden herumgereicht.

Ojo und Michel waren unbestreitbar die Helden des Abends. Ugawambi hielt sich zwar im Hintergrund, war jedoch aus der Nähe seines Massa nicht wegzubringen. Er hatte die nicht unbegründete Furcht, daß sich der König in vorgerückter Stunde vielleicht doch noch der wenig rühmlichen Rolle entsinnen mochte, die der lange, dürre Schwarze gespielt hatte. So war es schon besser, man hielt sich bescheiden im Hintergrund. In der Menge unterzutauchen ist von jeher der Grundsatz derer gewesen, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen mußten.

Der König wandte sich mit einer Frage an Michel :

»Wie lange wirst du uns noch die Ehre deines Besuches erweisen?«

»Ich denke, bis unser Freund Tscham gesund ist.«

Der König nickte. Dann beugte er sich zu Maradsche und flüsterte diesem etwas zu. Maradsches Augen suchten den Saal ab. Dann winkte er dem alten Mann, der trotz seines hohen Amts als Obermedizinmann des Stammes den Freuden dieser Welt in Form der dargereichten Speisen kräftig und mit aller menschlicher Begier zusprach.

Der Alte erhob sich und folgte dem Wink. Zwischen Aradman und ihm entspann sich ein kurzes Gespräch. Dann war der Zauberer wieder entlassen.

»Was sagt er?« fragte Michel.

»Das Befinden deines Freundes ist ausgezeichnet. Er hofft, daß er in spätestens drei Tagen wieder vollständig hergestellt ist.«

»Unglaublich«, wunderte sich Michel.

Aradman lächelte.

»Der Medizinmann ist ein weiser Mann.«

»Aber wie macht er das?«

»Wer in unserem Land Arzt werden will, muß sein Können beweisen. Dazu gehört auch das Heilen des Wechselfiebers.«

Im Lauf des Abends verstand es Michel, sich dem königlichen Leibarzt zu nähern. Es fiel ihm nicht leicht, mit seinen spärlichen Kisuaheli-Sprachkenntnissen ein alltägliches Gespräch anzuknüpfen, um dann auf diskrete Weise auf das überzuleiten, was er wissen wollte.

Der alte Mann aber verstand ihn. Und da er, wie alle anderen, Michel für den Retter des Landes hielt, hielt er ihn für würdig genug, das Heilverfahren der Wadschagga kennenzulernen. Er erhob sich und winkte Michel, ihm zu folgen. Sie schritten durch eine Tür, dann einen Gang, dann wieder durch eine Tür und standen in einem kleinen Raum, dessen Einrichtung unverkennbar Ähnlichkeit mit einem europäischen Laboratorium hatte.

Da gab es vier verschiedene Feuerstellen, die sicherlich zum Kochen der Substanzen für die Präparate verwendet wurden. Auf einigen Steintritten standen irdene Gefäße, in denen sich in allen Farben schillernde Flüssigkeiten spiegelten. Weiter gab es kleine, aus Bast geflochtene Ge-fäße, die die Form von Schächtelchen oder Kästchen hatten. Darinnen befanden sich viele Arten und Sorten von Pulver.

Auf einem anderen Steinvorsprung lag eine saubere Bastmatte, die eine Menge sonderbar geformter Instrumente trug. Sie sahen aus wie chirurgische Werkzeuge des Arztes.

Auch eine Art Ruhebett stand dort. An den Seiten dieses Bettes waren Bastriemen befestigt, die dazu dienen mochten, einen sich vor Schmerzen bäumenden Patienten zu fesseln.

Michel konnte sich an diesen Dingen nicht satt sehen. Wenn man diese Einrichtung genau betrachtete, konnte man nicht umhin, den Stand der medizinischen Fürsorge für die Wadschagga zu bewundern. Nichts ähnelte der Primitivität, die den anderen Negerstämmen eigen war. Es war erstaunlich. Michel kam der Gedanke, daß diese Leute von den Ägyptern abstammen könnten.

Vielleicht war es ein Stamm, dessen Vorfahren vor Jahrtausenden das ägyptische Reich verlassen hatten, um sich bis nach Zentralafrika durchzuschlagen. Ihre ganze Kultur, ihre Art zu leben, ihre Staatsform, alles war anders als bei den meisten anderen Negerstämmen.

Michel war nun gespannt zu erfahren, womit dieser wunderbare Doktor das Fieber bekämpfte.

Aber da öffnete der Leibarzt des Königs schon eine andere Tür, die Michel bisher übersehen hatte. Als er den dahinter liegenden Raum betrat, stand er in einer hellen, freundlichen Krankenstube. Auch hier gab es wieder die erhöhten Ruhebetten aus Bast. Fensterartige Mauerdurchbrüche ließen tagsüber Licht, Luft und Sonne herein. Dabei waren die Fensterlöcher so durch den Felsen gebrochen,

daß es nie hereinregnen konnte. Ganz gleich, von welcher Seite der Regen kam.

Auf einem der Ruhelager lag Tscham. Der Arzt wies mit einer einladenden Bewegung auf den Patienten. Und da es Nachtzeit war, brannten in den vier Ecken des Raumes hell flackernde Fackeln. Sie hinterließen keine Spur von Ruß oder brandigem Geruch. Michel trat zu Tscham.

»Tscham, mein Freund, wie geht es dir?«

»Oh, ich fühle mich ausgezeichnet. Ich glaube, es wird nicht lange dauern, und ich kann aufstehen.«

»Das klingt ja fast unglaublich. - Um ehrlich zu sein, ich hatte dich beinahe aufgegeben. Dafür habe ich nun sechs Jahre Medizin studiert, daß ich heute sprachlos vor den Heilerfolgen eines Eingeborenenarztes stehe.«

»Freut es dich nicht, daß ich wieder gesund werde?«

»Aber, Junge, es gibt keine bessere und frohere Botschaft für mich. Es wäre mir schrecklich gewesen, wenn...«

»War es so schlimm?« fragte Tscham.

»Noch schlimmer«, nickte Michel. Der Doktor glaubte, daß sich der Patient nun genug mit seinem Freund unterhalten habe. Er trat an das Lager und legte seine Hand auf Tschams Kopf.

Dann zog er ein Stück Bambusrohr aus der Tasche, setzte es mit der einen Seite auf Tschams Brust und horchte auf der anderen Seite dessen Herztöne ab.

Der Pfeifer staunte und fragte: »Was machst du da?«

Der Eingeborenenarzt erklärte ihm, daß er die Herztöne des Patienten abhöre. Michel runzelte die Stirn. Von der Untersuchungsmethode, bei der der Arzt dieim Körper vorhandenen Geräusche wahrnimmt und unterscheidet, um daraus auf den normalen oder krankhaften Zustand der inneren Teile zu schließen, hatte Michel schon auf der Universität gehört. Es war allerdings eine Methode, derer man sich bisher noch kaum bediente. Wozu er das Bambusrohr brauche, fragte Michel weiter. Der Königsdoktor erläuterte das. Er behauptete, daß das Schlagen des Herzens durch das Rohr besser zu vernehmen sei als mit bloßem Ohr. Selbstverständlich hatte er keine Ahnung von physikalischen Gesetzen. Deshalb meinte er, der Klang des Herzens würde in dem Rohr gefangen, bekäme dann Angst, wolle hinaus, und würde dadurch naturgemäß stärker; denn auch der Mensch, der Angst habe, könne seine Kräfte verdoppeln.

»So hörst du den Herzschlag tatsächlich lauter als mit bloßem Ohr?« fragte Michel.

Der Arzt überließ ihm das Bambusstück, und Michel horchte.

Seine Gesichtszüge waren gespannt. Tatsächlich, es gab keinen Zweifel, der alte Mann hatte recht. Durch dieses Rohr konnte man sogar noch Nebengeräusche hören. Es klang alles irgendwie verdichtet.

Kopfschüttelnd gab Michel das Bambusrohr dem Arzt zurück.

Dieser setzte seine Untersuchung fort. »Drei Tage noch«, sagte er, »dann wird dein Freund gesund sein, und ihr könnt reisen.«

»Und wenn das Fieber unterwegs wiederkommt?« fragte Michel.

Der Alte lächelte. »Es wird sich nicht wieder einstellen. Aber für alle Fälle und für dich, wenn du es bekommen solltest, will ich dir ein Pulver mitgeben, das du einnehmen kannst, sobald du fühlst, daß dir heiß wird.«

Michel unterhielt sich noch eine Weile mit Tscham. Er befürchtete, daß der Junge nicht kräftig genug sein würde, schon in drei Tagen aufzubrechen. So beschlossen sie, den König zu bitten, ihnen noch fünf bis sechs Tage Gastfreundschaft zu gewähren.

Als der Pfeifer und der Arzt wieder in dem Laboratorium standen, übergab dieser einen kleinen Bastbehälter, in dem sich ein bräunliches Pulver befand.

»Was ist das?« fragte Michel.

»Die zerstoßene Rinde eines Baumes.«

»Und das soll gegen Wechselfieber helfen?«

»Oh«, lächelte der Alte, »mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater und alle meine Ahnen haben die Rinde gegen das Wechselfieber genommen. Bisher hat sie noch nie versagt.«

Michel steckte den Behälter ein.

Eine Weile später befand er sich wieder unter den Gästen in der Audienzhalle.

Als er später — es war schon fast der nächste Tag angebrochen — sein Lager aufsuchte, grübelte er über das nach, was er bei dem Arzt gesehen hatte. Sollten diese Wadschagga tatsächlich von den Ägyptern abstammen, so waren sie Nachfahren einer Tausende von Jahren alten Kultur.

Aber wie, zum Teufel, war es möglich, daß die Wissenschaft des Abendlandes sich so wenig darum kümmerte? Gingen nicht täglich Forscher in die Welt, um das Altertum für die Gegenwart lesbar zu machen? Weshalb kannten die Europäer, die Engländer, die Spanier, kein Mittel gegen das Wechselfieber? Hatten nicht genug ihrer Soldaten darunter gelitten, wenn sie ausgesandt waren, Kolonien für das Mutterland zu erobern?

Und dann diese Sache mit dem Bambusrohr. Es war so einfach, und doch war noch niemand darauf gekommen.

Michel erinnerte sich daran, wie sein alter Professor von der Methode der Auskultation in geringschätziger Weise gesprochen hatte. Man könne, so hatte er behauptet, die einzelnen Geräusche, die der Körper verursache, doch nicht genau unterscheiden. Michel hatte allerdings auch schon fortschrittliche Professoren kennengelernt, die immer wieder auf diese Methode hingewiesen hatten. Aber sie waren verlacht worden. Niemand nahm sie ernst.

Trotz der fortgeschrittenen Stunde brauchte Michel lange, bis er einschlief.

Es war auch kein Wunder, daß ihn alle diese Dinge, die er heute gesehen hatte, mehr überraschten, mehr beeindruckten, seinen Geist mehr beschäftigten als die ewige Rauferei, der Krieg, Waffengetöse und Siegesgeschrei.

Zu Ausgang des Jahres 1781 gab es noch kein Hörrohr in Europa. Das ärztliche Stethoskop, heute sozusagen das Wahrzeichen eines jeden Arztes, wurde erst 1816 in Frankreich erfunden.

Der Entdecker war der Franzose Laennec. Der erste übrigens auch, der das Abhorchen der Körpergeräusche in ein gewisses Schema brachte. Er unterschied 1. Ton und Geräusch des Herzens und der großen Gefäße, 2. Ton und Geräusch in den Atmungswerkzeugen, 3. Stoßen oder Reiben fester Körper aneinander, zum Beispiel das Knistern gebrochener Knochenenden, das Klappern der an einen Blasenstein anschlagenden Steinsonde, das Reiben rauher Stellen im Herzbeutel oder Rippenfell und so weiter. Er beschrieb sowohl die krankhaften als auch die gesunden Töne. Mit dieser Methode gelang es in der Folgezeit der Medizin sehr oft, schon allein aus dem Abhorchen die Art einer Krankheit zu erkennen und die Diagnose zu stellen.

Aber da die europäische Schulmedizin allzulange überheblich war, dauerte es immerhin noch bis 1832, ehe für Deutschland dieses wertvolle Buch von Laennec in Leipzig erschien.


12

Michel und Ojo hatten nicht viel Zeit, sich auszuruhen. Aradman bat inständig, seine Leibwache im Gebrauch der erbeuteten Feuerwaffen auszubilden. Und obwohl Michel ihm klarzumachen versuchte, daß diese vollkommen nutzlos seien, wenn Pulver und Blei ausgegangen wären, bestand er darauf.

So stand der Pfeifer wieder einmal, wie schon in der Türkei, vor einer Gruppe von Soldaten, deren Uniform hier allerdings nur die blanke Haut war, und lehrte sie Laden und Schießen.

Die Eingeborenen begriffen das schneller, als er es für möglich gehalten hätte. Und schon nach zwei Tagen schossen einige der Soldaten schon ganz zufriedenstellend.

Der Pfeifer fragte Maradsche, der ihm wie ein Schatten ständig folgte, was sie mit den Gewehren zu tun gedächten, wenn das Pulver aufgebraucht war.

Aber Maradsche lächelte nur vielsagend.

Später ließ er eine Äußerung fallen, aus der Michel entnehmen konnte, daß der König und sein Läufer die Hoffnung hatten, der kluge alte Arzt könne auch auf diesem Gebiet helfen. Vielleicht konnte der Medizinmann ja ein Pulver schaffen, das sich als Schießpulver verwenden ließ.

Michel war zwar sehr skeptisch, aber ganz von der Hand weisen konnte er den Gedanken nicht, wenn er daran dachte, daß ein paar Löffel dieses hellbraunen Pulvers Tscham von einer Krankheit geheilt hatten, die in Europa für unheilbar galt.

Es sei hier aber vermerkt, daß es dem alten Arzt nicht gelungen ist, Schießpulver herzustellen.

Als die Vorräte verschossen waren, gerieten die Waffen bei den Wadschagga bald in Vergessenheit. Als rund hundert Jahre später die Deutschen in dieses Gebiet kamen und es zu ihrer Kolonie machten, waren die Wadschagga über die Feuer und Rauch speienden Pulverrohre genauso verblüfft und erschrocken, wie ihre Vorfahren hundert Jahre früher.

Am dritten Tag war Tschams Fieber völlig verschwunden. Und nicht das geringste Anzeichen war vorhanden, daß es sich noch einmal einstellen werde.

Der junge Exradscha aus Indien unternahm größere Spaziergänge, um sich zu kräftigen.

Am sechsten Tag glaubte er, stark genug für die lange Reise zu sein.

Und Michel ging zu Aradman, um sich zu verabschieden.

Wieder gaben die Wadschagga ein Fest. Es reichte jedoch in seiner Ausgelassenheit nicht an das Siegesfest heran. Vielmehr herrschte eine gedrückte Stimmung. Man verlor die fremden Freunde nur ungern.

König Aradman aber bewies seinen Dank, indem er Michel anbot, auch die restlichen Steine und Perlen, die noch in jenem Kellergewölbe lagerten, mitzunehmen.

Der Pfeifer bedankte sich zwar höflich dafür, empfand aber keine überschwengliche Freude. Als er mit Ojo und Tscham über das Angebot sprach, einigten sie sich darauf, daß jeder nur einen Sack mitnehmen würde.

Michel rechnete Tscham vor, daß selbst der Inhalt eines dieser Bastsäcke noch immer das Vorstellungsvermögen von Reichtum eines normalen Europäers übertraf. Und da auch in Amerika, wohin Tscham sofort gehen wollte, die Edelsteine nicht auf der Straße lagen, begnügten sie sich mit je einem Sack.

Es war ein strahlender Morgen, als sie aufbrachen. Das Haupt des Kilimandscharo ragte schimmernd weiß in den blauen Sommerhimmel.

Ugawambi war sehr still geworden. Manch finsterer Blick folgte dem Schwarzen als sie unter dem Geleit der Leibwache die Stadt verließen.

Sie nahmen den gleichen Weg zur Küste wie bei ihrer ersten Reise.

Als die kleine Gesellschaft nach langen Strapazen in Tanga ankam, hielten sich die Freunde dort nicht lange auf. Sie nahmen das nächste Schiff nach Sansibar.

Es war der 1.Januar 1782, als sie in die Halle des portugiesischen Hotels traten.

Dunst lag über der Stadt, und es goß in Strömen.


13

Ihre Kleidung war von den langen Strapazen so mitgenommen, daß die vornehmen, in tiefen Sesseln sitzenden Hotelgäste, die nicht zu den Dauerbewohnern des Hotels gehörten, beleidigt die Nase rümpften.

Nicht so der Empfangschef. Er ließ zwei alte, brillantenübersäte und feudal aufgeputzte Damen, mit denen er gerade gesprochen hatte, unbekümmert stehen, schüttelte mit einem Ruck alle Vornehmheit von sich ab, stürmte mit Riesensätzen auf die drei Ankömmlinge zu und schrie aus vollem Halse begeistert:

»Willkommen, Señor Baum, willkommen Señor Ojo, willkommen Señor Tscham ! Welch ein Glück, euch wohlbehalten wiederzusehen. Ich möchte wetten, daß ihr tolle Abenteuer erlebt habt.«

Michel lächelte.

»Die Wette würdet Ihr gewinnen.«

»Dachte ich es doch, und ich glaubte, daß ich euch nicht zu viel verspreche, wenn ich euch sage, daß hier vielleicht schon neue Abenteuer auf euch warten.«

Michel runzelte die Stirn. Sein Bedarf an Abenteuern war gedeckt. Er konnte sich auch nicht gut vorstellen, was es so Weltbewegendes geben sollte. In bezug auf die diesmal mitgeführten Kostbarkeiten waren sie klüger gewesen als das erstemal. Sie hatten sich in Tanga Seesäcke gekauft, in denen all ihre Habe verstaut war. Es waren Reisesäcke, wie sie jeder Seemann mit sich führte. Niemand konnte ihnen von außen ansehen, daß sie je ein kleines Säckchen bargen, in dem ein gewaltiger Reichtum schlummerte.

»Nun, ich kann mich natürlich irren«, sagte der Empfangschef. »Aber laßt euch erklären, kurze Zeit, nachdem ihr abgereist wart, kam der Kapitän eines Schiffes zu mir. Er schien bestürzt, als ich ihm sagte, daß ihr nicht mehr zu erreichen seid. Da ließ er sich Tinte und Feder geben und schrieb einen Brief an Euch.«

»Kapitän Weber von der »Delphin«?«

»Ich glaube, so nannte er sich.«

»Gebt mir den Brief.«

Der Empfangschef nickte eifrig und entfernte sich. Kurz darauf kam er mit dem Brief wieder.

Als er ihn Michel überreichte, meinte er:

»Der Kapitän hat zwei Wochen lang immer wieder nach Euch gefragt. Er schien sehr enttäuscht, daß Ihr unauffindbar bliebt.«

Michel nickte. Er hatte inzwischen das Schreiben geöffnet. Jetzt las er:


Bester Doktor Baum !

Es fällt mir wahrlich nicht leicht, diese Zeilen an Euch zu verfassen. Erstens macht mir das Schreiben Mühe, und zweitens weiß ich nicht, was Ihr von mir denken werdet, wenn Ihr sie gelesen habt. Die Mitteilung, die ich Euch zu machen habe, ist sehr betrüblich. Ihr kennt den Matrosen Paulus Krämer. Der dumme Bursche hat sich in der nämlichen Nacht, da Ihr einen mit ihm gehoben habt, von einem schurkischen Araber überreden lassen, ihm die kostbare Fracht, die ich für Euch nach Hamburg befördern sollte, draußen auf hoher See heimlich zu übergeben.

Und obwohl Paulus ansonsten ein ungeschickter Bursche ist, so hatte er bei dieser Unternehmung doch Glück. Ihr könnt Euch vorstellen, daß mich fast der Schlag gerührt hätte, als ich am nächsten Morgen ganz zufällig den Laderaum besichtigte und sah, daß Euer Eigentum nicht mehr an Ort und Stelle war.

So, das wären die Tatsachen. Und nun kommt das Schwerste. Ja, ja, glaubt mir nur, es ist für einen alten Kapitän, der nie in seinem Leben einen Pfennig veruntreut hat, sehr sehr schwer, Euch zu bitten, daß Ihr ihm Glauben schenken sollt. Ich weiß, daß die Geschichte unglaubhaft klingt. Hoffentlich treffe ich Euch noch hier an, dann werde ich Euch mündlich alles das erklären, was mir schriftlich mühselig ist. Sollte ich Euch nicht mehr in Sansibar erreichen, so habt die Güte, wenn Ihr nach Hamburg kommt, bei meiner Reederei nachzufragen, ob ich vielleicht zufällig an Land bin. Es ist mir ein inneres Bedürfnis, Euch alle Einzelheiten, soweit ich sie selbst kenne, Auge in Auge zu berichten. Zwei von den Säcken sind übriggeblieben. Diese nehme ich mit in die Heimat und liefere sie, wie besprochen, in jenem Hamburger Bankhaus ab.

Es sind Perlen darin.

Ich bete zu Gott, daß Ihr mir glauben mögt. Aber ich werde erst wieder ruhig schlafen, wenn ich weiß, daß Ihr mich nicht für den Dieb haltet. Mit der nochmaligen Bitte, nicht schlecht von mir zu denken, grüße ich Euch als

Euer getreuer

Philip Weber

Kapitän der »Delphin«


Michel faltete das Schreiben ungerührt zusammen. Es bedeutete keine Neuigkeit mehr für ihn; denn er wußte ja aus Imi Bejs eigenem Mund, was mit seinen Schätzen geschehen war. Er freute sich darüber, daß der alte Kapitän wenigstens zwei Säcke gerettet hatte.

»Nun«, fragte der Empfangschef, »hatte ich recht mit meiner Vermutung, daß euch neue Abenteuer erwarten?«

»Vielleicht«, lachte Michel, »das hängt allein von unserer Laune ab. — Sagt, Verehrtester, habt Ihr Zimmer für uns frei?«

»Aber Señor«, erwiderte der Empfangschef gekränkt, »wie könnte es in unserem Hotel keine Zimmer für euch geben?«

»Nun, nun«, antwortete Michel, »erinnert Ihr Euch noch an unseren ersten Besuch?«

Der Hotelgewaltige wurde blutrot. Verlegen starrte er vor sich auf den Boden.

Ojo lachte dröhnend und schlug ihm so kräftig auf die Schulter, daß er zusammenzuckte.

»He, hombre, nun fangt nicht gleich an zu weinen. Werdet doch wohl mal einen derben Scherz vertragen können?«

Der also Angesprochene blickte auf und wollte gerade etwas erwidern, als er hinter sich zwei kreischende Frauenstimmen vernahm.

»Unerhört, solch eine Behandlung ! Komm, Isabella, wir werden dem Vater Bescheid sagen, daß er sich um ein anderes Hotel kümmert.«

Ojo grinste. Der Empfangschef bekam einen gewaltigen Schreck, entschuldigte sich und wandte sich rasch wieder seinen Pflichten zu. Aber trotz aller Befllissenheit, die er jetzt an den Tag legte, waren die Damen nicht mehr zufriedenzustellen. Die jüngere, sie mochte die Tochter der anderen sein, zeterte :

»Wie könnt Ihr es wagen, uns wegen dieser drei Landstreicher hier stehenzulassen?«

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, meine Gnädigste, aber...«

»So etwas kann man nicht verzeihen«, mischte sich die ältere ein. »Werft diese Männer aus dem Haus. Sie sehen so schmutzig aus, daß man sich schämen muß, sie anzublicken.«

Jetzt wurde es dem Empfangschef zu dumm. Wieder lief er rot an. Aber diesmal vor Zorn. In diesem Augenblick war ihm alles gleichgültig. Und wenn man ihn hinauswerfen würde, nun gut, so würde er eben gehen. In wenig höflichem Tone erwiderte er :

»Ihr dürft euch einen solchen Ton nicht erlauben, meine Damen. Die drei Caballeros dort sind Forschungsreisende, die soeben aus Afrika kommen. Sie belieben stets, in diesem Hotel zu wohnen, und daran wird auch eure Anwesenheit nichts ändern. Im übrigen ist die Vergabe von Zimmern meine Angelegenheit und nicht die eure.«

»Unverschämtheit!« rief die jüngere.

»Ihr flegeliger Kerl«, schloß sich die ältere an. »Ihr scheint zu verkennen, wen Ihr vor Euch habt. Und ich versichere Euch, daß Ihr den letzten Tag in diesem Hotel bedienstet seid. Mein Mann ist ein Freund des Besitzers.«

Ojo hatte bisher still zugehört. Es bereitete ihm Vergnügen, wie der Empfangschef die brillantenbehängten Weiber abkanzelte. Aber als er vernahm, daß dem Guten mit Entlassung gedroht wurde, ging sein gutes Herz mit ihm durch. Er wollte etwas für ihn tun. Aber in seiner Ungeschicklichkeit tat er gerade das Verkehrte.

Er trat auf die Frauen zu, stemmte die Hände in die Hüften und meinte so laut, daß es jeder hören konnte :

»Ihr Vogelscheuchen, ihr Nichtstuerinnen, wie kommt ihr dazu, euren Einfluß dazu zu benutzen, einen braven Mann brotlos zu machen? Wenn ihr das nicht sein laßt, so werdet ihr Sansibar nicht lebend verlassen. Hier, seht euch meine Fäuste an. Mit diesen werde ich eure Köpfe zusammenstauchen, bis sie platzen.«

Die Damen rissen die Augen auf. Ojo hatte seinen letzten Satz noch nicht ganz beendet, als die Alte in Ohnmacht fiel. Die jüngere stand ihr in Empfindlichkeit nicht nach und legte sich daneben.

Die Hotelgäste waren dem ganzen Auftritt interessiert gefolgt. Manche schüttelten sich innerlich vor Lachen, andere standen auf der Seite der beiden Frauen.

Der Empfangschef sprang hinzu, rief seine Pikkolos und befahl ihnen, einen Arzt zu holen.

Bisher war alles ruhig geblieben. Aber gerade in diesem Augenblick öffnete sich das Hotelportal. Ein älterer, sehr vornehm wirkender Herr in der Uniform eines portugiesischen Generals betrat die Halle. Als er die beiden in Ohnmacht gefallenen Frauen sah, stieß er einen Ruf des Schrecks aus und eilte auf sie zu.

»Josephina!« rief er, »Isabella! — Was ist mit ihnen?« wandte er sich an den Empfangschef.

Der stotterte irgend etwas, aus dem man nichts entnehmen konnte.

»So sprecht doch«, drängte der General. »Wie konnte das geschehen?«

Michel war bis jetzt stumm geblieben. Aber als er sah, daß einer von den Gästen Miene machte aufzustehen, sich dem General zu nähern und diesen aufzuklären, kam erjenem zuvor. Er trat auf den General zu und verneigte sich verbindlich.

»Baum«, stellte er sich vor, »Doktor Baum. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß Euch diese Damen sehr nahestehen?«

Der General maß Michel mit einem prüfenden Blick. Aber er hatte bessere Menschenkenntnis als die Frauen. Er schätzte Leute nicht nach ihrer Kleidung ein.

»Es sind meine Frau und meine Tochter«, erwiderte er.

»Ich bin Arzt«, sagte Michel. »Gestattet Ihr, daß ich den Damen behilflich bin?«

Der General nickte. Michel winkte Ojo und befahl diesem, die Alte aufzuheben und auf ihr Zimmer zu tragen. Zwei Pagen folgten mit der jüngeren.

Kaum waren sie jedoch oben, als die beiden Ohnmächtigen wie auf Kommando die Augen öffneten.

»Laß die beiden einsperren, Hernán«, kreischte Josephina.

Der General war verwundert.

»Aber sie haben dir doch geholfen, Liebling !«

Nun sprudelte auch Isabella hervor und erzählte, was geschehen war.

Der General wandte sich an Michel.

»Stimmt das, Señor Baum?«

Michel konnte nicht umhin, alles zu bestätigen.

»Hm«, machte der General. Dann wandte er sich langsam Ojo zu.

»Ihr habt meine Damen beleidigt, Señor. Ist Euch das klar?«

Ojo fuhr sich durch den Bart. Dann meinte er:

»Wenn Ihr das so auffaßt, Señor, dann kann ich nicht widersprechen.«

Der General war offensichtlich ein wenig pikiert, daß Ojo ihn mit Señor ansprach. Einfach mit Señor.

»Hm«, machte er wieder. »Ihr werdet die Beleidigung zurücknehmen und Euch entschuldigen?«

Da lachte ihm Ojo mitten ins Gesicht.

»Entschuldigen? — Hombre, seid Ihr des Teufels? Eher beiße ich mir die Zunge ab.«

Da wich mit einem Schlag die Gelassenheit des Generals. Als Offizier, Gatte und Vater dieser Damen hatte er gewisse gesellschaftliche Pflichten, die er nicht außer acht lassen durfte, wollte er den Schild seiner Ehre rein halten. So nahm er also stramme Haltung an, verbeugte sich leicht vor Ojo, der diese Höflichkeit höchst albern fand, und sagte:

»So bleibt mir nicht anderes übrig, Señor, als Genugtuung mit der Waffe von Euch zu verlangen.

Ihr könnt wählen. Degen oder Pistole.«

Ojo warf Michel einen verblüfften Blick zu. Daß es wegen einer solchen Lappalie zu einem Duell kommen konnte, hätte er nie für möglich gehalten. Aber warum nicht?

Der General würde sein blaues Wunder erleben, ob er die Ehre seiner Frauen nun mit der Pistole oder dem Degen verteidigte.

»Hombre«, sagte er, »wenn Ihr durchaus Euer kostbares Leben wegwerfen wollte, bitte sehr.

Wählt die Waffe, die Euch genehm ist. Ich schlage einen Faustkampf vor. Das ist für Euch nicht so gefährlich. Ein Schlag von mir und die Sache ist erledigt.«

Wenn er geglaubt hatte, dem General mit diesem Duellvorschlag einen Gefallen zu tun, so hatte er sich geirrt.

»Señor«, brauste der General auf. »Was fällt Euch ein, ich lasse mich nicht beleidigen! Ihr werdet Eure Frechheit büßen!«

»Ja, ja, ja«, schrien die beiden Frauen. »Und der Empfangschef, der nicht weniger unverschämt ist, muß entlassen werden! Darauf bestehe ich.«

»Ja«, schloß sich Josephina an, »darauf bestehen wir.«

Der Pfeifer nagte an der Unterlippe. Dieser Zwischenfall behagte ihm absolut nicht. Er war sich zwar vollkommen darüber im klaren, daß ein Duell für Ojo keine Gefahr bedeutete. Aber er dachte an die Konsequenzen, die sich daraus ergeben mußten, wenn hier, auf portugiesichem Hoheitsbesitz, einem portugiesischen General ein Leid zugefügt wurde. So wandte er sich denn in ehrlicher Besorgnis an den General und sagte:

»Hört, Señor, wollt Ihr nicht auf dieses Duell verzichten, wenn ich mich für das schlechte Benehmen meines Freundes bei Euch entschuldige? Er ist leider ein Grobian.«

Aber der General war nicht mehr zu sprechen. Mit einer unmißverständlichen Geste deutete er auf die Tür.

»Verlaßt das Zimmer, bitte.«

»Aber Señor ...«

»Kein Aber«, des Generals Stimme war schneidend. »Ich nehme an, daß Ihr Euerm Freund sekundieren werdet. Wohin darf Euch mein Sekundant die Forderung bringen?«

»Wir wohnen in diesem Hotel hier«, sagte Michel kurz. »Erkundigt Euch bei dem Empfangschef nach der Zimmernummer.«

Er öffnete die Tür und ging hinaus. Ojo folgte ihm.

»So ein Verrückter«, sagte Ojo, als sie allein waren. »Wie kann er nur Lust haben, sich mit mir zu raufen?«

»Er muß wohl«, antwortete Michel. »Die Herren Offiziere haben einen ganz besonderen Kodex.

Das, was sie Ehre nennen, verpflichtet sie, wegen einer solchen Narrheit ihr Leben aufs Spiel zu setzen.«

»Ich werde nicht zu kräftig zuschlagen«, beruhigte Ojo den Pfeifer. »Ich werde ihn zart am Kinn kitzeln, daß er wohl sein Bewußtsein, nicht aber seinen Geist aufgibt.«

»Du glaubst doch nicht im Ernst, Diaz, daß sich der General in einen Faustkampf einläßt.«

»Er wäre schön dumm, wenn er es nicht täte; denn wenn er es auf den Degen ankommen läßt, dann kann ich nicht garantieren, daß ihm der meinige aus Versehen nicht doch durchs Korsett bis in die Haut dringt.«

»Du wirst ihn auf keinen Fall töten«, sagte Michel.

»Um Gottes willen«, entsetzte sich Ojo. »Wie könnt Ihr so etwas von mir denken. Señor Doktor?«

»Was willst du also tun?«

»Ihm einen Klaps geben, daß ihm der Säbel aus der Hand fällt.«

»Und wenn er sich dann nicht ergibt, sondern weiterkämpfen will?«

»Nun«, lachte Ojo zuversichtlich, »ich werde ihm den Säbel so oft aus der Hand schlagen, daß es ihm zu langweilig wird. Einmal muß er ja doch aufhören.«

Michel lächelte im stillen vor sich hin. Dieser Diaz war doch ein prächtiger Bursche.

Sie waren während des Gesprächs die Treppe hinuntergestiegen und standen nun wieder in der Halle. Dort saß Tscham in einem Sessel. Gespannt blickte er ihnen entgegen. Sie erzählten ihm, was vorgefallen war.

»Der General kann nicht anders handeln«, sagte Tscham nachdenklich. »Ich würde dasselbe tun.«

»Ah, Ihr seid verrückt«, sagte Ojo. »Wenn es wenig-stens noch junge, hübsche Mädchen wären, um die es geht. Aber diese alten Fregatten ... Mir unverständlich.«

Der Geschäftsführer kam an den Tisch.

»Nun, Señores, hab ihr sie beruhigen können?«

»Im Gegenteil, mein Armer«, sagte Ojo. »Der Alte ist so wild, daß er sich mit mir duellieren will.«

»Um Gottes willen!« schrie der Geschäftsführer. »Er ist der beste Fechter in der Armee !«

»Macht Euch nichts daraus«, erwiderte Ojo gleichmütig. »Es geht ja nicht um Eure Haut.«

»Nein«, stimmte der Mann kläglich zu, »nur um meine Stellung.«

»Ihr werdet nicht rausfliegen«, meinte Ojo. »Wenn ich ihn besiegt habe, werde ich sein Versprechen fordern, daß er nicht gegen Euch hetzt.«

Der Empfangschef sah Ojo nun doch ein wenig mitleidig an. Glaubte dieser große, ungeschlachte Bursche tatsächlich, daß er den besten Fechter der portugiesischen Armee besiegen konnte?

»Und noch eins«, sagte Ojo, »solltet Ihr doch rausfliegen, so entschädige ich Euch dafür. Euch, mein Bester, will ich nicht auf dem Gewissen haben.«


14

Sie hatten gerade zu Abend gegessen, als ihnen der Besuch eines Majors gemeldet wurde.

Der Pfeifer ließ den Herrn bitten.

Es war der Sekundant des Generals. Er brachte die offizielle, schriftliche Forderung.

»Wollt Ihr nicht ein Glas Wein trinken?« fragte Ojo leutselig.

Der Major starrte ihn wie ein Wundertier an. Dann entgegnete er fassungslos :

»Bedaure außerordentlich, Señor«, und zu Michel gewandt, »darf ich dem Herrn General ausrichten, daß Euch Zeit und Ort recht sind?«

Ojo warf einen neugierigen Blick auf die Karte. Dann meinte er: »Morgen um fünf Uhr? Da wird es fürchterlich heiß sein. Warum so spät?«

»Es ist fünf Uhr früh gemeint«, schaltete sich der Major ein.

»Waaas?« Ojo lachte dröhnend. »Seid Ihr des Teufels, Señor? Um fünf Uhr früh pflege ich mich im allgemeinen auf die andere Seite zu drehen und weiterzuschlafen. Ich bin kein Frühaufsteher, Señor.«

Der arme Offizier wußte nicht recht, ob er veralbert wurde oder ob der seltsame Duellant das, was er sagte, ernst meinte. Der Major zeigte ein verkrampftes Gesicht, als er erwiderte :

»Ich habe selten gehört, Señor, daß Duellanten in der Nacht vor dem Duell einen guten Schlaf haben. Schließlich verbleibt ihnen nur noch eine kurze Frist, ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln, Abschied zu nehmen und vielleicht noch eine Flasche guten Weins zu trinken.«

Es war gewiß nicht schicklich, daß er sich zu diesen Worten hatte hinreißen lassen. Aber es war seine Absicht gewesen, diesem bärtigen Riesen klarzumachen, daß hier nicht gespielt wurde, sondern daß es blutiger Ernst war.

»Santa Maria, Madre de Dios«, rief Ojo, »was seid Ihr so feierlich! Bisher bin ich noch nicht ein einzigesmal gestorben. Meint Ihr denn, ich hätte ausgerechnet aufEuern General gewartet, um mich von ihm ins Jenseits befördern zu lassen? Nun, da Ihr die Sache so blutig ernst nehmt, so richtet ihm aus, daß er diese Nacht ruhig schlafen kann. Ich verspreche ihm feierlich, daß ich ihm nichts tun werde.«

Der Major war weiß im Gesicht. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte diesen anmaßenden Burschen geohrfeigt. Aber in seinen Augen war es unfair, einen Duellanten, der sich in wenigen Stunden schlagen mußte, vor dem Duell mit der Forderung zu einem zweiten Duell zu belasten.

Er rechnete fest damit, daß Ojo ihn tatsächlich gefordert hätte, wenn er ihm eine Ohrfeige versetzt haben würde.

So aber schluckte er seinen Groll hinunter und sagte kurz:

»Ist Euch der Zeitpunkt nun genehm oder nicht?«

»Meinetwegen«, dröhnte Ojo. »Ich werde mir einen Hektoliter Wein bestellen und die Nacht durchzechen. Wenn ich schon um fünf Uhr aufstehen muß, dann lohnt es sich gar nicht erst, ins Bett zu gehen. Adiós, Señor.«

»Adiós.« Der Major drehte sich zackig um und verließ den Raum.

Als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, fragte Ojo den Pfeifer:

»Ihr schaut so ernst drein, Señor Doktor. Habe ich etwas falsch gemacht?«

Michels Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Er dachte nicht daran, Ojo Vorwürfe zu machen.

Die ganze Angelegenheit dünkte ihn viel zu kindisch, um von einem Ojo ernsthaft behandelt zu werden. Der Pfeifer hatte schon als Student nichts von derartigen Ehrenhändeln gehalten. Es gab wichtigere Dinge auf der Welt zu tun, als sich wegen derart harmlosen Plänkeleien gegenseitig die Schädel einzuschlagen.

»Ist schon gut, amigo«, sagte er. »Ich dachte nur gerade an den armen Empfangschef. Wie können wir ihm wohl seine Stellung erhalten?«

»Ich werde den General zwingen, nichts gegen ihn zu unternehmen.«

»Wenn der General sein Wort gegeben hat, daß er nichts tun wird, so wird er es sicher halten.

Aber meinst du, daß sich seine Damen danach richten werden? Ich garantiere dir, wir brauchen nur den Rücken zu kehren, und schon sitzt der Arme auf der Straße.«

»Bueno«, sagte Ojo, »laßt ihn sitzen. Ich gebe ihm eine Handvoll Diamanten. Dann hat er mehr, als er in seinem Leben je besessen hätte.«

»Das ist zwar die einfachste Lösung; aber ob sie richtig ist, wollen wir dahingestellt sein lassen.«

Ojo schaute verdutzt drein.

»Weshalb soll sie falsch sein? An Reichtum ist noch niemand gestorben.«

»Gestorben nicht, aber unglücklich geworden.«

»Seid Ihr unglücklich? Bin ich unglücklich? Ist Tscham unglücklich?«

»Nein, natürlich nicht, wir werden ja auch wegen ein paar Säcken Diamanten unsere Lebensanschauung nicht ändern. Mich hat Reichtum noch nie beeindruckt.«

»Und mich nur insofern, als ich nun mein Leben lang nach Herzenslust so viel Wein von der besten Sorte trinken kann, wie ich mag.«

»Das ist bei dem Empfangschef sicher anders.«

»Wie meint Ihr das?«

»Ich nehme an, er wird spekulieren. Und eines Tagessitzt er dann wieder auf der Straße; aber ohne Diamanten. Ich fürchte, wir erweisen ihm einen schlechten Dienst. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.«

»Ach, Ihr immer mit Euren Sorgen für andere !«

»Hm, Ojo, ich glaub, du hast recht. Wir haben ja im Augenblick tatsächlich genug eigene Sorgen.«

»Wir, Sorgen?«

Auch Tscham schaute erstaunt herüber. Welche Sorgen meinte der Pfeifer?

»Ja, wie kommen wir von Sansibar weg?«

»Nun, es sind doch genug Schiffe im Hafen.«

Michel deutete auf die Gepäckstücke.

»Gehst du mit einem Sack voll Diamanten auf jedes x-beliebige Schiff, dessen Kapitän und Mannschaft du nicht kennst?«

»Maldito«, Ojo kratzte sich am Kopf, »daran habe ich noch gar nicht gedacht.«


15

Die Sonne stand schon als feuriger Ball am Himmel, als drei mit Offizieren besetzte Kutschen und eine leere Kutsche vor dem Hotel vorfuhren. Kurz darauf erschien in einer fünften Kutsche der Garnisonarzt.

Es währte nicht lange, dann trat, gemessenen Schrittes, der General, gefolgt von seinen Damen, auf die Straße. Die Offiziere grüßten ehrerbietig. Ernst erwiderte der General ihren Gruß. Dann wandte er sich seiner Frau und seiner Tochter zu und meinte :

»Nun gilt es, Abschied zu nehmen. Ihr wißt, daß ich für den Fall eines unglücklichen Duellausganges alles geregelt habe. Um eure Zukunft braucht ihr euch keine Sorgen zu machen.«

Die beiden Frauen waren ziemlich gefaßt. Vornehm sanken sie ihm nacheinander an die Brust und küßten ihn auf die Wange.

»Wir werden in die Frühmesse gehen und für dich beten«, meinte Josephina mit halb erstickter Stimme.

Der General nickte. Dann stieg er in die leere Kutsche.

Gerade hob der Kutscher die Peitsche, um anzufahren, als der Pfeifer, Tscham und Ojo, letzterer ein wenig schwankend, in der Tür erschienen.

»Hallo«, winkte Ojo freundlich, »guten Morgen, Señor. Ich sehe, Ihr habt noch Platz in Eurer Kutsche. Können wir mitfahren?«

Michel gab ihm einen Stoß in die Seite. Er zischte :

»Bist du verrückt, Diaz? Willst du sie alle beleidigen?«

Den begleitenden Offizieren war so etwas noch nie vorgekommen. Sie hatten kugelrunde Augen.

Ihre verkrampften Gesichter zeigten einen der Stunde angemessenen Ernst. Es war schon ein starkes Stück, daß dieser hergelaufene Fremde so mir nichts dir nichts ihren General anrief.

Noch ahnten sie ja nicht, daß Ojo mit dem Duellgegner des Generals identisch war.

Der General selbst würdigte Ojo keines Blickes, sondern gab dem Kutscher das Zeichen zum Fahren.

Fast eine Viertelstunde mußten sie auf dem zu dem Zweikampf ausersehenen Platz vor der Stadt warten, bis endlich die Kutsche mit dem anderen Duellanten nahte.

Wie aber erstaunten die Herren, als sie Ojo wiedererkannten.

Der General legte die Jacke seiner prächtigen Uniformab. Dann ließ er sich von seinem Sekundanten einen Degen reichen und schlug damit ein paarmal durch die Luft. Er schien höchst befriedigt vom Stahl der Klinge.

Ojo tat überhaupt nichts. Erst als ihn Michel fragte, wo er denn seine Waffe habe, bemerkte er, daß er sie zu Hause vergessen hatte.

Diesmal verschlug es selbst dem Pfeifer die Sprache.

»Du gehst zum Duell und vergißt die Waffe?«

Ojo fuhr sich durch den Bart.

»Diablo, was mache ich nun?«

Der Sekundant des Generals trat zu Michel und fragte, ob Ojo bereit sei.

Michel zögerte einen Augenblick. Dann meinte er:

»Ihr verzeiht, Señor, ich mußte zu meinem Bedauern soeben feststellen, daß mein Freund seinen Degen zu Hause vergessen hat. Könnte vielleicht einer Eurer Herren den seinen zur Verfügung stellen?«

Der Sekundant starrte Ojo an, als habe er das siebente Weltwunder vor sich. Da er von dem bärtigen Riesen schon allerhand gewöhnt war, faßte er sich bald, wandte sich an die Offiziere und fragte mit lauter Stimme:

»Ist einer der Señores bereit, dem Gegner Don Hernans seinen Degen zu leihen? Er hat ihn zu Hause vergessen.«

Die Offiziere blickten einander sprachlos an. Doch dann waren sie nicht mehr zu halten. Sie lachten, lachten, lachten, selbst die unwillige Miene ihres Generals konnte ihrem Gelächter nicht Einhalt gebieten. Was sich hier abspielte, war das Kurioseste, was sie je erlebt hatten.

Und Ojo stimmte fröhlich in die Lachsalven ein.

Nach wenigen Augenblicken entschloß sich ein Hauptmann, ihm seinen Degen zu leihen. Er zog ihn aus der Scheide und warf ihn Ojo zu, der ihn geschickt auffing.

Dann endlich konnte der Kampf beginnen.

Des Generals Sekundant stand mit gezogenem Degen in der Nähe, um sofort einzuschreiten, wenn der Gegner des Generals die Regeln nicht beachten sollte.

Das gleiche hätte Michel tun müssen. Aber auch er hatte keinen Degen. Er tat überhaupt sehr uninteressiert und stellte sich ein wenig abseits, beobachtete die Szene aber dennoch scharf durch die gesenkten Wimpern.

Der Major gab das Zeichen.

Für einen Augenblick hörte man das helle Auf einanderklingen der Degen. Dann war plötzlich wieder Ruhe. Die Waffe des Generals steckte in einigen Schritten Entfernung mit zitterndem Heft in der Erde.

»Na«, fragte Ojo, »gebt Ihr Euch geschlagen, Señor?«

Don Hernán hatte ein eigenartiges Gefühl im Halse. Es war ihm, als wolle er einen Bissen hinunterschlucken, den er nicht genügend zerkaut hatte. Die Verblüffung der feindlichen Partei war grenzenlos.

Jetzt schaltete sich Michel ein.

»Wie ist es, hat mein Freund gewonnen?«

Da weder der General noch sein Sekundant auch nur im entferntesten an einen solchen Ausgang gedacht hatten, blieb der Major einen Augenblick die Antwort schuldig. Doch dann stotterte er:

»Ihr... Ihr, das heißt, Euer Freund, kann doch nicht einen wehrlosen Mann erstechen.«

»Erstechen?« fragte Michel. »Wieso erstechen?«

»Dem Sieger gehört das Leben des Besiegten.«

»Ah, bah, mein Freund hat ganz andere Sorgen, als die um das Leben eines Generals. — Können wir nun gehen?«

»Würde Euer Freund weiterkämpfen?«

»Gewiß, wenn es die Regeln so erfordern.«

Über das Gesicht des Majors ging ein Blitz des Verstehens. Aha, diese Fremden kannten die Regeln eines portugiesischen Zweikampfes nicht. Um so besser. Von den eigenen Offizieren würde es niemand wagen, die Wiederaufnahme des Zweikampfs zu kritisieren. Der General stand in hohem Ansehen bei ihnen.

So lief er denn hastig dorthin, wo die Klinge im Boden steckte, zog sie heraus und brachte sie dem General.

Der zweite Gang begann.

Ojo setzte zu einer Quart an. Dann aber sank sein Degen plötzlich so blitzschnell, daß der Blick des Generals nicht folgen konnte, fuhr von unten nach oben —, und das Verblüffende von vorhin wiederholte sich. Das Ganze war so schnell gegangen, daß man überhaupt nicht von Fechten sprechen konnte.

Michel und Tscham taten sehr uninteressiert. Sie ließen sich, wo sie standen, im Gras nieder und blickten in den Himmel.

Als der Major fassungslos auf seiner Stelle verharrte, weil er nicht wußte, ob der Sekundant des Gegners etwas dagegen haben würde, wenn er dem General den Degen abermals reichte, folgte Ojo dem Beispiel seiner Freunde und setzte sich, wo er stand.

Der General war bleich wie der Tod. Die Begleitoffiziere traten von einem Fuß auf den anderen.

Der Garnisonarzt begann, seinen Verbandskasten langsam wieder zusammenzupacken. Niemand sprach. Die Stille war beklemmend.

Da meldete sich Ojo.

»Steht nicht herum, Señores, weiter, bitte. Ich will zurück ins Hotel. Ich bin müde.«

Der Major zuckte die Achseln und reichte dem General abermals den Degen. Und dieser nahm ihn in der festen Absicht, ihn sich auf keinen Fall ein drittes Mal aus der Hand schlagen zu lassen.

Ojo erhob sich. Während der General auf seinen Angriff wartete, ließ er den Degen spielerisch um seinen Mittelfinger wirbeln.

»Nun fangt doch endlich an«, sagte Ojo.

Der General stürmte vor — und schon steckte sein Degen wieder in der Erde.

Diesmal wartete er nicht ab, bis sein Sekundant ihn wieder holte. Er stürzte selbst dorthin, zog ihn heraus und griff gleich darauf Ojo zum vierten Male an.

Die nächsten fünf Minuten spielten sich so ab, daß der General alle paar Sekunden seinen Degen aus der Erde zog, wieder gegen Ojo anrannte, und die Waffe abermals verlor.

Die Zuschauer mochten denken, daß dies ein für einen General unwürdiges Spiel war. Manche murrten schon.

Da fragte Michel den Major:

»Wie lange soll das nun so weitergehen?«

Der Sekundant hob den Degen zum Zeichen, daß der Kampf zu unterbrechen sei.

Niedergeschlagen meinte er:

»Ich verkünde hiermit feierlich, daß Don Hernán vom Gegner besiegt wurde.«

Das war praktisch das Todesurteil für den General.

Ojo aber nahm seine Waffe auf, ging zu dem Hauptmann, der sie ihm geliehen hatte, und gab sie ihm zurück.

»Hört, Señor«, wandte er sich an den General, »ich habe eine Bitte an Euch.«

Don Hernán stotterte irgend etwas.

»Ich möchte nicht, daß der Geschäftsführer des Hotelsauf die Straße gesetzt wird. Versprecht Ihr mir, alles zu tun, damit er seine Arbeit behält?«

Der General nickte und schluckte. »Gracias«, sagte Ojo, schlug ihm auf die Schulter, wandte sich um und winkte seinen Freunden.

»Können wir gehen, Señor Doktor? Ich bin müde wie ein Hund.«

»Ist das Duell beendet?« wandte sich Michel an den Major.

»Ja. — Natürlich, wenn ihr meint — — ?«

»Bueno, wir meinen.«

Ojo wandte sich noch einmal zu den wartenden Offizieren um, hob die Hand und rief: »Adiós, Señores!«

Noch am Vormittag wußte bereits das gesamte Hotel über den Ausgang des Duells Bescheid.

Weder der General noch seine Damen ließen sich irgendwo blicken. Und am Abend kam Tscham, der in der Stadt einige Besorgungen erledigt hatte, in das Zimmer gestürzt und rief aufgeregt:

»Denkt euch, was mir der Empfangschef erzählt hat, der General hat sein Abschiedsgesuch eingereicht. Er will den Dienst bei der Armee quittieren. Die Leute behaupten, er werde diese Schande nie mehr abwaschen können.«

»So eine Dummheit«, brummte Ojo. »Nun ist nicht der Empfangschef, sondern der General seinen Posten los. Was wird er nun machen? Um noch etwas Vernünftiges zu lernen, ist er sicher schon viel zu alt.«

Michel lachte.

»Ich wußte gar nicht, Diaz, daß du dich so um andere sorgen kannst.«

Ojo machte sich an seinem Gepäck zu schaffen. Endlich hatte er den kleineren Sack mit den Edelsteinen herausgefischt. Er öffnete ihn, griff hinein und holte eine Handvoll Diamanten heraus.

»So werde ich dem alten General ein paar Steine geben. Ihr meint doch nicht, daß er davon unglücklich wird?«

Noch bevor Michel etwas erwidern konnte, war Ojo zur Tür hinaus.

Der General starrte ihn an wie ein Gespenst, als Ojo das Appartement betrat.

»Ich habe gehört, Señor, daß Ihr Euern Dienst quittieren wollt?«

Don Hernán antwortete mit zitternder Stimme :

»Seid Ihr gekommen, um Euch an meinem Unglück zu weiden?«

»Ich bin doch kein Schuft«, erwiderte Ojo empört. »Ich wollte Euch nur eine kleine Entschädigung bringen. Da —, nehmt.«

»Wa — wa — wa —, was ist das?«

»Es sind wunderbare, herrliche, nie gesehene Diamanten«, sagte Ojo. »Ich habe genug davon.

Wenn Ihr nach Portugal kommt, könnt Ihr sie verkaufen. Ihr werdet soviel Geld dafür bekommen, daß Ihr bis an Euer Lebensende sorgenfrei leben könnt.«

In der Annahme, daß der General etwa zu stolz sein könnte, das Geschenk anzunehmen, drehte sich Ojo um und verließ eilig das Zimmer.

Don Hernán starrte wie versteinert auf den Reichtum, der in einem kleinen Haufen auf dem Tisch lag. Er kämpfte einen bitteren, harten Kampf mit sich. In seiner Seele bekriegten sich der General und der Mensch, der nun sein Leben, wenn auch nicht gerade in bitterer Not, so doch auch nicht in den bisherigen Formen zu Endeführen sollte. Schließlich gewann der Mensch die Oberhand. Don Hernán dachte an Frau und Tochter und daran, daß er für diese keinen Mann gefunden hatte. Mit den Werten aber, die da vor ihm auf dem Tisch lagen, konnten er und seine Familie weiterhin ein sorgenfreies, standesgemäßes Leben führen.

Außerdem war er so klug, daß er sich vornahm, niemandem gegenüber etwas über das unerwartete Geschenk verlauten zu lassen.

Als er die Steine verstaut hatte, setzte er sich in einen Sessel und grübelte über seinen Gegner nach. Was war das für ein Mensch? Zweifelsohne mußte er verrückt sein. Weshalb kümmerte er sich noch um das Wohl und Wehe des Besiegten, dem er doch vorher bereits das Leben geschenkt hatte?

Don Hernán dachte noch jahrelang in jeder Mußestunde über dieses Phänomen nach. Auf das einfachste, nämlich, daß ein Mensch gut, rauh, tapfer und kindlich zugleich sein konnte, daß es Ojo einfach ein Bedürfnis gewesen war, einem alten, geschlagenen Mann eine Freude zu bereiten, darauf kam er nie.


16

Michel und Ojo verbrachten die nächsten Tage damit, am Hafen Ausschau nach einem Schiff zu halten, dessen Bestimmungsort — wenn schon nicht Hamburg — so doch wenigstens ein Hafen an der französischen Nordküste war. Es gab mehrere Frachtschiffe, die Passagiere beförderten.

Aber erstens hatten die meisten von ihnen kein sehr vertrauenerweckendes Aussehen, und zweitens fand sich nicht eines, dessen Route weiter nördlich als Bordeaux endete.

Michel aber hatte nicht die Absicht, mit Postkutschen oder sonstigem unsicherem Gefährt quer durch Frankreich zu reisen. Außerdem wollte er unbedingt nach Hamburg, um auf der Bank, die ihm Kapitän Weber empfohlen hatte, die Diamanten zu deponieren. Wenn er, wie er vorhatte, tatsächlich nach Kassel gehen würde, dann war ihm ein Sack voll solcher Kostbarkeiten nur hinderliches Gepäck.

Tscham hütete, während sie die Stadt durchstreiften, auf Michels Geheiß das Bett. Der tapfere junge Radscha hatte viel nachzuholen. Die Expedition zum Kilimandscharo hatte ihm mehr zugesetzt, als er wahrhaben wollte. Wenn auch das Fieber nicht mehr wiederkam, hatte es doch erheblich an seinen Kräften gezehrt.

So mußte er denn im Bett bleiben und sich pflegen lassen.

Essen und Schlafen hatte ihm Michel verordnet.

Am Morgen des fünften Tages nach ihrer Ankunft in Sansibar sagte Ojo mißmutig:

»Wenn wir aus diesem verdammten Backofen schon nicht fortkönnen, so sollten wir wenigstens versuchen, ob wir nicht doch noch die Diebe fassen können, die uns auf Imi Bejs Geheiß hin bestohlen haben.«

»Hm«, meinte Michel, »der Gedanke ist nicht schlecht. Nur zweifle ich daran, daß wir dadurch die Steine wiederbekommen.«

»Wir können doch des Nachts ganz einfach einen kleinen Spaziergang durch Imi Bejs Palast machen.«

»Dort werden wir sie mit Sicherheit nicht mehr finden.«»Und weshalb nicht?«

»Ich glaube, daß der Bej den größten Teil seiner Beute dem Imam von Maskat ausgeliefert hat.

Ich habe ihn ja belauscht, als er zu seinem Vertrauten darüber sprach, daß er einst Gouverneur von Sansibar werden wollte. Hier unten ist es im allgemeinen üblich, daß man sich eine solche Würde erkauft.«

Ojo zuckte die Schultern.

»Das ist Pech. Da kann man nichts machen.«

»Zur Zerstreuung unserer Langeweile weiß ich etwas anderes«, sagte Michel.

»Ja?«

»Laß uns heute Ugawambi aufsuchen. Wollen sehen, was der Bursche macht. Ich habe dem König der Wadschagga ohnehin versprochen, mich um ihn zu kümmern, damit er nicht wieder Dummheiten begeht.«

»Gute Idee«, freute sich Ojo. Er war für jeden Vorschlag dankbar, der Abwechslung in die Eintönigkeit des Daseins brachte.

So gingen sie denn, nachdem sie Tscham das Frühstück aufs Zimmer hatten schicken lassen, hinüber nach Madagaskartown. Sie hatten, obwohl sie sich längst wieder anständige Kleidung besorgt hatten, zu diesem Zweck ihre alten Lumpen angezogen. So stachen sie von dem Gewimmel der Neger, der schmutzigen Araber und der vielen weißen Tagediebe nicht besonders ab.

Als sie in die Gasse einbogen, in der Ugawambi wohnte, kamen sie gerade zurecht, um zu sehen, wie ein für diese Gegend ungewöhnlich gut gekleideter Araber die Hütte Ugawambis verließ.

»Nanu?« sagte Ojo. »Der Gute hat aber vornehmen Besuch.«

»Es sieht fast so aus, als knüpfte unser Freund schon wieder Verbindungen an.«

»Verbindungen? Ihr meint, daß es schon wieder Sklavenjäger gäbe, die Appetit auf eine Reise ins Dschaggaland hätten?«

»Ich will es nicht hoffen. Aber man kann nie wissen. Nun, wir werden ja sehen.«

Sie gingen langsam weiter.

Da bemerkte Michel, wie der Araber die Hand hob. Das tat er mehrere Male hintereinander, ohne den Schritt zu verlangsamen.

»Was macht der da?« fragte Ojo.

»Wir müssen abwarten.«

In der Gasse waren nicht viele Menschen. Um so mehr mußte es auffallen, als sich auf das Zeichen des Arabers plötzlich sechs, sieben, acht Gestalten einfanden, die, unauffällig zwar, aber doch unverkennbar die gleiche Richtung wie der Araber einschlugen.

Der Weg schien sie auf die buschbestande Weidefläche hinauszuführen, in die die Gasse auslief.

»Eigenartig«, murmelte Michel.

»Meint Ihr, daß das Räuber sind, Señor Doktor?«

»Das werden wir gleich feststellen. Es ist das gleiche Gelichter, wie es Imi Bejs Sklavenjäger waren. Ich müßte mich doch sehr täuschen, wenn nicht...«

Sie waren mittlerweile bei Ugawambis Hütte angelangt. Michel trat ohne Umstände ein. Es waren nur die beiden Frauen anwesend.

»Wo Ugawambi?« fragte Michel auf Kisuaheli.

Ugawambis Frau öffnete den Mund, um Auskunft zu geben. Aber da sah Michel, wie ihr die Mutter einen unsanften Stoß versetzte. Die Augen der Alten funkelten dieTochter an. Dann schnatterte ihr Mund und brachte die Wörter mit solcher Geschwindigkeit hervor, daß Michel kaum eins verstehen konnte. Dennoch schnappte er etwas auf.

»Nicht — — sagen — — Ugawambi — — Geld.«

Das war nicht viel. Aber Michel konnte sich einen Reim darauf machen; denn schließlich war er über die internen Angelegenheiten der Ugawambi-Familie orientiert. Ohne sich aufzuhalten, wandte er sich wieder zum Gehen.

»Los«, sagte er draußen zu Ojo, »folgen wir den Kerlen. Aber unauffällig. Wahrscheinlich liegt Ugawambi betrunken an seinem Lieblingsplatz.«

Die Männer vor ihnen schlenderten wie Spaziergänger auf die freie Weide hinaus. Michel und Ojo drückten sich in den Schatten der Hüttenwände. Als sie das Ende der Gasse erreicht hatten, gelangten sie ungesehen in die Dek-kung eines sich langhinziehenden Gebüsches. Einige hundert Schritt weiter hinten war diese Buschgruppe links und rechts von anderen Büschen flankiert. Und hinter einem der Sträucher auf der linken Seite war Ugawambis Lieblingsplatz.

Hier schlief er für gewöhnlich seinen Rausch aus.

Ojo wollte etwas fragen; aber Michel preßte den Zeigefinger gegen die Lippen. In der Einsamkeit hier konnte auch ein Flüstern zum Verräter werden.

Die acht Gestalten mit dem Araber an der Spitze schwärmten ein wenig aus. Aber sie hatten keine große Mühe, Ugawambi zu finden. Er lag im Schatten an seinem Stammplatz und schlief den Schlaf des besinnungslos Betrunkenen.

»Sayd«, sagte der, der ihn zuerst erblickte, in respektvollem Ton zu dem Gutgekleideten, »hier ist er.«

Schnell versammelte sich die Gruppe um den am Boden Liegenden. Michel und Ojo standen, durch das lange Gebüsch gedeckt, kaum zwei Schritte hinter ihnen.

Der mit Sayd Angesprochene trat würdevoll herzu. Aufmerksam betrachteten seine Augen Ugawambi.

»Bei Allah«, sagte er, »er ist«s.«

»Sollen wir ihn wecken, Sayd?«

»Versucht es. Wir müssen Klarheit darüber erhalten, was Imi Bej erreicht hat und wann er zurückkehren wird.«

Die acht Untergebenen des Mannes versuchten eifrig, Ugawambi den Geistern des Alkohols zu entreißen. Aber was sie auch anstellten, alles vergebens. Immer, wenn sie den armen Schwarzen unsanft hochgerüttelt hatten, sank dieser wieder in sich zusammen und schlief weiter. Eine leere Whiskyflasche lag neben ihm.

»Es hat keinen Zweck, Sayd. Allah hat ihn vergiftet. Es wird Stunden dauern, bis der Schejtan seinen Körper verläßt.«

Der Vornehme dachte nach. Dann erhellten sich seine Züge.

»Nehmen wir ihn einfach mit. Er ist so betrunken, daß er davon gar nichts merken wird. Er kann im Palast seinen Rausch ausschlafen, und dann haben wir ihn gleich zur Hand.«

Einer der Helfershelfer grinste.

»Es ist auch bequemer«, meinte er. »Wenn er lügen sollte, so haben wir gleich die Folterkammer bei uns.«

Der Sayd nickte wohlwollend.

Sechzehn Fäuste packten den schlafenden Ugawambi, zerrten ihn hoch. Vier Mann an jeder Seite, so trugen sie ihn weg. Sie waren jedoch klug genug, die Gasse, in der der Schwarze wohnte, zu meiden, schlugen einen Bogenund gingen eine Gasse entlang, die ein ganzes Stück weiter unten begann.

»Was nun?« fragte Ojo.

»Wir müssen ihnen folgen, um zu sehen, wo sie ihn hinbringen.«

»Ist es nicht unglaublich, was sich diese Burschen da leisten?« fragte Ojo. »Trotz seiner Trunkenheit dürfen sie nicht so mit ihm verfahren.«

Michel ballte die Fäuste. In ihm kochte es. Er hatte eine unbeschreibliche Wut. Hätte er seine Muskete bei sich gehabt, so hätte er ohne Zögern mitten in die frechen Burschen hineingeschossen. Es war der Höhepunkt der Anmaßung und Unverschämtheit, am hellichten Tage einfach einen Menschen zu entführen, weil man etwas von ihm wissen wollte.

»Verlaß dich drauf, Diaz, das werden wir den Herrschaften heimzahlen.«

Dann machten sie sich auf, um den Menschenräubern zu folgen.


17

Ugawambi erwachte mit schwerem Kopf. Die Schläfen pochten wie Hämmer. Mühsam öffnete er die Augen. Um ihn war Finsternis.

Wo war er? Eine solche Dunkelheit herrschte doch in seiner Hütte sonst nie. Er richtete sich halb auf.

»He, Weib«, rief er, »wo bist du? Wie komme ich in deinen unsauberen Stall? Wie kannst du dich unterstehen, mich von der schönen grünen Wiese hierher zu bringen?«

Er sank wieder zurück. Niemand antwortete ihm. Dann stöhnte er.

»Sie sind nie da, die Weiber, wenn man sie braucht«, murmelte er.

Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Daß er solche Schmerzen hatte, kam nur daher, daß man ihn seinen Rausch nicht in der freien Natur hatte ausschlafen lassen. In seiner Hütte stank es ewig. Die dumpfe Luft darin brachte im Schlaf keine Erfrischung.

Als sich nichts rührte, blieb er noch eine Zeitlang still liegen. Endlich wurde sein Blick klarer.

Doch die Dunkelheit wich nicht.

»Schon wieder Nacht«, murmelte er.

Schwerfällig erhob er sich und tastete sich an der Wand entlang. Plötzlich stutzte er. Das war doch gar nicht die Hütte?

Seine Bewegungen wurden hastiger. Zum Teufel, wo befand er sich? Steinmauern, nichts als Steinmauern waren um ihn. Das einzige Möbel in diesem Raum schien das Lager zu sein, von dem er sich soeben erhoben hatte.

Seine Hände fuhren unruhig an der Mauer entlang. Da — hier war ein Riß. Seine Finger tasteten behutsam darüber. An der Regelmäßigkeit spürte er, daß es eine Türritze sein mußte. Die Hände glitten weiter. Ja, hier war eine Tür. Er fühlte das Holz.

Weit enfernt davon, eine Falle zu wittern, schüttelte er den Kopf und kehrte zu seinem Lager zurück.

Was mochte geschehen sein? War er mit der Flasche vielleicht gar nicht auf die Wiese hinausgegangen? Hatte er vielleicht gar Madagaskartown verlassen und war ins Europäerviertel gelangt, wo ihn die portugiesischen Polizisten dann gefunden hatten?Er starrte in die Dunkelheit.

Es mußte doch jemand kommen, der ihn befreite! Irgend jemand muß sich doch um ihn kümmern! Hatten sie ihn vergessen?

Instinktiv fühlte er Angst in sich aufsteigen. Dann schnellte er plötzlich hoch. Mit einem Satz stand er an der Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.

Er brauchte nicht lange zu warten; denn kurz darauf hörte er, wie von draußen ein Schlüssel ins Loch gesteckt wurde.

Die Tür sprang auf.

»Bist du wieder bei dir?« fragte eine Stimme auf arabisch.

»Wie komme ich hierher?«

»Unsere Männer haben dich gebracht.«

»Wer ist das? Unsere Männer?«

»Die Palastwache Imi Bejs.«

Ugawambi glaubte, nicht recht gehört zu haben. Ein eisiger Schreck durchzuckte ihn. Wollte man sich an ihm rächen? Aber woher sollten die Männer der Leibwache wissen, was aus Imi Bej geworden war!

»Imi Be-Be-Be-Bej?« stotterte er.

»Da bist du wohl sehr überrascht?«

»Was wollt ihr von mir?« Ugawambi hatte sich wieder gefaßt.

»Das wirst du bald hören. Ich schließe dich jetzt wieder ein, um dem Gesandten des Imam zu melden, daß du nüchtern bist.«

Die Tür knallte ins Schloß. Dunkelheit und beängstigende Stille waren wieder um Ugawambi.

Der Schwarze griff sich an den Kopf, um sich die Perücke zu raufen. Da stieß er einen Ruf des Schreckens aus. Das kostbare Stück war verschwunden. Er zog sich an den eigenen, krausen Haaren, um festzustellen, daß er sich auch bestimmt nicht geirrt hatte. Nein, die Perücke war nicht mehr da.

Ugawambi ballte die rechte Faust gegen die Tür. »Ihr Hunde!« schrie er. »Ihr Schufte! Ihr Räuber!« Seine Angst vor den Leuten Imi Bejs war verflogen. Seine Gedanken kreisten einzig und allein um die verlorene Perücke.


18

In einem der prunkvoll eingerichteten Säle des Palastes saß der Gesandte des Imam von Maskat und spielte mit den Siamkatzen des verschollenen Imi Bej.

Im Raum befanden sich äußerem noch drei andere Männer, die ihm an Kostbarkeit der Kleidung nicht nachstanden.

»Kannst du uns nicht volles Vertrauen schenken, Omar Ben Sedelik Emir?« fragte einer von ihnen.

Omar Ben Sedelik — das war der Mann, der Ugawambi gefangen hatte — lächelte und fuhr den beiden Katzen mit dem Zeigefinger über die Nasen.

»So weit gehen meine Kompetenzen nicht, meine Lieben. Seine Hoheit und seine Heiligkeit, der Imam von Maskat, hat mich nicht hierher geschickt, um Ämter eines Gouvernements zu verteilen, das noch gar nicht besteht, sondern nach dem Verbleib Imi Bejs zu forschen. — Seit wann befindet sich der Bej jetzt auf der Expedition in das Innere Afrikas?«

»Seit Mitte vorigen Jahres, Omar Ben Sedelik Emir.«

»Ist das nicht eine etwas zu lange Zeit?« fragte der Emir.

»Du hast recht, Sayd. Sonst pflegte er nicht länger als zwei bis drei Monate fortzubleiben. Es muß sich etwas Besonderes ereignet haben.«

»So, so, und da seid ihr bisher noch nicht einmal von selbst auf die Idee gekommen, dieses schwarze, betrunkene Stinktier zu vernehmen? Schließlich mußtet ihr euch doch irgend etwas dabei denken, daß er zurückkehrte und Imi Be j nicht.«

Die drei anderen sahen zu Boden. Es waren der Sekretär Imi Bejs, sein Schatzmeister und der Verwalter seiner Güter. Der Botschafter des Imam, der jetzt mit den Katzen spielte, war erst gestern abend mit einem Schiff aus Maskat hier angekommen. Sehr unvermutet für die drei, die noch nichts getan hatten, um nach dem Schicksal ihres Herrn zu forschen.

Es war auch nicht reine Menschenfreundlichkeit, die Omar Ben Sedelik veranlaßte, sich um den Verbleib Imi Bejs zu kümmern. Der Grund war vielmehr ein Befehl Harun ál Walans, der seinem Herrn, dem Imam von Maskat, die Säcke mit den Edelsteinen als Präsent Imi Bejs gebracht hatte. Ein Mann, der über solche Quellen des Reichtums verfügte, war aber dem Herrscher so interessant, daß er abermals einen Botschafter nach Sansibar schickte. Omar Ben Sedelik war sehr enttäuscht, als er vernahm, daß seine Reise vergeblich gewesen war. Da er aber wußte, wie dem Imam das Schicksal des Bej am Herzen lag, nahm er sofort die Nachforschungen über dessen Verbleib in die Hand. Und dabei war er auf Ugawambi gestoßen. Und nun saß dieser im Keller und grübelte darüber nach, wo seine Perücke geblieben war.

»Ich muß schon sagen«, fuhr der Emir fort, »daß ich euch nicht gerade für sehr treue Diener eures Herrn halte. Was glaubt ihr, wie lange es dauern wird, bis der Schwarze seinen Rausch ausgeschlafen hat?«

»Soll ich nachfragen lassen?« fragte einer der drei.

Der Emir nickte. Er drückte seine Geringschätzung gegenüber den dreien dadurch aus, daß er, auch während er sprach, nicht einmal aufsah, sondern seine ganze Aufmerksamkeit den beiden entzückenden Siamkatzen widmete. Die Tierchen, seit Imi Bejs Weggang solcher Zärtlichkeiten entwöhnt, dankten ihm mit heftigem Schnurren.

In dem Augenblick, als sich der eine der Bediensteten Imi Bejs entfernen wollte, um nach Ugawambi zu fragen, betrat unter tiefer Verbeugung ein Diener den Raum und meldete, daß der Gefangene erwacht sei.

»Bringt ihn herauf«, befahl Omar Ben Sedelik mit scharfer Stimme.

Es währte nicht lange, so stand Ugawambi vor ihm.

Der Schwarze, respektlos wie er war, dachte nicht daran, einen Kniefall zu vollführen. Er widmete den Anwesenden auch keinerlei Aufmerksamkeit. Er bückte sich vielmehr, um eine der beiden Katzen in seine Arme zu nehmen. Dann ließ er sich Omar gegenüber auf einem Sitzkissen nieder und streichelte das weiße Tierchen mit dem schwarzen Gesicht.

»Was bist du für ein süßes Vieh«, sagte er. »Du hast eine so schöne helle Farbe; aber ein schwarzes Gesicht wie Ugawambi. Ja, ja, es ist mit dir wie mit uns Schwarzen, die in Madagaskartown wohnen. Wir sind auch zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß. Außen haben wir ein schwarzes Fell; aber im Kopf, da drinnen, wo das Gehirn sitzt, da sind wir weiß. Nur beschäftigt sich niemand so mit uns wie mit euch. Es ist keiner da, der uns streichelt.«

Sinnend betrachtete er die blauen Augen des Kätzchens.

Omar Ben Sedelik war von seinem Diwan hochgeschnellt wie von einer Tarantel gestochen. Was wagte dieser Negerhund?

Er wollte schreien. Aber da vernahm er, wie der Schwarze mit dem Tiere sprach. Und da alle Araber an der Küste auch Kisuaheli verstanden, so lauschte Omar ungewollt den Worten. Dann aber übermannte ihn der Zorn.

»Bist du nicht bei Sinnen?« schrie er Ugawambi an.

Der blickte zu ihm auf, ruhig, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen.

»Weshalb ereiferst du dich so? Hab keine Angst, ich tue deinen Katzen nichts.«

Omar schnaufte. Daß der Neger es wagte, ihn so respektlos anzusprechen, brachte ihn aus der Fassung.

»Knie nieder, Mensch, wenn ich mit dir spreche.«

Ugawambi setzte die Katze behutsam auf die Erde. Dann erhob er sich. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem breiten Grinsen.

Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und meinte:

»Ich bin nicht dein Untertan! Knie selbst auf der harten Erde, wenn es dir Spaß macht. Was willst du eigentlich von mir?«

Die drei Bediensteten Imi Bejs, die noch immer im Zimmer waren, hatten Mühe, sich eines Lachens zu erwehren. Und obwohl auch in ihren Augen ein Neger tiefer stand als ein Tier, so freuten sie sich innerlich doch darüber, daß dem arroganten Omar hier eine Abfuhr erteilt wurde, die er wahrscheinlich sein Leben lang nicht vergessen würde.

Omar Ben Sedelik sah hilflos zu ihnen hinüber. Er wußte tatsächlich nicht, wie ihm geschah.

Und Ugawambi erreichte das, was er mit seiner verblüffenden Frechheit noch immer erreicht hatte. Man machte gute Miene zum bösen Spiel und tat so — wenigstens vorübergehend —, als betrachte man ihn als gleichwertigen Gesprächspartner.

Omar gab sich einen Ruck und fragte mit ruhiger Stimme :

»Ich möchte von dir wissen, was aus deinem Herrn, Imi Bej, geworden ist.«

»Meinem Herrn?« fragte Ugawambi. »Wie kommst du darauf, Imi Bej meinen Herrn zu nennen?«

»Nun, er war doch dein Herr. Er hatte dich doch als Führer seines Sklavenzuges engagiert.«

»Er war weder mein Herr, noch hat er mich engagiert. Es stimmt wohl, daß ich ihn geführt habe, aber ich war sein Geschäftspartner und sollte fünfundzwanzig Prozent des Gewinns erhalten.«

Omar starrte ihn ungläubig an.

»Das ist doch nicht dein Ernst?«

»Und ob das mein Ernst ist.«

»Hm.«

»Du brauchst gar nicht so ungläubig »hm« zu machen. Es war so, wie ich es sage. Aber dein Freund Imi Bej war ein schlechter Geschäftspartner. Als ich ihn weit genug geführt hatte und er glaubte, er würde den Rest des Weges von selbst finden, ließ er mich von seinen verdammten Sklavenjägern wegjagen. Der Teufel hole ihn. Hoffentlich bricht er sich das Genick.«

»Was fällt dir ein, Schwarzer! Du sprichst von einemder vornehmsten und mächtigsten Männer von ganz Sansibar!«

»Wenn alle Vornehmen solche Betrüger sind, dann danke ich für die Vornehmheit.«

Omar Ben Sedelik wußte darauf nichts mehr zu sagen. Nach einer Weile des Schweigens meinte er:

»Warte hier.«

»Warum?«

»Das wirst du schon sehen.«

Ugawambi kniff die Augen zusammen.

»Gut, ich warte. Aber solange ich hier bin, verläßt auch du den Raum nicht. Und noch eine Frage, wieviel wirst du mir dafür bezahlen, daß ich meine Perücke verloren habe?«

»Deine Perücke?«

»Ja, ich hatte ein wunderschöne, herrliche Perücke. Seitdem mich deine Spießgesellen hierher gebracht haben, ist sie verschwunden. Ich muß mir also eine neue kaufen. Und die wirst du bezahlen.«

»Du bist verrückt, Mensch«, tobte Omar. »Glaubst du, ich lasse es mir gefallen, daß du weiter in einem solchen Ton mit mir redest? Ich werde dich Anstand lehren. Deine Perücke kümmert mich nicht. Und was du mir von Imi Bej erzählt hast, das glaube ich dir nicht.«

Während er die letzten Worte gesprochen hatte, gab er einem der drei anderen einen Wink.

Dieser entfernte sich hastig.

Ugawambi trat dicht an Omar heran. Gerade wollte er ebenso scharf etwas erwidern, als sich plötzlich die Tür zum Saale öffnete und mehrere Männer hereinstürmten, die sich auf einen Wink Omars auf ihn warfen. Ugawambi schlug um sich wie ein Berserker. Die siamesischen Kätzchen flüchteten mit einem erschreckten Fauchen in die äußerste Ecke des Saals.

Als die Schurken schon glaubten, den Schwarzen überwältigt zu haben, kämpfte sich dieser mit einer plötzlichen, verzweifelten Anstrengung frei. Er entriß einem der ihm am nächsten Stehenden das Messer, machte einen Satz auf Omar zu, war gleich darauf hinter diesem, legte ihm den linken Arm um den Hals und setzte ihm mit der Rechten das Messer auf die Brust. Dann rief er laut:

»Wenn mir auch nur einer von euch zu nahe kommt, ist es um diesen Räuberhauptmann hier geschehen. Macht Platz, wir verlassen gemeinsam den Saal.«

Er schob den schreckensstarren Omar Ben Sedelik vor sich her. Jedesmal, wenn dieser einen Versuch machte, sich dem Messer des Negers zu entziehen, drückte dieser die Spitze etwas stärker gegen seine Brust.

So erreichten sie die Saaltür, stolperten durch den langen Gang und standen kurz darauf vor der Ausgangspforte. Omar erhielt plötzlich einen kräftigen Kinnhaken. Er taumelte mehrere Schritte zurück. Diesen Moment benutzte Ugawambi, um die Tür aufzureißen. Mit ein paar langen Sätzen stand er auf der Straße.

Es war noch hell.

Da der lange, dürre Neger fürchten mußte, daß man ihn verfolgen würde, setzte er sich sofort in Trab.

Da rief ihn eine Stimme in englischer Sprache an:

»Laß dir Zeit, Ugawambi. Wenn sie kommen, lasse ich mein Gewehr sprechen.«

Der Neger blieb stehen.

»Oh, Massa Pfeifer«, rief er begeistert. »Wo Massa Pfeifer sein, da immer gut. Ugawambi froh, daß Massa Pfeifer treffen.«

»Die Freude ist ganz auf unserer Seite«, sagte Michel. »Komm, wir nehmen dich in unsere Mitte. Dann folgst du uns zum Hotel und erzählst uns, was die da drinnen von dir wollten. Und wie du wieder herausgekommen bist. Es sieht nicht so aus, als hätten sie dich freiwillig gehen lassen.«

»Massa Pfeifer recht haben. Ugawambi kämpfen für Freiheit. Verdammtes Pack haben gestohlen Ugawambi, wenn betrunken. Und dabei verloren Ugawambi sein gut, viel schön Perücke.« Bei den letzten Worten nahm die Stimme des Schwarzen einen todtraurigen Ausdruck an.

»Laß nur«, sagte der Pfeifer, »wir kaufen die eine neue.«

Unangefochten gingen sie durch die Stadt. Ugawambi berichtete, was er alles erlebt hatte.

Als sie im Hotel anlangten, sagte Miche

»Es wird Zeit, daß du aus Sansibar wegkommst. Solange sie dich hier finden, werden sie dir keine Ruhe lassen. Ist es nicht dieser Omar, dann ist es irgendein Sklavenjäger, der dich drängen wird, ihm als Führer in das Innere Afrikas zu dienen. Nun, jetzt kommst du erst mal mit hinauf.

Dort bist du sicher.«

Zu Ojo gewandt, fuhr er fort : »Wir beide haben noch einen kleinen Streifzug vor.«


19

»Bei Allah, beim Barte des Propheten«, tobte Omar, als er sich etwas erholt hatte. »Bringt mir diesen Burschen ! Tot oder lebendig! Ich werde ihm zeigen, was es heißt, einen Omar Ben Sedelik zu beleidigen.«

Er raste wie ein Irrsinniger durch den Palast und scheuchte alle Anwesenden auf. Jedem einzelnen gegenüber wiederholte er seinen Befehl. Keiner wußte zwar so recht, wie er ihn ausführen sollte, aber alle trollten sich.

Nach einer Stunde schon waren die meisten zurück und meldeten, daß das Ergebnis ihrer Verfolgung negativ ausgefallen war.

Wutentbrannt zog Omar den Krummsäbel aus der Scheide und hieb dem ersten, der von der erfolglosen Suche zurückgekehrt war, die flache Klinge so heftig über den Schädel, daß er zusammenbrach.

»Der Kerl muß her!« schrie er. »Und wenn ich zehn Jahre lang in Sansibar suchen müßte, um ihn zu finden. Ich werde ihm die schwarze Haut in Streifen vom Körper ziehen. Ich werde ihm die Augen ausstechen, die Zunge herausschneiden, die Nase abhacken und ihm Flöhe in die Wunden setzen.«

Er stapfte im Saal auf und ab und verschwendete keinen Blick mehr an die Katzen, die seine Gebärden ängstlich mit großen Augen verfolgten. Dann ging er zur Saaltür, riß sie auf und schrie:

»Zehn Leute zu mir!«

Es dauerte nicht lange, und zehn Mann standen zitternd vor ihm.

»So«, sagte er, »ich werde mich jetzt an eure Spitze setzen. Wir werden den verdammten Burschen finden. Und wenn wir die ganze Stadt auf den Kopf stellen müßten.«

Ungestümen Schrittes verließ er das Haus. Seine Garde folgte ihm auf dem Fuße.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Aber keine Wolke verfinsterte den Mond, und bei dem Licht konnte man gut hundert Schritte weit sehen.

Omar Ben Sedelik war mit seiner Garde noch nicht weit gekommen, als ihm zwei Männer in den Weg traten.

»Ist einer von euch Omar Ben Sedelik Emir?«

»Ja. - Was willst du?«

Der Sprecher trat dicht an ihn heran und flüsterte:

»Ich weiß, wo du den Neger Ugawambi finden kannst. Aber dorthin, wo er ist, kannst du höchstens drei Leute mitnehmen.«

»Ich folge dir auch allein, wenn ich nur diesen schwarzen Hund zwischen meine Finger kriege.«

»Das ist nicht nötig.«

Omar Ben Sedelik suchte sich drei Leute aus und folgte den beiden Männern durch mehrere Gassen. Der eine von ihnen blieb unauffällig etwas zurück, bis er im Rücken der Schar war.

Plötzlich hatte er einen Knüppel in der Hand. Von vorn, wo der andere neben Omar Ben Sedelik ging, erklang ein schauerlicher Pfiff.

Da flog der Knüppel hoch. Wie von der Hand eines Riesen getroffen, stürzten die drei Begleiter Omars besinnungslos aufs Pflaster. Im gleichen Augenblick fühlte sich auch Omar schon von zwei eisenharten Armen umklammert.

»So, das hätten wir, Señor Doktor«, freute sich Ojo.

»Binde dem Kerl die Hände auf den Rücken«, sagte Michel.

Omar wollte schreien. Aber er hatte kaum den Mund aufgesperrt, da saß ihm ein Knebel zwischen den Lippen.

»Komm«, sagte Michel, »wir werden den Kerl so wegtragen, wie er Ugawambi weggetragen hat.«

Als der Araber sah, daß er den beiden Männern nicht gewachsen war, gab er sein Sträuben auf.

Straße um Straße schleppten sie den Gefangenen, bis nach Madagaskartown hinüber. Sie waren außer Atem, als sie endlich auf der Wiese anlangten, auf der man Ugawambi am Vormittag gefangen hatte. Auf dem Lieblingsplatz des Negers ließen sie ihn nieder. Dann nahm ihm Michel den Knebel aus dem Mund.

»Was fällt euch ein, ihr Lumpengesindel«, rief Omar Ben Sedelik erbost. »Das werdet ihr büßen.«

»Im Augenblick bist du mit der Buße an der Reihe«, erwiderte Michel trocken.

»Ich habe nichts mit euch zu schaffen.«

»Aber wir um so mehr mit dir.«

»Was wollt ihr von mir?«

»Dich für deine Frechheit strafen.«

»Mich — für — mei — meine Frechheit strafen? Wißt ihr nicht, wer ich bin?«

»Ein Lümmel. Ein niederträchtiger Bursche, ein Gauner, der friedlich schlummernde Leute überfällt und sie wegschleppt, als wären sie sein Eigentum.«

»Was meinst du?«

»Stell dich nicht so dumm! Du weißt ganz genau, von wem wir reden.«

»Doch nicht etwa von dieser schwarzen Bestie?«

»Nimm deine Zunge in acht«, warnte ihn Michel scharf.»Wir werden dich lehren, die Freiheit anderer zu achten. Ich hoffe, daß du schwimmen kannst.«

»Ihr wollt mir wirklich etwas tun, weil ich mir diesen Neger in den Palast geholt habe?«

In der Stimme Omars schwang mehr Verwunderung als Angst mit. Er konnte es nicht begreifen, daß sich Weiße zum Anwalt eines Schwarzen machten. Für sein von Vorurteilen belastetes Gehirn war diese Tatsache unfaßlich.

»Schwarze sind Menschen wie du und ich. Merk dir das. Aber damit du es nicht vergißt, wollen wir dir ein hübsches Bad bereiten, in dem du deine schwarze Seele sauber baden kannst. Da hinten ist ein Teich.«

»Wollt ihr mich etwa ertränken?«

Michel und Ojo hatten sich von Ugawambi erzählen lassen, daß der Teich keineswegs so tief war, daß ein Mensch, selbst wenn er nicht schwimmen konnte, darin umkommen würde. So sagte Michel denn zu Ojo:

»Faß an, Diaz. Wir tun, wie ich gesagt habe.«

Omar schrie aus Leibeskräften, als er sich emporgehoben fühlte. Aber hier hörte ihn niemand. Es waren nur wenige Schritte, bis sie den Teich erreichten.

»So«, sagte Michel noch einmal, »bevor du dich in Zukunft wieder an wehrlosen Menschen vergreifst, denke an dieses Bad. Vielleicht überlegst du es dir dann vorher und entgehst der Strafe Allahs. — Achtung, Diaz, eins -zwei — drei — hau — ruck!«

Ein Schrei, ein Plumps und ein Gurgeln zeigte ihnen, daß der vornehme Emir, dem eine Katze mehr bedeutete als ein dunkelhäutiger Mensch, im feuchten Element gelandet war. Die beiden beobachteten diese Szene noch eine Zeitlang. Aber bald darauf kam der turbanbewehrte Kopf des Emir wieder zum Vorschein. Er hatte Grund unter den Füßen. Das Wasser reichte ihm gerade bis zur Brust. Aber er schrie, als stecke er am Spieß. Sie ließen ihn schreien, wandten sich ab und gingen davon.

Bald befand sich Emir Ben Sedelik wieder auf dem Trockenen. Er schüttelte sich wie ein Pudel, wurde aber davon nicht trocken. Drohend ballte er die Fäuste in der Richtung, in der Michel und Ojo verschwunden waren.

»Rache, Rache«, stammelten seine Lippen. Aber da schlugen seine Zähne aufeinander. Die Nachtluft machte die nassen Kleider zu Eistüchern. Omar Ben Sedelik erstarb das Rachegeschrei auf den blau werdenden Lippen. So schnell ihn seine Füße trugen, eilte er davon und erreichte eine halbe Stunde später den Palast. Ohne ein Wort zu sagen, trat er durch das Hauptportal ein, rannte wie gehetzt durch den langen Säulengang, bis er in das Schlafzimmer kam, entkleidete sich dort ohne Hilfe eines Dieners mit fliegenden Fingern und schlüpfte unter die seidenen Decken des Schlafdiwans. Das Bad hatte ihn so mitgenommen, daß er vor dem Einschlafen vergaß, einen fürchterlichen Schwur beim Barte des Propheten zu leisten, diese Schmach zu rächen.

Als er später einmal über dieses Erlebnis nachdachte, war er froh, diesen Schwur nicht getan zu haben; denn er hätte ihn nie halten können.


20

Michel und Ojo schlenderten durch die nächtlichen Straßen.

»Der Empfangschef des Hauses hat ein saures Gesicht gemacht, als ich ihm mitteilte, daß Ugawambi unser neuer Diener sei und im Hotel schlafen würde.«

»Laß ihn«, sagte Michel, »er hat seine Vorschriften. Wir werden Ugawambi morgen anständig einkleiden. Wenn ich nur wüßte, wo ich ihm eine gute Heuer verschaffen könnte! Ich möchte den Armen nun auch nicht gerade auf jedes x-beliebige Schiff schicken. Ich muß schon sicher sein, daß der Kapitän und die Offiziere Verständnis für seine Schwächen haben. Er ist ein guter Kerl. Man soll ihn nicht entgelten lassen, was durch die Schuld unserer eigenen Rassegenossen in ihm entstanden ist.«

»Und was wird nun mit uns?« fragte Ojo. »Wie lange wird es noch dauern, bis Ihr das richtige Schiff gefunden habt? Nehmen wir doch eins, das uns nach Portugal bringt. Meine alte Mutter lebt noch in Spanien. Bei ihr wären fürs erste unsere Steine auch sicher.«

»Hm«, brummte Michel. Sonst sagte er nichts.

»Ich verstehe überhaupt nicht recht, Señor Doktor, weshalb Ihr unbedingt in Euer Heimatland zurückwollt. All die Jahre hindurch spracht Ihr stets von Amerika. Habt Ihr Eure Pläne gänzlich geändert?«

»Durchaus nicht. Meine Sehnsucht gilt nach wie vor diesem Land der Freiheit.«

»Na, warum dann nicht gleich von hier aus dorthin?«

»Eigentlich hast du recht«, sagte Michel, »es wäre vielleicht das beste.«

»Finde ich auch; denn was wollt Ihr in Deutschland?«

»Tja«, lächelte Michel, »das —, das weiß ich auch noch nicht so recht. Es ist eigentlich nur ein Gefühl, das mich treibt. Aber was wissen wir schon von unseren Gefühlen?«

Sie kamen an einer spanischen Kneipe vorbei. Ojo warf sehnsüchtige Blicke auf den Tonkrug, der über der Tür hing.

»Hättet Ihr etwas dagegen, Señor Doktor, wenn ich noch einen Becher Wein trinken würde?«

»Keineswegs, amigo. Ich trinke sogar mit, wenn es dir recht ist.«

Sie traten über die Schwelle. Dichter Tabaksqualm schlug ihnen entgegen. Ojo hielt Umschau nach einem Tisch. Er entdeckte einen, an dem nur ein einzelner Mann saß. Sie steuerten auf diesen zu.

»Dürfen wir uns zu Euch setzen, Señor?« fragte Michel.

Der einsame Gast, der bisher in seinen Weinkrug gestarrt hatte, hob mit einem Ruck die Augen.

Groß und dunkel waren sie auf Michel gerichtet. Um seine Lippen, die oberhalb des Mundes von einem schmalen Bärtchen geziert waren, zuckte ein verhaltenes Lächeln. Plötzlich sprang er auf und hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Weinbecher tanzten.

»Diable«, rief er französisch, »ich will die Masten meines Schiffes zerhacken, wenn Ihr nicht Monsieur Baum seid.«

Michel und Ojo waren sprachlos. Dann reichte der Pfeifer die Hand hinüber. Der Franzose schüttelte sie kräftig.

»Ich freue mich wirklich, Monsieur, Euch einmal wiederzutreffen. Hätte es nie für möglich gehalten. Nehmt Platz, nehmt Platz, seid willkommen.«

»Klein ist die Welt, Monsieur Mounsier.«

Ja, es war der große Pirat Dieuxdonné.

Nach dem üblichen Woher und Wohin fragte Miche

»Macht Ihr noch immer Jagd auf van Groot?«

Dieuxdonné lächelte:

»Nicht mehr nötig, Monsieur, van Groot ist pleite. Kein Hund nimmt mehr ein Stück Brot von ihm.«

»Dann hat das Seeräuberleben also ein Ende?«

Dieuxdonné, der mit seinem richtigen Namen René de Mounsier hieß, machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Wie man es nimmt, Monsieur«, flüsterte er. »Heute fahre ich mit einem Kaperbrief. Das heißt, ich muß mich mehr vorsehen, daß ich nicht selbst gekapert werde.«

»Wahrhaftig, sehr geheimnisvoll«, sagte Michel.

René nickte.

»Ja, ich fahre für den Präsidenten Washington. Bin Blockadebrecher für die Vereinigten Staaten geworden. Mein Bruder auch. Bin froh, daß ich wenigstens noch zu etwas nutze bin.«

»Und Euer Schiff liegt hier im Hafen?«

»Oui, bin heute nachmittag eingelaufen.«

»Euch hat das Schicksal uns in den Weg geführt«, sagte Michel. »Ich mache sonst nicht so große Worte. Aber, glaubt mir, wir suchen schon seit Tagen nach einem Schiff, das uns mitnehmen würde. Wir können aber nicht jedes Schiff nehmen, da wir einige Dinge mit uns führen, die auch die ehrlichsten Menschen zu Dieben oder gar zu Mördern machen könnten.«

René lachte. »Nun, meine Mannschaft ist noch die alte, nämlich bestehend aus meinen Vettern, Verwandten und sonstigen Kavalieren. Wenn Ihr Vertrauen zu mir habt, so würde ich mich heute gern für Eure damalige Freundlichkeit revanchieren und Euch Passage anbieten. Allerdings muß ich Euch darauf aufmerksam machen, daß ich zuerst nach Hamburg gehen muß. Es wird also einen kleinen Umweg geben.«

Michel konnte es kaum fassen.

»Es ist zwar unwahrscheinlich«, sagte er, »aber diesmal bin ich fast gezwungen, alles als eine Fügung anzusehen. Stellt Euch vor, ich hatte den Plan, einen Abstecher nach Hamburg zu machen, um dann nach Amerika zu gehen.«

René bestellte einen neuen Krug Wein.

»Das muß begossen werden, Messieurs.«

Sie tranken noch lange zusammen. Später meinte Miche

»Was ist eigentlich aus der Dame geworden, die Ihr damals an Bord hattet?«

»Ihr meint Ellen-Rose?«

»Ich glaube, so hieß sie.«

»Nun, sie ist meine Frau. Diesmal habe ich sie nicht mit auf Fahrt genommen. Es sah anfangs zu gefährlich aus. Sie wohnt in Providence. Wir haben dort ein hübsches Haus am Meer.«

»Dann kann ich Euch nur beglückwünschen.«

Und nach einer Pause: »Wann gedenkt Ihr in See zu gehen, Monsieur?«

»Übermorgen früh.«

»Großartig«, sagte Michel. Und Ojo schloß sich begeistert an.

Kurz bevor sie auseinandergingen, meinte Michel noch :

»Hört, Monsieur de Mounsier, ich hätte eine großeBitte. Habe da einen guten Freund, einen Neger allerdings. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr ihn irgendwo auf dem Schiff unterbringen könntet.«

»Ausgezeichnet«, rief Dieuxdonné. »Mein Smutje ist schon die ganze Zeit auf einen schwarzen Küchengehilfen scharf. Allerdings eins, verträgt er ein anständiges Glas Rum? Leute, die nicht trinken, kann unser Koch nicht ausstehen.«

»Oh, was das anbelangt, so kann mein Freund in jede Konkurrenz eintreten.«

»Nun, dann wären ja alle Dinge geklärt. Also denn, findet euch übermorgen früh an Bord ein.

Mit all euren Sachen. Auf gute Fahrt in die weite See, Messieurs !«


21

Blau lag der Sommerhimmel über der Residenzstadt des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel.

Vor einem kleinen Tabakladen in der Altstadt saß in der mittäglichen Stille des Gäßchens ein alter Mann auf einer Bank. Hin und wieder blinzelte er mit trüben Augen durch die Qualmwolken, die er seiner langen Pfeife entlockte, die Sonne an, so, als wollte er sich davon überzeugen, daß sie noch schien. Um diese Stunde — es mochte etwa halb zwei Uhr nachmittags sein — war er weit und breit der einzige Mensch, der zu sehen war.

Jeden Mittag saß der alte Mann hier, soweit es das Wetter erlaubte. In der Altstadt war er eine bekannte Erscheinung, und niemand stieß sich daran, daß er zur Mittagszeit, wenn die anderen Bürger entweder die Mahlzeit zu sich nahmen oder auf dem Sofa ein Nickerchen hielten, auf jener Bank vor seinem Laden in der Sonne saß.

In diesen Zeiten war das Tabakrauchen noch nicht sehr weit verbreitet. Ein Pfeife rauchender Mann auf der Straße war eine ungewöhnliche Erscheinung.

Nun, in den Augen der umwohnenden Bürger war jener alte Mann ein Original. Damals, es mochte fast ein Jahrzehnt darüber verstrichen sein, als sein Sohn plötzlich verschwunden war, war er etwas wunderlich geworden. Eigentlich war er der Typ eines Einsiedlers. Er sprach nicht viel, hielt kaum einen Schwatz; war aber auch nicht mürrisch, sondern behandelte die Leute, die ihm höflich entgegenkamen, ebenso höflich. Zudem war noch nie ein Raucher enttäuscht worden, wenn er von ihm Tabak bezog.

Es galt schon als eine Marotte, daß er einen Laden besaß, in dem man nichts als Tabak kaufen konnte. Da er jedoch nach der Meinung der Bürgerschaft durch den ausschließlichen Umgang mit dieser Ware eine spezielle Kennerschaft der Herbae sanctae[1] erworben hatte, verließ man sich auf seinen Ratschlag in der Auswahl der Sorte und deckte den Bedarf fast ausschließlich bei dem wunderlichen Alten. Und da ihm auch die benachbarten Kaufleute wegen seines gütigen Wesens gewogen waren — er war für sie nicht eigentlich ein Konkurrent —, vermieden sie es anständigerweise, neben ihren Waren auch noch Tabak feilzuhalten.

So kam es, daß der alte Andreas Baum in der Kasseler Altstadt so etwas wie ein Tabaksmonopol innehatte.

Als zwei Schläge der Glocke der Sankt Martinskirche verkündeten, daß es zwei Uhr war, kam ein schönes, nicht mehr ganz junges Mädchen die Straße herunter und setzte sich neben den Alten auf die Bank. Sollten die anliegenden Bewohner wegen eines zu tiefen Mittagsschlafs jemals die zwei dumpfen Glockenschläge von der Sankt Martinskirche überhören, so konnten sie bei schönem Wetter ihre Uhren nach dem Erscheinen des Mädchens stellen. Jeder kannte es, jeder wußte, daß es pünktlich erscheinen würde. Das Mädchen gehörte ebenso zu dem mittäglichen Bild der Straße wie der Alte. Kaum jemand nahm Notiz von ihm. Man hatte sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt und den Grund, warum das so war, längst vergessen.

Das Mädchen, das etwa achtundzwanzig Jahre alt sein mochte, hatte, wie nur wenige Frauen auf der Welt, nicht eine einzige Freundin oder Feindin, die es beneidete. Es war nicht verheiratet und schien trotz seiner Schönheit keinen Blick für Männer zu haben. Die einzige Ausnahme bildete eben jener alte Andreas Baum, der jedoch längst ihr Großvater hätte sein können.

»Nun, Vater Baum, hat Euch die Sonne schön durchgewärmt?« fragte sie.

Der Alte blickte sie an und lächelte. Dann nickte er vor sich hin.

Langsam nahm er die Pfeife aus dem Mund und antwortete :

»Ja, ja, die liebe Sonne, diese Lebensspenderin, wenn wir sie nicht hätten!«

Sie blieben eine Weile still nebeneinander sitzen, bis das Mädchen sagte :

»Gebt mir ein Paketchen Tabak für den Vater.«

»Schon wieder?« wunderte sich der Alte. »Du hast doch erst am Montag eins gekauft.«

»Ja, ja, Papa raucht in der letzten Zeit sehr viel.«

Der Alte erhob sich langsam, zog einen Schlüssel heraus, steckte ihn umständlich in das Schlüsselloch der Ladentür und betrat das Lädchen. Das Mädchen folgte.

Der Alte öffnete eine der vielen tönernen Dosen, fuhr mit einer kleinen, blinkenden Schaufel hinein, brachte sie gefüllt wieder zum Vorschein und schüttete ein Häufchen des goldgelben Krautes auf eine Waage. Dann ergriff er ein schönes, buntes Tütchen, tat den Tabak hinein und gab es dem Mädchen.

»Sag deinem Vater, Charlotte, daß er ihn mit Verstand rauchen soll. Ich habe eine neue Mischung hergestellt. Mir schmeckt sie ausgezeichnet.«

»Danke, Vater Baum, ich will es ausrichten.«

An sich hätte es dem normalen Verlauf des Tages entsprochen, wenn sich Charlotte jetzt entfernt hätte. Der Alte sah sie sinnend an, als sie zögernd stehen blieb.

»Na, mein Kind, hast du Sorgen?«

Charlotte schien sich noch immer nicht entschließen zu können, zu sagen, was sie wollte. Doch der alte Andreas Baum war der einzige Mensch auf der Welt, dem sie restloses Vertrauen schenkte. So seufzte sie denn endlich:

»Eberstein ist wieder im Lande, Vater Baum Er sprach gleich heute vormittag bei Papa vor und bat ihn, mir die Erlaubnis zu geben, mit ihm ausreiten zu dürfen.«

Der Alte wackelte mit dem Kopf.

»Kind, Kind, magst du ihn denn gar nicht leiden? Wie viele Jahre soll das noch so gehen?

Einmal mußt du doch daran denken, einen Mann zu bekommen!«

»Ich kann ihn nicht heiraten.«

Charlottes Stimme klang leidenschaftlich. Ihre Augen schienen Blitze zu sprühen. Das ganze Mädchen war verwandelt. »Ich heirate niemanden, den ich nicht lieben kann. Immer, wenn ich ihn sehe, muß ich daran denken, daß ihn allein die Schuld an Michels Schicksal trifft. Erinnert Euch doch nur, mit welcher Genugtuung er uns von Michels Tod erzählt hat! Glaubt mir, Vater Baum, Graf Eberstein ist schlecht durch und durch. Und ich bin der festen Überzeugung, daß er nicht nur um meine Hand anhält, weil ihm keine andere gefällt, sondern um mit dieser Heirat sein eigenes Selbstgefühl zu stärken. Das, was er vor nunmehr einem Jahrzehnt begonnen hat, will er durch die Hochzeit mit mir krönen. Immer, wenn ich ihn anschaue, sehe ich die aufgeplatzte Wange, die er damals von Michels Stockhieb davongetragen hat. Nein, ich mag ihn nicht.«

Andreas Baum nickte. Es fiel ihm sichtlich schwer zu sprechen, als er jetzt sagte :

»Ja, ja, Mädel, ich kann dich schon verstehen. Ich hätte ihm seine Jugendtorheiten auch nicht nachgetragen. Aber auch ich glaube nicht, daß er sich innerlich wirklich geändert hat. Wenn ich an Michel denke, an die Hoffnungen, die ich ...«

Seine Stimme versagte, sie ging in ein trockenes Schluchzen über, er fuhr sich mit den Händen über die feucht werdenden Augen. Als er sich beruhigt hatte, hob er den Blick ein wenig und fuhr langsam fort: »Ob wir nun den Eberstein leiden können oder nicht, wir dürfen ihm nicht die Schuld an Michels Tod geben. Vielleicht war Eberstein schon anders geworden, als er damals nach Amerika gehen sollte. Seine Darstellung, daß Michel Seite an Seite mit ihm im Kampf gegen jene algerischen Korsaren, von denen er sprach, gefallen ist, war glaubhaft. Und wenn sie gemeinsam gekämpft haben, weshalb sollten sie nicht auch Freunde geworden sein?«

»Ich kann —, ich kann es einfach nicht glauben.«

Der alte Andreas Baum wiegte bedächtig den Kopf.

»Man darf nicht immer nur das Schlechteste von den Menschen denken. Erinnere dich daran, Mädel, wie er zu mir kam, wie er mir den letzten Gruß meines Sohnes ausrichtete und wie er mir den Säbel brachte, die Waffe mit der wundervollen Damaszenerklinge, die ich Michel damals mitgegeben habe, als er auf Reisen ging. Er hat den Degen durch viele Gefahren hindurch gerettet. Es ist ein prachtvolles, ein wertvolles Stück. Wenn er ihn auf unrechtmäßige Weise sich angeeignet hatte, weshalb hätte er ihn dann nicht behalten sollen?«

Charlotte Eck blickte mit großen brennenden Augen vor sich auf den Boden. Sie überdachte die Jahre, seit Eberstein plötzlich wieder in Kassel aufgetaucht war. Er hatte keine Gelegenheit ausgelassen, sich ihr zu nähern. Allerdings war er nie aufdringlich geworden. Und in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr hatte er stets einen traurigen Blick in den Augen gehabt, wenn er von Michel sprach. Das hatte sich allerdings später geändert. Denn als sie es war, die, nach Jahren noch, immer wieder die Rede auf Michel Baum brachte, wurde er ungeduldig.

Andererseits war das zu verstehen. Denn solange der Schatten Michel Baums zwischen ihm und dem Mädchen stand, sah es nicht so aus, als würde aus der von ihm angestrebten Verbindung jemals etwas werden.

Sie hob den Kopf.

»Ich glaube, ich werde es mir doch noch reiflich überlegen«, sagte sie langsam. In ihrer Stimme war nichts mehr von jener Leidenschaft, mit der sie noch vorher den bloßen Gedanken an eine Heirat mit Eberstein von sich gewiesen hatte.

Wenn sie ehrlich war, mußte sie zugeben, daß es der Graf seit den Tagen seiner Rückkehr nicht ein einzigesmal an der nötigen Höflichkeit ihr gegenüber hatte fehlen lassen. Immer war er Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Vater und Mutter Eck mochten ihn gern. Für sie war das ständige Sträuben gegen eine Verbindung mit ihm einfach unverständlich.

Und nun war er vor einigen Monaten auch noch zum Major befördert worden. Major in diesem Alter, das war schon etwas. Rudolf Graf von Eberstein war knapp dreißig Jahre alt.

»Auf Wiedersehen — bis morgen, Vater Baum.«

Charlotte reichte ihm die Hand, wandte sich um und verließ den Laden.


22

Zur Zeit war es recht still. So früh am Nachmittag kamen keine Kunden zu Andreas Baum. Der alte Mann stopfte Tabak in die Pfeife, entzündete ihn und spazierte mit auf dem Rücken verschränkten Händen in seinem kleinen Laden auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und betrachtete Scheide und Klinge eines über Kreuz an der Wand aufgehängten Degens.

Liebkosend fuhren seine welken Finger über den blinkenden Stahl.

Dieser Degen hatte seine Vergangenheit. Ein Vorfahr, den es nie in der Heimat gehalten hatte, hatte ihn selbst aus Damaskus mitgebracht. Seitdem hatte er zwei oder drei Generationen begleitet, hatte sich in manche feindliche Brust gebohrt, bis er in den Händen Andreas zur Ruhe gelangte. Für diesen hatte er eine ganze Zeitlang nichts weiter bedeutet als das überkommene Erbstück einer Familie. Bis —, ja, bis er ihn an dem Tag, den er nie vergessen würde, jenem Tag, da sein Sohn vor den Schergen des Landgrafen von Hessen-Kassel fliehen mußte, Michel auf die Reise mitgegeben hatte. Das war nun lange her. Und damals, als Michel gegangen war, hätte Vater Baum darauf schwören mögen, daß sein Sohn in den Unbilden, die eine weite Reise in die Welt mit sich bringt, Sieger bleiben würde.

Die Jahre waren vergangen. Kein Lebenszeichen von Michel drang nach Kassel. Von vielen anderen aus Kassel, die nach Amerika gegangen waren, waren Briefe gekommen. Nie war einer von Michel dabei. Dann war Eberstein zurückgekommen. Mit dem Degen in der Hand. Mit diesem Degen, der jetzt hier an der Wand hing, und den der alte Andreas sofort wiedererkannt hatte. Ja, und dann hörte er aus dem Munde des Grafen die Geschichte von dem schrecklichen Korsarenschiff, von der Not, die sie auf dem Meer gemeinsam ausgestanden hatten, von Durst und Verderben, von Mannesfreundschaft und Schmerzen und schließlich vom Tod Michels.

Wieder wurden die Augen des alten Vaters feucht. Er wandte sich dem Ladentisch zu, ging langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes um diesen herum und beschäftigte sich mit dem Abwiegen von Tabak.

Aus jedem der Tongefäße schlug ihm der Duft einer anderen Welt entgegen. Ob es die Schwere des süßenVirginia war, ob der geheimnisvolle Duft orientalischen Tabaks, ob die würzige Herbheit des hellgelben Mazedoniers, überall war die weite Welt. Die Düfte beschworen Bilder aus fernen Ländern und von fremden Menschen herauf, die er nie gesehen hatte. Oft war er an solchen Tagen nahe daran, sein Bündel zu schnüren, die in jahrelanger Arbeit erworbenen, blinkenden Dukaten einzupacken und hinauszufahren in jene Welt des bunten, schillernden Lebens und des jähen, unerwarteten Todes. Aber dann fühlte er, daß sein alter, verbrauchter Körper dem Flug des Geistes nicht mehr zu folgen vermochte. So blieb er daheim, mit seinem Leid um den verlorenen Sohn.

Als sich die Sonne schon langsam nach Westen neigte, hörte er auf der Straße Hufschlag. Sein Gesicht erhellte sich. Er wußte, wer um diese Zeit zu ihm kam.

Draußen stieg jemand vom Pferd. Dann ging die Tür auf und herein trat ein schmucker, junger Leutnant, dessen Züge eine unverkennbare Ähnlichkeit mit denen des verlorenen Sohnes aufwiesen, obwohl sie härter waren als Michel Baums, schärfer trotz der Jugend ihres Trägers, und nicht so von Geist und Verstehen geprägt.

Er trug den grünen Waffenrock der hessischen Dragoner. Richard Baum war Premierleutnant in der Dragonerabteilung, die unter dem Befehl des Grafen Eberstein stand. Er war ein Verwandter aus der weitverzweigten Familie der Baums, ein Neffe des alten Andreas und somit ein Vetter Michels.

»Grüß Euch, Oheim«, sagte er mit fröhlicher, vielleicht etwas zu lauter Stimme.

Andreas Baum freute sich immer, wenn er den Besuch seines hübschen, jungen Neffen erhielt.

Was er dem Sohn an Gutem nicht mehr tun konnte, versuchte er, an Richard Baum nachzuholen.

So wanderte manches Häuflein blinkender, goldener Dukaten in die Taschen des jungen Burschen, mit denen dieser im Kreise seiner Kameraden eine fröhliche Zeche veranstalten konnte. Andreas Baum hatte Verständnis für die Dummheiten der Jugend. Zwar hielt er in seinem Innern den Offiziersberuf nicht gerade für eine Idealbeschäftigung der Jugend, verlor jedoch darüber nie ein Wort, um seinen Neffen, der ein begeisterter Anhänger dieses Standes war, nicht vor den Kopf zu stoßen. Es schien ja langsam Mode zu werden, in einem möglichst mit reichen Goldtressen bestickten Rock herumzulaufen, dem lieben Gott den Tag zu stehlen und dem Landgrafen Friedrich II. als Beweis dafür zu dienen, daß er über eine gewisse Macht verfügte, eine Macht, von der er glaubte, daß sie nicht allzuweit hinter derjenigen des preußischen Königs zurückstehe.

Das war zwar ein gewaltiger Trugschluß; aber was tut ein Landgraf nicht alles, um durch Aufmärsche und Paraden seiner Soldaten sein Selbstgefühl zu heben!

»Grüß dich, Brudersohn, du hast einen anstrengenden Dienst gehabt, wie?«

»Ich halte etwas aus, Oheim, obwohl ich es zur Zeit gar nicht schön finde.«

»So?-Weshalb nicht?«

»Nun, es ist eintönig hier in Kassel. Was ist unsere Aufgabe? Immer nur marschieren, immer nur reiten, immer nur darauf achten, daß die Knöpfe blitzen.«

»Was willst du mehr? Es ist doch kein gar so schlechtes Leben!«

Die Augen des jungen Baum blitzten.

»Was ich will, fragt Ihr, Oheim? — Oh, ich lobe mir einen frisch-fröhlichen Krieg. Weshalb zieht der Landgraf nicht gegen einen Feind? Wozu hat er ein so großes Heer, wenn er nichts tut, als mit dem Baumeister du Ry Häuser zu bauen?«

»Ich halte das Häuserbauen für eine sehr vernünftige Beschäftigung.«

»Das mag gut sein fürs Alter«, sagte der Neffe wegwerfend. »Ich möchte reiten, ich möchte stürmen, mit blanker Waffe gegen den Feind ziehen. Ich möchte Heldentaten vollbringen.«

»Dein Tatendrang in Ehren, Brudersohn. Aber wenn keine Feinde da sind, so soll man sich keine wünschen. Sie kommen schneller, als man denkt, und dann hat man seine Last, sie wieder loszuwerden. — Möchtest du ein Gläschen Rheingauer trinken?«

»Oh, recht gern.«

Andreas zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und schob es über den Ladentisch.

»Du weißt ja, wo er steht. Geh in den Keller. Bring eine Flasche herauf.«

Das ließ sich der junge Offizier nicht zweimal sagen.

»Er ist gut«, sagte Richard später, als sie aus den geschliffenen, funkelnden Römern getrunken hatten.

»Ja, ja, sehr gut. Eine köstliche Blume. Ich werde mir dazu ein Pfeifchen mit einer neuen Mischung anstecken.«

»Dem Rauchen kann ich nichts abgewinnen«, sagte Richard.

Der Alte nickte und fuhr sich mit der Hand über das weiße Haar.

»Es ist auch nichts für die Jugend«, meinte er. »Man braucht die Beschaulichkeit des ruhigen Alters, um den Duft fremder Welten richtig genießen zu können. Eine Pfeife, die man nicht in Ruhe vom ersten bis zum letzten Zug geraucht hat, ist eine verlorene Pfeife. Der Rauch ist wie die Philosophie. Man muß sich auf beide konzentrieren, sonst verfliegt der Gehalt zu schnell.«

Als die Gläser geleert waren, stand Richard auf und betrachtete mit begehrlichen Blicken den Damaszenerdegen, der an der Wand hing.

»Eine herrliche Waffe, Oheim, darum beneide ich Euch, seit ich Euch kenne.«

Andreas Baums Augen wurden traurig.

»Ich wünschte, ich hätte sie nicht«, seufzte er. »Die Waffe ist ein Teil von dem Leid, das mir Gott zu tragen auferlegt hat.«

»Ja, ich weiß, Oheim. Ich wollte nicht alte Geschichten wieder aufrühren. Aber immer wenn ich sie sehe, gerate ich in helle Begeisterung.«

Die Flasche, die noch halb voll war, ruhte in den zerfurchten Händen des alten Mannes.

Nachdenklich betrachtete er ihren Hals. Dann goß er die beiden Gläser abermals voll.

Kristall klang an Kristall, als die beiden einander zutranken.

»Auf Euer Wohl, Oheim.«

»Danke, mein Junge.«

Nach einer Weile fragte Richard :

»Ich — ich — möchte . . . Ihr wißt schon, Oheim, ich —«

Andreas Baum lachte.

»Ja, ich weiß, Richard. Ein forscher Premierleutnant braucht eben hin und wieder mal einen Dukaten mehr, als er verdient.«

Er löste einen Beutel vom Gürtel und zählte fünf blanke Goldstücke auf den Ladentisch. Der Junge strahlte.

»Ich danke Euch so sehr, Oheim! Wenn ich erst Rittmeister bin, dann werde ich Euch die Dukaten zurückzahlen.«

»Dann wirst du noch mehr brauchen, als jetzt« , lachte Andreas. »Der Rock eines Offiziers sieht zwar sehr hübsch aus; aber Reichtümer kann man damit nicht erwerben.«

Es schien, als behagte es Richard Baum nun nicht mehr länger in der Gesellschaft des alten Mannes. Der Zweck seines Besuches war erreicht. Fünf schöne blanke Dukaten klimperten in seiner Tasche. So dauerte es dann auch nicht lange, bis er sich verabschiedete.

Andreas Baum hatte ihn bis vor den Laden begleitet. In tiefen Gedanken sah er dem davonjagenden Reiter nach.

»Ja, ja«, murmelte er vor sich hin, »er hat zwar ein Gesicht wie ein echter Baum, das Holz jedoch, aus dem er geschnitzt ist, scheint aus anderem Stamm. Leichtsinniges Vögelchen. Nun, ich hab«s ja. Und wofür, wenn nicht für ihn?«

Er wandte sich zurück und betrat sein Lädchen wieder.

Er blieb nicht lange allein. Schon nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür abermals und herein trat ein junger Mann, bei dessen Anblick den alten Andreas jedesmal das Mitleid packte.

Der Ankömmling war der Musiker Jehu Rachmann, ein hochaufgeschossener, schmächtiger Jude, der den Eindruck machte, als stünde er in beständigem Kampf mit der Schwindsucht. Um seine dürre ausgezehrte Gestalt schlotterte ein schwarzer Rock, an dem kein Stäubchen zu sehen war. Das Tuch war sauber und gepflegt, wenn auch schäbig. Die große, schwarze Schleife unter dem Kinn war sorgfältig gebunden. Das dunkle, füllige Haar saß wie eine riesenhafte Krone auf der bleichen, hohen Stirn. In seinen dunklen, brennenden Augen loderte ein Feuer, das ihn innerlich zu verzehren schien. Die scharf hervorspringende Nase bildete einen eigenartigen Kontrast zu dem weichen, gefühlvollen Mund. Die Lippen milderten den asketischen Eindruck etwas ab.

Jehu Rachmann war ein guter Kunde. Zweimal in der Woche erschien er im Laden Andreas Baums, um sich seinen Beutel mit Tabak füllen zu lassen. Da Andreas wußte, daß es ihm nicht leichtfiel, die zwei Kreuzer, die ein solcher Beutel voll kostete, aufzubringen, wog er für den jungen Musikus immer besonders reichlich.

»Guten Tag, Herr Baum«, grüßte Rachmann artig.

»Einen schönen guten Tag. Wie geht es, Herr Rachmann?«

»Oh, ich danke.« Die langen, feingliedrigen Finger des Musikers lagen auf der Tischplatte und vollführten Läufe, wie sie es vom Klavier her gewohnt waren. »Gebt mir heute ein zehntel Pfündchen mehr von dem duftenden Kraut, Herr Baum. Ich habe heute einen Freudentag.«

»Einen Freudentag? Darf man fragen, weshalb?«

»Oh, gern. Denkt, der Krugwirt hat bei einem Reisenden eines jener modernen Hammerklaviere bestellt, direkt von Silbermann aus Freiberg in Sachsen. Ich bin so neugierig auf dieses Instrument, daß ich es kaum erwarten kann, bis es hier ist. Es soll einen Anschlag haben, sanft, wie die Pfote einer Katze. Und man soll darauf, ganz nach Belieben, in Piano und in Forte schwelgen können. Daher heißt es wohl auch Pianoforte. Stellt Euch vor, wenn Meister Bach ein solches Klavier gehabt hätte!«

Andreas Baum verstand nichts von Klavieren. Er hörte zwar gern Musik und wußte auch, wer Johann Sebastian Bach war. Aber sein Bedarf an instrumentalen Darbietungen wurde von den brausenden Choraltönen auf derOrgelempore der Sankt Martinskirche gedeckt, in die er jeden Sonntag zum Gottesdienst ging. Da er aber den jungen Musiker gut leiden konnte, ging er stets auf dessen Gespräche ein.

»Ihr habt noch nie auf einem solchen Pianoforte gespielt?«

»Nein, nein. Leider war es mir bisher nicht vergönnt. Schon ein alter Kielflügel kostet an die hundert Dukaten. Wo aber soll ein Cembalist hundert Dukaten hernehmen?«

Andreas nickte verstehend.

»Es ist wohl sehr schwer, durch die Musik seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?«

»Schwer schon; aber auch sehr schön. Stellt Euch vor, wie das ist, wenn die Orgel braust, wenn die herrlichen Fugen und Tokkaten von Bach aus der Orgel klingen. Oh, wenn es mir doch einmal vergönnt wäre, auf einer Orgel zu spielen!«

»Weshalb fragt Ihr den Pfarrer nicht?« Jähe Röte schoß in das Gesicht des jungen Musikers.

Unsicher blickten seine Augen zu Boden. Andreas hatte, ohne es zu wollen, eine wunde Stelle in ihm berührt. Zaghaft flüsternd kam die Antwort von seinen Lippen :

»Ihr wißt doch, Herr Baum, daß ich — ich — ein Israelit bin. Und obwohl wir doch den gleichen Gott anbeten, duldet man uns Israeliten nicht in der christlichen Kirche. Es sei denn, ich würde den Glauben meiner Väter aufgeben; aber das kann ich nicht.«

»Verzeiht«, sagte Andreas Baum. »Es war unhöflich von mir, eine solche Frage zu stellen. Ich wollte Euch nicht weh tun.«

»Oh, Ihr tut mir nicht weh. Ihr seid immer gütig wie ein Vater zu mir gewesen. Wenn alle Menschen so wären wie Ihr, dann gäbe es keinen Haß.«

»Ja, ja,« sagte Andreas Baum gedankenvoll, »mehr Duldsamkeit, viel mehr Duldsamkeit müßte unter den Menschen sein. Nur in der Toleranz liegt die wahre Größe.« Er reichte dem jungen Musiker den prallgefüllten Tabakbeutel hinüber.

»Das ist viel zu viel, Herr Baum. Aber, laßt es jetzt sein, dann hole ich mir das nächstemal keinen Tabak.«

Er fingerte in der Tasche seines Rocks herum und brachte vier Kreuzer zum Vorschein.

Andreas Baum schob zwei von den Kreuzern wieder zurück und sagte:

»Laßt nur, wenn Ihr eine so große Freude habt, daß der Wirt ein neues Klavier gekauft hat, so will der alte Andreas Baum auch ein wenig Vergnügen dazu spenden.«

»Danke —, danke vielmals. Ich werde Euch meine nächste Sonatine widmen.«

Andreas Baum zwinkerte mit den Augen.

»Das lohnt nicht«, sagte er. »Für alte Männer taugt so etwas nicht. Widmet sie lieber Eurer Angebeteten. Die wird das besser verstehen und besser zu lohnen wissen.«

Jehu Rachmann wurde wieder über und über rot. Dann reichte er dem alten Mann die Hand, verabschiedete sich und verließ den Laden.


23

Rudolf Graf von Eberstein saß in bescheidener Haltung im großen Salon des Hauses Eck.

»Da ist eben nichts zu machen«, sagte der alte Eck. »Wenn Ihr mal dreißig Jahre verheiratet seid, dann wißt Ihr, was für einen dicken Kopf die Weiber haben. Mit schönen Reden ist ihnen da nicht beizukommen. Damit muß man sich abfinden.«

»Ja —, ja«, erwiderte Eberstein zögernd. »Nur dachte ich, daß Ihr — Ihr — vielleicht doch — ein Machtwort sprechen könntet. Seit über vier Jahren bemühe ich mich um das Jawort Eurer Tochter. Ich reite mit ihr aus, ohne Begleitung, mit Eurer gütigen Erlaubnis, Herr Eck, als wären wir ein altes Ehepaar. Auf fast jedem größeren Ball ist sie meine Dame. Jeder meiner Kameraden sieht, wie ich mich um sie bemühe. Na, und schließlich bin ich ja auch Major. Ihr selbst wißt, daß es auch für einen Grafen Eberstein nicht leicht ist, mit dreißig Jahren Major zu sein.«

Der alte Eck nickte. Tiefe Nachdenklichkeit stand in seinen Augen.

»Das ist alles richtig, Graf. Und Ihr wißt, daß es in der ganzen Stadt niemanden gibt, der mir als Schwiegersohn willkommener wäre. Zwingen aber will und kann ich meine Tochter nicht. Ich möchte das Kind nicht unglücklich machen. Schließlich seid ja auch Ihr derjenige, der sie liebt.

Strengt Eure Erfindungsgabe ein wenig an.«

»Ihr habt gut reden. — Ich glaube, solange ihr — äh — mein Freund Baum im Kopf herumspukt, wird nichts zu machen sein.«

»Nun, Graf, Ihr lebt. Wollt Ihr vor einem Toten kapitulieren?«

Eberstein blickte zu Boden. Es war ihm niemals wohl zumute, wenn die Sprache auf Michel Baum kam.

»Manchmal triumphieren die Toten über die Lebenden.«

Eck stopfte sich umständlich eine Pfeife.

»Hm«, brummte er, »vor allem, wenn man nicht ganz unschuldig an ihrem Tode ist.«

Eberstein fuhr auf.

»Wollt Ihr mir Vorwürfe machen?«

Der alte Eck schüttelte den Kopf.

»Nein, nein. Vielleicht habe ich mich ein bißchen zu grob ausgedrückt. Verzeiht. Es ist Schicksal, ob ein Mensch jung oder alt stirbt. Na, und schließlich war er ja zum Schluß doch noch Euer Freund.«

Rudolf von Eberstein war solcherlei Reden gewöhnt. Er wußte nicht, das wievielte Mal es war, daß er mit dem alten Eck über Charlotte sprach.

Vater Eck erhob sich. Obwohl er wußte, daß die Beziehungen seiner Tochter zu dem Grafen Eberstein seit Jahren noch um keinen Deut weitergediehen waren, betrachtete er den Grafen seit langem doch schon zur Familie gehörig. Deshalb glaubte er auch, die gesellschaftlichen Formen nicht um jeden Preis wahren zu müssen. So ging er denn mit qualmender Pfeife im Zimmer auf und ab.

»Es ist doch ein Unding«, meinte er mehr für sich als zu Eberstein, »daß es einem jungen, erfolgreichen, blutvollen Offizier nicht gelingen sollte, ein schönes und temperamentvolles Mädchen zur Lebensbejahung zurückzuführen. Selbst die schlimmsten Wunden heilen einmal.Und sterben müssen wir schließlich alle. Ich habe den Eindruck, Graf, Ihr geht nicht genügend scharf ins Zeug. Ich kann mir nicht helfen, wenn ich an meine Alte denke ..., ich war stürmischer.«

Rudolf von Eberstein lachte ein bitteres Lachen. »Wahrscheinlich war meine verehrte Schwiegermama in spe auch ein klein wenig entgegenkommender. Es ist, als umgäbe ein Panzer Charlotte. Achtundzwanzig Jahre ist sie jetzt alt. Glaubt sie denn, sie könnte sich mit fünfunddreißig auch noch ihren Mann aussuchen?«

Der alte Eck blieb vor dem Grafen stehen. Er zuckte mit den Schultern.

»Ich sagte Euch ja schon, ich kann sie nicht zwingen. Wenn sie eine alte Jungfer werden will, nun, so mit Gott. Es ist eine alte Weisheit: des Menschen Wille ist sein Himmelreich.«

»Oder auch seine Hölle«, ergänzte Eberstein.

Sie unterhielten sich noch eine Weile über Belanglosigkeiten. Dann verabschiedete sich der Major. Als er sporenklirrend aus dem Eingang des Hauses trat, begegnete ihm Charlotte.

Eberstein blieb stehen und lächelte ihr entgegen. Er machte wirklich eine schneidige Figur.

Zackig, wie es sich für einen Soldaten gehörte, verbeugte er sich.

»Grüß Gott, Graf«, meinte Charlotte und reichte ihm die Hand. Er bückte sich tief darauf nieder und küßte zärtlich die Fingerspitzen. Ihre Hand hielt er etwas länger fest, als es schicklich gewesen wäre.

Charlotte war weit davon entfernt, wie ein junger Backfisch zu erröten. Sie ließ ihm die Hand; aber ihre Finger lagen lasch und drucklos in den seinen. Er konnte auch nicht den geringsten Reflex aus ihrem Händedruck entnehmen.

Tief holte er Atem. Er wußte, daß er die Hand noch stundenlang so halten konnte, ohne daß auch nur der geringste Gefühlsausdruck in ihr zu spüren sein würde.

»Könnt Ihr nicht einmal aufhören, mich Graf zu nennen?« fragte er.

»Ein Titel, der Euch zukommt«, erwiderte sie schlagfertig.

»Ist er so wichtig?«

»Mir ist er gleichgültig«, erwiderte sie; es war weder Ironie noch Bissigkeit in ihrer Stimme.

»Nun also, warum sprecht Ihr ihn dann fortwährend aus?«

»Er ist kürzer und geläufiger als Euer Name.«

Andere Frauen würden sich danach reißen, dachte er, einen adligen Namen zu erheiraten, eine von Eberstein zu werden. Aber meinte sie überhaupt seinen Nachnamen? Meinte sie nicht vielleicht seinen Vornamen? Noch nie hatte sie Rudolf zu ihm gesagt.

Sein Schweigen dauerte ihr offensichtlich zu lange.

»Wollt Ihr mir vielleicht wieder einen Heiratsantrag machen, Graf?«

»Ich bin bereits ein permanenter Heiratsantrag in Person. Ihr braucht gar nicht erst zu warten, bis ich Euch frage, es genügt, wenn Ihr einfach ja sagt, nachdem Ihr mich gesehen habt. Kein Mensch auf der Welt wäre glücklicher als ich.«

»Ja, ja, ich weiß. Es ist eigentlich unfaßlich. Ich kenne allein etwa zwanzig adlige Mädchen aus den Euch am nächsten stehenden Kreisen. Sie alle sind hübscher als ich und jünger. Weshalb verschwendet Ihr Eure Mühe so unnütz?«

»Weil - weil ich Euch liebe.«

Sie konstatierte, daß seine Stimme während dieser Worte nichts Arrogantes, nichts Widerwärtiges, nichts Abstoßendes an sich gehabt hatte. Er blickte zu Boden, als er die oft gesagten Worte wiederholte — wie ein Primaner. Irgendwie schien es ihr recht. Etwas wie Rührung kam in ihr auf.

Sie trat einen Schritt näher und legte ihre Hand sacht auf seinen rechten Arm.

Er war wie elektrisiert. Die Berührung durchfuhr ihn wie ein Schlag. Seine Augen weiteten sich, die Erwartung stand in seinem Gesicht geschrieben.

Als Charlotte die Wirkung ihrer Handbewegung wahrnahm, zog sie die Finger rasch wieder zurück.

»Ihr seid mir«, sagte sie langsam, »in den letzten Jahren tatsächlich beinahe so etwas wie ein Freund geworden, Graf. Damals, als Ihr Michel davonjagtet, hätte ich es nie für möglich gehalten. Aber es ist so. Nun, ich habe nichts gegen Eure Freundschaft. Mein Freund dürft Ihr bleiben; denn Ihr seid zum Schluß auch Michels Freund gewesen. Aber verlangt nicht im Ernst, daß ich Euch liebe.«

Er zog seufzend die Schultern hoch.

»Was soll man dazu noch sagen?«

»Nichts«, meinte sie und lachte. »Grüß Gott.«

Sie verschwand im Eingang.

Eberstein ging, tief in Gedanken versunken, die Straße entlang.

Schon vor Jahren hatte der alte Eberstein ein großes, schönes Haus in Kassel erworben. Es war prächtig und gediegen eingerichtet. Die gräfliche Familie führte ein feudales Leben.

Der alte Graf war immer unterwegs. Und obwohl die Güter der Ebersteins nicht viel abwarfen, war immer reichlich Geld im Haus.

Den alten Grafen führten seine Reisen weit über Land. Wenn ihn Leute aus seinen Kreisen fragten, weshalb er sich in seinem Alter so wenig Ruhe gönne, antwortete er verschmitzt:

»Wer leben will, muß in Geschäften unterwegs sein. Überall liegt das Geld auf der Straße. Man muß nur verstehen, es aufzuheben.«

Rudolf von Eberstein hatte sich nie große Gedanken darüber gemacht, woher das viele Geld kam. Hätte er von seinem Majorsgehalt leben müssen, dann wäre er kärglich dran gewesen. Die Zuschüsse vom Vater waren beträchtlich. Rudolf Eberstein wußte auch, daß das Geld nicht immer auf ganz saubere Weise verdient war.

Pecunia non olet, hatte ein römischer Kaiser gesagt. Geld stinkt nicht. Nun, und was einem Kaiser recht war, das war einem Grafen Eberstein schon lange gut. Nein, Geld stank nicht. Man mußte es nur haben.

Als an diesem Abend der Gong im Hause die Familienmitglieder zu Tisch rief, hatte der alte Graf ein verkniffenes Gesicht. Während die Diener das Essen servierten, beugte er sich zu seinem Sohn hinüber und flüsterte :

»Komm nach dem Abendessen in die Bibliothek. Ich muß mit dir sprechen, Rudolf.«

Seine Stimme hatte ungewöhnlich sorgenvoll geklungen. Was mochte geschehen sein? Dem jungen Grafen schmeckte das Essen nicht mehr. Als er sah, wie sein Vater in dem Braten herumstocherte, verging auch ihm der Appetit. Er mußte ernste Sorgen haben.

Als sie dann eine Stunde später in der Bibliothek saßen, meinte der Graf:»Ich muß dir eine wenig schöne Eröffnung machen, Junge.«

»Was gibt«s?« fragte Rudolf trocken.

»Ich weiß, daß du dich nie dafür interessiert hast, woher das Geld kommt, das wir verbrauchen.

Diesen Standpunkt wirst du nun ändern müssen.«

»Und weshalb?«

»Nun, wenn wir unsere gesellschaftliche Stellung hier wahren wollen, so ist es unumgänglich notwendig, daß du dich dafür interessierst.«

»Ich verstehe dich nicht.«

Der Alte lachte.

»Du willst nicht verstehen. Ich kann auch noch deutlicher werden. In Zukunft wird unsere gesellschaftliche Stellung ganz allein von dir abhängen. Zumindest so lange, bis ich mich erholt habe.«

Rudolf von Eberstein wurde blaß. Er zog die Stirn in Falten.

»Willst du dich nicht klarer ausdrücken, Vater?«

»Recht gern, mein Sohn. Sehr klar. Wir sind pleite. Ich habe leider eine größere Spekulation gemacht und — verloren.«

»Und meine Zuschüsse?«

»Die auch.«

»Schöne Geschichte.«

»Ja, du wirst dich in Zukunft schon selbst darum kümmer müssen, wo das Geld herkommt, das du ausgeben willst.«

»Aber wie?«

»Stelle das unfruchtbare Werben um Charlotte Eck ein. Der Alte ist zwar ein wohlsituierter Bürger; aber große Reichtümer sind von den Ecks nicht zu erben.«

»Ich liebe das Mädchen.«

»Hahaha«, lachte der Alte, »ich habe viele Mädchen geliebt; aber ich konnte sie nicht alle heiraten.«

»So darfst du nicht sprechen. Meine Gefühle für Charlotte sind heilig.«

»Parbleu«, meckerte der Alte, »rede keinen Unsinn. Was nützt dir dein ganzes Heiligtum, wenn du kein Geld hast!«

Rudolf von Eberstein schwieg. Er dachte über die veränderte Lage nach.

»Sei gescheit«, unterbrach der Vater sein Grübeln. »Wenn du klug genug bist, können wir unsere Lage bald verbessern.«

Rudolf sah auf.

Eine Frage stand in seinem Gesicht.

»Hast du schon ein Rezept?«

»Ja. — Du kennst doch Abraham Hirschfelder, nicht wahr?«

»Den Juwelier?«

»Eben den.«

»Soll ich etwa zu ihm gehen, um eine Anleihe aufzunehmen?«

»Anleihe? — Rede keinen Unsinn. Wovon sollen wir eine Anleihe zurückzahlen?«

»Ja, das weiß ich auch nicht.«

»Ich meine eine anständige Mitgift«, sagte der Alte und lachte.

»Eine Mitgift?« Rudolf von Eberstein war ehrlich verblüfft. Er faßte nicht, was sein Vater sagte.

»Parbleu, du mußt die Tochter vom alten Abraham poussieren. Wie ich ihn kenne, gibt er sein halbes Vermögen, wenn seine Tochter in adlige Kreise Einlaß findet. Und er wird vollends aus dem Häuschen geraten, wenn seine Tochter gar eine Gräfin werden soll.«

»Du meinst — du meinst, daß ich Abraham Hirschfelders Tochter heiraten soll?«

»Genau das. Rachel ist ein süßes Kind, süßer jedenfalls als deine langsam alt werdende Charlotte Eck.«

Rudolf von Eberstein verlor für einen Moment die Fassung. Dann sagte er ungehalten und sehr laut:

»Ich —, Rudolf Graf von Eberstein, soll eine Jüdin heiraten?«

»Was heißt das schon? Mir wäre ein indische Prinzessin auch lieber. Aber da wir keine haben, müssen wir eben mit einer israelitischen Juwelierstochter vorliebnehmen. Hauptsache, es kommt Geld ins Haus.«

»Unmöglich! Eine solche Mesalliance könnte zu der Konsequenz führen, daß ich meinen Abschied nehmen muß. Seine Hoheit wird es nicht dulden, daß ein Offizier seiner Leibdragoner eine solche Verbindung eingeht.«

»Das laß nur meine Sorge sein. Wenn du sie nur kriegst, sie und ihre Diamanten. Das andere will ich schon regeln. Die Heirat mit Charlotte Eck wäre auch nicht gerade standesgemäß gewesen.

Da hattest du keine Bedenken.«

»Charlotte liebe ich auch.«

»Liebe — wenn ich das schon höre! Wie man sich so etwas nur einbilden kann!«

»Und wie stellst du dir das vor, Vater?«

»Ich muß nur wissen, ob du grundsätzlich dazu bereit bist. Das andere mache ich schon.«

»Laß mich die Sache beschlafen.«

»Nicht beschlafen. Betrinke sie. Dabei kommt mehr heraus.«

Als der junge Eberstein später in seinem Bett lag, dachte er über diese sonderbare Sache nach.

Rachel Hirschfelder war ihm keine Unbekannte. Sie galt als eines der schönsten Mädchen der Stadt. Nun, warum sollte man es sich nicht überlegen?

Am nächsten Abend drängte der Vater wieder. Und an diesem Tag wäre auch der Zuschuß fällig gewesen, den Rudolf von Eberstein sonst stets erhalten hatte. Nicht einen Dukaten rückte der Alte heraus.

»Hol sie dir von Rachel«, sagte er.

Und Rudolf von Eberstein willigte ein. Es dünkte ihn doch schlimmer, ohne Geld als ohne Charlotte Eck zu leben.


24

Zwei Tage später herrschte im Hause der Hirschfelders große Aufregung.

Abraham, ein gut angezogenes, intelligent aussehendes, aber geduckt einherschleichendes männliches Wesen, saß in seinem gediegen eingerichteten Arbeitszimmer und hatte eine Kollektion wertvoller Steine vor sich auf dem Schreibtisch liegen, die er durch eine große Lupe sorgfältig untersuchte. Mit einer Pinzette sortierte er Stein für Stein der Größe nach aus. Rechter Hand vor ihm lag ein Zeichenblatt, auf das er mit künstlerischen Händen die Skizze eines Schmuckstücks geworfen hatte, das er anzufertigen gedachte.

Hin und wieder legte er die Lupe zur Seite und fuhr sich mit den Händen über die müden Augen.

Jeden Tag spürte er deutlicher, daß seine Sehkraft nachließ.Abraham Hirschfelder war nicht so sehr Geschäftsmann als vielmehr Künstler. Die prachtvollen Stücke, die er verkaufte, stammten samt und sonders aus der eigenen Werkstatt, in der er mit nur zwei Gehilfen arbeitete.

Abraham hatte von der Pike auf gelernt. In Erfurt war er bei einem Goldschmiedemeister in die Lehre gegangen. Da sich aber bei ihm geschäftlicher und künstlerischer Sinn paarten, hatte er es im Lauf eines arbeitsreichen Lebens zu Reichtum und Wohlstand gebracht. Sein Ruf als Goldschmiedekünstler und unbestechlicher Kenner von Brillanten war weit über die Grenzen Hessens hinausgedrungen. Er hatte jahrelang damit geliebäugelt, sein Geschäft nach Berlin zu verlegen. Aber dann, als es möglich schien, seinen Lieblingsgedanken zu verwirklichen, fühlte er die Last der Jahre schon so schwer auf seinen Schultern, daß er die vielerlei Unbilden, die ein solcher Umzug mit sich brachte, nicht mehr tragen zu können vermeinte.

So war er in Kassel geblieben.

Erst spät hatte er seine Frau Judith kennengelernt. Und dennoch war, mit Gottes ganz besonderer Gnade, aus der Ehe der schon an der Grenze des Alters stehenden Leute ein so entzückendes Geschöpf entsprungen wie Rachel.

Obwohl der alte Abraham Hirschfelder ausdrücklich angeordnet hatte, daß er während seiner Brillantenstudien in seinem Arbeitszimmer nicht gestört werden wollte, war Frau Judith dennoch soeben hereingetreten und hatte ihm auf sein unwilliges Brummen hin einen Brief überreicht, in dessen linker Ecke eine gräfliche Krone prangte. Die zierliche alte Dame schwieg. Es war auch gar nicht nötig, etwas zu sagen; denn Abraham hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er Steine, Pinzette und Skizzenblatt fahren ließ und mit vor Erregung zitternden Fingern das Kuvert öffnete.

Schon das gehämmerte Papier machte nicht den Eindruck eines Geschäftsbriefs. Ohne zu wissen, was darin stand, fühlte man doch die persönliche Note dieses Schreibens.

Abraham fingerte in seiner Westentasche nach seinem Lorgnon. Endlich hatte er es aufgeklappt und hielt es vor die Augen.

»Ist ja nicht möglich, ist ja nicht möglich«, stammelte er.

»So bist du mir wegen der Störung nicht mehr böse?« fragte Frau Judith.

»Aber, Herz, wie könnte ich! Mit so etwas hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet.«

Wieder hielt er das Lorgnon vor die Augen. Dann schob er den Stuhl zurück und erhob sich. Die Freude, die eben noch auf seinem Gesicht gestanden hatte, verwandelte sich in Mißtrauen. Mit auf dem Rücken gefalteten Händen ging er im Zimmer auf und ab. Er faßte es noch immer nicht.

Da lag also eine Karte, eine Einladung für die ganze Familie zu einem Diner beim Grafen Eberstein am Sonnabend abend.

Dreißig Jahre hatte Abraham Hirschfelder vergebens gekämpft, um Zugang zu der höheren Kasseler Gesellschaft zu finden. Dreißig Jahre lang hatte man ihm die kalte Schulter gezeigt, soweit es sich um andere Dinge als um geschäftliche handelte. Nun, heute, jetzt in dieser Minute, an irgendeinem beliebigen Tage des Jahres also lag da vor ihm diese Einladung.

Und trotzdem konnte Abraham nicht recht froh werden. Die Ebersteins galten, seit sie in Kassel ansässig waren, als eine der arrogantesten Familien der höheren Gesellschaft. Und ausgerechnet sie ließen sich herab, ihn, Abraham Hirschfelder, einen der so grundlos verhaßten Israeliten einzuladen?

»Du scheinst dien gar nicht zu freuen!«

Abraham blieb vor seiner Frau stehen und blickte sie fest an.

»Es will mir nicht gelingen, mich zu freuen, Herz. Ich hatte mich in der Rolle des ewig Verachteten im Lauf eines langen Lebens abgefunden. Und beim gerechten Gott, es scheint mir wahrlich etwas seltsam, daß ausgerechnet Graf Eberstein auf den Gedanken kommt, die unsichtbare Schranke zu öffnen. Nein, Judith, ich traue dem Frieden nicht. Irgend etwas steckt dahinter. Wenn ich nur wüßte, wasl«

»Willst du die Einladung nicht annehmen?«

Der alte Mann mit dem weißen Haar und den klugen Augen stand etwas hilflos vor ihr. Dann hob er resigniert die hängenden Schultern.

»Was bleibt mir anderes übrig? Es käme einer Beleidigung gleich, diese Einladung auszuschlagen. Wenn es nur nicht die Ebersteins wären!«

»Denke an unsere Tochter, Abraham. Hier bietet sich endlich die Gelegenheit, sie in die Gesellschaft einzuführen. Ist es nicht genug, daß wir unser Leben lang Verstoßene waren? Sollte man nicht sogar ein Opfer auf sich nehmen, um unserer Rachel den Weg freizumachen, den Weg, den alle jungen Mädchen der Stadt gehen?«

»Du bist eine gute Mutter. Dein Herz ist von Gold. Es leuchtet schöner als diese Brillanten.

Sehen wir, was uns der Sonnabend bringt.«

Die beiden alten Leutchen blickten einander tief in die Augen. Auch heute war, wie in allen entscheidenden Fragen des Lebens, Einverständnis zwischen ihnen.

Als man beim Essen darauf zu sprechen kam, erfuhr auch Rachel davon. Ihre schwarzen Augen blickten erstaunt von Mutter zu Vater und von Vater zu Mutter.

»Graf Eberstein?« fragte sie. »Und ich soll auch mitgehen?«

»Ja, Kind«, sagte die Mutter. »Für dich ist es ganz besonders wichtig.«

»Wichtig für mich? - Weshalb?«

»Es kann das Ende deiner Isolierung bedeuten. Du bist jung und schön. Und du wirst junge Männer aus wirklich guten Kreisen kennenlernen.«

»Ich mag gar keine Männer aus diesen Kreisen«, erklärte Rachel kategorisch.

»Du bist unser einziges Kind«, erwiderte die Mutter. »Für dich hat der Vater sein Leben lang gearbeitet. Alles, was wir besitzen, wird einmal dir gehören. Was aber kann dir aller Reichtum nützen, wenn dich die Gesellschaft nicht anerkennt?«

»Oh, sie ist mir gleichgültig, diese Gesellschaft. Ich mag sie nicht, diese jungen Herrn, diese Offiziere, die glauben, der Wert eines Mannes werde durch Uniformen und Orden bestimmt.

Herr Rachmann hat mir oft genug erzählt, wie sie sich beim Krugwirt benehmen, wenn sie unter sich sind. Sie sind nicht besser als wir. Sie bilden sich das nur ein. Dabei führen sie sich auf, als sei es selbstverständlich, daß alle Welt nur nach ihrem Munde blickt.«

»Du sprichst viel zu viel von diesem jungen Musiker. Ich will nicht, daß du dich mit ihm verzettelst. Er ist ein Habenichts. Und die Musik ist eine brotlose Kunst. Er wird es niemals zu etwas bringen.«

»Aber er ist ein guter Mensch.«

»Das sei unbestritten. Aber Güte allein reicht noch nicht, um ein Leben zu meistern. Du wirst sehen, es gibt viel mehr Männer, die weit ansprechender sind als er. Dein Vater ist ebenfalls dieser Meinung.«

Abraham Hirschfelder sah geflissentlich auf seinen Teller. Er wollte seiner Frau nicht widersprechen. Er wußte ja, daß diese seit eh und je einen Baron oder einen Grafen als Mann für ihre Tochter ersehnte. Er selbst, Abraham, kannte das Leben zu gut, um nicht zu wissen, was eine große gesellschaftliche Stellung für Vorteile brachte. Andererseits gefiel ihm der junge Rachmann. Die Besessenheit, mit der er an seiner Musik hing, deutete auf eine große Seele hin.

Wenn er sich jedoch recht überlegte, was sollte ein Juwelier mit einem Schwiegersohn, der voraussichtlich mit einem goldenen Geschmeide ebenso wenig anzufangen wußte wie er, Abraham, mit einem Notenbuch von Bach!

»Ich habe bereits die Schneiderin bestellt«, sagte Frau Judith zu ihrer Tochter. »Sie wird Tag und Nacht an einem Kleid arbeiten, in dem du alle anderen ausstechen wirst.«

»Darf ich auch Schmuck tragen?« fragte Rachel.

Sie war in dieser Beziehung so wie alle echten Evastöchter.

Der Vater lächelte und nickte zustimmend. Da war das Mädchen wieder versöhnt. Denn daß keine andere so reichen Schmuck anlegen konnte wie sie, das war selbstverständlich.


25

Nun war es soweit. Im Hause Eberstein war alles zum festlichen Empfang gerüstet. Eine ganze Reihe hochangesehener Familien war geladen. Der alte Graf hatte nicht verfehlt, sie darauf vorzubereiten, was ihrer warten würde. Er wußte es so geschickt vorzubringen, daß die meisten es als eine Sensation auffaßten, die man auf keinen Fall versäumen durfte. Wie würde sich das ungeschickte israelitische Männchen mit seiner dürren Frau unter den hochadligen und würdigen Gästen bewegen?

Die so sehr von sich selbst eingenommenen Gäste versprachen sich einen Hauptspaß von diesem Abend. Keiner dachte auch nur im entferntesten an die Tochter Rachel.

Dann kamen die Kutschen vorgefahren.

Um nicht wie seltene Stücke einer Ausstellung bestaunt zu werden, hatte sich Abraham Hirschfelder dafür entschieden, pünktlich zu sein. Und so geschah es, daß er mit Frau und Tochter zu den ersten gehörte, die ankamen. Als die Gäste vollzählig versammelt waren, hatte man kaum noch einen Blick für die beiden alten Leute. Sie waren da, man nahm keine Notiz von ihnen, sie waren gut gekleidet, sie hatten sich nicht daneben benommen, es war nichts Besonderes an ihnen.

Die ungeteilte Aufmerksamkeit aller galt einzig und allein Rachel. Und so wenig sie es auch wahrhaben wollten, sie mußten vor sich selbst zugeben, daß sie selten ein so schönes, so geschmackvoll gekleidetes Mädchen gesehen hatten wie diese kleine Jüdin. Rachel hatte die kostbarsten Schmuckstücke ihres Vaters angelegt. Ihre Garderobe war das Eleganteste, was an diesem Abend gebotenwurde. Sie bewegte sich mit einer Sicherheit, als habe sie seit eh und je in Palästen der Gesellschaft verkehrt. Die jüngeren Herren waren wie aus dem Häuschen. Im Handumdrehen waren alle Standesunterschiede vergessen. Beim Tanz flog Rachel von einem Arm in den anderen. Die jungen Mädchen standen beisammen und warfen wutentbrannte Blicke auf ihre erfolgreiche Konkurrentin. Niemand kümmerte sich um sie.

Seltsamerweise war gerade Rudolf von Eberstein sehr zurückhaltend. Aber das war kluge Berechnung. Er verschwendete keinen Gedanken an Charlotte Eck. Dieses Mädchen war tatsächlich eine Schönheit. Sie schritt königlich daher. In ihrem Tanz lag graziler Schwung. Für Rudolf stand es fest, daß es kein schlechtes Geschäft wäre, sie zur Frau zu bekommen. Da sich seine Kameraden aber wie verliebte Jünglinge benahmen, wollte gerade er den kühlen Helden herauskehren.

Er sah es Rachel an, daß sie ihn scharf beobachtete. Er mochte wohl auch spüren, daß sie sich innerlich über die Narren lustig machte. Zu den Narren aber wollte er nicht gehören. Ein Narr hatte keine Aussicht, sie zu gewinnen. Das war klar.

Auch der alte Graf war Menschenkenner. Er trat zu seinem Sohn und nickte.

»Recht so, Rudolf«, flüsterte er. »Du bist der einzige, der es richtig anfängt. Diese kleine, schwarze Krabbe ist intelligent. Sie würde niemals auf einen dieser Laffen hereinfallen. Du mußt ihr gegenüber den vollendeten Kavalier spielen. — Die Brillanten übrigens, die sie angelegt hat, sind gut und gern zehntausend Dukaten wert. Ich sage dir, der Alte hat's. Wenn uns dieser Schachzug gelingt, dann sind wir alle Sorgen los.«

Rudolf nickte.

»Man scheint sie ja zu akzeptieren, obwohl sie Juden sind.«

»Man wird zumindest das Mädchen akzeptieren müssen; denn die anderen sind Gänse gegen sie.

Blind wäre der, der das nicht sähe. Parbleu, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre ...«

Im Verlauf des Abends bat auch Rudolf Rachel um einen Tanz. Er wurde ihm ohne weiteres gewährt. Rachel war aufgeschlossen und munter. Rudolf von Eberstein machte ihr beim Tanz keine Komplimente. Ganz beiläufig fragte er:

»Gefällt Euch der heutige Abend?«

Sie nickte begeistert.

»O ja, ich hätte nicht geglaubt, daß es so nett werden würde.«

»Ihr gestattet«, lächelte er, »daß ich dieses Kompliment meinem Vater mitteile? Er wird sich sehr darüber freuen.«

»Aber selbstverständlich, Graf.«

»Oh, bitte, laßt den Grafen weg. - Wie gefallen Euch die übrigen Gäste?«

Sie lachte ihn an.

»Teils, teils«, sagte sie. »Manche sind ein wenig komisch.«

»Ich auch?« fragte er.

Sie blickte ihn voll an.

»Nein«, erwiderte sie ernst. »Ihr nicht. Ich muß — ich bin...«

»Sprecht es ruhig aus, gnädiges Fräulein.«

»Ich will es sagen, ich bin angenehm enttäuscht. Nach dem, was man so von Euch hört...«

»Ihr habt mich für einen halben Menschenfresser gehalten, nicht wahr?«

»Wenn auch nicht gerade das, so doch für unnahbar, unzugänglicher.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Man soll auf das Geschwätz der anderen nichts geben. Man muß sich immer selbst überzeugen«, sagte er weltmännisch.

»Ich glaube auch. Jedenfalls möchte ich es nicht versäumen, Euch für die Einladung zu danken.«

»Oh, was das anbelangt, so habe ich Euch zu danken, nämlich dafür, daß Ihr gekommen seid.«

Er verbeugte sich galant und küßte ihr die Hand. Der Tanz war zu Ende.


26

An einem der nächsten Tage fragte der alte Eberstein seinen Sohn:

»Na, gefällt sie dir?«

»Nicht übel, Papa.«

»Dann zaudre nicht lange. Mach einen Gegenbesuch. Reite mit ihr aus. Führe sie und ihre Eltern ins Theater.«

»Du mußt mir schon noch ein wenig Zeit lassen. Ich kann mich nicht so schnell daran gewöhnen, daß es mit Charlotte aus sein soll.«

»Was heißt aus sein? Es hatte doch noch gar nicht angefangen.«

»Du verstehst mich nicht.«

»Mon Dieu, ich verstehe alles. Ich kann sogar begreifen, daß die Heirat mit Charlotte Eck zur Vollendung deiner Rache an diesem widerlichen Deserteur Baum gehört. Aber wozu noch Rache an Toten? Geld ist wichtiger.«

Rudolf von Eberstein sah an seinem Vater vorbei. Plötzlich wandte er ihm den Blick zu. »Baum ist nicht tot.«

Dem Alten blieb der Mund offenstehen. »Was — was soll das heißen?«

»Ich habe ihn in die Sklaverei verkauft. Er wird sich, wie ich hoffe, zu einem guten Sklaven entwickelt haben. Der Preis für ihn waren ein paar Fässer Wasser.«

Der Alte ließ sich in einen Sessel nieder. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er seinen Sohn an.

»Du — du — hast — ihn — in die Sklaverei — verkauft? — Ich fasse es nicht!«

Rudolf von Eberstein erzählte dem Alten die Umstände, unter denen es geschehen war, wahrheitsgemäß. Der alte Graf schlug sich auf die Schenkel, daß es krachte. Lautes Gelächter kam aus seinem Mund.

»Parbleu, wenn das der alte Baum wüßte! Wenn das Charlotte Eck wüßte ! Es ist köstlich. So hat der Frechling eine Strafe bekommen, von der sich hier kein Mensch eine rechte Vorstellung zu machen vermag. Magnifique — excellent!«

»Nun, es besteht durchaus die Möglichkeit, daß er eines schönen Tages wieder auftaucht. Er war ein unbeugsamer Bursche. Weshalb sollte es ihm nicht gelingen, der Sklaverei zu entrinnen?«

»Nun, und?«

»Stell dir sein Gesicht vor, wenn er wiederkommt und Charlotte Eck mit mir verheiratet ist!

Aber das ist es nicht allein. Ich mußte jener Seeräubergräfin, die mich damalsvon dem verlassenen Schiff rettete, schwören, daß ich Charlotte heimführen würde. Aus unerfindlichen Gründen bestand sie darauf.«

»Ah, bah, Seeräubergräfin. Du lebst hier in einem geordneten Staatswesen. Was will sie dir tun?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich habe ein ungutes Gefühl. Ihr Arm ist vielleicht länger, als wir glauben.«

»Verflucht von Roßbach. Sie soll sich nur hier sehen lassen. Sie wird gehenkt, parbleu.«

»Hoffentlich überlebe ich das.« Rudolf von Eberstein lachte gezwungen auf.

»Daher also deine Vorliebe für Charlotte Eck.«

»Reg dich nicht auf, Papa, ich werde dieser Rachel den Hof machen.«

»Aber laß dir nicht mehr zu lange Zeit damit!«

»Nun, es dürfte mir doch ein leichtes sein, sie zur Frau zu gewinnen. Ob ich vielleicht gleich zum alten Abraham gehe und um ihre Hand anhalte?«

»Je schneller, desto besser.«


27

Bei Hirschfelders herrschte in den nächsten Tagen wieder Aufregung. Graf Eberstein hatte seinen Besuch angemeldet. Frau Judith hatte einen heißen Kopf. Aufgeregt scheuchte sie ihr Personal durcheinander. Ein Graf mußte gräflich empfangen werden.

Eberstein hatte sich in Gala geworfen. Abraham und Judith konnten ihrer Erregung kaum Herr werden, als sie ihm im Salon gegenüber saßen.

»Darf ich mich nach dem Befinden cures Fräulein Tochter erkundigen?« fragte Eberstein.

Die beiden Alten warfen einander rasche, verstehende Blicke zu.

»Sie macht eben einen Spaziergang«, sagte die Mutter.

In Wirklichkeit wußten sie nicht, wo sie war. Des öfteren blieb sie in der letzten Zeit stundenlang fort, ohne ihren Aufenthaltsort bekanntzugeben. Ein solches »Herumtreiben« gehörte sich jedoch nicht für ein Mädchen der besseren Gesellschaft. Deshalb wagten die beiden Eltern nicht, diese Tatsache dem Grafen gegenüber einzugestehen.

»Ich wollte mir eure Erlaubnis holen«, begann Eberstein in charmanter Weise wieder, »mit dem gnädigen Fräulein einmal ausreiten zu dürfen. Ich darf euch mein Wort als Offizier geben, daß..«

Abraham unterbrach ihn:

»Aber Herr Graf, das ist doch selbstverständlich. Ich vertraue Euch vollkommen.«

Eberstein verneigte sich leicht.

»Danke.« -

Um diese Stunde gingen zwei junge Menschen im Stadtwald spazieren. Jehu Rachmann sprach mit begeistert glühenden Augen von dem großen Glück, das ihm widerfahren sollte. Jeden Tag mußte das neue Hammerklavier aus Freiberg eintreffen. Er konnte die Stunde, da er seine Finger auf die Tasten legen würde, kaum erwarten.

Und Rachel, die neben ihm schritt, teilte seine Begeisterung. Glücklich sah sie zu ihm auf. Es lag so viel Reinheit im Höhenflug seiner Gedanken. Er war ein Schwärmer, ein Idealist. Ein Mensch, der gar nicht lebensfähig zu sein schien, wenn nicht emphatische Funken in ihm sprühten.Seine Reden waren klug, die Gedanken, die er ihr gegenüber preisgab, inhaltschwer.

Nichts von dem was er sagte, war Geschwätz. Sein Wissen schien ihr unerschöpflich. Er sprach ihr von fremden Ländern, von fremden Kulturen und Religionen, als habe er sie alle selber kennengelernt. Er sprach von seiner Sehnsucht nach der weiten Welt. Von seinem Willen zur Überwindung der Schwierigkeiten, die ihn, den armen, unbekannten Musiker heute noch umgaben, von der Schönheit der Welt und der Größe echter Liebe.

Sie lauschte ihm fasziniert. Im jüdischen Gotteshaus hatten sie einander kennengelernt. Er war ihr aufgefallen, da er inbrünstiger betete als die anderen. Der Glaube an Gott schien tief in ihm verwurzelt. Seine hohe Stirn, seine langen Künstlerfinger, seine weichen Lippen unter der harten Nase hatten es ihr angetan. Er war nicht irgendwer, kein Alltagsmensch. Das erkannte sie mit scharfem Blick. Er gehörte nicht zu jener Sorte von jungen Männern, deren Hauptbeschäftigung es war, dem lieben Gott den langen Tag zu stehlen. Alles was er tat, hatte Sinn. Einen höheren Sinn, den manch ein anderer vielleicht für sinnlos halten würde.

»Und wie hat es Euch auf jener Gesellschaft beim Grafen Eberstein gefallen?« fragte er.

»Gut. Die jungen Männer waren artig und wohlerzogen.«

»Wovon spracht Ihr?«

»Ich weiß es nicht mehr. Aber es waren Nichtigkeiten.«

»Der Geist verströmt nicht auf solchen Gesellschaften. Sie sind eigentlich, wenn man es recht überlegt, völlig überflüssig. Aber wir wären ja keine Menschen/ wenn wir nichts Überflüssiges täten.«

»Sagt mir, Herr Rachmann, tut Ihr je Überflüssiges?«

»Vielleicht. — Wer weiß? Vielleicht tue ich vor allem zu wenig. Zu wenig von dem, meine ich, was die anderen für den Inbegriff des Lebens halten.«

»Ihr seid Künstler und folglich anders als die anderen.«

»Künstler«, meinte er nachdenklich, »ein Künstler bin ich noch nicht. Ein Künstler war Bach.

Ich bin ein Stümper. Vielleicht auch ein Stümper im Leben. Seht, da schreitet Ihr nun neben mir, und ich weiß das Glück gar nicht in Worte zu kleiden. Und dabei ist es nur ein flüchtiges Glück, ein unfaßbares.«

Sie war rot geworden bei diesen Worten.

»Ein unfaßbares?« fragte sie.

»Ja. Es ist nur der Widerschein eines Glücks, das nicht für mich bestimmt ist.«

»Verzeiht, Herr Rachmann, aber das verstehe ich nicht.«

Er blieb stehen und wandte sich ihr voll zu.

»Doch, kleine Rachel, Ihr versteht es. Ich — ich — ich liebe Euch.«

Seine großen, dunklen Augen ruhten voll auf ihr. Sein Blick drang in sie. Sie spürte es fast körperlich. Und sie erzitterte unter diesem Blick. Ein tiefes Gefühl der Seligkeit umfing sie. Wie lange hatte sie auf dieses Wort gewartet!

Nun mußte doch kommen, was immer kam. Jetzt würde er sie in die Arme nehmen, würde sie küssen.

Sie war ein wenig enttäuscht, als nichts dergleichen geschah. Er wandte sich vielmehr wieder zum Gehen und meinte:

»Ja, ich mußte es einmal sagen. Ich liebe Euch. Es ist vermessen von mir. Ich weiß, daß ein Mädchen wie Ihr nicht für mich bestimmt sein kann.«Jetzt blieb sie stehen.

Er merkte es nicht sogleich, so faßte sie nach seinem Arm und hielt ihn fest.

Mit fester Stimme sagte sie:

»Ihr wißt, daß ich auch anders bin als die anderen. Und deshalb reagiere ich jetzt so, wie kein anderes Mädchen reagieren würde. Ich liebe dich nämlich auch. Und ich kann mir nicht denken, daß etwas zwischen uns stehen sollte. Ich denke, wir könnten uns doch die Albernheit des Fragens nach dem Stand, dem Reichtum, der Erziehung und all der anderen schönen Dinge ersparen. Habe doch den Mut, mich zu lieben. Was sind denn Hindernisse? Ist nicht der Weg unseres ganzen Volkes voll von Hindernissen? Wie sagte doch der Rabbiner neulich? — An den Hindernissen wachsen wir.«

»Rachel!« rief er nur.

Sie flüchtete an seine Brust.

Das Glück, von dem sie sich beide überflutet fühlten, war unfaßbar. Der göttliche Funke war nicht an ihnen vorbeigeflogen. —

Das Mädchen mußte nach Hause. Sie trennten sich sehr bald. Später saß Jehu in dem unwirtlichen Einbettzimmer des Gasthauses, das er bewohnte. Um ihn war Stille. Noch waren keine Gäste da, und so hatte er ein wenig Zeit, ehe er zum Tanz aufspielen mußte. Mit bebenden Fingern suchte er nach Notenpapier. Dann hielt er einen Bleistift in der Hand. Das größte Erlebnis seines Lebens wurde zu Musik.


28

Im Verlauf der kommenden vierzehn Tage ritt Rudolf von Eberstein des öfteren mit Rachel Hirschfelder über die Parkwege der Stadt. All seinen Bemühungen, ihr näherzukommen, begegnete sie mit gleichbleibender Freundlichkeit.

Anfangs hatte sie ihrem Vater gegenüber das Ansinnen des Grafen, sie auf diese Weise spazierenzuführen, abgelehnt. Aber auf das inständige Bitten Abrahams hin, der meinte, daß man die Familie Eberstein nicht verärgern dürfe, willigte sie dann schließlich ein. Und bald stellte sie fest, daß das Reiten Spaß machte. Daß Eberstein ihr ständiger Begleiter war, berührte sie in keiner Weise. Dennoch wäre sie keine Frau gewesen, wenn sie nicht bemerkt hätte, daß alle Artigkeiten des Grafen nur darauf hinzielten, ihr erfolgreich den Hof zu machen.

Mutter Judith war voller Hoffnung; denn nach außen hin hatte es tatsächlich den Anschein, als würden nun ihre geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Sie konnte sich nicht genug tun, bei den gemeinsamen Mahlzeiten die Vornehmheit des Grafen und seine feine Erscheinung herauszustreichen. Rachel lachte dazu und reagierte nicht darauf. Für sie gab es täglich nur ein Erlebnis, dem sie ständig mit bebendem Herzen entgegensah. Das war ihr heimliches Treffen mit Jehu nachmittags um vier Uhr. Die übrigen Stunden des Tages bedeuteten ihr nichts. Sie waren Wartezeit. Und ohne es zu wissen, trug Eberstein dazu bei, sozusagen als zerstreuender Gesellschafter, die unangenehme Wartezeit verkürzen zu helfen. Weder Vater noch Mutter wußten genau, was Rachel in den Stundendes Nachmittags trieb. Man hatte ihr früher zu viel Freiheit gelassen. Nun, da das Mädchen erwachsen war, war es nicht einfach, ihr das gewohnte Tun und Lassen zu verbieten. Und ein Mensch wie Rachel würde es sich auch nicht verbieten lassen.


29

»Nun«, fragte der alte Graf Eberstein beim Abendessen seinen Sohn, »wie weit bist du? Hast du ihr schon einen Antrag gemacht?«

»Nein«, erwiderte Rudolf unlustig. »Und offen gestanden habe ich dazu auch gar keine Lust. Die Kleine ist zwar freundlich und nett; aber sie kann sich mit Charlotte Eck überhaupt nicht messen.«

»Bedauerlich; aber Charlotte Eck hat keine Brillanten.«

»Ja, ja, ich weiß schon. Ich werde morgen oder übermorgen zum alten Abraham gehen und um die Hand seiner Tochter anhalten.«

»Tue das.«

»Und wenn ich einen Korb bekomme?«

»Nun, dann kannst du deine Charlotte immer noch heiraten.«

»Ach — ! Was wird dann aus unseren Brillanten?«

Der alte Graf kicherte leise vor sich hin.

»Hihihi«, machte er. »Abwarten. Wir werden unser Schäfchen schon ins trockene bringen.«

Zwei Tage später rückte Eberstein mit einem großen Blumenstrauß in der Hand im Hause Hirschfelder an.

Es war Nachmittag um die bewußte Zeit, und so war Rachel nicht da. Der Alte saß in seiner Werkstatt und hämmerte an Goldgeschmeiden. So blieb es Frau Judith überlassen, den Gast zu empfangen. Als sie den großen Blumenstrauß sah, erzitterte ihr mütterliches Herz in der Vorahnung dessen, was sich nun ereignen mußte.

Eberstein saß nervös im Salon. Frau Hirschfelder war hinunter in die Werkstatt zu Abraham gegangen. Mit hastigen Worten berichtete sie ihm, daß nun wahrscheinlich die offizielle Werbung Ebersteins um die Hand Rachels bevorstand.

Abraham zog die Stirn in Falten.

»So schnell? — So eilig hat er es?«

»Du scheinst dich gar nicht darüber zu freuen.«

»Um ehrlich zu sein, nein. Rachel hätte uns doch etwas sagen können, wenn sie mit ihm einig ist.«

»Du machst dir viel zu viel Gedanken, Abraham. Gib den beiden deinen Segen, und das große Ziel ist erreicht. Unsere Tochter Rachel — eine Gräfin Eberstein. — Wer hätte das je für möglich gehalten!«

»Diese Plötzlichkeit...«, sinnierte Abraham.

»Er ist eben ein Dragoner. Den Angriff gewöhnt. Ein Soldat geht aufs Ganze.«

»Ein tüchtiger Juwelier wäre mir lieber gewesen. Aber in der Hoffnung, daß es unser Kind einmal besser haben wird als wir, werde ich dem Schicksal seinen Lauf lassen.«

Mit feierlichen Gesichtern betraten sie den Salon. Eberstein erhob sich. Mit einer gemessenen Verbeugung trat er auf die beiden zu. Frau Judith hatte er schon vorher begrüßt, so reichte er jetzt dem alten Abraham die Hand.

Als sie Platz genommen und ein Mädchen Tee serviert hatte, meinte Rudolf:

»Verehrter Herr Hirschfelder, ich muß Euch etwas ge-stehen.« Er machte eine Kunstpause, um die Spannung zu vergrößern. »Ich — ich liebe Eure Tochter Rachel. Und ich bin heute gekommen, Euch um ihre Hand zu bitten.«

Abraham blickte gedankenvoll vor sich auf den Tisch und nickte langsam.

»Tja«, meinte er, »wenn Ihr mit Rachel einig seid, so habt Ihr meinen Segen.«

Eberstein lächelte säuerlich.

»Ich hoffe doch, daß mir Fräulein Rachel keinen Korb geben wird.«

»Ihr habt Euch noch nicht mit ihr ausgesprochen?«

»Nicht direkt. Ich hätte das für zu dreist gehalten. Der Respekt vor euch, als Eltern, gebietet mir, meine Leidenschaft zu bannen; denn ich konnte ja nicht wissen, ob ich euch ein angenehmer Schwiegersohn bin.«

Abraham nickte stumm. Die Worte des Grafen waren glatt wie geschliffene Diamanten, etwas zu glatt fast, empfand er. Um so begeisterter war Frau Judith. So viel Artigkeit hätte sie von einem Offizier der landgräflichen Dragoner nicht erwartet. Ja, das war alte Schule. Das war wirklich Vornehmheit. Hier galten die alten Sitten hochgestellter Familien noch etwas. Und der junge Herr Graf wahrte diese Sitten auch ihr gegenüber, auch ihr, der jüdischen Familie Hirschfelder gegenüber, die viele der anderen nur über die Schulter ansahen.

Frau Hirschfelder stand auf und küßte den überraschten Grafen auf die Stirn.

»Mein Sohn«, sagte sie, »ich heiße Euch herzlich willkommen. Ihr werdet Rachel bestimmt glücklich machen.«

»Ich danke Euch«, sagte der Graf mit gespielter Rührung. »Was an mir liegt, wird geschehen, daß Fräulein Rachel sich ein Leben lang auf den Armen getragen fühlt.«

Just in diesem Augenblick betrat Rachel den Salon. Ihr Gesicht glühte. Ihre Augen glichen großen dunklen Sternen. Der Nachklang des soeben gehabten Erlebnisses war noch in ihr. Nur ein Wort stand in ihren Gedanken. Zwei Silben waren es, von denen sie sich völlig ausgefüllt fühlte: Jehu.

Sie bemerkte nicht sogleich die Feierlichkeit auf den Gesichtern der Anwesenden. Und deshalb war sie reichlich verwundert, als die Mutter sie plötzlich stürmisch umarmte.

»Ich bin so glücklich, so glücklich«, sagte sie.

»Du weißt?« fragte Rachel überrascht.

Im gleichen Augenblick arbeitete ihr Gehirn fieberhaft. Wie konnte die Mutter Kunde erhalten haben von ihrer Liebe zu Jehu Rachmann?

Eigentlich war Rachel auf Kämpfe gefaßt gewesen. Sie häte es nie für möglich gehalten, daß die Zustimmung ihrer Eltern zu ihrer großen Liebe mit solchem Enthusiasmus erfolgen würde.

»Ja, wir wissen«, nickte Frau Judith. »Der Herr Graf hat es uns soeben gestanden.«

Racheis Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

»Ihr, Graf Eberstein? — Was habt Ihr gestanden?«

Eberstein hatte sich längst erhoben. Jetzt trat er auf Rachel zu und machte eine artige Verbeugung.

»Ihr entschuldigt, mein gnädiges Fräulein, vielleicht ist alles etwas plötzlich gekommen. In ihrer freudigen Verwirrung hat Eure Frau Mutter meine offizielle Werbung bei Euern verehrten Eltern als ein Eingeständnis unserer beider Liebe aufgefaßt.«

Rachel trat einen Schritt zurück. Ihre kleinen Fäuste ballten sich. Ihre Augen sprühten zornige Blitze.»Wie bitte? — Ich habe Euch wohl nicht richtig verstanden?«

Mutter und Vater sahen einander überrascht an. Deutlich stand die Bestürzung auf ihren Gesichtern. Nur der Graf behielt sein verbindliches Lächeln.

»Soll das heißen, daß Ihr um meine Hand angehalten habt?« fragte Rachel.

»Ja, ich gab mir die Ehre. Und Eure werten Eltern gaben den Segen dazu.«

Rachel lachte plötzlich laut und bitter auf. Es klang fast ein wenig hysterisch.

Plötzlich wandte sie sich um und verließ mit eiligen Schritten das Zimmer.

Abraham hatte die Situation als erster erkannt. Er blieb stumm. Um so wortreicher begann sich Frau Judith für das unerklärliche Benehmen ihrer Tochter zu entschuldigen.

»Aber, aber, liebe Schwiegermama, eine Entschuldigung ist doch nicht nötig. Vielleicht kam es für Rachel wirklich überraschend. Ich sagte ja bereits, ich hatte noch nicht mit ihr gesprochen.«

»Nun«, sagte Abraham bedächtig, »unter diesen Umständen kann meine Einwilligung natürlich nur bedingt sein. Ich werde meine Tochter niemals zwingen, einem Mann ihr Jawort zu geben, den sie nicht liebt.«

»Abraham!« schrie seine Frau auf.

»Ich bitte Euch, Herr Hirschfelder«, nahm Eberstein das Wort, »ich sagte Euch doch bereits, ich wollte erst feststellen, ob ich Euch ein willkommener Schwiegersohn bin, bevor ich allein mit Rachel spreche. Es ist in unseren Kreisen üblich, daß man sich vorher die Einwilligung der Eltern holt.«

Abraham hatte seine Fassung wieder. Er lächelte jetzt sogar ein wenig, als er sagte :

»Schon recht, schon recht, lieber Graf, ich habe nur gelinde Zweifel, daß Euch die Einwilligung etwas nützt. Seht, wenn Rachel doch auch nur im entferntesten daran gedacht hätte, Eure Frau zu werden, so wäre doch solch eine Szene gar nicht möglich gewesen.«

Eberstein behielt seine Fassung. Innerlich freute er sich, daß Rachel nicht im geringsten Lust verspürte. Er hatte dem Wunsch seines Vaters Genüge getan. Dennoch gab er sich jetzt den Anschein der Trauer, als er meinte:

»Ich habe mich vielleicht ein wenig ungeschickt angestellt. Nun, meine Erklärung kam aus reinem Herzen. Ich werde Eure Zustimmung als Erlaubnis auffassen, weiter und intensiver um Rachel zu werben.«

»Ich habe gewußt«, schluchzte Frau Judith, »daß Ihr ein großzügiger, verstehender und guter Mensch seid. Rachel wird bestimmt vernünftig werden. Das verspreche ich Euch.«

»Man soll keine Versprechungen machen, die nachher vielleicht doch unerfüllt bleiben«, lächelte Abraham Hirschfelder.

Eberstein verabschiedete sich höflich. —

Der alte Eberstein kicherte wieder vor sich hin, als er von dem Verlauf der Werbung erfuhr.

»So, so, sieh an, die kleine Krabbe. Kein Spaß daran, einmal Gräfin zu sein. Na, vorläufig mußt du deine Rolle weiterspielen.«

»Wozu soll das gut sein?«

»Parbleu, frage nicht ! Wir brauchen Geld, und wir werden es bekommen. Alles liegt an dir.

Wenn du darüber nachdenkst, wie der alte Abraham Hirschfelder reagierthat, so kannst du doch sehen, wie sehr ihm das Wohl seiner Tochter am Herzen liegt. Nun, wir werden ihn vor die Alternative stellen, entweder seine Tochter zu zwingen, dir ihr Jawort zu geben — das wird er auf keinen Fall tun — oder sich von der Möglichkeit einer Ehe zwischen Rachel und dir loszukaufen. Man sagt zwar, daß sich die Juden nicht gern von ihrem Geld trennen; aber wenn es sich um das Glück eines ihrer Familienangehörigen handelt, so kleben sie wie Pech und Schwefel zusammen und sind auch bereit zu opfern.«

Rudolf von Eberstein setzte das Weinglas heftig ab.

»Verzeih, Papa, aber ich finde das unlogisch. Wenn du ein Zwangsmittel in der Hand hast, so wende es doch an. Was soll mir da die geheuchelte Liebe zu Rachel nützen?«

»Hihihi, man merkt, daß du Offizier bist. Hättest du jemals im Leben spekuliert, so würdest du wissen, daß ein richtiger Spekulant soviel Sicherheitsfaktoren wie möglich in seine Kalkulation einbezieht. Aber davon hast du natürlich keine Ahnung. Ist auch nicht wesentlich. Du brauchst nur zu tun, was ich sage.«


30

Im Haus der Hirschfelders stand das Barometer auf Sturm. Das gute Einvernehmen zwischen Abraham und Judith war getrübt. Frau Judith wollte nicht von ihren ehrgeizigen Plänen lassen, ihre Tochter einst als Gräfin zu sehen. Dem Vater hingegen stand das Glück seines Kindes höher als alle Titel und Würden.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchte die Mutter, in ihrem Sinne auf Rachel einzuwirken, Abraham, von Natur aus ein sanftmütiger Mensch, vertraute insgeheim darauf, daß Rachel mehr von ihrer Mutter geerbt hatte. Und so war es auch. Die beiden Frauen standen sich an Energie in nichts nach.

Das einzige, was den alten Herrn störte, war, daß die Szenen auch nach dem Zubettgehen noch im ehelichen Schlafzimmer fortgesetzt wurden.

Immer wieder versuchte Frau Judith, dem Mann gegenüber ihrem Standpunkt Geltung zu verschaffen.

»Ich begreife nicht, Abraham, daß du nicht deine väterliche Autorität in die Waagschale wirfst und ein Machtwort sprichst. Wie viele Stürme sind über uns Juden hinweggegangen? Wie oft wurde unsere Familie davon in Mitleidenschaft gezogen? Sind wir je anerkannt worden? Hat man uns je als Menschen gleicher Art gelten lassen?«

»Nein«, sagte Abraham einsilbig.

»Na also, und nun, da sich den Hirschfelders die einmalige Chance bietet, der Tochter den Sprung über die schreckliche Barriere zu ermöglichen, schweigst du. Unsere Enkelkinder würden bereits voll anerkannte Mitglieder der hochmögenden Familien sein. Ein Machtwort von dir, und Rachel würde gehorchen.«

»Hast du gehorcht, als dein Vater dich mit dem jungen Goldberg verheiraten wollte?« Abraham lächelte und strich seiner Frau mit einer zärtlichen Handbewegung über das schon leicht ergraute Haar.

Sie ließ aber den Einwand nicht gelten.

»Goldberg, wer war schon Goldberg? Es waren Leute wie wir.«

»Nicht ganz, sie besaßen immerhin einige hunderttausend Taler mehr, als ich jemals besitzen werde. Und was hast du getan? Den armen Goldschmied Hirschfelder geheiratet, der nichts hatte als die abgeschlossene Lehre seines Handwerks.«

»Was willst du, die Goldbergs waren auch Juden.«

»Ach, wenn sie Christen gewesen wären, dann hättest du den jungen Goldberg genommen?«

Frau Judith wandte ihm rasch ihren vollen Blick zu. Sie schaute in die lächelnden, dunklen Augen ihres Mannes.

»Du weißt«, meinte sie leise, »wie sehr ich dich geliebt habe.«

»Na, dann können wir das Gespräch ja wohl beenden. Du mußt einmal zuhören, wenn Rachel von dem jungen Jehu Rachmann erzählt. Vielleicht erkennst du dich dann wieder.«

»Nein, nein, nein, du verkennst die Lage! Unsere Familie steht vor einer Wende. Von heute an können wir das Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Wenn Rachel Gräfin Eberstein wird, dann können wir einmal mit Ruhe die Augen schließen.«

»Deine Vorstellung vom Schicksal, Judith, Herz, ist ein wenig einfach. Gott sorgt für alle seine Kreaturen. Er bestimmt, wohin wir Menschen gehen müssen. Wir können uns seiner weisen Führung ruhig anvertrauen.«

»Mit dir ist nicht zu reden.«

»In zehn Jahren wirst du nicht mehr an diese Sache denken, Judith. Und ob meine Enkelkinder Eberstein oder Rachmann heißen, das ist mir ziemlich gleichgültig. Hauptsache, sie sind gute Menschen. — Gute Nacht.«


31

Nach zwei weiteren gescheiterten Annäherungsversuchen an Rachel gab Rudolf von Eberstein seine Bemühungen um das Mädchen auf. Statt dessen wandte er sich wieder Charlotte Eck zu.

Mochte sein Vater der Meinung sein, er ritte jeden Morgen mit Rachel aus, er wollte Charlotte Eck.

Das Gerücht, der junge Eberstein werbe um Rachel Hirschfelder, war auch bis zu Charlotte gedrungen. Sie hatte sich darüber amüsiert, hatte es nicht ernst genommen. Und im übrigen war es ihr gleichgültig.

Dennoch war sie erstaunt, als Rudolf eines Morgens vor ihrem Haus erschien, um sie zu bitten, mit ihm auszureiten. In ihrer burschikosen Art willigte sie ein.

»Man hört so allerhand von Euren Sprüngen, Graf«, lachte sie. »Die kleine Rachel soll ein entzückendes Mädchen sein.«

»Ach«, meinte Rudolf unwillig, »hört nicht auf dieses Geschwätz. Ihr wißt, daß es nur eine Frau gibt, die ich liebe. Das seid Ihr.«

»Bin gespannt, ob Ihr es jemals aufgeben werdet, mir den Hof zu machen.«

»Ich habe gar keine Veranlassung, das aufzugeben. Ruhe habt Ihr erst, wenn Ihr neben mir vor dem Altar steht. Das wißt Ihr.«

»Was wollt Ihr eigentlich mit einer Frau, die Euch nie lieben wird?«

»Ihr werdet lernen, mich zu lieben. Haltet Ihr mich denn für einen gar so üblen Burschen?«

»Dann würde ich nicht mit Euch ausreiten.«

»Was habt Ihr also gegen mich?«

»Die Frage ist falsch. Ich habe nichts gegen Euch. Ich bin Euch vielmehr in gewisser Weise zugetan. Nur hat das mit Liebe nichts zu tun. Ihr wart der letzte, der bei Michel war, als er starb.

Ihr wart sein Freund. Seine Freunde aber sind auch meine Freunde. Und wenn ich Euch den Vorzug vor allen anderen Männern gebe, die sich um mich bemühen, so deshalb, weil immer ein Stück Vergangenheit mit Euch ist.«

Eberstein bekam schmale Lippen. Seine Kehle war plötzlich trocken, wie ausgebrannt. Er konnte keine Antwort auf diese offenen Worte finden. Ein Gefühl kam in ihm auf, das er längst erstorben wähnte.

Später, als er auf dem Hügel des Exerziergeländes stand, wo unter ihm die Schwadronen seiner Abteilung exerzierten, fühlte er, daß das neue und doch so alte Gefühl in ihm Haß war, Haß gegen den, der nach fast einem Jahrzehnt Abwesenheit noch stärker war als er. Haß gegen Michel Baum.

Und immer, wenn Charlotte von Michel Baum sprach, erfuhr dieser Haß eine Steigerung. Das Gesicht des Mannes, der ihm sein Unglück verdankte, verfolgte ihn in den Nächten.

Die Züge, die er schon vergessen wähnte, nahmen wieder scharfe Formen an.

Er malte sich aus, wie dieser Michel Baum irgendwo drunten im dunklen Afrika Sklavendienste für einen orientalischen Potentaten verrichtete, er malte sich aus, wie die Riemen der Nilpferdpeitsche Fetzen aus der weißen Haut des Geschundenen rissen. Nichts war ihm zu grausam, um den verhaßten Feind in Wunschträumen leiden zu sehen.

Tagelang hatte er keinen anderen Gedanken, bis ein neuer Plan seines Vaters ihn ablenkte.

Beim Abendessen fragte ihn der Alte:

»Sag mal, ist der Premierleutnant Baum, den ich oft in deiner Gesellschaft gesehen habe, ein zuverlässiger Mann?«

»Soweit es sich um seinen Dienst handelt, ja.«

»Ah, und sonst?«

»Weibergeschichten«, sagte Rudolf Eberstein.

»Und wie steht es mit dem Geld?«

»Er hat nie genug. Sein Onkel, der Tabakhändler, gibt ihm zwar hin und wieder welches; aber das reicht nie. Ich glaube, wenn der Alte wüßte, daß der Richard Schulden hätte, würde er ihn gehörig ins Gebet nehmen.«

»Hihihi, so was Ähnliches ahnte ich. Er scheint mir der richtige Bursche zu sein. Wir werden ihn eine Kleinigkeit verdienen lassen. Niemand ist so zuverlässig wie ein Premierleutnant, der Schulden hat.«

»Was soll das heißen?«

»Er muß uns helfen. In spätestens einer Woche haben wir zwanzigtausend Dukaten verdient.

Darauf kannst du dich verlassen.«

»So? Wie soll das vor sich gehen?«

»Das wirst du schon sehen. — Übrigens, Hirschfelders habe ich für morgen abend eingeladen.

Du kannst deinen Freund, den Premierleutnant auch zum Essen bitten.«

»Daraus werde ein anderer schlau.«

»Oh, zerbrich dir nicht den Kopf, mein Sohn. Wir werden den alten Hirschfelder schon in die Klemme kriegen.«

»Wer kommt noch?«

»Freiherr von Hasselmann mit Gattin und Baron von Rabenalt.«

»Mein Gott, wie bist du auf die gekommen? Hättest du nicht näherstehende Bekannte einladen können?«

»Kritisiere nicht, mein Lieber. Was ich tue, hat immer Sinn.«

»Schon gut«, resignierte Rudolf von Eberstein. »Hoffentlich wird was aus den zwanzigtausend Dukaten. Ich könnte dringend einen Zuschuß brauchen.«


32

Die Hirschfelders waren verblüfft, als sie die neuerliche Einladung zum Abendessen erhielten.

Abrahams Augen waren mißtrauisch zusammengezogen, als er durch das Lorgnon die Karte las.

Was mochte das bedeuten?

Hatte der junge Graf sein Werben noch immer nicht aufgegeben? Irgendein Gefühl warnte Abraham, die Einladung anzunehmen.

Aber als er seine Frau anblickte, ließ er den Gedanken fallen.

Judith hatte einen hochroten Kopf. Ihre Erregung, die in den letzten Tagen schon etwas abgeklungen war, kehrte mit doppelter Stärke wieder. Neue Hoffnung zog in ihr Herz. War das nicht ein Zeichen des Schicksals? Mußte bei so konstanter Beharrlichkeit des jungen Grafen Rachel nicht Vernunft annehmen? Alles, was an ihr lag, würde Judith tun, um ihren großen Wunsch doch noch erfüllt zu sehen.

Sie achtete darauf, daß Rachel besonders sorgfältig gekleidet war an diesem Abend. Reich glitzerten die Diamanten auf dem weißen Hals des Mädchens. Allein, ihr Schimmer wurde von dem unwilligen Blick Rachels getrübt.

Als die Kutsche vorgefahren war, die sie zu den Ebersteins bringen sollte, fröstelte Rachel. Es war als griffe eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen. In ihr war das gleiche Gefühl wie in Abraham. Doch weder sie noch ihr Vater verliehen ihrer Sorge Worte.

Mit ausgesuchtester Höflichkeit wurden sie empfangen. Wie ein jugendlicher Verehrer beugte sich der alte Graf von Eberstein über Racheis Hand und küßte sie hingebungsvoll.

Wieder waren sie die ersten; aber auch die Hasselmanns und die Rabenalts ließen nicht lange auf sich warten.

Als die Gäste vollzählig waren, lud der alte Graf zur reichlich gedeckten Tafel. Man hatte sich gerade niedergelassen, als auch der letzte Besucher, den man fast vergessen hatte, Richard Baum, eintraf. Er entschuldigte sich höflich für seine Verspätung.

Das Essen war vorzüglich. Der alte und der junge Eberstein kümmerten sich fast ausschließlich um Rachel. Der Alte redete sie fortgesetzt in väterlichem Ton mit »mein Kind« an. Wogegen ihr Rudolf alle die Aufmerksamkeiten erwies, die sich eine große Dame nur wünschen konnte.

So verlief das Essen in vollkommener Harmonie.

Später, als die Diener Champagner reichten, lockerte sich die Gesellschaft etwas auf. Und zu vorgerückter Stunde bat der alte Graf seine Gäste, ihm in die Bibliothek zu folgen.

Dort, auf dem mächtigen in der Mitte stehenden Eichentisch, lag ein kleines schwarzes Kästchen.

»Da wir heute einen Fachkenner unter uns haben«, begann der alte Graf, »möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen, euch allen ein Stück unseres Familienschmucks zu zeigen, das kostbarste Stück. Und meine besondere Bitte richte ich an Herrn Hirschfelder, daß er das Stück einschätze. Ich habe nämlich einen Interessenten dafür, und eventuell werde ich es verkaufen.«

Er öffnete das schwarze Kästchen, und zum Vorschein kam ein herrlicher Ring.

Rufe des Entzückens wurden laut. Hirschfelder vergaß, wo er sich befand. Er liebte Steine zu sehr und war viel zu sehr Juwelier, um seiner Begeisterung in diesem Augenblick Zügel anzulegen. Er nahm den Ring zur Hand, trat in die Nähe des Leuchters, hielt ihn in den Kerzenschein und studierte das Stück eingehend. Nach einer Weile gab er es zurück.

»Es ist eines der herrlichsten Stücke, das ich je gesehen habe«, sagte er begeistert. »Ich würde ein Vermögen dafür geben, um es zu besitzen.«

»Wie hoch schätzt Ihr seinen Wert, in Geld ausgedrückt?« fragte der Graf.

»Siebentausend Dukaten würden nicht zu wenig sein.«

Aus dem Munde der anderen Gäste hörte man ein respektvolles »Oh«.

»Würdet Ihr mir diesen Ring verkaufen?«

Der alte Eberstein lächelte verbindlich. »Warum nicht? Allerdings müßt Ihr mir schon eine Weile Zeit lassen. Ich möchte den anderen Interessenten nicht vor den Kopf stoßen. Aber da ich glaube, daß siebentausend Dukaten für diesen ohnehin unerschwinglich sein werden, so können wir in den nächsten Tagen noch einmal darüber sprechen.«

»Ich wäre Euch wirklich sehr verbunden, Herr Graf«, sagte Abraham leidenschaftlich. »Es wäre ein Stück, das meine Sammlung seltener Kostbarkeiten in wundervollem Maße ergänzen würde.

Ich habe nur noch ein Stück, dessen Schönheit den Glanz dieses Ringes überstrahlt.«

Der alte Eberstein legte das Kästchen auf den Tisch zurück. Nach und nach begaben sich die Gäste wieder in den Salon.

Noch zwei- oder dreimal kam Abraham an diesem Abend auf den Ring zu sprechen. Der alte Eberstein verstand es, sein Interesse an dem Schmuck immer wieder aufzustacheln. Und er wußte es so einzurichten, daß, wenn Abraham davon redete, stets andere Gäste in der Nähe waren, die es hörten.

Als die Gesellschaft zu Ende war, fragte Rudolf von Eberstein seinen Vater:

»Steht es schon so schlecht um uns, daß wir unseren Schmuck verkaufen müssen?«

»Wenn uns der alte Abraham nicht bald aus der Klemme hilft, dann wird uns tatsächlich nichts anderes übrigbleiben. Na, wollen abwarten. Paß auf, spätestens übermorgen haben wir zehntausend, vielleicht sogar zwanzigtausend Dukaten verdient.«

»Willst du mir nicht deinen Plan endlich auseinandersetzen?«

»Das will ich nicht. Ich habe dir deine Aufgabe zugewiesen. Du hast nichts zu tun, als weiter um Rachel zu werben. Du mußt dir den Anschein geben, als hinge dein ganzes Sein von diesem Mädchen ab. Vergiß das nicht. Und falle morgen nicht in Ohnmacht, wenn sich Dinge ereignen, die dir im ersten Moment unbegreiflich sind.«

»Sprich doch nicht in Rätseln, Papa.«

»Ich spreche nicht in Rätseln, sondern nur verschlüsselt.«

Ein guter Spekulant arbeitet nie mit offenen Karten. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Rudolf von Eberstein entfernte sich. Der Alte gähnte und wandte sich ebenfalls seinem Schlafzimmer zu. Aber kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, war er so munter, als sei er eben aufgestanden.

»Wo seid Ihr, Baum?« fragte er.

Ein Licht flammte auf. Bald brannten auch die übrigen Kerzen des Leuchters. In ihrem Schein stand Richard Baum.

»Ich habe mich wunschgemäß zu Eurer Verfügung gehalten, Graf.«

»Das ist sehr schön. Und Ihr habt auch Rudolf gegenüber geschwiegen?«

»Ja, ich bin doch kein Waschweib.«

»Hihihi, gut, gut, mein Lieber, aus Euch wird noch mal was. Habe gehört, Ihr steckt bis über die Ohren in Schulden. Stimmt das?«

Richard Baum schlug die Augen nieder. Dann meinte er langsam :

»Ich kann das leider nicht bestreiten. Aber ich möchte doch meine Schulden nicht gerade zum Gegenstand unseres Gesprächs machen.«

»Gegenstand — Gespräch — parbleu, vorzüglich. Natürlich Gegenstand unseres Gesprächs.

Wichtigster Gegenstand sogar.«

»Wie meint Ihr das?«

»Meine, daß Ihr allen Grund hättet, Euch ein paar hundert Dukaten zu verdienen, nicht wahr?«

»Ein paar — hundert — Dukaten?« Richards Stimme klang erregt.

»Ganz recht. Paar hundert Dukaten, sagen wir vierhundert.«

»Vier — vier — vierhundert?«

»Ja.«

»Und was habe ich dafür zu tun?«

»Nicht viel. Morgen früh bei Dienstantritt nehmt Ihr ein Détachement Dragoner und spielt ein wenig Polizei. Das ist vorläufig alles.«

»Polizei?«

»Ja, ja. Nun hört gut zu. Es handelt sich darum, einen Gauner zu fangen. Aber ich möchte die dafür zuständigen Behörden nicht behelligen. Hier mein Plan ...«

Richard Baum verließ eine Stunde später nachdenklich das Haus.


33

Abraham Hirschfelder war Frühaufsteher. Von jeher pflegte er morgens um sechs das Bett zu verlassen. Vor dem Frühstück unternahm er einen kurzen Spaziergang. Gegen halb sieben war er schon in seiner Werkstatt. Mit einem umfangreichen Schlüsselbund öffnete er die durch mehrere Schlösser gesicherten, aus starken Eichenbohlen bestehenden Türen, die ein unbefugtes Eindringen in die Werkstatt unmöglich machten.

So auch an diesem Morgen.

Seine beiden Gesellen erschienen gewöhnlich erst gegen acht Uhr.

Er hatte gerade seine Arbeit aufgenommen, als plötzlich ein halber Dragonerzug auf den Hof geritten kam.Ein paar scharfe Kommandos erklangen, die Reiter saßen ab.

Abraham blickte erstaunt durch das kleine vergitterte Fenster. Im Frühlicht erkannte er den jungen Premierleutnant Baum, der gestern abend ebenfalls auf der Gesellschaft des Grafen von Eberstein gewesen war.

Baum wandte sich dem hinteren Eingang des Wohnhauses zu.

Gerade wollte er den Türklopfer betätigen, als ihn eine Stimme im Rücken davon abhielt.

Abraham war aus der Werkstatt getreten und sagte:

»Guten Morgen, Herr Leutnant. Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches zu so früher Stunde?«

Baum zögerte einen Augenblick, bevor er sich umwandte. Dann aber grüßte er höflich und meinte :

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Herr Hirschfelder, aber leider ist ein unerfreuliches Ereignis eingetreten, das mich zwingt, eine Haussuchung bei Euch vorzunehmen.«

Abrahams dunkle Augen waren weit aufgerissen. »Eine Haussuchung? Das ist ja wohl.,.«

»Ja, mein Herr, es ist betrüblich. Ihr könnt es natürlich verweigern, aber dann muß ich die Stadtmiliz benachrichtigen. Das würde wahrscheinlich unangenehmer sein. Aus Rücksicht auf Euch und Euer Fräulein Tochter bat mich Graf Eberstein, die Haussuchung mit meinen verschwiegensten Soldaten vorzunehmen. Nicht nur bei Euch, sondern auch bei den anderen Herrschaften, die gestern abend Gäste des Grafen waren.«

»Aber um Himmels willen, was ist denn geschehen?« Richard Baum machte eine Kunstpause.

Dann antwortete er schneidend :

»Der Ring mit dem großen Diamanten ist gestern abend gestohlen worden.« Er betonte jedes Wort.

»Der — der — der Ring ist gestohlen?«

»Es ist bedauerlich, aber es ist so.«

»Und da verdächtigt man mich?« brauste der alte Abraham auf.

»Natürlich nicht nur Euch. Alle stehen im Verdacht, das Schmuckstück gestohlen zu haben. Die Diebe können natürlich auch beim Personal zu suchen sein; aber das wird die Polizei herausfinden. Auf das Personal braucht man keine Rücksicht zu nehmen. Anders ist es jedoch bei Euch, dem Freiherrn von Hasselmann und Baron von Rabenalt. Um zu vermeiden, daß es Aufsehen gibt, bat mich der Graf, die undankbare Aufgabe ganz im geheimen zu erledigen, vorausgesetzt natürlich, daß Ihr einverstanden seid.«

»Es — es — es ist unerhört. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten. Allein dieser Verdacht treibt mir die Schamröte ins Gesicht.«

Baum senkte die Augen. Aber eingedenk des Auftrags, den ihm der Graf gegeben hatte, ließ er keine weichen Gefühle in sich aufkommen, sondern meinte :

»Ihr habt Euch besonders für den Schmuck interessiert, Herr Hirschfelder. Das braucht natürlich nichts zu bedeuten. Aber Ihr werdet verstehen, daß der Graf Klarheit wünscht. Diese Haussuchung wird ja nicht zuletzt aus dem Grunde unternommen, um alle Verdächtigen von jedem Verdacht reinzuwaschen. Wenn das geschehen ist, so wird der Fall der Polizei übergeben, die sich dann um das Personal kümmern wird.«

Hirschfelder hatte sich wieder gefaßt. »Tut Eure Pflicht«, sagte er hart.»Dürfen wir Euch bitten, die Herrschaften im Haus darauf vorzubereiten?«

»Selbstverständlich werde ich das tun. Ich gehe nach oben.«

»Ich danke Euch.«

Der Premierleutnant winkte dreien seiner Leute und folgte mit diesen dem alten Herrn.

Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte, begann die umständliche Suche.

Ein genauer Beobachter hätte leicht feststellen können, daß es die Dragoner an der notwendigen Sorgfältigkeit durchaus fehlen ließen. Das Ganze mutete mehr wie eine Komödie an.

Frau Judith war fassungslos. Rachels Augen sprühten Blitze. Sie faßte das Ganze als einen boshaften Akt der Demütigung auf. Sie glaubte keinen Augenblick daran, daß die Grafen Eberstein in Wahrheit auch nur die geringste Spur eines Verdachts gegen ihren alten Vater hatten.

»Es ist die Rache für den Korb, Mutter«, sagte Rachel leise.

»Oh, Kind, sprich nicht so etwas aus. Daß ich diese Schande erleben muß !«

Als man in der Wohnung nichts gefunden hatte, bat der Premierleutnant sehr höflich aber bestimmt, ihn jetzt in Keller und Werkstatt suchen zu lassen.

»Selbstverständlich in Euerm Beisein, Herr Hirschfelder«, fügte er hinzu.

Auch die Suche in Keller und Werkstatt blieb erfolglos.

Als sich Baum jetzt in höflichen Worten für das Entgegenkommen Abrahams bedanken wollte, rief plötzlich ein Dragoner:

»Sollen wir nicht auch im Stall suchen?«

Es war als habe der Premierleutnant auf dieses Stichwort gewartet. Seine höfliche Verabschiedung und der Ausdruck seines Bedauerns dienten nur als Täuschungsmanöver.

Dennoch meinte er:

»Ich glaube, das wird nicht nötig sein.«

Da aber hakte Abraham selbst ein:

»Tut Euch keinen Zwang an, Herr Leutnant. Wenn Ihr schon einmal hier seid, so sucht nur munter überall, damit Ihr die Gewißheit mit nach Hause nehmt, daß der alte Abraham Hirschfelder kein Dieb ist.«

Richard Baum winkte seinen Dragonern. Sie drangen in den Stall ein, wühlten in der Haferkiste herum, blickten in die Futterkrippen der Pferde, und ließen keine Mauerfuge oder Ritze unbeachtet. Einer machte sich gar an der Kutsche zu schaffen, in der die Hirschfelders gestern abend gefahren waren.

Plötzlich hörte man einen triumphierenden Laut. Mit hochrotem Kopf kam der Dragoner aus der Kutsche heraus und hielt die kleine schwarze Schachtel in der Hand.

»Hier ist das Etui. Ich habe den Ring.«

Ohne zu öffnen übergab er dem Premierleutnant die Schachtel. Dessen Gesicht war bleich.

Aber noch bleicher war Abraham Hirschfelder. Seine alten Augen füllten sich mit Tränen. Seine Hände begannen zu zittern. Mit heiserer Stimme flüsterte er :

»Das — das — ist doch nicht möglich!«

»Ich hätte es auch nicht geglaubt«, murmelte Richard Baum. Er öffnete die Schachtel und — stieß einen Ruf der Überraschung aus.

Sie war leer.Seine Überraschung war wirklich echt; denn das war bei dem widerlichen Spiel nicht vorgesehen. In seiner Verwirrung wandte er sich an den Dragoner, der das Kästchen gefunden hatte.

»Kann Er schwören, daß Er es nicht geöffnet hat?«

»Jawohl, Herr Premierleutnant.«

»Wenn Er den Ring gestohlen hat, dann kommt Er auf die Festung!«

»Ich habe ihn nicht gestohlen, Herr Premierleutnant.«

»Durchsucht ihn«, befahl Richard Baum den anderen.

Im Handumdrehen hatten sie ihren Kameraden bis aufs Hemd entkleidet. Aber so sehr sie sich auch abmühten, der Ring blieb verschwunden.

»Ihr seid ein sehr kluger Mann, Herr Hirschfelder.«

»Wie meint Ihr das, Herr?«

Richard Baum gab seine Höflichkeit auf.

»Wo habt Ihr den Ring?« schrie er.

»Unverschämter!« antwortete Abraham. Dann wandte er sich um und ließ den Offizier mitsamt seinen Dragonern stehen. Zitternd vor Aufregung ging er ins Haus.

Noch ehe er zu Frau und Tochter gelangte, hörte er den Hufschlag der sich entfernenden Soldaten.

Dann brach er zusammen. —

Es dauerte immerhin eine Stunde, bis der alte Mann, von den Frauen zu Bett gebracht, aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte. Mühsam schlug er die Augen auf.

»Beim gerechten Gott«, murmelte er, »ich — ich — ahnte ja, daß irgendeine Teufelei mit der Einladung zusammenhing. Sie — sie — sie haben die Schachtel — des kostbaren Ringes — in unserer Kutsche versteckt.«

Er fuhr plötzlich aus den Kissen auf. »Aber wer wird das glauben? Müssen sie mich nicht für den Dieb halten?«

Seine Augen waren starr geradeaus gerichtet. Die beiden Frauen ahnten noch gar nicht, wovon er eigentlich sprach. Sie glaubten, er rede irre.

»Papa, Papa«, sagte Rachel, »was ist? Sprich!«

Der alte Abraham lachte plötzlich schrill. Es klang schaurig wie das Gelächter eines Wahnsinnigen.

»Sie haben es geschafft, ja, sie haben es geschafft. Nun werden sie mich zwingen, ihnen ihren Willen zu erfüllen.«

»Was haben sie geschafft?«

Irrlichternd blickte er seine Tochter an.

»Sie werden mich zwingen, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, damit du des jungen Grafen Frau wirst.«

»Nein! — Niemals!« schrie Rachel auf.

»Nein, niemals«, murmelte der alte Mann. »Laßt mich aufstehen. Ich muß mich anziehen. Hilf mir, Judith, Herz.«

Abraham Hirschfelder war ein gebrochener Mann, als er hinter seinem Schreibtisch saß. Den Kopf in die Hände gestützt, grübelte er über das nach, was an diesem Morgen über ihn hereingebrochen war. Er wußte, daß er von dieser Minute an in Kassel ein ruinierter Mann war.

Kein Hund würde mehr ein Stück Brot von ihm nehmen. Sie hatten es geschafft, die Herrschaften aus der sogenannten vornehmen Gesellschaft, ihn kaputt zu machen.

Was würde nun werden?

Er hatte nicht lange auf die Antwort zu warten.

Ein Bote des Grafen erschien und überreichte ein Billett. In höflichen Worten bat der alte Graf darin, daß Abraham Hirschfelder ihn noch im Laufe dieses Vormittags aufsuchen möge.

Der alte Mann zögerte nicht lange. Je eher er der Einladung folgte, um so eher würde er wissen, was man von ihm forderte. Sein Gesicht wurde zu Stein.Ohne zu jemandem von der Einladung zu sprechen, machte er sich zu Fuß auf den Weg zum Haus der Ebersteins.

Der alte Eberstein schien schon auf ihn gewartet zu haben. Er trug ein bewußt finsteres Gesicht zur Schau, als Abraham Hirschfelder eintrat.

Völlig die bisher geübte Höflichkeit außer acht lassend, sagte er:

»Hat Er den Ring mitgebracht?«

Abraham mußte sich erst fassen. Auf eine solche Unverschämtheit war er nicht vorbereitet. Dann ermannte er sich.

»Ich habe Euern Ring nicht gestohlen. Das wißt Ihr so gut wie ich.«

»Hihihi«, lachte Eberstein, »nicht gestohlen, sagt Er? Der Tausend ! Verflucht von Roßbach !

Wie kam die Ringschachtel dann in Seine Kutsche?«

»Ich — ich — weiß es nicht.«

»So, Er weiß es nicht. Nun parbleu, Er schien mir so gierig auf den Schmuck, daß er vergaß, die Schachtel aus der Kutsche zu entfernen. Die Schachtel hat Ihn überführt.«

»Das — da — das ist doch alles Lüge!« schrie Abraham gequält auf. »Ihr wißt, daß ich mir hundert solcher Ringe kaufen kann. Seit dreißig Jahren wohne ich in Kassel. Ich habe in dieser Zeit noch nicht den Splitter eines Diamanten unrechtmäßig an mich genommen.«

»Nun, parbleu, sprechen wir mit dem Polizeidirektor. Wollen sehen, ob der den Dieb findet.«

Der alte Hirschfelder faltete nervös die Hände und öffnete sie wieder. Er wußte, daß er vollständig fertig war, wenn die Behörden diese Sache in die Finger bekamen.

»Das nicht, Herr Graf, das nicht! Es wäre mein Ende. Und das Ende meiner Familie.«

»Nun, so schaff Er den Ring herbei.«

»Ich kann es nicht, weil ich ihn nicht habe.«

»Papperlapapp. Nun gut, so mache ich Ihm einen anderen Vorschlag. Gebe Er meinem Sohn seine Tochter zum Weibe.«

»Sie mag ihn nicht.«

»Hihihi. Seid Ihr der Vater? Habt Ihr nicht Autorität?«

»Gewiß, Herr Graf. Aber ich möchte meine Tochter nicht zwingen.«

»Zwingt sie, zwingt sie zu ihrem Glück! Nicht jeder Jüdin ist es beschieden, eine Gräfin zu werden.«

»Ich — ich — werde es mir überlegen.«

»Da ist nichts zu überlegen. Wollt Ihr, daß ich Anzeige erstatte?«

Abraham Hirschfelder schüttelte langsam den Kopf. Sein Blick war verschleiert. In ihm war alles tot. Im stillen betete er. Aber er verspürte keine Erleichterung.

»Na also. Ich sehe von der Anzeige ab, Ihr sagt Eurer Tochter, daß sie sich mit dem Jawort möglichst beeilen möge. Und dann wäre da noch eine Kleinigkeit.«

Abraham sah fragend auf.

»Ihr werdet ja wohl Eurer Tochter eine Mitgift geben, nicht wahr?«

Abraham sah jetzt klar. Er wußte, daß es zumindest dem Alten in erster Linie um Geld ging.

»Eine Mitgift also«, fuhr jetzt der Graf fort, »dann wird es Euch auch nichts ausmachen, wenn Ihr mir jetzt schon etwa siebentausend Dukaten überlaßt. Das wäre der Preis, den Ihr selbst für den Ring festgesetzt habt.«

»Aber ich habe den Ring ja nicht.«

»Also siebentausend Dukaten.« Der Graf wurde heiter. »Und damit Ihr seht, daß ich kein schlechter Schwiegervater bin, so betrachtet den gestohlenen Ring als Hochzeitsgeschenk für Eure Tochter. Die siebentausend Dukaten können wir dann bei der Mitgift verrechnen.«

Der Alte erwiderte nichts, sondern wandte sich still zum Gehen. Aber bevor er die Tür erreichte, rief Eberstein ihm noch nach :

»In Euerm eigenen Interesse empfehle ich Euch, das Ganze so diskret wie möglich zu behandeln.

Laßt nicht zu lange mit der Antwort auf Euch warten.«

Mehr tot als lebendig erreichte Hirschfelder sein Haus. Mit schlürfenden Schritten erklomm er mühsam die Treppen. Seine Frau, die ihn mit Fragen bestürmte, ließ er stehen.

Nur einmal wandte er sich ihr zu, kurz bevor er das Arbeitszimmer betrat. »Ist Rachel da?«

»Ja.«

»Schick sie zu mir.«

Das Mädchen kam. Sie war der bösen Ahnungen voll und trug ein abwehrendes Gesicht zur Schau. Dem Vater blieb das Wort im Halse stecken, als er sie so sah. In seinen Augen bestand zwischen ihr und einem Opferlamm kein Unterschied mehr. Weshalb eigentlich sollte er das Mädchen bedrängen, den Wünschen des alten Grafen zu entsprechen? Freilich, eine andere Rettung gab es nicht. Aber wozu auch Rettung? Nun gut, was war, wenn die Familie Hirschfelder zugrunde ging? Ihm und seiner Frau würde das Abtreten vom Leben nicht schwerfallen. Dessen war er sicher. Aber was wurde dann aus Rachel? Würde man sie nicht attackieren, wo man konnte? Da war der junge Rachmann. Aber was war ein Rachmann gegen einen Eberstein?

Er wandte sich ihr zu.

»Verfluche mich nicht, mein Kind«, begann er zögernd. »Es wird nun nichts weiter übrigbleiben, als daß du den Grafen heiratest.«

Wenn er mit Protesten gerechnet hatte, so war er über ihr Stillsein sehr erstaunt. Ausführlich berichtete er, was sich zugetragen hatte.

Rachel starrte mit fast erloschenen Augen vor sich hin. Hin und wieder nickte sie nur. Zum Schluß meinte sie mit tonloser Stimme:

»Es ist gut, Papa. Du kannst ihm meine Einwilligung bringen. Ich werde meine Liebe opfern.

Aber nicht nur für unser Wohlergehen.«

Plötzlich kam wieder Leben in sie. Ihre Augen schossen Blitze. »Für meine Rache, Vater. Die Herren Eberstein werden ihr blaues Wunder erleben, wenn ich Gräfin bin. Sie werden den Tag bereuen, an dem sie mich zwangen, ja zu sagen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stand sie auf und verließ das Zimmer.


34

Als Rudolf von Eberstein am Abend nach Hause kam, war er guten Muts und froh gelaunt.

Charlotte Eck hatte ihn an diesem Nachmittag auf einem langen Ritt begleitet. Rudolf hatte wieder nicht mit seinen Anträgen gespart. Auf einer Lichtung hatten sie eine Pause eingelegt.

Während sie auf einem Baumstamm saßen, meinte sie:»Eigentlich müßte Eure Anhänglichkeit ja belohnt werden, Graf. Ich werde es mir nun wirklich ernsthaft überlegen.«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie in ein Lachen ausbrach, als wolle sie dem Gesagten das Gewicht nehmen.

Sonst war nichts Wichtiges auf dem Ritt geschehen. Aber Rudolf von Eberstein fühlte sich dennoch für seine Ausdauer belohnt. Was Charlotte da gesagt hatte, war etwas Konkretes, etwas Faßbares. Vielleicht konnte er darauf aufbauen.

»So heiter?« fragte der alte Graf. »Ja, ich habe auch allen Grund dazu.«

»Hihihi, sicher hast du den. In einigen Tagen werden wir um einige tausend Dukaten reicher sein. Vielleicht morgen schon, vielleicht schon heute.«

Rudolf reagierte gar nicht darauf. Doch dann fiel ihm plötzlich ein, daß sich Premierleutnant Baum heute morgen mit einem Détachement Reiter vom Exerziergelände entfernt hatte.

Bei seinem Schwadronschef hatte er sich mit dem Hinweis Urlaub geholt, daß er die Genehmigung von Major Eberstein habe. Gerade jetzt mußte Rudolf von Eberstein daran denken.

»Heute morgen ist etwas Komisches passiert, Papa«, sagte er.

»Ja?«

»Stell dir vor, Premierleutnant Baum ist mit einem Zug Dragoner davongeritten und hat sich bei seinem Schwadronschef darauf berufen, daß er von mir Befehl dazu habe. Eigentlich eine Unverschämtheit.«

»Laß ihn unbehelligt. Er ist ein tüchtiger junger Mann. Niemand hätte uns so gut helfen können wie er. Er hat seine paar hundert Dukaten verdient.«

»Wie bitte?«

»Nun wird es langsam Zeit, daß ich dir erzähle, was geschehen ist.«

Der alte Graf hielt es erst jetzt für nötig, seinem Sohn den ganzen Plan auseinanderzusetzen, mit dessen Ausführung heute morgen bereits begonnen worden war. Frohlockend endete er:

»Ich war natürlich nicht so verrückt, den Ring in der Schachtel zu lassen, als ich diese in der Kutsche des Juden versteckte. Der Ring liegt schön und wohlverwahrt in meinem Schreibtisch.

— Das war ein Schachzug, was?«

Rudolf von Eberstein blickte seinen Vater lange und nachdenklich an. Er wußte nicht recht, ob er weinen oder lachen sollte. Es war allerhand, was sich der Alte da geleistet hatte. Aber Rudolf hätte kein echter Eberstein sein müssen, wenn er in diesem Fall Skrupel gekannt hätte. Was bedeutete ihm letztlich und endlich das Wohlergehen einer Judenfamilie? Mochten sie zum Teufel gehen, diese Hebräer.

»Ich hoffe nur, daß der Alte nicht wirklich ihr Jawort bringt«, sagte er.

»Das glaube ich nicht. Er wird sein süßes Töchterchen mit einem erklecklichen Sümmchen loskaufen wollen. Aber den Schein müssen wir natürlich wahren. Immer weiter darauf bestehen.

Das ist es, was ich dir noch sagen wollte.«

Ein Diener trat ein und meldete den Besuch des Herrn Abraham Hirschfelder.

Die beiden sahen sich an.

»So schnell?« fragte Rudolf.»Hätte ich auch nicht gedacht. — Laß uns hören.«

Ohne die beiden adligen Gauner eines Blickes zu würdigen, trat Abraham Hirschfelder in den Raum. Er schritt bis zu dem Tisch hin und legte dann einen klingenden Beutel, der prall gefüllt war, auf die Tischplatte.

»Siebentausend Dukaten, Herr Graf. Wollt Ihr bitte zählen?«

»He, hm, hm, nein, nein, nicht nötig, mein Lieber. Sehr anständig von Euch, daß Ihr die dumme Sache so schnell aus der Welt schaffen wollt.«

»Und im übrigen«, fuhr Hirschfelder unberührt fort, »bringe ich das Jawort meiner Tochter. Den Termin der Verlobung mögen die Herren selbst bestimmen. Ihr werdet euch vorstellen können, daß meine Tochter die Aufregung nicht ohne jeden Schaden überstand. Sie war nahe an einem Nervenzusammenbruch. So schickte ich sie hinaus in unser Jagdhäuschen, wo sie sich in der Einsamkeit erholen kann. Ich möchte die Herren bitten, den Termin nicht zu früh zu setzen.«

Ohne guten Abend zu sagen verließ Hirschfelder das Haus.

Rudolf von Eberstein riß die Augen auf. Völlig verdutzt starrte er seinen Vater an. Auch dem Alten hatte es die Sprache verschlagen.

»Das geht ja Schlag auf Schlag«, meinte er.

»Das ist ein schöner Schlag«, sagte Rudolf von Eberstein nervös. »Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich diese Rachel heirate !«

»Hm, was sonst? Mit ihr erheiratest du ein Vermögen.«

»Du standest doch vorhin noch auf dem Standpunkt, daß eine eheliche Verbindung nicht unbedingt nötig sei.«

»Ja, vorhin, da dachte ich auch, daß der Alte es nicht so weit kommen lassen würde. Ich wollte nur, daß er bezahlt.«

»Und was jetzt?«

»Nun, um so besser. Nehmen wir die kleine Unannehmlichkeit mit in Kauf. Die Summen, die uns dann zur Verfügung stehen, werden dafür erheblich größer sein.«

»Zum Teufel«, rief Rudolf von Eberstein aufgebracht.

»Ich mache diesen Unsinn nicht mit. Ich werde Charlotte Eck heiraten, und wenn du dich auf den Kopf stellst !«

Der alte Graf kniff die Lippen zusammen. Dann ging er langsamen Schrittes auf seinen Sohn zu, bis er ihm Gesicht an Gesicht gegenüberstand.

»Du heiratest Rachel. Und damit basta. Nicht einen Dukaten von diesem Beutel bekommst du, wenn du deinen albernen Launen folgst.«

Rudolf war einen Schritt zurückgewichen. Er griff nach einem in der Nähe stehenden Weinglas und warf es auf den Boden, daß die Scherben klirrten. Dann wandte er sich um und rannte aus dem Zimmer.

Als er später im Bett lag, gingen und kamen die Gedanken. Er haßte die Mesalliance, die er eingehen sollte. Andererseits war er nicht Mann genug, um ernsthaft gegen die Wünsche seines Vaters zu opponieren. Von ihm war er abhängig. Nur mit seiner Hilfe war er ein Jemand, den die Gesellschaft achtete. Und er wußte, daß auf der anderen Seite der Vater auch alles für den Sohn tun würde. Der alte Eberstein liebte ihn eben auf seine Art. Die Liebe zu einer Frau war für den verbrecherischen Verstand des Alten eine solche Absurdität, daß er sie als Argument überhaupt nicht ernstlich in Betracht zog.

Als der Morgen graute, kam Rudolf von Eberstein eine Idee. Jawohl, so mußte es gehen. Hatte der Premierleutnant Baum seinem Vater geholfen, so mußte er jetzt ihm helfen. Rudolf von Eberstein bildete sich ein, doch klüger zu sein als sein Vater. Er würde jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: mehr Geld vom alten Hirschfelder einheimsen — und dabei die Tochter loswerden. —


35

»Erstes Détachement, rechts brecht ab, marsch!« kommandierte Richard Baum auf dem Exerzierfeld.

Die Reiter vollführten eine Schwenkung.

In diesem Augenblick kam ein Ordonnanzoffizier herangeritten. Er salutierte kurz vor dem Premierleutnant und sagte:

»Der Herr Major wünscht Euch zu sehen, Herr Premierleutnant.«

»Danke.«

Richard Baum übergab seinen Zug einem anderen Offizier. Dann setzte er seinem Pferd die Sporen in die Weichen und sprengte hinüber zu dem Hügel, auf dem Major Rudolf von Eberstein im allgemeinen hielt, um das Exerzieren seiner Abteilung zu überwachen.

»Befehl gehorsamst befolgt, Herr Major. Premierleutnant Baum zur Stelle«, meldete er sich.

Eberstein nickte.

»Begleitet mich ein Stück, Herr Baum. Ich habe mit Euch zu sprechen.«

Er lenkte sein Pferd von dem Hügel hinunter, und Baum setzte sich an seine Seite.

Als sie außer Hörweite der anderen waren, fragte Baum:

»Was gibt's?«

»Du mußt mir einen Gefallen tun, Richard. Es ist zwar eine heikle Sache, die ich mir da ausgedacht habe, aber es nützt nichts, sie muß durchgestanden werden.«

»Ich bin zu allem bereit«, lachte Baum. »Werde deinem alten Herrn nie vergessen, daß er mir vierhundert Dukaten geschenkt hat.«

»Hast sie reichlich verdient, alter Junge.«

»War weiß Gott nicht schwer, den alten Juden aus der Fassung zu bringen. Ist aber auch ein starkes Stück, daß er den Ring geklaut hat.«

Eberstein war verblüfft. Dann lachte er schallend auf. Teufel, sein alter Herr war doch aus ganz besonderem Holz geschnitzt. Er hatte es also fertiggebracht, Richard Baum glauben zu machen, daß der alte Abraham Hirschfelder tatsächlich ein Dieb war.

»Ein noch stärkeres Stück ist«, fuhr Eberstein fort, »daß mir mein Alter unbedingt diese Rachel als Frau aufzwingen will.«

»Ein hübsches Mädchen«, konstatierte Richard.

»Der Teufel soll sie holen! Ich will sie nicht. Aber ich will auch nicht riskieren, daß mich der alte Herr rausschmeißt. Ich habe hin und her überlegt, wie ich es deichseln könnte, daß ich dieser Ehe entgehe.«

»Ah, und dabei soll ich dir helfen?«

»Ja. Du mußt mir einfach helfen. Ohne dich bin ich aufgeschmissen.«

»Na, dann schieß mal los. Was an mir liegt, wird getan.«

»Paß auf . ..« Er entwickelte dem gespannt Lauschen-den einen raffiniert ausgedachten Plan, der dazu führen mußte, daß der alte Eberstein seinen Wunsch nach einer Verbindung zwischen ihm und Rachel Hirschfelder nicht aufrechterhalten konnte.

Überraschung spiegelte sich in den Zügen des jungen Baum.

»Ist das nicht eine sehr gewagte Sache, Rudolf?«

»Natürlich ist sie gewagt. Aber wenn du es recht bedenkst, was soll schon passieren?«

»Man könnte mich wegen Nötigung verklagen.«

»Ach, Unsinn«, lachte Eberstein. »Du glaubst doch nicht im Ernst, daß das Wort dieser Rachel vor Gericht — wenn es überhaupt dazu kommen sollte — mehr gilt, als das eines landgräflichen Offiziers?«

»Ich habe meine Zweifel.«

»Verlaß dich drauf, es wird gar nicht erst bis vors Gericht kommen. Wir haben ja immer noch den gestohlenen Ring als letzten Trumpf. Es wird ihnen nichts übrigbleiben, als zu schweigen.«

»Gut denn. Du bist mein Freund, und dein alter Herr ist mein Gönner. Ich mache mit. Wenn's schief geht, mach ich es genauso wie mein Vetter Michael und verziehe mich. Mit vierhundert Dukaten im Sack hat man für eine ganz schöne Strecke Wegzehrung.«

»Unsinn, ein solches Opfer würde ich nie von dir verlangen. Es wird gar nichts passieren.«

»Also gut, wann?«

»Sagen wir morgen am frühen Nachmittag.«


36

Seit dem Tag der für sie entsetzlichen Entscheidung wohnte Rachel mit zwei bediensteten Mädchen im Waldhäuschen am See. Ringsum war Stille. Ringsum war Frieden. Hier draußen in der Abgeschiedenheit gab es keine Erschütterungen. Es war der richtige Ort zum Meditieren.

Das Grün der Bäume und das stille Wasser des Sees wirkten beruhigend auf Rachel.

Nun war die große Entscheidung gefallen. Sie konnte nicht mehr zurück. Sie war aus der Stadt geflohen, um Jehu Rachmann, dem geliebten Musiker, nicht mehr vor die Augen treten zu müssen.

Nur ein Gefühl beherrschte sie, das Verlangen nach Rache, die sie an der Familie Ebersteins nehmen wollte.

Haß war in ihr, nur Haß, ein grenzenloser unbeschreiblicher Haß.

Es war Mittag geworden, als ihr die Köchin den Besuch eines jungen Offiziers meldete.

»Major von Eberstein?« fragte sie scharf.

»Nein, es ist ein anderer, viel jüngerer.«

»Ich lasse bitten.«

Herein trat Richard Baum.

»Ah, der Herr Premierleutnant. Ihr seid sicher gekommen, um mir Grüße Eures Vorgesetzten auszurichten?«

Baum machte ein bekümmertes Gesicht.

»Nein, gnädiges Fräulein, ganz im Gegenteil. Ich stehe hier in eigener Sache vor Euch. Ich bin gekommen, um Euch meiner tiefsten Anteilnahme zu versichern.«

»Ihr habt das schmutzige Spiel doch mitgespielt.«

»Nein, nein«, stotterte Baum. »Bei allem, was ich indieser Angelegenheit getan habe, habe ich mir nichts gedacht.«

»Und was wollt Ihr jetzt?«

Richard Baum hob den Blick und sah sie mit strahlenden Augen an.

»Ich wollte Euch sagen, daß — daß — daß — daß ich Euch liebe.«

Sie sah ihn an. Ihre Augen glichen Flammen. Ihre Lippen bebten.

»Unverschämter!« rief sie.

»Ich bin bereit, alles zu tun, um Euch zu helfen«, sagte Richard Baum mit schüchterner Stimme.

»Mir kann niemand mehr helfen.« Er breitete die Arme aus. »Flieht mit mir!«

»Fliehen? — Wie denkt Ihr Euch das? Und was wird aus meinen Eltern?«

Baum ließ die Schultern hängen. Darauf wußte er auch keine Antwort.

Auf der Konsole an der Wand stand eine Uhr und tickte. Immer wieder wanderten die Augen des Premierleutnants zum Zifferblatt. Fünf Minuten hatte er noch Zeit. In fünf Minuten würde Eberstein draußen stehen. Baum hatte keine Lust, seinen Besuch allzulange auszudehnen. Das, was er versprochen hatte mußte er ausführen.

Der junge leichtsinnige Bursche war sich bisher überhaupt noch nicht darüber klargeworden, welche Konsequenzen sein Tun einmal nach sich ziehen könnte. Er betrachtete alles mehr oder weniger als Spaß. Diese Hirschfelders waren gerade die richtige Familie, an der man seine Lausbubenstreiche auslassen konnte. Und wenn man dafür gar noch vierhundert Dukaten erhielt, so bedeuteten die noch Würze für diese Streiche.

»Nun, was wollt Ihr noch?« fragte Rachel scharf.

Die Uhr schlug zwei.

»Nichts mehr, gnädiges Fräulein. Ich möchte Euch nur bitten, mich aus dem Haus zu begleiten.

Draußen habe ich etwas sehr Wichtiges in der Satteltasche, was ich Euch gern zeigen möchte.«

»Könnt Ihr es nicht hereinholen?«

»Nein.«

»Nun, dann interessiert es mich nicht.«

»Bedaure, gnädiges Fräulein. — Ihr werdet es bereuen.«

Er wandte sich um und tat, als wollte er gehen.

Weshalb sollte sie nicht mit ihm hinausgehen? fragte sie sich. Vielleicht hatte er wirklich etwas Wichtiges. Vielleicht wollte er ihr tatsächlich helfen.

Sie lenkte ein.

»Seid mir nicht böse, Herr Premierleutnant. Ich wollte Euch nicht kränken. Die letzten Tage haben mich ein wenig verwirrt.«

»Aber, gnädiges Fräulein, ich habe großes Verständnis für Eure Sorgen. Und — ich — liebe Euch wirklich.«

Seine Augen strahlten soviel Offenheit aus, daß etwas wie Wärme in ihr aufkam.

»Ihr seid ein guter Mensch«, sagte sie.

Als sie sich zum Gehen wandten, bot er ihr seinen Arm. Ohne zu zögern nahm sie ihn. Er führte sie über die Schwelle hinaus in den Wald, wo, an einem Baum angebunden, sein Pferd stand. In der Nähe des Tieres verhielt er plötzlich den Schritt.

»Nun, was ist?« fragte sie.

»Oh, Rachel, wie ich dich liebe!« rief er laut aus undriß sie plötzlich in seine Arme. Sie fühlte seinen Mund auf ihren Lippen. Aber sie war viel zu verblüfft, um sich in diesem Augenblick zu wehren.

Das Bild, das die beiden einem fremden Beschauer bieten mußten, war vollkommene Harmonie, letztes Einverständnis.

Es dauerte Sekunden, bis Rachel erfaßte, was eigentlich geschehen war. Aber da war es schon zu spät. Eine zynische Stimme sagte in der Nähe: »Ach, das ist ja interessant! Deswegen also sträubt sich meine süße Braut, meine Frau zu werden.«

Die beiden fuhren auseinander. Hinter ihnen stand Major Rudolf von Eberstein.

Er beachtete Rachel gar nicht. Vielmehr wandte er sich scharf an Baum :

»So, mein lieber Premierleutnant, Ihr laßt Euch also Urlaub geben, um Eurem Abteilungskommandeur die Braut zu stehlen.«

Er wandte sich an Rache »Ich bin froh daß ich noch vor der Hochzeit Aufklärung über die wahren Neigungen meiner Braut erhalte.«

Rachel blickte von einem zum anderen. Sie war völlig fassungslos. Sie fand keine Erklärung für das, was sich soeben ereignet hatte. Da aber hörte sie Baum sagen:

»Ich werde meine Liebe gegen Euch und jedermann verteidigen, Herr Major. Wir sind uns einig.

Rachel und ich gehören zusammen.«

»So?« Ebersteins Hand fuhr zum Degenknauf. Dann blinkte die Waffe in der Sonne.

Auch Richard Baum war nicht müßig. Die Degen klirrten aneinander. Aber sie trafen sich stets nur in der Luft. Wäre jemand zugegen gewesen, der etwas vom Fechten verstand, so hätte er ohne weiteres bemerken müssen, daß er hier Zeuge einer Spiegelfechterei war.

Der Lärm war so stark, daß er auch die zwei Dienstmädchen aus dem Hause lockte. Unter Ah-und Oh-Geschrei sahen sie zu.

Eberstein trieb den Premierleutnant immer tiefer in den Wald hinein. Als sie außer Hörweite waren, sagte er:

»Ich bringe dir eine Schramme am Arm bei. Ein Stückchen Haut mußt du schon opfern, damit es echt aussieht.«

Baum nickte nur, und Ebersteins Klinge fuhr ihm so über das Handgelenk, daß plötzlich Blut aus einer Kratzwunde sickerte. Mit einem Aufschrei warf Baum den Degen zur Erde.

»Eigentlich sollte ich Euch erstechen!« brüllte Eberstein mit aller Kraft seiner Lungen. »Aber wir sind Offiziere des gleichen Regiments. Wir hätten erst ein Ehrengericht anrufen müssen.

Nun, das können wir nachträglich noch tun. Auf alle Fälle fordere ich weitere Genugtuung von Euch.«

Richard Baum verbeugte sich gemessen, wandte sich um und schritt zu seinem Pferd. Er stieg auf und jagte davon.

»Und nun zu Euch, meine Teure«, sagte Eberstein zu Rachel. »Ihr werdet mir wohl nicht zumuten wollen, das Liebchen eines meiner Offiziere zu heiraten, nicht wahr? Ich betrachte die Verlobung als gelöst. Ich möchte Euch jetzt schon auf die Folgen aufmerksam machen, die das haben wird.«

»Aber ich bitte Euch, Herr Graf«, rief Rachel ängstlich.

»Hört mich doch an. Der Premierleutnant hat mir diesen Kuß geraubt. Er tauchte hier plötzlich auf und begann ...«

»Ich darf mich verabschieden«, verbeugte sich Eber-stein kurz. Dann sprang er auf sein Pferd und ritt ebenfalls davon.

Rachel fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Was war nur geschehen? Wie kam dieser junge Schnösel, dieser Oberleutnant dazu, sie einfach zu umarmen? Und war es nicht verwunderlich, daß ausgerechnet in diesem Augenblick auch Graf Eberstein auftauchte?

Rachel beschloß, sofort zurück in die Stadt zu fahren. Der Vater mußte unterrichtet werden.


37

Unterdessen ritt Rudolf von Eberstein frohgemut dem Hause seines Vaters zu. Er fand den alten Herrn in der Bibliothek.

»Guten Tag, Papa, ich bin gekommen, um dir eine freudige Nachricht zu bringen.«

»Verflucht von Roßbach, immer zu, mein Junge.«

»Ich werde diese Rachel Hirschfelder nicht heiraten.«

»Bist du verrückt?«

»Nein, im Gegenteil, ganz normal. Oder würdest du eine Frau heiraten, die du soeben in den Armen eines anderen gefunden hast?«

»In den Armen eines anderen?«

»Ja, in Richard Baums Armen.«

»Ah, sieh da!« Der Alte lachte plötzlich schallend. »Das heißt, daß ich dem jungen Baum abermals vierhundert Dukaten zahlen muß, wie?«

»Er wäre dir sicherlich nicht böse dafür, Papa.«

»Ein Tausendsassa, der Bursche! Halte ihn dir gut als Freund. Einen besseren kannst du gar nicht finden. Na, nun werden wir dem alten Abraham mal ordentlich die Hölle heiß machen. Unter zwanzigtausend kommt er diesmal nicht davon.«

»Was wirst du tun?«

»Ich werde sofort anspannen lassen, um den alten Hirschfelder aufzusuchen.«

»Und ich habe nun mit dieser Sache nichts mehr zu tun, nicht wahr?«

»Das kann man noch nicht wissen. Zumindest werde ich ihm immer weiter die Pistole auf die Brust setzen, und ihm mitteilen, daß du es dir überlegt hättest und nach wie vor der Mann Racheis zu werden gedächtest.«

»Aber wozu?«

»Vielleicht legt er dann noch zehntausend Dukaten dazu.«

»Hoffentlich sagt sie nicht wieder ja.«

»Das glaube ich kaum.«


38

Obwohl sie einem völligen Nervenzusammenbruch nahe war, nahm sich Rachel gewaltsam zusammen und erreichte, völlig außer Atem und an allen Gliedern zitternd, das Haus ihrer Eltern, noch bevor der alte Eberstein angekommen war.

Sie stürzte in die Werkstatt ihres Vaters, wo dieser, tief über eine Arbeit gebeugt, hinter dem vergitterten Fenster saß.

Die beiden Gesellen sahen erstaunt auf.Ohne einen Gruß zu entbieten, stammelte das Mädchen:

»Komm bitte, Papa ! Gleich ! Komm bitte gleich heraus, ich muß dringend mit dir sprechen.«

Der alte Mann, nichts Gutes ahnend, erhob sich sofort.

Rachel rannte mit fliegendem Rock über den Hof, stürmte durch die Haustür und eilte atemlos die Treppe empor. Als sie in die Wohnung kam, hätte sie fast die Mutter umgestoßen.

»Aber Rachel, ich denke, du bist im Waldhaus. Wie kommst du...«

Sie ließ ihre Mutter nicht aussprechen. Sie riß die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters auf und ließ sich dort erschöpft in einen Sessel fallen. Es währte nur Minuten, dann trat auch Abraham ein.

Ohne große Umschweife fragte er:

»Was ist?«

Kaum der Stimme mächtig, berichtete ihm Rachel, was sich zugetragen hatte.

»Das — das — ist doch nicht möglich!«

Abraham Hirschfelder krallte seine Hände in die weichen Sessellehnen. Ein plötzliches Schwindelgefühl überfiel ihn.

»Doch, Papa. Genauso ist es gewesen.«

»Die Schufte! — Das ist abgekartetes Spiel.«

»Du mußt sofort Anzeige gegen Premierleutnant Baum erstatten.«

»Ja — ja. — Anzeige? — Nein. Denke an den Ring. Wir — wir sind in ihrer Hand. — Es ist furchtbar. — Mein Gott, mein Gott, womit haben wir das verdient?«

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen. Mit Anstrengung versuchte der alte Hirschfelder Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn.

Sein Herz arbeitete wie rasend.

Bald war er innerlich so weit, daß er für die allernächste Zukunft noch mit ganz anderen Dingen rechnete. Es hatte den Anschein, als wollten die Ebersteins ihn systematisch ruinieren, ihn und seine Familie.

In diesem Augenblick trat die Mutter ins Zimmer. Aber noch bevor sie die Tür hinter sich zuzog, donnerte unten der Klopfer gegen die Hauspforte.

Frau Judith wollte gerade eine Frage äußern, als man auch schon eine entfernte Stimme vernahm:

»Parbleu, melde Sie mich ihrem Herrn, aber schnell! Ich habe keine Zeit zu versäumen. Los, los, Sie Satansbraten, beeil« Sie sich.«

Man hörte eilige Schritte die Treppe heraufkommen. Es wurde zaghaft gegen die Tür geklopft.

Abraham Hirschfelder antwortete nicht. Seine Frau jedoch rief:

»Herein.«

Ein Mädchen trat ein und meldete den Besuch des Grafen von Eberstein.

»Ich lasse bitten«, sagte Abraham Hirschfelder gefaßt.

Es wäre gar nicht nötig gewesen, denn hinter dem Mädchen tauchte bereits das grinsende Gesicht des alten Grafen auf.

»Na, ja großartig. Treffe also die ganze Familie zusammen. Hat gut geschmeckt, das Küßchen vom Herrn Leutnant, wie, Fräulein Schwiegertochter?«

Rachel schnellte auf. Das war zuviel.

»Ihr seid ein Schurke !« rief sie wild. »Wieviel habt Ihr dem Premierleutnant dafür bezahlt?«

Dem Grafen gelang es, ein erstauntes Gesicht zu machen. Mit entrüsteter Stimme entgegnete er:

»Ich muß doch sehr bitten, meine Liebe! Konnte nicht ahnen, daß Ihr trotz Eurer Zusage für meinen Sohn eine solche Liaison habt.«

»Herr... !« brauste Abraham Hirschfelder auf. Zum erstenmal ging er aus seiner Reserve heraus.

Zum erstenmal war es ihm gleichgültig, was geschehen würde. Er dürstete geradezu nach Vergeltung.

Aber in der selbstsicheren Art eines erfahrenen Spekulanten meisterte der alte Graf auch das.

»Papperlapapp, spielt Euch nicht auf, Hirschfelder! Wißt genau, daß Ihr im Unrecht seid. Habe gedacht, Eure Tochter wäre ein passables Kind. Scheint aber nicht so, wenn sie nebenhinaus geht.«

Jetzt konnte Rachel nicht mehr an sich halten. Mit einem Laut, wie ihn zu Tode getroffene Tiere ausstoßen, stürzte sie sich auf den Grafen. Mit ihren kleinen Fäusten versuchte sie, auf ihn einzuschlagen.

Eberstein war so verblüfft, daß er vergaß, sich zu wehren. Er taumelte, als ihn die ersten Schläge am Kopf trafen. Dann begann er zu zetern:

»Hexe . .. kleines Biest. . .«

Dann, als er ihre Handgelenke endlich zu fassen bekommen hatte: »Richtige Frau für einen Dragoner. Draufgängerisch, parbleu, hat festes Fleisch, Euer Töchterchen, lecker wie junger Gänsebraten. Verflucht von Roßbach, wenn ich dreißig Jahre jünger wäre...«

Er stieß sie zurück. Taumelnd fiel sie in den Sessel, in dem sie bis vorhin gesessen hatte.

Sie blieb nicht dort, sondern raffte sich wieder auf. Die Eltern, die nichts anderes dachten, als daß sie sich jetzt wieder auf den Grafen werfen würde, versuchten, sie zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht halten. Sie riß sich los und stürzte an dem Grafen vorbei aus dem Zimmer.

Frau Judith stieß kleine spitze Schreie aus. Der Ausdruck maßlosen Entsetzens stand auf ihrem Gesicht. Angst um ihre Tochter würgte ihr die Kehle zu. Ohne den Grafen auch nur eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer, um nach Rachel zu sehen.

Von einem der Dienstmädchen erfuhr sie, daß ihre Tochter auf die Straße gestürmt war.

»Hihihi«, lachte der Graf, als er mit Abraham Hirschfelder allein im Zimmer war. »Nun, alter Herr, wie stellt Ihr Euch das Weitere vor? Ist doch ein verdammtes Ding, was sich Euer Fräulein Tochter da geleistet hat. Maitresse von einem Premierleutnant! Unerhörte Zumutung für meinen Sohn, parbleu.«

Abraham Hirschfelders Herz schlug wie ein rasender Hammer. Die Schwäche, die er schon vorhin in den Knien gespürt hatte, ließ ihn nicht mehr los. Nur mit Mühe hielt er sich noch aufrecht. Auf die Kanten des Schreibtisches gestützt, murmelte er:

»Was wollt Ihr? Sagt, was Ihr wollt.«

»Nun, nun, fallt mir nicht gleich um, müßt doch ein offenes Wort ertragen, wenn Ihr solche Brut in die Welt gesetzt habt.«

»Was wollt Ihr?« war das einzige, was Abraham flüstern konnte.

»Hochzeit zwischen Eurer Tochter und meinem Sohn kommt ja nun wohl nicht mehr in Frage.

Wollte das nur klarstellen. Um aber Skandal zu vermeiden, schlage ich Euch eine kleine Entschädigung für Rudolf vor.«»Wieviel?« hauchte Hirschfelder.

»Na, will großzügig sein, macht die dreißigtausend voll. Siebentausend habt Ihr schon bezahlt, für den Ring. Noch dreiundzwanzigtausend also. Will mich damit zufriedengeben.«

»Drei — und — dreiundzwanzigtausend?«

»Na, hört Mann, Kleinigkeit für Euern Geldbeutel.«

»Unmöglich!«

»Gut, könnt wählen. Entweder die Dukaten oder einen Prozeß.«

»Ich — ich — ich habe — keine dreiundzwanzigtausend Dukaten.«

»Wollt mir doch nicht weismachen, daß Ihr ein armer Mann seid?«

»Aber — aber — dreiundzwanzigtausend — — hat man doch nicht flüssig.«

»Ach so, Ihr habt nicht soviel Bargeld! Nun, parbleu, ich will großzügig sein. Sagt, wieviel Dukaten ich kassieren kann. Den Rest könnt Ihr entweder in Diamanten oder auch in baren Raten entrichten. Sollt wissen, daß die Ebersteins immer großzügige Leute sind.«

»Gut — gut«, flüsterte Hirschfelder mit letzter Anstrengung. »Ihr — Ihr — erhaltet — das Geld.«

»Wann?« fragte der Graf scharf.

Abraham wankte um seinen Schreibtisch herum, griff in die Lade, nahm einen Schlüssel heraus und ging hinüber, dorthin, wo der Sekretär stand. Er schloß ein Fach auf, nahm einen Beutel heraus und legte ihn mit zitternden Händen auf den Tisch.

»Das — das da — ist — ist alles, was ich an Barmitteln — zur Zeit im Hause habe.«

»Wieviel?« fragte der Graf.

»Achttausendzweihundertfünfzig.«

Der alte Eberstein nahm erfreut den Beutel auf. Mit zufriedenem Lächeln wog er ihn in der Hand.

»Nun«, meinte er, »achttausend sind ein hübsches Sümmchen. Bleiben noch fünfzehntausend.

Bin ein einsichtiger Mensch. Könnt Euch damit zwei Monate Zeit lassen.«

»Achttausendzweihundertfünfzig«, wandte Abraham Hirschfelder ein.

»Nicht doch, achttausend. Ein paar Dukaten Spesen müssen für mich schließlich auch abfallen.

— Habe immer gewußt, daß Ihr nicht kleinlich seid. Na, ist ja auch Eure Pflicht, den Ruf Eurer Tochter zu retten. — Grüß Gott.«

Polternd wandte er sich um und verließ das Zimmer.

Ein Stöhnen entrang sich der Brust des alten Hirschfelder. Rote Ringe tanzten vor seinen Augen.

Plötzlich vermeinte er die Decke auf sich zukommen zu sehen. Er wollte sich an dem Sekretär festhalten, griff jedoch ins Leere. Mit einem Aufschrei sank er zusammen.

In diesem Moment betrat Frau Judith das Zimmer. Erschrocken stürzte sie sich auf ihren Mann, als sie ihn am Boden liegen sah. Sie kniete neben ihm. Sie rüttelte ihn. Mit zarten Fingern strich sie ihm über die hohe, von Gram und Alter zerfurchte Stirn. Aber Abraham gab kein Lebenszeichen von sich.

Sofort schickte sie das Dienstmädchen zum Arzt.


39

In Jehu Rachmanns Zimmer im Krug sah es um diese Stunde nicht schön aus. Jehu, der Abend für Abend bis spät in die Nacht hinein in der Kneipe zum Tanz aufspielen mußte, pflegte sehr spät aufzustehen. Irgendwann mußte der Mensch schlafen.

Gerade war er dabei, sich den Bart zu schaben, als es ungestüm an seine Tür klopfte. Fast hätte sich der junge Musiker geschnitten. Er setzte das Messer ab und rief mit unwilliger Stimme :

»Herein.«

Die Tür sprang auf, und in ihrem Rahmen erschien Rachel.

Jehu Rachmann war starr.

»Du — du?« stammelte er.

Sie ließ sich weder von dem unaufgeräumten Zimmer, noch von dem halbeingeseiften Gesicht Jehus abschrecken. Die Tür hinter sich zuschlagend, stürzte sie dem erstaunten jungen Mann an die Brust und weinte hemmungslos.

Jehu wischte sich den Rest des Seifenschaums mit einem Handtuch aus dem Gesicht.

»Mein Gott, Rachel, was ist denn geschehen? — Ich war schon fast verzweifelt, daß ich dich so lange nicht sehen konnte. Wo hast du gesteckt?«

»Oh, Jehu«, weinte sie, »ich wollte dich eigentlich nie wiedersehen. Ich war im Haus im Wald.

Oh, es steht schlimm mit den Hirschfelders. Sie haben uns ruiniert, ruiniert.«

»Wer? - Was ist denn los?«

Rachel faßte sich nach einer Weile. Unter verzweifeltem Schluchzen erzählte sie ihm alles, was sich abgespielt hatte, seit sie sich zum letztenmal gesehen hatten.

Die Augen des jungen Musikers brannten, sie loderten förmlich vor Haß.

»Gibt es denn so etwas?«

»Oh, sie sind so schlecht. Ich habe noch nie niederträchtigere Menschen kennengelernt.«

Jehu stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. Er überlegte krampfhaft, wie er dem geliebten Mädchen und der ganzen Familie helfen könnte. Er wußte nur zu gut, daß er in den Augen der oberen Zehntausend von Kassel ein Nichts war. Seine Macht würde nicht entfernt so weit reichen wie die des Abraham Hirschfelder. Wer kannte Jehu Rachmann? Wer würde es überhaupt für der Mühe wert halten, sich mit seinen Klagen zu befassen, wenn er diese einem Gericht vortrug?

Verzweifelt fuhr er sich durch das dichte Haar. Dann faßte er einen Entschluß.

»Wenn ich schon keine direkte Hilfe leisten kann«, sagte er, »so will ich wenigstens mit dir zu deinen Eltern gehen. Wir wollen das Leid gemeinsam tragen. Vielleicht kann dein Vater einen jungen Mann zur Unterstützung gebrauchen. Es wird mir nichts zuviel sein, um euch zu helfen.«

— Er richtete sich zu voller Größe auf. —

»Der Herr möge sie verderben, die Rache ist Gottes.«

Rachel ging aus dem Zimmer. In der Gaststube wartete sie, bis Jehu fertig war. Dann liefen sie eiligen Schrittes durch die Straßen, bis sie zu Hause anlangten. Sie gingen die Treppe empor.

Rachel wollte die Köchin etwas fragen, als diese den Zeigefinger auf den Mund legte.»Sei ruhig, Rachel, Kind, der Doktor ist bei deinem l Vater. Es scheint ihm sehr schlecht zu gehen.«

»Was war?«

»Oh, deine Mutter fand ihn auf der Erde liegen. Wir hoben ihn auf das Bett, und das Mädchen holte den Arzt. Dann habe ich dich gesucht; aber ich konnte dich nicht finden.«

Sie warteten.

Nach geraumer Zeit, es mochte etwa eine halbe Stunde vergangen sein, öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer, und der alte Hausarzt trat heraus. Neben ihm, auf seinen Arm gestützt, wankte Frau Judith. Ihre sonst so lebhaften Augen glichen erloschenen Sternen. Nicht einmal die Kraft zu weinen hatte sie.

Rachel starrte sie entsetzt an. Mit einem Schritt war sie neben ihr.

»Was ist? — Mutter, so rede doch.«

Frau Judith schüttelte nur langsam den Kopf.

»Dein Vater, Rachel«, sagte der alte Arzt, »ist tot.«

»Nein! — Nein!« schrie Rachel. Dann preßte sie die Fäuste in die Augen. Wildes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Sie weinte hemmungslos.

Im letzten Moment gelang es Jehu, sie in seinen Armen aufzufangen, bevor sie zusammenbrach.


40

Jehu Rachmann mußte aufspielen. Er mußte auf dem alten Cembalo spielen. Er mußte immer spielen; denn es war sein Beruf zu spielen, sein Beruf und sein Brot.

Einer wie der Krugwirt kümmerte sich nicht um die zarten inneren Saiten eines Musikers.

Hauptsache, die Saiten des Instruments, das zur Unterhaltung der lustigen Gäste diente, waren in Ordnung.

Es war ungewöhnlich für dieses Jahrhundert, daß ein einzelner Musiker allein im Krug zum Tanz aufspielte. Noch dazu auf einem jener alten, tonfüllelosen Cembali.

Aber der Gedanke, den Alleinunterhalter für die Gäste zu spielen, war nicht dem Krugwirt gekommen, sondern Jehu selbst. Jehu war mit Bachs »Wohltemperiertem Klavier« aufgewachsen. Er war ein Individualist. Einst, als seine Eltern noch lebten, erschöpfte sich seine Vorstellung von der musikalischen Darstellung im Spiel des Solisten. Die Art, wie er Musik zu sehen gelernt hatte, hatte ihn unbewußt zum Individualisten gemacht.

Hatte ihn die Not schon gezwungen, um des Broterwerbs willen der leichten Muse zu huldigen, so wollte er wenigstens nicht fortwährend durch die Gegenwart anderer flöte- und geigespielender Musiker daran erinnert werden.

Vor zwei Jahren, als er nach Kassel gekommen war, hatte er seine Wanderschaft unterbrochen, weil dem Krugwirt und vor allem dessen Pflegetochter und Magd Maria sein Musizieren gefallen hatte. Wirt und Musiker waren sich einig geworden. Seit diesem Tag spielte Jehu Abend für Abend ohne Begleitung zum Tanz auf. Nur des Sonntags duldete er einen mehr schlechten als rechten Fiedler neben sich.

Nun, heute war ein ganz gewöhnlicher Wochentag. Gewöhnlich zumindest für die, die nicht die Schwere einer Last zu tragen hatten, wie sie auf den schwachen Schultern Jehus ruhte.

Er hatte im Hause der Hirschfelders noch abwarten können, bis Rachel wieder zu sich gekommen war. Dann stellte er erschrocken fest, daß es Zeit war, sich in den Krug zu begeben.

Die ersten Humpen mochten schon unter den Gästen kreisen.

Lachen, Schreien, Pfeifen und Schweißgestank füllten die Wirtsstube, als er eintrat. Ekel stieg ihm in die Kehle. Am liebsten hätte er sich umgedreht und wäre davongelaufen. Ein furchtbares Unglück war über die Familie des Mädchens hereingebrochen, das er liebte. Und er, er sollte heitere Weisen zum Tanz aufspielen.

Mit blassem Gesicht, ohne der wohlmeinenden Zurufe zu achten, die ihm von vielen Stammgästen entgegenschollen, wankte er hinüber, in jene Ecke, in der das Instrument stand.

Mit müden Bewegungen öffnete er es. Zögernd glitten seine Finger über die Tasten.

Automatisch griffen sie die Akkorde und Takte eines Tanzliedes. Aber Jehu war nicht bei der Sache. Seine Gedanken weilten nicht bei dem, was die Hände taten.

Ein Schleier zog sich vor seine Augen. Dann war es ihm, als sähe er den alten Hirschfelder aufgebahrt vor sich liegen, bleichen Angesichts, edel noch im Tode.

Wie eine verschwommene Vision tauchte das Innere eines Kirchenschiffes vor ihm auf. Da, über dem Eingang die Empore mit den langen, gewaltigen Pfeifen der Orgel, die durch das Dach bis in den Himmel zu streben schienen. Die brausenden Akkorde und die Läufe der Fugen Bachscher Schöpfung vereinigten sich zu einem himmelanstürmenden Orkan.

»He, Spielmann, was soll das Geklimper? Spielt was Vernünftiges.«

»Hahaha, er denkt, er ist in einer Kirche.«

»He, hallo, wir wollen keine Chorale hören.«

»Bist du nicht ein verdammter Jud und spielst christliche Musik?«

»Kruzitürken, laß das Gedudel. Wir wollen tanzen!«

So und ähnlich erscholl es plötzlich aus allen Ecken der Wirtsstube. Jehu brach sein Spiel ab.

Verwirrt blickte er um sich. Weshalb schimpfte man auf ihn?

Einer der Schreier kam heran, brachte einen Humpen Bier und stellte ihn auf das Cembalo.

Mit dröhnender Stimme meinte er:

»Spiel das Ding von der Hannerl und den Mannerln. Ich mag es halt.«

Nun erst wurde es Jehu Rachmann klar, daß er in die Wiedergabe Bachscher Musik verfallen war. Ohne es zu wollen, natürlich. Es war so über ihn gekommen. Er war ja auch nur ein Mensch. Und in ihm sah es heute eben nicht nach leichter Musik aus.

Er versuchte ein paar Takte des gewünschten Liedes. Plötzlich hieb er mit den Fäusten auf die Tastatur, daß derjenige, der das Bier gebracht hatte, erschrocken ein paar Schritte zurückwich.

Die Verzweiflung gewann plötzlich in Jehu die Oberhand, die Verzweiflung über sich selbst, die Verzweiflung über das Schicksal der Familie seiner geliebten Rachel, die Verzweiflung über seine Wehrlosigkeit gegen-über den Ebersteins und über die Schlechtigkeit der adligen Freibeuter.

Er fand keinen anderen Ausweg, als dieser Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Da es für ihn nur eine Möglichkeit des Ausdrucks gab, nämlich Musik, so dröhnte jetzt das altersschwache Cembalo unter dem wuchtigen Anschlag seiner Hände.

Das war zuviel des Guten. Waren die Gäste zu Anfang nur ein wenig ärgerlich gewesen, daß sie um den Genuß der gewohnten Musik kamen, so faßten sie das klassische Spiel des Musikers nunmehr als offene und bewußte Provokation auf. Eine vierschrötiger Schmied, der schon gewaltige Mengen Bier getrunken hatte, schob sich heran, legte Jehu seine Riesenpranken auf beide Schultern und zog ihn mit einem Ruck nach hinten, daß er rücklings vom Stuhl fiel.

Dröhnendes Lachen begleitete den rohen Streich.

In einer Ecke der Stube saßen sich an einem Tisch zwei Männer gegenüber. Es waren zwei Fremde, die heute nachmittag mit der Postkutsche gekommen waren und beim Krugwirt Wohnung genommen hatten. Die Haut des großen Bärtigen sah aus wie gegerbtes Leder. Über der Oberlippe prangte ein buschiger Schnurrbart. Kinn-und Backenpartie stachen merkwürdig von der Bräune des übrigen Gesichts ab. Sie waren viel heller, so, als habe der Mann bis vor kurzer Zeit einen Vollbart getragen. Er trank auch nicht wie die anderen Bier, sondern hatte einen Pokal mit Wein vor sich auf dem Tisch stehen. Neben dem Pokal aber lagen zwei mächtige Hände, gegen die die beiden des Schmiedes, der den schmächtigen Musiker soeben vom Stuhl gerissen hatte, wie Kinderhände schienen.

Diesem Mann gegenüber saß ein anderer, zarter in der Erscheinung, aber nicht schwächlich.

Auch seine Haut war braun. Auch er hatte dunkle Augen; aber sein Haar war im Gegensatz zu dem anderen nicht schwarz, sondern dunkelbraun. Sein Schnurrbärtchen war modisch gestutzt, wie es die vornehmen Spanier trugen. Im ganzen war er etwas kleiner als sein Gegenüber. Er besaß feingliedrige, nervige, aber nichtsdestoweniger kraftvolle Hände.

Die beiden Fremden hatten anfänglich den Musiker gar nicht beachtet, als dieser hereinkam.

Auch als er sein Spiel aufgenommen hatte, schenkten sie ihm keine besondere Aufmerksamkeit.

Als aber dann plötzlich eine Bachsche Fuge erklang, hob sich der Blick des vornehm aussehenden Fremden interessiert. Und als die Akkorde immer mächtiger wurden, als die Gäste Krach machten, als der Musikant dann trotzdem fortfuhr, Bach zu spielen, ließ er kein Auge mehr von dem Cembalisten.

Empörung trat in die, Augen des Fremden, als er sah, wie der vierschrötige Schmied den armen Musikus von seinem Schemel warf. Er erhob sich schnell und ging mit federnden Schritten auf den Rohling zu, der sich vor Lachen ausschütten wollte.

Der andere folgte ihm etwas schwerfälliger. Er war ein wahrer Riese. Keiner der Anwesenden mochte ihm auch nur bis zum Kinn reichen.

Der erste packte den Schmied beim Kragen, drehte ihn zu sich um und blitzte ihn mit zornigen Augen an.

»Weshalb tatet Ihr das?«

Der Schmied war verblüfft. Doch dann stemmte er die Hände in die Seiten und erwiderte frech:

»Was geht Euch das an, Ihr Klugschnabel? Meint Ihr, ich komme in den Krug, um mir das Geklimper von dem dreckigen Juden anzuhören?«

»Er spielt gut. Er ist ein großer Künstler. Und Ihr seid ein Hanswurst.«

»Nehmt das zurück!« rief der Schmied aufgebracht.

»Gern«, nickte der erste, »gleich, nachdem Ihr Euch bei dem Herrn Musikus entschuldigt habt.«

In der Stube herrschte Schweigen. Die Gäste witterten eine Sensation. Das war mal etwas anderes als die ewigen Gespräche über den Landgrafen, seinen Baumeister du Ry und die hohen Steuern, die man zahlen mußte.

»Ich — ich, der Schmied Peter Brumbach, soll mich bei diesem Lauser, bei diesem Tagedieb, bei diesem knoblauchfressenden Hebräer entschuldigen?«

Der andere zuckte die Schultern.

»Wenn Ihr das nicht tun wollt, so nehme ich auch nicht zurück, was ich gesagt habe.«

Der Schmied, der vor Verblüffung fast vergessen hatte, wie es eigentlich zu der Forderung des Fremden gekommen war, erinnerte sich jetzt wieder daran.

»Ich bestehe darauf, daß Ihr das zurücknehmt.«

»Besteht immerhin, es wird Euch nichts nützen.«

Der Fremde wandte sich dem Musiker zu, der sich mühselig wieder von der Erde aufrappelte.

»Hat Euch der grobschlächtige Bursche sehr weh getan?«

»Oh, Herr, zu gütig, daß Ihr Euch meiner annehmt. Aber es ist nicht der Rede wert. Ich werde hier oft beschimpft.«

»Weshalb geht Ihr dann nicht fort?«

Jehu Rachmann wurde rot. Er blickte zu Boden. Dann flüsterte er fast unhörbar:

»Jeder muß dort bleiben, wo er sein Brot findet.«

»Aber Ihr könnt doch viel mehr, als hier Tanzmusik machen !«

Noch ehe Jehu etwas erwidern konnte, wurde der Fremde von hinten gepackt. Der Schmied schien sich darauf besonnen zu haben, daß er sein Prestige nicht verlieren dürfe. Aber er hatte die Rechnung ohne den zweiten Mann gemacht. Der sah kaum, wie der Schmied nach dem Kragen seines Begleiters packte, als er ihn mit einem kurzen ausländischen Fluch zurückriß, und zwar so schwungvoll, daß der Schmied über eine Bank stolperte und der Länge nach über den Tisch fiel.

Dem Schmied traten die Augen aus den Höhlen. Das war ihm noch nicht passiert, daß jemand wie mit einem Federball mit ihm spielte. Im Aufstehen stürzte er sich auch schon auf den Mann, der es gewagt hatte ihn anzufassen.

»Du hast es gewagt, du Lauser, den Schmied Peter Brumbach anzufassen?«

Der Fremde schien nicht zu verstehen. Da wandte sich derjenige um, der noch mit Jehu sprach, und meinte:

»Mein Freund ist Eurer Sprache nicht mächtig. Aber eines will ich Euch sagen: wenn Ihr Euch nicht mucksmäuschenstill verhaltet, so werden morgen wunderschöne blaue Veilchen auf Euren Augen blühen.«

»Das mir?« brüllte der Schmied und wollte sich auf den Sprecher stürzen.

Da packte ihn der andere an Kragen und Hosenboden, hob ihn empor, schwang ihn wie ein kleines Kind über den Kopf, und plötzlich sauste der schwere Körper des Schmieds durch das Fenster, das in Scherben ging, und landete auf der Straße.

Jetzt begannen die übrigen Gäste Krach zu schlagen.Auch der Krugwirt kam wütend hinter seiner Theke hervor.

»Herr, Ihr habt mein Fenster zerbrochen. Ihr müßt es bezahlen.«

Der Deutschsprechende nickte nur, nahm einen Beutel hervor, zog ein Goldstück heraus und überreichte es dem Wirt.

»Genügt Euch das?«

»O — Herr — das — das ist viel zu —, das ist viel zu viel.«

»Behaltet es.«

Der Wirt machte einen tiefen Bückling. So spendable Gäste kamen selten in seinen Krug.

Der Fremde, der noch immer die dukatenträchtige Börse in der Hand hielt, wandte sich jetzt an die Gäste und meinte :

»Ich gebe eine Runde Freibier aus, wenn Ihr den Herrn Musikus ein wenig für mich spielen laßt.«

Der Unmut der anderen wandelte sich fast augenblicklich in jubelnde Zustimmung. Der Wirt und dessen Pflegetochter Maria, jenes Mädchen, das der Pfeifer damals vor der unflätigen Bedrängnis durch den Grafen Eberstein bewahrt hatte1, hatten alle Hände voll zu tun, um die Humpen zu füllen.

Jehu Rachmann stand etwas unglücklich abseits. Er glaubte nichts anderes, als daß man ihn nun hinauswerfen würde. Und dabei mußte doch das neue Hammerklavier aus Freiberg jeden Tag eintreffen. Oh, ein Unglück kommt selten allein. Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben.

Plötzlich rann eine Träne über seine Wange. Der heutige Tag hatte zuviel Aufregungen für ihn gebracht.

Der Fremde sah es, er war ehrlich bestürzt über die Traurigkeit des anderen.

»Was ist Euch?« fragte er voller Teilnahme.

Jehu schüttelte nur den Kopf.

»Wenn ich Euch zehn Dukaten gebe«, flüsterte der Fremde, »würdet Ihr dann für mich die Tokkata und Fuge in d-Moll spielen?«

Jehus Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Ein Mann, der Bach kannte, der ihn so sehr lieben mußte, daß er gleich zehn Dukaten für ein Stück von ihm bot, war in diesem Krug hier wahrscheinlich nur alle hundert Jahre einmal anzutreffen. Aber nicht das Geld reizte ihn, sondern die Freude, daß jemand bewußt zuhören wollte.

»Seid nicht böse, Herr, aber ich will Euer Geld nicht. Und wenn Ihr meint, daß Euch die fehlenden Manuale der Orgel beim Genuß der Tokkata und Fuge nicht stören, so will ich mein Bestes tun, um Euch das Stück so gut wie möglich wiederzugeben.« l Siehe »Der Pfeifer« Bd. l : »El Silbador«

»Ich bitte Euch darum.«

Jehu setzte sich. Der Fremde konnte sehen, wie er sich sammelte. Sogar das Lachen und Schwatzen der Zuschauer verstummte, als das Spiel aufklang. Trotz der schlechten, durch die Unzulänglichkeit des Instruments hervorgerufene Wiedergabe war der Fremde sichtlich beeindruckt. Als Jehu Rachmann mit geschlossenen Augen geendet hatte, bat er:

»Würdet Ihr so freundlich sein, an unserem Tisch Platz zu nehmen?«

Jehu öffnete die Augen. Dann meinte er zögernd :

»Ich weiß nicht — der Wirt —«»Einen Augenblick«, sagte der Fremde.

Er wandte sich an den Wirt, tuschelte einen Augenblick mit ihm, überreichte ihm abermals einen Golddukaten, und der Wirt nickte dem Musiker freundlich zu.

»Seht Ihr«, meinte der spendable Mann, »es läßt sich alles machen.«

Sie gingen zu dritt an den Tisch zurück, an dem die Fremden bisher gesessen hatten.

»Ich heiße Jehu Rachmann«, stellte sich der Musiker vor.

»Sehr angenehm«, lächelte der Fremde, »mein Name ist Miguel Árbol, und das ist mein Freund Díaz Ojo.«

»Wie ich aus euren Namen entnehme, seid ihr aus Spanien, meine Herren«, sagte Jehu Rachmann.

»Man kann so sagen«, antwortete Señor Árbol.

»Und was führt euch ausgerechnet nach Kassel?«

»Oh — nichts Wichtiges. Aber sprechen wir nicht von dem, was uns hierherführt, sondern von Euch.«

»Von mir gibt es eigentlich nichts, was des Erzählens wert wäre.«

»Ich glaube schon; ein Kneipenmusiker, der Bach so vollendet spielt, dürfte auch in Deutschland nicht zu den Alltäglichkeiten gehören, nicht wahr?«

Sie kamen ins Gespräch über die Musik. Für die nächste Viertelstunde war Bach das Hauptthema. Doch bald meinte der spanische Señor Árbol :

»Sagt, Herr Rachmann, gibt es wohl einen gemütlicheren Aufenthalt als diesen verräucherten Krug hier?«

»O ja, aber ich — ich — möchte dort nicht gern — hingehen.«

»Ihr seid natürlich eingeladen.«

»Das — — das — das ist — ist es nicht allein.«

»Wieso? Kann man in Kassel nicht hingehen, wohin man will?«

»Man kann schon. Aber es ist wohl so ein ungeschriebenes Gesetz, daß man, wenn man — wenn man — wenn man meinem Glauben angehört und außerdem noch kein Geld hat, die vornehmen Lokalitäten der Gesellschaft lieber meidet.«

»Ach ja, ich hörte ja bereits vorhin von dem Schmied, daß Ihr Israelit seid. Ist das ein Verbrechen hierzulande?«

»Nicht direkt. Aber unwillig angesehen wird man trotzdem.«

»Widerlich«, sagte Señor Árbol, »diese Arroganz und Überheblichkeit über Menschen anderer Art! Es ist schlimm. Ich habe sie auf der ganzen Welt gefunden. — Ich mache Euch einen Vorschlag. Gehen wir auf unser Zimmer. Der Wirt soll uns eine Karaffe Wein bringen. Ich möchte gern mit Euch plaudern. Oder seid Ihr müde?«

»Oh, nein«, lächelte Jehu Rachmann, »ich muß oft zum Tanz aufspielen, bis es hell wird.«

»Nun, dann gehen wir.«


41

Der Krugwirt hatte den beiden Fremden, die heute angekommen waren, sein bestes Zimmer gegeben.

Bald saßen die Señores und der junge Musiker in den Sesseln dieses Zimmers und unterhielten sich. Sie sprachen von Gott und der Welt.

Señor Árbol fragte später:

»Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieWände der übelriechenden Wirtsstube dort unten Bach nicht gerade oft zu hören bekommen.«

»Da habt Ihr recht. Aber es gibt Stunden im Leben, da ist es einem beim besten Willen einfach unmöglich, Tanzmusik zu spielen.« Seine großen, traurigen Augen waren auf Señor Árbol gerichtet.

»Ah, und solche Stunden habt Ihr heute hinter Euch?«

»Ja - leider.«

Da Jehu keine Anstalten machte, dem Fremden gegenüber seine Sorgen vorzutragen, fragte dieser nicht weiter. Es entstand eine Verlegenheitspause. Jehu Rachmann füllte sie aus, indem er seinen Tabaksbeutel hervorzog und den Fremden das duftende Kraut anbot.

Sie stopften sich die Pfeifen. Als sie eine Weile schweigend geraucht hatten, fragte Jehu :

»Schmeckt euch der Tabak?«

»Vorzüglich, Herr Rachmann, ich habe selten eine bessere Mischung geraucht.«

»Ich glaube, Ihr werdet sie auch nie wieder rauchen. Es ist die Spezialmischung, die man nur im Laden vom alten Andreas Baum bekommt. Ihr müßt nämlich wissen, daß er den Tabak selbst mischt. Er verwendet dazu duftende Krauter aus aller Welt.«

Señor Árbol nickte langsam und nachdenklich vor sich hin. »Dieser Andreas Baum, von dem Ihr soeben spracht, muß ein weltoffener Mann sein. Engstirnige Menschen vermögen es sicher nicht, eine solche Mischung zu treffen.«

»Oh, er ist bestimmt kein engstirniger Mensch.« Jehu wurde nachdenklich. »Ich will mich nicht selbst bemitleiden, meine Herren, aber er ist der einzige Mensch weit und breit, der mich behandelt wie seinesgleichen. Er ist freundlich und vermag traurige Menschen zu trösten, obgleich er vielleicht selbst den größten Trost nötig hätte.«

»Inwiefern?«

»Man sagt, daß er seinen Sohn, einen sehr hoffnungsvollen Sohn, verloren habe. Der Sohn war Soldat des Landgrafen, ist dann geflohen, hat sich eine Weile in der Welt herumgetrieben und ist dann umgekommen.«

»Umgekommen?«

»Ja. So jedenfalls geht das Gerücht. Maurische Piraten sollen ihn erschlagen haben.«

»Gestattet, daß ich das meinem Freund in seiner Muttersprache erzähle, er versteht nämlich nicht Deutsch.«

»Aber natürlich.«

Señor Árbol wandte sich an seinen Freund und sagte ein paar Worte auf spanisch.

Der andere stellte eine Gegenfrage. Árbol antwortete wieder.

So unterhielten sie sich eine Weile, bis sie zu einem Ergebnis gekommen schienen. Der Deutschsprechende wandte sich wieder an Jehu:

»Sagt, Herr Rachmann, wäret Ihr wohl bereit, dem alten Tabakhändler eine große Freude zu machen?«

Jehu blickte zwar etwas verständnislos drein, beeilte sich aber zu bejahen.

»Ihr wißt«, nahm Árbol wieder das Wort, »daß der Schreck töten kann, nicht wahr? Auch der freudige Schreck.«

»Ja.«

»Ihr werdet Euch also vorstellen können, ein wie großer Schock es für Andreas Baum wäre, wenn er erführe, daß sein Sohn noch lebt.«

Jehu sah Árbol erstaunt an.»Kennt Ihr denn den Sohn?«

Árbol nickte.

»Ich will Euch eine spannende Geschichte erzählen, wenn Ihr mir versprecht, daß Ihr zu jedermann darüber schweigen werdet.«

»Oh, ich bin das Schweigen gewöhnt«, sagte Jehu bitter. »Es gibt ohnehin nur wenige Leute, die sich für das interessieren, was ich sage.«

»Ich meine das nicht so, ich möchte nur, daß das, was ich Euch jetzt erzähle, nicht unrechten Menschen zu Ohren kommt. Es hängt sehr viel davon ab.«

»Ihr habt mein Wort.«

»Habt Ihr Fremdsprachen gelernt?« fragte Árbol zum Erstaunen des Musikers.

»Ja.«

»Des Spanischen seid Ihr nicht mächtig?«

»Leider nein. Ich kann nur Latein, Griechisch, Hebräisch und etwas Französisch.«

»Latein? — Das wird genügen. Erinnert Ihr Euch noch meines Namens?«

»Verzeiht, aber er klang so fremd, daß ich ihn mir nicht merken konnte.«

»Árbol.«

»Ganz recht, jetzt erinnere ich mich wieder.«

»Gut. Dann wechselt das L am Schluß gegen ein R aus. Welches lateinische Wort habt Ihr dann?«

»Arbor.«

»Gut«, lächelte der Fremde befriedigt, »die meisten spanischen Wörter sind lateinischen Ursprungs. Arbor und Árbol haben die gleiche Bedeutung. — Welche wohl — erinnert Ihr Euch?«

»Arbor heißt der Baum.«

»Richtig. Ihr seid ein gelehriger Schüler. Fällt Euch noch nichts auf?«

Jehu fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen.

»Nanntet Ihr Euch nicht mit dem Vornamen Miguel?«

»Ja. Das stimmt. Miguel Árbol.«

»Michael Baum — — beim gerechten Gott! — Ihr seid doch nicht der Sohn von Andreas?«

»Der bin ich.«

»Welch eine Überraschung!«

»Versteht Ihr jetzt, warum ich Euch um Verschwiegenheit bat?«

»Vollkommen. Dann stimmt das also nicht mit dem Gerücht?«

»Wie Ihr seht, nein. Ich nehme an, Graf Eberstein hat es ausgesetzt. Er ist einer der größten Lumpen, denen ich je auf Gottes Erdboden begegnet bin.«

Jehu Rachmanns Gesicht wurde leichenblaß.

»Sagtet Ihr Eberstein?«

»Ja. Kennt Ihr ihn?«

»Und ob. — Er hat den Vater meiner Braut auf dem Gewissen. Abraham Hirschfelder ist durch seine Gemeinheit in den Tod getrieben worden. Und zwar heute nachmittag. Deshalb konnte ich keine Tanzmusik spielen. Deshalb brauchte ich Bach. Zum Trost.«

»So treibt dieser Lumpenhund noch immer sein Unwesen?«

»Sein Vater, der alte Graf, ist der Mörder Hirschfelders.«

»Erzählt der Reihe nach«, sagte Michel.

Bis in die tiefe Nacht hinein lauschte der Heimgekehrte den Erzählungen des schmächtigen, langaufgeschossenen Musikers. Jede Einzelheit ließ er sich berichten. Es war sehr spät, als Jehu Rachmann mit erstickter Stimme zum Ende kam.

»Ich will Euch helfen«, sagte Michel. »Aber Ihr müßt mir vertrauen. Ich selbst allerdings brauche ebenfalls Hilfe. Wenn alles so wird, wie ich es mir vorstelle, werdet Ihr zum Schluß glücklich Eure Braut in die Arme schließen. — — Darf ich Euch meine Freundschaft anbieten?«

Glücklich, daß ein so weitgereister und offensichtlich vornehmer Mann wie Michel Baum ihm, dem halb Verachteten und halb Geduldeten, seine Freundschaft anbot, schlug er in die dargereichte Rechte ein.

Ojo hatte zwar nichts von dem Gespräch verstanden, schlug dem jungen Mann aber zum Zeichen seines Einverständnisses kräftig auf die Schulter und lachte mit dröhnendem Baß.

Auf der Bank vor seinem Laden saß paffend der alte Andreas Baum und sonnte sich. Wie alltäglich hatte er auch heute Gesellschaft. Neben ihm saß Charlotte Eck.

Die beiden waren in ein problematisches Gespräch vertieft.

»Was soll ich nur tun, Vater Baum, was ratet Ihr mir?«

Andreas zog heftig an seiner Pfeife. Charlotte tat ihm leid. Sie war ein junger Mensch. Nicht mehr so jung allerdings, daß man sie als Mädchen ansprechen konnte. Sie war sehr schön, hatte einen sauberen Charakter und mußte aller Wahrscheinlichkeit nach eine ausgezeichnete Frau abgeben. Das Thema war auch heute mittag wieder wie allmittäglich : Rudolf von Eberstein.

Charlotte konnte zu keinem Entschluß kommen. Der Graf drängte. Er wollte sie endlich heimführen.

»Ich muß dir immer wieder sagen, mein Kind, daß es für einen Dritten schwer ist, in dieser Hinsicht Ratschläge zu geben. Wirst du glücklich, dann ist es gut. Würdest du aber unglücklich werden, dann würde ich den Rest meines Lebens für dich mitleiden. Nein, mein Kind, das mußt du mit dir selbst abmachen, ganz allein mit dir selbst.«

»Können wir für einen Augenblick in den Laden gehen, Vater Baum?« fragte sie.

»Warum? Die Sonne wärmt doch so schön.«

»Ihr könnt mich für kindisch halten. Aber ich werde allein mit dieser Sache nicht fertig. Ich muß in den Laden.«

Ohne eine weitere Frage zu stellen, erfüllte ihr Vater Baum den Wunsch. Dann stand Charlotte vor dem an der Wand hängenden Degen Michels. Langsam, fast andächtig fuhr sie mit zwei Fingern ihrer rechten Hand über die Schneide. Ganz leicht streichelte sie den Degenknauf.

Plötzlich drehte sie sich um. Sie lächelte. »Ich glaube, ich habe mich entschieden.«

»Nun, Kind, dann wünsche ich dir alles Glück.«

»Nein, nicht so. Ich will ihn nicht, den Grafen. Ich werde für den Rest meines Lebens allein bleiben. Ich komme doch nicht von — von ihm« — sie deutete auf den Degen — »von ihm los, Michels Bild sitzt zu fest in mir.«

Andreas schluckte schwer. Aber dann sagte er fest: »Ich bewundere deine Treue. Man soll die Toten ehren; aber wenn man lebt und obendrein eine junge Frau ist, darf man sich nicht an die Erinnerung an Vergangenes verlieren.«

»Sorgt Euch nicht, Vater Baum. Wir werden weiter jeden Mittag plaudern. Aber das Kapitel Eberstein muß abgeschlossen werden. Ich werde ihm auch seine letzten Hoffnungen zerstören.«

Sie reichte ihm die Hand und verließ den Laden. Auf der Schwelle wäre sie fast mit Jehu Rachmann zusammengestoßen. Der stutzte, als er sie sah, blieb stehen, wollte etwas sagen, drängte die Worte, die ihm über die Lippen kommen wollten, jedoch zurück, grüßte nur höflich und ging an ihr vorbei.

»Guten Tag, Herr Baum. Nun, das Nickerchen in der Sonne schon beendet?«

»Ach ja«, lächelte der Alte, »mit dem Nickerchen will es in der letzten Zeit nicht mehr so recht klappen. Ich habe da ein rechtes Sorgenkind, dem ich gern helfen möchte; ich weiß aber nicht, wie.«

»Ihr meint Fräulein Eck?«

»Hm«, nickte der Alte. »Wieviel Tabak wollt Ihr heute haben?«

»Verzeiht, ich bin heute nicht gekommen, um Tabak zu kaufen. Ich — ich — wollte auch ein« wenig mit Euch plaudern.«

»Recht gern. Was gibt es Neues?«

»Sagt, Herr Baum, seid Ihr eigentlich ganz sicher, daß Euer Sohn damals tatsächlich umgekommen ist?«

Andreas machte große Augen. Er war es nicht gewöhnt, daß man auf so direkte Weise in seinem Kummer bohrte.

Fast ungehalten antwortete er:

»Ich muß es glauben, denn ein Augenzeuge hat es mir berichtet. Und dieser Augenzeuge war noch dazu der Freund Michels.«

»Und wenn dieser Augenzeuge gelogen hätte?«

»Dummes Geschwätz. Weshalb sollte er denn gelogen haben? Solche Dinge sind zu heilig, als daß man mit ihnen spielt.«

»Hm — hm — hm. Seid einmal ein ganz starker Mann. Werdet Ihr das können?«

Jetzt wurde Andreas Baum aufmerksam. Was wollte der junge Musiker von ihm?

»Ich habe vieles ertragen im Leben.«

»Dennoch, ein freudiger Schreck kann manchmal bedenkliche Wirkungen haben.«

»So sagt doch schon, was habt Ihr?«

»Seid Ihr auf alles gefaßt?«

»Ja.«

»Nun denn : Euer Sohn lebt.«

Andreas Baum hielt sich am Ladentisch fest. Seine Lippen zuckten. Aber noch immer stand ein wenig Mißtrauen in seinen Augenwinkeln.

»Und woher wißt Ihr das?«

»Im Krug wohnt ein Fremder. Der erzählte mir, daß er Euern Sohn vor langer Zeit einmal getroffen habe.«

»Vielleicht war das zu der Zeit, als Michel tatsächlich noch lebte.«

»Es ist fünf Jahre her.«

»Fünf — fünf Jahre? Seid Ihr sicher, daß sich der Fremde nicht geirrt hat? Weshalb kommt er nicht selbst?«

»Ihr müßt stark sein, Herr Baum. Euer Sohn kommt vielleicht in den nächsten Tagen in Kassel an.«

Andreas ließ sich langsam auf einen Stuhl sinken. Seine Blicke wanderten an dem Gesicht Jehus vorbei und blieben an dem an der Wand hängenden Degen haften. Dann wanderten sie zu dem Gesicht des jungen Mannes zurück und verweilten dort.

»Er kommt also zurück?«

»Ja. Werdet Ihr den Schreck überstehen?«

»Ihr habt mich ja gut vorbereitet«, lächelte Andreas jetzt.

»Ja — hm — ja, seht, das ist gar nicht so einfach. Fast ist mir vor Angst meine Kehle wie zugeschnürt; denn ich muß Euch jetzt noch mehr sagen.«

Der alte Andreas fuhr auf.

»So sprecht doch! Ich bin kein kleines Kind. Ist dem Jungen etwas zugestoßen?«

»Nein. Aber seine Ankunft könnte vielleicht noch früher liegen. Vielleicht — vielleicht — ist — er gar schon da.«

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Alten.

»Vielleicht?« fragte er aufgeregt. »Sagt doch, junger Mann, was Ihr wißt. Er ist schon da, nicht wahr? Weshalb kommt er nicht?«

Jehu atmete auf.

»Ihr habt recht, Herr Baum. Er ist da. Und er hat mich vorgeschickt, um Euch vorzubereiten. Er wollte die plötzliche Überraschung nicht riskieren. Außerdem läßt er Euch bitten, jedermann gegenüber Stillschweigen zu bewahren.«

»Er soll kommen! Er soll nur kommen, der Junge.«

»Am besten wird es sein, Ihr schließt den Laden und geht in die Wohnung. Er wird nicht lange auf sich warten lassen.«

»Ja, ja«, antwortete Andreas hastig. »Geht zu ihm. junger Mann, geht zu ihm und sagt ihm, daß ich ihn mit großer Ungeduld erwarte. — So geht doch schon!«

Jehu nickte und verließ eilig den Laden.


42

»Eskadron — links brecht ab, marsch! Wachtmeister, abrücken zum Stalldienst!« rief Richard Baum. Er selbst wandte sein Pferd und ritt dem Hügel zu, auf dem Major von Eberstein hielt.

Mit einer Handbewegung entließ dieser die ihn umgebenden Offiziere. Dann ritten die beiden nebeneinander her.

»Höre, Richard, du mußt mir heute nochmals einen Freundschaftsdienst erweisen«, meinte Eberstein.

Richard Baum schüttelte den Kopf.

»Nein, das kannst du nicht von mir verlangen. Der Schreck steckt mir noch in allen Gliedern. Es ist doch ein starkes Stück, was sich dein Alter da geleistet hat. Man kann vieles riskieren; aber man darf doch einen Menschen nicht in den Tod treiben.«

»Mein Gott, Abraham Hirschfelder war alt und schwach. Was kann schließlich mein Vater dafür, wenn ihn der Schlag traf?«

»Darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist; aber ich bin mir doch klar darüber, daß der alte Jude unseren Trick durchschaute. Wahrscheinlich war er so entsetzt, daß er — daß er —, ich wage es kaum auszusprechen.«

»Herrgott, hör doch damit auf! Geschehen ist geschehen. Wir können es nicht ändern. Trotzdem mußt du mir noch einmal helfen. Deinem Geschick ist es zu verdanken, daß ich auf verhältnismäßig leichte Weise von der kleinen Jüdin loskam. Alles in mir drängt zu Charlotte Eck. Das weißt du. Sie muß meine Frau werden.«

»Was kann ich dabei tun?«

»Wir spielen dieselbe Rolle noch einmal; aber diesmal mit vertauschten Akteuren. Ich werde sie nachher abholen. Dann werde ich mit ihr ausreifen. Dort, wo der Reitweg in den Park einmündet, hältst du dich verborgen. Ich werde Charlotte auffordern abzusteigen, um ein Stück zu Fuß neben ihr herzugehen. Dann, wenn die Gelegenheit passend ist, nehme ich sie in meine Arme und küsse sie. Das ist der Moment deines Auftritts. Du erscheinst wie zufällig und gratulierst uns zur Verlobung. Sie wird eine Kompromittierung nicht in Kauf nehmen; denn sie wird sich sagen, daß du im Offizierskorps nicht den Mund halten wirst. So werde ich endlich ihr Jawort erhalten.

Daß ich es nicht anders bekommen kann, ist ja nur ihrer Unentschlossenheit zuzuschreiben. In Wirklichkeit liebt sie mich ja.«

»Methoden hast du«, sagte Richard Baum, und er konnte nicht verhindern, daß ein Ton der Bewunderung in seiner Stimme mitschwang.

»Tust du mir den Gefallen nun?«

»Meinetwegen. Aber verlaß dich drauf, es ist der letzte dieser Art.«

»Bestimmt«, sagte Rudolf von Eberstein.

Noch einmal besprachen sie alle Einzelheiten des Plans. Sie legten die ungefähre Zeit fest.

Dann trennten sie sich.


43

Andreas Baum unterbrach seine unruhige Wanderung. Für einen Augenblick stockte sein Herzschlag. Unten war, zaghaft fast, der Türklopfer in Bewegung gesetzt worden.

Andreas atmete ein paarmal tief, um seine Ruhe wiederzufinden. Dennoch vollführte sein Herz rasende Schläge, die ihm einen regelrechten physischen Schmerz bereiteten.

Er lauschte. Aber das Klopfen wiederholte sich nicht. Er straffte seine Gestalt. Er verschränkte seine Hände auf dem Rücken, um ihr Zittern zu unterbinden.

Dann endlich ging er die wenigen Stufen der Treppe hinab.

Er öffnete die Haustür — und starrte in ein fremdes, von Wind und Sonne gegerbtes Gesicht.

Aber es war keine anhaltende Fremdheit. Des Vaters Herz erkannte sein eigen Fleisch und Blut auch durch die veränderte Hülle.

»Vater«, kam das Wort von Michels Lippen, das er fast für ein Jahrzehnt nicht mehr ausgesprochen hatte. Es lag der ganze Ausdruck einer zitternden Seele darin. Es klang und wurde ausgesprochen wie ein Begriff höchster sprachlicher Kostbarkeit. Für Michel hatte das Wort in diesem Augenblick die tiefste Bedeutung.

Er trat ein und drückte die Tür hinter sich ins Schloß. Die beiden Männer standen sich für eine Sekunde stumm gegenüber. Andreas' Lippen bebten in verhaltenem Schluchzen. Dann löste sich ein Tränenstrom und rollte über die alten, zerfurchten Wangen.

»Mein Junge«, stammelte der alte Mund.Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Um sie herum versank die Wirklichkeit.

»Daß ich dich wiederhabe —, oh, daß ich dich wiederhabe, mein Junge«, murmelten die Lippen des alten Baum unaufhörlich.

Arm in Arm gingen sie die schmale Stiege empor. »Setz dich, Michel, mein Junge.«

Michel folgte dieser Aufforderung stumm. Der Vater stellte eine Flasche auf den Tisch. Das Zittern seiner Hände hatte aufgehört. Mit festem Griff nahm er zwei Römer aus dem Schrank.

Bald funkelte alter Falerner darin.

Beide hoben die Gläser. Andreas sagte: »Willkommen in der Heimat, mein Junge!«

In seiner Stimme klang eine innerliche Feierlichkeit mit.

Sie tranken. Das Erlebnis der Rückkehr klang noch so stark nach, daß keiner von ihnen das Bedürfnis fühlte zu sprechen. Erst, als der Wein die Zungen löste, begann Andreas :

»Es muß eine ganz besondere Gnade Gottes sein, daß er dich mir wieder geschenkt hat.

Jahrelang hielt ich dich für tot.«

»Man sagt«, lächelte Michel, »die Totgesagten leben besonders lange.«

Andreas nickte gedankenvoll.

»Keine Lüge auf der Welt ist so fein gesponnen, daß sie nicht eines Tages zerreißt. Aber warum Rudolf von Eberstein mir das angetan hat, ist mir unerklärlich.«

»Er ist schlecht«, sagte Michel, »durch und durch schlecht. Ich bin weder ein Moralprediger noch ein kleinlicher Mensch geworden in den zurückliegenden Jahren; aber nie war mein Gefühl für die Schlechtigkeit eines anderen so groß wie gerade jetzt. Und es ist ja nicht nur unsere Familie, der durch die Ebersteins Unglück widerfahren ist. Gerade jetzt haben sie, wie ich gestern abend hörte, ein neues Verbrechen auf ihre Seele geladen.«

»Verderben wir uns nicht die erste halbe Stunde unseres Wiedersehens durch ein Gespräch über diese Leute. — Sage mir, mein Junge, wie ist es dir ergangen? Waren die Jahre schlimm? Haben sie dich zerstört? Haben sie dich aufgebaut? Sind es verlorene Jahre? Oder waren sie für dein inneres Wachstum wertvoll?«

»Für einen Baum«, erwiderte Michel, »ist ein Jahrzehnt keine verlorene Zeit. Es fördert sein Wachstum, es kräftigt seine Rinde und klärt sein ungebändigtes Geäst, indem es armstarke Zweige wachsen läßt. Das einzige Schmerzliche an den vergangenen zehn Jahren war der Mangel an einer Verbindung mit dem Ursprung. Aber wie sollte ich aus der Wildnis, von der anderen Seite der Erde, aus den Dschungeln Indiens und Südafrikas Nachricht an dich schicken?

Es war nicht immer leicht. Freilich, der Körper hat alle Strapazen überstanden. Aber ob Geist und Seele auch, das vermag ich heute noch nicht zu sagen.«

»Du hast die Welt gesehen, mein Junge, und das ist viel.«

Michel nickte.

»Es ist sehr viel. Es ist eigentlich viel mehr, als ein normaler Mensch zu verarbeiten vermag.«

»Damals, nachdem du gegangen bist, dachte ich, dein Ziel wäre Amerika. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß dich der Weg des Schicksals bis in die fernsten Gefilde unserer Erde führen würde.«

»Daß ich Amerika nicht erreichte, lag nicht an meinem Willen, sondern an den tausend widrigen Umständen, diemich immer wieder von seinen Küsten ferngehalten haben. Wäre ich ein Mohammedaner«, lächelte Michel, »so würde ich glauben, daß es mir im Buch Allahs vorbestimmt sei, Amerika niemals zu erreichen. Nun, ich werde hinkommen. Das Schiff eines bekannten Kapitäns wartet in Hamburg auf mich.«

Traurigkeit zeichnete sich auf dem Gesicht des Vaters ab.

»Das heißt, daß du mich bald wieder verläßt?«

Michel nickte.

»Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben; denn ich denke, daß die Desertion eines Soldaten auch in zehn Jahren nicht verjährt. Wenn Eberstein zum Beispiel merkt, daß ich wieder in Kassel bin, wird er keine Minute ungenutzt lassen, um mich hinter Schloß und Riegel zu bringen oder — gar noch Schlimmeres.«

Andreas nickte.

»Daran habe ich in diesem Augenblick nicht gedacht. Tja, deine Flucht ist also noch nicht zu Ende. Nun, diesmal lasse ich dich freudig gehen. Habe ich doch die Gewißheit, daß du lebst und daß du dir irgendwo in einer freieren Welt ein eigenes Leben aufbauen wirst.«

»Ja, und hinzukommt, daß es von Amerika aus leichter sein wird, mit dir brieflich in Verbindung zu treten, Vater.«

»Du hättest dich nicht einer Gefahr aussetzen sollen, indem du hierhergekommen bist. Mir hätte es genügt, wenn irgend jemand eine Nachricht gebracht hätte, aus der ich ersehen hätte, daß du lebst. Aber — aber — ich denke, es gibt wohl noch einen anderen Grund als nur deinen Vater, nicht wahr?«

Andreas lächelte ermunternd. »Und ich glaube, du bist noch zur rechten Zeit gekommen, mein Junge. Seit Jahren schon macht Eberstein Charlotte den Hof. Erfolglos allerdings. Es sind noch nicht zwei Stunden her, daß sie bei mir war und mir versicherte, sie würde ihn nicht heiraten. Sie hat in all den Jahren ein besseres Gefühl für seinen wahren Charakter bewiesen als ich; denn ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich ihm alles geglaubt habe, was er mir sagte. Er ist ein grandioser Schauspieler. Als er mir den Degen wiederbrachte, den ich dir einst auf die Reise mitgab, als er mir vom Tode erzählte, der dich an seiner Seite kämpfend ereilte, da übermannte ihn selbst die Erinnerung an jene Szene, und die Erschütterung schnitt ihm die Sprache ab. Es war so echt, daß ich nicht daran zweifeln konnte.«

Michels Miene verfinsterte sich.

»Er ist ein Teufel. Er geht nicht nur über Leichen, sondern er zertritt rücksichtslos Seelen, wenn es ihm von Nutzen erscheint. Er erzählte offensichtlich dieses Märchen doch nur, um Charlotte klarzumachen, daß ich nie wiederkehren würde und sich durch die angebliche Freundschaft mit mir ein Ansehen bei Charlotte zu verschaffen, das ihm nicht zukommt. Nun, ich werde mit ihm abrechnen.«

»Willst du ihn töten? Das kannst du nicht, Junge. Du bist hier nicht unter Wilden, du bist nicht in Afrika. Man würde dich wegen Mordes verfolgen.«

»Keine Sorge, Vater. Ich habe noch nie aus Rache oder aus dem Drang nach Vergeltung einen Menschen getötet. Auch die Afrikaner oder die Südsee-Insulaner sind Menschen. Und wenn mich auch das Gesetz wegen ihrer Tötung nicht belangen würde, so doch mein eigenes Gewissen. — Nein, ich will Eberstein nicht ans Leben. Aber einen Denkzettel muß er erhalten.

Ich würde mit den ordentlichen Gerichten wegen Verleumdung gegen ihnvorgehen, wenn ich nicht selbst ein Verfolgter wäre. Aber ich glaube, auch ohnedies würde ich kein Recht bekommen; denn viel scheint sich ja in den Jahren während meiner Abwesenheit nicht geändert zu haben. Wahrscheinlich herrschen noch die alten Vorurteile, wahrscheinlich ist der einfache Bürger noch immer Mensch zweiter Klasse, und vermutlich haben die Grafen und Fürsten nach wie vor das Heft in der Hand.«

Andreas Baum nickte.

»Du hast leider recht, mein Sohn. Und ich glaube, weder du noch ich werden es erleben, daß es hier bei uns anders wird. Viele Jahre werden noch darüber hingehen.«

Andreas schenkte die Gläser wieder voll.

»Es ist ein Unglück, daß ich meinen Freund nicht mitgebracht habe«, lächelte Michel, »er sitzt beim Krugwirt und trinkt schlechtes Bier. Dabei würde er seine Seligkeit für ein gutes Glas Wein hergeben.«

»Weshalb hast du ihn nicht mitgebracht?«

»Diese Stunde sollte nur dir und mir gehören, Vater.«

»Recht, mein Junge, aber nun kannst du ihn holen. Im Haus ist Platz genug. Solange ihr hier seid, müßt ihr bei mir wohnen.«

»Ich glaube, ich werde in den nächsten Stunden noch etwas anderes zu erledigen haben. Erlaubst du, Vater, daß ich mich entferne? Ich möchte — ich möchte — Charlotte aufsuchen.«

»Natürlich, mein Junge. Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt als einen Menschen, den man liebt. Geh hin und hol sie dir. Sie hat es verdient. Wirst du sie mitnehmen nach Amerika?«

Michel nickte.

»Wenn sie mitgeht.«

Michel erhob sich. Sie gingen hinunter. Bevor er sich jedoch von seinem Vater verabschiedete, meinte er:

»Ich möchte gern noch einen Blick in den kleinen Laden werfen. Wie oft habe ich ihn mir vorgestellt ! Wie oft habe ich an die vielen tönernen Dosen gedacht, in denen du deinen Tabak mischtest ! Sieht er noch so aus wie früher?«

Andreas nickte und schloß die Tür auf. Sie traten ein. Langsam ließ Michel seinen Blick umherschweifen. Doch plötzlich blieb er an dem Degen haften, der seinen Platz an der Wand hatte. Mit einem Schritt war er dort und nahm ihn in die Hand.

»Darf ich ihn mitnehmen, wenn ich nach Amerika gehe?«

»Natürlich, mein Junge. Ich bin zu alt, um ihn zu gebrauchen.«

Michel hängte ihn wieder auf, und dann ging er. — Je näher er dem Eckschen Hause kam, um so schneller wurden seine Schritte. Sein Herz klopfte. Würde ihn Charlotte wiedererkennen? Würde sie noch dasselbe für ihn fühlen wie vor zehn Jahren? Was mochten die alten Ecks sagen, wenn er plötzlich vor ihnen stand?

Fast hatte er das Haus erreicht, als er einen Reiter und eine Reiterin aus dem Hoftor kommen sah. Zuerst nahm er weiter keine Notiz davon. Aber dann elektrisierte ihn die Stimme der Frau.

Dann klang die des Mannes an sein Ohr, und nun erkannte er die beiden.

Es waren Rudolf von Eberstein und Charlotte.

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Schnell trat er in den Schatten eines Baumes, so daß ihn die Reiter nicht sehen konnten. Im Schritt gingen die Pferde an ihm vorbei. Wortfetzen klangen zu ihm herüber.

»So bitter es für Euch sein mag«, hörte er Charlotte sagen, »Ihr müßt auf mich verzichten. Ich habe es mir reiflich überlegt und lange darüber nachgedacht, ich kann Euch nicht heiraten.

Meine Erinnerungen sind noch zu frisch und lebendig.«

»Aber einmal müßt Ihr diesen Schemen doch aus Euerm Herzen lösen. Ihr könnt doch nicht ewig einem Traumbild nachjagen«, sagte Eberstein verzweifelt.

Michel sah noch, wie Charlotte den Kopf schüttelte. Dann waren sie außer Hörweite, Sein Herz tat einen kräftigen Schlag. Er stand eine Weile unschlüssig und überlegte, ob er zuerst die alten Ecks besuchen sollte. Aber irgend etwas war in ihm, was ihn mit Macht zwang, den langsam Dahinreitenden mit Abstand zu folgen. Er wandte sich zum Gehen.


44

Charlotte und Eberstein nahmen Richtung auf die Stelle, die der Graf und Premierleutnant Baum zur Ausführung ihres Vorhabens ausgesucht hatten.

Die Pferde gingen immer ruhigen Schritts weiter. Die Glockenschläge der Sankt Martinskirche verrieten Eberstein, daß er sich noch Zeit lassen konnte. Sie nahmen ihren Weg am Ufer der Fulda entlang, die links und rechts von dichtem Gebüsch gesäumt war.

Nachdem Eberstein eine Weile verstockt geschwiegen hatte, redete er jetzt um so heftiger auf Charlotte ein. Er verstieg sich sogar zu Vorwürfen.

»Ich mache mich bei den Herren des Offizierskorps schon langsam lächerlich mit meiner erfolglosen Werbung. Und für einen Mann in meiner Stellung gibt es nichts Schlimmeres, als lächerlich zu sein.«

Charlotte runzelte ganz leicht die Stirn.

»Soll das eine Erpressung sein«, fragte sie.

»Um Gottes willen, faßt es nicht falsch auf«, versicherte ihr Eberstein. »Ihr sollt lediglich wissen, wie sehr ich um Euch leide.«

»Das ist einzig und allein Euer eigenes Pech, Graf«, erwiderte sie, und es lag leichter Spott in ihrer Stimme. »Aber es soll nicht an mir liegen, wenn dieses Leiden fortgesetzt wird. Gebt endlich den Wunsch auf, mich zur Frau zu gewinnen, und Ihr seid Meister der Situation.«

»Ich kann nicht«, erwiderte Eberstein und vergaß nicht, seiner Stimme einen traurigen Ausdruck zu verleihen.

»Nun, wenn Ihr nicht könnt, ich kann. Wir wollen nicht als Feinde auseinandergehen. Ihr wart der Freund Michel Baums, und als solchen will ich Euch betrachten. Scheiden wir ohne Bitterkeit. Nehmen wir diese Stunde als Stunde des Abschieds.«

»Niemals.«

»Doch, um Eurer selbst willen muß es sein.«

»Nehmt keine Rücksicht auf mich, Charlotte.«

Sie blickte erstaunt zu ihm hinüber.

»Indirekt habt Ihr es doch soeben noch verlangt.«

»Es war nicht so gemeint. Ich bin schon froh, wenn ich hin und wieder eine Stunde mit Euch ausreiten darf.«

Sie schwiegen. In einem Bogen ritten sie jetzt vom Ufer der Fulda weg dem Eingang des Parks zu.

Als sie ihn fast erreicht hatten, zügelte Eberstein sein Pferd und stieg ab.

»Weshalb steigt Ihr ab?« fragte Charlotte verwundert.

»Ich möchte Euch bitten, es ebenfalls zu tun. Ich habedas Bedürfnis, ein wenig an Eurer Seite zu schreiten -auch wenn es hoffnungslos ist.« Charlotte schüttelte den Kopf.

»Ihr seid kindisch, Graf. Seid doch ehrlich vor Euch selbst. Ihr liebt mich doch gar nicht. Eure Bemühungen gelten auch nicht mir, der Charlotte Eck, sondern der einstigen Freundin Eures Freundes Baum. Der Himmel mag wissen, weshalb Ihr Euch verpflichtet fühlt, Michels Stelle bei mir einzunehmen.«

Eberstein reagierte nicht auf das, was sie gesagt hatte. »Tut mir doch den Gefallen, steigt auch ein wenig ab.«

Er trat dicht an ihr Pferd heran und half ihr galant aus dem Sattel. Sie gingen nebeneinander her und führten die Tiere am Zügel.

Als sie den Parkeingang erreicht hatten, jene Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, verhielt Eberstein den Schritt.

Langsam wandte er sich zu ihr. Wieder schlug die Glocke der Sankt Martinskirche. Es war der richtige Zeitpunkt.

»Weshalb bleibt Ihr hier stehen?« fragte Charlotte.

»Charlotte«, hauchte er, »ich — ich — ich liebe Euch wahnsinnig.«

Ein irres Feuer brannte in seinen Augen. Charlotte trat erschrocken einen kleinen Schritt zurück.

Aber da war er schon bei ihr. Mit Gewalt riß er sie in seine Arme und preßte seinen Mund auf den ihren.

Charlotte war so fassungslos, daß sie im ersten Augenblick vergaß, Widerstand zu leisten. Dann aber bekam sie ihre Fäuste frei.

Jedoch war es zur Gegenwehr schon zu spät; denn in diesem Augenblick sagte eine Stimme:

»Oh — ist es denn möglich! Meinen herzlichsten Glückwunsch!«

Neben ihnen stand Richard Baum. Sein Jungengesicht war zu einem breiten Lachen verzogen. Er dachte gar nicht daran, sich diskret zurückzuziehen, sondern streckte die Hände aus: Charlotte und Eberstein fuhren auseinander.

»Darf man als erster gratulieren?« fragte Richard Baum.

»Ihr dürft«, gestand Eberstein zu.

Die beiden Gauner schüttelten sich die Hände.

»Und Euch, gnädiges Fräulein«, wandte sich der Premierleutnant an Charlotte.

Charlotte stand da, blaß, mit weißen Lippen und mit einer steilen Falte über der Nase.

»Es ist unerhört, Graf«, rief sie, »was Ihr Euch da erlaubt habt!«

»Das finde ich auch«, sagte eine dunkle Stimme.

Alle drei fuhren herum.

Sie sahen einen Mann, der aus einer Hecke heraustrat. Er kam langsam auf sie zu.

Er trug einen großen, breitrandigen Hut, wie er hierzulande nicht üblich war, den er tief in die Stirn gezogen hatte.

Die beiden Offiziere waren erschrocken. Premierleutnant Baum ermannte sich zuerst.

»Was will Er hier?« fragte er barsch.

Der Fremde war bis auf drei Schritte Entfernung herangekommen.

»Halt den Mund, Kleiner«, sagte er zu dem Premierleutnant. »Wir sprechen uns später.«

»Er Lümmel, Er!« rief Richard Baum aufgebracht.Der Fremde kümmerte sich nicht darum. Er wandte sich jetzt an den Grafen:

»Ihr seid derselbe Schweinehund geblieben, der Ihr immer wart, Eberstein. Die Zeit allein scheint den Menschen eben doch nicht zu wandeln.«

Bei den letzten Worten hatte die Stimme des Fremden einen helleren, metallischen Klang angenommen. Und daran erkannten sie ihn.

Eberstein fuhr zurück. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er die Erscheinung an.

»B — B — Bau — Baum«, stotterte er entsetzensbleich.

»Michel!« schrie Charlotte auf, »Michel — Michel -Michel !« Mit zwei Schritten war sie bei ihm und fiel ihm um den Hals. »Du glaubst doch nicht, daß ich mit Eberstein .. .« sagte sie hastig.

»Nein, Charlotte, ich bin euch den ganzen Weg unauffällig gefolgt und habe gehört, was du gesagt hast.« Endlich hatte Michels Sehnsucht Erfüllung gefunden. Die, an die er in den vergangenen Jahren so oft hatte denken müssen, war jetzt bei ihm. Aber trotz aller Seligkeit verließ ihn nicht für einen Augenblick die notwendige Aufmerksamkeit.

Der Graf hatte sich den Moment, indem die beiden Menschen sich in den Armen lagen, zunutze gemacht und blank gezogen.

Michel drückte Charlotte zur Seite.

»Nun, du Hund, wenn du zurückgekommen bist«, schrie Eberstein wütend, »so werde ich mich beeilen, dich jetzt nachträglich noch dorthin zu befördern, wohin du gehörst. In die Hölle mit dir!«

Er machte Anstalten, den waffenlosen Michel anzugreifen. Da aber erwuchs diesem eine unerwartete Hilfe.

Premierleutnant Baum war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er war sich sofort darüber im klaren, daß er seinen Vetter vor sich hatte. Und plötzlich erkannte er auch, wie unwürdig derjenige war, dem er seine Freundschaft geschenkt hatte.

Auch er zog seinen Degen heraus, um den wehrlosen Angegriffenen zu verteidigen. Allerdings wußte er von vornherein, daß er der sehr guten Fechtkunst Ebersteins nicht gewachsen war.

Michel schien das falsch verstanden zu haben. Er wich dem Stoß des Grafen geschickt aus, kam auf diese Weise neben seinen Vetter zu stehen, holte aus, versetzte ihm einen Kinnhaken, der den Jungen umwarf, entriß dem Gestürzten den Degen und stand Eberstein nunmehr abwehrbereit gegenüber.

»Gelüstet es Euch nach meinem Blut?« fragte Michel spöttisch.

In Ebersteins rotunterlaufenen Augen funkelte der Haß. Er galt als der beste Fechter des Regiments.

»Du hast keinen Oberleutnant oder Rittmeister mehr vor dir«, schrie er. »Der Major Graf von Eberstein wird dich Mores lehren, du verdammter Deserteur!«

Michel wehrte seine Hiebe und Stiche mit Leichtigkeit ab. Er spielte nur mit seinem Gegner.

»Höflicher scheinst du auch noch nicht geworden zu sein. Und was deine Fechtkunst anbelangt, so hängt es nur von mir ab, ob du den Platz hier lebend verläßt oder nicht.«

»Prahler!« schrie Eberstein wütend und drang erneut auf ihn ein.

»Weißt du noch«, spottete Michel, »wie ich dir damals den Hosenboden aus der Hose schnitt?

Zweifelsohne würden sich die Leute deiner Abteilung kranklachen, wenn ihr Major mit nacktem Hintern vom Pferd stiege.«

»Du Hund!« keuchte Eberstein.

»Schimpfe nicht, kämpfe.«

Klirrend klang Stahl auf Stahl. Es dauerte nicht lange, und auf Ebersteins Stirn perlte der Schweiß. Michel blieb auf seinem Fleck stehen, breitbeinig, ohne daß man ihm die geringste Anstrengung ansah.

»Höre, Eberstein, ich lasse dich ungeschoren. Ich will dir deine Gemeinheiten nicht vergelten, wenn du versprichst, mich nicht zu verraten. Ich weiß zwar, daß ich auf dein Wort nichts geben kann; aber ich versichere dir, daß Verrat dein Ende sein wird.«

»Hängen sollst du!«

»Die Nürnberger hängen keinen, bevor sie ihn nicht haben«, lachte Michel.

»Hier! — Nimm!« Der Graf führte einen tückischen Stoß nach Michels Unterleib. Aber auch diesmal glitt sein Degen an dem des Gegners ab. Michel schien von dem Gang genug zu haben.

Er ging nun seinerseits zum Angriff über. Und es währte nur wenige Sekunden, bis Ebersteins Degen in hohem Bogen durch die Luft flog und mit zitterndem Heft im Boden steckenblieb.

Michel setzte dem Grafen die Spitze seines Degens auf die Brust.

»Na, wie ist es? Gibst du mir dein Versprechen?«

Richard Baum hatte sich langsam von dem Kinnhaken erholt. Aber er blieb auf dem Boden sitzen und schaute dem Kampf fasziniert zu. Noch nie hatte er einen Fechter gesehen, der den Degen mit solcher Leichtigkeit handhabte. Sein Respekt vor dem Vetter stieg gewaltig.

Eberstein erbleichte bis in die Haarwurzeln. Er wußte, daß er verloren war. Aber durfte er sich hier vor Charlotte diese Blöße geben? Und nicht nur das Mädchen war Augenzeuge des Kampfes, sondern immerhin auch ein Offizier seiner Abteilung. Kein Mensch konnte Richard Baum zwingen, das, was er gesehen hatte, zu verschweigen.

Der Graf sah keinen Ausweg.

»Stich zu, du Schuft!« rief er heroisch.

Michel lachte ihm ins Gesicht.

»Wozu soviel Heldenmut? Du weißt genau, daß ich keinen wehrlosen Menschen töte.«

»Dann gib mir meinen Degen wieder.«

»Sinnlos«, antwortete Michel, »denn du wärst ihn im nächsten Augenblick doch wieder los.

Gibst du das Versprechen?«

»Nein. — Ich bin Offizier und weiß zu sterben. Es wäre mit meiner Ehre unvereinbar, einen Deserteur zu decken.«

»Womit unvereinbar?« fragte Michel.

»Mit meiner Ehre.«

»Du kannst dir dein dummes Gerede schenken. Ich habe noch selten einen ehrloseren Wicht gesehen als dich. Ehre, wie kann ein Mensch deines Schlages überhaupt von Ehre sprechen ! Ich kenne nicht nur deine alten Schandtaten. Ich weiß, daß du keinen Deut besser geworden bist. Dir und deinem sauberen Herrn Vater verdankt die Familie Hirschfelder das große Unglück. Willst du leugnen, daß ihr Abraham Hirschfelder auf dem Gewissen habt? Daß ihr ihn erpreßt habt?

Daß ihr mit anderen Menschen spieltet, um euch zu bereichern? Ja, Charlotte, du weißt das noch nicht. Ich werde dich über alles aufklären.«

»Das geht dich überhaupt nichts an«, rief Eberstein wütend.

»O doch, das geht jeden an. Jeden, der ein Mensch ist.«

»Ich habe nicht gewußt«, sagte Eberstein, »daß du dich neuerdings auch noch zum Anwalt von Juden aufschwingst.«

»Du weißt manches nicht, du Mann der großen Worte. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Christen. Ich weiß nur, daß die meisten Juden zehnmal besser sind als du.

— Nun, ich bin nicht gekommen, um mit dir über solche Dinge zu rechten. Gib das Versprechen, das ich von dir forderte, und du kannst unbehelligt gehen. Mich gelüstet nicht nach Rache.«

Eberstein biß die Zähne zusammen und — gab dann sein Ehrenwort, nichts zu verraten.

Eine Minute später war er bereits außer Sicht.

»Michel, Michel, Michel«, rief Charlotte, des jungen Leutnants Baum nicht achtend, »wie froh bin ich, daß ich dich wiederhabe, wie glücklich, wie glücklich!«

Er legte seine braune Hand auf ihren Kopf und streichelte sie zärtlich.

»Zehn Jahre habe ich darauf gewartet«, sagte er langsam und leise. »Zehn Jahre habe ich davon geträumt, dich einmal wieder in meine Arme nehmen zu können. Zehn Jahre sind eine lange Zeit.«

»Sie sind ein Nichts, Michel. In dieser Minute sind sie verflogen wie Schall und Rauch. Ich ahnte immer, daß nicht alles wahr war, was Eberstein erzählt hat. Ich wollte, daß du am Leben seist. Und innen drin, ganz tief innen, da war jemand, der mich immer wieder an dich erinnerte.«

»So muß ich eigentlich diesem Jemand Dank sagen«, lächelte Michel. »Werden wir nun wohl zusammenbleiben?«

»Nichts kann mich mehr von dir trennen.«

»Auch nicht, wenn du mit mir nach Amerika gehen sollst?«

Charlotte war im ersten Augenblick etwas betroffen. Aber dann trat ein Glanz in ihre Augen.

»Wenn es sein muß, Michel, auch dann.«

»Es muß sein, mein Kind, denn in Kassel kann ich nicht bleiben. Irgendwann würde ich auffallen. Irgendwann würde sich jemand daran erinnern, daß ich früher einmal aus eigener Machtvollkommenheit der Armee adieu gesagt habe.«

Charlotte nickte.

In einiger Entfernung stand der Premierleutnant Baum. Umständlich machte er sich am Sattelknauf zu schaffen. Als er die Pause bemerkte, die in der Unterhaltung der beiden eingetreten war, wandte er sich rasch um.

Er ging auf Michel zu und verbeugte sich höflich.

»Mein Name ist Richard Baum. — Ich — ich — bin Euer Vetter.«

Michel betrachtete ihn sich von oben bis unten.

»Deine Uniform ist schmuck und sauber«, sagte er. »Wenn man doch von dem Menschen, der darin steckt, dasselbe behaupten könnte !«

Richard Baum blickte zu Boden. Offensichtlich schämte er sich.

»Ich weiß, daß ich große Schlechtigkeiten begangen habe. Aber Eberstein war mein Freund. Und er war nicht zuletzt mein Freund, weil er mir immer von der Freundschaft zwischen ihm und Euch vorgeschwärmt hatte.«

»Er ist ein verdammter Seelenverkäufer.«

»Ja, ich habe es gemerkt. Und meine Freundschaft für ihn ist vorbei.«

»Nun, dann reich mir die Hand, Vetter. Vielleicht ent-wickelst du dich doch noch zu einem ganz vernünftigen Menschen. Fehler macht jeder einmal. Besonders, wenn er noch so jung ist wie du.«

»Ich danke Euch, Herr Vetter.« Michel schlug ihm auf die Schulter. »Du brauchst mich weder Herr noch Euch zu nennen. Ich hasse diese Konventionen. Du bist ein Baum, und ich bin ein Baum. Wir gehören doch zusammen. Also sag du zu mir und Michel.«

Richards junge Augen strahlten. Er war nur leichtsinnig, aber er war nicht schlecht. Gern schlug er in die ihm gebotene Hand ein.

»Wie bist du eigentlich zu dieser Uniform gekommen?« fragte Michel.

»Es war seit je mein Wunsch, Offizier zu werden.«

»Welch ein Wunsch für einen Baum!« rief Michel verwundert aus.

»Ist es schlecht, Offizier zu sein?«

»Nein, nein, aber was hat man davon? Man vertrödelt seine Zeit mit unnützen Dingen.«

»Unnütze Dinge? — Ist der Ruhm der Schlacht ein unnützes Ding?«

»Oh, gewiß, das unnützeste von allen.«

»Aber Heldentum? — Ist Heldentum nicht das Höchste auf der Welt?«

Michel lachte laut.

»Oh, mein Junge, glaubst du wirklich, daß es das Höchste sein kann, anderen Menschen das Leben zu nehmen und dafür belohnt zu werden?«

»Die anderen sind aber Feinde.«

»Feind ist nur, wer mich angreift. Wer greift euch schon an?«

»Das kommt darauf an. Wenn sie nicht angreifen, dann greifen wir sie an.«

»Siehst du, so ist das. Hauptsache, Krieg. Hauptsache, Leute wie du können Schlachten schlagen, Helden werden und Orden tragen. Warum und wozu das alles ist, darüber hast du dir wohl noch nie Gedanken gemacht, wie?«

»Offen gestanden, nein.«

»Na, dann fang mal langsam damit an. Vielleicht haben wir noch des öfteren Gelegenheit, uns zu unterhalten. Dann werde ich dir zeigen, daß es auf dem Schlachtfeld wohl Mut, aber niemals Heldentum gibt. Das Heldentum wächst woanders. Hast du schon mal etwas von Paracelsus gehört?«

»Ja, Ihr — du meinst den Arzt?«

»Ganz recht, den großen Pestarzt des Mittelalters.«

»Und was ist mit dem?«

»Das ist zum Beispiel ein Held, ein wahrer Held. Ein ganzes Dutzend tapferer Generale wiegen diesen Heldenmut nicht auf.«

»Es ist ein wenig schwer für mich, das zu verstehen.«

»Nicht nur für dich, leider für die meisten. Die Welt ist so verdreht, daß sie das Schlechte für groß hält. — Nun, gehen wir jetzt erst einmal nach Hause. Ich möchte nämlich gern heute noch zu deinen Eltern«, wandte er sich an Charlotte.

»Die werden Augen machen«, freute sich das Mädchen.

»Darf ich mich verabschieden?« fragte Richard höflich.

»Wenn du uns nicht begleiten willst?«

»Nein, es geht nicht. Ich bin heute abend Offizier vom Dienst.«

»Nun denn, auf Wiedersehen bei meinem Vater. Ich werde für ein paar Tage bei ihm wohnen.«

»Morgen vormittag um zehn Uhr habe ich dienstfrei. Dann schaue ich herein, wenn ich darf.«

»Du darfst.«

Mit einem Aufwiedersehen stob der junge Premierleutnant davon.


46

Der jungen Offizier war aufgerüttelt von dem Erlebnis des heutigen Nachmittags. In Gedanken malte er sich bereits aus, was er Eberstein alles an den Kopf werfen würde. Freilich, von dem Erlebten durfte er im Offizierkorps nichts preisgeben, um den Vetter nicht zu gefährden.

Er kannte das Delikt in allen Einzelheiten, um dessentwillen Michel damals desertiert war. Sein Oheim hatte es ihm oft erzählt. Ganz verstanden hatte er es jedoch nie; denn in seinen Augen war Soldat Soldat, gleichgültig ob freiwillig oder gezwungen.

Und sein Vetter Michel führte ja auch sonderbare Reden. Premierleutnant Baum mußte lachen, als er sich ins Gedächtnis zurückrief, wie Michel den Begriff des Heldentums definiert hatte.

Wie konnte ein Pestbeulen behandelnder Doktor mehr wert sein als ein General!

Nun, vielleicht würde er Gelegenheit haben, sich über dieses Thema noch ausführlich mit seinem Vetter zu unterhalten.

Wenn er allerdings bedachte, wie sich Eberstein benommen hatte, wenn er sich vorstellte, daß dieser vielleicht auch einmal General werden könnte, so mochte Michels Ansicht doch nicht ganz unbegründet sein. Nun, mit seinem ehemaligen Freund Eberstein hatte er noch zu reden.

Mit solchen Gedanken behaftet, erreichte er die Unterkunft.

Er übergab sein Pferd dem Burschen und betrat dann die Wachstube, um seinen Dienst anzutreten.

Er war gerade damit beschäftigt, die Eintragungen im Wachbuch zu überprüfen, als Eberstein an der Spitze eines halben Wachzugs das Lokal betrat.

Da Richard im Dienst war, konnte er jetzt nichts anderes tun, als pflichtgemäß seine Meldung an den Vorgesetzten abzugeben. So erhob er sich denn und nahm Haltung an.

»Premierleutnant Baum meldet gehorsamst: Wache übernommen, keine besonderen Vorkommnisse.«

Eberstein dankte nicht.

»Gebt Euern Degen ab«, befahl er förmlich.

Richard Baum wurde leichenblaß.

»Meinen Degen?« fragte er entsetzt.

»Ja. Betrachtet Euch als arretiert. Für morgen vormittag ist eine Militärgerichtsverhandlung anberaumt. Ihr steht unter Anklage, einem Zivilisten, der sich an einem Offizier Eures Regiments vergriffen hat, durch Überlassung Eurer Waffe Vorschub geleistet zu haben.«

»Da — das — das — das ist doch nicht möglich! Das kannst du doch nicht tun, Rudolf!«

»Ich bitte«, sagte Eberstein mit schneidender Stimme, »sich an die dienstliche Anredevorschrift zu halten, Premierleutnant Baum.«

»Jawohl, Herr Major.«

Er schnallte seinen Degen ab und übergab ihn dem Grafen.Die Leute von der Wache nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn hinüber zum Arrestlokal.

Richard Baum fand sich auf der hölzernen Pritsche einer dunklen Zelle wieder. Er konnte noch nicht ganz übersehen, was man ihm angetan hatte. Er war fassungslos. Selbst, wenn man aus seiner Handlungsweise ein Verbrechen konstruieren wollte, so entsprach es keinesfalls der üblichen Behandlung von Offizieren, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, daß er vom Fleck weg arretiert wurde. Gemeinhin bekam man in solchen Fällen höchstens Stubenarrest.

Erst die Gerichtsverhandlung mußte erweisen, daß man sich wahrhaftig eines Vergehens schuldig gemacht habe.

»Ein Lump ist er«, murmelte Richard Baum vor sich hin. »Ein großer Lump. Michel hatte nur zu recht, wenn er ihn Schweinehund nannte.«

In ohnmächtigem Grimm ballte er die Fäuste. Es war schon eine Gunst des Schicksals, daß er als Bürgerlicher überhaupt Premierleutnant geworden war. Nun aber würde ihm das zum Verhängnis werden; denn er konnte sich jetzt schon ausmalen, daß die adligen Offiziere, die über ihn zu Gericht sitzen würden, kein gutes Haar an ihm ließen. Sie klebten auch sonst zusammen wie Pech und Schwefel. Die einzige Ausnahme war eigentlich immer Eberstein gewesen. Aber wahrscheinlich beruhte dessen Freundschaft zu dem bürgerlichen Premierleutnant nur auf dem Nutzen, den der Major davon hatte.


47

Herr Eck trug die Überraschung mit Fassung, als Michel vor ihm stand. Nicht so einfach ging es bei seiner Frau ab. Eine tiefe Ohnmacht umfing sie. Sie glaubte nicht anders, als daß der Tote wieder auferstanden sei. Vater und Tochter betteten sie besorgt auf eine Chaiselongue.

Der Vater schloß seine Tochter gerührt in die Arme und meinte:

»So hat denn Gott deine unwandelbare Treue doch belohnt, mein Kind. Und niemand ist glücklicher als ich.«

»So möchte ich denn«, meinte Michel, »in aller Form um die Hand Eurer Tochter anhalten, Herr Eck. Ihr werdet sie mir doch hoffentlich nicht verweigern?« Er lächelte.

Vater Eck entließ Charlotte aus seiner Umarmung.

»Ich glaube«, meinte er, »Ihr habt die letzte Frage nicht im Ernst gestellt, Michel. — Und dennoch habe ich einige Besorgnisse. Wird man Euch in Kassel ungeschoren lassen? Wird man nicht versuchen, Euch wieder einzusperren? Am besten wäre es wohl, unseren Rechtsanwalt aufzusuchen, damit er uns sage, wann eine Desertion verjährt.«

»Ich wußte«, sagte Michel, »daß Ihr davon sprechen würdet. Und ich weiß auch, daß man mich nicht in Ruhe lassen würde, selbst wenn die Desertion verjährt wäre. Ich bin der festen Überzeugung, daß Eberstein alle Hebel in Bewegung setzen würde, um sich auf indirekte Weise an mir zu rächen. Aber dem wollen wir zuvorkommen. Und so muß ich Euch noch eine Eröffnung machen, die Euer Vaterherz wahrscheinlich mit Betrübnis erfüllen wird.«

»Sprecht, ich bin auf alles gefaßt.«

»Nun, wir werden den Herrschaften hier in Kassel erst gar keine Gelegenheit geben, an uns, das heißt an mir, ein Exempel zu statuieren. Wir werden uns so schnell wie möglich trauen lassen und dann weggehen — für immer.«

»Ihr wollt für immer weg? Wohin?«

»Nach den Vereinigten Staaten von Amerika.«

»Das ist doch nicht Euer Ernst!«

»Doch. Es bleibt mir ja keine andere Wahl. Zudem glaube ich auch nicht, daß ich geschaffen wäre, in der vorurteilsvollen Enge des heutigen Deutschland zu leben. Ich muß freie Luft atmen.

Und nicht nur das, ich will auch, daß meine Kinder in einem freien Land aufwachsen. Sie sollen die Luft eines unermeßlichen Kontinents atmen. Sie werden aufwachsen, ohne die politische Enge zu spüren, die sie hier umgeben würde. Meine Kinder sollen keinem Fürsten Untertan sein.«

»Ja, ja«, murmelte der alte Eck. »Ich verstehe Euch schon, Ihr müßt ja die Welt mit anderen Augen sehen als wir hier. Ihr wart so lange draußen. Aber Eure Stimme ist die der Revolution, die der Unduldsamkeit.«

»Revolution ist nicht immer Unduldsamkeit«, warf Michel ein. »Es kommt darauf an, was der einzelne Mensch daraus für sich macht. Mit der Revolution muß man bei sich selbst anfangen.

Und das habe ich getan. Und Ihr könnt Euch darauf verlassen, ich habe auf meiner langen Reise gelernt, daß Unduldsamkeit das schlimmste Verbrechen ist.«

»Aber, Charlotte, wirst du die Strapazen überstehen?«

»Welche Strapazen?« fragte Michel. »Nun, sie wird das Leben eines Pioniers leben müssen. Bis zu diesem Tag war sie in behüteter bürgerlicher Umgebung. Wer dorthin geht, in Euer Land der Freiheit, muß hart sein, um den Kampf um die Existenz zu bestehen.«

»Normalerweise wären Eure Bedenken gerechtfertigt«, lächelte Michel, »aber es ist doch manches anders geworden in den letzten Jahren. Ich gehe heute nicht als mittelloser Mann nach Amerika. Charlotte wird nicht die Unbilden des Pionierlebens erdulden müssen. Sie wird sich alles leisten können, was ich hier niemals haben könnte.«

»Soll das heißen, daß Ihr reich seid?«

»Man kann es so nennen. Versteht Ihr etwas von Diamanten?«

»Nicht viel. Nicht mehr als ein braver Mann, der seiner Frau hin und wieder ein Stück Schmuck gekauft hat.«

Michel zog ein blitzendes Etwas aus der Tasche. Es war ein Stein, zweimal so groß wie der Daumennagel eines ausgewachsenen Mannes.

Er reichte ihn Eck hinüber.

»Seht Euch das an. Ihr braucht keinen ausgesprochenen Diamantenverstand, um den Wert dieses Steins zu erkennen.«

Eck bekam große Augen.

»Gehört dieser Stein Euch?«

Michel nickte. Dann meinte er: »Er gehörte mir.«

»Was soll das heißen?«

»Daß er von jetzt an Euer Eigentum ist.«

Vater Eck schüttelte den Kopf.

»Nein, Michel, ein solches Geschenk werde ich niemals annehmen. Erstens brauche ich keine Reichtümer mehr. Und zweitens haben wir genug zum Leben. Ihr wißt selbst, daß ich nicht arm bin.«

»Betrachtet den Stein nicht als Geschenk, um EuernWohlstand aufzufrischen. Behaltet ihn als Andenken an mich.«

»Aber wenn Ihr so große Pläne habt, wenn Ihr mit Charlotte nach Amerika gehen wollt, so wird er Euch fehlen. Er dürfte Euch ein schönes Stück Geld bringen, so viel, daß es zum Erwerb eines anständigen Hauses reichen würde.«

Michel nickte lächelnd vor sich hin. In seinen Augen saß der Schalk. Hier spürte er zum erstenmal, wozu der Schatz des Kilimandscharo gut war. Schon als er in Hamburg Dieuxdonnés Schiff verlassen und sich zu jener Bank begeben hatte, die ihm von Kapitän Weber empfohlen worden war, war ihm klargeworden, daß das übriggebliebene Säckchen Steine einen immensen Reichtum darstellte. Der Bankdirektor hatte ihm versichert, daß er zu den reichsten Männern Europas gehöre. Wie große Augen aber hatte der hanseatische Bankier gemacht, als ihm auch die Anteile Tschams und Ojos übergeben wurden! Allein die Säcke mit Perlen, die bereits Kapitän Weber abgeliefert hatte, waren ein ungeheures Vermögen wert. Der Bankmann, sonst ein nüchterner Kaufmann, war geradezu aus dem Häuschen geraten. In stundenlangem, begeistertem Vortrag hatte er von tausend Verwendungsmöglichkeiten des Geldes, das der Verkauf der Diamanten bringen würde, gesprochen. Die phantastischsten Möglichkeiten waren vor Michels Augen aufgetaucht. Aber dann hatte er abgewinkt. Er war nicht der Mann, der sein Leben als Wirtschaftsmagnat beschließen wollte. Ihm genügte das Wissen, daß er in Zukunft unabhängig sein würde, daß seine individuelle Freiheit gewahrt war.

»Hm, Vater Eck«, sagte er jetzt, »was würdet Ihr nun sagen, wenn ich einen ganzen Sack solcher Steine besäße?«

Der alte Eck starrte ihn ungläubig an.

»Treibt doch keine üblen Scherze mit einem alten Mann, Michel!«

Michel schüttelte den Kopf.

»Es ist kein Scherz. Ich habe einen mittelgroßen Salzsack voll davon.«

»Unfaßbar — unfaßbar —, dann seid Ihr ein unermeßlich reicher Mann!«

»Was ist schon Reichtum?«

»Ich hätte mir denken können, daß Ihr den materiellen Gütern nicht allzu vielen Wert beimeßt.

Und trotzdem laßt Euch von einem alten Kaufmann sagen, daß Geld zwar nicht unbedingt glücklich macht, aber sehr beruhigend ist.«

»Nun, ich hoffe, es beruhigt vor allem Euch. Ihr werdet nun glauben, daß Charlotte bei mir in guten Händen ist?«

»Auch ohne diesen Reichtum hätte ich es geglaubt. Was sagt Euer Vater dazu?«

»Wozu? — Zu meiner Absicht, nach Amerika zu gehen?«

»Nein, zu Euerm Reichtum.«

»Ich hatte noch keine Zeit, ihm davon zu berichten. Es gab wichtigere Dinge. Und meinen Vater wird es kaum interessieren, ob sein Sohn Millionär ist oder Bettler. Er betrachtet die Welt ohnehin aus einer anderen Perspektive.«

»Da habt Ihr recht. Er ist ein Mann, dem mein größter Respekt gehört.«

Ein leichtes Stöhnen zeigte an, daß Mutter Eck wieder in die Gefilde des Bewußtseins zurückkehrte. Sie schlug die Augen auf.

»Was ist? — Was war los mit mir? — Ich habe einenentsetzlichen Traum gehabt. — Stellt euch vor, ich träumte, daß der tote Michel Baum plötzlich wieder auferstanden ist.«

»Das war kein Traum, Mutter«, sagte Charlotte. »Michel Baum ist hier. Er steht neben mir.«

Die Nachricht kam wohl noch immer ein wenig zu plötzlich; denn mit einem erneuten Seufzer schloß die alte Dame die Augen wieder. Ob sie abermals in eine Ohnmacht gefallen war, war schwer festzustellen; jedenfalls machte sie keine Anstalten, sich zu erheben.

Sie saßen an diesem Abend noch lange zusammen und feierten Michels Wiederkunft mit ein paar Flaschen Wein.

»Ich werde morgen früh gleich mit dem Pfarrer sprechen«, sagte Vater Eck, »und das Aufgebot bestellen.«

»Bittet ihn, daß er die Wartezeit ein wenig abkürzt«, meinte Michel.

»Ihr wollt bald fahren?«

»So bald als möglich«, entgegnete Michel. »Ich habe das Gefühl, daß man mich nicht lange ungeschoren lassen wird. Und hinzu kommt, daß ich Eberstein zu gut kenne, um nicht zu wissen, daß ihm ein Ehrenwort nichts wert ist.«

Eck nickte.


48

Es war spät geworden, als Michel nach Hause kam. Aber sein Vater war noch auf.

Es schien, als habe er die Rückkehr seines Sohnes ungeduldig erwartet.

Michel umarmte ihn lachend.

»Ich habe eigentlich angenommen, daß du auf ein Stündchen zu Ecks hinübergekommen wärest.

Es war sehr nett und sehr gemütlich. Und« — strahlte er — »das Jawort des Vaters habe ich auch.«

»Meinen herzlichsten Glückwunsch, Junge. — Eigentlich hatte ich vor, hinüberzukommen. Aber es kam etwas sehr Unliebsames dazwischen. Mir ist die Stimmung für den heutigen Tag restlos verdorben.«

»Nanu? Was hat es denn gegeben?«

»Da, auf dem Tisch liegt es. Ein Schreiben von der Abteilung Richards. Lies es.«

Michel hatte das Papier mit einem Griff in der Hand.

» ... und halte es daher für meine Pflicht, Euch als dem Onkel des Premierleutnants Richard Baum, der an diesem Vaterstatt vertritt, mitzuteilen, daß Euer Neffe wegen schweren Vergehens gegen seinen Vorgesetzten heute bei Antritt seines Wachdienstes arretiert werden mußte.

Rudolf Graf von Eberstein Major und Abteilungskommandeur.«

Er warf das Schreiben auf den Tisch. Seine Lippen standen wie zwei schmale bleiche Striche im braunen Gesicht. Seine Augenlider verengten sich zu einem Spalt. Sein Gesicht nahm einen bedrohlichen Ausdruck an.

»Eberstein und Richard waren Freunde«, sagte der Vater.

Michel nickte.

»Ich weiß. Ich hatte heute nachmittag einen kleinen Zusammenstoß mit Herrn Eberstein. Und dazu lieh mir Richard seinen Degen.«

Er erzählte ausführlich, was sich seit seinem Weggang zugetragen hatte.

»Er ist ein Unmensch«, sagte Andreas Baum erschüttert. »Was für eine Anklage werden sie nun gegen Richard erheben?«

»Oh, sie werden um eine Austüftelung stichhaltiger Punkte nicht verlegen sein. Direkt etwas gegen mich zu unternehmen, wagt Eberstein nicht. Er weiß, daß es ihm schlecht bekommen würde. So versucht er sich zu rächen, indem er meinen Vetter trifft. Ich nehme an, er wird Richard in der Verhandlung vorwerfen, daß er einen unbekannten Zivilisten durch Überlassung seiner eigenen Waffe gegen den Major seiner eigenen Abteilung begünstigte. Das dürfte genügen, um Richard einige Monate hinter Schloß und Riegel zu bringen. Und damit wäre dann auch seine Laufbahn zum Teufel.«

»Der arme Junge.«

»Noch ist es nicht soweit«, beruhigte Michel. »Vielleicht bereut Eberstein eines Tages doch noch, was er getan hat. Wenn ich Richard herausbekomme, werde ich ihn mitnehmen.«

»Nach Amerika?«

»Ja.«

»Er war sehr gerne Offizier. Das Dienen machte ihm Spaß.«

»Du entschuldigst mich, Vater. Ich muß noch einmal weggehen. Begib dich zu Bett und warte nicht auf mich. Ich habe mich ohnehin beim Krugwirt eingemietet. Ich muß das mit meinem Freund Ojo besprechen.«

Andreas nickte traurig.

»Ich habe mir den heutigen Abend anders vorgestellt. So gerne hätte ich mich noch ausführlich mit dir unterhalten.«

»Wir werden das nachholen, Vater. Zuerst mal müssen wir tun, was der Augenblick erfordert.«

»Brauchst du — brauchst du — Geld, Michel?«

»O nein, Vater. Ich habe genug. Und wie ich dazu gekommen bin, das erzähle ich dir bei nächster Gelegenheit.«

»Was willst du tun?«

»Zunächst möchte ich dich bitten, mit mir in den Laden zu gehen. Ich möchte gern den Degen haben. Ich kann Eberstein nicht wieder unbewaffnet gegenübertreten. Er ist skrupellos genug, um einen so gehaßten Feind wie mich ohne weiteres zu erstechen. Und leider befindet sich in meinem Gepäck keine Waffe, die ich hierzulande tragen könnte, ohne Aufsehen zu erregen.«

Andreas lächelte.

»Das stimmt, es würde immerhin komisch aussehen, wenn du hier einen türkischen Krummsäbel umschnallen würdest.«

»Oder wenn ich meine Muskete mit mir trüge. Eberstein kennt sie übrigens. Er dürfte mächtigen Respekt davor haben. Aber der Degen genügt.«

Die beiden gingen hinunter in den Tabakladen, und Michel nahm den Damaszenerstahl von der Wand. Nach einem letzten Händedruck verließ er das Haus. —

Es fiel Michel, nachdem er das Zimmer, das er gemeinsam mit Ojo bewohnte, betreten hatte, nicht leicht, seinen Freund wach zu bekommen. Ojo schnarchte mit einer Inbrunst, die er von jeher gewöhnt war. Ojos Tief schlaf war wieder einmal von dem Inhalt eines Kruges verursacht worden, der neben seinem Bett stand. Bis auf den Grund hatte er ihn geleert.

»He, amigo, wach auf«, rüttelte ihn Michel.

Der spanische Riese rührte sich nicht.

Michel blickte sich im Zimmer um und sah eine Wasser-kanne auf dem Waschtisch stehen. Sie war gefüllt. Er nahm sie, hielt sie hoch über Ojos Kopf und drehte sie mit einem Schwung um.

Gurgelnd, stöhnend und prustend kam Ojo zu sich.

»Demonio, qué hay?« fragte er.

»Noch nichts. Aber es kann bald etwas los sein. Tut mir leid, daß ich dich auf diese Weise wecken mußte; aber es blieb mir nichts anderes übrig. Eberstein hat wieder einmal einen Menschen in seinen Klauen, den es zu retten gilt.«

»Bueno, Señor Doktor, bin schon da. Der Wein hier war verteufelt sauer. Ist mir nicht leichtgefallen, den ganzen Krug auszutrinken.«

»Weshalb hast du dann nicht etwas drin gelassen?«

»Ich hatte keinen Deckel. Ich wollte nicht, daß die ganze Bude hier nach Wein stinkt, wie eine Kneipe, wenn Ihr nach Hause kommt. Ihr wißt, ich bin zu jedem Opfer der Freundschaft bereit.«

Michel lachte laut. Es war ein befreiendes Lachen. Hier, in der Gesellschaft Ojos, fühlte er sich am wohlsten. Ojo war ein Stück Abenteuer, ein Stück Welt. Sein Vorhandensein erinnerte ihn daran, daß alles, was er seit seiner Ankunft in Hamburg erlebt hatte, nur Zwischenspiel war, eine Episode, die bald wieder ihr Ende finden würde. Und das Wissen darum, daß er nicht für immer zurückgekehrt war, erleichterte ihn. Tief im Innern war er sich darüber klar, daß er keinerlei Sehnsucht nach dem sogenannten bürgerlichen, wohlbehüteten Leben in einer europäischen Stadt hatte.

»Mir gefällt es hier gar nicht«, brummte Ojo und kroch aus dem nassen Bett. »Es ist alles so stockig und dumpfig. Man hat immer den Eindruck, als ob man nie wieder freie Luft atmen sollte. Und dann die verteufelte Sprache, in der sich die Leute hier unterhalten. Verzeiht, Señor Doktor, ich weiß, daß es Eure Muttersprache ist; aber die Worte sind so unaussprechlich für meine Zunge, daß ich sie einfach nicht lieben kann. Eine Stunde hat es gedauert, bis der Wirt verstanden hat, daß ich keinen Krug voll Bier, sondern voll Wein haben wollte.«

»Sei nicht traurig, Diaz. Du brauchst nicht hier zu bleiben. Nur noch ein paar Tage, dann ziehen wir weiter. Zuvor aber haben wir noch eine Aufgabe zu erfüllen, deren Vollendung uns niemand abnimmt.«

»Eberstein?«

»Ja.«

»Der Grimm könnte mich übermannen, wenn ich mich daran erinnere, wie er uns einmal für ein paar Fässer Wasser in die Sklaverei verkauft hat. Wollt Ihr ihn vielleicht auch schonen?«

»Schonen? — Nein. Aber wir werden unsere Hände nicht mit seinem Blut besudeln.«

»So. Und was jetzt?«

Michel setzte sich auf den Rand des Bettes und berichtete alles, was vorgefallen war.


49

Es mußte noch sehr früh am Morgen sein, als Jehu Rachmann durch Klopfen an der Tür aus dem Schlaf gerissen wurde. Auch in der vergangenen Nacht hatte er wieder lange zum Tanz aufspielen müssen; und so kam es, daß er das Gefühl hatte, als sei er gerade erst zu Bett gegangen.

Schlaftrunken taumelte er hoch und öffnete die Tür.

»Entschuldigt die Störung, Jehu«, sagte Michel. »Es ist etwas vorgefallen, das mich veranlaßt hat, Euern wohlverdienten Schlaf zu stören. Würdet Ihr hinüber in unser Zimmer kommen?«

»Ich komme«, antwortete der junge Musiker.

Michel nickte und ging.

Die beiden Freunde mußten nicht lange warten. Es vergingen keine zehn Minuten, bis Jehu Rachmann das Zimmer betrat.

»Nehmt Platz«, forderte ihn Michel auf.

Dann berichtete er auch ihm, was er zuvor schon Ojo erzählt hatte.

»Kein Mensch kann wissen«, endete er seine Erzählung, »wie das alles ausgehen wird.

Jedenfalls muß ich meinen Vetter aus den Klauen dieses Eberstein befreien. Ihr sollt mir nicht helfen. Das mute ich Euch nicht zu; denn die Abrechnung mit Eberstein ist allein meine Sache.

Aber etwas anderes bedrückt mich sehr. Wir haben in unserem Gepäck ungeheure Werte bei uns.

Diese dürfen nicht in die Hände unrechter Menschen fallen. Ich möchte, daß Ihr sie in Verwahrung nehmt, um sie in dem Fall, daß mir irgend etwas zustößt, Charlotte Eck zu übergeben. Zuvor aber noch eine Frage: Ihr habt mir von dem tragischen Geschick Abraham Hirschfelders berichtet. Auch davon, daß Eberstein ihn erpreßt hat. Und so viel ich Euern Worten entnehmen konnte, habt Ihr noch immer die Absicht, das Mädchen als Eure Frau heimzuführen.«

Jehu Rachmann nickte.

»Nun«, sagte Michel, »glaubt Ihr, daß es für Euch gut sein wird, wenn Ihr hier in Kassel bleibt?«

»Ich würde gern woanders hingehen. Aber dann müßte ich mich von Rachel trennen. Hier habe ich mein Auskommen. Ihr werdet verstehen, daß ich nicht vom Vermögen meiner Frau zu leben beabsichtige.«

»Eben, darum habe ich Euch gerufen. Versteht Ihr etwas von Diamanten?«

»Eine ganze Menge«, antwortete Jehu. »Herr Hirschfelder hat mir oft geschildert, wie man den Wert eines Diamanten beurteilt. Er hielt nicht viel von der Musik. Ich glaube, er wußte, daß ich die ernste Absicht hatte, seine Tochter zu heiraten. Und so versuchte er auf seine Weise, mich wenigstens in die Grundbegriffe des Diamantenhandels einzuführen. Es war interessant, und so kommt es, daß ich eine ganze Menge davon weiß.«

»Um so besser. — Ist es Euch möglich, den Wert dieses Steins abzuschätzen?«

Michel zog einen der ungeschliffenen Diamanten von der gleichen Sorte, wie er Eck einen gegeben hatte, aus der Tasche. Er warf ihn über den Tisch, so, daß Jehu ihn auffangen konnte.

Jehu bekam riesengroße Augen. Er hielt ihn ganz dicht in den Schein einer Kerze. Er drehte und wandte ihn nach allen Seiten.

»Ein Prachtexemplar«, sagte er. »Einen solchen Stein habe ich noch nie gesehen. Und er scheint vollkommen rein zu sein.«

»Er ist rein«, sagte Michel. »Wie hoch schätzt Ihr seinen Wert?«

»Das — das kann ich nicht. Ich kenne einen aus der Werkstatt Hirschfelders, der ist halb so groß wie dieser hier. Hirschfelder bezifferte seinen Wert auf annähernd dreißigtausend Dukaten.«

»Wieviel von diesen Steinen würdet Ihr brauchen, um mit Eurer Braut und ihrer Mutter irgendwo ein neues Leben anzufangen?«

»Das — das — verstehe ich nicht.«

»Was ist daran unverständlich? — Nehmt an, Ihr würdet nach Amerika gehen. Ich weiß, daß viele Menschen Eures Glaubens dorthin gegangen sind, um als gleichberechtigte Menschen in Freiheit zu leben. Erwägt diesen Gedanken einmal.«

»Amerika?« Jehus Augen glänzten. »Meint Ihr, daß ich auch dort Musik machen kann?«

»Warum sollte man es nicht können? Ich bin davon überzeugt, daß ein junger, begabter Musiker drüben mehr Chancen hat als hier.«

»Ich ginge sofort. Aber nicht ohne Rachel. Sie ist mir mehr wert als alle Diamanten der Welt und — als die Freiheit.«

»Ich habe Achtung für Euer Gefühl. Aber auch Rachel ist jung. Weshalb nicht auf einem jungen Kontinent ein neues Leben anfangen, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet? Viele sind ausgewandert, denen die Heimat zu eng geworden ist. Und es war nicht nur die Enge des kleinen Erdteils, die sie hinaustrieb, sondern vor allem die Enge des Geistes. Es gibt Menschen, die nicht zu leben vermögen, ohne frei und offen ihre Meinung sagen zu können.«

»Ihr mögt recht haben, Herr Baum. Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht. Nur eines schmerzt mich sehr. In den nächsten Tagen muß der Krugwirt das neue Hammerklavier bekommen. Es wird mir schwerfallen, mich von diesem neuen Instrument zu trennen.«

»Kauft Euch selbst eins«, sagte Michel. Er griff abermals in die Tasche und brachte dann die geschlossene Hand zum Vorschein, die er auf den Tisch legte und öffnete. Drei Steine von der gleichen Güte wie der erste glänzten im Kerzenlicht.

»Hier«, sagte er, »davon könnt Ihr die Überfahrt bezahlen, könnt Euch ein halbes Dutzend Hammerklaviere kaufen, könnt Euch ein Haus in Amerika bauen, braucht nicht für Geld zu arbeiten, sondern könnt Eure Zeit dazu verwenden, Euch im Klavierspiel zu vervollkommnen.

Ich glaube auch nicht, daß man Euch drüben daran hindern wird, Orgel in einer christlichen Kirche zu spielen.«

Jehu fuhr von seinem Stuhl auf. Er starrte Michel wie ein Wesen aus einer anderen Welt an.

»Wollt Ihr — wollt Ihr damit sagen, daß Ihr mir diese Steine — diese Steine —«

»Ja, genau das wollte ich sagen. Hier, nehmt sie, und verlaßt Euch darauf, ich werde auch herausfinden, um wieviel Geld Eberstein die Hirschfelders erpreßt hat. Er wird das auf Heller und Pfennig zurückzahlen.«

Jehu hatte sich immer noch nicht gefaßt.

»Ich kann das doch nicht annehmen, Herr Doktor!«

»Natürlich könnt Ihr. Ich gebe mein Geld keinem Unwürdigen. Ihr gefallt mir. Nehmt es als Belohnung für Euer Bachspiel vorgestern abend.«Michel legte die Steine einfach vor Jehu hin und tat so, als wollte er sich nicht mehr darum kümmern. Dann meinte er:

»So, und nun zu der Bitte, die ich an Euch habe. Hier nehmt diesen Beutel. Er enthält noch fünfzehn solcher Steine. Verwahrt ihn für mich. Dort, in der Ecke, steht ein Tragkorb, der meinen wichtigsten und kostbarsten Besitz enthält. Könnt Ihr ihn auf Euer Zimmer stellen?«

»Selbstverständlich, Herr Doktor.«

»Und Ihr werdet zu niemandem darüber sprechen?«

»Zu niemandem. Darf ich fragen, was in dem Korb ist?«

»Das hätte ich Euch ohnehin erklärt. Es befinden sich einige Säcke mit Dukaten darin und meine Waffen. Darunter ein Gewehr, das mehr wert ist als alles Gold in den Säcken, jedenfalls für mich. Sollte mir irgend etwas zustoßen, so gebt das Gold aus dem Korb, die anderen Kleinigkeiten und fünf Diamanten aus diesem Säckchen Charlotte Eck. Die Waffen und die restlichen zehn Diamanten meinem Vater. — So, das wäre alles. Dürfen wir jetzt den Korb in Euer Zimmer bringen?«

Jehu nickte und erhob sich.

Michel wandte sich an Ojo und sagte ihm, daß es soweit sei. Dann hoben die beiden kräftigen Männer den Korb auf und wollten das Zimmer verlassen. Doch in diesem Augenblick fielen Michels Augen auf die vier Diamanten, die er Jehu angeboten hatte, die aber immer noch auf dem Tisch lagen.

»Jehu, Ihr habt Eure Diamanten vergessen. Wollt Ihr sie vielleicht als Trinkgeld für den Wirt liegen lassen?«

Jehu kam zurück und nahm die Steine zögernd an sich. Dann verließen sie das Zimmer.


50

»Hm, eine unangenehme Sache«, sagte der alte Eberstein zu seinem Sohn, »die du dir da eingebrockt hast. Nun ist dein ganzer mühsamer Schwindel über Nacht zusammengebrochen.

Die Jüdin bist du los und Charlotte auch.«

»Wer konnte auch ahnen, daß der verfluchte Kerl so bald wiederkommen würde?«

»Man muß mit allen Möglichkeiten rechnen, auch mit den unangenehmen. Und dabei hättest du dich noch gut aus der Affäre ziehen können; es ist schon eine Riesendummheit, daß du Richard Baum eingelocht hast. Was wirst du nun tun, wenn er vor dem Militärgericht wahrheitsgemäß aussagt?«

»Das kann er nicht. Dann gefährdet er seinen Vetter.«

»Ach was, er wird versuchen, die eigene Haut zu retten. Und wir sind die Blamierten. Hättest du diesen Michael Baum mit seiner Charlotte ziehen lassen, dann wäre die ganze Angelegenheit mit einem Schlag gelöst gewesen. Warum dieses dumme, alberne Manöver mit der Arretierung Richards?«

»Meine Ehre verbietet es mir einfach, mich von diesen Baums maßregeln zu lassen«, sagte Rudolf von Eberstein, und es schien, als sei er tatsächlich von der Wahrheit seiner Worte überzeugt.

»Deine Ehre — lächerlich! Deine Ehre ist ein Dreck, wenn wir kein Geld haben. Baum wird die Verhaftung seines Vetters als das auffassen, was es ist: eine Provokation. Und wenn er erst mal dran ist, reinen Tisch zu machen, dann kommt vielleicht auch die Sache mit denHirschfelders heraus. Du sagtest mir doch, daß er dir gegenüber bereits diesbezügliche Andeutungen gemacht habe.«

»Ja. Während wir fochten.«

Rudolf stierte vor sich auf den Boden. Daß er auch noch aus dem Mund seines Vaters Vorwürfe hören mußte, hätte er nicht erwartet. Er wälzte finstere Gedanken in seinem Gehirn. Aber es fiel ihm nichts ein, was ihm helfen konnte, die ganze Angelegenheit zu seinen Gunsten zu lösen. Er bedauerte es außerordentlich, daß er beim Militärgericht bereits Anklage erhoben hatte. Wieder einmal war er zu voreilig gewesen.

Der Alte ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor seinem Sohn stehen und setzte ihm den Zeigefinger auf die Brust.

»Hihihi«, kicherte er, »wir müssen eben große Wäsche machen. Und wir laugen die einzelnen Stücke so aus, daß man nachher nichts mehr von ihnen findet.«

»Ich verstehe nicht, Papa.«

»Das ist das einzige, was ich jedesmal aus deinem Mund höre, wenn es gilt, unliebsame Dinge aus der Welt zu schaffen. — Die Verhandlung des Militärgerichts ist für morgen anberaumt?«

»Ja.«

»Kann man sie nicht verschieben?«

»Schon, ich müßte allerdings einen plausiblen Grund dafür haben.«

»Nun, darum wirst du ja wohl wenigstens nicht verlegen sein. Also sieh zu, daß sie verschoben wird. Sie sollen den Termin eine Woche später ansetzen. Bis dahin wissen wir dann, ob wir verloren oder gewonnen haben.«

»Und was soll in der Zwischenzeit geschehen?«

»Wir müssen deinen Freund, den Pfeifer, ausschalten.«

»Wie stellst du dir das vor?«

»Das kann man später noch erörtern. Zuerst müssen wir ihn einmal haben.«

»Ich — ich — ich weiß nicht recht. Ich habe Befürchtungen. Sowohl Richard Baum als auch Charlotte haben gehört, wie ich ihm mein Ehrenwort gab, nichts gegen ihn zu unternehmen. Ein gebrochenes Ehrenwort aber unter Zeugen gegeben, steht einem höheren Offizier schlecht zu Gesicht.«

Der Alte schob diesen Einwand mit einer nachlässigen Handbewegung zur Seite. Er erschien ihm so unwichtig, daß er erst gar nicht Worte darüber zu verlieren brauchte.

»Wir werden schon sehen.«

An diesem Abend ging es im Kasino hoch her. Die Offiziere Ebersteins feierten den Geburtstag irgendeines Kameraden. Das war auch für den Grafen ein Grund, seinen Kummer im Alkohol zu ertränken. Und obwohl die meisten der blitzblank geschniegelten Herren knapp bei Kasse waren, floß der Champagner in Strömen.

Es war spät geworden, als Eberstein nach Hause kam. Sein Gang war unsicher; aber es war zuviel, wenn man behaupten wollte, er wäre betrunken gewesen. Auch im Suff zeigte er Haltung.

Das mußte man ihm lassen.

In der Bibliothek brannten noch die Kandelaber. Rudolf von Eberstein trat ein, weil er seinen Vater dort wähnte.

Er schien sich auch nicht getäuscht zu haben. In dem Sessel, der mit der Lehne der Tür zugerichtet war, saß ein Mensch.

»Guten Abend«, sagte Eberstein.

Der Mann erhob sich. Schlagartig drehte er sich um.Eberstein erstarrte.

»Ihr — Ihr seid es? — Wie kommt Ihr hierher?«

»Durch die Tür«, erwiderte der Pfeifer.

»Hat — hat Euch das Personal nicht...«

»Euer Personal scheint aus lauter Schlafmützen zu bestehen.«

Eberstein wurde rasch nüchtern.

»Ich muß mir verbitten, daß Ihr unangemeldet unser Haus betretet.«

»Ihr könnt Euch verbitten, was Ihr wollt. Es ist kaum anzunehmen, daß ich mich danach richten werde. Ich hätte mir Euch gegenüber so viel zu verbitten; aber ich tue es nicht; denn ich sehe die Fruchtlosigkeit solchen Unterfangens ein.«

»Unverschämter!« entfuhr es Eberstein.

Der Pfeifer trat ruhig auf ihn zu. Eberstein nahm wahr, daß er bewaffnet war. Ein Degen, jener Degen, den er, Eberstein, an den alten Baum zurückgegeben hatte, hing an der Seite des Pfeifers.

Michel fing den Blick auf.

»Ja, ja«, sagte er nicht ohne Spott, »Ihr braucht es gar nicht erst zu versuchen. Diesmal bin ich besser vorbereitet.«

Eberstein ließ seine Waffe stecken. Was tut der Feige, wenn es ihm an Mut gebricht? Er ficht mit Worten. So auch Eberstein.

»Ihr seid ein ganz vermaledeiter Schurke.«

»Halt«, sagte Michel, »Ihr braucht nicht zu glauben, daß ich gekommen bin, um Eure Beschimpfungen anzuhören. Ihr werdet Euch vorstellen können, daß ich Euer Haus nicht ohne wichtigen Anlaß betrete.«

»Was wollt Ihr denn?«

»Das wißt Ihr so gut wie ich.«

Eberstein versuchte es jetzt auf eine andere Weise.

»Nun«, meinte er und gab seiner Stimme im Verlauf des Folgenden einen ironisch gefärbten Klang, »ich weiß, daß ich mich nicht mit Euern Fähigkeiten messen kann. Daher ist mir auch das Hellsehen fremd. Ihr werdet also schon sagen müssen, was Ihr zu dieser Stunde von mir wollt.«

»Wenn Ihr Euch dumm stellt, dann bitte. Ich wollte Euch warnen. Stellt Eure Intrigen ein, gleichgültig ob sie gegen mich selbst oder gegen meine Familie gerichtet sind. Ich dulde nicht, daß Ihr aus Rache gegen mich meinen Vetter in Euerm Gefängnis schmachten laßt. Gebt ihn frei.«

Eberstein zuckte die Achseln.

»Ihr seid immer ein schlechter Soldat gewesen. Deshalb wäre es auch zuviel verlangt, Euch zumuten zu wollen, das Reglement zu kennen. Bereits im Lauf des heutigen Tages hat die erste Verhandlung gegen Euern Vetter stattgefunden. Ich war erstaunt, daß sie so ruhig verlaufen ist.

Ich habe eigentlich damit gerechnet, daß Ihr auf irgendeine Weise eingreifen würdet.«

»So, habt Ihr.«

»Wie sollte ich nicht, scheint Ihr doch dazu geboren zu sein, die Ruhe anderer Leute zu stören!«

»Wozu ich geboren bin, das laßt meine Sorge sein. Jedenfalls verlange ich von Euch, daß mein Vetter so schnell wie möglich wieder auf freien Fuß gesetzt wird.«

»Ich sagte bereits, daß es unmöglich ist.«

»Dann macht es möglich.« Michels Stimme wurde um eine Nuance schärfer. Seine Augen blitzten zornig. Er hatte zwar durchaus nicht die Absicht, sich von den Unverschämtheiten Ebersteins aus der Fassung bringen zulassen, gedachte aber, das Gespräch so sehr wie möglich abzukürzen. Es gelüstete ihn keineswegs nach einem unfruchtbaren Wortgeplänkel mit dem Grafen.

Ebersteins Antwort bestand abermals in einem Achselzucken. Er wanderte ein paar Schritte in der Bibliothek auf und ab und ließ sich dann in einen Sessel nieder. Sein Gesicht hatte einen unbeteiligten Ausdruck.

Er erschien Michel wieder ganz wie der frühere blasierte Rittmeister.

»Habt Ihr sonst noch etwas zu sagen?« fragte der Graf.

Michel trat dicht vor ihn hin.

»Was — was wollt Ihr?«

»Ich werde Euch so lange ohrfeigen, bis Ihr gewillt seid, meinem Vetter die Freiheit wiederzugeben.«

Eberstein fuhr erschrocken zurück, so weit dies noch möglich war und ihn die Lehne des Sessels nicht daran hinderte.

»Seid Ihr des Teufels, Mensch?«

»Ich nicht«, sagte Michel. »Wenn hier vom Teufel die Rede sein kann, so nur im Zusammenhang mit Euch. Aber hört zu; ich habe noch einen anderen Vorschlag. Ich weiß, daß Ihr ein widerliches Subjekt seid und eigentlich an den Galgen gehört; aber ich weiß auch, daß ich mich hier in Kassel nicht so frei bewegen kann, wie ich gern möchte. Deshalb mache ich Euch den Vorschlag, von dem ich eben sprach.«

»Spart Euch Eure Vorschläge. Euer Vetter kommt auf die Festung. Er hat einen Zivilisten begünstigt, der seinen Abteilungskommandeur angriff.«

»Verdreht Ihr die Tatsachen schon wieder? Wart nicht Ihr es, der angegriffen hat?«

Eberstein lachte hämisch.

»Erscheint doch vor Gericht und sagt das aus, Ihr tapferer Held.«

»Werde mich hüten«, antwortete Michel. »Nun hört meinen Vorschlag an. Wenn Ihr ihn nicht annehmen wollt, so bleibt mir anschließend immer noch Zeit, Euch so lange zu ohrfeigen, bis Ihr es auch ohne Gegenleistung von meiner Seite tun würdet.«

»Ah, Ihr sprecht von einer Gegenleistung?«

»Ja. Ich will meinen Vetter von Euch zurückkaufen. Hier Geld, da die Freiheit.«

»Pah«, sagte Eberstein. »Behaltet Eure paar Dukaten immerhin. Den Genuß meiner Rache würden sie so und so nicht aufwiegen.«

Michel holte aus und schlug zu. Die Umrisse seiner Hand färbten sich rot auf Ebersteins Wange ab. Eberstein wollte aufspringen, konnte aber nicht. Michel hielt ihn am Kragen gepackt und drückte ihn in den Sessel.

»Wollt Ihr kein Geld, so müßt Ihr mit Schlägen vorliebnehmen. Sie werden Euch besser bekommen als einige tausend Dukaten.«

»Halt!« kam da eine Stimme von der Tür her.

Die Köpfe der beiden Männer fuhren herum. Im Rahmen der Tür stand mit zersausten Haaren und einer Pistole in der Hand der alte Graf.

»Schieß, Papa!« kreischte Rudolf.

Michel war schon in tausend gefährlicheren Situationen gewesen. So meisterte er auch diese. Mit einem Ruck riß er Eberstein hoch und hielt ihn sich wie einen Schild vor die Brust.

»Wollt Ihr noch, daß Euer lieber Herr Papa schießt?«

Rudolf von Eberstein sträubte sich mit Händen und Füßen. Aber der eisernen Umklammerung Michels vermochte er nicht zu entgehen. In den Armen dieses Mannes war er eine willenlose Puppe.

»Laß Er meinen Sohn los!« zeterte der Alte.

»Werf Er die Pistole weg!« rief Michel lachend.

»Er Frechling, Er!«

Michel kümmerte sich nicht mehr um ihn.

»Nun sagt, Eberstein, wollt Ihr dieses Geschäft mit mir machen? Ich zahle gut für die Freiheit meines Vetters. Und - Ihr seid doch käuflich.«

»Nein! Nein! Nein!« schrie Rudolf bebend vor Wut.

Der Alte im Türrahmen hatte aufgehorcht. Sprach dieser schreckliche Pfeifer von Geschäften?

»Wenn ich recht verstanden habe«, mischte er sich ein, »wolltet Ihr ein Geschäft mit meinem Sohn besprechen?«

»Ganz recht«, erwiderte Michel. »Aber er will nicht.«

Der Alte kam ins Zimmer hinein, wandte sich dem Tisch zu und legte die Pistole dort hin. Dann drehte er sich um und ging hinüber zu den Bücherregalen.

»Ihr seht, daß ich jetzt unbewaffnet bin. Laßt meinen Sohn los. Wir sprechen in Ruhe über Euern Vorschlag.«

Michel tat, was der Alte wünschte, war aber mit einem Satz an dem Tisch, auf dem die Pistole lag. Er ergriff sie und steckte sie zu sich. In Gesellschaft dieser Burschen war man nie vor einer Hinterhältigkeit sicher.

»So«, meinte er dann, »jetzt können wir verhandeln.«

»Macht Euern Vorschlag«, sagte der Alte trocken.

»Viertausend Dukaten für die Freiheit meines Vetters und Euer Wort, daß Ihr meine Familie nie wieder belästigen werdet.«

»Hihihi«, kicherte der Alte, »ein guter Vorschlag. Das läßt sich hören. Scheint Euch ja mächtig gut zu gehen, wenn Ihr mit den Dukaten so herumwerfen könnt.«

»Nehmt Ihr an oder nehmt Ihr nicht an«, fragte Michel ungeduldig.

»Und was ist, wenn wir ablehnen?« fragte der Alte.

Michels Miene sah fast heiter aus.

Er wippte auf den Zehenspitzen und verschränkte die Arme über der Brust.

»Dann werde ich die andere Summe zahlen, wie ich es Euerm Sohn schon versprochen habe.

Eine Ohrfeige hat er. Das macht noch neununddreißig. Für je hundert Dukaten eine. Entschließt Euch schnell. Ich habe keine Zeit, die halbe Nacht in Eurer Gesellschaft zu verbringen.«

»Legt tausend Dukaten drauf«, sagte der Alte mit lauerndem Ausdruck im Gesicht.

»Viertausend und keinen Heller mehr. Werdet nicht obendrein noch unverschämt.«

»Hm, hm — gut, ich nehme an.«

Da stapfte der junge Eberstein heftig mit dem Fuß auf.

»Dieses Geschäft ist meine Sache, Papa. Wie kannst du diesem Kerl die Freiheit seines Vetters verkaufen, da du doch auch nicht das kleinste Bißchen für ihn tun kannst?«

»Oh, ich kann vieles, mein Junge. Das müßtest du im Lauf der Zeit gemerkt haben. Und ich glaube, Herr Baum traut mir mehr zu als dir.«

Michel war verblüfft über diese Offenheit. Dieser alte Kerl schien ein echtes Stück Gaunerehrgeiz zu besitzen. Es hatte den Anschein, als sei er noch stolz auf seine schiefen Manipulationen. Und er hatte recht. Es war wirklich so, daß Michel ihm weit mehr traute als seinem Sprößling. So nickte er denn.

»Gut, gebt die viertausend Dukaten her. Morgen nachmittag könnt Ihr Euch Euern Vetter abholen.«

»Ihr müßt mich doch für sehr naiv halten«, entgegneteMichel nicht unfreundlich. »Wer garantiert mir dafür, daß Ihr es Euch bis morgen nicht anders überlegt?«

»Ich«, sagte der Alte.

»Wer seid Ihr? Kein Hund, der Euch kennt, würde ein Stück Brot von Euch nehmen.«

»Herr!«

»Spielt Euch nicht auf. Wir machen ein Gaunergeschäft. Und Ihr seid ein Gauner.«

»Meine Ehre«, schrie Eberstein, »verbietet mir, daß ...«

»Halt den Schnabel«, fuhr ihm der Vater über den Mund. Dann wandte er sich an Michel. »Ich hielt Euch bisher für einen klugen Menschen. Ihr müßt doch ein-sehen, daß ein wegen Insubordination angeklagter Offizier nicht von heute auf morgen aus dem Gefängnis entlassen werden kann. Schließlich muß man ja die Formalitäten wahren. Alles, was wir tun können, ist, unseren Einfluß aufzubieten, damit die richtenden Offiziere den Premierleutnant freisprechen.

Und ich bin der festen Überzeugung, daß wir diesen Einfluß haben. Ihr seht, ich spiele mit offenen Karten. Wenn Ihr bezahlt, so tue ich mein Möglichstes.«

»Euer Möglichstes nützt mir nichts. Und außerdem dauert mir das zu lange.«

»Drei Tage?« fragte der Alte geschäftig.

Michel überlegte.

Was der alte Eberstein vorgebracht hatte, war stichhaltig.

»Ich gehe noch weiter«, fiel der Alte wieder ein, »mein Sohn wird die Anklage gegen den Premierleutnant Baum zurückziehen. Das ist das einfachste Mittel.«

»Niemals !« rief Rudolf aus.

Sein Vater sah ihn strafend an. Und der sonst so großmaulige Bursche wurde unter diesem Blick weich wie Wachs. Er wandte sich ab und meinte:

»Meinetwegen.«

»Gut«, sagte Michel, »ich bin einverstanden.«

»Und das Geld?«

»Erhaltet Ihr, wenn Ihr mir meinen Vetter übergebt.«

»Hm, Ihr könnt viel erzählen. Zahlt wenigstens die Hälfte an.«

»Gut. Auch darauf soll es mir nicht ankommen.« Er zog einen Beutel unter dem Überwurf hervor, den er umhatte, und warf ihn auf den Tisch. »Das sind zweitausend.«

Die Augen des alten Grafen funkelten gierig.

»Habt Ihr Euch auch nicht verzählt?«

»Hört, alter Gauner, ich gehöre nicht zu Euerm Schlag. Ich mache ein Geschäft und zahle bar und richtig. Aber wehe Euch, wenn mein Vetter nicht in drei Tagen frei ist.«

»Ihr könnt Euch darauf verlassen. Meint Ihr, ich gebe zweitausend Dukaten so ohne weiteres auf?«

»Eben«, sagte Michel, »der Macht des Geldes vertraue ich, mehr jedenfalls als Euch. — Auf Wiedersehen.«

Er ging rückwärts zur Tür. Bevor er sie öffnete, nahm er noch einmal das Wort:

»Noch etwas, meine Herren: es wird euch ja wohl möglich sein, mir einen Besuch bei Richard zu ermöglichen, nicht wahr?«

»Sicher«, nickte der Alte.

»Gut, dann vereinbaren wir die Zeit für morgen nachmittag um vier Uhr. Ich werde in der Nähe des Arrestlokals sein. Ihr sollt mir eine halbe Stunde Sprechzeit verschaffen.«

»Du hast gehört, Rudolf, was er will. Tue das. Morgen nachmittag um vier Uhr also.«Der Alte trat zu dem Tisch, auf dem der Beutel lag, nahm diesen hoch und schüttelte den Inhalt auf die Tischplatte. Die funkelnden Goldstücke kullerten lustig durcheinander. Ohne Rudolf zu beachten, machte sich der Alte ans Zählen. Später, als er etwa die Hälfte der Geldstücke aufgestapelt hatte, meinte er:

»Eine der schönsten Beschäftigungen, die es gibt.«

Rudolf ließ sich in einen Sessel fallen und starrte vor sich hin. Für ihn gab es keinen Zweifel, daß der Vater sein Gaunerwort einlösen würde. Ihm selbst jedoch stand der Sinn nicht danach.

Haß und Rache brannten in ihm mit unauslöschlicher Glut. Er wollte den Pfeifer treffen, und er mußte ihn treffen. Da fiel ihm die Sprechzeit ein, die Michel Baum für morgen beantragt hatte.

Seine Augen blitzten auf. Aber nur für eine Sekunde; dann nahmen sie ihre frühere Gleichgültigkeit wieder an. Er wollte gern auf die zweitausend restlichen Dukaten verzichten, wenn er Michel Baum die größte Schlappe seines Lebens beibringen konnte. Er erhob sich.

»Gute Nacht, Papa.«


51

Bereits am ersten Verhandlungstag hatte Richard Baum gemerkt, daß ihm das Militärgericht nicht freundlich gesonnen war. Er hatte sich den Kopf zergrübelt, um eine plausible Erklärung für seine Handlungsweise zu finden. Aber es war ihm nichts eingefallen; denn von der Wahrheit durfte er keinen Gebrauch machen. Natürlich hätte er einen anderen Zivilisten erfinden können, der zufällig zu dem schändlichen Handeln Ebersteins hinzugekommen war. Aber dann würde auch die Rolle, die er selbst gespielt hatte, zur Sprache kommen. Er mußte an Rachel denken, an das, was er dem alten Hirschfelder mit der Haussuchung angetan hatte, daran, daß er zumindest dazu beigetragen hatte, den alten Juwelier durch einen Herzschlag ins Jenseits zu befördern. Der Fluch der bösen Tat lastete schwer auf seinem Gewissen.

Richard Baum war nicht schlecht. Nur leichtsinnig. Vor sich selbst entschuldigte er seinen Leichtsinn mit dem Gefühl echter Freundschaft, das er für Rudolf von Eberstein empfunden hatte.

Er erhob sich und ging unruhig in der Zelle auf und ab.

Wenn ihm je ein Mensch gesagt hätte, daß Rudolf von Eberstein so schlecht sei, er hätte es nicht geglaubt und hätte seinen Freund verteidigt. Und doch hatte dieser Kerl ein ganzes Haus von Lügen um sich herum aufgebaut. Er schien sich nicht im geringsten Skrupel darüber zu machen, daß er dem Onkel Andreas die Geschichte vom Tod seines Sohnes aufgebunden hatte. Es gehörte schon ein sehr hartes Herz dazu, einem alten Mann, der erklärlicherweise an dem einzigen Sohn hing, derartiges anzutun.

Richard Baum hielt es für ein so giftiges Bubenstück, daß er es kaum begreifen konnte.

Onkel Andreas war immer gut zu ihm gewesen. Er hatte gesorgt für ihn wie für den eigenen Sohn. Alles, was Richard war, verdankte er dem Oheim. Und nun hatte sein bester Freund, eben diesem Oheim, einen solchen Schmerz zugefügt.

Es war unfaßlich. Unfaßlich war schließlich auch, daß er, Richard Baum, hier in der Zelle saß, und einem Gerichtsurteil entgegenwartete, zu dem die Initiative von Rudolf von Eberstein ausgegangen war.

Der Teufel mochte ihn holen.

Richard fand auch Muße, über das nachzudenken, was der Vetter ihm bei der ersten Begegnung über das Offiziersdasein schlechthin und das Heldentum im besonderen gesagt hatte. Langsam verstand er die Ablehnung des anderen.

So sehr, wie Richard auch an dem Beruf hing, so sehr wünschte er jetzt, fern von allem zu sein.

Und was würde nun werden, wenn er die wahrscheinliche Festungshaft verbüßt hatte? Sollte er sich nach Preußen wenden, um dort, in der Armee des Großen Königs, das Offizierspatent zu erwerben?

So, als ob ihn jemand beobachtete, schüttelte er den Kopf.

Das gütige Gesicht des Onkels schien plötzlich in der Zelle zu sein. — Richard schöpfte neue Hoffnung. Onkel Andreas würde ihm weiterhelfen. Der alte Mann hatte einen Blick für die Dinge, wie sie wirklich waren. Sein weltoffener Verstand würde den richtigen Weg sehen, den der Neffe zu gehen hatte.


52

Michel und Ojo gingen einer sonderbaren Beschäftigung nach. Der Pfeifer hatte eine Feile vor sich auf dem Tisch liegen. In der rechten Hand hielt er einen scharfkantigen Diamanten, mit dem er die Rillen auf der Oberfläche der Feile nachzog.

Indessen war Ojo damit beschäftigt, Schwarzpulver in einen Lederbeutel zu schütten und eine Substanz hinzuzufügen, die bei der Verbrennung starken Rauch entwickelte.

Als er den Beutel gefüllt hatte, wog er ihn lachend in der Hand.

»Wird einen schönen Gestank verursachen«, meinte er.

»Ja, wenn es dazu kommen sollte.«

»Oh, Señor Doktor, ich glaube diesem Eberstein kein Wort. Er wird irgendeine Teufelei ausgeheckt haben, um Euch zu hintergehen. Ich würde mir überlegen, ob ich die Verabredung einhielte.«

»Richard muß aus dem Gefängnis heraus. Das bin ich meinem Vater schuldig. Der Junge hat nichts Böses getan.«

»Aber wir haben doch schon so oft andere aus dem Gefängnis befreit, ohne dafür zu bezahlen und ohne einen so gefährlichen Weg zu gehen.«

»Du magst recht haben, Diaz, wir haben es auch noch nie mit deutschen Gefängnissen zu tun gehabt. Die Leute sind hier gewissenhafter als anderswo auf der Welt. Und selbst wenn es wirklich gelingen sollte, dann müßte man darauf vorbereitet sein, schlagartig zu verschwinden und nichts zurückzulassen, woran sie sich rächen könnten. Ich kann aber meinem alten Vater keine Flucht zumuten. Und dann ist schließlich auch noch Charlotte da, die ich auf keinen Fall gefährden möchte.«

»Schon recht, Señor Doktor. Nur, was wird, wenn sie Euch einfach hinterrücks über den Haufen knallen?«

»Das werden sie nicht tun. — Ich weiß nicht, ich habe den Eindruck, daß Rudolf von Eberstein alles tut, was sein Alter sagt. Und der Alte hat so etwas wie eine Gauner-ehre. Vielleicht hält er sein Wort. Dennoch, wenn sie irgend etwas gegen mich im Schilde führen, so sollen sie mich wenigstens nicht unvorbereitet finden. — Bist du fertig?«

»Mit dieser Bombe, ja. Aber ich möchte Euch doch den Vorschlag machen, Euch nicht mit einer zu begnügen. Ihr könnt zwei, drei Stück leicht in Eurer Kleidung verbergen.«

»Gut, fertige noch zwei an.«

Sorgfältig prüfend fuhr Michel mit der Hand über das Profil der Feile. Er schien von dem Ergebnis befriedigt zu sein. Jedenfalls legte er sie zur Seite und zog aus einem Schrank einen sehr langen, wenn auch dünnen, so doch haltbaren Lederriemen hervor. Dann entledigte er sich seiner Oberkleidung und wickelte sich dieses Seil in sauberen Windungen um seinen Oberkörper. Dabei zog er es nicht zu fest an, damit er Spielraum zum Atmen hatte.

Nach einer Weile meinte Ojo:

»Ich bin fertig, Señor Doktor.«

»Dann geh hinüber und frage Jehu, ob er einen Wagen besorgt hat.«

»Bueno.«

Ojo erhob sich und verließ das Zimmer.


53

Der Zeiger der Kirchturmuhr von Sankt Martin rückte auf die volle Stunde zu. Eberstein saß ungeduldig wartend im Wachlokal. Im ganzen gesehen war seine Laune ausgezeichnet.

Auch der Soldaten hatte sich eine merkwürdige Unruhe bemächtigt.

»Also nochmals, Sergeant«, nahm Eberstein das Wort, »keine Gewehre. Schärft den Leuten ein, daß sie die Pistolen so verstauen sollen, daß man sie nicht sehen kann. Dennoch müssen sie jederzeit griffbereit sein; denn der, den es zu fangen gilt, ist ein kluger Fuchs. Er war schon hundertmal in solchen Situationen. Wir müssen höllisch aufpassen, wenn wir den Deserteur schnappen wollen.«

»Jawohl, Herr Major.«

»Gut.«

In diesem Augenblick schlug es vier Uhr. Eberstein erhob sich hastig und ging nach draußen.

Auf der Straße war weit und breit niemand zu sehen.

»Verdammt«, murmelte Eberstein vor sich hin, »der Kerl scheint doch zu klug zu sein, in die Falle zu gehen. Nun, dann ist er jedenfalls seine zweitausend Dukaten los.«

In diesem Moment wurde am Ende der Straße eine Gestalt sichtbar. Es war der Pfeifer.

Ein befriedigtes Aufleuchten ging über die Züge Ebersteins.

»Ihr seid pünktlich«, sagte er, als der Pfeifer heran war.

Michel nickte und sah ihn durchdringend an, so, daß es Eberstein unter diesem sezierenden Blick ungemütlich wurde.

»Kommt«, sagte er, »Euer Vetter wartet schon.«

»Überlegt Euch gut«, meinte Michel leise, »was Ihr tun wollt. Wenn Ihr irgendeine Teufelei im Schilde führt, so ist es um Euch geschehen.«

Eberstein bemühte sich, keine Reaktion auf diese Drohung zu zeigen. Barsch fragte er:

»Seid Ihr bewaffnet? — Ihr müßt die Waffen abgeben.«

»Spart Euch Eure dummen Fragen. Ihr seht, daß ich nichts bei mir habe. Ich bin klug genug, um zu wissen, daß ich nicht bewaffnet in ein Gefängnis hinein darf.«

»Gut, gehen wir.«

Sie betraten die Wachstube.

»Sergeant«, befahl der Major, »bringt diesen Mann in die Zelle des Premierleutnants Baum.

Gebt acht, daß er die Sprechzeit von einer halben Stunde nicht überschreitet.«

»Jawohl, Herr Major«, war die militärisch-knappe Antwort des Sergeanten.

Michel ging voran, der Sergeant mit zwei Leuten hinter ihm drein. So heischte es die Gefängnisordnung. Vor einer Zellentür blieben sie stehen.

»Aufschließen«, befahl der Sergeant seinen Leuten barsch.

Die Tür schwang zurück. In der Zelle war es so dunkel, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte.

»Premierleutnant Baum«, sagte der Sergeant um eine Nuance höflicher, »Ihr habt Besuch.

Redezeit dreißig Minuten.«

Michel trat einen Schritt vor. Da erhielt er plötzlich einen Stoß in den Rücken und taumelte in die Zelle. Er war auf ähnliches gefaßt gewesen. Er hatte mit allem gerechnet. Blitzartig fuhr er herum und starrte in die Läufe dreier Pistolen und in das grimmige Gesicht des Sergeanten.

»Mucks Er sich nicht!« donnerte die Stimme des Sergeanten. »Wir haben Befehl, beim Fluchtversuch scharf zu schießen.«

»Schon gut«, sagte Michel.

Die Tür knallte ins Schloß, ein Schlüssel drehte sich herum.

Michel zuckte die Schultern, zog seine Pfeife hervor, stopfte sie und zündete sie an.

Er hätte etwas darum gegeben, zu sehen, was für ein dummes Gesicht der alte Eberstein machen würde, wenn er von dem eigenmächtigen Streich seines Sohnes erfuhr. Für Michel stand fest, daß der alte Graf von diesen Dingen hier nichts wußte.

Er war keinen Augenblick niedergeschlagen. Nicht umsonst hatte er sich mit Ojos Hilfe so gründlich vorbereitet.

Seine Blicke suchten das Gitter. Die Lichtluke war groß genug, um einen Menschen, der so schlank wie er war, hindurchzulassen.

Seine Hände tasteten das Gitter ab. Die Stäbe waren nicht besonders stark. Es würde eine Kleinigkeit sein, hier herauszukommen, wenn —, ja, wenn draußen kein Posten stand.

Dieser Gedanke schoß ihm blitzartig durch den Kopf. Sich dessen zu vergewissern, hatte er trotz allem Vorbedacht vergessen.

Dennoch ließ er den Mut nicht sinken. Drei Rauchbomben trug er bei sich und eine diamantenscharfe Feile. Das mußte genügen.

Er war nicht lange allein mit seinen Gedanken.

Bald öffnete sich eine Luke in der Tür, und das grinsende Gesicht Ebersteins erschien darin.

Michel wartete nicht, bis er angesprochen wurde, sondern meinte:

»Dieser Bilderrahmen paßt gut um Eure Visage.«

Ebersteins Gesicht veränderte sich augenblicklich. Wilder Haß löste den Ausdruck des Triumphes auf seinen Zügen ab.

»Bist du noch frech, du Hund, wenn du schon den Strick um deinen Hals fühlst?«

»Ich denke, du kennst das Reglement«, erwiderte Michel ungerührt. »Deserteure werden doch gemeinhin erschossen und nicht gehängt. Wozu also diese Drohung mit dem Strick?«

»Du — du — du Halunke!« Eberstein konnte sich vor Wut kaum beherrschen. Die Unerschütterlichkeit des anderen, nunmehr Wehrlosen, wie er vermeinte, traf ihn tief.

»Da fällt mir ein«, sagte Michel, »es wäre besser gewesen, ich hätte dich damals an die Piraten von Algier verkauft. Dann hättest du tausend neue Schimpfwörter hinzulernen können. Die Araber sind darin erfinderischer als du.«

Die Klappe knallte zu.

Aber schon nach ein paar Sekunden ging sie wieder auf.

Der Graf schien sich gefaßt zu haben. Er glaubte, noch einen Trumpf ausspielen zu können.

»Wenn es dir langweilig wird«, sagte er hämisch, »dann brauchst du nur an die Zellenwand zu klopfen. Nebenan sitzt dein Vetter. Er wird sich freuen, wenn ich ihm mitteile, daß wir dich hinter Schloß und Riegel haben. Er wird mir den Triumph gönnen. Er ist mein bester Freund.«

»Du Trottel«, sagte Michel nur. Er hätte jauchzen können vor Vergnügen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß Eberstein so dumm sein würde, ihm zu verraten, in welcher Zelle Richard saß.

Er ließ sich auf den Rand der Pritsche nieder und rauchte gemütlich Pfeife um Pfeife. Bald hatte er herausgefunden, daß die lauten Schläge der Sankt Martinskirche bis in die Enge der Zelle drangen. So brauchte er um die genaue Bestimmung der Uhrzeit nicht verlegen zu sein. Und das war vielleicht von Wichtigkeit. — Kurz, nachdem es sieben Uhr geschlagen hatte, brachte ihm ein Soldat ewas zu essen.

Michel fragte:

»Ist das alles?«

»Ja«, grinste der Soldat.

»Doch hoffentlich nicht für die ganze Nacht?«

»Doch«, nickte der andere. »Du bist doch hier in keinem Hotel. Erst morgen früh um halb fünf bekommst du die nächste Scheibe Brot.«

»Das ist unerhört«, tobte Michel und tat, als sei er ernstlich böse, was den anderen offensichtlich zu freuen schien. Er lachte und schlug die Klappe zu.

Michel hatte, bevor er sich zu Eberstein begab, ausgiebig gegessen. Er war nicht hungrig. Er wollte lediglich wissen, ob er heute nochmals gestört würde oder nicht.

So konnte er sich denn der Arbeit widmen, für die er sich die Feile eingesteckt hatte.

Er machte sich ans Werk. Aber als er zwei Striche getan hatte, hielt er inné. Das Geräusch schien ihm doch zu stark. Er überlegte. Dann begann er, mit aller Lungenkraft zu pfeifen.

Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Klappe abermals und der bärbeißige Sergeant erschien.

»Hör Er auf mit dem Gejodel. Ein Gefangener hat nicht zu pfeifen.«

Michel saß auf seiner Pritsche und kümmerte sich nicht um ihn. Immer kräftiger flössen die dissonanzreichen Melodien von seinen Lippen.

»Aufhören!« schrie der Sergeant.

Michel blickte auf unrd lächelte ihn freundlich an, ohne das Pfeifen einzustellen.

Im Verlauf der nächsten halben Stunde erschien der Sergeant noch dreimal. Aber Michel dachte nicht daran, seine Lieblingsbeschäftigung aufzugeben. Und der Sergeant wußte offensichtlich nicht, was er tun sollte, um den Gefangenen stumm zu machen.

Bald schien man sich jedoch daran gewöhnt zu haben. Niemand kam mehr, um die Klappe zu öffnen.

Nun war es soweit. Michel setzte die Feile an und arbeitete im Schweiße seines Angesichts.

Manchmal mußte er aufhören, um sich zu verschnaufen. Die doppelte Anstrengung des Pfeifens und des Feilens belastete ihn stärker, als er geglaubt hatte. Dennoch, es mußte durchgestanden werden. Glücklicherweise waren die Gitterstäbe nicht alle in die Wand eingelassen. Wenn man zwei Quer- und zwei Längsverstrebungen durch hatte, so war das Fensterchen frei.

Draußen wurde es dunkel.

Eine tröstliche Feststellung hatte Michel gemacht: es gab keinen Posten, der vor den Zellenfestern entlang patroullierte. Das war viel.

Mit stolzgeschwellter Brust hatte sich Eberstein bei seinem Regimentskommandeur zum Rapport gemeldet. Hatte er diesen Michel Baum jetzt schon sicher hinter Gittern, so wollte er nicht nur seine Rachegelüste befriedigen, sondern seinem Vorgesetzten auch noch zeigen, was für ein toller Kerl er war. Die Eitelkeit stach ihn.

Der Oberst war ein älterer, vornehmer Herr, dessen hohe Stirn und kluge Augen große Intelligenz verrieten.

»Nun, lieber Eberstein, was bringt Ihr mir?«

»Melde gehorsamst, habe eine Deserteur gefangen und in Gewahrsam genommen, Herr Oberst.«

»Einen Deserteur? — Ich wußte gar nicht, daß so ein verdammter Bursche ausgerissen ist. In welcher Kompanie, in welchem Détachement?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberst, er ist kein Deserteur im gewöhnlichen Sinne. Er ist vor nunmehr fast zehn Jahren dem landgräflichen Heer entflohen. Damals ging er straflos aus, da man seiner nicht habhaft werden konnte.«

»Vor zehn Jahren?« Der Oberst lachte. »Aber lieber Eberstein, das ist ja schon bald nicht mehr wahr. Und warum ist er ausgebüchst?«

»Wollte nicht gegen Washington kämpfen, Herr Oberst.«

»Hm, kann darüber nichts sagen. Vor zehn Jahren war ich noch nicht in hessischen Diensten.

Immerhin, was ist das für ein Mann?«

»Der Sohn des Tabakhändlers Baum.«

»Ah, der Alte, der diese tadellosen Sorten auf den Markt bringt? Meint Ihr den?«

»Jawohl, Herr Oberst, derselbe.«

»Habe immer geglaubt, er hätte nur einen Sohn gehabt.«

»Hat er auch, Herr Oberst.«

»Eigenartig, eigenartig, hat mir doch mal was davon erzählt, der alte Mann. Richtig, sollte ja irgendwo draußen in der Welt umgekommen sein. — Zum Teufel, Eberstein, war das nicht Euer Freund?«

»Nun, Freund ist zuviel gesagt. Ich war mit ihm zusammen eine Weile auf See. Haben uns zufällig draußen wieder getroffen. Er war Seeräuber.«

Der alte Herr schüttelte den Kopf. Er kannte die Einzelheiten nicht. Er erinnerte sich nur schwach an die Erzählung des alten Andreas Baum.

»Darf ich mir einen Vorschlag gestatten, Herr Oberst?«

»Immerzu, immerzu, lieber Freund. Seid einer meiner tüchtigsten Offiziere. Was meint Ihr?«

»Schlage vor, ihn zu hängen.«

»Zu hängen? — Ich bitte Euch, Eberstein! Wir werden doch einen Menschen nicht hängen, weil er vor zehn Jahren mal davongelaufen ist. Wie kommt Ihr auf diese absurde Idee?«

»Denke, es war Desertion vor dem Feinde.«

Der Oberst runzelte die Stirn. Er war in preußischen Diensten groß geworden. Und es war daher nicht zu verwundern, daß er über jemanden, der sich nicht an eine fremde Macht hatte verkaufen lassen wollen und deshalb desertiert war, anders dachte als Eberstein.

»Ach, Unsinn! — Verzeiht, ich bin doch der Meinung, daß wir den Mann laufen lassen sollten.

Wozu so alte Sachen aufwärmen? Weiß nicht, was das Militärstrafgesetzbuch dazu sagt, wenn sich ein Deserteur nach zehn Jahren wieder einfindet. Über die Zeit des Spießrutenlaufens sind wir ja wohl hinaus.«

»Dieser Baum ist ein Mensch, der sich nicht fügen kann. Überall, wo er hinkommt, stiftet er Aufruhr. Ich würde nicht so leicht darüber hinweggehen, Herr Oberst.«

Der Oberst erhob sich.

»Ja, ja, meinetwegen, ich will mir das überlegen. Erinnert mich in den nächsten Tagen nochmals daran. Dann werde ich bei seiner Hoheit Vortrag halten. Baum, den Namen habe ich erst kürzlich in anderem Zusammenhang gehört. Ach, richtig, hieß nicht auch der junge Leutnant, gegen den die Verhandlung schwebt, Baum?«

»Jawohl, Herr Oberst. Melde gehorsamst, Richard Baum, Premierleutnant Richard Baum ist ein Cousin des anderen.«

»Komisch, komisch, der Alte macht einen so soliden Eindruck, und seine Söhne scheinen die reinsten Rebellen zu sein.«

»Man sollte scharf gegen solche Elemente vorgehen, Herr Oberst, wenn ich mir eine Meinung erlauben darf.«

»Ja, ja, werde mir den Fall vornehmen. Wie kam Euer Deserteur eigentlich zum Militär? Er schien sich doch nicht viel aus dem bunten Rock zu machen, wenn er so bald wieder desertierte.«

Mit dieser Frage hatte Eberstein nicht gerechnet. Sie brachte ihn in Verlegenheit. Sollte er erwidern, daß er die Ursache war, die Michel Baum für ein paar Tage dazu bestimmte, Musketier beim Landgrafen von Hessen-Kassel zu spielen? Er hatte überhaupt nicht mit einem so eingehenden Interesse des Obersten gerechnet. Weshalb interessierte sich sein Vorgesetzter so sehr für den verdammten Pfeifer?

»Ihr habt mir meine Frage noch nicht beantwortet, Major. Wie kam der Mann zum Militär?«

»Nun, nun«, stotterte Eberstein, »Sie wissen, Seine Hoheit brauchte damals — brauchte damals Soldaten. Seine Hoheit — Seine Hoheit hatte einen Vertrag mit England. Nun, da war man nicht gar so zimperlich, jemanden den Rock anzuziehen.«

»Ach so, also zwangsrekrutiert. — Hm —, das mildert die Sache noch ab. Wollte vielleicht auch ein braver Tabakhändler werden wie sein Vater, was?«

Eberstein zauderte wieder. Er überlegte, ob er sagen sollte, was er über Michels Zivilberuf wußte. Wenn erden Oberst jedoch bei seiner Ansicht ließ oder sie gar bestätigte, dann mußte er gewärtig sein, daß sein Vorgesetzter sehr erstaunt sein würde, wenn er die Wahrheit erfuhr. Es fiel ihm sichtlich schwer, als er jetzt antwortete:

»Nein, Herr Oberst, er war Arzt.«

Der Oberst hielt in seiner Wanderung inne. Kerzengerade stand er vor Eberstein. Seine hellen, ehrlichen Augen starrten diesen ungläubig an.

»Sapperlot, sagtet Ihr Arzt?«

»Jawohl, Herr Oberst.«

»Ja, zum Teufel, hat man denn in Hessen auch Ärzte zwangsrekrutiert? — War er Regimentsmedikus?«

»Herr Oberst haben mich mißverstanden. Beim Militär war er einfacher Musketier. Ich meine, er war im Zivilberuf Arzt.«

Der Oberst hieb mit der Faust auf den Tisch.

»Unerhört!« Und Eberstein merkte, daß dieses »Unerhört« nicht etwa der Tatsache galt, daß Michel desertiert war. »Gleich morgen früh laßt Ihr mir den Mann vorführen. Das scheint mir ja eine sonderbare Angelegenheit zu sein. — Danke, Major von Eberstein.«

Als Rudolf draußen war, schlug er wütend mit der Faust auf den Degenknauf. Er sah ein, daß er die größte Dummheit seines Lebens gemacht hatte. Man maß heute in Hessen-Kassel nicht mehr nach den Maßstäben von vor zehn Jahren. Die Zeiten hatten sich geändert. Der Landgraf war ein friedlicher Mann, der sich um den Aufbau seiner Residenz kümmerte, der etwas für die Kultur tat, der nicht gerade liberal, aber doch großzügig gesinnt war. Plötzlich wußte Eberstein, daß er verspielt hatte. Wut und Rachedurst schlugen in das Gegenteil um. Er bekam plötzlich Angst.

Nach seiner Rückkehr damals, als ihn die Seeräubergräfin Marina an Land gesetzt hatte, hatte ihn der Landgraf in Gnaden wieder aufgenommen. Die Abenteuer, die er erlebt hatte, gaben ihm den Nimbus eines kühnen Draufgängers, den man gerne als tüchtigen Offizier in der Armee hatte. Das Delikt, um dessentwillen er damals zu den Söldnertruppen, die der hessische Landgraf an den englischen König verkauft hatte, abgestellt worden war, war vergeben. Wenn sich nun aber der Oberst plötzlich persönlich für Baum zu interessieren begann, so bestand die Gefahr, daß all das Vergangene wieder aufgewärmt wurde. Und wie er, Rudolf von Eberstein, den Pfeifer kannte, nahm dieser kein Blatt vor den Mund.

Eberstein wußte plötzlich, daß er das Spiel, das er ein Jahrzehnt lang spielte, verloren hatte.

Je näher er dem Hause kam, in dem er mit seinem Vater wohnte, um so zögernder wurde sein Schritt. Was würde wohl der Vater sagen? Zum zweitenmal in verhältnismäßig kurzer Zeit war es die Schuld des Sohnes gewesen, die alle Spekulationen des alten Gauners über den Haufen geworfen hatte.

Rudolf verspürte plötzlich den heftigen Wunsch, sich über das, was vorgefallen war, mit einem Freund auszusprechen. Aber des einzigen Freundes, den er je besessen hatte, hatte er sich selbst beraubt. Richard Baum saß ebenfalls im Gefängnis.

Er ging an seinem Haus vorbei. Er hatte nicht den Mut einzutreten. Später saß er in einem Restaurant und trank Wein. Der Alkohol half über solche Situationen immer noch am besten hinweg. Zumindest war er dazu angetan, Dinge, die sich zwangsläufig ereignen mußten, hinauszuschieben.


54

Der Pfeifer hielt erschöpft inne. Die Anstrengung, die ihm die Freiheit versprach, war vollbracht.

Noch einmal fuhren seine Finger prüfend über die eingefeilten Kerben. Seine Fäuste griffen in das Gitter und rüttelten daran. Es gab keinen Zweifel : ein kurzer, kräftiger Ruck genügte, um es herauszureißen. Er ließ sich auf die Pritsche nieder, um zu verschnaufen. Bevor er seinen Weg nach draußen antrat, mußte er frische Kräfte sammeln.

Er hatte noch nicht lange so gesessen, als sich die Guckklappe in der Tür öffnete und im Schein einer Kerze das grimmige Gesicht des Wachsergeanten sichtbar wurde.

»Sein Glück«, sagte die knurrige Stimme, »daß Er die Pfeiferei eingestellt hat.«

»Mein Glück sieht ganz anders aus.«

»Werde Er nicht frech, Halunke. Sei Er froh, daß wir Ihn nicht geknebelt haben.«

»Sei Er froh, daß Er es nicht versucht hat«, entgegnete Michel. »Es wäre Ihm wahrscheinlich schlecht bekommen, mir einen Knebel in den Mund zu stecken.«

»Er ist arrogant, als sei Er aus Preußen.«

»Er hat wohl noch keinen Preußen gesehen, wie?«

»Ach ...« Der Sergeant warf wütend die Klappe zu.

Michel streckte sich auf der Pritsche aus. Er hatte das Bedürfnis, seine Glieder zu entspannen.

Die verkrampften Armmuskeln brauchten Auflockerung. Der Puls mußte ruhiger werden; denn sein starkes Klopfen verursachte ein hämmerndes Geräusch im Schädel, das das Gehör trübte.

Im Liegen stopfte er sich eine Pfeife und rauchte mit Behagen. Als nach dem letzten Zug der Rest der Glut zu Asche verglomm, hallten die Glockenschläge von Sankt Martin herüber. Sie kündeten die zwölfte Stunde.

»Mitternacht«, murmelte Michel, »es wird Zeit.«

Er erhob sich, dehnte und streckte sich wie eine Katze und fühlte sich voll von Tatendrang.

Der nächtliche Himmel war verhangen. Nur hier und dort blickte ein Stern durch die dichte Wolkendecke. Von dem Silberstreifen der abnehmenden Mondsichel war nichts zu sehen.

»Bueno«, murmelte Michel vor sich hin und stellte den Schemel unter das Fensterchen. Mitten in dieser Beschäftigung hielt er inne.

Er war reichlich verblüfft. Er stellte fest, daß er in spanischer Sprache dachte, soweit sich das Denken um jene Tätigkeit drehte, die er vollführen mußte, um in die Freiheit zu gelangen.

Jemand, der die Gedankentiefe des Pfeifers nicht besaß, wäre über eine solche Feststellung sicherlich mit einem Achselzucken hinweggegangen. Ihn aber stimmte sie nachdenklich. Man sollte, dachte er, der Muttersprache nicht einfach »Adieu« sagen. Sie war doch wesentlicher Bestandteil des eigenen Ich. Sicher, Deutschland als politischer Begriff war nichts. Aber Deutschland, von der Sprache, vom Geist, von der Kunst her gesehen, war viel.

Gestern, in einer Mußestunde, hatte ihm Jehu ein Pamphlet gebracht, das kürzlich erschienen war. Michels Interesse war wach geworden, als er in großen, einfachen Buchstaben, quer über den Umschlag gedruckt, die Worte »In Tyrannos«1 las. Das Büchlein enthielt nichts als ein

«Drama. Es hieß »Die Räuber« und war von einem gewissen Herrn Schiller geschrieben. Jehu erklärte, daß es bei seinem Erscheinen viel Staub aufgewirbelt habe. Und nach seiner Lektüre verstand Michel, weshalb. l »Gegen die Tyrannen« oder frei: »Tod den Tyrannen!

»In Tyrannos« war zwar lateinisch; aber die Sprache des Stückes war deutsch. Ein sehr beachtliches Stück, ein ungewöhnlich starkes Schauspiel.

»In Tyrannos«, dachte Michel und stieg auf den Hocker. Hart griffen seine Fäuste zu. Ein Ruck, und das Fensterchen war frei. Er legte das Gitter vorsichtig auf die Pritsche.

Dann griff er in die Tasche und holte eines der kleinen Lederbeutelchen hervor, die Ojo angefertigt hatte. Bevor er hinauskletterte, überzeugte er sich davon, daß die Lunte festsaß.

Den Beutel zwischen den Zähnen, zwängte er sich durch die Öffnung. Ein Satz, und er stand auf der Gasse.

Die Dunkelheit kam ihm zustatten. Jedes Geräusch vermeidend, schlich er zum Wachlokal. Hier spähte er durch das Fenster.

Der bärbeißige Sergeant saß an einem Tisch, hatte die Arme auf der Holzplatte verschränkt und den Kopf darauf gelegt. Neben ihm brannte flackernd eine Kerze. Über ihm, an der Wand, hing ein Schlüsselbrett. Michel zählte zwölf Haken, an denen je ein Schlüssel hing. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte weder Nummern über den Haken, noch Schildchen an den Schlüsseln erkennen, auf denen eine Nummer verzeichnet war.

Er hatte in Zelle acht gesessen. Von Eberstein war ihm bekannt, daß Richard sich in neun befand. Wenn er nun die Schlüsselhaken einfach von links nach rechts zählte und den neunten nahm, würde es dann der richtige sein?

Es war schwer zu sagen, nach welchem System die Schlüssel dort an der Wand hingen.

In den Schatten eines Mauervorsprungs gepreßt, überlegte er. Welchen Weg zur Befreiung Richards sollte er wählen?

Plötzlich fiel ihm siedendheiß ein, daß Richard, der gar nicht auf eine solche Befreiung vorbereitet war, vielleicht eine zu lange Schrecksekunde haben könnte. Für ihn galt es ja nicht nur, den Schritt aus dem Gefängnis zu wagen.

Wenn Richard floh, so war das Desertion. Und das wollte überlegt sein. Freilich, in Hamburg wartete Dieuxdonnés Schiff. Für Michel gab es keinen Zweifel, daß es ihm gelingen würde, unangefochten bis in die Hansestadt zu gelangen. Aber wollte denn Richard überhaupt den Weg in ein neues Leben antreten?

Den Pfeifer, der bisher so viele Situationen gemeistert hatte, verließ auf einmal der Mut. Das eigene Leben in die Hand zu nehmen, war eine Kleinigkeit. Aber bei einem anderen, fast Fremden, den man vor ein paar Tagen zum erstenmal nach langen Jahren wiedergesehen hatte, und mit dem einem eigentlich nichts verband als das Wissen um die Verwandtschaft, lag die Sache anders.

Michel schlich sich an der Mauer entlang, bis er das Fenster seiner Nachbarzelle erreicht hatte.

Er suchte nach einem Stein, fand ihn, reckte sich an der Mauer hoch und schlug die Scheibe ein.

Dann hielt er den Atem an. Angestrengt lauschte er.

»He«, rief drinnen jemand, »was ist da los?«

Michel erkannte die Stimme Richards.

Er faßte in die Gitter und zog sich daran hoch.

»Richard, hörst du mich?«

»Oh, Ihr seid es?«»Ja. — Ich war neben dir eingesperrt und habe mich befreit. Soll ich dich herausholen?«

Der junge Premierleutnant schwieg. Er mochte mit einem Entschluß ringen. Das war, so plötzlich vor die Stimme wieder :

»Und was soll dann werden? — Glaubst du — — glaubt Ihr, daß ich fliehen soll?«

»Ich weiß es auch nicht«, flüsterte Michel. »Dein Leben würde sich entscheidend ändern. Aber du mußt selbst entscheiden.«

»Ja, wenn ich hierbleibe, bekomme ich Festung.«

»Wirklich?«

»Ja, Eberstein wird darauf bestehen.«

»Und Rechtsmittel gibt es nicht, die du gegen ein solches Urteil einlegen könntest?«

»Kaum«, kam es zögernd. »Ja, wenn du — wenn Ihr nicht selbst belastet wäret, so würde ich Euch bitten, den Regimentskommandeur aufzusuchen und ihm alles vorzutragen. Vielleicht würde er auf einen erfahrenen Mann, wie Ihr einer seid, hören.«

»Sag du«, zischte Michel. »Wie heißt der Regimentskommandeur?«

»Graf Köcknitz, er ist Oberst.«

»Wo kann ich ihn erreichen?«

Die Antwort von drinnen kam; aber Michel verstand sie nicht mehr. Während des ganzen Gesprächs hing er im Klimmzug an dem Gitter. Die Anstrengung verursachte Ohrensausen. Und so hatte er die Schritte, die von rechts nahten, überhört.

»He, Er da, was tut Er da?« drang eine schneidende Stimme an sein Ohr.

Der Pfeifer ließ sich fallen. Einige Schritte von ihm entfernt stand ein älterer Offizier.

Wenn er jetzt die Wache alarmiert, dachte Michel, dann war alles umsonst. Mit einem panthergleichen Satz stürzte

Dieser war viel zu erschrocken, um sich zur Wehr zu setzen. Michel zischte:

»Muckt Euch nicht, mein Herr. Wenn Ihr mich verratet, ist es aus mit Euch.«

Er lockerte den Griff ein wenig. Der Offizier blieb still, versuchte jedoch, die klammernden Hände unwillig von sich zu schütteln.

»Was wagt Er?«

»Nichts als meine Freiheit. Ich bin soeben aus diesem albernen Gefängnis ausgebrochen und habe keine Lust, mich wieder einsperren zu lassen. Hoffentlich versteht Ihr diesen Standpunkt.

Begleitet mich ein Stück, damit ich weiß, daß Ihr mir nicht inzwischen die Wache auf den Hals hetzt. Scheinen ohnehin keine guten Wächter zu sein. Sie schlafen wie die Murmeltiere. Sonst hätten sie den Krach längst hören müssen.«

»Er ist ein unverschämter Kerl, Er begibt sich sofort wieder in Arrest!«

»Redet leiser, Mann«, fuhr ihn Michel ungeduldig an. »Kommt jetzt. Wenn wir weit genug entfernt sind, könnt Ihr Euern Weg unbehelligt fortsetzen.«

»Mann, Er hat einen Oberst Seiner Hoheit vor sich.«

»Oberst oder nicht. — Los, kommt!«

Michel hakte den sich sträubenden Offizier einfach unter und zog ihn mit sich. Nach einer Weile gab dieser seine Widerspenstigkeit auf und ging neben dem Pfeifer her durch die dunklen Straßen.Als sie sich so weit entfernt hatten, daß keine Gefahr mehr bestand, meinte Miche

»Nett von Euch, daß Ihr für einen Flüchtenden Verständnis hattet. Jetzt könnt Ihr gehen.«

Aber nun schien der Oberst nicht zu wollen.

»Wer seid Ihr?« fragte er höflicher.

»Meinen Namen werdet Ihr morgen sowieso erfahren; denn es wird sich ja herumsprechen, daß ich ausgebrochen bin. Aber verlaßt Euch darauf, Eure Landsknechte kriegen mich nicht. Ich heiße Michel Baum.«

Der Oberst blieb stehen.

»Seid Ihr etwa der Doktor der Medizin?«

»Ja, wie kommt Ihr darauf?«

»Man hat mir heute Vormittag Vortrag über Euch gehalten.« Er sah ihn sich, soweit es die Dunkelheit zuließ, von oben bis unten an. »Dann habe ich also einen regelrechten Deserteur vor mir und kann nichts tun, um ihn dorthin zubringen, wo er gerade hergekommen ist.«

»Das ist Euer Pech und mein Glück«, lachte Michel. Dann wurde er ernst. »Seht, ich bin weit in der Welt herumgekommen. Ich war in Afrika, in Indien, in Kleinasien. Ich habe viele Menschen und viele Rassen kennengelernt. Aber Intrigen, wie sie hier in Kassel herrschen, habe ich nur noch bei den Türken gefunden. Dort hat so ein dummer, aufgeblasener Pascha auch Macht über Leben und Tod seiner Untertanen, ohne daß diese irgendwo ihr Recht finden könnten.«

»Ah, Ihr redet Unsinn. Hier hat kein Mensch Macht über Leben und Tod. Unser oberster Gerichtsherr ist der Landesherr. Wie kommt Ihr zu dieser abwegigen Ansicht?«

»Es würde zu weit führen, es Euch zu erzählen. Ich habe am eigenen Leib verspürt, welche Macht so ein hessischer Pascha besitzt.«

»Hessischer Pascha?«

»Nun, man sagt hierzulande Graf dazu. Pascha wäre treffender.«

»Erzählt. Ich gehöre ebenfalls zu der Kategorie der — hm — hessischen Paschas.«

»Diese Bezeichnung scheint Euch sehr nahegegangen zu sein, wie?« fragte Michel und lachte.

»Das wäre zuviel gesagt. Immerhin würde es mich interessieren, wie Ihr zu Eurer Auffassung gelangt seid.«

»Ich sagte schon, es würde zu weit führen, Euch das alles zu berichten. — Aber vielleicht könnt Ihr mir eine Bitte erfüllen. Da Ihr doch Offizier in landgräflichen Diensten seid, so kennt Ihr vielleicht einen Regimentskommandeur Euren Ranges, den ich gern aufsuchen möchte.«

»Wie heißt er?«

»Auch ein Pascha«, lächelte Michel. »Graf Köcknitz. Wißt Ihr, wo der gute Mann wohnt?«

Der Oberst trat erstaunt einen Schritt zurück.

»Was wollt Ihr von dem?«

»Das laßt meine Sorge sein. Er ist der einzige, der helfen kann. Das heißt, wenn er guten Willens ist.«

»Er ist immer guten Willens«, erwiderte der Oberst konsterniert.

»Um so besser. Kennt Ihr ihn so genau?«

»Hm, das will ich meinen, Ihr ehrenwerter Medizindoktor. Ich bin es selbst.«

Jetzt war es an Michel, überrascht zu sein. Aber der Pfeifer wußte seine Verblüffung gut zu verbergen. Wenn der Oberst einen Aufschrei des Erstaunens erwartete, so wartete er vergeblich.

Statt dessen kam es ziemlich gleichgültig von Michels Lippen:

»Oh, dann kann ich mir viel Sucherei ersparen. Freut mich, Euch kennengelernt zu haben.«

»Ich will nicht gerade sagen, daß die Freude auch auf meiner Seite ist«, meinte Oberst Köcknitz sarkastisch, »aber immerhin, nach dem, was man von Euch hört, müßt Ihr ein sehr interessanter Mann sein. Und da ich sowieso schlecht schlafen kann, mache ich Euch den Vorschlag, mich zu begleiten.«

»Wohin?«

»In meine Wohnung. Wohin sonst?«

»Ich wäre mehr für einen neutralen Ort«, warf Michel mißtrauisch ein.

»Herr«, brauste der Oberst auf, »wollt Ihr mich beleidigen?«

»Das liegt mir gänzlich fern. Nur, müßt Ihr wissen, ich habe so meine Erfahrungen. Deswegen bin ich vorsichtig.«

»Sapperment, ich gebe Euch mein Ehrenwort als Offizier, daß Ihr bei mir so sicher seid wie in Abrahams Schoß.«

Michel blickte den Oberst forschend an. Dann nickte er.

»Köcknitz«, sagte er sinnend, »das klingt nach Preußen, nach der Mark Brandenburg. Ich nehme an, daß Ihr aus der Streusandbüchse stammt?«

»Ja, aber was soll das?«

»Nun, ich habe noch nie gehört, daß ein brandenburgischer Edelmann sein Wort gebrochen hat.

Eure Heimat spricht für Euch. Ich gehe mit.«

Der Oberst schüttelte den Kopf.

»Ich bewundere mich selbst«, sagte er nicht ohne Humor, »daß ich Euch noch nicht fortgejagt habe. Ihr seid ein reichlich anmaßender Bursche.«

»Das kommt Euch nur so vor«, erwiderte Michel im gleichen Ton. »Draußen, in der Welt, gewöhnt man es sich an, die Menschen, mit denen man umgeht, nach ihren Taten zu beurteilen und nicht nach ihrem Stand, Beruf oder Offizierspatent.«

Sie waren unterdessen weitergegangen. Von Sankt Martin verkündeten die Glocken das Ende der ersten halben Mitternachtsstunde. Hier und da lichtete sich der Himmel ein wenig. Die Wolken schoben sich zur Seite, und silberne Sterne blinzelten den beiden nächtlichen Spaziergängern zu.

Nach geraumer Zeit standen sie vor einem schönen Haus.

»So«, sagte Oberst Köcknitz, »hier wohne ich. Tretet ein.«

Ein Bursche, verschlafen, aber dennoch dienstbeflissen, sprang herzu, um seinem Herrn Degen und Wehrgehenk abzunehmen. Dann führte der Oberst seinen Gast in einen gemütlichen, aber ohne Luxus eingerichteten Raum.

»Nehmt Platz«, sagte er und deutete auf einen tiefen Sessel.

»Gestattet Ihr, daß ich rauche?« fragte Michel.

»Ach ja, Ihr seid ja der Sohn dieses erstklassigen Tabakmischers.« Er wandte sich zur Tür und rief: »Philipp, bring mir meine Pfeife.«

Bald kräuselte der Rauch in kleinen duftigen Wirbeln zur Decke. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet und gewährten der milden, sommerlichen Nachtluft ungehindert Zutritt. Man hätte das nächtliche Beisammensein fast gemütlich nennen können.»Nun erzählt, was Ihr von Oberst Köcknitz wolltet.«

Michel nickte und begann:

»Ich habe einen Vetter. Der sitzt im Gefängnis in der Zelle neben der, aus der ich vorhin ausgebrochen bin. Und der größte Lump von ganz Hessen hat ihn dort hingebracht.«

»Na, na —, na, na! Ihr seid schnell mit Werturteilen bei der Hand. Ich weiß zum Beispiel, daß er auf Veranlassung des Grafen von Eberstein eingesperrt wurde.«

»Eben«, sagte Michel, »der.«

»Ihr müßt das schon etwas näher erklären.«

Michel nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife und lehnte sich im Sessel zurück. Dann fuhr er fort:

»Da ich einmal bei Euch bin, in der Höhle des Löwen sozusagen, will ich Euch alles der Reihe nach erzählen. Vor zehn Jahren fing es an. Damals war ich ein Opfer Ebersteins. Langweile ich Euch auch nicht?«

»Keineswegs. Ich bin nicht müde. Fangt an.«

Stunde um Stunde verrann. Die Pfeifen qualmten. Der Oberst unterbrach die Erzählung Michels nur einmal, um zu fragen, ob er Appetit auf ein Glas Wein habe. Philipp, der Bursche, brachte die Flasche. Er schien daran gewöhnt zu sein, daß sein Herr spät schlafen ging. Jedenfalls war er immer zur Hand, wenn der Oberst ihn brauchte.

Es wurde vier Uhr und fünf Uhr. Die lebhaften Augen des Grafen Köcknitz streiften immer wieder das Gesicht des Erzählers. Fast unglaublich klangen die vielen Abenteuer in den Ohren des alten Offiziers. Da saß ihm einer gegenüber, der all das verwirklicht hatte, was er, der Oberst, noch zu Zeiten, da er als junger Leutnant in die Armee Friedrich Wilhelms I. eingetreten war, erträumt hatte. Da lag die Welt offen vor seinem Auge, schillernd und faszinierend, wie er sie sich vorgestellt hatte. Seine Skepsis dem jungen Arzt gegenüber war längst gewichen. Und als die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen, hatte er die Überzeugung gewonnen, daß Eberstein wirklich der Lump war, für den ihn der Pfeifer hielt.


55

Ojo wartete Stunde um Stunde. Um halb vier war Michel weggegangen. Als es zehn Uhr abends war, wurde der treue Begleiter des Pfeifers unruhig. Er ging in die Wirtsstube hinunter und bestellte sich einen Krug Wein. Zuerst trank er nur langsam. Aber als es elf war, leerte er die Becher schneller.

Stets, wenn Jehu Rachmann eine Pause in seinem Spiel einlegte, trat Ojo zu ihm ans Klavier.

Und obwohl sie sich nicht verständigen konnten, verstanden sie sich doch ausgezeichnet.

Auch Jehu packte die Unruhe. Es sah fast so aus, als sei es Eberstein gelungen, sich Michel Baums zu bemächtigen.

Um Mitternacht brachte der Wirt den zweiten Krug zu Ojo. Die Aufregung machte ihn durstig.

Die Becher waren ihm zu klein. So setzte er denn das schwere Tongefäß an die Lippen und leerte es zum Erstaunen des Krugwirts zur Hälfte in einem Zug.

Um halb ein Uhr saß nur noch ein einzelner verspäteter Gast in der Stube. Der aber gehörte nicht zur Stammkundschaft, und so hatte der Wirt ein Einsehen und entließ den Musikus.

Als Ojo auch den zweiten Krug geleert hatte, klappte der Deckel des Cembalos mit hörbarem Krach zu. Jehu setzte sich an den Tisch des Spaniers, und beide gestikulierten wild, obwohl keiner die Zeichen des anderen richtig deutete.

Um eins wurde es Ojo zu bunt. Er hieb mit der Faust auf den Tisch, beglich die Zeche und stand auf.

Der Wirt bekam einen ungeheuren Respekt, als er sah, wie der große Mann, ohne auch nur im geringsten zu schwanken, neben Jehu die Wirtsstube verließ.

Ojo machte keine Anstalten, die Treppe hinauf in sein Zimmer zu gehen. Jehu blieb neben ihm.

In des Spaniers Gehirn arbeitete es schwer. Er suchte nach Worten, nach deutschen Worten, mit denen er sich dem jungen Mann verständlich machen konnte. Endlich fand er ein paar französische Brocken. So machte er denn einen Versuch:

»Du — mir — zeigen — wo prison — Gefängnis.«

Und siehe da, Jehu hatte verstanden. Ein wenig Französisch konnte er auch.

»Voila«, meinte er, »gehen wir.«

Sie wanderten ins Stadtinnere, und auf der anderen Seite wieder hinaus, bis sie in jene Gasse kamen, an der das Wachlokal und die Arrestzellen lagen.

Jehu deutete darauf. Ojo nickte, zum Zeichen, daß er verstanden hatte. Er nahm Jehu beim Arm, führte ihn zu einem Baum, der nicht weit entfernt stand, und stellte den verblüfften jungen Mann dicht an den Stamm, so daß ihn das Licht der Sterne nicht erreichen konnte.

Jehu blieb stehen. Ojo wandte sich dem Eingang des Wachlokals zu und blickte, als er sah, daß dieses ein Fenster hatte, hinein. Auch er fand den Sergeanten am Tisch sitzen und schlafen. Da sah er, wie im Hintergrund des Wachzimmers ein Soldat von einer Pritsche aufstand.

Er gähnte, reckte und streckte sich, trat dann, ohne den Sergeanten zu wecken, an den Tisch, nahm die Kerze zur Hand und verschwand in dem Gang, an dem die Zellen lagen.

Ojo zuckte die Schultern. Was sollte er tun? Sollte er hineingehen? Was würde das nützen?

Niemand würde ihn verstehen. Das einzige, was ihm blühen konnte, war, daß man ihn selbst verhaftete. Eine verteufelte Situation. Ohne sich über das schlüssig zu werden, was er tun wollte, blieb er am Fenster stehen und beobachtete die Soldaten weiter.

Plötzlich sah er, wie derjenige, der soeben im Zellengang verschwunden war, wie der Blitz wieder hervorgeschossen kam und auf den Sergeanten zustürzte, diesen an den Schultern rüttelte und auf ihn einschrie:

Der Sergeant fuhr hoch.

»Was sagst du? Sag das noch mal!«

»Ja, Herr Sergeant, es stimmt. Die Zelle ist leer. Ich wollte austreten gehen, und da mich der Mann interessierte, weil er so laut gepfiffen hat vorher, habe ich durch das Guckfensterchen gesehen. Er ist nicht drin.«

Der Sergeant griff nach seinem Säbel und schnallte ihn um. Dann nahm er einen Schlüssel von dem Brett. Mit dem Soldaten als Lichtträger wandte er sich dem Gang zu, um sich selbst zu überzeugen.

Ein paar Sekunden später stand er wieder im Wachraum. Die anderen Mannschaften, es waren sechs an der Zahl, wurden ebenfalls geweckt.

Ojo, der natürlich nichts verstanden hatte, trat achselzuckend zu Jehu an den Baum. Es hatte den Anschein, als würden die Soldaten nach draußen kommen. Deshalbwollte sich der lange Spanier nicht von ihnen sehen lassen. In diesem Augenblick klangen Schritte aus dem Dunkel. Jehu und Ojo blickten gespannt der sich nähernden Gestalt entgegen.

Als man die Züge des Mannes erkennen konnte, hatte Ojo Mühe, einen drohenden Ausruf zu unterdrücken.

Es war Eberstein. Er mußte viel getrunken haben; denn er schwankte beträchtlich. Der Dreispitz saß schief auf seinem Kopf, der Degen schleifte auf der Erde nach.

Er erreichte das Wachlokal im gleichen Moment, als der Sergeant mit seinen Soldaten aus der Tür stürzte.

Der Sergeant sah Eberstein sofort, riß die Hacken zusammen und meldete:

»Der gefangene Deserteur ist entflohen, Herr Major.«

»Wa - Was?« lallte Eberstein.

»Der Deserteur Baum ist entflohen.«

Jetzt erst begriff Eberstein, was vorgefallen war. Er schrie den Sergeanten an. Er drohte der ganzen Wache mit scharfem Karzer. Er tobte und gröhlte, daß sich auf der anderen Straßenseite ein Fenster öffnete, in dem die weiße Zipfelmütze eines aus dem Schlaf gerissenen Bürgers zum Vorschein kam.

Plötzlich hielt der Graf im Toben inné. Sein vom Alkohol benebelter Geist begann sich zu klären. Blitzartig wurde ihm die Situation klar. Und jäh begriff er, daß die Flucht Michel Baums seine Rettung bedeuten konnte. Er war davon überzeugt, daß man ihn, sollte man ihn überhaupt verfolgen, ohnehin nicht wieder einfangen würde. So hatte sich der Kronzeuge gegen ihn von selbst um diese Zeugenschaft gebracht; denn er konnte ja nicht ahnen, daß Oberst Köcknitz die komische Idee hatte, Vortrag beim Landgrafen über ihn zu halten.

Eberstein faßte schnell zusammen: Baum war weg, war abermals desertiert, war also ein Verbrecher, der sich der Sühne durch Flucht entzogen hatte. Das war ganz klar. Auch Oberst Köcknitz würde nicht anders denken. Und Richard Baum mochte nun getrost aussagen, daß es sein eigener Vetter gewesen war, dem er den Degen gegen Eberstein geliehen hatte. Ein Offizier aber verlieh seinen Degen nicht an einen Unwürdigen, auch wenn dieser Unwürdige sein Vetter war.

Der Sergeant blickte Eberstein erstaunt an, weil dieser aufgehört hatte, zu brüllen. Eberstein merkte noch rechtzeitig, daß ihm der heitere Ausdruck nicht recht zu Gesicht stand, wenigstens in diesen Augenblick nicht. Er meinte barsch:

»Melde Er das Vorkommnis weiter. Gute Nacht.«

Der Sergeant nahm Haltung an, und Eberstein entfernte sich.

Jehu hatte das meiste von dem, was der Sergeant gesagt hatte, verstanden. Michel Baum war also frei. Wo mochte er stecken?

Jetzt war es Jehu, der nach Worten suchte, um das freudige Ereignis Ojo mitzuteilen. Aber soviel Französisch verstand Ojo nun wieder nicht. Außerdem waren seine Gedanken einzig und allein bei Eberstein. Als er sah, wie dieser sich entfernte, hörte er gar nicht mehr auf die Wortfetzen seines Begleiters, sondern pirschte sich im Schatten der anderen Straßenseite hinter ihm her.

Jehu, der nicht wußte, was er sonst tun sollte, folgte ihm.

Als Ojo Eberstein erreicht hatte, machte er nicht viel Federlesens. Er packte ihn einfach beim Kragen, stopfte ihm ein bereit gehaltenes Tuch in den Mund, lud sich den zu Tode erschrockenen Mann auf die Schulter, setzte sichin Dauerlauf und eilte mit der schweren Last dem Krug zu. Jehu keuchte hinter ihm her. Er war so erschrocken, ja entsetzt, daß er in diesem Augenblick kaum fähig war, in der eigenen Muttersprache etwas zu sagen, geschweige denn auf französisch.

Weder der Wirt noch die Magd Maria sahen, wie Ojo mit dem sonderlichen Paket die Treppe emporeilte.

Mit dem Fuß stieß der lange Spanier die Tür auf und taumelte hinein. Eberstein, der sich verzweifelt gewehrt hatte, dem eisenharten Griff Ojos jedoch nicht gewachsen war, hatte das Bewußtsein verloren. Ojo warf ihn auf sein Bett, nahm ein paar Riemen und fesselte ihn.

Jehu stand neben dem Bett und stierte mit weitaufgerissenen Augen auf die ungewöhnliche Szene. Für ihn, einen Untertan des Landgrafen von Hessen-Kassel, war es wohl das Ungewöhnlichste, was er je erlebt hatte. Er zitterte um seine neuen Freunde; denn er konnte sich nicht vorstellen, daß ein solches Verbrechen, die Entführung eines Offiziers, ungesühnt bleiben würde. Und die Strafe würde nicht gering sein. Eberstein, Spekulant, Offizier, Denunziant und Verräter in einer Person, würde schon für ein entsprechendes Urteil sorgen.

Jehu versuchte, auf Ojo einzureden. Aber auch bei diesem machten sich jetzt die zwei Krüge Wein, die er genossen hatte, bemerkbar. Er war müde und befriedigt über das, was er geleistet hatte. Er hatte eine Geisel, eine wertvolle Geisel. Man würde ihm Michel wiedergeben müssen, wenn man den Grafen zurückhaben wollte. Für Ojo war das eine klare, eindeutige Sache. So hatten sie, er und der Señor Doktor, es immer gehalten. Klare Tatbestände, klare Fronten, Austausch der Gefangenen, und alles war in Ordnung. Zudem gönnte er Eberstein den Schreck, den dieser gekriegt haben mochte, als er sich plötzlich wie eine Puppe gepackt und emporgewirbelt fühlte.

Ojo klopfte Jehu beruhigend auf die Schulter, entbot ihm spanisch eine »Gute Nacht«, warf sich auf das andere Bett und war einen Augenblick später eingeschlafen.

Jehu stand hilflos im Zimmer. Er war der Situation nicht gewachsen. Sollte er Eberstein von seinen Fesseln befreien? Aber was würde der Graf sagen, wenn er sich in diesem Zimmer wiederfand?

Man müßte ihn hinausschaffen, dachte Jehu, ihn irgendwo in den Wald legen, ihm die Fesseln abnehmen und so tun, als sei nichts geschehen. Aber wie sollte er Eberstein hinausbekommen in den Wald?

Wie Ojo den Mann so einfach hochgenommen hatte, war ihm der Atem gestockt. Der bärtige Riese mußte über Kräfte verfügen, die denen eines Goliath gleichkamen.

Jehu war verzweifelt. Aber im stillen hoffte er, daß Michel, von dem er wußte, daß er nunmehr frei war, bald erscheinen und die Lage wieder bereinigen würde.

So trat er denn aus dem Zimmer und schloß hinter sich behutsam die Tür.

Bevor er in seinem eigenen Bett einschlief, schickte er noch ein Stoßgebet zum Himmel, daß den beiden Freunden nichts passieren möge.


56

An diesem Morgen, sehr früh noch, gab Oberst Graf von Köcknitz seinem Burschen Order, zwei Gedecke zum Frühstück aufzulegen.

»Wir werden einen tüchtigen, starken Kaffee gut vertragen können«, meinte der Offizier.

»Es tut mir leid, daß ich Euch um den Schlaf gebracht habe. Aber es tat not, sich alles einmal von der Seele zu reden. Jahrelang habe ich mir gewünscht, dies einem einflußreichen Menschen mit Verständnis in meiner Heimat vorzutragen«, sagte Michel Baum.

»Eure Abenteuer waren spannend. Hm — und was diesen Eberstein anbelangt, so finde ich, daß Seine Hoheit ihn zum Teufel jagen müßte. Er ist es nicht wert, den grünen Rock zu tragen.«

»Damit, daß man ihn zum Teufel jagt, ist nicht viel getan«, entgegnete Michel. »Man sollte vielmehr von ihm verlangen, daß er an seinen Opfern wieder gutmacht, was er verbrochen hat.

Es ist schändlich, wie sowohl er als auch sein Vater mit den Menschen umgesprungen sind.«

»Ihr spielt auf den Juwelier Hirschfelder an, nicht wahr?«

»Ja. Hier haben wir einen konkreten Beweis für die Machenschaften der Ebersteins. Die Menschen, denen er sonst noch Schaden zugefügt hat, kenne ich leider nicht. Nun, man sollte am Fall Hirschfelder ein Exempel statuieren. Die armen Menschen haben es verdient, daß man sich ihrer annimmt.«

»Seid Ihr ein Judenfreund?« Köcknitz zog die Brauen ein wenig zusammen.

Michel lächelte.

»Eigentlich habe ich diese Frage erwartet.«

»So beantwortet sie doch.«

»Ihr wollt sicherlich ein Ja oder ein Nein hören, nicht wahr? Aber mit ja oder nein ist diese Frage nicht beantwortet. Geradeso gut könntet Ihr fragen, ob ich ein Freund der Teufelsanbeter, der Mohammedaner, der Buddhisten oder der Heiden sei.«

Köcknitz sah Michel verständnislos an.

»Ich bin weder«, fuhr Michel fort, »ein Freund der Angehörigen irgendeiner Religion oder Rasse, noch ihr Feind. Alle Menschen, ob Juden oder Christen, ob Schwarze oder Gelbe, ob Grafen oder Bettler, ob Deutsche oder Franzosen sind meine Freunde, sofern sie anständige Menschen sind.«

Der Oberst hieb mit der Faust auf den Tisch.

»So, die Franzosen also auch?«

»Die liebe ich ganz besonders. Sie sind galante, höfliche und ritterliche Menschen. Sie lieben die Kunst und die Schönheit.«

»Hm — hm — hm — da komme ich nicht mit. Sie sind unsere Erzfeinde.«

»Das glaubt Ihr selbst nicht. Fragt einen Kaufmann aus Paris, ob er einen aus Potsdam haßt.«

»Er wird ja sagen.«

»Er ist vielleicht genauso voreingenommen wie Ihr. Aber bringt sie an einem neutralen Ort zusammen, zwingt sie, miteinander zu leben, und Ihr werdet sehen, daß sie in kürzester Frist vergessen haben, daß der eine ein Franzose und der andere ein Preuße ist. Die Grenzen sind schuld. Der Anspruch der Herrscher ist schuld, die überhebliche Vorstellung eines solchen Herrschers, souveränzu sein. Anstatt ihren Einfluß aufzubieten, Schulen zu errichten, ihre Untertanen miteinander in Verbindung zu bringen, damit sie einander kennenlernen, sorgen sie dafür, daß jedes Land und Ländchen schön abgeschlossen für sich dahinvegetiert, damit ihnen ja kein Stein aus der Krone fällt. Dabei ist die Welt so groß. So weit, daß für alle Menschen Platz darauf ist.«

»Hm, und die Juden?«

»Was sind sie anderes — als Menschen wie Ihr und ich?«

»Sie sind anders. Sie haben eine krumme Nase, sind feige Krämerseelen, essen Knoblauch und haben das meiste Geld.«

Michel lachte laut über so viel Naivität.

»Ich kann es kaum glauben, solche Worte von Euch zu hören. Warum sollen nicht ein paar von ihnen reich sein? Weshalb sollen nicht andere Knoblauch essen? Gibt es nicht Christen in Hülle und Fülle, die sich ihren Reichtum zusammengegaunert haben? Gibt es nicht allerchristliche Fürsten, die von ihren Landsleuten Sklavendienste verlangen? Haltet Ihr vielleicht einen Landjunker, der von seinen Bauern Frondienste verlangt, für edler, nur, weil er vielleicht nach Pariser Parfüm riecht?«

»Wißt Ihr eigentlich, daß Ihr ein Revolutionär seid?«

»Ihr irrt«, meinte Michel ernst, »ich bin nur ein Mensch, dem die Freiheit über alles geht.

Vorurteile gibt es für mich nicht. Auch ich bin für Ordnung und Disziplin. Aber das sind Dinge, die von innen heraus wachsen müssen. Wenn ein Landjunker von seinem Bauern verlangt, daß er unentgeltlich für ihn arbeitet, so steckt darin auch eine gewisse Ordnung, die Ordnung der Unordnung nämlich. Es kann aber nur eine Ordnung geben, die für alle gilt, die für alle gleich verpflichtend ist. Was heute auf der Welt herrscht, ist keine Ordnung, sondern Knechtschaft.«

Michel hatte sich in Eifer geredet. »Wenn jemand eine Arbeit verlangt, so muß er sie bezahlen.

Ein Mensch, der nichts anderes zu bieten hat als seine Arbeitskraft, kann diese verkaufen, wie man eine Ware verkauft. Aber daß irgend jemand daherkommt und behauptet, er habe das Recht, die Arbeitskraft ohne Gegenleistung für sich zu beanspruchen, kann nicht in der Ordnung sein.

Und das Recht, auf das er baut, ist das Recht des Stärkeren. Diese Auffassung von Recht aber verabscheue ich zutiefst.«

Oberst Köcknitz schwieg. Er blickte auf die Tasse mit dem dampfenden Kaffee, die der Bursche inzwischen gebracht hatte. Der im feudalen Geist aufgewachsene und alt gewordene Graf mußte plötzlich über vieles nachdenken, woran er früher keinen Gedanken verschwendet hatte. Dieser junge Arzt, dieser Doktor Baum, hatte viel Wahres gesagt. Daran gab es keinen Zweifel. Es war eigentlich ein Jammer, daß Menschen mit solchen Köpfen dem Staat nicht dienstbar gemacht werden konnten. Der Oberst stellte sich vor, was der Landgraf dazu sagen würde, wenn er diese Worte vernommen hätte. Ein Lächeln trat auf seine Lippen. Bevor er von seiner Kaffeetasse aufsah, beschloß er im Geheimen, sein Weltbild einer Revision zu unterziehen.

Aber das brauchte dieser junge Mensch hier nicht zu merken.

»Ja«, sagte er, »frühstücken wir zu Ende, und dann gehen wir zur Regimentsschreibstube.«

»Wir?« fragte Michel.

»Ja, Ihr könnt mich begleiten. Ich werde mir diesen Herrn Eberstein in Euerm Beisein einmal vorknöpfen.«

»Und Ihr glaubt, daß er auch nur die kleinste Kleinigkeit seiner schmutzigen Taten zugeben wird?«

»Das möchte ich eben feststellen. Ich will sehen, was er sagt.«

»Um ihm dann — zu glauben?« fragte Michel mißtrauisch.

Der Oberst erhob sich.

»Ich glaube Euch. Sonst säßet Ihr hier nicht mehr so friedlich.« Seine Worte klangen ein wenig ungehalten.

Michel bedauerte sein Mißtrauen; der alte Oberst schien wirklich ein Mann von Ehre zu sein.

»Ich wollte Euch nicht kränken.«

»Schon gut«, meinte Köcknitz mit Barschheit.

Sie gingen.

Die Offiziere beim Regiment warfen sich verwunderte Blicke zu, als sie sahen, wen Graf von Köcknitz da mitbrachte. Dazu war die Miene des Alten finster.

Sie hatten den Eindruck, als würde es bald ein Gewitter geben.

Köcknitz befahl seinen Adjutanten zu sich.

»Schickt eine Ordonnanz zum ersten Bataillon. Ich lasse Graf von Eberstein in dringender Angelegenheit zu mir bitten.«

Der Regimentsadjutant drehte sich um und stülpte sich den Dreispitz wieder aufs Haupt.

Kurz darauf ritt eine Ordonnanz zu dem Gebäude hinüber, in dem die erste Abteilung lag.

Es verging eine halbe Stunde. Eberstein war nicht zu finden.

Oberst Köcknitz wurde ungeduldig. Er schickte eine weitere Ordonnanz in die Wohnung des Grafen. Aber auch diese kam unverrichteterdinge wieder.

Michel wurde die Zeit zu lang.

Er bat vorläufig um Urlaub und hinterließ Köcknitz seine Adresse.


57

Rudolf von Eberstein, durch die gefesselten Hände und Füße zu unbequemer Lage gezwungen, erwachte trotz des reichlich genossenen Alkohols zu früher Stunde. Er versuchte sich zu besinnen, wo er war. Aber das Dunkel, das ihn umgab, war undurchdringlich. An die Vorkommnisse der Nacht erinnerte er sich nicht mehr.

Er wollte sich mit den Händen zum Kopf greifen. Da überfiel ihn siedendheiß die Erkenntnis, daß er gefesselt war. Und fast im selben Moment vernahm er Schnarchtöne. Tiefe, sägende Schnarchtöne. Er wollte schreien; da spürte er den Lappen zwischen seinen Zähnen. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Was war geschehen? Wo war er? Wie kam er in diese Situation?

Nach und nach fielen ihm die Einzelheiten wieder ein. Aber er kam in seiner Erinnerung nur bis vor die Wache des Arrestlokals. Danach war alles dunkel.

So lag Eberstein zwei Stunden, der Schweiß perlte in großen Tropfen auf seiner Stirn. Als sich die Stube mit dem ersten Morgenlicht füllte, wandte er mühsam den Kopf, dorthin, woher das Schnarchen kam. Da erblickte er einen großen bärtigen Mann auf dem anderen Bett. Wie die Blätter eines Jahreskalenders sprang sein Gehirn Jahr um Jahr zurück. Er kannte diesen Mann.

Ja, der gehörte zu jenen Männern, die er damals an den algerischen Korsaren verkauft hatte.

Eberstein versuchte sich aufzurichten. Es gelang ihm. Er war zwar an Händen und Füßen gefesselt, jedoch nirgends festgebunden. Seine Beine baumelten vom Bett und reichten bis zur Erde. Er stand auf und hüpfte hinüber, wo Ojo lag. Seine Blicke gingen hastig suchend durch das Zimmer. Aber nirgends war ein Messer zu sehen. Die auf den Rücken gebundenen Armgelenke schmerzten. Eberstein wurde wütend. Er drehte sich um und boxte mit gefesselten Händen Ojo in die Magengrube. Der brummte unwillig, blinzelte mit den Augen, sah den Mann verstört an, gab ihm einen mächtigen Stoß, so daß Eberstein nach vorn überkippte und der Länge nach auf den Boden schlug, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. —

Eberstein beschloß, bis zur Tür zu hüpfen und diese zu öffnen, um auf diese Weise in die Freiheit zu gelangen. Obwohl er bald wieder auf den Beinen stand, zögerte er doch, sein Vorhaben auszuführen; denn er sagte sich logisch, daß dieses Haus von den Leuten des Seeräubers dort auf dem Bett bewohnt sein müsse. Es war anzunehmen, daß eine Wache vor seiner Tür stand.

Dennoch hüpfte er los. Aber noch ehe er sie erreichte, schreckte Ojo hoch. Mit einem Satz war er bei dem Flüchtenden, riß ihn zurück und warf ihn wie eine Puppe wieder aufs Bett.

Mit ein paar starken Riemen band er Eberstein an der Bettstatt fest. Ohne ein Wort zu sagen, legte er sich hin und schlief sofort weiter.

Mittlerweile war es halb zehn Uhr geworden. Eberstein, dem das Atmen langsam beschwerlich wurde, lief schon blau an. Da hörte er draußen auf dem Flur Schritte. Sie näherten sich dieser Stube. Dann verhielten sie einen kurzen Moment vor der Tür, und dann erschien — Michel Baum. Er stutzte, als er sein Bett besetzt sah. Dann aber weiteten sich seine Augen.

»Wie — wie — kommt Ihr hierher, Eberstein?«

Auch Eberstein war fassungslos. Schlotternde Angst übermannte ihn. Michel nahm ihm den Knebel aus dem Mund.

Im selben Augenblick erwachte Ojo.

»Guten Morgen, Señor Doktor, endlich seid Ihr da. Wir haben Euch die halbe Nacht gesucht.«

»Was ist hier vorgegangen?« fragte Michel.

»Wieso? — Ach so«, lachte Ojo, »Ihr meint den da.«

Ausführlich berichtete er, was er mit Jehu unternommen hatte, um ihn zu suchen, und wie ihm Eberstein dabei in die Hände geraten war.

War Michel zuerst erschrocken, so lachte er jetzt.

»Ein seltsames Wiedersehen, Eberstein, wie?«

»Ihr werdet hängen«, zischte dieser.

»Langsam, langsam! — Ihr kommt zuerst dran.«

»Hund, verdammter, man wird mich finden. Ihr seid hier nicht bei den Hottentotten. Ihr habt einen ganzen Staat gegen Euch.«

»Langsam, langsam«, wiederholte Michel. »Den hatte ich gegen mich. Heute nacht hat sich das geändert. Ich binde Euch jetzt los. Beeilt Euch, daß Ihr zum Dienst kommt. Oberst Köcknitz läßt schon nach Euch suchen.«

»Um so besser«, meinte Eberstein hämisch, »mit den ersten Leuten, die ich treffe, werde ich wiederkommen und diese Bude hier ausräuchern. Es wird mein größtes Vergnügen sein, Euch, den Räuberhauptmann, am Galgen hängen zu sehen.«

»Daraus wird nichts werden«, entgegnete Michel freundlich, »Ihr müßt wissen, ich komme soeben vonOberst Köcknitz. Ich habe mich mit dem alten Herrn die ganze Nacht über angeregt unterhalten, und Ihr werdet Euch vorstellen können, daß wir nicht gerade über die neuen Bauwerke Kassels gesprochen haben.«

Eberstein erbleichte. Er sagte nichts mehr. Der Schreck saß ihm in den Gliedern.

»So ein kleines Gerichtsverfahren werdet Ihr wohl über Euch ergehen lassen müssen«, versuchte ihn Michel aufzumuntern. »Mit mir als Zeugen übrigens.«

Eberstein ermannte sich.

»Pah, man wird einem Deserteur nicht mehr Glauben schenken als einem Edelmann.«

»Immer der alte, immer der gleiche«, nickte Michel. »Diesmal wird es Euch nichts helfen. Eure Geschichte, die Ihr über mich verbreitet habt, Euer Spiel mit der Jungfer Hirschfelder, Eure Skrupellosigkeit gegenüber Charlotte Eck, all das wird Euch diesmal das Genick brechen. Das hättet Ihr Euch sparen können. Viertausend Dukaten wollte ich Euch für die Freilassung meines Vetters geben. Viertausend Dukaten für Eure Schlechtigkeit. Daß es anders gekommen ist, habt Ihr ganz allein Euch selbst zu verdanken.«

Michel knotete ihm die Fesseln auf und meinte dann:

»Geht, es steht Euch nichts im Weg. Auf Wiedersehen vor dem Landesgerichtshof.«

Eberstein verließ grußlos das Zimmer.

»Wie konntet Ihr ihn so einfach laufen lassen?« empörte sich Ojo. »Er wird uns allen das Genick brechen.«

»Hübsch ruhig, amigo, er wird keinem mehr das Genick brechen, es sei denn sich selbst.«

Michel berichtete Ojo, was in der vergangenen Nacht geschehen war.


58

Der alte Eberstein wunderte sich, als sein Sohn um diese Stunde in den Salon trat.

»Da bist du ja«, sagte er. »Wo hast du dich herumgetrieben? Das halbe Regiment sucht nach dir.

Oberst von Köcknitz will dich sprechen.«

»Ich weiß, ich weiß«, murmelte Rudolf. Seine Züge wirkten in diesem Augenblick verfallen.

Sein ganzes Gesicht war verstört.

»Was ist los mit dir?«

»Aus«, murmelte Rudolf, »alles aus. Baum hat das Spiel gewonnen.«

Der Alte krauste die Stirn. Scharf blickte er seinen Sohn an. Dann meinte er unwillig :

»Drück dich gefälligst etwas deutlicher aus. Was ist aus? Und was für ein Spiel hat Baum gewonnen?«

»Ach, nichts.«

»Rede«, fuhr ihn der Alte an. »Wird Richard nun entlassen? Hast du dich dafür eingesetzt? Ich traue Baum. Er bringt auch die restlichen zweitausend Dukaten. Dessen sei sicher.«

Rudolf winkte müde ab. Endlich bequemte er sich dazu, seinem Vater zu erklären, was er durch seine Rachsucht aus der Geschichte gemacht, wie er den Pfeifer überrumpelt und in den Kerker gesteckt hatte, wie dieser dann des Nachts ausgebrochen war und mit dem Oberst gesprochen hatte.

Der alte Graf fiel aus allen Wolken.

»Bist du nicht bei Verstand, Kerl? Ist denn jedes vernünftige Denken in dir abgetötet? Mußtest du uns das ganze Spiel verderben? Wenn jetzt alles herauskommt, das mit dem alten Hirschfelder und seiner Tochter und das, daß uns dein Freund Baum schon zweitausend Dukaten für die Freiheit seines Vetters bezahlt hat, dann ist das mindeste, was man von uns verlangt, daß wir das Geld zurückgeben. Und wenn sie erst gegen uns vorgehen, dann werden die Betrogenen aus allen Ecken kommen wie die Aasgeier. Das ist die Pleite!« schrie er. »Das ist der vollkommene Ruin der Grafen von Eberstein!«

»Jaja, ja«, sagte Rudolf nur.

»Jeder Heller tut mir leid, den ich dir je gegeben habe!« tobte der Alte weiter. »Da müht man sich sein ganzes Leben lang ab, macht Geschäfte, spekuliert, spielt mit der Gefahr, alles, um einmal für seinen Sohn einen tüchtigen Batzen beisammen zu haben. Und dann kommt dieser Herr Sohn und schmeißt mit einem plumpen Fußtritt das ganze Gerüst unseres Lebens zusammen.«

»Ich mußte es tun.« Rudolf von Eberstein ballte die Fäuste. »Ich hasse ihn. Ich hasse ihn mehr, als ich dein Geld liebe.«

»Hihihi, vom Haß ist noch niemand satt geworden. Sie werden dich rausschmeißen aus der Armee. Vielleicht sind sie so gnädig, daß sie es dir überlassen, den Abschied einzureichen.

Parbleu, verflucht von Roßbach, dann ist alles hin. Unser Ansehen ist beim Teufel und unser Kredit auch. Und wenn du nicht einmal die paar Taler Sold bekommst, wovon willst du leben?«

»Ich konnte nicht anders.«

Der Alte explodierte.

»Du Dummkopf! Du engstirniger Landsknecht! Nur ein Beschränkter läßt sich von seinen Gefühlen leiten. Haß und Liebe sind Dinge für Trottel. Was allein wichtig ist, ist das Geld. Und wir hatten welches. Wir waren auf dem besten Weg, mit den hübschen Summen, die ich zuletzt verdient habe, neue, gewinnbringende Spekulationen zu betreiben.

Hihihihi, da kommt mein Herr Sohn, mein eigen Fleisch und Blut mit seinem Haß und haut alles zusammen, als wäre es gar nichts.«

»Ich werde dir nicht länger mehr zur Last fallen«, sagte Rudolf von Eberstein verbissen.

»Mach nicht so große Worte. Du warst schon einmal auf dem Weg nach Amerika und bist wie ein geprügelter Hund zurückgekommen. Noch dazu durch die Gnade einer Seeräubergräfin. Geh jetzt zum Regiment und hör dir an, was der Alte zu sagen hat.«

»Es hat doch keinen Zweck mehr«, sagte Rudolf resigniert.

»Was willst du dann tun?«

»Gib — gib mir tausend Dukaten, und in einer Stunde habe ich Kassel hinter mir.«

»Desertieren? — Ohne Abschied desertieren? Du bist des Teufels. Willst du denn auch noch das letzte gute Tüpfelchen von unserem Namen nehmen?«

»Es ist mir alles so gleichgültig.«

»Ach, und was wird nun aus deinem Haß gegen diesen Herrn Baum?«

Rudolf starrte auf den Boden, als suche er dort Antwort, Hilfe, einen Rat.

»Hättest du gestern auch nur ein kleines bißchen von dieser Gleichgültigkeit an den Tag gelegt, dann wären wir morgen um zweitausend Dukaten reicher gewesen. Kein Hahn hätte nach den Hirschfelders gekräht. Und du stündest nach wie vor im Ansehen.«

»Also gut, ich gehe zum Regiment.«


59

Oberst von Köcknitz sah kopfschüttelnd seinen Adjutanten an, als dieser eintrat und meldete, daß Eberstein nirgends zu finden sei.

»Aber irgendwo muß er doch sein! Er kann sich nicht in Luft aufgelöst haben. Schließlich hat seine Abteilung doch Dienst. Schickt nochmals jemanden nach Hause zu ihm. Vielleicht ist er mittlerweile dort angekommen.«

»Zu Befehl, Herr Oberst.«

Der Adjutant wandte sich um und wollte hinaus. Da öffnete sich die Tür, und der Gesuchte trat ein.

Er nahm den Dreispitz ab und meldete sich zur Stelle. »Guten Morgen, Graf. Ich lasse schon zwei Stunden nach Euch suchen. Wo habt Ihr Euch aufgehalten?«

Die Stimme des Obersten klang wenig freundlich. Die Jovalität, mit der er ansonsten seine untergebenen Offiziere zu behandeln pflegte, war Eberstein gegenüber wie weggewischt.

»Ich habe eine wichtige Meldung zu machen. Herr Oberst«, sagte Rudolf von Eberstein mit schneeweißem Gesicht.

»Bitte?«

»Ich bin in der Nacht überfallen worden. Man hat mich in das Haus des Krugwirts geschleppt und gefesselt dort festgehalten.«

Der Oberst runzelte die Stirn. »Wer hat Euch überfallen? Der Krugwirt?«

»Nein. Es war einer von den Komplizen Baums. Er wollte sich wahrscheinlich für die Verhaftung seines Räuberhauptmanns rächen«, meinte Eberstein gehässig.

Der Oberst winkte dem Adjutanten hinauszugehen. Der Rittmeister verließ das Zimmer.

»Wie viele waren es, die Euch überwältigten?«

»Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Als ich erwachte, bekam ich nur einen zu Gesicht.

Wenn wir Baum vorführen lassen, so wird er Auskunft geben können.«

»Ah, Ihr wißt noch gar nicht, daß Doktor Baum wieder in Freiheit ist?«

Eberstein stellte sich überrascht.

»Davon ist mir nichts bekannt, Herr Oberst.«

»Nun, so nehmt es zur Kenntnis. Er ist heute nacht aus dem Arrestlokal ausgebrochen. Dann begab er sich sofort zu mir, um mich über verschiedene Dinge zu informieren, von denen ich bis heute keine Ahnung hatte.« Köcknitz stand langsam auf und blickte seinen Major durchbohrend an. »Ihr, Graf, habt bei seiner ausführlichen Schilderung nicht gerade rühmlich abgeschnitten.«

Eberstein wich dem Blick aus. Hier erhielt er die Bestätigung dafür, daß sich das Blatt gewendet hatte. Dennoch gab er nicht auf.

»Ich finde es befremdlich, daß Ihr, Herr Oberst, einem hergelaufenen Landstreicher Glauben schenkt. Es ist doch klar, daß er kein gutes Haar an mir gelassen hat, nachdem ich den Deserteur gestern verhaftet habe.«

»Herr«, rief Köcknitz aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch, »ich verbitte mir Eure Kritik! Ich weiß, was ich weiß. Ich kenne die Menschen ein wenig besser als Ihr. Eure Lügen sind eines Offiziers unwürdig.«

»Ich lüge nicht«, behauptete Eberstein frech.

Köcknitz ging um den Tisch herum, bis er dicht vor Eberstein stand.

»Ich habe nie sonderlich viel von Euch gehalten, Graf, aber ich dachte, Ihr seid nur leichtsinnig.

Da mußte erst, wie Ihr so schön sagtet, ein hergelaufener Landstreicher kommen, um mir zu sagen, daß ich unter meinen Abteilungskommandeuren einen — einen — Verbrecher habe.«

Eberstein fuhr einen Schritt zurück. Seine Hand flog zum Degenknauf. In seinen Augen stand Wildheit.

»Zieht blank, Graf Köcknitz«, rief er.

Köcknitz stand wie eine Statue. Seine Züge waren verschlossener denn je.

»Ich schlage mich nur mit Ehrenmännern, Graf Eberstein. Im übrigen mache ich Euch darauf aufmerksam, daß Ihr Euch noch im Dienst befindet.«

Das ist das Ende, dachte Eberstein. Ich habe verspielt. Dieser Baum mußte auf Köcknitz einen guten Eindruck gemacht haben.

»Setzt Euch«, fuhr ihn der Oberst an. »Ich möchte in meinem Regiment keinen Skandal. Kalt und nüchtern will ich jetzt mit Euch besprechen, was zu tun ist.«

In Eberstein kehrte der Schimmer einer leisen Hoffnung zurück. Er ließ sich auf einen harten Stuhl nieder. Der Oberst setzte sich hinter den Schreibtisch.

»Ihr habt Euch benommen wie ein Schuft. Und Ihr wißt das ganz genau. Ihr erhaltet jetzt von mir in Form dieses Gesprächs einen dienstlichen Befehl. Erstens habt Ihr Euern Vater dahingehend zu beeinflussen, daß er die von der Familie Hirschfelder unrechtmäßig erworbenen Dukaten sofort zurückzuerstatten hat. Ebenfalls muß Herr Doktor Baum seine zweitausend Dukaten wiederbekommen. Die ideellen Schäden, die Ihr angerichtet habt, könnt Ihr ohnehin nicht mehr gutmachen. Ich entlasse jetzt auf meine eigene Verantwortung hin den Premierleutnant Richard Baum aus der Haft. Ihr könnt die Klage gegen ihn natürlich erzwingen; aber in diesem Fall werde ich Vortrag beim Landgrafen halten. Ihr wißt, daß mich Seine Hoheit schätzt. Bis zu Euerm Abschied, den Ihr unverzüglich einreichen werdet, dispensiere ich Euch vom Dienst. Ihr werdet das Gelände des Regiments nicht mehr betreten und ab sofort Zivil tragen. Das wäre, was ich Euch zu sagen hätte ! Wenn Ihr glaubt, daß das zu hart ist, so lasse ich es auf ein Verfahren gegen Euch ankommen. Dann ist der Skandal unvermeidlich; aber er wird eher auf Euch und Eure Familie zurückfallen als auf das Regiment.«

Eberstein saß mit aufgerissenen Augen im Stuhl. Alles Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen.

Seine Hände zitterten. Um seine Lippen zuckte es. Nun war geschehen, was er befürchtet hatte.

Der Oberst hatte ihn fest in der Hand. Wohl konnte er sich weigern, dem Befehl seines Regimentskommandeurs zu folgen; aber er wußte, daß dann auch die letzte Möglichkeit zu einem neuen Anfang verspielt wäre. Oberst von Köcknitz war ein nicht zu unterschätzendes Gewicht in dieser Waagschale der letzten Chancen.

Wortlos erhob sich Eberstein. Der alte Oberst, von jeher eine Seele von Mensch, fühlte plötzlich Mitleid mit dem jungen Offizier.

»Hört, Eberstein, seid vernünftig und tut, was ich gesagt habe. Es ist das einzige, um Euch vor Schlimmerem zu bewahren. Meine Offiziere sollen Vorbilder ihrer Soldaten sein. Ihr wart kein Vorbild. Ich gebe Euch den Rat, nach Preußen zu gehen und zu versuchen, dort in die Armee einzutreten. Friedrich freut sich, wenn er ausgebildete Offiziere bekommt. Man forscht dort nicht viel nach der Vergangenheit. Allerdings dürftet Ihr Euch solcheDinge nicht mehr zuschulden kommen lassen. Ihr müßtet Euch gewaltig ändern, um in der preußischen Armee bestehen zu können. Aber es wäre ein Ausweg. — Es tut mir leid. — Ihr könnt jetzt gehen.«

Ebersteins Mund blieb verschlossen. Es hatte keinen Zweck, etwas zu erwidern. Der Oberst war kein Unmensch und ließ ihm den Degen, so daß er seinen letzten Gang in Uniform nicht ohne diesen antreten mußte. Da hatte Eberstein noch einmal einen Gedanken. »Ich bitte noch etwas vorbringen zu dürfen, Herr Oberst.«

»Bitte.«

»Ihr habt vergessen, daß ich heute nacht von den Schergen dieses Baum überfallen worden bin.

Ich werde doch ein Verfahren gegen ihn erzwingen.«

»Und wie seid Ihr den Klauen dieser — Schergen entkommen? Habt Ihr Euch selber befreit?«

»Nein, Baum kam heute morgen zurück und fand mich gefesselt. Da ließ er mich ...«

Die Augen des Obersten wurden starr. »Hinaus!« rief er. »Ihr habt mich belogen. Noch vor ein paar Minuten habt Ihr behauptet, Ihr wüßtet nichts davon, daß Doktor Baum wieder in Freiheit ist. Hinaus, sage ich! Ich will Euch nicht mehr sehen.«

Der ausgestreckte Zeigefinger des Obersten von Köcknitz wies in unmißverständlicher Weise auf die Tür.

Eberstein drehte sich wortlos um und verließ in ohnmächtiger Wut das Zimmer. —

Grußlos, mit zusammengebissenen Lippen, ging er an einigen in der Nähe stehenden Offizieren vorüber. Die Backenknochen traten weiß aus seinem angespannten Gesicht. Sein stierer Blick war auf die Erde gerichtet.

»Baum«, murmelten seine Lippen, »Baum, du Hund, du trägst die Schuld an meinem Elend.«

Nicht für eine Sekunde dachte er daran, die Ursache für sein unrühmliches Ende bei sich selbst zu suchen. Sein Blick war blind vor Haß. Sein Verstand sagte ihm zwar, daß es das beste wäre, dem Rat des Obersten zu folgen; aber in diesem Moment vermochte er nicht mehr, sein weiteres Tun allein vom Verstand abhängig zu machen. Mit jedem Schritt, den er tat, steigerte er sich in eine leidenschaftliche, zerstörerische Raserei. Plötzlich blieb er stehen. Der Teufel hatte ihm einen Gedanken eingegeben.

Rache ! Rache ! Rache ! sang es in ihm. Der letzte Funke von Vernunft war erloschen.

Der Folgen nicht achtend, änderte er plötzlich seine Richtung und wandte sich der Unterkunft seiner Abteilung zu.

Das erste Détachement der zweiten Kompanie der Abteilung ritt soeben bei den Ställen vor. Der Befehlshabende ritt an den Grafen heran und meldete salutierend :

»Zweites Détachement von Felddienstübung zurück.«

»Laßt noch nicht absitzen, Leutnant. Ich habe vom Regimentskommandeur soeben Order erhalten, ein Sonderunternehmen durchzuführen. Euer Détachement dürfte dazu genügen.

Veranlaßt, daß mein Pferd sofort gesattelt wird.«

Der Leutnant salutierte, wandte sein Tier und gab den Befehl an einen der Soldaten im letzten Glied weiter.

»Haben alle Leute Pistolenmunition bei sich?«

»Jawohl, Herr Major.«

»Sie sollen scharf laden.«

Der Leutnant schien zwar verwundert, gab aber den Befehl weiter.Es waren noch keine drei Minuten vergangen, da wurde das gesattelte Pferd Rudolf von Ebersteins vorgeführt, und dieser schwang sich auf.

»Zweites Détachement — Trrrab!« kommandierte Eberstein.

Der Reiterzug setzte sich in Bewegung.


60

Der Pfeifer war, obwohl er die ganze Nacht über kein Auge zugetan hatte, nicht in seinem Zimmer geblieben.

»Höre Diaz, wir können uns hier in Kassel jetzt frei bewegen. Wir brauchen nicht mehr Versteck zu spielen«, sagte er zu Ojo. »Amüsier dich, so gut du kannst, oder schlafe, ich muß zu den Ecks.«

»Verständlich, Señor Doktor«, grinste Ojo. »Nun werdet Ihr wohl bald heiraten, und dann kann Ojo gehen«, fügte er traurig hinzu.

»Keine Angst«, lachte Michel. »Ich werde zwar heiraten; aber wenn es dir Spaß macht, kannst du bei mir bleiben.«

»Hier, wo ich kein Wort von dem verstehe, was die anderen reden?«

Michel schüttelte den Kopf.

»Nein, amigo, du weißt, daß es immer mein Plan war, nach Amerika zu gehen. Und den führe ich aus, auch, nachdem ich verheiratet bin. Meine Frau wird mich begleiten.«

»Ist das nicht das gleiche?« fragte Ojo. »Ihr werdet Euch irgendwo dann in einer Küstenstadt ein Haus bauen, um den Rest Eurer Tage als wohlbestallter Arzt zu verbringen, nicht wahr? Und ich, was wird aus mir?«

»Sei nicht undankbar, Diaz. Du bist ein reicher Mann. Genauso reich wie Tscham und ich.«

»Schon recht«, murmelte Ojo. »Ich werde mir in Eurer Nähe eine Gastwirtschaft zulegen.«

»Nun, da wirst du ja wohl selbst dein bester Kunde sein«, lächelte Michel.

»Ich hoffe, auch Euch des öfteren einen guten Tropfen Wein einschenken zu können.«

»Das ist doch selbstverständlich. Wo meine Freunde sind, da gehöre auch ich hin. — Ich muß jetzt gehen.«

Er wandte sich der Tür zu und verließ das Zimmer.

Während er langsam durch die Straßen schlenderte, wußte er, daß er durch das Gespräch in der letzten Nacht einen verläßlichen Freund gefunden hatte. Er konnte sich zwar vorstellen, daß Oberst von Köcknitz nicht gleich ein Verfahren gegen Eberstein eröffnen würde; glaubte aber zumindest, daß der Oberst seinen Einfluß geltend machen würde, Eberstein dazu zu bringen, seine wahnwitzigen Unternehmungen gegen die Familie Baum einzustellen.

Zum erstenmal seit langer Zeit pfiff Michel wieder fröhlich vor sich hin. Die Leute, an denen er vorbeiging, blieben stehen und wandten sich nach ihm um.

»Hallo, Vater Eck«, grüßte Michel, als er das Ecksche Haus betreten hatte.

»Freut mich, mein Junge, dich zu sehen. Ich habe gute Nachricht für dich. Der Pfarrer hat mir zugesichert, daß er euch in spätestens vier Tagen in aller Stille trauen wird. Früher, meinte er, ginge es nicht.«

»Es ist keine Eile mehr nötig«, rief Michel fröhlich. »Die Schwierigkeiten sind so gut wie beigelegt. Man wird michnicht mehr als Deserteur verjagen. Und ich glaube, man wird auch Eberstein endlich das Maul stopfen.«

»Erzähle«, sagte Vater Eck neugierig. »Wie hast du das gemacht?«

»Ich habe einen Oberst getroffen, der ein guter Mensch war. Und ich habe viel erlebt seit gestern. Doch ich nehme an, daß auch Charlotte und Vater es hören wollen. Ich werde die beiden herüberholen. Dann will ich euch berichten, wie alles kam.«

»Michel«, rief jemand freudig bewegt von der Tür her.

Er wandte sich um, und Charlotte flog ihm an die Brust.

Der Alte räusperte sich und drehte sich um. Es verstieß gegen seine Vorstellung von Wohlerzogensein, daß sich die Jungen so offen vor den Augen der Eltern in die Arme fielen. Zu seiner Zeit hatte es das nicht gegeben.

Andererseits war es ihm klar, daß ein Mann, der die ganze Welt bereist hatte, anders denken mußte als er, der nie sehr weit über Kassel hinausgekommen war.

»Huuuuch!« klang es in Michels und Charlottes Rücken.

Auch Frau Eck war eingetreten. Diesmal vermied sie es mit Anstrengung, in Ohnmacht zu fallen.

»Schämst du dich nicht, Charlotte? Ihr seid noch nicht verheiratet !«

»Macht Euch nichts draus, Schwiegermama«, lachte Michel, »es kann sich nur noch um Tage handeln.«

Frau Eck war konsterniert. Sie fand es höchst unschicklich, daß ihre Tochter so wenig Hemmungen zeigte. Es war aber nicht nur das; denn in ihrem Innern saß ein geheimer Stachel, der ständig bohrte. Sie wollte es noch nicht wahrhaben, daß Charlotte tatsächlich diesen, wie sie ihn nannte, Luftikus und Herumtreiber heiratete. Frau Eck hätte ihre halbe Seligkeit dafür gegeben, wenn aus ihrer Tochter eine Gräfin geworden wäre.

Und nun kam dieser Michel und wollte sie gar gleich mit nach Amerika entführen.

Der alte Eck hatte sie zwar davon zu überzeugen versucht, daß er den jungen Baum für den rechten Mann halte, denn dessen Diamanten hatten ihm gewaltig imponiert. Aber Frau Eck wollte davon nichts hören. Sie glaubte Michel seinen Reichtum nicht. Sie glaubte überhaupt nichts von dem was er erzählt hatte. Es ging über ihren Horizont, daß ein Mann, der in der Straße nebenan geboren war, Indien, Afrika und die Ozeane bereist hatte. Sie hielt das alles für Aufschneiderei.

Da ihr jedoch nichts anderes übrigblieb, als »ja« zu sagen, tat sie es mit süßsaurer Miene, zumal sie genau wußte, daß die selbständige Charlotte sich ohnehin nicht um ihren Einspruch kümmern würde.

Charlotte war stets ein eigenwilliges, ja, eigensinniges Mädchen gewesen. Sie war anders als die anderen Mädchen ihres Alters. Sie hatte eigene Gedanken und eigene Ideen, die sie pflegte und förderte. Sie ließ sich keine fremde Meinung aufzwingen, sondern bildete sich die ihre lieber selbst. Und schließlich und endlich war sie mit achtundzwanzig Jahren kein kleines Kind mehr, das man schulmeistern konnte.

»Ich gehe hinüber, um den Vater zu holen«, sagte Michel. »Wir wollen heute ein wenig feiern.

Ich habe allen Grund dazu.«


61

Es war schon elf Uhr, als Jehu Rachmann sich zum Ausgehen fertiggemacht hatte. Er verließ den Krug, um die Hirschfelders aufzusuchen, die heute ihren schwersten Tag hatten; denn am frühen Nachmittag sollte Abraham Hirschfelder beigesetzt werden.

Jehu war noch nicht weit gekommen, als er von der Stadt her ein Détachement Dragoner anreiten sah.

Das war ungewöhnlich. Denn in diese Gegend kamen die Dragoner nur nach Dienstschluß, wenn sie durstig waren und sich zerstreuen wollten.

Sie waren etwa auf fünfzig Schritt herangekommen. Da erkannte Jehu Eberstein. Blitzartig erfaßte er, daß dieses Aufgebot nur Michel gelten konnte. So wandte er sich um und jagte in großen Sprüngen die Treppe empor und hinein in Michels und Ojos Zimmer.

Ojo lag lang auf dem Bett; aber er schlief nicht.

»Wo ist der Herr Doktor?« rief Jehu.

Ojo verstand nur Doktor und zuckte die Schultern.

Jehu trat an das Bett und zog Ojo am Brustlatz empor. Kopfschüttelnd folgte der Spanier seinen Bemühungen.

Der Musiker trat hastig ans Fenster, nahm die Gardine etwas zur Seite und wies mit dem Finger hinaus auf die Straße.

Ojos Blick fiel auf die anreitenden Dragoner, und auch er erkannte Eberstein. Es war klar, daß er denselben Gedanken hatte wie Jehu.

Aha, dachte er, es scheint also doch nicht ganz so zu sein, wie der Señor Doktor gesagt hatte. Sie wollen doch noch was von uns. Dieser verdammte Eberstein gibt keine Ruhe. Na, mich sollen sie nicht kriegen. Ich werde ihnen die Suppe gehörig versalzen.

Er wandte sich zu jener Stelle, wo bis gestern das Gepäck gelegen hatte. Es war nicht da. Da fiel ihm ein, daß Jehu es in Verwahrung genommen hatte. Ohne ein Wort zu sagen, verließ Ojo das Zimmer und ging in Jehus Stube. Dort machte er sich an einem großen Seesack zu schaffen, und bald darauf hielt er Michels Villaverdische Muskete in der Hand. Mit geübten Fingern lud er sie.

Dann ging er in sein Zimmer zurück.

Jehu erbleichte bis in die Haarwurzeln, als er den spanischen Riesen mit dem Gewehr in der Hand sah. Ojo deutete auf die Tür und radebrechte auf französisch:

»Du rausgehen. Hier unsicher. Hier gefährlich.«

Jehu fragte entsetzt:

»Wollt Ihr vielleicht auf sie schießen?«

»Oui«, nickte Ojo und strahlte dabei übers ganze Gesicht, als gälte es, einen Krug guten Weins zu leeren.

»Non, non, das dürft Ihr nicht!« Jehu mühte sich, ihm die Flinte zu entreißen. Aber dieses Bemühen blieb vergeblich; denn der schmächtige Pianist konnte sie auch keinen Zoll breit aus Ojos Händen entfernen.

»Oui«, sagte Ojo wieder. »Ich schießen. Du raus. Hier gefährlich.«

»Wo ist der Herr Doktor?« fragte Jehu hastig.

»Oui«, antwortete Ojo, »bei seiner Braut.«

Jehu stürmte aus dem Zimmer und benutzte einen Hinterausgang des Krugs.

Er mußte Michel warnen. Hier konnte er doch nichts ausrichten.

Ojo sah, wie Eberstein den Säbel aus der Scheide zog und damit erst nach rechts und dann nach links winkte.Die Reiter schwärmten zu einer Reihe aus und hatten binnen kurzem das ganze Haus umstellt.

Mit dem Leutnant und zwei Sergeanten an seiner Seite ging Eberstein mit gezogenem Degen auf den Eingang zu.

Da riß Ojo das Fenster auf und schrie:

»Wer mir zu nahe kommt, der kriegt eine Ladung Blei in den Bauch.« Er hatte spanisch gesprochen, und Eberstein verstand ihn nicht.

Aber er sah die auf sich gerichtete Flinte und hielt inne.

Drohend hob er den Säbel gegen Ojo. Der lachte, legte die Muskete an, zielte und drückte ab.

Den Knall hatte man im ganzen Haus gehört. Auf der Treppe näherten sich Schritte. Die Tür öffnete sich, und der Krugwirt mit seinem Knecht und seiner Magd erschienen in ihrem Rahmen.

Sie erhoben ein großes Geschrei, als sie Ojo am Fenster stehen sahen. Als dieser sich jedoch mit dem Gewehr in der Hand zu ihnen umdrehte, ergriffen sie entsetzt die Flucht.

Eberstein hatte sich mittlerweile wieder seines Degens bemächtigt, dem jetzt allerdings die Spitze fehlte.

Er gab ein paar scharfe Kommandos und Ojo sah, wie die Soldaten den Kreis um das Haus enger schlössen. Dann drang eine Abteilung, die die Waffen blank gezogen hatte, durch die Tür in das Haus ein.

Ojo trat zurück in die Mitte des Zimmers. Unschlüssigkeit stand in seinem Gesicht. Hatte nicht der Señor Doktor gesagt, daß man sich hier in einem zivilisierten Land befände, in dem man nicht einfach zum Gewehr greifen durfte, wenn einem etwas nicht paßte? Was sollte er tun?

Sollte er sich gefangengeben?

Mit kurzem Entschluß trat er zum Fenster, schüttete das Pulver von den Pfannen der sechs Läufe, nahm die Kugeln wieder heraus und packte die Villaverdische Muskete beim Lauf. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Eberstein trat mit seiner Abteilung herein.

Die Soldaten gingen auf Ojo zu, der in der Mitte des Zimmers auf die Büchse gestützt stand.

»Keinen Schritt weiter«, sagte Ojo auf spanisch.

»Keine Widerrede«, entgegnete Eberstein scharf. Dann befahl er seinen Soldaten:

»Packt diesen Lumpen!«

Die Soldaten warfen sich auf Ojo. Aber der wich einen Schritt zurück, riß die Flinte über den Kopf und ließ den Kolben über den Köpfen der Angreifer wirbeln.

»Zurück!« schrie er noch einmal.

Aber sie verstanden ihn nicht und Eberstein hetzte :

»Auf ihn, Leute!«

Da krachte der Kolben der Büchse auf den Kopf des ersten nieder. Ojo tobte wie ein Rasender.

Er schlug blindlings um sich. Blut spritzte aus den Platzwunden. Niemand vermochte gegen diesen riesenstarken Kerl etwas auszurichten. Eberstein sprang schnell aus dem Zimmer und befahl Verstärkung herbei.

Es dauerte nur verhältnismäßig kurze Zeit, bis sich fast das ganze Détachement in dem Raum befand.

Aber niemand war den fürchterlichen Hieben Ojos gewachsen. Da zog Eberstein die Pistole, zielte und schoß.

Ojo sah ihn erstaunt an, ließ langsam das Gewehr sinken und stürzte zu Boden.

Erschrocken sahen die Reiter auf den so plötzlich gefällten Riesen. Sie waren sehr still. Den jungen Leutnant, dem das Détachement unterstellt war, würgte es in der Kehle. Der Blick, mit dem er Eberstein von der Seite ansah, drückte deutlich aus, was er in diesem Moment von seinem Kommandeur dachte.

Aber Eberstein sah nur rot.

»Hinunter und aufgesessen!« brüllte er. »Da ist noch einer, den wir fangen müssen.«


62

Michel Baum war in Begleitung seines Vaters gerade in die Wohnung der Ecks zurückgekommen, als das Dienstmädchen ins Zimmer trat und meldete, daß draußen ein junger Mann sei, der dringend Herrn Doktor Baum zu sprechen wünschte.

Michel runzelte die Stirn, und obwohl ihm diese Unterbrechung unwillkommen war, erhob er sich und ging hinaus.

»Jehu? Ihr? - Was gibt es?«

»Eberstein —« keuchte Jehu. Der schnelle Lauf raubte ihm den Atem. »Eberstein und seine Dragoner — beim Krug — Euer Freund hat ein Gewehr aus dem Gepäck genommen. — Er steht am Fenster.«

Michel erbleichte.

»Kommt!« rief er und stürmte davon.

In schnellem Lauf legte er die Strecke zwischen der Eckschen Wohnung und dem Kasernengelände in kürzester Zeit zurück.

Jehu fiel bald ab. Er konnte nicht folgen.

Die Posten, die Michel heute morgen in Begleitung des Regimentskommandeurs gesehen hatten, ließen ihn unbeanstandet passieren. Der Pfeifer kümmerte sich nicht um die empörten Blicke, als er durch die Regimentsschreibstube hastete, um in das Zimmer des Obersten zu gelangen. Hier gab es keine Zeit zu verlieren.

Glücklicherweise war Oberst von Köcknitz zugegen.

»Sie, junger Freund? — Weshalb so aufgeregt?«

»Habt Ihr den Befehl gegeben, mich zu verhaften?« fragte Michel.

»Redet Ihr irre, Herr Doktor Baum?«

»Nein ! Wie soll ich verstehen, daß Eberstein mit einem Détachement Dragoner zum Krug geritten ist, in dem sich mein Freund Ojo aufhält?«

Der Oberst war starr.

»Was sagt Ihr da?«

Michel wiederholte rasch, was er von Jehu vernommen hatte.

»Mein Freund ist die deutschen Verhältnisse nicht gewöhnt. Er wird sich zur Wehr setzen. Er läßt sich nicht fangen. Er wird ein Blutbad unter Euern Soldaten anrichten.«

»Ich kann es nicht fassen!« rief Köcknitz. Mit großen Schritten eilte er an Michel vorbei und rief dem draußen wartenden Adjutanten zu:

»Sofort Alarm geben, Rittmeister. In drei Minuten brauche ich die zweite Abteilung.«

»Hoffentlich kommen wir nicht zu spät«, sagte Michel düster.

»Er ist wahnsinnig«, murmelte der Oberst. »Ich wollte ihm noch einen einigermaßen guten Abgang verschaffen; aber sein Haß gegen Euch muß zu groß sein, größer als seine Vernunft.«

»Ich weiß nicht was ich tue, wenn meinem Freund Ojo etwas passiert«, antwortete Michel grimmig. »Ich werdediesen Lumpen in Stücke zerreißen, wenn er ihm etwas angetan hat.«

Der Kommandeur der zweiten Abteilung trat ein und meldete, daß angetreten war.

»Jagt sofort zum Krug, Major von Hauenthal, und verhaftet den Grafen Eberstein. Aber schnell.«

Major von Hauenthal fiel zwar aus allen Wolken, folgte aber, da er sah, daß der Oberst keine Anstalten machte, seinen Befehl zu begründen, dem Kommando.

»Ihr braucht nur eine Eskadron mitzunehmen«, rief der Oberst ihm noch nach. »Stürmt nicht mit der ganzen Abteilung durch die Stadt. Das würde zuviel Aufsehen erregen. Aber ich will, daß Ihr selbst dabei seid. Bringt den Grafen Eberstein her zu mir.«

Die Eskadron mit dem Major an der Spitze setzte sich in Bewegung.

Der Major befahl Galopp.

Es währte nur ein paar Minuten, dann kam man in die Nähe des Kruges. Major von Hauenthal hörte gerade, wie Eberstein »Aufsitzen!« kommandierte.

Im Galopp preschte er mit seinen Leuten heran und verhielt direkt vor dem Grafen sein Pferd.

»Guten Morgen, Hauenthal«, sagte Eberstein ruhig, so, als sei nichts geschehen.

Hauenthal ließ sich auf kein Gespräch ein, sondern sagte kalt:

»Ich bitte um Euern Degen, Major von Eberstein.«

»Seid Ihr des Teufels?« fragte Eberstein.

»Es tut mir leid, aber ich habe den Befehl vom Oberst, Euch zu verhaften.«

Eberstein zuckte die Schultern. Dann bestieg er gleichgültig sein Pferd und sagte :

»Ich folge Euch selbstverständlich. Aber laßt mir den Degen. Ich möchte nicht ohne ihn durch die Stadt reiten.«

Hauenthal hatte für diesen Wunsch des bisherigen Kameraden Verständnis und nickte.

Der junge Leutnant und die übriggebliebenen, nicht verwundeten Reiter des Détachements wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie waren fassungslos, als sie hörten, daß Eberstein sie benutzt hatte, um eine persönliche Rache auszutragen. Eberstein erzählte das dem Major, der ihn verhaftet hatte, so laut und so offen, daß es alle hören konnten.


63

Oberst Graf von Köcknitz und Michel Baum standen auf dem Exerzierplatz, als die alarmierte Schwadron Eberstein und sein Détachement zurückbrachte.

»Sofort her zu mir«, rief der Oberst scharf.

Eberstein stieg nachlässig von seinem Gaul, schlenderte auf den Oberst zu, nahm seinen Dreispitz nicht ab, sondern baute sich lässig vor seinem Vorgesetzten auf.

»Seid Ihr verrückt geworden?« fuhr ihn der Oberst an.

»Vielleicht«, murmelte Eberstein; sein haßerfüllter Blick traf Michel, der neben dem Oberst stand.

»Euch ist nicht zu helfen«, sagte von Köcknitz. »Gebt mir Euern Degen. Ihr seid verhaftet.«

Eberstein grinste.

»Und wenn schon«, sagte er in fast gemütlichem Ton. »Was schert es mich?«

Der Oberst war starr vor Erstaunen über diese Respektlosigkeit. Die Offiziere, die in der Nähe standen, blickten erschrocken zu Boden. Eberstein schnallte den Degen ab und tat, als wolle er ihn dem Obersten überreichen. Im gleichen Moment aber riß er ihn aus der Scheide und schlug nach Michel, der dem Hieb jedoch geschickt auswich.

Eberstein ließ Scheide und Degen fallen, wandte sich plötzlich um, stand mit einem Satz neben seinem Pferd, sprang auf und jagte in wilder Karriere davon.

»Verfolgt ihn !« rief Oberst von Köcknitz.

Verschiedene Soldaten setzten hinter dem Fliehenden her. Anfangs schien es so, als vergrößerte sich Ebersteins Abstand. Die wilde Jagd raste an den überraschten Posten vorbei und wandte sich in Richtung Stadt. —

Michel ließ sich ein Pferd geben, um zum Krug zu reiten und dort nach seinem Freund zu sehen.

Er hatte keine Lust, an der Verfolgung Ebersteins teilzunehmen. Eberstein war fertig. Das war klar. Diese eigenmächtige Handlung brachte ihm zumindest einige Jahre Festung ein.

Als Michel beim Krug ankam, traten gerade einige der verwundeten und blutbeschmierten Dragoner aus der Haustür, die Ojo mit dem Gewehrkolben niedergestreckt hatte. Sie hörten vom Wirt, daß ihre Kameraden mitsamt dem Abteilungskommandeur verhaftet worden waren. Still drückten sie sich an ihre Pferde, saßen auf und ritten unter dem Kommando eines Korporals den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Michel kümmerte sich nicht um sie. Er sprang vom Pferd und stürzte, plötzlich von einer entsetzlichen Ahnung überfallen, die Treppe hinauf. Dann stand er im Zimmer.

Dort lag Ojo in seinem Blut.

Mit einem Aufschrei warf sich Michel neben ihn.

»Ojo, amigo, Diaz, so sag doch etwas! Zeig mir doch daß du noch lebst.«

Er riß ihm die Kleider von der Brust. Alles war voller Blut. Aber dann atmete er auf. Die Kugel war Ojo zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt hindurchgedrungen.

In diesem Augenblick öffnete Ojo die Augen. Er lächelte.

»Bueno, daß Ihr da seid, Señor Doktor!« sagte er schwach.

Michel war jetzt nur Arzt. Er rief den Wirt und befahl ihm, kochendes Wasser zu bringen. Dann lief er in Jehus Zimmer und suchte nach seiner kleinen Instrumententasche. Sie lag zuoberst im Seesack, so daß er sie leicht erreichen konnte. Es war sein erstes eigenes ärztliches Besteck, das er sich in Hamburg angeschafft hatte. Und es war schon ein eigenartiger Zufall, daß er es ausgerechnet an seinem besten Freund ausprobieren mußte.

Der Wirt brachte das Wasser. Michel legte seinen Freund auf das Bett.

Dann war es soweit. Sonde, Messer und chirurgische Pinzette blitzten. Ojo stöhnte wohl ein wenig, biß aber tapfer die Lippen zusammen. Später umfing ihn neuerlich eine wohltuende Ohnmacht. Nach zehn Minuten war Michel fertig. Er legte einen kunstgerechten Verband an und fuhr Ojo mit der Hand über die Stirn.

»Wenn der Eberstein je entkommt, dann soll er das büßen«, murmelte er.


64

Eberstein entkam nicht. Kreuz und quer war er durch die Stadt geritten.

Dennoch hatte er es nicht vermocht, die ihn verfolgenden Dragoner abzuschütteln.

Als er nach Norden zu die Stadt verließ, stellte er fest, daß sich der Abstand zwischen ihm und den Verfolgern immer mehr verringerte.

Tief bohrte er dem aufstöhnenden Tier die großen Sporen in die Weichen, daß das Blut aus dem Fell spritzte. Das Pferd gab das Letzte her.

Eberstein ritt ohne jedes Zielbewußtsein. Alles was er von dem Augenblick an getan hatte, als er mit seinem Degen Michel angriff, war ohne Überlegung geschehen. Kopflos war seine Flucht.

Wenn er auch nur eine Sekunde nachgedacht hätte, wäre ihm klargeworden, daß er niemals entkommen konnte.

Weiter ging die wilde Jagd.

Er blickte sich um.

Ein gräßlicher Fluch entfloh seinem Mund. Dann ballte er drohend die Faust nach rückwärts und schrie:

»Ihr sollt mich nicht kriegen! Ihr nicht!«

Plötzlich funkelte die zweiläufige Reiterpistole in seiner Hand. Im Reiten wandte er sich zurück und gab einen Schuß ab. Ein fürchterlicher Zufall lenkte seine Hand so, daß die Kugel den jungen Leutnant, der an der Spitze der Verfolger ritt, mitten ins Herz traf. Tot stürzte er vom Pferd.

Ein alter, bärtiger Sergeant, auf dessen Brust die Orden vieler Schlachten funkelten, hieb seinem Pferd mit der flachen Hand auf das Hinterteil. Immer näher rückte er an Eberstein heran.

Da wandte sich dieser wieder zurück und schoß erneut. Diesmal traf er nicht. Wild rief der Sergeant: »Zieht die Pistolen, Leute, und schießt!« Die Reiterpistolen flogen hoch im rasenden Lauf. Zwanzig oder dreißig Schüsse krachten in knatternder Folge. Ebersteins Pferd machte einen krampfhaften Satz, bäumte hoch auf, überschlug sich zweimal und blieb dann still liegen.

Als die Dragoner heran waren, starrten sie in die weitaufgerissenen, gebrochenen Augen Rudolfs von Eberstein.